Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Eine Ehestandstragödie - Eine Ehestandstragödie - Gesamter Text
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Eine Ehestandstragödie



Es hatte Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag geregnet Am Freitag Morgen brach ein matter Sonnenschein durchs Gewölk, aber schon gegen 9 Uhr bezog sich der Himmel wieder und eine halbe Stunde später strömte der Regen mit derselben einförmigen Beharrlichkeit hernieder, wie die Tage vorher.

Ich war in Verzweiflung!

Das Schicksal hatte mich seit acht Tagen in das kleine englische Seebad verschlagen und ich hatte noch nichts von dem Orte und der ihn umgebenden Scenerie gesehen — nichts als den grauen Himmel, ein Stück nassen gelben Sand, das ich vom Fenster meines Gasthauses überblicken konnte, und die schwer nieder rauschenden Tropfen. — Heute beschloß ich, dem Wetter zum Trotz dennoch eine Promenade zu machen. Ich nahm meinen Regenmantel um, setzte eine Glanztuchmütze auf und begab mich hinunter zum Wirth meines Hotels.

»Ich habe jetzt vier Tage auf das Wetter gewartet,« sagte ich, »jetzt will ich nicht länger Geduld haben. Verschaffen Sie mir ein Reitpferd oder einen Wagen und so sagen Sie mir, nach welcher Richtung ich reiten oder fahren muß, um einmal etwas Anderes zu erblicken, als jenes langweilige Stück Düne und den noch langweiligeren Streifen grauen Wassers dahinter, der hier zu Lande See bedeutet.«

Der Wirth, ein freundlicher, behäbiger Mann, lachte, aber er versprach mir, sein eigenes Pferd und seinen Wagen in einigen Minuten zur Disposition zu stellen, wenn ich bei diesem Wetter durchaus hinaus müßte.

»Wohin kann ich aber fahren?« fragte ich. »Giebt es nicht einen oder den andern sehenswerthen Punkt in der Nähe?«

»Nein, Herr« lautete die trostlose Antwort; »dergleichen giebt es hierum nicht.« »Nun so giebt es doch vielleicht irgend ein, altes Haus, eine Kirche, ein Schloß, einen Park oder etwas Aehnliches in der Nachbarschaft, was sich besehen läßt?« fragte ich mit der Hartnäckigkeit der Verzweiflung.

Das Gesicht des Wirthes wurde nachdenklich.

»Der einzige größere Familiensitz in der Nähe ist Darrock-Hall,« sagte er, nachdem er eine Weile mit den Fransen der Fenstergardine gespielt hatte, »und dieser ist längst nicht mehr bewohnt.«

»Also vielleicht eine interessante Ruine, oder ein sonst merkwürdiges altes Schloß!« rief ich erfreut. »Ich interessiere mich für dergleichen. Bestellen Sie den Wagen und geben Sie mir Jemand mit, der den Weg kennt.«

»Sie würden sich in Ihren Erwartungen getäuscht sehen,« entgegnete der Wirth, indem er ernst, beinahe finster den Kopf schüttelte. »Darrock-Hall ist weder ein schönes, noch alterthümliches Gebäude. Sie würden nichts finden, als ein uninteressantes, viereckiges steinernes Haus, das kaum hundert Jahre alt sein mag. Außerdem ist die Besitzung, wie ich hörte, neuerlich von einem Londoner Industriellen angekauft und zu einer Fabrik eingerichtet werden.«

»Nun, wenn sonst nichts dort zu sehen ist, so kann ich wenigstens die neuen Fabrikanlagen besichtigen,« erwiderte ich entschlossen. »Es ist ja auch bei diesem Wetter ganz gleichgültig, wohin ich gehe —— aber hinaus in die Luft muß ich. Wie weit ist Darrock-Hall von hier?«

»Etwa elf Meilen; aber der Weg ist schwer zu finden,« sagte der Wirth.

»Haben Sie Niemand, der mir als Führer dienen könnte ?« fragte ich.

»Von meinen Leuten weiß Niemand den Weg« entgegnete er. »Ich müßte selbst mitfahren —— aber...

»Aber Sie wollen sich nicht der Gefahr aussetzen, tüchtig naß zu werden,« fiel ich ihm ins Wort, als er sichtlich verlegen schwieg.

»Nein,« entgegnete er, »das ist’s nicht. Ich fürchte mich eben nicht vor ein wenig Regenwasser und bin bereit, mit Ihnen zu fahren, wenn Sie es wünschen, aber —— aufrichtig gestanden —— ich wüßte nicht, wohin ich weniger gern ginge, als gerade nach Darrock-Hall.«

»Warum das?« fragte ich neugierig.

»Es ist eine alte Geschichte, Herr,« erwiderte der Mann finster. »Als ich jung war, habe ich in Darrock-Hall in Dienst gestanden und es kamen damals Dinge vor, an die man sich ungern erinnern licht. Es war eine häßliche Sache und ich war mit hinein verwickelt.«

Diese Worte erregten meine Neugier und eben war ich im Begriff, weiter zu fragen, als der Wirth, der wohl auf meinem Gesicht das Interesse wahrgenommen hatte, das seine Andeutungen wach riefen, von selbst fortfuhr:

»Sie dürfen nicht glauben, daß es Dinge sind, deren ich mich zu schämen habe,« sagte er. »Im Gegentheil, die Sache schlug zu meinem Vortheil aus, ja wäre sie nicht passirt, ich hätte wohl kaum die Mittel gehabt, das Gasthaus zu kaufen, als dessen Besitzer Sie mich jetzt sehen.«

»Handelt es sich um ein Geheimniß ?« fragte ich, »und darf ich ohne eine Indiscretion zu begehen, um die Mittheilung der Geschichte bitten?«

»Ein Geheimniß ist’s nicht,« entgegnete der Wirth. »Die Sache kam damals schon in die Oeffentlichkeit und ist jetzt gar kein Grund mehr, sie zu verheimlichen, denn von allen Menschen, die damit zu thun hatten, leben nur noch zwei, ich und eine andere Person, die sich jetzt in London aufhält. Aber es ist eine lange Geschichte, Herr!.«

»Desto besser,« entgegnete ich. »Wenn Sie mir dieselbe erzählen, so gebe ich meine Fahrt nach Darrock-Hall auf und bleibe hier !«

»Der Wirth fühlte sich von dieser letzten Versicherung augenscheinlich erleichtert. Er setzte für mich und sich selbst bequeme Stuhle zurecht und nach den üblichen Eingangsphrasen begann er seine Erzählung, die ich so viel als möglich mit seinen eigenen Worten wiedergebe. . . . .

Ich war noch ein sehr junger Mensch, als ich meine erste Stelle als Diener in einem herrschaftlichen Hause einnahm, aber ich hatte mit diesem ersten Platze kein Glück. Der Herr des Hauses machte Bankrott, die Dienerschaft verlor, wie alle anderen Gläubiger, einen Theil ihrer Forderungen, und als ich das Haus verließ, trug ich eigentlich keinen andern Gewinn davon, als den, alle Obliegenheiten meines Berufs aus dem Fundament kennen gelernt zu haben.

Desto angenehmer und einträglicher war mein zweiter Platz. Ich hatte das Glück, in den Dienst von Herr und Frau Norcross zu treten, in dem ich auch bis zu dem Zeitpunkte blieb, wo ich dies Hotel kaufte und mein eigener Herr wurde.

Herr Norcross war ein reicher Mann. Außer Darrockhouse und den Ländereien, die es umgeben, besaß er auch eine umfängliche Besitzung in Yorkshire und bedeutende Ländereien in Jamaica, die damals ein ungeheures Einkommen abwarfen. In Westindien hatte Herr Norcross auch seine Frau kennen lernen, die dort bei einer englischen Familie als Gouvernante lebte. Sie war sehr schön, er hatte eine heftige Leidenschaft für sie gefaßt und sie geheirathet, obwohl sie sie fünfundzwanzig Jahre jünger war, als er. Bald nach der Vermählung kehrte das Ehepaar nach England zurück und ich hatte, wie schon gesagt, das Glück, als Diener in dem Hause einzutreten.

Nach drei Jahren starb Herr Norcross, ohne Kinder zu hinterlassen. Er hatte seine Frau sehr geliebt und wünschte ihr auch nach seinem Tode eine möglichst unabhängige Stellung zu sichern, deshalb hatte er letztwillige Verfügungen getroffen, nach welchen der jungen Wittwe sein ganzes Vermögen zufiel. Für den Fall, daß sie sich wieder verheirathete, sollten ihre Kinder die Erben sein; verheirathete sie sich nicht, oder blieb ihre spätere Ehe kinderlos, so fiel das Vermögen nach ihrem Tode an die Verwandten des Erblassers zurück.

Meine Stellung wurde durch den Tod meines Herrn nicht verändert. Frau Norcross behielt mich im Dienst, denn ich hatte ihren verstorbenen Gemahl in der letzten Krankheit verpflegt und dadurch einen Anspruch auf ihre Gunst erworben. Außer mir behielt sie von der frühen Dienerschaft nur ihre Kammerfrau, eine Französin, Namens Josephine. Offen gestanden, begriff ich die Vorliebe nicht, die meine Herrin für diese Person hatte, deren unstäte, stechende Augen mir von vornherein ein Mißtrauen einflößten, das sich späterhin nur als zu gerechtfertigt erweisen sollte. Indessen will ich meiner Geschichte nicht vorgreifen, sondern die Dinge in der Ordnung zu erzählen versuchen, wie sie passirt sind.

Kurze Zeit nach dem Tode meines Herrn machte Frau Norcross eine Reise nach dem Continent, bei welcher Josephine und ich sie begleiteten. Wir besuchten unter andern Paris, Genua, Florenz, Rom und Neapel. In einigen dieser Städte blieben wir mehrere Monate und es fehlte meiner Lady nirgends an Gesellschaft. Die Kunde ihres Reichthums begleitete sie und so konnte es nicht fehlen, daß man sich beeiferte, ihr von allen Seiten entgegen zu kommen, daß namentlich die junge Männerwelt sie umschwärmte und sich bei ihr einzuschmeicheln suchte. Indessen schien keiner der Bewerber einen Eindruck auf ihr Herz zu machen, und als wir nach einer Abwesenheit von zwei Jahren nach England zurückkehrten, war Madame noch immer Wittwe und schien auch nicht die mindeste Lust zu haben, ihren Stand zu verändern.

Zuerst gingen wir nun nach der Besitzung in Yorkshire, wo sich meine Herrin indessen wenig zu gefallen schien. Wir kehrten deshalb nach Darrock-Hall zurück und knüpften hier mit der Nachbarschaft einen sehr lebhaften, geselligen Verkehr an, den Frau Norcross, so lange sie an ihren kränklichen Mann gefesselt war, entbehrt hatte.

Bei ihrem Besuche in einer befreundeten Familie war es nun, wo sie damals einen jungen Mann kennen lernte, welcher den sehr wenig interessanten Namen James Smith trug. Er war sein großer, schöner, junger Mensch mit langem, glänzend schwarzem Haar und dem dunkelsten, dichtesten Backenbart, den ich je gesehen habe. Dazu hatte er einen kühnen, beinahe herausfordernden Blick, und dies und seine vorlaute, kecke Art zu sprechen, machten ihn zu einer ziemlich auffallenden Persönlichkeit. Herr Smith war, wie ich von seinem Diener hörte, ohne Vermögen, aber er gehörte einer bekannten, guten Familie an und war Gentleman sowohl durch Geburt, wie durch Erziehung. —— Was meine Herrin an diesem Manne besonders gefiel, weiß ich nicht zu sagen, aber als sie beim Abschiede ihre Freunde einlud, sie zu besuchen, war Herr Smith bei dieser Einladung mit inbegriffen.

Wir hatten damals eine lustige, heitere Zeit in Darrock-Hall und namentlich schien der fremde junge Mann sich bei uns sehr zu gefallen und sich ganz wie daheim zu fühlen. Ich war erstaunt über den vertraulichen Ton, in. welchem Frau Norcross mit ihm verkehrte und machte in der Stille meine Bemerkungen darüber —— dennoch traf es mich unerwartet und wie, ein Donnerschlag, als ich nach einigen Monaten hörte, daß sie sich Herrn Smith verlobt habe und sich demnächst mit ihm verheirathen würde. Ich konnte mir anfänglich gar nicht denken, daß sie zu diesem unbesonnenem, nicht selten brutalen Manne, der keinen Pfennig besaß, heruntersteigen sollte.

Dennoch wurde die Heirath kurze Zeit darauf geschlossen und nachdem die Neuvermählten mehrere Wochen aus einer Hochzeitsreise zugebracht hatten, nahmen sie ihren bleibenden Aufenthalt in Darrock-Hall.

Ich wunderte mich darüber im Anfange, denn Darrock-Hall war ein einsamer, beinahe düsterer Ort, der zu Herrn Smiths heiteren, geselligen Gewohnheiten und zu seiner Ruhelosigkeit sehr wenig paßte, aber ich kam bald dahinter, daß es die Lage der Besitzung, d. h. die Nähe eines Seehafens war, die ihn zu dieser Wahl bestimmt hatte. Er kannte fast nur eine Leidenschaft und das war die, in einer Yacht auf dem Meere zu segeln. Alle anderen Amüsements, wie z. B. Musik, Lectüre u. s. w. waren ihm dagegen völlig gleichgültig. Auf dem Wasser zu fahren, schien ihm ein so über Alles gehendes Vergnügen, daß ich fast auf die Vermuthung gerieth, er habe meine Herrin nur geheirathet, um das zum Ankauf eines eigenen Fahrzeuges nöthige Geld in die Hände zu bekommen.

Sei dem indessen, wie ihm wolle; Thatsache ist, daß er bald nach seiner Verheirathung seine Frau aufforderte, ihm eine hübsche Yacht zu kaufen, die gerade damals im Hafen lag. Frau Norcross, oder wie sie jetzt hieß, Frau Smith, zeigte anfänglich wenig Lust, auf seinen Wunsch einzugehen. Sie selbst fand wenig oder gar kein Vergnügen an dieser Art von Sport, denn sie litt sehr von der Seekrankheit, und da sie ihren Mann liebte, so konnte es ihr nicht gleichgültig sein, wenn er sich einem Amüsement hingab, an dem sie nicht theilnehmen konnte, das ihn also fern von ihr hielt. Dennoch setzte ihr Gatte seinen Wunsch durch. Er versprach, niemals ohne ihre Einwilligung zu reisen und niemals länger als acht oder zehn Tage auszubleiben, und schließlich ließ sich meine Herrin, die das gütigste, uneigennützigste Wesen von der Welt war, überreden, ihm das Fahrzeug zu kaufen.

Während nun Herr Smith seinem Vergnügen nachging, verlebte seine Frau sehr stille Tage in Darrock-Hall. Die Nachbarn, mit denen sie in geselligem Verkehr stand, wohnten größtentheils so entfernt, daß sie dieselben nur sah, wenn sie von ihnen auf mehrere Tage eingeladen wurde, oder sie zu sich einlud, und in dem nahe gelegenen Dorfe gab es nur einen einzigen Menschen, den Frau Smith in ihrem Hause sehen konnte, nämlich den Geistlichen.

Herr Meeke, so nannte sich der Prediger, war ein sehr eigenthümlicher Mensch. Er war noch sehr jung, fühlte sich sehr einsam in seiner Stellung hatte ein sanftes, melancholisches Gesicht und war schüchtern, wie ein Mädchen. Im Ganzen war er ein armer, schwächlicher Mensch und der schlechteste Redner, den ich je gehört habe. Das einzige, wozu er Geschick zeigte, war die Musik. Er spielte sehr gut Violine und dies Talent war es namentlich, was ihn meiner Herrin werth machte. Sie spielte selbst ausgezeichnet Pianoforte und war hoch erfreut, in Herrn Meeke Jemand gefunden zu haben, der sie accompagnirte und neue Compositionen mit ihr übte. In ihrer Einsamkeit war er allerdings ein Schatz für sie und der junge Geistliche fühlte sich, nachdem er seine anfängliche Schüchternheit überwunden hatte, in dem schönen Musiksalon von Darrock-Hall und in Gesellschaft einer so liebenswürdigen und zugleich gütigen Dame nur zu glücklich.

So kam es, daß meine Herrin und Herr Meeke während der Abwesenheit Herrn Smiths sehr viel zusammen waren und mit einander musicirten. Es war das harmloseste, unschuldigste Verhältniß unter der Sonne , aber trotz seiner Harmlosigkeit sollte es die Veranlassung zu all dem Unheil geben, das späterhin hereinbrach.

Herr Smith hatte den armen kleinen Prediger von vornherein ganz anders behandelt, als seine Frau. Der unruhige, heftige, laute Mann fand den stillen , schwachen, weibischen Geistlichen sehr wenig nach seinem Geschmack und gab sich keine Mühe, dies zu verbergen. Herr Meeke hingegen fürchtete sich offenbar vor der heftigen Sprache und den rauhen Manieren des Schloßherrn und so war es kein Wunder, daß er vorzog zukommen, wenn er die Gewißheit hatte, Frau Smith allein zu treffen. Meine Herrin dachte dabei nichts Böses, sonst würde sie wohl Sorge getragen haben, daß ihr Gemahl, wenn er entweder von einem längeren Spazierritt oder einer mehrtägigen Wasserparthie nach Hause zurückkehrte, nicht so oft den jungen Geistlichen bei ihr angetroffen hätte, wie es in der That geschah.

Herr Smith schien die Sache anfänglich spaßhaft zu finden und begnügte sich mit einigen nicht eben zarten Witzen über den unzertrennlichen Gesellschafter seiner Frau, bald aber nahm seine Stimmung eine andere Färbung an. Er zeigte sich finster und ärgerlich, wenn er Herrn Meeke in Darrock-Hall antraf und machte schließlich kein Geheimniß daraus, daß er eifersüchtig war. Er sagte das allerdings nicht mit klaren Worten, aber er zeigte den Zustand seines Innern so deutlich, daß seine Gattin sich nicht darüber täuschen konnte.

Frau Smith gehörte indessen zu jenen Frauen, die sich von denen, die sie lieben und achten, sehr leicht leiten und, lenken lassen, die sich aber gegen jede Ungerechtigkeit, gegen Druck und Tyrannei mit großer Festigkeit auflehnen und vertheidigen, Die bloße Vermuthung, daß ihr Mann einen entehrenden Verdacht hegen könnte, brachte sie in Feuer und Flamme, und sie wählte das für eine Frau natürlichste, aber in diesem Falle verderblichste Mittel, um einen solchen Verdacht zurück zu weisen. Je rauher sich ihr Gemahl Herrn Meeke gegenüber zeigte, desto gütiger begegnete sie ihm. Dies führte natürlich zu ernsten Auseinandersetzungen und schließlich zu einem heftigen Zank, dessen unfreiwilliger Zeuge ich war, denn er fand im Garten, dicht vor den Fenstern des Speisesaales statt, wo ich eben beschäftigt war, den Frühstückstisch zu decken.

Ich will, was ich hörte, nicht Wort für Wort wiederholen. Um die Heftigkeit der Scene und die beiderseitige Erbitterung. zu schildern, wird es genügen, wenn ich sage, daß Frau Smith ihrem Manne vorwarf, er habe sie nur Geldes wegen geheirathet und halte sich nun so viel als möglich fern von ihr, während er sie zugleich mit einem Verdacht verfolge, der zu nichtswürdig sei, als daß eine ehrenhafte Frau ihn je vergessen und vergeben könne. Er antwortete mit gleicher Heftigkeit und verbot ihr in der entschiedensten Weise, jemals Herrn Meeke wieder zu empfangen.

