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Namenlos



Neuntes Buch.

Auf Villa Baliol in Dumfries..

Erstes Capitel.

Gegen elf Uhr früh am dritten November bot der Frühstückstisch auf Villa Baliol jenen recht eigentlich ungemüthlichen Anblick dar, welchen eine Mahlzeit in einem Uebergangszustande zu gewähren pflegt, d. h. eine Mahlzeit, die für zwei Personen hergerichtet und bereits von einer derselben erledigt worden ist, ohne daß die andere sich derselben genähert hat. Es muß ein scharfer Appetit sein, welcher ohne augenblickliche Entmuthigung die zerbrochenen Eierschalen, die halbabgegessenen Fischgräten, die Fleischreste in der Schüssel und die Neigen in den Tassen anschauen kann. Es liegt gewiß eine ganz kluge Rücksichtnahme auf diese Schwäche der menschlichen Natur, die man achten und mit nichten tadeln muß, in der fürsorglichen Schnelligkeit, mit der die Bedienung an öffentlichen Orten alle Spuren des früheren Gastes aus den Augen des gegenwärtigen Gastes wegzuräumen beflissen ist. Mag auch der Vorgänger am Tische die Frau unserer Liebe oder das Kind unseres Herzens gewesen sein: Niemand kann sich den Spuren eines verschwundenen Essers gegenüber befinden, ohne das vorübergehende Gefühl des Widerwillens in Beziehung auf sein eigenes Mahl.

Solch ein Eindruck drängte sich auch Mr. Noël Vanstone auf, als er kurz nach elf Uhr in das einsame Frühstückszimmer auf Villa Baliol trat. Er sah mit Unlust auf den Tisch und zog die Klingel mit einem Ausdruck des Widerwillens...

—— Räume dies Essen hinweg, sprach er, als die Bedienung erschien. Ist Deine Herrin fort?

—— Ja, Sir, fast schon eine Stunde.

—— Ist Louise unten?

—— Ja, Sir.

—— Wenn Du den Tisch in Ordnung gebracht hast, so schicke Louisen zu mir herauf.

Er ging ans Fenster hin. Die augenblickliche Gereiztheit verschwand von seinem Gesichte, hinterließ aber einen gewissen bleibenden Ausdruck darin, einen Ausdruck von schmerzlicher Unzufriedenheit. Was sein Aeußeres anlangte, so hatte ihn seine Verheirathung zum Schlimmeren verändert. Seine weißlichen kleinen Wangen waren im Zusammenschrumpfen, seine schwächliche kleine Gestalt hatte sich schon leicht zusammengekrümmt. Die frühere Zartheit seiner Gesichtsfarbe war verschwunden —— die kränkliche Blässe derselben war Alles, was davon übrig war. Sein dünner, flachsgelber Schnurrbart war nicht mehr sorgfältig gewichst und in einen zierlichen Schnörkel gekräuselt, ihre zarten flaumigen Enden hingen matt herab über die kläglich verzogenen Mundwinkel hätte man die zehn bis zwölf Wochen seit seiner Verheiratung nach seinem Aussehen berechnen wollen, so konnten sie wohl als zehn bis zwölf Jahre geschätzt werden. Er stand am Fenster und las gedankenlos Blättchen aus einem Haidekrauttopfe, der davor stand, und summte traurig ein abgerissenes Stück von einer klagenden Melodie.

Die Aussicht vom Fenster ging auf den Nithfluß bei einer seiner Krümmungen, die wenige Meilen oberhalb Dumfries war. Hier und da durch winterliche Lücken auf dem bewaldeten Ufer begegneten breite Streifen des flachen bebauten Thallandes dem Auge. Boote fuhren auf dem Flusse, und Wagen rasselten auf der Landstraße auf ihrem Wege nach Dumfries. Die Luft war hell, die Novembersonne schien so freundlich, als wenn das Jahr um zwei Monate jünger wäre, und die in Schottland wegen ihres friedsamen freundlichen Zaubers berühmte Aussicht stellte sich im besten Lichte dar, wie es ihr winterlicher Charakter nur gestattete. Wenn sie in Nebel verhüllt oder mit Regen getränkt gewesen wäre, so würde sie Mr. Noël Vanstone allem Anscheine nach ebenso anziehend gefunden haben, als jetzt. Er wartete am Fenster, bis er Louisens Klopfen an der Thür hörte, drehte sich dann plötzlich nach der Frühstückstafel um und sagte: ——

—— Herein!

—— Bereite den Thee! sprach er weiter. Ich verstehe mich nicht darauf. Ich werde hier vernachlässigt. Niemand hilft mir.

Die verschwiegene Louise gehorchte schweigend und ehrerbietig.

—— Hinterließ Deine Herrschaft einige Worte für mich, frug er, ehe sie wegging?

—— Nichts Besonderes, nein, Sir. Meine Herrschaft sagte nur, sie würde zu spät kommen, wenn sie länger auf das Frühstück wartete.

—— Weiter sagte sie Nichts?

—— Sie sagte mir am Wagenschlage, Sir, daß sie sehr wahrscheinlich Ende der Woche zurück sein werde.

—— War sie: guter Laune an dem Wagenschlage?

—— Nein, Sir. Ich dachte, meine Herrin schiene sehr ängstlich und unruhig. —— Gibt es noch was zu thun für mich, Sir?

—— Ich weiß nicht. Warte eine Minute.

Er fuhr unbefriedigt mit seinem Frühstück fort. Louise wartete geduldig an der Thür.

—— Ich denke, Deine Herrin ist in der letzten Zeit immer schlechter Laune gewesen, begann er wieder mit einem plötzlichen Ausbruche von Unleidlichkeit.

—— Meine Herrin ist nicht sehr heiter gewesen, Sir.

—— Was meinst Du mit »nicht sehr heiter«? Denkst Du mir auszuweichen? Bin ich Nichts im Hause? Soll ich über Alles im Dunkeln gelassen werden? Kann Deine Herrin fortgehen nach ihren Geschäften und mich hier wie ein Kind zu Hause lassen —— und kann ich nicht einmal eine Frage über sie thun? Soll mir sogar ein Dienstbote ausweichend kommen? Ich will nicht, daß man mir ausweichend komme! Nicht sehr heiter? Was meinst Du mit Deinem »nicht sehr heiter«?

—— Ich meinte nur, daß meine Herrin nicht guter Laune war, Sir.

—— Warum konntest Du das nicht gleich sagen? Kennst Du nicht die Bedeutung mancher Worte? Die furchtbarsten Folgen hängen zuweilen mit der Unkenntniß der Bedeutsamkeit mancher Worte zusammen. Sagte Dir Deine Herrin, daß sie nach London ginge?

—— Ja, Sir.

—— Was dachtest Du Dir, als Dir Deine Herrin sagte, daß sie nach London ginge? Hieltest Du es für thöricht, daß sie ohne mich dahin ginge?

—— Ich nahm mir nicht heraus, es für thöricht zu halten, Sir. —— Ist hier noch Etwas für mich zu thun, Sir, darf ich bitten?

—— Was für ein Morgen ist es draußen? Ist es warm? Ist die Sonne im Garten?

—— Ja, Sir.

—— Hast Du die Sonne selbst im Garten gesehen?

—— Ja, Sir.

—— Gib mir meinen großen Rock, ich will einen Gang machen. Hat der Bediente ihn gebürstet? Hast Du selber den Bedienten ihn bürsten sehen? —— Was verstehst Du unter Bürsten, wenn Du sagst, er habe ihn gebürstet, sobald Du es nicht gesehen hast? Laß mich die Schöße sehen, wenn ein Staubfleck auf den Schößen ist, so drehe ich dem Bedienten den Hals um! Hilf mir ihn anziehen.

Louise half ihm den Rock anziehen und gab ihm seinen Hut. Er ging ärgerlich fort. Der Rock war lang —— er hatte seinem Vater gehört ——; der Hut war groß —— er paßte ihm nicht, er hatte ihn selber wohlfeil gekauft. Er stak über und über in seinem Hut und seinem Rock und sah daher äußerst klein, schwächlich und elend aus, wie er in dem winterlichen Sonnenschein seines Weges dahinwandelte den Gartenweg entlang. Der Pfad zog sich sanft hinter dem Hause vor nach der Wasserseite hin, und dort war er durch ein niederes hölzernes Gehege begrenzt. Nachdem er langsam eine kleine Weile rückwärts und vorwärts gewandelt war, blieb er am unteren Ende des Gartens stehen, lehnte sich gegen das Staket und schaute unaufmerksam auf die glatte Fluth des Flusses nieder.

Seine Gedanken eilten hinweg und waren noch immer bei dem Gegenstande seiner ersten ärgerlichen Frage an Louisen, er grübelte über die Umstände nach, unter denen seine Gattin diesen Morgen die Villa verlassen hatte, und über den Mangel an Achtung vor ihm selbst, welcher in der Art ihrer Abreise lag. Je länger er über seinen Kummer nachsann, desto empfindlicher fühlte er dessen Stachel. Er hatte ein starkes Zartgefühl, wenn es sich um eine Verletzung seines Selbstgefühles handelte! Sein Haupt sank allmählich auf seine Arme herab, wie sie auf dem Staket ruhten, und in der tiefen Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung seufzte er bitterlich. ——

Der Seufzer wurde durch eine Stimme dicht an seiner Seite beantwortet.

—— Bei mir waren Sie doch glücklicher, Sir! sagte die Stimme im Tone zartesten Bedauerns.

Er schaute auf mit einem Schrei, buchstäblich mit einem Schrei und —— stand Mrs. Lecount gegenüber.

War es der Geist dieses Weibes oder das Weib selber? Ihr Haar war weiß, ihr Gesicht war eingefallen, ihre Augen sahen groß, hell und verstört über ihre hohlen Wangen herunter. Sie war alt und hinfällig geworden. Ihr Kleid hing in Falten um ihre eingefallene Gestalt: nicht eine Spur von ihrer muntern herbstlichen Schönheit war geblieben. Die ruhige verschlossene Entschiedenheit, die sanft einschmeichelnde Stimme —— das waren die einzigen Ueberbleibsel aus der Vergangenheit, welche Mrs. Lecount infolge ihrer Krankheit und ihrer Leiden geblieben waren.

—— Fassen Sie sich, Mr. Noël, sagte sie sanft. Sie haben keine Ursache, bei meinem Anblicke zu erschrecken Ihr Dienstmädchen sagte mir, als ich sie frug, daß Sie im Garten seien, und ich kam hierher, Sie zu suchen. Ich habe Sie ohne Groll aufgespürt, Sir, gegen Ihren Willen, aber ohne Sie nur durch den Schatten eines Vorwurfs betrüben zu wollen. Ich komme hierher in Dem, was da war und noch ist die Beschäftigung meines Lebens: in Ihrem Dienste. Er erholte sich ein wenig, war aber noch immer unfähig zu sprechen. Er hielt sich an dem Staket fest und starrte Sie an.

—— Versuchen Sie im Geiste zu fassen, Sir, was ich zu Ihnen sage, fuhr Mrs. Lecount fort. Ich bin nicht als Ihre Feindin, sondern als Ihre Freundin hierhergekommen. Ich bin heimgesucht worden durch Krankheit, bin heimgesucht worden durch Herzeleid. Nichts ist von mir übrig geblieben, als mein Herz. Mein Herz vergibt Ihnen, mein Herz stellt mich in Ihrer herben Noth, einer Noth, die Sie erst noch kennen sollen, als Dienerin an Ihre Seite. Nehmen Sie meinen Arm, Mr. Noël. Ein kleiner Gang in der Sonne wird Ihnen helfen wieder zu sich zu kommen.

Sie steckte seine Hand unter ihren Arm und führte ihn langsam den Gartenweg hinauf. Ehe sie fünf Minuten in seiner Gesellschaft war, hatte sie bereits wieder vollen Besitz von ihm genommen, als wie von einem ihr zustehenden Rechte.

—— Nun wieder hinunterwärts, Mr. Noël, sagte sie, langsam wieder hinunter in diesem schönen Sonnenschein. Ich habe Ihnen viel zu sagen, Sir, was Sie niemals von mir zu hören erwartet haben. Lassen Sie mich eine kleine häusliche Frage thun. Man sagte mir an der Hausthür, Mrs. Noël Vanstone sei verreist. Ist sie auf lange verreist?

Die Hand ihres Herrn zitterte auf ihrem Arme, als sie diese Frage that. Anstatt sie zu beantworten, versuchte er schwach, sich zu entschuldigen. Die ersten Worte, welche ihm entschlüpften, wurden durch das erste Zurückkehren seines Bewußtseins, eingegeben, des Bewußtseins, daß seine Haushälterin ihn in ihren Gewahrsam genommen habe. Er versuchte sich im Guten mit Mrs. Lecount auseinander zu setzen.

—— Ich dachte immer, Etwas für Sie zu thun, sagte er mit gezwungenem Lächeln. Sie würden von mir binnen Kurzem gehört haben. Auf mein Wort und meine Ehre, Lecount, Sie würden binnen Kurzem von mir gehört haben!

—— Ich ziehe es gar nicht in Zweifel, Sir, erwiderte Mrs. Lecount. Aber jetzt, bitte, denken Sie gar nicht an mich. Jetzt kommen Sie und Ihre Interessen zuerst.

—— Wie kamen Sie nur hierher? frug er, erstaunt auf sie hin blickend. Wie konnten Sie mich ausfindig machen?

—— Das ist eine lange Geschichte, Sir, ich will Sie Ihnen ein ander Mal erzählen. Lassen Sie es genug sein, wenn ich jetzt sage, ich habe Sie gefunden. Wird Mrs. Noël heute wieder heimkehren? —— Ein wenig lauter, Sir, ich kann Sie kaum verstehen. —— So! so! Nicht wieder zurück vor Ende der Woche! Und wohin ist sie gegangen? —— Nach London sagte Sie? Und wozu? —— ich bin nicht neugierig, Mr. Noël; ich thue ernste Fragen und nur nothgedrungen. Warum hat Ihre Frau Sie hier verlassen und ist allein nach London gegangen?

Sie waren wieder beim Staket unten, als sie diese letzte Frage stellte, und sie wartete daran gelehnt, daß Noël Vanstone antworten sollte. Ihre wiederholten Versicherungen, daß sie ihm nicht böse sei, brachten allmählich ihre Wirkung auf ihn hervor: er begann sich vom Schreck zu erholen. Die alte trostlose Gewohnheit, alle seine Klagen an seine Haushälterin zu richten, kehrte bereits wieder, so wie Mrs. Lecount wieder auftrat, kehrte sogleich wieder in Verbindung mit dem ihn meisternden Verlangen, von seinen Unannehmlichkeiten zu sprechen, das ihn schon an dem Frühstückstische überwältigt und die seiner Eitelkeit angethanene Verletzung der Kammerjungfer seiner Frau gegenüber verrathen hatte.

—— Ich kann nicht einstehen für Mrs. Noël Vanstone, sagte er giftig, Mrs. Noël Vanstone hat mich nicht mit der mir zukommenden Achtung behandelt. Sie hat meine Erlaubniß als gegeben vorausgesetzt und nur für gut befunden, mir zu sagen, daß der Zweck ihrer Reife sei, ihre Freunde in London zu besuchen. Sie ging diesen Morgen fort, ohne mir Lebewohl zu sagen, sie geht ihren eigenen Weg, als ob ich Nichts wäre, sie behandelt mich wie ein Kind. Sie können es nicht glauben, Lecount, —— aber ich weiß nicht einmal, wer denn ihre Freunde sind. Ich bin ganz im Dunkeln gelassen —— man überläßt mir zu. errathen, daß ihre Freunde in London ihr Oheim und ihre Tante sind.

Mrs. Lecount sah bei sich die Frage im Lichte ihres eigenen in London erlangten Wissens von der Sache an. Sie fand alsbald den naheliegenden Schluß. Nachdem Magdalene ihrer Schwester im ersten Augenblicke geschrieben hatte, war sie aller Wahrscheinlichkeit nach dem Briefe in Person nachgefolgt. Es war kaum zu bezweifeln, daß die Freunde, die sie in London besuchen wollte, keine anderen als ihre Schwester und Miss Garth seien.

—— Nicht ihr Oheim und ihre Tante, Sir, begann Mrs. Lecount ruhig aufs Neue. Ich will Ihnen Etwas unter vier Augen sagen: Sie hat gar keinen Oheim und keine Tante. Aber erst noch einen kleinen Gang durch den Garten, ehe ich mich deutlicher erkläre —— noch einen kleinen Gang, unt Ihren Geist zu beruhigen.

Sie nahm ihn noch einmal in Beschlag und führte ihn nach dem Hause zurück.

—— Mr. Noël, sagte sie, indem sie plötzlich mitten im Gehen inne hielt. Wissen Sie, was das schlimmste Unglück war, das Sie sich in Ihrem Leben zufügten? —— Ich will es Ihnen sagen. Das größte Unglück war —— daß Sie mich nach Zürich schicken.

Seine Hand begann abermals aus ihrem Arm zu zittern.

