Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Ein tiefes Geheimnis - Dritter Band - Das Myrtenzimmer
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Ein tiefes Geheimnis



Drittes Kapitel

Das Myrtenzimmer

Ein breites, viereckiges Fenster mit kleinen Scheiben und dunkeln Gardinen, unheimliches, gelbes Licht durch den Schmutz eines halben Jahrhunderts schimmernd; reinere, durch die Lücken drei zerbrochener Scheiben quer durch das trübe Licht fallende Strahlen; aufwärts, abwärts fliegender und sich in der stillen Atmosphäre glatt runumdrehender Staub; hohe, kahle, verschossene, rote Wände, verworren durcheinander stehende Stühle, schiefgestellte Tische; ein hoher, schwarzer Bücherschrank mit einer nur noch halb in den Angeln hängenden offenstehenden Tür; ein Fußgestell mit einer in Bruchstücken daneben liegenden Büste, eine mit Schmutzflecken besäte Decke, ein von Staub weißbestreuter Fußboden – dies war der Anblick des Myrtenzimmers, als Rosamunde, ihren Gatten bei der Hand führend, es zum ersten Male betrat.

Nachdem sie die Schwelle überschritten, ging sie langsam einige Schritte weiter und blieb dann stehen. Jeder ihrer Sinne stand gleichsam Wache, jede ihrer geistigen Fähigkeiten war bis zum höchsten Gipfel der Spannung emporgeschraubt.

So wartete sie in der ominösen Stille, in der öden, schauerlichen Einsamkeit auf das unbestimmte Etwas, welches das Zimmer enthalten, welches sichtbar vor ihr auftauchen, welches hörbar neben ihr erklingen, was sie von oben, von unten, von jeder Seite plötzlich berühren konnte.

Eine Minute oder noch länger wartete sie atemlos, aber nichts erschien, nichts erklang, nichts berührte sie. Das Schweigen und die Einsamkeit hatten ihr Geheimnis zu hüten und sie hüteten es gut.

Rosamunde sah sich nach ihrem Gatten um. Sein zu andern Zeiten so ruhig und gefaßtes Gesicht gab jetzt Zweifel und Unruhe zu erkennen. Seine freie Hand war ausgestreckt und bewegte sich vorwärts und rückwärts, auf und ab, in dem vergeblichen Versuche, etwas zu berühren, was ihn in den Stand setzen könnte, die Stellung zu erraten, in welche er versetzt war.

Sein Ansehen und seine Gebärde, während er so in dieser neuen und seltsamen Sphäre stand, die stumme Ansprache, die er so wehmütig und so unbewußt an die liebende Hilfe seines Weibes erhob, gab Rosamunde ihre Selbstbeherrschung wieder, indem ihr Herz dadurch zu dem höchsten Interesse, was die Welt für sie besaß, zu der heiligsten aller ihrer Pflichten zurückgerufen ward.

Ihre nur erst den Augenblick zuvor so mißtrauisch auf den unheimlichen Anblick der Vernachlässigung und des Verfalls, der sie hier umgab, gehefteten Augen wendeten sich wieder liebend dem Antlitz ihres Gatten zu, strahlend von dem unergründlichen Glanze des Mitleids und der Liebe. Sie neigte sich rasch zu ihm, faßte seinen ausgestreckten Arm und drückte ihn an ihre Seite.

„Tue das nicht, Lenny“, sagte sie sanft, „ich sehe es nicht gern. Es sieht aus, als ob du vergessen hättest, daß ich bei dir bin – als ob du allein und hilflos wärest. Was brauchst du deinen Gefühlssinn, wenn du mich hast? Hörtest du mich die Tür öffnen, Lenny? Weißt du, daß wir im Myrtenzimmer sind?“

„Was sahst du, Rosamunde, als du die Tür öffnetest? Was siehst du jetzt?“

Er tat diese Fragen rasch und begierig flüsternd.

„Nichts als Schmutz, Staub und Verödung. Das einsamste Moorland in Cornwall sieht nicht so einsam aus wie dieses Zimmer, aber es ist nichts zu bemerken, was uns Befürchtungen einflößen könnte; außer unserer eigenen Phantasie ist nichts da, was den Gedanken an irgendeine Gefahr erweckte.“

„Weshalb schwiegst du so lange, ehe du mich anredetest, Rosamunde?“

„Ich fürchtete mich so sehr, als ich die Schwelle dieses Zimmers betrat – nicht sowohl über das, was ich sah, als vielmehr vor meinen eigenen wunderlichen Gedanken, was ich sehen könnte. Ich war so kindisch, zu glauben, es könne etwas aus den Wänden hervortreten, oder aus dem Fußboden auftauchen – was aber, das weiß ich nicht. Diese Furcht habe ich nun überwunden, Lenny; dennoch aber fühlte ich noch ein gewisses Mißtrauen gegen das Zimmer. Fühlst du es auch?“

„Allerdings fühle ich so etwas“, entgegnete er unruhig. „Es ist mir, als ob die Nacht, die stets meine Augen umschwebt, an diesem Orte schwärzer wäre, als an einem andern. Wo stehen wir jetzt?“

„Dicht vor der Tür.“

„Sieht der Fußboden aus als ob er ohne Gefahr betreten werden könnte?“

Er untersuchte ihn argwöhnisch mit dem Fuße, asl er diese Frage stellte.

