Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Ein tiefes Geheimnis
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Ein tiefes Geheimnis



Erstes Kapitel

Eine Beratung

Am Morgen nach Mistreß Jazephs Weggange erreichte die Nachricht, daß sie auf Mr. Franklands Befehl aus dem Tigerkopfe wieder fortgeschickt worden, die Wohnung des Doktors von dem Gasthause aus gerade in dem Augenblick, wo er sich zum Frühstück niedersetzte. Da diese Nachricht nicht zugleich von einer genügenden Erklärung der Ursache begleitet war, so wollte Doktor Orridge nicht glauben, daß Mistreß Jazephs Dienst bei Mistreß Frankland wirklich schon sein Ende erreicht habe.

Indessen, obschon er der Nachricht keinen Glauben beimaß, so ward er doch in soweit dadurch beunruhigt, daß er sein Frühstück so schnell als möglich beendete und seinen Morgenbesuch im Tigerkopfe beinahe zwei Stunden vor der Zeit machte, zu welcher seine Patientin ihn gewöhnlich erwartete.

Auf seinem Wege nach dem Gasthause kam ihm einer der Kellner desselben entgegen.

„Ich wollte eben mit einem Auftrage von Mr. Frankland zu Ihnen kommen, Sir“, sagte der Kellner; „er wünscht Sie sobald als möglich zu sprechen.“

„Ist es denn wahr, daß Mistreß Franklands Wärterin vergangene Nacht auf Mr. Franklands Befehl fortgeschickt worden ist ?“ fragte Doktor Orridge.

„Ja, das ist vollkommen wahr, Sir“, antwortete der Kellner.

Der Doktor errötete und fühlte sich sehr unangenehm berührt.

Eins der kostbarsten Dinge, die wir besitzen – besonders wenn wir zufällig dem Stande der Ärzte angehören – ist unsere Würde. Doktor Orridge meinte, man hätte eigentlich erst ihn zu Rate ziehen sollen, ehe man eine von ihm empfohlene Wärterin ohne Weiteres entließ.

Pochte Mr. Frankland vielleicht auf seine Stellung als Gentleman von Vermögen ?

Diese Frage zu entscheiden war jetzt noch nicht möglich, aber schon die Erwägung derselben übte einen unterminierenden Einfluß auf die konservativen Grundlagen von Doktor Orridges Prinzipien. Die Macht des Reichtums kann ungestraft vieles tun, aber sie hat nicht das Recht, der guten Meinung eines Menschen von sich selbst einen praktischen Widerspruch entgegenzusetzen. Niemals hatte der Doktor unehrerbietiger von Rang und Reichtümern gedacht; niemals war er sich bewußt gewesen, mit so absoluter Unparteilichkeit über republikanische Grundsätze nachzudenken, als da er jetzt mürrisch schweigend dem Kellner nach Mr. Franklands Zimmer folgte.

„Wer ist da ?“ fragte Leonard, als er die Tür öffnen hörte.

„Doktor Orridge, Sir“, sagte der Kellner.

„Guten Morgen, Sir“, sagte Doktor Orridge mit selbstbewußter Kürze und Vertraulichkeit.

Mr. Frankland saß mit gekreuzten Beinen in einem Lehnstuhl. Doktor Orridge wählte sorgfältig ebenfalls einen Lehnstuhl und kreuzte, sobald er sich niedergesetzt hatte, die Beine ebenso wie Mr. Frankland. Mr. Franklands Hände staken in den Taschen seines Schlafrocks. Doktor Orridge hatte keine Taschen weiter als in seinen Rockschößen, zu welchen er nicht bequem gelangen konnte. Dafür aber steckte er die Daumen in die Armlöcher seiner Weste und behauptete sich auf diese Weise gegen die insolente Bequemlichkeitsliebe des Reichtums.

Es machte – so merkwürdig beschränkt ist die Sphäre der Wahrnehmung eines Menschen, wenn er seine eigene Wichtigkeit zu verfechten bemüht ist – für ihn keinen Unterschied, daß Mr. Frankland blind und folglich nicht im Stande war, durch das unabhängige Benehmen des Doktors betroffen gemacht zu werden. Die eigene Würde des Doktors ward jedenfalls in seiner eigenen Gegenwart behauptet, und dies war ihm schon genug.

„Ich freue mich, daß Sie so zeitig kommen, Doktor“, sagte Mr. Frankland. „Es hat sich in der vergangenen Nacht etwas sehr Unangenehmes hier ereignet. Ich mußte die neue Wärterin auf der Stelle wieder fortschicken !“

„Wirklich !“ entgegnete der Doktor, indem er Mr. Franklands Gelassenheit eine erheuchelte Gleichgültigkeit entgegenstellte. „Wirklich ?“

„Wenn die Zeit mir erlaubt hätte, zu Ihnen zu schicken und Sie zu Rate zu ziehen, so würde ich dies sehr gern getan haben“, fuhr Leonard fort. „Aber die Sache gestattete keinen Aufschub. Wir wurden alle durch ein heftiges Läuten der Klingel meiner Gattin erschreckt. Ich ward in ihr Zimmer hinaufgeführt und fand sie in einem Zustande der heftigsten Aufregung und Unruhe. Sie sagte mir, sie sei durch die neue Wärterin auf fürchterliche Weise erschreckt worden, erklärte ihre Überzeugung, daß die Frau nicht recht bei Verstande sei und bat mich, sie so schnell als möglich und so freundlich als möglich aus dem Hause zu schaffen. Was konnte ich unter diesen Umständen tun ? Allerdings konnte es scheinen, als hätte ich, indem ich so auf meine eigene Verantwortlichkeit hin handelte, die gebührende Rücksicht auf Sie aus den Augen gesetzt; aber meine Frau war in einem solchen Zustande von Aufregung, daß ich nicht wissen konnte, was die Folge sein würde, wenn ich mich ihr widersetzte oder die Sache hinausschöbe, und nachdem einmal die Schwierigkeit beseitigt war, wollte sie nicht zugeben, daß Sie so spät noch durch einen Ruf hierher gestört würden. Ich bin überzeugt, lieber Doktor, Sie werden diese Erklärung in demselben Geiste aufnehmen, in welchem ich sie Ihnen biete.“

Der Doktor begann ein wenig verlegen auszusehen. Der massive Unterbau seiner Unabhängigkeit begann mürbe zu werden und unter ihm zu wanken. Er war schon wieder nahe daran, an die kultivierten Manieren der reichen Klassen zu denken, seine Daumen glitten mechanisch aus den Armlöchern seiner Weste, und ehe er noch recht wußte, was er tat, stammelte er sich durch die ausgewähltesten Irrgänge einer höflichen, ehrerbietigen Antwort hindurch.

„Sie werden natürlich zu wissen wünschen, was die neue Wärterin gesagt oder getan hatte, daß meine Frau darüber so erschrocken war“, fuhr Mr. Frankland fort. „Ich kann aber hierüber nichts Genaues mitteilen, denn meine Frau war in einem solchen Zustande nervöser Aufregung, daß ich wirklich nicht wagte, ihr eine Erklärung abzuverlangen, und ich habe mit Fleiß auch diesen Morgen noch damit gewartet, bis Sie kämen und mich zu ihr hinauf begleiten könnten. Sie haben sich einer so großen Mühwaltung unterzogen, uns die Dienste dieses unglücklichen Weibes zu verschaffen, daß Sie ein Recht darauf haben, nun, da sie wieder fortgeschickt worden ist, alles zu hören, was gegen sie angeführt werden kann. In Anbetracht der Umstände ist meine Frau heute Morgen nicht so unwohl wie ich fürchtete, daß sie sein würde. Sie erwartet, mich mit Ihnen zu sehen, und wenn Sie mir freundlichst Ihren Arm leihen wollen, so wollen wir sofort zu ihr hinaufgehen.“

Doktor Orridge tat seine bis jetzt gekreuzten Beine sofort voneinander, erhob sich rasch und ging sogar so weit, daß er willkürlich eine Verbeugung machte. Man darf nicht glauben, daß er, während er auf diese Weise handelte, seine Unabhängigkeit kompromittiert und von reichen Leuten in einem allzuhastigen Geiste der Zustimmung und Billigung gedacht hätte. Als er mechanisch seine Verbeugung machte und in diesem Augenblicke vergaß, daß Mr. Frankland gar nicht im Stande war, diese Art Huldigung zu würdigen, dachte er bloß auf die uneigennützigste und abstrakteste Weise an vornehmes Blut – an die feine Lebensart, die demselben gleichsam innewohnte – und an den unergründlichen Wert, der dadurch Worten verliehen ward, welche in dem Munde gewöhnlicher Leute ganz schlicht und alltäglich klingen.

Doktor Orridge besaß – und die Gerechtigkeit gegen ihn verlangt, daß wir dies hier erwähnen – die meisten der Tugenden seines Standes, besonders jene weit verbreitete Tugend, welche die Leute abhält, sich in ihren Meinungen durch persönliche Rücksichten auf ernste Weise bestimmen zu lassen. Wir haben alle unsere Fehler, es ist aber wenigstens ein Trost zu bedenken, wie wenige von unsern liebsten Freunden – um von uns selbst zu schweigen – sich jemals einer solchen Schwäche schuldig machen.

Als man in Mistreß Franklands Zimmer trat, sah der Doktor auf den ersten Blick, daß in ihrem Befinden in Folge der Ereignisse des vergangenen Abends eine Änderung, aber keineswegs zum Guten, eingetreten war. Er bemerkte, daß das Lächeln, womit sie ihren Gatten begrüßte, das matteste und wehmütigste war, welches er je auf ihrem Gesicht gesehen. Ihre Augen sahen trüb und ermüdet aus, ihre Haut war trocken, ihr Puls unregelmäßig. Es war klar, daß sie eine schlaflose Nacht zugebracht und daß ihr Gemüt nicht ruhig war.

Sie beantwortete die Fragen ihres ärztlichen Beistandes so kurz als möglich und brachte das Gespräch dann sofort auf Mistreß Jazpeh.

„Sie haben wohl gehört, was geschehen ist“, sagte sie zu dem Arzte. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tief es mich bekümmert. Meine Handlungsweise muß Ihren Augen sowohl als denen der armen, unglücklichen Wärterin als die Handlungsweise einer eigensinnigen, gefühllosen Person erscheinen. Ich möchte weinen vor Kummer und Verdruß, wenn ich bedenke, wie unüberlegt ich war und wie wenig Mut ich zeigte. O, Lenny, es ist furchtbar, das Gefühl irgend eines Menschen zu verletzen – diese unglückliche, hilflose Frau aber so zu kränken, wie wir sie gekränkt, ihr so bittere Tränen ausgepreßt, ihr eine solche Demütigung bereitet zu haben – “

„Meine liebe Rosamunde“, unterbrach Mr. Frankland, „Du beklagst die Wirkungen, vergissest aber ganz die Ursachen. Bedenke, in welch einem Zustande von Angst und Schrecken ich dich antraf – ganz gewiß mußte ein Grund dazu vorhanden sein. Bedenke auch, wie fest du die Überzeugung aussprachst, daß die Frau nicht recht bei Sinnen sei. Du hast doch in diesem Punkte deine Ansicht nicht etwa schon geändert ?“

„Eben diese Meinung, Geliebter, hat mich die ganze Nacht gepeinigt und beunruhigt. Ich kann sie nicht ändern; ich fühle mich mehr als je überzeugt, daß es mit dem Verstande des armen Weibes nicht richtig sein kann – und dennoch, wenn ich bedenke, wie gutmütig sie hierher kam, um mir beizustehen, und wie eifrig bedacht sie zu sein schien, sich nützlich zu machen, kann ich nicht umhin, mich meines Argwohns zu schämen. Ich kann nicht umhin, mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich die Ursache ihrer Entlassung gestern abend gewesen bin. Lieber Doktor, bemerkten Sie etwas in Mistreß Jazephs Gesicht oder Benehmen, was Sie bewog zu zweifeln, ob ihr Verstand so gesund sei als er sein sollte ?“

„Durchaus nicht, Mistreß Frankland, sonst würde ich sie nicht hierhergebracht haben. Ich würde mich allerdings nicht gewundert haben zu hören, daß sie plötzlich krank geworden, oder daß sie von einem Nervenkrampf befallen worden sei, oder daß irgend ein kleiner Unfall, der sonst niemanden erschreckt haben würde, sie ernsthaft erschreckt habe; jetzt aber zu hören, daß sie an einer Störung ihrer Geisteskräfte leide, dies überrascht mich, wie ich gestehen muß, nicht wenig.“

„Könnte ich mich geirrt haben !“ rief Rosamunde, indem ihr Blick verlegen und selbst mißtrauisch von dem Doktor auf ihren Gatten schweifte. „Lenny ! Lenny ! Wenn ich mich geirrt habe, dann werde ich mir niemals verzeihen !“

„Aber willst du uns nicht erzählen, liebes Kind, was dich eigentlich bewog zu glauben, sie sei nicht recht bei Verstande ?“ fragte Mr. Frankland.

Rosamunde zögerte.

„Dinge, die in unsern Gedanken groß erscheinen“, sagte sie endlich, „scheinen oft so klein zu werden, wenn wir sie in Worte kleiden. Ich verzweifle fast daran, dir begreiflich machen zu können, welchen guten Grund ich hatte zu erschrecken, und dann fürchte ich, daß ich, indem ich mir selbst Gerechtigkeit widerfahren lasse, vielleicht ungerecht gegen die arme Wärterin bin.“

„Erzähle deine Geschichte nur nach deiner Weise, liebe Rosamunde, und du wirst sie dann gewiß richtig und angemessen erzählen“, sagte Mr. Frankland.

„Und vergessen Sie nicht“, setzte der Doktor hinzu, „daß ich auf meine Meinung von Mistreß Jazeph durchaus kein Gewicht lege. Ich hatte nicht Zeit genug, mir eine solche zu bilden; Ihre Gelegenheiten, diese Person zu beobachten, sind weit zahlreicher gewesen als die meinigen.“

Auf diese Weise ermutigt, erzählte Rosamunde schlicht und einfach alles, was in ihrem Zimmer am vorigen Abend bis zu dem Augenblick geschehen, wo sie die Augen geschlossen und die Wärterin sich ihrem Bett hatte nähern hören. Ehe sie die außerordentlichen Worte wiederholte, welche Mistreß Jazeph ihr ins Ohr geflüstert, machte sie jedoch eine Pause und sah ihren Gatten aufmerksam an.

„Warum hältst du inne ?“ fragte Mr. Frankland.

„Ich fühle mich noch ganz aufgeregt und befangen, Lenny, wenn ich an die Worte denke, welche die Wärterin unmittelbar zuvor, ehe ich die Klingel zog, zu mir sagte.“

„Nun, was sagte sie denn ? War es vielleicht etwas, was du nicht gern nachsagen möchtest ?“

„O nein; es liegt mir im Gegenteil sehr viel daran, es zu wiederholen und zu hören, was es nach deiner Ansicht bedeutet. Wie ich dir soeben erzählte, Lenny, hatten wir von Porthgenna gesprochen und von meiner Absicht, die nördlichen Zimmer zu untersuchen, sobald als ich dorthin käme, und sie hatte viele Fragen in Bezug auf das alte Haus getan, denn sie schien sich, wenn man bedenkt, daß sie doch dort nicht bekannt ist, auf ganz unerklärliche Weise dafür zu interessieren.“

„Nun, und ?“

„Nun, als sie an das Bett trat, kniete sie dicht neben mir nieder und flüsterte plötzlich: „Wenn Sie nach Porthgenna gehen, so hüten Sie sich vor dem Myrtenzimmer.“

Mr. Frankland stutzte.

„Gibt es denn ein solches Zimmer in Porthgenna ?“ fragte er begierig.

„Ich habe nie etwas davon gehört“, sagte Rosamunde.

„Wissen Sie das gewiß ?“ fragte Doktor Orridge. Bis diesen Augenblick hatte er im Stillen die Vermutung gehegt, Mistreß Frankland sei, bald nachdem er sie am Abend zuvor verlassen, eingeschlafen und die Geschichte, welche sie jetzt mit der aufrichtigsten Überzeugung von der Wirklichkeit derselben erzählte, sei in der Tat weiter nichts als eine Reihe von durch einen Traum erzeugten lebhaften Eindrücken.

„Ich weiß gewiß, daß ich niemals von einem solchen Zimmer gehört habe“, entgegnete Rosamunde. „Ich verließ Porthgenna, als ich fünf Jahre alt war und hatte damals nie etwas davon gehört. Mein Vater sprach in spätern Jahren oft von dem Hause, aber ich weiß gewiß, daß er keins der Zimmer bei einem besondern Namen nannte, und ich kann dasselbe von deinem Vater sagen, Lenny, so oft ich, nachdem er das Schloß gekauft, in seiner Gesellschaft war. Überdies mußt du dich doch auch entsinnen, daß, als der Baumeister, den wir hinschickten, um die Gebäude zu besichtigen, dir jenen Brief schrieb, er sich beklagte, daß an den verschiedenen Schlüsseln keine Namen der Zimmer zu finden wären, um sich beim Öffnen der Türen danach richten zu können, und daß ihm auch in Porthgenna selbst niemand hierüber Auskunft geben könnte. Wie könnte ich jemals von dem Myrtenzimmer gehört haben ? Wer hätte mir etwas davon sagen sollen ?“

Doktor Orridge begann eine verlegene Miene zu zeigen. Es schien doch keineswegs so ganz ausgemacht zu sein, daß Mistreß Frankland bloß geträumt hatte.

„Ich habe seitdem an gar nichts weiter gedacht“, sagte Rosamunde in leisem, flüsterndem Tone zu ihrem Gatten. „Ich kann diese geheimnisvollen Worte nicht aus den Gedanken bringen. Fühle an mein Herz, Lenny – es schlägt schon davon, daß ich sie dir wiederhole, schneller als gewöhnlich. Es sind so seltsame, sonderbare Worte. Was meinst du wohl, was sie bedeuten ?“

„Wer ist die Frau eigentlich, die sie gesprochen ? – Dies ist die wichtigste Frage“, bemerkte Mr. Frankland.

„Aber warum sagte sie diese Worte zu mir ? Dies ist es, was ich wissen möchte – dies ist es, was ich wissen muß, wenn ich mich jemals in meinem Gemüt wieder ruhig fühlen soll.“

„Nur sachte, Mistreß Frankland, sachte !“ sagte der Doktor. „Um Ihres Kindes sowohl als um Ihrer selbst willen bitte ich Sie, ruhig zu sein und dieses allerdings sehr geheimnisvolle Ereignis so gelassen zu betrachten wie Sie können. Wenn irgendwelche Bemühungen von meiner Seite über diese seltsame Frau und ihr noch seltsameres Benehmen Licht verbreiten können, so soll es daran nicht fehlen. Ich werde heute wieder bei ihrer Herrin sein, um eins der Kinder zu besuchen, und verlassen Sie sich darauf, ich will auf die eine oder die andere Weise Mistreß Jazeph dahin bringen, daß sie sich näher erklärt. Ihre Herrin soll jedes Wort hören, welches Sie mir erzählt haben, und ich kann Ihnen versichern, sie ist ganz die geradezugehende, offene, entschlossene Frau, welche darauf bestehen wird, daß das Geheimnis sofort aufgeklärt werde.“

Rosamundes trübe Augen gewannen bei diesem Erbieten des Doktors neuen Glanz.

„Ja, gehen Sie sogleich hin, lieber Doktor !“ rief sie. „Gehen Sie sogleich.“

„Ich habe erst noch in der Stadt eine Menge Besuche zu machen“, sagte der Doktor, über Mistreß Franklands Ungeduld lächelnd.

„Nun, so beginnen Sie damit, ohne einen Augenblick zu säumen“, sagte Rosamunde. „Der Kleine ist vollkommen wohl und ich bin auch vollkommen wohl – wir brauchen Sie keinen Augenblick aufzuhalten. Und, lieber Doktor, ich bitte Sie, seien Sie gegen die arme Frau so freundlich und rücksichtsvoll als möglich und sagen Sie ihr, es wäre mir nicht eingefallen, sie fortzuschicken, wenn ich nicht so erschrocken wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was ich tat. Sagen Sie ihr auch, wie leid es mir heute tut und sagen Sie –“

„Liebe Rosamunde, wenn die Frau wirklich nicht recht bei Verstande ist, was könnte es dann nützen, sie mit allen diesen Entschuldigungen zu überhäufen ?“ unterbrach Mr. Frankland. „Es wird weit zweckmäßiger sein, wenn der Doktor in unserm Namen ihre Herrin um Entschuldigung bittet und sich gegen diese erklärt.“

„Ja, gehen Sie ! Machen Sie nicht noch hier lange Worte – ich bitte Sie, gehen Sie sogleich !“ rief Rosamunde, als der Doktor auf Mr. Franklands Bemerkung antworten wollte.

„Fürchten Sie nichts – es soll keine Zeit verloren werden“, sagte Doktor Orridge, indem er die Türe öffnete. „Aber vergessen Sie nicht, Mistreß Frankland, ich erwarte, daß Sie Ihren Gesandten, wenn er von seiner Mission zurückkehrt, belohnen, indem Sie ihm zeigen, daß Sie ein wenig ruhiger und gefaßter sind als ich Sie heute morgen finde.“

Mit dieser letzten Mahnung nahm der Doktor Abschied.

„Wenn Sie nach Porthgenna gehen, so hüten Sie sich vor dem Myrtenzimmer“, wiederholte Mr. Frankland nachdenklich. „Das sind sehr seltsame Worte, Rosamunde. Wer kann diese Frau möglicherweise sein ? Sie ist uns beiden vollkommen fremd. Wir sind durch reinen Zufall mit ihr in Berührung gekommen und wir finden, daß sie in Bezug auf unser Haus etwas weiß, wovon wir selbst beide durchaus keine Kenntnis gehabt haben, bis es ihr beliebte zu sprechen.“

„Aber die Warnung, Lenny, die Warnung, die so ausdrücklich und geheimnisvoll an mich gerichtet ward ! Ach, wenn ich doch sofort einschlafen könnte, um nicht eher wieder zu erwachen als bis der Doktor zurückkommt.“

„Liebe Rosamunde, bemühe dich, nicht allzugewiß darauf zu rechnen, daß wir selbst dann Aufklärung erhalten. Die Frau kann sich ja leicht weigern, sich gegen irgend jemand zu erklären.“

„Deute eine solche Täuschung meiner Erwartung auch nicht nur an, Lenny, sonst fühle ich mich versucht aufzustehen und selbst zu ihr zu gehen, um sie zu befragen.“

„Auch wenn du aufstehen und sie befragen könntest, Rosamunde, würdest du es doch vielleicht unmöglich finden, ihr eine Antwort abzulocken. Es ist möglich, daß sie sich vor gewissen Folgen fürchtet, die wir nicht voraussehen können, und in diesem Falle kann ich bloß wiederholen, daß es mehr als wahrscheinlich ist, sie werde sich auf gar keine Erklärung einlassen, oder vielleicht ihre eigenen Worte ganz kaltblütig in Abrede stellen.“

„Dann, Lenny, wollen wir sie selbst auf die Probe stellen.“

„Und wie könnten wir dies tun ?“

„Dadurch, daß wir, sobald ich es im Stande bin, unsere Reise nach Porthgenna fortsetzen, und wenn wir dort sind, keinen Stein umgewendet lassen, bis wir entdeckt haben, ob es in dem alten Hause ein Zimmer gibt, welches zu irgend einer Zeit seines Bestehens unter dem Namen des Myrtenzimmers bekannt war.“

„Und gesetzt, es sollte sich ergeben, daß ein solches Zimmer vorhanden ist ?“ fragte Mr. Frankland, indem er den Einfluß des Enthusiasmus seiner Gattin zu fühlen begann.

„Wenn dies sich ergibt“, sagte Rosamunde, indem ihre Stimme lauter ward und ihr Gesicht von seiner gewohnten Lebhaftigkeit zu strahlen begann, „wie kannst du zweifeln, was dann geschehen werde ? Bin ich nicht ein Weib ? Und ist mir nicht verboten worden, das Myrtenzimmer zu betreten ? Lenny ! Lenny ! Kennst du meine Hälfte der Menschheit so wenig, daß du fragst, was ich in dem Augenblick, wo man das Zimmer entdeckte, tun würde ? Mein guter Lenny, ganz natürlich würde ich sofort hineingehen !“



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Eine abermalige Überraschung

Trotz aller Eile, welche Doktor Orridge anwendete, ward es doch ein Uhr nachmittags, ehe seine Berufspflichten ihm gestatteten, sich in seiner einspännigen Chaise auf den Weg nach Mistreß Norburys Haus zu begeben. Er fuhr so rasch, daß er den halbstündigen Weg in zwanzig Minuten zurücklegte.

Der Diener, welcher das rasche Heranfahren der Chaise gehört hatte, öffnete die Haustür in demselben Augenblick, wo das Pferd angehalten ward, und kam dem Doktor mit schadenfrohem Lächeln entgegen.

„Nun“, sagte der Doktor, indem er in das Haus hineineilte, „Ihr wart wohl gestern Abend ein wenig überrascht, als die Haushälterin wiederkam ?“

„Ja, Sir, wir waren allerdings überrascht, als sie gestern Abend wiederkam“, antwortete der Diener, „aber noch mehr überrascht waren wir, als sie heute Morgen wieder fortging.“

„Fortging ? Ihr wollt damit doch nicht etwa sagen, sie sei nicht mehr hier ?“

„Freilich will ich das sagen, Sir. Sie hat ihren Dienst verloren und ist fort für immer.“

Der Diener lächelte wieder, indem er diese Bemerkung machte, und die Hausmagd, welche, während er sprach, zufällig die Treppe herunterkam und hörte, was er sagte, lächelte auch. Mistreß Jazeph hatte augenscheinlich bei dem übrigen Dienstpersonale in keiner großen Gunst gestanden. Doktor Orridge war vor Erstaunen nicht im Stande, weiter ein Wort hervorzubringen. Da der Diener keine weiteren Fragen tun hörte, so öffnete er die Tür des Frühstückszimmers und der Doktor trat herein.

Mistreß Norbury saß in der Nähe des Fensters, in starr aufrechter Haltung und beobachtete unbeugsam das Tun und Treiben ihres kranken Töchterchens über einer Schüssel Hafergrützschleim.

„Ich weiß, was Sie sagen wollen, ehe Sie noch den Mund auftun“, hob die mit der Sprache gerade herausgehende Dame an. „Aber sehen Sie erst das Kind an und sagen Sie, wie es mit diesem steht, ehe Sie auf ein anderes Thema übergehen.“

Der Zustand des Kindes ward untersucht, als ein in rasch fortschreitender Besserung begriffener erklärt und die Kleine dann von der Wärterin fortgetragen, damit sie sich ein wenig niederlegen und ausruhen möchte.

Sobald als die Tür des Zimmers sich geschlossen hatte, redete Mistreß Norbury den Doktor sofort an und unterbrach ihn zum zweiten Male, gerade als er im Begriff stand zu sprechen.

„Nun, Doktor“, begann sie, „ich will Ihnen gleich von vorn herein etwas sagen. Ich bin eine sehr gerechte Frau und zanke mich nicht mit Ihnen. Sie sind die Ursache, daß ich von drei Personen mit der kecksten Unverschämtheit behandelt worden bin – aber Sie sind die unschuldige Ursache und deshalb mache ich Ihnen keinen Vorwurf.“

„Ich weiß in der Tat nicht“, entgegnete der Doktor, „ich weiß wirklich nicht, - ich versichere Ihnen –“

„Sie wissen nicht, was ich meine ?“ unterbrach ihn Mistreß Norbury. „Ich will es Ihnen sogleich sagen. Waren Sie nicht die ursprüngliche Ursache, daß ich meine Haushälterin als Wärterin zu Mistreß Frankland schickte ?“

„Ja“, antwortete der Doktor, denn nun konnte er nicht zögern, dies zuzugestehen.

„Nun gut“, fuhr Mistreß Norbury fort, „und die Folge davon ist gewesen, daß ich, wie ich shcon vorhin sagte, von nicht weniger als drei Personen mit beispielloser Unverschämtheit behandelt worden bin. Mistreß Frankland setzt sich eine abgeschmackte Grille in den Kopf und stellt sich, als wäre sie durch die Haushälterin in Schrecken gesetzt worden. Der Gemahl dieser Dame entwickelt eine unverschämte Bereitwilligkeit, auf die Grille einzugehen, und schickt mir meine Haushälterin wieder wie einen falschen Schilling, und drittens, was das schlimmste von allen ist, meine Haushälterin selbst beleidigt mich sobald sie zurückkommt ins Gesicht – beleidigt mich, Doktor, dermaßen, daß ich ihr befehle, binnen zwölf Stunden das Haus zu verlassen. Fangen Sie nicht an, sich zu verteidigen, Doktor ! Ich weiß alles; ich weiß, daß Sie mit dem Fortschicken meiner Haushälterin nichts zu tun gehabt haben und ich habe das auch nicht behauptet. Alles Unheil, was Sie angerichtet haben, ist unverschuldetes Unheil. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, bedenken Sie das wohl, was Sie auch tun mögen, Doktor Orridge, bedenken Sie dies !“

„Ich hatte durchaus nicht die Absicht, mich zu verteidigen“, entgegnete der Doktor, als ihm endlich vergönnt war zu sprechen, „denn ich bin meinerseits ebenso fest davon überzeugt, als Sie Ihrerseits sein können, Mistreß Norbury, daß ich in keiner Weise zu tadeln bin. Ich wollte bloß sagen, daß Sie mich über alles Erwarten in Erstaunen setzen, wenn Sie mir mitteilen, daß Mistreß Jazeph Ihnen mit Unhöflichkeit begegnet ist.“

„Unhöflichkeit !“ rief Mistreß Norbury. „Sprechen Sie nicht von Unhöflichkeit – das ist nicht das richtige Wort. Unverschämtheit ist das rechte Wort – die frechste, keckste Unverschämtheit. Als Mistreß Jazeph in jener Chaise aus dem Tigerkopf zurückkam, war sie entweder betrunken oder verrückt. Reißen Sie die Augen auf wie Sie wollen, Doktor; sie war entweder das eine oder das andere, oder auch ein Gemisch von beidem. Sie haben sie gesehen ? – Sie haben mit ihr gesprochen – würden Sie wohl sagen, es sei von ihr zu erwarten gewesen, daß Sie Ihnen wild ins Gesicht sehen und in dem Augenblicke, wo Sie mit ihr sprächen, Ihnen geradezu widersprechen würde ?“

„Nein, ich würde sagen, daß sie die allerletzte Person in der Welt wäre, von der man sich eines solchen ungebührlichen Benehmens versehen könnte“, antwortete der Doktor.

„Sehr gut. Nun hören Sie, was geschah, als sie vorige Nacht zurückkam“, sagte Mistreß Norbury. „Sie kam gerade hier an, als wir die Treppe hinaufgingen, um uns zu Bett zu legen. Natürlich war ich nicht wenig erstaunt und rief sie in mein Zimmer, um mir die Sache erklären zu lassen. In diesem meinen Verfahren lag sicherlich nichts sehr Unnatürliches, sollte ich meinen. Ich bemerkte, daß ihre Augen geschwollen und rot waren, daß sie ganz auffallend verstört und sonderbar aussah, aber ich sagte nichts, sondern wartete auf die Erklärung. Sie hatte mir aber weiter nichts zu sagen, als daß etwas, was sie unabsichtlich gesagt oder getan, Mistreß Frankland erschreckt, und daß der Gatte dieser Dame sie deswegen auf der Stelle fortgeschickt habe. Ich glaubte dies anfangs nicht, was, wie ich denke, ebenfalls sehr natürlich war – sie beharrte aber auf ihrer Geschichte und beantwortete alle meine Fragen damit, daß sie erklärte, sie könne mir nichts weiter sagen. „Also“, sagte ich, „ich soll glauben, daß nachdem ich mir die Unbequemlichkeit auferlegt, Euch zu beurlauben, und nachdem Ihr Euch die Unbequemlichkeit gemacht, das Amt der Wärterin zu übernehmen, ich mich beleidigen lassen soll, und daß Ihr Euch beleidigen lassen sollt, indem man Euch von Mistreß Frankland noch an demselben Tage, wo Ihr zu ihr gekommen, wieder fortgeschickt, weil sie sich zufällig eine Grille in den Kopf setzt ?“ – „Ich habe Mistreß Frankland nicht beschuldigt, daß sie sich eine Grille in den Kopf gesetzt habe“, sagte Mistreß Jazeph und stierte mir gerade ins Gesicht, mit einem Blicke, wie ich ihn nach meiner ganzen fünfjährigen Erfahrung noch niemals in ihren Augen gesehen. – „Was meint Ihr ?“ fragte ich sie, indem ich ihr, wie sie denken konnte, ihren Blick zurückgab. „Habt Ihr so wenig Ambition, die Behandlung, die Euch widerfahren, als eine Ehre zu betrachten ?“ – „Ich bin so gerecht“, entgegnete Mistreß Jazeph blitzschnell und mich immer noch mit demlseben Blicke anstierend, „ich bin so gerecht, Mistreß Frankland nicht zu tadeln.“ – „So ? Ach, sehr doch !“ sagte ich; „dann kann ich Euch weiter nichts sagen, als daß ich die Beleidigung fühle, wenn auch Ihr sie nicht fühlt und daß ich Mistreß Franklands Handlungsweise als die Handlungsweise eines ungebildeten, unverschämten, launenhaften, gefühllosen Weibes betrachte.“ – Mistreß Jazeph kommt einen Schritt auf mich zu – sie kommt einen Schritt auf mich zu, ich gebe Ihnen mein Wort darauf – und sagt ganz deutlich und vernehmlich die Worte: „Mistreß Frankland ist weder ungezogen, noch unverschämt, noch launenhaft oder gefühllos.“ – „Habt Ihr die Absicht mir zu widersprechen, Mistreß Jazeph ?“ fragte ich. – „Ich habe die Absicht, Mistreß Frankland gegen ungerechte Beschuldigungen zu verteidigen“, entgegnete sie. – Dies waren ihre Worte, Doktor – ich versichere Ihnen auf meine Ehre, daß dies buchstäblich ihre Worte waren.“

Das Gesicht des Doktors gab das größte Erstaunen zu erkennen. Mistreß Norbury betrachtete ihn mit einem Blick ruhigen Triumphes und fuhr fort:

„Ich geriet in die heftigste Entrüstung – ich gestehe dies unumwunden, Doktor – aber ich beherrschte mich. „Mistreß Jazeph“, sagte ich, „das ist eine Sprache, an die ich nicht gewöhnt bin und die ich nicht aus Eurem Munde zu hören erwartet hätte. Warum Ihr Euch die Aufgabe stellt, Mistreß Frankland zu verteidigen, obschon sie uns beide mit Verachtung behandelt hat, und mir zu widersprechen, weil ich dies rüge, weß ich nicht und mag es auch nicht wissen. Wohl aber muß ich Euch offen sagen, daß ich von jeder Person, die in meinem Dienste steht, von der Wirtschafterin an bis zur Scheuermagd verlange, daß man ehrerbietig mit mir spreche. Jeden andern Dienstboten in diesem Hause, der sich so gegen mich benommen hätte, wie Ihr Euch benehmt, würde ich auf der Stelle den Dienst gekündigt haben.“ – Sie wollte mich hier unterbrechen, aber ich gestattete es nicht. – „Nein“, sagte ich, „jetzt habt Ihr mir noch nichts zu sagen; erst müßt Ihr mich ausreden lassen. Jeder andere Dienstbote, sage ich nochmals, hätte morgen früh dieses Haus verlassen müssen, gegen Euch aber will ich mehr als gerecht sein. Ich will auf Euer fünfjähriges gutes Verhalten in meinem Dienste Rücksicht nehmen. Ich will Euch diese Nacht Zeit lassen, Euch zu besinnen und zu bedenken, was zwischen uns stattgefunden hat. Erst morgen früh werdet Ihr Euch auf angemessene Weise bei mir entschuldigen.“ Sie sehen, Doktor, daß ich entschlossen war, gerecht und gütig zu handeln. Ich war bereit, Rücksichten zu nehmen, aber was glauben Sie wohl, was die Person mir entgegnete ? – „Ich bin bereit, Sie um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie beleidigt habe, Madame“, sagte sie, „und zwar sofort; mag es aber nun heute Abend oder morgen früh sein, so kann ich nicht dabeistehen und schweigen, wenn Mistreß Frankland beschuldigt wird, sich unfreundlich gegen mich oder sonst jemanden benommen zu haben.“ – „Sagt Ihr mir dies mit voller Überlegung, Mistreß Jazeph ?“ fragte ich. – „Ich sage es Ihnen aufrichtig, Madame“, antwortete sie, „und ich bedauere sehr, daß ich genötig bin es zu tun.“ – „O bitte, bemüht Euch nicht, etwas zu bedauern“, entgegnete ich, „denn Ihr könnt Euch als Eures Dienstes entlassen betrachten. Ich werde den Verwalter beauftragen, Euch morgen in aller Frühe anstatt monatlicher Kündigung den gewähnlichen Monatslohn auszuzahlen, und bitte, daß Ihr dann das Haus so bald als möglich verlasst.“ – „Ich werde Ihr Haus morgen verlassen, Madame“, sagte sie, „aber ohne erst den Verwalter zu bemühen. Ich danke Ihnen für die bewiesene Güte, muß mich aber weigern, einen Monatslohn anzunehmen, den ich nicht durch einen Monat Arbeit verdient habe.“ – Und mit diesen Worten macht sie ihr Kompliment und geht hinaus. Das ist Wort für Wort, was zwischen uns stattfand, Doktor. Erklären Sie das Benehmen dieser Frau nach Ihrer Weise, wenn Sie können. Ich sage, es ist völlig unbegreiflich, wenn Sie nicht mit mir dahin einverstanden sind, daß sie entweder betrunken oder nicht recht bei Verstande war, als sie vorige Nacht hierher zurückkehrte.“

Der Doktor begann zu denken, daß, nach dem, was er soeben gehört, Mistreß Franklands Argwohn in Bezug auf die neue Wärterin nicht ganz so unbegründet wäre, als er anfangs geneigt gewesen ihn zu betrachten. Er enthielt sich jedoch weislich, die Sache dadurch, daß er seinen Gedanken Worte liehe, noch mehr zu verwickeln, und nachdem er Mistreß Norbury einige unbestimmte höfliche Worte entgegnet, bemühte er sich, ihre Gereiztheit gegen Mr. und Mistreß Frankland dadurch zu beschwichtigen, daß er ihr versicherte, er käme als Überbringer von Entschuldigungen wegen des anscheinenden Mangels an Artigkeit und Rücksicht, dessen sich die jungen Eheleute in Folge unvermeidlicher Umstände schuldig gemacht.

Die beleidigte Dame wollte sich jedoch durchaus nicht begütigen lassen. Sie stand auf und machte mit würdevoller Miene eine stolze Handbewegung.

„Ich kann kein Wort weiter anhören, Doktor“, sagte sie. „Ich kann keine Entschuldigungen annehmen, die indirekt gemacht werden. Wenn Mr. Frankland selbst kommen und wenn Mistreß Frankland sich herablassen will, an mich zu schreiben, dann bin ich bereit, die Sache zu vergessen. Unter allen andern Umständen aber muß ich mir erlauben, meine gegenwärtige Meinung sowohl von der Dame als dem Herrn beizubehalten. Sagen Sie kein Wort weiter und haben Sie die Güte, mich zu entschuldigen, wenn ich Sie verlasse und in die Kinderstube hinaufgehe, um zu sehen, was mein Töchterchen macht. Ich freue mich zu hören, daß es Ihrem Ausspruche nach besser mit ihr geht. Ich bitte, kommen Sie morgen oder übermorgen wieder, wenn es Ihnen paßt. Guten Morgen.“

Mistreß Norburys Benehmen machte dem Doktor in gewisser Beziehung Spaß, in anderer aber berührte der kurze Ton, in welchem sie zu ihm sprach, ihn unangenehm.

