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Der Mondstein



Sechstes Capitel.

Ich ging, wie ich wohl kaum zu sagen brauche, in Betteredge’s Begleitung nach der Eisenbahnstation. Ich hatte den Brief in meinem Taschenbuch und das Nachthemd in einem kleinen Sack bei mir, beide Gegenstände zu dem Zweck, um sie noch an diesem Abend, bevor ich mich zur Ruhe begab, dem forschenden Scharfsinn des Herrn Bruff vorzulegen.

Wir verließen das Haus schweigend. Zum ersten Male so lange ich denken konnte, befand ich mich in der Gesellschaft des alten Betteredge, ohne daß er mir ein Wort zu sagen gewußt hätte. Da ich aber ihm etwas zu sagen hatte, so fing ich eine Unterhaltung an, sobald wir aus dem Bereich der Pförtnerwohnung waren.

»Ehe ich nach London gehe,« begann ich, »habe ich zwei Fragen an Sie zu richten. Sie betreffen mich selbst und werden Sie, glaube ich, überraschen.«

»Wenn sie mir nur den Brief des armen Geschöpfes aus dem Sinn bringen, Herr Franklin, so mögen Sie übrigens mit mir thun, was Sie wollen. Bitte, fangen Sie nur an mich zu überraschen, so rasch Sie können.«

»Meine erste Frage, Betteredge, ist diese. War ich an dem Abend von Rachel’s Geburtstag betrunken?«

»Sie betrunken?« rief der Alte aus. »Es ist ja gerade ein großer Fehler an Ihnen, Herr Franklin, daß Sie nur bei Tische trinken und nach dem Mittagessen keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich nehmen!«

»Aber der Geburtstag war eine besondere Gelegenheit. Ich hätte an jenem Abend vielleicht ausnahmsweise einmal von meiner Gewohnheit abweichen können.«

Betteredge dachte einen Augenblick nach.

»Sie sind von Ihrer Gewohnheit abgewichen,« sagte er, »und ich will Ihnen auch sagen, wieso. Sie sahen sehr elend aus und wir überredeten Sie, einen Schluck Cognac und Wasser zu trinken, um Ihre Lebensgeister ein wenig aufzufrischen.«

»Ich bin das Getränk nicht gewöhnt und es ist sehr möglich . . .«

»Warten Sie einen Augenblick, Herr Franklin. Ich wußte, daß Sie nicht daran gewöhnt seien. Ich goß Ihnen ein halbes Weinglas voll von unserm 50jährigen Cognac ein und —— zu meiner noch größeren Schande sei es gesagt! —— ertränkte diese edle Flüssigkeit nahezu in einem großen Glase Wasser. Das hätte ein Kind nicht betrunken machen können, geschweige denn einen erwachsenen Mann.«

Ich wußte, daß ich mich in einer derartigen Angelegenheit auf sein Gedächtniß vollkommen verlassen konnte. Es war rein unmöglich, daß mich jenes Getränk berauscht haben konnte. Ich ging zu meiner zweiten Frage über.

»Ehe ich auf Reisen geschickt wurde, Betteredge, hatten Sie mich als Knaben sehr gut gekannt. Nun sagen Sie mir, bitte, grade heraus, erinnern Sie sich je, nachdem ich Abends zu Bett gegangen war, irgend etwas Sonderbares an mir beobachtet zu haben? Haben Sie mich je nachtwandeln gesehen?«

Betteredge stand still, sah mich einen Augenblick an nickte mit dem Kopf und ging wieder weiter.

»Ich sehe, wo Sie hinauswollen, Herr Franklin,« sagte er, »Sie suchen nach einer Erklärung dafür, wie Sie zu dem Farbenfleck auf Ihrem Nachthemd gekommen sind, ohne etwas davon zu wissen. Aber das geht nicht. Sie sind noch meilenweit von der Wahrheit entfernt, Sie nachtwandeln? In Ihrem Leben haben Sie nichts dergleichen gethan.«

Abermals mußte ich mich überzeugt halten, daß Betteredge Recht habe. Weder im Ausland noch zu Hause hatte ich je ein einsames Leben geführt. Wenn ich ein Nachtwandler war, so gab es hunderte und aber hunderte von Leuten, die mich beobachten, mich warnen und Vorsichtsmaßregeln gegen die Folgen meiner Gewohnheit hätten ergreifen müssen.

