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Namenlos



Vierzehntes Buch

Zwischenscene in Briefen.

I.

George Bartram an Admiral Bartram.

London,
den 3. April 1848.

Lieber Oheim!

Nur eine eilige Zeile, um Dich von einem augenblicklichen Hinderniß in Kenntniß zu setzen, an das Keiner von uns gedacht hat, als wir von einander auf St. Crux Abschied nahmen. Während ich die ersten Tage der Woche auf dem »Meierhofe« unnütz hinbrachte, müssen die Tyrrels ihre Anordnungen getroffen haben, London zu verlassen. Soeben komme ich von Portlandsplatze. Das Haus ist zugeschlossen, und die Familie —— Miss Vanstone natürlich mitgerechnet —— verließ gestern England, um die Saison in Paris zuzubringen.

Laß Dich, ich bitte, dies kleine Hinderniß sogleich im Anfange ja nicht beirren. Es ist von keiner großen Bedeutung. Ich habe die Adresse der Wohnung, wo die Tyrrels eingezogen sind, und ich denke ihnen mit dem heutigen Nachtzug nachreisen. Ich werde in Paris schon meine Gelegenheit wahrnehmen, gerade so schnell, als in London selbst. Verlaß Dich darauf, daß das Gras nicht unter meinen Füßen wachsen soll. Ich werde doch einmal in meinem Leben die Zeit bei der Stirnlocke fassen, als ob ich der ungestümste Mann in England wäre, und sei versichert, den Augenblick. sowie ich den Erfolg weiß, sollst Du ihn ebenfalls erfahren.

herzlich
Dein getreuer

George Bartram.



Kapiteltrenner

II.

George Bartram an Miss Garth.

Paris, den 13. April.

Liebe Miss Garth!

Ich habe soeben mit schwerem Herzen an meinen Oheim geschrieben, und ich denke, es ist gegenüber Ihrer freundlichen Theilnahme an mir meine Schuldigkeit, daß ich nicht unterlasse, den nächsten Brief an Sie zu richten.

Sie werden meine Enttäuschung mit mir fühlen, glaube ich, wenn ich Ihnen in den kürzesten und deutlichsten Worten sage, daß Miss Vanstone mich zurückgewiesen hat. —— ——

Meine Eitelkeit hat mich vielleicht beklagenswerther Weise verblendet; allein ich bekenne, daß ich einen ganz andern Erfolg erwartet hätte. Meine Eitelkeit verblendet mich vielleicht noch; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich der Meinung bin, Miss Vanstone hat mich nur mit schwerem Herzen zurückgewiesen. Der Grund, den sie für ihren Entschluß angab, Ersterer ohne Zweifel in ihren Augen ein stichhaltiger Grund —— schien mir weder damals, noch scheint er mir jetzt hinreichend zu sein. Sie sprach in der angenehmsten und freundlichsten Art und Weise; allein sie erklärte fest, daß »die Mißverhältnisse ihrer Familie« ihr als ehrlich denkenden Jungfrau keine andere Wahl ließen, als ihrerseits an meine eigene Wohlfahrt zu denken, da ich selber nicht daran gedacht habe, und dankbar meinen Antrag von der Hand zu weisen.

Sie war so schmerzlich aufgeregt, daß ich nicht wagen konnte, so für meine Angelegenheit zu sprechen, wie ich es wohl unter anderen Verhältnissen gethan haben würde. Bei dem ersten Versuche, den ich machte, um auf die Personen zu kommen, ersuchte sie mich, sie zu schonen und verließ plötzlich das Zimmer. Ich bin noch ungewiß, ob ich die Familienmißverhältnisse, welche diese Kluft zwischen uns aufgerissen haben sollen, dieselben sind, um derentwillen nur ihre Eltern anzuklagen sein würden, oder ob sie darauf deuten will, daß sie eine Frau, wie Mrs. Noël Vanstone, zur Schwester hat. In welchem von diesen Umständen das Hinderniß liegt: nach meiner Ansicht gibt es hier kein Hinderniß. Kann denn dasselbe durch Nichts entfernt werden? Gibt es keine Hoffnung? Verzeihen Sie, daß ich solche Fragen thue. Ich kann meine bittere Enttäuschung unmöglich in mir bergen und allein tragen. —— Weder sie, noch Sie, noch irgend Jemand außer mir können wissen, wie ich sie liebe. ——

Immerdar
Ihr Getreuer,

George Bartram.

