Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Dritter Band - Fünftes Kapitel
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Die Heirat im Omnibus



Fünftes Kapitel.

Am vierten Tage nach ihrem Tode stand ich allein auf dem Kirchhofe an Margarethens Grabe.

Es war mir beschieden gewesen, ihren letzten Augenblicken beizuwohnen, und durch mich sollten ihr auch die letzten Pflichten erwiesen werden. Wer hätte mir am Tage unserer verhängnißvollen Vermählung gesagt, daß die einzige Wohnung, in die ich sie einführen würde, das Grab wäre?

Ihr Vater hatte mir einen Brief geschrieben, den ich sofort nach dem Empfange vernichtete, und den ich hier nicht mittheilen will. Es sprach daraus Nicht« als die Wuth über die Vereitelung seiner habsüchtigen Pläne.

Ralph war nach London zurückgekehrt, sobald er den mir von Mr. Bernard geschriebenen Brief erhalten hatte. Er bot mir bei Erfüllung der mir zugefallenen letzten Pflichten seine Mitwirkung mit einer Hingebung an, die ich noch nicht bei ihm gefunden hatte.

Mr. Bernard aber hatte sich großmüthiger Weise schon bereit gezeigt, mir Alles abzunehmen, was durch Andere eben so gut als durch mich selbst besorgt werden konnte, und ich hatte daher bei dieser Gelegenheit nicht erst nöthig, die Gefälligkeit meines Bruders in Anspruch zu nehmen.

Ich stand allein an Margarethens Grabe. Mr. Bernard hatte Abschied von mir genommen. Die Todtengräber und Zuschauer hatten sich ebenfalls entfernt. Es war kein Grund für mich vorhanden; es nicht eben so zu machen wie sie; dennoch aber blieb ich immer noch, heftete die Augen auf die frisch aufgeworfene Erde zu meinen Füßen und dachte an die Todte.

Nach einigen Augenblicken zog ein Geräusch von sich nähernden Tritten meine Aufmerksamkeit aus sich.

Ich blickte auf und sah einen Mann in einen langen Mantel gehüllt. Ueber den Augen trug er eine Art Schild oder Schirm, der den oberen Theil des Gesichts verdeckte. Auf einen Stock gestützt kam er langsam auf mich zu.

Am Fuße des Grabes blieb er stehen; gerade mir gegenüber, der ich zu Häuptern desselben stand.

»Kennen Sie mich noch? Kennen Sie noch Robert Mannion?«

Und indem: er seinen Namen nannte, hob er den Schirm.

Bei dem Anblick dieses entsetzlichen, verstümmelten bleichen Gesichts mit seinem unveränderlichen Ausdruck wilder Bosheit, welches mich jetzt in dem hellen Sonnenscheine anschaute und ganz denselben satanischen Ausdruck von Wuth und Triumph zeigte, den ich bei jenem Blitzstrahle darauf hatte leuchten sehen, stand ich stumm und wie angewurzelt. Nie ist dieses Bild wieder aus meiner Erinnerung geschwunden.«

»Kennen Sie mich noch —— mich, Robert Mannion?« wiederholte er. »Kennen Sie noch das Werk Ihrer Hände? Wohlan, kennen Sie es? Ohne Zweifel finden Sie mich sehr verändert. »Ihr Vater hätte den meinen ohne Zweifel ebenfalls sehr verändert gefunden, wenn er ihn am Morgen nach seiner Hinrichtung mit der über sein Gesicht herabgezogene schwarzen Kappe am Galgen, hätte hängen sehen.

Ich war noch immer keines Wortes und keiner Bewegung mächtig. Nur das entsetzen hatte mich bewogen, die Augen von ihm abzuwenden, und ich hielt sie auf den Boden geheftet.

Er schlug seinen Schirm wieder herunter, setzte einen Fuß auf das Grab und sagte:

»Unter dieser Erde, hier unter diesem Hügel auf welchen Sie jetzt Ihre Blicke heften, ruht mit der hier Begrabenen der letzte Einfluß, welcher ihnen einen Tag Frist oder Erbarmen hätte erwirken können. Dachten Sie an diese einzige Aussicht, welche Sie verloren, als Sie kamen, um sie sterben zu sehen? Ich beobachtete Sie, mein Herr, eben so wie Margarethen Alles, was Sie gehört haben habe auch ich gehört —— ich habe gesehen, was Sie gesehen haben; ich weiß eben so gut als Sie, wann und wie sie gestorben ist —— ich habe ihre letzten Augenblicke mit Ihnen getheilt bis ans Ende. Mein Wille ist, gewesen, sie Ihnen nicht allein zu überlassen, nicht einmal auf ihrem Sterbebette, eben so wie es mir jetzt beliebt, Ihnen nicht zu gestatten, allein an ihrem Grabe zu stehen, als ob ihre Leiche Ihr Eigenthum wäre.«

Während er diese letzten Worte sprach, war meine ganze Kaltblütigkeit zurückgekehrt; aber dennoch war ich nicht im Stande, zu sprechen wie ich gern gesprochen hätte. ich konnte mich bloß entfernen, indem ich ihm den Platz räumte.

»Halt!« rief er, »was; ich noch zu sagen habe, betrifft Sie. Ich habe Ihnen noch in’s Gesicht und an diesem Grabe zu sagen, daß ich Alles thun werde, was ich Ihnen gesagt habe, und noch mehr. Durch mich soll Ihr ganzes künftiges Leben nur eine lange Buße für diese Entstellung« —— er zeigte auf sein Gesicht —— »und für diesen Tod« —— er setzte den Fuß abermals auf das Grab —— »sein. So sicher Ihr Vater aus mir einen Pariah der Gesellschaft gemacht hat, eben so gewiß werde ich, ich schwöre es, einen Pariah aus Ihnen machen. Gehen Sie, wohin Sie wollen —— dieses Gesicht, welches Sie mir gegeben, Wird Sie verfolgen; diese Zunge, welcher Sie niemals Schweigen gebieten können, wird gegen Sie den schlafenden Aberglauben und die Grausamkeit der ganzen Menschheit wachrufen —— durch diese Zunge werden die schmachvollen Geheimnisse der Nacht, in welcher Sie uns nachfolgten, ans Licht kommen und alle Genossen Ihres Lebens weit von Ihnen hinweg scheuchen. Sie glauben vielleicht, daß ich unsinnige Reden führe wie ein Thor, der Alles möglich glaubt? Das nächste Mal, wo wir uns, begegnen, werden Sie mit Ihrem eigenen Munde gestehen, daß ich so handeln kann wie ich spreche. Nun, da Sie mich gehört haben, gehen Sie und verfolgen Sie Ihren Weg, wie ich den meinigen. Unsere Wege werden, sich Kreuzen, trotz aller Ihrer Bemühungen, sie von einander fern zu halten. Leben Sie jenes freie Leben welchem Margarethe Sherwin Sie durch ihren Tod zurückgegeben hat. Sie werden bald sehen, daß es das Leben Kains ist.«

Er entfernte sich von dem Grabe, indem er denselben Weg zurücknahm, auf welchem er gekommen war; aber das scheußliche Bild seiner Erscheinung und die Erinnerung an die Worte, welche er gesprochen, hörten nicht auf, mich zu verfolgen und zwar nicht bloß während der Zeits die ich noch allein auf dem Kirchhofe verweilte, sondern auch nachher, während ich mir einen Weg durch die Menge bahnte, welche in den Straßen wimmeln.

Sein Dämonengesicht schwebte mir noch vor Augen, das Gift seiner teuflischen Worte träufelte sich noch in mein Ohr, als ich in meine Wohnung zurückkehrte.

Hier traf ich Ralph, der mich ungeduldig in meinem Zimmer erwartete»«

»Nun, da bist Du endlich wieder!« rief er. »Ich war entschlossen, nicht eher,fortzugehen, als bis ich Dich gesehen hätte. Aber, Sidney, was ist Dir? Bist Du vielleicht in eine neue Schwierigkeit gerathen, die schlimmer ist als die alte?«

»Nein, Ralph, nein; aber was hast Du mir zu sagen?«

»Etwas, was Dich überraschen wird, Sidney. Ich habe, Dir zu sagen, daß Du Dich unverweilt von London entfernen mußt.«

»Von London entfernen? Was sagst Du?«

»Ja, sowohl in Deinem Interesse als in dem Interesse unser Aller. Unser Vater hat erfahren, daß Claras bei Dir gewesen« ist.«

»Gerechter Himmels, wie hat er es denn erfahren"?»

»Das weiß ich nicht. Er wollte es mir nicht sagen aber erfahren hat er es, und Du kannst Dir denken, ob er damit zufrieden ist. Ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Aber sage mir, Ralph wie erträgt sie das Mißfallen meines Vaters?«

»So gut als es sich ertragen läßt. Nachdem er ihr bestimmt und rund heraus verboten hat, jemals wieder in dieses Haus zugehen, giebt er ihr sein Mißfallen nur noch durch sein Schweigen zu erkennen, und Du begreifst, daß gerade, dies sie am Meisten bekümmert. Schwankend zwischen dem unbedingten Gehorsam, den sie ihrem Vater schuldig ist, und den schwesterlichen Gesinnungen, die sie gegen Dich hegt, fühlt sie sich höchst unglücklich. Ich scheue mich, zu muthmaßen, was aus allem Diesem für sie hervorgehen kann, und Du weißt selbst, daß ich vor Kleinigkeiten mich nicht scheue. Höre mich daher, Sidney. Dir kommt es zu, allem Diesem ein Ende zu machen, und mir, Dir zu sagen, wie es geschehen kann.«

»Ich werde Alles« thun, weiß Du willst —— Alles für Clara.«

»Nun, dann hast Du weiter Nichts zu thun, als, wie ich Dir schon gesagt habe, London zu verlassen. Dies ist das einzige Mittel, diesem Unglücklichen Kampfe zwischen ihren Pflichten und Neigungen ein Ende zu machen. Wenn Du es nicht thust, so ist mein Vater im Stande, sofort mit Ihr aufs Land zurückzureisen, obschon ich weiß, daß wichtige Geschäfte ihn in diesem Augenblicke in London Zurückhalten. Du wirst an Clara einen Brief schreiben, in welchem Du, ihr sagst, Du seiest im Interesse Deiner Gesundheit abgereist, um andere Luft zu athmen, um Dich zu erholen —— mit Einem Worte abgereist, um wiederzukommen, wenn bessere Zeiten eingetreten sein werden. Sage ihr nicht, wohin Du gehst, und auch mir sage es nicht; denn wenn ich es weiß, so wird sie mich darnach fragen, und zuletzt würde ich es ihr sagen. Dann würde sie an Dich schreiben und dies würde ebenfalls entdeckt werden. Wenn Du ihr Deine; Abwesenheit erklärst, so wird sie sich niemals dadurch so beunruhigen, wie sie sich jetzt beunruhigt, das ist wohl zu erwägen. Wenn Du Dich entfernst, so dienst Du übrigens Deinen eigenen Interessen ebenso wie denen Clara’s, und dies ist eine zweite Erwägung.«

»Was sprichst Du von meinen Interessen? Clara! Ich denke nur an Clara.«

»Aber Du hast doch auch Interessen, die man nicht vergessen darf. Ich habe unserm Vater den Tod der armen. Margarethe erzählt, sowie Deine edle Handlungsweise gegen die Sterbende. Unterbrich mich nicht, Sidney. Es war edel —— ich hätte nicht gethan, was Du gethan hast, das gestehe ich offen. Ich sah, daß auch unser Vater gerührt. war, obschon er es sich nicht merken lassen wollte, und übrigens wünschte er auch nicht, daß ein Zufall seine Ideen in Bezug ans Deine Handlungsweise sobald verändern sollte. Er sprach. davon, das er niemals wieder Vertrauen zu Dir haben könne, und noch mehr dergleichen. Nichtsdestoweniger kannst Du mir glauben, daß die unerwartete Wendung, welche die Dinge genommen haben, einen tiefen Eindruck aus sein Gemüth gemacht hat. Laß diesen Eindruck sich nur befestigen, Sidney, und Du bist gerettet. Wenn Du ihn aber dagegen dadurch, daß Du hier bleibst, zerstörst und Clara ihrer schmerzlichen Verlegenheit nicht entreißest, so sage ich Dir einfach, daß Du Dir die beste Hoffnung raubst, weil Du dann unserm Vater zu trotzen scheinst, während Du, wenn Du Dich entfernst, ihm ein volles und unumschränktes Zugeständniß machst.«

»Ich werde gehen, Ralph, denn ich muß —— dies hast Du mir so eben bewiesen. Ich werde schon morgen früh abreisen. Aber wohin?«

»Du hast den ganzen Tag, um Dich zu fragen, wo Du Dich eine Zeit lang zerstreuen kannst; höchstwahrscheinlich aber gehen unsere Begriffe über die Art und Weise des Zerstreuens sehr auseinander. Magst Du übrigens hingeben, wohin Du gefällst, so werde ich Dir im Nothfalle stets Geld zugehen lassen. Nach Verlauf einiger Zeit wirst Du mir schreiben und ich werde Dir antworten, sobald ich Dir gute Nachrichten mitzutheilen habe. Vor der Hand bleibe bei Deinem gegenwärtigen Entschlusse Sidney, und wenn Du dies thust, so stehe ich Dir dafür, daß Du, ehe noch viele Monate verflossen sind, Dich wieder bei uns in Deinem Arbeitskabinette sehen wirst.«

»Ich werde mir es selbst unmöglich machen, meinem Entschlusses untreu zu werden, indem ich sofort an Clara schreibe und Dir den Brief mitgeben, damit Du ihn morgen Abend üherreichst, wo ich London seit einigen Stunden verlassen haben werde.«

»Du hast Recht, Sidney, das nenne ich gesprochen und gehandelt wie ein Mann.«

Ich schrieb sofort, indem ich meine Abreise durch die mir von Raiph angerathenen Vorwände motivierte. Ich schrieb, während mein Herz von traurigen Ahnungen erfülle war, Alles, wovon ich glaubte, daß es am Besten geeignet sei, Clara zu beruhigen, und dann ohne mir Zeit zum Zögern oder Nachdenken zu lassen, gab den Brief meinem Bruder.«

»Morgen Abend soll sie ihn bekommen,« sagte er, und gleichzeitig soll auch mein Vater erfahren, warum Du die Stadt verlassen hast. Was dies betrifft, so zähle wie in allen übrigen Dingen auf mich. Und nun, Sidney, muß ich Dir Lebewohl sagen, dafern Du nicht etwa aufgelegt bist, mich in meiner neuen Wohnung zu besuchen. Ach, ich sehe schon, daß Du keine große Lust dazu hast. Auf Wiedersehen denn, Bruder. Schreibe mir wenn Du irgend Etwas brauchst. Fasse wieder Muth —— werde wieder recht gesund »und zweifle nicht, daß Du in diesem Augenblicke den besten Entschluß fassest, den Du in Bezug auf Clara und Dich selbst überhaupt fassen kannst.«

Er verließ rasch das Zimmer, als ob er tiefer ergriffen wäre, als er sich merken lassen wollte.