Frau Smith dagegen erklärte, daß sie sich der tyrannischen Laune eines Mannes niemals fügen werde, namentlich dann nicht, wenn er ihr befehle, einen achtungswerthen Geistlichen zu insultiren, indem sie ihm ihr Haus verschließe.

Herr Smith antwortete darauf mit einem entsetzlichen Fluche, befahl, sogleich sein Pferd zu satteln und sagte, daß er nicht eine Minute länger mit ihr unter demselben Dache bleiben wolle, daß er aber sie und alle ihre Schritte sorgfältig bewachen lassen werde und daß er, wenn Herr Meeke die Schwelle des Hauses noch ein Mal überschreite, zurückkommen und ihn mit der Hundepeitsche hinaus peitschen wolle, trotz seines schwarzen Stockes. Mt diesen Worten ging er, schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, um sich auf seine Yacht zu begeben. Frau Smith behielt ihre Fassung, bis er ihr aus dem Gesicht entschwunden war, dann brach sie in krampfhaftes Weinen aus und einige Stunden später lag sie im heftigsten Fieber zu Bett.

An demselben Abende brachte ein Bote das Pferd des Herrn nach Darrock-Hall zurück und übergab mir einen an mich adressirten Zettel von seiner Hand. Derselbe enthielt nur die Worte: »Packen Sie meine Kleider und übergeben Sie dieselben dem Ueberbringer. Frau Smith mögen Sie sagen, daß ich heute Nacht um 11 Uhr absegele, um eine Reise nach Schweden anzutreten. Meine Briefe sind mir poste restante Stockholm nachzusenden.«

Ich erfüllte diese Befehle, soweit ich konnte, d. h. bis auf denjenigen Theil, welcher sich auf meine Herrin bezog. Man hatte nämlich für sie nach dem Arzte geschickt und dieser befand sich im Hause, als der Zettel ankam. Ich fragte ihn, ob ich Frau Smith die erhaltene Nachricht mittheilen solle, aber er verbot mir streng, ihr etwas davon zu sagen und nahm mir schließlich das Papier ab, um seine Patientin am andern Morgen selbst von der Sache zu unterrichten.

Herrn Smiths Bote hatte kaum seit einer Stunde das Haus verlassen, als die Haushälterin des Predigers ankam, um eine Rolle Noten zu bringen. Ich erzählte der Frau von meines Herrn Abreise und dem Erkranken der Lady, und kaum hatte Herr Meeke diese Nachricht empfangen, als er in großer Eile und Bestürzung in das Schloß kam, um sich zu erkundigen, was vorgefallen sei.

Da er allein die obwohl unschuldige Ursache "der unglücklichen Scene war, die am Vormittag stattgefunden hatte, so konnte ich ein ärgerliches Gefühl gegen ihn nicht unterdrücken, und dies veranlaßte mich, die Grenzen meiner Pflicht zu überschreiten und ihm die ganze Wahrheit mitzutheilen. Der arme, schwache, junge Mann wurde anfänglich dunkelroth im Gesicht, dann grau wie Asche und endlich fiel er hilflos wie ein Kind in einen Stuhl, rang die weißen, zitternden Hände und rief im trostlosesten Tone: »O William sagen Sie mir, was ich in dieser unglücklichen Sache thun kann.«

»Da Sie mich fragen, Herr,« entgegnete ich, »so werden Sie es nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen meine offene Meinung sage. Ich kenne meine Stelle gut genug, um zu wissen, daß ich ein Unrecht begangen habe, indem ich Sie von den heutigen Vorfällen und vom Stande der Dinge hier im Hause unterrichtete. Ich habe gethan, was nicht meines Amtes ist, aber glauben Sie mir, Herr, ich würde für meine Herrin durch Feuer und Wasser gehen. Unglücklicher Weise hat sie weder Freunde noch Verwandte hier, die mit Ihnen sprechen könnten, und so muß ich es thun, auf die Gefahr hin, für einen Unverschämten gehalten zu werden. Was ich an Ihrer Stelle thun würde, Herr, ist leicht gesagt,« fuhr ich fort. »Statt zu jammern, würde ich nach Hause gehen und sogleich an Herrn James Smith schreiben, daß ich als Christ und Geistlicher nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern ihm beweisen wolle, wie unwürdig und ungerecht sein Verdacht gewesen, indem ich lieber aufhören würde, sein Haus zu besuchen, als daß ich Veranlassung eines Zwistes zwischen Mann und Frau gäbe. Wenn Sie das in Ihre Sprache übersetzen und in einer halben Stunde den Brief fertig haben wollen,« fügte ich hinzu, »so werde ich das schnellste Pferd gesattelt halten, und mache mich verbindlich, meinem Herrn den Brief noch vor seiner Abreise zu übergeben. Das ist Alles, was ich in der Sache rathen möchte. Außerdem habe ich nur um Entschuldigung zu bitten, daß ich einen Augenblick aus meiner Stellung als Diener des Hauses heraustrat und zu Ihnen sprach, wie ein Mann zum andern.«

Ich muß zu Herrn Meekes Lobe gestehen, daß er ein Herz hatte, obgleich es kein großes gewesen sein mag. Er schüttelte mir die Hand und sagte, daß er mir für mein offenes Wort dankbar wäre und daß er meinen Rath wie den eines Freundes befolgen werde. Damit ging er nach dem Pfarrhause, um den Brief zu schreiben.

Eine halbe Stunde später hielt ich zu Pferde vor seiner Thür, um den Brief abzuholen, aber er war nicht fertig. Herr Meeke war eben so unschlüssig und ängstlich, wenn er eine Zeile schreiben sollte, wie er sich im persönlichen Verkehr zeigte. Ich fand ihn inmitten einer Menge halb beschriebener und wieder bei Seite gelegter Blätter in Verzweiflung. Es wollte ihm keine Phrase zart und delicat genug erscheinen — aber die Zeit drängte und ich bat ihn, sich zu beeilen, bis endlich nach Verlauf einer andern halben Stunde ein passender Brief zu Stande kam. Ich schwang mich sogleich damit auf’s Pferd und jagte mit verhängtem Zügel davon.

Trotz meiner Eile schlug es indessen ein Viertel auf Zwölf, als ich den Hafen erreichte, und keine Yacht war mehr zu sehen. Sie hatte, wie ich auf mein Befragen erfuhr, zehn Minuten vor Elf die Anker gelichtet und mit dem Glockenschlage den Hafen verlassen Ich wollte dem Fahrzeuge sogleich mit einem Boote folgen und versuchen, es einzuholen, aber es wehte eine frische Brise durch die sternhelle Nacht, und die Schiffer lachten mich aus, als ich davon sprach, eine schnell segelnde Yacht, die mit Wind und Flut steuerte und eine Viertelstunde Vorsprung hatte, mit einem Ruderboote einzuholen.

Mit schwerem Herzen kehrte ich um, und Alles, was mir zu thun übrig blieb, war, den Brief nach Stockholm zu senden.

Am nächsten Morgen zeigte der Arzt meiner Herrin den Streifen Papier, welcher die Nachricht von Herrn Smiths Abreise enthielt, und eine Stunde später kam ein Brief von Herrn Meeke, worin dieser ihr mittheilte, daß er von Allem unterrichtet sei, und deshalb auf die Ehre verzichten müsse, Darrock-Hall zu besuchen. Mich erwähnte er, wie ich späterhin aus der Lady eigenem Munde erfuhr, mit großem Lobe, als eines treuen, rechtschaffenen Mannes, der ein gutes Wort zur rechten Zeit gesprochen habe.

Die Nachricht von der Abreise ihres Mannes brachte auf Frau Smith übrigens nicht die Wirkung hervor, die der Arzt gefürchtet hatte. Anstatt Kummer und Sorge zeigte sie nur Zorn und Aerger. Wenn ich sie recht beurtheile, so war ihr Stolz tief verletzt durch die Art und Weise, in welcher ihr Gatte die Botschaft von einer beabsichtigten Reise ihr zugehen ließ, und in dieser Stimmung mußte der Brief Herrn Meekes sie nur noch mehr irritiren. Sie bestand darauf, aufzustehen, und kaum war sie angezogen und aus ihrem Zimmer heruntergekommen, als sie mich rufen ließ, um ihren ganzen Zorn über mich, auszuschütten. Sie nannte mich einen Unverschämtem der sich unberufener Weise in die Verhältnisse seiner Herrschaft gemischt habe und kündigte mir an, daß sie mich deshalb aus ihrem Dienste entlassen werde.

Ich sagte zu meiner Vertheidigung kein Wort, denn ich wußte, welche Kränkung ihr widerfahren und kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß sie die harten Worte bereuen und zurück nehmen würde, sobald die erste Aufregung vorüber war. Die Folge zeigte auch, daß ich recht hatte. Sie ließ mich noch an demselben Abend zu sich rufen, bat mich, ihr die heftigen Worte zu vergeben, die sie am Morgen gesprochen, und zeigte sich so gütig und sanft, daß man ihr die schwersten Beleidigungen hätte verzeihen müssen.

Wochen vergingen nach dieser Scene, ohne daß ein Brief von Herrn Smith eingetroffen wäre, und meine Herrin, die sich über dies Verhalten ihres Mannes mehr zu ärgern, als zu grämen schien, reiste endlich nach London, um sich mit Freunden, die ihr nahe standen, zu berathen. Als sie in ihrem Reisewagen durch das Dorf fuhr, hielt sie am Pfarrhause an, stieg aus und ging hinein, um Herrn Meeke Lebewohl zu sagen. Sie hatte seinen ersten Brief beantwortet —— er hatte ihr darauf wieder geschrieben und sie ihm ebenfalls. Auch in der Kirche hatte Frau Smith den Prediger jeden Sonntag gesehen und ihn gewöhnlich nach Beendigung des Gottesdienstes gesprochen —— einen Besuch in seinem Hause aber machte sie ihm an diesem Tage zum ersten Male. Als der Wagen hielt, stürzte Herr Meeke eilig und in sichtlicher Aufregung herbei, um eigenhändig das Gartenthor zu öffnen.

»Erschrecken Sie nicht, Herr Meeke,« sagte die Lady, als sie ausstieg. »Wenn Sie gelobt haben, nicht mehr nach Darrock-Hall zu kommen, so habe ich mich doch nicht verpflichtet, das Pfarrhaus zu meiden.« Mit diesen Worten trat sie in das Haus.

Die französische Kammerzofe, Josephine, saß mit mir im Dienersitz des Wagens und ich sah, wie ein häßliches Lächeln über ihr Gesicht flog, als die Lady mit dem Prediger über die Schwelle trat —— und so fern von aller Schuld ich auch meine Herrin und Herrn Meeke wußte, so beklagte ich doch in diesem Augenblicke, daß sie in der Situation, in der sie sich nun einmal befand, nicht auch den leisesten Schein zu meiden suchte. Sie hatte, wenn es weiter nichts war, doch ihrer Dienerin Veranlassung zu respectwidrigen Gedanken gegeben und wer konnte wissen, wie viel Uebles daraus entstand.

Eine halbe Stunde später befanden wir uns auf dem Wege nach London, wo Frau Smith zwei Monate blieb, ohne daß sie etwas von ihrem Manne hörte. Nach Verlauf dieser Zeit kehrten wir nach Darrock-Hall zurück, aber auch hier hatte Niemand Nachricht von ihm oder seiner Yacht erhalten.

Sechs lange Wochen vergingen nun wieder und aus dieser Zeit erinnere ich mich nur eines Vorfalles, der die Stille und Monotonie unseres einsamen Lebens unterbrach.

Eines Morgens nämlich erschien Josephine, nachdem sie ihre Lady angekleidet, todtenbleich in der Küche. Nur die eine Wange zeigte einen brennend rothen Fleck. Ich fragte, was ihr begegnet wäre.

»Was mir begegnet ist?« entgegnete sie mit schriller Stimme in ihrem gebrochenen Englisch »Was mir begegnet ist? Nun sehen Sie gefälligst meine Wange an, Monsieur William. Sollten Sie so lange in Frau Smiths Dienste gestanden haben und das Zeichen ihrer Hand nicht kennen?«

Ich verstand einen Augenblick nicht, was sie meinte, aber sie hatte es mir bald erklärt. Meine Herrin, die seit dem Zwiste mit ihrem Manne und den Demüthigungen, die er ihr bereitete nicht selten aufgeregt und verstimmt war, hatte diesen Morgen ihrer übeln Laune die Zügel mehr als gewöhnlich schießen lassen. Sie war auf die Frage ihrer Dienerin, wie sie die Nacht zugebracht, in Klagen über ihr elendes Dasein ausgebrochen. Josephine hatte, um ihre Lady zu erheitern, ungeschickter Weise eine leichte scherzhafte Anspielung auf Herrn Meeke gemacht, und darüber war Frau Smith in so heftigen Zorn gerathen, daß sie sich nach ihr umgedreht und ihr eine Ohrfeige gegeben hatte. Josephine gestand, die Lady habe gleich, nachdem dies geschehen, auch eingesehen, daß sie sich eines unpassenden Mittels bedient, um eine ungeschickte Vertraulichkeit zurück zu weisen. Sie hatte ihre Heftigkeit sofort bedauert und der Beleidigten ein halbes Dutzend Battisttücher geschenkt, um sie die Sache vergessen zu machen.

Ich sprach meine Hoffnung aus, daß Josephine ihrer sonst so gütigen Herrin, der sie seit mehreren Jahren diente, den Vorfall nicht nachtragen würde.

»Ich ihr etwas nachtragen?« rief sie in ihrer harten schnippischen Weise. »Wie sollte ich das, Giebt sie mir mit der einen Hand einen Schlag, so reicht sie mir mit der andern ein halbes Dutzend seine Taschentücher als Schmerzensgeld —— die gute, liebe Dame. Wie könnte ich ihr zornig sein!« «Dabei warf sie mir einen Blick zu —— es war der boshafteste Blick, den ich je gesehen, brach in ein häßliches Gelächter aus und ging davon.

Sie hat später nicht mehr von dem Vorfalle gesprochen und es schien wirklich, als hätte sie ihn vergessen, aber ich bemerkte doch seit der Zeit eine Veränderung in ihrem Wesen. Sie erfüllte zwar alle ihre Pflichten eben so sorgsam wie früher, that ihre Arbeiten mit derselben Accuratesse, aber sie war stiller als sonst und zog sich mehr vom Verkehr mit der übrigen Dienerschaft zurück. Sie that nichts, was mich berechtigt hätte, ihr zu mißtrauen, oder meine Herrin zu warnen, aber ich wurde das Gefühl nicht los, daß es besser gewesen wäre, Frau Smith hätte Josephinen zu dem halben Dutzend Taschentüchern noch einen Monatslohn gegeben und hätte sie selbigen Abend aus dem Hause geschickt.

Außer diesem kleinen häuslichen Vorfalle, der damals sehr unbedeutend erschien, obgleich er so ernste Folgen haben sollte, passirte in den sechs Wochen nichts Ungewöhnliches —— zu Anfang der siebenten wurde endlich die Einförmigkeit unseres Lebens unterbrochen.

Der Postbote brachte einen an meine Herrin adressirten Brief. Ich trug ihn ihr in das Frühstückszimmer und dabei fiel mir das Aeußere desselben auf. Die Adresse war offenbar von ungeübter Hand geschrieben. Das Couvert war schmutzig und mit einer Oblate verklebt. »Ein Bettelbrief,« dachte ich in meinem Gedanken, als ich ihn meiner Lady übergab.

Sie nahm das Schreiben in Empfang und hob die Hand auf zum Zeichen, daß sie mir einen Befehl zu geben habe und ich warten möge, bis sie gelesen. Dann öffnete sie den Brief —— aber kaum hatte sie die ersten Zeilen überflogen, als sie sich entfärbte Sie wurde bleich bis an die Lippen und das Papier zitterte in ihrer Hand. Dennoch las sie zu Ende. Plötzlich verwandelte sich aber ihre Blässe in zornige Röthe; sie ballte den Brief in der Hand zusammen, sprang von ihrem Stuhle auf und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab, ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen.

»Nichtswürdiger, Nichtswürdiger, Nichtswürdiger!« hörte ich sie zwar flüsternd, aber dennoch in zornigem, heftigem Tone hervorstoßen. Dann blieb sie mitten im Zimmer stehen. »Kann es denn aber wahr sein,« fragte sie noch immer zu sich selbst sprechend, »kann es denn wahr sein?« Plötzlich blickte sie auf, sah mich an der Thür stehen und befahl mir mit halb erstickter Stimme, sie allein zu lassen und in einer halben Stunde wieder nach ihren Befehlen zu fragen.

Ich gehorchte, aber ich hatte bereits genug gesehen, um daraus schließen zu können, daß sie sehr schlimme Nachrichten erhalten haben mußte. Was es sein konnte, davon hatte ich freilich keine Ahnung.

Als ich später ins Zimmer zurückkam, drückte das Gesicht der Lady noch immer eine sehr starke Gemüthsbewegung aus. Ohne ein Wort zu sprechen, händigte sie mir zwei versiegelte Briefe ein. Der eine war an Herrn Meeke adressirt; der andere trug die Bemerkung: »Sogleich zu bestellen.« und die Adresse ihres Anwaltes in London, der, wie ich hinzufügen muß, zugleich ihr Freund und weitläufiger Verwandter war.

Ich trug den einen Brief nach dem Pfarrhause, den andern nach der Post und hörte bei meiner Rückkehr, daß sich meine Herrin in ihr Zimmer zurückgezogen habe. Dort blieb sie auch vier ganze Tage lang, ohne daß sie außer ihrem Kammermädchen Jemand sah.

Am fünften Tage endlich langte der Anwalt von London an. Frau Smith kam zu ihm in die Bibliothek herunter und blieb etwa zwei Stunden mit ihm allein. Dann klingelte sie nach mir.

»Setzen Sie sich nieder, William,« sagte sie, als ich eintrat. »Ich habe so viel Vertrauen zu Ihrer Treue und Anhänglichkeit, daß ich mit meinem Freunde und Berather übereingekommen bin, Sie in ein wichtiges Geheimniß einzuweihen und Ihre Dienste in einer Sache in Anspruch zu nehmen, die für mich über Tod und Leben entscheiden.«

Ihre Augen waren roth und ihre Lippen zitterten vor Erregung, als sie das sagte. Ich war so bestürzt von dem, was ich hörte, daß ich kaum wußte, in welchen Stuhl ich mich setzen sollte.

Sie deutete auf einen Sessel am Tische, wo sie selbst saß und wollte eben weiter sprechen, als der Anwalt ihr ins Wort fiel.

»Regen Sie sich nicht auf, Madame,« sagte er, sondern überlassen Sie es mir, den Mann mit dem Thatbestand bekannt zu machen. Corrigiren Sie mich, wenn sich in meinen Angaben Irrthümer finden sollten.«

Meine Herrin lehnte sich im Stuhle zurück und bedeckte ihr Gesicht mit einem Taschentuche. Der Anwalt begann nach kurzer Pause:

»Sie wissen, unter welchen Umständen Ihr Herr das Haus verlassen hat und ohne Zweifel ist Ihnen auch bekannt, daß er seitdem keine Nachricht von sich gegeben hat?«

Ich verbeugte mich und bestätigte, daß meine Kenntniß der Verhältnisse so weit reiche.

