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Der Mondstein



Vierzehntes Capitel.

Der nächste Weg nach dem Garten, wenn man aus Mylady’s Wohnzimmer kam, führte längs dem Gebüsch hin, das der Leser schon kennt. Zum besseren Verständnis; dessen, was ich jetzt zu erzählen habe, füge ich hinzu, daß dieser Weg Herrn Franklin’s Lieblings-Spaziergang war. Wenn er sich im Freien aufhielt und wir ihn sonst nirgends finden konnten, so fanden wir ihn meistentheils schließlich hier. Ich kann nicht leugnen, daß ich ein etwas hartnäckiger alter Mann bin. Je fester Sergeant Cuff seine Gedanken vor mir verschloß, desto fester beharrte ich bei dem Versuch, in dieselben einzudringen. Als wir in den besagten Weg einlenkten, versuchte ich ihn aus andere Weise zu überlisten. »Wie die Sachen jetzt stehen,« sagte ich, »wäre ich an Ihrer Stelle mit meinem Latein zu Ende.

»Wenn Sie an meiner Stelle wären,« sagte der Sergeant, »so würden Sie sich eine Meinung gebildet haben, und wie die Sachen jetzt stehen, jeden Zweifel, den Sie vielleicht noch an der Richtigkeit Ihrer Schlüsse gehegt hätten, vollständig beseitigt finden. Gleichviel, Herr Betteredge, für jetzt, worin diese Schlüsse bestehen. Ich habe Sie nicht gebeten, mich hierher zu führen, um mich von Ihnen wie ein Dachs aus dem Loche locken zu lassen, sondern um mir eine Auskunft von Ihnen zu erbittert. Sie hätten mir dieselbe ohne Zweifel auch eben so gut im Hause geben können. Aber Thüren und Lauscher haben eine natürliche Neigung, sich einander zu nähern, und in meinem Beruf pflegen wir eine gesunde Vorliebe für frische Luft zu haben.«

Ich mußte es mir wohl vergehen lassen, diesen Mann zu überlisten. Ich ergab mich in mein Schicksal und wartete so geduldig wie möglich der Dinge, die da kommen würden.

»Wir wollen auf die Gründe Ihres Fräuleins nicht näher eingehen,« fuhr er fort. »Wir wollen uns damit begnügen zu sagen, es ist schade, daß sie sich weigert, mir behilflich zu sein, weil sie dadurch die Untersuchung schwieriger macht, als sie sonst gewesen sein würde. Wir müssen jetzt versuchen, das Geheimniß des Flecks aus der Malerei, welches, das können Sie mir aufs Wort glauben, identisch mit dem Geheimniß des Diamanten ist, auf anderem Wege zu ergründen. Ich habe beschlossen, die Domestiken kommen zu lassen, um anstatt ihrer Garderoben ihre Gedanken und Handlungen zu durchsuchen. Bevor ich jedoch damit beginne, möchte ich noch eine oder zwei Fragen an Sie richten.« Sie sind ein guter Beobachter. Haben Sie seit der Entdeckung des Verlustes des Diamanten bei irgend einem der Dienstboten, abgesehen von den ganz natürlichen Wirkungen des Schrecks, dem Zusammenstecken der Köpfe, dem Flüstern u. s. w. irgend etwas Auffallendes bemerkt: einen besonderen Streit unter ihnen, eine ungewöhnliche Gemüthserregung ein unerwartetes Aufbrausen oder ein plötzliches Unwohlsein und dergleichen?«

Ich hatte eben noch Zeit, an Rosanna Spearman’s gestriges Unwohlsein bei Tische zu denken, aber nicht mehr Zeit zum Antworten, denn plötzlich blickte Cuff seitwärts nach dem Gebüsch und sagte leise zu sich: »Halloh!«

»Was giebt’s?« fragte ich.

»Ein rheumatisches Zucken im Rücken,« sagte der Sergeant mit lauter Stimme, als ob er wünsche, daß eine dritte Person uns höre. »Das Wetter wird sich bald ändern!« Ein paar Schritte weiter brachten uns an die Ecke des Hauses; wir machten rechtsum kehrt, traten auf die Terrasse und gingen die Mitteltreppe hinab in den Garten. Hier wo man einen freien Ueberblick nach allen Seiten hin hatte, stand Sergeant Cuff still.

»A propos wegen der jungen Person Rosanna Spearman,« fing er an, »es ist nach ihrem Aeußern nicht sehr wahrscheinlich, daß sie einen Liebhaber hat. Aber um ihrer selbst willen muß ich Sie doch gleich fragen, ob das arme Ding, wie alle andern Mädchen, einen Schatz hat.«

Was in aller Welt konnte ihn veranlassen, mir unter den gegenwärtigen Umständen diese Frage zu stellen? Statt aller Antwort sah ich ihm starr in’s Gesicht.

»Ich habe Rosanna Spearman im Vorübergehen im Gebüsch versteckt gesehen.«

»Als Sie Halloh riefen?«

»In demselben Augenblick. Wenn sie einen Schatz hat, so hat das Verstecken nichts zu bedeuten, hat sie aber keinen, so ist es, wie die Dinge hier stehen, ein höchst verdächtiger Umstand, und ich werde zu meinem Bedauern genöthigt sein, demgemäß vorzugehen.«

Was sollte ich darauf sagen? —— Ich wußte, daß der Weg am Gebüsch Herrn Franklins Lieblingsspaziergang war, ich wußte, daß er höchst wahrscheinlich bei seiner Rückkehr dorthin gehen würde, ich wußte, daß Penelope hundertmal Rosanna sich dort hatte herumtreiben sehen, und daß sie immer behauptet hatte, der einzige Zweck des Mädchens dabei sei, Herrn Franklins Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn meine Tochter Recht hatte, so ist es nur zu wahrscheinlich, daß Rosanna in Erwartung von Herrn Franklin’s Rückkehr auf der Lauer stand. Ich befand mich also in der unangenehmen Alternative, entweder Penelopes Meinung als die meinige auszusprechen, oder das unglückliche Geschöpf den Folgen, den ernsten Folgen des Verdachts von Sergeant Cuff auszusetzen.

Aus reinem Mitleiden für das Mädchen —— auf Ehre und Gewissen, aus reinem Mitleiden gab ich dem Sergeanten den nöthigen Aufschluß, und erzählte ihm, daß Rosanna närrisch genug gewesen sei, sich in Herrn Franklin zu verlieben.

Sergeant Cuff lachte niemals —— bei den seltenen Gelegenheiten, wo ihn etwas ergötzte, zuckte er ein wenig mit den Mundwinkeln —— weiter nichts So zuckte er jetzt.

»Würden Sie nicht richtiger gesagt haben, sie ist närrisch genug, häßlich und nur ein Dienstmädchen zu sein?« fragte er. »Das Verlieben in einen Mann von Herrn Blakes Aussehen und Benehmen scheint mir bei Weitem nicht das Närrischste an ihrem Betragen. Indessen bin ich froh, die Sache aufgeklärt zu sehen. Es gewährt immer eine Beruhigung, wenn man klar sieht. Ja, ich werde die Sache für mich behalten, Herr Betteredge. Ich habe gern Nachsicht mit menschlichen Schwächen obgleich ich in meinem Beruf nicht viel Gelegenheit habe, diese Tugend zu üben. Glauben Sie, daß Herr Blake eine Ahnung von der Leidenschaft des, Mädchens für ihn hat? Wenn sie hübsch wäre, würde er es rasch genug gemerkt haben. Die häßlichen Mädchen haben ein trauriges Loos in dieser Welt, hoffen wir, daß es ihnen in der anderen besser gehen wird.

