Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Zweiter Band - Siebentes Kapitel
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Die Heirat im Omnibus



Siebentes Kapitel.

Um mich an den Ort meiner Bestimmung zu begeben, mußte ich mich ziemlich weit von Mr. Sherwin’s Hause entfernen und den Weg durch den volkreichen Stadttheil nehmen, welcher sich auf der rechten Seite von Edgeware Road hinzicht.

Das Haus der Tante Margarethens erkannte ich bei meinem Eintritte in die Straße, wo es stand, sofort an den glänzend erleuchteten Fenstern, an den Tönen der Tanzmusik und an einer Menge von Kutschern, Lakaien und müssigen Gaffern, die vor der Thür standen. Augenscheinlich war die versammelte Gesellschaft sehr zahlreich. Ich war unschlüssig, ob ich eintreten sollte oder nicht. Ich fühlte wohl, daß ich nicht in der geeigneten Gemüthsstimmung war, um conventionelle Complimente mit Personen auszutauschen, die mir vollständig fremd waren. Es war mir, als wenn mir Jedermann das Fieber der Freude und Ungeduld, welches in mir tobte, sofort am Gesichte ansehen müßte. Konnte ich Margarethen gegenüber wohl die angenommene Rolle eines Familienfreundes durchführen ——- besonders an diesem Abende?

Ganz gewiß mußte mir dies sehr schwer fallen und höchst wahrscheinlich ward, wenn ich mich in dieser Gesellschaft bewegte, unser Geheimniß durch mein Benehmen verrathen. Ich beschloß daher, in der Nähe des Hauses bis gegen Mitternacht auf- und abzugehen, dann wollte ich eintreten, Mr. Mannion meine Karte hinaufschicken und ihm melden lassen, daß ich ihn unten erwartete, um mit ihm gemeinschaftlich Margarethen nach der Nordvilla zurückzubegleiten.

Ich schritt über die Straße hinüber, um mich auf das dem Hause gegenüber befindliche Trottoir zu stellen und von hier ans die Fenster zu betrachten.

Ich hörte einige Zeit der Musik zu, welche durch die geöffneten Fenster hindurch deutlich hörbar war, und suchte mir vorzustellen, was Margarethe in diesem Augenblicke thäte. Hierauf drehte ich mich herum und ging in östlicher Richtung weiter, ohne zu wissen, wohin ich meine Schritte lenkte. Ich fühlte mich sehr ungeduldig, aber keineswegs ermüdet. Ich wußte, daß ich ehe noch zwei Stunden vergingen, meine Gattin wiedersehen würde. Bis dahin existierte die Gegenwart nicht für mich —— ich lebte nur in der Vergangenheit und in der Zukunft.

Ich ging allein, ohne mich um Etwas zu kümmern, durch Seitengassen und von Menschen wimmelnde Hauptstraßen.

Von allen den Schauspielen, welche eine große Stadt einem nächtlichen Spaziergänger darbieten zog nicht ein einziges meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich hörte und sah Nichts, als was in meinem eigenen, Herzen vorging. Was galt mir in diesem Augenblicke die ganze Welt? Sie war für mich bloß in jenem kleinen Hause enthalten, welches uns den nächstfolgenden Tag in seine friedlichen Räume aufnehmen sollte!

Nachdem ich so eine Stunde lang aufs Gerathewohl umherpromenirt war, näherte ich mich unwillkürlich wieder dem Hause, in welchem Margarethens Tante wohnte.

Ich kam demselben gegenüber gerade in dem Augenblicke an, wo auf der Uhr einer benachbarten Kirche die elfte Stunde schlug.

Ich erwachte aus meinem Hinbrüten. Eine noch größere Anzahl Wagen als vorher hielt auf der Straße, und vor der Thür sah ich auch eine noch größere Anzahl Diener und Kutscher versammelt. Waren die Eingeladenen im Begriffe, sich zu entfernen, oder waren erst noch späte Gäste empfangen worden? Ich beschloß, mich dem Hause zu nähern und mich zu überzeugen, ob die Musik aufgehört habe oder nicht. Ich brauchte bloß einige Schritte zu thun, um die Töne der Harfe und des Pianoforte lustiger als je erklingen zu hören.