»Erinnern Sie sich,« fuhr er fort, »daß Sie Madame Smith vor fünf Tagen einen Brief einhändigten?«

»Ja, Herr,« entgegnete ich, »einen Brief, der sie sehr aufzuregen schien.«

»Ja, will Ihnen den Brief vorlesen, ehe wir weiter sprechen,« sagte der Advocat, »aber ich muß Sie vorher darauf aufmerksam machen, daß der Schreiber die Beschuldigungen, die er darin gegen Ihren Herrn erhebt, nicht durch die Unterschrift seines Namens verbürgt hat. Ich habe Madame Smith gewarnt, nicht zu große Wichtigkeit auf eine anonyme Zuschrift zu legen und ich thue das auch Ihnen gegenüber.«

Damit nahm er einen Brief vom Tische und las mir denselben laut vor. Man gab mir späterhin eine Copie dieses Briefes und ich habe sie so oft gelesen, daß ich jetzt im Stande bin, den Inhalt Wort für Wort zu wiederholen. Er lautete:

»Madame! Ich kann es nicht über's Herz bringen, Sie in Ungewißheit über das abscheuliche Benehmen Ihres Mannes zu lassen. Wenn Sie sich über seine Abwesenheit gegrämt haben, so thun Sie das ferner nicht, sondern wünschen Sie vielmehr, daß Sie ihn niemals von Angesicht zu Angesicht wiedersehen mögen. Ich schreibe in großer Eile, denn ich muß fürchten, beobachtet zu werden, und so fehlt es mir an Zeit, Sie auf Das, was ich zu sagen habe, gehörig vorzubereiten. Ich muß es grade heraus sagen, obgleich es mir um Ihretwillen sehr leid thut, daß Ihr Mann eine Andere geheirathet hat. Ich bin bei der Trauung gegenwärtig gewesen, ohne daß er es wußte. Wäre ich nicht Augenzeuge, so würde ich niemals davon gesprochen haben. Was ich bin, kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich weiß, daß Herr James Smith nichts scheuen würde, um sich an mir zu rächen, wenn er je erfahren sollte, welchen Schritt ich gethan und auf welche Weise ich in Besitz seines Geheimnisses gekommen bin. Auch habe ich nicht Zeit, Ihnen genauere Nachricht zu geben. Ich wollte Ihnen nur sagen, was geschehen ist und muß es Ihnen überlassen, welchen Gebrauch Sie davon machen wollen. Vielleicht glauben Sie meinen Worten nicht, weil ich meinen Namen nicht nenne. In diesem Falle kann ich Ihnen nur den Rath geben, Herr Smith, wenn er je wieder in Ihre Nähe kommt, zu fragen, was er mit seiner neuen Frau gemacht hat. Sie werden dann an seinem Benehmen sogleich bemerken, daß die Wahrheit gesprochen hat.

Ihr unbekannter Freund«

Ich gestehe, daß ich, so gering meine Meinung von Herrn Smith auch war, dennoch nicht an die Wahrheit der Beschuldigung zu glauben vermochte, die man in diesem Briefe aussprach.

»O, Herr,« sagte ich, nachdem der Anwalt geendigt, »das ist eine Verleumdung, ich kann nicht daran glauben«

»Das habe ich auch Ihrer Herrin gesagt,« entgegnete er, »indessen sie behauptet ...«

»Ich fühle nur zu gut, daß Alles wahr ist,« sagte Frau Smith hinter ihrem Tuche mit halb erstickter Stimme.

»Nun, wir wollen darüber nicht streiten,« entgegnete der Notar. »Unsere nächste Pflicht ist es, die Wahrheit oder Unwahrheit dieses Briefes zu beweisen. Ich habe deshalb an einen meiner Secretäre — einen Mann, der in der Behandlung so zarter Angelegenheiten sehr geschickt ist — geschrieben, daß er ohne Zeitverlust hierher kommen soll. Er ist vollkommen zuverlässig und wird sofort die nöthigen Schritte einleiten. Damit kein Irrthum möglich ist, wird es aber nothwendig sein, daß Jemand, der Herrn Smith genau kennt, den Mann begleitet, und Ihre Herrin hat Sie dazu vorgeschlagen, William. So umsichtig die Nachforschungen nun aber auch betrieben werden mögen, so sind sie doch voraussichtlich nicht ohne großen Aufwand von Mühe und Zeit zu bewerkstelligen Vielleicht ist eine längere Reise nöthig, vielleicht geht es selbst nicht ohne persönliche Gefahr ab, und es ist nun die Frage, ob Sie sich aus Liebe und Anhänglichkeit für Ihre Lady alledem aussetzen wollen.

»Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften steht, um meiner Herrin zu dienen, Herr,« sagte ich. »Ich fürchte nur, daß ich nicht gewandt genug bin, um von Nutzen sein zu können —— Mühe und Gefahr aber sollen mich gewiß nicht zurückschrecken.

Frau Smith nahm jetzt das Taschentuch von ihrem Gesicht, blickte mich mit thränengefüllten Augen an und reichte mir die Hand. Ich faßte diese Hand und küßte sie, um im nächsten Moment über meine eigne Kühnheit zu erschrecken.

»Ich denke, Sie sind der rechte Mann, William,« sagte der Notar, indem er mit dem Kopfe nickte. »Sorgen Sie nicht, daß Sie der Aufgabe etwa nicht gewachsen wären —— mein Secretär hat Kopf genug für zwei. Sonst habe ich Ihnen nur noch zu bemerken, daß der Inhalt des Briefes, den ich Ihnen mitgetheilt, sowie überhaupt die ganze Angelegenheit ein tiefes Geheimniß bleiben muß. Außer uns Dreien und Herrn Meeke, den Frau Smith brieflich von der Sache unterrichtet hat, darf Niemand etwas ahnen. Meinen Secretär werde ich, sobald er ankommt, selbst mit der Angelegenheit bekannt machen, und sobald Sie mit ihm das Haus verlassen haben, können Sie auch mit ihm davon sprechen, sonst aber mit Niemand.«

Mit diesen Worten war ich entlassen.

Der Secretär des Anwalts ließ nicht lange auf sich warten. Er kam mit umgehender Post, doch hatte ich mich in meinen Erwartungen in Bezug auf seine Persönlichkeit sehr getäuscht. Ich hatte mir ihn, nach den Andeutungen seines Prinzipals, als einen ernsten, steifen, zurückhaltenden Mann mit schlauem, forschendem Blick vorgestellt, und fand einen kleinen, beweglichen, wohlbeleibten Herrn mit einem ansehnlichen Doppelkinn glänzenden, schwarzen Augen und einer ziemlich dicken Nase, deren Färbung auf heitere gesellige Gewohnheiten ihres Besitzers hinzudeuten schien.

Er trug einen schwarzen Anzug und eine weiße Cravatte, nahm beständig Schnupftabak aus einer großen Dose, legte, wenn er im Zimmer auf und ab ging, die Hände auf den Rücken und machte im Ganzen mehr den Eindruck eines lebenslustigen Pfarrers, als eines Mannes der Justiz.

»Guten Tag, wie geht es Ihnen?« sagte er als ich ihm die Thür öffnete. »Ich bin der Mann, den man von London erwartet. Wollen Sie meine Ankunft sogleich melden. Ich werde mich hier niedersetzen, bis Sie zurückkommen —— und junger Mann, wenn Sie hier im Hause etwas hätten, wie ein Glas Ale, so glaube ich wirklich, daß ich das trinken würde.«

Ich gab ihm Ale, bevor ich ihn meldete. Als er das Glas an die Lippen setzte, blinzelte er freundlich mit den Augen.

»Ihre Gesundheit, Mann,« sagte er, »Ihr Ale ist vortrefflich. Sie wissen wohl, daß mein Name Dark ist, nun hören Sie — lassen Sie den Krug und das Glas hier, für den Fall, daß ich warten müßte.«

Ich that wie er wünschte, meldete ihn dann bei seinem Prinzipal und erhielt den Auftrag, ihn in die Bibliothek zu führen. Als ich in die Halle zurückkam, fand ich den Krug leer und Herrn Dark beschäftigt, mit großem Geräusch eine Prise Schnupftabak in die Nase zu ziehen. Er hatte mehr als ein Maaß vom stärksten alten Ale getrunken und dies schien ungefähr den Effekt auf ihn hervorgebracht zu haben, als hätte er eben so viel Wasser zu sich genommen.

Ich führte Herrn Dark nach dem Bibliothekzimmer und als man mir eine halbe Stunde später klingelte, fand ich den sonderbaren Mann zwischen seinem Principal und meiner Herrin sitzen. Letztere betrachtete ihn offenbar mit Erstaunen, Letzterer mit Befriedigung. Herr Dark hielt ein Notizbuch auf seinen Knieen, in der Hand einen Bleistift Seinem Gesicht nach zu urtheilen, hatte die Mittheilung des Geheimnisses nicht den mindesten Eindruck auf ihn gemacht.

»Ich habe eine Frage an Sie zu richten,« sagte er. »Als Sie damals zu spät nach dem Hafen kamen und Ihres Herrn Yacht nicht mehr fanden, hörten Sie da vielleicht, nach welcher Richtung er gesegelt wäre. Etwa nördlich nach der schottischen Küste hin?«

»Ja,« sagte ich, »die Schiffer, die ich befragte, sagten mir das.«

»Gut,« erwiderte Herr Dark, und sich seinem Prinzipal zuwendend, fügte er hinzu: »Ich glaube, daß ich jetzt weiß, was zu wissen nöthig ist.«

Der Notar sah meine Herrin an und diese nickte zustimmend. Dann wandte er sich zu mir.

»Packen Sie Ihren Mantelsack für die Reise, William,« sagte er, »und halten Sie einen Wagen bereit, der Sie und Herrn Dark zur nächsten Poststation bringen kann.«

»Und was auch die Zukunft bringen mag, William,« fügte die Lady mit vor Bewegung zitternder Stimme hinzu, glauben Sie, daß ich niemals den Beweis von Anhänglichkeit vergessen werde, den Sie mir geben. Es ist mir in diesem entsetzlichen Falle eine Beruhigung, zu wissen, daß ich mich aus Ihre Treue verlassen kann —— auf Ihre Treue und den außerordentlichen Scharfsinn und die Erfahrung des Herrn Dark.«

Herr Dark schien das Compliment nicht zu hören. Er schrieb eifrig in seinem Notizbuche. Eine Viertelstunde, nachdem ich das Anspannen des Wagens bestellt und meine eiligen Reisevorbereitungen gemacht hatte, fand ich ihn bereits in der Halle auf mich warten. Er saß auf demselben Stuhle, auf dem er sich bei seiner Ankunft niedergelassen, und hatte einen Krug von demselben alten Ale vor sich aus dem Tische stehen.

»Haben Sie einige Angelruthen im Hause?» fragte er, als ich meinen Reisesack niederlegte.

«Ja,« entgegnete ich erstaunt über die Frage. »Aber was wollen Sie damit.«

»Packen Sie zwei Stück ein,« sagte Herr Dark, »aber vollständig mit Schnüren, Haken und Fliegenschachtel. Dann trinken Sie ein Glas Ale, ehe wir aufbrechen, William, und wundern Sie sich nicht gar so sehr. Wenn wir erst aus dem Hause sind, will ich Ihnen Alles erzählen. Jetzt besorgen Sie die Angelruthen, denn in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein.«

Als ich mit den Angelruthen zurückkam, fand ich Herrn Dark bereits im Wagen. »Geld, Gepäck, Angelruthen, Adressen, Copie des anonymen Briefes, Reisehandbuch, Karte,« murmelte er, indem er in Gedanken noch einmal die Dinge musterte, die er für die Reise brauchte. »Alles in Ordnung —— also vorwärts!»

Ich nahm die Zügel und fort ging es. Als wir die Front des Schlosses passirten, bemerkte ich, daß Madame Smith und Josephine uns aus den Fenstern des ersten Stockwerkes nachsahen und die Erinnerung an diese beiden aufmerksamen Gesichter, das eine so betrübt und so gut, das andere lächelnd und boshaft, verfolgte mich mehrere Tage.

»Nun, William,« begann Herr Dort, als wir Darrock-Hall hinter uns hatten, »will ich Ihnen sagen, was Sie sind. Sie sind Commis in einem Bankgeschäft und ich bin ebenfalls ein solcher. Wir haben Ferien und machen eine Reise durch Schottland, um die Gegend zu sehen, Seeluft zu athmen und womöglich hier und da ein wenig zu angeln. Ich bin der fette Cassirer, der gewöhnt ist, in Kasten mit Gold zu wühlen. Sie sind der Buchhalter, der hinter mir am Pulte sitzt und ungeheure Additionsexempel rechnet. Schottland ist ein herrliches Land, William. Können Sie Whisky-Punsch machen? Ich meines Theils verstehe es — und, was vielleicht mehr ist, ich verstehe ihn auch zu trinken.«

»Schottland?« entgegnete ich. »Gehen wir denn nach Schottland?«

»Frage gegen Frage,« entgegnete Herr Dark, »warum machen wir die Reise überhaupt?«

»Um meinen Herrn zu suchen und zu sehen, ob sich das, was man in dem Briefe schrieb, wirklich so verhält,« antwortete ich.

»Sehr gut, und wie würden Sie es anfangen, um zu diesem Ziele zu gelangen?«

»Ich würde nach Stockholm gehen, wohin er seine Briefe schicken ließ, und würde dort nach ihm forschen.«

»Ja der That, würden Sie dass« sagte Herr Dark. »Wenn Sie ein Schäfer wären, William, und Sie hätten in Cumberland ein Schaf verloren, würden Sie dann anfangen, am Ende der Provinz nach ihm suchen, oder würden, Sie erst ein wenig mehr in der Nähe nachforschen?«

»Sie wollen sich einen Spaß mit mir machen,« entgegnete ich ein wenig gereizt.

»Das ist durchaus meine Absicht nicht,« sagte Herr Dark. »Ich will Sie nur aufklären, »wie ich versprochen habe. Hören Sie mich also, William, und profitiren Sie davon, so viel Sie können.

Herr James Smith sagte, wie Sie wissen, er ginge nach Schweden, und um das wahr zu machen, fängt er damit an, nach Norden, d. h. nach der Küste von Schottland zu segeln. —— In welcher Art von Fahrzeug machte er die Reise? — In einer Yacht. Ist eine Yacht darauf eingerichtet, lebendiges Vieh an Bord zu nehmen? —— Nein. —— Kann man geschlachtetes Fleisch auf einer Reise von Cumberland nach Schweden in genießbarem Zustande erhalten? —— Nein. —— Würde ein Gentleman von der Art des Herrn Smith sich entschließen, von Salzfleisch zu leben? —— Was folgt aus diesem dreifachen Nein? —— Daß Herr Smith irgendwo auf dem Wege nach Schweden angelegt haben muß, um sich mit frischen Provisionen zu versorgen. —— Wo muß er in diesem Falle ans Land gegangen sein? —— Irgendwo an der schottischen Küste, vorausgesetzt, daß er seinen Cours nicht geändert hat, nachdem er den Hafen verlassen.—— Wo in Schottland kann das gewesen sein? —— Nördlich an der Küste des Festlandes oder westlich an einer der Inseln. Wahrscheinlich am Festlande, denn die Plätze an dieser Küste sind bedeutend genug, daß er sicher sein konnte, Alles zu finden, was er für die Fahrt brauchte. —— Was ist also unsere nächste Aufgabe? —— Nicht ein Glied aus der Kette der Wahrscheinlichkeiten zu verlieren, indem wir einen der Plätze übersehen, wo er den Fuß ans Land gesetzt haben kann. Wir dürfen die Spur nicht aus den Augen Lassen, wenn wir hoffen wollen, unser Wild zu erreichen —— nicht Geld und Zeit verschwenden, indem wir die Reise nach Schweden machen, ehe wir nicht wissen, daß er wirklich dort ist. Wo muß diese Reise also zunächst hingehen? Sicher nach der Nordküste von Schottland. —— Was sagen Sie dazu, William? Ist meine Schlußfolgerung richtig oder hat mir Ihr altes Ale den Kopf verwirrt?«

Das Ale schien mir in der That unschuldig zu sein und ich sagte ihm das. Er schüttelte sich vor Lachen, nahm eine große Prise Tabak und meinte, daß er den Fall noch einmal im Kopfe durchgehen wolle, um sich zu versichern, daß er sich nirgends verrechnet hätte. Als wir die Poststation erreichten, war er mit dieser Aufgabe glücklich und zu seiner eigenen Zufriedenheit fertig und ich fand ihn nun bereit, das dortige Ale mit dem Ale in Darrock-Hall zu vergleichen. Wir ließen hier unsern Wagen zurück, der am andern Morgen durch einen Hausknecht nach Hause gebracht werden sollte, bestellten eine Postchaise, versorgten uns mit Brod, einer vorzüglichen Salami-Wurst und zwei Flaschen Sherry, Vorräthe, die in den Kasten und Taschen des Wagens untergebracht wurden, dann nahmen wir unsere Plätze ein und begaben uns auf die Reise, deren Ziel vorläufig noch ein unbekanntes war.

»Noch einen guten Rath, William,« sagte Herr Dark, indem er sich gemächlich in der Wagenecke zurechtrückte. »Schlafen Sie, wenn Sie können, denn ehe wir nicht Glasgow erreicht haben, ist an keine Nachtruhe zu denken.«

Obgleich sich die Begebenheit, von der ich erzähle, vor längerer Zeit zutrug und die dabei betheiligten Personen meist todt sind, so vermeide ich doch, um Niemand zu compromittiren, die Orte zu nennen, wo wir Nachforschungen anstellten und begnüge mich, nur im Allgemeinen anzugeben, was wir thaten und welche Resultate wir erreichten.

Als wir in Glasgow ankamen , änderte Herr Dark seine ursprüngliche Absicht, direct nach dem Norden von Schottland zu gehen. Er hielt es für besser, sich vorher zu überzeugen, ob die Yacht ihren Lauf nicht doch vielleicht der westlichen Küste entlang genommen hätte. Die Ausführung dieses neuen Planes machte ein fortwährendes Abschweifen von unserer directen Reiseroute nöthig und veranlaßte vielen Zeitverlust Drei Mal wurden wir, durch falsche Nachrichten getäuscht, vergeblich nach fast wilden Puncten der Hebriden gelockt, zweimal verfolgten wir landeinwärts einen Mann, dessen Beschreibung im Allgemeinen auf Herrn James Smith paßte, der sich aber, als wir ihn erreichten, als ein vollkommen Fremder erwies.

Diese vergeblichen Excursionen, namentlich die nach den westlichen Inseln, kosteten sehr viel Zeit, und so waren mehr als zwei Monate seit dem Tage vergangen, wo wir Darrock-Hall verließen, als wir einen Hafenplatz an der Nordspitze von Schottland erreichten. Bis dahin hatte unsere Reise nicht zu dem geringsten Resultat geführt und ich fing nun allen Ernstes an, den Erfolg zu bezweifeln. Was Herrn Dark betrifft, so hatte dieser noch nicht einen Augenblick Geduld und Laune verloren. —— »Sie verstehen das Warten nicht, William,« pflegte er zu sagen, wenn ich eine muthlose Aeußerung that, »Sie verstehen nicht zu warten —— ich verstehe das.«

Wir erreichten also gegen Abend den Hafenplatz, von dem ich sprach, und stiegen, wie wir immer gethan, in einem bescheidenen Gasthause ab.