Während des ganzen noch übrigen Tages allein, fragte ich mich mehr als ein Mal, nach welchem Lande ich den nächstfolgenden Tag abreisen würde.

Ich wußte, daß ich nichts Besseres thun konnte als England verlassen, aber es war mir, als wenn die Liebe zur Heimath sich seit einiger Zeit auf eigenthümliche Weise in mir entwickelt hätte, und je mehr ich über die Richtung, die ich nehmen sollte, nachdachte, desto weniger konnte ich mich mit der Idee befreunden, mich in ein fremdes Land zu begeben.

Während ich noch so in Zweifel befangen war, tauchten die ersten Eindrücke« meiner Kindheit wieder in meiner Erinnerung auf und unter dem Einflusse derselben dachte ich an Cornwallis.

Meine Amme war eine Cornwalliserin, die ersten Gebilde meiner Phantasie und die ersten Gefühle von Neugier waren durch ihre Geschichtchen von Cornwallis erweckt worden, durch die Schilderungen der Landschaften, der Sitten und der Menschen ihres Heimathlandes. Als ich größer ward, war es immer eins meiner Lieblingsprojecte, nach Cornwallis zu reisen und dieses wildromantische Vorgebirge durch Fußwanderungen zu erforschen.

Und jetzt, wo kein Vergnügungsmotiv meine Wahl bestimmen sollte, jetzt, wo ich allein und heimathlos der Ungewißheit, vielleicht Gefahren entgegenging, bewahrte meine alte Phantasie der früheren Tage noch ihren Einfluß und zeichnete mir meinen neuen Weg an der felsigen Küste von Cornwallis vor.

Meine letzte Nacht in London war eine Nacht, welche mir das scheußliche Bild Mannion's wieder vorführte Es erschien mir in allen meinen Träumen und verbitterte mir während meiner schlaflosen Stunden den Gedanken an den nächstfolgenden Tag, welcher mich von Clara trennen sollte.

Mein Entschluß, London um ihretwillen zu verlassen, ward jedoch keineswegs dadurch erschüttert. Als der Morgen kam, traf ich schnell und mit leichter Mühe meine Reiseanstalten und vergaß nicht, einige Bücher mitzunehmen.

Mein Weg durch die Straßen führte mich nahe an dem Hause meines Vaters vorbei. Als ichs diese mir so wohlbekannte Gegend passierte, verlor ich in so hohen Grade alle meine Herrschaft über meine Bewegungen, daß ich stehen blieb und dann meine Schritte nach unserem Hause lenkte, in der Hoffnung, Clara noch ein Mal zu sehen.

Indem ich mich vorsichtig und zögernd näherte, hob ich die Augen zu dem Hause empor, welches nicht mehr das meine war, und blickte nach den dicht neben einander befindlichen Fenstern des Wohn- und Schlafzimmers meiner Schwester. Sie war aber nicht am Fenster und eben sowenig sah ich sie aus einem Zimmer in das andere gehen.

Dennoch konnte ich mich nicht entschließen, meinen Weg fortzusetzen. Ich dachte an die vielen Beweise süßer Freundschaft, die sie mir gegeben, und die ich erst jetzt richtig zu würdigen schien. Ich dachte an Alles, was sie meinetwegen gelitten, was sie noch litt, und die Hoffnung, sie noch ein Mal zusehen, wäre es auch nur auf einen Augenblick, bewog mich, mehrmals vor dem Hause auf- und abzugeben und vergebens nach den verlassenen Fenstern hinauf zuschauen.

Es war ein reiner, frischer Herbstmorgen. Vielleicht war Clara in den kleinen Garten hinuntergegangen. Ich erinnerte mich, daß sie dies zu dieser Stunde oft that, um zu lesen. Ich ging vor dem eisernen Gitter hin und her, spähte durch die Zwischenräume des Laubwerks nach ihr und hatte auf diese Weise beinahe die ganze Runde um den Garten gemacht, als die Gestalt einer unter einem Baume sitzenden Dame meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ich blieb stehen —— sah aufmerksam hin und erkannte Garn. Ihr Gesicht war beinahe vollstädig von mir abgewendet, aber ich erkannte sie an ihrer Toilette, an ihrem Wuchse, ja sogar an ihrer Haltung, so einfach dieselbe auch war.

Sie saß und hielt die Hände über einem geschlossenen Buche gefaltet, welches auf ihren Knieen lag. Zu ihren Füßen lag ein kleiner Wachtelhund den ich ihr geschenkt. Sie sah ihn an, wenigstens schloß ich dies aus der Haltung ihres vorwärts geneigten Kopfes Ich ging ein paar Schritte weiter, um womöglich ihr Gesicht zu sehen, aber die Bäume entzogen mir dieses vollständig Ich mußte mich mit dem, was ich bis jetzt gesehen, begnügen.

Ich wagte nicht, sie anzureden und Abschied von ihr zu nehmen. Ich konnte Nichts thun als schweigen und sie ansehen, bis mir endlich die Thränen in die Augen traten und meinen Blick umflorten. Ich widerstand der Versuchung, sie mir zu trocknen. Während diese Thränen mir meine Schwester verbargen und ich sie noch wiedersehen konnte, wenn ich wollte, hörte ich auf, in den Garten zu schauen, und verließ den Platz.

Unter allen den Gedanken, welche mich bestürmten, sowie ich mein väterliches Haus immer weiter hinter mir ließ, unter allen Erinnerungen an frühere Ereignisse seit dem Tage meiner ersten Begegnung mit Margarethe Sherwin bis zu dem, wo ich an ihrem Grabe gestanden, erhob sich in mir zum ersten Male ein Argwohn, dermich von diesem Augenblicke an nie wieder verließ:

»Folgte mir Mannion nicht vielleicht heimlich Schritt um Schritt?«

Sobald dieser Argwohn in mir aufstieg, blieb ich unwillkürlich stehen und schaute hinter mich. Eine unendliche Menge Gestalten bewegten sich in dem Raume, den meine Augen umfaßten, aber die Gestalt, welche ich auf dem Kirchhofe gesehen, war unter diesen durchaus nicht sichtbar.

Ein wenig weiterhin sah ich mich nochmals um und schaute wieder hinter mich, aber mit demselben Erfolge. Nun ließ ich eine ziemlich lange Zeit verstreichen, ehe ich wieder stehen blieb, dann durchforschte ich zum dritten Male mit scharfem, argwöhnischem Auge den ganzen Raum, welchen mein Blick umfassen konnte.

In einiger Entfernung hinter mir auf dem entgegengesetzten Trottoir gewahrte ich einen Mann, der gerade so wie ich unter der geschäftigen Menge stehen geblieben war.

Seine Gestalt entsprach der Mannion’s. Er trug einen Mantel von der Art, wie Mannion getragen, als er an Margarethens Grabe auf mich zukam. Ich hätte jedoch über die Straße hinübergehen müssen, um noch mehr zu erspähen, denn von dem Platze aus, wo ich stand, versperrten Wagen und Fußgänger fortwährend die Aussicht.

War es Mannion und belauerte er wirklich meine Schritte?

Während dieser Argwohn in mir Wurzel schlug, fiel mir plötzlich eine der Drohungen ein, die ich ihn auf, dem Kirchhofe hatte aussprechen hören: »Sie können sich hinter Ihre Familie und Ihre Freunde verschanzen wie Sie wollen —— ich werde Sie dennoch zu treffen wissen.«

Und diese Erinnerung erweckte einen Gedanken, welcher mich sofort bestimmte, meinen Weg weiter fortzusetzen. Dies that ich auch, ohne mich wieder ein einziges Mal umzusehen, denn ich sagte bei mir selbst: »Wenn er mir folgt, so darf und will ich ihn nicht meiden. Indem ich ihn hinter mir her locke, rette ich vielleicht meine Schwester und meinen Vater.«

Ich wich daher nicht von meinem Wege ab, sondern verfolgte ihn in gerader Richtung und schaute nicht wieder hinter ich.

Nachdem ich beschlossen, London zu verlassen, um mich nach Cornwallis zu begeben, hatte ich keine Vorsichtsmaßregeln getroffen, um meine Abreise zu verheimlichen, und obschon ich demzufolge hätte sicher sein können, daß er mir folge, so sah ich ihn doch nicht mehr und entdeckte niemals wieder, in welcher größeren oder geringeren Entfernung er meine Spur verfolgte.

»Seit dieser Zeit sind zwei Monate verflossen und ich weiß jetzt nicht mehr über ihn, als ich damals wußte.

Am 19. October. Meine Rückschau ist beendet. Ich habe die Geschichte meiner Verirrungen und meines Unglücks, des Unheils, welches ich angerichtet, und der Strafe aufgezeichnet, welche mich bis in die Gegenwart verfolgt hat. Die Blätter meines Manuscripts —— welches länger geworden ist als ich es Anfangs zu machen gedachte —— liegen vor mir auf meinem Schreibtische aufgethürmt. Ich wage nicht, sie durchzusehen —— ich wage nicht, die Zeilen wieder zu lesen, welche meine eigene Hand geschrieben. Vielleicht giebt es in Bezug auf den Styl viel zu verbessern, aber ich habe nicht den Muth, auf meine Arbeit zurückzukommen, sie zu revidieren und genauer ins Auge zu fassen, wie ich doch thun würde, wenn meine Absicht wäre, ein Buch zu produzieren, welches noch bei meinen Lebzeiten veröffentlicht werden sollte. Meine stylistischen Fehler können auch von einer andern Hand korrigiert werden, wenn ich nicht mehr sein werde. Andern überlasse ich die Aufgabe, meine Armuth zu bereichern, die Sorge, den Block rauher Wahrheit, welchen ich hinterlasse, nach dem volksthümlichen Geschmacke des Tages zu schleifen und zu polieren, denn ich habe streng die Wahrheit gesagt, ohne Verschweigung wie ohne Uebertreibung, zuweilen mit tiefer Demuth, oft mit Thränen.

Jetzt aber, wo ich diese Blätter sammle, um sie mit dem festen Entschlusse, sie nicht selbst wieder zu öffnen, zu versiegeln, kann ich da wohl glauben, daß meine Aufgabe beendet sei und daß ich Alles erzählt habe, was zu sagen nothwendig ist? Nein. So lange Mannion lebt und so lange ich keine Stunde sicher bin, ihn wieder vor mir erscheinen zu sehen, so lange ich keine Kenntniß von den Veränderungen Habe, die in dem Hause, aus welchem ich verbannt bin, vorgehen können, verlangt diese Erzählung der Vergangenheit eine Fortsetzung, weil aus dieser Vergangenheit sich meine Zukunft gestalten wird.

Ich weiß nicht, was noch der Mühe des Erzählens Werth sein wird; ich weiß nicht, welche neue Aufregungen mich in die Unmöglichkeit versetzen können, die vor der Hand beendete Arbeit wieder aufzunehmen. Ich besitze nicht genug Vertrauen zu mir selbst- oder zu der Zukunft, welche das Schicksal mir vorbehält, um zu glauben, daß ich Zeit oder Energie genug haben werde, um in der Folge meine Erinnerungen eben so niederzuschreiben, wie ich es jetzt gethan. deshalb wird es besser sein, wenn ich Tag für Tag die Ereignisse so niederschreibe, wie sie nach einander geschehen, um auf diese Weise, möge kommen was da wolle, die tägliche Fortsetzung meiner Erzählung Bruchstück für Bruchstück bis an’s Ende zu sichern.

Zuvor aber und als natürliche Einleitung zu dem Tagebuche, welches ich zu führen gedenke, sei mir erlaubt, eine flüchtige Skizze des neuen Lebens zu geben, welches ich in meiner Zurückgezogenheit an der Küste von Cornwallis führe.

Das kleine Fischerdorf, in welchem ich die vorliegenden Blätter geschrieben, liegt an der südlichen Küste von Cornwallis, nur wenige Meilen von dem Vorgebirge Lands’ End entfernt. Ich bewohne eine von unbehauenen Steinen erbaute, mit einem Strohdache versehene Hütte, die bloß zwei Zimmer that. An Geräthschaften besitze ich Nichts weiter. als mein Bett, meinen Tisch und meinen Stuhl. Meine einzigen Nachbarn sind ein Dutzend Fischer und ihre Familien. Der Mangel des Ueberflüssigen ist mir aber eben so leicht zu ertragen als der Mangel an Gesellschaft. Seitdem ich hier bin, habe ich Alles gefunden, was ich wünschte —— die vollständigste Zurückgezogenheit Bei meiner Ankunft setzte ich diese wackeren Leute ein wenig in Erstaunen, ja, ich kam ihnen sogar verdächtig vor.

Die Fischer von Cornwallis bewahren noch bis auf den heutigen Tag die plump abergläubischen Meinungen, welche ihren bescheidenen Vorvätern schon vor Jahrhunderten so theuer waren.