Ich habe es nicht gethan! schrie er kläglich. Es war Mr. Bygrave allein.

—— Sie geben also zu, Sir, daß Mr. Bygrave mich hinterging? fuhr Mrs. Lecount fort. Ich bin froh, Das zu hören. Sie werden dann um so bereitwilliger sein, die nächste Entdeckung zu machen, die Ihrer harrt, die Entdeckung, daß Mr. Bygrave auch Sie getäuscht hat. Er ist nicht hier, um mir durch die Finger zu schlüpfen, und ich bin hier nicht die verlassene Frau, die ich in Aldborough war. Gott sei Dank!

Sie murmelte diesen frommen Ausruf zwischen den Zähnen. Ihr ganzer Haß gegen Hauptmann Wragge zischte ihr in diesen Worten über die Lippen.

—— Seien Sie so gut, Sir, und halten Sie einmal die eine Seite meiner Reisetasche, begann sie wieder, während ich sie öffne und Etwas herausnehme.

Das Innere der Tasche brachte eine Anzahl sauber zusammengefalteter Papiere, die alle in Ordnung und von außen nummeriert waren, zu Tage. Mrs. Lecount nahm eines von den Papieren heraus und schloß die Tasche wieder zu durch einen Druck auf das Schloß, das laut zuschnappte.

—— In Aldborough, Mr. Noël, hatte ich nur meine Ansicht zu meiner Unterstützung, bemerkte sie. Meine Ansicht war, gegen Miss Bygraves Jugend und Schönheit und Mr. Bygraves Abgefeimtheit ließe sich Nichts sagen. Ich konnte nur mit handhaften Beweisen Ihre Behexung zu bekämpfen hoffen, und zu damaliger Zeit hatte ich sie nicht. Jetzt habe ich sie aber! Ich bin über und über bewaffnet mit Beweisen, ich starre von Kopf bis zu Fuß von Beweisen, ich breche mein erzwungenes Stillschweigen und spreche zu Ihnen mit dem vollen Gewicht meiner Beweise. —— Kennen Sie diese Schrift, Sir?

Er fuhr vor dem Papier zurück, das sie ihm vorhielt.

—— Ich verstehe Dies nicht, sagte er gereizt und aufgeregt. Ich weiß gar nicht, was Sie wollen oder was Sie meinen ——.

Mrs. Lecount drückte ihm das Papier mit Gewalt in die Hand.

—— Sie sollen erfahren, was ich meine, Sir, wenn Sie mir nur einen Augenblick aufmerksam zuhören wollen, sagte sie. —— An dem Tage, nachdem Sie nach St. Crux gegangen waren, erhielt ich Einlaß in Mr. Bygraves Haus —— und hatte eine geheime Unterredung mit Mr. Bygraves Frau. Diese Unterredung verschaffte mir die Mittel in die Hände, um Sie zu überzeugen, Mittel, nach denen ich Woche auf Woche vorher getrachtet hatte. Ich schrieb Ihnen einen Brief, um Ihnen Das zu erzählen, um Ihnen zu melden, daß ich meine Stelle in Ihren Diensten und meine Anwartschaft auf Ihre Freigebigkeit aufs Spiel setzen wollte, falls ich, sobald ich aus der Schweiz zurück käme, Ihnen nicht bewiese, daß mein geheimer Argwohn gegen Miss Bygrave begründet sei. Ich richtete diesen Brief an Sie nach St. Crux und gab ihn selbst auf die Post. Jetzt, Mr. Noël, lesen Sie das Papier, das ich Ihnen in die Hand gedrückt habe. Es ist Admiral Bartrams schriftliche Erklärung, daß mein Brief nach St. Crux gelangte und daß er ihn selber im Einschluß an Mr. Bygrave auf Ihr eigenes Geheiß an Sie weiter besorgte. Gab Ihnen Mr. Bygrave jemals diesen Brief? Regen Sie sich nicht auf, Sir! Ein Wort der Antwort wird genügen —— Ja oder Nein?

Er las das Papier und sah zu ihr mitwachsender Verwirrung und Furcht hinauf. Sie wartete hartnäckig, bis er sprach.

—— Nein, sagte er schwach; ich erhielt niemals diesen Brief.

—— Erster Beweis! sagte Mrs. Lecount, indem sie ihm das Papier wieder wegnahm und es in den Reisesack steckte. Noch einen weiteren mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ehe wir zu noch ernsteren Dingen kommen. Ich gab Ihnen, Sir, zu Aldborough die schriftliche Beschreibung einer nicht genannten Person und ersuchte Sie, dieselbe mit Miss Bygrave zu vergleichen, sobald Sie das nächste Mal in deren Gesellschaft seien. Nachdem Sie erst Mr. Bygrave die Beschreibung gezeigt haben, —— es ist unnöthig, es jetzt zu leugnen, Mr. Noël, Ihr Freund auf Nordsteinvilla ist nicht hier, um Ihnen zu helfen! —— nachdem Sie meinen Zettel erst Mr. Bygrave gezeigt hatten, machten Sie die Vergleichung und fanden, daß sie in dem wichtigsten Punkte nicht zutraf. Wohl waren zwei kleine Male dicht neben einander auf der linken Seite des Nackens in meiner Beschreibung der unbekannten Dame angegeben; aber es waren durchaus keine solchen vorhanden, als Sie Miss Bygraves Nacken anschauten. —— Ich bin alt genug, um Ihre Mutter sein zu können, Mr. Noël. Wenn die Frage nicht unzart ist —— darf ich fragen, wie es jetzt mit Ihrer Kenntniß von dem Nacken Ihrer Frau steht?

Sie sah ihn mit unbarmherziger Festigkeit an. Er zog sich einige Schritte zurück, indem er sich vor ihrem Blicke nieder duckte.

—— Ich kann es nicht sagen, stammelte er, ich weiß es nicht... Was wollen Sie mit diesen Fragen sagen?.. Ich habe niemals wieder an die Male gedacht, ich sah nie wieder hin... Sie trägt ihr Haar tief herunter...

—— Sie hat allen Grund, ihr Haar so zu tragen, Sir, bemerkte Mrs. Lecount. Wir wollen suchen und das Haar in die Höhe ziehen, ehe wir mit dem Gegenstand vollends fertig sein werden. —— Ich sah, als ich hierher kam, um Sie im Garten aufzusuchen, eine hübsche junge Person durchs Küchenfenster mit ihrer Arbeit in der Hand, die mir wie eine Kammerjungfer aussah. Ist diese junge Person die Kammerjungfer Ihrer Gattin? Entschuldigen Sie, Sir, sagten Sie jetzt Ja? —— In diesem Falle noch eine andere Frage, wenn es Ihnen gefällig ist. Haben Sie dieselbe in Dienst genommen, oder Ihre Gattin?

—— Ich nahm sie in Dienst...

—— Während ich weg war? Während ich in gänzlicher Unkenntniß darüber war, daß Sie damit umgingen, eine Frau oder eine Kammerjungfer zu nehmen?

—— Ja.

—— Unter diesen Umständen, Mr. Noël, können Sie füglich nicht auf den Gedanken kommen, als stecke ich mit dem Mädchen unter einer Decke, um gegen Sie Ränke zu spinnen. Gehen Sie hinein, Sir, während ich hier außen warte. Fragen Sie das Mädchen, das früh und abends Mrs. Noël Vanstone die Haare macht, ob seine Herrin ein Muttermal auf der linken Seite ihres Nackens hat, und wenn dies der Fall ist, was es für ein Mal ist.

Er ging wenige Schritte nach dem Hause zu, ohne ein Wort herauszubringen, blieb dann stehen und sah nach Mrs. Lecount zurück. Seine blinzelnden Augen waren fest, und sein weißliches Gesicht war plötzlich wieder ruhig geworden. Mrs. Leconnt ging ein wenig vorwärts und trat zu ihm. Sie sah die Veränderung, irrte sich jedoch bei aller ihrer Erfahrung von ihm in der Erklärung derselben.

—— Brauchen Sie einen Vorwand, Sir? frug sie. Fehlt es Ihnen an einem »Gewerbchen«, um der Kammerjungfer Ihrer Gattin eine Frage vorzulegen, wie Sie nach meinem Wunsche thun sollen? Vorwände sind leicht gefunden, welche Personen in deren Lebensstellung genügen müssen. Sagen Sie ihr, ich sei hierhergekommen mit der Nachricht von einem Vermächtniß für Mrs. Noël Vanstone, und es sei erst dabei die Frage zu entscheiden, ob sie die rechte Person sei, ehe sie das Geld erhalten könne.

Sie zeigte auf das Haus. Er schenkte diesem Winke keine Aufmerksamkeit. Sein Gesicht wurde bleicher und bleicher. Ohne sich zu rühren oder zu sprechen, stand er da und schaute sie an.

—— Fürchten Sie sich? frug Mrs. Leconut.

Diese Worte stachelten ihn auf, diese Worte warfen endlich einen Funken von Männlichkeit in ihn. Er wandte sich nach ihr um, wie ein Lamm gegen einen Hund.

—— Ich will nicht ausgefragt und gegängelt sein! brach er heraus, indem er unter dem neuen Gefühl seines eigenen Muthes heftig zitterte. Ich will mir nicht länger bange machen und mich im Dunklen herum führen lassen! Wie fanden Sie mich an diesem Orte aus? Was wollen Sie eigentlich hier mit Ihren Andeutungen und Ihrer Geheimnißkrämerei? Was haben Sie gegen meine Frau vorzubringen?

Mrs. Lecount öffnete ruhig ihre Reisetasche und nahm ihr Riechfläschchen heraus, um es für den Nothfall bei der Hand zu haben.

—— Sie haben deutlich mit mir gesprochen, sagte sie. Sie sollen nun auch in deutlichen Worten Ihre Antwort haben.

Ihre Blicke und ihre Stimme setzten ihn unwillkürlich in Furcht. Sein Muth begann wieder zu sinken und, so verzweifelt er auch versuchte, seine Stimme fest zu machen, so zitterte sie doch, als er ihr antwortete.

—— Geben Sie mir die Antwort, sagte er, aber geben Sie mir sie sogleich.

—— Ihr Befehl soll buchstäblich befolgt werden, versetzte Mrs. Lecount. Ich bin hierher gekommen aus zweierlei Gründen: Ihnen die Augen zu öffnen über Ihre Lage und dann Ihnen Ihr Vermögen zu retten, vielleicht auch Ihr Leben. —— Ihre Lage ist folgende. Miss Bygrave hat Sie unter falschem Charakter und Namen geheirathet. —— Können Sie Ihr Gedächtnis; auffrischen? Können Sie sich des verkleideten Frauenzimmers entsinnen, welches Sie auf der Vauxhallpromenade bedrohte? Jenes Frauenzimmer ist —— so gewiß ich hier vor Ihnen stehe —— jetzt Ihre Frau.

Er sah sie in athemlosem Schweigen an. Der Mund blieb ihm offen stehen, seine Augen starrten leer vor sich hin und forderten Erklärung. Die Plötzlichkeit der Enthüllung hatte über ihr Ziel hinausgeschossen. Sie hatte ihn verblüfft.

—— Meine Frau? wiederholte er und brach in ein dummes Lachen aus.

—— Ihre Frau, wiederholte Mrs. Lecount.

Bei diesen abermals gesprochenen Worten ließ der betäubende Druck auf seinem Geiste nach. Ein Gedanke dämmerte ihm zum ersten Male auf. Seine Augen hefteten sich auf sie mit geheimen: Schrecken, und er zog sich schnell von ihr zurück.

—— Wahnsinnig! sprach er vor sich hin, indem ihm auf einmal einfiel, was sein Freund Mr. Bygrave ihm zu Aldborough gesagt hatte, und worin er nun durch seine eigenen Augen durch die häßliche Veränderung, die er auf ihrem Gesichte wahrnahm, bestärkt wurde.

Er flüsterte es nur vor sich hin, aber Mrs. Lecount hörte es. Sie war augenblicklich wieder neben ihm. Zum ersten Male verließ? sie ihre Selbstbeherrschung, und sie faßte ihn zornig beim Arm.

—— Wollen Sie meinen Wahnsinn auf die Probe stellen, Sir? frug sie.

Er machte sich von ihr los, er begann wieder Muth zu schöpfen bei der starken Aufrichtigkeit seines Unglaubens, Muth um der Behauptung entgegenzutreten, welche sie fortfuhr, ihm aufzudrängen.

—— Ja, antwortete er. Was soll ich thun?

—— Thun Sie, was ich Ihnen sagte, sprach Mrs. Lecount. Legen sie auf der Stelle der Jungfer jene Frage über ihre Herrin vor. Und wenn sie Ihnen sagt, daß das Mal dort ist, so thun Sie noch Etwas. Nehmen Sie mich mit in das Zimmer Ihrer Frau und machen Sie in meiner Gegenwart bereit Kleiderschrank mit eigenen Händen auf.

—— Was haben Sie mit ihrem Kleiderschrank zu thun?

—— Das sollen Sie erfahren, wenn Sie ihn aufmachen.

—— Sehr seltsam! sagte er gedankenlos vor sich hin. Es ist wie eine Scene in einem Romane, es geht gar nicht natürlich zu...

Er ging langsam ins Haus, und Mrs. Lecount wartete auf ihn im Garten.

Nachdem er wenige Minuten abwesend gewesen war, kam er wieder zum Vorschein auf der aus dem Garten ins Haus führenden Treppe. Er hielt sich mit einer Hand an das eiserne Geländer, während er mit der andern Mrs. Lecount bat, zu ihm auf die Treppe zu kommen.

—— Was sagt das Mädchen? frug sie, als sie ihm nahe, war ist das Mal da?

Er antwortete:

—— Ja.

Was er von dem Mädchen gehört, hatte eine merkwürdige Veränderung in ihm hervorgebracht. Das Entsetzen der bevorstehenden Enthüllung hatte sich bereits lähmend auf seinen Geist gelegt. Er bewegte sich, ohne zu wissen, was er that, er sah aus und sprach wie im Traume.

—— Wollen Sie meinen Arm nehmen, Sir?

Er schüttelte mit dem Kopfe und wies sie, indem er ihr in der Flur und die Treppe hinauf voranschritt, in das Zimmer seiner Frau. Als sie zu ihm trat und die Thür aufschloß, stand er da und ließ Alles geschehen, indem er sich, ohne eine Bemerkung zu machen, ohne äußerlich eine Ueberraschung zu verrathen, von ihr leiten ließ. Er hatte weder Hut noch Ueberrock abgelegt. Mrs. Lecount nahm ihm Beides ab.

—— Ich danke Ihnen, sagte er mit der Gelehrigkeit eines wohlgezogenen Kindes. —— Es ist wie eine Scene in einein Roman es geht nicht natürlich zu...

Das Schlafgemach war nicht sehr groß, und die Möbel waren plump und altmodisch. Aber Spuren von Magdalenens natürlichen: Geschmack und Schönheitssinn waren überall sichtbar in den kleinem Ausputz, welcher das Ansehen des Zimmers verschönte und belebte. Der Duft von trockenen Rosenblättern war in der kalten Luft vorherrschend und stark. Mrs. Lecount roch diesen Duft mit schauderndem Widerwillen und öffnete das Fenster von Unten bis oben.

—— Puh! sagte sie mit tugendsamem Entsetzen, die echte Luft des Betrages!

Sie fetzte sich an das Fenster. Der Kleiderschrank stand an der Wand gegenüber, und das Bett war an der Seite ihr zur Rechten.

—— Machen Sie den Kleiderschrank auf, Mr. Noël, sagte sie. Ich komme ihm nicht zu nahe, ich rühre darin Nichts an. Nehmen Sie die Kleider mit eigener Hand heraus und legen Sie dieselben aufs Bett. Nehmen Sie eins nach dem andern heraus, bis ich sage, daß Sie aufhören.

Er gehorchte ihr.

—— Ich wills so gut machen als ich kann. Meine Hände sind kalt, und mein Kopf ist halb im Schlafe...

Der zu entfernenden Kleider waren nicht viele; denn Magdalene hatte einige derselben mit fortgenommen. Nachdem er zwei Kleider aufs Bett gelegt hatte, wurde er genöthigt, in den inneren Räumen des Schrankes zu suchen, ehe er ein drittes finden konnte. Als er es hervorbrachte, gab ihm Mrs. Lecount ein Zeichen, inne zu halten. Der Zweck war bereits erreicht, er hatte das braune Alpacakleid gefunden.——

—— Legen Sie es auf dem Bett auseinander, sagte Mrs. Lecount. Sie werden eine doppelte Frisur um den Saum desselben laufen sehen. Heben Sie die äußere Frisur in die Höhe und lassen Sie die innere Zoll für Zoll durch Ihre Finger gleiten. Wenn Sie zu einer Stelle kommen, wo ein Stück ans dem Zeuge fehlt, so halten Sie inne und sehen Sie mich an.

Er ließ die Frisur langsam durch die Finger gehen über eine Minute, hielt dann inne und sah auf. Mrs Lecount holte ihre Brieftasche heraus und öffnete sie.