Nun sehen Sie einmal selbst, wie viel besser sich die Blumen zwischen Gras als zwischen Kies ausnehmen. Nein, ich danke, ich will keine Rose, es schneidet mir ins Herz, sie zu brechen, gerade wie es Ihnen ins Herz schneidet, wissen Sie, wenn im Domestikenzimmer etwas verkehrt geht. Haben Sie etwas Auffallendes an irgend einem der Dienstboten unmittelbar nach dem Verlust des Diamanten bemerkt?«

Bis jetzt war ich ganz gut mit dem Sergeanten ausgekommen; aber die Schlauheit, mit der er diese Frage herbeigeführt hatte, machte mich behutsam. Offen gestanden, sagte es mir durchaus nicht zu, ihm seine Fragen über meine Mitdienstboten zu beantworten.

»Ich habe nichts bemerkt,« sagte ich, außer daß wir Alle, ich selbst nicht ausgenommen, den Kopf verloren hatten.«

»O,« erwiderte Cuff, »ist das Alles, was Sie mir mitzutheilen haben?«

Ich antwortete mit, wie ich mir schmeichelte, undeutlicher Miene: »Alles!«

»Herr Betteredge,« sagte er, » geben Sie mir die Hand. Sie gefallen mir ganz außerordentlich!«

Warum er gerade den Augenblick, wo ich ihn hinterging, wählte, mir diesen Beweis seiner Hochachtung zu geben, übersteigt meine Fassungskraft. Ich war stolz, es erfüllte mich in der That mit einigem Stolz, daß der berühmte Cuff einmal seinen Mann gefunden hatte!

Wir gingen wieder ins Haus, wo mich der Sergeant bat, ihm ein Zimmer anzuweisen und ihm die zum Hause gehörenden Dienstboten, einen nach dem andern in der Reihenfolge ihres Ranges zu schicken. Ich führte den Sergeanten in mein eigenes Zimmer und rief dann die Dienstboten in die Halle zusammen.

Rosanna war unter ihnen und zeigte in ihrem Benehmen nichts Auffallendes. Sie war in ihrer Weise nicht weniger scharfblickend als der Sergeant in seiner und ich glaube beinahe, daß sie gehört hatte, was er über die Dienstboten im Allgemeinen gerade bevor er ihrer ansichtig wurde, zu mir gesagt hatte. Jedenfalls sah sie jetzt aus, als ob sie in ihrem Leben von einem Weg am Gebüsch nie etwas gehört habe. Ich schickte die Leute, einen nach dem andern, wie Sergeant Cuff gewünscht, zu ihm hinein.

Die Köchin war die erste, an welche die Reihe kam, die in einen Gerichtssaal verwandelte Stube zu betreten. Sie blieb nur eine kurze Weile dort. Ihr Bericht beim herauskommen lautete: »Sergeant Cuff ist in übler Stimmung, aber Sergeant Cuff ist ein vollendeter Gentleman.« Myladys Kammermädchen war die nächste. Sie berichten: »Wenn Sergeant Cuff einem respectablen Mädchen nicht glauben will, so sollte er wenigstens seine Meinung für sich behalten.« Dann kam Penelope; sie blieb nur wenige Augenblicke und berichten: »Sergeant Cuff ist sehr zu bedauern, er muß als junger Mann Unglück in der Liebe gehabt haben.« Auf Penelope folgte das erste Hausmädchem sie blieb, wie Myladys Kammermädchen, ziemlich lange und berichtete: »Ich habe die Stelle bei Mylady nicht aufgenommen, Herr Betteredge, um mir von einem niedrigen Polizeibeamten in’s Gesicht sagen zu lassen, daß er mir nicht glaubt.« Die nächste war Rosanna Spearman; sie blieb länger als irgend eine der Andern; sie berichtete nichts, sondern hielt ihre todtenbleichen Lippen fest verschlossen. Auf Rosanna folgte der Diener Samuel, der nur wenige Minuten blieb und berichtete: »Der Kerl, der Sergeant Cuffs Stiefel gewichst hat, sollte sich schämen!« Das Küchenmädchen Nancy war die letzte. Sie blieb nur wenige Minuten und berichtete: »Sergeant Cuff ist ein guter Mann, er erlaubt sich keine Späße mit einem armen Mädchen, Herr Betteredge!«

Als ich, nachdem das Verhör vorüber war, in den Gerichtssaal trat, um zu hören, ob etwas von mir gewünscht werde, fand ich den Sergeanten wieder bei seiner Lieblingsbeschäftigung Er sah zum Fenster hinaus und pfiff die »letzte Rose«. »Haben Sie etwas entdeckt, Herr Cuff?«

»Wenn Rosanna Sperman um Erlaubniß bittet, auszugehen, lassen Sie das arme Mädchen gehen, aber sagen Sie mir vorher Bescheid.«

Ich hätte doch wohl besser gethan, über Rosanna und Herrn Franklin zu schweigen. Es war klar, das Unglückliche Mädchen war trotz Allem, was ich dagegen thun mochte, dem Sergeanten verdächtig »Ich hoffe,« wagte ich zu bemerken, »Sie sind nicht der Ansicht, daß Rosanna etwas mit dem Verlust des Diamanten zu thun hat.« Der Sergeant zuckte mit den Mundwinkeln und sah mich scharf an, gerade wie er es im Garten gethan.

»Ich glaube, lieber Herr Betteredge, es ist besser, wenn ich Ihnen darauf nicht antworte. Sie möchten sonst, wissen Sie, Ihren Kopf zum zweiten Male verlieren.«

Jetzt stiegen leise Bedenken in mir auf, ob Sergeant Cuff wirklich seinen Mann an mir gefunden habe. Ich fühlte mich erleichtert, als wir hier durch Klopfen an der Thür und eine Botschaft von der Köchin unterbrochen wurden, Rosanna habe um Erlaubniß gebeten auszugehen, aus demselben Grunde wie gewöhnlich, weil sie Kopfschmerzen habe und gern frische Luft schöpfen wolle. Auf ein Zeichen des Sergeanten sagte ich »ja.« »Wo pflegen die Dienstboten hinaus zu gehen?« fragte er, als der Bote wieder fort war. Ich zeigte es ihm. »Schließen Sie Ihr Zimmer ab und sagen Sie, wenn Jemand nach mir fragt, ich sei hier und gehe mit mir zu Rath.«

Er zuckte wieder mit den Mundwinkeln und verschwand.

Als ich mich so allein fand, trieb mich eine verzehrende Neugierde, zu versuchen, ob ich nicht für mich allein etwas entdecken könne. Es war klar, daß Cuff’s Verdacht gegen Rosanna durch etwas, was er beim Verhör der Dienstboten entdeckt hatte, bestärkt worden war. Nun waren die einzigen beiden Dienstboten, welche außer Rosanna etwas längere Zeit verhört worden waren, Mylady’s Kammermädchen und das erste Hausmädchen, also dieselben, welche bei den Redereien gegen Rosanna die Andern immer angeführt hatten. Nachdem ich mir dies überlegt hatte, suchte ich mich wie zufällig im Domestikenzimmer an die Beiden zu machen und setzte mich zu ihnen an den Theetisch. Denn wohlgemerkt, ein Schluck Thee ist für eine weibliche Zunge so viel wie ein Tropfen Oel für eine ausgehende Lampe. Mein Vertrauen auf den Theetopf als einen Verbündeten ward nicht getäuscht. In weniger als einer halben Stunde wußte ich so viel wie der Sergeant selber. Weder das Kammermädchen noch das Hausmädchen hatten, wie es schien, an Rosanna’s Unwohlsein geglaubt. Diese beiden Teufel (ich bitte den Leser um Verzeihung, aber wie soll man boshafte Frauenzimmer anders nennen) hatten sich am Donnerstag zu wiederholten Malen hinaufgeschlichen Rosanna’s Thür verschlossen gefunden, hatten geklopft und keine Antwort bekommen, hatten gehorcht und nicht das leiseste Geräusch gehört. Als das Mädchen dann zum Thee heruntergekommen und, anscheinend noch leidend, wieder hinaufgeschickt worden war, hatten die besagten beiden Teufel die Thür abermals untersucht und wieder verschlossen gefunden, hatten durch’s Schlüsselloch sehen wollen und es verstopft gefunden, hatten um Mitternacht durch die Thürspalten einen Lichtschein wahrgenommen und hatten um vier Uhr Morgens das Geprassel eines Kaminfeuers vernommen —— Kaminfeuer im Zimmer eines Dienstmädchens im Juni! Alles das hatten sie vor dem Sergeanten Cuff ausgesagt, der aber zum Lohn für ihre Beflissenheit, ihn aufzuklären, sie mit einem sauern und argwöhnischen Blick entlassen und ihnen deutlich gezeigt hatte, daß er Keiner glaube. Daher die ungünstigen Berichte über ihn, welche diese beiden Mädchen nach dem Verhör erstattet hatten, daher auch, abgesehen von der Wirkung des Theetopfes ihre Bereitwilligkeit, ihren Zungen über das unfreundliche Benehmen des Sergeanten freien Lauf zu lassen. Da ich schon etwas von der feinen Art und Weise des großen Cuff kennen gelernt und ihn darauf bedacht gesehen hatte, Rosanna unbemerkt zu folgen, schien es mir klar, daß er es nicht für gerathen gehalten habe, Mylady’s Kammermädchen und dem Hausmädchen merken zu lassen, einen wie wesentlichen Dienst sie ihm geleistet hatten. Sie waren gerade die Art von Mädchen, die, wenn er ihre Aussage als glaubwürdig behandelt hätte, übermüthig geworden und im Stande gewesen wären, etwas zu thun oder zu sagen, was Rosanna veranlaßt hätte, auf ihrer Hut zu sein.