„Er scheint ganz sicher zu sein“, entgegnete Rosamunde. „Er würde nicht die Möbel tragen, die darauf stehen, wenn er so verfault wäre, daß das Betreten Gefahr brächte. Komm mit mir über das Zimmer und versuche es.“

Mit diesen Worten führte sie ihn langsam nach dem Fenster.

„Jetzt ist es mit, als wäre mir die Luft näher“, sagte er, indem er sein Gesicht nach der niedrigsten der zerbrochenen Fensterscheiben herabneigte. „Was ist jetzt vor uns?“

Sie sagte es ihm, indem sie genau die Größe und das Aussehen des Fensters beschrieb.

Er wendete sich gleichgültig davon ab, als ob dieser Teil des Zimmers kein Interesse für ihn hätte.

Rosamunde weilte noch in der Nähe des Fensters, um zu versuchen, ob sie einen Hauch von der äußern Atmosphäre fühlen könnte. Es herrschte augenblickliches Schweigen, welches endlich von ihrem Gatten unterbrochen ward.

„Was machst du jetzt?“ fragte er ängstlich.

„Ich schaue zu einer der zerbrochenen Glasscheiben hinaus und versuche etwas Luft zu schöpfen“, antwortete Rosamunde. „Der Schatten dieses Hauses ist unter mir und ruht auf dem einsamen Garten, aber es steigt keine Kühle davon herauf. Ich sehe das lange Unkraut und Gestrüpp gerade und still emporragen und die wilden Blumen verflechten sich schwerfällig damit. Es steht ein Baum in meiner Nähe und die Blätter sehen aus, als ob sie aller Bewegung beraubt wären. Weiterhin links sieht man ein Stück weißes Meer und braunen Sand in der gelben Sonnenglut zittern. Wolken sind nicht da, aber auch kein blauer Himmel. Der Nebel erstickt den Glanz des Sonnenlichts und läßt nichts hindurch, als das Feuer desselben. Es schwebt etwas Drohendes am Himmel und die Erde scheint es zu wissen.“

„Aber das Zimmer? Das Zimmer?“ sagte Leonard, indem er sie vom Fenster hinwegzog. „Laß die Aussicht sein wie sie will; sage mir, wie das Zimmer aussieht – ganz genau. Ich kann mich um deinetwillen nicht eher beruhigen, Rosamunde, als bis du mir alles genau so beschreibst, wie es ist.“

„Mein guter Lenny, du weißt, du kannst mit Gewißheit darauf rechnen, daß ich dir alles beschreibe. Ich bin bloß zweifelhaft, wo ich beginnen soll und wie ich zuerst das erwähne, was nach deiner Meinung das Wichtigste sein würde. Hier an der Wand steht eine alte Ottomane – an der Wand, wo das Fenster ist. Ich will meine Schürze nehmen und sie ein wenig abstäuben, dann kannst du dich darauf niedersetzen und bequem zuhören, während ich dir erzähle, bevor wir an etwas anderes denken. Vor allen Dingen muß ich dir wohl begreiflich machen, wie groß das Zimmer ist?“

„Ja, das ist das erste. Siehe zu, ob du es mit einem Zimmer vergleichen kannst, welches ich genau gekannt habe, ehe ich das Augenlicht verlor.“

Rosamunde schauete vorwärts und rückwärts von einer Wand zur andern. Dann ging sie bis an den Kamin und langsam durch das ganze Zimmer der Länge nach, indem sie die Schritte zählte. Mit fast zimperlicher Regelmäßigkeit und kindischer Befriedigung, während sie auf die roten Rosetten ihrer Morgenschuhe herabblickte, schritt sie über den staubigen Boden und hielt ihr helles Musselinkleid empor, um es nicht zu beschmutzen, sodaß die schöne Stickerei ihres Unterrocks und die glänzenden Strümpfe sichtbar wurden, wleche an ihre kleinen Füße und Knöchel anschlossen wie eine zweite Haut.

So bewegte sie sich durch den öden Verfall dieser Umgebung, als der reizendste lebende Gegensatz, den Jugend, Gesundheit und Schönheit darbieten konnten.