NS. Ich werde in ein oder zwei Tagen nach England zurück gehen, indem ich auf dem Wege nach St. Crux über London reise. Es sind Familienangelegenheiten in Verbindung mit dem leidigen Geld, welche mich mit äußerst geringem Vergnügen auf meine nächste Unterredung mit meinem Oheim blicken lassen. Wenn Sie Ihren Brief an Long’s Hotel richten, so wird er mich sicherlich treffen.



Kapiteltrenner

III.

Miss Garth an George Bartram.

Westmorland-House, den 16. April.

Lieber Mr. Bartram!

Sie hatten ganz Recht, wenn Sie vermutheten, daß Ihr Brief mich betrüben würde. Wenn Sie zugleich vermuthet hätten, daß derselbe mich zugleich unwillig machen würde, so würden Sie ebenfalls das Richtige getroffen haben. Ich habe keine Geduld mit dem Stolze und der Verkehrtheit der jungen Frauenzimmer von heutzutage.

Ich habe Nachricht von Nora Es ist ein langer Brief, welcher die Einzelheiten ganz ausführlich darstellt. Ich will nun das ganze Vertrauen auf Ihre Ehre und Verschwiegenheit setzen, welches ich in der That für Sie in mir trage. Um Ihretwillen und um Noras willen will ich Sie wissen lassen, welches der Gewissenszweifel ist, der schuld daran ist, daß Dieselbe in ihrem Stolze und Wahne Sie verschmäht. Ich bin alt genug, um mich aussprechen zu können, und das kann ich Ihnen sagen, wäre sie nur gescheidt genug gewesen, sich bloß von ihren eigenen Wünschen leiten zu lassen, so würde sie gar zu gern Ja gesagt haben.

Die eigentliche Ursache von all dem Unheil ist niemand Geringeres, denn Ihr würdiger Oheim —— Admiral Bartram.

Es scheint, daß der Admiral sich in den Kopf gesetzt hatte —— vermuthlich in Ihrer Abwesenheit von St. Crux —— sich selber nach London aufzumachen und seiner eigenen Neugierde betreffs Noras nachzugehen, indem er unter dem Vorwande, seine alte Freundschaft mit den Tyrrels zu erneuern, auf Portlandsplatz einen Besuch machte. Er kam zur Zeit des zweiten Frühstücks und sah Nora Nach Allem, was ich höre, erhielt er ersichtlich von ihr einen bessern Eindruck, als er erwartete oder wohl gar wünschte, als er in das Haus kam.

Soweit ist dies bloße Vermuthung, aber es ist unglücklicherweise ganz ausgemacht, daß er und Mrs. Tyrrel nach dem Frühstück eine Unterredung unter vier Augen miteinander hatten. Ihr Name wurde nicht genannt, aber als die Rede auf Nora kam, dachten natürlich Beide an Sie. Der Admiral, der ihr selbst volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, erklärte sich von Mitleid ergriffen über ihr hartes Lebensloos. Der ärgerliche Wandel ihrer Schwester dürfte —— wie er fürchtete —— ihrer Zukunft allezeit im Wege stehen. Wer könnte sie heirathen, ohne es erst zur Bedingung zu machen, daß sie und ihre Schwester für immer geschiedene Leute wären? Und selbst dann noch würde das Hinderniß bleiben, das ernste Hinderniß für die Familie ihres Gatten, mit einer solchen Frau wie Mrs. Noël Vanstone verschwägert zu sein. Es sei sehr traurig, es sei nicht des armen Mädchens Schuld, aber es sei nichtsdestoweniger wahr, daß ihre Schwester der Stein des Anstoßes für ihr ganzes Leben bleiben würde. —— So sprach er etwa, nicht eigentlich übelwollend gegen Nora, aber mit einem hartnäckigen Glauben an seine eigenen Vorurtheile, der wie Uebelwollen aussah und den Leute von mehr Gefühl als klarem Verstande nur zu geneigt sind, bitter zu empfinden.