Ich ging in den schönen Sommerabend hinaus, wegen des armen Mädchens sehr besorgt, und über die Wendung der Dinge im Allgemeinen sehr ungehalten. Am Gebüsch traf ich Herrn Franklin auf seinem Lieblingsspaziergang. Er war schon eine Zeitlang von der Station zurück und hatte eine längere Unterredung mit Mylady gehabt. Sie hatte ihm die unbegreifliche Weigerung Fräulein Rachel’s, ihre Garderobe untersuchen zu lassen, mitgetheilt, und hatte ihn dadurch in eine so verdrießliche Stimmung versetzt, daß er durchaus nicht geneigt schien, sich über die Angelegenheit zu unterhalten. Zum ersten Male, so lange ich ihn kannte, sah ich ihn diesen Abend mit dem Ausdruck des Familien-Temperaments auf seinem Gesicht.

»Nun, Betteredge, wie behagt denn Ihnen die Atmosphäre von Geheimniß und Verdacht, in der wir jetzt leben? Erinnern Sie sich des Morgens, an dem ich hier zum ersten Mal mit dem Mondstein erschien? Wollte Gott, wir hätten ihn damals in den Zittersand versenkt.«

Nach diesem Ausbruch schwieg er, bis er sich wieder gefaßt hatte. Wir gingen ein paar Minuten schweigend neben einander her, bis er mich fragte, was aus Sergeant Cuff geworden sei. Es war unmöglich ihn mit der Ausflucht, daß der Sergeant in meinem Zimmer mit sich zu Rathe gehe, abzuspeisen, und ich berichtete ihm, was vorgefallen war, namentlich auch, was Myladys Kammermädchen und das Hausmädchen über Rosanna ausgesagt hatten. Herrn Franklins klarer Kopf ersah die Fährte, auf welcher sich Cuffs Verdacht befand, im Nu.

»Sagten Sie mir nicht diesen Morgen, daß der Bäckerjunge gestern auf dem Fußwege nach Frizinghall Rosanna begegnet sei, während wir sie unwohl auf ihrem Zimmer glaubten?«

»Ja wohl, Herr Blake.«

»Wenn die beiden Mädchen die Wahrheit gesagt haben, so können Sie sich darauf verlassen, daß der Junge ihr wirklich begegnet ist. Ihr Unwohlsein war nur erheuchelt, um uns zu hintergehen. Sie hatte ihre Gründe, die Stadt im Geheimen aufzusuchen. Das befleckte Kleidungsstück war das ihrige, und das Feuer, das die Mädchen um 4 Uhr Morgens in ihrem Zimmer prasseln hörten, hatte sie angezündet, um dasselbe zu verbrennen. Rosanna Spearman hat den Diamanten gestohlen! Ich will sogleich hineingehen und meine Tante von der Wendung der Dinge in Kenntniß setzen.«

»Noch nicht, wenn ich bitten darf,« sagte eine melancholische Stimme hinter uns.

Wir drehten uns um und fanden uns Cuff gegenüber.

»Warum jetzt noch nicht?« sagte Herr Franklin

»Weil, wenn Sie die Sache Mylady jetzt mittheilen, diese sie wieder Fräulein Verinder erzählen wird.«

»Und wenn nun? Was weiter?« Herr Franklin sprach mit Erregtheit und Heftigkeit, als ob der Sergeant ihn tödtlich beleidigt hätte.

»Halten Sie es für weise,« sagte der Sergeant ruhig, »mir eine solche Frage in einem Augenblicke wie dieser vorzulegen?« Es entstand eine Pause. Herr Franklin trat dicht an den Sergeanten heran, Beide sahen sich scharf ins Gesicht, Herr Franklin brach zuerst das Schweigen in einem Tone, »der eben so plötzlich wieder gedämpft klang, wie er kurz vorher leidenschaftlich gewesen war. »Sie vergessen hoffentlich nicht, Herr Cuff, daß es sich hier um eine delicate Affaire handelt.«

»Es ist nicht das erste Mal, daß ich mit delicaten Affairen zu thun habe,« antwortete der Andere, so unbeweglich wie je.

»Habe ich Ihre Worte dahin zu verstehen, daß Sie mir untersagen, meiner Tante das Vorgefallene mitzutheilen?«

»Sie haben mich gefälligst dahin zu verstehen, daß ich mich völlig von dieser Sache zurückziehen werde, wenn Sie Lady Verinder oder irgend Jemanden ohne meine Einwilligung Mittheilungen machen.«

Damit war die Sache abgemacht Herrn Franklin blieb keine Wahl, er mußte sich fügen; er wandte sich ärgerlich ab und verließ uns. Ich hatte während ihres Zwiegesprächs zitternd dagestanden, ohne zu wissen, was ich von der ganzen Sache denken solle. In meiner Verwirrung waren mir doch zwei Dinge klar geworden: erstens, daß unser Fräulein, mir unerklärlich, die eigentliche Ursache der scharfen Worte war, welche die Beiden gewechselt hatten; zweitens, daß sie, ohne vorher mit einander gesprochen zu haben, sich vollkommen verstanden.

»Herr Betteredge,« fing der Sergeant wieder an, »Sie haben in meiner Abwesenheit etwas sehr Verkehrtes gethan, Sie haben mir ein bischen in’s Handwerk gepfuscht In Zukunft möchte ich Sie freundlichst ersuchen sich dieser Beschäftigung nur in Gemeinschaft mit mir zu überlassen.« Er nahm meinen Arm und zog mich mit sich fort. Ich muß bekennen, daß sein Vorwurf nicht unbegründet war, dennoch wollte ich ihm nicht behilflich sein, Rosanna Fallen zu stellen. Ob sie die Diebin war oder nicht, ob ihre Handlungen vor dem Gesetz bestehen würden oder nicht, gleichviel, ich hatte Mitleid mit ihr. »Was wollen Sie von mir?« fragte ich, indem ich mich von ihm losmachte und stillstand.

»Nichts als eine kleine Auskunft über die hiesige Gegend.« Gegen eine Erweiterung von Sergeant Cuffs geographischen Kenntnissen konnte ich nichts einzuwenden haben.