»Man muß immer von unten auf beginnen,-« sagte Herr Dark. »Die Gesellschaft in einem guten Hotel würde sich vielleicht nicht familiär mit uns machen, die Gäste einer Taverne thun es jedenfalls.« —— Und er bewies, was er sagte. Ich habe in der That nie einen Menschen gesehen, dem es wie ihm gelungen wäre, in kürzester Zeit einen völlig fremden Menschen zu seinem Freunde zu machen. So vorsichtig der Schotte im Allgemeinen auch ist, so schien für Herrn Dark doch nichts leichter, als ihn ganz nach Gefallen um den Finger zu wickeln. Er behandelte jedes Individuum verschieden und nach einer ihm zusagenden Weise, aber eigentlich brachte er, so lange ich Gelegenheit hatte, ihn in Schottland zu beobachten, doch in den verschiedensten Gesellschaftsschichten nur drei Grundsätze in Anwendung und erzielte damit fabelhafte Erfolge. Erstens lobte er die Ansicht von Edinburg, von der Arthurshöhe ab gesehen, als die schönste der Welt; zweitens war der schottische Whisky das heilsamste und beste Getränk und drittens sagte er Jedem, daß seine kürzlich verstorbene, geliebte Mutter, die beste Frau, die je gelebt habe und eine gebotene Macleod, also eine Schottin gewesen sei.

Wir stiegen also, wie schon gesagt, auch dies Mal in einem kleinen Gasthofe in der Nähe des Hafens ab. Ich war von der Reise sehr ermüdet und legte mich sogleich in’s Bett, um auszuruhen. Herr Dark, den ich niemals erschöpft sah, verließ mich, um seinen Toddy in der Schenkstube zu trinken.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ich durch ein Rütteln an der Schulter geweckt wurde. Das Zimmer war vollständig dunkel und ich fühlte nur, wie sich plötzlich eine Hand auf meinen Mund legte. Ein starker Duft von Whisky und Tabak brachte mich vollends zur Besinnung und zugleich drang eine flüsternde Stimme in mein Ohr.

»William, wir haben das Ziel unserer Reise erreicht.«

»Sie sind es, Herr Dark? Um Gotteswillen, was meinen Sie?«

»Die Yacht legte hier an und Ihr Herr ging hier an’s Land ——«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß der Brief die Wahrheit enthält?« fragte ich.

»Freilich will sich das sagen,« entgegnete er. »Er hat sich hier verheirathet und ging mit Numero Zwei zur See, drei Wochen vorher, ehe wir das Haus seiner rechtmäßigen Gattin verließen. Aber still —— sprechen Sie nicht ein Wort! Schlafen Sie weiter oder zünden Sie ein Licht an und lesen Sie, wenn Ihnen das besser gefällt —— aber kommen Sie nicht etwa in das Schenkzimmer hinab. Ich habe alle Einzelheiten erfahren, ohne daß man ein Interesse meinerseits daran vermuthete. Sie haben ein gutes Gesicht, William, aber es ist so höllisch ehrlich, daß es uns verrathen würde. Ich habe mich mit den Leuten sogleich befreundet. Sie kennen bereits meine Meinung über die Ansicht von Edinburg —— was ich von ihrem Whisky halte, beweise ich durch die That und es wird nicht lange währen, so erzähle ich ihnen, daß meine Mutter eine gebotene Macleod war.«

Mit diesen Worten schlüpfte er aus dem Zimmer und ließ mich im Finstern, wie er mich gefunden hatte, zurück.

Ich war durch das, was ich gehört hatte, zu sehr erregt, um weiter an’s Schlafen zu denken. Ich zündete also Licht an und versuchte mich so gut als möglich mit einer alten Zeitung zu unterhalten, die ich in meinem Reisesacke fand. Es war beinahe zehn Uhr. Zwei Stunden später hörte ich die Hausthür schließen und bald darauf trat Herr Dark in der heitersten Stimmung in das Zimmer.

»Hier habe ich die ganze Geschichte,« sagte er, indem er mit dem Finger an seine Stirn tippte, »die ganze Geschichte so einfach und klar, wie nur etwas sein kann. Ihr Herr ist ein verteufelter Bursche, Will und ich glaube nicht, daß Sie und Frau Smith ihn zum letzten Male gesehen haben.«

Wir schliefen diese Nacht in demselben Zimmer und sobald Herr Dark die Thüre verschlossen hatte und behaglich in seinem Bette lag, erzählte er mir im Detail, was er erfahren hatte. Es ließ sich etwa in Folgendes zusammenfassen:

Die Yacht hatte eine wundervolle Fahrt gehabt bis zum Cap Wrash. Nachdem sie das Cap umsegelt, war ihr der Wind nicht mehr günstig gewesen und sie hatte in diesen Hafen einlaufen müssen, sowohl um Provisionen einzunehmen, wie auch um besseren Wind abzuwarten. Herr James Smith war an’s Land gegangen in der Absicht, sich nach einem Gasthofe umzusehen, wo er für einige Tage bleiben könnte. Bei seiner Wanderung durch den Ort bemerkte er ein kleines nettes Haus, in welchem Wohnungen zu vermiethen waren, und bei näherem Hinschauen erblickte er hinter den Fenstern der Wohnstube das ungewöhnlich hübsche Gesicht eines jungen Mädchens, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Er ging noch einmal an dem Hause vorüber, um sie zu sehen, und beschloß endlich, womöglich ihre Bekanntschaft zu machen, indem er hineinging, um die zu vermiethenden Zimmer zu sehen.

Die Wohnungen wurden ihm durch die Mutter des jungen Mädchens, einer sehr respectabel aussehenden Frau gezeigt, deren Mann, wie er bald erfuhr, Eigenthümer eines kleinen Küstenfahrers und augenblicklich abwesend war. Durch ein geschicktes Manöver gelang es ihm endlich, in das Wohnzimmer einzudringen und einige Worte mit der Tochter zu wechseln. Ihre Stimme und ihre Manieren vollendeten den Zauber, den ihr Gesicht auf Herrn Smith ausgeübt hatte —— er fühlte sich von einer heftigen Leidenschaft für das junge Mädchen ergriffen und zögerte nun keinen Augenblick mehr, das Zimmer für einen Monat zu miethen.

Es ist wohl nicht nöthig zu sagen, daß seine Absichten keineswegs ehrenhaft waren und daß er sich den beiden als unverheiratheter Mann vorstellte. Unterstützt durch Geld, Stellung und eine vortheilhafte persönliche Erscheinung glaubte er dem jungen Mädchen gegenüber leichtes Spiel zu haben, aber er sollte bald einsehen, daß er die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatte. Die Aufmerksamkeit der Mutter war nicht zu täuschen und das junge Mädchen selbst war keine leichte Ware. Sie bewunderte offenbar Herrn James Smiths schöne Figur und seinen prachtvollen Bart; sie zeigte, daß ihr seine Gesellschaft nichts weniger als unangenehm war, hörte seine Complimente gern und erröthete unter seinen bewundernden Blicken, aber war es nun Berechnung oder wirkliche Unschuld, sie schien durchaus nicht zu begreifen, daß seine Annäherung einen andern als ehrenhaften Zweck haben könnte. Bei der leisesten Zudringlichkeit von seiner Seite zog sie sich halb erschreckt, halb verwundert zurück und ließ Herrn Smith ziemlich verblüfft stehen. Er hatte auf einen solchen Widerstand nicht gerechnet und war unfähig, ihn zu überwinden. Woche auf Woche ging vorüber, die Zeit, für die er die Wohnung gemiethet hatte, war abgelaufen —— seine Liebe zu dem Mädchen hatte sich zur heftigsten Leidenschaft gesteigert und noch war sein lasterhafter Plan um keinen Schritt weiter gediehen.

Um diese Zeit schien ein Zwist zwischen den Beiden ausgebrochen zu sein, denn Herr Smith kehrte, statt die Wohnung auf's Neue zu miethen, nach seiner Yacht zurück und schlief dort zwei Nächte. Der Wind war jetzt zur Weiterreise günstig, das Fahrzeug mit allem Nöthigen versorgt, dennoch gab er nicht den Befehl, die Anker zu lichten. Am dritten Tage endlich schien die Ursache des Zwistes, welche sie auch sein mochte, beseitigt —— Herr Smith kehrte nach seiner Landwohnung zurück. Einige neugierige Nachbarn beobachteten, daß er in den nächsten Tagen sehr Verdrießlich, beinahe ängstlich aussah. Wahrscheinlich war er zu der Einsicht gekommen, daß er sich für einen von zwei Wegen entscheiden mußte. Es blieb ihm nichts übrig, als entweder aus das Mädchen zu verzichten oder eine neue Nichtswürdigkeit zu begehen und sie zu heirathen.

So gewissenlos Herr Smith indessen auch sein mochte, so zögerte er dennoch, diesen letzten Schritt zu thun. Vielleicht schreckten ihn nur die Folgen einer möglichen Entdeckung, aber während er zwischen Wünschen und Zweifeln noch hin und her schwankte, lehrte der Vater des Mädchens nach Hause zurück und dieser Umstand drängte ihn zur Entscheidung.

Und nachdem er seinen verbrecherischen Entschluß einmal gefaßt hatte, brachte er ihn auch mit aller möglichen Kälte und Umsicht zur Ausführung. Zunächst kehrte er an Bord der Yacht zurück und theilte der Mannschaft mit, daß er die beabsichtigte Fahrt nach Schweden aufgegeben und jetzt die Absicht habe, eine längere Tour durch Schottland zu machen, um sich mit Angeln zu amüsiren. Nach dieser kurzen Erklärung befahl er, die Yacht weiter hinauf in den Hafen zu bringen, gab dann dem Steuermann die Erlaubniß, seine Familie in Cowes für längere Zeit zu besuchen, bezahlte die übrige Mannschaft und entließ sie aus seinem Dienste.

Durch diese Maßregeln befreite er sich mit einem Schlage von allen Denjenigen, welche wußten, daß er bereits verheirathet war und nun konnte sich die Nachricht von seiner Verbindung immerhin in weiteren Kreise verbreiten, ohne daß er eine Entdeckung zu fürchten hatte. Sein gewöhnlicher Name selbst kam ihm dabei zu statten, denn wenn auch die Zeitungen erwähnten, daß ein gewisser James Smith sich vermählt hatte, so geriethen doch seine intimsten Freunde, ja seine eigene Frau sicherlich nicht auf die Vermuthung, daß gerade er unter Tausenden dieser James Smith war.

Vierzehn Tage, nachdem er seine Mannschaft abgelohnt hatte, vermählte sich Herr Smith mit der Tochter des Capitäns. Der Vater des Mädchens war in der ganzen Stadt als ein geiziger, geldgieriger Mann bekannt, der viel zu besorgt war, sich den reichen Schwiegersohn zu sichern, als daß er gegen diese hastige und eilige Verbindung hätte Protest erheben sollen. Bei der Ceremonie waren, außer den Aeltern der Braut, nur einige intime Freunde der Familie zugegen und unmittelbar nach der Trauung verließen die Neuvermählten die Stadt, um eine Hochzeitsreise nach den Hochlandsseen anzutreten. Unerwartet kehrten sie indessen schon nach zwei Tagen zurück, weil sie ihren Plan geändert hatten. Der Bräutigam, welcher sich wahrscheinlich außerhalb England für sicherer hielt, hatte in der jungen Frau den Wunsch rege gemacht, südliche Länder und namentlich die spanische und italienische Küste zu besuchen. Da sie früher oft Seereisen mit ihrem Vater gemacht hatte und nicht von der Seekrankheit litt, so wünschte sie die Reise nach dem Mittelländischen Meere zu Wasser zu machen, und Herr Smith, der keinen andern Lebenszweck zu kennen schien, als den, ihre Wünsche zu befriedigen, kehrte sogleich nach dem Hafen zurück, um seine Yacht für die Tour auszurüsten.

In Alledem lag nichts, was das Mißtrauen der Verwandten hätte erregen können. Die Mutter sah in ihrem Schwiegersohne das Muster eines gefälligen und liebenswürdigen Ehemanne , und der Vater bemühte sich eifrig, die Ausrüstung des Fahrzeugs zu fördern, so viel er konnte. Er brachte in kürzester Zeit die nöthige Mannschaft zusammen, besorgte die erforderlichen Provisionen und Dank seiner Unterstützung gelang es Herrn Smith wirklich, mit der unglücklichen jungen Frau in See zu gehen, ehe wir Beide, Herr Dark und ich, Darrock-Hall verließen, um ihn aufzusuchen.

»Und können Sie sich nun denken, Will, wer jenen anonymen Brief geschrieben hat ?« fragte Herr Dark, als er bei diesem Punkte seiner Erzählung angekommen war.

»Nein, ich habe keine Ahnung« entgegnete ich.

»Wissen Sie es denn?«

»Gewiß weiß ich es,« war die kühle Antwort. »Als ich hörte, daß Ihr vortrefflicher Herr die Mannschaft seines Fahrzeuges abgelohnt hätte,« machte ich mir ein kleines Merkzeichen ins Gedächtniß und nahm mir vor, aus diesen Punkt nach ein Mal zurück zu kommen. Die Gelegenheit dazu bot sich auch schon nach einer halben Stunde. »Was ist aus den Männern geworden, die Herr Smith so schnell entließ?« fragte ich den Hafenmeister, welcher der Hauptsprecher war. »Gingen sie Alle sogleich davon, als sie das Geld hatten oder blieben sie, bis der letzte Kreuzer verthan war?« —— »Nichts da,« sagte der Mann lachend, »sie gingen Alle davon, bis auf einen einzigen, den Steward der Yacht, der genau an dem Tage wieder zum Vorschein kam, wo Herr Smith mit seiner jungen Frau nach dem Mittelländischen Meere absegelte. Wo er bis dahin gesteckt hatte, weiß kein Mensch.« —— »Vielleicht ist er seines Herrn Beispiel gefolgt und hat sich nach einer Frau umgesehen,« entgegnete ich. —— »Das ist nicht unmöglich,« erwiderte der Erzähler. »Ich sprach selbst mit dem Manne, aber ich konnte aus seinen Berichten nicht klug werden. Auch schien er große Eile zu haben, denn er reiste so schnell als möglich nach seiner Heimath, ich glaube nach Cowes, ab.«

»Ich wußte nun genug und ließ das Gespräch fallen,« fuhr Herr Dark fort. »Die Sache scheint mir klar wie der Tag. Der Steward hatte Verdacht geschöpft, hatte seinen Herrn überwacht und belauscht, dann jenen anonymen Brief an Ihre Herrin geschrieben. Der Mann wird sich durch Nachfragen in Cowes auffinden lassen, wenn wir ihn brauchen sollten. Außerdem können wir uns in der Kirche den Trauschein verschaffen, dann aber bleibt uns nichts zu thun, als nach Hause zurück zu kehren und zu sehen, was Ihre Herrin zu thun gedenkt. Wie die Sache jetzt steht, ist's ein wunderschöner Fall —— ja, ein ganz wunderschöner, juristischer Fall, William.«

Wir kehrten nach Darrock-House zurück, so schnell, als sich dies mit Postpferden nur immer thun ließ.

Frau Smith, welche von Anfang an nicht an der Wahrheit der Thatsache gezweifelt, die ihr der anonyme Brief mi1theilte, nahm die schlimmen Nachrichten, die wir brachten, wenigstens dem Anschein nach, mit großer Ruhe und Fassung auf. Zu Herrn Darks großem Erstaunen und nicht geringer Enttäuschung aber zeigte sie nicht die geringste Lust, der Sache weitere Folge zu geben, im Gegentheil machte sie es ihm zur Pflicht, die ganze Angelegenheit wie ein tiefes Geheimniß zu betrachten und zu behandeln —— und zum ersten Male sah ich meinen unermüdlichen Reisegefährten ärgerlich und verstimmt Er verließ Darrock-Hall mit einem reichen Geschenk, aber dessen ungeachtet sehr unzufrieden.

»Solch’ ein schöner Fall, William,« sagte er beinahe betrübt, als wir in der Halle mit Händeschütteln Abschied von einander nahmen. »Solch’ ein ungewöhnlich schöner Fall! Es ist ein Jammer, daß daraus nichts Ordentliches werden soll.«

»Sie wissen nicht, wie stolz und zartfühlend zugleich meine Lady ist,« entgegnete ich. »Sie würde lieber sterben, als ihre unglücklichen Verhältnisse der Oeffentlichkeit Preis gegeben sehen.«

»Gott segne Ihre Einfalt, Will!« sagte Herr Dark. »Glauben Sie wirklich, daß ein solcher Fall sich verheimlichen läßt?«

»Warum nicht?« fragte ich. »Wenn wir beide das Geheimniß bewahren.«

»Ich gebe nicht so viel für dies Geheimniß,« entgegnete Herr Dark, indem er mit dem Finger schnippte. »Ihr Herr wird schon die Katze aus dem Sacke bringen, wenn es sonst Niemand thut.«

»Mein Herr?« fragte ich verwundert.

»Ja, er selbst!« erwiderte Herr Dark. »Ich habe Erfahrung in solchen Dingen und ich sage Ihnen, das; Sie Herrn Smith nicht zum letzten Male gesehen haben. Denken Sie an mich, William. Er kommt zurück so wahr ich Dark heiße.«

Bei dieser Prophezeihung regalirte sich Herr Dark noch einmal mit einer Prise und machte sich dann auf den Weg nach London. Seine letzten Worte hingen noch Tage lang wie eine Gewitterwolke über mir und es gehörten Wochen dazu, ehe ich mich gewöhnte, die Thorglocke zu hören, ohne zu erschrecken.

Das Leben in Darrock-Hall verlief indessen in alter, gleichförmiger Weise. Der Notar in London schrieb meiner Herrin, ob sie nicht auf einige Zeit dorthin kommen wolle, um sich zu zerstreuen — aber sie schlug dies aus, weil sie sich, nach dem, was ihr passirt war, scheute, mit Menschen zusammen zu treffen. Sie gab sich redlich Mühe, ihren Muth aufrecht zu halten und ihr Schicksal zu überwinden, aber ich sah nur zu gut, wie tief der Schlag sie gebeugt hatte, wie sehr sie litt. Welche Folgen für ihren Gemüthszustand diese totale Einsamkeit auf die Länge gehabt haben würde, läßt sich kaum sagen, aber ich weiß, daß ich ihren Einfall, Herrn Meeke einzuladen, um die früheren musikalischen Uebungen wieder aufzunehmen, als einen sehr glücklichen begrüßte. Sie sagte dem Prediger —— und meiner Meinung nach mit vollkommenem Rechte —— daß jedes Band zwischen ihr und ihrem Manne zerrissen sei, da er selbst alle seine Rechte ihr gegenüber aufgegeben habe, sowohl durch seine Flucht, wie durch seine zweite verbrecherische Ehe, und überließ es nun Herrn Meeke, zu beurtheilen, ob der harmlose Verkehr zwischen ihm und ihr wieder aufgenommen werden dürfe oder nicht.