Zum Unglück ist Mrs. Tyrrel von solcher Art. Sie ist eine vortreffliche Frau mit warmer Empfindung, von lebhaftem Charakter, aber sehr wenig Urtheil, Nora aufs herzlichste zugethan und für deren Wohl über alle Maßen bedacht. Nach Allem, was ich erfahre hat sie dem Admiral übel genommen und als selbstsüchtig und eitel im höchsten Grade ausgelegt, daß er seine Meinung ihr so gerade ins Gesicht sagte, und dann, als er fort war, dies als einen ihr gegebenen Wink betrachtet, die Besuche seines Neffen nicht weiter zu befördern, gedeutet, —— und das sei ein schreiendes Unrecht, gegenüber, der Herrin des Hauses in ihren eignen vier Wänden. Dies war schon thöricht genug, aber das noch Thörichtere sollte erst noch kommen.

Sobald Ihr Oheim fort war, ließ Mrs Tyrrel unkluger- und tactloserweise Nora kommen, wiederholte ihr die eben stattgefundene Unterredung und machte sie auf den Empfang aufmerksam, den sie von dem Manne zu erwarten habe, der in der Stellung eines Vaters zu Ihr stehe, falls sie einen Heiratsantrag von Ihnen annähme. Wenn ich Ihnen sage, daß Noras treue Anhänglichkeit an ihre Schwester noch unerschüttert fortbesteht und daß unter ihrer edlen Ergebung in die unglücklichen Verhältnisse ihres Lebens ein leicht verletzliches Feingefühl gegenüber Beschimpfungen jeder Art, das tief in ihrem Wesen liegt, verborgen ist, so werden Sie den wahren Beweggrund verstehen, warum dieselbe Sie verworfen hat, was Sie so natürlich und gerechtermaßen verletzen mußte. Es sind alle Drei in dieser Angelegenheit gleichmäßig anzuklagen. Ihr Oheim hatte Unrecht, daß er so unumwunden und unüberlegt seine Einwände aussprach. Mrs. Tyrrel hatte Unrecht, daß sie sich von ihrer Leidenschaft hinreißen ließ, sich selber für beleidigt anzusehen, da kein Mensch an eine Beleidigung gedacht hatte. Und Nora hatte Unrecht, daß sie einen falschen Stolz und einen hoffnungslosen Glauben an ihre Schwester, den füglich kein Dritter theilen kann, über die höheren Anforderungen stellte, die eine Neigung, die das Glück und die Wohlfahrt ihres ganzen Lebens hätte sichern können, an sie hatte.

Allein das Unheil ist nun einmal angerichtet. Die nächste Frage ist, kann der Schaden wieder gut gemacht werden?

