Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Vierzehntes Buch - Zwischenscene in Briefen - IV. Mrs. Drake an George Bartram
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Namenlos



IV.

Mrs. Drake an George Bartram.

St Crux, den 17. April.

Sir.

Ich richte diese Zeilen an das Hotel, in welchem Sie zu London zu wohnen pflegen, in der Hoffnung, daß Sie bald genug ans dem Auslande zurückkehren mögen, um meinen Brief sonder Verzug zu erhalten.

Ich bedaure melden zu müssen, daß einige unangenehme Vorfälle auf St. Crux sich zugetragen haben, seit Sie fort sind, und daß mein hochverehrter Brodherr, der Admiral, gut nicht mehr wie früher wohl auf ist. Aus diesen beiden Gründen nehme ich mir die Freiheit, auf eigne Hand an Sie zu schreiben: denn ich denke, Ihre Gegenwart ist in dem Hause sehr nöthig.

In den ersten Tagen des Monats ereignete sich ein sehr bedauerlicher Umstand. Unser neues Stubenmädchen wurde von Mr. Mazey in einer späten Stunde der Nacht mit seines Herrn Schlüsselkörbchen in den Händen betroffen, wie es in Privaturkunden herumstöberte, die in der östlichen Bücherstube aufbewahrt werden. Das Mädchen entfernte sich den andern Morgen heimlich aus dem Hause, ehe noch Jemand von uns auf war, und hat seitdem Nichts wieder von sich hören lassen. Dies Ereigniß hat meinen Herrn höchlich aufgeregt und beunruhigt, und um das Unglück vollständig zu machen, wurde der Admiral gerade an dem Tage, wo das gewissenlose Benehmen des Mädchens entdeckt wurde, von den ersten Anzeichen eines heftigen Erkältungsfiebers ergriffen. Er wußte selbst nicht, noch sonst Jemand, wo er sich die Erkältung zugezogen hatte. Der Arzt wurde geholt und hielt das Fieber auch nieder bis vorgestern, wo es wieder ausbrach unter Umständen, welche Sie beklagen werden, sowie es mich schmerzt, sie niederschreiben zu müssen.

An dem bereits erwähnten Tage, nämlich am Fünfzehnten des Monats benachrichtigte mich mein Herr selber, daß er durch einen den Morgen aus dem Auslande von Ihnen empfangenen Brief, der ihm schlechte Nachrichten gebracht habe, im höchsten Grade beunruhigt werde. Er sagte mir nicht, was das für Nachrichten seien, aber ich habe ihn noch nie zuvor in allen den langen Jahren, die ich in seinen Diensten verlebt habe, so unglücklich und aufgeregt gesehen, und so ganz außer sich, als er mir an jenem Tage vorkam. In der Nacht schien seine Unruhe zuzunehmen. Er war in einem aufgeregten Zustande, daß er den Ton von Mr. Mazeys schwerem Athem draußen nicht ertragen konnte und dem alten Manne die gemessene Weisung gab, sich diese Nacht in einer der Kammern zur Ruhe zu begeben.

Mr. Mazey sah sich natürlich zu seinem Bedauern genöthigt zu gehorchen. Unser einziges Mittel, um den Admiral zu verhindern, im Schlafe sein Zimmer zu verlassen, war somit zu Nichte gemacht, und so kamen wir, Mr. Mazey und ich, überein, daß wir abwechselnd die Nacht bei ihm wachen wollten, indem wir in einem der an unseres Herrn Kammer anstoßenden Zimmer bei halboffener Thüre Wache hielten. Wir konnten auf nichts Besseres verfallen, da wir wußten, daß er es nicht leiden würde, wenn wir ihn einschlössen zumal wir, auch wenn wir hätten wagen wollen, ihn ohne seine Erlaubniß einzuschließen, den Thürschlüssel nicht in den Händen hatten. Ich hielt die Wache in den ersten beiden Stunden, und dann nahm Mr. Mazey meine Stelle ein. Nachdem ich ein wenig auf meinem Zimmer gewesen war, fiel mir ein, daß ja der alte Mann schwerhörig war und daß, wenn seine Augen in der Nacht schwierig würden, man vollends sich nicht darauf verlassen konnte, daß seine Ohren ihn, wenn etwas verfiel, benachrichtigten. Ich fuhr wieder in meine Kleider und ging zu Mr. Mazey zurück. Er war weder eingeschlafen, noch munter, er war in einem Mittelzustande. Mein Geist ahnte das Schlimmste, und ich ging in das Zimmer des Admirals. Die Thür war offen, —— das Bett war leer.

Mr. Mazey und ich gingen sofort die Treppe hinunter. Wir sahen in alle Zimmer im nördlichen Flügel, eins nach dem andern, und fanden keine Spur von ihm. Ich dachte sodann an das Besuchszimmer und ging, weil ich am schnellsten von uns Beiden auf den Füßen war, dorthin voran. In dem Augenblick wo ich um die scharfe Ecke des Ganges herum kam, sah ich meinen Herrn durch die offene Zimmerthür im Schlafwandeln auf mich zukommen, die Schlüssel in der Hand. Da befiel mich die Furcht und hat mich nicht wieder verlassen, sein Traum möchte ihn durch die Banquethalle in den östlichen Flügel geführt haben. Wir unterließen es, ihn aufzuwecken und folgten ihm nach, bis er selber in seine Kammer zurückging. Den nächsten Morgen kamen, es ist traurig zu sagen, alle schlimmen Anzeichen wieder zum Vorscheine, und keines von den angewandten Mitteln hat gefruchtet, um die Krankheit zu überwältigen. Nach dem Rathe des Arztes vermieden wir es dem Admiral zusagen, was vorgefallen war. Er ist immer noch in dem Wahne, daß er die Nacht wie gewöhnlich auf seinem Zimmer zugebracht habe.

Ich bin mit Fleiß auf alle Einzelheiten dieses unseligen Zwischenfalles eingegangen, weil weder Mr. Mazey noch ich selber uns von Schuld frei sprechen wollen, wenn wir Tadel verdient haben. Wir haben Beide gethan, was wir fürs Beste hielten, und bitten Sie Beide flehentlich, Sie wollen unsere verantwortliche Stellung erwägen und je eher je lieber nach St. Crux kommen. Unser verehrter Herr ist sehr schwer zu behandeln, und der Arzt meint, wie wir selber, daß Ihre Anwesenheit im Hause vonnöthen ist.

Ich verbleibe, Sir, mit Mr. Mazeys und meinen eigenen achtungsvollsten Grüßen

Ihre ergebene Dienerin,

Sophia Drake.


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