Meine armen, schlichten Nachbarn begriffen nicht, warum ich keinen Erwerb trieb, und mein trauriges, Müdigkeit und Abspannung verrathendes Gesicht paßte nach ihrer Meinung nicht zu meiner anscheinenden Jugend. Die Frauen ganz besonders sahen in einer Absonderung, wie ich sie liebte, etwas ganz Widernatürliches und Räthselhaftes.

Man that allerhand neugierige Fragen an mich, und eben die Einfachheit meiner Antwort, daß ich nach Cornwallis gekommen sei, um ruhig zu leben und meine Gesundheit wieder herzustellen, reizte diese Neugierde nur noch mehr. Tag für Tag, seitdem ich meine Hütte bezogen, hoffte man Briefe zu sehen, die mir geschickt würden —— aber es kamen keine —— oder Freunde, die mich besuchten —— aber es zeigten sich auch keine Freunde.«

Das Geheimniß ward für die wackeren Leute ein immer verwickelteres. Sie begannen sich jener alten Sagen von Cornwallis zu erinnern, in welchen von geheimnißvollen Menschen erzählt wird, die vor langer Zeit in abgelegenen Gegenden der Grafschaft wohnten. Diese Menschen kamen, man wußte nicht woher; sie existierten, Niemand wußte wie —— sie starben und verschwanden, ohne daß man erfuhr, auf welche Weise.

Man hatte, glaube ich, große Lust, mich als einen dieser geheimnißvollen Gäste und als ein der ganzen Menschenfamilie fremdes Wesen zu betrachten, welches durch irgend einen Fluch an diese Küste geworfen worden sei, um hier in Einsamkeit und Verlassenheit zu sterben. Selbst die alte Frau, der ich zuerst Geld gab, damit sie mir die zum Leben nothwendigen Dinge verschaffe, schien sich einen Augenblick lang zu fragen, inwieweit es erlaubt und klug sei, Etwas von mir anzunehmen.

Diese Zweifel traten jedoch allmählich in den Hintergrund und die abergläubischen Ideen meiner armen wackeren Nachbarn machten sich weniger geltend. Sie gewöhnten sich an meine einsame, träumerische und für sie unerklärliche Existenz. Einige, wenn auch unbedeutende Dienste, die ich bald nach meiner Ankunft ihren Kindern leistete, bewirkten Wunder zu meinen Gunsten, und jetzt ist das Mißtrauen in eine Art Mitleid übergegangen. Wenn der Ertrag des Fischfanges ein sehr reichlicher ist, macht man mir oft ein kleines Geschenk. Vor einigen Wochen, als ich des Morgens ausgegangen war, fand ich bei meiner Rückkehr zwei oder drei Möveneier in einem Körbchen vor meiner Thür. Sie waren von Kindern als Schmuck für das Fenster meiner Hütte hierher gebracht worden —— als der einzige Schmuck, den sie zu geben hatten, als der einzige, von welchem sie jemals hatten sprechen hören.

Jetzt kann ich, ohne beobachtet zu werden, mit meiner Bibel oder meinem Shakespeare unter dem Arme ausgehen und aus der Schlucht heraus, in welcher unser Dörfchen liegt, mich der alten Kirche von grauem Steine nähern, welche, von verkümmertem Gebüsch umgeben, einsam am Strande steht. Wenn zufällig hier unter den zerstreut umher liegenden Leichensteinen einige Kinder spielen, so verrathen sie keinen Schrecken und laufen nicht davon, wenn sie mich auf einem dieser Steine am Eingange des Kirchhofs Platz nehmen oder um den steinernen Thurm umherirren sehen, welcher von Händen erbaut worden, die schon seit Jahrhunderten in Staub zerfallen sind. Meine Annäherung hat aufgehört, für meine kleinen Nachbarn eine furchterregende zu sein. Höchstens sehen füe mich einen Augenblick lang mit lächelnden Blicken an, um sodann sich wieder ihrem Spiele zuzuwenden.

Von dem Kirchhofe aus schweifen an schönen Tagen meine. Blicke in die Schlucht oder über das Meer. Riesige Granitfelsen überragen von jeder Seite die Fischerhütten. Der weiße Sand der Bucht funkelt im Sonnenscheine; der Bach, welcher sich von den Felsen herabstürzend, launenhaft ein Bett bahnt, glänzt stellenweise wie ein silbernes Band. Ueber mir ziehen majestätisch weiße Wolken dahin, welche violette Schatten werfen.

Das Kreischen der Seevögel, das unaufhörliche betäubende Rauschen der Brandung, das Brausen des Windes, welcher sich in den Grotten des Strandes fängt —— dies sind die verschiedenen Klänge, welche mein Ohr bald vereinigt, bald getrennt hört. Die Stimme der Natur und die Schönheit der Natur —— diese beiden Zauberkräfte, durch welche Gott unsere Seele läutert und erhebt, äußern in solchen Augenblicken einen lebhaften Eindruck auf mich und erfüllen mich mit süßer Freude.

Wenn der Regen fällt, wenn der Wind und das Meer sich erheben, wenn ich in einer Felsengrotte stehend, die wüthenden Wogen und ihre weißen Schaumgipfel betrachte, dann drückt das Bewußtsein unbekannter über meinem Haupt schwebender Gefahren mich nieder und ich fühle die Ungewißheit in ihrem ganzen Einsetzen. Dann gewinnen die Drohungen meines Todfeindes eine furchtbare Herrschaft über meine Gedanken. Ich sehe das düstere phantastische Bild eines Verhängnisses, welches bereit ist, sich wieder auf mich zu stürzen ich sehe dieses Bild in den seltsamen Formen des Nebels, welcher den Himmel verhüllt, bald von leuchtenden Strahlen durchzuckt wird, bald wie ein schwarzer Schatten auf den Fluthens lastet. Dann glaube ich in dem Donner der Brandung, in dem Geheule des Sturmes den Schall eines Richterspruches zu vernehmen.

Wäre es bloß mein gänzlicher Mangel an Energie, welcher in mir die wahnsinnige Ueberzeugung weckt, daß Mannion’s Auge stets auf mich geheftet sei, daß seine Tritte den meinigen fortwährend heimlich folgen? Woher kommt die Ahnung, daß diese wilden Drohungen, die ich trotz meiner Vernunft nicht bannen kann, sich verwirklichen werden?

Es ist möglich, daß die entsetzliche Art und Weise, auf welche er bis jetzt bei meinem ganzen Unglücke die Hand im Spiele gehabt, mir allzu große Furcht vor der unheilvollen Macht einflößt, die er über meine Zukunft auszuüben gedenkt. Es ist möglich, daß jeder Entschluß, ihm zu widerstehen, in mir weniger durch die Furcht vor seinem Erscheinen gelähmt wird, als vielmehr durch die Wirkung der Ungewißheit, in der ich mich hinsichtlich der Zeit befinde, wo dieses Erscheinen stattfinden wird —— weniger in Folge seiner Drohungen an und für sich, als wegen des Verzögern ihrer Ausführung.

Ich kann diese verschiedenen Erwägungen; anstellen und dennoch ist die Ruhe, welche ich zuweilen dadurch gewinne, niemals von langer Dauer. Ich entsinne mich Dessen, was dieser Mann gethan, und trotz aller Raisonnements glaube ich, daß er thun wird, was er gesagt. Wie aber soll ich mich dann vertheidigen? wie soll ich ihm entrinnen?

Ohne den Trost, welchen mein Herz aus dem Gedanken an Clara schöpft, würde ich, glaube ich, dieser unaufhörlichen Reihe von Befürchtungen und grausamen Zweifeln, aus welchen mein Leben gegenwärtig besteht, erliegen. Meine Schwester! Selbst in dieser Entfernung von ihr, zu welcher ich mich habe verurtheilen müssen, habe ich ein Mittel gefunden, mich indirekt an Etwas zu knüpfen, was sie liebt.

Der Name, unter welchem ich jetzt lebe und leben werde, bis mein Vater mir sein Vertrauen und seine Liebe wieder geschenkt, ist der eines kleinen Landgutes, welches früher meiner Mutter gehörte und jetzt Eigenthum ihrer Tochter ist. Selbst die Unglücklichsten haben ihre Laune, ihre letzte und liebste Grille. Ich besitze keinen Gegenstand, der mich an Clara erinnert —— Nichts —— nicht einmal einen Brief.

Der Name, den ich dem Orte entlehnt, welchen sie liebt, ist für mich das, was für Andere, die glücklicher sind als ich, eine Haarlocke, ein Ring oder ein soustiges dergleichen Andenken ist.

Ich hatte angefangen, die einfachen Details meines Lebens in dieser Einsamkeit auseinanderzusetzen. Werde ich damit fortfahren? Heute nicht, denn der Kopf brennt mir und meine Hand ist müde. Wenn ich morgen kein Ereigniß zu berichten habe, so werde ich den Gegenstand, in welchem ich mich hier unterbreche, wieder aufnehmen.

Am 20. October. Nachdem ich gestern die Feder niedergelegt, ging ich aus, um mit meinen armen Nachbarn jene ersten freundschaftlichen Beziehungen zu erneuern, welche während der lehren drei Wochen durch fortwährende Arbeit —— das Niederschreiben des letzten Theils meiner Erzählung —— unterbrochen worden waren. Im Verlaufe einer Promenade zwischen den Hütten und auf der Felsenhöhe bemerkte ich weniger Einwohner als gewöhnlich. Die, welchen ich begegnete, schienen eine ganz andere und sehr eigenthümliche Haltung gegen mich angenommen zu haben. Vielleicht ist dies nur Einbildung von mir, aber es kam mir wirklich vor, als ob sie mich mieden. Eine Frau schloß bei meiner Annäherung rasch die Thür ihrer Hütte, und ein Fischer, dem ich guten Tag wünschte, dankte mir kaum und setzte seinen Weg weiter fort, ohne stehen zu bleiben und ein wenig mit mir zu Plaudern wie gewöhnlich. Auch einige Kinder, welchen ich auf dem Wege zur Kirche begegnete, liefen bei meiner Annäherung davon, indem sie einander Gebärden machten, die ich nicht verstehen konnte. Sollten sie wieder in ihre alten abergläubischen Meinungen zurück verfallen sein, von welchen ich glaubte, daß sie dieselben vollständig überwunden hätten? Oder fühlen meine Nachbarn sich bloß verletzt, weil ich sie diese letzten drei Wochen, ohne es zu wollen, vernachlässigt habe?

Morgen muß ich mir hierüber Gewißheit verschaffen.

Am 2l. October. Ich weiß Alles. Ich war gestern in der That mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht die Wahrheit erkannte, die sich mir jetzt plötzlich enthüllt hat.

Heute Morgen ging ich aus, wie ich mir vorgenommen, um zu ermitteln, ob meine Nachbarn während meiner dreiwöchentlichen gänzlichen Zurückgezogenheit andere Gesinnungen als die zeitherigen gegen mich gefaßt hätten oder nicht.

An der Thür der Hütte, welche der meinigen am nächsten steht spielten zwei Kinder, mit denen ich mich gleich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft auf ziemlich vertraute Weise bekannt gemacht. Ich näherte mich ihnen, um sie anzureden aber sogleich kam ihre Mutter aus dem Hause und führte sie ohne Weiteres von mir hinweg, indem sie mir einen Blick des Zornes und der Unruhe zuwarf. Ehe ich sie noch fragen konnte, zog sie die Kinder in das Haus hinein und machte die Thür zu.

Beinahe in demselben Augenblicke und wie auf ein vorher verabredetes Signal, kamen drei oder vier andere Frauen aus ihren nicht weit davon entfernten Häusern heraus und riefen mir in lautem, zornigem Tone zu, daß ich weder ihnen noch ihren Kindern zu nahe kommen solle, worauf sie ihre Thüren schlossen.

Ohne noch die Wahrheit zu ahnen, kehrte ich um und lenkte meine Schritte nach dem Strande.

Hier traf ich längs eines alten auf dem Sande liegenden Bootes hin und her schlendernd den Burschen, der mir meine Lebensmittel zu holen pflegte Als er mich sah, erschrak er fast, entfernte sich einige Schritte, blieb dann stehen und rief mir zu:

»Ich bringe Euch künftig Nichts mehr —— mein Vater sagt, er wolle Nichts mehr an Euch verkaufen, möchtet Ihr dafür bezahlen wollen, so viel Ihr wolltet.«

Vergebens fragte ich den Knaben, warum sein Vater dies gesagt. Er gab mir keine Antwort, sondern lief so schnell als seine Füße ihn tragen wollten, nach dem Dorfe zurück.

»Ihr könnt nichts Besseres thun als uns verlassen,« murmelte eine Stimme hinter mir. »Wenn Ihr nicht gutwillig geht, so werden unsere Leute Euch durch den Hunger dazu zwingen.«

Der Mann, welcher diese Worte zu mir sprach, war einer der ersten gewesen, welcher den andern mit dem Beispiele eines freundlichen Benehmens gegen mich vorangegangen war. Ich wendete mich daher an ihn, um den Aufschluß zu erhalten, den kein anderer mir geben wollte.

»Ihr wißt recht wohl, was wir meinen, antwortete er, »und Ihr kennt auch die Gründe, aus welchen man Euch von hier wieder fortgehen sehen möchte.«

Ich betheuerte meine Unwissenheit und bat ihn so dringend, mir eine nähere Erklärung zu geben, daß er wieder stehen blieb, denn er hatte sich schon einige Schritte entfernt.

»Ich will es Euch wohl sagen,« antwortete er, »aber nur jetzt nicht. Ich möchte mich nicht gern in Eurer Gesellschaft sehen lassen.«

Indem er dies sagte, wendete er sich nach den Frauen herum, welche wieder vor ihren Hütten zu erscheinen begannen.