Ich hoffe und glaube es allerdings. Mein Rath ist der: nehmen Sie das Nein als keine Antwort. Lassen Sie ihr Zeit, darüber nachzudenken, was sie gethan hat, und es im Stillen, was ich meinestheils gewiß glaube; zu bereuen. Haben Sie. Vertrauen auf meinen Einfluß über sie, um Ihre Angelegenheit in Ihrem Interesse zu betreiben bei jeglicher Gelegenheit, die ich finden kann, warten Sie ruhig den rechten Augenblick ab und fragen Sie wieder bei ihr an. Die Männer, welche gewohnt sind, selber aus Ueberlegung zu handeln, sind viel zu rasch beider Hand, zu denken, daß die Frauen ebenfalls aus Ueberlegnng handeln. Die Frauen sind weit entfernt davon. Sie handeln nach den Eingebungen des Augenblicks und bedauern es hinterher in neun Fällen unter zehn bitterlich. Inzwischen müssen Sie Ihre Interessen selber fördern, indem Sie Ihren Oheim bearbeiten, seine Meinung zu ändern oder wenigstens das Zugeständniß zu machen, seine Meinung für sich zu behalten. Mrs. Tyrrel hat sich voreilig der Ueberzeugung hingegeben, daß der von ihm angerichtete Schade ein mit Willen geschehener sei, was soviel sagen will, als ob er, als er ins Haus kam, schon im hellsehenden Geiste vorausgewußt hätte, was sie thun würde, wenn er fort wäre. Meine Erklärung der Sache ist eine viel einfachere. Ich glaube, daß die Kenntniß von Ihrer Neigung natürlich seine Neugier rege machte, den Gegenstand derselben kennen zu lernen, und daß Mrs. Tyrrels tactlose Lobeserhebungen über Nora ihn reizten, seinerseits mit seinen Einwürfen offen herauszutreten. Auf jeden Fall ist Ihnen Ihr Verfahren ebenso deutlich vorgezeichnet. Gebrauchen Sie Ihren Einfluß auf Ihren Oheim, um ihn zu überreden, die Sache wieder ins Gleiche zu bringen, vertrauen Sie meinem festen Entschlusse Nora als Ihre Gattin zu sehen, ehe sechs Monate ins Land gehen, und betrachten Sie stets als Ihre Freundin und mütterliche Beratherin

Ihre ergebene

Harriet Garth



Kapiteltrenner

IV.

Mrs. Drake an George Bartram.

St Crux, den 17. April.

Sir.

Ich richte diese Zeilen an das Hotel, in welchem Sie zu London zu wohnen pflegen, in der Hoffnung, daß Sie bald genug ans dem Auslande zurückkehren mögen, um meinen Brief sonder Verzug zu erhalten.

Ich bedaure melden zu müssen, daß einige unangenehme Vorfälle auf St. Crux sich zugetragen haben, seit Sie fort sind, und daß mein hochverehrter Brodherr, der Admiral, gut nicht mehr wie früher wohl auf ist. Aus diesen beiden Gründen nehme ich mir die Freiheit, auf eigne Hand an Sie zu schreiben: denn ich denke, Ihre Gegenwart ist in dem Hause sehr nöthig.

In den ersten Tagen des Monats ereignete sich ein sehr bedauerlicher Umstand. Unser neues Stubenmädchen wurde von Mr. Mazey in einer späten Stunde der Nacht mit seines Herrn Schlüsselkörbchen in den Händen betroffen, wie es in Privaturkunden herumstöberte, die in der östlichen Bücherstube aufbewahrt werden. Das Mädchen entfernte sich den andern Morgen heimlich aus dem Hause, ehe noch Jemand von uns auf war, und hat seitdem Nichts wieder von sich hören lassen. Dies Ereigniß hat meinen Herrn höchlich aufgeregt und beunruhigt, und um das Unglück vollständig zu machen, wurde der Admiral gerade an dem Tage, wo das gewissenlose Benehmen des Mädchens entdeckt wurde, von den ersten Anzeichen eines heftigen Erkältungsfiebers ergriffen. Er wußte selbst nicht, noch sonst Jemand, wo er sich die Erkältung zugezogen hatte. Der Arzt wurde geholt und hielt das Fieber auch nieder bis vorgestern, wo es wieder ausbrach unter Umständen, welche Sie beklagen werden, sowie es mich schmerzt, sie niederschreiben zu müssen.

An dem bereits erwähnten Tage, nämlich am Fünfzehnten des Monats benachrichtigte mich mein Herr selber, daß er durch einen den Morgen aus dem Auslande von Ihnen empfangenen Brief, der ihm schlechte Nachrichten gebracht habe, im höchsten Grade beunruhigt werde. Er sagte mir nicht, was das für Nachrichten seien, aber ich habe ihn noch nie zuvor in allen den langen Jahren, die ich in seinen Diensten verlebt habe, so unglücklich und aufgeregt gesehen, und so ganz außer sich, als er mir an jenem Tage vorkam. In der Nacht schien seine Unruhe zuzunehmen. Er war in einem aufgeregten Zustande, daß er den Ton von Mr. Mazeys schwerem Athem draußen nicht ertragen konnte und dem alten Manne die gemessene Weisung gab, sich diese Nacht in einer der Kammern zur Ruhe zu begeben.