—— Jedes Wort, das ich jetzt sage, Sir, ist von ernsten Folgen für Sie und für mich, sprach sie. Hören Sie mich mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an. —— Als das Weib, das sich Miss Garth nannte, uns auf Vanxhallpromenade besuchte, kniete ich hinter dem Stuhle, auf welchem es saß, nieder und schnitt ein Stückchen Zeug von dem Kleide aus, das es trug, um mit Hilfe desselben das Kleid wieder zu kennen, wenn ich es je wiedersah. Ich that dies, als die ganze Aufmerksamkeit des Frauenzimmers auf das Gespräch mit Ihnen gerichtet war. Das Stückchen Zeug ist in meiner Brieftasche geblieben. Von jener Zeit an bis zu diesem Augenblicke. Sehen Sie selbst, Mr. Rost, ob es in die Lücke des Kleides paßt, welches Sie eben eigenhändig aus dem Kleiderschrein Ihrer Frau genommen haben.

Sie stand auf und gab ihm übers Bett das Stück Zeug in die Hand. Er legte es in die fehlende Stelle der Frisur, so gut es seine zitternden Finger ihm gestatteten.

—— Paßt es, Sir? frug Mrs Lecount.

Das Kleid fiel ihm aus-den Händen, und die tödtliche bläuliche Blässe, vor welcher jeder Doktor, der ihn in Behandlung gehabt hatte, seine Haushälterin gewarnt hatte, verbreitete sich langsam über sein Gesicht. Mrs. Lecount hatte nicht auf eine solche Antwort auf ihre Frage gerechnet, wie sie jetzt auf seinen Wangen sah. Sie eilte um das Bett herum auf ihn zu mit dem Riechfläschchen in der Hand. Er sank auf seine Kniee und hielt sich an ihrem Kleide mit dem angstvollen Klammern eines Ertrinkenden.

—— Retten Sie mich! röchelte er in heiserm, athemlosem Flüstern. Ach, Lecount, retten Sie mich!

—— Ich verspreche, Sie zu retten, sprach Mrs. Lecount, ich bin hier mit den Mitteln und dem entschlossenen Willen, Sie zu retten. Kommen Sie von diesem Orte hinweg, kommen Sie näher an die Luft.

Sie hob ihn in die Höhe, wie sie so sprach, und führte ihn durchs Zimmer nach dem Fenster hin.

—— Fühlen Sie wieder die linke Schläfe schmerzen? frug sie mit den früheren Zeichen von Unruhe, die sie jetzt an den Tag gelegt hatte. Hat Ihre Frau etwas Eau de Cologne, etwas flüchtiges Salz in ihrem Zimmer? Machen Sie sich nicht matt durch Sprechen, —— zeigen Sie nur auf die Stelle!

Er zeigte nach einem kleinen dreieckigen Wandschrank von altem wurmstichigen Nußholz, der in einer Ecke des Zimmers in der Höhe an gebracht war. Mrs Lecount versuchte ihn zu öffnen, die Thür war verschlossen.

Als sie diese Entdeckung machte, sah sie sein Haupt allmählich auf den Lehnstuhl sinken, auf den sie ihn gesetzt hatte. Die Warnung des Arztes in früheren Jahren:

—— Lassen Sie ihn ohnmächtig werden, so ist es sein Tod! fiel ihr wieder ein, als wenn sie erst gestern gesprochen wäre. Sie sah wieder auf den Wandschrank. In einem Behältniß unter demselben lagen einige Stücke Bindfaden, die dahin gelegt waren zum Zwecke des Einpackens. Ohne einen Augenblick zu zögern, hob sie ein Stück Bindfaden auf, band das eine Ende fest an den Knopf der Schrankthür, faßte dann das andere Ende mit beiden Händen und zog dieselben plötzlich mit Aufbietung aller Kräfte an. Das morsche Holz gab nach, die Schrankthür flog auf, und ein Haufen kleiner Nippsachen fiel mit Geräusch auf den Boden. Ohne sich bei dem zerbrochenen Porzellan und Glaswerk zu ihren Füßen aufzuhalten, schaute sie in die dunklen Fächer des Schrankes und sah das Funkeln zweier Glasfläschchen. Eins stand ganz hinten auf dem Brete, das andere ein wenig weiter vorn und verdeckte es beinahe. Sie ergriff sie beide zugleich und nahm sie, in jeder Hand eins, an das Fenster, wo sie ihre Signaturen bei hellerem Lichte sehen konnte. Das Fläschchen in ihrer rechten Hand war das erste, das sie ansah, es war bezeichnet:

Salz

Also Riechsalz. Sie legte sofort das andere Fläschchen neben sich auf den Tisch, ohne es weiter anzusehen. Das andere Fläschchen lag da, indem es wartete, bis es an die Reihe kam. Es enthielt eine dunkle Flüssigkeit und war bezeichnet:

Gift

Mrs. Lecount vermischte das flüchtige Salz mit Wasser und wandte es sofort an. Das Reizmittel that seine Wirkung. In wenigen Minuten war Noël Vanstone im Stande, sich ohne Beistand in dem Stuhle zu erheben, seine Farbe änderte sich wieder zum Bessern, und sein Athemholen ging wieder weniger beklommen von Statten.

—— Wie befinden Sie sich jetzt, Sir? frug Mrs. Lecount. Sind Sie wieder auf der linken Seite warm?

Er schenkte dieser Frage keine Aufmerksamkeit, seine Augen, die im Zimmer umhergingen, richteten sich zufällig nach dem Tische. Zu Mrs. Lecounts Verwunderung beugte er sich, anstatt ihr zu antworten, in seinem Stuhle vorwärts und schaute mit starren Augen und Deuten der Hand auf das zweite Fläschchen, welches sie aus dem Schranke genommen und hastig bei Seite gestellt hatte, ohne es zu beachten. Da sie sah, daß irgend etwas Anderes ihm Unruhe verursachte, ging sie nach dem Tische und sah auch dahin, wohin er blickte. Die Seite mit dem Zettel war ganz sichtbar, und da in der deutlichen Handschrift des Apothekers zu Aldborough sah ihnen Beiden das eine schreckliche Wort ins Gesicht:

Gift.

Sogar Mrs. Lecounts Selbstbeherrschung wurde durch diese Entdeckung erschüttert. Sie war nicht vorbereitet, ihre düstersten Ahnungen, die unerkannte Quelle ihres Hasses gegen Magdalenen, so verwirklicht vor ihren Augen zu sehen. —— Die Selbstmörderverzweiflung in welcher das Gift angeschafft worden war, der Selbstmordzweck, zu welchem ein an der Zukunft verzagendes Herz das Gift in Bereitschaft gesetzt, hatten nun ihren Lohn dahin. Da lag das Fläschchen in Magdalenens Abwesenheit als falscher Zeuge eines Anschlages, der nimmer in ihre Seele gekommen, des Anschlages gegen ihres Gatten Leben! ——

Mit seiner Hand noch immer unwillkürlich auf den Tisch deutend, erhob Noël Vanstone sein Haupt und sah zu Mrs. Lecount auf.

—— Ich nahm es aus dem Schranke, sagte sie zur Antwort auf den Blick. Ich nahm beide Fläschchen zusammen heraus, indem ich nicht wußte, welches dasjenige sein mochte, das ich brauchte. Ich bin ebenso erschreckt, ebenso beängstigt als Sie.

—— Gift! sprach er vor sich hin langsam, Gift —— von meiner Gattin auf dem Schranke in ihrem Zimmer verschlossen gehalten!

Er hielt inne und sah noch einmal auf Mrs. Lecount.

—— Für mich? frug er in einem zerstreuten, forschenden Tone.

—— Wir wollen nicht davon sprechen, Sir, bis nicht Ihr Geist erst ruhiger geworden ist, sagte Mrs. Lecount. Lassen Sie uns versuchen, diese fürchterliche Entdeckung über der Gegenwart zu vergessen, wir wollen sogleich hinunter gehen. Alles, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, läßt sich in einem andern Zimmer sagen.

Sie half ihm vom Stuhle auf und nahm seinen Arm unter den ihrigen.

—— Es ist gut für ihn, gut für mich, dachte sie, als sie zusammen hinuntergingen, daß ich gerade jetzt kam. ——

Als sie über die Flur gingen, schritt sie auf die vordere Thür zu, wo der Wagen wartete, der sie von Dumfries hergebracht hatte, und gab dem Kutscher den Befehl, seine Pferde in dem nächsten besten Gasthofe unterzubringen und in zwei Stunden wieder vorzukommen. Als Dies geschehen war, begleitete sie Noël Vanstone in das Empfangszimmer, schürte das Feuer im Kamin an und setzte ihn bequem in einen Lehnstuhl davor. Er saß einige Minuten und wärmte schwach, wie ein alter Mann, seine Hände und starrte gerade vor sich hin in das Feuer. Dann sprach er.

—— Als das Frauenzimmer auf der Vauxhallpromenade kam und mich bedrohte, begann er, indem er fort und fort ins Feuer sah, kamen Sie, nachdem es gegangen war, in das Besuchszimmer zurück und sagten mir...?

Er hielt inne, schwankte ein wenig und verlor den Faden seiner Erinnerungen bei diesem Punkte.

—— Ich sagte Ihnen, Sir, sprach Mrs. Lecount, daß das Frauenzimmer meiner Meinung nach Miss Vanstone selber war. —— Fahren Sie nicht auf, Mr. Noël! Ihre Gattin ist fort, und ich bin hier, um für Sie zu sorgen! Sagen Sie zu sich, wenn Sie Furcht empfinden:

—— Die Lecount ist ja hier, die Lecount wird für mich sorgen.

—— Die Wahrheit muß gesagt werden, Sir, wie hart sie auch zu tragen sein wird. Miss Magdalene Vanstone war das Weib, das zu Ihnen verkleidet kam, —— das Weib, das zu Ihnen verkleidet kam, ist dasselbe, das Sie geheirathet haben. Der Anschlag, mit dem dasselbe Sie zu London bedrohte, ist derselbe, durch welchen sie Ihre Frau wurde: das ist die volle Wahrheit. Sie haben das Kleid oben gesehen. Wenn das Kleid nicht mehr vorhanden gewesen wäre, so würde ich doch noch Beweise gehabt haben, um Sie zu überzeugen. Dank meiner Unterredung mit Mrs. Bygrave habe ich das Haus, wo das Weib in London wohnte, entdeckt, —— es lag unserm Hause auf Vauxhallpromenade gegenüber. Ich habe mich an eine von den Töchtern der Wirthin herangemacht, die Ihre Frau von einem inneren Zimmer aus beobachtete und sah, wie sie die Verkleidung anlegte, welche Erstere also ihre Persönlichkeit und die ihrer Begleiterin, Mrs. Bygrave, feststellen kann und mir auf mein Ersuchen eine schriftliche Erklärung über den Thatbestand, die sie, falls Jemand ihr widersprechen sollte, eidlich zu erhärten erbötig ist, übergeben hat. Sie sollen die Erklärung lesen, Mr. Noël, wenn Sie wollen, sobald Sie so weit gefaßt sind, um sie zu verstehen. Sie sollen auch einen Brief von der Hand der Miss Garth zu lesen bekommen, —— welche auf Ihren allfallsigen Wunsch selbst mündlich wiederholen wird, was sie mir geschrieben hat —— einen Brief, welcher auf das Bestimmteste in Abrede stellt, daß sie je auf Vauxhallpromenade war, und auf das Bestimmteste erklärt, daß jene Male auf dem Nacken Ihrer Gattin Miss Magdalene Vanstone eigenthümlich sind, die sie von Kindesbeinen auf gekannt hat. —— Ich sage es mit gerechtem Stolze: Sie werden nirgends eine schwache Stelle in dem Beweise entdecken, den ich Ihnen gebe. Wenn Mr. Bygrave nicht meinen Brief unterschlagen hätte, so würden Sie gewarnt gewesen sein, ehe ich ein Opfer der grausamen Täuschung wurde, die mich nach Zürich schickte, und die Beweise, die ich Ihnen jetzt nach Ihrer Verheirathung gebe, würde ich Ihnen damals vor derselben geschafft haben. Machen Sie mich nicht verantwortlich, Sir, für Das, was vorgefallen, seitdem ich England verlassen hatte. Klagen Sie den Bastard ihres Oheims an, klagen Sie den Schurken mit dem braunen und dem grünen Auge an!

Sie sprach ihre letzten giftigen Worte so langsam und deutlich aus, wie die übrigen. Noël Vanstone gab keine Antwort von sich, er saß noch da und kauerte sich am Feuer zusammen. Sie sah ihm ins Gesicht. Er weinte still vor sich hin.

—— Ich war so verliebt in sie! sagte das elende kleine Geschöpf; und ich dachte, sie sei so verliebt in mich!

Mrs. Lecount kehrte ihm in verächtlichem Schweigen den Rücken.

—— Verliebt in sie!

Wie sie jene Worte vor sich hin wiederholte, wurde ihr hartes Gesicht beinahe wieder hübsch in der strahlenden Innigkeit ihrer Verachtung.

Sie schritt auf einen Bücherschrank an dem unteren Ende des Zimmers zu und begann die Bände darin zu mustern. Ehe sie lange auf diese Weise beschäftigt war, wurde sie durch den Ton seiner Stimme aufgeschreckt, welcher sie ängstlich zurückrief. Die Thränen waren getrocknet, sein Gesicht war wieder schreckensbleich, als er sich zu ihr wandte.

—— Lecount! sagte er, mit beiden Händen nach ihr greifend. Kann ein Ei vergiftet werden? Ich hatte ein Ei zum Frühstück heute Morgen und ein Stückchen Butterbrod.

—— Beruhigen Sie sich, Sir, sprach Mrs. Lecount. Das Gift des Betrugs Ihrer Frau ist das einzige, das Sie bis jetzt eingenommen haben. Wenn sie sich bereits entschlossen hätte, Sie den Preis Ihrer Thorheit mit dem Leben zahlen zu lassen, würde sie nicht vom Hause abwesend sein, während Sie noch darin sind. Lassen Sie den Gedanken fahren. —— Es ist jetzt Mittag, Sie bedürfen der Erholung. Ich habe Ihnen im Interesse Ihrer eignen Sicherheit noch mehr zu sagen, ich habe Etwas für Sie zu thun, was sofort geschehen muß. Sammeln Sie Ihre Kräfte, und Sie werden es auch vollbringen. Ich will Ihnen im Essen mit guten: Beispiel vorangehen, wenn Sie der Speise in diesem Hause mißtrauen. Sind Sie gefaßt genug, dem Mädchen seine Weisungen zu geben, wenn ich die Klingel ziehe? Es ist für den Zweck, den ich für Sie im Sinne habe, nothwendig, daß Niemand Sie für krank an Leib oder Seele hält. Versuchen Sie es erst mit mir, ehe das Mädchen hereinkommt. Wir wollen erst einmal sehen, wie Sie es anfangen und sprechen, wenn Sie sagen:

—— Bring das zweite Frühstück.

Nach zweimaligem Probieren hielt; ihn Mrs Lecount für fähig, um den Befehl zu geben, ohne sich zu verrathen.

Louise gehorchte dem Befehl, —— Louise sah Mrs Lecount scharf an. Das Frühstück wurde von dem Hausmädchen hereingebracht —— das Hausmädchen sah Mrs. Lecount scharf an. Als das Frühstück zu Ende war, wurde der Tisch durch die Köchin abgeräumt, die Köchin sah Mrs. Lecount scharf an. Die drei Dienstmädchen wurden offenbar argwöhnisch, daß etwas Außerordentliches im Hause vorgehe. Es war kaum zu bezweifeln, daß sie sich untereinander in die drei Gelegenheiten getheilt hatten, welche die Bedienung bei Tische ihnen gewährte, um ins Zimmer zu gelangen.

Die Neugier, deren Gegenstand sie war, entging dem Scharfblick von Mrs. Lecount nicht.

—— Ich that wohl daran, dachte sie bei sich, mich bei guter Zeit mit den Mitteln auszurüsten, mein Ziel zu erreichen. Wenn ich das Gras unter meinen Füßen wachsen lasse, möchte mir eines oder das andere dieser Frauenzimmer in den Weg treten.

Veranlaßt durch diese Erwägung brachte sie, sobald das letzte von den Mädchen das Zimmer verlassen hatte, ihre Reisetasche aus einer Ecke hervor, setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Tisches Noël Vanstone gegenüber und sah ihn einen Augenblick an mit fester, forschender Aufmerksamkeit. Sie hatte sorgfältig die Menge Wein abgemessen, welche er beim Frühstück zu sich genommen, sie hatte ihn nur gerade so viel trinken lassen, als hinreichte, ihn zu stärken, ohne ihn aufzuregen, und betrachtete nun sein Gesicht sorgsam wie ein Künstler sein Gemälde am Ende seines Tagewerks. Das Ergebniß schien sie zu befriedigen, und sie begann nun das ernste Geschäft der Unterredung auf der Stelle.