Der Pfarrer entschied sich nach einigem Zögern und Zaudern endlich im Sinne meiner Herrin und kam von der Zeit an fast täglich wieder mit seiner Geige unter dem Arme in's Schloß.«

Dies Wiederaufnehmen alter Gewohnheiten mochte unvorsichtig sein und konnte Frau Smith in den Augen der Welt schaden, für sie selbst war es gewiß das Heilsamste und Beste, was sie thun konnte. Die Gesellschaft des kleinen, schüchternen Predigers und das Vergnügen, welches ihr die Musik gewährte, machte es ihr möglich, die Qualen der Situation zu ertragen, in die sie sich versetzt sah, ohne zu Grunde zu gehen.

Mit Hilfe des Herrn Meeke und seiner Geige ging also die Zeit hin. Der Winter war vorüber, der Frühling kam, ohne daß wir von Herrn James Smith etwas gehört hätten. Der Winter war streng und kalt gewesen, der spät eintretende Frühling brachte uns fast nur Regen, und der erste schöne Tag, den wir hatten, war der vierzehnte März.

Ich kann das Datum dieses Tages genau angeben, denn es hat sich mir für immer in’s Gedächtniß eingegraben. Ich werde mich des vierzehnten März und jedes kleinen Umstandes, der damit zusammenhängt, erinnern, so lange ich lebe.

Der Tag begann, wie abergläubische Leute sagen würden, mit einem bösen Omen. Frau Smith blieb an dem Morgen ungewöhnlich lange in ihrem Zimmer und beschäftigte sich mit der Durchsicht ihrer Kleider und dem Ausräumen mehrerer Schubkästen, die sie seit längerer Zeit nicht" mehr geöffnet hatte. Kurz vor der Frühstückstunde hörte ich endlich ein heftiges Klingeln. Ich lief die Treppe hinauf, um zu sehen, was es gäbe, und begegnete Mademoiselle Josephine, welche das Schellen aus einem anderen Theile des Hauses herbeigerufen hatte. Sie trat vor mir in das Zimmer unserer Herrin und ich folgte ihr dicht auf den Fersen. Wir fanden Frau Smith allein, mit dem Ausdruck des Zornes im Gesicht.

»Ich bin bestohlen,« sagte sie heftig. »Ich weiß nicht von wem oder wann, aber ich vermisse ein Paar Armbänder, drei Ringe und eine Anzahl mit Spitzen besetzter Taschentücher.«

»Wenn Sie einen Verdacht haben, Madame,« entgegnete Josephine mit eigenthümlich scharfem Tone, »so sagen Sie es nur gerade heraus. Meine Commoden und Kasten stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Wer fragt nach Ihren Kisten und Kasten?« erwiderte Frau Smith zornig. »Seien Sie in Zukunft etwas weniger schnell mit Ihren Antworten, wenn ich bitten darf.«

Dann wendete sie sich zu mir und erklärte mir, unter welchen Umständen sie ihren Verlust entdeckt hatte. Ich schlug vor, daß man mich ein Mal genaue Nachsuchung nach den vermißten Gegenständen halten, dann aber, wenn sie sich nicht fänden, nach dem Constabler schicken und ihm das Weitere überlassen sollte.

Meine Herrin billigte diesen Vorschlag und die Nachsuchungen wurden auf der Stelle unternommen. Als sich bis zur Zeit des Diners nichts gefunden hatte, rieth ich nochmals, die Sache zur Anzeige zu bringen, aber sie meinte, es sei jetzt zu spät, ich solle’ morgen früh die Sache besorgen. Ich wußte, daß Herr Meeke am Abende mit seiner Geige kommen wollte und glaubte, daß sie sich in ihrer Lieblingsbeschäftigung durch den Polizeimann nicht wollte stören lassen.

Das Diner ging vorüber; der Prediger kam und man musicirte den ganzen Abend wie gewöhnlich. Um zehn Uhr trug ich ein Präsentirbrett mit Sodawasser und Wein in den Musiksalon und war eben im Begriff, eine der Flaschen zu öffnen, als ich das Geräusch heranrollender Wagenräder und gleich darauf einen Zug an der Klingel hörte.

Ich wollte die Flasche nicht halbgeöffnet hinsetzen, um nach der Thüre zu gehen —— eins der Mädchen öffnete an meiner Stelle; ich hörte einen halb unterdrückten Ausruf, dann näherte sich ein bekannter Tritt der Thür des Salons.

Frau Smith, die am Pianoforte saß, drehte sich um und sah mich an.

»William, kennen Sie diesen Schritt s« fragte sie.

Ehe ich antworten konnte, öffnete sich die Thüre und Herr James Smith trat in’s Zimmer.

Er hatte den Hut auf dem Kopfe. Sein schwarzes Haar fiel lang darunter hervor über den Kragen seines Rockes. Die glänzenden schwarzen Augen weilten einen Moment auf meiner Herrin, dann richteten sie sich auf Herrn Meeke Seine Augenbrauen zogen sich zornig zusammen.

»Finde ich Sie wieder hier!« rief er, indem er sich drohend dem kleinen Pfarrer näherte, der zitternd auf seinem Stuhle saß und die Geige im Arme hielt, als wäre sie ein Kind, das er beschützen müsse.

Als meine Herrin sah, daß ihr Mann auf den armen Geistlichen zuging, trat sie ihm einige Schritte entgegen. Schnell wie der Blitz drehte er sich nach ihr um.

»Schamloses Weib, können Sie mir in Gegenwart dieses Mannes unter die Augen treten?« rief er, indem er auf Herrn Meeke zeigte.

Frau Smith blieb vollkommen ruhig. Sie gab nicht das leiseste Zeichen von Furcht, als sie ihm Auge in Auge gegenüberstand. Nicht einmal eine Zornesröthe stieg auf ihrer Wange empor, als er sprach. Das Gefühl der Beleidigung und des Unrechtes, das sie von ihm erduldet hatte, sowie der Besitz seines Geheimnisses, gab ihr die vollste Selbstbeherrschung. Die Aufregung, die sich in Herrn Smiths Mienen aussprach, fand ihr Widerspiel in jedem Zuge ihres ruhigen, stolzen, unbeweglichen Gesichts.

»Ich frage Sie noch ein Mal,« schrie er, als er sah, daß sie ihm nicht antwortete, »ich frage Sie noch ein Mal, wie Sie es wagen können, mir in Gegenwart dieses Mannes in die Augen zu sehen!«

Sie erhob ihren Blick ruhig zu seinem Hute, den er noch immer auf dem Kopfe hatte.

»Und wer erlaubt Ihnen, mit dem Hute auf dem Kopfe in das Zimmer einer Dame zu treten?« fragte sie im Tone ruhiger Verachtung. »Sind das die Manieren, die Sie bei Ihrer neuen Frau angenommen haben?«

Ich sah ihn an, als sie diese Worte sprach. Seine bräunliche Gesichtsfarbe ging augenblicklich in ein fahles Gelb über, seine Hand faßte nach dem nächsten Stuhle, in den er sich schwer niederfallen ließ.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er nach einer Weile, unsicher im Zimmer umher blickend.

»Sie verstehen mich nur zu gut,« entgegnete meine Herrin. »Ihr Gesicht verräth, daß Sie mich verstehen, wenn auch Ihre Zunge es leugnet.«

Herr Smith suchte seine frühere Frechheit mit einer gewaltsamen Anstrengung wieder zu gewinnen. Mit einem Fluche sprang er von seinem Stuhle auf. —— Einen Augenblick vorher hatte ich etwas wie ein Frauenkleid an der Salonthür rauschen hören, und eben wollte ich hingehen, um nach der Ursache zu sehen, als sich mein Herr zu mir wandte.

»Lassen Sie mein Bett in der rothen Stube zurecht machen und augenblicklich dort Feuer anzünden,« sagte er mit seinem bösesten Blicke und im rauhesten Tone. »Wenn ich klingle, bringen Sie mir heißes Wasser und eine Flasche Brandy. —— Was Sie aber betrifft, mein Herz fuhr er fort, indem er sich an Herrn Meeke wendete, der noch immer bleich und sprachlos mit der Geige im Arme auf seinem Stuhle saß, »so rathe ich Ihnen, augenblicklich das Haus zu verlassen, oder Sie sollen erfahren, daß Ihr Stand Sie gegen meinen Zorn nicht schützt!«

Bei dieser neuen Beleidigung schoß meiner Herrin das Blut ins Gesicht —— aber ehe sie noch ein Wort zu sagen vermochte, erhob Herr Smith seine Stimme so laut, daß man jedenfalls ihre Worte nicht vernommen hätte:

»Von Ihnen, Madame, will ich kein Wort mehr hören,« schrie er in der brutalsten Weise. »Sie sprechen wie eine Wahnsinnige, Sie sehen aus wie eine Wahnsinnige —— Sie sind jedenfall, nicht bei vollem Verstande. Verlassen Sie sich darauf, daß ich Ihren Kopf morgen von einem Arzte untersuchen lasse! —— Und was zum Teufel, hat dieser Schuft noch hier zu stehen!« schrie er mir zu, indem er sich auf dem Absatze herumdrehte. »Gehorcht man so meinen Befehlen?«

Ich sah meine Herrin an. Hätte sie mir durch einen Wink zu verstehen gegeben, ich sollte ihn niederschlagen, ich hätte es auf der Stelle gethan, so viel größer und stärker er auch war, als ich.

»Thun Sie, was er wünscht, William,« sagte sie, indem sie ihre Hand auf die Brust drückte, als wollte sie den aufsteigenden Zorn niederhalten. »Jedenfalls ist es der letzte Befehl, den dieser Mann Ihnen zu geben hat.«

»So wagen Sie mir zu begegnen, wahnsinniges Weib!« tobte er.

»Ich kann Ihnen nur sagen,« entgegnete sie mit ihrer klaren, ruhigen Stimme, »daß sich Das, was Sie mir angethan haben, weder vergeben noch erdulden läßt, daß ich aber auch nie wieder in die Lage kommen werde, Dinge von Ihnen zu hören, wie ich heute hörte.«

Sie sah ihn bei diesen Worten stolz und ruhig an, drehte sich dann um und ging langsam der Thür zu.

Eine Minute vorher hatte sich Herr Meeke soweit ermannt, aufzustehen und sich ebenfalls dem Ausgange zu nähern. Er schlich sich ängstlich an der Wand hin und hielt die Geige sorgsam unter einem Flügel seines langen Rockes verborgen, als fürchte er, daß sich die Wuth seines Feindes gegen dies unschuldige Instrument kehren könne. Er erreichte die Thür vor meiner Herrin. Als er sie leise öffnete, sah ich, wie er zurückfuhr und gleich darauf ließ sich wieder jenes verdächtige Kleiderrauschen auf dem Corridor hören.

Meine Herrin folgte dem Prediger, wendete sich aber auf dem Gange nach der entgegengesetzten Richtung, um die Treppe zu erreichen, die zu ihrem Zimmer führte. Ich ging dann zunächst aus dem Zimmer und ließ Herrn Smith allein.

In der Halle holte ich Herrn Meeke ein und öffnete ihm die Thür.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber darf ich Sie wohl fragen, ob Sie einen Lauscher an der Thür des Saales fanden, als Sie dieselbe eben öffneten?« fragte ich.

»Ja, William,« entgegnete er mit zitternder Stimme. »Ich glaube, es war die französische Kammerfrau. Indessen bin ich so aufgeregt, daß ich mich auch getäuscht haben kaum.«

Hat Josephine das Geheimniß erspäht? fragte ich mich besorgt, als ich in der rothen Stube Feuer anzündete. Hatte sie nur von dem Moment an gehorcht, wo ich zuerst das Rauschen ihres Kleides hörte, so konnte sie nichts erlauscht haben, als den letzten Theil des Wortwechsels zwischen meiner Herrin und ihrem schurkischen Manne. Ich sagte mir zur Beruhigung, daß die inhaltschweren Worte: »Ihre neue Frau« wahrscheinlich ausgesprochen wurden, ehe sie sich an die Thür geschlichen hatte.

Sobald das Feuer brannte und das Bett in Ordnung war, ging ich in den Musiksalon zurück, um Herrn Smith zu melden, daß seine Befehle ausgeführt wären. Ich fand ihn mit großen Schritten im Zimmer auf und ab gehen, den Hut hatte er noch immer auf dem Kopfe. Ohne ein Wort zu sagen, folgte er mir nach dem rothen Zimmer —— zehn Minuten später klingelte er nach heißem Wasser und Brandy. Als ich ihm das Gewünschte brachte, fand ich ihn beschäftigt, eine kleine Reisetasche, die er mitgebracht hatte, auszupacken. Er schien meinen Eintritt nicht zu bemerken und ich verließ das Zimmer wieder, ohne eine Sylbe mit ihm gesprochen zu haben.

Die Nacht verging ohne Störung.

Am nächsten Morgen hörte ich, daß meine Herrin einen schlimmen Nervenzufall gehabt habe und unfähig sei, das Bett zu verlassen. Da ich wußte, was sie in vergangener Nacht erfahren und erduldet hatte, setzte mich das eben nicht in Verwunderung.

Gegen neun Uhr trug ich heißes Wasser nach der rothen Stube. Nachdem ich zwei Mal geklopft und keine Antwort erhalten hatte, versuchte ich die Thür zu öffnen. Sie war nicht verschlossen und ich trat mit dem Kruge in der Hand ein.

Mein erster Blick fiel auf das Bett, einen zweiten ließ ich durch das Zimmer schweifen —— ich sah nirgends eine Spur von Herrn James Smith!«

Das Bett war allem Anschein nach gebraucht. Auf dem Fußende lag das Nachtcamisohl. das er getragen hatte. Ich nahm es in die Hand und bemerkte einige dunkle Flecken darauf. Als ich sie genauer in's Auge faßte, sah ich, daß es Blutflecken waren.

In der ersten Bestürzung und Unruhe, welche diese Entdeckung in mir hervorrief, verlor ich einen Augenblick die klare Besinnung. Ohne recht zu wissen, was ich that, eilte ich in das Dienerzimmer und erzählte, was ich soeben entdeckt hatte. Sämtliche Domestiken eilten stehenden Fußes nach dem rothen Zimmer, unter ihnen Josephine. Der Ausdruck, den ihr Gesicht annahm, als sie das blutige Nachtcamisol und das leere Zimmer erblickte, brachte mich indessen sogleich zur Besinnung. Alle Anderen zeigten sich erschrocken und bestürzt, während sie nach einem Augenblick der Verwunderung ihre ganze Selbstbeherrschung wieder gewann. Ein Strahl von wirklich teuflischer Freude brach aus ihren schwarzen Augen und sie verließ sofort das Zimmer, ohne ein Wort mit Einem von uns zu sprechen. Ihr Benehmen erregte mein Mißtrauen —— aber, wie die Folge lehren wird, war ich dennoch weit davon entfernt, den ganzen Umfang ihrer Bosheit zu ahnen.

Als ich mich ein wenig gefaßt hatte, schickte ich Alle, mit Ausnahme des Kutschers, hinaus, um den Schauplatz des räthselhaften Verschwindens in Augenschein zu nehmen.

Das rothe Zimmer war das gewöhnliche Gastzimmer. Es lag im Erdgeschoß des Hauses, die Fenster gingen nach dem Garten hin. Wir fanden die Fensterläden, die ich am Abende vorher eigenhändig geschlossen hatte, offen —— die Fenster selbst aber geschlossen. Das Feuer schien längst ausgegangen, denn das Kamingitter war kalt. Von der Flasche Brandy welche ich am Abend voll in sein Zimmer gebracht hatte, fehlte die Hälfte. Von irgend einer Gewaltthat, oder einem Kampfe war keine Spur zu finden, obwohl wir die genauesten Nachforschungen hielten und jeden Winkel durchspähten. Der kleine Reisesack des Herrn Smith fehlte.

Als ich in das Domestikenzimmer zurückkehrte, empfingen mich schlechte Nachrichten in Bezug auf das Befinden meiner Herrin. Der ungewöhnliche Rumor und Lärm, der in Folge meiner Entdeckung im Hause entstanden, war bis zu ihr gedrungen. Sie hatte nach der Ursache gefragt und man hatte ihr mitgetheilt, was vorgefallen. In dem angegriffenen Zustande, in dem sie sich befand, hatte ihr die Nachricht eine tiefe Ohnmacht zugezogen, man hatte sie nur mit Mühe wieder zum Bewußtsein gebracht und sie war nun ganz außer Stande, in der Sache irgend einen Schritt zu thun, oder auch nur einen Befehl zu geben.

In der Hoffnung, daß sie sich soweit erholen werde, um mir ihre Willensmeinung wissen zu lassen, wartete ich bis Mittag, indessen ich wartete vergeblich und endlich entschloß ich mich, zu ihr zu schicken und fragen zu lassen, was geschehen solle. Josephine war die passende Person, den Auftrag zu übernehmen, aber als ich nach ihr fragte, war sie nirgend zu finden. Das Hausmädchen, das nach ihr suchte, brachte die Nachricht, daß weder ihr Hut noch ihr Shawl an dem gewöhnlichen Platze hingen, daß sie also ausgegangen sein müsse. Das Stubenmädchen, welches sich im Vorzimmer unserer Herrin aufgehalten hatte, kam eben herunter und fand uns über dies neue räthselhafte Verschwinden eines Menschen in voller Bestürzung. Sie sagte uns, daß Josephine sie gebeten habe, diesen Morgen ihren Dienst bei der Lady zu versehen, weil sie selbst sich nicht wohl befinde. Sie war nicht wohl und dennoch hatte sie das Haus verlassen!

Ich verbot dem Mädchen aufs strengste, ihrer Herrin etwas von diesem neuen Vorfalle zu sagen, und ging selbst hinauf, um an ihre Thüre zu klopfen und sie zu fragen, ob sie einverstanden sei, wenn ich in ihrem Namen an ihren Anwalt in London schriebe, um ihm alle Vorgänge der letzten Tage mitzutheilen, und dann zu dem nächsten Friedensrichter ginge, um ihm ebenfalls Anzeige zu machen. —— Ich hätte ihr diese Frage eben so gut durch das Mädchen vorlegen lassen können, aber obgleich von Natur nicht mißtrauisch, fing ich doch an, jeden Menschen mit Argwohn zu betrachten, mochte er es verdienen oder nicht.

So brachte ich also meine Frage selbst an. Ich blieb dabei draußen stehen und sprach durch die Thür mit meiner Herrin und sie antwortete mir ebenso. Sie dankte mir mit schwacher Stimme und bat mich, sogleich zu thun, wie ich gesagt.

Ich ging nun augenblicklich in meine eigene Stube, schrieb an den Anwalt und erzählte ihm ausführlich, wie Herr Smith ganz unvermuthet angekommen und welche Scene in Folge dessen stattgefunden. Ich meldete ihm sodann die heutigen Vorfälle und bat ihn, so schnell als möglich nach Darrock-Hall zu eilen. Nachdem ich diesen Brief geschlossen, sendete ich sogleich den Kutscher damit ab und trug ihm auf, den nach London fahrenden Postwagen abzuwarten, um ihm die Depesche mitzugeben, so daß sie ohne Verzug bestellt würde.