Mr. Mazey sah sich natürlich zu seinem Bedauern genöthigt zu gehorchen. Unser einziges Mittel, um den Admiral zu verhindern, im Schlafe sein Zimmer zu verlassen, war somit zu Nichte gemacht, und so kamen wir, Mr. Mazey und ich, überein, daß wir abwechselnd die Nacht bei ihm wachen wollten, indem wir in einem der an unseres Herrn Kammer anstoßenden Zimmer bei halboffener Thüre Wache hielten. Wir konnten auf nichts Besseres verfallen, da wir wußten, daß er es nicht leiden würde, wenn wir ihn einschlössen zumal wir, auch wenn wir hätten wagen wollen, ihn ohne seine Erlaubniß einzuschließen, den Thürschlüssel nicht in den Händen hatten. Ich hielt die Wache in den ersten beiden Stunden, und dann nahm Mr. Mazey meine Stelle ein. Nachdem ich ein wenig auf meinem Zimmer gewesen war, fiel mir ein, daß ja der alte Mann schwerhörig war und daß, wenn seine Augen in der Nacht schwierig würden, man vollends sich nicht darauf verlassen konnte, daß seine Ohren ihn, wenn etwas verfiel, benachrichtigten. Ich fuhr wieder in meine Kleider und ging zu Mr. Mazey zurück. Er war weder eingeschlafen, noch munter, er war in einem Mittelzustande. Mein Geist ahnte das Schlimmste, und ich ging in das Zimmer des Admirals. Die Thür war offen, —— das Bett war leer.

Mr. Mazey und ich gingen sofort die Treppe hinunter. Wir sahen in alle Zimmer im nördlichen Flügel, eins nach dem andern, und fanden keine Spur von ihm. Ich dachte sodann an das Besuchszimmer und ging, weil ich am schnellsten von uns Beiden auf den Füßen war, dorthin voran. In dem Augenblick wo ich um die scharfe Ecke des Ganges herum kam, sah ich meinen Herrn durch die offene Zimmerthür im Schlafwandeln auf mich zukommen, die Schlüssel in der Hand. Da befiel mich die Furcht und hat mich nicht wieder verlassen, sein Traum möchte ihn durch die Banquethalle in den östlichen Flügel geführt haben. Wir unterließen es, ihn aufzuwecken und folgten ihm nach, bis er selber in seine Kammer zurückging. Den nächsten Morgen kamen, es ist traurig zu sagen, alle schlimmen Anzeichen wieder zum Vorscheine, und keines von den angewandten Mitteln hat gefruchtet, um die Krankheit zu überwältigen. Nach dem Rathe des Arztes vermieden wir es dem Admiral zusagen, was vorgefallen war. Er ist immer noch in dem Wahne, daß er die Nacht wie gewöhnlich auf seinem Zimmer zugebracht habe.

Ich bin mit Fleiß auf alle Einzelheiten dieses unseligen Zwischenfalles eingegangen, weil weder Mr. Mazey noch ich selber uns von Schuld frei sprechen wollen, wenn wir Tadel verdient haben. Wir haben Beide gethan, was wir fürs Beste hielten, und bitten Sie Beide flehentlich, Sie wollen unsere verantwortliche Stellung erwägen und je eher je lieber nach St. Crux kommen. Unser verehrter Herr ist sehr schwer zu behandeln, und der Arzt meint, wie wir selber, daß Ihre Anwesenheit im Hause vonnöthen ist.

Ich verbleibe, Sir, mit Mr. Mazeys und meinen eigenen achtungsvollsten Grüßen

Ihre ergebene Dienerin,

Sophia Drake.



Kapiteltrenner

V.

George Bartram an Miss Garth.

St. Crux, den 22. April.

Liebe Miss Garth.