»Giebt es in jener Richtung einen Weg, der von der Seeküste nach dem Hause führt?« fragte er, indem er auf die Tannenpflanzung wies, die zu dem Zitterstrande führte.

»Ja, es ist dort ein Weg.«

»Zeigen Sie ihn mir.«

Und alsbald machten wir uns an jenem trüben Sommerabend auf den Weg nach dem Zitterstrande.

Der Sergeant blieb still in Gedanken versunken, bis wir in die Tannenpflanzung traten, die zu dem Zitterstrand führt. Hier erwachte er wieder aus seiner Träumerei, wie Jemand der mit sich einig geworden ist, und fing wieder an mit mir zu reden.

»Herr Betteredge,« begann er, »da Sie mir die Ehre erweisen, mit mir an einem Strang zu ziehen und da Sie mir, wie ich hoffe, noch heute Abend behilflich sein werden, so sehe ich nicht ein, wozu wir einander noch länger mystificiren sollen und ich will Ihnen mit dem guten Beispiel einer offenen Sprache vorangehen. Sie sind entschlossen, mir keine nachtheilige Auskunft über Rosanna Spearman zu geben, weil sie sich gegen Sie gut betragen hat und weil Sie Mitleid mit ihr haben. Diese humanen Rücksichten machen Ihnen alle Ehre; es trifft sich aber in diesem Falle, daß diese humanen Rücksichten durchaus überflüssig sind. Rosanna ist nicht im Entferntesten in Gefahr, in Ungelegenheiten zu gerathen, selbst dann nicht, wenn ihre Betheiligung an dem Verschwinden des Diamanten so klar wäre, wie daß wir hier neben einander hergehen.«

»Meinen Sie,. daß Mylady sie unbehelligt lassen wird?«

»Ich meine; daß Mylady sie unbehelligt lassen muß Rosanna ist nur das Werkzeug in der Hand. einer andern Person und Rosanna wird dieser andern Person wegen unbehelligt bleiben.«

Er sprach wie Jemand der es ernst meint, darüber konnte mir kein Zweifel bleiben; dennoch erregte er in mir eine unheimliche Empfindung.

»Können Sie diese andere Person nicht nennen?«

»Können Sie sie nicht nennen, Herr Betteredge?«

»Nein.«

Sergeant Cuff stand wieder still und betrachtete mich mit melancholischer Theilnahme.

»Es gereicht mir immer zum Vergnügen, menschliche Schwächen mit zarter Rücksicht zu behandeln; in diesem Augenblick fühle ich mich zu solcher Rücksichtnahme gegen Sie gezwungen. Und Sie haben aus demselben Motive das zarteste Mitgefühl für Rosanna Spearman, nicht wahr, Herr Betteredge? Wissen Sie zufällig, ob Rosanna kürzlich mit neuer Leibwäsche ausgestattet ist?«

Was er mit dieser plötzlichen unerwarteten Zwischenfrage beabsichtigte war mir völlig unklar. Da ich keinen denkbaren Nachtheil für Rosanna zu erblicken vermochte, wenn ich die Wahrheit sagte, antwortete ich, daß sie bei ihrem Eintritt in unser Haus ziemlich dürftig versehen gewesen sei, und daß Mylady sie zur Belohnung für ihr gutes Betragen (ich betonte ihr gutes Betragen) vor noch nicht vierzehn Tagen ganz neu ausgestattet habe.

»Eine jämmerliche Welt!« rief Cuff aus. »Das menschliche Leben gleicht einer Schießscheibe, nach welcher das Unglück unablässig zielt und in welcher es immer das Schwarz: trifft. Hätte Rosanna diese Ausstattung nicht bekommen, so würden wir unter ihren Sachen ein neues Nachthemd oder einen neuen Unterrock gefunden und sie auf diese Weise überführt haben. Sie verstehen mich doch? Sie haben ja die Mädchen selbst verhört und wissen, welche Entdeckungen zwei von ihnen vor Rosannas Thür gemacht haben? Ohne Zweifel wissen Sie auch, was das Mädchen gestern, nachdem sie sich nicht wohl fühlte, begonnen hat. Nicht? Das ist doch so klar, wie der Lichtstreifen dort auf den Bäumen. Am Donnerstag Morgen um 11 Uhr zeigt der Oberbeamte Seagreaf —— dieser Klumpen menschlicher Beschränktheit —— allen weiblichen Dienstboten die übergewischte Stelle an der Thür Rosanna hat ihre guten Gründe, ihre eigenen Sachen für verdächtig zu halten. Sie ergreift die erste Gelegenheit auf ihr Zimmer zu kommen, findet den Farbefleck auf ihrem Nachthemd oder ihrem Unterrock, oder ihrem was weiß ich, stellt sich krank, und schleicht sich aus dem Hause nach der Stadt, kauft das Zeug zu einem neuen Nachthemd oder Unterrock, macht das Kleidungsstück in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in ihrem Zimmer fertig, zündet ein Feuer an — nicht um das befleckte zu vernichten; zwei ihrer Mitmädchen suchen sie vor ihrer Thür auszuspioniren und sie ist zu klug, um Brandgeruch zu verbreiten und sich einen Haufen angebrannter Lumpen aufzuladen, den sie bei Seite schaffen müßte, —— zündet also ein Feuer an, sage ich, um das neue Kleidungsstück nachdem sie es gewaschen, zu trocken und zu plätten, hält das befleckte Kleidungsstück versteckt (wahrscheinlich an ihrem Leibe) und ist in diesem Augenblick damit beschäftigt, sich dessen an einer passenden Stelle, z. B. an jener einsamen Küstenstrecke, die vor uns liegt, zu entledigen. Ich habe sie diesen Abend nach Ihrem Fischerdorf, und zwar in eine bestimmte Hütte gehen sehen, der wir möglicher Weise einen Besuch abzustatten haben werden, bevor wir zurückkehren. Sie blieb eine Zeit lang in der Hütte und hielt, als sie wieder herauskam, wenn ich mich nicht irre, etwas unter ihrem Mantel verborgen. Ein Mantel auf dem Rücken eines Frauenzimmers ist ein Symbol der christlichen Liebe, er bedeckt eine Menge Sünden. Ich sah sie dann nordwärts längs der Küste gehen. Gilt Ihre Küste hier eine besonders schöne Seelandschaft, Herr Betteredge?«

Ich antwortete mit einem möglichst knappen »Ja«.

»Der Geschmack ist verschieden,« sagte Sergeant Cuff. »Von meinem Standpunkt aus betrachtet kann es keine häßlichere geben. Wenn Sie zufällig in der Lage sind, einer Person längs Ihrer Seeküste folgen zu müssen und diese Person sich umsieht, haben Sie auch nicht das kleinste Gebüsch, sich dahinter zu verstecken. Ich hatte nur die Wahl, entweder Rosanna aus den bloßen Verdacht hin zu verhaften, oder sie vor der Hand unbeachtet zu lassen. Aus Gründen, mit denen ich Sie nicht behelligen will, entschloß ich mich, lieber Alles im Stich zu lassen, als schon heute Abend eine gewisse Person, die wir Beide nicht nennen wollen, zu beunruhigen. Ich ging also in’s Haus zurück, um Sie zu bitten, mich auf einem andern Wege nach dem Nordende der Küste zu führen.

Sand ist in Anbetracht, daß er die Spuren menschlicher Fußtritte bewahrt, einer der besten Gehilfen der geheimen Polizei. Wenn wir Rosanna auf diesem Wege nicht begegnen, so wird uns der Sand verrathen, wohin sie gegangen ist, vorausgesetzt, daß es lange genug hell bleibt. Hier ist der Sand. Wenn Sie’s nicht übel nehmen wollen, möchte ich Sie bitten, sich still zu verhalten und mich vorangehen zu lassen.«

Wenn es in der medicinischen Wissenschaft eine Krankheit giebt, die man das Entdeckungsfieber nennen könnte, so hatte mich diese Krankheit jetzt in vollstem Maaße erfaßt. Sergeant Cuff ging voran über die Sandhügel hinunter an den Strand. Ich folgte klopfenden Herzens und wartete in einiger Entfernung ab, was geschehen werde.