—— Wollen Sie das geschriebene Zeugniß einmal ansehen, Mr. Rost, das ich Ihnen erwähnte, ehe ich mehr sage? frug sie. Oder sind Sie hinreichend von der Wahrheit überzeugt, um sogleich auf den Vorschlag eingehen zu können, den ich Ihnen jetzt zu machen habe?

—— Lassen Sie mich Ihren Vorschlag hören, sprach er, seine Ellenbogen ungescheut aus den Tisch stützend und seinen Kopf aus seine Hände legend.

Mrs. Lecount nahm das schriftliche Zeugniß, auf das sie eben angespielt hatte, aus ihrer Reisetasche und legte die Papiere auf die eine Seite neben ihn, so daß erste, wenn er sie haben wollte, leicht erreichen konnte. Ihre Erfahrung belehrte sie, daß das Zeichen Gutes bedeute.

In jenen seltenen Augenblicken, wo das geringe Maß von Entschlossenheit, das er besaß, in ihm lebendig war, äußerte sich dasselbe unveränderlich, wie die Entschlossenheit der meisten anderen schwachen Menschen, dadurch, daß er Streit suchte. In solchen Zeiten hob sich in demselben Verhältniß, als er gegen seine Umgebung äußerlich mürrisch und unhöflich war, seine Entschlossenheit und fiel in demselben Verhältniß, als er höflich und artig wurde. Der Ton der Antwort, die er eben gegeben hatte, und die Haltung, die er am Tische einnahm, brachten Mrs. Lecount zu der Ueberzeugung, daß spanischer Wein und schottischer Hammelbraten das Ihrige gethan und seinen sinkenden Muth wieder angefrischt hatten.

—— Ich will die Frage nur der Form halber an Sie stellen, wenn Sie es wünschen, fuhr sie fort. Aber ich bin eigentlich ohne alle Frage bereits meiner Sache gewiß, —— daß Sie nämlich Ihr Testament gemacht haben?

Er nickte mit dem Kopfe, ohne sie anzusehen.

—— Sie haben es zu Gunsten Ihrer Frau gemacht?

Er nickte abermals.

—— Sie haben ihr Alles vermacht, was Sie besitzen?

—— Nein.

Mrs. Lecount sah überrascht aus.

—— Hatten Sie, Mr. Noël, auf Ihre Hand bereits ein heimliches Mißtrauen gegen dieselbe? frug sie, oder hat vielleicht Ihre Frau selber ihrem eigenen Interesse in Ihrem Testamente Schranken gesetzt?

Er schwieg und war unangenehm berührt, er schämte sich offenbar, die Frage zu beantworten. Mrs. Lecount wiederholte letztere in einer weniger unmittelbaren Weise.

—— Wie viel haben Sie Ihrer Wittwe hinterlassen, Mr. Noël, für den Fall Ihres Todes?

—— Achtzig Tausend Pfund.

Diese Antwort erledigte die Frage. Achtzig Tausend Pfund waren gerade das Vermögen, das Michael Vanstone den Waisen seines Bruders beim Tode seines Bruders genommen hatte, gerade das Vermögen, von dem Michael Vanstones Sohn, als die Reihe an ihn kam, eben so unbarmherzig wie sein Vater Besitz ergriffen hatte. —— Noël Vanstones Schweigen sprach das Geständniß aus, das er sich schämte abzulegen. —— In der schwachen Stunde, worin ihm die Lust zu schenken gekommen war, hatte er seiner Gattin wahrscheinlich sein ganzes Hab und Gut zu Füßen gelegt. Und dies Mädchen, dessen rachsüchtiges Wagstück allen Widerstand überwältigt hatte, dies Mädchen, welches von seinem verzweifelten Entschluß selbst vor der Kirchthür nicht zurück gebebt war, hatte nur einen Theil angenommen, hatte buchstäblich nur seines Vaters Vermögen bis auf den letzten Heller von ihm genommen und dann der Hand, welche es mit noch zehn Tausend in Versuchung führte, kalt den Rücken gewandt! Für einen Augenblick wurde Mrs. Lecount füglich durch ihre eigene Ueberraschung sprachlos gemacht, Magdalene hatte ihr das Staunen abgenöthigt, welches mit Bewunderung nah verwandt ist, das Staunen, dessen sich ihre Feindseligkeit gern erwehrt haben würde. Sie haßte von dieser Zeit an Magdalenen noch zehn Mal mehr. ——

—— Ich zweifle gar nicht, Sir, fuhr sie nach einem augenblicklichen Schweigen fort, daß Mrs. Noël Vanstone Ihnen triftige Gründe angab, warum ihre Versorgung bei Ihrem Tode nicht mehr betragen sollte und auch nicht weniger, denn achtzig Tausend Pfund. Und auf der andern Seite bin ich überzeugt, daß, sie in Ihrer Unschuld und Arglosigkeit damals jene Gründe für zutreffend hielten. Jene Zeit ist aber nun vorbei. Ihre Augen sind offen, Sir, und Sie werden so wenig verfehlen, zu bemerken, als ich selbst, daß die Besitzung Combe-Raven genau der Summe entspricht, die Sie Ihrer Gattin als Vermächtniß nach deren eigenen Weisungen auswarfen. Wenn Sie nun um den Grund, warum dieselbe Sie geheirathet hat, noch einen Augenblick in Zweifel sind, so schauen Sie in Ihr Testament, —— da drinnen ist der Grund zu finden!

Er erhob sein Haupt von seinen Händen und wurde zum ersten Male, seitdem sie sich bei Tische gegenüber saßen, ganz aufmerksam auf Das, was sie ihm sagte. Die Besitzung Combe-Raven war niemals in seinem Geiste für sich besonders gerechnet worden. Sie war auf ihn gekommen, als sein Vater starb, mitten unter den übrigen Besitzungen seines Vaters. Die Entdeckung, die ihm nun offenbar ward, war eine solche, wie er sie bei seiner Denkungsart und seiner Arglosigkeit bisher nicht machen konnte. Er sagte Nichts —— aber er sah Mrs. Lecount weniger mürrisch an. Sein Wesen war leutseliger geworden, die Fluth seines Muthes war bereits wieder Ebbe geworden.

—— Ihre Lage, Sir, muß in diesem Augenblicke Ihnen so klar sein, als mir, sagte Mrs. Lecount. Es ist nur ein Hinderniß jetzt übrig, das zwischen dieser Frau und der Erreichung ihres Zieles liegt. Dies Hinderniß ist Ihr Leben. Nach der Entdeckung, welche wir eben gemacht haben, überlasse ich es Ihrem eigenen Ermessen, sich zu sagen, wie viel Ihr Leben Werth ist.

Bei diesen entsetzlichen Worten verlief sich die Ebbe seiner Entschlossenheit bis auf das letzte Tröpfchen.

—— Erschrecken Sie mich nicht! bat er, ich bin ja schon genug erschreckt worden!

Er stand auf und zog seinen Stuhl hinter sich um den Tisch herum an die Seite von Mrs. Lecount. Er setzte sich und küßte liebkosend ihre Hand.

—— Sie gute Seele! sagte er mit sinkender Stimme.

Sie herrliche Lecount! Sagen Sie mir, was geschehen muß. Ich bin voll Entschlossenheit —— ich will Alles thun, um mein Leben zu retten!

—— Haben Sie Schreibmaterialien im Zimmer, Sir? frug Mrs. Lecount. Wollen Sie dieselben gefälligst auf den Tisch stellen?

Während die Schreibmaterialien herzugeschafft wurden, zog Mrs. Lecount abermals die Hilfsmittel ihrer Reisetasche zu Rathe. Sie zog zwei Papiere heraus, jedes in derselben schönen kaufmännischen Handschrift überschrieben. Das eine war überschrieben:

Entwurf zu einem gewissen Testament.

Das andere:

Entwurf zu einem gewissen Briefe.

Als sie dieselben auf den Tisch vor sich legte, zitterte ihre Hand« ein wenig, und sie wendete das flüchtige Salz, das sie um Noël Vanstones willen mitgenommen hatte, nun für sich selber an.

—— Ich hatte, als ich hierher kam, gehofft, fuhr sie fort, Ihnen mehr Zeit zum Ueberlegen geben zu können, Mr. Noël, als es jetzt angezeigt scheint, Ihnen zu verstatten. Als Sie mir zuerst von der Abwesenheit Ihrer Gattin in London sprachen, hielt ich es für wahrscheinlich, daß der Zweck ihrer Reise ein Besuch bei ihrer Schwester und Miss Garth sei. Seit der fürchterlichen Entdeckung, welche wir oben im Hause gemacht haben, bin ich geneigt, diese meine Ansicht zu ändern. —— Der Entschluß Ihrer Gattin, Ihnen nicht zu sagen, wer denn die Freunde und Verwandten seien, die sie besuchen wolle, erfüllt mich mit Besorgniß. Sie kann Mitschuldige und Helfershelfer in London haben, Helfershelfer in diesem Hause haben; denn wir haben vom Gegentheil gar keine Beweise. Alle Ihre drei Dienstmädchen, Sir, haben der Reihe nach Gelegenheit genommen, in das Zimmer zu kommen und mich anzuschauen. Ich lese nichts Gutes in ihren Blicken! Weder Sie, noch ich können wissen, was von einem Tage zum andern, ja nicht einmal, was von einer Stunde zur andern vorfallen kann. Wenn Sie meinen Rath annehmen, so beugen Sie allen möglichen Unglücksfällen mit einem Male vor und verlassen, wenn der Wagen zurückkommt, das Haus mit mir!

—— Ja, ja! sagte er eifrig, ich will das Haus mit Ihnen verlassen. Ich würde um alle Summen in der Welt nicht hier bleiben, was man mir auch bieten möchte. —— Wozu brauchen wir Feder und Tinte? Wollen Sie, oder soll ich hier Etwas schreiben?

—— Sie sollen Etwas schreiben, Sir, sprach Mrs. Lecount. Die Mittel, welche angewendet werden sollen, um Ihre Sicherheit herzustellen, sollen von Anfang bis zu Ende ganz von Ihnen selbst in Bewegung gesetzt werden. Ich schlage vor, Mr. Noël, und Sie entscheiden. —— Erkennen Sie Ihre Lage wohl, Sir. Was ist Ihre erste und dringendste nothwendige Aufgabe? Es ist offenbar folgende. Sie müssen das Interesse Ihrer Gattin an Ihrem Tode in Wegfall bringen, indem Sie ein anderes Testament machen.

Er nickte heftig Beifall, seine Farbe hob sich, und seine blinzelnden Augen glänzten in boshafter Siegesfreude.

—— Sie soll keinen Heller haben, sprach er flüsternd vor sich hin, —— sie soll keinen Heller haben!

—— Wenn Ihr Testament aufgesetzt ist, Sir, fuhr Mrs. Lecount fort, so müssen Sie es in die Hände einer zuverlässigen Person legen —— nicht in meine Hände, Mr. Noël, ich bin nur Ihre Dienerin! Dann, wenn das Testament in Sicherheit gebracht ist und Sie selber in Sicherheit sind, so schreiben Sie in diesem Hause an Ihre Gattin. Sagen Sie ihr, ihr schändliches Lügengewebe sei entdeckt, sagen Sie ihr in Ihrer gerechten Entrüstung, daß sie Ihre Schwelle niemals wieder betreten solle. Bringen Sie sich in diese starke Stellung, und fortan sind Sie nicht mehr von der Gnade und Ungnade Ihrer Gattin abhängig, sondern Ihre Gattin ist von Ihnen abhängig. Nehmen Sie Ihre eigene Kraft, Sir, zusammen mit der Hilfe, die Ihnen die Gerichte gewähren, und zwingen Sie diese Frau in Unterwürfigkeit und Demuth hinein gegenüber jeden Bedingungen, die Sie ihr für die Zukunft aufzuerlegen für gut befinden.

Er nahm eifrig die Feder zur Hand.

—— Ja, sprach er mit rachsüchtiger Selbstüberhebung, jeden Bedingungen, die ich aufzuerlegen für gut befinde.

Er hielt aber plötzlich wieder inne, und sein Gesicht wurde verzagt und verwirrt.

—— Wie soll ich es aber anfangen? frug er, indem er die Feder so rasch wieder hinwarf, als er sie erfaßt hatte.

—— Was anfangen, Sir? frug Mrs. Leconnt.

—— Wie kann ich meinen letzten Willen aussetzen, wenn Mr. Loscombe weit weg in London, und kein Advoeat hier ist, mir Beistand zu leisten?

Mrs. Lecount klopfte mit dem Zeigefinger sanft auf die Papiere vor ihr.

—— All der Beistand, den Sie brauchen, Sir, wartet hier auf Sie, sprach sie. Ich überlegte diesen Gegenstand sorgfältig hin und her, ehe ich hierher kam, und versah mich mit dem vertraulichen Rath eines Freundes, um mir über diejenigen Schwierigkeiten, welche ich allein für meine Person nicht überwinden konnte, hinweg helfen zu lassen. Der Freund, welchen ich meine, ist ein Herr von schweizerischer Abkunft, aber in England geboren und erzogen. Er ist kein Advocat von Beruf, aber er hat nichtsdestoweniger hinreichende Kenntniß von den Gesetzen. Dieser hat mir nun nicht allein eine Vorlage, nach der Sie Ihr Testament aufsetzen können, gemacht, sondern auch den schriftlichen Entwurf eines Briefes geliefert, den wir eben so unerläßlich nothwendig haben, als die Vorlage für das Testament selbst. Es gibt aber noch ein dringendes Geschäft für Sie, Mr. Noël, das ich bisher noch nicht erwähnt habe, welches jedoch in seiner Art nicht weniger wichtig ist, als die Aufgabe mit dem Testament.

— Was ist Das? frug er mit erwachender Neugier.

—— Wir wollen es, wenn es soweit ist, vornehmen, antwortete Mrs. Lecount. Es ist noch nicht die Reihe an ihm. Zuvörderst das Testament, wenn Sie wollen. Ich will es nach der in meinen Händen befindlichen Vorlage dictiren, und Sie werden nachschreiben. Wenn ich mich nicht ganz und gar in Ihren Absichten irre, wird die Urkunde, sobald sie fertig ist, kurz und einfach genug sein, daß ein Kind sie verstehen kann. Wenn Sie aber noch irgend einen Zweifel in sich hegen, so beruhigen Sie sich darob vollkommen, indem Sie Ihr Testament einem Advocaten von Beruf vorlegen. In mittelst sehen Sie es nicht für zudringlich an, wenn ich Sie daran erinnere, daß wir Alle sterblich sind und daß

»den verlornen Augenblick
Bringt keine Ewigkeit zurück«.

—— Während noch die Zeit Ihnen gehört und während Ihre Feinde noch nicht Verdacht geschöpft gegen Sie, machen Sie Ihr Testament!

Sie schlug einen Bogen Briefpapier auseinander und legte ihn glatt vor ihn hin, tauchte die Feder in die Tinte und gab sie ihm in die Hand. Er nahm sie, ohne ein Wort zusagen, von ihr an und war allem Anscheine nach wiederum von einer augenblicklichen Unruhe gequält. Aber die Hauptsache war erreicht.

Da saß er, das Papier vor sich, die Feder in der Hand, endlich fest entschlossen, sein Testament zu machen.

—— Die erste Frage, die Sie zu entscheiden haben, Sir, sprach Mrs. Lecount nach einem flüchtigen Blick auf ihren Entwurf, ist Ihre Wahl eines Testamentsvollstreckers. Ich habe kein Verlangen, Ihre Entscheidung zu beeinflussen aber ich darf Sie wohl ohne Rückhalt daran erinneren, daß eine kluge Wahl mit anderen Worten heißt: die Wahl eines alten bewährten Freundes, den Sie genugsam kennen, um ihm Vertrauen zu schenken.

—— Das heißt vermuthlich den Admiral? sagte Noël Vanstone.

Mrs. Lecount nickte.

—— Sehr gut, fuhr er fort. Der Admiral soll’s drum sein!

Es lag aber offenbar noch ein Druck auf seiner Seele. Sogar unter den sehr verfänglichen Umständen, in die er jetzt gerathen war, war es nicht seine Art, Mrs. Lecounts vollkommen vernünftigen und uneigennützigen Rath ohne einiges Tüfteln hinzunehmen, wie es jetzt der Fall war.

— Sind Sie bereit, Sir?

—— Ja.

Mrs. Lecount dictirte ihm den ersten Satz nach dem Entwurf, wie folgt:

Das ist der letzte Wille und das Testament von mir, Noël Vanstone, jetzt auf Baliol-Villa bei Dumfries Wohnhaft.
Ich widerrufe schlechterdings und in jedem einzelnen Stück mein früheres am dreißigten September achtzehnhundertneunundvierzig aufgesetzt« Testament und ernenne hiermit den Contreadmiral Arthur Everard Bartram zu St. Crux in der Marsch in der Grafschaft Esser zum einzigen Vollstrecker dieses meines Testaments.

—— Haben Sie diese Worte geschrieben, Sir?

—— Ja.