Entschuldigen Sie mich, daß ich Ihnen nicht eher für Ihren freundlichen Trostbrief gedankt habe. Wir sind auf St. Crux in trauriger Unruhe. Jede kleine Aufregung, welche ich über meines armen Oheims unselige Dazwischenkunft auf Portlandplatz gefühlt habe, ist ganz und gar aus meinem Herzen entschwunden über das Unglück seiner schweren Krankheit. Er leidet an einem heftigen Fieber infolge einer Erkältung, und es haben sich Anzeichen gemeldet, die bei seinem Alter das Schlimmste fürchten lassen. Ein Arzt aus London ist jetzt im Hause. Sie sollen binnen wenigen Tagen mehr erfahren. Mittlerweile betrachten Sie mich als Ihren aufrichtig dankbaren und herzlich ergebenen

Getreuer

George Bartram.



Kapiteltrenner

VI.

Mr. Loscombe an Mrs. Noël Vanstone.

Lincoln’s Inn-Fields,
den 6. Mai.

Hochgeehrte Frau.

Ich habe unerwarteterweise einige Nachrichten erhalten, welche von der höchsten Wichtigkeit für Ihre Interessen sind. Die Nachricht von Admiral Bartrams Tode traf heute bei mir ein. Er verschied in seinem Hause am Vierten dieses Monats.

Dies Ereigniß bringt sofort die Erwägungen zur Geltung, die ich Ihnen früher betreffs Ihrer Entdeckungen auf St. Crux vorgelegt hatte. Das klügste Verfahren, das wir nunmehr befolgen können, ist, sofort mit den Testamentsvollstreckern des verstorbenen Herrn in Briefwechsel zu treten, indem wir uns zuerst durch Vermittlung des Rechtsbeistandes des Admirals an sie wenden.

Ich habe heute an den in Frage kommenden Anwalt geschrieben. Mein Brief benachrichtigt ihn einfach, daß wir vor Kurzem von dem Vorhandensein eines Geheimartikels in Kenntniß gesetzt worden seien, der dem verstorbenen Herrn im Gebrauche des ihm durch Mr. Noël Vanstone’s Testament vermachten Vemögens die Hände gebunden habe. Mein Brief nimmt an, daß das Papier unter den Briefschaften des Admirals leicht aufgefunden werden könne, und erwähnt, daß ich der von Mrs. Noël Vanstone zugezogene Rechtsanwalt bin, welcher Mittheilungen an sie in Empfang zu nehmen habe. Meine Absicht dabei ist, daß nunmehr nach dem Geheimartikel für den nur zu wahrscheinlichen Fall, daß die Testamentsvollstrecker denselben noch nicht vorgefunden haben, eine Nachsuchung vorgenommen werde, und zwar ehe die gewöhnlichen Maßregeln getroffen werden, um das Vermögen des Admirals zu verwalten. Wir werden mit gerichtlichen Maßregeln drohen, wenn wir finden, daß wir unsere Absicht nicht erreichen. Allein ich setze nicht voraus, daß es dazu kommen wird. Admiral Bartrams Testamentsvollstrecker müssen Männer von hoher Stellung und Geburt sein, und sie werden Ihnen und sich selber in der Sache nur nützen, wenn sie den Artikel suchen.

Unter diesen Umständen werden Sie natürlich fragen: — was sind unsere Aussichten, wenn die Urkunde aufgefunden wird?

Unsere Aussichten haben eine Licht- und eine Schattenseite. Lassen Sie uns einmal zuerst die Lichtseite vornehmen.

Was wissen wir in diesem Augenblicke?

Wir wissen einmal, daß der Geheimartikel in Wirklichkeit vorhanden ist, zweitens, daß ein Vorbehalt darin ist bezüglich der Verheirathung Mr. George Bartrams in einer gegebenen Frist. Drittens, daß die Frist —— sechs Monate vom Todestage Ihres Gatten— am Dritten dieses Monats abgelaufen. Viertens, daß Mr. George Bartram —— wie ich in Ermangelung jeder sichern Mittheilung ans Ihrem Munde durch Nachforschungen herausbekommen habe, im gegenwärtigen Augenblicke noch unverheirathet ist. Es folgt daraus der Schluß: daß der im Geheimartikel vorgesehene Zweck in diesem Falle vereitelt ist.