Er blieb einige Minuten allein im Frühstückszimmer zurück und wußte nicht recht, was er zunächst tun sollte. Er hatte jetzt fast ebenso viel Interesse daran, das Geheimnis von Mistreß Jazephs außerordentlichem Benehmen gelöst zu sehen, als Mistreß Frankland selbst und auf alle Fälle hatte er keine Lust, in den Tigerkopf zurückzukehren und bloß zu wiederholen, was Mistreß Norbury ihm gesagt, so lange er nicht im Stande war, die Erzählung dadurch zu vervollständigen, daß er Mr. und Mistreß Frankland von der Richtung in Kenntnis setzte, welche die Haushälterin eingeschlagen, nachdem sie das Haus ihrer zeitherigen Dienstherrschaft verlassen.

Nachdem er eine Weile nachgedacht, beschloß er den Diener zu fragen, indem er von demselben zu wissen wünschte, ob seine Chaise bereit sei.

Auf den Ruf der Klingel erschien der Diener und nachdem dieser gemeldet, daß die Chaise bereit sei, fragte Doktor Orridge, während er die Hausflur durchschritt, ihn in gleichgültigem Tone, ob er wüßte, zu welcher Zeit des Vormittags Mistreß Jazeph das Haus verlassen habe.

„Gegen zehn Uhr, Sir“, antwortete der Diener, „als der Botenfuhrmann aus dem Dorfe vorbeikam, der alle Tage wegen des um elf Uhr abgehenden Zuges nach der Station fährt.“

„Dieser nahm wohl ihre Koffer mit ?“ fragte der Doktor.

„Ja und sie selbst dazu“, sagte der Diener schmunzelnd. „Sie mußte wenigstens dieses eine Mal in ihrem Leben in dem Karren eines Botenfuhrmanns fahren.“

Als der Doktor nach West Winston zurückkam, hielt er an der Eisenbahnstation an, um weitere Erkundigungen einzuziehen, ehe er nach dem Tigerkopfe zurückkehrte. Es waren gerade zu dieser Zeit keine Züge nach der einen oder andern Richtung hin zu erwarten. Der Stationsinspektor las die Zeitungen und der Portier gärtnerte an dem Abhange der Böschung.

„Geht der Zug um elf Uhr morgens nach London oder kommt er daher ?“ fragte der Doktor den Portier.

„Er geht dahin.“

„Nahm er viel Passagiere von hier mit ?“

Der Portier nannte die Namen einiger Bewohner von West Winston.

„Waren weiter keine Passagiere als diese Leute aus der Stadt ?“ fragte der Doktor weiter.

„O ja – ich glaube, es war noch eine fremde Person dabei – es war eine Frau.“

„Hat der Inspektor die Billets für diesen Zug ausgegeben ?“

„Ja, Sir.“

Der Doktor ging nun weiter zu dem Inspektor.

„Entsinnen Sie sich, heute morgen einer allein reisenden Frau ein Billet für den um elf Uhr nach London gehenden Zug verkauft zu haben ?“

Der Inspektor dachte nach.

„Ich habe heute wenigstens an ein halbes Dutzend Frauenspersonen Billets zu verschiedenen Zügen verkauft“, antwortete er zweifelhaft.

„Das glaube ich wohl, ich spreche aber bloß von dem Elfuhrzuge“, sagte der Doktor. „Sehen Sie zu, ob Sie sich besinnen.“

„Ob ich mich besinne ? Halt, jetzt fällt mirs ein ! – Ich weiß, wen Sie meinen. Es war eine Frau, die in ziemlicher Aufregung zu sein schien und eine Frage an mich richtete, die mir hier nicht oft vorgelegt wird. Ich besinne mich, daß sie ihren Schleier herabgeschlagen hatte und daß sie hierherkam, um mit dem Elfuhrzuge abzureisen. Crouch, der Botenfuhrmann, brachte ihren Koffer in die Gepäckaufgabe.“

„Das ist sie. Wohin nahm sie ihr Billet ?“

„Nach Exeter.“

„Sie sagten, Sie hätte eine Frage an Sie gestellt.“

„Ja, sie fragte, was für Gelegenheit es in Exeter gäbe, um von dort nach Cornwall weiter zu reisen. Ich sagte ihr, wir wären hier zu weit von diesem Ort entfernt, um hierüber genau unterrichtet zu sein, und empfahl ihr, sich bei den Leuten aus Devonshire zu erkundigen, wenn sie ans Ende der Reise käme. Sie schien ein schüchternes Frauenzimmer zu sein, welches sich auf der Reise nicht gut zu helfen wußte. Ist etwas nicht richtig mit ihr, Sir ?“

„O nein, durchaus nicht“, entgegnete der Doktor, indem er den Inspektor verließ und wieder zu seiner Chaise zurückeilte.

Als er einige Minuten später an der Tür des Tigerkopfes vorfuhr, sprang er aus seinem Wagen mit der zuversichtlichsten Miene eines Mannes, der Alles getan hat, was man von ihm erwarten konnte. Es war leicht, Mistreß Frankland mit der ungenügenden Nachricht von Mistreß Jazephs Entfernung gegenüberzutreten, da er ja nun auf die beste Bürgschaft hin die wichtige ergänzende Nachricht hinzufügen konnte, daß sie nach Cornwall gereist sei.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel

Ein Komplott gegen das Geheimnis

Am Abend des Tages nach Doktor Orridges Unterredung mit Mistreß Norbury setzte der unter dem Namne „die Druide“ bekannte Eilpersonenwagen, welcher durch Cornwall bis Truro ging, bei der Ankunft am Ziele seiner Bestimmung an der Tür des Einschreibebureaus drei Passagiere ab. Zwei dieser Passagiere waren ein alter Herr und seine Tochter, der dritte war Mistreß Jazeph.

Der Vater und die Tochter nahmen ihr Gepäck zusammen und gingen in das Hotel hinein. Die übrigen Passagiere zerstreuten sich mit so wenig Aufenthalt als möglich nach verschiedenen Richtungen hin, nur Mistreß Jazeph stand unentschlossen auf dem Pflaster und schien nicht zu wissen, was sie zunächst beginnen sollte.

Als der Kutscher sich gutmütigerweise bemühte, ihr zu irgendeinem Entschluß kommen zu helfen, indem er sie fragte, ob er etwas für sie tun könne, stutzte sie und sah ihn argwöhnisch an. Dann dankte sie, indem sie sich zu sammeln schien, ihm für seine Freundlichkeit und fragte mit verlegenen Worten und einem Zögern in ihrem Wesen, was dem Kutscher sehr sonderbar vorkam, ob man ihr erlaube, ihren Koffer kurze Zeit in dem Einschreibebureau stehen zu lassen, bis sie wiederkäme, um ihn zu holen.

Nachdem sie Erlaubnis erhalten, ihren Koffer so lange stehen zu lassen als ihr beliebte, ging sie über die Hauptstraße der Stadt, betrat das Trottoir der entgegengesetzten Seite und ging dasselbe entlang bis an die erste Ecke. Als sie hier in eine Nebengasse einbog, warf sie einen Blick rückwärts, überzeugte sich, daß niemand ihr folgte oder sie belauerte, eilte einige Schritte weiter und machte wieder an einem kleinen Laden Halt, der dem Verkaufe von Büchergestellen, Schränkchen, Arbeitskästchen und Schreibepulten gewidmet war.

Nachdem sie erst die über der Tür stehende Aufschrift – Buschmann, Kunsttischler zc. – gelesen, blickte sie zu dem Ladenfenster hinein.

Ein Mann von mittleren Jahren mit heiterem, frendlichem Gesicht saß hinter dem Ladentisch, polierte einen Kleiderhalter von Rosenholz und nickte dabei munter in regelmäßigen Zwischenräumen, als wenn er eine Melodie summte und mit dem Kopfe den Takt dazu schlüge.

Da Mistreß Jazeph keine Kunden in dem Laden sah, so öffnete sie die Tür und ging hinein. Sobald sie darin war, bemerkte sie, daß der heitere Mann hinter dem Ladentisch nicht zu einer von ihm selbst gesummten, sondern von einer Spieluhr ausgeführten Musik den Takt angab. Die hellen perlenden Töne kamen aus einem Zimmer hinter dem Laden und die Melodie, welche die Uhr spielte, war die reizende Arie aus Mozarts Don Juan: „Schlage, schlage, lieber Junge.“

„Ist Mr. Buschmann zu Hause ?“ fragte Mistreß Jazeph.

„Ja, Madame“, sagte der heitere Mann, indem er lächelnd nach der in das Zimmer führenden Tür zeigte. „Die Musik antwortet an seiner Statt. Wenn Mr. Buschmanns Uhr spielt, so ist er auch selbst nicht weit. Wünschen Sie ihn zu sprechen, Madame ?“

„Wenn niemand bei ihm ist.“

„O nein, er ist allein. Soll ich ihm Ihren Namen melden ?“

Mistreß Jazeph öffnete den Mund, um zu antworten, zögerte aber und sagte nichts. Der Ladengehilfe wiederholte mit weit mehr Scharfblick und Zartgefühl, als man ihm seiner äußern Erscheinung nach zugetraut hätte, die Frage nicht, sondern öffnete sofort die Tür, welche in Mr. Buschmanns Zimmer führte.

Das Ladenzimmer war sehr klein und von altväterischem Aussehen, mit hellgrünen Tapeten, einem großen, getrockneten Fisch in einem Glasgehäuse über dem Kamin, zwei Meerschaumpfeifen, die nebeneinander an der Wand gegenüber hingen, und einem netten runden Tisch, der so genau als möglich auf der Mitte des Fußbodens stand. Auf dem Tische sah man Teegeschirr, Brot, Butter, eine Büchse Marmelade und eine Spieluhr in einem sonderbaren, altmodischen Gehäuse und neben dem Tische saß ein kleiner rotbäckiger, weißköpfiger, alter Mann von schlichtem Aussehen, der, als die Tür sich öffnete, mit der Miene außerordentlicher Verlegenheit in die Höhe fuhr und die Feder der Spieluhr berührte, damit sie aufhörte, sobald die Arie zu Ende wäre.

„Es ist eine Dame da, die Sie zu sprechen wünscht, Sir“, sagte der heitere Gehilfe. „Dies ist Mr. Buschmann, Madame“, setzte er in leiserem Tone hinzu, als er sah, daß Mistreß Jazeph stehen blieb, nachdem sie in das Zimmer eingetreten war.

„Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, Madame ?“ sagte Mr. Buschmann, als der Gehilfe die Tür geschlossen hatte und hinter seinen Ladentisch zurückgekehrt war. „Entschuldigen Sie die Musik, sie wird sogleich aufhören.“

Er sprach diese Worte mit fremdländischem Akzent, aber vollkommener Geläufigkeit.

Mistreß Jazeph sah ihn aufmerksam an, während er sie anredete und trat einige Schritte näher, ehe sie etwas sagte.

„Hab ich mich denn so sehr verändert ?“ fragte sie sanft. „Ist die Veränderung, die mit mir vorgegangen ist, eine so sehr traurige, Onkel Joseph ?“

„Gott im Himmel ! Es ist ihre Stimme – es ist Sara Leeson !“ rief der alte Mann, indem er so flink, als ob er wieder ein Knabe wäre, auf sie zueilte, sie bei beiden Händen ergriff und mit einer sonderbaren hastigen Zärtlichkeit auf die Wange küßte.

Obschon seine Nichte durchaus nicht die durchschnittliche Größe einer Frauengestalt überragte, so war Onkel Joseph doch so klein, daß er sich auf die Zehen heben mußte, um die eben angedeutete Begrüßungszeremonie zu bewerkstelligen.

„Mein Gott, also bist du endlich da !“ rief er dann, indem er Sara auf einen Stuhl niederdrückte. „Nach so langen Jahren kommt Sara Leeson, um ihren Onkel Joseph wiederzusehen !“

Allerdings noch Sara, aber nicht Sara Leeson“, entgegnete Mistreß Jazeph, indem sie ihre magern, zitternden Hände fest zusammendrückte und, während sie sprach, ihre Blicke auf den Boden heftete.

„Ah, du bist wohl verheiratet !“ rief Mr. Buschmann in heiterm Tone. „Natürlich bist du verheiratet. Erzähle mir von deinem Mann, Sara.“

„Er ist tot; er hat den Tod gefunden – Tod und Verzeihung.“

Diese letztern drei Worte murmelte sie flüsternd vor sich hin.

„Ach, da tust du mir leid ! Ich fragte dich wohl zu hastig, nicht wahr, mein Kind ?“ sagte der alte Mann. „Na, laß das gut sein. Nein, nein, ich wollte nicht danach fragen – wir wollen von etwas anderm sprechen. Willst du vielleicht einen Bissen Brot und Marmelade genießen, Sara ? Es ist köstliche Brombeermarmelade, die einem auf der Zunge zergeht. Und eine Tasse Tee, nicht wahr ? Jawohl, eine Tasse Tee. Und wir wollen nicht von deinen Unannehmlichkeiten und Anfechtungen sprechen – wenigstens jetzt nicht. Du siehst sehr bleich aus, Sara – viel älter als du aussehen solltest – nein, das wollte ich auch nicht sagen – ich will dich durchaus nicht kränken. Ich erkannte dich an deiner Stimme, mein Kind – an deiner Stimme, die, wie dein armer Onkel Max immer sagte, dein Glück hätte machen können, wenn du singen gelernt hättest. Seine Spieluhr geht immer noch. Sieh nur nicht so niedergeschlagen aus ! – Horche ein wenig auf die Musik. Kennst du noch diese Spieluhr ? Es ist die meines Bruders Max, wie du weißt. Aber wie traurig du aussiehst ! Hast du denn die Spieluhr vergessen, welche der göttliche Mozart meinem Bruder mit eigener Hand gab, als Max die Musikschule in Wien besuchte ? Horch; ich habe sie wieder in Gang gesetzt. Es ist eine Arie aus einer Oper von Mozart. O wie schön ! wie schön ! Dein Onkel Max sagte, alle Musik sei in dieser einen Arie inbegriffen. Ich verstehe nichts von Musik, aber ich habe Herz und Ohren und diese sagen mir, daß Max recht hatte.“

Diese Worte mit einer Menge Gebärden und erstaunlicher Zungenfertigkeit sprechend, schenkte Mr. Buschmann seiner Nichte eine Tasse Tee ein, rührte sorgfältig um, klopfte Sara auf die Schulter und bat sie, ihm den Gefallen zu tun, die ganze Tasse sogleich auszutrinken. Als er ihr näher trat, um diese Bitte nochmals zu wiederholen, entdeckte er, daß ihr die Tränen in den Augen standen und daß sie versuchte, unbemerkt ihr Tuch aus der Tasche zu ziehen.

„Achte nicht auf mich“, sagte sie, als sie sah, wie das Gesicht des alten Mannes traurig ward. „Und halte mich nicht für leichtsinnig oder undankbar, Onkel Joseph. Ich kenne die Spieluhr noch recht wohl – ich besinne mich noch auf alles, woran du Interesse fandest, als ich jünger und glücklicher war als ich jetzt bin. Als ich dich das letzte Mal sah, war ich in Not, und heute wo ich wieder zu dir komme, bin ich abermals in Not. Es scheint nachlässig von mir zu sein, daß ich seit so vielen Jahren nicht an dich geschrieben habe, mein Leben ist aber ein sehr trauriges gewesen und ich hatte nicht das Recht, die Last meines Kummers andern Schultern aufzubürden als den meinigen.

Onkel Joseph schüttelte bei diesen letzten Worten den Kopf und berührte die Feder der Spieluhr.

„Mozart muß ein wenig warten“, sagte er ernst, „bis ich dir etwas erzählt habe. Sara, höre, was ich sage, trinke deinen Tee und erkläre mir offen, ob ich die Wahrheit spreche oder nicht. Was sagte ich, Joseph Buschmann, zu dir, als du vor vierzehn, fünfzehn, ach es sind sechzehn Jahre! In deiner Bedrängnis zu mir in diese Stadt und in dieses selbe Haus kamst ? Ich sagte damals, was ich auch jetzt wieder sage: Saras Kummer ist mein Kummer und Saras Freude ist meine Freude und wenn jemand Gründe von mir zu wissen wünscht, so kann ich ihm deren drei nennen.“

Er schwieg, um seiner Nichte den Tee zum zweiten Male umzurühren und ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, indem er mit dem Löffel auf den Rand der Tasse schlug.

„Drei Gründe“, hob er dann wieder an. „Erstens bist du meiner Schwester Kind – von ihrem Fleisch und Blut und folglich auch von dem meinigen. Zweitens haben wir, meine Schwester, mein Bruder und endlich ich selbst, deinem guten englischen Vater alles zu danken. Es ist dies ein kleines Wort, aber es bedeutet viel und kann immer und immer wieder erwähnt werden – alles. Die Freunde deines Vaters riefen: „Pfui ! Agathe Buschmann ist arm, Agathe Buschmann ist eine Ausländerin !“ Aber dein Vater liebte das arme deutsche Mädchen und heiratete sie trotz dieses Pfui ! Pfui ! Die Freunde deines Vaters riefen abermals „Pfui ! Agathe Buschmann hat einen Bruder, der Musikant ist, uns allerhand von Mozart vorschwatzt und nicht das Salz in die Suppe verdient.“ Dein Vater sagte: „Gut ! Sein Geschwätz gefällt mir; ich höre ihn gern spielen; ich werde ihm Schüler verschaffen und so lange ich noch ein Körnchen Salz in meiner Küche habe, soll er auch welches zu seiner Suppe haben.“ Die Freunde deines Vaters riefen zum dritten Mal „Pfui ! Agathe Buschmann hat noch einen Bruder, einen kleinen Dummkopf, der bei dem Geschwätz des andern bloß zuhorchen und Amen sagen kann. Schick ihn fort ums Himmels willen, schließ alle Türen zu und schicke wenigstens diesen Dummkopf fort !“ – Aber dein Vater sagte wieder: „Nein, dieser Dummkopf hat den Witz in den Händen; er kann schneiden und schnitzen und polieren; man helfe ihm etwas anfangen und dann wird er sich schon selbst helfen.“ Nun sind sie alle tot bis auf mich ! Dein Vater, deine Mutter, Onkel Max – alle sind sie tot. Nur der Dummkopf ist noch da, um in der Erinnerung zu leben und dankbar zu sein – um saras Leid als sein Leid und Saras Freude als seine Freude zu betrachten.“

Er hielt wieder inne, um einen Staubflecken von der Spieluhr hinwegzublasen. Seine Nichte wollte sprechen, aber er hielt die Hand empor und drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger.

„Nein“, sagte er, „jetzt ist das Sprechen an mir und an dir ist das Teetrinken. Habe ich nicht noch meinen dritten Grund zu nennen ? Ach, du wendest deinen Blick von mir ab. Du kennst meinen dritten Grund, ehe ich noch ein Wort sage. Als ich meinerseits heiratete und mein Weib starb und mich mit dem kleinen Joseph allein ließ und als der Knabe krank ward, wer kam da so still, so sauber, so hübsch mit den hellen, jungen Augen und den so zarten, leichten Händen ? Wer saß Tag und Nacht bei meinem kleinen Joseph ? Wer nahm ihn auf den Arm, wenn sein Kopf müde war auf dem Bett zu liegen ? Wer hielt ihm diese Uhr geduldig ans Ohr – ja, diese Uhr, welche Mozarts Hand berührt hat – wer hält sie ihm immer dichter und dichter ans Ohr, während das Gehör des kleinen Joseph stumpf wird und er nach der freundlichen Musik stöhnt, die er von seiner früheren Kindheit an gekannt, der freundlichen Musik, die er jetzt kaum noch hören kann ? Wer kniete neben Onkel Joseph, als ihm das Herz zu brechen drohte, nieder und sagte: „O, still, still ! Der Knabe ist dahin gegangen, wo eine schönere Musik ertönt, wo keine Krankheit ihn mehr peinigt und kein Gram ihn mehr anrührt.“ Wer war dies ? Ach, Sara, du kannst diese Tage nicht vergessen. Wenn deine Not bitter und deine Last schwer ist, dann ist es grausam von dir an Onkel Joseph gehandelt, wenn du ihm fern bleibst; aber Freundlichkeit und Güte, wenn du zu ihm kommst.“

Die Erinnerungen, welche der alte Mann wachgerufen, drangen in Saras Herz. Sie konnte ihm nicht antworten, sie konnte ihm bloß die Hand reichen.

Onkel Joseph verneigte sich mit komischer, liebreicher Galanterie und küßte die dargebotene Hand, dann kehrte er wieder auf seinen Platz neben der Spieluhr zurück.

„Komm !“ sagte er, indem er heiter mit dem Finger darauf pochte, „wir wollen eine Weile nichts mehr sagen. Mozarts Uhr, Max’ Uhr, des kleinen Josephs Uhr, du sollst uns wieder etwas vorspielen.“

Nachdem er die zarte Mechanik in Gang gesetzt, nahm er neben dem Tische Platz und verhielt sich schweigend, bis die Arie zweimal durchgespielt war. Dann, als er bemerkte, daß seine Nichte ruhiger geworden zu sein schien, redete er sie wieder an.

„Du bist in Not, Sara“, sagte er ruhig. „Du sagst mir dies und ich sehe dir am Gesicht an, daß es wahr ist. Grämst du dich wegen deines Mannes ?“

„Ich gräme mich, daß ich ihn jemals kennengelernt“, antwortete sie, „ich gräme mich, daß ich ihn jemals geheiratet. Nun aber, wo er tot ist, kann ich mich nicht mehr über ihn grämen – ich kann ihm bloß verzeihen.“

„Verzeihen ? Wie sonderbar du aussiehst, Sara, während du dies sagst – erzähle mir –“

„Onkel Joseph, ich habe dir gesagt, daß mein Mann tot ist und daß ich ihm verziehen habe.“

„Du hast ihm verziehen ? Dann war er also hart und grausam gegen dich ? Ich sehe es schon – ich sehe es schon – das ist das Ende, Sara – aber der Anfang ? – War der Anfang der, daß du ihn liebtest ?“

Ihre bleichen Wangen erröteten und sie wendete das Gesicht hinweg.

„Es ist hart und demütigend, es gestehen zu müssen“, murmelte sie, ohne ihre Augen emporzuheben, „aber du zwingst mich, die Wahrheit zu sagen. Ich hatte keine Liebe zu meinem Gatten – ich hatte keine Liebe für irgend einen Mann.“

„Und dennoch heiratetest du ihn ! Doch halt, es kommt mir nicht zu, dich zu tadeln – es kommt mir nicht zu, das Schlechte herauszufinden, sondern das Gute. Ja, ja – ich werde bei mir sagen: sie heiratete ihn, als sie arm und hilflos war; sie heiratete ihn, als sie lieber hätte zu Onkel Joseph gehen sollen. Das werde ich zu mir sagen und ich werde dich bemitleiden, aber dich nichts weiter fragen.“

Sara streckte halb wieder ihre Hand dem alten Manne entgegen, dann schob sie plötzlich ihren Stuhl zurück und veränderte die Stellung, in der sie saß.

„Es ist wahr, daß ich arm war“, sagte sie, indem sie sich verlegen umschaute und nur mit Mühe sprach. „Du bist aber so gut und freundlich und ich kann nicht die Entschuldigung geltend machen, die deine Nachricht mir in den Mund legt. Ich heiratete nicht, weil ich arm war, sondern –“

Sie schwieg, faltete die Hände und schob ihren Stuhl noch weiter von dem Tische zurück.

„So ! so !“ sagte der alte Mann, ihre Verwirrung bemerkend. „Wir wollen nicht weiter davon sprechen.“

„Ich hatte nicht die Entschuldigung der Liebe; ich hatte nicht die Entschuldigung der Armut“, sagte sie mit einem plötzlichen Ausdruck von Bitterkeit und Verzweiflung; „Onkel Joseph, ich heiratete ihn, weil ich zu schwach war, hartnäckig Nein zu sagen. Der Fluch der Schwäche und Furcht hat mich auf meinem ganzen Lebenswege begleitet ! Ich sagte einmal Nein zu ihm; ich sagte zweimal Nein zu ihm. O, Onkel, wenn ich es auch nur zum dritten Mal hätte sagen können ! Aber er folgte mir, er schüchterte mich ein, er raubte mir den ganzen geringen Willen, den ich hatte. Er ließ mich reden und gehen wie er wollte. Nein, nein, nein, komm nicht zu mir, Onkel; sage nichts. Er ist hinüber; er ist tot – ich bin erlöst von ihm – ich habe ihm verziehen. Ach, wenn ich nur gehen und mich irgendwo verbergen könnte ! Aller Augen scheinen mich zu durchschauen, aller Worte scheinen mir zu drohen. Mein Herz ist schwer gewesen seit meiner Jugend und während all dieser langen, langen Jahre hat es keine Ruhe gekannt. Still ! Der Mann im Laden – ich vergaß ganz den Mann im Laden; er wird uns hören; laß uns leise sprechen ! Warum sprach ich so laut ? Ach, ich mache nichts recht. Ich mache es nicht recht, wenn ich spreche; ich mache es nicht recht, wenn ich nichts sage; wohin ich auch gehe und was ich auch tue, so bin ich nicht wie andere Leute. Es ist als wäre ich seit meiner Kindheit an Geist immer dieselbe geblieben. Horch, der Mann im Laden bewegt sich. Hat er mich gehört ? O, Onkel Joseph, glaubst du, daß er mich gehört habe ?“

Mit fast ebenso erschrockener Miene wie seine Nichte zeigte, versicherte Onkel Joseph ihr gleichwohl, daß die Tür fest, daß der Platz des Mannes im Laden in einiger Entfernung davon und daß es, wenn er auch Stimmen im Zimmer hörte, ihm doch unmöglich sei, auch die Worte, welche gesprochen würden, zu unterscheiden.

„Weißt du das gewiß ?“ flüsterte sie hastig. „Ja, ja, du weiß es gewiß, sonst würdest du nicht so sagen, nicht wahr ? Wir können nun weiter sprechen. Nicht von meinem Ehestand – dieser ist begraben und vorbei. Wenn ich sage, daß ich einige Jahre des Kummers und Leidens hatte, welche ich verdiente – wenn ich sage, daß ich andere Jahre der Ruhe hatte, wo ich in Diensten stand, und Herren und Herrinnen hatte, die oft gütig gegen mich waren, während meine Dienstgenossen dies nicht waren – wenn ich so viel über mein Leben sage, so habe ich damit genug gesagt. Die Bedrängnis, in der ich jetzt bin, die mich zu dir führt, geht weiter zurück als auf die Jahre, von welchen wir soeben sprachen. Sie geht zurück, Onkel Joseph, bis auf den fernen Tag, wo wir uns das letzte Mal sahen.“

„Sie geht durch diese ganzen sechzehn Jahre zurück“, rief der alte Mann ungläubig. „Sie geht zurück, Sara, bis auf diese lange Vergangenheit.“

„Ja, bis auf diese Zeit. Onkel, du entsinnst dich noch, wo ich damals lebte und was mir begegnet war, als –“

„Als du heimlich hierherkamst ? Als du mich batest, dich zu verbergen ? Es war dieselbe Woche, in welcher deine Herrin starb, deine Herrin, welche dort im Westen in dem alten Schlosse wohnte. Du warst damals in Angst – bleich und erschrocken, wie ich dich jetzt sehe.“

„Wie alle Welt mich sieht ! Die Leute stieren mich fortwährend an; sie glauben immer, ich sei nervenkrank und bemitleiden mich deswegen.“

Indem sie diese Worte in plötzlich gereiztem Tone sagte, hob sie die neben ihr stehende Teetasse an ihre Lippen empor, leerte sie auf einen Zug und schob sie dann über den Tisch, um sie wieder vollschenken zu lassen.

„Ich bin ganz durstig und erhitzt“, flüsterte sie. „Gib mir noch mehr Tee, Onkel Joseph – noch mehr Tee.“

„Er ist kalt“, sagte der alte Mann. „Warte, bis ich heißes Wasser habe bringen lassen.“

„Nein !“ rief sie, indem sie ihn zurückhielt, als er im Begriff stand aufzustehen. „Gib ihn mir kalt; ich trinke ihn gern kalt. Laß niemand herein – ich kann nicht sprechen, wenn jemand hereinkommt.“

Sie zog ihren Stuhl dicht an den ihres Onkels und fuhr fort:

„Du hast noch nicht vergessen, in welcher Angst ich damals war – weißt du auch noch, weshalb ich mich so ängstete ?“

„Du fürchtetest verfolgt zu werden – das war es, Sara. Ich werde alt, mein Gedächtnis aber bleibt jung. Du fürchtetest dich vor deinem Herrn – du fürchtetest, er werde Diener nachsenden. Du warst heimlich fortgegangen, du hattest niemand ein Wort gesagt. Du sprachst wenig – ach, sehr, sehr wenig – selbst mit Onkel Joseph, selbst mit mir.“

„Ich sagte dir“, hob Sara wieder an, indem sie ihre Stimme zu einem so matten Geflüster herabsenkte, daß der alte Mann sie nur eben hören konnte, „ich sagte dir, daß meine Herrin mir auf ihrem Sterbebett ein Geheimnis zurückgelassen, ein Geheimnis in einem Briefe, den ich meinem Herrn geben sollte. Ich erzählte dir, daß ich den Brief versteckt, weil ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn abzugeben, und weil ich lieber tausendmal sterben, als mich über das ausfragen lassen wollte, was ich davon wüßte. Soviel erzählte ich dir, das weiß ich. Sagte ich dir nichts weiter ? Sagte ich nicht, daß meine Herrin mich einen Schwur auf die Bibel tun ließ ? – Onkel, hast du Lichte hier im Zimmer ? Hast du Lichte, die wir anzünden können, ohne jemand zu stören, ohne jemand hereinzurufen ?“

„Es sind Lichte und Zündhölzchen in meinem Schranke“, antwortete Onkel Joseph. „Aber sieh doch an das Fenster, Sara. Es ist ja erst Dämmerung – es ist noch nicht finster.“

„Draußen allerdings nicht, wohl aber hier.“

„Wo denn ?“

„In jener Ecke. Laß und Lichter anzünden. Ich liebe nicht die Dunkelheit, wenn sie sich so in Winkeln sammelt und die Wände entlang kriecht.“

Onkel Joseph sah sich forschend im Zimmer ringsum und lächelte bei sich selbst, während er zwei Kerzen aus dem Schranke nahm und anzündete.

„Du bist wie die Kinder“, sagte er scherzend, während er die Fenstergardine zuzog. „Du fürchtest dich vor der Dunkelheit.“

Sara schien ihn nicht zu hören. Ihre Augen waren auf den Winkel des Zimmers geheftet, auf welchen sie einen Augenblick vorher gezeigt. Als Onkel Joseph seinen Platz neben ihr einnahm, sah sie nicht nach ihm herum, sondern legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte plötzlich zu ihm:

„Onkel ! Glaubst du, daß die Toten aus dem Jenseits wiederkommen, die Lebenden überall hin verfolgen und sehen können, was sie machen ?“

Der alte Mann stutzte.

„Sara“, sagte er, „warum sprichst du so ? Warum tust du eine solche Frage an mich ?“

„Gibt es einsame Stunden“, fuhr sie fort, immer noch die Augen auf den Winkel geheftet haltend und immer noch nicht auf Onkel Joseph hörend, „wo du zuweilen erschrickst, ohne zu wissen warum – wo der Schrecken dich durchrieselt vom Kopf bis zum Fuße ? Sage mir, Onkel, hast du jemals gefühlt wie ein kalter Schauer die Wurzeln deines Haares packt und dir langsam den Rücken hinabkriecht ? Ich habe das gefühlt, selbst im Sommer. Ich bin im Freien gewesen, allein auf einer breiten Heide, in der Hitze und im Glanze des Mittags und es ist mir gewesen, als berührten mich eisige Finger – feuchte, kalte, leis kriechende Finger. Im neuen Testament heißt es, daß die Toten einmal aus ihren Gräbern hervorgingen und in die heilige Stadt kamen. Die Toten ! Haben sie seit jener Zeit geruht, stets geruht, für immer geruht ?“

Onkel Josephs schlichtes Gemüt bebte entsetzt vor den schwarzen, verwegenen Gedanken zurück, welche die Fragen seiner Nichte erweckten. Ohne ein Wort zu sagen, versuchte er den Arm, den sie noch hielt, hinwegzuziehen, die einzige Folge dieser Bemühung aber war, daß Sara ihn nur um so fester hielt, sich in ihrem Stuhl vorwärts neigte und noch unverwandter in den Winkel des Zimmers schaute.

„Meine Herrin lag im Sterben“, sagte sie, „meine Herrin stand bereits mit einem Fuße im Grabe, als sie mich auf die Bibel schwören ließ. Sie ließ mich beschwören, daß ich den Brief niemals vernichten wollte, und ich vernichtete ihn auch nicht. Sie ließ mich ferner beschwören, ihn nicht mit fortzunehmen, den Brief meinem Herrn zu geben, aber der Tod kam schneller als sie glaubte – der Tod hinderte sie, mein Gewissen auch durch diesen dritten Eid zu binden. Wohl aber drohte sie mir, Onkel, mit Todesschweiß auf ihrer Stirn und Totenblässe auf ihren Wangen – sie drohte mir, mich aus der andern Welt heimzusuchen, wenn ich ihre Absicht vereitelte – und ich habe dieselbe vereitelt.“

Sie schwieg, nahm plötzlich ihre Hand von dem Arme des alten Mannes hinweg und machte eine seltsame Gebärde nach dem Teile des Zimmers, auf welchen ihre Augen geheftet waren.

„Ruhe, ruhe, ruhe“, flüsterte sie ganz leise. „Lebt mein Herr jetzt noch ? Ruhe, bis die Ertrunkenen auferstehen. Sage ihm das Geheimnis, wenn das Meer seine Toten herausgibt.“

„Sara, Sara ! Du bist verändert, du bist krank, du erschreckst mich !“ rief Onkel Joseph aufspringend.

Sie drehte sich langsam um und sah ihn mit Augen an, die alles Ausdrucks bar waren, mit Augen, die ihn gedankenlos anzustieren schienen wie etwas weit Entferntes.

„Gott im Himmel ! Was sieht sie denn ?“ rief Onkel Joseph und sah sich um, während dieser Ausruf ihr entschlüpfte. „Sara, was gibt es ? Bist du erschöpft ? Bist du unwohl ? Träumst du mit offenen Augen ?“

Er faßte sie bei beiden Armen und schüttelte sie. In dem Augenblick, wo sie die Berührung seiner Hände fühlte, fuhr sie heftig zusammen und zitterte an allen Gliedern. Ihr natürlicher Ausdruck kehrte mit der Schnelligkeit eines Blitzes in ihre Augen zurück. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie schnell wieder ihren Sitz ein und begann den kalten Tee so rasch in ihrer Tasse zu rühren, daß die Flüssigkeit in ihre Untertasse überströmte.

„Na, jetzt scheint sie sich wieder zu erholen“, sagte Onkel Joseph sie beobachtend.

„Wieder zu erholen ?“ wiederholte sie mechanisch.

„Na ! na !“ sagte der alte Mann, indem er sich bemühte, sie zu beschwichtigen. „Du bist krank. Wir haben aber gute Ärzte hier. Warte bis morgen – Du sollst den allerbesten haben.“

„Ich brauche keinen Arzt. Sprich nicht von Ärzten. Ich kann sie nicht ausstehen; sie sehen mich mit so neugierigen Augen an; sie spionieren an mir herum, als ob sie etwas entdecken wollten. Warum sind wir in unserm Gespräch stehen geblieben ? Ich hatte soviel zu erzählen und wir scheinen uns gerade unterbrochen zu haben, während wir doch hätten fortfahren sollen. Ich bin in Angst und Furcht, Onkel Joseph, in Angst und Furcht wieder wegen des Geheimnisses !“

„O, davon nichts mehr !“ sagte der alte Mann in bittendem Tone. „Wenigstens heute Abend nichts mehr.“

„Warum nicht ?“

„Weil du wieder krank werden wirst, wenn du darüber sprichst. Du wirst wieder in jenen Winkel hineinschauen und mit offenen Augen träumen – du bist zu krank – ja, ja, Sara – du bist zu krank.“

„Ich bin nicht krank ! O, warum sagen mir fortwährend alle Leute, daß ich krank sei ? Laß mich davon sprechen, Onkel. Ich bin gekommen, um davon zu sprechen; ich habe nicht eher wieder Ruhe, als bis ich es dir gesagt habe.“

Sie sprach mit wechselnder Farbe und verlegener Miene, als ob sie jetzt zum ersten Mal sich bewußt würde, daß sie sich Worte und Taten hatte entschlüpfen lassen, welche sie klüger getan hätte zu verschweigen.

„Achte weiter nicht darauf“, sagte sie mit ihrer sanften Stimme und ihrem schüchternen bittenden Wesen. „Achte nicht weiter darauf, wenn ich spreche oder aussehe, wie ich nicht sprechen oder aussehen sollte. Ich rede zuweilen irre, ohne es zu wissen, und ich glaube, ich habe auch jetzt irre geredet. Es hat aber nichts zu bedeuten, Onkel Joseph – durchaus nichts.“

Indem sie sich auf diese Weise bemühte, den alten Mann wieder zu beruhigen, änderte sie abermals die Stellung ihres Stuhls so, daß sie wieder nach dem Teile des Zimmers zu saß, welchem ihr Gesichtvohin zugewendet gewesen.

„Gut, gut, ich freue mich, dies zu hören“, sagte Onkel Joseph; „aber sprich nicht mehr von der Vergangenheit, sonst möchtest du wieder anfangen irre zu reden. Laß uns lieber hören, was es jetzt gibt. Ja, tue mir den Willen. Laß die Vergangenheit mir und nimm du die Gegenwart. Ich kann die sechzehn Jahre ebenso gut die Musterung passieren lassen wie du. Du bezweifelst es ? Dann höre mich dir erzählen, was geschah, als wir uns das letzte Mal sahen – höre mich es dir in drei Worten beweisen. Du verließest deinen Dienst in dem alten Schlosse – du kamst hierher – du hieltest dich bei mir verborgen, während dein Herr und sein Diener dich auszuspionieren suchten – du setztest, sobald die Luft wieder rein war, deinen Weg weiter fort, um dir, so fern von Cornwall als möglich dein Brot zu verdienen. Ich bat dich inständig, bei mir zu bleiben, aber du fürchtetest dich vor deinem Herrn und gingst fort. Da, dies ist die ganze Geschichte deiner Bedrängnisse als du das letzte Mal hierher zu mir kamst. Nun sage mir, was die Ursache deiner jetzigen Bedrängnis ist.“

„Die frühere Ursache meiner Bedrängnis, Onkel Joseph, und die gegenwärtige ist ein und dieselbe – das Geheimnis.“

„Wie ? Willst du darauf zurückkommen ?“

„Ich muß darauf zurückkommen.“

„Und warum ?“

„Weil das Geheimnis in einem Briefe geschrieben steht.“

„Ja – und was ist damit ?“

„Und der Brief in Gefahr schwebt entdeckt zu werden. Ja, Onkel, so ist es. Sechzehn Jahre hat er versteckt gelegen – und jetzt, nach dieser ganzen langen Zeit, ist die furchtbare Möglichkeit, daß er ans Licht gebracht werde, über mich gekommen wie ein Gericht. Gerade die Person in der ganzen Welt, welche diesen Brief niemals vor Augen bekommen sollte, ist die, welche höchstwahrscheinlich ihn finden wird.“

„So so ! Weißt du das auch gewiß, Sara ? Und woher weißt du es ?“

„Ich weiß es aus ihrem eigenen Munde. Der Zufall führte uns zusammen –“

„Uns ? uns ? Wen meinst du unter uns ?“

„Ich meine – Onkel, du weißt doch noch, daß Kapitän Treverton mein Dienstherr war, als ich in Porthgenna Tower lebte ?“

„Ich hatte seinen Namen vergessen – doch gleichviel – erzähle weiter.“

„Als ich meinen Dienst verließ, war Miß Treverton ein kleines Mädchen von fünf Jahren, jetzt ist sie ene verheiratete Frau – so schön, so gut, mit einem so sanften, jugendlichen, fröhlichen Gesicht – und sie hat ein Kind, welches ebenso lieblich ist wie sie selbst. O, Onkel, wenn du sie sehen könntest ! Ich gäbe viel darum, wenn du sie sehen könntest !“

Onkel Joseph küßte seine Hand und zuckte die Achseln. Die erste Gebärde drückte die Huldigung aus, welche er der Schönheit der Dame darbrachte, und die zweite die Ergebung in das Mißgeschick, sie nicht sehen zu können.