Mrs. Lecount legte den Entwurf hin, Noël Vanstone legte die Feder hin. Sie sahen einander Beide nicht an. Es war ein langes Stillschweigen.

—— Ich warte, Mr. Noël, sprach endlich Mrs. Lecount, —— um zu hören, was Ihre Wünsche betreffs der Verfügung über Ihr Vermögen, —— Ihr großes Vermögen sind, setzte sie mit unbarmherzigem Nachdruck hinzu.

Er nahm die Feder wieder in die Hand und fing an, in tiefem Schweigen den Federbart vom Kiel abzurupfen.

—— Vielleicht kann Ihnen Ihr bereits vorhandenes Testament dazu verhelfen, mir Ihre Weisungen zu geben, Sir, fuhr Mrs. Lecount fort. Darf ich Sie fragen, wem Sie Ihr ganzes übriges Vermögen nach Abzug der Ihrer Frau vermachten achtzig Tausend Pfund hinterlassen hatten?

Wenn er diese Frage offen beantwortet hätte, so hätte er sagen müssen:

—— Ich habe den ganzen Ueberschuß meinem Vetter, George Bartram, vermacht.

Und das darin liegende Anerkenntniß, daß Mrs. Lecounts Name in dem Testament nicht vorkam, hätte dann vor Mrs. Lecount selber erfolgen müssen. Ein viel kühnerer Mann möchte an seiner Stelle dieselbe Beklemmung und Verwirrung gefühlt haben, die er jetzt fühlte. Er zupfte das letzte Stückchen Federbart von dem Kiel und that nun, indem er mit einem verzweifelten Sprung über den Abgrund zu seinen Füßen hinwegsetzte, den ersten Schritt Mrs. Lecount entgegen, um deren Ansprüchen an ihn zu entsprechen.

—— Ich möchte lieber von keinem andern Testamente sprechen, als dem, das ich jetzt mache, sagte er unruhig. Das erste Ding, Lecount,...

Er zögerte, steckte das nackte Ende des Kiels in den Mund, nagte daran in Gedanken versunken und sprach kein Wort weiter.

—— Nun, Sir? —— beharrte Mrs. Lecount.

—— Das Erste ist...

—— Nun, Sir?

—— Das Erste ist, ... Ihre Versorgung festzustellen.

Er sprach die letzten Worte in dem Tone einer kläglichen Frage, als ob er auch jetzt noch nicht alle Hoffnung aufgegeben habe, daß man großmüthig ablehnen werde. Mrs. Lecount klärte ihn über diesen Punkt, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, sofort auf.

—— Ich danke Ihnen, Mr. Noël, sprach sie mit dem Tone und der Art einer Frau, welche nicht eine Vergünstigung anerkennt, sondern ein Recht in Empfang nimmt.

Er biß noch einmal in den Kiel. Man sah, wie ihm der Schweiß auf das Gesicht trat.

—— Die Schwierigkeit ist, bemerkte er, zu sagen, wie viel.

—— Ihr seliger Vater, Sir, versetzte Mrs. Lecount, faßte bereits diese Schwierigkeit ins Auge, wenn Sie sich gefälligst erinneren wollen, noch in der Zeit seiner letzten Krankheit?

—— Ich erinnere mich nicht, sprach Noël Vanstone verstockt.

—— Sie waren aus der einen Seite des Betts, Sir, und ich war auf der andern. Wir versuchten Beide vergeblich, ihn dazu zu bewegen, ein Testament zu machen. Nachdem er uns gesagt, er wolle warten und seinen letzten Willen dann erst aussehen, wenn er wieder wohl sei, sah er sich nach mir um und sprach einige freundliche und gefühlvolle Worte, die mein Gedächtniß bis an mein seliges Sterbestündlein treu hegen und bewahren wird. Haben Sie diese Worte vergessen, Mr. Noël?

—— Ja, sprach Mr. Noël ohne Zögern.

—— In meiner gegenwärtigen Lage, Sir, gab ihm Mrs. Lecount anzuhören, verbietet mir mein Zartgefühl, Ihr Gedächtniß aufzufrischen.

Sie sah auf ihre Uhr und verfiel in Stillschweigen. Er presste seine Hände und rückte auf seinem Stuhle hin und her in einem wahren Todeskampfe von Unschlüssigkeit. Mrs. Lecount verschmähte es, ihm die geringste Beachtung zu schenken.

—— Was würden Sie sagen? begann er und hielt plötzlich wieder inne.

—— Nun, Sir?

—— Was würden Sie sagen zu —— ein Tausend Pfund?

Mrs. Lecount erhob sich von ihrem Stuhle und sah ihm voll ins Gesicht mit dem achtungheischenden Unwillen eines zum Aeußersten getriebenen Weibes.

—— Nach dem Dienst, den ich Ihnen heute geleistet habe, Mr. Noël, sagte sie, habe ich wenigstens einen Anspruch auf Ihre Achtung erworben, wenn auch sonst Nichts weiter. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.

—— Zwei Tausend! schrie Noël Vanstone mit dem Muthe der Verzweiflung.

Mrs. Lecount brach ihre Papiere zusammen und hing in verächtlichem Schweigen ihre Reisetasche auf den Arm.

—— Drei Tausend!

Mrs. Lecount bewegte sich mit unbeugsamer Würde vom Tische nach der Thür hin.

—— Vier Tausend!

Mrs. Lecount schlug mit einer unwilligen Gebärde ihren Shawl um und öffnete die Thür.

—— Fünf Tausend!

Er schlug in seine Hände und rang sie in einer wahnsinnigen Aufregung von Zorn und Angst.

—— Fünf Tausend! war der Todesschrei seines finanziellen Selbstmordes.

Mrs. Lecount schloß die Thür leise wieder zu und kam einen Schritt zurück.

—— Frei von der Erbschaftssteuer Sir? frug sie.

—— Nein.

Mrs. Lecount wandte sich auf ihren Absätzen um und öffnete abermals die Thür.

—— Nun ja doch!

Mrs. Lecount kam zurück und nahm ihren Platz am Tische wieder ein, als wenn Nichts vorgefallen wäre.

—— Fünf Tausend Pfund frei von der Erbschaftssteuer waren die Summe, Sir, welche Ihres Vaters dankbare Anerkennung mir in seinem Testament auszusetzen versprach, sprach sie ruhig. Wenn Sie Ihr Gedächtniß etwas anstrengen wollten, was sie bisher unterlassen haben, so wird dieses Ihnen sagen, daß ich die Wahrheit sage. Ich nehme Ihre kindliche Erfüllung des Versprechens Ihres Vaters an, Mr. Noël, und bleibe hierbei stehen. Ich verschmähe es, einen gemeinen Vortheil von meiner Stellung zu Ihnen zu ziehen, verschmähe es, Ihnen in Ihrer Angst Etwas auszupressen. Sie sind durch meine Achtung vor mir und dem Namen, den ich trage, vor mir selber sicher. Sie haben keine Verpflichtung gegen mich für Alles, was ich in Ihrem Dienst gethan und was ich darin gelitten habe. Die Wittwe des Professors Lecount, Sir, nimmt nur, was ihr von Rechtswegen zukommt, —— und mehr nimmt sie nicht!

Wie sie diese Worte sprach, schienen die Spuren der Krankheit für den Augenblick von ihrem Angesicht zu schwinden; ihre Augen glänzten von einem festen, inneren Feuer, das eine ganze Weile erglühte und leuchtete in dem Glanze ihres Triumphes, des Triumphes, der mühselig errungen war, um ihren Zweck zu erreichen, ihre alte Stellung wieder geltend zu machen und zugleich es Magdalenen in ihrer unbestechlichen Selbstverleugnung auf ihrem eignen Grund und Boden gleichzuthun!

—— Wenn Sie wieder bei sich selber sind, Sir, werden wir weiter sprechen. Lassen Sie uns ein wenig warten. Sie gab ihm Zeit, sieh zu erholen, und dictirte ihm dann, nachdem sie erst in ihren Entwurf geblickt, den zweiten Absatz des Testaments in folgenden Worten:

Ich verschreibe und vermocht Madame Virginie Lecount. Wittwe des zu Zürich verstorbenen Professor Lecount, die Summe von fünf Tausend Pfund, frei von der Erbschaftssteuer. Und indem ich dies Vermächtniß mache, wünsche ich zugleich zu Protokoll zu geben, daß ich nicht nur meine eigene Anerkennung von Madame Lecounts Anhänglichkeit und Treue als Haushälterin in meinen Diensten ausspreche, sondern daß ich mich darin auch für den Vollstrecker der Absichten meines verstorbenen Vaters halte, welcher, wenn nicht der Fall eingetreten wäre, daß er ohne Testament starb, Madame Lecount in seinem dasselbe Zeichen seiner dankbaren Anerkennung ihrer Dienste hinterlassen hätte, welches ich ihr nunmehr in dem meinigen hinterlasse.

—— Haben Sie diese letzten Worte geschrieben, Sir?

—— Ja.

Mrs. Lecount beugte sich über den Tisch und bot Noël Vanstone die Hand.

—— Ich danke Ihnen, Mr. Noël, sprach sie. Die fünftausend Pfund sind meine Belohnung von Seiten Ihres Vaters für Das, was ich für ihn gethan habe. Die Worte in dem Testament da sind meine Belohnung von Ihrer Seite.

Ein schwaches Lächeln flackerte zum ersten Male in seinem Gesicht auf. Es tröstete ihn bei näherem nachsinnen der Gedanke, daß die Sachen noch schlimmer hätten gehen können. Es war Balsam für sein wundes Herz, daß er die Dankesschuld durch etwas Schriftliches zahlen durfte, das beim Banquier nicht in Geld umgesetzt werden konnte. Was sein Vater auch gethan haben mochte, er hatte nach alle Dem die Lecount sehr billig!

—— Noch ein wenig mehr muß geschrieben werden, Sir, begann Mrs. Lecount aufs Neue, dann wird Ihre schmerzliche, aber nothwendige Pflicht erfüllt sein. Da der unwichtige Gegenstand meines Vermächtnisses erledigt ist, können wir zu der noch übrigen wichtigen Frage verschreiten. Die letztwillige Verfügung über ein großes Vermögen wartet nun auf Ihr Machtwort. Auf wen soll es übergehen?

Er begann wieder auf seinem Stuhl hin und her zu rücken. Sogar unter dem allmächtigen Zauber seiner Gattin war die Trennung von seinem Gelde auf dem Papier nicht ohne Schmerzgefühl von Statten gegangen. Er hatte den Schwerz ausgehalten, er hatte sich in das Opfer gefügt und ergeben. Und jetzt war die fürchterliche Marterqual wieder da und harrte seiner unbarmherzig zum anderen mal.

—— Vielleicht kann ich Ihrer Entscheidung zu Hilfe kommen, Sir, wenn ich eine Frage an Sie richte, die ich schon einmal an Sie gestellt habe, ließ Mrs. Lecount sich vernehmen. Wem ließen Sie denn in dem Testament, das Sie unter dem Einflusse Ihrer Gattin machten, das übrige Geld, das zu Ihrer Verfügung blieb?

Es war jetzt kein Grund mehr vorhanden, die Frage unbeantwortet zu lassen. Er gestand, daß er das Geld seinem Vetter George hinterlassen habe.

—— Sie hätten nichts Besseres thun können, Mr. Noël —— und Sie können auch jetzt nichts Besseres thun, sprach Mrs. Lecount. Mr. George Bartram und seine beiden Schwestern sind Ihre einzigen noch übrigen Verwandten. Eine von diesen Schwestern ist eine unheilbare Kranke, die schon mehr als zuviel Geld hat, um all die Bedürfnisse befriedigen zu können, welche sie bei ihren Leiden etwa noch haben kann. Die andere ist die Gattin eines Mannes, der noch reicher ist, als Sie selber. Das Geld diesen Schwestern hinterlassen, hieße dasselbe verschwenden. Das Geld ihrem Bruder George hinterlassen, heißt Ihrem Vetter gerade den Beistand geben, dessen er bedarf, wenn er eines Tages seines Oheims baufälliges Haus und heruntergekommenes Gut erbt. Ein Testament, das den Admiral zu Ihrem Testamentsvollstrecker und Mr. George zu Ihrem Erben ernennt, ist das rechte, das Sie machen müssen. Es ehrt die Ansprüche der Freundschaft und berücksichtigt billig die Ansprüche des Blutes.

Sie sprach warm; denn sie sprach in dankbarem Angedenken an alles Das, was sie der Gastfreundschaft auf St. Crux zu danken hatte. Noël Vanstone nahm eine andere Feder und begann den zweiten Kiel seines Federbartes zu entkleiden, wie er den ersten kahl gerupft hatte.

—— Ja, sagte er mit Widerstreben. Ich glaube, Georg muß es erhalten, —— ich glaube, George hat die ersten Ansprüche an mich.

Er zögerte, er sah nach der Thür, sah nach dem Fenster, als wenn er wünschte, seine Flucht durch das Eine oder das Andere bewerkstelligen zu können.

—— Ach, Lecount, rief er kläglich, es ist ein so großes Vermögen! Lassen Sie mich ein Weilchen warten, ehe ich es Jemand vermache!

Zu seinem Erstaunen gab Mrs. Lecount sofort ihren Beifall über dies sehr bezeichnende Verlangen zu erkennen.

—— Ich wünsche auch, daß Sie warten, Sir, versetzte sie. Ich habe noch etwas Wichtiges zu sagen, ehe Sie eine Zeile Ihrem Testamente weiter hinzufügen. Ich sagte Ihnen vor einer kleinen Weile, daß noch ein zweites dringendes Geschäft mit Ihrer gegenwärtigen Lage in Beziehung stehe, das bis jetzt noch gar nicht ins Auge gefaßt worden ist, das aber nothwendiger Weise erledigt werden muß, wenn seine Zeit gekommen ist. Die Zeit dazu ist nun da. Sie haben mit einer ernsten Schwierigkeit zu kämpfen und noch etwas zu thun, ehe Sie Ihr Vermögen Ihrem Vetter George Vermachen können.

—— Was für eine Schwierigkeit? frug er.

Mrs. Lecount erhob sich von ihrem Stuhle, ohne zu antworten, schlich sich nach der Thür und riß sie plötzlich auf. Kein Lauscher war draußen, die Flur öde von einem Ende zum andern.

—— Ich mißtraue allen Dienstboten, sagte sie, als sie an ihren Platz zurückkehrte, namentlich aber Ihren Dienstboten. Setzen Sie sich näher zu mir, Mr. Noël. Was ich zu sagen habe, darf von keiner lebenden Seele außer uns selbst gehört werden.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Es entstand eine Pause von wenigen Minuten, während Mrs. Lecount das zweite der vor ihr auf dem Tische liegenden Papiere öffnete und ihrem Gedächtniß durch einen raschen Blick in dasselbe zu Hilfe kam. Als Dies vorbei war, wandte sie sich abermals an Noël Vanstone, indem sie sorgsam ihre Stimme senkte, um sie für Jeden, der etwa draußen im Gange lauschen möchte, unhörbar zu machen.

—— Ich muß Sie um die Erlaubnis; bitten, Sir, begann sie, noch einmal auf Ihre Gattin zurückkommen zu dürfen. Ich thue es sehr ungern und verspreche Ihnen auch, daß Das, was ich jetzt um Ihretwillen und meinetwegen über sie zu sagen habe, in den kürzesten Worten gesagt werden soll. Was wissen wir von dieser Frau, Mr. Noël, indem wir sie nach ihrem eigenen Bekenntniß, als sie in der Rolle der Miss Garth zu uns kam, und nach ihren eigenen Handlungen nachmals zu Aldborough beurtheilen? Wir wissen, daß, wenn nicht der Tod Ihren Vater aus ihrem Bereich gerückt hätte, sie mit ihrem Anschlag drauf und dran war, ihn des Combe-Raven-Vermögens zu berauben. Wir wissen, daß, als Sie Ihrerseits das Geld erbten, sie drauf und dran war, Sie zu berauben. Wir wissen, wie sie diesen Anschlag bis zu Ende führte, wissen, daß in diesem Augenblicke Nichts, als Ihr Tod noch fehlt, um ihre Raubsucht und ihren Betrug mit Erfolg zu krönen. Alles Dessen sind wir gewiß. Wir sind deß gewiß, daß sie jung, und schlau ist, —— daß sie weder Bedenklichkeiten, noch Gewissensbisse, noch Erbarmen kennt, —— und daß sie, die persönlichen Eigenschaften besitzt, welche die Männer im Allgemeinen —— mir für meine Person rein unbegreiflich! —— schwach genug sind, zu bewundern. Dies sind nicht Hirngespinnste, Mr. Noël, sondern ausgemachte Thatsachen, —— Sie kennen dieselben so gut, als ich selbst.

Er machte ein bejahendes Zeichen, und Mrs. Leconut fuhr fort.