Plötzlich öffnete sich die Hausthür und eine Dame und ein Herr traten heraus. Das Licht der unmittelbar über der Hausthür brennenden Laterne fiel hell auf das Gesicht der Heraustretenden und ich erkannte Margarethen und Mr. Mannion Sie gingen also schon nach Hause? Ueber Eine Stunde vor dem Augenblicke, wo sie von ihrer Wirthin Abschied nehmen sollten? Warum?

« Ich konnte mir nur Einen Beweggrund denken: Margarethe dachte an mich, an das, was ich empfinden würde, wenn ich in der Nordvilla sie bis nach Mitternacht erwarten müßte.

Ich eilte auf sie zu, um sie anzureden, während sie die Stufen herabstiegen; in demselben Augenblicke aber ward durch einen unter den Kutschern ausgebrochenen Streit meine Stimme übertäubt und der Weg mir versperrt. Einer schrie, es, habe ihm eben Jemand in die Tasche gegriffen, und Andere riefen, sie hätten den Dieb. Es kam zu Thätlichkeiten, die Polizei mischte sich ein und ich war auf allen Seiten von einem heulenden, wüthenden Pöbel umringt, welcher der Hölle entstiegen zu sein schien.

Ehe ich mich frei machen und die Mitte der Straße gewinnen konnte, waren Margarethe und Mr. Mannion in eine Droschke gestiegen und ich sah nur eben noch, wie der Wagen rasch davon fuhr.

Nicht weit von mir stand eine zweite Droschke. Ich sprang sofort hinein und befahl dem Kutscher, dicht hinter der ersten herzufahren. Nachdem ich so lange geduldig gewartet, war ich fest entschlossen, mich nicht durch einen bloßen Zufall von meinem Vorsatze, mit den Beiden zugleich nach Hause zurückzukehren, abwendig machen zu lassen.

Da die Entfernung, welche uns trennte, sich immer mehr minderte, so hatte ich schon den Kopf zum Schlage herausgesteckt, um den Kutscher des ersten Wagens zu rufen und dem meinigen zu sagen, daß auch er ihn rufen solle, als die erste Droschke plötzlich in eine Seitenstraße einbog und auf diese´Weise eine Richtung einschlug, welche der nach der Nordvilla führenden geradezu entgegengesetzt war.

Was sollte das bedeuten? Warum fuhr man nicht gerades Wegs nach Hause?

Mein Kutscher fragte mich, ob man nicht wohl thun würde, die Andern anzurufen, ehe er sie immer mehr Vorsprung gewinnen ließe, und indem er dies sagte, gestand er offen, daß sein Pferd durchaus nicht im Stande sei, mit dem des ersten Wagens noch lange gleichen Schritt zu halten.

Ohne mir die Sache lange zu überlegen und beinahe mechanisch, denn ich hatte keinen vernünftigen Grund, so zu handeln, wies ich seinen Vorschlag zurück und befahl ihm einfach, der ersten Droschke zu folgen, wenn auch die Entfernung, sich mehre.

Während ich diese Worte sprach, bemächtigte sich meiner eine seltsame Empfindung. Es war, als wenn mein Mund, indem er sprach, nur das Echo einer andern Stimme wäre. So eben noch war mir ganz heiß und eine fieberhafte Aufregung schüttelte mich. Jetzt dagegen packte mich plötzlicher Frost und ich wagte kaum, mich zu bewegen. Woher kam das?

Meine Droschke machte Halt. Ich bog mich hinaus und sah, daß das Pferd zusammengebrochen war.

»Es hilft Nichts, mein Herr,« sagte der Kutscher, indem er ruhig vom Bocke herunterstieg. »Mein Pferd kann nicht weiter.«

Ich bezahlte ihn und stieg schnell aus, entschlossen, der ersten Droschke zu Fuße zu folgen.

Die Gegend, in der wir uns befanden, war eine ziemlich öde, eine Art im Entstehen begriffene Kolonie von halbfertigen Straßen und halb bewohnten Häusern in der Nähe eines Eisenbahnhofs. Ich hörte das gellende Pfeifen und dann das heisere Krächzen der Maschine eines abgehenden Zuges, während ich den finsteren Platz entlang eilte, auf welchen ich mich auf diese Weise versetzt sah.

Die Droschke welcher ich nacheilte, hielt an der Ecke einer langen Straße, die an dem einen Ende aus bereits geschlossenen Kaufläden und an dem andern, mir zunächst befindlichen, wie es schien, aus einigen kleinen Hotels bestand.

Margarethe und Mannion stiegen rasch aus dem Wagen und gingen, ohne rechts oder links zu sehen, in die Straße hinein.