„Wohlan“, sagte er philosophisch, „laß diese ausgezeichnete Frau beiseite und uns weiter fortfahren.“

„Ihr Name ist jetzt Frankland“, sagte Sara. „Es ist ein hübscherer Name als Treverton, ein viel hübscherer Name, glaube ich. Ihr Gatte liebt sie sehr – ich bin dessen gewiß. Wie könnte er auch ein Herz haben und sie nicht lieben ?“

„So so !“ rief Onkel Joseph mit ganz verdutzter Miene. „Wenn er sie liebt, so ist das gut – recht gut. Aber in was für ein Labyrinth geraten wir da ? Warum diese ganze Erzählung von einem Mann und seiner Frau ? Auf mein Ehrenwort, Sara, deine Erklärung erklärt nichts – sie macht mich bloß konfus.“

„Ich muß von ihr und ihrem Gatten sprechen, Onkel. Porthgenna Tower ist jett das Eigentum dieses Mannes und sie stehen beide im Begriff, dort ihren Wohnsitz zu nehmen.“

„Ah, endlich kommen wir wieder auf die alte gerade Straße zurück.“

„Sie wollen ihren Wohnsitz in demselben Hause nehmen, welches das Geheimnis in sich schließt – sie wollen gerade den Teil des Hauses, wo der Brief versteckt liegt, wieder in bewohnbaren Stand setzen lassen. Sie will in die alten Zimmer gehen – ich hörte sie dies sagen; sie will in denselben herumsuchen, um ihre Neugier zu befriedigen – Arbeiter werden diese Zimmer ausräumen und sie wird in ihren müßigen Stunden dabei stehen und zusehen.“

„Aber sie mutmaßt nichts von dem Geheimnis ?“

„Gott verhüte, daß dies der Fall sei !“

„Und sind viele Zimmer in dem Hause ? Und ist der Brief, in welchem das Geheimnis geschrieben steht, in einem der vielen versteckt ? Warum sollte sie gerade dieses eine treffen ?“

„Weil ich stets etwas sage, was ich nicht sagen sollte; weil ich immer in Angst gerate und zur Unzeit die Besonnenheit verliere. Der Brief liegt in einem Zimmer versteckt, welches das Myrthenzimmer heißt, und ich war so töricht, so schwach, so unbesonnen, sie vor dem Betreten dieses Zimmers zu warnen.“

„Ach Sara, Sara ! das war freilich ein Mißgriff.”

„Ich weiß selbst nicht, was sich meiner auf einmal bemächtigt hatte – ich war mit einem Male wie von Sinnen, als ich sie so unschuldig davon sprechen hörte, daß sie zu ihrem Vergnügen die alten Zimmer durchsuchen wollte, und als ich bedachte, was sie darin finden könnte. Dazu kam, daß es gegen Einbruch der Nacht war; die entsetzliche Finsternis sammelte sich in den Winkeln und kroch die Mauern entlang und ich wagte nicht die Lichter anzuzünden, weil ich fürchtete, sie würde sehen, wie aufgeregt und angstvoll ich war. Und als ich die Lichter endlich anzündete, ward die Sache noch schlimmer. O, ich weiß gar nicht, wie ich es tat ! Ich weiß nicht, warum ich es tat. Ich hätte mir die Zunge ausreißen können, daß ich diese Worte gesagt, und dennoch sagte ich sie. Andere Menschen überlegen sich alles reiflich, andere Menschen tun was unter den obwaltenden Umständen das beste ist, andere Menschen haben auch eine schwere Last auf ihrem Herzen gehabt und sind derselben doch nicht erlegen wie ich. Hilf mir, Onkel, um der alten Zeiten willen, wo wir glücklich waren – hilf mir durch ein Wort guten Rates.“

„Ich werde dir auch helfen – ich lebe, um dir zu helfen, Sara. Na, na – sieh nur nicht so trostlos aus und weine nur nicht. Ich will dir gern einen guten Rat geben, aber sage mir nur worin – in welcher Beziehung.“

„Habe ich dir das nicht schon gesagt ?“

„Nein, du hast mir noch kein Wort gesagt.“

„Nun, dann will ich es dir jetzt sagen –“

Sie schwieg, schaute mißtrauisch nach der Tür, welche in den Laden führte, horchte ein wenig und hob dann wieder an:

„Ich bin noch nicht am Ende meiner Reise, Onkel Joseph – ich bin hier auf dem Wege nach Porthgenna Tower – auf dem Wege nach dem Myrthenzimmer – Schritt für Schritt auf dem Wege nach dem Platze, wo der Brief versteckt liegt. Ich wage nicht, ihn zu vernichten; ich wage nicht, ihn gänzlich zu entfernen, aber welche Gefahr ich auch laufen möge, so muß ich ihn wenigstens aus dem Myrthenzimmer hinwegbringen.“

Onkel Joseph sagte nichts, sondern schüttelte mutlos den Kopf.

„Ich muß“, wiederholte sie. „Ehe Mistreß Frankland nach Porthgenna kommt, muß ich diesen Brief aus dem Myrthenzimmer entfernen. Es gibt eine Menge andere Orte in dem alten Hause, wo ich ihn wieder verstecken kann – Orte, an die sie niemals denken – Orte, die sie niemals beachten würde. Laß mich ihn nur aus dem einen Zimmer herausbekommen, in welchem sie ganz gewiß suchen werden, und ich weiß, wo ich ihn dann vor ihr und vor jedermann auf immer verberge.“

Onkel Joseph dachte nach, schüttelte wieder den Kopf und sagte dann:

„Noch ein Wort, Sara – weiß Mistreß Frankland, welches das Myrthenzimmer ist ?“

„Ich tat alles Mögliche, um jede Spur dieses Namens zu vernichten, als ich den Brief versteckte. Ich hoffe und glaube, daß sie es nicht weiß. Aber sie kann es ermitteln – bedenke die Worte, die ich wahnsinnig genug war auszusprechen ! Dadurch wird sie sich veranlaßt sehen, das Myrthenzimmer zu ermitteln; ganz gewiß wird dies die Folge sein.“

„Und wenn sie es findet ? Und wenn sie den Brief sieht ?“

„Das wäre Unglück und Herzeleid für unschuldige Menschen und für mich der Tod. Rücke deinen Stuhl nicht von mir hinweg, Onkel – es ist kein schimpflicher Tod, von welchem ich spreche. Das Schlimmste, was ich getan, habe ich mir selbst getan; der schlimmste Tod, den ich zu fürchten habe, ist der, welcher einen gebeugten Geist erlöst und ein gebrochenes Herz heilt.“

„Genug – genug so“, sagte der alte Mann. „Ich verlange kein Geheimnis zu wissen, Sara, welches du mir einmal nicht mitteilen kannst. Mir ist alles dunkel – sehr dunkel, sehr verworren. Ich sehe davon hinweg – ich sehe bloß auf dich – nicht mit Zweifel, mein Kind, sondern mit Mitleid und auch mit Kummer – mit Kummer, daß du jemals diesem Schloß Porthgenna zu nahe gekommen bist, mit Kummer, daß du jetzt wieder dorthin willst.“

„Ich habe keine andere Wahl, Onkel, als hinzugehen. Und wenn jeder Schritt auf dem Wege nach Porthgenna meinem Tode näher führte, so muß ich diese Straße dennoch wandeln. Mit dem was ich weiß, kann ich nicht ruhen, kann ich nicht schlafen – ich kann nicht einmal frei atmen, bis ich diesen Brief aus dem Myrthenzimmer entfernt habe. Wie ich dies aber machen soll, Onkel Joseph, wie ich dies machen soll ohne Verdacht zu erregen, ohne von jemand entdeckt zu werden – das ist es, wofür ich mein Leben hingeben würde, wenn ich es wüßte. Du bist ein Mann – du bist älter und klüger als ich; kein lebendes Wesen hat jemals vergebens Hülfe bei dir gesucht – hilf auch nun mir – du, mein einziger Freund in der ganzen Welt, hilf auch mir durch ein Wort des Rates.“

Onkel Joseph erhob sich von seinem Stuhle, verschränkte entschlossen die Arme und schaute seiner Nichte gerade und unverwandt ins Gesicht.

„Du willst also dorthin gehen ?“ fragte er. „Du willst hingehen, möge es kosten was es wolle ? Erkläre dich ein für allemal, ob dies deine feste Absicht ist – ja oder nein.“

„Ja ! Ein für allemal sage ich Ja.“

„Gut, und du willst wohl auch bald hingehen ?“

„Ich muß morgen hingehen. Ich wage nicht, einen einzigen Tag zu versäumen – sogar die Stunden können kostbar sein.“

„Du versicherst mir, Kind, daß das Verbergen des Geheimnisses Nutzen bringt und daß das Auffinden desselben schaden würde ?“

„Und wenn es das letzte Wort wäre, welches ich in dieser Welt zu sprechen hätte, so würde ich sagen: Ja !“

„Du versicherst mir auch, daß du weiter nichts willst als den Brief aus dem Myrthenzimmer nehmen und irgendwo anders hintun ?“

„Weiter nichts.“

„Und hast du auch das Recht, diese Veränderung vorzunehmen ? Hat niemand ein größeres Recht als du, diese Sache zu berühren ?“

„Nein, niemand, seitdem mein Dienstherr tot ist.“

„Gut. Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Setze dich hierher, Sara, und wundre dich, wenn du willst, aber sage nichts.“

Mit diesen Worten ging Onkel Joseph leichtfüßig nach der in den Laden führenden Tür, öffnete sie und rief dem Manne zu, der hinter dem Ladentisch saß.

„Samuel, lieber Freund“, sagte er, „morgen werde ich mit meiner Nichte, dieser Dame hier, eine kleine Reise über Land machen. Besorgt mittlerweile den Laden und nehmt Bestellungen an und seid mit einem Worte so achtsam und sorgfältig wie Ihr immer seid, bis ich wiederkomme. Sollte jemand nach mir fragen, so sagt nur, ich würde in einigen Tagen wieder da sein. Das ist alles. Für heute abend schließt nun den Laden, Samuel, und geht nach Hause. Ich wünsche Euch guten Appetit, etwas gutes zu essen und eine gute Nacht.“

Ehe Samuel seinem Herrn danken konnte, war die Tür wieder geschlossen. Ehe Sara ein Wort sagen konnte, legte ihr Onkel Joseph die Hand auf den Mund und trocknete mit seinem Tuch die Tränen, die jetzt unaufhaltsam ihren Augen entströmten.

„Nun wird nicht mehr geschwatzt und nicht mehr geweint“, sagte der alte Mann. „Ich bin ein Deutscher und rühme mich hartnäckiger zu sein, als sechs Engländer alle in einen zusammengeschmolzen. Heute Nacht schläfst du hier, morgen werden wir wieder über die ganze Sache sprechen. Du wünschest, daß ich dir mit gutem Rate beistehe. Ich will dir mit mir selbst beistehen, was noch viel besser ist als guter Rat. Nun sage ich nichts weiter, sondern lange meine Pfeife von der Wand und denke, während ich schmauche, weiter nach. Heute abend schmauche ich und überlege ich – morgen spreche und handle ich. Und du, du gehst hinauf zu Bett. Du nimmst Onkel Max’ Spieluhr in die Hand und läßt Mozart dir dein Wiegenlied singen, ehe du einschläfst. Ja ja, mein Kind, Mozart bringt allemal Trost – bessern Trost als das Weinen. Warum weinst du überhaupt zu viel ? Welchen Grund hast du zu weinen oder zu danken ? Ist es denn ein so großes Wunder, daß ich das Kind meiner Schwester nicht allein ein Wagstück im Finstern unternehmen lassen will ? Ich sagte, Sara, dein Kummer wäre mein Kummer und deine Freude meine Freude und wenn es einmal nicht anders ist – wenn es einmal geschehen muß – so sage ich auch: Saras Gefahr morgen ist auch Onkel Josephs Gefahr morgen.“



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel

Im Freien

Der nächste Morgen führte keine Veränderung in dem Entschlusse herbei, zu welchem Onkel Joseph während der Nacht gekommen war. Aus der Verwunderung und Verwirrung, die in seinem Gemüt durch das Geständnis seiner Nichte in Bezug auf den Zweck, der sie nach Cornwall führte, hervorgerufen worden, hatte er wenigstens einen klaren und bestimmten Schluß gezogen, nämlich den, daß sie hartnäckig entschlossen war, sich in eine ungewisse, wo nicht geradezu gefahrvolle Lage zu begeben.

Einmal hiervon überzeugt, gingen seine hilfreichen Gedanken sofort in Tätigkeit über, seine angeborene Festigkeit der Selbstverleugnung behauptete sich und sein Vorsatz, Sara ihre Reise nicht allein machen zu lassen, war hiervon die ganz natürliche Folge.

Dieser Entschluß war gleichsam seine Zuflucht vor dem Zweifel, der Verlegenheit, der Unruhe und den Befürchtungen, welche Saras Aussehen, ihre Sprache und ihre Handlungsweise in ihm erweckt hatten. Stark in der selbstverleugnungsvollen Hochherzigkeit seines Vorsatzes – obschon in nichts anderm – weigerte er sich, als er und seine Nichte am Morgen einander wiedersahen und als Sara mit Selbstvorwürfen von dem Opfer sprach, welches er sich auferlegte, sowie von den ernsten Gefahren, denen er sich um ihretwillen aussetzte, dennoch ebenso hartnäckig, ihr Gehör zu schenken, als er sich schon am Abend vorher geweigert.

Es sei, sagte er, nicht nötig, nur ein Wort weiter über diesen Punkt zu sprechen. Wenn Sara ihre Absicht, nach Porthgenna zu gehen, aufgegeben hätte, so brauchte sie es bloß zu sagen. Wäre dies nicht der Fall, so sei es schade um jedes Wort, denn er wäre gegen alles in Gestalt einer Gegenvorstellung, die sie möglicherweise an ihn richten könnte, auf beiden Ohren taub.

Nachdem er sich auf diese unzweideutige Weise ausgesprochen, war er sofort bemüht, das Gespräch auf ein heiteres, alltägliches Thema zu bringen, indem er seine Nichte fragte, wie sie geschlafen habe.

„Ich war zu unruhig, um zu schlafen“, antwortete sie. „Ich kann meine Befürchtungen und bangen Ahnungen nicht bezwingen, wie manche Menschen es können. Die ganze Nacht hindurch halten sie mich wach und beschäftigen meine Gedanken, als ob es Tag wäre.“

„Worüber hast du denn nachgedacht ?“ fragte Onkel Joseph. „Über den versteckten Brief ? Über das Schloß Porthgenna ? Über das Myrtenzimmer ?“

„Darüber, wie ich in das Myrtenzimmer gelangen soll“, sagte sie. „Je mehr ich darüber nachdenke und mit mir einig zu werden suche, was ich tun soll, desto verworrener und hilfloser scheine ich zu werden. Die ganze vergangene Nacht überlegte ich, unter welchem Vorwand ich in das Schloß Porthgenna hineingelangen könnte und dennoch, wenn ich in diesem Augenblick auf der Schwelle stünde, wüßte ich doch, wenn der Diener mir entgegenträte, nicht was ich sagen sollte. Wie sollen wir hineingelangen ? Wie soll ich mich, selbst wenn wir hineinkommen, unbemerkt nach jenem Zimmer schleichen ? Kannst du mir dies nicht sagen ? Du wirst dich bemühen, Onkel Joseph – ich bin überzeugt, daß du dich bemühen wirst. Hilf mir insoweit und ich glaube, für das Übrige kann ich selbst stehen. Wenn die Schlüssel noch da verwahrt werden, wo sie zu meiner Zeit verwahrt zu werden pflegten, dann brauche ich weiter nichts als zehn Minuten allein zu sein – bloß zehn kurze Minuten, um das Ende meines Lebens leichter zu machen als der Anfang gewesen ist, um ruhig und ergebungsvoll alt zu werden, wenn es Gottes Wille ist, daß ich ein hohes Alter erreichen soll. O, wie glücklich müssen die Menschen sein, welche so viel Mut besitzen als sie brauchen, welche umsichtig und entschlossen sind, ohne jemals die Besonnenheit zu verlieren. Du bist klüger als ich, Onkel; du sagtest gestern Abend, du wolltest dir überlegen, was das Beste wäre – worauf haben deine Gedanken dich zuletzt geführt ? Du wirst mir das Herz viel leichter machen, wenn du mir dies sagen willst.“

Onkel Joseph nickte zustimmend, nahm eine tiefernste Miene an und legte den Zeigefinger an die Nase.

„Was versprach ich dir gestern abend ?“ sagte er. „Versprach ich dir nicht, meine Pfeife zur Hand zu nehmen und mich bei dieser Rats zu erholen ? Wohlan, ich rauchte drei Pfeifen und hatte dabei drei Gedanken. Mein erster Gedanke war – Warten. Mein zweiter Gedanke war wiederum – Warten ! Mein dritter Gedanke war abermals – Warten ! Du sagst, es würde dir leichter ums Herz werden, Sara, wenn ich dir das Ende aller meiner Gedanken sagte. Wohlan, ich habe es dir gesagt. Dies ist das Ende – nun ist dir leichter ums Herz – und alles ist somit in Ordnung.“

„Warten ?“ wiederholte Sara mit einem Blick, welcher eher alles andere verriet als Herzenserleichterung. „Ich fürchte, Onkel, ich verstehe dich nicht ganz. Worauf sollen wir denn warten ? Bis wann sollen wir warten ?“

„Bis wir an Ort und Stelle kommen. Wir wollen warten, bis wir vor der Tür des Schlosses stehen, dann wird immer noch Zeit genug sein zu überlegen, wie wir hineingelangen sollen“, sagte Onkel Joseph mit der Miene der Überzeugung. „Nun, verstehst du mich ?“

„Ja – wenigstens verstehe ich dich besser als vorher. Aber es bleibt auch noch eine andere Schwierigkeit übrig. Onkel, ich muß dir mehr sagen, als ich jemals einem Menschen zu sagen beabsichtigte – ich muß dir sagen, daß der Brief eingeschlossen ist.“

„In ein Zimmer eingeschlossen ?“

„Nicht bloß dies, sondern auch noch in etwas innerhalb des Zimmers. Der Schlüssel, der die Tür – auch wenn ich ihn erlange – der Schlüssel, der die Tür des Zimmers öffnet, ist noch nicht alles, was ich bedarf. Es gibt außerdem noch einen andern Schlüssel, einen kleinen Schlüssel –“

Sara schwieg mit verlegenem, ängstlichen Blick.

„Einen kleinen Schlüssel, den du wohl verloren hast ?“ fragte Onkel Joseph.

„Ich warf ihn an dem Morgen, wo ich aus Porthgenna entfloh, in den Brunnen des Dorfes. O, hätte ich ihn nur behalten ! Hätte ich nur daran gedacht, daß ich ihn vielleicht wieder brauchte !“

„Wohlan, das läßt sich nun weiter nicht ändern. Sage mir, Sara, was ist es für ein Behältnis, in welches der Brief eingeschlossen ist.“

„Ich fürchte, daß die Wände mich hören könnten.“

„Unsinn ! Komm, sage es mir leise.“

Sie sah sich mißtrauisch ringsum und sagte dann dem alten Manne etwas leise ins Ohr. Er horchte aufmerksam und lachte, als sie wieder schwieg.

„Ach bah !“ rief er. „Wenn es weiter nichts ist, dann sei gutes Mutes. Das ist ja, wie ihr ruchlosen Engländer sagt, leicht wie das Lügen. Mein liebes Kind, so etwas kannst du selbst aufsprengen.“

„Aufsprengen ? Wie denn ?“

Onkel Joseph ging an den Fenstersitz, der nach altväterischer Weise nicht bloß als Sitz, sondern auch als Kasten diente. Er öffnete den Deckel, holte einige in dem Behältnis darunter liegende Werkzeuge heraus und wählte von diesen einen Meißel.

„Sieh“, sagte er, indem er an dem Deckel des Fenstersitzes den Gebrauch veranschaulichte, der von dem Werkzeug gemacht werden sollte. „So steckst du ihn in die Fuge – knick ! – dann gibst du ihm einen Druck – so – knack ! Es bedarf eines kurzen Augenblickes – knick ! knack ! und das Schloß ist futsch. Hier nimm den Meißel gleich an dich, wickele ihn in dieses Stück starkes Papier und stecke ihn in die Tasche. Worauf wartest du denn noch ? Soll ich es dir noch einmal zeigen, oder glaubst du es nun zu können ?“

„Ich wünschte, daß du es mir noch einmal zeigtest, Onkel Joseph, aber nicht jetzt, nicht eher als bis wir an das Ende unserer Reise gelangt sind.“

„Gut. Dann kann ich vollends meine Sachen zusammenpacken und den Wagen bestellen. Vor allen Dingen muß Mozart seinen Überrock anziehen und mit uns reisen.“

Er ergriff die Spieluhr und schob sie sorgfältig in ein ledernes Futteral, welches er mittelst eines Riemens über die Schulter hing. „Das nächste ist meine Pfeife, Tabak, um sie zu stopfen, und Zündhölzer, um sie anzubrennen. Den Beschluß macht ein alter deutscher Tornister, den ich vorige Nacht gepackt habe. Sieh, hier ist ein Hemd, eine Nachtmütze, ein Kamm, ein Taschentuch und ein Paar Socken. Und wenn ich ein Kaiser wäre, was brauchte ich mehr als dies? – Also gut. Ich habe Mozart, ich habe die Pfeife, ich habe den Tornister, ich habe – halt! Halt! Der alte lederne Beutel darf auch nicht vergessen werden. Schau, hier ist er. Horch! Tinglingling! Er klimpert – es ist Geld darin. Ach, mein lieber, lederner Freund, du wirst viel leichter und dünner werden, ehe du wieder nach Hause kommst. So, - nun ist alles bereit. Wir sind nun marschfertig vom Kopf bis zum Fuß. Leb wohl auf eine halbe Stunde, Sara; du wirst hier warten und dir die Zeit zu vertreiben suchen, während ich nach dem Wagen gehe.“

Als Onkel Joseph wiederkam, brachte er seiner Nichte die Meldung, daß binnen einer Stunde ein Personenwagen die Stadt passieren würde, mit welchem sie bis zu einer Station gelangen könnten, die höchstens fünf bis sechs Meilen von der regelmäßigen Poststadt von Porthgenna entfernt wäre. Die einzige direkte Fahrgelegenheit nach der Poststadt war eine Nachtkutsche, welche die Briefbeutel beförderte und in Truro zu einer sehr unbequemen Stunde, nämlich zwei Uhr morgens, anhielt, um die Pferde zu wechseln.

Da Onkel Joseph der Meinung war, daß zur Schlafenszeit zu reisen ein Vergnügen in eine Plage verwandeln hieße, so schlug er als das beste vor, in der Tagkutsche Plätze zu nehmen und später einen Wagen zu mieten, um nach der Poststadt von Porthgenna zu gelangen.

Auf diese Weise konnten sie die Reise nicht bloß bequem bei Tage machen, sondern hatten auch noch den Vorteil, daß sie vor Antritt der Reise nach Porthgenna so wenig Zeit als möglich in Truro zu versäumen brauchten.

Der auf diese Weise vorgeschlagene Plan ward auch festgehalten. Als der Personenwagen durchkam, warteten Onkel Joseph und seine Nichte bereits, um einzusteigen. Sie fanden alle Innenplätze frei bis auf einen, stiegen zwei Stunden später an der Station wieder aus, welche dem Orte ihrer Bestimmung am nächsten war, mieteten hier einen Einspänner und erreichten die Poststadt zwischen ein und zwei Uhr nachmittags.

Aus Gründen der Vorsicht, welche Sara geltend machte, entließen sie ihr Fuhrwerk an dem Gasthause und machten sich auf, um zu Fuße über das Moorland nach Porthgenna zu wandern.

Als sie die letzten Häuser der Stadt passierten, begegneten sie dem Postboten, der eben vom Austragen der Briefe in dem umliegenden Distrikt zurückkehrte. Sein Beutel war an diesem Morgen weit schwerer und sein Weg ein weiterer gewesen als gewöhnlich. Unter den Extrabriefen, die ihn über seinen gewohnten Kreis hinausgeführt hatten, befand sich ein an die Haushälterin zu Porthgenna Tower adressierter, den er gleich früh am Morgen, als er seine Runde angetreten, abgegeben hatte.

Während der ganzen Reise hatte Onkel Joseph nicht ein einziges Mal auf den Zweck hingedeutet, wegen dessen sie unternommen worden. Von Natur die Einfälle eines Kindes besitzend, war er auch mit dem elastischen Sinne eines Kindes begabt. Die Zweifel und bangen Ahnungen, welche das Gemüt seiner Nichte trübten und sie schweigsam, nachdenklich und traurig machten, warfen keinen verfinsternden Schatten auf den natürlichen Sonnenschein des seinigen. Wenn er wirklich um seines Vergnügens willen allein gereist wäre, so hätte er sich an den verschiedenen Bildern und Vorfällen der Reise nicht mehr ergötzen können als es der Fall war.

Das Glück, welches die enteilende Minute ihm zu geben hatte, nahm er so bereitwillig und dankbar hin, als ob die Zukunft keine Ungewißheit hätte, als ob nicht Zweifel, Schwierigkeiten oder Gefahren am Ende der Reise seiner harrten.

Ehe er noch eine halbe Stunde im Wagen saß, begann er den dritten Passagier – einer steifen, alten Dame, die ihn mit sprachlosem Erstaunen anstierte – die ganze Geschichte der Spieluhr zu erzählen und schloß seine Geschichte damit, daß er die Uhr trotz des Geräusches, welche sdie Räder des Wagens machten, spielen ließ.

Als er mit seiner Nichte den großen Personenwagen verließ, war er dann mit dem Kutscher der Chaise ebenso gesellig, rühmte die Vorzüge des deutschen Bieres vor dem cornischen Apfelwein und machte seine Bemerkungen über die Gegenstände, an welchen sie unterwegs vorüberkamen, mit der angenehmsten Vertraulichkeit und dem herzlichsten Genuß an seinen eigenen Späßen.

Erst als er und Sara aus der kleinen Stadt hinaus und mit einander allein auf dem großen, sich jenseits derselben hinstreckenden Moorland waren, änderte sich sein Benehmen und sein Geplauder hörte gänzlich auf.

Nachdem er, seine Nichte am Arm führend, eine Zeit lang schweigend marschiert war, blieb er plötzlich stehen, sah ihr innig und freundlich ins Gesicht und legte seine Hand auf die ihrige.

„Noch eins gibt es, was ich dich fragen möchte, Kind“, sagte er. „Die Reise hat es mir aus dem Kopfe kommen lassen, obschon es während der ganzen Zeit von meinem Herzen festgehalten worden ist. Wenn wir dieses Porthgenna wieder verlassen und in mein Haus zurückkehren, nicht wahr, dann gehst du nicht wieder fort? Du verlässt Onkel Joseph nicht abermals? Stehst du noch in Diensten, Sara? Bist du immer noch nicht dein eigener Herr?“66

„Vor einigen Tagen stand ich noch in Diensten“, antwortete sie, „jetzt aber bin ich frei. Ich habe meinen Dienst verloren.“

„So! Du hast deinen Dienst verloren? Warum denn?“

„Weil ich eine unschuldige Person nicht mit Unrecht tadeln hören wollte – weil –“

Sie unterbrach sich. Die wenigen Worte aber, welche sie gesagt, wurden mit so plötzlich erhöhter Farbe, mit so außerordentlichem Nachdruck und in so entschlossenem Tone gesprochen, daß der alte Mann seine Augen so weit als möglich aufriß und seine Nichte mit unverhohlenem Erstaunen betrachtete.

„So! so! so!“ rief er. „Wie? Du hast also einen Streit gehabt, Sara?“

„Still, frage mich jetzt nichts weiter!“ bat sie eindringlich. „Ich bin zu unruhig und aufgeregt, um zu antworten. – Onkel, dies ist das Moorland von Porthgenna – dies ist der Weg, den ich vor sechzehn Jahren zurücklegte, als ich zu dir floh. O laß uns weiter gehen – ich bitte dich, laß uns weiter gehen! Ich kann jetzt an weiter nichts denken als an das Haus, dem wir so nahe sind, und die Gefahr, der wir vielleicht entgegengehen.“

Schweigend gingen sie weiter. Nachdem sie eine halbe Stunde rasch gegangen waren, gelangten sie auf den höchstgelegenen Punkt des Moorlandes, wo die ganze westliche Fernsicht imposant vor ihnen dalag.

Unter sich sahen sie das dunkle, einsame, weitläufige Schloß Porthgenna Tower, während das Sonnenlicht sich schon nach den Fenstern der westlichen Front herumstahl. Der dahinführende Pfad schlängelte sich in blendendweißen Kurven anmutig über den braunen Moor hinweg.

Weiter unten sah man die einsame alte Kirche mit dem friedlichen Begräbnisplatz, der sich an sie anschmiegte. Noch weiter unten zeigten sich die kleinen zerstreuten Dächer der Fischerhütten.

Und jenseits all diesem herrschte die unvergängliche Pracht des Meeres mit seiner weißschäumenden Brandung, mit dem gelben Strande.

Sechzehn lange Jahre – und was für, nach den Pulsschlägen des lebenden Herzens gezählte Jahre des Kummers, des Leidens und der Veränderung – waren über der Totenruhe von Porthgenna hinweggegangen und hatten es ebenso wenig verändert, als wenn sie alle in dem Umkreise eines einzigen Tages enthalten gewesen wären.

Die Augenblicke, wo der Geist in uns am tiefsten aufgeregt ist, sind auch fast unabänderlich die Augenblicke, wo die äußeren Kundgebungen desselben am schwersten zu entdecken sind. Unsere eigenen Gedanken steigen über uns empor, unsere eigenen Gefühle liegen tiefer als wir reichen können. Wie selten können Worte uns helfen, wenn ihre Hilfe am notwendigsten gebraucht wird! Wie oft trocknen unsere Tränen, wenn wir am meisten uns sehnen, daß sie uns das Herz erleichtern möchten. Gab es wohl jemals in dieser Welt eine starke Gemütsbewegung, welche im Stande gewesen wäre, ihre eigene Stärke angemessen auszudrücken? Welche dritte Person, die dem alten Mann und seiner Nichte begegnet wäre, während sie jetzt miteinander auf dem Moorland standen, würde geahnt haben, daß der eine die Landschaft mit weiter nichts als der Neugier eines Fremden, und die andere sie durch die Erinnerungen einer halben Lebenszeit hindurch betrachtete.

Die Augen beider waren trocken. Beide schwiegen und die Gesichter beider waren mit gleicher Aufmerksamkeit der Aussicht zugewendet. Sogar zwischen ihnen selbst bestand keine wirkliche Sympathie, keine verständliche Ansprache von einem Gemüt zum andern. Des alten Mannes ruhige Bewunderung der Aussicht ward, als sie endlich weitergingen und miteinander sprachen, nicht kürzer und bündiger ausgedrückt als die gewohnten zustimmenden Redensarten waren, mit welchen seine Nichte auf das Wenige, was er sagte, antwortete.

Wie viele Augenblicke gibt es in diesem strebsamen Leben, wo bei all unserer gerühmten Macht der Rede unser Wörterbuch uns verräterisch im Stiche läßt und die Blätter desselben uns weiter nichts zeigen als den Anblick einer vollkommen leeren Fläche.

Langsam den Abhang des Moorlandes hinabsteigend, kamen Onkel und Nichte dem Schloß Porthgenna Tower immer näher und näher. Sie waren nur noch etwa eine Viertelstunde davon entfernt, als Sara an einer Stelle stehen blieb, wo ein zweiter Pfad den Hauptfußweg durchschnitt, welchem sie bis jetzt gefolgt waren. Links, wie sie jetzt standen, zog dieser zweite Pfad sich hin, bis er in der Fläche des Moorlandes dem Auge entschwand. Rechts führte er gerade nach der Kirche.

„Warum bleiben wir hier stehen ?“ fragte Onkel Joseph, indem er erst in einer Richtung und dann nach der andern schaute.

„Willst du vielleicht eine kleine Weile hier auf mich warten, Onkel ? Ich kann den Kirchenweg“ – sie stockte, denn sie wußte nicht recht, wie sie sich ausdrücken sollte – „ich kann den Kirchenweg nicht passieren, ohne – da ich ja nicht wissen kann, was geschieht, nachdem wir das Schloß erreicht haben – ich kann diesen Weg nicht passieren, ohne – etwas zu sehen zu wünschen, was –“

Sie stockte wieder und wendete das Gesicht sehnsüchtig nach der Kirche. Die Tränen, welche bei dem ersten Anblick von Porthgenna ihre Augen nicht benetzt hatten, begannen jetzt in dieselben emporzusteigen.

Onkel Josephs natürliches Zartgefühl sagte ihm, daß es am besten sein würde, wenn er sich enthielte, Erklärungen von ihr zu verlangen.

„Gehe, wohin du willst und suche, was du wünschest“, sagte er, indem er sie auf die Schulter klopfte. „Ich werde ein wenig hier bleiben und mir die Zeit mit meiner Pfeife vertreiben, und Mozart soll aus seinem Käfig heraus und ein wenig in dieser schönen frischen Luft singen.“

Mit diesen Worten nahm er den Riemen des Lederfutterals von der Schulter, zog die Spieluhr aus dem Futteral und ließ sie das zweite der beiden Stücken, die sie spielte – das Menuett aus Don Juan – anstimmen. Als Sara fortging, sah er sich sorgfältig nach einer glatten, harten Stelle des Bodens um, nicht um sich, sondern um die Spieluhr darauf zu setzen. Nachdem er eine solche Stelle gefunden, zündete er seine Pfeife an und setzte sich zu seiner Musik und seinem Tabak nieder, wie ein Epikuräer zu einem guten Schmaus.

„Aha !“ rief er bei sich selbst, indem er die fremde Umgebung ringsum so gelassen beschaute, als ob er sich noch in seinem kleinen Ladenstübchen in Truro befände, „aha ! das ist ein schöner großer Konzertsaal, mein Freund Mozart, in dwelchem du dich jetzt hören lässest ! Uff ! Hier ist Wind genug, um deine herrliche Tanzmelodie bis auf das Meer hinaus zu blasen und den Matrosen einen Geschmack davon beizubringen, während sie in ihren Schiffen herumgeworfen werden !“

Sara schritt mittlerweile rasch auf die Kirche zu und trat in die Einhegung des kleinen Begräbnisplatzes. Nach derselben Stelle, nach welcher sie ihre Schritte am Morgen nach dem Tode ihrer Herrin die Schritte gerichtet, wendete sie jetzt, nach einem Zeitraume von sechzehn Jahren, ihr Gesicht wieder. Hier wenigstens hatte der Gang der Zeit seine handgreiflichen Spuren – seine Fußstapfen in Gestalt von Gräbern zurückgelassen. Wie mancher kleiner Platz, der noch leer war, als sie ihn das letzte Mal sah, hatte jetzt seinen Hügel und seinen Denkstein ! Das eine Grab, welches sie zu besuchen kam – das Grab, welches in früheren Tagen abgesondert gelegen – hatte jetzt Nachbarn rechts und links. Sie würde es nicht herausgefunden haben, ohne die verwitterten Flecken auf dem Denksteine, welche von dem Sturme und Regen erzählten, wovon die übrigen bis jetzt unberührt geblieben. Der Hügel war noch erhalten, das Gras aber war lang und nickte ihr einen schauerlichen Gruß zu, während der Wind darüber hinwegfegte.

Sara kniete an dem Steine nieder und versuchte die Inschrift zu lesen. Die schwarze Farbe, welche früher die eingegrabenen Worte sichtbar gemacht, war jetzt vollständig abgeblättert, für jedes andere Auge als das ihrige wäre sogar der Name des Toten schwer zu entziffern gewesen. Sie seufzte schwer, als sie den Buchstaben der Inschrift mechanisch einem nach dem andern mit den Fingern folgte:

Gewidmet dem Andenken an
Hugh Polwheal,
gestorben in seinem 26. Lebensjahre.
Der Tod ereilte ihn
durch den Sturz eines Felsens in
dem Porthgenna-Schacht,
am 17. Dezember 1823.

Ihre Hand weilte auf den Buchstaben, nachdem sie denselben bis zur letzten Zeile gefolgt war, dann bückte sie sich und drückte ihre Lippen auf den Stein.

„Besser so !“ sagte sie bei sich selbst, indem sie sich wieder von den Knien erhob und zum letzten Male auf die Inschrift herabblickte. „Besser, daß sie so verschwindet ! Weniger fremde Augen werden sie dann sehen, weniger fremde Füße werden den meinigen folgen – er wird dann auf seinem Ruheplatze um so ungestörter liegen. Sie trocknete ihre Tränen und pflückte einige Halmen Gras von dem Grabe, dann verließ sie den Kirchhof.

Vor dem Heckenzaune, der den Begräbnisplatz umgab, blieb sie einen Augenblick stehen und zog aus dem Busen ihres Kleides das kleine Gesangbuch, welches sie am Morgen ihrer Flucht von Porthgenna aus dem Schreibepulte in ihrem Schlafzimmer genommen. Die verdorrten Überreste der Halme, welche sie vor sechzehn Jahren von demselben Grabe gepflückt, lagen noch zwischen den Blättern. Sie fügte ihnen das eben gepflückte frische Gras hinzu, steckte das Buch wieder in den Busen ihres Kleides und eilte über das Moorland zurück nach der Stelle, wo der alte Mann auf sie wartete.

„Ein guter Wind“, sagte er, indem er seine flache Hand dem frischen Lufthauch entgegenhielt, der über das Moorland fegte. „Ein sehr guter Wind an und für sich – aber ein bitterböser Wind in Bezug auf Mozart. Er bläst die Melodie hinweg, als wenn es der Hut auf meinem Kopf wäre – du kommst gerade zu rechter Zeit, mein Kind – gerade wo meine Pfeife aus und Mozart bereit ist, die Reise weiter fortzusetzen. Ah, du hast wieder geweint, Sara. Worüber denn? Doch ich sehe schon – je weniger Fragen ich jetzt an dich tue, desto dankbarer wirst du mir dafür sein. Gut, ich bin fertig. Doch nein! Noch eine Frage habe zu tun. Weshalb stehen wir hier? Warum gehen wir nicht weiter?“

„Ja, ja – du hast Recht, Onkel Joseph – laß uns sofort weiter gehen. Ich werde den wenigen Mut, den ich besitze, noch vollends verlieren, wenn wir noch lange hier stehen und das verhängnisvolle Haus ansehen.“

Sie schritten ohne noch einen Augenblick zu zögern den Weg entlang. Als sie das Ende desselben erreicht hatten, standen sie der östlichen Umfassungsmauer von Porthgenna Tower gegenüber. Der Haupteingang, welcher in den letzten Jahren nur sehr selten benutzt worden, besfand sich auf der westlichen Seite und man gelangte zu demselben mittelst der Terrasse, von welcher man die Aussicht auf das Meer hatte. Der kleinere Eingang, welcher gewöhnlich benutzt ward, lag auf der Südseite des Gebäudes und führte durch die Dienerwohnungen nach der großen Halle und der westlichen Treppe.

Saras alte Kenntnis der Lokalitäten leitete sie instinktgemäß nach diesem Teile des Hauses. Sie führte ihren Begleiter weiter, bis sie die Südecke der östlichen Mauer erreichten, dann blieb sie stehen und sah sich um. Seitdem sie dem Postboten begegnet waren und das Moorland betreten, hatten sie kein lebendes Wesen wieder erblickt und dennoch, obschon sie sich jetzt unmittelbar unter den Mauer von Porthgenna befanden, war doch weder Mann, noch Weib, noch Kind, noch auch nur eine Haustür sichtbar.

„Es ist sehr einsam hier“, sagte Sara, indem sie sich mißtrauisch umschaute. „Viel einsamer als es sonst zu sein pflegte.“

„Bleibst du hier bloß stehen, um mir zu sagen, was ich selbst sehen kann?“ fragte Onkel Joseph, dessen eingefleischte Heiterkeit sich selbst in der Einsamkeit der Wüste Sahara nicht verleugnet haben würde.