»Geht nach Hauses« setzte er hinzu, »und schließt Euch ein. Wenn es dunkel sein wird, komme ich zu Euch.«

Er kam auch, wie er versprochen. Als ich ihn aber bat, in meine Hütte zu treten, weigerte er sich und sagte, er wolle lieber von außen durch das Fenster mit mir sprechen. Dieser Widerwille, unter mein Dach zu kommen, erinnerte mich daran, daß man vorige Woche mir meine Lebensmittel ebenfalls draußen vor das Fenster gesetzt hatte, anstatt sie, wie früher, mir in mein Zimmer zu bringen. Ich war damals zu angestrengt beschäftigt gewesen, um auf diesen Umstand zu achten, jetzt aber fand ich ihn sehr sonderbar.

»Also,« sagte der Mann, indem er mich durch das Fenster hindurch mißtrauisch ansah, »Ihr wollt mir weiß machen, Ihr wüßtet nicht, aus welchem Grunde wir hier Euch gern fortgehen sehen möchten?«

Ich sagte ihm nochmals, daß ich mir nicht denken könne, warum sie plötzlich Alle ein so verändertes Benehmen gegen mich angenommen hätten, da ich mir durchaus nicht bewußt sei, ihnen Etwas zu leide gethan zu haben.

»Nun dann werdet Ihr es bald erfahren,« antwortete er; »wir wünschen, daß Ihr unser Dorf verlaßt, weil ——«

»Weil,« unterbrach hinter ihm eine andere Stimme, in welcher ich die seiner Frau erkannte, »weil Ihr Unglück über uns und unsere Häuser bringt —— weil wir wünschen, daß die Gesichter unserer Kinder bleiben, wie Gott sie geschaffen hat.«

»Weil,« mischte eine zweite Frau sich ein, »weil Ihr die Rache des Teufels unter gute Christen bringt! Kommt, John, sprecht nicht weiter mit ihm.«

Und sie führten den Fischer mit sich fort, ehe er noch ein einziges Wort hinzufügen konnte.

Ich hatte jedoch genug gehört. Die verhängnißvolle Wahrheit war vor meinen Augen aufgegangen. Mannion war mir nach Cornwallis nachgefolgt, seine Drohungen erfüllten sich buchstäblich.

Um zehn Uhr. —— Ich habe mein Licht zum letzten Male in dieser Hütte angezündet, um einige Zeilen meinem Tagebuche hinzuzufügen. Das Dorf ist ruhig —— ich höre kein Geräusch draußen —— und dennoch, kann ich wohl wissen, ob Mannion sich nicht in demselben Augenblicke in der Nähe meines Hauses umhertreibt?

Schon morgen muß ich mich entfernen und dieses friedliche Asyl verlassen, in welchem ich bis jetzt so ruhig gelebt. Ich kann nicht hoffen, die gute Meinung meiner armen Nachbarn wiederzugewinnen. Er hat ihren blinden, thörigten Aberglauben benutzt, um eine ungegründete, aber erbarmungslose Feindschaft gegen mich anzustiften. Er hat die grausamen Instincte geweckt, welche selbst im Herzen dieser schlichten Leute schlafen, und sie gegen mich aufgeregt, wie er mir vorausgesagt.

Dieser hinterlistige Streich muß im Laufe der letzten drei Wochen begonnen worden sein, als ich nur selten ausging und er wenigerder Gefahr ausgesetzt war, mir auf meinen gewohnten Spaziergängen zu begegnen. Es kann Nichts nützen, wenn ich mir den Kopf zersinne, um die Mittel zu errathen, deren mein Feind sich bedient hat, um seinen Zweck zu erreichen. Ich darf gegenwärtig an weiter Nichts denken, als unverweilt meine Anstalten zur Abreise zu treffen.

Um elf Uhr. —— Eben als ich einige Bücher einpackte, fiel aus einem derselben ein gesticktes Lesezeichen —— Ich erkannte in demselben sofort Clara's Werk —— Bis jetzt hatte ich nicht bemerkt, daß es in diesem Buche lag. Endlich also besitze ich eins Andenken von meiner vortrefflichen Schwester. Wie gering es auch ist, so werde ich es doch in dieser Zeit des Unglücks und der Gefahren treulich bewahren, als eins— Symbol des Trostes.

Ein Uhr nach Mitternacht. Jeden Augenblick werden die Windstöße, welche den Strand entlang sausen, heftiger und ein wüthender Platzregen peitscht meine Fenster. Der ganze Himmel ist in die schwärzeste Finsterniß gehüllt. Der Sturm, welcher sich schon seit mehreren Tagen ankündigte, ist nahe daran, zum vollen Ausbruche zu kommen.

Im Dorfe T*"*, am 22. October. In einem einzigen Tage hat sich Alles geändert und ein neuer Horizont ist mir erschlaffen. Ich muß mich zwingen, Alles mit Einem Male zu erzählen. Ein gewisses Etwas sagt mir, daß, wenn ich diese Aufgabe auch nur bis morgen verschiebe ich dann nicht im Stande sein werde, Etwas zu schreiben. Heute Morgen war ich sehr früh ausgestanden. Es war, glaube ich, noch nicht sieben Uhr, als ich die Thür meiner Hütte hinter mir schloß, um sie niemals wieder zu öffnen. Ich begegnete bloß einem oder zweien meiner Nachbarn, als ich das Dorf verließ. Sie traten auf die Seite, um mich vorbeizulassen, und sprachen kein Wort. Betrübter als ich für möglich gehalten, daß ich wie ein Feind von Leuten fortging, mit welchen ich als Freund gelebt, schritt ich langsam an den letzten Fischerhütten vorüber und den in den Felsen gehauenen Fußsteig hinauf.

Die größte Wuth des Sturmes war erst seit einigen Stunden vorüber. Der Wind hatte sich nach Tagesanbruch ein wenig gelegt, aber die Majestät des gewaltigen Meeres hatte noch Nichts von ihrer erhabenen Furchtbarkeit verloren. Die ungeheuren Wogen des atlantischen Meeres schlugen noch schäumend und brüllend an die Granitmassen der Küste von Cornwallis. Der Himmel war mit einem weißlichen dichten Nebel bedeckt, welcher bald schwer und von Regen triefend dahin schwebte, bald von dem Winde wie ungeheure Rauchwolken fort getrieben ward. Schon in einer Entfernung von wenigen Schritten waren die größten Gegenstände nicht mehr sichtbar und ich hatte Nichts, wonach ich mich richten konnte, als das unaufhörliche Brüllen des Meeres zu meiner Rechten.«

Mein Plan war, bis zu Einbruch des Abends nach Penzance zu gelangen. Darüber hinaus reichte mein Plan nicht und ich hatte keine Idee, welches Asyl ich mir dann wählen würde.

Die schwache Hoffnung, die ich bis jetzt gehegt, der Verfolgung Mannion's zu entrinnen, war so nach auf immer entschwunden. War er mir in diesem Augenblicke wieder auf der Spur? Hierüber hatte ich keine Andeutung, denn der Nebel entzog meinen Blicken alle Gegenstände, welche ich hinter mir ließ. Alles Geräusch des Landes ward durch das unaufhörliche Getöse des Meeres, übertäubt, aber ich zweifelte nicht, daß er mir folge, während ich meinen Weg weiter fortsetzte.

Ich ging langsam und entfernte mich von dem äußersten Küstenrande nur so weit, als nöthig war, um von dem Brausen und Donnern der Wellen nicht betäubt zu werden. Ich wußte, daß ich, wenn auch auf einem langen Umwege, die rechte Richtung verfolgte, so lange ich die Wellen zu meiner Rechten hörte. Hätte ich mich auf einem kürzeren Wege durch das Gebüsch und die Querwege wagen wollen, so würde ich mich bloß in dem Nebel auf eine Weise verirrt haben, daß ich mich nicht so leicht wieder zurechtzufinden vermocht hätte.

Auf diese Weise schritt ich immer weiter, bis ich plötzlich bemerkte, daß das Brausen des Meeres nicht mehr in derselben Art an mein Ohr schlug. Es war mir, als hörte ich es zu beiden Seiten von mir —— rechts sowohl als links.

Ich blieb stehen und bemühte mich, den Nebel zu durchdringen, aber diese Mühe war vergebens. Nur wenige Fuß von mir zeigten sich die Felsen wie Schatten in dem dichten weißlichen Dunste. Ich schritt noch ein wenig weiter, und es dauerte nicht lange, so hörte ich unter meinen Füßen, deutlich unterschieden von dem Brüllen des Meeres, ein dumpfes, zuweilen unterbrochenes Rollen, welches dem des fernen Donners glich. Ich blieb abermals stehen und lehnte mich an einen Felsen. Nach einiger Zeit begann der Nebel nach dem Meere zu sich zu zerstreuen, während er mir zu beiden Seiten so dicht blieb wie zuvor. Ich lenkte meine Schritte weiter nach dieser lichteren Stelle des Himmels, die ich vor mir sah, während das donnernde Getöse immer noch fortdauerte.

Der Nebel lichtete sich ein wenig und ließ mich eine zur Nachtachtung für die Schiffe aufgesteckte Landmarke sehen. Sie stand auf der höchsten Spitze der umliegenden Felsen. Ich kletterte hinauf. Ich sah die grell weiß und roth gemalte Scheibe und gewann nun die Ueberzeugung, daß ich mich von der regelmäßigen Linie der Küste entfernt hatte und in eins der Granitvorgebirge hineingerathen war, welche an der südlichen Küste von Cornvallis in das Meer vorspringen Schon zwei Mal war ich während der ersten Zeit meines Aufenthalts in dem Fischerdorfe bis an diese Stelle vorgedrungen, und jetzt wo ich dasselbe unterirdische Getöse hörte. wußte ich, was die Ursache hiervon war.

Ein wenig jenseits des Plateaus, aus welchem ich stand, senkte sich die Felsenkette plötzlich, um beinahe senkrecht auf eine untere Schicht des steilen Gestades hinabzustoßen.

An einem der höchsten Puncte dieses Granitwalles gab es eine schwarze, gähnende Oeffnung, welche wie ein Tunnel in schräger Richtung durch die Felsen in einen Abgrund von unbekannter und unergründlicher Tiefe führte, in welchen die Meereswogen auf einem unterirdischen Wege eindrangen.

Selbst bei ruhiger Witterung schwieg das Meer in diesem entsetzlichen Schlunde niemals, während eines Sturmes aber tobte es hier mit unbeschreiblicher Wuth. Die Wogen kochten und donnerten in ihrem Kerker, so daß sie gleich einem Erdbeben die granitenen Grundfesten zu erschüttern schienen. Wie hoch sie aber auch gegen die Wände des Felsenschlundes anschlugen, so vermochte das Auge des Beobachter von oben ihre Bewegung doch nicht zu verfolgen, und nur aufsteigende Schaumwolken verriethen ihm den furchtbaren Kampf der Fluthen.

Während ich so den Ort erkannte, an welchen mein Irrthum mich geführt, dachte ich auch an die Gefahren, welche ich längs dem ganzen Felsenwege hinter mir gelassen —— Gefahren an den schmalen Rändern und den unter meinen Füßen verborgenen Abgründen, neben welchen ich, so lange der Nebel sie mir verhüllte, keck vorüber geschritten war. Jetzt aber, wo ich daran dachte, schauderte ich bei dem Gedanken, ihnen von Neuem zu trotzen, so lange der Himmel sich nicht aufgeklärt hätte und ich den Weg deutlich vor mir sähe. Am fernen Horizonte über den schäumenden Wogen ward der Dunstkreis langsam heller und ich beschloß daher, zu warten, bis das Dunkel vollends geschwunden sei, ehe ich mich auf den Rückweg wagte.

Ich stieg nach dem unteren Felsenplateau hinunter, um eine weniger gefährliche Position zu suchen, als die, in welcher ich mich jetzt befand. Als ich mich dem Schlunde näherte, war das Donnern der Wogen darin so furchtbar, daß es nicht bloß das Getöse der äußern Brandung, sondern auch das gellende Gekreisch der Tausende von Seevögeln übertäubte, welche mich von allen Seiten umschwirrten.

Zu beiden Seiten des Abgrunds boten die Felsen, obschon sehr steil, doch für Fuß und Hand sichere Stützpunkte.

Während ich hinabstieg, trieb mich jener Wunsch, die Gefahr in der Nähe zu sehen, jener Wunsch, der so viele Menschen bis an den Rand des Abgrunds führt, den sie gleichwohl fürchten, mich so weit als möglich an die Kante des Riesenschlunds zu wagen und in das Innere hinabzuschauen. Nur schwach erkannte ich die kolossalen, schwarzen, schimmernden Wände und die inneren Felsenvorsprünge mit langem, dünnem Seegras bewachsen, welches sich langsam in dem leeren Raume hin- und her schaukelte, denn unaufhörlich stiegen Dünste wie Rauchwolken und feuchte Schaumsäulen aus den unsichtbaren Tiefen herauf bis auf eine breite, mit Seegras bedeckte Felsenplatte, welche auf der Seite, wo ich stand, gleichsam den»Vorplatz des Abgrundes bildete.

Schon bei dem Anblicke dieser glatten, schlüpfrigen Fläche, welche sich nach den senkrechten Tiefen des gähnenden Schlundes hinabneigte, ward mir schwindlig. Ich drehte mich, sobald ich dies fühlte, herum und that dreißig bis vierzig Schritte nach einer andern Richtung —— nach dem Rande des Vorgebirges, welches sich nach dem Meere abflachte.

Hier zeigten die Felsen ungeheuerliche Formen und bildeten natürliche Grotten und gleichsam überhängende Bücher. Ich lenkte meine Schritte nach einem dieser Felsen, um hier ein Obdach zu finden, bis der Himmel sich aufgeheitert hätte.

Eben war ich bis an den Felsenvorsprung beinahe an den Rand des Gestades gelangt, als ich mich plötzlich am Arme gefaßt und festgehalten fühlte, und durch den Tumult der Wogen, das Brüllen des gähnenden Abgrundes hinter mir und das Gekreisch der Seevögel, die über meinem Haupte hin- und her flatterten, hörte ich die mir laut ins Ohr gerufenen Worte:

»Ihr Leben ist mein. Wollen Sie mir es vielleicht durch einen Selbstmord rauben?«

Ich drehte mich um —— Mannion stand neben mir. Kein Schirm verbarg jetzt die scheußliche Verstümmelung seines Gesichts.

