Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Ein tiefes Geheimnis - Zweiter Band - Der Anfang des Endes
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Ein tiefes Geheimnis



Neuntes Kapitel

Der Anfang des Endes

Es war in Andrew Trevertons Haus gerade Backtag, als der mit Bestellung von Doktor Chennerys Briefe beauftragte Bote die Gartentür des uns bekannten Hauses in Bayswater erreichte.

Nachdem er dreimal die Klingel gezogen, hörte er eine rauhe Stimme auf der andern Seite der Mauer, welche Stimme ihm zuschrie, er solle die Klingel in Ruhe lassen, und zugleich fragte, wer zum Teufel er sei und was er wolle.

„Ich bringe einen Brief an Mr. Treverton“, sagte der Bote, indem er, während er dies sagte, zugleich vorsichtig von der Tür zurückwich.

„Nun, so werft ihn über die Mauer und packt Euch dann Eurer Wege“, antwortete die rauhe Stimme.

Der Bote gehorchte diesen beiden Weisungen. Er war ein schüchterner, bescheidener, ältlicher Mann und als die Natur die Bestandteile seiner Gemütsart mischte, befand sich die Fähigkeit, Beleidigungen zu rügen, nicht mit darunter.

Der Mann mit der rauhen Stimme – oder um die Sache einfacher auszudrücken, der Diener Shrowl – hob den Brief auf, wägte ihn in der Hand, betrachtete die Adresse mit einem Ausdruck verächtlicher Neugier in seinen Spürhundaugen, steckte ihn in die Westentasche und lenkte seine Schritte träg nach der andern Seite des Hauses, wo sich der Eingang zur Küche befand.

In dem Gemach, welches wahrscheinlich die Speisekammer genannt worden wäre, wenn das Haus zivilisierten Bewohnern gehört hätte, war eine Handmühle aufgestellt und in dem Augenblick, wo Shrowl in dieses Gemach trat, war Mr. Treverton beschäftigt, seine Unabhängigkeit von allen Müllern in England dadurch zu behaupten, daß er sich sein Getreide selbst mahlte. Er hielt ärgerlich mit dem Drehen der Kurbel inne, als seni Diener an der Tür erschien.

„Was wollt Ihr hier?“ fragte er. „Wenn das Mehl fertig ist, werde ich Euch schon rufen. Wir wollen einander doch nicht öfter ansehen, als es unumgänglich notwendig ist. Ich kann Euch niemals ansehen, Shrowl, ohne mich zu fragen, ob es im ganzen Bereiche der Schöpfung ein Tier gibt, welches so häßlich ist wie der Mensch. Ich sah heute morgen eine Katze auf der Gartenmauer und bemerkte an derselben auch nicht einen einzigen Punkt, hinsichtlich dessen Ihr den Vergleich mit ihr aushalten könntet. Die Augen der Katze waren hell – die Eurigen sind trübe. Die Nase der Katze war gerade – die Eurige ist krumm. Der Bart der Katze war sauber – der Eurige ist schmutzig. Das Kleid der Katze paßte ihr – das Eurige hängt um Euch herum wie ein Sack. Ich sage Euch nochmals, Shrowl, die Gattung der Geschöpfe, welcher Ihr – und ich – angehört, ist die häßlichste der ganzen Schöpfung. Wir wollen uns nicht mit Ekel gegeneinander erfüllen, indem wir länger einer in des andern Gesellschaft bleiben. Geht fort, Ihr letzte, schlechteste, erbärmlichste Laune der Natur – geht fort.“

Shrowl hörte diese schmeichelhafte Anrede mit sauertöpfischer Heiterkeit an. Als sein Herr damit fertig war, zog er, ohne sich zu einer Antwort darauf herabzulassen, den Brief aus der Westentasche. Er war sich shcon längst seiner eigenen Gewalt über seinen Herrn viel zu vollständig bewußt, als daß er auf irgendetwas, was Mr. Treverton ihm sagen konnte, auch nur das geringste Gewicht hätte legen sollen.

