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Der Mondstein



Sechzehntes Capitel.

Während der Nacht ereignete sich nichts, und, wie ich mich freue hinzufügen zu können, kein Versuch einer Begegnung zwischen Fräulein Rachel und Rosanna belohnte die Wachsamkeit des Sergeanten Cuff.

Ich hatte erwartet, daß der Sergeant am Morgen in aller Frühe nach Frizinghall ausbrechen werde. Er zögerte jedoch mit seiner Abreise, als ob er noch vorher etwas Anderes zu thun habe. Ich überließ ihn seinen Plänen, ging bald darauf in den Garten und begegnete Herrn Franklin auf seinem Lieblings-Spaziergang an der Seite des Gebüsches.

Ehe wir noch zwei Worte mit einander gesprochen hatten, trat der Sergeant unerwarteter Weise zu uns. Er ging auf Herrn Franklin zu, der ihn, die Wahrheit zu gestehen, sehr hochmüthig empfing. »Haben Sie mir irgend etwas zu sagen?« war seine ganze Antwort auf, den freundlichen »Guten Morgens« den ihm der Sergeant bot.

»Ich habe Ihnen etwas in Betreff der Untersuchung zu sagen, die ich hier leite,« antwortete der Sergeant. »Sie haben gestern die Wendung, welche diese Untersuchung in der That nimmt, richtig errathen. Sehr erklärlicher Weise sind Sie in Ihrer Stellung darüber betroffen und mißgestimmt. Sehr erklärlicher Weise suchen Sie ferner Ihren Verdruß über den Scandal in Ihrer Familie an mir auszulassen.«

»Was wollen Sie von mir?« unterbrach ihn Herr Franklin in scharfem Ton.

»Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß bis jetzt wenigstens die Unrichtigkeit meiner Auffassung nicht erbracht ist. Sie wollen das gefälligst nicht aus dem Auge verlieren und sich zugleich erinnern, daß ich hier als ein Organ des Gesetzes unter der Sanction der Frau vom Hause fungire. Ist es unter diesen Umständen, frage ich Sie, Ihre Pflicht, mir als ein guter Bürger mit irgend welcher Ihnen zu Gebote stehenden besonderen Wissenschaft an die Hand zu gehen oder nicht?«

»Ich befinde mich im Besitz keiner solchen besonderen Wissenschaft,« antwortete Herr Franklin.

Sergeant Cuff schien von dieser Antwort gar keine Notiz zu nehmen, sondern fuhr fort: »Sie könnten mir die Zeit einer an einem anderen Orte vorzunehmenden Untersuchung ersparen, wenn Sie mich verstehen und sich aussprechen wollten.«

»Ich verstehe Sie nicht,« antwortete Herr Franklin, »und habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Eines der Dienstmädchen —— ich wünsche keinen Namen zu nennen —— hat gestern Abend im Geheimen mit Ihnen gesprochen.«

Abermals ließ ihn Herr Franklin abfallen; abermals antwortete er: »Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

Ich stand schweigend dabei und dachte an die Bewegung der Flügelthür am vorhergehenden Abend und an die Rockschöße, die ich hatte verschwinden sehen. Sergeant Cuff hatte unzweifelhaft, noch bevor ich ihn hatte stören können, gerade genug gehört, um ihm den Verdacht einzuflößen, daß Rosanna ihr Gewissen durch ein Herrn Franklin Blake gemachtes Geständniß erleichtert habe.

Kaum hatte ich das gedacht, als am Ende des Gebüschweges —— wer anderes erschien als Rosanna Spearman in eigener Person. Penelope folgte ihr auf dem Fuße und war offenbar bemüht, sie zur Umkehr in’s Haus zu bewegen. Als Rosanna sah, daß Herr Franklin nicht allein sei, stand sie plötzlich still und war ersichtlich in großer Verlegenheit, was sie nun thun solle. Penelope blieb hinter ihr stehen. -—- Herr Franklin war die Mädchen in demselben Augenblick wie ich gewahr geworden. Der Sergeant mit seiner teuflischen Verschlagenheit, gab sich das Ansehen die Mädchen gar nicht bemerkt zu haben. Alles dieses trug sich in einem kurzen Augenblick zu. Noch ehe Herr Franklin oder ich ein Wort sagen konnten, fiel Sergeant Cuff ruhig, als ob er die eben unterbrochene Unterhaltung wieder aufnehme, mit der Bemerkung ein:

»Sie brauchen nicht zu fürchten, Herr Franklin dem Mädchen irgendwie zu schaden,« und sagte diese Worte so laut, daß Rosanna ihn hören konnte. »Im Gegentheil kann ich Ihnen nur rathen, mich mit Ihrem Vertrauen zu beehren, wenn Sie irgend ein Interesse an Rosanna Spearman nehmen.«

Jetzt gab sich auch Herr Franklin seinerseits das Ansehen, die Mädchen nicht bemerkt zu haben und antwortete eben so laut:

»Ich nehme nicht das mindeste Interesse an Rosanna Spearman.«

Ich sah nach den Mädchem aber alles was ich in der Entfernung wahrnehmen konnte war, daß Rosanna sich in dem Augenblick, wo Herr Franklin die letzten Worte gesprochen hatte, plötzlich umwandte. Anstatt sich, wie sie es noch einen Augenblick vorher gethan hatte, Penelope’s Bemühungen zu widersetzen, ließ sie diese jetzt ruhig ihren Arm ergreifen und sich in’s Haus zurückführen.