Aber obgleich ich das Alles zugeben mußte, so klammerte ich mich doch mit einem Eigensinn der unter den obwaltenden Umständen gewiß natürlich und entschuldbar war, an eine oder die andere dieser beiden einzigen Erklärungen, welche, soweit ich sehen konnte, einen Aufschluß über die unerträgliche Lage, in der ich mich befand, zu geben im Stande waren. Als Betteredge bemerkte, daß ich noch nicht völlig überzeugt sei, spielte er schlau auf gewisse spätere Ereignisse in der Geschichte des Mondsteins an und erschütterte damit sofort und für immer meine beiden Hypothesen.

»Lassen Sie uns einen andern Weg versuchen,« sagte er. »Behalten Sie Ihre Ansicht für sich und sehen Sie zu, wie weit Sie damit auf dem Wege der Entdeckung der Wahrheit gelangen werden. Wenn wir dem Nachthemd glauben müssen —— was ich für meine Person nicht thue —— so haben Sie nicht blos die Malerei an der Thür übergewischt, ohne es zu wissen, sondern auch den Diamanten genommen, ohne etwas davon zu wissen. Ist das soweit richtig?«

»Vollkommen richtig. Fahren Sie fort!«

»Nun wohl, Herr Franklin "Wir wollen annehmen, Sie seien betrunken oder ein Nachtwandler gewesen, als Sie den Edelstein nahmen. Damit ließen sich allenfalls die Vorgänge in der Nacht und am Morgen nach dem Geburtstage erklären: aber wie wollen Sie damit erklären, was seitdem geschehen ist? Der Diamant ist seitdem nach London gewandert, der Diamant ist seitdem an Herrn Luker verpfändet worden. Haben Sie diese beiden Dinge auch gethan, ohne etwas davon zu wissen? Waren Sie auch betrunken, als Sie an jenem Abend in der Ponychaise fortfahren? Und sind Sie auch zu Herrn Luker hin genachtwandelt, als Sie mit der Eisenbahn am Ziel ihrer Reise ankamen? Nehmen Sie’s mir nicht übel, Herr Franklin, aber diese Geschichte hat Sie außer Fassung gebracht, daß Sie noch nicht im Stande sind, selbst zu urtheilen. Je eher Sie Ihren Kopf mit Herrn Bruff's Kopf zusammenstecken, desto eher werden Sie aus der Sackgasse, in die Sie sich jetzt verrannt haben, wieder herausfinden.«

Wir kamen nur eine oder zwei Minuten zu früh an der Station an.

Ich konnte Betteredge nur noch rasch meine Adresse in London geben, damit er mir nöthigenfalls schreiben könne und» ihm meinerseits versprechen, ihn Neuigkeiten, die ich etwa mitzutheilen haben könnte, wissen zu lassen. Als ich das gethan hatte und ihm eben noch Lebewohl sagte, warf ich zufällig einen Blick auf den Buch und Zeitungsladen an der Station. Da stand der wunderlich aussehende Assistent des Herrn Candy wieder im Gespräch mit dem Inhaber des Ladens. Unsere Blicke begegneten sich. Ezra Jennings nahm seinen Hut vor mir ab. Ich erwiderte seinen Gruß und hatte noch eben Zeit in einen Wagen zu steigen, ehe sich der Zug in Bewegung setzte. Es war vielleicht eine tröstliche Ablenkung meiner Gedanken, mich mit irgend einem Gedanken zu beschäftigen, der anscheinend keinerlei persönliches Interesse für mich hatte. Ich fing die wichtige Reise die mich zu Herrn Bruff zurückführen sollte, damit an, mich darüber zu wundern, daß ich den Mann mit dem scheckigen Haar zweimal an einem Tage gesehen hatte!

Die Stunde meiner Ankunft in London ließ den Versuch, Herrn Bruff noch auf seinem Bureau zu treffen, ganz hoffnungslos erscheinen. Ich fuhr von der Eisenbahn direct nach seiner Privatwohnung in Hampstead und störte den alten, Advocaten bei seinem einsamen Mittagsschläfchen, daß er, seinen Lieblingsmops auf dem Schooß und seine Flasche Wein vor sich in seinem Eßzimmer hielt.