Vor dem neunten Hause blieben sie stehen. Ich folgte ihnen so dicht aus dem Fuße, daß ich das Knarren der Thür hörte, welche sich hinter ihnen schloß.

Ein furchtbarer Verdacht begann in mir zu erwachen. Er bemächtigte sich meiner leise und gleichsam kriechend wie die durch die Berührung mit einem Leichnam verursachte Kälte. Er durchdrang mich und durchzuckte mein Herz.

Ich betrachtete das Haus. Es war ein Gasthaus von verdächtigem oder wenigstens räthselhaften Aussehen. Mechanisch und ohne mir von meinen Gedanken Rechenschaft zu geben, nur dem instinctartigen Entschlusse folgend, den Beiden in das Innere des Hauses nachzufolgen, wie ich ihnen durch die Straßen gefolgt war, ging ich gerade auf die Thür zu und zog die Klingel.

Auf diesen Ruf erschien ein Diener oder Kellner und öffnete. Das in der Hausflur brennende Licht fiel auf mein Gesicht und er trat wie erschrocken einen Schritt vor mir zurück. Ohne mich erst auf eine Erklärung einzulassen, schloß ich die Thür hinter mir und sagte dann:

»So eben sind eine Dame und ein Herr hier hereingekommen.«

»Was geht denn das Sie an?« fragte der Kellner, setzte aber gleich darauf in etwas höflicherem Tone hinzu: »Darf ich fragen, was Sie von diesen Personen wollen, Sir?«

»Ich will, daß Ihr mich an einen Ort führet, wo ich ihre Stimmen hören kann, weiter will ich Nichts. Hier habt Ihr ein Goldstück —— thut dafür was ich verlange.«

Die Augen des Kellners hefteten sich mit dem Ausdrucke gemeiner Habgier auf das Goldstück, welches ich ihm vor die Augen hielt. Leise, auf den Zehen schlich er sich bis an das Ende des Corridors, wo er zu horchen schien. In diesem Augenblicke hörte ich weiter Nichts als die raschen Schläge meines Herzens. Nach wenigen Augenblicken kam der Kellner wieder zurück und murmelte:

"»Mein Herr wird Nichts bemerken. Er sitzt eben beim Abendessen Wir wollen es wagen. Sie versprechen mir doch, sich sogleich wieder zu entfernen und keinen Spektakel im Hause zu machen? Wir sind hier ruhige Leute, die so Etwas nicht leiden. Also versprechen Sie mir, leise aufzutreten und kein Wort zu sprechen?«

»Ja, ich verspreche es.«

»Nun, so kommen Sie und machen Sie ja kein Geräusch.«

Während ich hinter ihm die Treppe zu ersteigen begann, war es mir, als wenn Alles in mir erstarrte und als ob ich mich nur auf den Antrag einer geheimen unwiderstehlichen Macht bewegte. Der Kellner schritt mir voran in ein leeres Zimmer. Er zeigte auf die vier Wände und sagte leise:

»Es sind bloß Brettverschläge mit Papier überklebt.«

Dann wartete er, währender seine Augen mit dem Ausdrucke der Unruhe auf mich geheftet hielt.

Ich horchte und durch den dünnen Bretterverschlag hindurch hörte ich Stimmen —- seine Stimme und ihre Stimme. —— Ich hörte und ich sah —- ich erfuhr den mir gespielten schändlichen Verraths in seinem ganzen gräßlichen Umfange. Er wünschte sich Glück zu der teuflischen Geduld und Verstellung, welche den Erfolg seiner geheimen Machination herbeigeführt, deren Frucht er am Vorabende des Tages, ernten, wo ich sie, die nicht weniger strafbar war als er, als meine würdige und theure Gattin zu begrüßen gedachte.

Ich war keiner Bewegung, keines Athemzuges mächtig: Ich fühlte, wie mir das Blut nach dem Gehirn emporstieg —— mein Herz drohte zu bersten. Ganze Jahre geistiger und körperlicher Qualen waren in diese wenigen Augenblicke zusammengedrängt.

Das Bewußtsein Dessen, was ich litt, verließ mich keinen Augenblick.

Plötzlich schwanden meine Sinne. Ich hörte den Kellner Murmeln:

»Mein Gott, er stirbt!«

Ich fühlte, wie er mir das Halstuch aufband und dann das Gesicht mit kaltem Wasser benetzte. Hierauf zog er mich aus dem Zimmer hinaus, öffnete ein Fenster, welches auf die Straße ging, und hielt mich aufrecht, während der kalte Nachthauch mein Gesicht fächelte.