Sein Auge war auf mich geheftet und er zeigte mit dem Finger auf die zweihundert Fuß tief unter uns schäumende Brandung.

»Wollen Sie mir durch einen Selbstmord entrinnen? Ich vermuthete es und dies Mal bin ich Ihnen dicht auf dem Fuße gefolgt —— ich bin Ihnen gefolgt, um Sie dem Tode streitig zu machen.

Bei der Bewegung, die ich machte, um mich von ihm loszureißen und von dem Rande des Abgrundes zurückzuweichen, bemerkte ich, daß mit dem triumphierenden Ausdrucke seines Blickes sich ein scheuer Glanz mischte, welcher an Wahnsinn streifte, und ich dachte an Das, was mir im Hospitale gesagt worden, als man mich ermahnte, vor ihm aus meiner Hut zu sein.

Der Nebel ward immer dichter, jetzt aber, um getrennte Wolkenmassen zu bilden, welche mit jeder Minute unter dem Einflusse des Lichtes, welches durch sie hindurchdrang, eine andere Gestalt annahmen.

Ich hatte schon früher diese plötzlichen Uebergänge bemerkt und wußte, daß sie die Vorläufer der wiederkehrenden Heiterkeit der Atmosphäre waren.

Während ich den Himmel ansah, war Mannion einige Schritte zurückgetreten Er streckte den Arm in der Richtung des Fischerdorfes aus, welches ich diesen Morgen verlassen. »Selbst an diesem fernen Orte,« sagte er, »und unter diesen unwissenden Leuten hat mein verstümmeltes Gesicht gegen Sie gezeugt und Margarethens Tod ist gerächt worden, wie ich Ihnen sagte, daß er es sein würde. Sie sind wie ein Aussätziger wie ein Verfluchter und von diesen armen Fischern vertrieben worden, Sie haben angefangen, Ihr Leben als ein Geächteter der Gesellschaft zu leben, wie ich das meinige gelebt. Der barbarische, ungeheuerliche Aberglaube, den ich hier zu meiner Unterstützung bereit fand, ist die Geißel, mit welcher ich Sie aus Ihrem Asyle heraus gepeitscht habe. Sie fragen sich vielleicht, welche Geduld ich nöthig gehabt, um mich von Ihnen und Ihrer Nähe entfernt zu halten, bis Sie sich in allen diesen Hütten der Armuth Freunde erworben hatten —— wie ich diesen Leuten meine Verstümmelung erklärt, wie ich ihre abergläubischen Gemüther bearbeitet habe, bis sie Ihre Nähe verabscheuten wie die Pest, bis Sie das Schreckbild der Frauen und Kinder wurden. Nicht wahr, Sie wünschen und zittern zugleich, zu erfahren, wie ich Alles so weit gebracht habe? Erinnern Sie sich dessen, was ich Ihnen gesagt und was ich Ihnen geschrieben habe. Erinnern Sie sich, wer ich bin, und Sie werden aufhören, zu erstaunen. Sehen Sie mich jetzt an. Ich bin wieder kräftig geworden. Ich bin nicht mehr der kraftlose Patient des Hospitals. Ueberall, wohin Sie gehen, wird ein kräftiger energischer Feind Ihnen folgen. Ich sage Ihnen nochmals: »Wir sind für das ganze Leben Einer an den Andern gekettet, und wenn ich Sie auch aufgeben wollte, so könnte ich es doch nicht mehr. Es wird eine Freude und Wonne für mich sein, überallhin Ihre Spur zu verfolgen und Sie aufzuscheuchen. Mein Blut glüht, wenn ich daran denke. Sehen Sie, ehe Sie von hier fort gehen, sehen Sie diese aufgeregten Wogen! Sehen Sie sie —— es giebt für sie keine Ruhe und ebenso wenig wird es Ruhe für Sie geben.«

Sein Anblick, während er in dieser wilden Einsamkeit so neben mir stand, der heisere Ton seiner Stimme, welche Wuth und Freude zugleich verrieth, das Getöse des Meeres, welches sich donnernd an den Klippen brach, das Brüllen der in den Tiefen des Felsenschlundes hinter uns eingekerkerten Wogen, das unheimliche Dunkel des Nebels und die seltsamen, phantastischen Formen, welche er jetzt, wo er sich beinahe über unsern Köpfen hinweg wälzte, anzunehmen begann —— Alles, was ich hörte, als Mannion diese letzten Worte sprach, schien mir plötzlich den den Verstand zu rauben. Mein Kopf war wie Feuer und mein Herz wie Eis. ich fühlte eine furchtbare Versuchung, mich auf immer des Elenden zu entledigen, welcher hier vor mir stand, und ihn in den zu meinen Füßen gähnenden Abgrund zu schleudern. Schon streckten sich ohne daß ich es wollte, meine Hände nach ihm aus, —— noch ein Augenblick, und Einer von uns wäre der, Vernichtung geweiht gewesen —— aber noch Zeit genug kehrte ich ihm den Rücken und entfloh, unbekümmert um alle Gefahr, nur um ihn nicht wiederzusehen, über die Fläche des felsigen, zerklüfteten Gestades.

Ehe ich mich noch viele Schritte weit entfernt hatte, gab mir das Getöse eines Wasserfalles unter den Felsen einen Theil der Kaltblütigkeit wieder, deren ich bedurfte.

Dennoch wagte ich noch nicht, mich wieder herumzudrehen, um zu sehen, ob Mannion mir folge, so lange ich den furchtbar gähnenden Abgrund hinter ihm gewahren würde.

Ich begann das obere Felsenplateau ziemlich wieder an derselben Stelle zu ersteigen, an welcher ich herabgekommen war. Auf der Hälfte des Weges blieb ich auf einer ziemlich breiten Plattform stehen und sah, daß ich, um das weitere Aufsteigen bequemer fortzusetzen, erst entweder rechts oder links eine Strecke in horizontaler Richtung zurücklegen mußte.

In diesem Augenblick begann der Nebel sich langsam aufzuhellen. Ich schaute zuerst nach links, um zu sehen, ob meine Füße sich ohne Furcht feststellen könnten, und dann rechts nach der ungeheuren Felsenspalte. In diesem Augenblicke sah ich, obschon undeutlich, die Gestalt Mannion’s, der sich wie ein Schatten unter mir bewegte.

Schon ging er an dem schlüpfrigen Rande des Granitwalles hin, welcher beinahe senkrecht in den Schlund hinabtauchte. Die Atmosphäre klärte sich immer mehr auf und ich überzeugte mich, daß er, durch den Nebel getäuscht, sich gerade der gefährlichsten Stelle genähert hatte. Er blieb stehen, richtete die Augen empor, sah, daß ich ihn beobachtete, hob die Hand und bewegte sie mit drohender Miene in der Luft.

Diese heftige Gebärde war zu rasch gemacht worden. Plötzlich verlor Mannion das Gleichgewicht, taumelte, versuchte sich zu halten, drehte sich halb um sich selbst und stürzte dann rückwärts gerade über den steilen Abhang der Wand des Abgrund.

Das durchnäßte Seegras glitt ihm zwischen den Händen hindurch, als er sich wüthend an einige, Büschel desselben anklammerte. Er machte wahnsinnige Bemühungen, sich wieder auf den äußern Rand des Abhanges zurückzuwerfen, aber mit jeder dieser Anstrengungen glitt er tiefer hinab. An dem äußersten Rande der Felswand, die ihn von dem Schlunde trennte, sah ich ihn wie von einem plötzlichen Schlage zurückprallen, und in demselben Augenblicke sprang ihm ein furchtbarer Schaumstrahl entgegen. Ich hörte einen so durchbohrenden, von jeder menschlichen Stimme so entsetzlich verschiedenen Schrei, daß er selbst den Donner des Wassers zu übertäuben schien. Der siedende Schaum sank wieder.

Eine Secunde lang sah ich zwei blutende Hände sich krampfhaft gegen die schwarze Wand des Schlundes stemmen. Dann brüllten die Wogen in ihren verborgenen Tiefen so entsetzlich wie je, eine neue Schaumlawine sprang in die Luft empor, und als sie zerrann, sah man in dem gähnenden Rachen des Abgrundes Nichts mehr. Nichts bewegte sich mehr an der Felsenwand als einige zerzauste Büschel triefenden Seegrases.

Dieser Anblick lähmte ohne Zweifel in mir die Erinnerung, denn nach diesem Blicke, durch welchen ich die gähnende Tiefe maß, entsinne ich mich keines Umstandes weiter, als daß ich mich an eine breite Felsenwand lehnte, um meine eigene Schwäche vor einem Sturze zu bewahren.

Wie lange diese Zwischenzeit periodischer Besinnungslosigkeit dauerte, weiß ich nicht, aber endlich erweckte, wie mir schien, das wüthende Grollen des Abgrundes mich aus meiner Erstarrung.

Als ich meinen auf die Brust herabgesunkenen Kopf wieder emporrichten, um mich umzusehen, war der Himmel nach dem Meere zu ganz hell und heiter. Der Sonnenschein spiegelte sich in den Kämmen der springenden Wogen und es blieb von dem Nebel Nichts übrig als eine große purpurne Wolke, die sich noch über dem Panorama des Landes hinschleppte.

Ich setzte langsam und mit Mühe meinen Weg längs dem Vorgebirge weiter fort. Meine Schwäche war so groß, daß ich an allen Gliedern zitterte. Ich weiß nicht, welche schwerfällige Unbeholfenheit meinen Willen selbst hinsichtlich der einfachsten Bewegungen gefangen hielt. Mehrmals beunruhigte ich mich ohne Ursache in Bezug auf die Richtung, der ich folgte, und es kostete mir Mühe, mich zu überreden, daß ich nicht nach dem Fischerdorfe zurückkehrte. Das entsetzliche Schauspiel, dessen Zeuge ich so eben gewesen, schien meinen Körper noch mehr erschüttert zu haben als meinen Geist.

Es war mir unmöglich, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, und ich konnte mich zum Beispiel nicht überzeugen, daß Mannion wirklich auf die beschriebene furchtbare Weise seinen Tod gefunden habe.

Als ich das Dorf erreichte, wo ich mich jetzt befinde, waren meine Kräfte so erschöpft, daß die Leute des Wirthshauses, wo ich einkehrte, mich beim Ersteigen der Treppe unterstützen mußten. Selbst jetzt noch, nach einer mehrstündigen Ruhe, beginnt die einfache Bewegung, die ich mache, um meine Feder in das Tintenfaß zu tauchen, für mich seine Arbeit und Beschwerde zu sein. Ich fühle ein seltsames Herz klopfen —— meine Erinnerungen verwirren sich wieder —— ich muß aufhören, zu schreiben.

Am 23. October. Das furchtbare Schauspiel, dessen Augenzeuge ich gestern war, hat auf mein Gemüth einen Eindruck gemacht, dessen peinliche Wirkung ich nicht abschütteln kann. Vergebens habe ich mich bemüht; nicht mehr an Mannion's Tod zu denken, sondern vielmehr an die Aussicht auf ein neues und freies Leben, welches dieser Tod mir eröffnet. Mag ich wachen oder schlafen so ist es, als ob ein gewisses Verhängniß meine Geistesfähigkeiten in den schwarzen Mauern des brüllenden Felsenschlundes gefangen hielte. Des Nachts im Traume sehe ich wieder die fahlen blutigen Hände, welche sich festzuklammern suchen, und selbst jetzt in der heitern, frischen Morgenstunde ist noch keine heilsame Veränderung in meinen Gedanken vorgegangen. Wo ist die Zeit, wo die Heiterkeit eines schönen Tages auf mein Gemüth einen so glücklichen Einfluß äußerte?

Am 25. Oktober. Während des ganzen gestrigen Tages habe ich nicht den Muth zusammenraffen können, auch nur eine Zeile meinem Tagebuch hinzuzufügen. Die Kraft, deren ich bedurfte, um meine Empfindungen im Zaume zu halten, ist von mir gewichen. Bei dem mindesten zufälligen Geräusche, welches ich in dem Hause höre faßt mich plötzliches Zittern. Ganz gewiß —— wenn jemals, der Tod eine menschlichen Wesens für ein Anderes eine Ursache der Rettung oder der Befreiung von drohendem Unheile gewesen ist, so ist dies mit Mannion's Tode in Bezug auf mich der Fall, und dennoch hat noch Nichts die Wirkung gemindert, welche der Schrecken, Zeuge dieses Todes gewesen zu sein, auf mich geäußert hat —— Nichts —— nicht einmal die Gewißheit, die ich nun habe, auf immer von einem Todfeinde, dem hartnäckigsten und verzweifelsten, der sich jemals an die Fersen eines andern Menschen geheftet, befreit zu sein.

Am 26. Oktober. Die ganze Nacht bin ich in einem gemischten Zustande zwischen Schlaf und Wachen von beunruhigenden Visionen gequält worden —— Visionen, welche mir meinen letzten einsamen Abend in dem Fischerdorfe wieder vor Augen führten. Dann sah ich wieder Mannion und die blutigen Hände, und dann schwirrten flüchtige Bilder aus dem Leben im Vaterhause an mir vorüber. Clara sitzt neben mir und liest mir vor. Plötzlich ändert sich die Scene abermals. Ich sehe wieder das Zimmer, in welchem Margarethe starb. Ich sehe sie wieder mit ihrem langen schwarzen Haare, welches ihr über das Gesicht herabfällt. Dann versinke ich einige Augenblicke in Bewußtlosigkeit Mannion erscheint wieder. Es ist mir, als ginge er langsam an meinem Bette hin und her, bald oben, bald zu den Füßen —— als überwachte er mich die ganze Nacht —— als ob die Wirklichkeit mir beim Erwachen klar werden würde. Clara geht auf der andern Seite des Zimmers ihm gegenüber hin und her, und Ralph steht zwischen Beiden und hält seine Augen fest auf mich geheftet.