In dem Augenblick, wo die beiden Mädchen verschwanden, ertönte die Frühstücksglocke und selbst Sergeant Cuff sah sich genöthigt, die Sache jetzt als ein vergebliches Stück Arbeit aufzugeben. Er sagte ruhig zu mir:

»Ich werde nach Frizinghall gehen, Herr Betteredge, und werde bis um 2 Uhr wieder hier sein.«

Ohne ein Wort weiter zu sagen ging er seines Weges und während einiger weniger Stunden hatten wir uns seiner Abwesenheit zu erfreuen.

»Sie müssen die Sache mit Rosanna in Ordnung bringen,« sagte Herr Franklin zu mir, als wir allein waren. »Ich scheine dazu bestimmt zu sein, jederzeit vor dem unglücklichen Mädchen etwas Ungeschicktes zu thun oder zu sagen. Sie werden selbst gemerkt haben, daß Sergeant Cuff uns Beiden eine Falle stellen wollte., Wenn es ihm gelang, mich außer Fassung zu bringen oder sie zu einem Ausspruch zu reizen, so hätte vielleicht Einer von uns, sie oder ich, etwas gesagt, was seinem Zwecke entsprochen haben würde. Im Moment sah ich keinen bessern Ausweg, als den ich ergriffen habe. Auf diese Weise habe ich doch das Mädchen verhindert, irgend etwas zu sagen und dem Sergeanten gezeigt, daß ich ihn durchschaut habe. Er hat offenbar gehorcht, Betteredge, als ich gestern Abend mit Ihnen sprach.«

Er hat etwas Schlimmeres gethan als horchen, dachte ich bei mir. Er hat sich meiner Mittheilung erinnert, daß das Mädchen in Herrn Franklin verliebt sei, und hat darauf hin so laut, daß Rosanna es hören konnte, an Herrn Franklins Interesse an ihrer Person appellirt.

»Was das Horchen betrifft, Herr Franklin,« bemerkte ich, indem ich meine Gedanken über den andern Punkt für mich behielt, »so werden wir uns Alle bald auf ähnlichen Dingen ertappen, wenn es hier noch länger so fortgeht. Spähen, lauern, horchen sind die Beschäftigungen, denen sich Leute in unserer Lage sehr begreiflicherweise hingeben müssen. Noch ein Paar Tage, Herr Franklin, und wir werden hier Alle stumm neben einander hergehen aus dem einfachen Grunde, weil wir Alle, um Einer des Andern Geheimnisse zu erforschen, diese Geheimnisse erhorchen werden. Verzeihen Sie mir diesen Ausspruch, Herr Franklin. Das furchtbare Geheimniß, welches auf uns in diesem Hause lastet, wirkt aus mich wie ein berauschendes Getränk und bringt mich außer mir. Ihren Auftrag aber werde ich nicht vergessen. Bei der ersten Gelegenheit werde ich die Sache mit Rosanna Spearman in Ordnung bringen.«

»Sie haben noch nicht mit ihr gesprochen, nicht wahr?« fragte Herr Franklin.

»Nein, Herr Franklin.«

»Dann sagen Sie ihr lieber nichts. Ich möchte doch lieber jetzt, wo ich weiß, daß der Sergeant nur darauf lauert, uns zu überraschen, das Mädchen nicht zu einem Geständniß ermuntern. Mein Benehmen ist nicht sehr konsequent nicht wahr, Betteredge? Ich sehe keinen Ausweg aus dieser Angelegenheit, der nicht schreckliche Folgen mit sich führen müßte, wenn nicht der Diebstahl auf Rosanna zurückgeführt werden kann. Und doch kann und will ich Sergeant Cuff nicht dabei behilflich sein, das Mädchen zu überführen.«

Das war ohne Zweifel unvernünftig genug. Aber ich fühlte ebenso und verstand ihn so gut. Wenn Du Dich, geneigter Leser, einmal in Deinem Leben erinnern willst, daß Du sterblich bist, so wirst Du ihn vielleicht auch verstehen.

Der Zustand der Dinge in und außerhalb des Hauses während der Zeit, wo Sergeant Cuff nach Frizinghall sich begeben hatte, war kurz folgender:

Fräulein Rachel erwartete die Zeit, wo der Wagen bereit sein würde, sie zu ihrer Tante zu bringen, eigensinnig aus ihrem noch immer verschlossenen Zimmer. Mylady und Herr Franklin frühstückten zusammen. Nach dem Frühstück faßte Herr Franklin einen seiner plötzlichen Entschlüsse und ging in größter Eile fort, um seine Aufregung durch einen langen Spaziergang zu beschwichtigen. Ich war die einzige Person, die ihn weggehen sah, und er sagte mir, er werde wieder da sein, bevor der Sergeant von Frizinghall zurückkehre. Der Wechsel der Witterung dessen Anzeichen wir schon am Abend zuvor beobachtet hatten, war eingetreten. Einem heftigen Regen war bald nach Sonnenaufgang ein scharfer Wind gefolgt. Der Wind hielt während des Tages an, aber obgleich die Wolken mehr als einmal drohten, schien es nicht wieder regnen zu wollen. Für einen jungen kräftigen Mann, dem die schweren von der See herkommenden Windstöße den Athem nicht versetzten, war das Wetter nicht zu schlecht zu einem Spaziergange.

Nach dem Frühstück wurde ich zu Mylady befohlen, um ihr bei der Ordnung der Hausstandsrechnungen behilflich zu sein«. Nur ein einziges Mal spielte sie auf die Mondsteinangelegenheit an und zwar indem sie sich jede Erwähnung derselben von meiner Seite verbat. »Warten Sie, bis der Mann zurückkommt,« sagte sie, und meinte damit den Sergeanten. »Dann müssen wir davon sprechen, jetzt haben wir es noch nicht nöthig.«

Als ich meine Herrin verließ, fand ich Penelope auf mich in meinem Zimmer warten.

»Ich möchte daß Du mit Rosanna sprächest,« sagte sie, »ich bin sehr unruhig über das Mädchen.«

Ich errieth aus der Stelle um was es sich handele. Aber es ist eine meiner Maximen, daß Männer, als überlegene Wesen, verpflichtet sind, wo es ihnen möglich ist an der Besserung der Frauen zu arbeiten. Wenn ein Frauenzimmer —— gleichviel ob meine Tochter oder wer sonst —— etwas von mir verlangt, bestehe ich immer darauf die Gründe zu erfahren. Je öfter man die Frauenzimmer dazu nöthigt selbst nach ihren Gründen zu forschen, desto traitabler wird man sie in allen Lebensbeziehungen finden. Es ist nicht die Schuld dieser armen Wesen, daß sie in der Regel erst nachdenken, wenn sie gehandelt haben; es ist vielmehr die Schuld der Narren, die ihnen willfahren.

Ich will den Leser mit den Gründen, die Penelope bei dieser Gelegenheit anzuführen hatte, in ihren eigenen Worten bekannt machen.

»Ich fürchte, Vaters« sagte sie, »Herr Franklin hat Rosanna, ohne es zu wollen, schwer gekränkt.«

»Warum kam Rosanna nach dem Gebüschweg? fragte ich.

»Es war eben ihre fixe Idee,« antwortete Penelope, »ich kann es nicht anders nennen. Sie war diesen Morgen entschlossen, mit Herrn Franklin zu sprechen, es möge daraus entstehen was da wolle. Ich that mein Möglichstes sie davon abzuhalten, wie Du selbst gesehen hast. Wenn ich sie nur hätte fortbringen können, bevor sie jene schrecklichen Worte hörte ——«

»Nun nun,« sagte ich, »verliere nur nicht den Kopf. Ich erinnere mich nicht, daß irgend etwas vorgefallen wäre, was Rosanna hätte beunruhigen können.«

»Nichts was sie hätte beunruhigen können, Vater. Aber Herr Franklin sagte, er nehme nicht das mindeste Interesse an ihr —— und, ach, er sagte das in einem so kalten Tom.«

»Er sagte es. um dem Sergeanten den Mund zu stopfen,« antwortete ich.«

»Das habe ich ihr auch gesagt, Vaters, erwiderte Penelope »Aber siehst Du, Vater, —- wenn auch Herr Franklin deshalb nicht zu tadeln ist —- so hat er sie doch seit Wochen gekränkt und entmuthigt; und nun macht dieses letzte Wort das Maaß voll! Natürlich hat sie kein Recht aus irgend ein Interesse an ihr von seiner Seite. Es ist ganz ungeheuerlich, daß sie sich und ihre Stellung soweit vergißt; aber sie scheint ihren Stolz und jedes Gefühl der Schicklichkeit ganz verloren zu haben. Ihr Ausdruck, als Herr Franklin jene Worte sprach, war wahrhaft erschreckend, Vater, sie scheinen sie förmlich versteinert zu haben. Es ist eine unheimliche Ruhe über sie gekommen und sie thut ihre Arbeit seitdem wie im Traum.«

Ich fing an mich unbehaglich zu fühlen. In der Art wie Penelope mir die Sachen vortrug, lag etwas, was meine höheren Bedenken zum Schweigen brachte. Jetzt, da meine Gedanken in diese Richtung gedrängt wurden, erinnerte ich mich was zwischen Herrn Franklin und Rosanna am vorigen Abend vorgefallen. Sie war gestern Abend ersichtlich bis ins Herz getroffen worden; und nun wollte es das Mißgeschick, daß dem armen Kinde abermals ein so arger Herzstoß versetzt wurde. Traurig! traurig! —— um so trauriger, als das Mädchen kein Recht zu diesen Empfindungen und keine Veranlassung zu einer Rechtfertigung hatte.

Ich hatte Herrn Franklin versprochen mit Rosanna zu sprechen und jetzt schien der geeignetste Augenblick, mein Versprechen zu erfüllen, gekommen.

Wir fanden das Mädchen damit beschäftigt, den Corridor vor den Schlafzimmern zu fegen, bleich und ruhig, und sauber wie immer in ihrem bescheidenen Kattunkleid. Ich bemerkte eine eigenthümliche stumpfe Mattigkeit in ihren Augen —— nicht als ob sie geweint, sondern als ob sie einen Gegenstand zu lange betrachtet habe. Vermuthlich war dieser Gegenstand ein eingebildeter, wenigstens gab es um sie her nichts, was sie nicht schon hunderte von Malen früher hätte betrachten können.

»Sei guten Muths, Rosanna,« sagte ich, »Du mußt Dich nicht über Deine eigenen Einbildungen grämen. Ich habe Dir etwas von Herrn Franklin zu sagen.«

Ich suchte ihr dann in den freundlichsten Trostesworten, die mir zu Gebote standen, die Sache im rechten Lichte zu zeigen. Meine Principien in Betreff des andern Geschlechts sind, wie der Leser bemerkt haben wird, sehr streng. Aber ich weiß nicht wie es kommt, wenn ich mich einem weiblichen Wesen von Angesicht zu Angesicht gegenüber befinde, so beobachte ich eine Praxis, die, wie ich bekennen muß, mit meinen Principien nicht ganz übereinstimmt.

»Herr Franklin ist sehr freundlich und rücksichtsvoll. Bitte, danken Sie ihm.« Das war ihre ganze Antwort.

Meine Tochter hatte schon bemerkt, daß Rosanna ihre Arbeit wie im Traum verrichte. Ich ergänzte jetzt die Bemerkung durch die andere, daß sie auch wie im Traume höre und spreche. Ich zweifelte, ob ihr Gemüth in der rechten Verfassung sei in sich aufzunehmen, was ich ihr gesagt hatte.

»Hast Du mich auch vollkommen verstanden, Rosanna?« fragte ich.

»Vollkommen.«

Sie sprach mir das Wort nach, nicht wie ein lebendes Wesen, sondern wie ein Automat. Während des Gesprächs unterbrach sie sich keinen Augenblick in ihrer Beschäftigung; sie fegte immer fort. Ich nahm ihr den Besen so sanft und so freundlich wie möglich aus der Hand.

»Komm, komm, mein Kind,« sagte ich, »Du bist ja gar nicht Du selber. Du hast etwas auf dem Herzen. Ich bin Dein Freund und will es bleiben, selbst wenn Du etwas Unrechtes begangen hast. Sprich Dich offen aus, Rosanna, ganz offen.«

Die Zeit war vorüber, wo solche Worte ihr Thränen entlockt haben würden. Jetzt blieben ihre Augen trocken.

»Ja,« sagte sie, »ich will mich offen aussprechen.«

»Gegen Mylady?« fragte ich.

»Nein.«

»Gegen Herrn Franklin?«

»Ja, gegen Herrn Franklin.«

Ich wußte kaum was ich dazu sagen sollte. Sie war nicht in der Verfassung mich zu verstehen, wenn ich sie vor einer vertraulichen Mittheilung gegen Herrn Franklin, wie er mich gebeten, gewarnt hätte. Indem ich, vorsichtig tappend, meinen Zweck aus einem andern Wege zu erreichen suchte, sagte ich ihr nur, Herr Franklin sei spazieren gegangen.

»Gleichviel,« antwortete sie, »ich will auch Herrn Franklin heute nicht stören.«

»Warum willst Du nicht mit Mylady sprechen?« sagte ich. »Es ist das beste Mittel Dich zu erleichtern, wenn Du mit Deiner barmherzigen und christlichen Herrin sprichst, die immer so gut gegen Dich gewesen ist.«

Sie sah mich einen Augenblick mit einem Blick vollernster Aufmerksamkeit an, als ob sie sich meine Worte fest einprägen wolle. Dann nahm sie mir den Besen wieder aus der Hand und ging mit demselben langsam eine Strecke den Corridor hinab.

»Nein,« sagte sie, indem sie wieder zu fegen anfing und mit sich selber sprach, »ich weiß ein besseres Mittel mich zu erleichtern, als das.«

»Und das wäre?«

»Bitte, lassen Sie mich ruhig meine Arbeit thun!«

Ppenelope folgte ihr und bot ihr an, ihr zu helfen.

Sie antwortete: »Nein, ich möchte meine Arbeit gern allein thun.« Dabei sah sie sich nach mir um. »Ich danke Ihnen, Herr Betteredge.«

Es war nichts bei ihr auszurichten, es nützte nichts noch weiter mit ihr zu reden. Ich gab Penelope ein Zeichen mit mir zu kommen, und wir verließen sie, wie wir sie gefunden hatten, den Corridor wie im Traume fegend.

»Hier muß der Doktor Rath schaffen,« sagte ich, »ich weiß keinen.«

Meine Tochter erinnerte mich daran, daß Herr Candy krank sei, da er sich, wie man sich erinnern wird, eine Erkältung an dem Abend des Geburtstag Diners zugezogen hatte. Sein Assistent, ein gewisser Herr Ezra Jennings, war aber sicher leicht zu erreichen. Aber Niemand in unserer Gegend wußte viel von ihm. Herr Candy hatte ihn unter eigenthümlichen Umständen engagirt; und, mit Recht oder Unrecht, konnte Niemand von uns ihn leiden und hatte Niemand Zutrauen zu ihm. Es gab andere Doctoren in Frizinghall, aber sie waren nie in unser Haus gerufen worden und Penelope zweifelte, ob Fremde Rosanna in ihrem gegenwärtigen Zustande nicht mehr schaden als nützen würden. Im ersten Augenblicke wollte ich mit Mylady davon reden. Als ich aber der schweren Sorgen gedachte, die schon auf ihr lasteten, zauderte ich, all den Verdrießlichkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, noch diese neue hinzuzufügen. Und doch mußte nothwendig etwas geschehen. Der Zustand des Mädchens war nach meiner Ansicht höchst beunruhigend und es war nur recht, daß meine Herrin davon unterrichtet wurde. Sehr ungern ging ich daher in ihr Wohnzimmer. Niemand war dort. Mylady hatte sich mit Fräulein Rachel eingeschlossen. Es war unmöglich für mich sie zu sehen, bis sie wieder aus Fräulein Rachel’s Zimmer herauskommen würde.

Ich wartete vergebens, bis die große Uhr in der Halle Dreiviertel auf Zwei schlug. Fünf Minuten später hörte ich von dem Wege vor dem Hause her meinen Namen rufen. Ich erkannte die Stimme auf der Stelle. Sergeant Cuff war von Frizinghall zurückgekehrt.

Ich ging hinunter und begegnete dem Sergeanten auf der Treppe. Nach dem zwischen uns Vorgefallenen ging es mir eigentlich gegen den Strich, ihm irgend ein Interesse an seinem Vorgehen zu bezeigen. In der That aber war mein Interesse stärker als mein Wille und, meiner Würde uneingedenk, brach ich in die Worte aus: »Was bringen Sie Neues von Frizinghall?«

»Ich habe die Indier gesehen,« antwortete Sergeant Cuff, »und habe herausgefunden, was Rosanna vorigen Donnerstag in der Stadt gekauft hat. Die Indier werden am Mittwoch nächster Woche wieder freigelassen werden. Mir so wenig wie Herrn Murthwhaite ist es im Mindesten zweifelhaft, daß sie mit der Absicht hierhergekommen sind, den Mondstein zu stehlen. Ihre Pläne wurden aber natürlich durch das in der Mittwochsnacht im Hause Vorgefallene total vereitelt und sie haben mit dem Verlust des Diamanten, der uns gegenwärtig beschäftigt, nicht mehr zu thun als Sie. Aber das kann ich Ihnen sagen, Herr Betteredge, wenn wir den Mondstein nicht wieder finden, sie finden ihn gewiß. Sie haben noch nicht das letzte Wort von den« drei Jongleurs gehört«

Kaum hatte der Sergeant diese letzten beunruhigenden Worte gesagt, als Herr Franklin von seinem Spaziergange zurückkehrte. Er wußte seine Neugierde besser zu beherrschen, als ich die meinige, und ging ohne ein Wort zu sagen an uns vorüber in’s Haus.

Ich aber wollte, nachdem ich doch schon einmal meine Würde außer Augen gesetzt hatte, wenigstens den ganzen Vortheil dieses Opfers genießen. »Und was haben Sie mir über Rosanna mitzutheilen?« sagte ich.

Sergeant Cuff schüttelte den Kopf. »Da ist das Geheimnis; undurchdringlicher denn je,« sagte er. »Ich habe ihre Spur bis zu dem Laden eines Leinwaarenhändlers, Namens Maltby, in Frizinghall verfolgt. In den übrigen Leinwandhandlungen der Stadt hat sie so wenig wie in Läden der Putzmacherinnen oder Schneiderinnen irgend etwas gekauft und bei Maltbh nur ein Stück weißen Baumwollenstoff bei dem es ihr sehr genau auf eine Qualität ankam; die Größe war hinreichend für ein Nachthemd.«

»Wessen Nachthemd?« fragte ich.

»Ohne Zweifel ihr eigenes. Zwischen 12 und 3 Uhr am Donnerstag Morgen muß sie nach dem Zimmer ihres jungen Fräuleins hinuntergeschlüpft sein, um den Diamanten bei Seite zu bringen, während Ihr Uebrigen alle im Bett laget. Beim Wiederhinaufgehen nach ihrem Zimmer muß ihr Nachthemd die nasse Malerei an der Thür gestreift haben. Sie konnte den Fleck nicht auswaschen und konnte das Nachthemd nicht gefahrlos vernichten, ohne sich vorher mit einem ähnlichen neuen versehen und so ihre Wäsche wieder vervollständigt zu haben.«

»Und was haben Sie für Beweise dafür, daß es Rosanna’s Nachthemd war?« warf sie ein.«

»Eben die Sachen, die sie gekauft hat, um das befleckte Nachthemd zu ersetzen,« antwortete der Sergeant. »Wenn es Fräulein Verinder’s Nachthemd gewesen wäre, so hätte sie Spitzen, Garnirungen und Gott weiß was sonst noch dazu kaufen müssen und hätte es nicht in einer Nacht fertig machen können. Einfacher Baumwollenstoff bedeutet in diesem Fall soviel wie das ordinäre Nachthemd eines Dienstmädchens. Nein, nein, Herr Betteredge, in dieser Beziehung ist alles vollkommen klar; die Schwierigkeit liegt darin, die Frage zu beantworten, warum sie, nachdem sie sich das neue Kleidungsstück verschafft hat, das befleckte Nachthemd, anstatt es zu vernichten, versteckte. Wenn das Mädchen nicht mit der Sprache heraus will, so giebt es nur ein Mittel die Schwierigkeit zu beseitigen. Der Ort des Verstecks am Zitterstrand muß durchsucht werden, und da wird sich der wahre Sachverhalt schon ergeben.«

»Und wie wollen Sie den Ort des Verstecks ausfindig machen?« fragte ich.

»Ich bedauere, Ihnen in dieser Beziehung nicht dienen zu können;« erwiderte der Sergeant,» aber das ist mein Gehemniß, das ich zu bewahren denke.«

Um die Neugierde des Lesers nicht allzu sehr zu reizen, wie er die meinige reizte, will ich schon hier einschalten, daß er sich in Frizinghall mit einem Haussuchungsbefehl versehen hatte.

Seine Erfahrung in solchen Dingen belehrte ihn, daß Rosanna aller Wahrscheinlichkeit nach eine Notiz über den Ort des Verstecks bei sich führen werde, die ihr als Wegweiser für den Fall dienen solle, daß sie vielleicht nach Verlauf einer längeren Zeit und unter veränderten Umständen denselben wieder auszusuchen habe. Diese Notiz würde dem Sergeanten alles gewährt haben, dessen er bedurfte.

»Nun, Herr Betteredge,« fuhr er fort, »lassen wir müßige Betrachtungen auf sich beruhen und reden wir von Geschäften. Ich habe Joyce angewiesen, ein Auge aus Rosanna zu haben. Wo ist Joyce?«

Joyce war der Polizei-Officiant aus Frizinghall, den der Oberbeamte Seegreaf Sergeant Cuff zur Verfügung gestellt hatte.

Die Uhr schlug eben zwei, als er diese Frage an mich richtete und in demselben Augenblick fuhr auch schon mit tadelloser Pünktlichkeit der Wagen vor, der Fräulein Rachel zu ihrer Tante bringen sollte.

»Eines nach dem anderen,« sagte der Sergeant, indem er mich zurückhielt, als ich eben den Officianten Joyce aufsuchen lassen wollte. »Ich muß erst Fräulein Verinder meine Aufwartung machen.«

Da der Regen noch immer drohte, so war für die Fahrt Fräulein Rachel’s nach Frizinghall der geschlossene Wagen bestimmt worden. Sergeant Cuff winkte Samuel vom Dienersitz zu sich herunter und sagte zu ihm:

»Sie werden einen Freund von mir diesseits der Pförtnerwohnung unter den Bäumen stehend finden. Dieser Freund wird sich, ohne den Wagen aufzuhalten, neben Sie auf den Dienersitz setzen. Sie haben nichts zu thun, als Ihren Mund zu halten und Ihre Augen zuzumachen, sonst setzen Sie sich Unannehmlichkeiten aus.«

Mit diesem Rath ließ er den Diener wieder auf seinen Sitz hinaufsteigen. Was Samuel dabei dachte, weiß ich nicht. Für mich war es klar, daß Fräulein Rachel von dem Moment an, wo sie unser Haus verließ —— wenn sie es überhaupt verließ, im Geheimen überwacht werden sollte. Mein junges Fräulein überwacht! Ein Spion hinter ihr auf dem Dienersitz des Wagens ihrer Mutter! Ich hätte mir die Zunge abschneiden mögen, die sich so weit vergessen hatte, mit dem Sergeanten Cuff zu sprechen.

Die erste Person, die aus dem Hause trat, war Mylady. Sie stellte sich oben auf der ersten Stufe der Treppe an die Seite, um zu sehen, was geschehen werde.

Sie sprach kein Wort, weder mit dem Sergeanten, noch mit mir. Mit geschlossenen Lippen und verschränkten Armen, einen leichten Gartenmantel über die Schulter geworfen, stand sie bewegungslos wie eine Bildsäule da, ihre Tochter erwartend.

Eine Minute später kam Fräulein Rachel herunter in einem sehr hübschen enganliegenden gelben Kleide, von dem sich ihr dunkler Teint sehr gut abhob. Auf dem Kopf trug sie einen niedlichen kleinen Strohhut mit einem um denselben geschlungenen weißen Schleier; an den Händen trug sie Handschuhe von der Farbe ihres Kleides. Ihr schönes schwarzes, seidenweiches Haar quoll unter ihrem Hut hervor. Ihre kleinen Ohren nahmen sich aus wie rosige Muscheln, in deren jeder eine Perle hing. Raschen Schritts trat sie vor die Thür, schlank wie eine Lilie auf ihrem Stengel, geschmeidig und lebendig in jeder Bewegung, wie ein junges Kätzchen. So weit ich sehen konnte, war in ihrem hübschen Gesichte nichts verändert, als ihre Augen und ihre Lippen. Ihre Augen hatten einen schärferen und verwegneren Ausdruck, als mir gefallen wollt«e, und ihre Lippen hatten ihre Farbe und ihr Lächeln so völlig verloren, daß ich sie kaum wieder erkannte. Sie küßte ihre Mutter hastig aus die Wange, sagte: »Vergieb mir, Mutter. wenn Du kannst.« und zog dann ihren Schleier so heftig vor das Gesicht, daß sie ihn zerriß. Im nächsten Augenblick eilte sie die Treppe hinunter und warf sich in den Wagen, als wolle sie sich verstecken.

Sergeant Cuff war nicht minder rasch bei der Hand. In dem Augenblick, wo Fräulein Rachel sich in den Wagen setzte, schob er Samuel bei Seite und stand, den offenen Wagenschlag in der Hand, vor ihr.

»Was wünschen Sie?« fragte Fräulein Rachel unter ihrem Schleier hervor.

»Ich wünsche Ihnen, bevor Sie abfuhren, ein Wort zu sagen, gnädiges Fräulein,« antwortete ihr der Sergeant. »Ich maße mir nicht an, Sie von dem Besuch bei Ihrer Tante zurückzuhalten, Ich nehme mir nur die Freiheit, Ihnen zu bemerken, daß Ihre Abreise im gegenwärtigen Augenblick meinen Bemühungen, dem Verbleiben Ihres Diamanten auf die Spur zu kommen, Hindernisse in den Weg legt. Ich ersuche Sie, sich das wohl zu merken und dann selbst zu entscheiden, ob Sie abreisen oder hier bleiben wollen.«

Fräulein Rachel würdigte ihn keiner Antwort. »Fahr’ zu, James!« rief sie dem Kutscher zu.

Ohne ein Wort weiter zu sagen, schlug der Sergeant die Wagenthür zu. In diesem Augenblick kam Herr Franklin die Treppe heruntergelaufen. »Leben Sie wohl, Rachel,« rief er, indem er ihr die Hand zum Abschied entgegenstreckte.

»Fahr’ zu!« rief Fräulein Rachel noch lauter als vorher und nahm von Herrn Franklin nicht mehr Notiz, als sie von Sergeant Cuff genommen hatte.

Wie vom Blitze gerührt, ging Herr Franklin wieder die Treppe hinauf. Der Kutscher der nicht wußte, was er thun solle, blickte nach Mylady, die noch immer unbeweglich aus der obersten Stufe stand.

Mylady, in deren Zügen sich Zorn, Sorge und Scham walten, gab ihm das Zeichen zur Abfahrt und kehrte dann eilig in’s Haus zurück. Herr Franklin, der erst jetzt wieder Worte zu finden schien, rief ihr in dem Augenblick, wo der Wagen abfuhr, nach: »Tante, Du hattest vollkommen Recht. Laß mich Dir für alle Deine Güte danken und mich von hier verabschieden.«

Mylady wandte sich nach ihm um, als wolle sie mit ihm reden; dann aber, als ob sie sich selbst mißtraue, winkte sie ihm freundlich mit der Hand, sagte nur mit gebrochener Stimme: »Komm’ noch zu mir, ehe Du von hier fortgehst« —— und ging dann auf ihr Zimmer.

»Thun Sie mir einen letzten Gefallen, Betteredge,« sagte Herr Franklin zu mir mit Thränen in den Augen. »Verhelfen Sie mir dazu, den nächsten Zug zu erreichen.«

Damit ging auch er in’s Haus zurück, für den Augenblick hatte Fräulein Rachel ihn völlig zum Weibe gemacht. Danach urtheile man, wie sehr er sie geliebt haben muß.

Sergeant Cuff und ich blieben am Fuß der Treppe einander gegenüber stehen. Der Sergeant hatte das Auge fest aus eine Lücke im Laube gerichtet, welche einen Ausblick aus eine der Windungen des Fahrwegs gestattete, der vom Hause nach der Landstraße führte. Er hielt die Hände in den Taschen und pfiff »Die letzte Rose« leise für sich hin.

»Alles zu seiner Zeit« sagte ich ungehalten »Jetzt ist wahrhaftig keine Zeit zum Pfeifen.«

In diesem Augenblick wurde der Wagen aus seinem Wege nach dem Pförtnerhause in einiger Entfernung durch die Baumlücke sichtbar. Deutlich erkennbar saß ein zweiter Mann neben Samuel auf dem Dienersitz.

»Alles in Ordnung« sagte der Sergeant zu sich und wandte sich wieder nach mir um. »Jetzt ist keine Zeit zum Pfeifen, wie Sie richtig bemerken, Herr Betteredge. Es ist Zeit, diese Angelegenheit jetzt ohne Schonung für irgend Jemanden zu betreiben. Wir wollen mit Rosanna Spearman den Anfang machen. Wo ist Joyce?«

Wir riefen Beide nach diesem und erhielten keine Antwort. Ich schickte einen der Stalljungen nach ihm aus.

»Sie haben gehört, was ich zu Fräulein Verinder gesagt habe?«,« bemerkte der Sergeant, während wir warteten, »und Sie haben gesehen, wie sie meine Worte aufnahm. Ich sagte ihr mit klaren Worten, daß ihre Abreise im gegenwärtigen Augenblick meinen Bemühungen, dem Verbleiben ihres Diamanten auf die, Spur zu kommen, hindernd in den Weg trete —— und sie reist Angesichts dieser Erklärung ab. Ihr junges Fräulein hat in dem Wagen ihrer Mutter einen Reisegefährten bei sich, Herr Betteredge, und dieser Reisegefährte ist kein anderer als der Mondstein.«

Ich antwortete nichts und beharrte nur in meinem unerschütterlichen Vertrauen auf Fräulein Rachel.

Dem Stalljungen, der in diesem Augenblick zurück kam, folgte sehr unwillig, wie es mir schien, Joyce auf dem Fuß.

»Wo ist Rosanna Spearman,« fragte Sergeant Cuff.

»Es ist nicht meine Schuld, Herr Cuff,« fing Joyce an, »und es thut mir sehr leid. Aber ich weiß nicht wie es gekommen ist. ——«

»Ehe ich nach Frizinghall ging« fiel ihm der Sergeant in’s Wort, «habe ich Sie angewiesen, ein wachsames Auge auf Rosanna Spearman zu haben, ohne sie merken zu lassen, daß sie überwacht werde. Wollen Sie mir sagen, daß Sie sie haben entwischen lassen?«

»Ich fürchte« erwiderte Joyce, der zu zittern anfing, »daß ich vielleicht zu sehr darauf bedacht war, sie meinen Auftrag nicht merken zu lassen. ——«

»Seit wann vermissen Sie sie?«

»Grade seit einer Stunde, Herr.«

»Sie können zu ihrer regelmäßigen Berufsthätigkeit nach Frizinghall zurückkehren,« sagte der Sergeant in seinem gewöhnlichen ruhigen und trübseligen Ton.

»Ich glaube nicht, Herr Joyce, daß Ihre natürliche Begabung Sie für den Beruf eines Polizeibeamten bestimmt hat. Die Ihnen zugewiesenen Pflichten übersteigen Ihre Kräfte ein wenig. Ich empfehle mich Ihnen.«

Der arme Mann schlich sich davon. Was mich betrifft, so wird es mir sehr schwer meine Empfindungen bei der Nachricht, daß Rosanna Spearman vermißt werde, zu schildern. Die verschiedenartigsten Gefühle bestürmten mich. In dieser Gemüthsverfassung stand ich sprachlos da und starrte Sergeant Cuff an.

»Mein Herr Betteredge,« sagte der Sergeant, als ob er sofort erkannt habe, was mich zumeist beschäftigte und mir vor allem darüber eine Auskunft geben wolle, »Ihre junge Freundin Rosanna soll mir nicht so leicht durch die Finger schlüpfen wie Sie denken. So lange ich Fräulein Verinder’s Aufenthalt weiß, habe ich Mittel auch ihre Mitschuldige zu erreichen. Ich habe sie verhindert vorige Nacht mit einander zu conferiren. Nun gut. Da sie sich hier nicht mehr haben sprechen können, werden sie sich in Frizinghall treffen. Die gegenwärtige Untersuchung muß etwas früher, als ich es geglaubt hatte, einfach von diesem Hause nach dem Hause, wo Fräulein Verinder jetzt zum Besuch ist, verlegt werden. Inzwischen muß ich Sie, fürchte ich, mit einer abermaligen Zusammenberufung der Domestiken bemühen.

Ich ging mit ihm in das Domestikenzimmer. Es macht mir wenig Ehre, aber es ist doch wahr, daß ich bei seinen letzten Worten abermals einen Anfall von Entdeckungsfieber hatte. Ich vergaß meinen Haß gegen Sergeant Cuff, ergriff vertraulich seinen Arm und sagte: »Um Gottes willen, sagen Sie mir, was Sie mit den Domestiken beginnen wollen?«

Der große Cuff stand plötzlich still und wandte sich in einer Art von melancholischer Entzückung an die leere Luft.

»Wenn dieser Mann,« sagte er, indem er offenbar mich damit meinte, »nur etwas von der Rosenzucht verstünde, so wäre er der vollkommenste Mensch auf Erden.«

Nach diesem starken Gefühlsausbruch seufzte er und legte seinen Arm in den meinigen.

»Die Sachen stehen so,« sagte er, sich wieder den Geschäften zuwendend »Rosanna hat von zwei Dingen eines gethan. Entweder sie ist direct nach Frizinghall gegangen und trifft dort ein, bevor ich dahin gelangen kann, oder sie hat zuerst den Ort ihres Verstecks am Zitterstrand aufgesucht Das Erste, was ich herausfinden muß, ist, welcher von den Dienstboten sie, bevor sie das Haus verlassen, zuletzt gesehen hat.«

Diese Untersuchung ergab, daß das Küchenmädchen Nancy die letzte Person gewesen war, welche Rosanna gesehen hatte.

Nancy hatte gesehen, wie sie mit einem Briefe in der Hand sich davon machte und den Schlachtergesellen, der eben Fleisch im Hinterhause abgegeben hatte, aufhielt. Nancy hatte gehört, wie sie den Mann bat, den Brief auf die Post zu legen, wenn er nach Frizinghall zurückkäme. Der Mann hatte die Adresse betrachtet und dabei bemerkt, es sei ein Umweg, einen nach Cobb’s Hole adressirten Brief in Frizinghall auf die Post zu geben, und das noch dazu an einem Sonnabend, wo der Brief nun erst am Montag-Morgen an feinen Bestimmungsort gelangen werde. Rosanna hatte darauf geantwortet, daß ihr an dem Aufschub der Bestellung des Briefes nichts gelegen sei. Das einzige, worauf es ihr ankomme, sei, daß er genau thue, was sie ihm sage. Der Mann hatte das versprochen und war dann weggefahren. Darauf hatte Nancy wieder an ihre Arbeit in der Küche gehen müssen. Und kein Mensch hatte mehr etwas von Rosanna Spearman gesehen.

»Nun?« fragte ich, als wir wieder allein waren.

»Nun,« sagte der Sergeant, »ich muß nach Frizinghall.«

»Wegen des Briefes?«

»Ja wohl! Die Notiz über den Ort des Verstecks liegt in diesem Briefe. Ich muß mir auf dem Postamt die Adresse ansehen. Wenn es die Adresse ist, die ich vermuthe, so werde ich unserer Freundin Frau Yolland nächsten Montag wieder einen Besuch abstatten.«

Ich ging mit dem Sergeanten, den Ponywagen zu beordern. Auf dem Platz vor dem Stalle ging uns ein neues Licht über das Verbleiben des vermißten Mädchens auf.


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