Halten Sie fest, was ich Ihnen von der Vergangenheit gesagt habe, Sir, und thun Sie nun mit mir einen Blick in die Zukunft. Ich hoffe und erwarte zuversichtlich, daß Sie noch ein langes Leben vor sich haben; allein lassen Sie uns nur einen Augenblick den Fall Ihres Todes annehmen —— wie sie nach Ihrem Ableben dies Testament da hinterlassen, das Ihr Vermögen Ihrem Cousin George zuschreibt. Ich habe erfahren, gibt eine Behörde in London, bei der Abschriften von allen Testamenten hinterlegt werden müssen. Jeder neugierige Fremde, welchem es einfällt, einen Schilling für die Befugniß zu zahlen, kann in jenes Bureau treten und dort jedes Testament lesen, das man ihm oder, wenn es eine Dame ist, ihr anvertraut. Sehen Sie, wohin ich ziele, Mr. Noël? Ihre enterbte Wittwe zahlt ihren Schilling und liest Ihr Testament. Ihre enterbte Wittwe sieht, daß das Combe-Raven-Vermögen, das von Ihrem Vater auf Sie übergegangen ist, dann von Ihnen auf George Bartram übergeht. Was ist die gewisse Folge dieser Entdeckung? Die Folge ist, daß Sie Ihrem Cousin und Freund das Erbtheil der Rache dieses Weibes und ihrer betrügerischen Ränke hinterlassen, und zwar einer Rache, die durch ihren Grimm über ihren Mißerfolg noch entschlossener einer Ränkesucht, welche dadurch noch teuflischer geworden, als je zuvor. —— Was ist Ihr Vetter George? Er ist ein edelmüthiger, argloser Mann, selber für seine Person unfähig des Betrugs und auch keinen Betrug von Anderen fürchtend. Ueberlassen Sie ihn den rücksichtslosen Zauberkünsten und unergründlichen Ränken Ihrer Frau, und ich sehe schon im Geiste das Ende so sicher vor mir, wie ich Sie da sitzen sehe! Sie wird seine Augen verblenden, wie sie die Ihrigen blendete, und Ihnen zum Trotz, mir zum Trotz das Geld erhalten!

Sie hielt inne und ließ ihren letzten Worten Zeit sich in seinem Geiste zu befestigen. Die Umstände waren so klar dargelegt, der Schluß aus denselben war so richtig gezogen, daß er ohne Mühe ihre Meinung verstand und sofort begriff.

—— Ich sehe es ein! sprach er rachsüchtig seine Hände ballend. Ich verstehe, Lecount! Sie soll keinen Pfifferling haben! Sagen Sie mir, was ich thun soll —— soll ich es dem Admiral hinterlassen?

Er machte eine Pause und dachte ein wenig« nach.

—— Nein, begann er wieder, es ist dieselbe Gefahr, wenn ich es dem Admiral vermache, als wenn ich es George hinterlasse.

—— Es ist keine Gefahr dabei, Mr. Noël, wenn Sie meinen Rath annehmen wollen.

—— Was ist Ihr Rath?

—— Folgen Sie Ihrer eigenen Ansicht, Sir. Nehmen Sie die Feder zur Hand und hinterlassen Sie das Geld dem Admiral.

Er tauchte die Feder unwillkürlich in die Tinte und zögerte.

—— Sie sollen erfahren, wohin ich Sie führe, Sir, sprach Mrs. Lecount, ehe Sie Ihr Testament unterschreiben. In mittelst lassen Sie uns Zoll für Zoll Boden gewinnen, wie wir vorwärts kommen. Ich möchte, daß das Testament erst fertig wird, ehe wir einen Schritt weiter gehen. Fangen Sie Ihren dritten Absatz an, Mr. Neel, unter den Zeilen, welche mir Ihr Vermächtniß von fünf Tausend Pfund hinterlassen

Sie sagte ihm in einem Augenblick den letzten Absatz des Testaments nach dem Entwurf in ihren Händen folgendermaßen vor:

Den ganzen Rest meines immobilen Vermögens nach Abzug der Kosten meines Begräbnisses und meine ausweisbaren Schulden verschreibe und vermache ich dem Contreadmiral Artuhur Everad Bartram, meinem nur genannten Testamentsvollstrecker, auf daß er davon Gebrauch, mache, der ihm gut dünkt.

Zu Urkund Dessen habe ich meinen Namen unterschrieben und mein Siegel beigesetzt, heute, als am dritten November, Eintausendachthundertundsiebenundvierzig.

—— Ist das Alles? fragte Noël Vanstone erstaunt.

—— Das reicht hin, Sir, um das Vermögen den Admiral zu verschreiben, und das ist Alles. Nun wo wieder auf den Fall zurückkommen den wir schon gesetzt haben. Ihre Wittwe bezahlt ihren Schilling und sieht Ihr Testament ein. Da ist das Combe-Raven-Vermögen dem Admiral Bartram hinterlassen mit einer ausdrücklichen gemessenen Erklärung, daß es sein ist, um davon den Gebrauch zu machen, der ihm gut dünkt. Wenn sie das sieht, was wird sie thun? Sie legt dem Admiral ihre Schlingen. Er ist ein Junggesell und ein alter Herr. Wer soll ihn schützen gegen die Künste dieses verzweifelten Frauenzimmers? —— Schützen Sie ihn selbst, Sir, mit noch einigen wenigen Strichen derselben Feder, welche bereits solche Wunder gethan hat. Sie haben ihm in Ihrem Testament dies Vermächtniß hinterlassen, und Ihre Frau sieht dies Testament. Nehmen Sie ihm das Vermächtniß in einem Briefe wieder ab und lassen Sie diesen Brief ein tiefes Geheimniß zwischen Ihnen und dem Admiral sein und bleiben. Stecken Sie das Testament und den Brief in ein und dasselbe Couvert und legen Sie Beides in die Hände des Admirals mit Ihrer schriftlichen Weisung für ihn, das Siegel am Tage Ihres Todes zu erbrechen. Lassen Sie das Testament sagen, was es jetzt besagt, und lassen Sie erst den Brief, —— der da Ihr und sein Geheimniß ist —— ihm die Wahrheit sagen. Sagen Sie, daß, indem Sie ihm vor der Welt Ihr Vermögen vermachten, Sie es mit dem Bedingung thaten, daß er Ihr Vermächtniß mit der einen Hand nehmen und dasselbe mit der andern an seinen Neffen George abtreten möge. Erklären Sie ihm, daß Ihre Zuversicht in dieser Angelegenheit einzig und allein auf Ihrem Vertrauen auf seine Ehre und Ihrem Glauben an seine dankbare Erinnerung an Ihren Vater und Sie selber beruhe. Sie kennen den Admiral seit Ihrer frühesten Jugend. Er hat seine kleinen Schrullen und Sonderbarkeiten, aber er ist ein Ehrenmann von dem Wirbel bis zur Zehe und schlechterdings unfähig, einem Vertrauen in seine Ehre, das ein verstorbener Freund in ihn gesetzt hat, nicht zu entsprechen. Heben Sie die Schwierigkeit durch eine solche Kriegslist nur immer frischweg, und Sie retten diese beiden hilflosen Männer vor den Ränken Ihrer Gattin, den Einen mittelst des Andern. Hier auf der einen Seite ist Ihr Testament, das Ihr Vermögen dem Admiral zuweist und folglich ihre Hinterlist aufs Neue rege macht. Und da auf der andern Seite ist Ihr Brief, der insgeheim das Geld seinem Neffen in die Hände gibt!

Die boshafte Geschicklichkeit dieser verwickelten Anordnung war gerade so recht nach Mr. Noël Vanstones Sinn und seinem Verständniß angepaßt. Er versuchte seine Zustimmung und Bewunderung in Worten auszusprechen. Mrs. Lecount hob aber warnend ihre Hand auf und schloß ihm die Lippen.

—— Warten Sie? Sir, ehe Sie Ihre Meinung aussprechen, fuhr sie fort. Wir haben die Schwierigkeit erst halb überwunden. —— Wir wollen nun einmal sagen, der Admiral hat von Ihrem Vermächtniß den Gebrauch gemacht, wie Sie insgeheim von ihm geheischt haben. Früher oder später, wie gut auch das Geheimniß bewahrt werden möge, wird Ihre Frau die Wahrheit erfahren. Was folgt auf diese Entdeckung? Sie legt die Belagerung vor Mr. George. Alles, was Sie gethan haben, ist, daß Sie ihm das Geld auf einem Umwege vermachen. Da ist er ihr nach Verlauf von einiger Zeit ebenso sehr preisgegeben, als wenn Sie ihn ganz offen in Ihrem Testament eingesetzt hätten. Was gibt es für ein Mittel dagegen? —— Das Mittel ist, sie irre zu leiten, wenn wir es vermögen, zum Schutze Ihres Vetters George zum zweiten Male ein Hinderniß zwischen sie und das Geld zu setzen. Können Sie wohl selber rathen, Mk. Noël, welches das zuverlässigste Hinderniß ist, das wir ihr in den Weg werfen können?

Er schüttelte mit dem Kopfe. Mrs. Lecount lächelte und machte ihn aufs Aeußerste gespannt, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte.

—— Stellen Sie ihr ein Weib in den Weg, Sir! flüsterte sie in ihrem verschmitztesten Tone. Wir glauben, Gott Lob! nicht an ihre bezaubernde Schönheit, was auch Sie davon halten mögen. Unsere Lippen brennen nicht, um solche glatte Wangen zu küssen. Unsere Arme verlangen nicht darnach, sich um jenen zarten Leib zu legen. Wir durch schauen ihr Lächeln und ihre Lockungen, ihr Bleiben und ehen, uns kann sie eben nicht bezaubern! Stellen Sie ihr ein Weib in den Weg, Mr. Noël! Nicht ein Weib in meiner hilflosen Lage, die ich nur ein Dienstbote bin, nein, ein Weib mit dem Ansehen und der Eifersucht einer Ehefrau. Machen Sie es in Ihrem Briefe an den Admiral zur Bedingung, daß, wenn Mr. George zur Zeit Ihres Todes noch Junggeselle ist, derselbe in einer bestimmten Zeit nachher heirathen solle, sonst Ihr Vermächtniß verliere. Gesetzt, er bleibt ledig trotz Ihrer Bedingung, wer soll das Geld dann haben? Noch einmal, Sir, stellen Sie Ihrer Frau ein Weib entgegen und vermachen Sie das Vermögen in diesem Falle der verheirathen Schwester Ihres Vetters George.

Sie hielt inne. Noël Vanstone versuchte abermals sich auszusprechen, und wieder machte ihn die Hand der Mrs. Lecount verstummen.

— Wenn Sie einverstanden sind, Mr. Noël, sprach sie, so will ich Ihre Zustimmung hiermit für gegeben erachten. Wenn Sie dawider sind, will ich Ihren Einwürfen begegnen, noch ehe sie über Ihre Lippen sind. Sie können sagen: »Wenn nun auch diese Bedingung hinreichend ist, um dem Zwecke zu dienen, warum sie in einem Briefe an den Admiral verborgen halten? Warum sie nicht offen mit meines Vetters Namen dazu in das Testament hineinschreiben? —— Nur aus einem Grunde nicht, Sir. Nur weil der geheime Weg der sichere ist gegenüber einem solchen Weibe, wie Ihre Frau ist. Je geheimer Sie Ihre Absichten halten, ist ein ihrer Verrätherei abgerungener Gewinn für den Admiral, ein Gewinn für Mr. George, wenn er noch Junggeselle ist, damit er ungestört seine Lebensgefährtin wählen kann, Zeitgewinn für den Gegenstand seiner Wahl zu dessen eigener Sicherheit, da selbiger sonst dem Argwohn und der Feindschaft Ihrer Frau zuerst ausgesetzt sein würde. Denken Sie an das im Oberstübchen aufgefundene Fläschchen und halten Sie daher dieses verzweifelte Weib, so lange Sie können, in Unwissenheit, Dies heißt soviel als Unschädlichkeit. Das ist mein Rath, Mr. Noël, in den kürzesten und deutlichsten Worten. —— Was sagen Sie dazu, Sir? Bin ich aus meine Art beinahe ebenso schlau als —— Ihr Freund Mr. Bygrave? Versteh ich mich auch ein wenig aufs Ränkespinnen, wenn das Ziel meiner Verschwörung dahin geht, Ihre Wünsche zu krönen und Ihre Freunde zu schützen?

Mr. Noël Vanstone, dem endlich der Gebrauch seiner Zunge wieder verstattet war, sprach sich seine Bewunderung vor Mrs. Lecount in Worten aus, welche aufs Haar denjenigen glichen, mit denen er bei einer früheren Gelegenheit Hauptmann Wragge seine Achtung bezeugt hatte.

—— Wass für einen Kopf haben Sie! waren die Dankesworte, welche er einst zu Mrs. Lecounts bitterstem Feinde gesprochen hatte.

—— Was für einen Kopf haben Sie! waren die Dankesworte, welche er jetzt zu Mrs. Lecount selber sprach.

So berühren sich die Extreme, und so lächerlich allbeweihräuchernd ist manchmal der Beifall eines Thoren!

—— Erlauben Sie, daß mein Kopf die schmeichelhaften Aeußerungen erst verdiene, die Sie ihm eben gespendet haben, sagte Mrs. Lecount. Der Brief an den Admiral, noch ist er nicht geschrieben. Das Testament da, es ist ein Leib ohne Seele, ein Adam ohne Eva, bis —— der Brief vollendet und ihm beigelegt ist. Erst noch wenig meinerseits dictirt, noch ein wenig nachgeschrieben von Ihrer Seite, und unser Werk ist vollbracht. —— Verzeihen Sie. Der Brief wird länger sein, als das Testament, wir müssen dies Mal größeres Papier als diese Briefbogen da nehmen.

Die Schreibmappe wurde durchsucht, und etwas Briefpapier von größerem Format, wie es gewünscht wurde, aufgefunden. Mrs. Lecount fing wieder an zu dictiren, und Noël Vanstone nahm wieder die Feder zur Hand.

Dumfries,
Baliol-Villa, den 3. November 1847.

(Vertrauliche Mittheiluug.)
Lieber Admiral Bartram!

Wenn Du mein Testament eröffnest, in welchem Du zu meinem alleinigen Testamentsvollstrecker ernannt bist, so wirst Du finden, daß ich den ganzen Rest meines Grundbesitzes nach Auszahlung eines Vermächtnisses von fünf Tausend Pfund Dir vererbt habe. Es ist der Zweck dieses meines Briefes, Dir vertraulich mitzutheilen, welches die Absicht ist, aus der ich das Vermögen, das nunmehr in Deine Hände gegeben ist, gerade Dir hinterlassen habe.

Siehe dies große Vermächtniß, bitte ich, nur als ein unter gewissen Bedingungen Deinerseits an Deinen Neffen George abzutretendes an. Wenn Dein Neffe zur Zeit meines Todes verheirathet ist und seine Gattin noch lebt, so ersuche ich Dich, ihn sofort in Besitz Deines Vermächtnisses zu setzen, indem Du ihm zugleich meinen Wunsch ausdrücken wirst, den er sicherlich als eine heilige und unverbrüchliche Verpflichtung ansehen wird, —— daß er das Geld seiner Frau und seinen Kindern, wenn er deren hat, zuschreiben lasse. Wenn er aber im andern Falle zur Zeit meines Todes unverheirathet oder ein Wittwer ist, so mache es in diesen beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erbschaft, daß er sich verheirathe innerhalb einer Zeit von....

Mrs. Lecount legte den brieflichen Entwurf nieder, aus welchem sie bisher dictirt hatte, und bedeutete Noël Vanstone durch ein Zeichen, daß er seine Feder ruhen lassen möge.

—— Wir sind hier zu einer Zeitfrage gekommen, Sir, bemerkte sie. Wie lange Frist wollen Sie Ihrem Vetter geben, wenn er unverheirathet oder Wittwer ist zur Zeit Ihres Todes?

—— Soll ich ihm ein Jahr geben? frug Noël Vanstone.

—— Wenn wir Nichts, als die Interessen des Vermögens im Auge zu behalten hätten, sagte Mrs. Lecount, würde ich auch sprechen: ein Iahr, Sir, namentlich wenn Mr. George zufällig Wittwer wäre. Allein wir haben Ihre Frau nicht zu vergessen, ebensowenig als die Interessen des Vermögens. Ein Jahr Aufschub zwischen Ihrem Tode und der Verheirathung Ihres Vetters ist eine gefährlich lange Zeit, um die Verfügung über Ihr Vermögen in der Schwebe zu erhalten. Geben Sie einer entschlossenen Frau ein Jahr Zeit zu ihren Ränken und Anschlägen, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, was sie nicht im Stande wäre zu thun.

—— Ein halbes Jahr? schlug Noël Vanstone vor.

—— Ein halbes Jahr, begann Mrs. Lecount, ist von den beiden Fristen die bessere. Ein Zwischenraum von sechs Monden vom Tage Ihres Todes reicht hin für Mr. George.

—— Sie sehen unbefriedigt aus, Sir. Was haben Sie?