Am 27. October. Ich fürchte, daß meine Geisteskräfte ernstlich erschüttert sind. Sie waren dies schon in Folge der statt gehabten peinlichen Auftritte, ehe ich unter die Felsen des Vorgebirges gerieth. Auch ist es sehr wahrscheinlich, daß mein Nervensystem durch den Zustand fortwährender Aufregung, in welcher ich mich befunden, seitdem ich London verlassen, mehr gelitten hat als ich dachte. Beigetragen hierzu hat jedenfalls auch die unaufhörliche Spannung meines Gemüths beim Niederschreiben Dessen, was mir begegnet ist. Soll ich einen Brief an Ralph schicken? Nein, noch nicht. Er könnte glauben, ich sei ungeduldig und nicht im Stande, meine nothwendige Entfernung mit so viel Ruhe und Entschlossenheit zu tragen, als ich haben soll.

Am 29. October. Die Leute im Wirthshause haben einen Arzt zu mir rufen lassen. Heute kam er. Er schien mir die personificirte Herzensgüte zu sein; in dem Augenblicke aber, wo er in mein Zimmer trat, ward ich von nervösem Zittern ergriffen. Ich ward verlegen, als ich ihm erzählen wollte, was mir begegnet war, und zuletzt konnte ich kein einziges Wort mehr deutlich hervorbringen. Er schien sehr ernst zu sein, als er mich befragte, und eben so als er sich bei meiner Wirthin erkundigte.

Es ist mir, als hätte ich ihn von der Nothwendigkeit, meine Freunde zu benachrichtigen, sprechen hören, doch weiß ich es nicht gewiß.

Am 31. October. Ich werde immer schwächer. Gestern versuchte ich in meiner Verzweiflung an Ralph zu schreiben, aber ich wußte nicht, welche Wendung ich dem Briefe geben sollte. Die gewöhlichsten, alltäglichen Ausdrücke flohen mich in dem Chaos meines Geistes. Ich sah mich genöthigt, meinem Vorhaben zu entsagen. Ich wundere mich, daß ich heute im Stande bin, wieder die Feder zu ergreifen und meinem Tagebuches einige Zeilen Zuzufügen. Wenn ich nicht mehr im Stande sein werde, die Beschäftigung fortzusetzen welche seit einigen Wochen gewissermaßen meine einzige Gewohnheit geworden ist, was wird dann aus mir werden? Werde ich dann die einzige Schutzwehr meines gesunden Verstandes verloren haben?

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Immer schlimmer wird es mit mir! Ich weis nicht mehr, welches Datum wir heute haben. Eben erst hat man mir es gesagt, aber ich kann es mir nicht merken. Ich weiß nicht einmal, wie viele Tage ich schon bettlägerig bin. Es ist mir, als bräche mein Herz und löste sich von Allem ab. O wenn ich Clara wiedersehen könnte, wenn ich sie nur sprechen hörte!

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Der Arzt und ich weiß nicht was für ein Unbekannter, der mit ihm kam, haben meine Papiere geprüft. Ich versuchte dagegen Einspruch zu thun, aber ——

Mein Gott, sterbe ich denn? Sterbe ich in dem Augenblicke, wo Ruhe und Glück wieder für meine Zukunft erwachen?

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Clara, so fern, so fern von ihr! ich besitze Nichts von ihr als das kleine Buchzeichen, Welches sie mir gestickt hat und ——

Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich vermag kaum»noch zu, athmen oder zu denken»! Wenn ich in diesem Zustande in mein Vaterhaus gebracht werden könnte, wenn mein Vater mich so wiedersähe, wie ich jetzt bin! Wieder bricht die Nacht ein, dieselben Visionen tauchen wieder auf. Sie versetzen meinen Geist stets wieder in die Mitte der Meinigen, zuweilen in das unbekannte Vaterland des Himmels.

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Clara! Ich sterbe noch vor Verzweiflung und Wahnsinn, wenn sie nicht zu mir kommt. O, man bringe ihr die Nachricht vorsichtig und behutsam bei. Man könnte sie tödten.

Ich sehe ihr reines, ruhiges Antlitz. Ihre thränenfeuchten Augen ruhen liebend auf mir —— aber ich bemerke einen Glanz, der durch die Thränen hindurch leuchtet. So lange dieser Glanz leuchtet, werde ich leben —— aber wenn er zu erlöschen beginnt ——

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Schluß in Briefen.

Erster Brief.

William Penhale, Bergman zu B..... in Cornwallis, an seine Frau in London.

Liebe Marie,

Deinen Brief hab’ ich gestern erhalten und mich mehr gefreut als ich sagen kann, zu hören, daß unsere Tochter Susanne in London ein so gutes Unterkommen gefunden hat und daß sie ihre Herrin so sehr liebt. Grüße Deine Schwester und deren Mann, und sage ihnen, daß das Geld, welches zu dieser Reise nöthig gewesen ist, mich durchaus nicht dauert. Unsere arme Susanne ist noch zu jung, als daß wir sie hätten allein reisen lassen können, und was mich betraf, so mußte ich natürlich hier bleiben, um unsere andern Kinder zu versorgen und zu arbeiten, damit wir die für die Reise geliehene Summe bald wieder bezahlen können. deshalb mußtest Du Susannen begleiten und es versteht sich, daß das Wohlergehen unseres Kindes uns weit mehr Werth sein muß als Geld.

Uebrigens, als ich Dich heirathete, um Dich mit mir nach Cornwallis zu nehmen, versprach ich Dir, Dich eine Reise nach London machen zu lassen, damit Du Deine Freunde besuchen könntest, und nun habe ich mein Versprechen gehalten. Ich sage Dir also nochmals, Du brauchst Dir wegen jenes geborgten Geldes keine Sorge zu machen —— ich werde die Schuld bald wieder abtragen.

Uebrigens habe ich Dir merkwürdige Dinge mitzutheilen, Marie. Du wirst Dich erinnern, daß vor Deiner Abreise die Arbeit in den Kohlenwerken sehr schlecht ging, so daß ich mir die Sache überlegte und bei mir sagte: »Wäre es nicht vielleicht gut, wenn ich einmal nach T*** ginge, um zu sehen, ob ich vielleicht mit dem Fischfange mehr Glück hätte?« Ich ging demzufolge hin und habe bis jetzt alle Ursache, mit meinem Entschlusse zufrieden zu sein, denn ich mache ganz leidliche Geschäfte. Wie Du siehst, bin ich ein Kerl, der sich in Alles zu schicken weiß, und der Fischfang ist dieses Jahr sehr ergiebig deshalb bleibe ich vor der Hand in T***.

Doch nun komme ich auf meine Neuigkeiten zurück.

Die Frau des Schenkenwirths in diesem Dorfe ist, wie Du Dich erinnern wirst, eine weitläufige Verwandte von mir. Es war am dritten Nachmittage, nach Deiner Abreise, und ich stand an ihrer Hausthür und plauderte mit ihr als wir plötzlich einen uns völlig unbekannten jungen Herrn auf uns zukommen sahen. Er schien sehr bleich zu sein und sah aus wie Einer, der seinen Verstand nicht recht beisammen hat. Er redete uns an und fragte, ob er hier übernachten könne; plötzlich aber sank er wie ohnmächtig nieder und ich mußte noch ein paar Leute zu Hilfe rufen, um ihn die Treppe hinaufzuschaffen. Am andern Morgen hörte ich, daß es noch schlimmer mit ihm geworden sei, und den Tag dar auf hatte sich sein Zustand ebenfalls noch nicht gebessert. Die Wirthin, meine Verwandte, war in keiner kleinen Angst, denn der junge Herr war in höchstem Grade, aufgeregt und sprach in ganz seltsamen Worten mit sich selbst —— besonders in der Nacht. Es ist nicht möglich gewesen, ihn zu bewegen, zu sagen, wodurch er in diesen Zustand versetzt worden, oder wer er ist. Wir haben bis jetzt weiter Nichts von ihm erfahren, als daß er von Westen her gekommen ist und unter Fischern gewohnt hat, die sich, wie er sagt, nicht sehr gut gegen ihn benommen haben, was ihnen durchaus nicht zur Ehre gereicht. Ich wollte wetten, daß dieser arme kranke junge Mann ihnen nichts Uebles zugefügt hat.

Das Ende vom Lied war, daß ich selbst den Arzt holte. Als wir in sein Zimmer kamen, fanden wir ihn ganz bleich und zitternd, und er sah uns so schüchtern und furchtsam an, als ob er uns für Mörder hielte. Der Doctor gab seinem Uebel einen Namen, den ich mir nicht habe merken können, äußerte aber dabei, das Gemüth des Kranken sei leidender als sein Körper, und er habe höchstwahrscheinlich einen Schrecken gehabt, der alle seine Nerven erschüttert habe. Das einzige Mitte! zu seiner Wiederherstellung wäre, wie der Doctor meint, die sorgfältige Pflege und Abwartung von Freunden und Verwandten, und der Kranke sagt auch selbst, daß er nicht eher ruhig werden könne als bis er sich unter Bekannten sähe, denn die ihn hier umgebenden fremden Gesichter, steigerten sein Mißbefinden nur noch mehr.

Er schien sich, wie Du Dir denken kannst, sehr nach Hause zu sehnen. Der Doktor fragte ihn, wo seine Bekannten wohnten, aber er wollte es nicht sagen und in den letztvergangenen Tagen ist er noch kränker geworden, so daß er gar nicht verständlich mit uns sprechen kann.

Gestern Abend jagte er uns Allen einen großen Schrecken ein. Der Doctor, welcher hörte, daß ich unten wäre, rief mich hinauf und ersuchte mich, den Kranken zu stützen, während man ihm das Bett machte. Sobald er auf die Füße trat —— ich bin überzeugt, daß ich ihn so behutsam als möglich anrührte —— ward er ohnmächtig und ich glaubte anfangs, er sei todt. Als wir ihn wieder auf das Bett legten, ging ein kleiner Gegenstand von Pappe, hübsch mit Perlen und Seide gestickt, von der Schnur los, mittelst welcher er an seinem Halse hing, und fiel auf die Diele. Ich hob das Ding auf, denn ich gedachte der Zeit, Marie, wo wir Brautleute waren und wo der geringste Gegenstand, der Dir gehörte, mir lieber war als Geld. Ich hob daher das Dingelchen sorgfältig, auf, weil ich glaubte, es sei ohne Zweifel ein Andenken von seiner Geliebten. Und in der That, als ich es ihm zurückgab, hing er es mit seinen kleinen zarten Händen sofort wieder um den Hals und sah mich mit dankbarem Blicke an, als ich es ihm wieder an die Schnur befestigen half.

Gerade als ich damit fertig war, winkte mir der Doktor, daß ich zu ihm an das andere Ende des Zimmers kommen sollte.

»Wenn das so fortgeht,« sagte er leise zu mir, »so verliert der Kranke den Verstand, wo nicht das Leben. Ich muß in seinen Papieren nachsehen, wer seine Freunde sind, und Ihr müßt dabei Zeuge sein.«

Mit diesen Worten öffnete der Doctor den kleinen Koffer des unbekannten jungen Mannes und nahm ein viereckiges versiegeltes Packet und dann zwei oder drei zusammengeheftete Briefe heraus.

Der arme Kranke sah uns mittlerweile zu, als ob er große Lust hätte, uns in dieser Beschäftigung zu unterbrechen. Der Arzt sagte hierauf, er glaube nicht, daß es nöthig sei, das versiegelte Packet zu öffnen, denn die Adresse sei auf allen Briefen dieselbe und entspreche den in die Wäsche eingezeichneten Anfangsbuchstaben.

»Nun,« sagte der Doctor, »weiß ich auch den Ort, wo er wohnt oder vielmehr wo er gewohnt hat, und dorthin werde ich daher zunächst schreiben.«

»Wollen Sie, daß meine Frau den Brief besorge?« sagte ich zu ihm; »sie ist jetzt in London bei unserer Tochter Susanne, und wenn die Freunde des jungen Mannes nicht mehr an dem Orte sein sollten, wohin Sie schreiben, so wird sie weitere Erkundigungen einziehen.«

»Das ist ein guter Gedanke, Penhale,« sagte der Doctor, »so wollen wir es machen. Schreibt an Eure Frau und legt meinen Brief in den Eurigen.«

Ich that wie er mir sagte, und sein Brief liegt hier mit der Angabe des Hauses und der Straße.

Nun aber; liebe Marie verliere keine Zeit, um zu sehen, ob Du etwas entdecken kannst. Die Adresse, welche der Doctor auf seinen Brief geschrieben, ist vielleicht die der Wohnung des jungen Mannes, oder Du findest in diesem Hause wahrscheinlich Leute, die Dir eine andere Adresse geben werden. Gehe sogleich hin und thue uns dann zu wissen, welchen Erfolg Deine Bemühungen gehabt haben denn es gilt, keine Zeit zu verlieren, und wenn Du diesen jungen Herrn sähest, so würde er Dir, eben so wie uns, das innigste Mitleid einflößen.

Mein Brief ist so lang geworden daß das Papier alle ist. Gott nehme Dich und unsere gute Susanne in seinen Schutz. Ich bin wie immer

Dein Dich liebender Gatte

William Penhale.

Zweiter Brief.

Marie Penhale an ihren Gatten.

Lieber William,

Susanne läßt Dich und ihre Geschwister tausend Mal grüßen. Sie hat wirklich hier ein sehr gutes Unterkommen gefunden und ihre Herrin ist sehr freundlich gegen sie. Meine Schwester Martha und deren Mann lassen Dich ebenfalls grüßen. Und nun, nachdem ich mich dieser Aufträge entledigt, will ich Dir einige gute Nachrichten für den armen jungen Herren geben, der so krank in T*** liegt.

Gleich nachdem ich bei Susannen gewesen und ihr Deinen Brief vorgelesen, begab ich mich in das Haus, dessen Adresse der Doctor auf seinen Brief geschrieben. Ach, was war das für ein vornehmes Hau! Ich getraute, mir erst kaum die Klingel zu ziehen. Endlich jedoch faßte ich Muth und sofort öffnete mir ein großer dicker Herr mit weißgepudertem Haar die Thür.

