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Der Mondstein



Siebentes Capitel.

In dem Augenblick, wo ich in der Thür erschien, stand Rachel vom Clavier auf. Ich schloß die Thür hinter mir. Wir standen uns an den beiden entgegengesetzten Seiten des Zimmers schweigend gegenüber. Mein Anblick schien wie erstarrend auf sie zu wirken. Mich überkam die Besorgniß daß ich zu plötzlich erschienen sei. Ich trat einige Schritte ihr entgegen und sagte in sanftem Tone: »Rachel!«

Der Ton meiner Stimme schien ihre Glieder wieder zu beleben und ihre Wangen wieder zu färben. Sie trat ihrerseits vor, noch ohne zu reden. Langsam, als ob sie unter einem von ihrem Willen unabhängigen Einfluß handle, trat sie näher und näher auf mich zu mit tief gerötheten Wangen, und mit Blicken aus denen jeden Augenblick das Licht des wieder erwachten geistigen Bewußtseins aufleuchtete. Ich vergaß den Zweck, der mich zu ihr geführt hatte; ich vergaß den niedrigen Verdacht, der auf meinem guten Namen ruhte, —— ich vergaß jede auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bezügliche Erwägung, der ich hätte eingedenk sein sollen. Ich sah nichts, als daß das Weib, das ich liebte, näher und näher auf mich zukam. Sie zitterte und stand unentschlossen da.

Ich konnte nicht länger widerstehen, —— ich umschlang sie mit meinen Armen und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.

Einen Augenblick glaubte ich, sie erwiedere meine Küsse, einen Augenblick schien es mir, auch sie habe Alles vergessen. Aber noch ehe ich diesen Gedanken recht zu fassen vermochte, ließ mich ihre erste bewußte Handlung fühlen, daß sie sich des Vergangenen noch erinnere. Mit einem Schrei, der wie ein Schrei des Entsetzens klang, mit einer Kraft, der ich schwerlich Widerstand zu leisten im Stande gewesen wäre, auch wenn ich es versucht hätte —— stieß sie mich von sich. Aus ihren Augen leuchtete erbarmungsloser Zorn; erbarmungslose Verachtung schwebte auf ihren Lippen. Sie musterte mich mit ihren Blicken vom Kopfe bis zu den Füßen, wie sie einen Fremden gemustert haben würde, der sie insultirt hätte.

»Du Feigling!« rief sie aus, »Du gemeiner, elender, herzloser Feigling!«

Das waren die ersten Worte. Der unerträglichste Vorwurf, den ein Weib einem Manne machen kann, war es, den sie mir entgegenschleuderte.

»Ich erinnere mich der Zeit, Rachel,« sagte ich, »wo Du mir in würdigeren Worten gesagt haben würdest, daß ich Dich beleidigt habe. Ich bitte Dich um Verzeihung.«

Der Ton meiner Stimme mochte etwas von der Bitterkeit, die ich empfand, verrathen haben. Bei den ersten Worten meiner Erwiederung blickten ihre Augen, die sich noch eben von mir abgewandt hatten, unwillkürlich wieder zu mir hin. Sie antwortete in leisem Ton mit dem Ausdruck einer matten Ergebung ihres ganzen Wesens, der mir an ihr ganz neu war:

»Vielleicht giebt es eine Entschuldigung für mich. Nach dem, was Du gethan hast, kommt es mir wie eine gemeine Handlung von Dir vor, daß Du Dich so bei mir einschleichst, wie eine gemeine Handlung daß Du versuchst, meine alte Neigung für Dich auch jetzt noch anzudeuten, mich durch Ueberrumpelung zu verleiten, Dich zu küssen. Aber das ist nur eine weibliche Auffassung. Ich hätte wissen sollen, daß Du die Sache anders, ansehen mußt. Ich hätte besser gethan, mich zu beherrschen und nichts zu sagen.«

Die Entschuldigung war mir noch unerträglicher als die Insulte. Ein noch so tief gesunkener Mensch hätte sich dadurch gedemüthigt fühlen müssen.

»Wenn meine Ehre nicht in Deinen Händen läge,« sagte ich, »so würde ich Dich in diesem Augenblick verlassen, um Dich nie wiederzusehen. Du hast von Dem gesprochen, was ich gethan habe. Was habe ich gethan?«

»Was Du gethan hast! Das fragst Du mich?«

»Das frage ich!«

»Ich, habe Deine Schande geheim gehalten,« antwortete sie, »und habe die Folgen dieser Geheimhaltung getragen. Kann ich nicht verlangen, mit der insultirenden Frage, was Du gethan hast, von Dir verschont zu werden? Ist jedes Gefühl der Dankbarkeit in Dir erstorben? Einst warst Du meiner Mutter theuer und mir noch theurer ——«

Ihre Stimme versagte ihr; sie sank in einen Sessel, wandte ihr Gesicht von mir ab und bedeckte es mit ihren Händen.