„Nein, nein!“ antwortete sie rasch und ängstlich flüsternd. „Die Glocke aber, die wir läuten müssen, ist so nahe – gleich um die Ecke herum – und ich möchte wissen, was wir sagen sollen, wenn wir dem Diener gegenüber stehen. Du meintest, es wäre Zeit genug daran zu denken, wenn wir wirklich an der Tür sein würden, Onkel! Wir werden sogleich an der Tür sein. Was sollen wir tun?“

„Das Erste, was wir zu tun haben“, sagte Onkel Joseph, die Achseln zuckend, „ist jedenfalls, die Klingel zu ziehen.“

„Ja – aber wenn der Diener kommt, was sollen wir dann sagen?“

„Sagen?“ wiederholte Onkel Joseph, indem er von der Anstrengung des Denkens grimmig die Augenbrauen runzelte und sich dicht unter dem Hut mit dem Zeigefinger auf die Stirn pochte. „Sagen? – warte, warte, warte, warte! Ah, jetzt hab ich’s! Ich weiß es! – Sei unbesorgt, Sara. In dem Augenblick, wo die Tür sich öffnet, wird die ganze Unterredung mit dem Diener durch mich geführt werden.“

„O, welche Last nimmst du mir vom Herzen! Was wirst du ihm sagen?“

„Sagen? – Weiter nichts als: ‚Wie befindet Ihr Euch? Wir sind da, um das Haus anzusehen.’“

Als er dieses bemerkenswerte Auskunftsmittel um Zutritt zu dem Schlosse Porthgenna Tower zu erlangen, offenbart hatte, breitete er beide Hände fragend aus, trat mehrere Schritte vor seiner Nichte zurück und sah sie mit der heiter selbstvergnügten Miene eines Menschen an, welcher mit einem einzigen Sprunge seines Geistes von einem Zweifel zu einer Entdeckung gelangt ist.

Sara sah ihn erstaunt an. Der Ausdruck dieser unbedingten Überzeugung auf seinem Gesicht machte sie stutzig. Die armseligste aller armseligen Entschuldigungen, um Einlaß in das Haus zu erlangen, welche sie während der vergangenen Nacht selbst ersonnen und wieder verworfen, erschien als ein Muster von Schlauheit im Vergleich mit einem so kindisch einfachen Auskunftsmittel wie das vom Onkel Joseph vorgeschlagene. Und dennoch stand er da, dem Anscheine nach vollkommen überzeugt, daß er das rechte Mittel getroffen, um alle Hindernisse mit einem Male aus dem Wege zu räumen.

Da Sara nicht wußte, was sie sagen wollte und an die Stichhaltigkeit ihrer eigenen Zweifel nicht hinreichend glaubte, um offen eine Meinung nach der einen oder der andern Seite hin auszusprechen, so nahm sie die einzige Zuflucht, die ihr noch offen stand – sie bemühte sich nämlich, Zeit zu gewinnen.

„Es ist sehr, sehr freundlich von dir, Onkel, daß du die Mühe des Sprechens mit dem Diener auf deine Schultern nehmen willst“, sagte sie, während sich die Trostlosigkeit ihres Herzens wider ihren Willen in dem matten Tone ihrer Stimme und in dem verlgenen Ausdruck ihrer Augen verriet. „Aber wollenw ir nicht lieber noch ein wenig warten, ehe wir an der Tür klingeln, und einige Minuten an dieser Mauer auf- und abgehen, wo uns nicht so leicht jemand sehen wird? Ich möchte noch ein wenig Zeit gewinnen, um mich auf die schwere Prüfung vorzubereiten, die ich zu bestehen habe, und – und wenn nun der Diener Schwierigkeiten macht uns einzulassen – ich meine Schwierigkeiten, die wir bis jetzt nicht voraussehen können – wäre es für diesen Fall nicht gut, noch etwas anderes zu ersinnen, was wir sagen wollen? Vielleicht wenn du dir es noch einmal überlegtest –“

„Das ist durchaus nicht nötig“, unterbrach sie Onkel Joseph; „ich brauche bloß mit dem Diener zu sprechen und – knick! Knack! – wirst du sehen, daß wir hineinkommen werden. Indessen, ich will mit dir auf- und abgehen, so lange du wünschest. Wenn auch ich mit meinem Nachdenken in einem einzigen Augenblick fertig geworden bin, so ist dies kein Grund, daß auch du so schnell damit fertig sein sollst. Nein, nein, nein – das ist durchaus kein Grund.“

Indem der alte Mann diese Worte mit gönnerhafter Miene und einem selbstzufriedenem Lächeln sagte, welches unter weniger kritischen Umständen unwiderstehlich komisch gewesen wäre, bot er seiner Nichte wieder den Arm und führte sie den Weg zurück, der an der östlichen Mauer von Porthgenna Tower hinführte.

Während Sara zweifelnd und zögernd draußen wartete, geschah es in Folge eines seltsamen Zusammentreffens, daß eine andere mit der höchsten häuslichen Autorität bekleidete Person innerhalb des Hauses ebenfalls zweifelnd wartete.

Diese Person war keine andere als die Haushälterin von Porthgenna Tower und die Ursache ihrer Verlegenheit war keine andere als der Brief, der an diesem selben Morgen durch den Postboten überbracht worden.

Es war ein Brief von Mistreß Frankland, den sie geschrieben, nachdem sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten und Doktor Orridge gehabt, als sie die letzten Mitteilungen empfangen, welche der Doktor in Bezug auf Mistreß Jazeph zu machen im Stande war.

Die Haushälterin hatte den Brief mehrmals durchgelesen und ihr Erstaunen und ihre Verblüfftheit waren jedesmal höher gestiegen. Sie wartete jetzt auf die Rückkehr des Kastellans Mr. Munder, welcher außerhalb des Hauses beschäftig war, um seine Meinung über die eigentümliche Mitteilung zu hören, welche sie von ihrer Herrin empfangen.

Während Sara und ihr Onkel noch draußen an der östlichen Mauer auf- und abgingen, trat Mr. Munder in das Zimmer der Haushälterin.

Er war einer von jenen langen, ernsten Männern von wohlwollender Miene, mit kegelförmigem Kopf, einer tiefen Stimme, langsamem Gang und schwerfälligem Benehmen, welche in ganz passiver Weise durch ein unerklärliches Verfahren in den Ruf großer Weisheit zu gelangen wissen, ohne daß sie sich die Mühe zu geben brauchen, irgend etwas zu sagen oder zu tun, was diesen Ruf verdiente.

In der ganzen Umgegend von Porthgenna ward der Kastellan allgemein für einen Mann von ganz bemerkenswert gesundem Verstande gehalten, und die Haushälterin teilte, obschon sie in andern Dingen eine sehr gewitzte Frau war, die allgemeine Illusion hinsichtlich dieses einen Punktes in hohem Grade.

„Guten Morgen, Mistreß Pentreath“, sagte Mr. Munder. „Gibt’s etwas Neues heute?“

Welch ein Gewicht und welche Bedeutung gaben seine tiefe Stimme und seine eindrucksvoll langsame Art und Weise, sich derselben zu bedienen, diesen beiden unbedeutenden Redesätzen!

„Es gibt etwas Neues, Mr. Munder ,was Sie in Erstaunen setzen wird“, entgegnete die Haushälterin. „Ich habe heute morgen von Mistreß Frankland einen Brief erhalten, der jedenfalls das Seltsamste ist, was mir in dieser Beziehung vorgekommen. Es wird mir darin gesagt, daß ich den Brief Ihnen mitteilen soll, und ich habe den ganzen Morgen gewartet, Ihre Meinung darüber zu hören. Ich bitte, setzen Sie sich nieder und schenken Sie mir Ihre ganze Aufmerksamkeit, denn ich versichere Ihnen, daß der Brief dieselbe durchaus verlangt.“

Mr. Munder setzte sich und ward sofort die verkörperte Aufmerksamkeit – nicht die gewöhnliche Aufmerksamkeit, welche ermattet werden kann, sondern die richterliche Aufmerksamkeit, welche keine Ermüdung kennt und der Macht der Langeweile ebenso überlegen ist wie der Macht der Zeit.

Die Haushälterin öffnete, ohne weiter die kostbaren Minuten zu vergeuden – denn Mr. Munders Minuten kamen an Wichtigkeit unmittelbar hinter denen eines Premierministers – den Brief ihrer Herrin, widerstand der sehr natürlichen Versuchung, einige einleitende Bemerkungen dazu zu machen, und las dem Kastellan sofort den ersten Satz vor, welcher folgendermaßen lautete:

„Mistreß Pentreath!

Ihr werdet bestimmt schon längst einen Brief von mir erwartet haben, in welchem ich einen Tag für unsere Ankunft bestimme. Bei dieser, der dritten Veranlassung, an Euch in Bezug auf unsere Pläne zu schreiben, wird es, glaube ich, am besten sein, wenn ich nicht zum dritten Male einen Tag bezeichne, sondern sage, daß wir in dem Augenblick, wo ich die Erlaubnis des Arztes erhalte, von West Winston nach Porthgenna abreisen werden.“

„Insoweit“, bemerkte Mistreß Pentreath, indem sie den Brief auf ihren Schoß legte und, während sie sprach, mit fast gereizter Miene glattstrich, „insoweit hat die Sache weiter nichts auf sich. Der Brief scheint mir allerdings – unter uns gesagt – in ziemlich ordinären Ausdrücken geschrieben und viel zu sehr der gewöhnlichen Redeweise ähnlich zu sein, als daß er meiner Idee von dem Briefstile einer vornehmen Dame entsprechen sollte – aber dies ist Sache der persönlichen Ansicht. Ich kann nicht sagen, und würde auch die letzte Person sein, die so etwas behauptete, daß der Anfang von Mistreß Franklands Brief im Ganzen genommen nicht vollkommen klar sei. Es ist vielmehr die Mitte und das Ende, worüber ich Sie, Mr. Munder, zu Rate zu ziehen wünsche.“

„Ganz recht“, sagte Mr. Munder; nur zwei Worte sprach er, aber wie inhaltsschwer!

Die Haushälterin räusperte sich sehr laut und lange und las dann folgendermaßen weiter:

„Der Hauptzweck, weswegen ich diese Zeilen schreibe, ist, um auf Befehl meines Gatten den Wunsch auszusprechen, daß Ihr und Mr. Munder so geheim als möglich zu ermitteln sucht, ob eine Person, welche jetzt in Cornwall reist, und für welche wir uns zufällig sehr interessieren, vielleicht in der Nachbarschaft von Porthgenna gesehen worden ist. Die fragliche Person ist uns unter dem Namen Mistreß Jazeph bekannt. Sie ist eine schon etwas ältliche Frau von ruhigem, gebildetem Benehmen und nervenschwachem, kränklichen Aussehen. Sie kleidet sich, wie wir gesehen haben, außerordentlich sauber und nett und in dunkle Farben. Ihre Augen haben einen eigentümlichen Ausdruck von Schüchternheit, ihre Stimme ist eigentümlich sanft und gedämpft und ihr Benehmen wird sehr oft durch außerordentliches Zögern auffällig. Ich beschreibe sie so ausführlich für den Fall, daß sie nicht unter dem Namen reisen sollte, unter welchem wir sie kennen.

Aus Gründen, die ich hier nicht weiter anzugeben brauche, halten wir es für wahrscheinlich, daß Mistreß Jazeph zu einer frühern Zeit ihres Lebens mit der Umgebung von Porthgenna in gewisser Verbindung gestanden hat. Mag dies jedoch der Fall sein oder nicht, so ist doch unbestreitbar gewiß, daß sie das Innere von Porthgenna Tower genau kennt, und daß sie ein vollkommen unerklärliches Interesse irgend welcher Art an diesem Hause hat. Wenn wir diese Tatsachen mit der Kenntnis in Zusammenhang bringen, welcher zufolge sie sich gegenwärtig in Cornwall befindet, so glauben wir, es liege recht wohl im Bereich des Möglichen, daß Ihr oder irgend eine andere Person in unserem Dienste mit ihr zusammentrifft, und es liegt uns viel daran, daß, wenn sie vielleicht das Innere des Hauses zu sehen verlangt, Ihr sie in demselben nicht bloß mit vollkommener Bereitwilligkeit und Höflichkeit herumführt, sondern daß Ihr auch von dem Augenblick an, wo sie das Haus betritt bis zu dem, wo sie es verläßt, ihr Benehmen im Stillen, aber ganz genau, beobachtet. Laßt sie deshalb nicht eine Minute lang aus den Augen und beauftragt womöglich eine zuverlässige Person, ihr, nachdem sie das Haus verlassen hat, unbemerkt zu folgen und zu ermitteln, wohin sie geht.

Es ist von der größten Wichtigkeit, daß diese Instruktionen – so seltsam dieselben Euch auch erscheinen mögen – unbedingt und buchstäblich befolgt werden.

Ich habe bloß noch Zeit und Raum, hinzuzufügen, daß wir nichts dieser Person zum Nachteil Gereichendes wissen und daß es uns lieb sein wird, wenn Ihr, im Fall Ihr mit ihr zusammentrefft, Euch hinreichend diskret gegen sie benehmt, damit sie nicht argwohne, daß Ihr auf Befehl handelt oder ein besonderes Interesse daran habt, ihre Schritte zu überwachen.

Ihr werdet so gut sein, diesen Brief dem Kastellan mitzuteilen, ebenso wie Euch freigestellt ist, von den darin enthaltenen Instruktionen, da nötig, irgend eine andere zuverlässige Person in Kenntnis zu setzen.

                        Ergebenst

                                    Rosamunde Frankland.

P.S. – Das Zimmer brauche ich nicht mehr zu hüten und der Junge gedeiht, daß es eine Lust ist.“

„Da!“ sagte die Haushälterin. „Nun möchte ich wissen, wer daraus klug werden soll. Ist Ihnen, Mr. Munder, in Ihrem ganzen Leben schon ein solcher Brief vorgekommen? Man bürdet uns eine schwere Verantwortlichkeit auf, ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen. Ich habe mir schon bald den Kopf darüber zerbrochen, was für ein Interesse unsere Herrschaft an dieser geheimnisvollen Person haben kann und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich es erraten. Was ist Ihre Meinung, Mr. Munder? Wir müssen jedenfalls sofort etwas tun. Wissen Sie vielleicht ein bestimmtes Verfahren anzugeben?“

Mr. Munder hustete leise, schlug das eine Bein über das andere, hielt den Kopf kritisch auf die Seite, hustete zum zweiten Male und sah die Haushälterin an.

Hätte es irgend einem andern Menschen in der Welt angehört, so würde Mistreß Pentreath gemeint haben, daß das Gesicht, welches sich jetzt dem ihrigen gegenüber befand, nichts verriete als die tiefste, ratloseste Verblüfftheit. Aber es war Mr. Munders Gesicht und dieses konnte nur mit Vertrauen und mit Gefühlen ehrerbietiger Erwartung betrachtet werden.

„Ich glaube“ – begann Mr. Munder.

„Nun?“ fragte die Haushälterin begierig.

Ehe weiter ein Wort gesprochen werden konnte, trat die Magd in das Zimmer, um für Mistreß Pentreath den Tisch zu decken.

„Laß das jetzt sein, Betsey“, sagte die Haushälterin ungeduldig. „Decke den Tisch nicht eher als bis ich dir klingle. Mr. Munder und ich haben jetzt etwas sehr Wichtiges zu besprechen und können uns nicht stören lassen.“

Kaum aber hatte sie dieses Wort ausgesprochen, als eine Unterbrechung von ganz unerwarteter Art erfolgte.

Die Torglocke läutete. Dies war in Porthgenna Tower ein sehr ungewöhnliches Ereignis. Die wenigen Personen, welche in häuslichen Angelegenheiten Veranlassung hatten, das Schloß zu besuchen, traten stets durch ein kleines Seitenpförtchen ein, welches während des Tages bloß zugeklinkt war.

„Wer ums Himmels willen kann das sein!“ rief Mistreß Pentreath, indem sie an das Fenster eilte, welches die Seitenansicht der unteren Türstufen beherrschte.

Der erste Gegenstand, der ihrem Auge, als sie hinaussah, begegnete, war eine Frau, die auf der untersten Stufe stand – ein Frau sehr sauber und nett in bescheidene dunkle Farben gekleidet.

„Gütiger Himmel, Mr. Munder“, rief die Haushälterin, indem sie an den Tisch zurückeilte und Mistreß Franklands Brief aufraffte, den sie hier liegen gelassen. „Es wartet schon eine fremde Person an der Tür, eine Dame – oder wenigstens eine Frau – und sauber gekleidet in dunkle Farben. Es ist mir als müßte ich ohnmächtig werden, Mr. Munder! Bleib, Betsey – bleib!“

„Ich wollte bloß gehen und das Tor öffnen“, sagte Betsey erstaunt.

„Bleib, sag ich“, wiederholte Mistreß Pentreath, sich mit großer Anstrengung fassend. „Zufällig habe ich bei der gegenwärtigen Gelegenheit gewisse Gründe, von meinem Platze herabzusteigen und mich an den deinigen zu stellen. Geh aus dem Wege, du Gaffmaul! Ich werde selbst gehen, um zu sehen, wer Einlaß begehrt.“



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel

Im Hause

Mistreß Pentreaths Überraschung, als sie durch das Fenster schauend eine Dame gesehen, stieg noch weit höher als sie, nachdem sie die Tür geöffnet, einen Herrn vor sich sah. Onkel Joseph war, nachdem er die Klingel gezogen, dicht an dem Klingelgriff stehen geblieben und stand daher dem Hause so nahe, daß er von Mistreß Pentreaths Fenster aus nicht hatte gesehen werden können. Der aufgeregten Phantasie der Haushälterin zeigte er sich auf der Schwelle mit der Plötzlichkeit einer Erscheinung – der Erscheinung eines kleinen, rotbäckigen, alten Herrn, welcher sich lächelnd verbeugte und seinen Hut mit einer Schwenkung abnahm, in deren Gewandtheit und Schwung sozusagen etwas Übermenschliches lag.

„Gehorsamer Diener! Wie befinden Sie sich? Wir kommen, um uns das Innere des Schlosses anzusehen“, sagte Onkel Joseph, indem er in dem Augenblick, wo die Tür geöffnet ward, sein untrügliches Auskunftsmittel, Zutritt zu erlangen, versuchte.

Mistreß Pentreath war sprachlos vor Erstaunen. Wer war dieser familiäre alte Herr mit dem fremdländischen Akzent und der phantastischen Verbeugung? Und was meinte er damit, daß er zu ihr sprach als ob sie seine intime Freundin wäre? Mistreß Franklands Brief enthielt von Anfang bis zu Ende nicht ein Wort über ihn.

„Wie befinden Sie sich? Wir kommen, um uns das Innere des Schlosses anzusehen“, wiederholte Onkel Joseph, indem er seine unwiderstehliche Form der Begrüßung zum zweiten Male versuchte.

„Das haben Sie schon einmal gesagt, Sir“, bemerkte Mistreß Pentreath, indem sie so viel Selbstbeherrschung wiedergewann, daß sie sich ihrer Zunge zu ihrer eigenen Verteidigung bedienen konnte. „Wünscht die Dame“, fuhr sie fort, indem sie über die Schulter des alten Mannes auf die Stufe hinunterblickte, wo seine Nichte stand, „wünscht die Dame auch das Innere des Schlosses zu sehen?“

Saras sanft gesprochene Antwort überzeugte, so kurz sie auch war, die Haushälterin, daß die in Mistreß Franklands Brief beschriebene Frau wirklich und wahrhaftig vor ihr stand. Außer der saubern, bescheidenen Kleidung war auch die sanfte, wohlklingende Stimme da und, als sie eine Sekunde lang aufblickte, auch die schüchternen Augen, woran sie so leicht zu erkennen war.

In Bezug auf diese von den beiden fremden Personen konnte Mistreß Pentreath, wie aufgeregt und überrascht sie auch sein mochte, hinsichtlich des von ihr einzuschlagenden Verfahrens keine Ungewißheit hegen.

In Bezug auf den anderen Besucher, den unbegreiflichen, alten Ausländer aber, würde sie sofort von den verworrensten Zweifeln gequält. War es am geratensten, sich an den Buchstaben von Mistreß Franklands Instruktionen zu halten und ihn zu bitten, draußen zu warten, während erst die Dame im Hause herumgeführt würde? – oder war es am besten, wenn sie auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin handelte und es riskierte, ihn ebenso einzulassen wie seine Begleiterin? Dies zu entscheiden, war ein schwieriger Punkt und mußte deshalb der höhern Weisheit Mr. Munders unterbreitet werden.

„Wollen Sie hereinkommen und einen Augenblick warten, während ich mit dem Kastellan spreche?“ sagte Mistreß Pentreath, indem sie absichtlich von dem familiären alten Ausländer keine Notiz nahm, sondern über ihn hinweg direkt mit der auf der untern Stufe stehenden Dame sprach.

„Sehr schön“, sagte Onkel Joseph lächelnd und sich verneigend, ohne das auf ihn berechnete Benehmen der Haushälterin zu beachten. „Was sagte ich dir?“ flüsterte er triumphierend seiner Nichte zu, während sie an ihm vorüber in das Haus hineinging.

Mistreß Pentreaths erster Impuls war, sofort wieder in ihr Zimmer zu gehen und mit Mr. Munder zu sprechen. Sie entsann sich jedoch noch rechtzeitig der Stelle in Mistreß Franklands Brief, welche ihr einschärfte, die Frau in der bescheidenen Kleidung nicht aus den Augen zu lassen, und deshalb blieb sie sofort wieder stehen.

Die Erinnerung an diesen speziellen Teil ihrer Instruktion ward in ihr besonders durch eine merkwürdige Änderung in dem Benehmen der Fremden selbst erweckt, welche in dem Augenblick, wo sie die Schwelle überschritten, alle Schüchternheit zu verlieren schien und in überraschend ungeduldiger Weise nach dem Innern des Hauses vorangehen wollte.

„Betsey!“ rief Mistreß Pentreath, indem sie vorsichtig die Magd rief, nachdem sie sich bloß einige Schritte von den beiden Fremden entfernt. „Betsey, sage Mr. Munder, er möchte die Güte haben, hierher zu kommen.”

Mr. Munder erschien mit großer Gemessenheit und mit einer gewissen drohenden Würde in seinen Zügen. Er war gewohnt, stets rücksichtsvoll behandelt zu werden, und deshalb unzufrieden mit der Haushälterin, daß sie ihn so ohne weitere Umstände in dem Augenblick verlassen, wo die Klingel gezogen ward, ohne ihm Zeit zu geben, eine Meinung über Mistreß Franklands Brief auszusprechen.

Als ihn daher jetzt Mistreß Pentreath in großer Aufregung beiseite nahm und ihm flüsternd die vertrauliche und erstaunliche Mitteilung machte, daß die Frau, für welche Mr. und Mistreß Frankland sich auf so geheimnisvolle Weise interessierten, in diesem Augenblick leibhaftig vor ihm stünde, nahm er diese Mitteilung mit der Miene der verletzendsten Gleichgültigkeit hin.

Noch schlimmer ward die Sache, als die Haushälterin ihm ihre Verlegenheit mitteilte, wobei sie nicht vergaß, die beiden fremden Personen fortwährend wachsam im Auge zu behalten. Mochte sie so ehrerbietig als sie wollte an Mr. Munders höhrere Weisheit appellieren, so beharrte er dennoch dabei, ihr mit geringschätzendem Stirnrunzeln zuzuhören, und widersprach ihr sogar zuletzt auf herausfordernde Weise, als sie zum Schlusse hinzuzufügen wagte, daß ihre eigenen Ansichten sie geneigt machen, keine Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, sondern den fremdländischen Herrn zu bitten, draußen zu warten, während die Dame in Übereinstimmung mit Mistreß Franklands Instruktionen im Schlosse herumgeführt würde.

„Das kann wohl Ihre Meinung sein, Madame“, entgegnete Mr. Munder in strengem Tone, „aber es ist nicht die meinige.“

Die Haushälterin sah ihn erschrocken an.

„Vielleicht“, meinte sie nachgiebig, „vielleicht glauben Sie, daß der fremde alte Herr darauf bestehen würde, das Haus mit der Dame zugleich in Augenschein zu nehmen?“

„Versteht sich, denke ich das“, sagte Mr. Munder.

Er hatte durchaus nichts der Art gedacht, denn sein einziger Gedanke war in diesem Augenblick der, sein eigene Übergewicht dadurch zu behaupten, daß er sich jedem von Mistreß Pentreath beabsichtigten Arrangement hartnäckig widersetzte.

„Dann würden Sie also die Verantwortlichkeit auf sich nehmen, beide Personen im Hause herumzuführen, weil sie beide gleichzeitig Einlaß begehrt haben?“ fragte die Haushälterin.

„Versteht sich, würde ich das“, antwortete der Kastellan mit der wunderbaren Schnelligkeit des Entschlusses, welche alle höher begabten Leute auszeichnet.

„Wohlan, Mr. Munder, ich lasse mich stets gern von Ihrer Meinung leiten und will mich auch jetzt nach derselben richten“, sagte Mistreß Pentreath. „Da nun aber zwei Personen im Auge zu behalten sind – denn dem Ausländer traue ich nicht über den Weg – so muß ich Sie wirklich bitten, die Mühe des Herumführens mit mir zu teilen. Ich bin so aufgeregt und nervenschwach, daß es mir ist, als wäre ich halb vor Besinnung – noch niemals bin ich in einer solchen Lage gewesen – ich sehe mich mitten in Geschehnisse hineinversetzt, die ich nicht verstehe – und mit einem Worte, wenn ich nicht auf Ihren Beistand rechnen kann, Mr. Munder, so stehe ich nicht dafür, daß ich nicht irgend einen Mißgriff begehe. Das aber sollte mir sehr leid tun, nicht bloß meinetwegen, sondern auch –“

Hier stockte die Haushälterin und sah Mr. Munder scharf an.

„Fahren Sie fort, Madame“, sagte Mr. Munder mit grausamer Gelassenheit.

„Nicht bloß um meinetwillen“, hob Mistreß Pentreath schüchtern wieder an, „sondern auch um Ihretwillen, Mr. Munder, denn Mistreß Franklands Brief legt die Verantwortlichkeit bei Führung dieser delikaten Angelegenheit nicht bloß auf meine Schultern, sondern auch auf die Ihrigen.“

Mr. Munder prallte einige Schritte zurück, ward rot, öffnete entrüstet die Lippen, zögerte und schloß sie wieder. Er sah sich in seiner eigenen Falle gefangen. Er konnte sich der Verantwortlichkeit, die Handlungsweise der Haushälterin zu leiten, nicht entziehen, nachdem er einmal diese Verantwortlichkeit freiwillig auf sich genommen hatte, und er konnte auch nicht leugnen, daß Mistreß Franklands Brief bestimmt und wiederholt mit Nennung seines Namens auf ihn Bezug nahm.

Es gab nur einen Weg, um mit Würde aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, und Mr. Munder schlug in dem Augenblick, wo er Selbstbeherrschung genug gewonnen, um sich für diese Aufgabe zu sammeln, ohne Erröten diesen Weg ein.

„Ich bin ganz erstaunt, Mistreß Pentreath“, begann er mit der größten Würde. „Ja, ich sage nochmals, ich bin ganz erstaunt, daß Sie mich für fähig halten, Sie unter den eigentümlichen Umständen, in welche wir jetzt versetzt sind, das Haus allein mit diesen fremden Personen durchwandern zu lassen. Nein, Madame, von welcher Art auch meine übrigen Fehler sein mögen, so gehört doch jedes Zurückweichen von meinem Anteil an einer Verantwortlichkeit nicht zu denselben. Ich brauche nicht an Mistreß Franklands Brief erinnert zu werden – und nein – ich brauche auch keine Entschuldigungen. Ich bin vollkommen bereit, Madame, ich bin vollkommen bereit, die Wanderung anzutreten, sobald Sie es sind.“

„Je eher wir dies dann tun, desto besser wird es sein, Mr. Munder, denn dieser kecke alte Ausländer schwatzt schon mit Betsey, als ob er sie sein ganzes Leben lang gekannt hätte.“

Diese Behauptung war vollkommen wahr. Onkel Joseph übte seine Gabe der Vertraulichkeit an der Magd – welche, anstatt in die Küche zurückzukehren, stehen geblieben war, um die Fremden anzugaffen – gerade so wie er sie schon an der alten Dame in dem Personenwagen und an dem Kutscher des Einspänners geübt hatte, welcher seine Nichte und ihn nach der Poststadt von Porthgenna gebracht hatte. Während die Haushälterin und der Kastellan ihre geheime Konferenz hielten, versetzte er Betsey durch die sonderbaren Fragen, die er in Bezug auf das Haus an sie richtete und wie sie mit ihrer Arbeit darin zu Stande käme, in fortwährendes unterdrücktes Kichern. Seine Fragen hatten natürlich von der Südseite des Gebäudes, zu welcher er und seine Begleiterin hereingekommen waren, nach der Westseite, welche sie nun bald explorieren sollten, und von da nach der Nordseite geführt, welche für jedermann im Hause ein verbotenes Terrain war.

Als daher Mistreß Pentreath mit dem Kastellan sich näherte, hörte sie folgenden Austausch von Fragen und Antworten zwischen dem alten Ausländer und der Magd:

„Aber sagt mir, liebe Betsey“, sagte Onkel Joseph, „warum geht denn niemand in jene modrigen alten Zimmer?“

„Weil ein Gespenst darin umgeht“, antwortete Betsey lachend, als ob eine Reihe von gespenstischen Zimmern und eine Reihe von vortrefflichen Späßen genau ein und dasselbe wäre.

„Du schweigst augenblicklich und gehst wieder in deine Küche!“ rief Mistreß Pentreath entrüstet. „Die unwissenden Leute hier“, fuhr sie fort, indem sie immer noch Onkel Joseph absichtlich ignorierte und ihre Worte bloß an Sara richtete, „erzählen abgeschmackte Geschichten von einigen alten Zimmern auf der verfallenen Seite des Hauses, die seit länger als einem halben Jahrhundert nicht bewohnt gewesen sind – abgeschmackte Geschichten von einem Gespenst, und meine Magd ist so albern, daran zu glauben.“

„Nein, das ist nicht wahr“, sagte Betsey, indem sie sich mit Protest in die untern Regionen zurückzog. „Ich glaube kein Wort von dem Gespenst – wenigstens nicht am hellen Tage.“

Indem Betsey diesen wichtigen Vorbehalt flüsternd hinzufügte, zog sie sich ungern von dem Schauplatz zurück.

Mistreß Pentreath bemerkte mit einiger Überraschung, daß die geheimnisvolle Fremde in der saubern, bescheidenen Kleidung bei Erwähnung der Gespenstergeschichte sehr bleich ward und keinerlei Bemerkung darüber machte.

Während sie sich noch fragte, was dies zu bedeuten habe, trat Mr. Munder in würdevoll hervorragender Weise heran und wendete sich stolz, nicht an Onkel Joseph und nicht an Sara, sondern an die leere Luft zwischen ihnen.

„Wenn Sie das Haus zu sehen wünschen“, sagte er, „so werden Sie die Güte haben, mir zu folgen.“

Mit diesen Worten bog Mr. Munder feierlich in den Korridor ein, der nach dem Fuße der westlichen Treppe führte, indem er mit jenem eigentümlichen gespreizten Schritte ging, der allen ernsten Engländern eigen ist, wenn sie eine Sonntagspromenade machen.

Die Haushälterin paßte ihren Schritt mit weiblicher Fügsamkeit dem Schritte des Kastellans an und machte die nationale Sonntagspolonaise, als ob sie zwischen Vor- und Nachmittagskirche mit ihm die frische Luft zu schöpfen ginge.

„So wahr ich ein armer sündhafter Mensch bin, das ist gerade, als wenn wir einem Leichenbegängnis folgten“, flüsterte Onkel Joseph seiner Nichte zu. Er zog ihren Arm durch den seinigen und fühlte, während er dies tat, daß sie zitterte.

„Was fehlt dir?“ fragte er sie leise.

„Onkel! Es liegt etwas Unnatürliches in der Bereitwilligkeit dieser Leute, uns das Innere des Hauses zu zeigen“, war die matt geflüsterte Antwort. „Was sprachen diese Leute soeben heimlich miteinander? Warum hielt diese Frau ihre Augen so fortwährend auf uns geheftet?“

Ehe der alte Mann antworten konnte, drehte die Haushälterin sich herum und bat in ernst nachdrücklichem Tone, daß sie die Güte haben möchten, zu folgen. Binnen weniger als einer Minute standen sie alle am Fuße der westlichen Treppe.

„Ah!“ rief Onkel Joseph so ungewzungen und redselig wie je, selbst in Gegenwart des würdevollen Mr. Munder. „Ein schönes großes Haus und eine sehr gute Treppe!“

„Wir sind nicht gewohnt, von dem Geäuder oder der Treppe in solchen Ausdrücken sprechen zu hören, Sir“, sagte Mr. Munder, indem er sich vornahm, die Vertraulichkeit des Ausländers im Keime zu ersticken. Der ‚Führer durch Westcornwall’, mit welchem Buche Sie wohlgetan haben würden sich bekannt zu machen, ehe Sie hierher kamen, nennt Porthgenna Tower ein Schloß und bedient sich, indem er von der westlichen Treppe spricht, des Wortes grandios. Ich bedaure zu finden, daß Sie den ‚Führer durch Westcornwall’ nicht zu Rate gezogen haben.“

„Warum sollte ich das?“ entgegnete der Deutsche, ohne sich einschüchtern zu lassen. „Was brauche ich ein Buch, wenn ich Sie zum Führer habe? Ach, mein werter Herr, Sie sind nicht gerecht gegen sich selbst. Ist nicht ein lebendiger Führer wie Sie, welcher spricht und einhergeht, für mich viel besser als tote Blätter, gedruckte Buchstaben? Nein, nein! Lassen Sie mich dies nicht wieder hören – begehen Sie keine weitere Ungerechtigkeit an sich selbst.“

Hier machte Onkel Joseph eine zweite phantastische Verbeugung, blickte lächelnd in das Gesicht des Kastellans empor und schüttelte mit der Miene freundlichen Vorwurfs mehrmals den Kopf.

Mr. Munder war es zumute, als sollte ich der Schlag rühren. Und wenn dieser obskure Ausländer ein englischer Herzog gewesen wäre, so hätte er von ihm nicht mit ungezwungenerer und gleichgültigerer Vertraulichkeit behandelt werden können. Oft hatte er von dem Gipfelpunkt der Keckheit gehört, und hier sah er ihn auf sichtbare, wunderbare Weise in einem einzigen, kleinen, ältlichen Individuum verkörpert, welches den Boden, auf dem es stand, nicht ganz um fünf Fuß überragte.

Während der Kastellan von einem Gefühl beleidigter Würde schwoll, welchem er vergebens versucht haben würde, Worte zu leihen, ging die Haushälterin, von Sara gefolgt, langsam die Treppe hinauf.

Als Onkel Joseph sie hinaufgehen sah, eilte er seiner Nichte nach und Mr. Munder folgte, nachdem er eine Weile auf der Binsendecke gewartet, um sich zu fassen, dem kecken Ausländer mit der Absicht, sein Benehmen scharf im Auge zu behalten und seine Unverschämtheit bei der ersten Gelegenheit durch einen eindringlichen Verweis zu züchtigen. Die auf diese Weise gebildete, sich die Treppe hinauf bewegende Prozession ward jedoch nicht von dem Kastellan geschlossen, sondern fernerweit durch Betsey, die Magd, geschmückt und vervollständigt, welche sich aus der Küche stahl, um den Fremden auf ihrer Wanderung durch das Haus so dicht zu folgen als sie dies tun konnte, ohne von Mistreß Pentreath bemerkt zu werden. Betsey besaß auch ihren Anteil von angeborener menschlicher Neugier und Liebe zur Veränderung. Noch niemals hatte ein solches Ereignis, wie die Ankunft von Fremden – so lange wenigstens sie sich erinnern konnte – Leben und Abwechslung in die schauerliche Eintönigkeit von Porthgenna Tower gebracht und sie war daher entschlossen, nicht allein in der Küche zu beliben, solange es Gelegenheit gab, ein wenig Konversation zu hören, oder zu sehen, was die Gesellschaft da oben wohl beginnen würde.

Mittlerweile war die Haushälterin bis auf den Vorplatz der ersten Etage vorangeschritten, zu dessen beiden Seiten die größeren Zimmer der westlichen Front lagen.

Durch Furcht und Mißtrauen geschärft, entdeckten Saras Augen sofort die Reparaturen, welche an dem Geländer und an den Stufen der zweiten Treppe bewirkt worden waren.

„Sie haben Arbeitsleute im Haus gehabt“, sagte sie rasch zu Mistreß Pentreath.

„Sie meinen auf der Treppe?“ entgegnete die Haushälterin. „Ja, da haben wir Arbeitsleute gehabt.“

„Anderswo nicht?“

„Nein, aber sie wären an vielen anderen Orten sehr nötig. Selbst hier, in dem besten Teile des Hauses, ist die Hälfte der Schlafzimmer kaum zu benutzen. Dieselben waren, wie ich gehört habe, schon zur Zeit der seligen Mistreß Treverton nicht im besten Zustande, und seitdem diese tot ist –“

Die Haushälterin schwieg, die Stirn runzelnd und mit einem Blick der Überraschung. Die Frau in dem saubern, bescheidenen Anzuge machte, anstatt den Ruf guter Manieren, welcher ihr in Mistreß Franklands Brief zuerkannt worden, zu rechtfertigen, sich der unverzeihlichsten Unhöflichkeit schuldig, indem sie sich von Mistreß Pentreath abwendete, ehe dieselbe ausgeredet hatte. Entschlossen, sich auf diese Weise nicht zum Schweigen bringen zu lassen, wiederholte die Haushälterin kalt und deutlich die Worte:

„Und seitdem Mistreß Treverton tot ist –“

Sie ward zum zweiten Male unterbrochen. Die Fremde drehte sich rasch herum, trat ihr mit sehr bleichem Gesicht und unruhigem Blick gegenüber und tat auf die abgebrochenste Weise eine ganz unerhebliche Frage.

„Erzählen Sie mir doch etwas von jener Gespenstergeschichte“, sagte sie. „Meint man, es sei der Geist eines Mannes oder einer Frau?“

„Ich sprach von der verstorbenen Mistreß Treverton“, entgegnete die Haushälterin im strengsten Tone der Zurechtweisung, „und nicht von der Gespenstergeschichte, die man von den nördlichen Zimmern erzählt. Dies würden Sie wissen, wenn Sie mir die Gefälligkeit erzeigt hätten, auf das zu hören, was ich sagte.“

„Ich bitte um Verzeihung – ich bitte tausendmal um Verzeihung für meine scheinbare Unaufmerksamkeit. Es fiel mir gerade ein – oder ich wünschte wenigstens zu wissen-“

„Nun“, sagte Mistreß Pentreath, durch die augenscheinliche Aufrichtigkeit der an sie gerichteten Entschuldigung erweicht, „wenn Ihnen daran gelegen ist, etwas so Abgeschmacktes zu wissen, so kann ich Ihnen sagen, daß das Gespenst der Sage nach der Geist einer Frau ist.“

Das Gesicht der Fremden ward bleicher als je und sie wendete sich wieder nach dem offenen Fenster des Vorplatzes.

„Wie heiß es ist!“ sagte sie, indem sie das Gesicht hinaus ins Freie hielt.

„Heiß, bei Nordostwind!“ rief Mistreß Pentreath erstaunt.

Hier näherte sich Onkel Joseph mit der höflichen Frage, wann man die Zimmer in Augenschein nehmen werde. Während der letzten wenigen Minuten hatte er alle Arten Fragen an Mr. Munder gerichtet, und da er keine Antwort erhalten, die nicht von der kürzesten und unfreundlichsten Art gewesen wäre, die Unterhaltung mit dem Kastellan verzweifelt aufgegeben.

Mistreß Pentreath schickte sich an, in das Frühstückszimmer, die Bibliothek und das Gesellschaftszimmer voranzugehen. Diese drei Zimmer standen alle miteinander in Verbindung und jedes hatte noch eine zweite Tür, die in einen langen Korridor führte, zu welchem der Eingang sich auf der rechten Seite des Vorplatzes der ersten Etage befand.