Alles Dies wußte ich und als der Paroxysmus vorüber war, blieb nur noch ein fieberhaftes krankhaftes Zucken der Muskeln und Nerven zurück.

Es dauerte nicht lange, so gewann ich auch wieder die Fähigkeit des Denkens. Demüthigung Scham, Entsetzen, der unklare Wunsch, mich vor den Augen Aller zu verbergen, den Rest eines fortan verzweiflungsvollen Lebens in Einsamkeit zu begraben, bemächtigten sich meiner.

Und dann traten diese Regungen in den Hintergrund und ein einziger Gedanke gewann die Oberband, indem er alle Bedenken des Gewissens, alle Grundsätze der Erziehung, die Pläne der Zukunft und die Erinnerungen an die Vergangenheit, ja selbst den Hinblick auf das Leben im Jenseits niederwarf.

Vor dem verzehrenden Feuer dieses Gedankens schwanden alle andern -— gute sowohl als böse. Ich fühlte meine physischen Kräfte wieder erwachen und eine seltsame plötzliche Energie durchdrang alle meine Adern wie Feuer.

Ich drehte mich herum und schaute nach dem Zimmer hin, welches wir so eben verlassen —— mein Auge schien dieses Zimmer und das andere durchdringen zu wollen, in welchem die Verräther waren.

Der Kellner hielt sich fortwährend mir zur Seite und überwachte ängstlich alle meine Bewegungen. Plötzlich trat er erschrocken und mit leichenblassem, bestürztem Gesichte zurück und streckte die Hand nach der Treppe aus.

»Sie müssen fort,« murmelte er, »ich kann Sie nicht länger dalassen. Ich bemerkte den furchtbaren Blick, den Sie so eben nach jenem Zimmer warfen. Sie haben für Ihr Geld gehört, was Sie hören wollten. Entfernen Sie sich nun, denn ehe ich um Ihretwillen meinen Posten verlieren sollte, rufe ich lieber nach Hilfe und bringe das ganze Haus in Alarm. Ja, ich sage Ihnen noch Etwas —- so wahr Gott im Himmel lebt -— ich werde diese beiden Personen warnen, ehe sie unser Haus wieder verlassen.«

Ich schien diese Worte nicht gehört zu haben, verließ aber das Haus. Keine menschliche Stimme, keine schmeichelnde Bitte hätte jetzt aus meinem Kopfe den Gedanken zu bannen vermocht, der sich darin festgesetzt.

Als ich mich entfernte, folgte der auf der Schwelle stehende Kellner mir mit wachsamem Auge. Als ich dies bemerkte, machte ich einen Umweg, um nicht direct wieder auf den Platz zu gelangen, wo, wie ich mir gedacht, die Droschke, in der sie gekommen waren, sie noch erwartete.

Der Kutscher saß schlafend im Innern des Wagen. Ich weckte ihn und sagte ihm, man habe mich hergeschickt, ihm zu sagen, daß seine Dienste für diese Nacht nicht mehr nöthig seien, und bestimmte ihn, sich sofort zu entfernen, indem ich ihn selbst bezahlte, wie er bezahlt sein wollte. Er fuhr rasch davon. Damit war das erste Hinderniß aus dem verhängnißvollen Wege geräumt, den ich entschlossen war zu betreten.

Als ich die Droschke nicht mehr sehen konnte, betrachtete ich den Himmel. Er war sehr schwarz. Die dunkeln Wolken bildeten fast nur noch eine einzige unförmliche Masse, die sich immer tiefer herabsenkte. Ich kehrte in die Straße zurück und stellte mich in einen Thorweg, dem kleinen Hotel gerade gegenüber. In dem Schweigen und dem Dunkel, in diesem Augenblicke, wo jede andere Thätigkeit in mir gespannt war, sprachen sich meine Gedanken unwillkürlich in Worten aus. Ich sagte leise zu mir selbst:

Sobald dieser Mann heraustritt, bringe ich ihn um.

Von diesem Gedanken entfernte sich mein Geist nicht einen einzigen Augenblick. Ich dachte nicht ein einziges Mal an mich selbst oder an Matgarethen. Der Schmerz war todt in meinem Herzen und mit ihm das Bewußtsein meiner Leiden erstarrt. Vor dem Tode ward Alles kalt, und der Tod und mein Gedanke waren nur Eins.