Ich wartete einige Augenblicke, bevor ich es wagte wieder das Wort zu ergreifen. Ich wüßte nicht zu sagen, was ich in diesen Augenblicken des Schweigens schmerzlicher empfand —— den Stich ins Herz, den ihre Verachtung mir versetzt hatte, oder die stolze Zurückweisung jedes Antheils an ihrem Kummer.

»Wenn Du nicht zuerst reden willst,« sagte ich, »so muß ich es thun. Ich bin hergekommen, um Dir ein ernstes Wort zu sagen. Willst Du mir die einfache Gerechtigkeit widerfahren lassen, zuzuhören, während ich rede?«

Sie gab keine Antwort und regte sich nicht. Ich versuchte es nicht zum zweiten Mal mit einem Appell an ihre Gefühle. Ich trat ihrem Sessel um keinen Zoll näher. Mit einem Stolz, der nicht weniger eigensinnig war als der ihrige, erzählte ich ihr meine Entdeckung am Zitterstrand und Alles was zu derselben geführt hatte. Die Erzählung nahm natürlich einige Zeit in Anspruch, aber während dieser ganzen Zeit blickte sie nicht zu mir auf, sprach sie keine Silbe.

Ich beherrschte mich. Meine ganze Zukunft hing aller Wahrscheinlichkeit nach davon ab, daß ich in diesem Augenblick nicht die Herrschaft über mich verlor. Der Moment war gekommen, Herrn Bruff’s Theorie auf die Probe zu stellen. In der furchtbaren Aufregung, in die mich dieses Unternehmen versetzte, trat ich dicht vor sie hin.

»Ich habe Dir eine Frage zu thun,« sagte ich, »die mich zwingt, wieder auf einen peinlichen Gegenstand zurückzukommen. Hat Rosanna Spearman Dir das Nachthemd gezeigt? Ja oder nein?«

Sie sprang auf und trat gerade auf mich zu. Ihre Augen blickten mir forschend in’s Gesicht, als ob sie etwas darin lesen wollten, was sie noch nie darin gesehen hätten.

»Bist Du verrückt?« fragte sie.

Ich nahm mich noch immer zusammen und sagte ruhig: »Rachel, willst Du mir meine Frage nicht beantworten?«

Ohne die geringste Notiz von meiner Frage zu nehmen, fuhr sie fort:

»Hast Du einen mir unbekannten Zweck im Auge, eine niedrige Furcht vor der Zukunft? Man sagt, der Tod Deines Vaters habe Dich zum reichen Mann gemacht. Bist Du hergekommen mich für den Verlust meines Diamanten zu entschädigen? Und hast Du noch das Herz, Dich dieses Zweckes zu schämen? Ist das das Geheimniß Deiner vorgeblichen Unschuld und Deiner Geschichte von Rosanna Spearman? Steckt hinter all’ Deiner Falschheit dieses Mal ein Rest von Scham?«

Hier fiel ich ihr in’s Wort. Meine Selbstbeherrschung hatte ihr Ende erreicht.

»Du hast mir schmähliches Unrecht gethan,« brach ich leidenschaftlich aus, »Du hast mich in Verdacht Deinen Diamanten gestohlen zu haben. Ich habe ein Recht, nach dem Grunde Deines Verdachts zu fragen, und ich will ihn wissen!«

»Im Verdacht?« rief sie in wachsendem Zorn aus.

»Nichtswürdiger, ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Du den Diamanten genommen hast!«

Die Enthüllung, welche mich in diesen Worten traf, welche die ganze Auffassung des Falles, auf die Herr Bruff seine Hoffnungen gebaut hatte, über den Hausen warfen, schlug mich hilflos zu Boden. unschuldig wie ich war, blieb ich schweigend vor ihr stehen. In ihren Augen, in Jedermanns Augen mußte ich wie ein Mensch aussehen, der durch die Entdeckung seiner eigenen Schuld überwältigt ist.

Sie wandte dem Schauspiel meiner Demüthigung und ihres Triumphs den Rücken. Mein plötzliches Verstummen schien sie zu erschrecken. »Ich habe Dich damals geschont,« sagte sie, »und ich hätte Dich jetzt geschont, wenn Du mich nicht zum Reden gezwungen hättest.« Sie entfernte sich von mir, als wolle sie das Zimmer verlassen, aber bevor sie die Thür erreichte stand sie wieder still und fragte: »Warum bist Du hergekommen, Dich selbst zu demüthigen, mich zu demüthigen?« Dann ging sie wieder einige Schritte weiter und stand abermals still. »Um Gottes willen, sage etwas!« rief sie leidenschaftlich aus. »Wenn Du noch einen Funken Erbarmen für mich hast, laß mich nicht weiter erniedrigen! Sage etwas, das mich zum Zimmer hinaus treibt!«

Ich trat, meiner Sinne kaum mehr mächtig, auf sie zu. Vielleicht hatte ich den unklaren Gedanken, sie zurückzuhalten, bis sie noch mehr gesagt haben würde. Von dem Augenblick an, wo ich wußte, daß der Beweis, auf den sich Rachel’s Berurtheilung meiner stützte der Augenschein war, stand mir nichts mehr, selbst nicht die Ueberzeugung von meiner eigenen Unschuld fest. Ich ergriff ihre Hand und versuchte es, bestimmt und zur Sache zu reden, aber Alles, was ich herausbringen konnte, war: »Rachel, Du hast mich einst geliebt.«

Sie schauderte und wandte ihre Blicke von mir weg. Ihre Hand lag kraftlos und zitternd in der Meinigen.