Meine nächste Aufgabe war nun, einen Friedensrichter aufzusuchen. Der nächste wohnte etwa fünf Meilen von Darrock-Hall und dieser war zugleich ein persönlicher Bekannter meiner Lady. Er war ein alter Junggeselle und lebte mit seinem Bruder, einem Wittwer, in demselben Hause. Beide Männer waren wegen ihrer Milde, Gerechtigkeit und namentlich ihrer Güte gegen die Armen allgemein beliebt in der Gegend. Der Friedensrichter hieß Robert Nicholson, sein Bruder, der Wittwer, führte den Namen Philipp.

Ich wollte eben meinen Hut aufsetzen und besprach mit dem Reitknecht, welches Pferd ich nehmen sollte, als ein offenen Wagen in den Hof fuhr. Darin saßen Herr Philipp Nicholson und zwei Männer, aus denen ich nicht recht klug werden konnte, denn sie sahen weder wie Herren aus, noch wie Diener.

Herr Philipp sah mich, als ich zu ihm trat und den Hut abnahm, ungewöhnlich streng und forschend an, dann fragte er mich nach Frau Smith. Ich sagte ihm, daß sie krank wäre und zu Bett liege. Als er das hörte, schüttelte er den Kopf und sagte dann, daß er ein Gespräch unter vier Augen mit mir wünsche. Ich führte ihn nach der Bibliothek. Einer der vorhin erwähnten Männer folgte uns und setzte sich in der Halle nieder. Der Andere blieb beim Wagen.

»Ich war eben im Begriff, mich wegen eines sonderbaren Falles zu Ihrem Herrn Bruder zu begeben,« sagte ich, indem ich ihm einen Stuhl hinsetzte.

»Ich weiß, was Sie meinem« unterbrach mich Herr Nicholson kurz, beinahe hart. »Aber ich muß Sie aus Gründen, die sich später entwickeln werden, bitten, mir nichts weiter mitzutheilen, bis Sie mich gehört haben. Ich bin hier in einer sehr ernsten Angelegenheit, die Ihre Herrin und Sie direct berührt.«

Die Miene des Mannes kündigte bei· diesem Eingange etwas noch Schlimmeres an, als seine Worte. Mein Herz fing an stärker zu klopfen Und ich fühlte, daß ich blaß wurde.

»Ihr Herr,« fuhr er fort, »kam gestern Abend ganz unerwartet zurück und schlief diese Nacht hier im Hause. Ehe er sich in sein Zimmer zurückzog, hatte er mit Frau Smith einen heftigen Wortwechsel, welcher, wie ich mit Bedauern höre, mit ernsten Drohungen von Seiten der Lady gegen ihren Mann endigte. Die Eheleute schliefen getrennt, in verschiedenen Zimmern Diesen Morgen kamen Sie in die Stube ihres Herrn und fanden ihn nicht. Nur sein Nachtcamisol war vorhanden und dieses zeigte Blutflecken.«

»Ja, Herr,« entgegnete ich so ruhig, als ich vermochte, »so ist es.«

»Ich habe kein Verhör mit Ihnen vorzunehmen,« sagte Herr Philipp. »Ich habe nur vorläufig den Thatbestand aufzunehmen, dessen Wahrheit Sie dann vor meinem Bruder zugeben oder bestreiten mögen.«

»Das klingt ja, als wäre ich angeklagt,« entgegnete ich.

»Man vermuthet, daß Herr Smith ermordet ist,« lautete die Antwort.

Ich erzitterte bei diesen Worten vom Kopf bis zu den Füßen —— ich versuchte zu sprechen, aber das Wort erstarb mir auf den Lippen.

»Und es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen,« fuhr Herr Philipp fort, »daß der Verdacht zunächst auf Ihre Herrin und Sie fällt.«

Es würde vergeblich sein, wenn ich versuchte, zu beschreiben, was ich bei dieser entsetzlichen Anklage fühlte. Ich stand wie versteinert und starrte Herrn Philipp an, ohne ein Wort zu sprechen, ja es schien mir, als stünde selbst mein Athem still. Wenn er oder ein Anderer mich in diesem Moment geschlagen hätte, ich glaube, ich hätte es kaum gefühlt.

»Wir Beide, mein Bruder und ich,« fuhr Herr Philipp fort: »hegen indessen eine so hohe Achtung für Ihre Herrin und halten uns so fest überzeugt, daß es ihr gelingen wird, ihre Unschuld zu beweisen, daß wir ihr gern jede mögliche Erleichterung und Schonung angedeihen lassen möchten. Ich bin deshalb selbst mit den beiden Männern herüber gekommen, die den Auftrag haben, die Verhaftsbefehle meines Bruders zu vollstrecken.«

»Verhaftsbefehle, Herr!« rief ich jetzt, die Sprache wiedergewinnend »Einen Verhaftsbefehl gegen meine Herrin?«

»Gegen Frau Smith und Sie,« sagte Herr Philipp. »Sie und die Lady sind durch eine Zeugin, die ihre Aussagen beschworen hat, des Verbrechens angeklagt!«

»Wer ist diese Zeugin?« fragte ich.

»Die französische Kammerfrau der Lady. Sie kam heute Morgen zu meinem Bruder und hat ihre Aussagen in legaler Form niedergelegt.«

»Diese Aussagen sind falsch!« schrie ich leidenschaftlich. »Jedes Wort, das sie gegen Frau Smith und mich aussagt, ist eine Lüge!«

»Ich hoffe —— nein, ich gehe noch weiter, ich glaube, daß es so ist,« sagte Herr Philipp. »Aber die Lüge muß bewiesen, die Untersuchung muß eingeleitet werden. Mein Wagen fährt zurück und Sie werden in Begleitung des Mannes, der den Verhaftsbefehl gegen Sie zu executiren hat, davon Gebrauch machen. Ich meinestheils will mit dem andern Manne, der in der Halle wartet, hier bleiben und jedenfalls den Arzt sprechen, ehe wir zur Verhaftung der Lady schreiten.«

»O, meine arme Herrin,« rief ich. »Sie wird das nicht überleben.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich Alles thun werde, um den Schlag, der sie trifft, zu mildern,« sagte Herr Philipp. »Ich bin nur zu diesem Zwecke hergekommen und hege, wie ich schon bemerkte, die höchste Achtung und Theilnahme für Frau Smith. Ich verspreche Ihnen, daß ihr jede mögliche Rücksicht und Erleichterung zu Theil werden soll.«

An Herrn Philipps Stimme hörte ich, wie ernst er es mit diesem Versprechen meinte, und das war ein, wenn auch noch so schwacher Lichtstrahl in dem Unglück, das über Darrock-Hall hereingebrochen war. Ich fühlte mich ihm dankbar dafür, empfand zugleich einen brennenden Haß in mir gegen die Person, welche meine Herrin und mich in diese Lage gebracht hatte. —— Uebrigens kam ich mir vor, wie ein Mann, der vom Blitze betäubt, seine Besinnung noch nicht ganz wiedergewonnen hat.

Herr Philipp war genöthigt, mich zu erinnern, daß die Zeit kostbar wäre und daß es gerathen sein würde, wenn ich von seinem freundschaftlichen Anerbieten bezüglich des Wagens sofort Gebrauch machte. Ich sah das auch ein und empfahl mich ihm, aber es schien sich ein Nebel über meine Augen zu legen, als ich mich umdrehte, um zu gehen. Ich vermochte kaum die Thür zu finden —— Herr Philipp öffnete sie für mich und sagte mir einige freundliche Worte, die ich nur halb hörte. —— Der Mann, der in der Halle wartete, brachte mich bis an den Wagen zu seinem dort wartenden Collegen; ich stieg ein und fuhr davon —— zum ersten Male im Leben ein Gefangener.

Auf dem Wege benutzte ich die rückkehrende Besinnung, um darüber nachzudenken, was Josephine zu dieser nichtswürdigen Anklage veranlaßt haben könnte. Ihre Worte, ihre Blicke und ihr ganzes Benehmen an jenem unglücklichen Tage, als meine Herrin sich soweit vergessen hatte, sie zu schlagen, kam mir wieder ins Gedächtniß und ich mußte mich schließlich überzeugt halten, daß Rache für die ihr damals widerfahrene Unbill wenigstens zum Theil das Motiv zu ihrer That gegeben habe. Das erklärte aber nur ihr teuflisches Beginnen gegen Frau Smith, nicht gegen mich. Was hatte ich ihr gethan, daß sie mich anklagte? Vergebens zerbrach ich mir den Kopf, um auf diese Frage eine Antwort zu suchen. Ich vermochte, soweit mein Gedächtniß reichte, nicht den kleinsten Punkt aufzufinden, der mir einiges Licht gegeben hätte.

Bald nach meiner Ankunft wurde ich vor Herrn Robert Nicholson geführt und der Französin gegenübergestellt. Der Anblick ihres Gesichtes, auf dem sich ein abscheulicher Triumph spiegelte, war mir so unangenehm, daß ich den Kopf abwendete und sie während der ganzen Zeit über nicht weiter ansah, aber ich lauschte mit beinahe athemloser Aufmerksamkeit auf ihre Aussagen und war entsetzt über die Geschicklichkeit, mit welcher sie Wahrheit und Dichtung verwebte, um daraus eine Anklage gegen meine Herrin und mich zu schmieden.

Nachdem sie die unerwartete Ankunft des Herrn James Smiths in Darrock-Hall geschildert, gestand die Zeugin, Josephine Durand, daß sie an der Thür des Musikzimmers gehorcht und gehört habe, was man darin mit lauter Stimme gesprochen.

Sie gab nun den letzten Theil des Wortwechsels zwischen den Eheleuten ziemlich getreu wieder und erzählte dann weiter, daß sie nach diesen Vorgängen gefürchtet, es könne etwas Schlimmes passiren und deshalb wachend in ihrer Stube sitzen geblieben sei, die in demselben Stockwerke mit den Zimmern ihrer Herrin lag. Zwischen zwei und drei Uhr Morgens hätte sie leise die Thür der letztern öffnen hören und Frau Smith, die in der Hand eine kleine Lampe trug, heraustreten sehen. Unbemerkt wäre sie ihr den Corridor entlang und die Treppe hinab in die Halle gefolgt, wo sie sich in der Portierloge versteckt und von da aus gesehen habe, wie die Lady nach dem rothen Zimmer gegangen sei, einen Dolch in grüner Scheide in der Hand haltend. Sie hätte sie dann immer unbemerkt weiter begleitet und wahrgenommen, wie sie leise die Thüre des rothen Zimmers geöffnet habe und eingetreten sei, nachdem die langen hörbaren Athemzüge des Herrn Smith sie überzeugt, daß er schlafe. Sie selbst, Josephine, wäre dann in ein Nebenzimmer geschlüpft und hätte dort eine und eine Viertelstunde auf die Rückkehr der Lady gewartet, bis diese endlich wieder mit dem Dolch in der Hand herausgekommen und nun nach meinem Zimmer gegangen sei. Sie hatte, wie sie angab, das Klopfen an meiner Thür und darauf meine Antwort gehört, hatte das Versteck in der Portierloge wieder eingenommen und von da aus beobachtet, wie wir Beide, meine Herrin und ich, in das rothe Zimmer eintraten, dessen Thür wir hinter uns schlossen. In der Furcht, entdeckt und selbst ermordet zu werden, hätte sie, die Zeugin, nun nicht weiter gewagt zu lauschen, sondern sich in ihr Zimmer zurückgeschlichen, wo sie bis zum Morgen geblieben wäre.

Nachdem die Französin die Wahrheit dieser Aussagen durch einen Eid bekräftigt, sprach sie ihre Ueberzeugung aus, daß Herr James Smith von seiner Frau ermordet und daß ich ihr Mitschuldiger sei. Befragt, ob sie einen Grund zu dieser entsetzlichen That wisse, gab sie an, daß Herr Meeke der Liebhaber ihrer Herrin gewesen sei, daß Herr Smith ihm das Haus verboten, ihn dessen ungeachtet aber bei seiner Rückkehr allein bei seiner Frau gefunden habe. Auch hier mischte sie geschickt ein Körnchen Wahrheit unter die Lüge —— sie erwähnte unter Anderm den Besuch meiner Herrin im Pfarrhause —— und ich mußte selbst zugestehen, daß ihre Angaben dadurch an Wahrscheinlichkeit gewannen.

Ich wurde in der üblichen Weise verhört und gefragt, ob ich etwas zur Berichtigung der gegen mich erhabenen Beschuldigung zu sagen habe. Ich antwortete, daß ich unschuldig wäre, daß ich mich aber nicht vertheidigen würde. bis ich einen Advocaten zum Beistand hätte. Damit war das erste Verhör vorüber und man brachte mich auf's Neue in Gewahrsam.

Drei Tage später wurde Frau Smith in ähnlicher Weise vernommen. Ich durfte zwar nicht mit ihr in Verbindung treten, aber ich erfuhr, daß der Londoner Advocat zu ihrem Beistande herbeigeeilt sei. Gegen Abend besuchte der Anwalt auch mich. Ich fragte ihn nach dem Befinden der Lady —— er schüttelte besorgt den Kopf.

»Ich fürchte,« sagte er, »daß die schreckliche Lage, in die jenes nichtswürdige Weib sie versetzt, ernste und verderbliche Folgen gebracht. Sie war durch die vorhergegangenen Aufregungen bereits sehr geschwächt und der letzte Schlag, so schonend Herr Nicholson auch verfuhr, scheint ihre Kraft vollends gebrochen zu haben. Ihr Verhalten im heutigen Verhör war ein ganz eigenthümliches. Sie beantwortete alle an sie gestellten Fragen bestimmt und klar, aber beinahe mechanisch. Gesicht, Ton, Sprache und Manieren blieben vollkommen unverändert von Anfang des Verhörs bis zum Ende —— mit einem Worte, sie zeigte nicht eine Spur von Gefühl oder Bewegung. Es ist schlimm, William, wenn Frauen in solchen Lagen der Trost der Thränen versagt ist —— und ihre Herrin hat keine Thränen vergossen , seit sie Darrock-Hall verließ.«

»Aber wenn meine Aussagen nicht genügten Josephine Durand der Lüge zu bezichtigen, so werden doch die Angaben meiner Herrin das Gewebe von Falschheit und Verleumdungen zerrissen haben,« sagte ich.

»Das könnte nur durch den Beweis geschehen, daß Herr Smith nicht ermordet ist, sondern lebt,« entgegnete der Anwalt. »Offen gesprochen, ich glaube, daß der Richter moralisch ebenso, wie mir, überzeugt ist, daß die Französin einen falschen Eid geschworen hat. Moralisch ist er auch überzeugt, daß die Lady die Wahrheit spricht, wenn sie sagt, daß die Worte, die sie unglücklicherweise brauchte:

»Thun Sie, was Herr Smith wünscht; es ist jedenfalls der letzte Befehl, den er Ihnen zu geben hat,« nur ihre Absicht andeuteten, am andern Morgen mit Ihnen nach London zu reisen, um sich unter meinen Schutz zu stellen. Herr Nicholson weiß das und glaubt es —— und ich, der ich ein, wenig besser unterrichtet bin, als er, ich behaupte sogar, daß Herr James Smith sich in der Stille der Nacht davon machte, weil er eine Anklage auf Bigamie fürchtete. Kann ich ihn aber nicht finden, kann ich nicht beweisen, daß er lebt, lassen sich vor allen Dingen die Blutflecken im Nachtcamisol nicht erklären, so bleiben die heftigen Worte der Lady, die unangenehmen Scenen, die schon früher zwischen den Eheleuten vorkamen, der verbotene Verkehr mit Herrn Meeke als ebenso viele Beweise gegen sie stehen und der Richter kann dann nichts thun, als Sie Beide festzuhalten und die Sache ihren Gang gehen zu lassen.«

»Glauben Sie wirtlich, Herr, daß er zögern könnte, sich selbst zu melden, wenn er erfährt, unter welche furchtbare Anklage sein Verschwinden die Lady gebracht hat?« fragte ich. »Ich weiß wohl, daß er ein herzloser Mensch ist, aber ——«

»Ich will nicht voraussetzen, daß er dazu Schurke genug wäre, wenn ihn die Sache nicht selbst in Gefahr brächte,« entgegnete der Anwalt. »Aber bedenken Sie, daß er fürchten muß, wegen Bigamie zur Untersuchung gezogen zu werden, so bald man seiner habhaft wird.«

Ich hatte diesen Umstand einen Moment außer Acht gelassen und das Herz sank mir nun gewaltig, als der Adoocat mich daran erinnerte. Ich wußte nichts mehr zu sagen.

»Die Sache sieht sehr ernst aus,« fuhr der Anwalt fort. »Es ist ein Vergehen gegen die Gesetze des Landes, diesem Manne ein Compromiß anzubieten. Da wir einmal um die Sache wissen, so ist es unsere Pflicht, als gute Staatsbürger Alles zu thun, um ihn zur Bestrafung zu bringen. Ich sage Ihnen offen, daß ich, wenn ich Ihrer Lady nicht als Verwandter und Freund ebenso gut, wie als Anwalt zur Seite stünde, mich zwei Mal besinnen würde, ehe ich das Risico unternähme, das ich jetzt zu ihrem Besten zu unternehmen gedenke. Ich habe also, damit ich es kurz sage, Maßregeln ergriffen, um Herrn James Smith zu versichern, daß wir ihn um der Ursache seiner Flucht willen nicht zur Rechenschaft ziehen wollen. Vielleicht vertraut er sich uns an, vorausgesetzt, daß wir ihn auffinden. Die Nachsuchungen in der Nachbarschaft sind ganz vergeblich gewesen. Ich habe heute Privatinstructionen an Herrn Dark gesandt und zugleich ein sehr vorsichtig gehaltenes Inserat für die Zeitungen, das nur Herr Smith selbst verstehen kann. Sie dürfen sich überhaupt darauf verlassen, daß jedes mögliche Mittel, ihn aufzufinden, versucht werden wird. Zugleich habe ich aber auch noch eine wichtige Frage in Bezug aus die Französin an Sie zu richten. Ich vermuthe fast, daß sie mehr weiß, als wir glauben, ja, daß sie das Geheimniß der zweiten Ehe erlauscht hat, und es, sobald es ihr gut dünkt, gegen uns brauchen wird. Indessen das wird sich finden —— jetzt sagen Sie mir nur, welches Motiv die Unglückliche zu dieser entsetzlichen Anklage haben konnte.«

Ich erzählte ihm von jenem Vorfall und dem Benehmen Josephinens, als sie mir ihre von dem Schlage geröthete Wange gezeigt hatte.

»Das wäre allerdings ein Grund zur Rache für eine Natur, wie die ihrige,« sagte er. »Aber ist das Alles —— mischt sich nicht vielleicht noch ein anderes Interesse in das der Rache? Könnte nicht z. B. Eigennutz in’s Spiel kommen? Denken Sie nach, William, vielleicht besinnen Sie sich auf etwas, was uns auf die Spur ihrer Motive bringt.»

Jetzt kam mir der Verlust an Taschentüchern und Schmuckgegenständen wieder in’s Gedächtnis, über den sich meine Herrin beklagt, den aber Ereignisse wichtigerer Art aus meinem Gedächtnisse verdrängt hatten. Ich erzählte dem Anwalt von dem Vorfalle.

»Beargwöhnte Ihre Herrin die Kammerfrau oder befragte sie dieselbe?« forschte er eifrig.

»Nein, Herr,« entgegnete ich. »Ehe sie noch ein Wort sagen konnte, fragte Josephine ziemlich unverschämt, wem sie in Verdacht habe, und erbot sich, ihre Sachen durchsuchen zu lassen.«

Des Anwalts Gesicht wurde dunkelroth Er sprang von seinem Stuhle auf und gab mir einen Schlag auf die Schulter, daß ich glaubte, er sei wahnsinnig geworden.