Ehe die Haushälterin in diese Zimmer voranging, berührte sie Sara an der Schulter, um ihr zu verstehen zu geben, daß es Zeit sei, weiterzugehen.

„Was die Gespenstergeschichte betrifft“, hob Mistreß Pentreath wieder an, während sie die Tür des Frühstückszimmers öffnete, „so müssen Sie sich, wenn Sie dieselbe vollständig hören wollen, an die unwissenden Leute wenden, welche daran glauben. Ob das Gespenst ein alter Geist oder ein neuer Geist ist und warum man von ihm glaubt, daß er umgehe, dies ist mehr als ich Ihnen sagen kann.“

Trotzdem daß die Haushälterin auf diese Weise die größte Gleichgültigkeit gegen den volkstümlichen Aberglauben leugnete, hatte sie doch von der Gespenstergeschichte genug gehört, um sich zu fürchten, obschon sie es nicht gestehen wollte. In dem Hause sowohl als außer demselben wäre niemand zu finden gewesen, der weniger geneigt gewesen wäre, sich allein in die nördlichen Zimmer zu wagen, als eben Mistreß Pentreath selbst.

Während die Haushälterin in dem Frühstückszimmer die Fenstergardinen aufzog und Mr. Munder die Tür öffnete, welche von hier in die Bibliothekszimmer führte, stahl Onkel Joseph sich an die Seite seiner Nichte und sprach in seiner seltsamen, freundlichen Weise einige Worte der Ermutigung zu ihr.

„Mut, Mut!“ flüsterte er, „sei ruhig und besonnen und erfasse die Gelegenheit, sobald du kannst.“

„Meine Gedanken, meine Gedanken!“ antwortete Sara in demselben leisen Tone. „Dieses Haus erweckt sie alle gegen mich. O, warum habe ich mich wieder hereingewagt!“

„Sie werden wohltun, wenn Sie jetzt die Aussicht von dem Fenster aus betrachten“, sagte Mistreß Pentreath, nachdem sie die Gardine aufgezogen. „Sie wird sehr bewundert.“

Während so die Dinge in dem ersten Stockwerk des Hauses in Gange waren, hielt Betsey, welche sich bis jetzt von der Hausflur aus Stufe um Stufe hinaufgestohlen und dazwischen mit angestrengter Aufmerksamkeit gehorcht, da sie fand, daß jetzt kein Schall von Stimmen mehr zu ihr drang, es für das Beste, wieder in ihre Küche zurückzukehren und nach dem Mittagsmahl der Haushälterin zu sehen, welches am Feuer warm gehalten werden sollte. Sie ging deshalb wieder in die untern Regionen herab, fragte sich, welchen Teil des Hauses die Fremden zunächst zu sehen wünschen würden und zerbrach sich den Kopf, um einen Vorwand zu ersinnen, welcher ihr erlaubte, sich der Expedition anzuschließen.

Nachdem die Aussicht von dem Fenster des Frühstückszimmers aus gebührend in Augenschein genommen worden, betrat man das Bibliothekszimmer.

In diesem kam Mistreß Pentreath, da sie Muße hatte, sich umzuschauen, und diese Muße dazu anwendete, das Benehmen des Kastellans zu beobachten, zu der unangenehmen Überzeugung, daß Mr. Munder in der wichtigen Aufgabe, das Tun und Treiben der beiden Fremden scharf zu überwachen, ihren Erwartungen keineswegs entsprach. Durch Onkel Josephs familiäres, respektwidriges Benehmen doppelt zur Behauptung seiner eigenen Würde angestachelt, schien Mr. Munder auf nichts weiter bedacht zu sein, als sich so vollständig als möglich des Charakters eines Führers zu entäußern, womit der rücksichtslose Ausländer ihn zu bekleiden gesucht hatte.

Er schlenderte daher schwerfällig mit der Miene eines zufälligen Besuchers in den Zimmern umher, sah zum Fenster hinaus, blätterte in den auf den Tischen liegenden Büchern herum, betrachtete sich stirnrunzelnd in den Kaminspiegeln und sah mit einem Wort überall hin, nur nicht dahin, wo er sollte.

Die durch diese affektierte Gleichgültigkeit erbitterte Haushälterin flüsterte ihm ärgerlich zu, er solle den fremden Mann im Auge behalten, da sie selbst genug zu tun habe, um die Frau in dem bescheidenen Kleide zu überwachen.

„Schon gut, schon gut“, sagte Mr. Munder in mürrisch nachlässigem Tone. „Und wo werden Sie hingehen, Madame, nachdem wir im Gesellschaftszimmer gewesen sind? Wieder durch die Bibliothek zurück in die Frühstückszimmer? Oder sogleich hinaus in den Korridor? Haben Sie die Güte, dies zu bestimmen, da Sie einmal im Begriff zu sein scheinen, Alles zu bestimmen.“

„Natürlich hinaus auf den Korridor“, antwortete Mistreß Pentreath, „um die nächsten drei Zimmer, welche auf diese folgen, zu zeigen.“

Mr. Munder schlenderte aus dem Bibliothekszimmer durch die Verbindungstür hinaus in das Gesellschaftszimmer, schloß die in den Korridor führende Tür auf, ging dann zum großen Ärger der Haushälterin nach dem Kamin und betrachtete sich in dem Spiegel über demselben gerade so aufmerksam, wie er sich kaum eine Minute vorher in dem Spiegel des Bibliothekszimmers betrachtet hatte.

„Dies ist das westliche Gesellschaftszimmer“, sagte Mistreß Pentreath zu den beiden Fremden. „Die Bildhauerarbeit an dem Kamin“, setzte sie in der boshaften Absicht hinzu, die Fremden in die unmittelbare Nähe des Kastellans zu bringen, „wird als das Schönste in dem ganzen Zimmer betrachtet.“

Durch dieses Manöver von dem Spiegel hinweggemaßregelt, ging Mr. Munder langsam nach dem Fenster und sah hinaus.

Sara näherte sich, immer noch bleich und schweigsam – aber mit einer gewissen ungewohnten Entschlossenheit, die sich gleichsam in den Linien um ihren Mund herum sammelte – nachdenklich dem Kamin, als die Haushälterin sie darauf aufmerksam machte.

Onkel Joseph, der sich in seiner zerstreuten Weise im ganzen Zimmer ringsumschaute, erspähte in der Ecke, welche von der auf den Korridor führenden Tür am weitesten entfernt war, einen schönen Tisch von Ahornholz und ein Schränkchen von sehr eigentümlicher Form. Sein Tischlerenthusiasmus ward dadurch sofort erweckt und er eilte quer über das Zimmer hinüber, um das Schränkchen möglichst genau in Augenschein zu nehmen. Der Tisch, auf dem es stand, ragte ein wenig nach vorn hervor und auf dem flachen Raume dieses Vorsprungs erblickte er eine prachtvolle Spieluhr, die wenigstens dreimal so groß war als die seinige.

„Ei! Ei! Ei!“ rief Onkel Joseph mit immer höher steigender Bewunderung, „lassen Sie doch dieses Ding einmal los – ich möchte hören, was es spielt.“

Er schwieg, weil es ihm an Worten fehlte, um seine Ungeduld auszudrücken, und trommelte mit einem Ausbruch unbezähmbarer Begeisterung mit beiden Händen auf dem Deckel der Spieluhr.

„Mr. Munder“, rief die Haushälterin, indem sie mit großer Entrüstung quer über das Zimmer hinüber eilte, „warum passen Sie nicht auf? Warum lassen Sie so etwas zu? Er will die Spieluhr erbrechen. Verhalten Sie sich ruhig, Sir! Wie können Sie sich unterstehen, mich anzurühren?“

„Lassen Sie das Ding los! Lassen Sie das Ding los!“ wiederholte Onkel Joseph, indem er Mistreß Pentreaths Arm, den er in seiner Aufregung ergriffen, fallen ließ. „Schauen Sie! Dies da, was ich an der Seite trage, ist auch eine Spieluhr! Lassen Sie das Ding los! Spielt es vielleicht irgend etwas von Mozart? Es ist drei Mal größer als irgend eine, die ich bis jetzt gesehen. Sehen Sie, diese meine Spieluhr, die sich neben der Ihrigen ganz winzig ausnimmt, ward meinem Bruder von dem König der Komponisten, der jemals gelebt, von dem göttlichen Mozart selbst geschenkt. Lassen Sie das große Ding los und dann sollen Sie mein kleines auch klimpern hören. Ach, meine liebe, gute Madame, wenn Sie mich lieben –“

„Sir!!!“ rief die Haushälterin, vor tugendhafter Entrüstung bis an die Wurzeln ihres Haares errötend.

„Was soll das heißen, Sir, daß Sie einer achtbaren Dame auf so beleidigende Weise begegnen?“ fragte Mr. Munder, zur Hilfe herbeieilend. „Glauben Sie, wir brauchen hier Ihr ausländisches Geschwätz und Ihre ausländische Moral und Ihre ausländische Lästerung? Ja, Sir, Lästerung. Jeder, der ein menschliches Wesen, sei es nun ein musikalisches oder ein anderes, göttlich nennt, ist ein Lästerer. Wer sind Sie, Sie kecker Mensch? Sind Sie ein Heide?“

Ehe noch Onkel Joseph ein Wort zur Rechtfertigung seiner Grundsätze sagen, ehe noch Mr. Munder seiner Entrüstung weitere Worte leihen konnte, wurden sie beide durch einen Ausruf des Schreckens von der Haushälterin zu augenblicklichem Stillschweigen bewogen.

„Wo ist sie?“ rief Mistreß Pentreath, in der Mitte des Zimmers stehend, indem sie sich mit verblüfften Augen rings umsah.

Die Frau in der saubern, netten Kleidung war verschwunden.

Sie war nicht in dem Bibliothekszimmer, sie war nicht in dem Frühstückszimmer, sie war nicht draußen auf dem Korridor. Nachdem die Haushälterin an diesen drei Orten gesucht, kehrte sie mit der Miene der Angst und des Entsetzens zu Mr. Munder zurück und blieb, einen Augenblick ihn anstierend, vollkommen hilflos und vollkommen schweigend vor ihm stehen.

Sobald als sie sich einigermaßen wieder gefaßt hatte, wendete sie sich grimmig zu Onkel Joseph herum.

„Wo ist sie? Ich will wissen, was aus ihr geworden ist! Sie hinterlistiger, abscheulicher, unverschämter alter Mann, wo ist sie?“ rief Mistreß Pentreath mit bleichen Wangen und unbarmherzigen Augen.

„Wahrscheinlich sieht sie sich allein im Hause um“, sagte Onkel Joseph. „Ganz gewiß werden wir sie wiederfinden, wenn wir unsern Weg durch die andern Zimmer weiter fortsetzen.“

So schlicht der alte Mann auch war, so besaß er doch Schlauheit genug, um zu bemerken, daß er seiner Nichte zufällig gerade den Dienst geleistet hatte, dessen sie bedurfte. Wäre er selbst der listigste aller Menschen gewesen, so hätte er kein besseres Mittel ersinnen können, Mistreß Pentreaths Aufmerksamkeit von Sara auf sich selbst zu leiten, als gerade das Mittel, dessen er sich in vollkommener Unschuld gerade in dem Augenblick bediente, wo seine Gedanken von der eigentlichen Absicht, womit er und seine Nichte das Haus betreten, am weitesten entfernt waren.

„Aha“, dachte Onkel Joseph bei sich selbst; „während diese beiden zornigen Personen mich ohne allen Grund ausschelten, hat Sara sich fortgeschlichen, um nach dem Zimmer zu eilen, wo der Brief liegt. Gut. Dann brauche ich bloß zu warten, bis sie wiederkommt und diese beiden zornigen Personen mich schelten zu lassen, so lange es ihnen beliebt.“

„Was sollen wir beginnen, Mr. Munder! Was ums Himmels willen sollen wir beginnen?“ fragte die Haushälterin. „Wir könenn die kostbaren Minuten nicht damit vergeuden, daß wir hier stehen bleiben und einander angaffen. Diese Frau muß ausfindig gemacht werden. Halt – sie fragte wegen der Treppe – sie schaute, sobald wir auf dem Vorplatze angelangt waren, nach der zweiten Etage hinauf. Mr. Munder! Warten Sie hier und lassen Sie diesen Ausländer nicht aus den Augen. Warten Sie hier, während ich hinaufeile und in den Korridor der zweiten Etage schaue. Die Türen der Schlafzimmer sind alle verschlossen. Verstecken kann sie sich nicht darin, wenn sie da hinaufgegangen ist.“

Mit diesen Worten eilte die Haushälterin aus dem Gesellschaftszimmer hinaus und atemlos die zweite Treppe hinauf.

Während Mistreß Pentreath auf diese Weise in dem westlichen Teil des Hauses suchte, eilte Sara so schnell sie konnte die einsamen Korridore entlang, welche nach den nördlichen Zimmern führten.

Durch ihre verzweifelte Lage zu entscheidendem Handeln getrieben, war sie in dem Augenblick, wo sie sah, daß Mistreß Pentreath ihr den Rücken zukehrte, aus dem Gesellschaftszimmer hinaus in den Korridor geschlüpft. Ohne erst zu überlegen, ohne sich zu fassen zu suchen, eilte sie die Treppe der ersten Etage hinab und ohne Weiteres nach dem Zimmer der Haushälterin. Sie hatte keine Entschuldigungen in Bereitschaft, wenn sie jemanden hier angetroffen hätte oder wenn ihr jemand unterwegs begegnet wäre. Sie hatte keinen Plan entworfen, wo sie die Schlüssel zu den nördlichen Zimmern zunächst suchen sollte, dafern sie nicht an dem Platze hingen, an welchem sie sie noch zu finden erwartete. Ihr Gemüt war verworren, ihre Schläfe pulsierten, als ob sie von der Hitze des Gehirns zu bersten drohten. Der eine blinde, abenteuerliche, rücksichtslose Vorsatz, in das Myrtenzimmer zu gelangen, trieb sie weiter, lieh ihren zitternden Füßen übernatürliche Schnelligkeit, ihren bebenden Händen übernatürliche Kraft und ihrem verzagenden Herzen übernatürlichen Mut. Sie eilte in das Zimmer der Haushälterin hinein, ohne auch nur die gewöhnliche Vorsicht zu gebrauchen, einen Augenblick an der Tür zu horchen.

Es war niemand darin. Ein einziger Blick nach dem wohlbekannten Nagel in der Wand zeigte ihr, daß die Schlüssel noch in einem Bündel daran hingen, gerade so, wie sie in längst vergangener Zeit daran gehangen hatten. In einem Augenblick war sie im Besitz derselben und dann wieder fort, die einsamen Gänge entlang eilend, welche nach den nördlichen Zimmern führten, durch alle Biegungen und Windungen hindurch, als ob sie dieselben erst den Tag zuvor verlassen, ohne stehen zu bleiben, um zu horchen oder hinter sich zu schauen und ohne ihre Schritte zu mäßigen, bis sie auf der obersten Stufe der Hintertreppe stand und die Hand an die verschlossene Tür legte, welche in den nördlichen Flügel führte.

Als sie in dem Schlüsselbunde suchte, um den ersten Schlüssel zu finden, welcher jetzt nötig war, entdeckte sie – was sie in ihrer Eile bis jetzt nicht bemerkt, die numerierten Anhängsel, welche der Baumeister systematisch an sämtlichen Schlüsseln befestigt, als er von Mr. Frankland nach Porthgenna geschickt worden, um das Schloß zu besichtigen.

Bei dem ersten Anblick dieser Nummern machten ihre suchenden Hände augenblicklich Halt und sie schauderte am ganzen Körper, als ob sie von einem plötzlichen Frost gepackt würde.

Wäre sie weniger heftig aufgeregt gewesen, so würde die Entdeckung der neuen Nummern und der Argwohn, der durch ihren Anblick sofort erweckt werden mußte, ihrem weitern Fortgang höchstwahrscheinlich Einhalt getan haben. Die Verwirrung ihres Gemütes war aber jetzt zu groß, als daß sie im Stande gewesen wäre, auch nur die kleinsten Bruchteile ihrer Gedanken in Zusammenhang zu bringen. Sich bloß unklar einer neuen Angst und eines gesteigerten Mißtrauens bewußt, welches die rücksichtslose Ungeduld, die sie so weit getrieben, verdoppelte und verdreifachte, begann sie verzweifelt wieder in dem Schlüsselbunde herumzusuchen.

Einer der Schlüssel hatte keine Nummer. Er war größer als die übrigen – es war der Schlüssel, der in das Schloß der Verbindungstür paßte, vor welcher sie stand. Sie drehte ihn in dem rostigen Schlosse mit einer Kraft herum, welche sie zu jeder andern Zeit nicht im Stande gewesen wäre aufzubieten, und öffnete die Tür mit einem Stoß ihrer Hand, der sie auf einmal von dem Gewände löste, an welchem sie festklebte.

Nach Atem keuchend, eilte nun Sara durch das Erdgeschoß des verlassenen nördlichen Flügels hindurch, ohne erst die Tür wieder hinter sich zuzuschlagen. Die ekelhaften Gewürme und Insekten, welche sich in verlassenen feuchten Räumen anzusammeln pflegen, krochen gespensterhaft zu beiden Seiten hinweg nach der Wand.

Sara achtete nicht darauf und scheuete sich nicht davor. Durch die Halle hindurch und die Treppe am Ende derselben hinauf eilte sie, bis sie den offenen Vorplatz oben erreichte, und hier blieb sie plötzlich vor der ersten Tür stehen.

Es war die erste Tür der langen Reihe von Zimmern, die auf den Vorplatz herausführten – die Tür, welche sich der obersten Treppenstufe gegenüber befand. Sie blieb davor stehen, sie sah sie an – es war nicht die Tür, welche sie zu öffnen gekommen war, und dennoch konnte sie sich nicht davon losreißen. Mit weißer Kreide stand die Zahl I. darauf geschrieben. Und als sie auf das Schlüsselbund in ihren Händen herabschaute, sah sie auf einem der kleinen Schilde ebenfalls die entsprechende Zahl I.

Sie versuchte zu denken, einen einzigen der mißtrauischen Gedanken, die sich ihr aufdrängten, bis zu dem Schlusse fortzuspinnen, zu welchem vielleicht dadurch zu gelangen war. Die Bemühung war vergeblich. Ihre Denkkraft war entschwunden; ihre körperlichen Sinne des Sehens und Hörens – Sinne, die jetzt eine peinliche und unbegreifliche Schärfe erlangt hatten – schienen die einzigen Überbleibsel von Intelligenz zu sein, die ihr zur Führund dienen konnten. Sie hielt die Hand auf die Augen und wartete so eine Weile, dann ging sie langsam den Vorplatz entlang und sah die Türen an.

„Nr. II“, „Nr. III“, „Nr. IV“ stand an denselben mit derselben weißen Kreide geschrieben und entsprach den numerierten Schildchen an den Schlüsseln, die mit Tinte geschrieben waren. „Nr. IV“ war das mittelste Zimmer der ersten, acht zählenden Reihe. Hier blieb sie, an allen Gliedern zitternd, wieder stehen.

Es war die Tür des Myrtenzimmers.

Hörten die Kreidenummern hier auf? Sie sah den Vorplatz auf und ab. Nein. Die noch übrigen vier Türen waren regelmäßig weiter numeriert bis „VIII“.

Sie kehrte wieder an die Tür des Myrtenzimmers zurück, suchte den mit der Zahl IV. bezeichneten Schlüssel – zögerte und schaute mißtrauisch zurück in die verlassene Halle.

Die Leinwand der alten Familienporträts, welche sie zu der Zeit, wo sie den Brief versteckte, sich aus ihren Rahmen hatte blähen sehen, war jetzt größtenteils ganz herausgemodert und lag in großen schwarzen Fetzen auf dem Fußboden der Halle.

Inseln und Kontinente von Feuchtigkeit breiteten sich wie die Landkarte einer unbekannten Region über die hohe gewölbte Decke. Von Staub schwer gewordene Spinnweben bildeten die Draperie der zerbrochenen Simse. Schmutzflecken bedeckten das steinerne Pflaster wie plumpe Widerspiegelungen der feuchten Flecke an der Decke. Die nach dem freien Platz vor den Zimmern der ersten Etage führende breite Treppe hatte sich auf die eine Seite gesenkt. Das Geländer, welches den äußern Rand des Vorplatzes schützte, war von zackigen Lücken durchbrochen. Das Tageslicht erschien hier in der nördlichen Halle nur trüb, die Luft des Himmels war still, das Geräusch der Erde verstummt.

Verstummt? War wirklich jedes Geräusch verstummt? Oder bewegte sich etwas, was den Hörsinn nur eben berührte und die schauerliche Stille nur um so fühlbarer machte?

Sara horchte, indem sie das Gesicht immer noch nach der Halle zu gewendet hielt – sie horchte und hörte ein schwaches Geräusch hinter sich.

War es außerhalb der Tür, welcher sie mit dem Rücken zugewendet stand? Oder war es innerhalb derselben – in dem Myrtenzimmer?

Innerhalb war es. Mit der ersten Überzeugung hiervon verließ sie jeder Gedanke, jede Empfindung. Sie vergaß das verdächtige Numerieren der Türen; sie ward unempfindlich gegen den Flug der Zeit; sie dachte nicht an die Gefahr der Entdeckung. Jede Ausübung ihrer andern Fähigkeiten verschmolz sich jetzt in die Ausübung der einen Fähigkeit des Horchens.

Es war ein schwaches, verstohlen raschelndes Geräusch und es bewegte sich in Zwischenräumen hin und her, bald an dem einen, bald an dem andern Ende des Myrtenzimmers. Es gab Augenblicke, wo es plötzlich ganz deutlich ward, und dann wieder andere, wo es so hinwegstarb, daß es nicht mehr verfolgt werden konnte. Zuweilen schien es mit einem Satze über den Fußboden hinzufegen – zuweilen kroch es mit langsamem, anhaltendem Geraschel, welches an die Grenze absoluten Schweigens streifte.

Wie fest gewurzelt an der Stelle, auf welcher sie stand, wendete Sara ihren Kopf langsam Zoll für Zoll nach der Tür des Myrtenzimmers herum. Einen Augenblick vorher, während sie sich des schwachen, sich darin hin und her bewegenden Geräusches noch unbewußt war, hatte sie rasch und schwer geatmet. Jetzt war sie wie tot – unbeweglich war ihre Brust, so geräuschlos ihr Atemzug.

Über ihr Gesicht kam dieselbe geheimnisvolle Veränderung, die sich darin bemerkbar gemacht, als es in dem kleinen Ladenstübchen in Truro dunkel zu werden begann. Derselbe furchtsame, forschende Blick, den sie damals auf den fernen Winkel des Zimmers geheftet, zeigte sich auch jetzt wieder in ihren Augen, als sie dieselben langsam nach der Tür herumdrehte.

„Herrin!“ flüsterte sie. „Komme ich zu spät? Bist du schon vor mir da?“

Das verstohlen raschelnde Geräusch verstummte – erneuerte sich – starb wieder matt hinweg – hinweg an dem andern Ende des Zimmers. Ihre Augen, die immer noch auf die Tür des Myrtenzimmers geheftet waren, öffneten sich immer weiter und weiter, als ob sie erwarteten, daß das feste dunkle Holz durchsichtig werden und zeigen würde, was dahinter sei.

„Über den einsamen Boden, über den einsamen Boden – wie leicht es sich bewegt!“ flüsterte sie wieder. „Herrin, raschelt das Leichentuch, in welchem man dich begraben, nicht lauter?“

Das Geräusch verstummte abermals und kam dann wieder mit einem einzigen verstohlenen Satze dicht bis an die innere Seite der Tür. Hätte sie sich in diesem Augenblick bewegen, hätte sie, als das leise Geraschel ihr am nächsten kam, auf die schmale Spalte zwischen dem untern Rande der Tür und dem Fußboden heruntersehen können, so hätte sie vielleicht die unbedeutende Ursache, die es hervorbrachte, sich selbst verratend, teils außerhalb, teils innerhalb der Tür in der Gestalt eines Stückes verschossener roter Papiertapete von der Wand des Myrtenzimmers liegen sehen.

Zeit und Feuchtigkeit hatten nämlich die Tapete in dem ganzen Zimmer gelockert. Zwei oder drei Ellen waren von dem Baumeister abgerissen worden, während er die Wände untersuchte – zuweilen in großen, zuweilen in kleinen Stücken, gerade wie es sich nun zufällig machte – und dann hatte er sie auf den kahlen Fußboden geworfen, wo der Wind, wenn er zufällig durch die zerbrochenen Fensterscheiben blies, sein Spiel damit trieb.

Wenn Sara sich nur bewegt, wenn sie nur eine einzige kleine Sekunde lang ihren Blick abwärts gesenkt hätte! Aber sie konnte sich weder bewegen noch sehen. Der Paroxismus abergläubischer Furcht, von welchem sie besessen war, hielt sie noch an jedem Glied gefangen.

Sie fuhr nicht zusammen, sie stieß keinen Schrei aus, als ihr das Geraschel am nächsten kam. Das einzige äußere Zeichen, welches verriet, wie die Furcht vor dieser Annäherung sie bis in die tiefste Seele erschütterte, gab sich bloß in der veränderten Bewegung ihrer rechte Hand zu erkennen, in welcher sie die Schlüssel hielt.

In dem Augenblick, wo der Wind den Tapetenfetzen am dichtesten an die Tür wehete, verloren ihre Finger die Kraft der Zusammenziehung und wurden so schlaff und hilflos, als ob sie in Ohnmacht gefallen wäre.

Das schwere Schlüsselbund entglitt ihrer plötzlich sich öffnenden Hand, fiel neben ihr auf den äußern Rand des Vorplatzes, rollte durch eine Lücke des zerbrochenen Geländers und fiel hinunter auf das Steinpflaster mit einem Geklirr, bei welchem das schlafende Echo laut aufkreischte, als ob es eibn sich unter der Tortur des Schalles krümmendes fühlendes Wesen wäre.

Das Klirren der fallenden Schlüssel, welches durch die Totenstille hindurch hallte, erweckte Sara gleichsam zum augenblicklichen Bewußtsein gegenwärtiger Ereignisse und gegenwärtiger Gefahren. Sie fuhr zusammen, taumelte zurück und hob beide Hände mit wilder Gebärde zum Kopf empor – blieb so einige Sekunden stehen und eilte dann nach der obersten Stufe der Treppe in der Absicht, wieder in die Halle hinabzueilen, um die Schlüssel aufzuheben.

Ehe sie aber noch drei Schritte getan, ließ sich der gellende Ton einer kreischenden Frauenstimme von der Verbindungstür an dem entgegengesetzten Ende der Halle vernehmen. Dieses Gekreisch wiederholte sich in größerer Entfernung zwei Mal und dann folgte ein verworrenes Geräusch von rasch nahenden Stimmen und Tritten.

Verzweifelt taumelte Sara noch einige Schritte und erreichte die erste der Reihe von Türen, welche auf den Vorplatz herausführte. Hier aber sank die Natur erschöpft zusammen – die Knie wankten – Atem, Gesicht und Gehör schien alles miteinander sie in einem und demselben Augenblick zu verlassen und sie sank an der obersten Treppenstufe ohne Besinnung nieder.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel

Mr. Munder auf dem Richterstuhle

Die murmelnden Stimmen und die eilenden Tritte kamen näher und näher, dann machten sie plötzlich Halt. Nach einigem Schweigen rief eine Stimme laut:

„Sara, Sara! Wo bist du?“

Im nächsten Augenblicke erschien Onkel Joseph allein an der in die nördliche Halle führenden geöffneten Tür und schaute sich begierig ringsum.

Anfangs blieb die auf dem Vorplatz oben an der Tür liegende Gestalt von ihm unbemerkt. Als er aber zum zweiten Male nach dieser Richtung hinschaute, gewahrte er das dunkle Kleid und den Arm, der auf dem Rande der obersten Stufe lag. Mit einem lauten Schrei des Schreckens und der Erkennung eilte er quer durch die Halle und die Treppe hinauf. Gerade als er neben Sara niederkniete und ihren Kopf in seinem Arm emporhob, drängten sich der Kastellan, die Haushälterin und die Magd, alle drei hinter ihm durch die geöffnete Tür.

„Wasser!“ schrie der alte Mann, indem er mit seiner freien Hand wilde Gebärden machte. „Sie ist hier – sie ist gefallen – sie ist ohnmächtig! Wasser! Wasser!“

Mr. Munder sah Mistreß Pentreath an, Mistreß Pentreath sah Betsey an, Betsey sah den Fußboden an. Alle drei standen stockstill; alle drei schienen eins wie das andere nicht im Stande zu sein, durch die Halle zu gehen.

Wenn die Wissenschaft der Physiognomik keine gänzliche Täuschung ist, so stand die Ursache dieser wunderbaren Einmütigkeit leserlich auf den Gesichtern dieser drei Personen geschrieben, oder mit andern Worten, sie fürchteten sich alle, eins wie das andere, vor dem Gespenst!

„Wasser, sage ich, Wasser!“ wiederholte Onkel Joseph mit der Faust drohend. „Sie ist ohnmächtig geworden! Steht ihr euer drei dort an der Tür, ohne daß eins von euch Erbarmen hat? Wasser! Wasser! Wasser! Soll ich schreien, daß ich Krämpfe bekomme, ehe eins von euch hört?“

„Holen will ich das Wasser, Madame“, sagte Betsey, „wenn Sie oder Mr. Munder es dann von hier die Treppe hinauftragen wollen.“

Sie eilte in die Küche und kam mit einem Glas Wasser zurück, welches sie mit einem ehrerbietigen Knix erst der Haushälterin und dann dem Kastellan präsentierte.

„Wie kannst du dir unterstehen, von uns zu verlangen, daß wir etwas für dich tragen?“ rief Mistreß Pentreath, indem sie sich, rückwärts gehend, von der Tür hinwegbewegte.

„Ja, wie kannst du dir unterstehen, so etwas von uns zu verlangen?“ setzte Mr. Munder hinzu, indem er Mistreß Pentreath folgte.

„Wasser!“ schrie der alte Mann zum dritten Male. Er zerrte seine Nichte ein wenig rückwärts, sodaß er sie mit dem Oberkörper an die Wand hinter ihr anlehnen konnte. „Wasser! Oder ich trete diese alte Gefängnis von einem Schlosse euch über den Köpfen zusammen!“ schrie er, vor Wut und Ungeduld mit dem Fuße stampfend.

„Erlauben Sie, Sir, wissen Sie gewiß, daß es wirklich die Dame ist, die da oben liegt?“ fragte Betsey, indem sie zitternd mit dem Glas Wasser einige Schritte näher kam.

„Ob ich es gewiß weiß?“ rief Onkel Joseph, indem er ihr die Treppe herab entgegenging. „Was ist das für eine dumme Frage? Wer soll es denn sonst sein?“

„Das Gespenst, Sir“, sagte Betsey, indem sie langsam immer näher kam. „Das Gespenst der nördlichen Zimmer.“

Onkel Joseph ging ihr am Fuße der Treppe einige Schritte entgegen, nahm ihr mit verächtlicher Gebärde das Glas Wasser ab und eilte dann zurück zu seiner Nichte.

Während Betsey sich herumdrehte, um ihren Rückzug anzutreten, fiel ihr Auge auf das Schlüsselbund, welches unterhalb des Vorplatzes auf dem Steinpflaster lag. Nach einigem Zögern sammelte sie so viel Mut, daß sie das Schlüsselbund aufhob und dann damit so schnell als ihre Füße tragen wollten, aus der Halle hinwegrannte.

Mittlerweile befeuchtete Onkel Joseph die Lippen seiner Nichte mit Wasser und besprengte ihre Stirn damit. Nach einigen Minuten begann sie langsam und matt seufzend zu atmen, die Muskeln ihres Gesichts bewegten sich ein wenig und sie schlug die Augen auf. Dieselben hefteten sich scheu auf den alten Mann ohne einen Ausdruck von Erkennung. Er ließ sie ein wenig Wasser trinken und sprach ihr freundlich zu und brachte sie auf diese Weise endlich wieder zu sich selbst.

Ihre ersten Worte waren: „Verlaß mich nicht.“ Ihre erste Bewegung, als sie einer solchen fähig war, bestand darin, daß sie sich fester an ihn schmiegte.

„Fürchte nichts, mein Kind“, sagte er beschwichtigend, „ich bleibe bei dir. Sage mir, Sara, worüber bist du ohnmächtig geworden? Was hat dich so erschreckt?“

„O, frage mich nicht! Um Gottes willen, frage mich nicht!“

„Na, na – dann will ich nichts sagen. Noch einen Schluck Wasser? – noch einen kleinen Schluck?“

„Hilf mir auf, Onkel – hilf mir versuchen, ob ich stehen kann.“

„Noch nicht – noch nicht – gedulde dich noch eine kleine Weile.“

„O hilf mir, hilf mir! Ich mag diese Türen nicht sehen! Wenn ich nur bis an die Treppe kommen könnte, dann würde mir besser werden.“

„So, so!“ sagte Onkel Joseph, indem er sie stützte, während sie aufstand. „Warte jetzt und tritt leicht auf. Stütze dich auf mich, immer stütze dich, so schwer du willst. Obschon ich ein hagerer und kleiner Mann bin, so bin ich doch fest wie ein Felsen. Bist du in dem Zimmer gewesen?“ setzte er flüsternd hinzu. „Hast du den Brief?“

Sie seufzte bitterlich und legte mit dem Ausdruck der Ermüdung und Verzweiflung ihren Kopf auf seine Schulter.

„Wie, Sara, Sara!“ rief er, „du bist so lange weggewesen und doch nicht in das Zimmer gekommen?“

Sie hob ihren Kopf ebenso plötzlich, als sie ihn niedergelegt, wieder empor, schauderte und versuchte dann schwach, Onkel Joseph nach der Treppe hin zu ziehen.

„Ich werde das Myrtenzimmer nie wiedersehen – niemals, niemals, niemals!“ sagte sie. „Laß uns gehen; ich kann gehen; ich bin wieder kräftig. Onkel Joseph, wenn du mich liebst, so führe mich aus diesem Hause hinaus, irgendwohin, damit wir wieder in die freie Luft und ins Tageslicht kommen – irgendwohin, dafern wir nur Porthgenna Tower nicht mehr sehen.“

Erstaunt die Augenbrauen emporziehend, aber sich rücksichtsvoll aller weitern Fragen enthaltend, half Onkel Joseph seiner Nichte die Treppe herabsteigen. Sie war noch so schwach, daß sie, als sie an den Fuß derselben kam, stehen bleiben mußte, um erst wieder Kräfte zu sammeln. Dies sehend und, während er sie durch die Halle hindurchführte, fühlend, daß sie sich bei jedem neuen Schritt immer schwerer auf seinen Arm stützte, fragte der alte Mann, als er Mr. Munder und Mistreß Pentreath so weit sich genähert hatte, daß sie ihn verstehen konnte, ob sie nicht vielleicht stärkende Tropfen hätte, die er seiner Nichte eingeben könnte.

Mistreß Pentreaths bejahende Antwort war, obschon sie nicht in eben freundlichem Tone gesprochen ward, doch von einer Schnelligkeit des Handelns begleitet, welche bewies, daß sie mit großer Begier den ersten schicklichen Vorwand ergriff, um nach dem bewohnten Teile des Schlosses zurückkehren zu können. Indem sie murmelte, sie wolle nach dem Orte vorangehen, wo die Hausapotheke sich befand, lenkte sie ihre Schritte sofort den Korridor entlang nach ihrem Zimmer, während Onkel Joseph, ohne auf Saras geflüsterte Versicherungen zu hören, daß sie sich wohl genug fühle, um ohne einen Augenblick Verzug das Schloß verlassen zu können, ihr schweigend und seine Nichte am Arm führend, folgte.

Mr. Munder wartete kopfschüttelnd und mit gänzlich aus der Fassung gebrachter Miene bis zuletzt, um die Verbindungstür zu schließen. Als er dies getan und die Schlüssel Betsey gegeben hatte, damit diese sie wieder an ihren bestimmten Platz trüge, zog er sich seinerseits von dem Schauplatz mit einem Schritte zurück, der eine fast unanständige Ähnlichkeit mit Laufen hatte.

Nachdem er aber einaml aus der nördlichen Halle hinaus war, erlangte er seine Selbstbeherrschung wunderbar schnell wieder. Er ging plötzlich langsamer, sammelte seine zerstreute Besinnung und dachte anscheinend mit vollkommener Selbstzufriedenheit nach, denn als er in das Zimmer der Haushälterin trat, hatte er den gewöhnlichen, selbstgefälligen, feierlichen Ernst im Blick und Haltung wiedergewonnen.

Wie die überwiegende Mehrzahl sehr dummer Menschen, fand er ein inniges Vergnügen daran, sich selbst sprechen zu hören, und erkannte jetzt eine Gelegenheit, sich nach den Ereignissen, die sich soeben im Hause zugetragen hatten, diesen Wonnegenuß auf eine Weise hinzugeben, wie sie sich nur selten darbot. Es gibt bloß einen Redner, der vollkommen sicher ist, niemals dem Drange der Umstände zu erliegen, und dies ist der, dessen Fähigkeit, Worte zu machen, nicht zugleich die gefährliche Fähigkeit einschließt, zu wissen, was er sagen will.

Unter dieser bevorzugten Gattung von Naturrednern nahm Mr. Munder einen hervorragenden Rang ein und er war nun rachsüchtig entschlossen, seine Fähigkeiten an den beiden fremden Personen unter dem Vorwand zu erproben, daß er ihnen, ehe er ihnen gestattete, das Haus zu verlassen, eine Erklärung ihres Benehmens abverlangte.

Als er in das Zimmer trat, sah er Onkel Joseph mit seiner Nichte am untern Ende desselben sitzend und beschäftigt, etwas Salzgeist in ein Glas Wasser zu tröpfeln. An dem andern Ende stand die Haushälterin mit einem offenen Medizinkasten auf dem Tische vor sich.

Nach diesem Teile des Zimmers lenkte Mr. Munder mit wichtiger Miene langsam seine Schritte, zog einen Lehnstuhl an den Tisch, setzte sich, indem er sorgfältig und gemessen seine Rockschöße auseinander schlug, und ward sofort allem äußern Anschein nach das leibhafte Ebenbild oder Muster eines Lord Oberrichters in Zivilkleidern.

Mistreß Pentreath, wleche aus diesen Vorbereitungen abnahm, daß etwas Außerordentliches bevorstand, nahm ein wenig hinter dem Kastellan Platz. Betsey hing die Schlüssel wieder an ihren Nagel in der Wand und stand eben im Begriff, sich bescheiden wieder in ihre Küchensphäre zurückzuziehen, als Mr. Munder sie aufhielt.

„Wartet, wenn es Euch beliebt“, sagte der Kastellan. „Ich werde sogleich Gelegenheit haben, Euch aufzufordern, junges Frauenzimmer, Eure Aussage zu tun.“

Die gehorsame Betsey wartete in der Nähe der Türe, erschreckt durch den Gedanken, daß sie etwas Unrechtes getan haben müsse und daß der Kastellan gesetzlich ermächtigt sei, sie wegen dieser Übeltat zu verhören, zu verurteilen und auf der Stelle zu bestrafen.

„Nun, Sir“, sagte Mr. Munder, indem er Joseph anredete, als ob er der Sprecher des Unterhauses wäre, „wenn Sie mit Ihrer Mischung fertig sind, und wenn die Person neben Ihnen hinreichend wieder zur Besinnung gekommen ist, um hören zu können, möchte ich ein paar Worte mit Ihnen beiden sprechen.“

Bei dieser Einleitung versuchte Sara erschrocken, sich von ihrem Stuhle zu erheben, ihr Onkel aber ergriff sie bei der Hand und drängte sie wieder darauf nieder.