Am Ende des Zimmers angelangt, dachte sie ein wenig nach und sagte dann zu ihrem Gatten:

„Entsinnst du dich noch des blauen Besuchzimmers in dem Hause des Vaters in Long Beckley, Lenny? Ich glaube, dieses Zimmer ist ebenso groß, wo nicht etwas größer.“

„Wie sehen die Wände aus?“ fragte Leonard, indem er, während er sprach, die Hand hinter sich an die Wand legte. „Sie sind mit Papier tapeziert, nicht wahr?“

„Ja, mit verschossenem roten Papier, ausgenommen auf einer Seite, wo einzelne Streifen abgerissen und auf die Diele geworfen sind. Die Wände sind auch ringsum  mit Holz getäfelt. Dieses ist an vielen Stellen geborsten und hat Löcher, welche von Ratten und Mäusen herzurühren scheinen.“

„Hängen Bilder an den Wänden?“

„Nein. Über dem Kamin hängt ein leerer Rahmen. Gegenüber – ich meine gerade über der Stelle, wo ich jetzt stehe – hängt in der Mitte ein kleiner zersprungener Spiegel mit zerbrochenen Armen, die zu beiden Seiten hervorragen und die Dienste von Leuchtern zu verrichten bestimmt sind. Wieder über diesem befindet sich ein Hirschkopf mit Geweih; ein Teil des Gesichts ist heruntergefallen und zwischen dem Geweih hängt ein vollständiges Labyrinth von Spinnweben. An den anderen Wänden gibt es große Nägel, von welchen ebenfalls mit Schmutz behaftete Spinnweben herabhängen, Bilder aber nirgends. Nun weißt du genau, wie die Wände aussehen. Was soll ich zunächst beschreiben? Den Fußboden?“

„Ich glaube, wie es mit diesem steht, haben mir meine Füße schon gesagt, Rosamunde.“

„Sie können dir gesagt haben, daß er kahl ist, lieber Lenny, aber ich kann dir mehr sagen. Er ist von allen Seiten her nach der Mitte abschüssig. Er ist dick mit Staub bedeckt, welcher – wahrscheinlich durch den durch die zerbrochenen Scheiben hereinblasenden Wind – zu seltsamen federartigen Gestalten zusammengeweht ist, welche die darunter befindliche Diele gänzlich verbergen, Lenny, wie wenn nun diese Bretter an irgendeiner Stelle aufgehoben werden können? Wenn wir heute nichts entdecken, wollen wir sie morgen reinfegen lassen. Mittlerweile muß ich wohl in meiner Schilderung des Zimmers weiter fortfahren, nicht wahr? Die Größe desselben kennst du, ebenso wie das Fenster ist, wie die Wände sind und wie der Fußboden aussieht. Willst du noch etwas anderes wissen, ehe wir auf die Möbel kommen? Ach ja, die Decke – denn diese vervollständigt sozusagen die Schale des Zimmers. Viel kann ich davon nicht sehen – sie ist gar so hoch. Es befinden sich an derselben große Risse und Flecken von einem Ende bis zum andern und der Kalk ist an vielen Stellen abgeblättert. Die Verzierung in der Mitte scheint aus abwechselnden Reihen von kleinen Gipsranken und großen Gipsquadraten zu bestehen. Zwei Endchen Kette hängen von der Mitte herab und haben wahrscheinlich früher einen Kronleuchter getragen. Der Sims ist so modrig, daß ich kaum sagen kann, was für ein Muster er vorstellt. Er ist sehr breit und plump und sieht an einigen Stellen aus, als ob er früher bemalt gewesen wäre; das ist aber alles, was ich davon sagen kann. Glaubst du nun von dem ganzen Zimmer eine richtige Vorstellung zu haben, Lenny?“

„Jawohl, liebe Rosamunde. Ich habe nun in meinem Geiste dasselbe klare Bild davon, was du mir stets von allem gibst, was du siehst. Du brauchst nicht noch mehr Zeit an mich zu verschwenden. Du kannst dich nun dem Zwecke widmen, wegen dessen wir hierhergekommen sind.“

Bei diesen letzten Worten schwand das Lächeln, welches auf Rosamundes Antlitz dämmerte, als ihr Gatte sie anredete, augenblicklich wieder davon hinweg. Sie stahl sich dicht an seine Seite, neigte sich über ihn, legte ihren Arm auf seine Schulter und sagte in leisem, flüsterndem Tone:

„Als wir das Zimmer auf der andern Seite des Vorplatzes öffnen ließen, begannen wir damit, daß wir das Meublement untersuchten. Wir glaubten – wenn du dich noch erinnerst – daß das Geheimnis des Myrtenzimmers mit versteckten Wertsachen zusammenhinge, welche gestohlen worden, oder mit versteckten Papieren, welche hätten vernichtet werden sollen, oder mit verborgenen Flecken und Spuren eines Verbrechens, das vielleicht durch einen Stuhl oder einen Tisch verraten werden könnte. Wollen wir die Möbel hier auch untersuchen?“

„Sind deren viele da, Rosamunde?“

„Mehr als in dem andern Zimmer waren“, antwortete sie.