Ich kann den Eindruck, den meine Geschichte auf Herrn Bruff’s Gemüth hervorbrachte, nicht besser schildern, als wenn ich erzähle was er vornahm, nachdem er sie zu Ende gehört hatte. Er beorderte Licht und starken Thee in sein Arbeitszimmer und ließ seinen Damen sagen, sie möchten uns unter keinem denkbaren Vorwand stören. Nach Erledigung dieser einleitenden Maßregeln prüfte er zuerst das Nachthemd und las dann Rosanna Spearman’s Brief.

Nach beendigter Lectüre redete mich Herr Bruff zum ersten Mal, seit wir uns in sein Zimmer eingeschlossen hatten, an.

»Franklin Blake,« sagte der alte Herr, das ist eine sehr ernste Geschichte in mehr als einer Beziehung. Nach meiner Ansicht geht sie Rachel ganz so nahe an, wie Sie. Ihr auffallendes Benehmen hat jetzt nichts Geheimnisvolles mehr, sie glaubt, daß Sie den Diamanten gestohlen haben.«

Ich war bis jetzt vor diesem naheliegenden Schluß zurückgeschreckt, aber er hatte sich nichtsdestoweniger auch mir bereits aufgedrängt. Mein Entschluß, eine persönliche Besprechung mit Rachel zu erlangen, beruhte gerade auf dem eben von Herrn Bruff angegebenen Grunde.

»Der erste Schritt, den wir bei unsern Nachforschungen zu thun haben,« fuhr der Advocat fort, »ist, uns an Rachel zu wenden. Sie hat diese ganze Zeit her aus Gründen geschwiegen, welche ich, der ich ihren Charakter kenne, sehr gut begreife. Jetzt aber ist es, nach dem was geschehen ist, unmöglich, sich noch länger in dieses Schweigen zu ergeben. Sie muß überredet oder nöthigenfalls gezwungen werden, uns zu sagen, worauf sich der Glaube, daß Sie den Diamanten gestohlen haben, stützt. Unsere Hoffnung beruht darauf, daß diese ganze Angelegenheit, ernst wie sie jetzt noch erscheint, in Nichts zerfallen wird, wenn wir nur Rachel’s eingewurzelte Zurückhaltung durchbrechen und sie bewegen können sich auszusprechen.«

»Das ist eine für mich sehr tröstliche Ansicht,« sagte ich, »ich gestehe, ich möchte wissen ——«.

»Sie möchten wissen, wie ich dieselbe begründen kann,« unterbrach mich Herr Bruff »Ich kann Ihnen das in zwei Minuten sagen. Vergegenwärtigen Sie sich zunächst, daß ich diese Angelegenheit von einem advokatischen Standpunkt aus betrachte. Für mich ist es eine Beweisfrage. Nun wohl! Der Beweis aber fällt sofort in einem bedeutenden Punkt zusammen.«

»In welchem Punkt?«

»Das sollen Sie hören. Ich gebe zu, daß das Namenszeichen beweist, daß das Nachthemd das Ihrige ist, ich gebe zu, daß der Farbenfleck beweist, daß das Nachthemd den Fleck an Rachel’s Thür verursacht hat, aber wo ist der Beweis für Sie oder für mich, daß Sie die Person sind, die das Nachthemd getragen hat?«

Dieser Einwand electrisirte mich. Das war mir bis jetzt nie in den Sinn gekommen!

»Was den Brief da betrifft,« fuhr der Advokat fort, indem er Rosanna Spearman’s Bekenntnisse in die Hand nahm, so begreife ich, daß sein Inhalt Sie betrübt. Ich begreife, daß Sie Anstand nehmen, denselben von einem ganz unpartheiischen Standpunkt aus zu analysiren. Aber Ihre Rücksichten sind nicht bindend für mich. Ich darf meine berufsmäßige Erfahrung bei diesem Document so gut zur Anwendung bringen, wie ich es bei jedem andern thun würde. Ohne die Vergangenheit des Mädchens, als einer Diebin, weiter in Betracht zu ziehen, will ich nur darauf aufmerksam machen, daß sie sich nach ihrem eigenen Brief als eine in alle Künste der Täuschung eingeweihte Person ausweist und ich folgere daraus meine Berechtigung zu dem Verdacht, daß sie nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Ich will für jetzt keine Vermuthungen über das aussprechen, was sie gethan oder nicht gethan haben kann. Ich will nur soviel sagen, wenn Rachel’s Verdacht sich nur auf den Beweis des Nachthemd gründet, so ist die Wahrscheinlichkeit neunundneunzig zu eins, daß Rosanna Spearman die Person war, die ihr das Nachthemd gezeigt hat. Dafür spricht in dem Brief das Bekenntniß des Mädchens daß sie eifersüchtig auf Rachel war, daß sie die Rosen vertauschte, daß sie einen Hoffnungsstrahl für sich in der Aussicht auf einen Zwist zwischen Rachel und Ihnen erblickte. Ich halte mich nicht bei der Frage auf, wer den Mondstein genommen hat (Rosanna Spearman würde, um einen bestimmten Zweck damit zu erreichen, fünfzig Mondsteine genommen haben), —— ich sage nur, daß das Verschwinden des Edelsteins dieser gebesserten Diebin, welche in Sie verliebt war, Gelegenheit gab, Sie und Rache! auf immer zu veruneinigen, und —— vergessen Sie nicht, daß sie damals noch nicht entschlossen war sich das Leben zu nehmen, —— ich behaupte fest, daß es ihrer Stellung und ihrem Charakter entsprach, die sich darbietende Gelegenheit zu ergreifen. Was sagen Sie dazu?«

»Ich selbst,« antwortete ich, »konnte mich eines ähnlichen Verdachtes nicht erwehren, sobald ich den Brief eröffnet hatte.«

»Da haben wir’s! Und als Sie den Brief zu Ende gelesen hatten, empfunden Sie Mitleid mit dem armen Geschöpf und konnten es nicht über sich gewinnen, sie zu verdächtigen. Gereicht Ihnen zur Ehre, mein lieber Herr, nur zur Ehre!«

»Aber angenommen, es ergäbe sich, daß ich doch das Nachthemd getragen habe, was dann?«

»Ich vermag nicht einzusehen, wie eine solche Thatsache zu beweisen sein soll,« sagte Herr Bruff, »aber angenommen der Beweis wäre möglich, so würde allerdings die Einbringung Ihrer Unschuld keine leichte Sache sein. Lassen Sie uns darauf jetzt nicht näher eingehen. Lassen Sie uns warten und zusehen, ob Rachel ihren Verdacht gegen Sie lediglich auf den Beweis des Nachthemds gegründet hat.«

»Guter Gott, wie kühl Sie von Rachel’s Verdacht gegen mich reden!« brach ich aus. »Welches Recht hatte sie, auf irgend welchen Beweis hin mich im Verdacht eines Diebstahls zu haben?«

»Eine sehr verständige Frage, mein lieber Freund. Etwas hitzig aufgeworfen, aber nichtsdestoweniger der Erwägung werth. Was Sie intriguirt, intriguirt mich auch. Besinnen Sie sich recht und sagen Sie mir: Ist während Ihres Aufenthalts im Hause irgend etwas vorgekommen, was geeignet gewesen wäre —— nicht, Rachel’s Glauben an Ihre Ehre, davon kann keine Rede sein ——, sondern sagen wir, einerlei mit wie großem Recht, ihren Glauben an Ihre Grundsätze im Allgemeinen zu erschüttern?«

Ich sprang, ganz außer mir vor Aufregung, auf. Die Frage des Advokaten erinnerte mich, zum ersten mal, seit ich England verlassen hatte, daß allerdings etwas der Art vorgekommen war.

In dem achten Capitel von Betteredge’s Erzählung wird man die kurze Erwähnung der Ankunft eines unbekannten Ausländers im Hause meiner Tante finden, welcher mich in Geschäften sprechen wollte. Die fragliche geschäftliche Angelegenheit war folgende:

Ich war thöricht genug gewesen, —— in einem Augenblick, wo ich mich, wie oft, in bedrängten finanziellen Umständen befand, —— ein Darlehn von dem Inhaber einer kleinen Restauration in Paris anzunehmen, dem ich als regelmäßiger Besucher seines Etablissements wohl bekannt war. Ich hatte eine bestimmte Frist für die Rückzahlung des Geldes mit ihm verabredet, und als die Frist abgelaufen war, fand ich es, wie es tausend andere ehrliche Leute in ähnlichen Lagen auch gefunden haben, unmöglich, meiner Verpflichtung nachzukommen Ich schickte dem Mann einen Wechsel. Mein Name war unglücklicherweise nur zu oft auf solchen Documenten gesehen worden: er konnte den Wechsel nicht begeben. Seine Verhältnisse waren, seit ich das Geld von ihm geborgt hatte, in Unordnung gerathen; er war dem Bankrott nahe, und ein Verwandter von ihm, ein französischer Advokat, kam nach England, um mich aufzusuchen und auf die Bezahlung meiner Schuld zu bestehen. Der Mann war sehr leidenschaftlicher Natur und schlug den verkehrten Weg bei mir ein. Es kam zu heftigen Worten auf beiden Seiten, und meine Tante, die mit Rachel unglücklicherweise in einem anstoßenden Zimmer war, wo sie uns hörten, kam herein und bestand darauf, zu erfahren, um was es sich handele. Der Franzose producirte seine Vollmacht und erklärte mich verantwortlich für den Ruin eines armen Mannes, der meiner Ehrenhaftigkeit vertraut habe. Meine Tante bezahlte ihm auf der Stelle das Geld und schickte ihn fort. Sie kannte mich natürlich zu gut, um die Auffassung des Franzosen über die Sache zu theilen. Aber sie war betroffen über meinen Leichtsinn und mit Recht auf mich erzürnt, daß ich mich in eine Lage gebracht habe, welche, wenn sie sich nicht in’s Mittel gelegt hätte, sehr unangenehm für mich hätte werden können. Ob Rachel von ihrer Mutter erfuhr oder selbst hörte, was im Nebenzimmer vorging, weiß ich nicht, aber sie faßte die Sache in ihrer romantisch hochfliegenden Weise auf. Ich war »herzlos«, ich war »unehrenhaft«, ich hatte »keine Grundsätze«, man könne nicht wissen, »was ich noch thun werde« —— kurz, sie sagte mir die stärksten Dinge, die ich jemals von den Lippen eines jungen Mädchens gehört hatte. Der Bruch zwischen uns dauerte den ganzen nächsten Tag. Schon am Abend dieses Tages aber gelang es mir, mich wieder mit ihr auszusöhnen, und ich dachte nicht mehr an die Sache. Hatte Rachel sich dieses unglücklichen Vorfalls in dem kritischen Augenblick erinnert, wo meine Stellung in ihrer Achtung abermals und zwar dieses Mal viel ernsthafter gefährdet war? Herr Bruff beantwortete diese Frage, als ich ihm die Umstände erzählt hatte, sofort bejahend.

»Ohne Zweifel hat ihr das einen tiefen Eindruck gemacht,« sagte er ernst, »und ich wünschte um Ihretwillen, die Sache wäre nicht passirt. Indessen haben wir doch damit die Gewißheit erlangt, daß eine ungünstige Voreingenommenheit gegen Sie vorhanden war und auf jeden Fall haben wir damit eine Ungewißheit aus dem Wege geräumt. Ich sehe nicht, was wir im Augenblick noch mehr thun könnten. Unser nächster Schritt in dieser Untersuchung muß der sein, der uns zu Rachel führt.«

Er erhob sich und fing an, nachdenklich im Zimmer aus und ab zu gehen. Zweimal stand ich auf dem Punkte ihm zu sagen, daß ich entschlossen sei, Rachel selbst zu sprechen, und zweimal zauderte ich mit Rücksicht auf sein Alter und seinen Charakter, ihn in einem ungünstigen Augenblick zu überraschen.

»Die große Schwierigkeit,« fing er wieder an, »besteht darin, Rachel dahin zu bringen, sich in dieser Angelegenheit rückhaltlos auszusprechen. Wissen Sie etwas vorzuschlagen?«

»Ich bin zu dem Entschluß gekommen, selbst mit Rachel zu reden, Herr Bruff.«

»Sie?« Er stand plötzlich still und sah mich an, als fürchte er, ich sei verrückt geworden. »Von allen Menschen in der Welt wären Sie ——« hier hielt er plötzlich inne und fing wieder an, im Zimmer und ab zu gehen. »Doch halt,« sagte er, »in so außerordentlichen Fällen sind rasche Entschlüsse oft die besten.« Er betrachtete die Sache einen Augenblick unter diesem neuen Gesichtspunkt und entschied sich dann kühn für meinen Vorschlag. »Wer wagt, gewinnt,« fing der alte Herr wieder an. »Zu Ihren Gunsten spricht etwas, dessen ich mich nicht rühmen kann —— und so mögen Sie den Versuch wagen.«

»Etwas zu meinen Gunsten?« wiederholte ich höchst überrascht.

Zum ersten Male zeigte sich ein Lächeln auf Herrn Bruff’s Antlitz.

»Die Sache steht so,« sagte er, »ich gestehe Ihnen offen, ich habe kein großes Vertrauen weder zu Ihrer Discretion, noch zu Ihrem Temperament. Aber ich rechne darauf, daß, Rachel in einem verborgenen Winkel ihres Herzens noch eine unvertilgbare Neigung für Sie bewahrt. Verstehen Sie es, diese Seite anzuschlagen und Sie sind sicher, weiblichen Lippen die umfassendsten Bekenntnisse zu entlocken. Es fragt sich nur, wie wollen Sie zu einer Besprechung mit ihr gelangen?«

»Sie ist längere Zeit Ihr Gast gewesen,« antwortete ich, »darf ich den Vorschlag machen, daß ich sie —— vorausgesetzt, daß sie vorher nichts von mir erfährt —— hier treffe?«

»Ein kühner Vorschlag.« Mit diesem einzigen Ausruf auf meine Erwiderung setzte er seine Wanderung durchs Zimmer fort.

»Mit andern Worten,« sagte er, »ich soll mein Haus zu einer Falle für Rachel hergeben und als Köder soll eine Einladung meiner Frau und meiner Töchter dienen. Wenn Sie nicht Franklin Blake wären und wenn diese Angelegenheit nicht eine so sehr ernste wäre, so würde ich Ihnen Ihre Bitte rund abschlagen. Wie die Sachen aber stehen, so glaube ich fest, daß Rachel es mir ihr Leben lang danken wird, wenn ich in meinen alten Tagen zum Verräther an ihr werde. Betrachten Sie mich als Ihren Complicen wir wollen Rachel einladen, einen Tag bei uns zuzubringen, und Sie sollen rechtzeitig davon in Kenntniß gesetzt werden!«

»Wann! morgen?«

»Bis morgen würden wir ihre Antwort nicht haben können, sagen wir übermorgen.«

»Wie, wollen Sie mich es wissen lassen?«

»Bleiben Sie den ganzen Vormittag zu Hause und erwarten Sie meinen Besuch.«

Ich dankte ihm von ganzem Herzen für den unschätzbaren Beistand, den er mir zu leisten bereit war und kehrte, indem ich seine gastliche Aufforderung, bei ihm zu übernachten, ablehnte, nach meiner Wohnung in London zurück.

Von dem folgenden Tage habe ich weiter nichts zu sagen, als daß es der längste meines Lebens war. So unschuldig ich mich fühlte, so gewiß ich war, daß der abscheuliche Verdacht, der auf mir ruhte, sich früher oder später aufklären müsse, war mein Gemüth doch in einer Weise belastet, die mich instinctiv abgeneigt machte, meine Freunde zu sehen. Wir hören oft (freilich meist von oberflächlichen Beobachtern) sagen, daß Schuld wie Unschuld aussehen kann, ich halte es für einen unendlich viel wahreren Satz, daß Unschuld wie Schuld ansehen kann. Ich ließ mich den ganzen Tag über vor allen Besuchern verleugnen und wagte mich erst nach Dunkelwerden auf die Straße.

Am nächsten Morgen überraschte mich Herr Bruff beim Frühstück. Er überreichte mir einen großen Schlüssel und erklärte, daß er sich zum ersten Mal in seinem Leben vor sich selbst schäme.

»Komm sie?«

»Sie kommt heute zum zweiten Frühstück und bleibt den Nachmittag bei uns.«

»Sind Ihre Damen eingeweiht?«

»Das wäre nicht zu vermeiden. Und Frauen haben, wie Sie wissen werden, keine Grundsätze meine Frauenzimmer fühlen nicht die Spur von der Gewissensangst, die mich bedrängt. Da es sich um den Zweck handelt, Sie und Rachel wieder zusammen zu bringen, setzen sich meine Frau und meine Töchter über die Mittel, diesen Zweck zu erreichen, mit einer Leichtigkeit hinweg, als ob sie Jesuiten wären.«

»Ich bin ihnen unendlich dankbar! Wozu ist dieser Schlüssel?«

»Es ist der Schlüssel zur Pforte meines Hintergartens. Stellen Sie sich heute Nachmittag um 3 Uhr ein. Gehen Sie durch den Garten und treten Sie durch die Treibhausthür in’s Haus. Gehen Sie durch das kleine Wohnzimmer und öffnen Sie die dem Eingang gegenüber befindliche Thüre, welche in das Musikzimmer führt. Da werden Sie Rachel allein finden«

»Wie soll ich Ihnen danken!«

»Das will ich Ihnen sagen: Indem Sie mich nicht für das verantwortlich machen, was daraus entstehen kann.«

Mit diesen Worten verließ er mich. Viele lange Stunden lagen noch vor mir. Um mir die Zeit zu vertreiben, sah ich die für mich eingetroffenen Briefe durch. Unter ihnen befand sich einer von Betteredge. Ich öffnete denselben hastig. Zu meiner Ueberraschung und Enttäuschung fing derselbe mit der entschuldigenden Ankündigung, daß er keine Nachrichten von Wichtigkeit enthalten werde, an. Im nächsten Satz erschien wieder der ewige Ezra Jennings! Er hatte Betteredge beim Verlassen der Station angehalten und ihn gefragt, wer ich sei. Darüber unterrichtet, hatte er seinem Prinzipal, Herrn Candy, erzählt, daß er mich gesehen habe. Auf diese Mittheilung war Herr Candy selbst zu Betteredge hinübergefahren, um sein Bedauern darüber auszudrücken, daß wir uns verfehlt hätten. Er habe aus einem besonderen Grunde gewünscht, mich zu sprechen und bat, ich möge das nächste Mal, wo ich in die Nähe von Frizinghall käme, es ihn wissen lassen. Abgesehen von ein Paar charakteristischen Aeußerungen der Betteredge’schen Philosophie, war die vorstehende Mittheilung die Quintessenz des Briefes. Der gutherzige, treue Alte gestand, daß er hauptsächlich nur um des Vergnügens willen, das ihm das Schreiben an mich gewähre, geschrieben habe.

ich steckte den Brief zerknittert in die Tasche und vergaß ihn im nächsten Augenblick über meiner Alles absorbierenden Spannung auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Rachel. In dem Moment, wo die Uhr an der Kirche von Hampstead Drei schlug, steckte ich Herrn Bruff’s Schlüssel in das Schlüsselloch der Gartenpforte. Als ich den ersten Schritt in den Garten that und die Thür an der inneren Seite wieder verschloß, überkam mich, wie ich bekennen muß, ein gewisses Gefühl von schuldbewußter Unsicherheit, in Betreff dessen, was mir die nächste Stunde bringen werde. Ich ließ meine Blicke verstohlen nach rechts und links hinschweifen, in der Furcht irgendwo in einem unbekannten Winkel des Gartens einen unerwarteten Zeugen zu erblicken. Es zeigte sich nichts, was meine Besorgniß gerechtfertigt hätte. Die Gänge des Gartens standen leer und die Vögel und Bienen waren meine einzigen Zeugen.

Ich durchschritt den Garten, trat in das Treibhaus und ging durch das kleine Wohnzimmer. Als ich meine Hand auf den Drücker der gegenüberliegenden Thür legte, tönten mir ein Paar auf dem Clavier angeschlagene klagende Töne aus dem Musikzimmer entgegen. Oft hatte sie in dieser Weise aus dem Instrument phantasirt, als ich zum Besuch im Hause ihrer Mutter war. Ich mußte einen Augenblick warten, um mich zu fassen. Vergangenheit und Gegenwart traten mir in diesem entscheidenden Augenblick mit einem Schlage vor die Seele und drängten mir das Bewußtsein eines ungeheuren Contrastes auf.

Nach Verlauf einiger Minuten ermannte ich mich und öffnete die Thür.


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