—— Ich wünschte, Sie sprächen nicht immer soviel von meinem Tode, brach er auffahrend heraus. Ich mag es nicht leiden! Ich hasse sogar den Klang des Wortes!

Mrs. Lecount lächelte nachgiebig und wandte sich wieder zu ihrem Entwurf.

—— Ich sehe das Wort »Ableben« hier geschrieben, warf sie ein, vielleicht würden Sie dieses verziehen, Mr. Noël?

—— Ja, sagte er, ich ziehe »Ableben« vor. Es klingt nicht so schrecklich als »Tod«.

—— So wollen wir denn mit dem Briefe fortfahren, Sir.

Sie begann wieder zu dictiren, und zwar folgendermaßen:

... so mache ich es in diesen beiden Fällen zur Bedingung für den Empfang der Erbschaft:

daß er sich verheirathe innerhalb einer Zeit von sechs Kalendermonaten vom Tage meines Ablebens an;

daß die Frau, die er erwählt, keine Wittwe sei, und daß seine Trauung in der Pfarrkirche zu Ossory mit Aufgeboten stattfinde, da er daselbst von Jugend auf bekannt ist, und die Familie und Verhältnisse seiner zukünftigen Frau füglich Gegenstände eines öffentlichen Interesses und allgemeiner Erkundigungen sind.

—— Dies, sprach Mrs. Lecount, indem sie ruhig von ihrem Entwurf aufblickte, ist deshalb, Sir, unt Mr. George zu schützen für den Fall, daß man ihm dieselbe Schlinge legen wollte, die Ihnen so erfolgreich gelegt wurde. Sie wird ihre falsche Rolle und ihren angenommenen Namen das nächste Mal nicht ganz so leicht anbringen können, nein, selbst nicht mit Hilfe von Mr. Bygrave! —— Tauchen Sie noch einmal ein, Mr. Noël; wir wollen den nächsten Satz schreiben. Sind Sie bereit?

—— Ja.

Mrs. Lecount fuhr fort:

Wenn Dein Neffe diese Bedingungen zu erfüllen unterläßt, d.h. wenn er, ob er nun Junggesell oder Wittwer zur Zeit meines Ablebens sei, unterläßt, sich ganz in der Art und Weise, wie ich ihm vorgeschrieben habe, innerhalb sechs Kalendermonaten von jener Zeit an zu verheirathen: so ist es mein Wille, daß er die Erbschaft nicht erhalte, auch nicht einen Theil derselben. Ich ersuche Dich, in dem hier vorgesehenen Falle ihn ganz zu übergehen und das Dir in meinem Testament vermachte Vermögen seiner verheiratheten Schwester, Mrs. Girdlestone, abzutreten.

Nachdem ich Dich nun mit meinen Gründen und Absichten bekannt gemacht habe, komme ich zur nächsten Frage, welche nothwendig erwogen werden muß. Wenn zu der Zeit, wo Du diesen Brief erbrichst, Dein Neffe unverheirathet ist, so ist es offenbar unerläßlich, daß er die ihm hier auferlegten Bedingungen so schleunig als Du selbst erfahre. Wirst Du ihm unter diesen Umständen offen mittheilen, was ich Dir hier geschrieben habe? Oder wirst Du ihn in dem Wahne lassen, daß kein solcher geheimer Ausdruck meiner Wünsche wie dieser da vorhanden ist, und willst Du ihm vielleicht all die aufs eine Verheirathung bezüglichen Bedingungen als wie ganz von Dir ausgehend auferlegen?

Wenn u diesen letzten Weg einschlagen willst, so wirst Du zu den vielen freundschaftlichen Verpflichtungen, die ich schon gegen Dich habe, noch eine große hinzufügen.

Ich habe ernsten Grund zu glauben, daß der Besitz meines Vermögens und die Entdeckung etwaiger besonderer letztwilliger Anordnungen und Verfügungen darüber Gegenstände betrügerischer Ränke und Anschläge einer gewissenlosen Person sein werden. Ich wünsche daher sehr, zunächst um Deinetwillen, daß kein Verdacht von dem Dasein dieses Briefes der Person in den Sinn komme, auf welche ich anspiele. Ebenso ist es um Mrs. Girdlestones willen in zweiter Linie mein Wille, daß jene selbige Person ganz in Unwissenheit darüber bleibe, daß die Erbschaft in Mrs. Girdlestones Besitz kommen, solle, wenn Dein Neffe in der gegebenen Zeit nicht verheirathet ist. Ich kenne Georges leichten, nachgiebigen Sinn, ich fürchte die Angriffs die man darauf gründen wird und fühle es lebhaft, daß das klügste Verfahren sein wird, daß man unterläßt, Geheimnisse ihm anzuvertrauen, deren verfrühte Enthüllung von ernsten und sogar gefährlichen Folgen begleitet sein könnte.

Stelle daher lieber die Bedingungen Deinem Neffen, als wenn Sie von Dir kämen. Laß ihn denken, daß sie Dir in den Sinn gekommen sind wegen der neuen Pflichten, die Dir als Ehrenmann durch Deine Stellung in meinem Testament und Deinen folgerichtigen Wunsch, für die Fortdauer des Familiennamens zu sorgen, auferlegt sind. Wenn diese Gründe nicht hinreichen, um ihn zu befriedigen, so kann er Nichts dagegen haben, wenn Du ihn wegen weiterer Aufklärungen, die er noch wünschen könnte, auf seinen Hochzeitstag vertröstest!

Ich bin fertig. Meine letzten Wünsche sind Dir nun vertraut, indem ich stillschweigend auf Deine Ehre rechne und auf die zärtliche Sorge für das Andenken Deines Freundes. Von den beklagenswersthen Umständen, welche mich so zu schreiben zwingen, wie eben geschehen ist, sage ich Nichts. Du wirst, wenn ich am Leben bleibe, aus meinem eigenen Munde davon hören; denn Du wirst der erste Freund sein, den ich in meiner Noth und Sorge zu Rathe ziehen werde. Halte diesen Brief sorgfältig geheim und sorgfältig in Deinen Händen, bis meine Wünsche erfüllt sind. Laß kein menschliches Wesen außer Dir unter keinerlei Vorwand wissen, wo er ist;

Halte mich, lieber Admiral Bartram, immer für
Deinen herzlich ergebenen
Noël Vanstone.

—— Haben Sie unterschrieben, Sir? frug Mrs. Lecount. Lassen Sie mich, wenn Sie wollen, den Brief noch ein Mal überlesen, ehe Sie ihn zusiegeln.

Sie las den Brief sorgsam durch. In Noël Vanstones enger, gedrängter Handschrift füllte er zwei Seiten eines Briefbogens und schloß oben auf der dritten Seite. Anstatt ein Couvert zu nehmen, brach ihn Mrs. Leconnt sauber und sicher in der altherkömmlichen Art. Sie zündete den Wachsstock auf dem Schreibzeug an und gab den Brief dem Absender zurück.

—— Siegeln Sie ihn, Mr. Noël, sprach sie, eigenhändig und mit Ihrem eigenen Petschaft zu. ——

Sie löschte den Wachsstock aus und gab ihm wieder die Feder in die Hand.

—— Schreiben Sie die Adresse, Sir, fuhr sie fort: an

ADMIRAL BARTAM
ST. CRUX
in der Marsch
ESSEX

—— Und nun fügen Sie über der Adresse folgende Worte hinzu und unterzeichnen Sie dieselben:

In Deinen Händen zu bewahren und erst am Tage meines Todes ——
oder wenn Sie lieber wollen:
—— meines Ablebens zu erbrechen.

Noël Vanstone.

—— Sind Sie fertig? Lassen Sie mich noch einmal sehen. —— Ganz richtig in allen Stücken. Nehmen Sie meinen Glückwunsch, Sir. Wenn nunmehr Ihre Frau nicht ihren letzten Anschlag wegen des Combe-Raven-Vermögens ausgeführt hat, so ist es nicht Ihre Schuld, Mr. Noël, —— auch nicht meine Schuld!

Als Noël Vanstone nach Vollendung des Briefes seine Aufmerksamkeit wieder unterbrechen konnte, kam er sofort auf rein persönliche Betrachtungen zurück.

—— Jetzt müssen wir an das Einpacken denken, sprach er, ich kann nicht fortgehen ohne meine warmen Sachen.

—— Entschuldigen Sie, Sir, fiel Mrs. Lecount ein, es ist noch das Testament zu unterschreiben, und es müssen zwei Personen gefunden werden, die Ihre Unterschrift bezeugen.

Sie sah zum Vorderfenster hinaus und sah den Wagen an der Thür halten.

—— Der Kutscher ist gut zu einem dieser Zeugen, sagte sie. Er ist in einem anständigen Dienst in Damfries und kann ausfindig gemacht werden, wenn er nötig ist. Als zweiten Zeugeki müssen wir eins von Ihren Leuten nehmen, glaube ich. Es sind alles abscheuliche Frauenzimmer; die Köchin ist noch die, welche von den Dreien am Wenigsten übel aussieht. Klingeln Sie der Köchin, Sir, während ich hinausgehe und den Kutscher rufe. Wenn wir unsere Zeugen hier haben, haben Sie nur folgende Worte zu sprechen:

—— Ich habe da eine Urkunde zu unterschreiben, und ich wünsche, daß Ihr als Zeugen meiner Unterschrift Eure Namen mit hersetzt.

—— Weiter Nichts, Mr. Noël! Sagen Sie diese wenigen Worte in Ihrer gewöhnlichen Art und Weise, und wenn das Unterschreiben vorüber ist, will ich selbst nach dem Einpacken und Ihren warmen Sachen sehen.

Sie ging nach der Vorderthür und rief den Kutscher in das Zimmer herein. Bei ihrer Rückkehr fand sie die Köchin schon in der Stube. Die Köchin sah unerklärlicher Weise beleidigt aus und starrte Mrs. Lecount ununterbrochen an. Eine Minute später kam der Kutscher, ein ältlicher Mann, herein. Es ging ihm ein frischer Branntweingeruch voran, aber sein Kopf war fest auf gut Schottisch, und nichts als der Geruch verrieth ihn.

—— Ich habe da eine Urkunde zu unterschreiben, sagte Noël Vanstone, wie ihm eingelernt worden war, und ich wünsche, daß Ihr als Zeugen meiner Unterschrift Eure Namen mit hersetzt.

Der Kutscher sah auf das Testament. Die Köchin verwandte kein Auge von Mrs. Lecount.

—— Mit Verlaub, Sie werden wohl Nichts dawider haben, Sir, sagte der Kutscher mit der Vorsicht seines Volkes, die sich in jedem Zuge seines Gesichts aussprach. Sie werden Nichts dawider haben, Sir, mir zuerst zu sagen, was das eigentlich für ’ne Urkunde ist?

Mrs. Lecount schlug sich ins Mittel, noch ehe Noël Vanstones Unwille sich in Worten aussprechen.konnte.

—— Sie müssen dem Manne sagen, Sir, daß dies Ihr Testament ist, sagte sie. Wenn er Ihre Unterschrift bezeugt, kann er allein schon so viel sehen,wenn er an den Anfang der Seite sieht.

—— Ja, ja, sagte der Kutscher und sah sofort an den Anfang der Seite. Sein »letzter Wille und Testantent«. Ja, Sirs! des is ’n schlechtes Voraugentreten mit dem Tode in einer Urkunde, die Ihrigte!

—— ’S Fleisch ist wie Gras, fuhr der Kutscher fort, indem er einen neuen Whiskygeruch ausströmte und fromm zur Decke aufblickte. Nehmen Se diese Worte mit der übrigen heiligen Schrift: Viele feind berufen, aber wenige auserwählt. Nehmen Sie Das wieder zu der Offenbarung: erstes Capitel, Vers eins bis. fünfzehn. Legen Se das Ganze aufs Herz —— und wie ist dann der Reichthum von Sie? Schlamm, Sirs! Und Ihr Leib? wieder die Schrift! Thon für den Töpfer. Und Ihr Leben? (noch einmal die Schrift!) Athem von Ihrer Nase!

Die Köchin lauschte, als wenn sie in der Kirche wäre, aber sie Verwandte kein Auge von Mrs. Lecount.

—— Sie können am Besten nun unterschreiben, Sir. Dies ist offenbar noch ein Brauch, der in Dumfries bei Abschließen Von Geschäften herrscht, sagte Mrs. Lecount mit Ergebung. Der Mann meint es gut, ich wette.

Sie setzte diese Worte in sanftem Tone hinzu, denn sie sah, daß Noël Vanstones Unwille fast dem Ausbruche nahe war. Die unerwartet sich ergießende Ermahnung des Kutschers schien ihm eben so viel Furcht als Verdruß verursacht zu haben.

Er tauchte die Feder in die Tinte und unterschrieb das Testament, ohne ein Wort zu sagen. Der Kutscher, der in einem Augenblick von der Theologie auf das Geschäft übersprang, betrachtete die Unterschrift mit der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit und schrieb seinen Namen als Zeuge mit einer stillen Betrachtung über den Vorgang nieder, die von einer neuen Whiskyduftausströmung in Gestalt eines tiefen Seufzers begleitet war. Die Köchin blickte von Mrs. Lecount nur mit Mühe hinweg, schrieb in heftiger Eile ihren Namen darunter und sah flugs wieder mit einem starren Staunen auf dieselbe, als ob sie erwartete, in deren Händen eine mittlerweile zum Vorschein gebrachte geladene Pistole zu erblicken.

—— Ich danke Ihnen, sagte Mrs. Lecount in ihrer freundlichsten Art.

Die Köchin öffnete ihre Lippen ruckweise und schaute ihren Herrn an.

—— Du kannst gehen sagte ihr Herr.

Die Köchin hustete verächtliche und —— ging.

—— Wir wollen Sie nicht lange aufhalten, sprach Mrs. Lecount zum Kutscher, als sie ihn fortgehen ließ. In weniger als einer halben Stunde werden wir zur Rückreise bereit sein.

Die ernstfeierliche Haltung des Kutschers ließ zum ersten Male nach. Er lächelte geheimnißvoll und näherte sich Mrs. Lecount auf den Fußspitzen.

—— Sie werden aberst Eins nicht vergessen, gnädige Fraue, sagte er mit der einschmeichelndsten Artigkeit. Sie werden das Zeugen nicht vergessen, sowie das Fahren, wenn Sie mich für den Tag bezahlen thun?

Er lachte wichtigthuend tief aus der Kehle hervor und schritt, seine Atmosphäre hinter sich lassend aus dem Zimmer.

—— Lecount, sagte Noël Vanstone, sobald der Kutscher die Thür geschlossen hatte. Hörte ich recht, daß Sie dem Manne sagten, wir würden in einer halben Stunde fertig sein?

—— Nun, Sir?

—— Sind Sie blind?

Er that diese Frage mit einem unwilligen Stampfen des Fußes. Mrs. Lecount sah ihn erstaunt an.

—— Können Sie denn nicht sehen, daß der dumme Kerl betrunken ist, fuhr er immer gereizter werdend, fort. Ist mein Leben Nichts? Soll ich der Gnade eines betrunkenen Kutschers preisgegeben werden? Ich würde dem Manne nicht das Zutrauen schenken, mich zu fahren, nicht um Alles in der Welt! Ich muß mich sehr wundern, Lecount, daß Sie daran denken konnten!

—— Der Mann hat allerdings Etwas getrunken, Sir, sprach Mrs. Lecount, das ist leicht zu sehen und zu riechen. Aber er ist offenbar gewohnt zu trinken. Wenn er nüchtern genug ist, ganz gerade zu gehen —— was er doch gewiß thut —— und seinen Namen in einer ganz vortrefflichen Handschrift herzusetzen, was Sie selbst auf dem Testament sehen können, so denke ich denn doch, er ist nüchtern genug, uns nach Dumfries zu fahren.

—— Nicht im Geringsten! Sie sind eine Ausländerin, Lecount, Sie verstehen sich auf diese Leute nicht; die trinken Whisky von früh bis spät. Whisky ist von den Branntweinen der stärkste, den es giebt, Whisky ist bekannt wegen seiner Einwirkungen auf das Gehirn. Ich sage Ihnen, ich will die Gefahr nicht laufen. Ich wurde nie gefahren, will nie gefahren sein von einem andern als nüchternen Menschen!

—— Soll ich selber nach Dumfries zurückgehen Sir?

—— Und mich hier zurücklassen? Mich hier im Hause allein lassen, nach Alledem, was vorgefallen ist? Wie kann ich denn wissen, ob meine Frau nicht heute Abend zurückkommt? Wie kann ich wissen, ob ihre Reise überhaupt nicht eine Schlinge ist, um mich zu berücken? Haben Sie kein Gefühl, Lecount? Können Sie mich in meiner kläglichen Lage verlassen....?

Er sank in einen Stuhl und brach über seinen Gedanken in Thränen aus, ehe er denselben in Worten fertig ausgesprochen hatte.

—— Zu schlecht! sagte er mit seinem Taschentuche vor dem Gesicht, zu schlecht!

Es war unmöglich, ihn nicht zu bedauern. Wenn je ein Sterblicher zu bedauern war, so war er dieser Sterbliche.