»Ich wollte fragen,« sagte ich, indem ich auf dem Briefe des Doktors stehenden stehenden Namen zeigte, »ob Freunde dieses Herrn hier wohnen.«

»Das will ich meinen!« sagte er. »Sein Vater und seine Tochter wohnen hier. Was wollt Ihr von ihnen?«

»Ich möchte sie diesen Brief lesen lassen,« antwortete ich. »Sie werden daraus erfahren, daß der junge Herr in unserer Gegend sehr gefährlich krank liegt.«

»Meinen Herrn könnt Ihr nicht sprechen« antwortete der gepuderte dicke Mann, »denn er ist so unwohl, daß er das Bett hütet, und mit Miß Clara geht es auch nicht besser. Ihr werdet daher wohl thun, wenn Ihr mir den Brief dalaßt.«

Während er dies sagte, schritt eine ziemlich bejahrte Dame —— später habe ich erfahren, daß es die Haushälterin war —— durch die Hausflur und fragte mich, was ich wolle. Nachdem sie mich angehört, verrieth ihre Miene plötzlich große Aufregung.

»Komm mit, liebe Frau,« sagte sie zu mir. »Ihr werdet Miß Clara mehr nützen als alle Aerzte zusammengenommen thun könnten. Aber es muß ihr dies Alles mit großer Vorsicht beigebracht werden und ehe sie den Brief sieht, denn ihre Gesundheit ist eine höchst schwache.«

Wir gingen die Treppe hinauf, die mit einem so schönen Teppiche belegt war, daß ich mir kaum getraute, mit meinen schmutzigen Schuhen darauf zu treten. Die Haushälterin öffnete eine Thür sprach einige Worte hinein, die ich nicht verstehen konnte, und ließ mich dann in das Zimmer treten, in welchem sich die junge Dame befand.

O William! ihr Gesicht war das sanfteste und freundlichste welches ich je in meinem Leben gesehen. Dabei aber war sie so bleich, und es lag ein so trauriger Blick in ihren Augen, als sie mich ersuchte, Platz zu nehmen, daß es mir ganz weich ums Herz ward, als ich an die Nachrichten dachte, die ich ihr brachte. Ich konnte anfangs gar nicht reden und ohne Zweifel wird sie gedacht haben, daß irgend Etwas mich verlegen mache, denn sie faßte mich bei der Hand und bat mich, nicht eher zu sprechen, als bis ich mich erholt und gefaßt haben würde. Dies sagte sie aber in so freundlichem Tone und sah mich dabei auf eine Weise an, daß ich einfältiges Weib anfing zu weinen, anstatt ihr zu antworten, wie ich doch hätte thun sollen.

Dies war aber dennoch wohlthätig für mich und ich konnte ihr erzählen, wie es mit ihrem Bruder ginge, ehe ich ihr den Brief des Doctors übergab. Sie öffnete ihn nicht, sondern blieb steif und unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule vor mir stehen, und es war, als könne sie weder weinen noch sprechen noch sich rühren. Ich erschrak so sehr, sie in einem so beunruhigenden Zustande zu sehen, daß ich ganz vergaß, in was für einem vornehmen Hause ich mich befand und was für eine vornehme Person ich hier vor mir hatte. Ich faßte sie daher ohne Weiteres in die Arme, um sie neben mich auf das Sopha zu sehen, gerade so wie ich mit unserer Susanne zu thun pflegte, wenn sie bekümmert war und ich sie trösten wollte. Es gelang mir auch, sie ein wenig wieder zu beruhigen, und sie legte ihr schönes Haupt auf meine Schulter und dann fing sie an zu weinen. Dadurch ward ihr Herz erleichtert und sie stammelte nun ein Dankgebet zu Gott, daß ihr Bruder wieder gefunden worden und daß gute Menschen sich seiner angenommen.

Sie hatte nicht den Muth, den Brief des Arztes selbst zulesen, und ich las ihr ihn daher vor. Der Doctor sprach darin über die Gesundheit des jungen Herrn gerade nicht auf sehr beruhigende Weise, sagte aber, wenn man ihm sorgfältige Pflege angedeihen ließe und ihn wieder in befreundete Umgebung brächte, so würde dies sehr viel thun.

Hierauf fragte sie mich, wann ich die Rückreise nach Cornwallis anträte und ich antwortete: »So bald als möglich« —— denn es ist auch wirklich die höchste Zeit, daß ich wieder nach Hause komme, William. »Wartet,« sagte hierauf die junge Dame Zu mir, »wartet, bis ich diesen Brief meinem Vater gezeigt habe.«

Und damit eilte sie aus dem Zimmer. Nach einigen Minuten kam sie mit ganz verklärtem Gesichte wieder. Sie war mit einem Male. wie umgewandelt und sagte, ich hätte durch das Ueberbringen dieses Briefes die Familie so glücklich gemacht, daß sie mir nie genug dafür danken könne. Es dauerte nicht lange, so trat hinter ihrein Herr ins Zimmer —— ihr älterer Bruder, wie sie mir sagte, und liebenswürdigste Herr, den ich jemals gesehen. Er drückte mir die Hand wie einer alten Bekannten, und sagte, sei die erste Person, die einer Familie dadurch Wohlthaten erzeigt, daß sie ihr schlimme Nachrichten überbracht. Hierauf fragte er mich, ob, ich bereit wäre, den nächsten Morgen früh mit ihm, der jungen Dame und einem ihm befreundeten Arzte nach Cornwallis zurückzureisen Ich hatte mir ohnedies schon vorgenommen, heute von unserer guten Susanne Abschied zu nehmen, und antwortete daher: »Ja.« —— Die guten Leute ließen mich nicht eher fort, als bis sie mir Etwas zu essen und zu trinken vorgesetzt, und die gute junge Dame ließ sich von Susannen erzählen und in welchem Hause sie diene, und that dann allerhand Fragen über Dich, unsere Kinder, gerade so, wie man sich nach Freunden und Nachbarn erkundigt. Das arme gute Herz! Sie sagte, daß sie den morgenden Tag kaum erwarten könne!

Endlich ließ man mich fort und ich ging wieder zu Susannen, um noch so lange als möglich bei ihr zu bleiben, ehe ich Abschied von ihr nähme. Sie ertrug die Trennung jedoch ganz muthig und standhaft, der Himmel nehme sie in seinen Schutz, und ich bin überzeugt, daß; er es thun wird, denn nie hat eine Mutter eine bessere Tochter gehabt.

Mein lieber William, ich fürchte, daß dieser Brief sehr schlecht geschrieben ist, aber die Thränen stehen mir in den Augen, wenn ich an Susannen denke, und ich fühle mich von Allem, was ich gesehen habe, so aufgeregt und ermüdet! Morgen früh werden wir in einem Wagen abreisen, den wir auch auf der Eisenbahn mitnehmen. Ihr werdet große Augen machen, wenn Ihr mich mit so vornehmen Leuten in einer so schönen Equipage kommen seht. Wahrscheinlich geschieht dies gleich nach meinem Briefe; aber ich wollte doch nicht unterlassen, an Dich zu schreiben, damit Du dem armen jungen Herrn die guten Nachrichten, die ich Dir melde, zuvor mittheilen kannst. Ich glaube, er wird gleich um Vieles besser werden, sobald er nur hört, daß sein Bruder und seine Schwester ihn abholen wollen, um ihn wieder in das Vaterhaus zurückzuführen. Ich kann Dir Nichts weiter schreiben, lieber William Ich bin zu müde. Ich sage Dir bloß, daß ich mich sehr freue, Dich und die Kinder wiederzusehen.

Deine Dich liebende

Marie Penhale.

Dritter Brief.

Der Verfasser der vorstehenden Selbstbiographie an
Mr. J. Bernard.

(Das Datum dieses Briefes ist beinahe neun Jahr älter
als das der beiden ersten Briefe.)

Lanzeath Cottage, den. ——.

Lieber Freund,

Wenn ich Ihrem letzten Briefe glauben darf, so zweifeln Sie, daß ich mich noch der Umstände erinnere, unter welchen ich Ihnen vor länger als acht Jahren ein gewisses Versprechen gegeben. Sie irren sich aber, denn keiner jener Umstände ist meinem Gedächtnisse entfallen. Um Sie davon zu überzeugen, will ich sie Ihnen kurz recapituliren und Sie werden daraus ersehen, daß ich Nichts vergessen habe.

Nach meiner Rückkehr aus Cornwallis —— könnte ich wohl jemals den Augenblick vergessen, wo ich Clara und Ralph an mein Bett treten sah! —— als die schwere Nervenkrankheit, an welcher ich so lange gelitten, der liebreichen durch Ihren Eifer und Ihre Geschicklichkeit unterstüzten sorgsamen Pflege meiner Familie, gewichen war, war einer meiner lebhaftesten Wünsche, Ihnen die ganze Dankbarkeit, mit welcher ich die vortrefflichen Freundschaftsdienste, die Sie mir geleistet, würdige, dadurch zu beweisen, daß ich in Sie dasselbe Vertrauen setze, welches ich, den theuersten und nächsten Verwandten schenken würde. Von dem Augenblicke an, wo wir uns in dem Hospitale kennen lernten, habe ich bei den so schweren physischen und moralischen Anfechtungen, denen ich unterworfen gewesen, stets auf Ihre Hingebung rechnen können, und durch Sie Beweise von dem, Zartgefühle und der persönlichen Selbstverleugnung eines ächten Freundes erhalten.

Ich glaubte, ich sei Ihnen vor allen Dingen schuldig, Ihnen mitzutheilen, durch welche Verhältnisse ich in die Situation versetzt worden, in welcher Sie mich fanden, als Sie meinen Bruder und meine Schwester nach Cornwallis begleiteten. deshalb habe ich als ein theures Vermächtniß und als einen Ihnen allein gegebenen Beweis von Vertrauen die Erzählung, die ich über meinen Fehltritt und dessen furchtbare Folgen niedergeschrieben, in Ihre Hände gelegt. Ich wäre damals nicht im Stande gewesen, Ihnen mündlich zu erzählen, was mir begegnet ist, und selbst nach diesem Zwischenraume von mehreren Jahren wäre die Aufgabe noch eine zu schwere für mich.

Nachdem Sie diese Geschichte der der verhängnisvollsten Epoche meines Lebens gelesen, haben Sie mich bei der Rückgabe des Manuscripts dringend aufgefordert, die die Veröffentlichung desselben noch bei meinen Lebzeiten zu gestatten. Ich habe die Richtigkeit der Beweggründe gewürdigt, welche Sie veranlaßt haben, mir diesen Rath zu geben. Ich habe zugegeben, daß Veränderung der Namen, der Oertlichkeiten und der Daten, uns gegen die Gefahr der Entdeckung der Persönlichkeit einer Person dieser Geschichte schützen würde; gleichzeitig aber habe ich Ihnen auch gesagt, daß ein anderes Hinderniß, welches seinen Grund in einer sehr natürlichen Rücksicht hatte, mich verhinderte, Ihrem Rathe zu folgen.

So lange mein, Vater lebte, konnte ich ein Manuscript, in welchem er als sich auf die feindseligste Weise von seinem Sohne trennend geschildert ist, nicht der Oeffentlichkeit preisgeben. Wir trugen selbst in unserem engeren Zirkel Bedenken, wieder von diesen traurigen Ereignissen, zu sprechen, und wären sie in, der Gestalt einer gedruckten Erzählung einmal dem Bereiche der Oeffentlichkeit anheimgefallen, so hätte ein schlimmer Zufall die Augen und die Erinnerung meines Vaters auf' Neue dadurch betrüben können.

Sie ließen diesen meinen Gegengründen Gerechtigkeit widerfahren und versprachen mir; im Falle ich vor meinem Vater sterben sollte, dieses Manuscript nicht zu veröffentlichen, so lange er lebe.

Indem Sie auf diese Bedingungen eingingen, stellten Sie zugleich mir ebenfalls eine, nämlich die, daß, wenn ich meinen Vater überlebte, ich dann, weil das von mir geltend gemachte Hinderniß beseitigt sei, Ihren Wunsch erfüllen sollte. Dies versprach ich und dies waren die Umstände, unter welchen ich Ihnen dieses Versprechen gab.

Ich glaube, mein Gedächtniß wird Ihnen treuer erscheinen als Sie glaubten.

Mit Ihrem gewohnten Zartgefühle haben Sie seit dem Tode meines Vaters sechs Monate verstreichen lassen, ehe Sie mich daran erinnert haben. Und Sie haben wohl daran gethan. Ich habe Zeit gehabt, zu fühlen, wie tröstlich es für mich sei, mich zu erinnern, daß ich im Laufe dieser letzten Jahre meinem Vater das Leben versüßt unangenehm gemacht habe. Ich habe die Gewißheit, daß nur der Lauf der Natur seinen Tod herbeigeführt und daß ich ihm niemals Anlaß gegeben habe, die vollständige und vertrauensvolle Versöhnung zu bereuen, welche gleich nach unserer ersten freien Unterredung bei meiner Rückkehr in meine Familie stattfand.

Noch aber habe ich nicht Ihre Frage beantwortet, welche dahin lautet, ob ich jetzt geneigt sei, die Veröffentlichung meiner Erzählung unter der Bedingung zu gestatten, daß alle Namen und Orte, welche darin erwähnt werden, verborgen bleiben und daß nur Sie nebst Ralph und Clara in mir den Verfasser meiner eigenen Geschichte kennen.

Ich antworte Ihnen hierauf, daß ich damit einverstanden bin. Binnen einigen Tagen wird eine sichere Hand Ihnen dieses Manuscript wieder zustellen. Mein Bruder und meine Schwester haben gegen die Veröffentlichung Nichts zu erinnern, sobald sie unter den eben angedeuteten Vorbehalten erfolgt, und ich zögere daher nicht länger, von der mir gegebenen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Ich habe den leichtsinnigen Charakter meines Bruders Ralph nicht beschönigt, aber die brüderliche Herzensgüte und die männliche Großmut, welche diesen Leichtsinn doppelt aufwiegt, werden, hoffe ich, in meiner Erzählung eben so zu Tage treten wie in der Wirklichkeit.