»Laß mich los!« sagte sie matt.

Die Berührung meiner Hand schien ebenso auf sie gewirkt zu haben, wie der Ton meiner Stimme, als ich zuerst in’s Zimmer getreten war. Sie hatte mich einen Feigling genannt, sie hatte ausgesprochen, was mich als einen Dieb brandmarkte, —— und doch, so lange ihre Hand noch in der meinigen lag, beherrschte ich sie!

Ich zog sie sanft nach der Mitte des Zimmers zurück. Ich ließ sie neben mir nieder sitzen.

»Rachel,« sagte ich, »ich kann den Widerspruch, der in dem liegt, was ich Dir sagen will, nicht erklären. Ich kann nur die Wahrheit sagen, wie Du sie gesagt hast. Du hast mich mit Deinen eigenen Augen gesehen, Du hast gesehen, wie ich den Diamanten genommen habe. Bei den Allmächtigen, der uns hört, erkläre ich, daß ich bis zu diesem Augenblick keine Ahnung davon gehabt habe, daß ich es gewesen bin, der den Diamanten genommen hat! Zweifelst Du noch an der Wahrheit meiner Worte?«

Was ich that und sagte, ging unbemerkt an ihr vorüber.

»Laß meine Hand los!« wiederholte sie schwach.

Das war ihre einzige Antwort. Ihr Kopf sank auf meine Schulter und ihre Hand drückte unbewußt die meinige in demselben Augenblick wo sie mich bat, sie loszulassen.

Ich unterließ es, mit meiner Frage in sie zu dringen. Aber damit hatte auch meine Geduld ihr Ende erreicht. Die Möglichkeit, je wieder unter rechtschaffenen Männern meinen Kopf hochhalten zu können, hing davon ab, daß ich Rachel vermochte, ihre Enthüllung vollständig zu machen. Die einzige mir noch übrige Hoffnung bestand darin, daß sie in ihrer Beweiskette etwas übersehen haben könnte —— vielleicht eine Kleinigkeit, die sich nichtsdestoweniger bei sorgfältiger Nachforschung als das Mittel ergeben könnte, schließlich doch meine Unschuld darzuthun. Ich ließ ihre Hand in der Meinigen. Ich sprach zu ihr mit aller Macht der Beredsamkeit, welche mir die Erinnerung an ihr Vertrauen und ihre Sympathie in vergangenen Tagen verlieh.

»Ich möchte Dich um etwas bitten,« sagte ich. »Erzähle mir jeden Umstand, der sich von dem Augenblick an, wo wir uns gute Nacht wünschten, bis zu jenem ereignete, wo Du mich den Diamanten nehmen sahst.«

Sie erhob ihr Haupt von meiner Schulter und versuchte es, ihre Hand loszumachen »O! warum Das wiederholen,« sagte sie, »warum Das wiederholen!«

»Das will ich Dir sagen, Rachel, Du und ich, wir sind Beide die Opfer einer ungeheuerlichen Vorspiegelung, die sich in die Maske der Wahrheit zu kleiden gewußt hat. Wenn wir uns zusammen wieder in’s Gedächtniß rufen, was an dem Abende Deines Geburtstages geschah, so können wir uns doch vielleicht noch verständigen.«

Ihr Haupt sank auf meine Schulter. Thränen rollten ihr langsam über die Wangen herab. »O!« sagte sie, »habe ich denn nicht auch einmal diese Hoffnung genährt? Habe ich denn nicht versucht, die Sache so anzusehen, wie Du es jetzt versuchst?«

»Du hast es allein versucht,« antwortete ich, »Du hast es noch nicht mit mir zusammen versucht.«

Diese Worte schienen etwas von der Hoffnung in ihr zu erwecken, die ich selbst empfand, indem ich sie aussprach. Sie beantwortete meine Fragen nicht nur willig, sie strengte ihren Verstand an, sie öffnete mir bereitwillig ihr ganzes Gemüth.

»Laß uns,« sagte ich. »Mit Dem anfangen, was zuerst geschah, nachdem wir einander gute Nacht gewünscht hatten. Gingst Du zu Bett oder bliebst Du noch auf?«

»Ich ging zu Bett«

»Erinnerst Du Dich der Zeit? war es spät?«

»Nicht sehr. Ungefähr Mitternacht, glaube ich.

»Schliefst Du sofort ein?«

»Nein, ich konnte in jener Nacht gar nicht schlafen.