„Mehr als du während eines Vormittags untersuchen kannst?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Nun dann beginne mit den Möbeln, wenn du nichts Besseres vorzuschlagen weißt. Ich bin in einer solchen Krisis ein sehr hilfloser Ratgeber; ich muß die Verantwortlichkeit der Hauptsache nach immer auf deinen Schultern ruhen lassen. Dein sind die Augen, welche sehen, und dein sind die Hände, welche suchen, und wenn das Geheimnis des Grundes, welchen Mistreß Jazeph hatte, dich vor dem Betreten dieses Zimmers zu warnen, duch Nachsuchen in diesem Zimmer zu finden ist, so weißt du es zu finden.“

„Und du wirst es erfahren, Lenny, sobald es gefunden ist. Ich mag dich nicht sprechen hören, Geliebter, als ob ein Unterschied zwischen uns bestünde, oder als ob meine Stellung etwas vor der deinigen voraus hätte. Jetzt laß mich sehen. Womit soll ich beginnen? Mit dem hohen Bücherschranke dem Fenster gegenüber? Oder dem alten Schreibtisch in der Wandvertiefung hinter dem Kamin? Dies sind die beiden größten Möbel, welche ich in dem Zimmer sehen kann.“

„Beginne mit dem Bücherschranke, liebe Rosamunde, da du diesen zuerst bemerkt zu haben scheinst.“

Rosamunde näherte sich dem Bücherschrank um einige Schritte – blieb dann stehen und blickte plötzlich seitwärts nach dem untern Ende des Zimmers.

„Lenny! Ich habe etwas vergessen, als ich dir die Wände beschrieb“, sagte sie. „Es sind außer der Tür, durch welche wir in dieses Zimmer getreten sind, noch zwei andere da. Sie befinden sich beide in der Wand rechts, wenn ich mit dem Rücken nach dem Fenster zu stehe. Jede ist gleich weit von der Ecke entfernt und jede ist von derselben Größe und demselben Aussehen. Glaubst du, daß wir sie öffnen und sehen sollen, wohin sie führen?“

„Allerdings. Aber stecken denn die Schlüssel in den Schlössern?“

Rosamunde ging näher an die Türen hin und antwortete bejahend.

„Nun, dann öffne sie“, sagte Leonard. „Doch halt, nicht allein. Nimm mich mit. Ich mag nicht hier sitzen bleiben und dich diese Türen allein öffnen lassen.“

Rosamunde kehrte nach der Stelle zurück, wo Leonard saß, und führte ihn dann nach der Tür, welche von dem Fenster am weitesten entfernt war.

„Wie, wenn sich nun auf einmal ein furchtbarer Anblick dahinter darböte!“ sagte sie ein wenig zitternd, indem sie die Hand nach dem Schlüssel ausstreckte.

„Nimm lieber an – was auch viel wahrscheinlicher ist – daß sie bloß in ein anderes Zimmer führt“, meinte Leonard.

Rosamunde stieß plötzlich die Tür weit auf.

Ihr Gatte hatte recht. Sie führte bloß in das Nebenzimmer.

Nun gingen sie weiter nach der zweiten Tür.

„Kann diese denselben Zweck haben wie die erste?“ sagte Rosamunde, indem sie langsam und mißtrauisch den Schlüssel umdrehte.

Sie öffnete sie wie sie die erste Tür geöffnet, steckte einen Augenblick den Kopf hinein, zog ihn schaudernd wieder zurück und machte die Tür mit einem schwachen Ausruf des Ekels heftig wieder zu.

„Erschrick nicht, Lenny“, sagte sie, indem sie ihn rasch hinwegführte. „Die Tür führt bloß in einen großen, leeren Wandschrank. Aber es kriechen eine Menge abscheuliche braune Tiere an der inwendigen Wand herum. Ich habe sie wieder in ihre Finsternis und Ungestörtheit eingeschlossen und ich will dich nun wieder auf deinen Platz zurückführen, ehe wir nun zunächst untersuchen, was der Bücherschrank enthält.“

Da die Tür des obern Teils des Bücherschranks offen war und nur noch halb in ihren Angeln hing, so war die Leere der Brettgestelle des Schrankes auf der einen Seite sofort sichtbar. Die andere Tür zeigte, als Rosamunde sie aufriß, genau denselben Anblick von Kahlheit und Leere. Auf jedem Brette lag dieselbe Anhäufung von Schmutz und Staub, ohne eine Spur von einem Buch, ohne auch nur einen Fetzen Papier, der in irgendeiner Ecke das Auge angezogen hätte.