Welche Qual, welche Ungeduld, als ich so hier stand und lauerte!

In demselben Augenblicke, wo ich bei mir sagte, daß die Stunde vorrücke und daß die Verräther nun nothwendig das Haus verlassen müßten, um nach der Nordvilla zurückzukehren, hörte ich den langsamen, regelmäßigen Tritt eines Mannes, welcher die Straße heraufkam.

Es war der Polizeimann dieses Stadtviertels, der seine Runde machte.

Als er sich dem Eingange des Gäßchens näherte, blieb er stehen, gähnte, dehnte sich die Arme und begann ein Liedchen zu pfeifen. Wenn nun Mannion herauskam, während dieser Mann noch zugegen war! Bei diesem Gedanken war es mir, als wenn mir das Blut in den Adern erstarrte.

Plötzlich hörte der Mann aus zu pfeifen, ging langsam in der entgegengesetzten Richtung weiter und probierte die Thür eines der benachbarten Häuser, dann that er einige Schritte, blieb abermals stehen und probierte wieder eine Thür, dann sagte er in schläfrigem Tone:

»Ah, ich habe ja schon gesehen, daß hier Alles in Ordnung ist -— die andere Straße ist es, die ich vergessen hab es zu inspiciren.«

Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatze herum und entfernte sich.

Während ich auf das immer undeutlicher werdende Geräusch seiner Tritte hörte, heftete ich meine Augen mit verzehrender Ungeduld auf das kleine Hotel mir gegenüber. Es dauerte nicht lange, so verstummte das Geräusch gänzlich, aber der Mann, dem ich nach dem Leben trachtete, kam immer noch nicht zum Vorscheine.

Nach ungefähr zehn Minuten öffnete sich endlich die Thür und ich hörte Mannion's Stimme, ebenso wie die des Kellners, der mich eingelassen.

Letzterer sagte am Ende des Corridors zu ihm:

»Schauen Sie sich sorgfältig um, ehe Sie hinaustreten ——- die Straße ist nicht sicher.»

Diese Warnung verachtend oder sich wenigstens stellend, als verachte er sie, unterbrach Mannion den Kellner und bemühte sich, seine Begleiterin zu beruhigen, indem er zu ihr sagte, diese Warnung sei weiter Nichts als eine verkappte Bitte um ein Geldgeschenk.

Der Kellner protestierte dagegen und erklärte, es liege ihm an seinem Gelde eben sowenig als an seiner Person.

Unmittelbar darauf ward eine Thür im Innern mit lautem Getöse zugeschlagen und ich begriff, daß Mannion seinem Schicksale überlassen war.

Nun herrschte einige Augenblicke lang Schweigen, dann hörte ich ihn zu seiner Begleiterin sagen, er wolle allein nach dem Orte gehen, wo er den Wagen zurückgelassen, und sie werde wohl thun, die Hausthür zu schließen und unbesorgt in der Hausflur zu warten, bis er wiederkäme.

Dies geschah auch.

Er ging bis ans Ende der Gasse.

Mitternacht war vorüber. Man hörte nirgends ein verdächtiges Geräusch.

Keine Seele weilte an diesem Orte, um Zeuge des drohenden Kampfes zu sein oder ihn zu verhindern. Sein Leben war mein.

Der Tod folgte ihm eben so schnell als meine Füße, während ich hinter ihm herging.

Am Ende der Gasse angelangt, sah er sich nach allen Seiten hin nach seinem Wagen um und kehrte, da er ihn nicht gewahrte, rasch wieder um.

In diesem Augenblicke, sah er sich mir gegenüber. Ehe wir noch ein Wort oder eigen Blick gewechselt, hatte ich ihn mit beiden Händen an der Gurgel gepackt.

Er war größer als ich und kräftig gebaut.

Ohne zweifel begriff er sofort, daß es ein Kampf auf Leben und Tod war, und wehrte sich mit aller seiner Kraft. Es gelang ihm indeß nicht, sich auch nur einen Augenblick lang von meinen Händen loszuwinden, wohl aber zerrte er mich acht bis zehn Schritte weit aus der Gasse auf die große Fahrstraße hinaus.