„Na, wenn Sie mit Sprechen fertig sind, so sehen Sie sich einmal das da an“, sagte Shrowl, indem er den Brief nachlässig auf den Tisch, neben welchem sein Herr stand, fallen ließ. „Es geschieht nicht oft, daß die Leute sich die Mühe nehmen, Ihnen Briefe zu schicken – nicht wahr nicht? Von wem glauben Sie wohl, daß dieser da kommt – ich bin neugierig, ob Ihre Nichte auf den Einfall gekommen ist, an Sie zu schreiben? Es stand kürzlich in der Zeitung, daß sie einen Sohn und Erben bekommen hat. Öffnen Sie den Brief und sehen Sie, ob es vielleicht eine Einladung zur Kindtaufe ist. Ohne Sie wäre ja das Fest nicht vollständig und die Gesellschaft würde ganz gewiß nicht recht heiter sein können, wenn Ihr lächelndes Antlitz an der Tafel vermißt würde. Lassen Sie mich einstweilen die Mühle drehen, während Sie ausgehen und ein silbernes Nutschkännchen kaufen. Der Sohn und Erbe erwartet ein Nutschkännchen, wissen Sie, und seine Wörterin erwartet eine halbe Guinee und seine Mama erwartet Ihr ganzes Vermögen. Welch ein Vergnügen, diese drei unschuldigen Wesen glücklich zu machen! Es ist abscheulich, Sie so schiefe Gesichter über diesen Brief ziehen zu sehen. Mein Himmel, wo ist Ihre liebreiche Gesinnung denn auf einmal hin?“

„Wenn ich nur wüßte, wo ich einen Knebel fände, um Euch damit Eure nichtswürdige Schnauze zu stopfen!“ rief Mr. Treverton. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, mir etwas von meiner Nichte zu sagen, Ihr erbärmlicher Kerl! Ihr wißt, ich hasse sie um ihrer Mutter willen. Was soll das heißen, daß Ihr fortwährend von meinem Vermögen faselt? Ehe ich es dem Kinde der Komödiantin hinterließe, vermachte ich es lieber Euch, und ehe ich es Euch vermachte, lüde ich es lieber bis auf den letzten Heller in ein Boot und versenkte es auf immer in den Schoß des Meeres.“

Während Mr. Treverton seiner Unzufriedenheit auf diese nachdrückliche Weise Worte lieh, raffte er Doktor Chennerys Brief vom Tische und riß ihn in einer Stimmung auf, die für einen glücklichen Erfolg der Bitte des Vikars durchaus nicht sonderlich verheißungsvoll war.

Er las den Brief mit ominöser Miene, die immer finsterer und finsterer ward, sowie er dem Ende des Briefes näher kam. Als er die Unterschrift erblickte, änderte seine Laune sich plötzlich und er lachte sardonisch.

„Ganz gehorsamst der Ihrige, Robert Chennery“, wiederholte er bei sich selbst. „Ja, ganz gehorsamst der Meinige, wenn ich dir den Willen tue. Und wenn ich ihn nun nicht tue, Pfaffe?“

Er schwieg, sah den Brief wieder an und der tückische Blick kam darauf wieder zum Vorschein.

„Es steckt irgendeine lauernde Lüge hinter dieser gleißnerischen schönen Schrift“, murmelte er argwöhnisch. „Ich bin aber kein Mitglied seiner Gemeinde. Das Gesetz gibt ihm nicht das Recht, mir blauen Dunst vorzumachen. Was soll es bedeuten, daß er es doch versucht?“

Er schwieg wieder, dachte ein wenig nach, blickte plötzlich zu Shrowl auf und sagte zu ihm:

„Habt Ihr das Backofenfeuer schon angezündet?“

„Nein, noch nicht“, antwortete Shrowl.

Mr. Treverton betrachtete den Brief zum dritten Male, zögerte, riß ihn dann langsam in der Mitte durch und warf die beiden Stücken verächtlich seinem Diener zu.

„Zündet das Feuer sofort an“, sagte er. „Und wenn Ihr Papier braucht, so ist hier welches. Halt“, setzte er hinzu, nachdem Shrowl den zerrissenen Brief aufgehoben hatte. „Wenn morgen jemand kommt, um die Antwort zu verlangen, so sagt ihm, ich hätte Euch den Brief gegeben, um das Feuer damit anzuzünden, und dies wäre meine Antwort.“

Mit diesen Worten kehrte Mr. Treverton an die Mühle zurück und begann mit boshaftem, schadenfrohen Lächeln sie wieder zu drehen.