„Warte und bleibe“, flüsterte er. „Ich nehme alle Scheltworte auf meine eigene Schulter und werde alles Sprechen mit meiner eigenen Zunge besorgen. Sobald du im Stande bist, wieder gehen zu können, verspreche ich dir, daß wir, mag nun dieser lange Mann ein Wort oder zwei Worte oder gar keins gesagt haben, ganz ruhig aufstehen und unserer Wege zum Hause hinausgehen.“

„Bis zu diesem Augenblicke“, begann Mr. Munder, „habe ich mich enthalten, eine Meinung auszusprechen. Jetzt ist, wie mir und Mistreß Pentreath scheint, die Zeit gekommen, wo bei dem Vertrauensamt, welches ich in diesem Hause bekleide und weil ich für das, was darin geschieht, verantwortlich bin, sowie weil ich fühle, daß die Dinge nicht so bleiben dürfen wie sie sind – meine Pflicht verlangt, zu erklären, daß ich Ihr Benehmen sehr außerordentlich finde.“

Indem Mr. Munder diese Schlußworte seiner Rede direkt an Sara richtete, lehnte er, voll von Worten und vollständig leer an Bedeutung, sich in seinem Stuhl zurück, um sich bequem zu seiner nächsten Anstrengung zu sammeln.

„Mein einziger Wunsch“, hob er mit sanfter, fast wehmütiger Unparteilichkeit wieder an, „ist, gegen alle Teile gerecht zu verfahren. Ich wünsche nicht, jemanden zu erschrecken, oder jemanden einzuschüchtern, oder jemandem Angst zu machen. Ich wünsche, merkwürdige Tatsachen eigentümlicher Art zu erörtern. Ich wünsche, die stattgefundenen Ereignisse zu sondieren, oder, um mich eines bessern und allgemeiner verständlichen Ausdrucks zu bedienen, denselben auf den Grund zu kommen. Nachdem dies geschehen sein wird, werde ich Ihnen, Madame, und Ihnen, Sir, anheimgeben, ob Sie – das heißt, ich werde Ihnen diese Frage ruhig, unparteiisch und höflich – wenn ich sage höflich, so meine ich mit aller gebührenden Rücksicht – das heißt – das heißt – ich wollte sagen – kurz, ich werde Ihnen anheimgeben, ob Sie nicht beide verbunden sind, sich näher zu erklären.“

Mr. Munder schwieg, um diese letzte, unwiderstehliche Ansprache erst ihre gehörige Wirkung auf das Gewissen der Personen, zu welchen er sprach, äußern zu lassen. Die Haushälterin benutzte das Schweigen, um zu husten, gerade so wie die Leute in der Kirche vor der Predigt zu husten pflegen, um sich ihrer körperlichen Gebrechen im Voraus zu entledigen und dem Geiste freien Spielraum zu ungestörtem intellektuellem Genusse zu geben.

Betsey hustete, Mistreß Pentreaths Beispiele folgend, ebenfalls, obschon auf schwache, schüchterne Weise.

Onkel Joseph saß vollkommen unbefangen und unerschrocken da, hielt die Hand seiner Nichte in der seinigen und drückte sie von Zeit zu Zeit leicht, wenn der Vortrag des Redners ganz besonders verwickelt und eindringlich ward.

Sara bewegte sich nicht, blickte nicht auf und blieb bei dem Ausdruck scheuer Zurückhaltung, der sich ihres Gesichts von dem ersten Augenblick an bemächtigt, wo sie das Zimmer der Haushälterin betreten.

„Also, woein bestehen die Tatsachen, Umstände und Ereignisse?“ fuhr Mr. Munder fort, indem er sich im ruhigen Genuß des Klanges seiner eigenen Stimme in seinem Stuhl zurücklehnte. „Sie Madame, und Sie, Sir, ziehen die Klingel an der Tür des Schlosses“ – hier sah er Onkel Joseph scharf an, als ob er sagen wollte: „Ich bleibe, wie du siehst, selbst auf meinem Richterstuhle dabei, daß dieses Haus nicht ein Haus, sondern ein Schloß ist. – Sie werden eingelassen, Sir. Sie versichern, daß Sie das Schloß in Augenschein zu nehmen wünschen – Sie sagten wörtlich, Sie wollten das Haus sehen, da Sie aber ein Ausländer sind, so wundern wir uns weiter nicht darüber, wenn Sie einen kleinen Irrtum dieser Art begehen. Sie, Madame, sind mit dem Verlangen dieses Herrn einverstanden, ja Sie treten denselben bei. Was folgt nun? Sie werden in dem Schlosse herumgeführt. Es ist sonst nicht gebräuchlich, fremde Personen darin herumzuführen, zufällig aber haben wir gewisse Gründe –“

Sara stutzte.

„Was für Gründe“, fragte sie rasch aufblickend.

Onkel Joseph fühlte, wie ihre Hand in der seinigen kalt ward und zitterte.

„Still, still!“ sagte er, „überlaß das Reden mir.“

In demselben Augenblick zupfte Mistreß Pentreath den Kastellan verstohlen am Rockschoße und flüsterte ihm zu, er möge vorsichtig sein.

„Mistreß Franklands Brief“, sagte sie ihm ins Ohr, „befiehlt uns ausdrücklich, uns nicht merken zu lassen, daß wir einer erhaltenen Instruktion gemäß handeln.“

„Glauben Sie nicht, Mistreß Pentreath, daß ich vergesse, was ich im Gedächtnis behalten soll“, entgegnete Mr. Munder, der es nichtsdestoweniger vergessen hatte. „Glauben Sie auch ferner nicht, daß ich jetzt im Begriff gestanden, mich zu kompromittieren“ – obschon er ganz nahe daran gewesen war, dies zu tun. „Überlassen Sie diese Sache ganz mir, wenn Sie die Güte haben wollen. Was für Gründe, sagten Sie, Madame?“ setzte er zu Sara gewendet laut hinzu. „Lassen Sie sich nur um die Gründe unbekümmert; damit haben wir jetzt nichts zu tun – wir haben jetzt bloß mit Tatsachen, Umständen und Ereignissen zu tun. Haben Sie die Güte, dies zu bedenken, anzuhören, was ich Ihnen sage und mich nicht wieder zu unterbrechen. Ich wollte also bemerken, daß Sie, Sir, und Sie, Madame, in diesem Schlosse herumgeführt wurden. Man führte Sie die westliche Treppe – die grandiose westliche Treppe, Sir – hinauf, man zeigte Ihnen in der zuvorkommendsten und artigsten Weise das Frühstückszimmer, das Bibliothekszimmer und das Gesellschaftszimmer. In diesem Gesellschaftszimmer erlauben Sie, Sir, sich auf einmal die ungeziemendsten und, ich kann hinzusetzen, beleidigendsten Ausdrücke, während Sie, Madame, gänzlich daraus verschwinden, oder mit andern Worten, sich unsichtbar machen. Eine solche beispiellose, noch nie dagewesene, höchst ungewöhnliche Handlungsweise erfüllt natürlich Mistreß Pentreath und mich mit –“

Hier stockte Mr. Munder und war zum ersten Mal um ein Wort verlegen.

„Mit Erstaunen“, ergänzte Mistreß Pentreath nach einer langen Pause.

„Nein, Madame“, entgegnete Mr. Munder streng. „Nichts der Art. Wir waren durchaus nicht erstaunt, wir waren bloß – überrascht. Und was folgte und geschah dann? Was hörten Sie und ich, Sir, in der ersten Etage?“ fuhr er, Onkel Joseph finster ansehend, fort. „Und was hörten Sie, Mistreß Pentreath, während Sie die fehlende und abwesende Person in der zweiten Etage suchten? Was hörten Sie?“

Auf diese Weise persönlich aufgefordert, antwortete die Haushälterin kurz:

„Einen Schrei.“

„Nein! Nein! Nein!“ rief Mr. Munder ärgerlich, mit der Hand auf den Tisch pochend. „Ein Gekreisch war es, Mistreß Pentreath – ein Gekreisch. Und was ist die Bedeutung, der Zweck oder Ursache dieses Gekreisches? Junges Frauenzimmer“ – hier wendete Mr. Munder sich plötzlich zu Betsey – „nun haben wir diese außerordentlichen, eigentümlichen und seltsamen Tatsachen und Umstände bis auf Euch zurückverfolgt. Habt daher die Güte, vorzutreten und uns in Gegenwart dieser beiden Personen zu sagen, was Euch veranlaßte, diesen Schrei, wie Mistreß Pentreath sich ausdrückt, oder dieses Gekreisch, wie ich es nenne, auszustoßen, oder von Euch zu geben. Eine einfache, schlichte Erklärung genügt, mein gutes Mädchen, eine ganz einfache, schlichte Aussage. Und, junges Frauenzimmer, noch ein Wort – sprecht ungescheut – versteht Ihr mich? Sprecht ungescheut!“

Durch diese öffentliche und feierliche Anrede in die größte Verwirrung versetzt, folgte Betsey, indem sie mit ihrer Aussage begann, unwillkürlich dem rednerischen Beispiel des großen Mr. Munder selbst, das heißt, sie sprach nach dem Prinzip, die möglich kleinste Dosis von Gedanken mit dem möglich größten Aufguß von Worten zu verdünnen. Entwirrte man ihre Aussage aus dem Wortnetze, in welches sie sich mit denselben verwickelte, so lieferte dieselbe einfach die folgenden Tatsachen.

Erstens hatte Betsey zu erzählen, daß sie zufällig gerade den Deckel von einer Bratpfanne über dem Küchenfeuer abnahm, als sie in der Nähe des Zimmers der Haushälterin das Geräusch von eiligen Fußtritten hörte.

Zweitens hörte Betsey, als sie die Küche verließ, um zu ermitteln, was dieses Geräusch zu bedeuten habe, wie die Tritte sich rasch den Korridor entlang entfernten, der nach der nördlichen Seite des Hauses führte, und von Neugier getrieben, folgte sie dem Geräusch eine gewisse Strecke lang.

Drittens blieb Betsey bei einer scharfen Biegung des Korridors stehen, weil sie die Hoffnung aufgab, die Person, deren Tritte sie hörte, einzuholen, weil sie ferner ein gewisses Gefühl von Furcht bei dem Gedanken empfand, sich – wenn auch am hellen Tage – allein in das gespenstische Quartier des Hauses zu wagen.

Viertens hörte Betsey, während sie noch an der Biegung des Korridors stand, das Schloß einer Tür gehen, und trat, von neuem durch Neugier angestachelt, noch einige Schritte näher – blieb dann wieder stehen und erörterte bei sich selbst die schwierige und furchtbare Frage: Ob die Geister im allgemeinen, wenn sie sich von einem Ort nach dem andern begeben, jede geschlossene Tür, die sich ihnen in den Weg stellt, aufzuschließen pflegen, oder ob sie, um sich diese Mühe zu ersparen, ganz einfach hindurchschweben.

Fünftens kam Betsey nach langer Beratung mit sich selbst, und nachdem sie wiederholt bald nach der nördlichen Halle, bald wieder zurück nach der Küche eilen gewollt, zu dem Schlusse, daß es seit undenklichen Zeiten die Gewohnheit aller Geister sei, durch Türen hindurchzuschweben, ohne sie erst aufzuschließen.

Sechstens ging Betsey durch diese Überzeugung ermutigt, kühn bis dicht an die Tür, als sie plötzlich ein lautes Dröhnen hörte, als ob ein schwerer Körper zu Boden fiele.

Siebentens ward Betsey durch dieses Geräusch so erschreckt, daß sie die Besinnung und fast die Fähigkeit, zu atmen, verlor.

Achtens und letztens stieß Betsey, sobald sie wieder hinreichend zu Atem gekommen war, einen lauten Schrei (oder ein Gekreisch) aus, und rannte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, während ihr das Haar zu Berge stand, und sie fühlte, wie ihr vom Wirbel bis zur Sohle die Gänsehaut auflief, nach der Küche zurück.

„Sehr richtig! Sehr richtig!“ sagte Mr. Munder, als Betsey mit ihrer Aussage fertig war – gerade als ob der Anblick eines jungen Frauenzimmers, welchem das Haar zu Berge steht und dem am ganzen Leibe die Gänsehaut aufläuft, das gewöhnliche Ergebnis seiner täglichen Erfahrung in Bezug auf den weiblichen Teil der Menschheit wäre. „Sehr richtig. Ihr könnt zurücktreten, mein gutes Mädchen, Ihr könnt zurücktreten. Es gibt hier gar nichts zu lachen, Sir“, fuhr er in strengem Tone zu Onkel Joseph fort, dem die Art und Weise, wie Betsey ihre Aussage getan, außerordentlichen Spaß gemacht hatte. „Sie würden viel besser tun, wenn Sie Ihre Gedanken auf das zurückführten, oder vielmehr leiteten, was auf das Gekreisch dieses jungen Frauenzimmers folgte. Was taten wir alle, Sir? Wir eilten zur Stelle, wir begaben uns schnell an den fraglichen Ort. Und was sahen wir, Sir? Wir sahen Sie, Madame, horizontal ausgestreckt auf dem Vorplatze über der Treppe des nördlichen Teils des Schlosses liegen und wir sahen jene Schlüssel, die jetzt wieder dort hängen, von ihrem Orte entwendet, entfremdet und gleichsam hinweggerissen, ebenfalls horizontal ausgestreckt auf dem Fußboden der Halle liegen. Das sind die Tatsachen, die Umstände, die Ereignisse, welche wir Ihnen vor augen stellen oder legen, man könnte auch sagen setzen. Was haben Sie dazu zu bemerken? Jawohl, was haben Sie dazu zu bemerken. Ich fordere Sie feierlich und ich will hinzufügen in allem Ernste auf – in meinem eigenen Namen, in Mistreß Pentreaths Namen, in dem Namen unserer Vorgesetzten, im Namen des Anstandes fordere ich Sie auf zu sagen, was dies alles bedeuten soll.“

Bei diesen feurigen Schlußworten schlug Mr. Munder mit der Faust auf den Tisch und wartete mit einem unverwandten Blick schonungsloser Erwartung auf etwas in Form eienr Antwort, einer Erklärung, oder einer Verteidigung, was die Verbrecher am andern Ende des Zimmers geneigt sein möchten, vorzubringen.

„Sag ihm irgendetwas“, flüsterte Sara dem alten Manne zu. „Sag ihm irgendetwas, damit er ruhig ist und uns gehen läßt. Nach dem, was ich gelitten, machen diese Menschen mich vollends wahnsinnig.“

Im Erfinden einer Ausrede niemals sehr geschickt und überdies mit dem, was seiner Nichte wirklich begegnet, während sie allein in der nördlichen Halle war, völlig unbekannt, kostete es Onkel Joseph, trotz des besten Willens von der Welt, sich den Umständen gewachsen zu zeigen, bedeutende Mühe zu einem Entschluß darüber zu kommen, was er sagen oder tun sollte.

Indessen auf alle Fälle entschlossen, seiner Nichte jede nutzlose Behelligung zu ersparen und sich sobald als möglich aus dem Hause hinauszubringen, erhob er sich, um die Verantwortlichkeit des Sprechens auf sich zu nehmen, indem er, ehe er sprach, Mr. Munder scharf ansah, der sich sogleich die Hand hinter das Ohr haltend vorwärts über den Tisch neigte.

Onkel Joseph erkannte diese höfliche Aufmerksamkeit durch eine seiner phantastischsten Verbeugungen an und beantwortete dann die ganze lange Rede des Kastellans mit den sieben, keine weitere Antwort zulassenden Worten:

„Ich wünsche Ihnen wohl zu leben, Sir.“

„Wie können Sie sich unterstehen, mir so etwas zu wünschen!“ rief Mr. Munder, mit heftiger Entrüstung von seinem Stuhle aufspringend. „Wie könne Sie mit einer ernsten Sache und einer ernsten Frage auf diese Weise zu spielen wagen! Sie wünschen mir wohl zu leben? Glauben Sie, ich werde Sie aus diesem Haus gehen lassen, ohne erst von Ihnen oder dieser Person, welche eben in diesem Augenblick auf so ungebührende Weise Ihnen etwas zuflüstert, eine Erklärung des Entwendens, Entfremdens und Hinwegreißens der Schlüssel zu den nördlichen Zimmern zu hören?“

„Ah, das wünschen Sie also zu hören?“ sagte Onkel Joseph, durch die steigende Aufregung und Angst seiner Nichte angestachelt, sich kopfüber in irgendeine Entschuldigung zu stürzen. „Nun sehen Sie, ich will Ihnen die Sache erklären. Was, mein guter, werter Herr, war es, was wir sagten, als wir eingelassen wurden? Wir sagten: - Wir sind gekommen, um uns das Innere des Hauses zu besehen. Nun hat dieses Haus eine nördliche Seite und eine westliche Seite. Gut! Das sind zwei Seiten, und ich und meine Nichte wir sind zwei Personen und wir teilten uns, um die beiden Seiten zu sehen. Ich bin die Hälfte, welche mit Ihnen und der lieben, guten Dame dorthinten westlich geht. Meine Nichte hier ist die andere Hälfte, welche ganz allein nördlich geht und die Schlüssel fallen läßt und in Ohnmacht fällt, weil es in jenem alten Teile des Hauses müffig und modrig ist, und weil es dort nach Gräbern und Spinnen riecht. Dies ist die ganze Erklärung, Sir, die wohl auch hinreichen wird. Ich wünsche Ihnen also nochmals wohl zu leben, Sir.“

„Ich will verdammt sein, wenn mir jemals so etwas vorgekommen ist!“ schrie Mr. Munder, in der Erbitterung des Augenblicks seine Würde, seine Respektabilität und seine langen Worte gänzlich vergessend. „Sie wollen wohl, daß alles nach Ihrem Kopfe geht, Herr Ausländer? Sie wollen fortgehen wie und wann es Ihnen beliebt, Herr Ausländer? Wir wollen aber doch sehen, was der Friedensrichter deises Ortes dazu sagt!“ rief Mr. Munder, wieder in sein feierliches Wesen und seine hochtrabende Redeweise verfallend. „Das Eigentum in diesem Hause ist meiner Obhut anvertraut und wenn ich in Bezug auf die Entfremdung dieser hier vor Ihren Augen an der Wand hängenden Schlüssel nicht eine genügende Erklärung höre, so werde ich es als meine Pflicht betrachten, Sie und Ihre Begleiterin hier festzuhalten, bis ich mich gesetzlichen Rats, gerichtlichen Rats und obrigkeitlichen Rats erholen kann. Hören Sie das, Sir?“

Onkel Josephs rote Wangen nahmen eine noch dunklere Farbe und seine Züge einen Ausdruck an, welcher die Haushälterin ein wenig beunruhigte und auf von Mr. Munders Zornesglut eine unwiderstehlich kühlende Wirkung äußerte.

„Sie wollen uns nicht fortlassen, Sir?“ sagte der alte Mann sehr rasch sprechend und indem er den Kastellan unverwandt ansah. „Wohlan, schauen Sie her. Ich nehme die Dame – Mut, mein Kind, Mut! Du brauchst nicht zu zittern – ich nehme diese Dame mit mir; ich öffne diese Tür – so! ich stehe und warte davor und ich sage Ihnen: Wehren Sie uns, diese Tür zu passieren, wenn Sie es wagen!“

Bei dieser Herausforderung tat Mr. Munder einige Schritte vorwärts und blieb dann stehen. Wäre der feste Blick, den Onkel Joseph auf ihn heftete, nur eine Sekunde lang schwankend geworden, so hätte der Kastellan die Tür geschlossen.

„Ich sage nochmals“, wiederholte der alte Mann, „wehren Sie uns den Austritt, wenn Sie es wagen. Die Gesetze und Gebräuche Ihres Landes, Sir, haben auch mich zum Engländer gemacht. Wenn Sie einem Beamten in das eine Ohr sprechen können, so kann ich ihm in das andere sprechen. Wenn er Ihnen, einem Bürger diese Landes, Gehör schenken muß, so muß er mir, der ich ebenfalls ein Bürger diese Landes bin, ebenfalls Gehör schenken. Sprechen Sie sich gefälligst aus, Sir. Klagen Sie an, oder drohen Sie, oder schließen Sie die Tür?“

Ehe noch Mr. Munder auf eine dieser direkten drei Fragen antworten konnte, bat ihn die Haushälterin, auf seinen Stuhl zurückzukehren und mit ihr zu sprechen. Während er seinen Platz wieder einnahm, flüsterte sie ihm im warnenden Tone zu:

„Denken Sie doch an Mistreß Franklands Brief!“

In demselben Augenblick näherte Onkel Joseph in der Meinung, daß er nun lange genug gewartet, sich der Tür um einen Schritt. Er ward gehindert, sich ihr noch weiter zu nähern, indem seine Nichte ihn plötzlich beim Arme faßte und ihm ins Ohr sagte:

„Schau, jetzt flüstern sie wieder über uns.“

„Nun“, sagte Mr. Munder, der Haushälterin antwortend, „ich denke an Mistreß Franklands Brief, Madame – was ist damit?“

„Still! Nicht so laut!“ flüsterte Mistreß Pentreath. „Ich will durchaus nicht eine andere Meinung aussprechen als Sie, Mr. Munder, aber ich möchte einige Fragen an Sie richten. Glauben Sie, daß wir irgend eine Beschuldigung, welcher ein Beamter Gehör schenken würde, gegen diese Leute vorzubringen haben?“

Mr. Munder machte ein verblüfftes Gesicht und schien wenigstens für den Augenblick um eine Antwort verlegen zu sein.

„Macht Sie das, was Ihnen noch aus Mistreß Franklands Brief erinnerlich ist“, fuhr die Haushälterin fort, „geneigt, zu glauben, daß sie durch öffentliche Bloßstellung dessen, was in dem Hause geschehen ist, sich angenehm berührt fühlen würde? Sie sagte uns, wir sollen im Stillen das Tun und Treiben dieser Frau beobachten und ihr, wenn sie fortgeht, unbemerkt folgen. Ich will mir nicht erlauben, Ihnen einen Rat zu geben, Mr. Munder, was aber mich selbst betrifft, so lehne ich alle Verantwortlichkeit ab, wenn wir irgend etwas anderes tun als Mistreß Franklands Instruktion – wie sie selbst sagt – buchstäblich befolgen.“

Mr. Munder zögerte.

Onkel Joseph, der eine Minute still gestanden, als Sara seine Aufmerksamkeit auf das Geflüster am obern Ende des Zimmers lenkte, zog sie jetzt langsam mit sich fort nach der Tür.

„Betsey, mein gutes Mädchen“, sagte er, sich mit vollkommener Kaltblütigkeit und Gelassenheit an die Magd wendend, „wir sind hier fremd; wollt Ihr so freundlich sein, uns den Weg hinaus zu zeigen?“

Betsey sah die Haushälterin an, welche ihr durch einen Wink zu verstehen gab, daß sie den Kastellan um Verhaltungsbefehle bitten solle. Mr. Munder fühlte sich sehr versucht, um seines eigenen Ansehens willen auf sofortiger Ausführung der angedrohten Gewaltmaßregeln zu bestehen, Mistreß Pentreaths Einwendungen aber bewogen ihn, wider Willen damit Anstand zu nehmen – nicht etwa wegen ihrer Gültigkeit als Einwendungen an und für sich, sondern bloß wegen ihres engen Zusammenhangs mit seinem eigenen persönlichen Interesse, seine Stellung nicht durch einen Mißgriff zu gefährden, den seine Vorgesetzten ihm vielleicht niemals verziehen.

„Betsey, liebes Kind“, wiederholte Onkel Joseph, „hat dieses viele Geschwätz Eure Ohren der Fähigkeit zu hören beraubt? Hat es Euch taub gemacht?“

„Warten Sie!“ rief Mr. Munder ungeduldig. „Ich bestehe darauf, daß Sie wrten, Sir!“

„Sie bestehen darauf. Wohlan, wenn Sie ein unhöflicher Mensch sind, so ist dies für mich kein Grund, ebenfalls ein unhöflicher Mensch zu sein. Wir wollen noch ein wenig warten, Sir, wenn Sie noch etwas zu sagen haben.“

Nachdem Onkel Joseph der Höflichkeit zu Liebe dieses Zugeständnis gemacht, ging er mit seiner Nichte in dem Gange draußen vor der Tür langsam auf und ab.

„Sara, mein Kind, ich habe den Mann, der so das große Wort führt, eingeschüchtert“, flüsterte er. „Bemühe dich, nicht so sehr zu zittern – wir werden bald wieder draußen in der frischen Luft sein.“

Mittlerweile setzte Mr. Munder seine leise Unterhaltung mit der Haushälterin fort und machte, trotz seiner Verlegenheit, eine verzweifelte Anstrengung, seine gewohnte gönnerhafte Miene zu behaupten.

„Es liegt“, begann er sanft, „allerdings sehr viel Wahres in dem, was Sie sagen, Madame. Sie sprechen aber von der Frau, während ich von dem Manne spreche. Meinen Sie, ich solle ihn nach dem, was geschehen ist, gehen lassen, ohne wenigstens darauf zu bestehen, daß er mir seinen Namen und seine Adresse angebe?“

„Haben Sie zu dem Ausländer so viel Vertrauen, daß Sie glauben, er würde Ihnen seinen rechten Namen und seine rechte Adresse nennen, wenn Sie ihn danach fragen?“ entgegnete Mistreß Pentreath. „Ohne Ihrem bessern Urteil vorgreifen zu wollen, muß ich doch gestehen, daß ich es nicht glaube. Gesetzt aber, Sie wollten ihn zurückhalten und bei der Behörde anklagen – wie Sie dies tun wollen, da die Wohnung des Friedensrichters ungefähr zwei Stunden weit von hier entfernt ist, weiß ich freilich nicht – so müssen Sie es auf die Gefahr ankommen lassen, Mistreß Frankland auch durch Gefangenhaltung und Anklage der Frau zu beleidigen, denn, Mr. Munder, obschon ich glaube, daß der Ausländer zu allem fähig ist, so war es doch die Frau, welche die Schlüssel wegnahm – nicht wahr?“

„Ganz recht, ganz recht“, sagte Mr. Munder, dessen schläfrige Augen sich jetzt erst dieser schlichten und klaren Ansicht des Falles öffneten. „Seltsamerweise stand ich, gerade als Sie anfingen zu sprechen, im Begriff, mir diese Frage selbst vorzulegen. Ja, ja – so ist es, so ist es.“

„Ich kann nicht umhin zu glauben“, fuhr die Haushälterin mit geheimnisvollem Flüstern fort, „daß das Allerbeste, was wir in Übereinstimmung mit unsern Instruktionen tun können, darin besteht, daß wir beide gehen lassen und tun, als ob wir es verschmähten uns noch weiter mit ihnen herumzustreiten, und daß wir ihnen dann bis an den nächsten Platz, wo sie einkehren, jemanden nachschicken. Jakob, der kleine Sohn des Gärtners, jätet heute nachmittag den breiten Gang im westlichen Garten. Diesen Knaben haben diese Leute hier im Hause nicht gesehen und brauchen ihn nicht zu sehen, wenn wir sie zu der südlichen Tür hinauslassen. Jakob ist ein ganz gewitzter Junge, wie Sie wissen, und wenn er gehörig instruiert würde, so sehe ich wirklich nicht ein, warum –“

„Es ist ein höchst eigentümlicher Umstand, Mistreß Pentreath“, unterbrach sie Mr. Munder mit dem Ernste vollendeter Dreistigkeit, „aber in dem ersten Augenblick, wo ich mich an diesen Tisch niedersetzte, fiel mir dieser Gedanke wegen Jakob auch ein. Durch die Anstrengungen des Sprechens und die Hitze des Streites bin ich wieder auf höchst unerklärliche Weise davon abgekommen –“

Hier steckte Onkel Joseph, dessen Vorrat an Geduld und Höflichkeit allmälig zur Neige ging, seinen Kopf wieder in das Zimmer.

„Ich wünsche bloß noch ein letztes Wort an Sie zu richten, Sir“, sagte Mr. Munder, ehe der alte Mann sprechen konnte. „Glauben Sie nicht, daß ihr Poltern irgendwelche Wirkung auf mich geäußert hat. So etwas mag wohl bei Ausländern angewendet sein, gegen Engländer aber richten Sie nichts damit aus, das versichere ich Ihnen!“

Onkel Joseph zuckte die Achseln, lächelte und begab sich wieder hinaus zu seiner Nichte. Während die Haushälterin und der Kastellan sich miteinander beraten hatten, war Sara eifrig bemüht gewesen, ihren Onkel zu bereden, ihre Kenntnis des Ganges, welcher nach der südlichen Tür führte, zu benutzen und unbemerkt zu entschlüpfen. Der alte Mann weigerte sich aber hartnäckig diesem Rate zu folgen.

„Ich will nicht als Schuldiger aus einem Hause gehen, wo ich nichts verbrochen habe“, sagte er. „Nichts soll mich bewegen, dir oder mir etwas von unserm Rechte zu vergeben. Ich besitze nicht viel Scharfsinn, wohl aber lasse ich mich stets von meinem Gewissen leiten und solange ich dies tue, gehe ich auch den rechten Weg. Man hat uns freiwillig hier hereingelassen, Sara, und freiwillig muß man uns auch wieder hinauslassen.“

„Mr. Munder, Mr. Munder”, flüsterte die Haushälterin, indem sie sich einmischte, um einer abermaligen Explosion zuvorzukommen, mit welcher die Entrüstung des Kastellans wegen der Verachtung drohete, die in Onkel Josephs Achselzucken auf ihn lag. „Soll ich, während Sie mit diesem kecken Manne sprechen, in den Garten hinauseilen und Jakob instruieren?“

Mr. Munder dachte eine Weile nach, ehe er antwortete. – Er bemühte sich sehr, einen würdevolleren Ausweg aus dem Dilemma, in welches er sich gebracht, zu entdecken, als der von der Haushälterin vorgeschlagene war. Es gelang ihm jedoch durchaus nicht, etwas der Art zu ermitteln – deshalb schluckte er seine Entrüstung auf einen einzigen heldenmütigen Ruck hinunter und antwortete nachdrücklich und pathetisch:

„Ja, gehen Sie, Madame.“

„Was soll das heißen? Warum geht sie dort hinaus?“ sagte Sara rasch und mißtrauisch flüsternd zu ihrem Onkel, als die Haushälterin auf ihrem Wege nach dem westlichen Garten rasch an ihnen vorbeeilte. Ehe noch Zeit war, diese Frage zu beantworten, folgte eine zweite von Mr. Munder gestellte.

„Nun, Sir“, sagte der Kastellan, indem er sich, mit den Händen unter den Rockschößen und den Kopf stolz emporrichtend, unter die Tür stellte. „Nun, Sir, nun, Madame, hören Sie mein letztes Wort. Soll ich eine angemessene Erklärung über das Entfremden und Wegnehmen dieser Schlüssel erhalten oder nicht?“

„Jawohl, Sir, sollen Sie diese Erklärung haben“, entgegnete Onkel Joseph. „Es ist, wenn es Ihnen recht ist, dieselbe Erklärung, die ich die Ehre hatte, Ihnen vor einer kleinen Weile zu geben. Wünschen Sie dieselbe noch einmal zu hören? Es ist die ganze Erklärung, die wir bei uns haben.“

„So? Wirklich?“ entgegnete Mr. Munder. „Dann habe ich zu Ihnen beiden weiter nichts zu sagen, als: Verlassen Sie augenblicklich dieses Haus! – augenblicklich!“ setzte er in dem gröbsten, beleidigendsten Tone hinzu, indem er zur Insolenz Zuflucht nahm, denn das unklare Bewußtsein der Ungereimtheit seiner eigenen Stellung drängte sich ihm auf, während er noch sprach. „Ja, Sir“, fuhr er fort, indem er über die Gelassenheit, womit Onkel Joseph ihm zuhörte, immer entrüsteter ward; „Sie können Ihre Kratzfüße machen und Ihr elendes Englisch radebrechen wo Sie wollen, nur hier nicht. Ich habe mir überlegt und bin mit mir zu Rate gegangen und ich habe mich gefragt – ruhig – wie Engländer stets tun – ob es etwas nützen könnte, wenn ich weiteres Aufhebens mit Ihnen machte, und ich bin zu einem Schluß gekommen und dieser Schluß lautet: Nein, es könnte nichts nützen. Glauben Sie deshalb ja nicht, daß Ihr Poltern und Ihre Unverschämtheiten die mindeste Wirkung auf mich geäußert haben. – Zeige diesen Leuten den Weg hinaus, Betsey! – Sie sind nicht wert, Sir, daß ich weiter Notiz von Ihnen nehme. – Zeige ihnen den Weg hinaus, Betsey! – Ich entlasse Sie und betrachte, sehe und beschaue Sie mit Verachtung!“

„Und ich, Sir“, antwortete der Gegenstand der vernichtenden Erklärung mit der herausforderndsten Höflichkeit, „ich werde für Ihre Verachtung etwas sagen, was ich für Ihre Achtung ganz gewiß nicht sagen würde, nämlich – meinen Dank. Ich, der kleine Ausländer, nehme die Verachtung des aufgeblasenen Engländers als das größte Kompliment hin, welches von einem Manne Ihrer Art einem Manne meiner Art gemacht werden kann.“

Mit diesen Worten machte Onkel Joseph eine letzte phantastische Verbeugung, nahm seine Nichte beim Arm und folgte Betsey die Gänge entlang, welche nach der südlichen Tür führten, und Mr. Munder konnte nun eine angemessene Entgegnung mit Muße ersinnen.

Zehn Minuten später kehrte die Haushälterin atemlos in ihr Zimmer zurück und fand den Kastellan in einem Zustand gewaltiger Entrüstung darin auf- und abgehen.

„Beruhigen Sie sich, Mr. Munder“, sagte sie. „Sie sind nun endlich beide aus dem Hause, Jakob folgt ihnen über das Moorland und läßt sie nicht aus den Augen.“



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel

Mozart spielt den Abschiedsgruß

Mit Ausnahme des Abschieds, den Onkel Joseph von Betsey, der Hausmagd, mit großer Herzlichkeit nahm, sprach Onkel Joseph nach seiner letzten Antwort an Mr. Munder kein Wort weiter, als bis er mit seiner Nichte sich wieder allein an der östlichen Mauer von Porthgenna Tower befand.

Hier blieb er stehen, blickte an dem alten Gebäude empor, dann auf seine Begleiterin, dann wieder auf das Haus und öffnete endlich den Mund, um zu sprechen.

„Es tut mir leid, mein Kind“, sagte er. „Es tut mir von Herzen leid. Dies war, wie man zu sagen pflegt, ein sehr schlechtes Geschäft.“

In der Meinung, er spräche von dem Auftritt, der soeben in dem Zimmer der Haushälterin stattgefunden, bat Sara ihn um Verzeihung, daß sie unschuldigerweise die Veranlassung gewesen, ihn mit einem solchen Manne wie Mr. Munder in feindselige Kollision zu bringen.

„Nein, nein, nein“, rief er, „ich dachte nicht an den Mann mit dem großen Körper und dem großen Maule. Er reizte mich zum Zorne, das will ich nicht leugnen, aber dies ist nun vorbei. Ich hielt mir ihn mit sammt seinem großen Maule vom Leibe, gerade so wie ich hier diesen Stein mit dem Fuße aus dem Wege stoße. Ich spreche jetzt nicht von diesen Munders, oder diesen Betseys, sondern von etwas, was dir näher am Herzen liegt und mir auch, weil ich dein Interesse auch als das meinige betrachte. Ich will dir, während wir weitergehen, sagen, was es ist, denn ich sehe dir am Gesicht an, Sara, daß du unruhig und ängstlich bist so lange wir in der Nähe dieses Kerkers verweilen. Komm, ich bin bereit, den Marsch wieder anzutreten. Hier ist der Fußsteig. Laß uns auf demselben zurückkehren und unser kleines Gepäck in dem Gasthause, wo wir es gelassen, jenseits dieser kahlen, windigen Einöde, wieder abholen.“

„Ja, ja, Onkel, wir wollen schnell gehen. Fürchte nicht, mich zu ermüden. Ich fühle mich jetzt wieder ganz wohl und kräftig.“

Sie schlugen wieder denselben Pfad ein, auf welchem sie während des Nachmittags nach Porthgenna Tower gelangt waren.

Als sie etwa zweihundert Schritt zurückgelegt hatten, stahl Jakob, der Knabe des Gärtners, sich mit seiner Hacke in der Hand hinter der verfallenen Einhegung auf der nördlichen Seite des Hauses hervor.

Die Sonne war soeben untergegangen, aber es lag noch ein schönes Licht über der weiten, offenen Fläche des Moorlandes und Jakob blieb stehen, um den alten Mann und seine Nichte noch ein wenig weiter von dem Schlosse hinwegkommen zu lassen, ehe er ihnen folgte. Die Haushälterin hatte ihn instruiert, die beiden Fremden bloß im Auge zu behalten, aber weiter nichts zu tun, und wenn er bemerkte, daß sie stehen blieben und hinter sich schauten, sollte er ebenfalls stehen bleiben und tun, als ob er mit seiner Hacke auf dem Moorland zu tun hätte.

Durch das Versprechen eines Sixpence, wenn er seinen Auftrag sorgfältig ausführte, angefeuert, bewahrte Jakob die ihm erteilten Instruktionen treulich im Gedächtnis, behielt die beiden Fremden scharf im Auge und hatte somit die gegründetste Hoffnung, den in Aussicht gestellten Sixpence auch wirklich zu bekommen.

„Und nun, mein Kind, will ich dir sagen, was mir leid tut“, hob Onkel Joseph, während sie ihren Weg weiter fortsetzten, wieder an. „Es tut mir leid, daß wir diese Reise gemacht, unsere kleine Gefahr bestanden, die an uns gerichteten Scheltworte hingenommen, aber dadurch nichts gewonnen haben. Das Wort, welches du mir ins Ohr sagtest, Sara, als es mir geland, dich aus deiner Ohnmacht zu erwecken – ich würde dich viel eher daraus erweckt haben, wenn das alberne Volk in diesem alten Gefängnis schneller mit dem Wasser bei der Hand gewesen wäre – das Wort, welches du mir ins Ohr sagtest, war nicht viel, aber es war genug, um mir zu sagen, daß wir diese Reise vergebens gemacht haben. Ich kann schweigen, ich kann gute Miene dazu machen, ich kann mich begnügen, mit verbundenen Augen in einem Geheimnis herumzutappen, welches meinen Augen auch den kleinsten Lichtschimmer bietet – aber deswegen ist es nicht weniger wahr, daß das eine Ding, was dir am meisten am Herzen lag zu tun, als wir diese Reise antraten, auch das eine Ding ist, welches du nicht getan hast. Das weiß ich, wenn ich auch nichts anderes weiß, und ich sage nochmals: es ist ein schlechtes Geschäft – ja, ja, bei meinem Leben, es läßt sich nicht verhehlen, es ist, wie man zu sagen pflegt, ein schlechtes Geschäft.“

Während er seiner Sympathie in diesen seltsamen Ausdrücken Worte lieh, ging die wachsame Angst, die Furcht und das Mißtrauen, welche die natürliche Sanftheit, die in Saras Augen lag, beeinträchtigte, in den Ausdruck wehmütiger Zärtlichkeit über, der ihnen ihre ganze Schönheit zurückzugeben schien.

„Mach dir keinen Kummer um meinetwillen, Onkel“, sagte sie, indem sie stehen blieb und mit ihrer Hand sanft einige Staubflecken von dem Kragen seines Rockes entfernte. „Ich habe so viel und so lange gelitten, daß die schwersten Täuschungen mich nicht viel tiefer beugen können.“

„Das mag ich nicht hören“, rief Onkel Joseph. „Es geht mir durch und durch, wenn ich dich auf diese Weise zu mir sprechen höre. Du sollst keine Täuschen mehr erfahren! Ich, Joseph Buschmann der Hartnäckige, der Dickköpfige, ich sage es.“

„Der Tag, wo ich keine Täuschungen mehr erfahren werde, Onkel, ist nicht mehr fern“, entgegnete Sara. „Laß mich nur noch ein wenig warten und ein wenig dulden – ich habe geduldig der Hoffnung entsagen gelernt. Von meiner Jugend an ist mein Leben aus bangen Befürchtungen und fehlgeschlagenen Erwartungen zusammengesetzt gewesen und nun bin ich an dieses Leben gewöhnt. Wenn du – wie du auch vollkommen Grund dazu hast – erstaunt bist, daß ich den Brief nicht in meinem Besitz habe, während ich doch die Schlüssel des Myrtenzimmers in der Hand hatte und niemand in meiner Nähe war, um mir es zu wehren, so gedenke der Geschichte meines Lebens un nimm diese als Erklärung hin. Befürchtungen und fehlgeschlagene Erwartungen – wenn ich dir die ganze Wahrheit erzählte, so könnte ich dir doch nicht mehr sagen als dies. Laß uns weiter gehen, Onkel.“

Die Resignation, welche in ihrer Stimme und Gebärde lag, während sie sprach, war die Resignation der Verzweiflung. Sie erhielt dadurch eine unatürliche Herrschaft über sich selbst, die sie in Onkel Josephs Augen fast zu einem ganz andern Wesen machte. Er betrachtete sie mit unverhohlener Unruhe.