Als ich näher zusah, fand es sich, daß ich fast auf derselben Stelle stand, wo Rosanna und ich damals miteinander gesprochen hatten, als Herr Blake nach seiner eben erfolgten Ankunft von London plötzlich vor uns stand. Während meine Blicke dem Sergeanten folgten, beschäftigte sich mein Geist unwillkürlich mit dem was vorgegangen war. Jener Moment stand wieder so lebendig vor mir, daß ich fast die Hände des Mädchens in den meinigen fühlte, wie sie sie dankbar gedrückt hatte, weil ich ihr freundlich zusprach; daß ich ihre Stimme hörte, wie sie mir erzählte, daß der Zitterstrand eine geheimnißvolle Anziehungskraft auf sie übe, so oft sie an den Strand gehe; daß ich ihr vor Freude strahlendes Gesicht sah als Herr Franklin durch die Hügel munter auf uns zu kam. Ich wurde traurig als ich dieser Dinge gedachte, und der Anblick der einsamen kleinen Bucht stimmte mich nur noch trüber. Die Sonne ging nun völlig unter und über der einsamen Gegend lag eine geheimnißvolle drückende Stille. Die Fluthwellen ergossen sich lautlos über die große Sandbucht; weiter hinaus. lag das Meer regungslos da. Schmutzig gelber Schaum setzte sich am Strande und am Fuße der nördlich und südlich in die See hinausragenden Felsen ab, wo noch ein letzter Strahl ihn traf. Es war eben der Moment des Eintritts der Fluth, und die braune Oberfläche des Zittersandes begann sich in Bewegung zu setzen — das einzige Bewegliche in dieser Einöde. Ich sah, wie der Sergeant mit Ueberraschung das Zittern des Sandes betrachtete, dann wandte er sich um und kehrte zu mir zurück.

»Hier» ist nichts zu sehen, Herr Betteredge, keine Spur von Rosanna Spearman.«

Er nahm mich mit sich weiter hinunter an den Strand, wo ich mich überzeugte, daß seine und meine Fußtritte die einzigen waren, deren Abdruck im Sande erkennbar blieben.

»In welcher Richtung liegt das Fischerdorf?«

»Cob’s Hole (so heißt das Fischerdorf) liegt in südlicher Richtung,« erwiderte ich.

»Ich sah das Mädchen heute Abend in nördlicher Richtung von Cob’s Hole, folglich hierher gehen. Liegt Cob’s Hole an der andern Seite der Landspitze und können wir jetzt, wo noch Ebbe ist, längs des Strandes hingelangen?«

Ich bejahte beide Fragen.

»Wenn’s Ihnen recht ist, wollen wir unverzüglich hingeben. Ich möchte die Stelle, wo sie den Strand verlassen hat, finden, ehe es völlig Nacht ist.«

Wir mochten ein paar Hundert Schritte in der Richtung nach Cob’s Hole gemacht haben, als Cuff sich aus die Kniee warf, dem Anschein nach, von einem plötzlichen Bedürfniß sein Gebet zu verrichten, ergriffen.

»Hier endlich zeigt es sich, daß Ihre Seelandschaft doch zu etwas gut ist; hier sind weibliche Fußstapfen. Herr Betteredge, nehmen wir an, es seien Rosanna’s, bis wir einen Beweis des Gegentheils finden. Sehr undeutliche Fußspuren, wie Sie bemerken werden, absichtlich undeutlich, scheint mir; das arme Ding versteht sich auf die polizeilichen Eigenschaften des Sandes so gut wie ich; doch scheint sie in zu großer Eile gewesen zu sein, um die Spuren gänzlich zu verwischen; hier sind Spuren in der Richtung von Cob’s Hole auf hier, dort wieder andere in entgegengesetzter Richtung. Erkennen Sie nicht in diesen Spuren, die auf den Rand des Wassers zuführen, die Spitze ihres Schuhes? Und sind nicht das da weiterhin, auch am Rande des Wassers, zwei Hackenspuren? Ich will Sie nicht kränken, aber ich fürchte, Rosanna ist schlau. Es sieht aus, als habe sie beabsichtigt nach der Stelle, von der wir kommen, hinzugehen und jede Spur ihrer Tritte zu verwischen?

Wollen wir annehmen, daß sie von hier bis zu den Felsen und wieder zurück durchs Wasser ging und den Strand wieder betrat, wo die Hackenspuren sichtbar sind?

Ja, das wollen wir annehmen; das scheint auch mit meiner Annahme zu stimmen; daß sie etwas unter ihrem Mantel trug, als sie die Hütte verließ; —— nicht etwas, was sie vernichten wollte, wozu wären dann alle Vorsichtsmaßregeln gewesen, um das Ausfindig machen ihres Weges zu verhindern. Wahrscheinlicher wird, das sie etwas zu verstecken hatte. Vielleicht verhilft uns ein Besuch in der Hütte dazu, es herauszufinden!«

Bei diesem Vorschlage kühlte mein Entdeckungsfieber plötzlich ab.

»Dazu,« sagte ich, »bedürfen Sie meiner nicht, was kann ich Ihnen dabei nützen?«

»Je länger ich das Vergnügen Ihrer« Bekanntschaft genieße, Herr Betteredge, desto mehr Tugenden entdecke ich an Ihnen. Du lieber Gott, wie selten findet man Bescheidenheit in dieser Welt. Und wie viel besitzen Sie von dieser seltenen Tugend. Wenn ich allein in die Hütte gehe, werden die Leute bei der ersten an sie gerichteten Frage verstummen, wenn ich aber mit Ihnen komme, so erscheine ich von einem mit Recht geachteten Manne eingeführt, und eine zwanglose Unterhaltung muß sich sogleich entspinnen. Das ist meine Meinung, wie denken Sie darüber?«

Da ich keine so treffende Antwort, wie ich sie zu geben gewünscht hätte, bereit hatte, versuchte ich durch die Frage Zeit zu gewinnen, nach welcher Hütte er gehen wolle.