»Bei Jupiter, William! rief er, »jetzt haben wir den Satan bei den Hörnern!«

Ich sah ihn erstaunt an.

»Nun, Mann, sehen Sie nicht, um was es sich handelt?« fuhr er fort. »Josephine ist der Dieb, ich bin dieser Thatsache gewiß. Die Französin hat recht gut gewußt, daß es für den Schuldigen der größte Vortheil ist, sich selbst zum Ankläger gegen den Beschädigten zu machen. Dies schlaue Verfahren hat ihre Herrin und Sie gehindert, etwas Weiteres in der Sache zu thun, und hat Josephine selbst in die günstige Stellung einer unverdächtigen Zeugin gebracht, während sie aus diese Weise zugleich Zeit gewann, das Gestohlene zu verbergen oder wegzubringen Guten Abend, William, lassen Sie den Muth nicht sinken. Es soll meine Schuld nicht sein, wenn wir die Französin nicht bald auf dem Platze sehen, der ihr gebührt, nämlich aus der Bank der Angeklagten.«

Damit ging er und ich hörte nichts wieder von ihm, bis zu dem Tage, wo ein neues Verhör stattfand. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch zum ersten Male seit jenem unglücklichen Abende meine Herrin, und ich gestehe, daß ich über ihren Anblick erschrak. Ihr Gesicht war so bleich und mager geworden, daß sie aussah, wie eine alte Frau. Auch die stumpfe Resignation des Ausdrucks war Besorgniß erregend. Nur als sie mich erblickte, gewann ihr Auge einen Moment Leben. »Ich bin sehr, sehr betrübt, um Ihretwillen, William,« flüsterte sie, aber einen Moment später hatte ihr Gesicht den früheren, gleichgültigen Ausdruck wieder angenommen. Mit vorgeneigtem Kopfe saß sie beinahe wie geistesabwesend da, und sah so hoffnungslos, so ganz verändert aus, daß ihre ältesten Freunde sie kaum erkannt hätten.

Das Verhört, das wir an diesem Tage bestanden, war eine reine Form, denn es ergab weder einen neuen Beweis für, noch gegen uns —— und schließlich wurden wir in unsere Gefängnisse zurückgeführt.

Beim dritten Verhöre das wir acht Tage später zu bestehen hatten, bemerkte ich einige Gesichter im Gerichtszimmer, die ich vorher nicht gesehen hatte. Die früheren Verhandlungen waren so geheim als möglich gehalten worden und so war ich nicht wenig erstaunt, dies Mal zwei Domestiken von Darrock-Hall und mehre Einwohner des Kirchspiels anwesend zusehen. Sie waren sämtlich aus der einen Seite des Gerichtslocales placirt. Auf der entgegengesetzten Seite, nahe der Thür, stand mein alter Bekannter, Herr Dark, mit seiner großen Schnupftabaksdose, seinem lächelnden Gesicht und den zwinkernden Augen. Er nickte mir, als ich ihn ansah, so freundlich und lustig zu, als befänden wir uns in der heitersten Lage. Die Französin, welche vor gefordert war, um ihre Aussagen zu wiederholen, saß der Zeugenbank gegenüber auf einem Stuhle in derselben Reihe mit Frau Smith, deren Aussehen, wie ich mit Schmerz bemerkte, sich um nichts gebessert hatte. Ihr zur Seite saß ihr Anwalt —— ich stand hinter ihrem Stuhle.

Kaum sahen wir uns in dieser Weise im Zimmer postirt, als der Richter Robert Nicholson mit seinem Bruder erschien und, vielleicht war es nur Einbildung, ich glaubte in ihren Gesichtern zu lesen, daß seit dem letzten Verhör etwas Wichtiges vorgefallen sein müßte.

Die früheren. Aussagen Josephinens wurden nun von dem Protokollanten vorgelesen und sie befragt, ob sie etwas hinzuzufügen habe. Sie antwortete verneinend. Dann fragte der Richter den Anwalt der Angeklagten Frau Smith, ob er vielleicht einen Entlastungszeugen vorzuschlagen habe.

»Allerdings habe ich einen solchen,« entgegnete der Anwalt, indem er aufstand, »und ich bitte, denselben hören zu wollen.«

»Wo ist dieser Zeuge?« fragte der Richter, während er die Französin scharf ansah.

»Ganz in der Nähe,« entgegnete Herr Dark, indem er die Thür öffnete.

Er verließ das Zimmer, kehrte aber im nächsten Moment zurück und ließ den fraglichen Zeugen eintreten.

Bei seinem Anblick fühlte ich mein Herz einen Moment stillstehen. Es war Herr James Smith —— nur die langen Haare waren kurz geschnitten und der starke, schwarze Backenbart war glatt weg rasirt.

Die eiserne Natur der Französin widerstand dieser Ueberraschung mit bewundernswürdiger Stärke. Nur ihre dünnen Lippen preßten sich einen Moment noch fester zusammen, einige Muskeln an ihrem Halse zuckten, sonst verrieth nichts an ihr eine Bewegung. Selbst ihre gelbliche Gesichtsfarbe veränderte sich nicht einen Augenblick.

»Es ist nicht nöthig, Herr,« sagte der Anwalt, indem er sich zu Herrn Nicholson wandte, »daß ich Zeit und Worte zur Rechtfertigung meiner Clientin verschwende. Der einzige, aber glänzendste Beweis ihrer Unschuld steht in der Person dieses Gentleman vor Ihnen. Es ist der angeblich ermordete Herr James Smith von Darrock-Hall, welchen ich die Ehre habe, Ihnen gesund und lebendig vorzustellen.«

»Das ist nicht Herr James Smith!« rief Josephine mit ihrer scharfen, klaren Stimme. »Dieser Mann ist ein Betrüger! Ich bestreite, daß der Vorgeführte Herr James Smith ist!«

»Das steht Ihnen frei,« entgegnete der Anwalt. »Wir hingegen wollen seine Identität trotz alledem beweisen.«

Der erste Zeuge, welcher aufgerufen wurde, war Herr Philipp Nicholson. Er konnte beschwören, daß er Herrn James Smith mehr als ein Dutzend Mal gesehen und gesprochen, und erkannte den vor ihm stehenden Mann als selbigen Herrn James Smith, obgleich derselbe durch das Abscheeren der Haare und des Bartes ein Wenig verändert war.

»Eine Verschwörung!« rief die Französin, die Worte beinahe zwischen den Zähnen hervorzischend.

»Wenn Sie nicht schweigen, bin ich genöthigt, Sie aus dem Saale entfernen zu lassen ,« sagte der Richter. Und zu dem Anwalt gewendet, fuhr er fort: »Es wird die Verhandlung abkürzen, wenn Sie zuerst solche Zeugen vernehmen lassen, welche täglich Gelegenheit hatten, Herrn Smith zu sehen.«

Man führte nun einen Domestiken aus Darrock-Hall auf die Zeugenbank.

Der Mann war offenbar verwirrt, durch die Veränderung, die sich nicht nur im Aeußern seines Herrn, sondern in seinem ganzen Wesen bemerklich machte. Ich muß zur Ehre des Herrn Smith gestehen, daß er, so nichtswürdig er auch von Charakter war, dennoch beschämt die Augen niederschlug, als er seiner unglücklichen Frau gegenüberstand, und der Diener, welcher gewöhnt war, seinen Herrn mit ungeduldig blitzenden Augen und hochmüthigem Gesicht zu sehen, stammelte eine Entschuldigung , als er seine Identität beschwören sollte.

»Ich kann das kaum mit Gewißheit sagen, Heer,« stotterte der Mann verlegen. »Er gleicht meinem Herrn und gleicht ihm doch auch nicht. Trüge er einen Backenbart und lange Haare und wäre er rauher und heftiger in seinen Manieren, so wollte ich darauf schwören, daß ich meinen Herrn vor mir sähe.«

Glücklicherweise wurde die Situation, in der er sich versetzt sah, Herrn Smith in diesem Moment unerträglich. Der Zweifel an seiner Identität und das Anstarren seines eigenen Dieners ärgerte ihn.

»Könnt Ihr nicht in kurzen Worten sagen, ob Ihr mich erkennt oder nicht, Dummkopf!« rief er dem Manne zornig zu.

»Das ist seine Stimme," rief der Zeuge. »Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß er es ist, obwohl ihm die langen Haare und der Backenbart fehlen.«

»Wenn die Haare des Gentleman Schwierigkeiten machen sollten,« fiel hier Herr Dark ein, indem er ein Papier aus der Tasche zog, »so könnte ich wenigstens eine Probe liefern! Dabei hatten er das Päckchen geöffnet und einige Locken daraus hervorgezogen, die er an Herrn Smiths Kopf hielt. »Sie sehen, die Probe ist passend. Leider können wir den Backenbart nicht auch probiren, obgleich ich ihn vollständig in diesem Papier habe.«

»Eine Lüge, eine Betrügerei!« rief die Französin noch ein Mal.

Der Richter gab zweien der Constabler einen Wink und diese begleiteten Mademoiselle Durand in ein Nebenzimmer.

Der zweite Diener, sowie die übrigen Zeugen machten nach dem, was sie gesehen und gehört, keine Schwierigkeiten mehr, ihres Herrn Identität anzuerkennen.

»Es ist nicht nöthig, mehr Zeugen wegen der Person des Herrn Smith abzuhören,« sagte der Richter, als die Leute ihre Aussagen gemacht hatten. »Damit ist übrigens auch der Form genügt. Die Anklage gegen die Gefangenen fällt von selbst und ich habe das Glück, die beiden inhaftirten Persönlichkeiten entlassen zu können, da nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihnen ruht.« Er verbeugte sich bei diesen Worten vor Frau Smith, schwieg einen Moment und sah dann fragend nach Herrn James Smith.

»Ich habe bis jetzt vermieden, eine Bemerkung zu machen, die nicht im unmittelbarsten Zusammenhange mit der Sache steht, die wir verhandeln,« fuhr er fort. »Jetzt indessen, da meine Pflicht nach dieser Seite hin erfüllt ist , kann ich nicht umhin, meine Mißbilligung über das Betragen des Herrn James Smith auszusprechen, ein Betragen, das —— mögen die Beweggründe dazu sein, welche sie wollen —— geignet war, eine Lady von unbescholtenem Rufe und eine andere Person von zwar geringerm Stande, aber unzweifelhafter Rechtlichkeit, zu compromittiren und in falschen Verdacht zu bringen. Herr Smith hat die Freiheit, seine heimliche Entfernung von Darrock-Hall und die wunderliche Veränderung seines Aeußern zu erklären. Es liegt keine legale Anklage gegen ihn vor, aber vom moralischen Standpunkte aus kann ich nicht verhehlen, daß er gewissenlos und in höchstem Grade verwerflich gehandelt hat.«

Aus diese scharfe Reprimande entgegnete Herr Smith, dem man ohne Zweifel die genaueste Weisung über sein Verhalten gegeben hatte, daß er gewünscht, durch sein Erscheinen hier einer Pflicht nachzukommen, daß er sich aber auch darauf beschränken werde. Es sei seine Pflicht gewesen, fuhr er fort, sich dem Gericht zu stellen und durch Zeugen seine Identität beweisen zu lassen. Nachdem er dieser Pflicht genügt, ziehe er vor, sich dem Tadel des Richters zu unterwerfen, statt sich auf Erklärungen einzulassen, durch die zugleich häusliche Verhältnisse der traurigsten Art preisgegeben würden. Dieser kurzen Erklärung hatte er nichts beizufügen, als die Bitte, sich zurückziehen zu dürfen.

Die Erlaubniß wurde ihm ertheilt. —— Als er quer durch das Zimmer schritt, blieb er in der Nähe seiner Frau stehen und sagte in flüsterndem Tone:

»Ich habe Ihnen manche Sorge bereitet, aber daß es soweit kommen sollte, ist nicht meine Absicht gewesen. Ich beklage es sehr, glauben Sie mir das! Haben Sie mir noch etwas zu sagen, ehe ich gehe?«

Meine Herrin verbarg ihr Gesicht in den Händen. Er wartete einen Moment —— da sie ihm indessen nicht antwortete, verbeugte er sich höflich und verließ das Zimmer. Ich wußte damals nicht, daß ich ihn zum letzten Male gesehen hatte.

Nachdem er sich entfernt, wandte sich der Advocat an Herrn Robert Nicholson und erklärte, daß er ihm in Bezug auf Josephine Durand eine Mittheilung zu machen habe.

Bei der Nennung dieses Namens flüsterte Frau Smith ihrem Anwalt einige Worte zu und dieser sah zu Herrn Philipp hinüber, welcher sogleich herbeikam, um der Lady seinen Arm zu bieten und sie aus dem Gerichtszimmer zu führen. Ich war eben im Begriff, ihr zu folgen, als Herr Dark auf mich zukam und mich aufforderte, einige Minuten zu bleiben, um das Ende der Sache mit anzuhören.

Der Richter gab nun Befehl, die Französin wieder ins Zimmer zu bringen. Sie trat so stolz und voll Selbstvertrauen ein, wie gewöhnlich.

»Sie klagen Mademoiselle Durand des Meineides an, nicht wahr?« sagte Herr Nicholson.

»Des Meineides?« rief Josephine mit einem boshaften Lachen. »Nun wohl, dann habe ich auch noch eine Kleinigkeit vorzubringen. Sie denken, ich müßte mich auf Gnade und Ungnade ergeben! Bah, noch habe ich meine Waffen nicht verbraucht!«

»Sie weiß von der zweiten Heirath!« flüsterte Dark mir zu.

Und in der That ließ sich das kaum noch bezweifeln. Sie hatte aller Wahrscheinlichkeit nach in jener Nacht, als Herr Smith zurückkam, bereits länger an der Thür gehorcht, als ich vorausgesetzt. Sie hatte die Worte: «Ihre neue Frau« gehört und vielleicht sogar den Effect gesehen, den diese auf Herrn James Smith hervorgebracht hatten.

»Ich klage Josephine Durand gegenwärtig nicht des Meineides an,« sagte der Anwalt, »sondern eines andern Vergehens. Ich beschuldige sie, ihrer Herrin zwei Armbänder, drei Ringe und ein und ein halbes Dutzend mit Spitzen besetzter Taschentücher gestohlen zu haben. Die fraglichen Gegenstände wurden diesen Morgen in der Matratze ihres Bettes gefunden. Ebenso ein Brief, Welcher klar beweist, daß sie diese Gegenstände für ihr Eigenthum ausgegeben und versucht hat, sie an einen Händler in London zu verkaufen.«

Während der Anwalt sprach hatte Herr Dark die Schmuckgegenstände, die Taschentücher und den Brief herbeigebracht und vor dem Richter ausgebreitet.

Dieser Attake hielt selbst die ungewöhnliche Selbstbeherrschung der Französin nicht Stand. Bei den ersten Worten der unerwarteten Beschuldigung schlug sie die Hände heftig zusammen, knirschte mit den weißen Zähnen und sprudelte eine Fluth von französischen Worten hervor, die ich nicht verstand und deren Inhalt ich deshalb nicht angeben kann.

»Ich denke, daß jetzt die Mamsell schachmatt,« flüsterte Dark mit seinen Augenzwinkern. »Ich glaube, William, Sie gehen jetzt nach Darrock-Hall und besorgen einen Krug von dem bekannten alten Ale. Ich komme, sobald die Geschichte hier zu Ende ist.«

Wenige Minuten später befand ich mich auf dem Wege nach Darrock-Hall —— endlich wieder ein freier Mann. —— Eine Viertelstunde nach mir traf Herr Dark ein und trank drei Gläser Ale auf meine Gesundheit, mein Glück und meine Zukunft. Nachdem er diese Ceremonie vollbracht, nickte er mir mit allen Zeichen großer Freude und ausnehmender Befriedigung zu.

»Ein prächtiger Fall, William,« sagte er, indem er mit seinen dicken Händen auf die fetten Kniee schlug, »ein ganz entzückender Fall! Was ist es doch für ein Vergnügen, bei einer so interessanten Angelegenheit thätig und mitwirkend zu sein. Ists nicht so, William?«

Ich meinestheils hatte nun zwar von diesem gerühmten Vergnügen eine andere Anschauung, aber ich wagte kaum, dieselbe auszusprechen. Ich war zu begierig zu hören, auf welche Weise Herr James Smith aufgefunden und herbeigeschafft worden war, um mich auf Streitigkeiten einzulassen. Herr Dark errieth übrigens meine Wünsche. Er bat mich also, mich zu ihm zu setzen und fing an zu erzählen.

»Als ich von meinem Prinzipal Nachricht über Das empfing, was sich hier zugetragen hatte," begann er, »wunderte ich mich keinen Augenblick, zu hören, daß Herr James Smith zurückgekommen war, aber ich erstaunte dennoch über die bedenkliche Wendung, welche die Dinge genommen hatten. Ich hatte nach Allem, was ich hörte, keine große Hoffnung, unsern Mann aufzufinden, aber ich befolgte sogleich den Auftrag meines Principals und ließ einen Aufruf in die öffentlichen Blätter einrücken, der zwar an Herrn James Smith adressirt, aber in Bezug auf die Sache um die es sich handelte, sehr vorsichtig gehalten, war. —— Zwei Tage später kam eine Zuschrift von weiblichen Hand in unser Geschäftsbureau. Da es mein Amt war, alle eingehenden Briefe zu öffnen, so erbrach ich auch diesen. Das Schreiben war kurz und räthselhaft. Es verlangte, daß eine Vertrauensperson aus unserm Bureau Nachmittags zwischen drei und vier Uhr in einem gewissen Hause erscheinen sollte, um nähere Auskunft über die Annonce zu geben, die wir hätten einrücken lassen. Natürlich wahr ich der Jemand, der dieser Einladung folgte. Nachdem ich das Haus glücklich gefunden, wurde ich in ein Zimmer geführt, wo ich eine ungewöhnlich schöne Frau auf dem Sopha liegend fand. Sie war in einen Morgenrock gekleidet und sah aus, als wäre sie eben von einer Krankheit erstanden. Ihr zur Seite lag ein Zeitungsblatt.

»Der Name meines Mannes ist James Smith,« sagte sie, nachdem sie mir einen Stuhl, ihrem Sopha gegenüber, angewiesen hatte, »und ich habe Gründe, die es mir wünschenswerth erscheinen lassen, zu wissen, ob er die gesuchte Persönlichkeit ist.«

Ich beschrieb unsern Mann als einen Herrn James Smith von Darrock-Hall in Cumberland.

»Den kenne ich nicht,« entgegnete sie.

Ich nannte nun den Namen der Yacht Herrn Smiths und hatte das Vergnügen, sie überrascht vom Sopha auffahren zu sehen, auf dem sie lag.

»Ich glaube, Sie haben sich in Schottland verheirathet, Madame,« sagte ich.

Sie wurde bleich wie Asche und sank auf das Sopha zurück.