Shrowl begab sich in die Küche, schloß die Tür, legte die zerrissenen Stücke des Briefes nebeneinander auf den Anrichtetisch und begann ganz kaltblütig und gelassen den Brief zu lesen.

Als er dies langsam und sorgfältig von der Adresse bis zu der Unterschrift getan, kratzte er sich eine Weile nachdenklich in seinem zottigen, vernachlässigten Barte, faltete dann den Brief sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche.

„Ich will ihn mir später noch einmal ansehen“, dachte er bei sich selbst, indem er ein Stück von einer alten Zeitung abriß, um das Feuer damit anzuzünden. „Ich glaube, es läßt sich mit diesem Briefe doch noch etwas Besseres tun, als ihn verbrennen.“

Fest entschlossen, den Brief nicht eher wieder aus der Tasche zu nehmen, als bis alle häuslichen Verrichtungen für diesen Tag gehörig besorgt wären, zündete Shrowl das Feuer an, buk im Laufe des Vormittags das Brot und begann dann geduldig im Gemüsegarten zu graben.

So ward es vier Uhr nachmittags, ehe er sich berechtigt glaubte, an seine Privatangelegenheiten zu denken und sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um den Brief im Geheimen noch einmal durchzulesen.

Diese zweite Lektüre des unglücklichen Gesuchs des Doktor Chennery an Mr. Treverton bestärkte Shrowl in seinem Entschluß, den Brief nicht zu vernichten.

Mit großer Mühe und Ausdauer und fortwährend sich im Barte kratzend, unterschied er endlich drei Hauptpunkte in diesem Brief, die nach seiner Ansicht von hervorragender Wichtigkeit waren.

Der erste dieser drei Hauptpunkte war, daß die Person, welche sich mit dem Namen Robert Chennery unterzeichnet, einen Plan oder gedruckten Bericht über die nördliche Seite der innern Räume eines gewissen alten Schlosses in Cornwall, Porthgenna Tower genannt, zu Rate zu ziehen wünschte.

Der zweite Punkt schien sich dahin aufzulösen, daß Robert Chennery glaubte, es sei ein solcher Plan oder gedruckter Bericht vielleicht unter der Mr. Treverton gehörenden Büchersammlung zu finden.

Der dritte Punkt war, daß dieser Robert Chennery das Darleihen eines solchen Planes oder gedruckten Berichts als eine der größten Gefälligkeiten betrachten würde, die ihm erwiesen werden könnten.

Über die letztere Tatsache nachdenkend und sein Augenmerk ausschließlich auf Betrachtung seines eigenen Interesses richtend, gelangte Shrowl zu dem Schlusse, daß es wohl in pekuniärer Beziehung der Mühe verlohnen könne, wenn er sich in den Stand zu setzen suchte, Robert Chennery die gewünschte Gefälligkeit zu erzeigen, indem er heimlich unter den Büchern seines Herrn nachsuchte.

„Es könnte mir wohl eine Fünfpfundnote eintragen, wenn ich die Sache gut besorge“, dachte Shrowl, steckte den Brief wieder in die Tasche und ging nachdenklich die Treppe hinauf nach den Rumpelkammern oben unter dem Dache.

Diese Gemächer waren zwei an der Zahl, ohne alle Möbels und mit der Büchersammlung, die einst die Bibliothek von Porthgenna Tower geschmückt, angefüllt. Mit Staub bedeckt und nach allen Richtungen hin auf dem Fußboden umhergestreut, lagen Hunderte von Bänden aus den Packkisten herausgeworfen, wie Kohlen in einem Keller aus den Säcken herausgeworfen werden. Alte wertvolle Exemplare, welche mancher Gelehrte als unbezahlbare Schätze betrachtet hätte, lagen in chaotischer Gleichheit neben modernen Werken, deren Hauptvorzug in ihrem schönen Einband bestand.