Der untere Teil des Bücherschranks bestand aus drei verschlossenen Abteilungen. An der Tür einer derselben stak noch der rostige Schlüssel im Schlosse.

Rosamunde drehte ihn mit einiger Mühe um und schaute in das Behältnis hinein. Im Hintergrunde desselben lag ein Pack braunter und schmutziger Spielkarten umhergestreut. Ein Stück Musselin lag daneben und erwies sich, als Rosamunde es auseinanderzog, als das Überbleibsel von der Halskrause eines Geistlichen. In der einen Ecke fand sie einen zerbrochenen Korkenzieher und den Haspel einer Angelrute; in einer andern einige Stummel von Tabakspfeifen, einige alte Medizinflaschen und ein zerknittertes Liederbuch.

Dies war alles, was in diesem Behältnis vorzufinden war.

Nachdem Rosamunde jeden dieser Gegenstände ganz genau so wie sie ihn fand, ihrem Gatten beschrieben, wendete sie sich zu dem zweiten Behältnis.

Als sie die Tür versuchte, ergab sich, daß dieselbe nicht verschlossen war. Als sie hineinschaute, entdeckte sie darin nichts als einige Stücke schwarzgewordenes, baumwollenes Garn und die Überreste von einem Juwelenpackkästchen.

Die dritte Tür war verschlossen, der rostige Schlüssel des ersten Behältnisses öffnete auch diese. Im Innern befand sich bloß ein Gegenstand – eine kleine hölzerne Schachtel, mit Bindfaden umschnürt, dessen beide Enden durch ein Siegel befestigt waren. Rosamundes schon ermattende Aufmerksamkeit ward durch diese Entdeckung sofort wieder angespornt.

Sie beschrieb die Schachtel ihrem Gatten und fragte, ob er glaube, daß sie das Recht habe, das Siegel zu erbrechen.

„Steht nichts auf dem Deckel geschrieben?“ fragte er.

Rosamunde trug die Schachtel an das Fenster, blies den Staub von dem Deckel hinweg und las auf einem darauf genagelten Pergamente: „Papiere, John Arthur Treverton, 1760.“

„Ich glaube, du kannst die Verantwortung auf dich nehmen und das Siegel erbrechen“, sagte Leonard. „Wenn diese Papiere von Bedeutung für die Familie wären, so hätten sie dein Vater und sein Testamentsvollstrecker sicherlich nicht in einem Bücherschranke stehen lassen.“

Rosamunde erbrach das Siegel und sah dann zweifelhaft ihren Gatten an, ehe sie das Kistchen öffnete.

„Ich glaube, es ist schade um die Zeit, wenn ich mir erst die Mühe nehmen, hineinzuschauen“, sagte sie. „Wie kann eine Kiste, die seit 1760 nicht geöffnet worden, uns das Geheimnis des Myrtenzimmers und der rätselhaften Mistreß Jazeph entdecken helfen?“

„Aber wissen wir denn, ob sie seit jener Zeit nicht geöffnet worden?“ sagte Leonard. „Kann der Bindfaden und das Siegel nicht erst in neuerer Zeit darum gelegt worden sein? Du wirst dies am besten beurteilen können, denn du kannst sehen, ob an dem Bindfaden oder dem Siegel irgend etwas wahrzunehmen ist, woraus man einen Schluß ziehen könnte.“

„Auf dem Siegel, Lenny, ist weiter nichts zu sehen, als ein Vergißmeinnicht in der Mitte. Ebenso sehe ich weder auf der einen noch auf der andern Seite des Bindfadens irgendein schriftliches Zeichen. Jeder beliebige Mensch hätte die Kiste schon vor mir öffnen können“, fuhr sie fort, indem sie den Deckel bequem mit den Händen aufzog, „denn das Schloß ist kein Schutz dagegen. Das Holz des Deckels ist so verfault, daß ich das Mittelstück herausgezogen habe und das übrige in dem Schloß steckengeblieben ist.“

Als sie die Kiste näher untersuchte, fand sie, daß dieselbe mit Papieren angefüllt war. Auf dem zu oberst liegenden Paket standen die Worte geschrieben: „Ausgaben bei der Wahl. Vier Stimmen verschafften mir den Sieg. Jede kostete 50 Pfund. J. A. Treverton.“

Die nächste Schicht Papiere hatte keine Überschrift. Rosamunde öffnete sie und las auf dem ersten Blatt: „Geburtstags-Hymne. Dem Mäcenas unserer Zeit in seiner poetischen Zurückgezogenheit zu Porthgenna ehrerbietigst gewidmet.“

Unter diesem Geistesprodukt zeigte sich eine Sammlung von alten Rechnungen, alten Einladungskarten, alten Rezepten und alten Blättern von Wettbüchern mit einem Stück Peitschenschnur zusammengebunden.