Nach der Beschreibung des Sergeanten erkannte ich die Hütte als die des Fischer Yolland, der dieselbe mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern, Sohn und Tochter, bewohnte. Der Leser wird sich erinnern, daß ich, als ich Rosanna zuerst einführte, erzählte, sie besuche aus ihren Spaziergängen nach dem Zitterstrand bisweilen Freunde in Cob’s hole. Diese Freunde waren Yollands, ordentliche, in gutem Rufe stehende Leute. Rosanna’s Bekanntschaft mit ihnen war durch die Tochter vermittelt, die einen mißgestalteten Fuß hatte und unter dem Namen der hinkenden Lucy bekannt war. Die beiden verwachsenen Mädchen hatten vermuthlich eine Art Sympathie für einander; gewiß ist, daß Rosanna und die Yollands, wenn sie zusammenkamen, im besten Vernehmen zu stehen schienen. Die Thatsacha daß Sergeant Cuff dem Mädchen bis zu ihrer Hütte nachgegangen war, ließ meine Hilfsleistungen bei diesen Nachforschungen in einem ganz neuen Lichte erscheinen. Rosanna hatte nur einen ihrer gewöhnlichen Wege gemacht; und wenn ich nachweisen konnte, daß sie sich in der Gesellschaft des Fischers und seiner Familie befunden habe, so war das so gut wie ein Beweis dafür, daß sie bis dahin in einer durchaus unschuldigen Weise beschäftigt gewesen, war. Ich würde daher dem Mädchen nicht einen Schaden zufügen, sondern vielmehr einen Dienst leisten, wenn ich mich von Sergeant Cuffs Logik leiten ließ. Ich erklärte mich also für völlig überzeugt. Wir gingen nun nach Cob’s Hole und sahen uns auf unserm Wege fortwährend, so lange das Dämmerlicht es noch gestattete, von den Fußstapfen im Sande begleitet. In der Hütte angelangt, erfuhren wir, daß der Fischer und dessen Sohn in ihrem Boot ausgefahren seien, und daß die hinkende Lucy, die immer schwach und kümmerlich war, oben auf ihrem Bette liege. Die gute Frau Yolland empfing uns allein in ihrer Küche. Als sie hörte, daß Sergeant Cuff eine berühmte Londoner Persönlichkeit sei, stellte sie eine Flasche Genever und ein Paar reine Pfeifen auf den Tisch und starrte ihn an, als ob sie sich nicht satt an ihm sehen könne. Ich setzte mich ruhig in eine Ecke und war begierig, zu hören, wie der Sergeant das Gespräch auf Rosanna Spearman bringen werde. Bei dieser Gelegenheit schien er sich seinem Gegenstande noch auf weiteren Umwegen als gewöhnlich nähern zu wollen Wie er es anfing, hätte ich selbst in jenem Augenblick nicht zu sagen gewußt und wüßte ich heute noch weniger zu sagen. Ich weiß nur so viel, daß er zuerst von der königlichen Familie, den ersten Methodisten und dem Preis der Fische sprach, und daß er wie auf einem geheimnißvoll unterirdischen Wege zu dem Verschwinden des Mondsteins, dem Groll unseres ersten Hausmädchens gegen Rosanna und dem unfreundlichen Benehmen unserer weiblichen Dienstboten insgesammt gegen dieselbe gelangte. Nachdem er die Unterhaltung aus diese Weise endlich auf den Punkt gebracht hatte, wo er sie haben wollte, schilderte er als den Zweck seiner Untersuchung in Betreff des verlornen Diamanten theils die Auffindung desselben, theils die Reinigung Rosanna’s von den ungerechten Verdächtigungen ihrer Feinde im Hause. Nach Verlauf einer Viertelstunde war die gute Frau Yolland fest überzeugt, daß sie mit Rosanna’s bestem Freunde rede, und drang in den Sergeanten, sich mit einem Schnaps den Magen zu stärken und seine Lebensgeister aufzufrischen. Da ich fest überzeugt war, daß der Sergeant seine Beredtsamkeit an Frau Yolland verschwende amüsirte ich mich an ihrer Unterhaltung ungefähr, wie ich mich ehedem im Theater zu amüsiren pflegte. Der große Cuff entwickelte eine wunderbare Geduld, indem er unverdrossen sein Glück auf alle Weise versuchte und so zu sagen Schuß aus Schuß aufs Gerathewohl abfeuerte, in der Hoffnung, doch irgendeinmal das Schwarze zu treffen. Aber er mochte versuchen, was er wollte, Alles in der ganzen Unterhaltung mit der redseligen, vom vollsten Vertrauen zu Cuff beseelten Frau Yolland lautete zu Rosanna’s Gunsten, nichts zu ihrem Nachtheil. Er machte noch einen letzten Versuch, nachdem wir nach unserer Uhr gesehen hatten und bereits ausgebrochen waren.

»Ich muß Ihnen nun gute Nacht sagen, liebe Frau,« sagte Cuff, »Und,« fuhr er fort, ich habe nur noch zu sagen, daß Rosanna Spearman an mir, Ihrem ergebenen Diener, einen aufrichtigen Freund hat.

Aber, lieber Gott, in ihrer jetzigen Stelle wird sie nie zu etwas kommen, und ich würde ihr rathen, dieselbe zu verlassen.«

»Sie,will sie ja auch verlassen,« rief Frau Yolland.

Rosanna uns verlassen! Bei diesen Worten spitzte ich die Ohren. Es war, gelinde gesagt, sehr ausfallend, daß sie nicht vor allen Dingen Mylady oder mir ihre Absicht sollte kundgegeben haben. Es stieg eine leise Vermuthung in mir auf, daß Sergeant Cuff mit diesem letzten Schuß am Ende doch das Schwarze getroffen haben möchte. Ich fing wieder an zu zweifeln, ob mein Antheil an demVerfahren ganz so harmlos sei, wie ich mir eingebildet hatte. Es mochte dem Sergeanten in seinem Kram passen, eine rechtschaffene Frau zu mystificiren und in ein Lügengewebe zu verstricken, aber mir, als gutem Protestanten, lag es ob, nicht zu vergessen, daß der Teufel der Vater der Lüge ist und daß, wo der Teufel seinen Sitz aufgeschlagen bat, das Unheil nie weit entfernt ist. Da ich Unrath witterte, suchte ich den Sergeanten hinauszubringen; er aber setzte sich nieder und bat um einen letzten Tropfen Labsal aus der Geneverflasche. Frau Yolland setzte sich ihm gegenüber und gab ihm das Verlangte. Ich ging in höchst unbehaglicher Stimmung an die Thür, sagte, ich müsse ihnen gute Nacht wünschen, ging aber doch nicht.

»Also sie will fort,« begann der Sergeant wieder. »Und was denkt sie weiter zu thun? Das arme Kind hat ja in der Welt keinen Freund als Sie und mich.»

»O doch,« erwiderte Frau Yolland »Sie kam diesen Abend, wie ich Ihnen schon erzählt habe, hierher, und bat, nachdem sie sich eine Zeit lang mit mir und Lucy unterhalten hatte, um die Erlaubniß, allein auf Lucy’s Zimmer gehen zu dürfen. Da steht unser einziges Schreibzeug. Ich möchte einen Brief an einen guten Freund schreiben, sagte sie, und drüben im Hause kann ich vor dem Gucken und Spioniren der anderen Domestiken nicht dazu kommen. An wen der Brief war, kann ich nicht sagen, aber nach der Zeit, die sie dabei zubrachte, muß er ungeheuer lang gewesen sein. Als sie herunterkam, bot ich ihr eine Briefmarke an —— sie hatte aber den Brief nicht in der Hand und wollte auch die Marke nicht. Ein bischen verschlossen ist sie ja immer über Alles, was sie betrifft und thut. Aber daß sie irgendwo einen Freund hat, ist sicher, und zu diesem Freunde wird sie gehen, darauf können Sie sich verlassen.«

»Und bald?« fragte Cuff

»Sobald sie kann,« antwortete Frau Yolland.

Bei diesen Worten tratt ich wieder von der Schwelle ins Zimmer. Als Mylady’s Haushofmeister durfte ich nicht zugeben, daß in solcher Weise über das Bleiben und Fortgehen eines unserer Dienstboten in meiner Gegenwart gesprochen werde.

»Sie müssen sich in Betreff Rosanna’s irren,« sagte ich, »wenn sie beabsichtigte, ihre jetzige Stelle zu verlassen, so würde sie mir zuerst Anzeige davon gemacht haben.«

»Irren?« rief Frau Yolland. »Warum hat sie denn vor einer Stunde in diesem Zimmer von mir selbst einige Sachen gekauft, deren sie zu einer Reise bedarf? —— Dabei fällt mir ein,« sagte die langweilige Person, indem sie plötzlich in ihrer Tasche kramte, »daß ich etwas an Rosanna wegen ihres Geldes zu sagen habe. Wird Einer von Ihnen Sie noch sehen, wenn Sie nach Hause kommen?«

»Ich werde mit dem größten Vergnügen eine Bestellung an das arme Mädchen übernehmen,« erwiderte Sergeant Cuff, bevor ich ein Wort einschalten konnte. Frau Yolland holte aus ihrer Tasche einige Shillings- und Sixpence-Stücke und zählte sie mit der ermüdendsten und ängstlichsten Sorgfalt in ihrer flachen Hand auf. Sie gab sie dem Sergeanten mit dem Ausdrucke großen Schmerzes über die Trennung von denselben.