„Nein“, sagte er, „wir wollen nicht weiter gehen; wir wollen nach dem alten Gefängnis zurückkehren; wir wollen einen andern Plan entwerfen; wir wollen versuchen, zu diesem verteufelten Brief auf eine andere Weise zu gelangen. Ich frage nicht nach diesen Munders, diesen Haushälterinnen, diesen Betseys – ich frage nach weiter nichts als daß du das bekommst, was du haben willst und daß ich dich so ruhig in deinem Gemüt wie ich selbst bin, wieder nach Hause bringe. Komm, laß uns umkehren.“

„Dazu ist es zu spät.“

„Wie, zu spät? Ha, du altes, dumpfiges, Gefängnis des Teufels, wie hasse ich dich!“ rief Onkel Joseph, indem er sich umschaute und drohend beide Fäuste gegen Porthgenna Tower erhob.

„Es ist zu spät, Onkel“, wiederholte Sara, „zu spät, weil die Gelegenheit vorbei ist, und spät, weil ich, wenn ich dieselbe auch zurückbringen könnte, doch nicht wagen würde, mich nochmals dem Myrtenzimmer zu nähern. Meine letzte Hoffnung war, das Versteck des Briefes zu wechseln, und diese letzte Hoffnung habe ich aufgegeben. Ich habe nun bloß noch einen Lebenszweck und bei Erreichung desselben kannst du mir behilflich sein. Ich kann ihn dir aber nicht mitteilen, wenn du nicht sogleich mir mir weiter kommst – wenn du nicht deine Absicht aufgibst, wieder nach Porthgenna Tower zurückzukehren.“

Onkel Joseph begann Gegenvorstellungen zu machen. Seine Nichte unterbrach ihn mitten in einem Redesatze, indem sie ihn an der Schulter berührte und auf einen besondern Punkt zeigte, der auf der immer dunkler werdenden Fläche des Moorlandes undeutlich sichtbar war.

„Schau“, sagte sie. „Dort kommt jemand hinter uns her; ist es ein Knabe oder ein Mann?“

Onkel Joseph schaute durch das sich immer mehr herabsenkende Dunkel und sah in einer kleinen Entfernung wirklich eine Gestalt. Es schien die eines Knaben zu sein, der mit einer Hacke auf dem Moorland beschäftigt war.

„Komm, wir wollen sofort weiter gehen!“ bat Sara, ehe der alte Mann ihr antworten konnte. „Ich kann das, was ich dir sagen möchte, Onkel, nicht eher sagen, als bis wir sicher und wohlbehalten im Gasthause sitzen.“

Sie gingen weiter, bis sie die höchste Stelle des Moorlandes erreichten. Hier blieben sie stehen und schauten wieder hinter sich.

Der noch übrige Weg führte abwärts und der Platz, auf dem sie standen, war der letzte Punkt, von welchem sie noch einen Blick auf Porthgenna Tower werfen konnten.

„Wir haben den Knaben aus den Augen verloren“, sagte Onkel Joseph, indem er seine Blicke über die unter ihnen liegende Fläche schweifen ließ. Saras jüngere und schärfere Augen bezeugten die Wahrheit der Worte ihres Onkels – die Aussicht und das Moorland war jetzt, so weit man sehen konnte, nach jeder Richtung hin einsam.

Ehe Sara wieder weiterging, trat sie ein wenig von dem alten Mann hinweg und betrachtete den Turm des alten Schlosses, welcher drohend und schwarz in dem Dämmerlichte emporstieg, während der dunkle Hintergrund des Meeres sich gleich einer Mauer hinstreckte.

„Niemals wieder!“ flüsterte sie bei sich selbst. „Niemals, niemals, niemals wieder!“

Ihre Augen schweiften hinweg nach der Kirche und nach der Umhegung des Begräbnisplatzes daneben, der jetzt in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht kaum noch zu erkennen war.

„Warte noch ein wenig“, sagte sie, indem sie mit angestrengtem Blicke nach dem Begräbnisplatze hinschaute und ihre Hand auf die Stelle ihrer Brust drückte, wo sie das Gesangbuch trug. „Meine Wanderungen sind nun bald zu Ende – der Tag meiner Heimkunft ist nicht mehr fern.“

Tränen traten ihr in die Augen und umflorten die Aussicht. Sie holte ihren Onkel ein, faßte ihn am Arme und zog ihn einige Schritte den nun abwärts führenden Pfad entlang mit sich fort. Dann blieb sie, wie von einem plötzlichen Argwohn betroffen, stehen und ging einige Schritte zurück bis auf den höchsten Punkt des Moorlandes.

„Ich glaube“, sagte sie, den verwunderten und fragenden Blick ihres Begleiters beantwortend, „ich glaube, wir haben den Knaben, der dort auf dem Moorlande hackte, noch nicht zum letzten Mal gesehen.“

Während sie ihre Worte noch sprach, stahl sich eine Gestalt hinter einem der großen Granitblöcke hervor, welche nach allen Seiten hin auf der Einöde umhergestreut lagen. Es war wieder die Gestalt des Knaben und wieder begann er ohne den mindesten ersichtlichen Grund auf dem unfruchtbaren Boden zu seinen Füßen herumzuhacken.

„Ja, ja, ich sehe“, sagte Onkel Joseph, als seine Nichte ihre Aufmerksamkeit eifrig auf die verdächtige Gestalt lenkte. „Es ist derselbe Knabe und er hackt wieder; aber was geht das uns an?“

Sara versuchte nicht zu antworten.

„Laß uns weitergehen“, sagte sie hastig. „Laß uns machen, daß wir so schnell als möglich das Gasthaus erreichen.“

Sie drehten sich wieder herum und schlugen den vor ihnen liegenden abwärts führenden Pfad ein. Binnen weniger als einer Minute hatten sie Porthgenna Tower, die alte Kirche und die ganze westliche Gegend aus dem Gesicht verloren. Dennoch, und obschon weiter nichts als das kahle, immer finsterer werdende Moorland zu sehen war, blieb Sara immer noch so lange es nur noch ein wenig hell war, stehen, um einen Blick hinter sich zu werfen. Sie machte keine Bemerkung, sie entschuldigte sich nicht, daß sie die Wanderung nach dem Gasthause auf diese Weise verzögerte. Erst als sie die Lichter der Poststadt zu Gesicht bekam, hörte sie auf zurückzublicken, und sprach mit ihrem Begleiter.

Die wenigen Worte, die sie an ihn richtete, bestanden bloß in der Bitte, daß er, sobald sie ihr Nachtquartier erreichten, ein besonderes Zimmer verlangen möchte.

Demgemäß wurde ihnen, als sie in das Gasthaus kamen, das beste Zimmer angewiesen, wo sie warten wollten, bis ihnen das Abendessen gebracht würde, um sich später in ihre Schlafzimmer zu begeben. In dem Augenblick, wo sie miteinander allein waren, zog Sara ihren Stuhl dicht an den des alten Mannes und flüsterte ihm die Worte ins Ohr:

„Onkel, man ist uns von Porthgenna Tower bis hierher auf jedem Tritt nachgeschlichen.“

„So? Woher weißt du das?“ fragte Onkel Joseph.

„Still! Es kann ja jemand an der Tür horchen, es kann jemand unter dem Fenster lauern! Bemerktest du den Knaben, der auf dem Moorland hackte?“

„Aber Sara, fürchtest du dich vor einem Knaben, und willst du, daß auch ich mich davor fürchte?“

„O, nicht so laut, nicht so laut! Man hat uns eine Schlinge gelegt. Onkel, ich argwohnte es gleich, als wir das Schloß Porthgenna betraten; nun bin ich davon überzeugt. Was hatte das Geflüster zwischen der Haushälterin und dem Kastellan zu bedeuten, als wir in der Halle standen? Ich beobachtete ihre Gesichter und ich weiß, daß sie von uns sprachen. Sie waren lange nicht überrascht genug, uns zu sehen – sie waren nicht überrascht genug zu hören, was wir wollten. Lache mich nicht aus, Onkel! Es ist wirklich Gefahr vorhanden – ich bilde es mir nicht bloß ein. Die Schlüssel – rücke näher heran – die Schlüssel der Nordzimmer sind jetzt alle mit angehängten Nummern versehen und dieselben Nummern stehen an den Türen geschrieben. Das bedenke! Bedenke das Geflüster als wir eintraten und das Geflüster später in dem Zimmer der Haushälterin, als du aufstandest, um fortzugehen. Du bemerktest die plötzliche Veränderung in dem Benehmen jenes Mannes, nachdem die Haushälterin mit ihm gesprochen – du mußt es bemerkt haben. Sie ließen uns viel zu leicht hinein und viel zu leicht wieder heraus. Nein, nein! Ich täusche mich nicht. Es war irgendein geheimer Beweggrund vorhanden, uns in das Haus zu lassen, und ein eben solcher, aus welchem man uns wieder herausließ. Dieser Knabe auf dem Moorland verrät es, wenn es auch durch sonst nichts weiter verraten würde. Ich sah ihn ganz deutlich uns auf dem ganzen Wege hierher folgen, so deutlich, wie ich dich sehe. Ich ängstige mich diesmal nicht ohne Grund. So gewiß als wir beide uns jetzt in diesem Zimmer befinden, so gewiß haben die Leute in Porthgenna Tower uns eine Schlinge gelegt.“

„Eine Schlinge? Was für eine Schlinge? Und wie? Und warum? Und weshalb?“ fragte Onkel Joseph, indem er seine Verblüfftheit dadurch veranschaulichte, daß er seine beiden Hände rasch vor den Augen hin und her bewegte.

„Man will, daß ich spreche, man will mir nachschleichen, man will uns auskundschaften, wohin ich gehe, man will Fragen an mich richten“, antwortete sie, heftig zitternd. „Onkel, du entsinnst dich, was ich dir von jenen wahnsinnigen Worten erzählte, die ich zu Mistreß Frankland gesagt – lieber hätte ich mir die Zunge ausreißen als diese Worte sprechen sollen. Sie haben mir furchtbares Unheil zugefügt – ich weiß es gewiß – furchtbares Unheil schon jetzt. Ich habe mich verdächtig gemacht. Wenn Mistreß Frankland mich wieder ausfindig macht, so werde ich ausgefragt werden. Sie wird sich bemühen, mich ausfindig zu machen – man wird sich hier nach uns erkundigen – wir müssen alle Spuren verwischen, welche verraten könnten, wohin wir von hier gegangen sind – wir müssen dafür sorgen, daß die Leute in diesem Gasthause keine Frage in dieser Beziehung beantworten können – o, Onkel Joseph, was wir auch tun mögen, so laß uns wenigstens hierauf bedacht sein!“

„Gut“, sagte der alte Mann, indem er mit vollkommen selbstzufriedener Miene und freundlich mit dem Kopfe nickte. „Sei ganz unbesorgt, mein Kind, ich werde schon dafür sorgen. Wenn du zu Bett bist, so werde ich den Wirt rufen lassen und zu ihm sagen: ‚Besorgt uns einen kleinen Wagen, um morgen wieder nach der Station zurückzufahren, von welcher aus wir den Personenwagen nach Truro benutzen können.’“

„Nein, nein, nein! Hier dürfen wir keinen Wagen mieten.“

„Und ich sage: Ja, ja, ja! Wir wollen hier einen Wagen mieten, weil ich mich vor allen Dingen des Wirts versichern will. Höre mich an. Ich werde zu ihm sagen: ‚Wenn etwa, nachdem wir fort sind, Leute mit neugierigen Blicken und zudringlichen Fragen kommen, so haltet gefälligst reinen Mund.’ Dann werde ich mit dem Auge blinzeln, den Finger an die Nase legen – so – auf bedeutsame Weise lächeln und – knick! Knack! – habe ich mich des Wirtes versichert und die Sache hat ein Ende.“

„Wir dürfen dem Wirt nicht trauen, Onkel, wir dürfen niemandem trauen. Wenn wir morgen diesen Ort verlassen, so muß es zu Fuße geschehen und wir müssen Sorge tragen, daß keine lebende Seele uns folge. Sieh, hier hängt eine Karte von West Cornwall, auf welcher alle Haupt- und Nebenstraßen angegeben sind, an der Wand. Auf ihr können wir im voraus finden, welche Richtung wir einzuschlagen haben. Eine Nacht Ruhe wird mir so viel Kraft geben, als ich bedarf und wir haben kein Gepäck, welches wir nicht tragen könnten. Du hast nichts weiter mit als deinen Ranzen und ich weiter nichts als die kleine Reisetasche, welche du mir geliehen. Wir können, wenn wir zuweilen unterwegs ausruhen, recht gut sechs, sieben, ja zehn Meilen zu Fuße zurücklegen. Komm her und sieh die Karte an – ich bitte dich, komm her und sieh die Karte an.“

Obschon Onkel Joseph gegen das Aufgeben seines Planes, von dem er die Überzeugung hatte, derselbe sei vollkommen geeignet, alle Schwierigkeiten ihrer Lage zu begegnen, protestierte, so zog er doch auf Bitten seiner Nichte die Wandkarte zu Rate. Ein wenig jenseits der Poststadt war eine Kreuzstraße angegeben, welche nördlich mit der nach Truro führenden Hauptstraße einen rechten Winkel bildete und in eine andere Straße einmündete, welche breit genug aussah, um eine Fahrstraße zu sein und durch eine Stadt führte, die nicht ganz unbedeutend sein konnte, denn ihr Name war mit großen Buchstaben gedruckt.

Als Sara dies entdeckte, schlug sie vor, diese Kreuzstraße, die auf der Karte nicht mehr als fünf bis sechs Meilen lang zu sein schien, zu Fuße einzuschlagen und nicht eher ein Fuhrwerk zu nehmen, als bis sie die mit großen Buchstaben angegebene Stadt erreicht hätten. Wenn sie dies Verfahren einhielten, so verwischten sich, nachdem sie die Poststadt verlassen, alle Spuren der Weiterreise, wenn ihnen nämlich nicht von diesem Orte aus zu Fuße nachgeschlichen ward, wie ihnen über das Moorland nachgeschlichen worden.

Im Fall eine neue Schwierigkeit dieser Art eintrat, wußte Sara kein besseres Mittel vorzuschlagen, als bis nach Einbruch der Nacht auf der Straße zu verweilen und es der Finsternis zu überlassen, die Wachsamkeit der Personen zu täuschen, welche sie vielleicht von ferne belauerten, um zu sehen, wohin sie gingen.

Onkel Joseph zuckte resigniert die Achseln, als seine Nichte die Gründe angab, aus welchen sie wünschte, die Reise zu Fuße fortzusetzen.

„Da werden wir viel im Staube waten, uns viel umschauen und viel Umwege machen müssen“, sagte er. „Das ist lange nicht so bequem, mein Kind, als wenn wir uns des Wirtes versichern und auf den Polsterkissen der Personenkutsche sitzen. Wen du es aber einmal so haben willst, so soll es auch so sein. Ganz wie du willst, Sara, wie du willst – das ist die ganze Meinung, die ich mir erlaube zu sagen, bis wir wieder in Truro sind und nach Beendung unserer Reise ausruhen.“

„Nach Beendung deiner Reise, Onkel; nach Beendung meiner Reise, wage ich nicht zu sagen.“

Diese wenigen Worte veränderten das Gesicht des alten Mannes augenblicklich. Seine Augen hefteten sich vorwurfsvoll auf seine Nichte, seine roten blühenden Wangen verloren ihre Farbe, seine rastlosen Hände sanken schlaff herab.

„Sara“, sagte er in leisem, ruhigen Tone, der ein ganz anderer war als in welchem er gewöhnlich sprach. „Sara, kannst du es wirklich übers Herz bringen, mich wieder zu verlassen?“

„Habe ich wohl den Mut, in Cornwall zu bleiben? – Das ist die Frage, welche es gilt, Onkel! Hätte ich bloß mein eigenes Herz zu Rate zu ziehen, o wie gern würde ich dann unter deinem Dache leben – bis zur Stunde meines Todes, wenn du es mir gestattest. Aber diese Ruhe, dieses Glück ist mir nicht beschieden. Die Furcht, durch Mistreß Frankland ausgefragt zu werden, treibt mich hinweg von dir. Selbst meine Furcht, daß der Brief gefunden werde, ist jetzt kaum so groß als meine Furcht, ausgekundschaftet und ausgefragt zu werden. Ich habe schon gesagt, was ich nicht hätte sagen sollen. Wenn ich mich wieder in Mistreß Franklands Gegenwart befinde, so gibt es nichts, was sie mir nicht ablocken könnte. O mein Gott, wenn ich bedenke, daß diese gutherzige, liebenswürdige junge Frau, welche Glück überall hinbringt, wohin sie geht, mir nur Furcht und Angst bringt – Furcht, wenn ihre mitleidigen Augen mich anblicken, Furcht, wenn ihre gütige Stimme zu mir spricht, Furcht, wenn ihre zarte Hand die meine berührt! Onkel, wenn Mistreß Frankland nach Porthgenna kommt, werden selbst die Kinder sich zu ihr drängen – jedes Geschöpf in diesem armen Dorfe wird von dem Lichte ihrer Schönheit und Herzensgüte angezogen werden, als ob es der Sonnenschein des Himmels selbst wäre – und ich – ich von allen lebenden Wesen – ich allen – muß sie meiden, als ob sie die Pest wäre! Der Tag, wo sie nach Cornwall kommt, ist auch der Tag, wo ich es verlassen muß – der Tag, wo wir zwei einander Lebewohl sagen müssen. Mache meinen Jammer nicht größer, indem du mich fragst, ob ich es übers Herz bringen könne, dich zu verlassen! Um meiner seligen Mutter willen, Onkel Joseph, glaube, daß ich dankbar bin, glaube, daß es nicht mein eigener Wille ist, was mich hinweg führt, wenn ich dich wieder verlasse.“

Sie sank auf ein in der Nähe stehendes Sofa, legte ihren Kopf mit einem einzigen langen, tiefen Seufzer müde auf das Kissen und sprach nicht mehr.

Die Tränen traten Onkel Joseph in die Augen, indem er sich neben sie setzte. Er ergriff eine ihrer Hände und streichelte und klopfte dieselbe, als ob er ein kleines Kind beschwichtigte.

„Ich will es tragen so gut ich kann, Sara“, flüsterte er. „und ich will nichts weiter sagen. Aber du wirst mir doch zuweilen schreiben, wenn ich wieder ganz allein bin? Du wirst um deiner guten seligen Mutter willen dem alten Onkel Joseph auch manchmal eine Stunde widmen, nicht wahr?“

Sie wendete sich plötzlich nach ihm herum und schlang mit einer leidenschaftlichen Energie, welche mit ihrem sonst so ruhigen, zurückhaltenden Wesen in seltsamem Widerspruch stand, ihre beiden Arme um seinen Hals.

„Ich werde oft schreiben, lieber Onkel, ich werde immer schreiben“, flüsterte sie, ihren Kopf an seine Brust lehnend. „Wenn ich jemals in Not oder Gefahr gerate, so sollst du es erfahren.“

Sie schwieg verlegen, als ob die Ungewzungenheit ihrer eigenen Worte und Handlungen sie erschreckte, ließ ihre Arme los, wendete sich schnell von dem alten Manne wieder ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die Tyrannei des Zwanges, der ihr ganzes Leben beherrschte, ward – wie traurig und wie beredt! – in dieser einen kleinen Bewegung ausgedrückt.

Onkel Joseph erhob sich von dem Sofa, ging leise im Zimmer auf und ab, sah seine Nichte besorgt an, sprach aber nicht zu ihr.

Nach einer Weile trat der Kellner ein, um den Tisch zum Abendessen zu decken. Es war dies eine willkommene Unterbrechung, denn Sara ward dadurch genötigt, sich so viel als möglich wieder zu fassen.

Nachdem die Mahlzeit vorüber war, begaben sich Onkel und Nichte jedes auf sein Schlafzimmer, ohne weiter ein Wort in Bezug auf ihre bevorstehende Trennung zu wechseln.

Als sie einander am nächsten Morgen wiedersahen, hatte der alte Mann seine gewohnte Laune immer noch nicht wieder gewonnen. Obschon er so heiter zu sprechen versuchte wie gewöhnlich, so lag doch etwas seltsam Gedämpftes und Ruhiges in Bezug auf Stimme, Blick und Sprache in ihm.

Sara ward tief ergriffen, als sie sah, welche Wirkung die Aussicht auf ihre Trennung auf ihn äußerte. Sie sprach einige Worte des Trostes und der Hoffnung, aber er winkte in seiner sonderbaren fremdländischen Weise bloß verneinend mit der Hand und eilte aus dem Zimmer, um den Wirt aufzusuchen und die Rechnung zu verlangen.

Bald nach dem Frühstück setzten sie, zur Verwunderung der Leute des Gasthofs, ihre Reise zu Fuße weiter fort. Onkel Joseph trug seinen Ranzen auf dem Rücken und die Reisetasche seiner Nichte in der Hand. Als sie an die Biegung kamen, welche zu dem Kreuzwege führte, blieben sie beide stehen und schauten zurück

Diesmal sahen sie nichts, was sie hätte beunruhigen können. Es war auf der breiten Landstraße, welche sie während der letzten Viertelstunde, nachdem sie das Gasthaus verlassen, gewandert waren, kein lebendes Wesen zu sehen.

„Die Luft ist rein“, sagte Onkel Joseph, während sie in den Kreuzweg einbogen. „Was auch gestern geschehen sein mag – jetzt wenigstens schleicht uns niemand nach.“

„Niemand, den wir sehen könnten“, antwortete Sara. „Ich traue aber selbst den Steinen an der Straße nicht. Wir wollen uns oft umschauen, Onkel, ehe wir uns sicher fühlen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fürchte ich die Schlinge, welche diese Leute in Porthgenna Tower uns gelegt haben.“

„Du sagst uns, Sara. Warum sollte man denn auch mir eine Schlinge legen?“

„Weil man dich in meiner Gesellschaft gesehen hat. Du wirst weniger von ihnen zu fürchten haben, wenn wir nicht mehr beisammen sind, und dies ist abermals ein Grund, Onkel Joseph, weshalb wir das Unglück unserer Trennung so geduldig ertragen müssen als wir können.“

„Gehst du weit, sehr weit fort, Sara, wenn du mich verlässest?“

„Ich wage nicht eher meine Reise zu beendigen als bis ich fühle, daß ich mich in der großen Welt von London verloren habe. Sieh mich nicht so traurig an! Ich werde mein Versprechen niemals vergessen – ich werde niemals vergessen zu schreiben. Ich habe Freunde – nicht Freunde wie du, aber doch Freunde – zu welchen ich gehen kann. Nur in London kann ich mich sicher vor Entdeckung fühlen. Meine Gefahr ist groß – sie ist es wirklich! Aus dem, was ich in Porthgenna gesehen, kann ich mit Bestimmtheit schließen, daß Mistreß Frankland schon jetzt ein Interesse daran hat, mich ausfindig zu machen, und ich bin überzeugt, daß dieses Interesse noch um das Zehnfache gesteigert werden wird, wenn – wie sicherlich geschieht – sie hört, was gestern in dem Schlosse vorgegangen ist. Sollte man deine Spur bis nach Truro verfolgen, o dann sei auf deiner Hut, wenn du die Fragen, die sie an dich stellen, beantwortest.“

„Ich werde gar nicht antworten, mein Kind. Aber sage mir – denn ich möchte alle kleinen Möglichkeiten wissen, in deren Folge du doch vielleicht zu mir zurückkehrst – sage mir, wenn Mistreß Frankland den Brief findet, was wirst du dann tun?“

Bei dieser Frage faßte Saras Hand, welche, während sie nebeneinander hinschritten, matt auf ihres Onkels Arm gelegen, denselben plötzlich und krampfhaft.

„Wenn Mistreß Frankland auch in das Myrtenzimmer geht“, sagte sie, indem sie stehenblieb und sich furchtsam umsah, „so findet sie den Brief vielleicht doch nicht. Er ist ganz klein zusammengefaltet und an einem Ort versteckt, wo man ihn nicht so leicht sucht.“

„Wenn sie ihn nun aber doch findet?“

„Wenn dies der Fall ist, dann ist um so mehr Grund für mich vorhanden ,soweit als möglich hinweg zu sein.“

Während Sara diese Antwort gab, legte sie ihre beiden Hände aufs Herz und drückte sie fest darauf. Ein leichter Krampf schien ihre Züge zu verzerren, ihre Augen schlossen sich, ihr Gesicht ward dunkelrot und dann bleicher als vorher. Sie zog ihr Taschentuch heraus und fuhr sich damit mehrmals über das Gesicht, auf welchem jetzt dicker Schweiß stand.

Der alte Mann, welcher, als seine Nichte stehenblieb, in der Meinung, sie habe jemanden ihnen folgen sehen, hinter sich geschaut hatte, bemerkte ihre letztere Bewegung und fragte sie, ob es ihr zu heiß wäre.

Sie schüttelte den Kopf, nahm seinen Arm, um weiterzugehen und atmete, wie ihm vorkam, mit einiger Mühe.

Er schlug vor, daß sie sich am Rande der Straße niedersetzen und eine Weile ausruhen sollte, sie antwortete aber bloß: „Noch nicht.“

Und somit gingen sie wieder eine halbe Stunde weiter, schauten sich dann nochmals um, und als sie auch jetzt noch niemanden sagen, setzten sie sich auf eine Bank, die am Rande der Straße stand, um einige Minuten auszuruhen.

Nachdem sie noch zweimal an passenden Ruheplätzen Halt gemacht, erreichten sie das Ende des Kreuzweges. Auf der großen Landstraße, in welche sie dann einbogen, wurden sie von einem Mann eingeholt, der einen leeren Leiterwagen fuhr und sich erbot, sie bis zur nächsten Stadt mitzunehmen.

Sie nahmen den Vorschlag dankbar an und stiegen, als sie nach einer halbstündigen Fahrt die Stadt erreicht hatten, an der Tür des besten Gasthauses ab. Als sie auf Erkundigung hier erfuhren, daß der Personenwagen schon durchpassiert war und sie folglich zu spät kamen, mieteten sie eine Chaise, welche sie sehr spät am Nachmittag nach Truro zurückbrachte.

Während der ganzen Reise, von der Zeit an, wo sie die Poststadt von Porthgenna verlassen, bis zu der Stunde, wo sie auf Saras Wunsch auf dem Personeneinschreibebureau in Truro abstiegen, hatten sie nichts gesehen, was auch nur den mindesten Argwohn, daß ihre Bewegungen beobachtet würden, hätte erwecken können.

Niemand von den Leuten, welche sie in den benachbarten Ortschaften sahen, oder an welche sie auf der Straße vorüberkamen, schien mehr als die flüchtigste Notiz von ihnen zu nehmen.

Es war fünf Uhr als sie in das Fahrbureau von Truro traten, um sich nach den Fahrgelegenheiten in der Richtung von Exeter zu erkundigen. Man teilte ihnen mit, daß nach dieser Richtung binnen einer Stunde ein Wagen abgehen und um acht Uhr den nächsten Morgen ein zweiter die Stadt Truro passieren würde.

„Du wirst doch nicht heute abend noch weiter reisen?“ fragte Onkel Joseph in bittendem Tone. „Nicht wahr, du wartest, mein Kind, und ruhst bei mir aus bis morgen?“

„Es wird besser sein, wenn ich gehe, Onkel so lange mein Entschluß noch frisch ist“, lautete die traurige Antwort.

„Aber du bist so bleich, so müde, so schwach!“

„Stärker als ich jetzt bin, werde ich doch nie werden. Raube mir nicht vollends den Mut – meine Aufgabe ist ohnedies schwer genug.“

Onkel Joseph seufzte und sagte weiter nichts. Er ging voran quer über die Straße und dann die Nebengasse hinab nach seinem Hause. Der heitere Mann im Laden polierte ein Stück Holz hinter dem Ladentisch und saß genau in derselben Stellung, in welcher Sara ihn erblickt, als sie bei ihrer Ankunft in Truro zuerst durch das Fenster gesehen. Er hatte gute Nachrichten für seinen Herrn, denn es waren allerhand Bestellungen eingegangen, Onkel Joseph hörte aber nur mit halbem Ohre, was sein Gehilfe sagte, und eilte ohne den mindesten Abglanz seines gewohnten Lächelns auf seinem Gesicht in das kleine Hinterstübchen.

„Wenn ich keinen Laden hätte und keine Bestellungen eingegangen wären, so könnte ich dich auch ferner noch bgleiten, Sara“, sagte er, als er mit seiner Nichte allein war. „Ei, ei, der Anfang dieser Reise war der einzige glückliche Teil derselben. Setze dich nieder und ruhe aus, mein Kind. Ich muß es hinnehmen, wie es kommt und vor allen Dingen dir eine Tasse Tee bereiten.“

Nachdem er das Teegeschirr auf den Tisch gesetzt, verließ er das immer und kehrte nach einer Abwesenheit von wenigen Minuten mit einem Korbe in der Hand zurück. Als der Träger kam, um das Gepäck nach dem Fahrbureau abzuholen, ließ Onkel Joseph den Korb nicht gleichzeitig mit forttragen, sondern setzte sich nieder und stellte ihn zwischen die Füße, während er seiner Nichte eine Tasse Tee einschenkte.

Die Spieluhr hing immer noch in ihrem ledernen Reisefutteral an seiner Seite. Sobald er die Tasse Tee eingeschenkt, zog er das Futteral von der Spieluhr und stellte sie auf den Tisch neben sich. Seine Augen schweiften zögernd auf Sara, indem er dies tat. Er neigte sich vorwärts, seine Lippen zitterten ein wenig, seine Hände spielten verlegen mit dem leeren Lederfutteral, welches jetzt auf seinen Knien lag und er sagte in leisem, unsicherm Tone zu seiner Nichte:

„Willst du noch ein kleines Abschiedslied von Mozart hören? Es dauert vielleicht lange, Sara, ehe er dir wieder etwas vorspielen kann. Ein kleines Abschiedslied, mein Kind, ehe du gehst, nicht wahr?“

Seine Hand bewegte sich langsam von dem Lederfutteral nach dem Tische und ließ die Uhr dieselbe Arie spielen, welche Sara an dem Abend gehört, wo sie nach ihrer Reise von Somersetshire in das Zimmer trat und ihn allein am Tische sitzen und der Musik zuhören sah.

Welche Tiefen von Kummer lagen jetzt in diesen wenigen einfachen Tönen! Welche traurige Erinnerung an vergangene Zeiten erfüllte das Herz bei dieser einzigen, kurzen, klagenden Melodie!

Sara hatte nicht den Mut, ihre Augen zu dem Gesicht des alten Mannes zu erheben. Sie hätten ihm verraten können, daß sie an die Tage dachte, wo das Kunstwerk, welches er so hoch in Ehren hielt, die Arie, der sie jetzt zuhörten, an dem Bett seines sterbenden Kindes spielte.

Die hemmende Feder war nicht vorgeschoben und die Melodie begann daher, nachdem sie durchgespielt war, wieder von vorn. Nun aber folgten die Töne nach den ersten wenigen Takten immer langsamer aufeinander, die Melodie ward immer undeutlicher und reduzierte sich endlich bis auf drei Töne, welche in langen Zwischenpausen aufeinander folgten, dann hörte sie ganz auf. Die Kette, welche die Tätigkeit der Maschinerie regelte, war abgelaufen, Mozarts Abschiedslied verstummte plötzlich wie die Stimme eines Sterbenden.

Der alte Mann fuhr zusammen, sah seine Nichte aufmerksam an und warf das Lederfutteral über die Spieluhr, als ob er sie nicht mehr sehen wollte.

„So“, flüsterte er bei sich selbst in seiner Muttersprache, „so verstummte die Musik auch, als mein kleiner Joseph starb. Gehe nicht!“ setzte er schnell auf Englisch hinzu, beinahe ehe Sara noch Zeit gehabt, Verwunderung über die eigentümliche Veränderung zu empfinden, welche mit seiner Stimme und mit seinem Wesen vorgegangen war. „Geh nicht fort! Überlege dir es noch einmal und bleibe bei mir!“

„Ich habe keine andere Wahl als dich zu verlassen“, entgegnete Sara. „Du hältst mich doch nicht für undankbar? Tröste mich in diesem letzten Augenblick, indem du mir dies sagst.“

Er drückte ihr schweigend die Hand und küßte sie auf beide Wangen.

„Mein Herz ist schwer um deinetwillen, Sara“, sagte er. „Ich fürchte sehr, daß es nicht zu deinem Glücke sein werde, wenn du mich jetzt verlässest.“

„Ich habe keine andere Wahl“, wiederholte sie traurig; „ich habe keine andere Wahl als dich zu verlassen.“

„Dann ist es auch Zeit, Abschied zu nehmen.“

Die Wolke des Zweifels und der Furcht, welche von dem Augenblick an, wo die Musik so kläglich verstummte, sein Gesicht verändert, schien noch finsterer zu werden, als er diese Worte gesagt hatte. Er ergriff den Korb, welchen er so sorgfältig zwischen den Füßen gehalten, und ging schweigend voran zum Hause hinaus.

Sie kamen eben noch zu rechten Zeit, denn der Kutscher stieg schon auf den Bock, als sie in das Fahrbureau kamen.

„Gott behüte dich, mein Kind, und sende dich bald gesund und wohlbehalten zu mir zurück“, sagte Onkel Joseph. „Nimm den Korb auf deinen Schoß; es sind einige Kleinigkeiten für deine Reise darin.“

Seine Stimme wankte bei den letzten Worten und Sara fühlte, wie er seine Lippen auf ihre Hand drückte. Den nächsten Augenblick ward die Tür des Wagens geschlossen und sie sah ihn undeutlich durch die Tränen hindurch auf dem Pflaster unter den Gaffern stehen, welche warteten, um den Wagen fortfahren zu sehen.

Als dieser eine Strecke aus der Stadt hinaus war, konnte Sara endlich ihre Tränen trocknen und in den Korb sehen. Er enthielt einen Topf Marmelade und einen Hornlöffel, ein kleines eingelegtes Arbeitskästchen von dem Vorrat im Laden, ein Stück ausländisch aussehenden Käse, eine Zeile Semmeln und ein kleines Paket Geld in Papier, mit den von Onkel Josephs Hand darauf geschriebenen Worten: „Sei nicht bös.“

Sara schloß wieder den Deckel des Korbes und zog ihren Schleier herab. Niemals hatte sie den Schmerz des Scheidens in seiner ganzen Bitterkeit so gefühlt wie in diesem Augenblick. O, wie hart war es, von der schützenden Heimat verbannt zu sein, die ihr von dem einzigen Freund geboten ward, den sie noch in der Welt hatte!

Während sie dies bei sich dachte, schloß der alte Mann eben die Tür seines einsamen Zimmers. Sein Auge schweifte nach dem Teegeschirr auf dem Tisch und Saras leerer Tasse und er flüsterte wieder in seiner Muttersprache bei sich selbst:

„Gerade so verstummte die Musik, als mein kleiner Joseph starb!“



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel

Ein alter Freund und ein neues Projekt

Als Sara erklärte, daß der Knabe, welchen sie auf dem Moorland hatte hacken sehen, ihr und ihrem Onkel selbst nach der Poststadt von Porthgenna nachgeschlichen war, hatte sie die buchstäbliche Wahrheit behauptet. Jakob hatte die Spur bis an den Gasthof verfolgt, eine Weile in der Nähe desselben gewartet, um sich zu überzeugen, ob es wahrscheinlich sei, daß sie ihre Reise diesen Abend weiter fortsetzen würden, und war dann nach Porthgenna Tower zurückgekehrt, um diese Meldung zu machen und die versprochene Belohnung in Anspruch zu nehmen.

An demselben Abend widmeten sich die Haushälterin und der Kastellan gemeinschaftlich der Abfassung eines Briefes an Mistreß Frankland, in welchem sie ihr alles berichteten, was von der Zeit an geschehen, wo die Fremden erschienen waren, bis zu dem Augenblick, wo der Gärtnerjunge ihnen bis an die Tür des Gasthauses gefolgt war.

Dieses Schriftstück war reichlich mit den rhetorischen Ausschmückungen Mr. Munders gespickt und – eine notwendige Folge hiervon – als Erzählung übertrieben lang und als Darlegung von Tatsachen hoffnungslos verworren.

Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß der Brief mit allen seinen Mängeln und Abgeschmacktheiten von Mistreß Frankland mit dem tiefsten Interesse gelesen ward. Ihr Gatte und Doktor Orridge, welchen beiden sie den Brief mitteilte, waren darüber ebenso erstaunt, als sie selbst. Obschon die Entdeckung von Mistreß Jazephs Reise nach Cornwall sie bewogen hatte, es innerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegend zu betrachten, daß sie in Porthgenna zum Vorschein käme, und obschon Rosamunde ihren Brief an die Haushälterin unter dem Einflusse dieser Idee geschrieben, so war doch weder sie noch ihr Gatte auf eine so schnelle Bestätigung ihres Argwohns vorbereitet wie sie jetzt erhielten.

Ihr Erstaunen aber bei Kenntnisnahme von dem allgemeinen Inhalt des Briefes war wie nichts im Vergleich mit ihrem Erstaunen, als sie an die speziellen Stellen des Briefes kamen, welcher sich Onkel Joseph bezog. Dieses neue Element, welches dem immer dunkler werdenden Geheimnis in Bezug auf Mistreß Jazeph und das Myrtenzimmer durch das Auftreten dieses Ausländers auf der Bühne und durch seinen genauen Zusammenhang mit den außerordentlichen Vorgängen, die in dem alten Schlosse stattgefunden, mitgeteilt ward, äußerte auf alle eine im höchsten Grade verblüffende Wirkung.

Der Brief ward immer und immer wieder gelesen, Satz für Satz kritisch zerlegt, sorgfältig von dem Doktor erläutert, unm die Tatsachen, die er enthielt, von der Masse nichtssagender Worte zu sondern, in welche Mr. Munder sie künstlicher- und langweiligerweise gehüllt, und endlich nach aller Mühe, die man sich gegeben, ihn verständlich zu machen, für das geheimnisvolle und seltsamste Dokument erklärt, welches jemals die Feder eines Sterblichen hervorgebracht.

Der erste praktische Vorschlag, welcher, nachdem der Brief verzweiflungsvoll beiseite gelegt worden, gemacht ward, ging von Rosamunden aus. Sie schlug vor, daß ihr Gatte und sie selbst – natürlich mit Einschluß ihres Söhnchens – sofort nach Porthgenna aufbrechen sollten, um die Diener genau in Bezug auf Mistreß Jazeph und den Ausländer, der sie begleitet, auszufragen und die Lokalitäten der Nordseite des Hauses zu untersuchen, um vielleicht einen Aufschluß über die Lage des Myrtenzimmers zu entdecken, während die Ereignisse noch frisch in der Erinnerung der Zeugen waren.

Der auf diese Weise verteidigte Plan stieß jedoch, obschon er an und für sich ganz vortrefflich war, bei Dokor Orridge aus ärztlichen Gründen auf Widerspruch. Mistreß Frankland hatte sich dadurch, daß sie, als sie das erste Mal das Zimmer verlassen, zu leichtsinnig der Luft ausgesetzt, eine ziemliche Erkältung zugezogen, und der Doktor weigerte sich, ihr vor Ablauf einer Woche Erlaubnis zum Reisen zu erteilen.

Der nächste Vorschlag ging von Mr. Frankland aus. Dieser erklärte, es sei ihm vollkommen klar, daß die einzige Aussicht, das Geheimnis des Myrtenzimmers zu durchdringen, einzig und allein davon abhänge, daß man ein Mittel fände, mit Mistreß Jazeph in Mitteilung zu treten.