»Warst Du unruhig?«

»Ich dachte an Dich.«

Die Antwort brachte mich fast um meine Fassung. Etwas in ihrem Ton, noch mehr als in ihren Worten, traf mich in’s tiefste Herz. Erst nach einer kleinen Pause konnte ich fortfahren.

»Hattest Du Licht in Deinem Zimmer» fragte ich.

»Nein, nicht eher, bis ich wieder aufstand und mir ein Licht anzündete.«

Wie lange war das, nachdem Du zu Bett gegangen warst?«

»Ungefähr eine Stunde, vielleicht um 1 Uhr.«

»Verließest Du Dein Schlafzimmer?

»Ich war im Begriff, es zu verlassen. Ich hatte meinen Schlafrock angezogen und wollte in mein Wohnzimmer gehen, um mir ein Buch zu holen.«

»Hattest Du Deine Schlafstubenthür geöffnet?

»Ich hatte sie eben geöffnet.«

»Aber Du warst noch nicht in’s Wohnzimmer gegangen?«

»Nein. Ich wurde in dem Augenblick, wo ich hineingehen wollte, zurückgehalten.«

»Was hielt Dich zurück?«

»Ich sah ein Licht durch die Spalte der äußeren Thür schimmern und hörte Fußtritt, die sich derselben näherten.

»Erschrakst Du?«

»Da noch nicht. Ich wußte, daß meine arme Mutter schlecht zu schlafen pflegte und ich erinnerte mich, daß sie mich am Abend zuvor sehr gern hatte überreden wollen, ihr die Aufbewahrung des Diamanten zu überlassen Sie war, wie mir schien, übertrieben ängstlich in Betreff desselben, und ich dachte, sie käme zu sehen, ob ich zu Bette sei, um wieder über den Diamanten mit mir zu reden, wenn sie mich wach fände.«

»Was thatest Du?«

»Ich blies mein Licht aus, um sie glauben zu machen, ich schlafe. Ich war eigensinnig, ich war entschlossen, meinen Diamanten aufzubewahren, wie es mir gut dünkte.«

»Gingst Du, nachdem Du Dein Licht ausgelöscht hattest, wieder zu Bett?«

»Ich hatte keine Zeit dazu. In dem Augenblick, wo ich das Licht auslöschte, öffnete sich die Thür des Wohnzimmers und ich sah ——«

»Du sahst?«

»Dich!«

»Gekleidet wie gewöhnlich?«

»Nein«

»In meinem Nachthemd?«

»In Deinem Nachthemd mit Deinem Bettleuchter in Deiner Hand.«

»Allein?«

»Allein.«

»Konntest Du mein Gesicht sehen?«

»Ja.«

»Deutlich?«

»Ganz deutlich. Das Licht in Deiner Hand beleuchtete es.«

»Waren meine Augen geöffnet?«

»Ja.«

»Bemerktest Du irgend etwas Auffallendes an ihnen? Etwas wie ein Starren in’s Leere?«

»Nichts derart. Deine Augen glänzten, glänzten mehr als gewöhnlich. Du sahst Dich im Zimmer um, als ob Du wußtest, daß Du an einem verbotenen Ort seist und als ob Du fürchtetest, entdeckt zu werden.«

»Beachtetest Du bei meinem Eintritt in’s Zimmer die Art meines Ganges?«

»Du gingst wie gewöhnlich. Du gingst bis in die Mitte des Zimmers und dann standest Du still und sahest Dich um.«

»Was thatest Du, als Du mich zuerst sahst?«

»Ich konnte nichts thun; ich war wie versteinert, ich konnte nicht reden; ich konnte nicht rufen; ich konnte mich nicht rühren, um meine Thür zu schließen.«

»Konnte ich Dich sehn, wo Du standst?«

»Du hättest mich gewiß sehen können, aber Du blicktest nie in der Richtung nach mir hin. Wozu diese Frage? Ich bin gewiß, daß Du mich nicht gesehen hast.«

»Wieso bist Du gewiß?«

»Würdest Du den Diamanten genommen haben? würdest Du nachher gehandelt haben, wie Du es gethan hast? würdest Du jetzt hier sein, wenn Du gesehen hättest daß ich wachte und Dich ansah? Laß mich nicht davon reden! Ich möchte Dir ruhig antworten. Hilf mir, so gelassen wie möglich zu bleiben. Komm zu etwas Anderem.«

Sie hatte Recht, in jeder Weise Recht. Ich ging zu andern Fragen über.

»Was that ich, nachdem ich bis in die Mitte des Zimmers gelangt und dort stehen geblieben war?«

»Du wandest Dich seitwärts und gingst gerade auf die Ecke neben dem Fenster los, wo mein indisches Schränkchen steht.«

»Als ich vor dem Schränkchen stand, muß ich Dir den Rücken zugekehrt haben. Wie konntest Du sehen, was ich that?« »Ich änderte gleichzeitig mit Dir meine »Stellung.«

So daß Du sehen konntest, was meine Hände thaten?«

»In meinem Wohnzimmer sind drei Spiegel. Als Du da standest, konnte ich in einem derselben Alles beobachten, was Du thatest.«

»Und was sahst Du?«

Du setztest Dein Licht auf das Schränkchen Du öffnetest und schlossest eine Schublade nach der andern bis Du an die kamst, in die ich meinen Diamanten gelegt hatte. Du sahst einen Augenblick in die offene Schublade und dann griffst Du mit der Hand hinein und nahmst den Diamanten heraus.«

»Woher weißt Du, daß ich den Diamanten herausnahm?«

»Ich sah Deine Hand in die Schublade greifen und sah den Glanz des Steins zwischen Deinem Zeigefinger und Deinem Daumen, als Du die Hand herausnahmst.«

»Näherte sich meine Hand der Schublade wieder, um sie zu schließen?«

»Nein. Du hieltest den Diamanten mit Deiner rechten Hand und ergriffst das Licht auf dem Schränkchen mit Deiner linken.«

»Sah ich mich danach noch wieder um?«

»Nein.«

»Verließ ich das Zimmer sofort?«

»Nein. Du standest ganz still, lange Zeit, wie mir schien. Ich konnte Dein Gesicht von der Seite im Spiegel sehen. Du sahst aus wie ein Mensch, der nachdenkt und mit seinen eigenen Gedanken unzufrieden ist.«

»Was geschah dann?«

»Du ermanntest Dich plötzlich und gingst ohne Weiteres zum Zimmer hinaus.«

»Schloß ich die Thür hinter mir?«

»Nein, Du tratest rasch auf den Vorplatz hinaus und ließest die Thür offen.«

»Und dann?«

»Dann verschwand Dein Licht, verklangen Deine Tritte und ich blieb allein im Dunkeln.«

»Ereignete sich nichts von diesem Augenblick bis zu jenem, wo das ganze Haus erfuhr, daß der Diamant verloren sei?«

»Nichts.«

»Bist Du dessen gewiß? Könntest Du nicht einen Theil der Zeit geschlafen haben?«

»Ich habe nicht wieder geschlafen, ich ging nicht wieder ins Bett. Es geschah nichts, bis Penelope zu der gewohnten Stunde Morgens zu mir hineinkam.«

Ich ließ ihre Hand los, stand auf und ging im Zimmer auf und nieder. Jede von mir gestellte Frage hatte sie beantwortet. Jede Einzelheit, die ich zu wissen wünschen konnte, hatte sie mir mitgetheilt Ich hatte sogar wieder auf die Möglichkeit, daß ich damals im Schlafe gewandelt habe oder berauscht gewesen sei, angespielt und abermals war die Unhaltbarkeit bei der Annahme, und zwar dieses Mal durch die Aussage eines Augenzeugen, erwiesen. Was sollte ich jetzt sagen, was sollte ich thun?

Aus dem undurchdringlichen Dunkel, das sonst Alles umhüllte, starrte mir als das einzig Faßbare die fürchterliche Thatsache des Diebstahls entgegen. Kein Lichtstrahl hatte dieses Dunkel für mich erhellt, als ich am Zitterstrand in den Besitz von Rosanna Spearmans Geheimniß gelangt war, und kein Lichtstrahl erhellte es jetzt, nachdem ich an Rachel selbst appellirt und die grausige Erzählung des Vorganges in jener Nacht aus ihrem eigenen Munde vernommen hatte.

Dieses Mal war sie es, die das Schweigen zuerst brach.

»Nun,« sagte sie, »Du hast gefragt und ich habe geantwortet. Du hast durch Deine Hoffnung, daß sich aus allem Diesem ein Aufschluß ergeben möchte, auch in mir Hoffnungen erregt. Was hast Du jetzt zu sagen?«

Der Ton, in dem sie diese Worte sprach, mahnte mich, daß ich meine Gewalt über sie wieder verloren habe.

»Wir wollten uns,« fuhr sie fort, »die Vorgänge der auf meinen Geburtstag folgenden Nacht in der Hoffnung Vergegenwärtigen, dadurch zu einer Verständigung zu gelangen. Ist uns das gelungen?«

Sie schwieg wieder und wartete erbarmungslos aus meine Antwort. Diese Antwort war ein verhängnisvoller Fehler. Die verzweifelte Hilflosigkeit meiner Lage gewann die Oberhand über meine Selbstbeherrschung.

unbesonnener Weise warf ich ihr vor, daß sie mich bis zu diesem Augenblick über die Wahrheit völlig im Dunkeln gelassen habe.

»Wenn Du geredet hättest, wie Du es hättest müssen,« fing ich an, »wenn Du, wie die einfache Gerechtigkeit es gebietet, Dich erklärt hättest ——«

Sie unterbrach mich mit einem Wuthschrei. Die wenigen Worte, die ich gesprochen hatte, schienen sie in eine Raserei der Leidenschaft versetzt zu haben.

»Mich erklären?« wiederholte sie, »das konntest nur Du sagen. Ich schone Dich mit brechendem Herzen, ich schütze Dich, wo mein Ruf auf dem Spiele steht, und Du, von allen Menschen auf der Welt der letzte, der ein Recht dazu hätte, wirfst mir jetzt vor, ich hätte mich früher erklären sollen. Ich habe an Dich geglaubt, ich habe Dich geliebt, ich habe den Tag über an Dich gedacht und Nächte hindurch von Dir geträumt —— und Du wunderst Dich, daß ich Dir nicht das erste Mal, wo wir uns wiedersahen, Deine Schande vorhielt und Dir sagte: »Mein Engel, Du bist ein Dieb!« Ich hätte Dir sagen sollen: »Mein Held, den ich liebe und ehre. Du hast Dich nächtlicher Weile in mein Zimmer geschlichen und hast mir meinen Diamanten gestohlen!« Du Henker, Du nichtswürdiger, gemeiner Schuft, ich hätte lieber fünfzig Diamanten verlieren mögen, als es erleben müssen, daß Du mir so schamlos in’s Gesicht lügst!«

Ich nahm meinen Hut in die Hand, ging, in Wahrheit nur aus Schonung für sie, ohne ein Wort zu sagen auf die Thür zu, durch welche ich eingetreten war, und öffnete sie. Sie folgte mir, riß mir den Griff der Thür aus der Hand, schloß dieselbe wieder und wies auf den Platz hin, den ich eben verlassen hatte.

»Nein!« sagte sie, »noch nicht! Es scheint, daß ich Dir eine Rechtfertigung meines Benehmens schuldig bin. Du mußt bleiben und sie hören, wenn Du nicht das Maß Deiner Schmach voll machen und Dir den Ausweg erzwingen willst.«

Es zerriß mir das Herz, sie zu sehen. Ich gab durch ein Zeichen zu erkennen, daß ich mich ihrem Willen unterwerfen wolle.

Die glühende Zornesröthe wich wieder von ihrem Antlitz, als ich umkehrte und mich schweigend niedersetzte. Sie wartete eine kleine Weile, um sich zu fassen. Als sie wieder zu reden anfing, verriethen sich ihre Empfindungen in ihrem Aeußern nur dadurch, daß sie sprach ohne mich anzusehen, ihre Augen fest auf den Boden heftete und ihre Hände krampfhaft zusammengeballt auf dem Schoße hielt. »Ich hätte Dir die einfache Gerechtigkeit widerfahren lassen sollen, mich zu erklären,« sagte sie, meine eigenen Worte wiederholend. »Du sollst sehen, ob ich es versucht habe, Dir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, oder nicht. Ich habe Dir vorhin schon gesagt, daß ich, nachdem Du in jener Nacht mein Wohnzimmer verlassen hattest, nicht wieder zu Bette ging, und keinen Schlaf mehr fand. Es ist unnöthig, Dich mit dem zu behelligen, was zunächst meine Gedanken beschäftigte —— Du würdest es nicht verstehen —— ich will Dich nur von dem unterhalten, was ich that, nachdem ich mich so weit wieder erholt hatte, daß ich überhaupt etwas zu thun im Stande war. Ich konnte mich nicht entschließen, das Haus zu alarmiren und Jedermann mitzutheilen, was geschehen war, wie ich es hätte thun sollen. Trotzdem was meine Augen gesehen hatten, liebte ich Dich so sehr, daß ich lieber an Gott weiß welche Unmöglichkeit glauben als mir selbst zugestehen wollte, daß Du mit Bewußtsein einen Diebstahl begangen habest. Ich sann und sann und gelangte endlich zu dem Entschluß, Dir zu schreiben.«

»Ich habe niemals einen Brief von Dir erhalten.«

»Ich weiß, daß Du ihn niemals erhalten hast. Gedulde Dich ein wenig und Du wirst hören, warum. Mein Brief würde Dir nichts unumwunden gesagt, er würde Dich nicht ruinirt haben, wenn er einem Dritten in die Hände gefallen wäre; er würde Dir nur in einer Weise die Du unmöglich hättest mißdeuten können, zu verstehen gegeben haben, daß es mir bekannt sei, daß Du Schulden habest und daß Du in Betreff der Mittel, Dir Geld zu verschaffen, weder sehr heikel noch sehr gewissenhaft seist. Du würdest Dich dabei des Besuchs des französischen Advokaten erinnert und gewußt haben, worauf ich anspiele. Wenn Du dann weiter gelesen hättest, würdest Du gefunden haben, daß ich Dir das Anerbieten einer so großen Summe Geldes mache, wie ich sie mir verschaffen könnte, ohne daß von diesem Anerbieten je zwischen uns die Rede sein sollte. Und ich würde mir die Summe zu verschaffen gewußt haben!« rief sie, mit gerötheten Wangen wieder zu mir aufblickend. »Ich würde den Diamanten selbst verpfändet haben, wenn ich mir das Geld nicht anders hätte verschaffen können. In diesem Sinne schrieb ich Dir. Ja, ich that noch mehr als das. Ich verabredete mit Penelope, daß sie Dir den Brief übergeben solle, wenn Niemand in der Nähe sei. Ich nahm mir vor, mich in meinem Schlafzimmer einzuschließen und mein Wohnzimmer den ganzen Vormittag leer und offen zu lassen und hoffte, hoffte von ganzer Seele und ganzem Herzen, daß Du die Gelegenheit ergreifen und den Diamanten unbemerkt wieder in seine Schublade legen würdest.«

Ich versuchte zu reden. Aber sie wehrte mir mit einer ungeduldigen Handbewegung. In dem rapiden Wechsel ihrer Stimmungen fing der Zorn wieder an sich ihrer zu bemächtigen. Sie stand von ihrem Sitze auf und trat mir näher.

»Ich weiß, was Du sagen willst,« fuhr sie fort. »Du willst mich wieder daran erinnern, daß Du meinen Brief nie erhalten« hast. Ich kann Dir auch sagen warum. Ich zerriß ihn.«

»Und warum das?« fragte ich.

»Aus dem triftigsten Grunde. Ich wollte ihn lieber zerreißen, als ihn an einen solchen Menschen wegwerfen! Denn was war die erste Kunde, die am Morgen zu mir gelangte? Was kam mir gerade in dem Augenblick, als mein kleiner Plan fertig war, zu Ohren? Ich hörte, daß Du —— Du!! —— Dich von allen Personen im Hause am beflissensten gezeigt habest, die Polizei herbeizuholen. Du warst der Leiter, Du warst die Seele alles Dessen, was zur Wiederlangung des Edelsteins in’s Werk gesetzt wurde. Du gingst in Deiner Frechheit sogar so weit, mit mir über den Verlust des Diamanten reden zu wollen, des Diamanten, den Du selbst gestohlen hattest, der sich während der ganzen Zeit in Deinen Händen befand! Nach diesem Beweis Deiner abscheulichen Falschheit und Verstellung zerriß ich meinen Brief. Aber selbst da noch selbst als mich schon die Fragen und Nachforschungen des Polizeibeamten, den Du herbeigeholt hattest, toll gemacht hatten, selbst da war ich noch thöricht.genug, Dich nicht ganz fallen zu lassen. Ich sagte mir: »Er hat seine elende Farce vor allen andern Hausgenossen gespielt, ich will doch sehen, ob er sie auch vor mir zu spielen wagt.« Jemand hatte mir gesagt, daß Du auf der Terrasse seiest. Ich ging auf die Terrasse hinunter. Ich zwang mich, Dich anzusehen; ich zwang mich, mit Dir zu reden. Hast Du vergessen, was ich zu Dir sagte?«

»Ich hätte antworten können, daß ich mich jedes Wortes erinnere. Aber was hätte die Antwort in diesem Augenblick nützen können?

Wie konnte ich ihr sagen, daß ihre Worte mich damals erstaunt, betrübt, und Besorgniß in mir erweckt hätten, daß sie sich in einem Zustand gefährlicher Nervenaufregung befinde; ja, daß diese Worte sogar einen Augenblick den Zweifel, ob der Verlust des Edelsteins für sie in demselben Grade wie für uns Uebrige ein Geheimniß sei, bei mir erregt, —— aber auch nicht die leiseste Ahnung der Wahrheit in mir hätten aufdämmen lassen? Wie konnte ich, ohne den Schatten eines Beweises für meine Unschuld, hoffen sie zu überreden, daß der wahre Sinn der Worte, die sie auf der Terrasse mit mir gesprochen, für mich nicht deutlicher gewesen sei, als er es für den entferntesten Fremden hätte sein können?

»Es mag Dir conveniren, zu vergessen, mir convenirt es, mich zu erinnern,« fuhrt sie fort, »ich weiß, was ich damals sagte, denn ich hatte meine Wortes wohl erwogen, bevor ich sie sprach. Ich gab Dir eine Gelegenheit nach der andern, die Wahrheit zu bekennen. Ich ließ nichts ungesagt, was ich sagen konnte, bis auf das eine Wort, daß ich wisse daß Du den Diebstahl begangen habest. Und alles was Du darauf zu erwidern hattest, war der Ausdruck eines elend erheuchelten Erstaunens und der falsche Blick der Unschuld, mit dem Du mich auch heute angesehen hast, mit dem Du mich noch in diesem Augenblick ansiehst! Als ich an jenem Morgen mit Dir gesprochen, hatte ich Dich endlich als den erkannt, der Du warst und der Du bist —— als den jämmerlichsten Wicht, der je das Licht der Welt erblickt hat.«

»Wenn Du Dich zu jener Zeit ausgesprochen hättest, Rachel, so hätte ich wissen können, daß Du einem unschuldigen Mann das grausamste Unrecht anthatest.«

»Wenn ich mich vor Andern ausgesprochen hätte,« entgegnete sie mit einem neuen Ausbruch der Entrüstung »so wärst Du für Deine Lebenszeit gebrandmarkt gewesen! Wenn ich mich nur gegen Dich allein ausgesprochen hätte, so würdest Du es geleugnet haben, wie Du es jetzt leugnest! Meinst Du, ich hätte Dir geglaubt? Würde ein Mann vor einer Lüge zurückschrecken, der gethan was ich Dich thun gesehen, und der sich nachher so wie Du benommen hätte? Ich sage es Dir noch einmal, ich schreckte vor dem Greuel zurück, Dich lügen zuhören, nachdem ich Dich hatte stehlen sehen. Du sprichst, als ob hier ein Mißverständniß vorliege, über welches wenige Worte eine Verständigung hätten herbeiführen können. Nun! das Mißverständniß hat nun ein Ende. Ist die Verständigung erreicht? Nein, wir sind nicht um einen Schritt weiter gekommen. Ich glaube Dir auch jetz auch nicht! Ich glaube nicht, daß Du das Nachthemd gefunden hast, ich glaube nicht an Rosanna Spearman's Brief, ich glaube kein Wort von alle dem was Du mir gesagt hast. Ich habe gesehen wie Du den Diamanten gestohlen hast. Ich habe gehört wie Du Dich beflissen stelltest, der Polizei behilflich zu sein. Ich bin fest überzeugt, daß Du den Diamanten an den Geldverleiher in London verpfändet hast. Du konntest —— Dank meinem erbärmlichen Schweigen! —— den Verdacht auf einen unschuldigen Menschen wälzen. Am nächsten Tage flohst Du mit Deinem Raub nach dem Continent! Nach all’ dieser Jämmerlichkeit blieb Dir nur noch Eines übrig: mit einer letzten Lüge auf den Lippen hierher zurückzukehren und mir zu sagen, daß ich Dir Unrecht gethan habe!«

Wäre ich noch einen Augenblick länger geblieben, so weiß ich nicht, was für Ausdrücke mir vielleicht entschlüpft wären, die ich nachher zu spät bedauert und bereut haben würde. Ich ging an ihr vorüber und öffnete die Thür zum zweiten Male. Aber zum zweiten Male ergriff sie mit der wahnsinnigen Hartnäckigkeit eines wüthenden Weibes meinen Arm und versperrte mir den Ausweg.

»Laß mich gehen, Rachel,« sagte ich. »Es ist besser für uns Beide. Laß mich gehen!«

Die Leidenschaft schwellte ihren Busen, sie athmete hörbar mit krampfhafter Geschwindigkeit, als sie mich an der Thür zurückhielt.

»Wozu bist Du hergekommen?« rief sie mit verzweifelter Beharrlichkeit. »Ich frage Dich noch einmal: wozu bist Du hergekommen? Fürchtest Du, ich möchte Dich verrathen? Fürchtest Du, daß ich jetzt, wo Du ein reicher Mann geworden bist, wo Du eine Stellung in der Welt erlangt hast, wo Du das erste Mädchen im Lande heirathen kannst, zu irgend Jemand das Wort sagen könnte, das ich noch zu Niemandem außer Dir gesagt habe? Ich kann das Wort nicht sagen. ich kann Dich nicht verrathen! Ich bin wo möglich noch schlechter als Du selbst« Bei diesen Worten brach sie in Thränen aus. Sie rang wild mit diesen Thränen; sie hielt mich fester und fester. »Ich kann Dich nicht aus meinem Herzen reißen,« sagte sie, selbst jetzt nicht. Du kannst Dich auf diese schmachvolle Schwachheit verlassen, die nicht anders als so mit Dir zu reden weißt!« Plötzlich ließ sie mich los, sie rang ihre Hände wie wahnsinnig in der Luft. »Jedes andere lebende Weib würde davor zurückschrecken, ihn zu berühren!« rief sie aus. »O Gott, ich verachte mich selbst noch tiefer, als ihn!«

Auch ich vermochte meine Thränen nicht mehr zu wehren, ich konnte das Furchtbare meiner Lage nicht länger ertragen.

»Du sollst erfahren, daß Du mir dennoch Unrecht gethan hast,« sagte ich, »oder Du sollst mich niemals wiedersehen!«

Mit diesen Worten verließ ich sie. Sie sprang von dem Stuhl auf, auf den sie einen Augenblick vorher niedergesunken war und folgte mit einem großmüthigen Antrieb durch das anstoßende Zimmer, um mir noch ein barmherziges Abschiedswort nachzurufen

»Franklin!« sagte sie, »ich vergebe Dir! O, Franklin, Franklin, wir werden uns nie wiedersehen. Sag’, daß Du auch mir vergiebst!«

Ich wandte mich nach ihr um, damit sie an meinem Gesicht erkennen möge, daß ich nicht reden könne —— ich wandte mich um, winkte mit der Hand, und sah sie durch den Schleier von Thränen, die mich endlich überwältigt hatten, hindurch, verschwommen wie eine Vision.

Im nächsten Augenblick hatte ich die Bitterkeit meiner Empfindungen überwunden. Ich war wieder im Garten. Ich sah und hörte sie nicht mehr.


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