Dem Ersticken nahe, ließ er ein immer schnelleres und keuchenderes Krächzen aus seinem offenen Munde dringen und ich fühlte seinen Hauch auf meiner Stirn. Mit seinen hocherhobenen Fäusten versetzte er mir fortwährend gewaltige Schläge auf den Kopf, aber ich blieb fest und hielt ihn mit ausgestreckten Armen so weit als möglich von mir entfernt.

Während meine Füße einen festen Stand zu gewinnen suchten, entlockten sie dem frisch aufgefahrenen Steinschutte ein mattes, dumpfes Geräusch. Ein barbarischer Gedanke verwandelte die unversöhnliche Wuth, die mich beseelte, mit einem Male in blutdürstigen Wahnsinn. Ich ließ meinen Feind plötzlich los und schleuderte ihn mit der ganzen Wucht meiner Wuth auf den Boden mit dem Gesichte auf die spitzen Steine nieder.

In diesem ersten Augenblicke des Triumphes meiner Rache bückte ich mich zu ihm nieder, denn er lag zu meinen Füßen ausgestreckt, anscheinend sinnlos, vielleicht todt —— um ihm nicht bloß das Leben, sondern mit Hilfe der scharfen Steine auch das Ansehen der Menschengestalt zu rauben, als ich in dem tiefen Schweigen, welches auf den Kampf folgte, die Thür des kleinen Hotels sich wieder öffnen hörte.

Sofort ließ ich meinen Feind liegen und eilte nach dieser Richtung hin, ich weiß selbst nicht, in welcher Absicht.

Auf den Stufen des Hauses, auf dieser fluchbeladenen Schwelle stand das Weib, welches der Diener Gottes mir zur Gattin gegeben. Ich fühlte, indem ich sie betrachtete, wie Scham und Verzweiflung mir das Herz zusammenschnürten. Es war mir, als erwachte ich aus einem entsetzlichen Traume zu einer noch entsetzlicheren Wirklichkeit. Mit trockenen! Auge und nicht im Stande, ein Wort zu sprechen, ging ich gerade auf Margarethen zu, faßte sie am Arme und führte sie eine Strecke weit von dem Hause hinweg.

Ich gehorchte einem mir selbst unklaren In1pulse, der mich trieb, sie einen Augenblick lang sich von mir entfernen zu lassen, ehe ich im Stande wäre zu sprechen. Aber was wollte ich sagen —- und wann konnte ich es sagen? Dies wußte ich nicht.

Ein Schrei schwebte auf ihren Lippen; in dem Augenblicke aber, wo unsere Augen sich begegneten, erstarb dieser Schrei in einem langen, halb erstickten krampfhaften Aechzen, Ihre Wangen waren leichenblaß —- ihre Blicke stier wie die einer Wahnsinnigen. Schon hatte das Bewußtsein und die Angst ein Geschöpf aus ihr gemacht, welches entsetzlich anzuschauen war.

Ich zog sie noch einige Schritte weiter fort, dann blieb ich stehen und dachte an Mannion, den ich mit dem Gesichte abwärts gewendet auf den Steinen der Fahrstraße hatte liegen lassen.

Jene wilde, rein animalische Kraft, welche ich noch kurz vorher in mir gefühlt, hatte mich in dem Augenblicke verlassen, wo ich Margarethen sah. Jetzt taumelte ich hin und her —— so schwach war ich. Nur noch krampfhaft hielt ich sie fest.

Kalter Schweiß rieselte an meinem Gesichte herab und ich lehnte mich an die Wand eines Hauses, um nicht niederzusinken Diese Bewegung benutzte Margarethe, um sich schnell von mir loszureißen, und indem sie mit halberstickter Stimme um Hilfe rief, entfloh sie nach dem andern Ende der Straße.

Immer noch von dem seltsamen Instincte beherrscht, welcher mich trieb, sie nicht loszulassen, eilte ich ihr nach, indem ich taumelte wie ein Betrunkener.

Aber binnen kaum einer Minute war sie schon so weit, daß ich sie nicht mehr sehen konnte.

Nichtsdestoweniger setzte ich meine Verfolgung fort. Ich lief immer weiter und weiter, ohne zu wissen, in welcher Richtung. Mehr als einmal kam ich wieder durch dieselben Straßen und an denselben Häusern vorüber, denn die Aufregung und Verzweiflung hatte mir allen Ortssinn geraubt.

Dabei aber war es mir immer, als wenn Margarethe sich eben erst von mir losgerissen hätte und so dicht vor mir her eilte, daß ich sie jeden Augenblick wieder erreichen könnte.