»Darf ich Sie bitten, Rosanna dies mit meinen besten Grüßen zu bringen?« sagte Frau Yolland. »Sie bestand darauf, die paar Sachen, die sie diesen Abend gern von mirhaben wollte, zu bezahlen, und Geld ist bei uns immer sehr willkommen, das kann ich nicht leugnen. Es drückt mich aber doch, daß ich von den Ersparnissen des armen Dinges etwas genommen habe, und die Wahrheit zu gestehen, ich glaube auch, mein Mann würde böse sein, wenn er morgen früh bei seiner Rückkehr nach Hause erführe, daß ich Rosanna Geld abgenommen habe. Bitte, sagen Sie ihr, daß ich ihr die Sachen, die sie von mir gekauft hat, gern schenke. Und lassen Sie das Geld keinen Augenblick auf dem Tisch liegen,« sagte Frau Yolland, indem sie es dicht vor den Sergeanten hinlegte, als ob es ihr in der Hand brenne —— »denn es sind schlechte Zeiten und das Fleisch ist schwach und ich könnte in Versuchung gerathen, das Geld wieder in die Tasche zu stecken.«

»Bitte, kommen Sie mit,« sagte ich nun, »ich kann nicht länger warten, ich muß nach Hause.«

»Ich folge Ihnen gleich,« sagte Cuff.

Zum zweiten Male ging ich an die Thür, zum zweiten Male konnte ich, ich mochte es versuchen wie ich wollte, mich nicht dazu bringen, die Schwelle zu überschreiten.

»Es ist eine delicate Sache,« hörte ich« Cuff sagen, »Geld zurückzugeben Sie haben ihr die Sachen gewiß billig überlassen.«

»Billig?« sagte Frau Yolland. »Urtheilen Sie selbst« Sie nahm ein Licht und leuchtete in eine Ecke der Küche. Und wenn es mir das Leben gekostet hätte, ich mußte ihr folgen. In der Ecke lag ein Hausen Gerümpel (meistens altes Metall), welches der Schiffer sich zu verschiedenen Malen von gestrandeten Schiffen angeeignet und für das er noch keinen Käufer gefunden hatte. Frau Yolland versenkte sich in dies Gerümpel und holte eine alte lackirte zinnerne Büchse hervor, mit einem Deckel und einem Haken zum Aufhängen, —— eine Art Behälter, wie man sich ihrer auf Schiffen zum Schutz von Seekarten und dergleichen gegen Nässe bedient.

»Das« sagte sie. »Eine ganz ähnliche Büchse wie diese hat Rosanna heute Abend gekauft. Die ist grade gnt,« sagte sie, »um meine Kragen und Manchetten glatt hineinzulegen, damit sie nicht im Koffer kraus werden.

Dafür habe ich einen Shilling und neun Pence genommen, Herr Cuff, so wahr ich lebe, keinen Heller mehr.«

»Spottbillig!« sagte der Sergeant mit einem tiefen Seufzer.«

Er wog die Büchse in seiner Hand. Mir kam es vor, als hörte ich ihn ein paar Töne der letzten Rose summen, als er sie ansah. Kein Zweifel mehr! Er hatte wieder eine Entdeckung zu Rosanna’s Nachtheil gemacht, und das an einem Ort, wo ich sie gegen jede Beschuldigung sicher geglaubt hatte, und noch dazu durch meine Hilfe.

Ich überlasse es dem Leser, sich meine Empfindungen auszumalen und sich vorzustellen, wie sehr ich bereute, die Bekanntschaft von Frau Yolland und Sergeant Cuff vermittelt zu haben.

»Nun ist’s genug,« sagte ich. »Wir müssen wirklich fort.«

Ohne die geringste Notiz von mir zu nehmen, versenkte sich Frau Yolland zum zweiten Male in’s Gerümpel und langte eine Hundekette hervor.

»Bitte, wiegen Sie das in Ihrer Hand« sagte sie zum Sergeanten »Wir hatten drei solche Ketten und Rosanna hat mir zwei davon abgenommen. Was wollen Sie mit Hundekettem liebes Kind?« fragte ich sie. »Wenn ich sie an einander befestige,« antwortete sie, »werde ich sie um meinen Koffer schlingen können« »Ein Strick ist aber billiger,« sagte ich. »Aber Ketten sind sicherer,« erwiderte sie. »Wer hat sein Lebtag gehört, daß ein Koffer mit Ketten zugebunden wird?« sagte ich wieder. »O, Frau "Yolland,« entgegnete sie, »machen Sie keine Einwendungen, geben Sie mir, bitte, die Ketten!« Ein sonderbares Mädchen, Herr Cuff, ein Herz wie Gold und wie eine Schwester gegen meine Lucy, aber immer ein bischen sonderbar. Nun, ich that ihr den Gefallen. Ich forderte drei Shilling sechs Pence, auf mein ehrliches Wort, Herr Cuff, drei Shilling sechs Pence!«

»Für jede?« fragte Cuff.

Für beide zusammen drei Shilling sechs Pence,« lautete ihre Antwort.

»Geschenkt, liebe Frau,« sagte der Sergeant kopfschüttelnd, »rein geschenkt!«

»Da ist das Geld,« sagte Frau Yolland, indem sie sich wieder dem Häufchen Silber auf dem Tische zuwandte, als ob es sie unwiderstehlich anziehe. Die Blechbüchse und die Hundeketten waren das Einzige, was sie von mir kaufte und mitnahm. Ein Shilling neun Pence und drei Shilling sechs Pence macht zusammen fünf Shilling und drei Pence. Geben Sie sie ihr, bitte, mit meinen Grüßen zurück —— ich könnte es nicht über mich gewinnen, einem armen Mädchen ihre Ersparnisse abzunehmen, die sie ja gewiß selbst so nöthig, hat.«

»Und ich kann es nicht übers Herz bringen, das Geld wieder zu geben,« sagte Sergeant Cuff, »Sie haben ihr ja die Sachen so gut wie geschenkt.«

»Ist das wirklich Ihre Meinung?« fragte Frau Yolland mit einem strahlenden Gesicht.

»Wie können Sie daran zweifeln,« erwiderte der Sergeant. »Fragen Sie Herrn Betteredge.« Das half ihm zu nichts —— Alles, was sie aus mir herausbrachten, war: »Gute Nacht.«

»Ueber das elende Geld!« sagte Frau Yolland.

Mit diesen Worten schien sie alle Herrschaft über sich zu verlieren, packte das Geld mit einem Griff zusammen und steckte es hastig wieder in ihre Tasche.

»Ich kann es nicht aushalten, es da liegen zu sehen, ohne daß Jemand es zu sich nimmt,« rief die unvernünftige Person, setzte sich wieder hin und sah den Sergeanten an, als wollte sie sagen: »Jetzt ist’s wieder in meiner Tasche, holen Sie es sich heraus, wenn Sie können.«

Diesmal begnügte ich mich nicht an die Thür zu treten, sondern ging wirklich auf die Straße. Ohne mit erklären zu können warum, war mir zu Muthe, als ob einer von Beiden oder Beide mich tödtlich beleidigt hätten. Bevor ich drei Schritte gethan, hörte ich den Sergeanten hinter mir.

»Meinen besten Dank für Ihre Einführung, Herr Betteredge,« sagte er. »Ich verdanke der Fischersfrau eine ganz neue Empfindung. Frau Yolland hat mich irre gemacht.«

Ich hatte ein scharfes Wort auf der Zunge, nicht weil ich angehalten auf ihn, sondern weil ich angehalten auf mich selbst war. Als er aber gestand, irre geworden zu sein, fuhr mir der tröstliche Zweifel durch den Sinn, ob überhaupt etwas Schlimmes geschehen sei. Ich verharrte in vorsichtigem Schweigen, um mehr zu hören.