Zuletzt, auf dem Boden der Kiste, lag ein einziges dünnes Blatt Papier, dessen sichtbare Seite vollkommen leer war. Rosamunde ergriff es, drehte es um und sah auf der andern Seite einige schwache, mit Tinte gezogene Linien, die sich nach verschiedenen Richtungen durchkreuzten und an gewissen Stellen mit Buchstaben des Alphabets versehen waren.

Rosamunde setzte ihren Gatten von dem Inhalte aller übrigen Papiere natürlich in Kenntnis und als sie ihm dieses letzte Papier beschrieben, erklärte er ihr, daß die Linien und Buchstaben ein mathematisches Problem darstellten.

„Der Bücherschrank sagt uns nichts“, bemerkte Rosamunde, indem sie die Papiere langsam wieder in die Kiste legte. „Wollen wir es nun mit dem Schreibetisch an dem Kamin versuchen?“

„Wie sieht er aus, Rosamunde?“

„Er hat zu beiden Seiten abwärts zwei Reihen von Schubfächern und der ganze obere Teil ist sonderbar altmodisch und so geformt, daß er eine schräge Fläche bildet wie ein sehr großer Schreibepult.“

„Geht der obere Teil auf?“

Rosamunde näherte sich dem Tisch, betrachtete ihn genau und versuchte dann das Blatt aufzuheben.

„Ja, es muß aufgehen, denn ich sehe das Schlüsselloch“, sagte sie. „Aber es ist verschlossen. Und die Schubfächer“, fuhr sie fort, indem sie eins nach dem andern probierte, „sind ebenfalls alle verschlossen.“

„Steckt kein Schlüssel in einem derselben?“ fragte Leonard.

„Nicht eine Spur. Das Blatt greift sich aber so locker an, daß ich wirklich glaube, man könnte es aufsprengen, gerade so wie ich die kleine Kiste aufsprengte – freilich aber müßte es durch ein Paar stärkere Hände geschehen, als deren ich mich rühmen kann. Ich will dich an den Tisch führen, Lenny; vielleicht weicht er deiner Kraft.“

Sie legte Leonards Hände sorgfältig unter den Vorsprung, der durch die überragende Platte des Tisches gebildet ward. Er bot seine ganze Kraft auf, aber das Holz war diesmal gesund und fest, das Schloß hielt und alle seine Bemühungen waren vergebens.

„Müssen wir einen Schlosser holen?“ fragte Rosamunde mit einem Blick getäuschter Erwartungen.

„Wenn der Tisch von einigem Wert ist, so müssen wir dies“, entgegnete Leonard. „Ist dies nicht der Fall, so werden sich das Blatt und die Schubfächer mit Hilfe eines Hammers und eines Schraubenziehers leicht öffnen lassen.“

„Dann wollte ich, wir hätten diese Werkzeuge gleich mit zur Stelle gebracht, denn der einzige Wert des Tisches liegt in den Geheimnissen, die er uns vielleicht verbirgt. Ich habe eher keine Ruhe, als bis wir wissen, was darin steckt.“

Indem sie diese Worte sagte, faßte sie ihren Gatten bei der Hand, um ihn wieder nach seinem Platze auf dem Sofa zurückzuführen. Als sie an dem Kamin vorbeikamen, trat er auf den nackten steinernen Herd und da er auf diese Weise eine neue Substanz unter den Füßen fühlte, so streckte er instinktmäßig die Hand aus, die er frei hatte.

Er berührte eine Marmortafel mit halb erhabener Bildhauerarbeit, die in die Mitte des Kaminsimses eingesetzt war.

Er blieb sofort stehen und fragte, was für ein Gegenstand es sei, den seine Finger zufällig berührt hätten.

„Es ist ein steinernes Bildwerk“, sagte Rosamunde. „Ich hatte vorher nicht darauf geachtet. Es ist sehr groß und nicht besonders anziehend, wenigstens nicht nach meinem Geschmack. Insoweit ich es beurteile, stellt es –“

Leonard unterbrach sie, ehe sie weitersprechen konnte.

„Laß mich einmal versuchen, ob ich selbst ermitteln kann, was es vorstellt“, sagte er ein wenig ungeduldig. „Ich will einmal mit meinen Fingern probieren, ob ich erraten kann, was der Gegenstand dieser Bildhauerarbeit ist.“

Er fuhr mit den Händen langsam und sorgfältig über das Basrelief, während Rosamunde jede seiner Bewegungen mit stummer Aufmerksamkeit verfolgte, überlegte ein wenig und sagte:

„Ist in der rechten Ecke nicht die sitzende Figur eines Mannes, und sind nicht höher oben links etwas plump ausgeführte Felsen und Bäume zu sehen?“

Rosamunde sah ihn zärtlich an und lächelte.