In diese Wildnis von umhergestreuten Büchern trat jetzt Shrowl, ermutigt durch die erhabene Geistesgegenwart der Unwissenheit, um entschlossen nach einem besondern Buche zu suchen, ohne ein anderes Licht zu seiner Führung zu haben, als den schwachen Schimmer der beiden Worte „Porthgenna Tower“.

Nachdem er sich dieselben fest eingeprägt, stellte er sich zunächst die Aufgabe, zu suchen, bis er sie auf der ersten Seite eines der hunderte der um ihn herumliegenden Bände gedruckt fände. Dies war für den Augenblick seine wirkliche Lebensaufgabe und er stand nun in der größten der beiden Dachkammern, hartnäckig entschlossen, diese Aufgabe zu lösen.

Er machte sich mit den Füßen so viel freien Raum, daß er sich bequem auf den Fußboden setzen konnte und begann dann alle Bücher, die er erreichen konnte, anzusehen.

Einzelne Bände von seltenen Klassikerausgaben, einzelne Bände der englischen Geschichtsschreiber, einzelne Werke der Dramatiker aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth, Reisebeschreibungen, Predigten, Anekdotensammlungen, Bücher über Naturgeschichten, über Jagdwesen u.s.w. folgen rasch in bunter Abwechselung aufeinander, aber kein Buch, auf dessen Titelblatt die Worte „Porthgenna Tower“ gestanden hätten, belohnte während der ersten zehn Minuten, nachdem er sich auf den Boden niedergesetzt, Shrowls fleißiges Suchen.

Ehe er in eine andere Stellung weiterrückte und einen frischen Haufen literarischen Gewühls vornahm, machte er eine Pause und ging mit sich zu Rate, ob es nicht eine bequemere und systematischere Methode als seine bisherige gäbe, um sich durch die zerstreute Masse von Büchern, die noch durchzusehen blieben, hindurchzuarbeiten.

Das Ergebnis seiner Betrachtungen war, daß es für ihn weniger ermüdend sein würde, wenn er alle Bücher in allen Teilen des Gemachs ohne Unterschied vornähme und sich in seiner Auswahl bloß nach ihrem verschiedenen Format richtete. Zuerst wollte er die größten vornehmen, dann, nachdem er diese auf einen Haufen gelegt, die nächstgrößeren und so weiter, bis er endlich bis auf die Taschenausgaben käme. – Demgemäß machte er sich einen zweiten freien Raum in der Nähe der Wand, trampelte dann auf den Büchern so kaltblütig herum, als ob es ebenso viele Erdklöße auf einem gepflügten Felde wären, und suchte von allen Bänden, die auf der Diele lagen, den größten heraus.

Es war ein Atlas, Shrowl wendete die Karten, eine nach der andern um, dachte nach, schüttelte den Kopf und legte den Band dann auf einen leeren Raum, welchen er dicht an der Wand frei gemacht.

Das nächstgrößte Buch war eine prachtvoll gebundene Sammlung in Kupfer gestochener Bildnisse berühmter Männer. Shrowl begrüßte die berühmten Männer mit einem Grunzen vandalischer Mißbilligung und ließ sie dann dem Atlas Gesellschaft leisten.

Das drittgrößte Buch lag unter mehrern andern. Es ragte ein wenig mit der einen Ecke hervor und war in roten Maroquin gebunden. In einer andern Lage, oder wenn es in eine bescheidnere Farbe gebunden gewesen, wäre es höchstwahrscheinlich unbemerkt geblieben. Shrowl zog es mit einiger Mühe hervor, öffnete es mit mißtrauischem Stirnrunzeln, sah das Titelblatt an und klatschte sich plötzlich mit einem lauten triumphierenden Fluche auf den Schenkel.

Hier standen die zwei Worte, die er suchte, und stierten ihm gleichsam mit dem ganzen Nachdruck der größten Anfangsbuchstaben ins Gesicht.

Er horchte einen Augenblick, um sich zu überzeugen, daß sein Herr sich nicht im Hause umherbewege, dann wendete er sich zu dem ersten Blatt des Buches mit der Absicht, es sorgfältig von Anfang bis Ende, Seite für Seite durchzusehen.