»Ja,« sagte der-Sergeant, als ob er meine Gedanken trotz der Dunkelheit läse, »bei Ihrem Interesse an Rosanna wird es Ihnen lieb sein zu hören, daß Sie, statt mich auf die richtige Fährte zu bringen, mich in die Irre geführt haben. Was das Mädchen diesen Abend gethan hat, ist klar genug. Sie hat die beiden Ketten zusammen an den Haken der Zinnbüchse befestigt. Sie hat die Büchse in’s Wasser oder in den Zittersand versenkt. Sie hat das lose Ende der Kette an eine nur ihr bekannte Stelle unter dem Felsen befestigt, und sie wird die Büchse an ihrem Anker sicher verwahrt ruhig liegen lassen, bis die gegenwärtige Untersuchung zu Ende ist; nachher wird sie die Büchse in einem gelegenen Augenblicke wieder aus dem Versteck holen. So weit ist Alles vollkommen klar. Aber,« fuhr der Sergeant mit einem ungeduldigen Ton fort, den ich znm ersten Mal bei ihm hörte, »das Geheimniß ist: was zum Teufel hält sie in der Büchse versteckt?«

Ich dachte bei mir: den Mondstein. Zum Sergeanten sagte ich aber nur: »Können Sie es nicht errathen?«

»Der Diamant ist es nicht,« sagte Cuff »Alle Erfahrungen meines Lebens sind nichtig, wenn Rosanna Spearman den Diamanten hat!«

Bei diesen Worten ergriff mich wieder das höllische Entdeckungsfieber, Ich vergaß mich völlig über dem gespannten Interesse, dies neue Räthsel zu lösen. Ich sagte rasch: »Das befleckte Kleidungsstück.«

Sergeant Cuff stand still und legte seine Hand auf meinen Arm. »Ist jemals etwas, das man in den Zittersand geworfen, wieder auf die Oberfläche gekommen?« fragte er.

»Niemals,« antwortete ich. »Was man in den Zittersand wirft, gleichviel ob leicht oder schwer, wird von dem selben aufgesogen und kommt nicht wieder zum Vorschein.«

»Weiß Rosanna das?«

»So gut wie ich.«

»Was in aller Welt hatte sie dann weiter nöthig, als einen Stein an das befleckte Kleidungsstück zu binden und es so in den Zittersand zu werfen? Da ist nicht der Schatten eines Grundes, warum sie dasselbe verstecken sollte und doch muß sie es verfteckt haben. ——«

»Die Frage ist«, fuhr er weiter gehend fort, »ist das mit Farbe befleckte Kleidungsstück ein Unterrock oder Nachthemd, oder etwas Anderes, welches sie trotz aller Gefahr aufzubewahren gute Gründe hat? Herr Betteredge, wenn nichts dazwischen kommt, muß ich morgen nach Frizinghall, um herauszufinden, was sie dort gekauft hat, als sie das Zeug für ein neues Kleidungsstück anschaffte. Es ist freilich etwas gewagt, das Haus zu verlassen, wie die Dinge jetzt stehen, aber es ist noch gewagter noch länger im Dunkeln zu tappen. Entschuldigen Sie, wenn ich etwas verdrießlich bin; ich fühle mich in meiner eigenen Achtung herabgesetzt —— Rosanna Spearman hat mich irregeführt.«

Bei unserer Rückkehr saßen die Dienstboten beim Abendessen. Der Erste, dem wir im Hofe begegneten, war der Polizei-Officiant, den Seegreaf zu des Sergeanten Disposition zurückgelassen hatte. Cuff fragte, ob Rosanna zurückgekehrt sei?

»Ja«

»Wann?«

»Ungefähr vor einer Stunde.«

»Was hatte sie dann gethan?«

»Sie war hinauf gegangen, um Hut und Mantel abzulegen —— und saß jetzt ruhig mit den Uebrigen beim Abendessen.«

Ohne eine Bemerkung zu machen ging Sergeant Cuff weiter nach der Hinterseite des Hauses, tiefer und tiefer in seiner eigenen Achtung sinkend. Er verfehlte die Thür unn Dunkeln und ging, ohne auf mein Rufen zu achten, bis an ein Gitterpförtchen, das in den Garten führte. Als ich zu ihm trat, um ihn auf den rechten Weg zu führen, fand ich ihn aufmerksam nach einem der Fenster in der Schlafstuben-Etage, an der Hinterseite des Hauses blicken.

Als ich auch hinblickte, fand ich, daß der Gegenstand seiner Betrachtung Fräulein Rachel’s Fenster war, und daß sich Lichter vor demselben auf und abbewegten, als ob etwas Ungewöhnliches vorgehe.

»Ist das nicht Fräulein Verinders Zimmer?« fragte Cuff.

«Ich bejahte die Frage und forderte ihn auf, mit mir, zum Abendessen zu gehen. Er blieb ruhig stehen und sagte etwas über den Genuß der Abendlust im Freien. Ich überließ ihn diesem Genuß und hörte, als ich in’s Haus trat, einige Töne der »Letzten Rose« vom Gitterpförtchen her. Sergeant Cuff hatte offenbar eine neue Entdeckung gemacht! Und diesmal vermittelst des Fensters unseres jungen Fräuleins. Diese Erwägung führte mich zum Sergeanten zurück, dem ich höflich erklärte, ich könne es nicht übers Herz bringen, ihn allein zu lassen.

»Sehen Sie da oben irgend etwas Auffallendes?« fügte ich hinzu, auf Fräulein Rachel’s Fenster deutend. Nach dem Tone seiner Stimme zu urtheilen, hatte Sergeant Cuff die Achtung vor sich selbst auf einmal wieder gewonnen. »Ihr seid hier in Yorkshire stark im Wetten, nicht wahr?«

»Und wenn nun?«

»Wenn ich ein Yorkshiremann wäre,« fuhr der Sergeant, mich beim« Arme nehmend, fort, »würde ich Ihnen eine Wette von einem Sovereign anbieten, daß Ihr Fräulein plötzlich den Entschluß gefaßt hat, das Haus zu verlassen. Wenn ich die Wette gewönne, würde ich noch einen Sovereign pariren, daß ihr die Idee erst vor einer Stunde gekommen ist.«

Die erste Vermuthung erschreckte mich, die zweite berührte sich gewissermaßen in meinem Kopf mit dem Bericht des Polizei-Officianten, daß Rosanna vor einer Stunde vom Strande zurückgekehrt sei. Beide Vermuthungen zusammen brachten eine sonderbare Wirkung auf mich hervor, als wir zum Essen hineingingen. Ich machte mich vom Sergeanten los und drängte mich, meiner gewöhnlichen Höflichkeit uneingedenk, vor ihm in die Thür, um mich selbst zu erkundigen.

Der Diener Samuel war der Erste, aus den ich stieß.

»Die gnädige Frau wünscht Sie und Sergeant Cuff zu sprechen,« rief er mir entgegen, bevor ich eine Frage an ihn richten konnte.

»Seit wann wünscht sie uns zu sprechen?« ertönte die Stimme des Sergeanten hinter mir.«

»Seit einer Stunde.«

Das stimmte abermals. Rosanna war nach Hause gekommen. Fräulein Rachel hatte einen ungewöhnlichen Entschluß gefaßt, und Mylady hatte den Sergeanten zu sprechen gewünscht —— alles seit einer Stunde.

Es war keine angenehme Entdeckung, daß so verschiedene Dinge und Personen sich auf diese Weise zu einem Ganzen zusammenfügten. Ich ging hinauf ohne den Sergeanten anzusehen oder mit ihm zu reden. Meine Hand zitterte, als ich sie erhob, um an die Thür meiner Herrin zu klopfen.

»Es sollte mich nicht wundern,« flüsterte der Sergeant mir zu, »wenn wir heute Abend noch einen Auftritt im Hause erlebten. Aber seien Sie ruhig! Ich habe schon schwierigere Familien-Differenzen beigelegt, als diese.«

Als er so sprach, hörte ich Mylady’s Stimme »Herein!« rufen.


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