„Mein armer guter Lenny!“ sagte sie. „Dein sitzender Mann ist in der Wirklichkeit eine verkleinerte Kopie der berühmten alten Statue der Niobe und ihres Kindes; deine Felsen sind marmorne Nachahmungen von Wolken und deine plump ausgeführten Bäume sind Pfeile, welche von der Hand eines unsichtbaren Jupiter oder Apollo oder irgendeines andern heidnischen Gottes abgeschossen werden. Ach, Lenny, Lenny, du kannst auf deinen Gefühlssinn nicht so bauen wie du auf mich bauen kannst.“

Ein augenblicklicher Schatten des Verdrusses flog über sein Gesicht, verschwand aber sofort, als Rosamunde seine Hand ergriff, um ihn wieder auf seinen Platz zurückzuführen. Er zog sie sanft an sich und küßte sie auf die Wange.

„Du hast recht, Rosamunde“, sagte er. „Der einzige zuverlässige Freund in meiner Blindheit, der mir niemals untreu wird, ist mein Weib.“

Da Rosamunde ihn wehmütig gestimmt sah und mit dem Scharfblick der Liebe eines Weibes fühlte, daß er an die Zeit dachte, wo er noch das Glück des Augenlichts genossen, so kehrte sie, sobald sie ihn wieder auf der Ottomane hatte Platz nehmen lassen, zu der Aufgabe zurück, welche sie in das Myrtenzimmer geführt hatte.

„Wo soll ich nun suchen, lieber Lenny?“ fragte sie. „Den Bücherschrank haben wir untersucht. Mit dem Untersuchen des Schreibtisches müssen wir warten. Was gibt es sonst noch hier, was ein Schubfach oder sonst ein verschlossenes Behältnis hätte?“

Sie sah sich verlegen um und ging dann nach dem Teile des Zimmers, welcher ihre Aufmerksamkeit zuletzt angezogen – dem Teile, wo der Kamin sich befand.

„Ich glaubte hier etwas zu bemerken, Lenny, als ich eben mit dir vorbeiging“, sagte sie, indem sie sich der zweiten Vertiefung hinter dem Kaminsims näherte, welche ganz der entsprach, in welcher der Schreibtisch stand.

Sie schaute hinein und entdeckte in einer Ecke, die durch den Schatten des dicken, hervorragenden Kaminsimses dunkel gemacht ward, einen schmalen, wackligen, kleinen Tisch aus dem ordinärsten Mahagoni gefertigt – das gebrechlichste, armseligste und am wenigsten in die Augen fallende Möbel im ganzen Zimmer.

Mit dem Fuße schob sie es verächtlich in das Licht. Es bewegte sich auf plumpen, altmodischen Rollen und knarrte träg, während es geschoben ward.

„Lenny, ich habe noch einen Tisch gefunden“, sagte Rosamunde, „ein elendes, erbärmliches, kleines Ding, welches halb unsichtbar in einem Winkel stand. Ich habe es soeben ins Licht geschoben und ein Schubfach daran entdeckt.“

Sie schwieg und versuchte das Schubfach zu öffnen, aber es leistete Widerstand.

„Wieder ein Schloß!“ rief sie ungeduldig. „Selbst dieses erbärmliche Ding ist gegen uns!“

Sie schob den Tisch mit der Hand heftig fort. Er schwankte auf seinen gebrechlichen Beinen, taumelte, und fiel auf den Fußboden – so schwerfällig als ob er zwei Mal so groß gewesen wäre – mit einem Schlage, der durch das Zimmer dröhnte und von dem Echo der einsamen nördlichen Halle mehrmals zurückgegeben ward.

Rosamunde eilte, als sie ihren Gatten erschrocken von seinem Platze emporfahren sah, auf ihn zu und erzählte ihm, was geschehen sei.

„Du nanntest den Tisch einen kleinen“, entgegnete er erstaunt; „er fiel ja aber wie eines der größten Möbel im Zimmer.“

„Ganz gewiß muß etwas Schweres in dem Schubfache sein“, sagte Rosamunde, indem sie sich noch ganz aufgeregt durch den unnatürlichen schweren Fall des Tisches demselben wieder näherte. Nachdem sie eine Weile gewartet, um dem Staub, der durch den Fall von dem Fußboden emporgewirbelt worden, und der noch in dicken trägen Wolken über dem Tische schwebte, Zeit zu lassen, sich zu zerstreuen, bückte sie sich und sah den Tisch näher an. Er war oben an dem Blatt von einem Ende bis zum andern geborsten und das Schloß durch den Fall von seiner Befestigung losgerissen.