Was Clara, meine geliebte Schwester, betrifft, so habe ich nur das Bedauern auszusprechen, daß es mir höchstwahrscheinlich nicht gelungen ist, ihren herrlichen Charakter so zu schildern, wie er es verdient.

Dennoch aber bleibt noch Eine Schwierigkeit.

Welchen Schluß werden wir den Blättern geben, die ich im Begriffe stehe, Ihnen zu schicken? Im Vergleiche mit gewöhnlichen Romanen hat meine Geschichte gar keinen wirklichen Schluß, wenn man nicht als einen solchen die Ruhe betrachten will, welche auf die Leiden gefolgt ist, die wir Jeder zu ertragen gehabt haben. Für mich ist es eine Ruhe im Leben gewesen, für Andere die Ruhe im Grabe, die einzige, welche so vielen Menschen beschieden ist. Es ist eine ruhige, natürliche, allerdings sehr einfache Lösung, die aber dennoch vielleicht nicht ohne Lehre und Werth ist.

Wäre es wohl gerathen, daß ich bloß, um Effekt zu erzielen, einen erdichteten Schluß machte und durch die Phantasie beendete, was von Anfang an bis jetzt nur Wahrheit gewesen ist? Ganz gewiß nicht, denn auf diese Weise würde dem Interesse der Kunst eben so wenig gedient sein als dem der Wahrheit.

Alles, was ich nach den letzten Zeilen, die ich meinem Tagebuche hinzugefügt, noch zu erzählen hätte, ist auf die einfachste, wahrste und folglich beste Weise in den Briefen von William und Marie Penhale ausgedrückt, die ich Ihnen mit meinem Manuscripte zusendete. Als ich wieder nach Cornwallis kam, um den guten Bergmann und seine Frau zu besuchen und ihnen mündlich meinen Dank für ihre so vortreffliche Handlungsweise gegen mich zu erkennen zu geben, entdeckte ich, indem ich allerhand Fragen in Bezug auf die Vergangenheit an sie that; daß sie noch die Briefe besaßen, welche sie während meiner Krankheit in T*** meinetwegen an einander geschrieben. Ich bat sie um die Erlaubniß, eine Abschrift von diesen beiden Documenten zu nehmen, die besser als das, was ich selbst hinzufügen könnte, eine Lücke in meiner Geschichte ausfüllen werden.

Diese wackern Leute waren damit einverstanden und fühlten sich stolz, mir zu beweisen, daß sie nach wie vor ihrer Verheirathung ihre ganze Correspondenz gewissenhaft aufbewahrt hatten, zum Zeugnis, daß ihre gegenseitige Liebe unverändert geblieben. Dennoch bestanden sie mit rührender Einfachheit darauf, daß ich ihre schlichte Ausdrucksweise ein wenig glätten und polieren möchte, damit diese Briefe sich besser läsen, wie sie meinten.

Sie werden aber ganz wie ich der Ansicht sein, daß meine Idee die bessere war und daß die beiden Briefe so buchstäblich gedruckt werden müssen, wie sie von meiner Hand abgeschrieben worden. Die Sprache der Herzensgüte besitzt eine Beredsamkeit, welche die Kunst zuweilen nachahmen, aber nicht verbessern kann. Nun, nachdem ich auf diese Weise für die Fortsetzung meiner Geschichte bis zur Rückkehr in mein väterliches Haus gesorgt, habe ich nur einige Worte in Bezug auf die Art und Weise hinzuzufügen, wie das Manuscript druckfertig gemacht werden soll.

Selbst gegenwärtig kann ich es nicht über mich gewinnen, es nochmals durchzulesen, und ich überlasse daher Andern die Sorge, die nothwendigen Verbesserungen zu bewirken, jedoch unter Einer Bedingung, nämlich der, daß in den Stellen, wo ich ein Ereigniß erzählt oder einen Charakter beschrieben, Nichts geändert werden darf, weder um sie auszuschmücken, noch um Etwas darin zu streichen.

Ich weiß recht wohl, daß gewisse Leser geneigt sind, sogar die Wahrheit für unwahrscheinlich zu halten, so lange sie nicht das Zeugniß der persönlichen Erfahrung für sich hat, und eben aus diesem Grunde bleibe ich fest bei meinem Entschlusse, Nichts weiter hinzuzufügen. Alles, was ich geschrieben habe, ist die Wahrheit und muß so bleiben. An meinem Styhle mögen Sie alle Verbesserungen vornehmen, die Sie für angemessen erachten mögen, die Charaktere und Ereignisse aber müssen so bleiben wie sie sind.

Was die noch lebenden Personen meiner Geschichte betrifft, so habe ich über sie sehr wenig zu, sagen, was die Mehrzahl der Leser interessieren könnte.

Der Mann, den ich unter dem Namen Sherwin vorgeführt, lebt, glaube ich, noch und wohnt in Frankreich, wohin er sich kurz nach den in meiner Geschichte erwähnten letzten Ereignissen zurückgezogen hat. Sein Geschäftsführer hatte in seinem Geschäfte ein neues System eingeführt, welches er, nachdem er diesen verloren, dennoch auf eigne Faust und auf demselben Fuße fortführen wollte. Dies war sein Verderben. Seine Geschäfte geriethen in Unordnung und Verwirrung, eine Handelskrisis kam dazu, welcher er nicht gewachsen war, und er erklärte sich insolvent, nachdem er trotz des Schiffbruches seines Vermögens aus unredliche Weise so viel beiseite gebracht, daß er die Mittel zu seinem ferneren Lebensunterhalte hatte. Vor einigen Jahren hörte ich von ihm als von einem Manne sprechen, der, wie er den englischen Bewohnern der Stadt, die er zu seinem Aufenthalte gewählt, erzählt hat, unverdienter Weise von schweren häuslichen Unfällen betroffen worden ist und seinen Kummer mit exemplarischer Frömmigkeit und Ergebung zu tragen weiß.

Was die andern Personen betrifft, an welche meine Geschichte erinnert und die jetzt nicht mehr sind, so kann und mag ich nicht mehr davon sprechen. Ich kann nicht, ohne vor Entsetzen zu schaudern, an jenen Theil der düsteren Vergangenheit denken, wo ihr Leben sich mit den meinigen verflocht.

Zwei Namen giebt es, welche meine Lippen seit Jahren nicht ausgesprochen haben und auch bis an das Ende meiner Tage nicht wieder aussprechen werden. Die Nacht des Todes hat sich über sie herabgesenkt und wie könnte ich wagen, diesen Vorhang wieder lüften zu wollen!

Was meine Zukunft betrifft, so ruhet sie noch in Ungewißheit und meine Gedanken weilen daher bei der Gegenwart mit einer Zufriedenheit, welche keine Veränderung begehrt. Seit fünf Monaten haben Clara und ich unsern Wohnsitz auf dem kleinen Landgute genommen welches früher Eigenthum ihrer Mutter war und jetzt ihr gehört. Schon lange vor dem Tode unseres Vaters sprachen wir schon unter uns von den schönen Tagen, welche wir hier zu verleben wünschten, wie wir sie jetzt verleben. Dann und wann verlassen wir allerdings Lanzeath Cottage, kehren aber immer bald wie in unsere wahre Heimath hierher zurück.

Die Jahre der Zurückgezogenheit welche ich nach meiner Wiederherstellung in unserm alten Familienschlosse zugebracht, haben in mir nicht einmal den Wunsch erweckt, wieder in der Welt zu erscheinen.

Ralph der jetzt das Haupt unserer Familie ist, der sich durch das Bewußtsein seiner neuen Pflichten zur Höhe seiner neuen Stellung erhoben hat, Ralph, der schon viele Gewohnheiten abgelegt, welches früher wesentliche Schattenseiten von ihm waren, hat mir geschrieben, daß er alle Hilfsquellen, die ihm jetzt zu Gebote stehen, benutzen würde, wenn ich mich entschließen wollte, mich dem öffentlichen Leben zu widmen.

Diese Absicht aber liegt mir noch fern. Jetzt will ich noch in Dunkel, in Frieden und Zurückgezogenheit leben. Ich habe zu viel gelitten, ich bin zu grausam verwundet worden, als daß ich darnach trachten könnte, einen Plan unter den Helden des Ehrgeizes einzunehmen und mir durch Kampf einen Weg zu bahnen. Mögen Andere muthig den steilen Pfad der Thätigkeit erklimmen, für mich birgt das schattige Thal der Ruhe künftige Hoffnungen und gegenwärtiges Glück.

Ich spreche aber durchaus nicht von einer Ruhe, die keine Pflichten hätte und die in der Praxis des Lebens zu Nichts nützte —— die Hilfsbedürftigen in der kleinen Sphäre, welche mich umgiebt, zu unterstützen, Denen, welchen Noth und Mangel zu viel Hindernisse in den Weg geworfen, dieselben beseitigen zu helfen, meinen Geist durch alle Kenntnisse zu stärken, welche ihn geeigneter machen können, die Absichten des großen Wesens zu durchdringen, welches über uns Allen wacht, mich jeden Tag zu bemühen, die sich stets gleichbleibende vollkommene Zuneigung einer geliebten Schwester zu verdienen, welche mir an diesem theuern Heerde Gesellschaft leistet —— dies sind die einzigen theuern Pläne, mit welchen ich mich noch befreunden kann. Möge es mir vergönnt sein, lange genug zu leben, um sie durchzuführen und ich habe dann Nichts mehr von dem Leben zu verlangen.

Es hält mich nun Nichts mehr ab, diesen Brief zu beenden. Ich habe Ihnen alle Materialien mit getheilt, die zum Schlusse meiner Geschichte nöthig sind, und Ihnen alle Instructionen gegeben, welche Sie in den Stand setzen können, diese Geschichte zu veröffentlichen. Bewirken Sie diese Veröffentlichung, wie und wann Sie wollen, denn in Bezug auf die Aufnahme, welche sie bei dem Publikum finden wird, habe ich keinen bestimmten Wunsch auszusprechen. Für mich genügt es, zu wissen, daß ich sie trotz ihrer sonstigen Mängel aufrichtig und der Wahrheit gemäß, ohne falsche Scham, aber auch ohne Dünkel oder Ueberhebung niedergeschrieben habe.

Wenn Sie übrigens noch irgend eine andere Auskunft, die ich vielleicht versäumt habe zu geben, zu erhalten wünschen, so schreiben Sie mir, oder noch besser, kommen Sie selbst, um aus meinem eignen Munde zu hören, was Sie zu wissen wünschen. Sehen und beurtheilen Sie selbst das Leben, welches ich jetzt führe und ferner führen werde, so wie es wirklich ist. Gönnen Sie sich in Ihrem angestrengten ehrenvollen Berufe einmal einige Tage Muße und besuchen Sie uns in unserem kleinen Landhause. Clara verbindet ihre Einladung mit der Meinigen, denn niemals wird sie vergessen, was ich Ihrer Freundschaft verdanke, niemals wird sie —— eben so wenig als ich —— müde werden, Ihnen zu zeigen, daß wir fähig sind, sie zu verdienen. Sie werden meine Schwester noch ganz so finden, wie sie früher war —— die verkörperte unerschöpfliche Herzensgüte.

Leben Sie also wohl bis auf Wiedersehen! Ziehen Sie keine übereilten Schlüsse aus dem einsamen Leben, welches ich in diesen letzten Jahren geführt. Glauben Sie nicht, daß das Unglück mein Herz erkältet oder meinen Geist entnervt habe. Die vergangenen Leiden haben vielleicht Einfluß auf mein Temperament gehabt, aber sicherlich ohne der Seele zu schaden. Im Gegentheile haben sie dieselbe gestählt Ihnen verdanke ich, daß ich nun endlich klar sehe, was anfangs nur eine verworrene Wahrnehmung für mich war. Ich habe begriffen, welchen Gebrauch ich von meiner Existenz machen kann, indem ich nach einem höheren Beifalle trachte, als der Ruhm vor Menschen ist. Ich fühle jetzt den edelsten Ehrgeiz, den einzigen, welcher Kraft genug besitzt um sich über die Grenzen dieses kurzen Lebens hinaus zu erwecken. In der That habe ich trotz dieser so einfachen zurückgezogenen Existenz meine Bestrebungen, mein Ziel. Alles, theurer Freund, was wir durch unsere Gesinnungen oder durch unsere Fähigkeiten in dieser Welt Gutes thun können, steigt wie ein Lobgesang der Menschheit zur ewigen Welt empor. Und sind unter den tausend und abertausend Stimmen, welche diese Hymne des Weltalls bilden, die, welche man hienieden und auf den irdischen Höhen am weitesten vernimmt, nicht zugleich die sanftesten und reinsten, welche durch den Raum hindurch zu dem Throne des Unvergänglichen aufsteigen und sich in der reinsten Harmonie mit dem Chore der Engel mischen?

Diese Frage ist eine erhabene und unseres Nachdenkens würdige. Lassen Sie, lieber Freund, Ihr Herz darauf antworten und dann werden Sie mir sagen, ob das einsamste, dunkelste Leben, ob selbst ein Leben, wie das meinige, nicht durch ein dauerndes Streben veredelt und einem höhern Ziele zugewendet sein kann.

Ich bin fertig. Die milde Frische dieses Sommerabends hat mich während des Schreibens überrascht, und Clara's Stimme —— die Stimme, welche, wie sonst so auch jetzt noch, Behagen und Heiterkeit des Geistes um sich her verbreitet, fordert mich auf, aus dem Bosket unseres Gartens herauszukommen, um die am fernen Horizonte in das Meer hinabsinkende Sonne zu betrachten. Noch ein Mal —— leben Sie wohl!

Ende des dritten und letzten Bandes.


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