Er schlug vor, sich nicht weiter mit irgendetwas zu bemühen, was mit der Durchführung dieser Absicht nicht im Zusammenhang stehe, und stellte den Antrag, daß der Diener, der jetzt in West Winston bei ihnen war – ein Mann, der seit vielen Jahren in seinen Diensten stand und auf dessen Eifer, Tätigkeit und Intelligenz man sich unbedingt verlassen konnte – sofort nach Porthgenna gesendet würde, um die nötigen Nachforschungen zu beginnen und die Lokalitäten auf der Nordseite des Hauses sorgfältig zu untersuchen.

Dieser Rat ward auch sofort befolgt. Noch ehe eine Stunde um war, machter der Diener sich auf den Weg nach Cornwall, gründlich instruiert in Bezug auf das, was er tun sollte und wohl mit Geld versehen, im Fall er es notwendig fand, viel Personen zu Betreibung der erforderlichen Nachforschungen zu verwenden.

Nach einiger Zeit sendete er seinem Herrn einen Bericht über die von ihm getanen Schritte.

Dieser Bericht war aber von im höchsten Grade entmutigender Art. Von Mistreß Jazeph und ihrem Begleiter hatte man von der Poststadt von Porthgenna an jede Spur verloren. Man hatte Nachforschungen nach allen Richtungen hin angestellt, aber keinen einzigen zuverlässigen Aufschluß erlangt. Leute in ganz verschiedenen Ortschaften erklärten, zwei Personen gesehen zu haben, welche der Beschreibung der Frau in der dunkeln Kleidung des alten Ausländers entsprachen; forderte man sie aber auf, die Richtung anzuzeigen, in welcher die beiden Fremden gereist waren, so erhielt man Antworten von der verwirrendsten und widersprechendsten Art.

Man hatte weder Mühe noch Kosten gespart, aber bis jetzt kein Resultat von auch nur dem geringsten Werte erlangt. Ob die Frau und ihr Begleiter nach Osten, Westen, Norden oder Süden gegangen waren, darüber konnte Mr. Franklands Diener in dem gegenwärtigen Stadium der Erörterungen keinerlei Auskunft geben.

Der Bericht über die Untersuchung der nördlichen Zimmer war ebenso wenig befriedigend. Auch hier konnte man nichts von irgendwelcher Bedeutung entdecken. Der Diener hatte ermittelt, daß es zweiundzwanzig Zimmer auf der unbewohnten Seite des Hauses gab – sechs im Erdgeschoß, welche in den verödeten Garten gingen, acht in der ersten Etage und acht über diesen in der zweiten. Er hatte alle Türen von oben bis unten sorgfältig untersucht und war zu dem Schlusse gekommen, daß keine derselben geöffnet worden.

Die Indizien, welche die eigene Handlungsweise der rätselhaften Frau lieferte, führten zu nichts. Sie hatte, wenn man der Aussage der Magd trauen durfte, die Schlüssel auf den Fußboden der Halle fallen lassen. Man fand sie selbst, wie die Haushälterin und der Kastellan versicherten, ohnmächtig oben auf dem Vorplatze der ersten Treppe liegen. Die Tür, welche sich ihr hier gegenüber befand, zeigte von einer damit neuerdings vorgenommenen Eröffnung ebenso wenig eine Spur als die andern Türen der übrigen zweiundzwanzig Zimmer.

Ob das Zimmer, zu welchem sie Zutritt zu erlangen wünschte, eines der acht in der ersten Etage, oder ob sie auf dem Wege nach der höher gelegenen Reihe von acht Zimmern in der zweiten Etage ohnmächtig geworden war, dies ließ sich unmöglich bestimmen.

Die einzigen sichern Schlüsse, welche aus den in dem Hause stattgehabten Ereignissen gezogen werden konnten, waren zwei an der Zahl.

Erstens konnte man mit Gewißheit annehmen, daß die rätselhafte Frau gestört worden, ehe sie im Stande gewesen war, sich der Schlüssel zu bedienen, um in das Myrtenzimmer zu gelangen.

Zweitens ließ sich aus der Stellung, in welcher sie auf der Treppe gefunden ward und aus der Aussage in Bezug auf das Fallenlassen der Schlüssel annehmen, daß das Myrtenzimmer sich nicht in dem Erdgeschoß befand, sondern eins der in der ersten und zweiten Etage befindlichen sechzehn Zimmer war.

Außerdem hatte der Schreiber des Berichts nichts weiter zu melden, ausgenommen, daß er sich erlauben werde, in Porthgenna zu warten, im Fall sein Herr ihm weitere Instruktionen mitzuteilen hätte.

Was war nun zu tun?

Dies war notwendig die erste Frage, welche die Meldung des Dieners von dem erfolglosen Ergebnis seiner Nachforschungen in Porthgenna an die Hand gab.

Wie dieselbe aber zu beantworten sei, dies war nicht sehr leicht zu ermitteln. Rosamunde wußte nichts vorzuschlagen, Mr. Frankland wußte nichts vorzuschlagen, der Doktor wußte nichts vorzuschlagen. Je eifriger alle drei über eine neue Idee nachdachten, desto weniger schien Aussicht vorhanden, daß es ihnen gelingen werde, eine zu finden.

Endlich stellte Rosamunde verzweifelnd den Antrag, den Rat einer vierten zuverlässigen Person zu suchen, und bat ihren Gatten um die Erlaubnis, eine vertrauliche Darlegung des ganzen Sachverhaltes für den Vikar von Long Beckley niederschreiben und demselben übersenden zu dürfen.

Doktor Chennery war ihr ältester Freund und Ratgeber. Er hatte sie beide als Kinder gekannt; er interessierte sich für sie wie ein Vater und er besaß jene unschätzbare Gabe schlichten, klaren, gesunden Menschenverstandes, die ihn als gerade den Mann bezeichnete, welcher am allerwahrscheinlichsten ihnen nicht bloß beistehen könnte, sondern dies auch bereitwillig tun würde.

Mr. Frankland war mit Vorschlage seiner Gattin sofort einverstanden, und Rosamunde schrieb unverweilt an Doktor Chennery, indem sie ihm alles mitteilte, was seit Mistreß Jazephs erster Einführung bei ihr geschehen, und indem sie ihn um seine Meinung hinsichtlich des Verfahrens bat, welches unter den obwaltenden Umständen sich als das ratsamste darstellte.

Mit umgehender Post lief eine Antwort ein, welche Rosamundes Vertrauen auf ihren alten Freund vollkommen rechtfertigte.

Doktor Chennery teilte nicht bloß die Neugier und Spannung, welche Mistreß Jazephs Worte und Benehmen in dem Gemüt seiner Korrespondentin hervorgerufen, sondern hatte auch einen eigentümlichen Plan zur Ermittelung der Lage des Myrtenzimmers vorzuschlagen.

Der Vikar beantwortete seinen Vorschlag dadurch, daß er sich gegen jede weitere Nachforschung nach Mistreß Jazeph erklärte. Nach den Umständen, wie sie ihm erzählt wurden, zu urteilen, meinte er, es werde nur Zeitverschwendung sein, sie ausfindig machen zu wollen.

Demgemäß ließ er diesen Teil des Gegenstandes sofort ruhen und widmete sich der Erwägung der wichtigeren Frage: Wie sollten Mr. und Mistreß Frankland zu Werke gehen, um das Geheimnis des Myrtenzimmers allein und durch sich selbst zu entdecken?

In dieser Beziehung hegte Doktor Chennery eine Überzeugung der stärksten Art und sagte Rosamunden im voraus, daß sie sich auf eine große Überraschung gefaßt machen müsse, wenn er weiter unten darauf zu sprechen käme.

Indem er es nämlich als ausgemacht betrachtete, daß sie und ihr Gatte keine Hoffnung hätte, ausfindig zu machen, wo das fragliche Zimmer sei, wenn sie nicht von jemandem unterstützt würden, der besser als sie mit den alten örtlichen Einrichtungen des Innern von Porthgenna Tower bekannt sei, erklärte der Vikar seine Meinung dahin, daß es nur noch einen einzigen lebenden Menschen gäbe, der ihnen den erforderlichen Aufschluß geben könnte, und dieser Mensch sei niemand anders als Rosamundes griesgrämiger, menschenfeindlicher Onkel Andrew Treverton!

Diese auffällige Meinung unterstützte Doktor Chennery durch zwei Gründe. Erstens war Andrew das einzige noch lebende Mitglied der älteren Generation, welche in Porthgenna Tower zu einer Zeit gelebt, wo alle mit den nördlichen Zimmern zusammenhängenden Traditionen noch frisch in der Erinnerung der Bewohner des Hauses lebten. Die Leute, die jetzt darin wohnten, waren Fremde, welche von Mr. Franklands Vater engagiert worden, und die in früherer Zeit von Kapitän Treverton angenommenen Diener waren gestorben oder zerstreut. Die einzige verlässliche Person, deren Erinnerungen für Mr. und Mistreß Frankland höchstwahrscheinlich von Nutzen sein konnten, war daher unbestreitbar der Bruder des früheren Besitzers von Porthgenna Tower.

Zweitens war die Möglichkeit vorhanden – selbst wenn Andrew Trevertons Gedächtnis nicht ganz zuverlässig war – daß er schriftliche oder gedruckte Aufschlüsse in Bezug auf die Örtlichkeit des Myrtenzimmers besaß. Nach seines Vaters Testament – welches, als Andrew noch ein junger Mann, der eben auf die Universität ging, war, gemacht und weder zu der Zeit seiner Abreise aus England oder später geändert worden – hatte er die ausgewählte alte Sammlung von Büchern in der Bibliothek von Porthgenna geerbt. Gesetzt, daß er diese Erbstücke noch besaß, war es höchstwahrscheinlich, daß sich darunter ein Plan oder eine Beschreibung des Hauses befand, wie es in der vergangenen Zeit war, wodurch dann aller gewünschter Aufschluß an die Hand gegeben ward.

Dies war ein zweiter gewichtiger Grund, zu glauben, daß wenn irgendwo ein Aufschluß über die Lage des Myrtenzimmers existierte, Andrew Treverton der Mann sei, der ihn geben könnte.

Nahm man aber sonach an, daß der griesgrämige, alte Misanthrop der einzige Mensch sei, welchen man mit Nutzen um die gewünschte Belehrung ansehen könnte, so entstand zunächst die Frage, wie man mit ihm in Verbindung treten solle?

Der Vikar wußte recht wohl, daß es nach Andrews unverzeihlich herzloser Handlungsweise gegen ihren Vater und ihre Mutter für Rosamunde unmöglich sei, sich direkt an ihn zu wenden. Dieses Hindernis ließ sich indessen dadurch beseitigen, dass man die erforderliche Mitteilung von Doktor Chennery ausgehen ließ. So gründlich wie der Vikar dem alten Misanthropen persönlich abgeneigt war und so entschieden er auch die Grundsätze desselben mißbilligte, so war er doch gern bereit, im Interesse seiner jungen Freunde von seinen persönlichen Antipathien abzusehen und gab – wenn Rosamunde und ihr Gatte damit einverstanden wären – seine vollkommene Bereitwilligkeit zu erkennen, an Andrew zu schreiben, sich auf ihre frühere Bekanntschaft zu berufen und ihn, als ob es sich um eine altertümliche Kuriosität handelte, um Auskunft in Bezug auf die nördliche Seite von Porthgenna Tower zu bitten, und dabei ganz natürlich die Bitte auszusprechen, ihn von den Namen in Kenntnis zu setzen, unter welchen die einzelnen Zimmer in frühern Zeiten bekannt gewesen wären.

Indem der Vikar dieses Anerbieten machte, gestand er offen, er glaube, es sei keine Aussicht vorhanden, überhaupt eine Antwort auf dies Gesuch zu erhalten, wie sorgfältig er dasselbe auch mit Berücksichtigung der griesgrämigen Eigentümlichkeiten Andrews abfassen möchte.

Indessen, in Erwägung daß bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge eine schwache Hoffnung immer noch besser sei als gar keine, meinte er, es sei wenigstens der Mühe wert, nach dem von ihm vorgeschlagenen Plane einen Versuch zu machen.

Wenn Mr. und Mistreß Frankland ein besseres Mittel ersinnen könnten, um mit Andrew Treverton in Mitteilung zu treten oder wenn sie vielleicht einen andern Weg entdeckt hätten, um die Aufschlüsse, deren sie bedürften, zu erlangen, so sei Doktor Chennery vollkommen bereit, von seinen eigenen Ansichten abzustehen und sich den ihrigen unterzuordnen.

Auf jeden Fall könne er nur mit der Bitte schließen, zu bedenken, daß er das Interesse seiner jungen Freunde wie sein eigenes betrachte und daß jeder Dienst, den er ihnen leisten könnte, ihnen mit Freunden und mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung stünde.

Eine sehr kurze Erwägung des freundschaftlichen Briefs des Vikars überzeugte Rosamunde und ihren Gatten, daß sie keine andere Wahl hatten, als das Anerbieten, welches dieser Brief enthielt, dankbar anzunehmen.

Die Aussichten waren allerdings gegen den Erfolg des vorgeschlagenen Schrittes, aber waren sie wohl ungünstiger als die Aussichten gegen den Erfolg irgendwelcher auf eigene Faust übernommenen Nachforschungen in Porthgenna? Es war doch wenigstens eine schwache Hoffnung vorhanden, daß Doktor Chennerys Gesuch um Belehrung zu einigen Ergebnissen führen werde, während dagegen durchaus keine Hoffnung vorhanden war, das bloß mit einem Zimmer in Zusammenhang stehende Geheimnis dadurch zu durchdringen, daß man zwei Reihen Zimmer, zusammen nicht weniger als sechzehn an der Zahl, blindlings durchwühlte.

Von diesen Erwägungen bestimmt, schrieb Rosamunde sofort wieder an den Vikar, um ihm für seine freundliche Bereitwilligkeit zu danken und ihn zu bitten, ohnen einen Augenblick Verzug vorgeschlagenermaßen an Andrew Treverton zu schreiben.

Doktor Chennery beschäftigte sich unverweilt mit Abfassung des wichtigen Briefes, indem er Sorge trug, sein Gesuch ausschließlich auf Gründe der Altertumsforschung zu stützen und seine erheuchelte Wißbegier in Bezug auf die Räume von Porthgenna Tower dadurch zu erklären, daß er auf seine Bekanntschaft mit der Familie Treverton und auf das ganz natürliche Interesse an dem alten Gebäude hinwies, mit welchem der Name und die Schicksale dieser Familie in so engem Zusammenhange standen.

Nachdem er auf diese Weise wegen der gewünschten Auskunft an Andrews Jugenderinnerungen appelliert, wagte er noch einen Schritt weiterzugehen und sprach von der alten Bibliothek, indem er bemerkte, daß in derselben sich höchstwahrscheinlich ein Plan oder eine wörtliche Beschreibung des Schlosses befände, die von dem größten Nutzen sein könnte, im Fall Mr. Trevertons Gedächtnis nicht alle nähern Umstände in Bezug auf die Namen und die Lage der nördlichen Zimmer bewahrt hätte.

Zum Schlusse nahm er sich die Freiheit zu erwähnen, daß das Darlehen irgend eines Dokumentes von der Art, wie er angedeutet, oder die Erlaubnis, Auszüge daraus machen zu lassen, als eine große Gefälligkeit anerkannt werden würde, und in einer Nachschrift fügte er hinzu, daß, um Mr. Treverton alle Mühe zu ersparen, ein Bote am Tage nach Abgabe dieses Briefes die Antwort abholen würde, welche es ihm vielleicht beliebte darauf zu geben.

Nachdem der Vikar das Gesuch auf diese Weise unter vielen stillen Befürchtungen in Bezug auf die Ergebnisse desselben fertig gemacht, schob er es in ein Couvert, welches er an seinen Geschäftsagenten in London adressierte, den er bat, es durch eine zuverlässige Person zu besorgen und durch dieselbe am Tage darauf nach der Antwort nachfragen zu lassen.

Drei Tage nach Absendung dieses Briefes – bis zu welcher Zeit man keine Nachricht irgendwelcher Art von Doktor Chennery erhalten – erlangte Rosamunde endlich von ihrem Arzt die Erlaubnis, ihre Reise fortzusetzen.

Mr. und Mistreß Frankland nahmen daher Abschied von Doktor Orridge, versprachen ihm wiederholt, ihn von den Fortschritten, die sie in Bezug auf die Lage des Myrtenzimmers vielleicht machen würden, in Kenntnis zu setzen, kehrten West Winston den Rücken und traten nun zum dritten Male die Reise nach Porthgenna Tower an.



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel

Der Anfang des Endes

Es war in Andrew Trevertons Haus gerade Backtag, als der mit Bestellung von Doktor Chennerys Briefe beauftragte Bote die Gartentür des uns bekannten Hauses in Bayswater erreichte.

Nachdem er dreimal die Klingel gezogen, hörte er eine rauhe Stimme auf der andern Seite der Mauer, welche Stimme ihm zuschrie, er solle die Klingel in Ruhe lassen, und zugleich fragte, wer zum Teufel er sei und was er wolle.

„Ich bringe einen Brief an Mr. Treverton“, sagte der Bote, indem er, während er dies sagte, zugleich vorsichtig von der Tür zurückwich.

„Nun, so werft ihn über die Mauer und packt Euch dann Eurer Wege“, antwortete die rauhe Stimme.

Der Bote gehorchte diesen beiden Weisungen. Er war ein schüchterner, bescheidener, ältlicher Mann und als die Natur die Bestandteile seiner Gemütsart mischte, befand sich die Fähigkeit, Beleidigungen zu rügen, nicht mit darunter.

Der Mann mit der rauhen Stimme – oder um die Sache einfacher auszudrücken, der Diener Shrowl – hob den Brief auf, wägte ihn in der Hand, betrachtete die Adresse mit einem Ausdruck verächtlicher Neugier in seinen Spürhundaugen, steckte ihn in die Westentasche und lenkte seine Schritte träg nach der andern Seite des Hauses, wo sich der Eingang zur Küche befand.

In dem Gemach, welches wahrscheinlich die Speisekammer genannt worden wäre, wenn das Haus zivilisierten Bewohnern gehört hätte, war eine Handmühle aufgestellt und in dem Augenblick, wo Shrowl in dieses Gemach trat, war Mr. Treverton beschäftigt, seine Unabhängigkeit von allen Müllern in England dadurch zu behaupten, daß er sich sein Getreide selbst mahlte. Er hielt ärgerlich mit dem Drehen der Kurbel inne, als seni Diener an der Tür erschien.

„Was wollt Ihr hier?“ fragte er. „Wenn das Mehl fertig ist, werde ich Euch schon rufen. Wir wollen einander doch nicht öfter ansehen, als es unumgänglich notwendig ist. Ich kann Euch niemals ansehen, Shrowl, ohne mich zu fragen, ob es im ganzen Bereiche der Schöpfung ein Tier gibt, welches so häßlich ist wie der Mensch. Ich sah heute morgen eine Katze auf der Gartenmauer und bemerkte an derselben auch nicht einen einzigen Punkt, hinsichtlich dessen Ihr den Vergleich mit ihr aushalten könntet. Die Augen der Katze waren hell – die Eurigen sind trübe. Die Nase der Katze war gerade – die Eurige ist krumm. Der Bart der Katze war sauber – der Eurige ist schmutzig. Das Kleid der Katze paßte ihr – das Eurige hängt um Euch herum wie ein Sack. Ich sage Euch nochmals, Shrowl, die Gattung der Geschöpfe, welcher Ihr – und ich – angehört, ist die häßlichste der ganzen Schöpfung. Wir wollen uns nicht mit Ekel gegeneinander erfüllen, indem wir länger einer in des andern Gesellschaft bleiben. Geht fort, Ihr letzte, schlechteste, erbärmlichste Laune der Natur – geht fort.“

Shrowl hörte diese schmeichelhafte Anrede mit sauertöpfischer Heiterkeit an. Als sein Herr damit fertig war, zog er, ohne sich zu einer Antwort darauf herabzulassen, den Brief aus der Westentasche. Er war sich shcon längst seiner eigenen Gewalt über seinen Herrn viel zu vollständig bewußt, als daß er auf irgendetwas, was Mr. Treverton ihm sagen konnte, auch nur das geringste Gewicht hätte legen sollen.

„Na, wenn Sie mit Sprechen fertig sind, so sehen Sie sich einmal das da an“, sagte Shrowl, indem er den Brief nachlässig auf den Tisch, neben welchem sein Herr stand, fallen ließ. „Es geschieht nicht oft, daß die Leute sich die Mühe nehmen, Ihnen Briefe zu schicken – nicht wahr nicht? Von wem glauben Sie wohl, daß dieser da kommt – ich bin neugierig, ob Ihre Nichte auf den Einfall gekommen ist, an Sie zu schreiben? Es stand kürzlich in der Zeitung, daß sie einen Sohn und Erben bekommen hat. Öffnen Sie den Brief und sehen Sie, ob es vielleicht eine Einladung zur Kindtaufe ist. Ohne Sie wäre ja das Fest nicht vollständig und die Gesellschaft würde ganz gewiß nicht recht heiter sein können, wenn Ihr lächelndes Antlitz an der Tafel vermißt würde. Lassen Sie mich einstweilen die Mühle drehen, während Sie ausgehen und ein silbernes Nutschkännchen kaufen. Der Sohn und Erbe erwartet ein Nutschkännchen, wissen Sie, und seine Wörterin erwartet eine halbe Guinee und seine Mama erwartet Ihr ganzes Vermögen. Welch ein Vergnügen, diese drei unschuldigen Wesen glücklich zu machen! Es ist abscheulich, Sie so schiefe Gesichter über diesen Brief ziehen zu sehen. Mein Himmel, wo ist Ihre liebreiche Gesinnung denn auf einmal hin?“

„Wenn ich nur wüßte, wo ich einen Knebel fände, um Euch damit Eure nichtswürdige Schnauze zu stopfen!“ rief Mr. Treverton. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, mir etwas von meiner Nichte zu sagen, Ihr erbärmlicher Kerl! Ihr wißt, ich hasse sie um ihrer Mutter willen. Was soll das heißen, daß Ihr fortwährend von meinem Vermögen faselt? Ehe ich es dem Kinde der Komödiantin hinterließe, vermachte ich es lieber Euch, und ehe ich es Euch vermachte, lüde ich es lieber bis auf den letzten Heller in ein Boot und versenkte es auf immer in den Schoß des Meeres.“

Während Mr. Treverton seiner Unzufriedenheit auf diese nachdrückliche Weise Worte lieh, raffte er Doktor Chennerys Brief vom Tische und riß ihn in einer Stimmung auf, die für einen glücklichen Erfolg der Bitte des Vikars durchaus nicht sonderlich verheißungsvoll war.

Er las den Brief mit ominöser Miene, die immer finsterer und finsterer ward, sowie er dem Ende des Briefes näher kam. Als er die Unterschrift erblickte, änderte seine Laune sich plötzlich und er lachte sardonisch.

„Ganz gehorsamst der Ihrige, Robert Chennery“, wiederholte er bei sich selbst. „Ja, ganz gehorsamst der Meinige, wenn ich dir den Willen tue. Und wenn ich ihn nun nicht tue, Pfaffe?“

Er schwieg, sah den Brief wieder an und der tückische Blick kam darauf wieder zum Vorschein.

„Es steckt irgendeine lauernde Lüge hinter dieser gleißnerischen schönen Schrift“, murmelte er argwöhnisch. „Ich bin aber kein Mitglied seiner Gemeinde. Das Gesetz gibt ihm nicht das Recht, mir blauen Dunst vorzumachen. Was soll es bedeuten, daß er es doch versucht?“

Er schwieg wieder, dachte ein wenig nach, blickte plötzlich zu Shrowl auf und sagte zu ihm:

„Habt Ihr das Backofenfeuer schon angezündet?“

„Nein, noch nicht“, antwortete Shrowl.

Mr. Treverton betrachtete den Brief zum dritten Male, zögerte, riß ihn dann langsam in der Mitte durch und warf die beiden Stücken verächtlich seinem Diener zu.

„Zündet das Feuer sofort an“, sagte er. „Und wenn Ihr Papier braucht, so ist hier welches. Halt“, setzte er hinzu, nachdem Shrowl den zerrissenen Brief aufgehoben hatte. „Wenn morgen jemand kommt, um die Antwort zu verlangen, so sagt ihm, ich hätte Euch den Brief gegeben, um das Feuer damit anzuzünden, und dies wäre meine Antwort.“

Mit diesen Worten kehrte Mr. Treverton an die Mühle zurück und begann mit boshaftem, schadenfrohen Lächeln sie wieder zu drehen.

Shrowl begab sich in die Küche, schloß die Tür, legte die zerrissenen Stücke des Briefes nebeneinander auf den Anrichtetisch und begann ganz kaltblütig und gelassen den Brief zu lesen.

Als er dies langsam und sorgfältig von der Adresse bis zu der Unterschrift getan, kratzte er sich eine Weile nachdenklich in seinem zottigen, vernachlässigten Barte, faltete dann den Brief sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche.

„Ich will ihn mir später noch einmal ansehen“, dachte er bei sich selbst, indem er ein Stück von einer alten Zeitung abriß, um das Feuer damit anzuzünden. „Ich glaube, es läßt sich mit diesem Briefe doch noch etwas Besseres tun, als ihn verbrennen.“

Fest entschlossen, den Brief nicht eher wieder aus der Tasche zu nehmen, als bis alle häuslichen Verrichtungen für diesen Tag gehörig besorgt wären, zündete Shrowl das Feuer an, buk im Laufe des Vormittags das Brot und begann dann geduldig im Gemüsegarten zu graben.

So ward es vier Uhr nachmittags, ehe er sich berechtigt glaubte, an seine Privatangelegenheiten zu denken und sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um den Brief im Geheimen noch einmal durchzulesen.

Diese zweite Lektüre des unglücklichen Gesuchs des Doktor Chennery an Mr. Treverton bestärkte Shrowl in seinem Entschluß, den Brief nicht zu vernichten.

Mit großer Mühe und Ausdauer und fortwährend sich im Barte kratzend, unterschied er endlich drei Hauptpunkte in diesem Brief, die nach seiner Ansicht von hervorragender Wichtigkeit waren.

Der erste dieser drei Hauptpunkte war, daß die Person, welche sich mit dem Namen Robert Chennery unterzeichnet, einen Plan oder gedruckten Bericht über die nördliche Seite der innern Räume eines gewissen alten Schlosses in Cornwall, Porthgenna Tower genannt, zu Rate zu ziehen wünschte.

Der zweite Punkt schien sich dahin aufzulösen, daß Robert Chennery glaubte, es sei ein solcher Plan oder gedruckter Bericht vielleicht unter der Mr. Treverton gehörenden Büchersammlung zu finden.

Der dritte Punkt war, daß dieser Robert Chennery das Darleihen eines solchen Planes oder gedruckten Berichts als eine der größten Gefälligkeiten betrachten würde, die ihm erwiesen werden könnten.

Über die letztere Tatsache nachdenkend und sein Augenmerk ausschließlich auf Betrachtung seines eigenen Interesses richtend, gelangte Shrowl zu dem Schlusse, daß es wohl in pekuniärer Beziehung der Mühe verlohnen könne, wenn er sich in den Stand zu setzen suchte, Robert Chennery die gewünschte Gefälligkeit zu erzeigen, indem er heimlich unter den Büchern seines Herrn nachsuchte.

„Es könnte mir wohl eine Fünfpfundnote eintragen, wenn ich die Sache gut besorge“, dachte Shrowl, steckte den Brief wieder in die Tasche und ging nachdenklich die Treppe hinauf nach den Rumpelkammern oben unter dem Dache.

Diese Gemächer waren zwei an der Zahl, ohne alle Möbels und mit der Büchersammlung, die einst die Bibliothek von Porthgenna Tower geschmückt, angefüllt. Mit Staub bedeckt und nach allen Richtungen hin auf dem Fußboden umhergestreut, lagen Hunderte von Bänden aus den Packkisten herausgeworfen, wie Kohlen in einem Keller aus den Säcken herausgeworfen werden. Alte wertvolle Exemplare, welche mancher Gelehrte als unbezahlbare Schätze betrachtet hätte, lagen in chaotischer Gleichheit neben modernen Werken, deren Hauptvorzug in ihrem schönen Einband bestand.

In diese Wildnis von umhergestreuten Büchern trat jetzt Shrowl, ermutigt durch die erhabene Geistesgegenwart der Unwissenheit, um entschlossen nach einem besondern Buche zu suchen, ohne ein anderes Licht zu seiner Führung zu haben, als den schwachen Schimmer der beiden Worte „Porthgenna Tower“.

Nachdem er sich dieselben fest eingeprägt, stellte er sich zunächst die Aufgabe, zu suchen, bis er sie auf der ersten Seite eines der hunderte der um ihn herumliegenden Bände gedruckt fände. Dies war für den Augenblick seine wirkliche Lebensaufgabe und er stand nun in der größten der beiden Dachkammern, hartnäckig entschlossen, diese Aufgabe zu lösen.

Er machte sich mit den Füßen so viel freien Raum, daß er sich bequem auf den Fußboden setzen konnte und begann dann alle Bücher, die er erreichen konnte, anzusehen.

Einzelne Bände von seltenen Klassikerausgaben, einzelne Bände der englischen Geschichtsschreiber, einzelne Werke der Dramatiker aus dem Zeitalter der Königin Elisabeth, Reisebeschreibungen, Predigten, Anekdotensammlungen, Bücher über Naturgeschichten, über Jagdwesen u.s.w. folgen rasch in bunter Abwechselung aufeinander, aber kein Buch, auf dessen Titelblatt die Worte „Porthgenna Tower“ gestanden hätten, belohnte während der ersten zehn Minuten, nachdem er sich auf den Boden niedergesetzt, Shrowls fleißiges Suchen.

Ehe er in eine andere Stellung weiterrückte und einen frischen Haufen literarischen Gewühls vornahm, machte er eine Pause und ging mit sich zu Rate, ob es nicht eine bequemere und systematischere Methode als seine bisherige gäbe, um sich durch die zerstreute Masse von Büchern, die noch durchzusehen blieben, hindurchzuarbeiten.

Das Ergebnis seiner Betrachtungen war, daß es für ihn weniger ermüdend sein würde, wenn er alle Bücher in allen Teilen des Gemachs ohne Unterschied vornähme und sich in seiner Auswahl bloß nach ihrem verschiedenen Format richtete. Zuerst wollte er die größten vornehmen, dann, nachdem er diese auf einen Haufen gelegt, die nächstgrößeren und so weiter, bis er endlich bis auf die Taschenausgaben käme. – Demgemäß machte er sich einen zweiten freien Raum in der Nähe der Wand, trampelte dann auf den Büchern so kaltblütig herum, als ob es ebenso viele Erdklöße auf einem gepflügten Felde wären, und suchte von allen Bänden, die auf der Diele lagen, den größten heraus.

Es war ein Atlas, Shrowl wendete die Karten, eine nach der andern um, dachte nach, schüttelte den Kopf und legte den Band dann auf einen leeren Raum, welchen er dicht an der Wand frei gemacht.

Das nächstgrößte Buch war eine prachtvoll gebundene Sammlung in Kupfer gestochener Bildnisse berühmter Männer. Shrowl begrüßte die berühmten Männer mit einem Grunzen vandalischer Mißbilligung und ließ sie dann dem Atlas Gesellschaft leisten.

Das drittgrößte Buch lag unter mehrern andern. Es ragte ein wenig mit der einen Ecke hervor und war in roten Maroquin gebunden. In einer andern Lage, oder wenn es in eine bescheidnere Farbe gebunden gewesen, wäre es höchstwahrscheinlich unbemerkt geblieben. Shrowl zog es mit einiger Mühe hervor, öffnete es mit mißtrauischem Stirnrunzeln, sah das Titelblatt an und klatschte sich plötzlich mit einem lauten triumphierenden Fluche auf den Schenkel.

Hier standen die zwei Worte, die er suchte, und stierten ihm gleichsam mit dem ganzen Nachdruck der größten Anfangsbuchstaben ins Gesicht.

Er horchte einen Augenblick, um sich zu überzeugen, daß sein Herr sich nicht im Hause umherbewege, dann wendete er sich zu dem ersten Blatt des Buches mit der Absicht, es sorgfältig von Anfang bis Ende, Seite für Seite durchzusehen.

Das erste Blatt war ein leeres. Am Rande des zweiten stand mit verblichener Tinte geschrieben: „Selten. Nur sechs Exemplare gedruckt. J. A. T.“

Weiter unten auf der Mitte des Blattes stand die gedruckte Zueignung:

„John Arthur Treverton, Esquire, Herrn und Besitzer des Schlosses Porthgenna, königlichem Friedensrichter, Mitgliede der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zc. zc. zc. ist dieses Werk gewidmet, in welchem ein Versuch gemacht worden, den altertümlichen und geehrten Herrensitz seiner Ahnen zu beschreiben.“

Es standen noch viele Zeilen mehr da, die alle bis zum Überfließen mit den längsten und unterwürfigsten Worten, die in dem Wörterbuche zu finden sind, angefüllt waren; Shrowl aber enthielt sich wohlweislich der Mühe, sie zu lesen, und ging sogleich weiter zu dem nächsten, dem Titelblatt.

Und hier standen wirklich die über alles wichtigen Worte:

„Geschichte der Altertümer von Porthgenna Tower, von der Zeit seiner ersten Erbauung bis auf die Gegenwart, mit interessanten genealogischen Notizen über die Familie Treverton, einer Untersuchung über den Ursprung der gotischen Architektur und einigen Gedanken über die Theorie der Befestigungskunde nach der Eroberung Englands durch die Normannen. Von dem ehrwürdigen Job Dark, Dr. th., Rektor von Porthgenna. Mit sorgfältig ausgeführten Porträts, Ansichten und Grundrissen. Nicht in den Buchhandel gegeben. Gedruckt von Spaldock und Grimes, Truro, 1734.“

Dies war das Titelblatt. Das nächste Blatt enthielt eine gestochene Ansicht von Porthgenna Tower von der Westseite, dann kamen einige Seiten, die dem „Ursprunge der gotischen Architektur“ , dann wieder einige Seiten, welche der normännischen Theorie der Befestigungskunde gewidmet waren. Hierauf folgte abermals eine Abbildung von Porthgenna Tower von der Ostseite. Dann kam wieder Text unter dem Titel: „Die Familie Treverton“ und dann kam die dritte Abbildung – Porthgenna von der Nordseite.

Hier machte Shrowl Halt und betrachtete mit Interesse das Blatt dem Text gegenüber. Es war bloß der Titel einer anderweiten Abteilung Text über die Erbauung des Schlosses und dann folgten Kupferstiche von Familienporträts in der Gemäldegalerie von Porthgenna.

Seinen linken Daum zwischen die Blätter steckend, um die Stelle sogleich wiederfinden zu können, blätterte Shrowl ungeduldig und rasch weiter bis an das Ende des Buches, um zu sehen, was er vielleicht hier fände.

Das letzte Blatt enthielt einen Plan der Pferdeställe, das vorletzte Blatt einen Plan des nördlichen Gartens und auf dem drittletzten zeigte sich gerade das, was in Robert Chennerys Brief erwähnt war – ein Plan oder Grundriß über die innere Einrichtung der nördlichen Seite des Hauses.

Shrowls erster Impuls, als er diese Entdeckung machte, war, das Buch sofort in das sicherste Versteck zu bringen, welches er ausfindig machen könnte, um es dann heimlich zum Verkauf anzubieten, wenn der Bote den nächsten Morgen wiederkäme, um die Antwort auf den Brief zu holen.

Einiges Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß ein derartiges Verfahren eine gefährliche Ähnlichkeit mit einem Diebstahl habe und ihn in Ungelegenheit bringen könnte, wenn die Person, mit welcher er zu tun hätte, es sich einfallen ließe, erst gewisse vorläufige Fragen hinsichtlich seines Rechts auf das Buch, welches er zu verkaufen wünschte, an ihn zu richten.

Die einzige Alternative, wenn er den Gedanken, sich in den Besitz des Buches zu setzen, aufgab, bestand darin, so gut er konnte eine Kopie von dem Plan zu machen und mit diesem als mit einem Dokument zu wuchern, welches die gewissenhafteste Person von der Welt ohne Zögern kaufen konnte.

Nach reiflicher Erwägung beschließend, sich lieber der Mühe, diese Kopie zu fertigen, zu unterziehen, als es auf die Gefahren bei einer Entwendung des Buches ankommen zu lassen, stahl Shrowl sich so leise als möglich in die Küche hinunter, nahm aus einem der Schubfächer des Küchentisches einen alten Stummel von einer Feder, eine Flasche Tinte und einen zerknitterten halben Bogen schmutziges Briefpapier, und kehrte dann hinauf in die Dachkammer zurück, um den Plan so gut er könnte zu kopieren.

Dieser Plan war von der einfachsten Art und nahm bloß einen kleinen Teil der Seite ein, dennoch aber hatte er für Shrowls Augen, als dieser ihn zum zweiten Male besichtigte, ein hoffnungslos verwickeltes und verworrenes Ansehen.

Die Zimmer wurden durch Reihen von kleinen Vierecken angedeutet, in welche die Namen sauber hineingedruckt waren, und die Lage der Treppen, Türen und Korridors war durch Parallellinien von verschiedener Länge und Breite vorgezeichnet. Nach langem Nachdenken, Stirnrunzeln und Bartzupfen fiel es Shrowl ein, daß die bequemste Methode, den Plan zu kopieren, die wäre, wenn er das Briefpapier – welches, obschon kaum halb so groß als das Blatt des Buches, doch groß genug war, um die darauf befindliche Zeichnung zu bedecken – darauflegte und dann die Linien, welche er durch das Papier hindurch sah, mit seiner Feder und seiner Tinte so sorgfältig als möglich nachzeichnete.

Er keuchte, schnaubte und ächzte über seiner Arbeit und ward feuerrot dabei, aber endlich kam er doch damit zu Stande – abgesehen von einigen Mängeln in Gestalt von Klecksen und andern derartigen Unsauberkeiten. Dann hielt er inne, um die Tinte trocknen zu lassen und frei aufzuatmen, ehe er etwas Weiteres zu tun versuchte.

Das nächste Hindernis, welches zu überwinden war, bestand in der Schwierigkeit, die in die Vierecke hineingedruckten Namen der Zimmer zu kopieren. Zum Glück für Shrowl – im Gebrauch der Feder ein ungeheurer Tölpel – waren die Namen sämtlich nicht sehr lang. Trotzdem aber machte es ihm die größte Mühe, sie in hinreichend kleinen Buchstaben abzuschreiben, um nicht mehr Raum zu gebrauchen, als die Vierecke darboten.

Ein Name ganz besonders – der des Myrtenzimmers – bot in dem Worte „Myrthe“ Kombinationen dar, welche seine Geduld und seine Finger, als er sie nachzumalen versuchte, auf eine harte Probe stellten.

Das Ergebnis in diesem Falle war, trotzdem er alles Mögliche aufbot, auch in der Tat selbst in seinen eigenen Augen so unleserlich, daß er das Wort noch einmal mit größeren Buchstaben an den Rand des Blattes schrieb und mittelst einer sehr schwankenden Linie mit dem Viereck in Verbindung brachte, welches das Myrtenzimmer vorstellte.

Derselbe Unfall begegnete ihm auch noch mit zwei anderen Namen und ward auf dieselbe Weise wieder gutgemacht.

Mit den übrigen Namen kam er jedoch besser zu Stande und als er endlich noch den Titel „Plan der Nordseite“ darüber geschrieben hatte, bot seine Kopie im Ganzen genommen ein weit respektableres Ansehen dar, als man zu erwarten berechtigt gewesen wäre.

Nachdem er sich von der Genauigkeit der Kopie durch sorgfältige Vergleichung derselben mit dem Original überzeugt, faltete er sie zugleich mit Doktor Chennerys Brief zusammen und steckte sie, heiser aus erleichtertem Herzen aufkrächzend und mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung, in die Tasche.

Am nächsten Morgen bot die Gartentür des Hauses den Vorübergehenden die gänzlich neue Erscheinung dar, daß sie gastfreundlich ein wenig geöffnet stand, und eine der kahlen Türpfosten genoß die Ehre, durch die Gestalt Shrowls geschmückt zu werden, der ungewzungen, mit gekreuzten Beinen, den Händen in den Taschen und der Pfeife im Munde daran lehnte, um auf die Rückkehr des Boten zu warten, welcher am Tage vorher Doktor Chennerys Brief überbracht hatte.



Kapiteltrenner


Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte