Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Neuntes Buch - Auf Villa Baliol in Dumfries - Zweites Capitel
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Namenlos



Zweites Capitel.

Es entstand eine Pause von wenigen Minuten, während Mrs. Lecount das zweite der vor ihr auf dem Tische liegenden Papiere öffnete und ihrem Gedächtniß durch einen raschen Blick in dasselbe zu Hilfe kam. Als Dies vorbei war, wandte sie sich abermals an Noël Vanstone, indem sie sorgsam ihre Stimme senkte, um sie für Jeden, der etwa draußen im Gange lauschen möchte, unhörbar zu machen.

—— Ich muß Sie um die Erlaubnis; bitten, Sir, begann sie, noch einmal auf Ihre Gattin zurückkommen zu dürfen. Ich thue es sehr ungern und verspreche Ihnen auch, daß Das, was ich jetzt um Ihretwillen und meinetwegen über sie zu sagen habe, in den kürzesten Worten gesagt werden soll. Was wissen wir von dieser Frau, Mr. Noël, indem wir sie nach ihrem eigenen Bekenntniß, als sie in der Rolle der Miss Garth zu uns kam, und nach ihren eigenen Handlungen nachmals zu Aldborough beurtheilen? Wir wissen, daß, wenn nicht der Tod Ihren Vater aus ihrem Bereich gerückt hätte, sie mit ihrem Anschlag drauf und dran war, ihn des Combe-Raven-Vermögens zu berauben. Wir wissen, daß, als Sie Ihrerseits das Geld erbten, sie drauf und dran war, Sie zu berauben. Wir wissen, wie sie diesen Anschlag bis zu Ende führte, wissen, daß in diesem Augenblicke Nichts, als Ihr Tod noch fehlt, um ihre Raubsucht und ihren Betrug mit Erfolg zu krönen. Alles Dessen sind wir gewiß. Wir sind deß gewiß, daß sie jung, und schlau ist, —— daß sie weder Bedenklichkeiten, noch Gewissensbisse, noch Erbarmen kennt, —— und daß sie, die persönlichen Eigenschaften besitzt, welche die Männer im Allgemeinen —— mir für meine Person rein unbegreiflich! —— schwach genug sind, zu bewundern. Dies sind nicht Hirngespinnste, Mr. Noël, sondern ausgemachte Thatsachen, —— Sie kennen dieselben so gut, als ich selbst.

Er machte ein bejahendes Zeichen, und Mrs. Leconut fuhr fort.

Halten Sie fest, was ich Ihnen von der Vergangenheit gesagt habe, Sir, und thun Sie nun mit mir einen Blick in die Zukunft. Ich hoffe und erwarte zuversichtlich, daß Sie noch ein langes Leben vor sich haben; allein lassen Sie uns nur einen Augenblick den Fall Ihres Todes annehmen —— wie sie nach Ihrem Ableben dies Testament da hinterlassen, das Ihr Vermögen Ihrem Cousin George zuschreibt. Ich habe erfahren, gibt eine Behörde in London, bei der Abschriften von allen Testamenten hinterlegt werden müssen. Jeder neugierige Fremde, welchem es einfällt, einen Schilling für die Befugniß zu zahlen, kann in jenes Bureau treten und dort jedes Testament lesen, das man ihm oder, wenn es eine Dame ist, ihr anvertraut. Sehen Sie, wohin ich ziele, Mr. Noël? Ihre enterbte Wittwe zahlt ihren Schilling und liest Ihr Testament. Ihre enterbte Wittwe sieht, daß das Combe-Raven-Vermögen, das von Ihrem Vater auf Sie übergegangen ist, dann von Ihnen auf George Bartram übergeht. Was ist die gewisse Folge dieser Entdeckung? Die Folge ist, daß Sie Ihrem Cousin und Freund das Erbtheil der Rache dieses Weibes und ihrer betrügerischen Ränke hinterlassen, und zwar einer Rache, die durch ihren Grimm über ihren Mißerfolg noch entschlossener einer Ränkesucht, welche dadurch noch teuflischer geworden, als je zuvor. —— Was ist Ihr Vetter George? Er ist ein edelmüthiger, argloser Mann, selber für seine Person unfähig des Betrugs und auch keinen Betrug von Anderen fürchtend. Ueberlassen Sie ihn den rücksichtslosen Zauberkünsten und unergründlichen Ränken Ihrer Frau, und ich sehe schon im Geiste das Ende so sicher vor mir, wie ich Sie da sitzen sehe! Sie wird seine Augen verblenden, wie sie die Ihrigen blendete, und Ihnen zum Trotz, mir zum Trotz das Geld erhalten!

Sie hielt inne und ließ ihren letzten Worten Zeit sich in seinem Geiste zu befestigen. Die Umstände waren so klar dargelegt, der Schluß aus denselben war so richtig gezogen, daß er ohne Mühe ihre Meinung verstand und sofort begriff.

—— Ich sehe es ein! sprach er rachsüchtig seine Hände ballend. Ich verstehe, Lecount! Sie soll keinen Pfifferling haben! Sagen Sie mir, was ich thun soll —— soll ich es dem Admiral hinterlassen?

Er machte eine Pause und dachte ein wenig« nach.

—— Nein, begann er wieder, es ist dieselbe Gefahr, wenn ich es dem Admiral vermache, als wenn ich es George hinterlasse.

—— Es ist keine Gefahr dabei, Mr. Noël, wenn Sie meinen Rath annehmen wollen.

—— Was ist Ihr Rath?

—— Folgen Sie Ihrer eigenen Ansicht, Sir. Nehmen Sie die Feder zur Hand und hinterlassen Sie das Geld dem Admiral.

Er tauchte die Feder unwillkürlich in die Tinte und zögerte.

—— Sie sollen erfahren, wohin ich Sie führe, Sir, sprach Mrs. Lecount, ehe Sie Ihr Testament unterschreiben. In mittelst lassen Sie uns Zoll für Zoll Boden gewinnen, wie wir vorwärts kommen. Ich möchte, daß das Testament erst fertig wird, ehe wir einen Schritt weiter gehen. Fangen Sie Ihren dritten Absatz an, Mr. Neel, unter den Zeilen, welche mir Ihr Vermächtniß von fünf Tausend Pfund hinterlassen

Sie sagte ihm in einem Augenblick den letzten Absatz des Testaments nach dem Entwurf in ihren Händen folgendermaßen vor:

Den ganzen Rest meines immobilen Vermögens nach Abzug der Kosten meines Begräbnisses und meine ausweisbaren Schulden verschreibe und vermache ich dem Contreadmiral Artuhur Everad Bartram, meinem nur genannten Testamentsvollstrecker, auf daß er davon Gebrauch, mache, der ihm gut dünkt.

Zu Urkund Dessen habe ich meinen Namen unterschrieben und mein Siegel beigesetzt, heute, als am dritten November, Eintausendachthundertundsiebenundvierzig.

—— Ist das Alles? fragte Noël Vanstone erstaunt.

—— Das reicht hin, Sir, um das Vermögen den Admiral zu verschreiben, und das ist Alles. Nun wo wieder auf den Fall zurückkommen den wir schon gesetzt haben. Ihre Wittwe bezahlt ihren Schilling und sieht Ihr Testament ein. Da ist das Combe-Raven-Vermögen dem Admiral Bartram hinterlassen mit einer ausdrücklichen gemessenen Erklärung, daß es sein ist, um davon den Gebrauch zu machen, der ihm gut dünkt. Wenn sie das sieht, was wird sie thun? Sie legt dem Admiral ihre Schlingen. Er ist ein Junggesell und ein alter Herr. Wer soll ihn schützen gegen die Künste dieses verzweifelten Frauenzimmers? —— Schützen Sie ihn selbst, Sir, mit noch einigen wenigen Strichen derselben Feder, welche bereits solche Wunder gethan hat. Sie haben ihm in Ihrem Testament dies Vermächtniß hinterlassen, und Ihre Frau sieht dies Testament. Nehmen Sie ihm das Vermächtniß in einem Briefe wieder ab und lassen Sie diesen Brief ein tiefes Geheimniß zwischen Ihnen und dem Admiral sein und bleiben. Stecken Sie das Testament und den Brief in ein und dasselbe Couvert und legen Sie Beides in die Hände des Admirals mit Ihrer schriftlichen Weisung für ihn, das Siegel am Tage Ihres Todes zu erbrechen. Lassen Sie das Testament sagen, was es jetzt besagt, und lassen Sie erst den Brief, —— der da Ihr und sein Geheimniß ist —— ihm die Wahrheit sagen. Sagen Sie, daß, indem Sie ihm vor der Welt Ihr Vermögen vermachten, Sie es mit dem Bedingung thaten, daß er Ihr Vermächtniß mit der einen Hand nehmen und dasselbe mit der andern an seinen Neffen George abtreten möge. Erklären Sie ihm, daß Ihre Zuversicht in dieser Angelegenheit einzig und allein auf Ihrem Vertrauen auf seine Ehre und Ihrem Glauben an seine dankbare Erinnerung an Ihren Vater und Sie selber beruhe. Sie kennen den Admiral seit Ihrer frühesten Jugend. Er hat seine kleinen Schrullen und Sonderbarkeiten, aber er ist ein Ehrenmann von dem Wirbel bis zur Zehe und schlechterdings unfähig, einem Vertrauen in seine Ehre, das ein verstorbener Freund in ihn gesetzt hat, nicht zu entsprechen. Heben Sie die Schwierigkeit durch eine solche Kriegslist nur immer frischweg, und Sie retten diese beiden hilflosen Männer vor den Ränken Ihrer Gattin, den Einen mittelst des Andern. Hier auf der einen Seite ist Ihr Testament, das Ihr Vermögen dem Admiral zuweist und folglich ihre Hinterlist aufs Neue rege macht. Und da auf der andern Seite ist Ihr Brief, der insgeheim das Geld seinem Neffen in die Hände gibt!

Die boshafte Geschicklichkeit dieser verwickelten Anordnung war gerade so recht nach Mr. Noël Vanstones Sinn und seinem Verständniß angepaßt. Er versuchte seine Zustimmung und Bewunderung in Worten auszusprechen. Mrs. Lecount hob aber warnend ihre Hand auf und schloß ihm die Lippen.

—— Warten Sie? Sir, ehe Sie Ihre Meinung aussprechen, fuhr sie fort. Wir haben die Schwierigkeit erst halb überwunden. —— Wir wollen nun einmal sagen, der Admiral hat von Ihrem Vermächtniß den Gebrauch gemacht, wie Sie insgeheim von ihm geheischt haben. Früher oder später, wie gut auch das Geheimniß bewahrt werden möge, wird Ihre Frau die Wahrheit erfahren. Was folgt auf diese Entdeckung? Sie legt die Belagerung vor Mr. George. Alles, was Sie gethan haben, ist, daß Sie ihm das Geld auf einem Umwege vermachen. Da ist er ihr nach Verlauf von einiger Zeit ebenso sehr preisgegeben, als wenn Sie ihn ganz offen in Ihrem Testament eingesetzt hätten. Was gibt es für ein Mittel dagegen? —— Das Mittel ist, sie irre zu leiten, wenn wir es vermögen, zum Schutze Ihres Vetters George zum zweiten Male ein Hinderniß zwischen sie und das Geld zu setzen. Können Sie wohl selber rathen, Mk. Noël, welches das zuverlässigste Hinderniß ist, das wir ihr in den Weg werfen können?

Er schüttelte mit dem Kopfe. Mrs. Lecount lächelte und machte ihn aufs Aeußerste gespannt, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte.

—— Stellen Sie ihr ein Weib in den Weg, Sir! flüsterte sie in ihrem verschmitztesten Tone. Wir glauben, Gott Lob! nicht an ihre bezaubernde Schönheit, was auch Sie davon halten mögen. Unsere Lippen brennen nicht, um solche glatte Wangen zu küssen. Unsere Arme verlangen nicht darnach, sich um jenen zarten Leib zu legen. Wir durch schauen ihr Lächeln und ihre Lockungen, ihr Bleiben und ehen, uns kann sie eben nicht bezaubern! Stellen Sie ihr ein Weib in den Weg, Mr. Noël! Nicht ein Weib in meiner hilflosen Lage, die ich nur ein Dienstbote bin, nein, ein Weib mit dem Ansehen und der Eifersucht einer Ehefrau. Machen Sie es in Ihrem Briefe an den Admiral zur Bedingung, daß, wenn Mr. George zur Zeit Ihres Todes noch Junggeselle ist, derselbe in einer bestimmten Zeit nachher heirathen solle, sonst Ihr Vermächtniß verliere. Gesetzt, er bleibt ledig trotz Ihrer Bedingung, wer soll das Geld dann haben? Noch einmal, Sir, stellen Sie Ihrer Frau ein Weib entgegen und vermachen Sie das Vermögen in diesem Falle der verheirathen Schwester Ihres Vetters George.

Sie hielt inne. Noël Vanstone versuchte abermals sich auszusprechen, und wieder machte ihn die Hand der Mrs. Lecount verstummen.

— Wenn Sie einverstanden sind, Mr. Noël, sprach sie, so will ich Ihre Zustimmung hiermit für gegeben erachten. Wenn Sie dawider sind, will ich Ihren Einwürfen begegnen, noch ehe sie über Ihre Lippen sind. Sie können sagen: »Wenn nun auch diese Bedingung hinreichend ist, um dem Zwecke zu dienen, warum sie in einem Briefe an den Admiral verborgen halten? Warum sie nicht offen mit meines Vetters Namen dazu in das Testament hineinschreiben? —— Nur aus einem Grunde nicht, Sir. Nur weil der geheime Weg der sichere ist gegenüber einem solchen Weibe, wie Ihre Frau ist. Je geheimer Sie Ihre Absichten halten, ist ein ihrer Verrätherei abgerungener Gewinn für den Admiral, ein Gewinn für Mr. George, wenn er noch Junggeselle ist, damit er ungestört seine Lebensgefährtin wählen kann, Zeitgewinn für den Gegenstand seiner Wahl zu dessen eigener Sicherheit, da selbiger sonst dem Argwohn und der Feindschaft Ihrer Frau zuerst ausgesetzt sein würde. Denken Sie an das im Oberstübchen aufgefundene Fläschchen und halten Sie daher dieses verzweifelte Weib, so lange Sie können, in Unwissenheit, Dies heißt soviel als Unschädlichkeit. Das ist mein Rath, Mr. Noël, in den kürzesten und deutlichsten Worten. —— Was sagen Sie dazu, Sir? Bin ich aus meine Art beinahe ebenso schlau als —— Ihr Freund Mr. Bygrave? Versteh ich mich auch ein wenig aufs Ränkespinnen, wenn das Ziel meiner Verschwörung dahin geht, Ihre Wünsche zu krönen und Ihre Freunde zu schützen?

Mr. Noël Vanstone, dem endlich der Gebrauch seiner Zunge wieder verstattet war, sprach sich seine Bewunderung vor Mrs. Lecount in Worten aus, welche aufs Haar denjenigen glichen, mit denen er bei einer früheren Gelegenheit Hauptmann Wragge seine Achtung bezeugt hatte.

—— Wass für einen Kopf haben Sie! waren die Dankesworte, welche er einst zu Mrs. Lecounts bitterstem Feinde gesprochen hatte.

—— Was für einen Kopf haben Sie! waren die Dankesworte, welche er jetzt zu Mrs. Lecount selber sprach.

So berühren sich die Extreme, und so lächerlich allbeweihräuchernd ist manchmal der Beifall eines Thoren!

—— Erlauben Sie, daß mein Kopf die schmeichelhaften Aeußerungen erst verdiene, die Sie ihm eben gespendet haben, sagte Mrs. Lecount. Der Brief an den Admiral, noch ist er nicht geschrieben. Das Testament da, es ist ein Leib ohne Seele, ein Adam ohne Eva, bis —— der Brief vollendet und ihm beigelegt ist. Erst noch wenig meinerseits dictirt, noch ein wenig nachgeschrieben von Ihrer Seite, und unser Werk ist vollbracht. —— Verzeihen Sie. Der Brief wird länger sein, als das Testament, wir müssen dies Mal größeres Papier als diese Briefbogen da nehmen.

Die Schreibmappe wurde durchsucht, und etwas Briefpapier von größerem Format, wie es gewünscht wurde, aufgefunden. Mrs. Lecount fing wieder an zu dictiren, und Noël Vanstone nahm wieder die Feder zur Hand.

Dumfries,
Baliol-Villa, den 3. November 1847.

(Vertrauliche Mittheiluug.)
Lieber Admiral Bartram!

Wenn Du mein Testament eröffnest, in welchem Du zu meinem alleinigen Testamentsvollstrecker ernannt bist, so wirst Du finden, daß ich den ganzen Rest meines Grundbesitzes nach Auszahlung eines Vermächtnisses von fünf Tausend Pfund Dir vererbt habe. Es ist der Zweck dieses meines Briefes, Dir vertraulich mitzutheilen, welches die Absicht ist, aus der ich das Vermögen, das nunmehr in Deine Hände gegeben ist, gerade Dir hinterlassen habe.

Siehe dies große Vermächtniß, bitte ich, nur als ein unter gewissen Bedingungen Deinerseits an Deinen Neffen George abzutretendes an. Wenn Dein Neffe zur Zeit meines Todes verheirathet ist und seine Gattin noch lebt, so ersuche ich Dich, ihn sofort in Besitz Deines Vermächtnisses zu setzen, indem Du ihm zugleich meinen Wunsch ausdrücken wirst, den er sicherlich als eine heilige und unverbrüchliche Verpflichtung ansehen wird, —— daß er das Geld seiner Frau und seinen Kindern, wenn er deren hat, zuschreiben lasse. Wenn er aber im andern Falle zur Zeit meines Todes unverheirathet oder ein Wittwer ist, so mache es in diesen beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erbschaft, daß er sich verheirathe innerhalb einer Zeit von....

Mrs. Lecount legte den brieflichen Entwurf nieder, aus welchem sie bisher dictirt hatte, und bedeutete Noël Vanstone durch ein Zeichen, daß er seine Feder ruhen lassen möge.

—— Wir sind hier zu einer Zeitfrage gekommen, Sir, bemerkte sie. Wie lange Frist wollen Sie Ihrem Vetter geben, wenn er unverheirathet oder Wittwer ist zur Zeit Ihres Todes?

—— Soll ich ihm ein Jahr geben? frug Noël Vanstone.

—— Wenn wir Nichts, als die Interessen des Vermögens im Auge zu behalten hätten, sagte Mrs. Lecount, würde ich auch sprechen: ein Iahr, Sir, namentlich wenn Mr. George zufällig Wittwer wäre. Allein wir haben Ihre Frau nicht zu vergessen, ebensowenig als die Interessen des Vermögens. Ein Jahr Aufschub zwischen Ihrem Tode und der Verheirathung Ihres Vetters ist eine gefährlich lange Zeit, um die Verfügung über Ihr Vermögen in der Schwebe zu erhalten. Geben Sie einer entschlossenen Frau ein Jahr Zeit zu ihren Ränken und Anschlägen, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, was sie nicht im Stande wäre zu thun.

—— Ein halbes Jahr? schlug Noël Vanstone vor.

—— Ein halbes Jahr, begann Mrs. Lecount, ist von den beiden Fristen die bessere. Ein Zwischenraum von sechs Monden vom Tage Ihres Todes reicht hin für Mr. George.

—— Sie sehen unbefriedigt aus, Sir. Was haben Sie?

—— Ich wünschte, Sie sprächen nicht immer soviel von meinem Tode, brach er auffahrend heraus. Ich mag es nicht leiden! Ich hasse sogar den Klang des Wortes!

Mrs. Lecount lächelte nachgiebig und wandte sich wieder zu ihrem Entwurf.

—— Ich sehe das Wort »Ableben« hier geschrieben, warf sie ein, vielleicht würden Sie dieses verziehen, Mr. Noël?

—— Ja, sagte er, ich ziehe »Ableben« vor. Es klingt nicht so schrecklich als »Tod«.

—— So wollen wir denn mit dem Briefe fortfahren, Sir.

Sie begann wieder zu dictiren, und zwar folgendermaßen:

... so mache ich es in diesen beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erbschaft:

daß er sich verheirathe innerhalb einer Zeit von sechs Kalendermonaten vom Tage meines Ablebens an;

daß die Frau, die er erwählt, keine Wittwe sei, und daß seine Trauung in der Pfarrkirche zu Ossory mit Aufgeboten stattfinde, da er daselbst von Jugend auf bekannt ist, und die Familie und Verhältnisse seiner zukünftigen Frau füglich Gegenstände eines öffentlichen Interesses und allgemeiner Erkundigungen sind.

—— Dies, sprach Mrs. Lecount, indem sie ruhig von ihrem Entwurf aufblickte, ist deshalb, Sir, unt Mr. George zu schützen für den Fall, daß man ihm dieselbe Schlinge legen wollte, die Ihnen so erfolgreich gelegt wurde. Sie wird ihre falsche Rolle und ihren angenommenen Namen das nächste Mal nicht ganz so leicht anbringen können, nein, selbst nicht mit Hilfe von Mr. Bygrave! —— Tauchen Sie noch einmal ein, Mr. Noël; wir wollen den nächsten Satz schreiben. Sind Sie bereit?

—— Ja.

Mrs. Lecount fuhr fort:

Wenn Dein Neffe diese Bedingungen zu erfüllen unterläßt, d.h. wenn er, ob er nun Junggesell oder Wittwer zur Zeit meines Ablebens sei, unterläßt, sich ganz in der Art und Weise, wie ich ihm vorgeschrieben habe, innerhalb sechs Kalendermonaten von jener Zeit an zu verheirathen: so ist es mein Wille, daß er die Erbschaft nicht erhalte, auch nicht einen Theil derselben. Ich ersuche Dich, in dem hier vorgesehenen Falle ihn ganz zu übergehen und das Dir in meinem Testament vermachte Vermögen seiner verheiratheten Schwester, Mrs. Girdlestone, abzutreten.

Nachdem ich Dich nun mit meinen Gründen und Absichten bekannt gemacht habe, komme ich zur nächsten Frage, welche nothwendig erwogen werden muß. Wenn zu der Zeit, wo Du diesen Brief erbrichst, Dein Neffe unverheirathet ist, so ist es offenbar unerläßlich, daß er die ihm hier auferlegten Bedingungen so schleunig als Du selbst erfahre. Wirst Du ihm unter diesen Umständen offen mittheilen, was ich Dir hier geschrieben habe? Oder wirst Du ihn in dem Wahne lassen, daß kein solcher geheimer Ausdruck meiner Wünsche wie dieser da vorhanden ist, und willst Du ihm vielleicht all die aufs eine Verheirathung bezüglichen Bedingungen als wie ganz von Dir ausgehend auferlegen?

Wenn u diesen letzten Weg einschlagen willst, so wirst Du zu den vielen freundschaftlichen Verpflichtungen, die ich schon gegen Dich habe, noch eine große hinzufügen.

Ich habe ernsten Grund zu glauben, daß der Besitz meines Vermögens und die Entdeckung etwaiger besonderer letztwilliger Anordnungen und Verfügungen darüber Gegenstände betrügerischer Ränke und Anschläge einer gewissenlosen Person sein werden. Ich wünsche daher sehr, zunächst um Deinetwillen, daß kein Verdacht von dem Dasein dieses Briefes der Person in den Sinn komme, auf welche ich anspiele. Ebenso ist es um Mrs. Girdlestones willen in zweiter Linie mein Wille, daß jene selbige Person ganz in Unwissenheit darüber bleibe, daß die Erbschaft in Mrs. Girdlestones Besitz kommen, solle, wenn Dein Neffe in der gegebenen Zeit nicht verheirathet ist. Ich kenne Georges leichten, nachgiebigen Sinn, ich fürchte die Angriffs die man darauf gründen wird und fühle es lebhaft, daß das klügste Verfahren sein wird, daß man unterläßt, Geheimnisse ihm anzuvertrauen, deren verfrühte Enthüllung von ernsten und sogar gefährlichen Folgen begleitet sein könnte.

Stelle daher lieber die Bedingungen Deinem Neffen, als wenn Sie von Dir kämen. Laß ihn denken, daß sie Dir in den Sinn gekommen sind wegen der neuen Pflichten, die Dir als Ehrenmann durch Deine Stellung in meinem Testament und Deinen folgerichtigen Wunsch, für die Fortdauer des Familiennamens zu sorgen, auferlegt sind. Wenn diese Gründe nicht hinreichen, um ihn zu befriedigen, so kann er Nichts dagegen haben, wenn Du ihn wegen weiterer Aufklärungen, die er noch wünschen könnte, auf seinen Hochzeitstag vertröstest!

Ich bin fertig. Meine letzten Wünsche sind Dir nun vertraut, indem ich stillschweigend auf Deine Ehre rechne und auf die zärtliche Sorge für das Andenken Deines Freundes. Von den beklagenswersthen Umständen, welche mich so zu schreiben zwingen, wie eben geschehen ist, sage ich Nichts. Du wirst, wenn ich am Leben bleibe, aus meinem eigenen Munde davon hören; denn Du wirst der erste Freund sein, den ich in meiner Noth und Sorge zu Rathe ziehen werde. Halte diesen Brief sorgfältig geheim und sorgfältig in Deinen Händen, bis meine Wünsche erfüllt sind. Laß kein menschliches Wesen außer Dir unter keinerlei Vorwand wissen, wo er ist;

Halte mich, lieber Admiral Bartram, immer für
Deinen herzlich ergebenen
Noël Vanstone.

—— Haben Sie unterschrieben, Sir? frug Mrs. Lecount. Lassen Sie mich, wenn Sie wollen, den Brief noch ein Mal überlesen, ehe Sie ihn zusiegeln.

Sie las den Brief sorgsam durch. In Noël Vanstones enger, gedrängter Handschrift füllte er zwei Seiten eines Briefbogens und schloß oben auf der dritten Seite. Anstatt ein Couvert zu nehmen, brach ihn Mrs. Leconnt sauber und sicher in der altherkömmlichen Art. Sie zündete den Wachsstock auf dem Schreibzeug an und gab den Brief dem Absender zurück.

—— Siegeln Sie ihn, Mr. Noël, sprach sie, eigenhändig und mit Ihrem eigenen Petschaft zu. ——

Sie löschte den Wachsstock aus und gab ihm wieder die Feder in die Hand.

—— Schreiben Sie die Adresse, Sir, fuhr sie fort: an

ADMIRAL BARTAM
ST. CRUX
in der Marsch
ESSEX

—— Und nun fügen Sie über der Adresse folgende Worte hinzu und unterzeichnen Sie dieselben:

In Deinen Händen zu bewahren und erst am Tage meines Todes ——
oder wenn Sie lieber wollen:
—— meines Ablebens zu erbrechen.

Noël Vanstone.

—— Sind Sie fertig? Lassen Sie mich noch einmal sehen. —— Ganz richtig in allen Stücken. Nehmen Sie meinen Glückwunsch, Sir. Wenn nunmehr Ihre Frau nicht ihren letzten Anschlag wegen des Combe-Raven-Vermögens ausgeführt hat, so ist es nicht Ihre Schuld, Mr. Noël, —— auch nicht meine Schuld!

Als Noël Vanstone nach Vollendung des Briefes seine Aufmerksamkeit wieder unterbrechen konnte, kam er sofort auf rein persönliche Betrachtungen zurück.

—— Jetzt müssen wir an das Einpacken denken, sprach er, ich kann nicht fortgehen ohne meine warmen Sachen.

—— Entschuldigen Sie, Sir, fiel Mrs. Lecount ein, es ist noch das Testament zu unterschreiben, und es müssen zwei Personen gefunden werden, die Ihre Unterschrift bezeugen.

Sie sah zum Vorderfenster hinaus und sah den Wagen an der Thür halten.

—— Der Kutscher ist gut zu einem dieser Zeugen, sagte sie. Er ist in einem anständigen Dienst in Damfries und kann ausfindig gemacht werden, wenn er nötig ist. Als zweiten Zeugeki müssen wir eins von Ihren Leuten nehmen, glaube ich. Es sind alles abscheuliche Frauenzimmer; die Köchin ist noch die, welche von den Dreien am Wenigsten übel aussieht. Klingeln Sie der Köchin, Sir, während ich hinausgehe und den Kutscher rufe. Wenn wir unsere Zeugen hier haben, haben Sie nur folgende Worte zu sprechen:

—— Ich habe da eine Urkunde zu unterschreiben, und ich wünsche, daß Ihr als Zeugen meiner Unterschrift Eure Namen mit hersetzt.

—— Weiter Nichts, Mr. Noël! Sagen Sie diese wenigen Worte in Ihrer gewöhnlichen Art und Weise, und wenn das Unterschreiben vorüber ist, will ich selbst nach dem Einpacken und Ihren warmen Sachen sehen.

Sie ging nach der Vorderthür und rief den Kutscher in das Zimmer herein. Bei ihrer Rückkehr fand sie die Köchin schon in der Stube. Die Köchin sah unerklärlicher Weise beleidigt aus und starrte Mrs. Lecount ununterbrochen an. Eine Minute später kam der Kutscher, ein ältlicher Mann, herein. Es ging ihm ein frischer Branntweingeruch voran, aber sein Kopf war fest auf gut Schottisch, und nichts als der Geruch verrieth ihn.

—— Ich habe da eine Urkunde zu unterschreiben, sagte Noël Vanstone, wie ihm eingelernt worden war, und ich wünsche, daß Ihr als Zeugen meiner Unterschrift Eure Namen mit hersetzt.

Der Kutscher sah auf das Testament. Die Köchin verwandte kein Auge von Mrs. Lecount.

—— Mit Verlaub, Sie werden wohl Nichts dawider haben, Sir, sagte der Kutscher mit der Vorsicht seines Volkes, die sich in jedem Zuge seines Gesichts aussprach. Sie werden Nichts dawider haben, Sir, mir zuerst zu sagen, was das eigentlich für ’ne Urkunde ist?

Mrs. Lecount schlug sich ins Mittel, noch ehe Noël Vanstones Unwille sich in Worten aussprechen.konnte.

—— Sie müssen dem Manne sagen, Sir, daß dies Ihr Testament ist, sagte sie. Wenn er Ihre Unterschrift bezeugt, kann er allein schon so viel sehen,wenn er an den Anfang der Seite sieht.

—— Ja, ja, sagte der Kutscher und sah sofort an den Anfang der Seite. Sein »letzter Wille und Testantent«. Ja, Sirs! des is ’n schlechtes Voraugentreten mit dem Tode in einer Urkunde, die Ihrigte!

—— ’S Fleisch ist wie Gras, fuhr der Kutscher fort, indem er einen neuen Whiskygeruch ausströmte und fromm zur Decke aufblickte. Nehmen Se diese Worte mit der übrigen heiligen Schrift: Viele feind berufen, aber wenige auserwählt. Nehmen Sie Das wieder zu der Offenbarung: erstes Capitel, Vers eins bis. fünfzehn. Legen Se das Ganze aufs Herz —— und wie ist dann der Reichthum von Sie? Schlamm, Sirs! Und Ihr Leib? wieder die Schrift! Thon für den Töpfer. Und Ihr Leben? (noch einmal die Schrift!) Athem von Ihrer Nase!

Die Köchin lauschte, als wenn sie in der Kirche wäre, aber sie Verwandte kein Auge von Mrs. Lecount.

—— Sie können am Besten nun unterschreiben, Sir. Dies ist offenbar noch ein Brauch, der in Dumfries bei Abschließen Von Geschäften herrscht, sagte Mrs. Lecount mit Ergebung. Der Mann meint es gut, ich wette.

Sie setzte diese Worte in sanftem Tone hinzu, denn sie sah, daß Noël Vanstones Unwille fast dem Ausbruche nahe war. Die unerwartet sich ergießende Ermahnung des Kutschers schien ihm eben so viel Furcht als Verdruß verursacht zu haben.

Er tauchte die Feder in die Tinte und unterschrieb das Testament, ohne ein Wort zu sagen. Der Kutscher, der in einem Augenblick von der Theologie auf das Geschäft übersprang, betrachtete die Unterschrift mit der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit und schrieb seinen Namen als Zeuge mit einer stillen Betrachtung über den Vorgang nieder, die von einer neuen Whiskyduftausströmung in Gestalt eines tiefen Seufzers begleitet war. Die Köchin blickte von Mrs. Lecount nur mit Mühe hinweg, schrieb in heftiger Eile ihren Namen darunter und sah flugs wieder mit einem starren Staunen auf dieselbe, als ob sie erwartete, in deren Händen eine mittlerweile zum Vorschein gebrachte geladene Pistole zu erblicken.

—— Ich danke Ihnen, sagte Mrs. Lecount in ihrer freundlichsten Art.

Die Köchin öffnete ihre Lippen ruckweise und schaute ihren Herrn an.

—— Du kannst gehen sagte ihr Herr.

Die Köchin hustete verächtliche und —— ging.

—— Wir wollen Sie nicht lange aufhalten, sprach Mrs. Lecount zum Kutscher, als sie ihn fortgehen ließ. In weniger als einer halben Stunde werden wir zur Rückreise bereit sein.

Die ernstfeierliche Haltung des Kutschers ließ zum ersten Male nach. Er lächelte geheimnißvoll und näherte sich Mrs. Lecount auf den Fußspitzen.

—— Sie werden aberst Eins nicht vergessen, gnädige Fraue, sagte er mit der einschmeichelndsten Artigkeit. Sie werden das Zeugen nicht vergessen, sowie das Fahren, wenn Sie mich für den Tag bezahlen thun?

Er lachte wichtigthuend tief aus der Kehle hervor und schritt, seine Atmosphäre hinter sich lassend aus dem Zimmer.

—— Lecount, sagte Noël Vanstone, sobald der Kutscher die Thür geschlossen hatte. Hörte ich recht, daß Sie dem Manne sagten, wir würden in einer halben Stunde fertig sein?

—— Nun, Sir?

—— Sind Sie blind?

Er that diese Frage mit einem unwilligen Stampfen des Fußes. Mrs. Lecount sah ihn erstaunt an.

—— Können Sie denn nicht sehen, daß der dumme Kerl betrunken ist, fuhr er immer gereizter werdend, fort. Ist mein Leben Nichts? Soll ich der Gnade eines betrunkenen Kutschers preisgegeben werden? Ich würde dem Manne nicht das Zutrauen schenken, mich zu fahren, nicht um Alles in der Welt! Ich muß mich sehr wundern, Lecount, daß Sie daran denken konnten!

—— Der Mann hat allerdings Etwas getrunken, Sir, sprach Mrs. Lecount, das ist leicht zu sehen und zu riechen. Aber er ist offenbar gewohnt zu trinken. Wenn er nüchtern genug ist, ganz gerade zu gehen —— was er doch gewiß thut —— und seinen Namen in einer ganz vortrefflichen Handschrift herzusetzen, was Sie selbst auf dem Testament sehen können, so denke ich denn doch, er ist nüchtern genug, uns nach Dumfries zu fahren.

—— Nicht im Geringsten! Sie sind eine Ausländerin, Lecount, Sie verstehen sich auf diese Leute nicht; die trinken Whisky von früh bis spät. Whisky ist von den Branntweinen der stärkste, den es giebt, Whisky ist bekannt wegen seiner Einwirkungen auf das Gehirn. Ich sage Ihnen, ich will die Gefahr nicht laufen. Ich wurde nie gefahren, will nie gefahren sein von einem andern als nüchternen Menschen!

—— Soll ich selber nach Dumfries zurückgehen Sir?

—— Und mich hier zurücklassen? Mich hier im Hause allein lassen, nach Alledem, was vorgefallen ist? Wie kann ich denn wissen, ob meine Frau nicht heute Abend zurückkommt? Wie kann ich wissen, ob ihre Reise überhaupt nicht eine Schlinge ist, um mich zu berücken? Haben Sie kein Gefühl, Lecount? Können Sie mich in meiner kläglichen Lage verlassen....?

Er sank in einen Stuhl und brach über seinen Gedanken in Thränen aus, ehe er denselben in Worten fertig ausgesprochen hatte.

—— Zu schlecht! sagte er mit seinem Taschentuche vor dem Gesicht, zu schlecht!

Es war unmöglich, ihn nicht zu bedauern. Wenn je ein Sterblicher zu bedauern war, so war er dieser Sterbliche.

Er war unter dem Kampfe widerstrebender Gefühle, die in ihm seit dem Morgen rege geworden waren, endlich zusammengebrochen. Die Anstrengung, Mrs. Lecount durch die Irrgänge der verwickelten Pläne zu folgen, durch die sie ihn fortwährend geführt, hatte ihn aufrecht erhalten, so lange eben die Anstrengung gedauert hatte: in dem Augenblicke, wo dieselbe zu Ende war, knickte er zusammen. Der Kutscher hatte eine Wirkung beschleunigt, von der er weit entfernt war die eigentliche Ursache zu sein.

—— Sie überraschen mich, Sie betrüben mich, Sir, sagte Mrs. Lecount. Ich beschwöre Sie, sich zu fassen. Ich will wenn Sie es wünschen, mit Vergnügen hier bleiben, ich will um Ihretwillen heute Nacht hier bleiben. Sie bedürfen der Ruhe und Erholung nach diesem schrecklichen Tage. Der Kutscher soll noch diesen Augenblick fortgeschickt werden, Mr. Noël. Ich will ihm ein Billet an den Wirth des Hotels mitgeben, und der Wagen soll morgen früh mit einem andern Kutscher, der uns fahren soll, wieder vorkommen.

Die durch diese Worte sich ihm eröffnende Aussicht machte ihn wieder froh. Er wischte sich die Thränen ab und küßte Mrs. Lecount die Hand.

—— Ja! sagte er mit schwacher Stimme, schicken Sie den Kutscher fort und bleiben Sie hier. Sie gutes Geschöpf! Sie vortreffliche Lecount! Schicken Sie den betrukenen dummen Kerl fort und kommen Sie gleich zurück. Wir wollen uns gemächlich ans Feuer setzen, Lecount, und ein hübsches kleines Mittagsbrod einnehmen.

Seine schwache Stimme brach, er kehrte ans Kamin zurück und zerfloß wieder unter dem überschwenglichen Einflusse seiner eignen Gedanken in Thränen.

Mrs. Lecount verließ ihn eine Minute, um den Kutscher zu entlassen. Als sie zurückkehrte in das Zimmer, fand sie ihn mit der Hand am Klingelzuge.

—— Was wünschen Sie, Sir? frug sie.

—— Ich will den Dienstmädchen sagen, sie sollen Ihr Zimmer in Bereitschaft setzen, antwortete er. Ich will Ihnen jegliche Aufmerksamkeit erweisen, Lecount.

—— Sie sind die Freundlichkeit selber, Mr. Noël, aber warten Sie lieber noch ein wenig. Es wird gut sein, wenn wir diese Papiere auf die Seite schaffen, ehe das Mädchen wieder hereinkommt. Wenn Sie das Testament und den Brief in einen Umschlag stecken wollen und Beides an den Admiral adressiren, so will ich Sorge tragen, daß der so verschlossene Inhalt sicher in seine Hände gelangt. —— Wollen Sie an den Tisch kommen, Mr. Noël, nur noch auf einen Augenblick?

Nein! Er bestand aus seinen Kopf, er weigerte sich vom Feuer aufzustehen, er war krank und ermüdet vom Schreiben, er wünschte nimmer geboren zu sein, und es ekelte ihn schon der bloße Anblick von Feder und Tinte an. Mrs. Lecounts ganze Geduld und ganze Ueberredungskunst war nöthig, um ihn zu bewegen, die Adresse des Admirals zum zweiten Male zu schreiben. Sie hatte nur so viel Erfolg, daß sie ihm das unbeschriebene Couvert auf der Schreibemappe entgegenbringen und es ihm schmeichelnd auf den Schooß legen konnte. Er brummte, er verschwor sich sogar, aber er versah doch zuletzt das Couvert mit folgender Anschrift:

ADMIRAL BARTAM
ST. CRUX

in der Marsch

DURCH GÜTE
der
MRS. LECOUNT.

Mit diesem Gefälligkeitsact hatte seine Gelehrigkeit ihr Endschaft erreicht. Er weigerte sich in den stärksten Ausdrücken das Couvert zu siegeln.

Es war keine Noth, ihn zu dieser Handlung zu drängen. Sein Petschaft lag auf dem Tische bereit da, und es kam wenig daraus an, ob er es anwendete oder statt seiner eine Vertrauensperson von ihm. Mrs. Lecount siegelte das Couvert mit den beiden sorgsam hineingelegten Iulagen zu.

Sie machte ihre Reisetasche zum letzten Male auf, hielt einen Augenblick inne, ehe sie das versiegelte Paquet wegsteckte und sah es noch einmal mit einer durch Worte nicht aussprechbaren Siegesfreude an. Sie lächelte, als sie es in die Tasche fallen ließ. Nicht der Schatten eines Zweifels, daß das Testament überflüssige Worte und Wendungen enthalten könnte, die ein praktischer Advocat nicht gebraucht haben würde, nicht die Spur einer Unsicherheit, daß der Brief nicht eine so vollständige Urkunde sei, wie ein praktischer Advocat sie gemacht haben würde, beunruhigte ihr Gemüth. In dem blinden Vertrauen, das aus ihrem Hasse gegen Magdalene und ihrem Rachedurst herstammte, dem blinden Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit und die Gesetzkunde ihres Freundes, rechnete sie mit Bestimmtheit auf die Zukunft im Sinne ihrer Bemühung von heute Morgen.

Als sie ihre Reisetasche schloß, zog Noël Vanstone die Klingel. Diesmal kam Louise daraus herein.

—— Mache das Gastzimmer zurecht, sagte ihr Herr, diese Dame wird heute hier über Nacht bleiben. Lüfte meine warmen Sachen, diese Dame und ich gehen morgen früh zusammen weg.

Die höfliche und unterwürfige Louise empfing ihre Befehle in düsterm Schweigen, schoß einen mürrischen Blick auf den räthselhaften Besuch ihres Herrn und verließ das Zimmer. Die Mädchen waren ersichtlich allesamt den Interessen ihres Herrn ergeben und alle insgesamt einer Meinung betreffs Mrs. Lecount.

—— Das wäre abgemacht, sprach Noël Vanstone mit einem Seufzer voll unendlicher Befriedigung. Kommen Sie und setzen Sie sich, Lecount, wir wollen es uns bequem machen, wir wollen am Feuer Eins Plaudern.

Mrs. Lecount nahm die Einladung an und schob einen Stuhl neben ihn. Er ergriff ihre Hand mit vertraulicher Zärtlichkeit und hielt sie in der seinigen, während die Unterhaltung ihren Verlauf nahm. Ein Fremder, der sie durchs Fenster gesehen hätte, würde sie für Mutter und Sohn gehalten und bei sich gedacht haben:

—— Was für ein trautes Selbander!

Die Unterhaltung, welche von Noël Vanstone geführt wurde, bestand wie gewöhnlich ans einer endlosen Reihe von Fragen und war ganz dem einen Gegenstande geweiht; seine Person und seine künftigen Anordnungen.

—— Wohin wollte ihn die Lecount nehmen, wenn sie den nächsten Tag weggehen wollten?...

—— Warum nach London?...

—— Warum sollte er in London gelassen werden, während die Lecount nach St. Crux weiter ging und dem Admiral Testament und Brief übegab?

—— Weil seine Frau ihm vielleicht folgen konnte, wenn er mit zum Admiral ginge?... Gut, daran war etwas.

—— Und weil er sorgfältig vor ihr in einer bequemen Wohnung bei Mr. Loscombe verborgen gehalten werden sollte? ...

—— Warum bei Mr. Loscombe?...

—— Ach, ja, sicherlich, nur um zu erfahren, was das Gericht thun würde, ihn zu unterstützen ...

—— Würde das Gericht ihn von der Frauensperson losmachen können, die ihn hinters Licht geführt? ...

—— Wie langweilig, daß es die Lecount nicht wußte! ...

—— Würde das Gericht sagen, daß er hingegangen und zum zweiten Male geheirathet habe, dadurch, daß er mit der Frauensperson wie Mann und Frau in Schottland gelebt habe?...

—— War in Schottand Alles, was öffentlich für eine Ehe gehalten wurde, wirklich eine Ehe, wie er gehört habe? ...

—— Wie äußerst langweilig von der Lecount, dazusitzen und zu sagen, sie wisse davon Nichts!...

—— Sollte er lange in London allein bleiben mit Niemand außer Mr. Loscombe, mit dem er sprechen könnte?...

—— Würde die Lecount so rasch zu ihm zurückkehren, als sie jene wichtigen Papiere in die Hände des Admirals niedergelegt haben würde.

—— Wollte die Lecount sich als noch in seinen Diensten stehend betrachten? ...

—— Die gute Lecount! die treffliche Lecount!...

—— Und wenn nun alle die gerichtlichen Schritte abgemacht wären, was dann?...

—— Warum nicht dieses entsetzliche England verlassen und wieder ins Ausland gehen?...

—— Warum nicht nach Frankreich reisen an irgend einen billigen Ort bei Paris? ...

—— Vielleicht nach VersailIes? Vielleicht St. Germain? ... In ein hübsches kleines französisches billiges Haus?... Mit einer hübschen französischen Bonne als Köchin, welche ihn nicht zu Grunde richtete durch übermäßiges Fett der Speisen?... Mit einem hübschen kleinen Garten, wo er selbst arbeiten, gesund werden und —— die Kosten eines Gärtners ersparen könnte? ...

—— Das wäre kein schlechter Gedanke? Und Das scheint sich für die Zukunft gut zu machen, nicht wahr, Lecount?...

So schwatzte es fort, das arme, schwächliche Wesen! Die elende kleine Spottgeburt von einem Manne!

Als die Dunkelheit hereinbrach und der kurze Novembertag zu Ende war, begann er schläfrig zu werden, —— seine endlosen Fragen hörten endlich auf, er schlief ein. Der Wind draußen sang sein trauriges Winterlied, das Trappeln vorübergehender Schritte, das Rollen vorbeifahrender Räder auf der Straße verstummte in traurigem Schweigen. Er schlief ruhig fort. Das Licht vom Kamin flackerte hin und her auf seinem bleichen kleinen Gesichte und seinen kraftlosen herabfallenden Händen. Mrs. Lecount hatte ihn noch nie bemitleidet. Nunmehr fing sie aber an ihn zu bedauern. Ihr Zweck war erreicht, ihr Interesse war in dem Testament gewahrt und gesichert; er hatte aus eigenem Antriebe seine künftige Existenz unter ihre mütterliche Sorge gestellt; das Kaminfeuer war so traulich: die Umstände waren dem Aufkeimen christlicher Milde günstig.

—— Armes Wesen! sagte Mrs. Lecount, indem sie ihn mit ernstem Mitgefühl anschaute —— armes Wesen!

Die Essensstunde weckte ihn. Er war bei Tisch ausgeräumt, er kam aus den Gedanken von dem billigen Häuschen in Frankreich zurück; er lächelte und schmunzelte und sprach französisch mit Mrs. Lecount, während das Hausmädchen und Louise abwechselnd, aber mit Widerwillen, bedienten. Als das Essen vorbei war, kehrte er aus seinen bequemen Stuhl vor dem Feuer zurück, und Mrs. Lecount folgte ihm. Er begann die Unterhaltung wieder, was bei ihm so viel hieß, als: er wiederholte seine Fragen. Aber er war nicht so lebhaft und rasch mit denselben, als er früher am Tage damit gewesen. Sie begannen nachzulassen, sie kehrten in längeren und immer längeren Pausen wieder, sie hörten endlich ganz auf. Gegen neun Uhr verfiel er wieder in Schlummer.

Dies Mal war es nicht ein ruhiger Schlaf. Er murmelte und knirschte mit den Zähnen und rückte seinen Kopf von einer Seite zur andern auf dem Stuhle. Mrs. Lecount machte absichtlich Geräusch, um ihn zu erwecken. Er erwachte mit starren Augen und gerötheten Wangen. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab mit einem neuen Gedanken im Kopfe, dem Gedanken, einen schrecklichen Brief zu schreiben, einen Brief mit ewigem Lebewohl an seine Frau.

Wie sollte der Brief geschrieben werden? In welcher Sprache sollte er seine Gefühle aussprechen? Die Sprachgewalt selbst eines Shakespeare wäre der Aufgabe gegenüber unzureichend. Er war das Opfer einer schlechterdings nicht ihres Gleichen habenden Unthat gewesen. Eine Elende hatte sich in seine Brust geschlichen! Eine Viper hatte sich an seinem Herde eingenistet! Wo konnte er Worte finden, sie mit der Schmach zu brandmarken, die sie verdiente?

Er hielt inne mit dem erdrückenden Gefühl der Ohnmacht seiner Wuth, er hielt inne und ballte zitternd seine Faust in die Luft.

Mrs. Lecount schlug sich jetzt mit einem Nachdruck und einer Entschlossenheit ins Mittel, welche nur von ihrer ernsten Besorgniß eingegeben war. Nach dem schweren Druck, welcher bereits auf seinen schwachen Geist ausgeübt worden war, konnte ein Ausbruch heftiger Leidenschaft, wie er jetzt sich bei ihm kund that, die Ruhe der Nacht ernstlich in Frage stellen und ihm die Kraft zur morgenden Reise rauben. Mit unendlicher Schwierigkeit, mit endlosen Versprechungen, morgen früh wieder auf den Gegenstand zurückkommen und ihm dabei mit Rath zur Hand gehen zu wollen, setzte sie es bei ihm durch, daß er auf sein Zimmer hinaufging und für den Abend Beruhigung faßte. Sie gab ihm ihren Arm, um ihn zu stützen. Unterwegs die Treppe hinauf wurde seine Aufmerksamkeit zu ihrer großen Freude durch einen neuen Einfall getheilt. Er erinnerte sich an eine gewisse warme stärkende Mischung von Wein, Ei, Zucker und Gewürz, welche sie oft in früheren Zeiten für ihn bereitet hatte, und welche, wie er glaubte, ihm ausbündig wohlthun würde, ehe er zu Bett ginge. Mrs. Lecount half ihm seinen Schlafrock anziehen und ging dann wieder die Treppe hinunter, um an dem Feuer im Wohnzimmer seinen Warmtrunk für ihn zu bereiten.

Sie zog die Klingel und bestellte in Noël Vanstones Namen die nöthigen Bestandtheile für die Mischung. Die Dienstmädchen brachten mit der kleinlichen Bosheit ihres Geschlechts, eins nach dem andern, diese Bestandtheile und ließen sie auf jedes derselben so lange als möglich warten. Sie hatte nun die Terrine und den Löffel, den Becher, das Reibeisen für die Muscatnuß und den Wein, allein nicht das Ei, den Zucker, noch das Gewürz: da hörte sie ihn oben geräuschvoll in seinem Zimmer auf- und abgehen, wie er sich ganz wahrscheinlich über den alten Gegenstand aufs Neue in Aufregung versetzte.

Sie ging abermals zu ihm hinauf, aber er war zu schnell für sie, er hörte sie draußen Vor der Thür, und als sie dieselbe öffnete, fand sie ihn auf seinem Stuhle, indem er ihr schlau den Rücken zugewendet hielt. Da sie ihn zu genau kannte, um eine Gegenvorstellung zu machen, zeigte sie ihm nur an, daß der Warmtrunk allsogleich kommen werde, und wandte sich, um das Zimmer zu verlassen. Unterwegs beim Hinausgehen bemerkte sie in einer Ecke einen Tisch mit Tintefaß und Papier darauf und versuchte, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen, die Schreibmaterialien wegzuschaffen. Aber er war wieder zu schnell für sie. Er frug sie zornig, ob sie an seinem gegebenen Versprechen zweifle. Sie stellte aus Besorgniß, ihn zu beleidigen, die Schreibmaterialien wieder auf den Tisch und verließ das Zimmer.

In einer halben Stunde war endlich die Mischung fertig. Sie trug sie ihm hinauf, heiß und schäumend in einem großen Becher.

—— Er wird darauf schlafen, dachte sie bei sich, als sie die Thüre öffnete; ich habe den Trunk darum stärker als gewöhnlich gemacht.

Er hatte seinen Platz verändert. Er saß an dem Tische in der Ecke, aber immer noch den Rücken ihr zugewandt, und —— schrieb. Dies Mal hatten ihm seine guten Ohren Nichts genutzt. Dies Mal ertappte sie ihn auf der That.

—— Ei, Mr. Noël! Mr. Noël sprach sie vorwurfsvoll, was soll man nun auf Ihr Versprechen geben?

Er antwortete nicht. Er saß mit seinem linken Ellenbogen auf dem Tische da, das Haupt gestützt auf seine linke Hand. Seine rechte Hand lag hinter ihm auf dem Papier mit derFeder lose in derselben.

—— Ihr Trank, Mr. Noel, sagte sie mit freundlicherem Tone, indem sie ihm nicht wehe thun mochte.

Er nahm keine Notiz von ihr.

Sie ging an den Tisch, um ihn zu wecken. War er so tief in Gedanken?

Er war todt.


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