Er war unter dem Kampfe widerstrebender Gefühle, die in ihm seit dem Morgen rege geworden waren, endlich zusammengebrochen. Die Anstrengung, Mrs. Lecount durch die Irrgänge der verwickelten Pläne zu folgen, durch die sie ihn fortwährend geführt, hatte ihn aufrecht erhalten, so lange eben die Anstrengung gedauert hatte: in dem Augenblicke, wo dieselbe zu Ende war, knickte er zusammen. Der Kutscher hatte eine Wirkung beschleunigt, von der er weit entfernt war die eigentliche Ursache zu sein.

—— Sie überraschen mich, Sie betrüben mich, Sir, sagte Mrs. Lecount. Ich beschwöre Sie, sich zu fassen. Ich will wenn Sie es wünschen, mit Vergnügen hier bleiben, ich will um Ihretwillen heute Nacht hier bleiben. Sie bedürfen der Ruhe und Erholung nach diesem schrecklichen Tage. Der Kutscher soll noch diesen Augenblick fortgeschickt werden, Mr. Noël. Ich will ihm ein Billet an den Wirth des Hotels mitgeben, und der Wagen soll morgen früh mit einem andern Kutscher, der uns fahren soll, wieder vorkommen.

Die durch diese Worte sich ihm eröffnende Aussicht machte ihn wieder froh. Er wischte sich die Thränen ab und küßte Mrs. Lecount die Hand.

—— Ja! sagte er mit schwacher Stimme, schicken Sie den Kutscher fort und bleiben Sie hier. Sie gutes Geschöpf! Sie vortreffliche Lecount! Schicken Sie den betrukenen dummen Kerl fort und kommen Sie gleich zurück. Wir wollen uns gemächlich ans Feuer setzen, Lecount, und ein hübsches kleines Mittagsbrod einnehmen.

Seine schwache Stimme brach, er kehrte ans Kamin zurück und zerfloß wieder unter dem überschwenglichen Einflusse seiner eignen Gedanken in Thränen.

Mrs. Lecount verließ ihn eine Minute, um den Kutscher zu entlassen. Als sie zurückkehrte in das Zimmer, fand sie ihn mit der Hand am Klingelzuge.

—— Was wünschen Sie, Sir? frug sie.

—— Ich will den Dienstmädchen sagen, sie sollen Ihr Zimmer in Bereitschaft setzen, antwortete er. Ich will Ihnen jegliche Aufmerksamkeit erweisen, Lecount.

—— Sie sind die Freundlichkeit selber, Mr. Noël, aber warten Sie lieber noch ein wenig. Es wird gut sein, wenn wir diese Papiere auf die Seite schaffen, ehe das Mädchen wieder hereinkommt. Wenn Sie das Testament und den Brief in einen Umschlag stecken wollen und Beides an den Admiral adressiren, so will ich Sorge tragen, daß der so verschlossene Inhalt sicher in seine Hände gelangt. —— Wollen Sie an den Tisch kommen, Mr. Noël, nur noch auf einen Augenblick?

Nein! Er bestand aus seinen Kopf, er weigerte sich vom Feuer aufzustehen, er war krank und ermüdet vom Schreiben, er wünschte nimmer geboren zu sein, und es ekelte ihn schon der bloße Anblick von Feder und Tinte an. Mrs. Lecounts ganze Geduld und ganze Ueberredungskunst war nöthig, um ihn zu bewegen, die Adresse des Admirals zum zweiten Male zu schreiben. Sie hatte nur so viel Erfolg, daß sie ihm das unbeschriebene Couvert auf der Schreibemappe entgegenbringen und es ihm schmeichelnd auf den Schooß legen konnte. Er brummte, er verschwor sich sogar, aber er versah doch zuletzt das Couvert mit folgender Anschrift:

ADMIRAL BARTAM
ST. CRUX

in der Marsch

DURCH GÜTE
der
MRS. LECOUNT.

Mit diesem Gefälligkeitsact hatte seine Gelehrigkeit ihr Endschaft erreicht. Er weigerte sich in den stärksten Ausdrücken das Couvert zu siegeln.

Es war keine Noth, ihn zu dieser Handlung zu drängen. Sein Petschaft lag auf dem Tische bereit da, und es kam wenig daraus an, ob er es anwendete oder statt seiner eine Vertrauensperson von ihm. Mrs. Lecount siegelte das Couvert mit den beiden sorgsam hineingelegten Iulagen zu.

Sie machte ihre Reisetasche zum letzten Male auf, hielt einen Augenblick inne, ehe sie das versiegelte Paquet wegsteckte und sah es noch einmal mit einer durch Worte nicht aussprechbaren Siegesfreude an. Sie lächelte, als sie es in die Tasche fallen ließ. Nicht der Schatten eines Zweifels, daß das Testament überflüssige Worte und Wendungen enthalten könnte, die ein praktischer Advocat nicht gebraucht haben würde, nicht die Spur einer Unsicherheit, daß der Brief nicht eine so vollständige Urkunde sei, wie ein praktischer Advocat sie gemacht haben würde, beunruhigte ihr Gemüth. In dem blinden Vertrauen, das aus ihrem Hasse gegen Magdalene und ihrem Rachedurst herstammte, dem blinden Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit und die Gesetzkunde ihres Freundes, rechnete sie mit Bestimmtheit auf die Zukunft im Sinne ihrer Bemühung von heute Morgen.

Als sie ihre Reisetasche schloß, zog Noël Vanstone die Klingel. Diesmal kam Louise daraus herein.

—— Mache das Gastzimmer zurecht, sagte ihr Herr, diese Dame wird heute hier über Nacht bleiben. Lüfte meine warmen Sachen, diese Dame und ich gehen morgen früh zusammen weg.

Die höfliche und unterwürfige Louise empfing ihre Befehle in düsterm Schweigen, schoß einen mürrischen Blick auf den räthselhaften Besuch ihres Herrn und verließ das Zimmer. Die Mädchen waren ersichtlich allesamt den Interessen ihres Herrn ergeben und alle insgesamt einer Meinung betreffs Mrs. Lecount.

—— Das wäre abgemacht, sprach Noël Vanstone mit einem Seufzer voll unendlicher Befriedigung. Kommen Sie und setzen Sie sich, Lecount, wir wollen es uns bequem machen, wir wollen am Feuer Eins Plaudern.

Mrs. Lecount nahm die Einladung an und schob einen Stuhl neben ihn. Er ergriff ihre Hand mit vertraulicher Zärtlichkeit und hielt sie in der seinigen, während die Unterhaltung ihren Verlauf nahm. Ein Fremder, der sie durchs Fenster gesehen hätte, würde sie für Mutter und Sohn gehalten und bei sich gedacht haben:

—— Was für ein trautes Selbander!

Die Unterhaltung, welche von Noël Vanstone geführt wurde, bestand wie gewöhnlich ans einer endlosen Reihe von Fragen und war ganz dem einen Gegenstande geweiht; seine Person und seine künftigen Anordnungen.

—— Wohin wollte ihn die Lecount nehmen, wenn sie den nächsten Tag weggehen wollten?...

—— Warum nach London?...

—— Warum sollte er in London gelassen werden, während die Lecount nach St. Crux weiter ging und dem Admiral Testament und Brief übegab?

—— Weil seine Frau ihm vielleicht folgen konnte, wenn er mit zum Admiral ginge?... Gut, daran war etwas.

—— Und weil er sorgfältig vor ihr in einer bequemen Wohnung bei Mr. Loscombe verborgen gehalten werden sollte? ...

—— Warum bei Mr. Loscombe?...

—— Ach, ja, sicherlich, nur um zu erfahren, was das Gericht thun würde, ihn zu unterstützen ...

—— Würde das Gericht ihn von der Frauensperson losmachen können, die ihn hinters Licht geführt? ...

—— Wie langweilig, daß es die Lecount nicht wußte! ...

—— Würde das Gericht sagen, daß er hingegangen und zum zweiten Male geheirathet habe, dadurch, daß er mit der Frauensperson wie Mann und Frau in Schottland gelebt habe?...

—— War in Schottand Alles, was öffentlich für eine Ehe gehalten wurde, wirklich eine Ehe, wie er gehört habe? ...

—— Wie äußerst langweilig von der Lecount, dazusitzen und zu sagen, sie wisse davon Nichts!...

—— Sollte er lange in London allein bleiben mit Niemand außer Mr. Loscombe, mit dem er sprechen könnte?...

—— Würde die Lecount so rasch zu ihm zurückkehren, als sie jene wichtigen Papiere in die Hände des Admirals niedergelegt haben würde.

—— Wollte die Lecount sich als noch in seinen Diensten stehend betrachten? ...

—— Die gute Lecount! die treffliche Lecount!...

—— Und wenn nun alle die gerichtlichen Schritte abgemacht wären, was dann?...

—— Warum nicht dieses entsetzliche England verlassen und wieder ins Ausland gehen?...

—— Warum nicht nach Frankreich reisen an irgend einen billigen Ort bei Paris? ...

—— Vielleicht nach VersailIes? Vielleicht St. Germain? ... In ein hübsches kleines französisches billiges Haus?... Mit einer hübschen französischen Bonne als Köchin, welche ihn nicht zu Grunde richtete durch übermäßiges Fett der Speisen?... Mit einem hübschen kleinen Garten, wo er selbst arbeiten, gesund werden und —— die Kosten eines Gärtners ersparen könnte? ...

—— Das wäre kein schlechter Gedanke? Und Das scheint sich für die Zukunft gut zu machen, nicht wahr, Lecount?...

So schwatzte es fort, das arme, schwächliche Wesen! Die elende kleine Spottgeburt von einem Manne!

Als die Dunkelheit hereinbrach und der kurze Novembertag zu Ende war, begann er schläfrig zu werden, —— seine endlosen Fragen hörten endlich auf, er schlief ein. Der Wind draußen sang sein trauriges Winterlied, das Trappeln vorübergehender Schritte, das Rollen vorbeifahrender Räder auf der Straße verstummte in traurigem Schweigen. Er schlief ruhig fort. Das Licht vom Kamin flackerte hin und her auf seinem bleichen kleinen Gesichte und seinen kraftlosen herabfallenden Händen. Mrs. Lecount hatte ihn noch nie bemitleidet. Nunmehr fing sie aber an ihn zu bedauern. Ihr Zweck war erreicht, ihr Interesse war in dem Testament gewahrt und gesichert; er hatte aus eigenem Antriebe seine künftige Existenz unter ihre mütterliche Sorge gestellt; das Kaminfeuer war so traulich: die Umstände waren dem Aufkeimen christlicher Milde günstig.

—— Armes Wesen! sagte Mrs. Lecount, indem sie ihn mit ernstem Mitgefühl anschaute —— armes Wesen!

Die Essensstunde weckte ihn. Er war bei Tisch ausgeräumt, er kam aus den Gedanken von dem billigen Häuschen in Frankreich zurück; er lächelte und schmunzelte und sprach französisch mit Mrs. Lecount, während das Hausmädchen und Louise abwechselnd, aber mit Widerwillen, bedienten. Als das Essen vorbei war, kehrte er aus seinen bequemen Stuhl vor dem Feuer zurück, und Mrs. Lecount folgte ihm. Er begann die Unterhaltung wieder, was bei ihm so viel hieß, als: er wiederholte seine Fragen. Aber er war nicht so lebhaft und rasch mit denselben, als er früher am Tage damit gewesen. Sie begannen nachzulassen, sie kehrten in längeren und immer längeren Pausen wieder, sie hörten endlich ganz auf. Gegen neun Uhr verfiel er wieder in Schlummer.

Dies Mal war es nicht ein ruhiger Schlaf. Er murmelte und knirschte mit den Zähnen und rückte seinen Kopf von einer Seite zur andern auf dem Stuhle. Mrs. Lecount machte absichtlich Geräusch, um ihn zu erwecken. Er erwachte mit starren Augen und gerötheten Wangen. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab mit einem neuen Gedanken im Kopfe, dem Gedanken, einen schrecklichen Brief zu schreiben, einen Brief mit ewigem Lebewohl an seine Frau.

Wie sollte der Brief geschrieben werden? In welcher Sprache sollte er seine Gefühle aussprechen? Die Sprachgewalt selbst eines Shakespeare wäre der Aufgabe gegenüber unzureichend. Er war das Opfer einer schlechterdings nicht ihres Gleichen habenden Unthat gewesen. Eine Elende hatte sich in seine Brust geschlichen! Eine Viper hatte sich an seinem Herde eingenistet! Wo konnte er Worte finden, sie mit der Schmach zu brandmarken, die sie verdiente?

Er hielt inne mit dem erdrückenden Gefühl der Ohnmacht seiner Wuth, er hielt inne und ballte zitternd seine Faust in die Luft.

Mrs. Lecount schlug sich jetzt mit einem Nachdruck und einer Entschlossenheit ins Mittel, welche nur von ihrer ernsten Besorgniß eingegeben war. Nach dem schweren Druck, welcher bereits auf seinen schwachen Geist ausgeübt worden war, konnte ein Ausbruch heftiger Leidenschaft, wie er jetzt sich bei ihm kund that, die Ruhe der Nacht ernstlich in Frage stellen und ihm die Kraft zur morgenden Reise rauben. Mit unendlicher Schwierigkeit, mit endlosen Versprechungen, morgen früh wieder auf den Gegenstand zurückkommen und ihm dabei mit Rath zur Hand gehen zu wollen, setzte sie es bei ihm durch, daß er auf sein Zimmer hinaufging und für den Abend Beruhigung faßte. Sie gab ihm ihren Arm, um ihn zu stützen. Unterwegs die Treppe hinauf wurde seine Aufmerksamkeit zu ihrer großen Freude durch einen neuen Einfall getheilt. Er erinnerte sich an eine gewisse warme stärkende Mischung von Wein, Ei, Zucker und Gewürz, welche sie oft in früheren Zeiten für ihn bereitet hatte, und welche, wie er glaubte, ihm ausbündig wohlthun würde, ehe er zu Bett ginge. Mrs. Lecount half ihm seinen Schlafrock anziehen und ging dann wieder die Treppe hinunter, um an dem Feuer im Wohnzimmer seinen Warmtrunk für ihn zu bereiten.

Sie zog die Klingel und bestellte in Noël Vanstones Namen die nöthigen Bestandtheile für die Mischung. Die Dienstmädchen brachten mit der kleinlichen Bosheit ihres Geschlechts, eins nach dem andern, diese Bestandtheile und ließen sie auf jedes derselben so lange als möglich warten. Sie hatte nun die Terrine und den Löffel, den Becher, das Reibeisen für die Muscatnuß und den Wein, allein nicht das Ei, den Zucker, noch das Gewürz: da hörte sie ihn oben geräuschvoll in seinem Zimmer auf- und abgehen, wie er sich ganz wahrscheinlich über den alten Gegenstand aufs Neue in Aufregung versetzte.

Sie ging abermals zu ihm hinauf, aber er war zu schnell für sie, er hörte sie draußen Vor der Thür, und als sie dieselbe öffnete, fand sie ihn auf seinem Stuhle, indem er ihr schlau den Rücken zugewendet hielt. Da sie ihn zu genau kannte, um eine Gegenvorstellung zu machen, zeigte sie ihm nur an, daß der Warmtrunk allsogleich kommen werde, und wandte sich, um das Zimmer zu verlassen. Unterwegs beim Hinausgehen bemerkte sie in einer Ecke einen Tisch mit Tintefaß und Papier darauf und versuchte, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen, die Schreibmaterialien wegzuschaffen. Aber er war wieder zu schnell für sie. Er frug sie zornig, ob sie an seinem gegebenen Versprechen zweifle. Sie stellte aus Besorgniß, ihn zu beleidigen, die Schreibmaterialien wieder auf den Tisch und verließ das Zimmer.

In einer halben Stunde war endlich die Mischung fertig. Sie trug sie ihm hinauf, heiß und schäumend in einem großen Becher.

—— Er wird darauf schlafen, dachte sie bei sich, als sie die Thüre öffnete; ich habe den Trunk darum stärker als gewöhnlich gemacht.

Er hatte seinen Platz verändert. Er saß an dem Tische in der Ecke, aber immer noch den Rücken ihr zugewandt, und —— schrieb. Dies Mal hatten ihm seine guten Ohren Nichts genutzt. Dies Mal ertappte sie ihn auf der That.

—— Ei, Mr. Noël! Mr. Noël sprach sie vorwurfsvoll, was soll man nun auf Ihr Versprechen geben?

Er antwortete nicht. Er saß mit seinem linken Ellenbogen auf dem Tische da, das Haupt gestützt auf seine linke Hand. Seine rechte Hand lag hinter ihm auf dem Papier mit derFeder lose in derselben.

—— Ihr Trank, Mr. Noel, sagte sie mit freundlicherem Tone, indem sie ihm nicht wehe thun mochte.

Er nahm keine Notiz von ihr.

Sie ging an den Tisch, um ihn zu wecken. War er so tief in Gedanken?

Er war todt.



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