Das erste Blatt war ein leeres. Am Rande des zweiten stand mit verblichener Tinte geschrieben: „Selten. Nur sechs Exemplare gedruckt. J. A. T.“

Weiter unten auf der Mitte des Blattes stand die gedruckte Zueignung:

„John Arthur Treverton, Esquire, Herrn und Besitzer des Schlosses Porthgenna, königlichem Friedensrichter, Mitgliede der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zc. zc. zc. ist dieses Werk gewidmet, in welchem ein Versuch gemacht worden, den altertümlichen und geehrten Herrensitz seiner Ahnen zu beschreiben.“

Es standen noch viele Zeilen mehr da, die alle bis zum Überfließen mit den längsten und unterwürfigsten Worten, die in dem Wörterbuche zu finden sind, angefüllt waren; Shrowl aber enthielt sich wohlweislich der Mühe, sie zu lesen, und ging sogleich weiter zu dem nächsten, dem Titelblatt.

Und hier standen wirklich die über alles wichtigen Worte:

„Geschichte der Altertümer von Porthgenna Tower, von der Zeit seiner ersten Erbauung bis auf die Gegenwart, mit interessanten genealogischen Notizen über die Familie Treverton, einer Untersuchung über den Ursprung der gotischen Architektur und einigen Gedanken über die Theorie der Befestigungskunde nach der Eroberung Englands durch die Normannen. Von dem ehrwürdigen Job Dark, Dr. th., Rektor von Porthgenna. Mit sorgfältig ausgeführten Porträts, Ansichten und Grundrissen. Nicht in den Buchhandel gegeben. Gedruckt von Spaldock und Grimes, Truro, 1734.“

Dies war das Titelblatt. Das nächste Blatt enthielt eine gestochene Ansicht von Porthgenna Tower von der Westseite, dann kamen einige Seiten, die dem „Ursprunge der gotischen Architektur“ , dann wieder einige Seiten, welche der normännischen Theorie der Befestigungskunde gewidmet waren. Hierauf folgte abermals eine Abbildung von Porthgenna Tower von der Ostseite. Dann kam wieder Text unter dem Titel: „Die Familie Treverton“ und dann kam die dritte Abbildung – Porthgenna von der Nordseite.

Hier machte Shrowl Halt und betrachtete mit Interesse das Blatt dem Text gegenüber. Es war bloß der Titel einer anderweiten Abteilung Text über die Erbauung des Schlosses und dann folgten Kupferstiche von Familienporträts in der Gemäldegalerie von Porthgenna.

Seinen linken Daum zwischen die Blätter steckend, um die Stelle sogleich wiederfinden zu können, blätterte Shrowl ungeduldig und rasch weiter bis an das Ende des Buches, um zu sehen, was er vielleicht hier fände.

Das letzte Blatt enthielt einen Plan der Pferdeställe, das vorletzte Blatt einen Plan des nördlichen Gartens und auf dem drittletzten zeigte sich gerade das, was in Robert Chennerys Brief erwähnt war – ein Plan oder Grundriß über die innere Einrichtung der nördlichen Seite des Hauses.

Shrowls erster Impuls, als er diese Entdeckung machte, war, das Buch sofort in das sicherste Versteck zu bringen, welches er ausfindig machen könnte, um es dann heimlich zum Verkauf anzubieten, wenn der Bote den nächsten Morgen wiederkäme, um die Antwort auf den Brief zu holen.

Einiges Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß ein derartiges Verfahren eine gefährliche Ähnlichkeit mit einem Diebstahl habe und ihn in Ungelegenheit bringen könnte, wenn die Person, mit welcher er zu tun hätte, es sich einfallen ließe, erst gewisse vorläufige Fragen hinsichtlich seines Rechts auf das Buch, welches er zu verkaufen wünschte, an ihn zu richten.

Die einzige Alternative, wenn er den Gedanken, sich in den Besitz des Buches zu setzen, aufgab, bestand darin, so gut er konnte eine Kopie von dem Plan zu machen und mit diesem als mit einem Dokument zu wuchern, welches die gewissenhafteste Person von der Welt ohne Zögern kaufen konnte.