»Es ist ohne Zweifel mein Mann, den Sie suchen,« flüsterte sie dann mit schwacher Stimme. »O, sagen Sie mir, Herr, was passirt ist, was Sie von ihm wollen? Hat er vielleicht Schulden?«

Ich dachte einen Moment nach über Das, was ich zu thun hätte und beschloß endlich, ihr Alles zu sagen, weil ich fürchtete, sie möchte ihrem Manne, wie sie ihn nannte, eine Warnung zugehen lassen, wenn ich sie dadurch erschreckte, daß ich die Sache als Geheimniß behandelte. Ich kann Ihnen aber sagen, William, daß die Scene ernsthaft wurde, als ich ihr die doppelte Verheirathung Herrn Smiths mittheilte. Sie weinte, schrie, beschuldigte mich bald der Unwahrheit bald der Grausamkeit, und hielt mich auf diese Weise beinahe eine Stunde fest, hielt mich so lange fest, bis Herr James Smith selbst von einem Ausgange zurück kam. —— Ich überlasse Ihnen, zu beurtheilen, ob das die Situation verbesserte! Er fand mich, wie ich die Schläfe der armen Frau mit Eau de Cologne und Wasser benetzte und er hätte mich, so wahr als ich hier sitze, zum Fenster hinaus geworfen, wenn ich ihn nicht gleich mit der Nachricht überrascht hätte, daß seine Frau des Mordes angeklagt und verhaftet wäre. Diese Mittheilung brachte ihn in dessen schnell zur Ruhe. Gehen Sie in's Nebenzimmer,« sagte er, »ich werde sogleich kommen und mit Ihnen sprechen.«

Da ich wußte, daß er mir nicht durch die Fenster entwischen konnte und die Thür im Bereich meiner Augen lag, so that ich ihm den Willen, ging und ließ ihn allein mit der Lady, welcher gegenüber er durchaus keinen leichten Stand hatte, wie ich im Nebenzimmer deutlich vernehmen konnte. Indessen hat Alles in der Welt ein Ende und ein Mann von einigem Verstande macht mit einer Frau, die ihn liebt, doch was er will. Ich hörte bald, wie sie weinte und ihn küßte. —— »Ich kann nicht nach Hause zurückehren,« schluchzte sie. »Du hast gegen mich gehandelt wie ein Ungeheuer —— aber ich kann Dich nicht aufgeben! O, geh' nicht wieder zu Deiner Frau, geh’ nicht wieder zu ihr!« —— »Mache Dir keine Sorge darum« entgegnete er. »Meine Frau würde mich kaum wieder haben wollen, selbst wenn ich käme.«

Nachdem er sie auf diese Weise beruhigt hatte, kam er endlich zu mir in’s Zimmer, aber sobald er meiner ansichtig wurde, fing er wieder an zu fluchen und sich und mich zu verwünschen, als ob das zu irgend etwas gut wäre. »Verzeihen Sie, Herr,« entgegnete ich, als ich zu Worte kam. »Lassen Sie uns erst das Geschäft abmachen und fluchen Sie dann, soviel es Ihnen nur irgend angenehm ist.« Nach diesem Eingange, der seinen Effect nicht verfehlte, bat ich ihn, er möchte mir das Vergnügen machen, mich nach Cumberland zu begleiten. Er schien diesem Vorschlage anfänglich sehr zu mißtrauen, nachdem ich ihm aber gesagt, daß ich mich durch ein rechtsgültiges Document verpflichten wolle, ihn ohne allen Schaden durch den Proeeß hindurch zuführen —— ein Document das natürlich keinen andern Nutzen und Zweck hatte, als ihn zu beruhigen —— und nachdem ich ihm die Gefahr dargestellt, in der seine rechtmäßige Frau schwebte, willigte er endlich ein.

Die zweite Frau, von der ich einigen Widerstand gegen mein Project erwartet hatte, fuhr Herr Dark fort, war leichter zu bestimmen, als ich gehofft. Ich stellte ihr den Fall genau so dar, wie er lag, sagte ihr, daß Herrn James Smiths erste Frau jedenfalls keinen Anspruch an ihren Mann erheben würde und nachdem ich sie davon überzeugt, verbündete sie sich mit mir, um Herrn Smith auf seine Pflicht hinzuweisen. Sie sagte, daß sie die Herrin von Darrock-Hall von Grund ihres Herzens bedaure und mit dieser unerwarteten Hilfe hatte ich nun eben keine Furcht mehr, daß mein Mann seine Entschlüsse ändern möchte —— dennoch ließ ich der größern Sicherheit wegen die Nacht über seine Thür bewachen.

Am nächsten Morgen, als ich kam, um ihn abzuholen, fand ich ihn bereits fertig und eine Viertelstunde später waren wir schon unterwegs. Wir machten die Reise per Extrapost, sowohl um die Gesellschaft neugieriger Personen zu vermeiden, als auch der größeren Schnelligkeit wegen, und wurden bald die besten Freunde. Ich erzählte ihm, wie wir ihm nach Schottland nachgereist waren und er seinerseits theilte mir dafür die näheren Umstände seiner Rückkehr nach Darrock-Hall mit.

Ich erfuhr also, daß Herr Smith mit Numero Zwei wirklich nach dem Mittelländischen Meere segelte. Sie begaben sich anfänglich nach der spanischen Küste und gingen von dort nach kurzem Aufenthalt nach der französischen Seestadt Cannes. Dort sah Herr Smith ein Haus mit schönem Garten, das ihm für seine zweite Frau sehr passend erschien. Da ihm aber zum Ankauf der Besitzung nichts fehlte, als das Geld, so entschloß er sich, aus der Noth eine Tugend zu machen, d.h. auf dem Landwege zu seiner rechtmäßigen Gattin zurückzukehren und eine Attake auf ihren Geldbeutel auszuführen. Numero Zwei hatte natürlich keine Lust, bis zur Rückkehr ihres Gatten allein in Frankreich zu bleiben und begleitete ihn bis London, wo er sie unter dem Vorgeben, daß er aus seinen Besitzungen in Linicolnshire Renten einkassiren müsse, daß aber sein Haus dort nicht zu ihrer Aufnahme geeignet sei, für einige Tage zurückließ. Kühn und keck brach er nun nach Darrock-Hall auf. Es war seine Absicht, die Besitzerin auf gütlichem Wege zur Herausgabe des nöthigen Geldes zu bewegen, aber die Sache wurde von vornherein durch die Anwesenheit Herrn Meekes verdorben.

Herr Smith ging an jenem Abend mit der unangenehmen Ueberzeugung zu Bett, daß er verrathen war. Er konnte nicht schlafen , suchte Rath bei der Brandyflasche, aber je mehr er trank und nachsann, je mehr bemächtigte sich seiner die Besorgniß, daß seine Frau beabsichtige, ihn wegen Bigamie zur Rechenschaft zu ziehen. —— Gegen Morgen endlich vermochte er diesen Gedanken nicht länger zu ertragen und er beschloß, sich der Rache der Gesetze durch die Flucht zu entziehen. Nachdem er sich angezogen hatte, fiel ihm ein, daß man einen Versuch machen könnte, seiner habhaft zu werden, und so nahm er jene Veränderung seines äußern Menschen vor, die heute vor Gericht unsere Zeugen in Bestürzung versetzte Er öffnete also eilig seinen Toilettenkasten und schnitt sich das Haar und den Backenbart ab. Da das Feuer ausgegangen war, mußte er sich mit kaltem Wasser rasiren. In Folge dessen und der Eile, in der er sich befand, verletzte er sich mit dem Messer ——«

»Und wischte das Blut an sein Nachtcamisol!« rief ich dazwischen.«

»An sein Nachtcamisol,« wiederholte Herr Dark. »Dasselbe lag ihm gerade zur Hand und er brauchte es ohne Bedenken. —— Damit war übrigens die Sache noch nicht zu Ende. Als er sein eigener Friseur und Barbier gewesen war, wußte er sich der Haare nicht zu entledigen. Das Feuer war, wie schon gesagt, ausgegangen und er besaß kein Schwefelholz, um es wieder anzuzünden. Er nahm also die Abfälle zusammen, wickelte sie in Papier und steckte sie in die Tasche, um sie in einiger Entfernung vom Hause wegzuwerfen. Dann nahm er die Reisetasche, mit der er gekommen, stieg zum Fenster hinaus, ließ das selbe leise wieder hinter sich herunter und ging so schnell davon, als seine langen Beine es nur immer erlaubten. Auf der Straße fand er die Postkutsche und er benutzte sie, um nach London zurückzukehren, wo er sich bald in, einer neuen Verlegenheit sah.

Frau Smith Numero Zwei befand sich in interessanten Umständen; die Reise von einem Ende Frankreichs zum andern war sehr anstrengend gewesen und so hatte Herr Smith bei seiner Rückkehr die Ueberraschung, seine Frau im Bett zu finden, mit dem gemessenen Befehl des Arztes, nicht aufzustehen, bis ihr Zustand sich gebessert hätte. Da ließ sich nun nichts thun, als Geduld, haben. Der Flüchtling mußte in London bleiben, und Ihre Herrin, William hat alle Ursache, der jungen Frau dankbar zu sein, die uns so vortrefflich in die Hände gearbeitet hat.«

»Und wie kamen Sie zu den abgeschnittenen Haaren, die Sie heute producirten?« fragte ich.

»Dafür sind wir Numero Zwei abermals Dank schuldig« sagte Herr Durk. »Als wir zuerst von der Annonce sprachen, die sie veranlaßt hatte, sich an uns zu wenden, hatte ich den Einfall, sie zu fragen, was sie bewogen hätte, ihren Mann und jenen Herrn James Smith, den wir suchten, für identisch zu halten. »Mein Mann kam vor einigen Tagen mit abgeschnittenem Haar und Backenbart nach Hause,« sagte sie, »und da er mir für diese Entstellung seines Aeußern keinen rechten Grund anzugeben wußte, argwöhnte ich, daß irgend etwas vorgefallen sein müßte und Ihre Aufforderung verstärkte den Argwohn.«

Als ich das hörte, schien es mir, obgleich ich Herrn Smith nicht kannte, sehr wahrscheinlich, daß er sich durch die Entfernung von Haar und Bart bis zur Unkenntlichkeit verändert habe, und ich fragte ihn deshalb vor unserer Abreise von London, wo er die Haare hingethan. Sie fanden sich in der Tasche seines Reiserockes, genau wie er sie hineingesteckt. Er hatte in der Verwirrung und Sorge vergessen, sie fortzuwerfen. Ich nahm das Paket an mich und Sie haben gesehn, wie gut das war.

»Im Ganzen, William, hat sich dieser vorzügliche Fall wunderbar gut abgewickelt,« fuhr Dark fort. »Wir haben Herrn Smith genau zur rechten Zeit producirt und haben uns zur rechten Zeit seiner entledigt. Er wird mit Numero Zwei so schnell als möglich abreisen und sicherlich keinen Fuß wieder nach England setzen, wenn er auch so alt würde, wie Methusalem.«

Mit großer Befriedigung hörte ich dann noch von Herrn Dark, daß meine Herrin voraussichtlich nichts mehr von der Französin zu fürchten hätte, trotz ihrer Drohungen. Dark hatte von Anfang an vermuthet, daß Josephine das Geheimniß erlauscht, denn sie hätte seiner Meinung nach jene wahnsinnige Anklage gegen meine Herrin und mich gar nicht zu erheben gewagt, wenn sie nicht die Ueberzeugung gehabt, daß Herr Smith sich jedenfalls fern halten müsse. Nur die Unmöglichkeit, ihre Aussage zu beweisen, hatte sie seiner Meinung nach abgehalten, die zweite Heirath vor Gericht anzugeben. Hätte sie die Mittel des Beweises besessen, so würde sie ohne Zweifel davon Gebrauch gemacht haben, um meine Herrin durch die Drohung der Veröffentlichung in ihre Gewalt zu bekommen. Wie die Sachen jetzt lagen, war nichts mehr von ihr zu fürchten, mochte sie wissen, was sie wollte. Die Anklage des Diebstahls, unter der sie gegenwärtig stand, machte sie unschädlich. Wollte sie von dem Vergehen ihres Herrn sprechen, so konnte sie das in Botany Bay thun, aber sie hatte vorläufig nicht die mindeste Aussicht, vor einem Gerichtshofe gehört zu werden.

»Aber was hatte ich ihr gethan, daß sie mich mit anklagte ?« fragte ich, nachdem mir Herr Dark die Lage der Sache erklärt. »Sie haben ihr freilich nichts gethan, und die Französin hatte Sie überhaupt nur in die Geschichte verwickelt, um dieselbe wahrscheinlicher zu machen,« entgegnete Dark. »Ihre Herrin mußte natürlich einen Gehilfen gehabt haben, um den Todten bei Seite zu bringen, und dieser Berechnung wurden Sie geopfert. Aber ich denke, die Mamsell ist schachmatt,« fügte er hinzu, indem er aufstand und sich zum Gehen rüstete. »In Bezug auf den Diebstahl hat sie sich übrigens nicht halb so gescheit benommen, wie ich ihr zugetraut hätte. Sie fing ganz klug an, indem sie ein bescheidenes Quartier im Dorfe nahm, um gleich beider Hand zu sein, wenn man sie brauchte —— und so weit konnte nichts unschuldiger und respectvoller sein, als sie. Ader daß sie das gestohlene Gut in ihrem Bette, aufbewahrte, der erste Platz, wo ein nur einigermaßen erfahrener Mann nachsucht, das war so erstaunlich dumm, daß ich nicht weiß, wie ich es, mir erklären soll. Jetzt sind ihre Hände und die Zunge gebunden. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, Will, und sagen Sie ihr, daß weder ihr liederlicher Mann, noch ihr lügenhaftes diebisches Kammermädchen ihr je wieder einen Schaden zufügen werden. Sie hat nichts zu thun, sich zu erholen und glücklich zu leben.« Also auf ihre Gesundheit und auf die Ihrige, Will, diesen lezten Schluck Alei« Mit diesen Worten trank Herr Dark sein Glas aus, nahm eine große Prise winkte mir ein letztes Mal mit seinen lustigen Augen und pfeifend davon, um den Londoner Postwagen zu erreichen.

Ich, der ich meine arme Lady besser kannte, als er, ich hatte wohl gesehen, daß sich ihr trüber, müder, theilnahmloser Blick nicht aufgeklärt hatte, als ihre Unschuld an den Tag kam und sie freigesprochen wurde. Ich konnte die Zukunft nicht in so rosenfarbenem Lichte sehen, wie Herr Dark, im Gegentheil, ich dachte mit bangen Ahnungen an Frau Smith. Andere, unter ihnen der Anwalt, meinten, daß sie den Schlag mit der Zeit überwinden werde, ich allein zweifelte von vornherein an ihrer Wiederherstellung.

Bald nach Beendigung der traurigen Angelegenheit ging Frau Smith nach London, sowohl um Lust und Scene zu wechseln, wie um den besten Arzt bei der Hand zu haben. Von London schickte man sie ans Meer und von da ging sie nach ihren Besitzungen in Yorkshire. Ich begleitete sie nach allen diesen Orten und sah nur zu deutlich, wie nutzlos alle Mühe war, ihr Leben zu erhalten. Sie wurde schwächer und schwächer, ohne sich mit einem Blicke, einem Worte zu beklagen. Sie war stets geduldig, gütig und dankbar für jeden kleinen Dienst, den man ihr leistete.

Es sind seit jener trübseligen Zeit viele Jahre vergangen, aber die Erinnerung an jene Tage ist so lebendig in mir geblieben, daß ich noch stets die Fassung Verliere, wenn ich in die Details aller dieser Dinge eingehe. Es ist darum besser, wenn ich mich möglich kurz fasse und so schnell als möglich mit meiner Geschichte zu Ende zu kommen suche.

Etwa ein Jahr nach dem Tage, wo die Unschuld meiner Herrin anerkannt und sie aus dem Gefängnisse entlassen wurde, ging ich hinter ihrer Leiche zum Kirchhofe.

Am Tage vor ihrem Hinscheiden ließ sie mich an ihr Bett kommen. Sie hatte während ihrer Krankheit niemals von den Unannehmlichkeiten der vergangenen Zeit gesprochen, nur als sie für immer Abschied von mir nahm, erwähnte sie jene schrecklichen Tage.

»Wir haben damals schwere Prüfungen zusammen getragen, William,« sagte sie, »und wenn ich nicht mehr bin, werden Sie sehen, daß ich Ihre treuen Dienste nicht vergessen habe.«

Diese Worte bezogen sich auf ein Legat, welches sie mir in ihrem Testamente ausgesetzt hatte. Es war eine große Summe Geld, zuviel vielleicht für einen Mann, wie ich. Ich will damit nicht sagen, daß ich den Werth des Geldes nicht zu schätzen wüßte —— im Gegentheil, ich erkenne die Vortheile des Besitzes so gut, wie ein Anderer, aber ich kann aus dem Grunde meines Herzens betheuern, daß ich Alles hingegeben haben würde wenn ich damit meiner Herrin Leben hätte retten können.

Meine lange Geschichte ist jetzt so ziemlich zu Ende. Nur über mehrere Personen, welche darin eine Hauptrolle spielen, habe ich noch einige Worte zu sagen.

Die Französin wurde des Diebstahle überwiesen und zur Transportation auf sieben Jahre verurtheilt. Sie hielt diese Zeit nicht aus, sondern starb schon nach zwei Jahren. Auch Herr Meeke lebte nicht mehr lange. Der arme kleine Mann war meiner Herrin in seiner Weise treu ergeben und die Nachricht von ihrem Tode brach auch seinen Lebensmuth. Er konnte sich nicht vergeben, daß er die ersten wenn auch unschuldige Ursache der unangenehmen Vorfälle in Darrock-Hall gewesen war und er beschloß darum, gleichsam zur Sühne, den Rest seines Lebens in guten Werken zu vollbringen. Zu diesem Zwecke schloß er sich einer Missionsexpedition nach nach den Cap der guten Hoffnung an —— ein Beruf, zu dem er ungefähr so viel Geschick hatte, wie meine Katze, die dort hinter dem Ofen liegt. Und er erreichte nicht einmal den Ort seiner Bestimmung, denn er litt unterwegs so heftig von der Seekrankheit, daß man ihn in Madeira and Land setzen mußte. Er hatte sich ein Blutgesäß in der Brust zersprengt, erhielt sich aber in dem herrlichen Klima der Insel noch einige Zeit am Leben, dann ging er sanft und still hinüber in das Land der Verheißung. Er wurde auf dem englischen Kirchhofe in Madeira begraben.

Was Herrn James Smith betrifft, so lebte er noch manches Jahr mit seiner schottischen Ehehälfte. Jetzt ist auch er hingegangen, um seine Thaten vor einem höheren Richterstuhle zu verantworten. Von den näheren Umständen seines Lebens und seines Todes habe ich nichts erfahren. Vor etwa sechs Monaten aber hörte ich von seiner Wittwe. Sie hat sich wieder verheirathet und wohnt jetzt in London. Sie, ich und Herr Dark der jetzt ein alter schwacher Mann ist, wir sind die letzten lebenden Zeugen jener Vorfälle in Darack-Hall. Ich habe Herrn Dark bis jetzt alljährlich ein Geschenk mit einer Partie Schnupftabak gemacht, und ihm dasselbe gewöhnlich selbst gebracht, aber ich fand ihn das letzte Mal sehr stumpf geworden. Dennoch erinnerte er sich, wie bei jedem meiner Besuche, unserer Reise nach Schottland und des »wunderbaren Falles«, der das Ende davon war.

Dresden, Buchdruckerei von Ernst & Portéger.


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