Rosamunde setzte den Tisch sorgfältig wieder in die Höhe, zog den Schubkasten heraus und wendete sich, nachdem sie einen Blick auf den Inhalt geworfen, zu ihrem Gatten.

„Ich dachte es gleich“, sagte sie. „Ich wußte, daß etwas Schweres in dem Schubkasten liegen müsse. Er ist mit einer Menge Kupfererzen angefüllt, gleich jenen in der Sammlung, die sich mein Vater von den verschiedenen Gesteinarten des Porthgenna-Schachtes angelegt hatte, Lenny, weißt du noch? Doch warte; ich glaube, ich fühle dahinten, so weit ich mit meiner Hand reichen kann, noch etwas Anderes.“

Sie zog unter den Erzklumpen, die in dem hintern Teile des Schubfaches lagen, hervor einen kleinen, runden Bilderrahmen von schwarzem Holz, ungefähr von der Größe eines gewöhnlichen Handspiegels. Er lag mit der Vorderseite nach unten und die Fläche innerhalb des runden Rahmens war mit einem dünnen Brett ausgefüllt, von der Gattung, die man gewöhnlich zu Hinterseiten von kleinen Rahmen verwendet, um die Bilder darin festzuhalten.

Dieses Brettchen, welches auf der Hinterseite des Rahmens nur mit einem einzigen Nagel befestigt war, hatte der Sturz des Tisches wahrscheinlich aus seiner Lage gebracht, und als Rosamunde den Rahmen aus dem Schubfache herausnahm, bemerkte sie zwischen dem Rahmen und dem verschobenen Ende ein Stück Papier, welches, wie es schien, viele Mal zusammengebrochen war, um den kleinstmöglichen Raum einzunehmen.

Sie zog das Papier heraus, legte es beiseite auf den Tisch, ohne es auseinanderzufalten, brachte das Brettchen wieder in die geeignete Lage und drehte dann den Rahmen herum, um zu sehen, ob auf der Vorderseite sich ein Bild darin befände.

Allerdings war ein Bild da – ein Bild in Ölfarben gemalt und vom Alter etwas dunkel gemacht, aber nicht sehr verblichen. Es stellte den Kopf einer Dame und die Gestalt derselben bis auf den Busen vor.

Sobald als Rosamundes Augen darauf fielen, schauderte sie und eilte mit dem Bilde in der Hand sofort auf ihren Gatten zu.

„Nun, was hast du jetzt gefunden?“ fragte er, als ob er sie sich ihm nähern hörte.

„Ein Bild“, antwortete sie leise, indem sie stehenblieb, um es wieder anzusehen.

Leonards leises Ohr bemerkte sofort die Veränderung in ihrer Stimme.

„Hat das Bild etwas, was dich beunruhigt?“ fragte er halb im Scherz, halb im Ernst.

„Allerdings hate es etwas Auffälliges – etwas, was mich, so heiß auch der Tag ist, für den Augenblick wie Frost durchschauert“, entgegnete Rosamunde. „Entsinnst du dich noch der Schilderung, welche Betsey uns am Abend unserer Ankunft von dem Gespenst der nördlichen Zimmer machte?“

„Ja, ich erinnere mich noch vollkommen.“

„Lenny, diese Beschreibung paßt ganz genau auf dieses Bild. Hier ist das gekräuselte hellbraune Haar. Hier ist das Grübchen auf jeder Wange. Hier sind die weißen, regelmäßigen Zähne. Hier ist die lauernde, frivole verhängnisvolle Schönheit, welche das Mädchen zu beschreiben suchte und auch wirklich beschrieb, indem sie sagte, dieselbe sei grauenhaft.“

Leonard lächelte.

„Deine lebhafte Phantasie ergeht sich zuweilen in seltsamen Vorstellungen“, sagte er ruhig.

„Meine Phantasie?“ wiederholte Rosamunde bei sich selbst. „Wie kann von Phantasie die Rede sein, wenn ich das Gesicht wirklich hier vor mir sehe. Wie kann es Phantasie sein, wenn ich fühle –“

Sie schwieg, schauderte wieder und kehrte schnell an den Tisch zurück, auf welchen sie das Bild mit dem Gesicht abwärts niederlegte. Indem sie dies tat, fiel ihr wieder das zusammengefaltete Papier, welches sie aus dem Hinterteil des Rahmens herausgenommen, ins Auge.

„Vielleicht finde ich hier einigen Aufschluß über dieses Bild“, sagte sie, indem sie die Hand nach dem Papier ausstreckte.

Es war jetzt ziemlich Mittag. Die Hitze lastete schwerer auf der Luft und die Stille aller Dinge war banger als je, als Rosamunde das Papier von dem Tische nahm und auseinanderfaltete.


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