Nach reiflicher Erwägung beschließend, sich lieber der Mühe, diese Kopie zu fertigen, zu unterziehen, als es auf die Gefahren bei einer Entwendung des Buches ankommen zu lassen, stahl Shrowl sich so leise als möglich in die Küche hinunter, nahm aus einem der Schubfächer des Küchentisches einen alten Stummel von einer Feder, eine Flasche Tinte und einen zerknitterten halben Bogen schmutziges Briefpapier, und kehrte dann hinauf in die Dachkammer zurück, um den Plan so gut er könnte zu kopieren.

Dieser Plan war von der einfachsten Art und nahm bloß einen kleinen Teil der Seite ein, dennoch aber hatte er für Shrowls Augen, als dieser ihn zum zweiten Male besichtigte, ein hoffnungslos verwickeltes und verworrenes Ansehen.

Die Zimmer wurden durch Reihen von kleinen Vierecken angedeutet, in welche die Namen sauber hineingedruckt waren, und die Lage der Treppen, Türen und Korridors war durch Parallellinien von verschiedener Länge und Breite vorgezeichnet. Nach langem Nachdenken, Stirnrunzeln und Bartzupfen fiel es Shrowl ein, daß die bequemste Methode, den Plan zu kopieren, die wäre, wenn er das Briefpapier – welches, obschon kaum halb so groß als das Blatt des Buches, doch groß genug war, um die darauf befindliche Zeichnung zu bedecken – darauflegte und dann die Linien, welche er durch das Papier hindurch sah, mit seiner Feder und seiner Tinte so sorgfältig als möglich nachzeichnete.

Er keuchte, schnaubte und ächzte über seiner Arbeit und ward feuerrot dabei, aber endlich kam er doch damit zu Stande – abgesehen von einigen Mängeln in Gestalt von Klecksen und andern derartigen Unsauberkeiten. Dann hielt er inne, um die Tinte trocknen zu lassen und frei aufzuatmen, ehe er etwas Weiteres zu tun versuchte.

Das nächste Hindernis, welches zu überwinden war, bestand in der Schwierigkeit, die in die Vierecke hineingedruckten Namen der Zimmer zu kopieren. Zum Glück für Shrowl – im Gebrauch der Feder ein ungeheurer Tölpel – waren die Namen sämtlich nicht sehr lang. Trotzdem aber machte es ihm die größte Mühe, sie in hinreichend kleinen Buchstaben abzuschreiben, um nicht mehr Raum zu gebrauchen, als die Vierecke darboten.

Ein Name ganz besonders – der des Myrtenzimmers – bot in dem Worte „Myrthe“ Kombinationen dar, welche seine Geduld und seine Finger, als er sie nachzumalen versuchte, auf eine harte Probe stellten.

Das Ergebnis in diesem Falle war, trotzdem er alles Mögliche aufbot, auch in der Tat selbst in seinen eigenen Augen so unleserlich, daß er das Wort noch einmal mit größeren Buchstaben an den Rand des Blattes schrieb und mittelst einer sehr schwankenden Linie mit dem Viereck in Verbindung brachte, welches das Myrtenzimmer vorstellte.

Derselbe Unfall begegnete ihm auch noch mit zwei anderen Namen und ward auf dieselbe Weise wieder gutgemacht.

Mit den übrigen Namen kam er jedoch besser zu Stande und als er endlich noch den Titel „Plan der Nordseite“ darüber geschrieben hatte, bot seine Kopie im Ganzen genommen ein weit respektableres Ansehen dar, als man zu erwarten berechtigt gewesen wäre.

Nachdem er sich von der Genauigkeit der Kopie durch sorgfältige Vergleichung derselben mit dem Original überzeugt, faltete er sie zugleich mit Doktor Chennerys Brief zusammen und steckte sie, heiser aus erleichtertem Herzen aufkrächzend und mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung, in die Tasche.

Am nächsten Morgen bot die Gartentür des Hauses den Vorübergehenden die gänzlich neue Erscheinung dar, daß sie gastfreundlich ein wenig geöffnet stand, und eine der kahlen Türpfosten genoß die Ehre, durch die Gestalt Shrowls geschmückt zu werden, der ungewzungen, mit gekreuzten Beinen, den Händen in den Taschen und der Pfeife im Munde daran lehnte, um auf die Rückkehr des Boten zu warten, welcher am Tage vorher Doktor Chennerys Brief überbracht hatte.


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