Ich erinnere mich, daß ich während dieses tollen Laufes zwei Männern mitten in einer breiten Straße begegnete. Beide blieben stehen, drehten sich um und kamen mir einige Schritte nach. Der Eine hielt mich für betrunken und fing an zu lachen. Der Andere gebot ihm in ernstem Tone Schweigen und sagte, ich sei kein Betrunkener, sondern ein Wahnsinnigen. Er hatte mein Gesicht gesehen, als ich unter einer Gaslaterne vorüber rannte, und war überzeugt, daß ich den Verstand verloren hätte.

»Wahnsinnig!« Dieses Wort, welches ich im Vorübereilen erhaschte, dröhnte mir nach wie ein verhängnißvoller Urtheilsspruch, wie eine Sterbeglocke, die in der Welt der Geister das Abscheiden des meinigen verkündete.

»Wahnsinnig!« Dieses Wort erfüllte mich mit einem entsetzen ärger als der Tod für Jeden, der es noch fühlen kann —- einem Entsetzen, welches keine menschliche Zunge jemals richtig zu schildern vermag.

Ich rannte immer weiter, denn eine Vision lockte mich hinter sich her. Ja —— da —— vor mir flog ein Schatten vor mir hin, der schwärzer war als die nächtliche Finsterniß, und immer weiter und weiter eilte ich, denn die Furcht gestattete mit nicht, stehen zu bleiben.

Ich weiß nicht, wie groß die Strecke war, die ich auf diese Weise zurückgelegt hatte.

Plötzlich verließen mich meine Kräfte vollständig und ich sank wie ohnmächtig nieder, an einem einsamen Orte, wo ich trotz des Dunkels einige Baumgruppen zwischen vereinzelt umher stehenden Häusern erblickte.

Ich bedeckte das Gesicht mit den Händen und bemühte mich, mich zu überreden, daß ich mich noch in vollem Besitze meiner Fähigkeiten befände. Ich stellte mir die mühsame Aufgabe, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, meine Erinnerungen zu analysiren, das Chaos meines Gehirns zu entwirren, um mich an eine bestimmte klare Idee festzuhalten, aber es gelang mir nicht.

In diesem furchtbaren Kampfe, durch welchen ich wieder Herr meines Geistes zu werden suchte, fand ich nur Ertödtung fast aller Empfindungen. Es war mir, als wäre gar Nichts geschehen. Die furchtbaren Ereignisse dieser Schreckensnacht waren für mich gleichsam nicht vorhanden.

Ich erhob mich mühsam und ließ meine Blicke um mich her schweifen. Ich bemühte strich, durch Anwendung von allerhand trivialen Mitteln wieder zur Besinnung zu erwachen. Ich versuchte die Häuser zu zählen, welche ich durch das Dunkel der Nacht hindurch gewahrte.

Das Dunkel der Nacht? War es wirklich Nacht? Oder begann nicht vielmehr der Tag am fernen Horizonte heraufzudämmern? Wußte ich, was ich sah? Erschien mir ein Gegenstand zwei Mal hintereinander in einer und derselben Gestalt? Wo war ich? Auf was war ich niedergesunken? Auf Gras? Ja, auf den kalten thauigen Rasen.

Ich neigte meine Stirn, um sie durch diese Berührung zu erfrischen, und bemühte mich zum letzten Male, durch das Gebet meinen Geist wieder zu erwecken. Ich versuchte jenes Gebet zu sprechen, welches ich so gut kannte —— denn ich betete es seit meiner Kindheit alle Tage —— »Vater unser« -—.

Aber die göttlichen Worte gehorchten meinem Rufe nicht. Nein, nicht ein einziges —— von Anfang bis zu Ende.

Ich richtete mich auf die Kniee empor. Ein heller Sonnenstrahl traf mein Auge.

Sofort ward ich wie von dem Scheine einer höllischen Gluth geblendet, in welcher Tausende von höhnenden Teufeln durcheinander tanzten, und dann folgte wieder die schwarze Nacht, die Nacht der Blindheit. —— Endlich war Gott barmherzig —— er nahm mir die Besinnung!

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Als ich wieder zu mir kam, sah ich mich auf meinem eigenen Bette in meinem Zimmer liegen. Mein Vater stützte mir den Kopf, der Arzt fühlte mir an den Puls und ein Polizeimann erzählte ihnen, wie er mich gefunden und nach Hause gebracht.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte