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Der Mondstein



Zweites Capitel.

Herr Godfrey folgte der Meldung seines Namens —— wie er Alles thut — genau im richtigen Augenblick. Er folgte dem Diener nicht so unmittelbar auf dem Fuß, daß er uns hätte überraschen können. Er zögerte aber auch nicht so lange, daß er uns die doppelte Unbequemlichkeit einer Pause und einer offenstehenden Thür bereitet hätte. Der wahre Christ zeigt sich bei ihm auch in seinem vollendeten Benehmen bei den kleinsten Vorkommnissen des täglichen Lebens. Dieser theure Mann war in der That höchst vollendet.

»Melden Sie Fräulein Verinder,« sagte meine Tante zu dem Diener, »daß Herr Ablewhite hier ist.«

Wir erkundigten uns Beide nach seinem Befinden. Wir fragten ihn Beide wie aus einem Munde, ob er sich nach seinem schrecklichen Abenteuer der letzten Woche wieder erholt habe. Mit vollkommenem Takt suchte er uns Beiden in demselben Augenblick zu antworten. Lady Verinder antwortete er mit Worten, mir mit seinem reizenden Lächeln.

»Was« rief er mit unaussprechlicher Zärtlichkeit »habe ich gethan, um alle diese Theilnahme zu verdienen? Meine liebe Tante, meine liebe Miß Clack! Die ganze Sache läuft ja darauf hinaus, daß ich für einen Andern gehalten worden bin. Man hat mir nur die Augen verbunden, man hat mich nur strangulirt, man hat mich nur platt aus einen sehr harten, mit einem sehr dünnen Teppich bedeckten Fußboden geworfen. Denken Sie nur, wie viel schlimmer die Sache hätte werden können! Man hätte mich berauben, man hätte mich morden können! Was habe ich verloren? Nichts als Nervenkraft, welche das Gesetz nicht als Eigenthum anerkennt; so daß ich, genau genommen, gar nichts verloren habe. Wenn ich nach meinem Sinn hätte handeln dürfen, so hätte ich das ganze Abenteuer für mich behalten: mir widerstrebt all’ dieser Lärm und die Publicität der Sache. Aber Herr Luker hat die ihm widerfahrene Mißhandlung an die Oeffentlichkeit gebracht und in natürlicher Folge davon ist auch die mir angethane Insulte bekannt geworden. Die Zeitungen haben mich mit Beschlag belegt, bis die Leser die Sache satt haben werden. Ich sebst bin ihrer schon völlig überdrüssig! Gott gebe, daß es den Lesern bald ebenso geht! Und wie geht es meiner lieben Cousine? Findet sie noch immer Geschmack an den Londoner Zerstreuungen? Freut mich ungemein! Miß Clack, ich bedarf Ihrer ganzen Nachsicht. Ich bin zu meinem lebhaftesten Bedauern im Rückstand mit meinen Comité-Arbeiten und meinen verehrten Damen. Ich hoffe aber sehr, mich nächste Woche bei der Versammlung unseres mütterlichen Hosenvereins einstellen zu können. Sind Sie am vorigen Montag hübsch weiter gekommen? Hatte man in der Versammlung gutes Vertrauen auf die Entwickelung der Sache? Und hat unser Vorrath an Hosen gut zugenommen?

Die himmlische Freundlichkeit seines Lächelns machte seine Entschuldigung unwiderstehlich. Die Fülle seiner tiefen Stimme verlieh der interessanten geschäftlichen Angelegenheit, über die er eben mit ihr sprach, einen unbeschreiblichen Reiz. In der That hatten wir fast einen zu großen Vorrath von Hosen; wir wurden förmlich mit denselben überfluthet. Ich war eben im Begriff, ihm das mitzutheilen, als sich die Thür abermals öffnete und ein Element weltlicher Störung in der Person Fräulein Verinders das Zimmer betrat.

Sie näherte sich dem lieben Herrn Godfrey mit einer höchst unanständigen Eile, das Haar widerwärtig ungeglättet und das Gesicht von einer nach meiner Ansicht sehr unschicklichen Röthe bedeckt.

»Es freut mich ungemein, Dich zu sehen, Godfrey,« sagte sie, wie ich zu meinem Bedauern hinzufügen muß, in dem Tone und der Manier eines jungen Mannes gegen den andern. »Ich wollte, Du hättest Herrn Luker mitgebracht, Du und er sind, so lange unsere gegenwärtige Aufregung dauert, für uns die beiden interessantesten Männer in ganz London. Es ist krankhaft, so etwas zu sagen; es ist ungesund, es ist alles, wovor ein wohlgeordneter Geist wie der Miß Clack’s instinctiv zurückschreckt. Aber einerlei. Bitte, erzähle mir gleich die ganze Geschichte von Northumberlandstreet Ich weiß, die Zeitungsberichte haben einige Umstände weggelassen.«

Selbst der theure Herr Godfrey ist nicht ganz frei von den Schwächen des gefallenen Menschen, welche wir Alle von Adam geerbt haben —— er hat einen äußerst kleinen Antheil an diesem allgemeinen menschlichen Vermächtniß, aber doch einen Antheil. Ich bekenne, daß es mich schmerzte, zu sehen, wie er Rachels Hand in seine beiden Hände nahm und sie sanft an die linke Seite seiner Weste legte. Das war ja geradezu eine Aufmunterung für ihre freie Art zu reden und ihre insolente Bezugnahme auf meine Person.

»Liebste Rachel,« sagte er in demselben Tone, der mich bezaubert hatte. als er von unseren Aussichten und unseren Hosen sprach, »die Zeitungen haben Dir Alles und zwar viel besser erzählt, als ich es im Stande bin.«

»Godfrey meint, wir machen Alle zu viel aus der Sache bemerkte meine Tante. »Er hat gerade eben gesagt, daß er nicht gern davon spricht.«

»Warum das?«

Sie that diese Frage mit einem plötzlich aufflammenden Blick, mit dem sie Godfrey gerade in’s Gesicht sah. Er seinerseits sah sie wieder mit einer so deplacirten und so unverdienten Nachsicht an, daß ich mich in der That berufen fühlte, einzuschreiten.

»Rachel, meine Liebes« wandte ich freundlich ein, »wahre Größe und wahrer Muth sind immer bescheiden.«

»Du bist auf Deine Weise ein sehr guter Kerl, Godfrey,« sagte sie, indem sie, wohlbemerkt, nicht die mindeste Notiz von meiner Aeußerung nahm und noch immer mit ihrem Vetter sprach, als wäre sie ein junger Mann, der sich mit einem andern jungen Manne unterhält. »Aber ich weiß ganz gewiß, daß Du durchaus nichts von Größe an Dir hast; ich glaube nicht, daß Du einen ungewöhnlichen Grad von Muth besitzest, und bin fest überzeugt, daß, wenn Du je etwas von Bescheidenheit besessen hast, Deine weiblichen Anbeter Dich schon seit langen Jahren von dieser Tugend befreit haben. Du hast Deine besonderen Gründe, aus denen Du nicht von Deinen Abenteuern in Northumberlandstreet sprechen willst, und ich glaube sie zu kennen.«

»Meine Gründe sind die denkbar einfachsten und solche, denen man gewiß seine Anerkennung nicht versagen wird,« antwortete er noch immer geduldig. »Ich bin der Sache überdrüssig.«

»Du bist der Sache überdrüssig? Mein lieber Godfrey, erlaube mir eine Bemerkung.«

»Und welche?«

»Du bewegst Dich viel zu viel in der Gesellschaft von Frauen und hast in Folge dessen zwei sehr schlechte Gewohnheiten angenommen. Du hast Dir angewöhnt, ernstgemeintes dummes Zeug zu schwatzen und aus reiner Liebhaberei zu flunkern. Du kannst mit Deinen weiblichen Anbetern nicht gerade zu Werke gehen. Mit mir aber, denke ich, sollst Du keine Umschweife machen. Komm’, setz’ Dich! Ich stecke übervoll von unumwundenen Fragen, und hoffe, Du wirst übervoll von unumwundenen Antworten sein.«

Sie schleppte ihn nun förmlich durch das Zimmer nach einem Stuhl an dem Fenster, wo das Licht gerade aus sein Gesicht fallen mußte. Ich empfinde es höchst schmerzlich, dazu genöthigt zu sein, eine solche Sprache wiederzugeben und ein solches Benehmen zu schildern. Aber eingeklemmt wie ich bin zwischen Herrn Franklin Blake’s Anweisung aus der einen und meiner heiligen Achtung für die Wahrheit auf der anderen Seite, was bleibt mir übrig? Ich sah meine Tante an. Sie saß regungslos da, anscheinend durchaus nicht geneigt, sich in die Sache zu mischen. Wie zuvor hatte ich an ihr diese Art von Erstarrung bemerkt. Vielleicht war es die Wirkung einer Reaction nach der schweren Zeit, die sie auf dem Lande durchzumachen gehabt hatte. Keinesfalls aber war es ein erfreuliches Symptom in dem Alter der guten Lady Verinder und bei ihrer mit den Jahren zunehmenden Corpulenz.

Inzwischen hatte sich Rachel mit unserem liebenswürdigen und langmüthigen, unserem allzu langmüthigen Freunde am Fenster niedergelassen Sie fing mit der Fragenschnur, mit der sie ihn bedroht hatte, an, und nahm dabei von ihrer Mutter oder mir so wenig Notiz, als ob wir gar nicht im Zimmer gewesen wären.

»Hat die Polizei irgend etwas in der Sache gethan, Godfrey?«

»Durchaus nichts.«

»Man kann als ausgemacht annehmen, nicht wahr, daß die drei Männer, welche Dich überfallen haben, die selben gewesen sind, welche später Herrn Luker überfielen?«

»Menschlich zu reden, liebe Rachel, kann darüber kein Zweifel bestehen.«

»Und man hat keine Spur von ihnen entdeckt?«

»Keine.«

»Man hält diese drei Männer für die drei Indier welche damals vor unserem Landhause erschienen, nicht wahr?«

»Einige Leute glauben das.«

»Glaubst Du es?«

»Liebe Rachel, sie haben mir die Augen verbunden, ehe ich sie erkennen konnte; ich weiß durchaus nichts von der Sache. Wie kann ich irgend eine Ansicht darüber aussprechen?«

Selbst die engelhafte Freundlichkeit des Herrn Godfrey fing, wie man steht, unter der auf ihm lastenden Zudringlichkeit endlich nachzulassen an. Ob ungezügelte Neugierde oder unbezwingliche Furcht Fräulein Verinder ihre Fragen eingaben, maße ich mir nicht an zu untersuchen. Ich habe nur zu berichten, daß, als Herr Godfrey den Versuch machte, sich nach der eben mitgetheilten Antwort von seinem Sitze zu erheben, sie ihn an beiden Schultern faßte und wieder auf seinen Stuhl zurückdrängte. Sagt nicht, daß das unbescheiden war! Ja, sagt nicht, daß nur die rücksichtslose Angst eines schuldvollen Bewußtseins ein Benehmen, wie das eben geschilderte, erklären könne! Wir sollen nicht über Andere richten, meine christlichen Freunde; wahrlich, wahrlich, wahrlich, wir sollen nicht über Andere richten!

Ohne die mindeste Verlegenheit fuhr sie mit ihren Fragen fort. Ernste Bibelfreunde werden sich dabei vielleicht, wie es mit mir der Fall war, der verblendeten Kinder des Teufels erinnern, welche in der Zeit kurz vor dem Eintritt der Sündfluth ihre Orgien schamlos fortsetzten.

»Ich möchte etwas über Herrn Luker wissen, Godfrey.«

»Ich muß mich zu meinem lebhaften Bedauern zu dieser Auskunft wieder außer Stande erklären, Rachel. Kein Mensch weiß weniger von Herrn Luker, als ich.«

»Du hast ihn früher nie gesehen, bevor Du ihm zufällig in der Bank begegnetest?«

»Niemals.«

»Hast Du ihn seitdem wiedergesehen?«

»Ja. Wir sind auf Anhalten der Polizei sowohl zusammen, wie einzeln verhört worden.«

»Herrn Luker haben sie einen Empfangschein, den er von seinen Bankiers erhalten hat, geraubt; nicht wahr? Ueber was war der Empfangschein ausgestellt?«

»Ueber einen kostbaren Edelstein, den er im Gewölbe der Bank niedergelegt hatte.«

»Das steht in den Zeitungen. Das mag den gewöhnlichen Lesern genügen, aber mir genügt es nicht. In dem Empfangschein der Bankiers muß gestanden haben, was für ein Edelstein es war.«

»So viel ich gehört habe, Rachel, stand in dem Empfangsschein der Bankiers nichts der Art. Ein kostbarer Edelstein, Eigenthum des Herrn Luker; deponirt von Herrn Luker; versiegelt von Herrn Luker’s Petschaft; nur auszuliefern auf persönliches Anhalten des Herrn Luker. So lautete der Empfangschein und das ist alles, was ich darüber weiß.«

Als er das gesagt hatte, wartete sie einen Augenblick. Sie sah ihre Mutter an und seufzte, sah dann wieder Herrn Godfrey an und fuhr fort:

»Unsere Familien-Angelegenheiten,« sagte sie, »scheinen theilweise ein Gegenstand der Besprechung in den Zeitungen geworden zu sein.«

»Leider ist dem so!«

»Und einige uns völlig fremde Müßiggänger geben sich Mühe, einen Zusammenhang zwischen Dem, was sich in unserm Landhause in Yorkshire und Dem, was sich seitdem hier in London ereignet hat, heraus zu finden?«

»Ich fürchte, die Neugierde gewisser Kreise macht sich in dieser Weise zu schaffen.«

»Die Leute, welche behaupten, daß die drei unbekannten Männer, welche Dich und Herrn Luker mißhandelten, die drei Indier sind, sagen auch, daß der kostbare Edelstein ——«

Hier hielt sie inne. Sie war in den letzten Augenblicken allmälig immer blasser und blasser geworden. Das tiefdunkle Schwarz ihres Haars contrastirte so grell mit dieser Blässe und machte den Eindruck derselben so unheimlich, daß wir Alle in dem Augenblick, wo sie mitten in ihrer Frage inne hielt, glaubten, sie würde ohnmächtig werden.

Herr Godfrey benutzte diesen Moment zu einem zweiten Versuch, sich von seinem Sitz zu erheben. Meine Tante bat Rachel dringend, nicht weiter zu reden. ich folgte meiner Tante mit einem Fläschchen flüchtigen Salzes. Aber keiner von uns brachte die mindeste Wirkung aus sie hervor.

»Godfrey, bleib sitzen! Mama, Du hast durchaus keine Ursache, Dich über mich zu beunruhigen. Clack, Sie brennen ja vor Begierde, die Sache zu Ende zu hören —— ich darf ja schon in Rücksicht auf Sie nicht in Ohnmacht fallen.«

Das waren wörtlich ihre Ausdrücke, wie ich sie in dem Moment, wo ich wieder zu Hause war, in mein Tagebuch geschrieben habe. Aber, laßt uns nicht richten! meine christlichen Freunde, laßt uns nicht richten!

Sie wandte sich wieder. an Herrn Godfrey. Mit einem eigensinnigen Trotz, der schrecklich anzusehen war, nahm sie ihre Frage genau da wieder auf, wo sie inne gehalten hatte und vervollständigte dieselbe mit folgenden Worten: »Ich sprach eben mit Dir über das, was die Leute in gewissen Kreisen reden. Sage mir grade heraus, Godfrey, behaupten Einige von ihnen auch, daß Herrn Luker’s kostbarer Edelstein —— der Mondstein ist?«

In dem Augenblick, wo sie den Namen des indischen Diamanten aussprach, ging eine deutlich erkennbare Veränderung mit meinem herrlichen Freunde vor. Er wurde roth. Er verlor die angeborene Anmuth seiner Manieren, welche einen der größten Reize seines Wesens ausmachen. Eine edle Entrüstung gab ihm seine Antwort ein.

»Allerdings behaupten sie das,« erwiderte er. »Es giebt Leute, welche keinen Anstand nehmen, Herrn Luker zu beschuldigen, daß er zu einem Privatzweck eine Unwahrheit sage. Er hat wiederholt feierlich erklärt, daß er, bevor das verleumderische Gerücht sich in dieser Weise seiner bemächtigt habe, niemals von dem Mondstein auch nur gehört habe. Und diese elenden Menschen entgegnen darauf ohne den Schatten eines Beweises für ihre Behauptung: »Er hat seine Gründe, die Sache geheim zu halten; wir glauben seinen Betheuerungen nicht. Schändlich! Schändlich!«

Rachel sah ihn, während er so sprach, mit einem sonderbaren Blick, den ich nicht recht beschreiben kann, an. Als er ausgesprochen hatte, sagte sie: »Wenn ich bedenke, daß Herr Luker nur ein ganz zufälliger Bekannter von Dir ist, Godfrey, so finde ich, daß Du Dich mit einer großen Wärme seiner annimmst!«

Mein reich begabter Freund gab ihr eine der wahrsten evangelischen Antworten, die ich je in meinem Leben gehört habe.

»Ich hoffe« sagte er, »Du findest, Rachel, daß ich mich aller Angegriffenen mit großer Wärme annehme.«

Der Ton, in dem er diese Worte sprach, hätte einen Stein erweichen können. Aber, o mein Gott, was ist die Härte eines Steins im Vergleich mit der Härtigkeit des nicht im Geiste wiedergeborenen menschlichen Herzens! Sie lachte höhnisch. Ich erröthe, indem ich es niederschreibe —— sie lachte ihm höhnisch in’s Gesicht.

»Spare Dir Deine schönen Redensarten für Deine Damen-Comités, Godfrey, Ich bin überzeugt, daß dieses verleumderische Gerücht, daß sich Herrn Luker’s bemächtigt hat, Dich auch nicht verschont hat.«

Diese Worte rissen selbst meine Tante aus ihrer Erstarrung.

»Liebe Rachel,« verwies sie ihr ihre Bemerkung, »Du hast wirklich kein Recht, das zu sagen.«

»Ich meine es nicht böse, Mama, ich meine es nur gut. Habe nur einen Augenblick Geduld mit mir und Du wirst es sehen.«

Sie sah wieder Herrn Godfrey mit einem Blick an, der ein plötzliches Mitleid mit ihm zu verrathen schien. Sie ließ sich herbei, ihn in einer für eine vornehme junge Dame höchst unpassenden Weise bei der Hand zu fassen.

»Ich bin fest überzeugt,« sagte sie, »daß ich den wahren Grund Deiner Ungeneigtheit, über diese Angelegenheit vor meiner Mutter und vor mir zu reden, kenne. Ein unglücklicher Zufall hat Dich in der Vorstellung der Leute mit Herrn Luker in Verbindung gebracht. Du hast mir erzählt, was das Gerücht von ihm sagt; was sagt das Gerücht von Dir?«

Noch in der elften Stunde versuchte es der liebe Herr Godfrey, der immer bereit war, Böses mit Gutem zu vergelten, sie zu schonen.

»Frage mich nicht!« sagte er. »Es ist besser, die Sache in Vergessenheit gerathen zu lassen, es ist wahrhaftig besser.«

»Ich will es aber wissen!« schrie sie wild mit scharfer Stimme.

»Sage es ihr, Godfrey!« bat meine Tanten »Dein Schweigen schadet ihr mehr, als irgend ein Wort es thun kann.«

Herrn Godfrey’s schöne Augen füllten sich mit Thränen. Er warf ihr einen letzten flehenden Blick zu —— und sprach dann die verhängnißvollen Worte aus:

»Wenn Du es durchaus wissen willst — das Gerücht sagt, daß der Mondstein als Pfand im Besitz des Herrn Luker ist, und das; ich derjenige bin, der ihn versetzt hat.«

Sie sprang mit einem Schrei auf. Sie blickte rückwärts und vorwärts, von Herrn Godfrey nach meiner Tante und von meiner Tante nach Herrn Godfrey, und das mit einem solchen Ausdruck des Wahnsinns, daß ich wirklich glaubte, sie sei verrückt geworden.

»Sprecht nicht mit mir! berührt mich nicht!« rief sie aus, indem sie sich vor uns allen wie ein wildes Thier in eine Ecke des Zimmers flüchtete. » Das ist meine Schuld, ich muß die Sache wieder gut machen. Ich habe mich selbst geopfert —— dazu hatte ich ein Recht, wenn es mir so gefiel. Aber einen Unschuldigen ungerecht beschuldigt zu sehen; ein Geheimnis; zu bewahren, das ihn für sein ganzes übriges Leben um seinen guten Namen bringt —— O! mein Gott! Das ist zu furchtbar! Das kann ich nicht ertragen!«

Meine Tante schien sich von ihrem Sitz erheben zu wollen, setzte sich aber dann wieder nieder. Sie rief mich mit schwacher Stimme und deutete auf ein Fläschchen in ihrem Arbeitskasten.

»Rasch!« flüsterte sie. »Sechs Tropfen in Wasser, laß es Rachel nicht sehen.«

Unter andern Umständen würde es mir sonderbar vorgekommen sein. Jetzt war keine Zeit nachzudenken, hier galt es nur rasch die Medicin zu geben. Der liebe Herr Godfrey unterstützte mich unbewußt in der Verheimlichung dessen, was ich that, vor Rachel, indem er ihr am andern Ende des Zimmers zuzureden suchte.

»Du übertreibst, Du übertreibst wirklich!« hörte ich ihn sagen. »Mein Ruf steht zu fest, um durch ein elendes, vorübergehendes, verläumderisches Gerücht vernichtet zu werden. In einer Woche wird die ganze Sache vergessen sein. Lass’ uns nicht wieder davon reden.«

Aber sie war vollkommen unzugänglich, selbst für so großmüthige Worte wie diese. Sie gerieth immer mehr außer sich.

»Ich muß und will der Sache Einhalt thun!« sagte sie. »Mutter! höre was ich sage. Miß Clack! hören Sie auf das, was ich sage. Ich kenne die Hand, die den Mondstein genommen hat —— ich weiß« — sie sprach diese Worte mit scharfer Stimme, sie stampfte wüthend mit dem Fuß auf den-Boden —« »ich weiß, daß Godfrey Ablewhite unschuldig ist! Bringe mich vor den Richter, Godfrey! Bringe mich vor den Richter und ich will es beschwören!«

Meine Tante ergriff mich bei der Hand und flüfterte mir zu: »Stelle Dich ein paar Minuten zwischen uns und laß Rachel mich nicht sehen.«

Ich bemerkte eine bläuliche Gesichtsfarbe an ihr, die mich beunruhigte; sie sah, wie sehr ich erschrak.

»Die Tropfen werden mich in wenigen Minuten wiederherstellen,« sagte sie und damit schloß sie die Augen und schwieg.

Während dessen hörte ich den lieben Herrn Godfrey Rachel noch immer sanfte Vorstellungen machen.

»Du darfst in einer Angelegenheit wie diese nicht öffentlich auftreten,« sagte er. »Dein Ruf, liebste Rachel, ist zu rein, und zu heilig, als daß man leichtsinnig damit umgehen dürfte.«

»Mein Ruf!« lachte sie laut auf; »ich werde ja eben so gut beschuldigt wie Du, Godfrey. Der beste Beamte der geheimen Polizei in England erklärt, daß ich meinen eigenen Diamanten gestohlen habe. Frage ihn, was er denkt und er wird Dir sagen, daß ich den Mondstein verpfändet habe, um meine Privatschulden mit dem Erlös zu bezahlen.« Sie hielt inne, lief durch das Zimmer und fiel zu den Füßen ihrer Mutter auf die Kniee. »O, Mutter, Mutter, Mutter! Muß ich nicht wahnsinnig sein, um jetzt nicht die Wahrheit zu bekennen!«

Sie war zu leidenschaftlich aufgeregt, um den Zustand ihrer Mutter zu bemerken. Im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder erhoben und war wieder zu Herrn Godfrey geeilt: »Ich will nicht, daß Du, daß irgend ein unschuldiger Mensch durch mein Schweigen ungerecht angeklagt und verleumdet wird. Wenn Du mich nicht vor den Richter führen willst, so setze mir eine schriftliche Erklärung Deiner Unschuld auf und ich will sie unterzeichnen. Thu’ was ich Dir sage, Godfrey, oder ich schreibe an die Zeitungen — oder ich laufe auf die Straße und rufe die Sache laut aus.«

Ich will nicht sagen, daß dies die Sprache eines bösen Gewissens war —— ich will es die Sprache eines hysterischen Zufalls nennen. Der nachsichtige Herr Godfrey beschwichtigte sie dadurch, daß er ein Stück Papier nahm und die Erklärung entwarf. Sie unterzeichnete dieselbe in fieberhafter Hast.

»Zeige es überall, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen,« fragte sie, indem sie ihm die unterzeichnete Erklärung überreichte. »Ich fürchte, Godfrey, ich habe Dir bis jetzt in meinen Gedanken noch keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du bist uneigennütziger, Du bist ein besserer Mensch als ich von Dir geglaubt habe. Komm zu uns so oft Du kannst und ich will versuchen, mein Unrecht wieder gut zu machen.«

Sie reichte ihm ihre Hand. Ach! über unsere gefallene Natur! Ach! über Herrn Godfrey! Er vergaß sich nicht nur so weit, ihre Hand zu küssen, sondern er antwortete in einem Ton der Milde, der in einem solchen Fall nicht viel besser war als ein Abkommen mit der Sünde. »Ich will kommen, beste Rachel,« sagte er, »aber nur unter der Bedingung, daß wir nicht wieder von diesem verhaßten Gegenstand reden.« Niemals hatte ich unsern christlichen Held von einer weniger vortheilhaften Seite kennen gelernt als bei dieser Gelegenheit.

Bevor noch Jemand anderes ein Wort hatte sagen können, wurden wir alle durch ein donnerähnliches Klopfen an der Hausthür erschreckt. Ich sah zum Fenster hinaus und sah in einer vor der Thür haltenden Equipage mit gepudertem Diener die Weltlust, die Fleischeslust und den Teufel in Gestalt von drei in der frechsten Weise gekleideten Frauenzimmern.

Rachel fuhr zusammen und faßte sich. Sie ging quer durch das Zimmer auf ihre Mutter zu.

»Sie sind da, um mich zur Blumen-Ausstellung abzuholen,« sagte sie. »Ein Wort, Mama, ehe ich gehe. Ich habe Dir keinen Kummer gemacht, nicht wahr?«

Ist die Stumpfheit eines sittlichen Gefühls, welche nach dem eben Vorgefallenen eine solche Frage thun konnte, zu bemitleiden oder zu verdammen? Ich neige mich stets dem Erbarmen zu. Bemitleiden wir es.

Die Tropfen hatten ihre Wirkung gethan. Der Teint meiner armen Tante hatte seine frühere Farbe wieder angenommen. »Nein, nein, liebes Kind.« sagte sie, »fahre nur mit unsern Freundinnen und amüsire Dich gut.«

Ihre Tochter küßte sie. Ich hatte das Fenster verlassen und stand neben der Thür, als Rachel sich derselben näherte, um hinaus zu gehen. Abermals war eine Veränderung mit ihr vorgegangen, sie schwamm in Thränen. Ich beobachtete mit Interesse die momentane Weichheit dieses verhärteten Herzens. Ich hatte Lust, ein Paar ernste Worte zu ihr, zu reden. Aber, ach! Mein wohlgemeinter Antheil erregte nur Anstoß. »Aber was soll das heißen, daß Sie mich bemitleiden?« fragte sie mich in einem bittern, flüsternden Tone, als sie an mir vorüber nach der Thür ging. »Sehen Sie nicht, wie glücklich ich bin? Ich gehe auf die Blumen-Ausstellung, Clack; und ich habe den hübschesten Hut in London.« Sie machte das Maß dieser schalen Mockerie dadurch voll, daß sie mir eine Kußhand zuwarf und damit aus dem Zimmer ging.

Ich wollte, ich könnte das Mitleid in Worten schildern, das ich für dies unglückliche und mißleitete Mädchen empfand, aber ich bin fast leider eben so arm an Worten wie an Geld. Man gestatte mir, es auszusprechen: Mein Herz blutete für sie.

Als ich mich wieder zu meiner Tante gesetzt hatte, bemerkte ich, daß der liebe Herr Godfrey leise, hier und dort, an verschiedenen Stellen des Zimmers etwas suchte. Er trat wieder auf meine Tante und mich zu, seine Unschuldserklärung in der einen und ein Zündholzdöschen in der andern Hand. »Liebe Tante,« sagte er, »eine kleine Verschwörung. Liebe Miß Clack, ein frommer Betrug, den selbst Ihre sittliche Strenge entschuldigen wird! Wollen Sie Rachel bei dem Glauben lassen, daß ich das großmüthige Opfer annehme, das sie mir durch die Unterzeichnung dieses Papiers gebracht hat? Und wollen Sie freundlichst Zeuge sein, daß ich es in Ihrer Gegenwart vernichte, bevor ich dieses Haus verlasse?«

Er zündete das Papier mit einem Zündholz an und ließ es auf einem auf dem Tische stehenden Teller verbrennen. »Die geringfügigsten Ungelegenheiten, welche mir vielleicht aus der Sache erwachsen können,« bemerkte er, »sind nichts im Vergleich zu der hohen Wichtigkeit, die es hat, diesen reinen Namen vor der unreinen Berührung mit der Welt zu bewahren. Da! Nun haben wir es zu einem unschädlichen Häufchen Asche gemacht und unsere theure Rachel mit ihren raschen Entschlüssen wird nie erfahren, was wir gethan haben! Wie ist Ihnen zu Muthe, meine theuren Freundinnen? Ich für mein armes Theil fühle mich so leicht wie ein Kind!«

Er lächelte uns mit seinem schönen Lächeln zu; er reichte seiner Tante die eine und mir die andere Hand. Sein edles Benehmen hatte mich zu tief ergriffen, als daß ich hätte reden können. Ich schloß die Augen; ich führte seine Hand in einer Art frommer Selbstvergessenheit an meine Lippen. Er murmelte eine sanfte Einwendung. O, die Extase, die reine unirdische Extase jenes Augenblicks! Ich saß —— ich wüßte kaum zu sagen worauf —— ganz in meine entzückten Empfindungen verloren. Als ich die Augen wieder öffnete, war es mir, als ob ich vom Himmel wieder auf die Erde hinabstiege.

Nur meine Tante war noch im Zimmer, er war fortgegangen.

Gern würde ich hier schließen, gern würde ich in meiner Erzählung mit dem Bericht über Herrn Godfrey’s edles Benehmen abbrechen. Unglücklicher Weise aber giebt es noch Vieles, was der unnachsichtige pecuniäre Druck der Anweisung des Herrn Blake mich zu erzählen nöthigt. Die peinlichen Enthüllungen, welche in meiner Gegenwart während jenes Besuchs am Dienstage in jenem Hause in Montague-square erfolgen sollten, hatten ihr Ende noch nicht erreicht.

Als ich mich mit Lady Verinder wieder allein fand, brachte ich das Gespräch sehr natürlich auf den Gegenstand ihrer Gesundheit, indem ich leise auf die auffallende Angst, mit der sie ihr Unwohlsein und das dagegen angewandte Mittel vor ihrer Tochter zu verbergen gesucht hatte, anspielte.

Die Antwort meiner Tante überraschte mich nicht wenig.

»Drusilla,« sagte sie —— sollte ich noch nicht erwähnt haben, daß mein Vorname Drusilla ist, so erlaube ich mir, es hier zu thun— —, »Du berührst gewiß ganz unabsichtlich einen sehr betrübenden Gegenstand.«

Ich stand sofort auf. Meine Delicatesse ließ mir keine Wahl, ich mußte, nachdem ich mich entschuldigt hatte, gehen. Aber Lady Verinder hielt mich zurück und bestand darauf, daß ich mich wieder hinsetzte.

»Du hast ein Geheimniß erfahren« sagte sie, »welches ich außer meiner Schwester, Mrs. Ablewhite, und meinem Advocaten, Herrn Bruff, Niemandem sonst anvertraut habe. Auf die Discretion jener Beiden kann ich mich verlassen und gewiß auch, wenn ich Dir die Umstände mittheile, auf die Deinige, nicht wahr? Bist Du pressirt, Drusilla, oder bist Du diesen Nachmittag frei?«

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich meiner Tante vollständig zur Verfügung stellte.

»Dann leiste mir noch eine Stunde Gesellschaft!« sagte sie. Ich habe Dir etwas zu erzählen, was Du, glaube ich, mit Bedauern hören wirst; und ich werde Dich nachher um einen Dienst zu bitten haben, den Du mir hoffentlich nicht versagen wirst.«

Ich brauche auch hier wohl kaum zu sagen, daß ich mich eifrigst bereit erklärte, ihr behilflich zu sein.

»Du kannst hier bleiben,« fuhr sie fort, »bis Herr Bruff um 5 Uhr zu mir kommt. Und Du kannst eine der Zeuginnen sein, deren es bei der Unterzeichnung meines Testaments bedürfen wird.«

Ihr Testament! Ich dachte an die Tropfen, die ich eingegeben, an die bläuliche Gesichtsfarbe, die ich an ihr beobachtet hatte. Ein Licht, das nicht von dieser Welt war, ein Licht, das prophetisch aus einem ungegrabenen Grabe hervorleuchtet, dämmerte feierlich in meinem Geiste auf. Das Geheimnis; meiner Tante war kein Geheimniß mehr.


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