Wenn keine anderen Vorkehrungen in dem Testamente getroffen sind, oder, sollten sie auch wirklich darin getroffen sein, sich als schließlich vereitelt erweisen, so halte ich es für unmöglich —— namentlich wenn ein Beweismittel dafür erbracht werden kann, daß der Admiral selbst das Testament als bindend für sich erklärt hat, ich halte es für unmöglich, sage ich, daß die Testamentsvollstrecker über Ihres Gatten Vermögen dergestalt verfügen können, als wenn es vor dem Gesetze ein Theil von Admiral Bartrams Nachlaßmasse wäre. Das Vermächtniß ist ausdrücklich ihm hinterlassen worden unter dem Vermerk, daß er es zu gewissen bestimmten Zwecken verwende, und diese Zwecke sind eben vereitelt worden. Was soll nun mit dem Gelde geschehen? Es war dem Admiral selbst nicht vermacht, wie der Erblasser selbst deutlich erklärt hat, und der Zweck, zu welchem es hinterlassen wurde, ist nicht aufgeführt worden, kann nicht aufgeführt werden. Ich glaube —— wenn der hier vorausgesetzte Umstand wirklich eintritt, —— daß das Geld wieder an den Erblasser zurückfällt. In diesem Falle theilt es das Gesetz, das sich desselben nothwendigerweise annimmt, in zwei gleiche heile. Die eine fällt an Mr. Noël Vanstone’s kinderlose Wittwe, in die andere Hälfte theilt sich Mr. Noël Vanstone’s nächste Verwandtschaft.

Sie werden ohne Zweifel das naheliegende Hinderniß eines Ausganges zu unseren Gunsten selbst herausfinden, wie ich denselben hier dargestellt habe. Sie werden sehen, daß der Ausgang zu seiner Verwirklichung nicht einer, sondern einer Kette von Fügungen bedarf, welche gerade so kommen müssen, wie wir sie uns selbst wünschen. Ich gebe die Stärke dieser Hindernisse gern zu, aber ich kann Ihnen zugleich sagen, daß jene eben erwähnten Fügungen durchaus nicht so unwahrscheinlich sind, als sie auf den ersten Anblick scheinen möchten.

Wir haben allen Grund, zu glauben, daß der Geheimartikel eben sowenig, als das Testament selbst aus der Feder eines ordentlichen Rechtsanwalts erflossen ist. Dies ist ein Umstand zu unseren Gunsten, das ist an sich genug, um die Richtigkeit aller oder mehrerer Punkte zu bezweifeln, die wir vielleicht noch nicht kennen. Eine andere Aussicht, auf die wir rechnen können, findet sich, vermuthe ich, in einer seltsamen Handschrift, die unter der Unterschrift der dritten Seite des Briefes stand, die Sie sahen, die Sie aber unglücklicherweise versäumten zu lesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind diese Zeilen von Admiral Bartram, und die Stelle, welche sie einnahmen, hängt gewiß mit der Annahme zusammen, daß sie die wichtige Frage berühren, ob er sich selbst durch den Geheimartikel für gebunden erachtet.

Ich will durchaus nicht falsche Hoffnungen in Ihnen erwecken, ich möchte nur Ihnen den Eindruck verschaffen, daß wir einen Rechtsstreit vor uns haben, der sich wohl der Mühe verlohnt.

Was die Schattenseite der Aussicht betrifft, so brauche ich nicht besonders dabei zu verweilen. Nach dem, was ich bereits geschrieben habe, werden Sie begreifen, daß der Beweis einer haltbaren Bedingung in dem Testamente, die wir nicht kennen, die aber der Admiral in aller Form zur Ausführung gebracht hat, oder welche von seinen Stellvertretern noch jetzt ausgeführt werden kann, für unsere Hoffnungen allerdings ein harter Schlag sein würde. Das Vermächtniß würde in diesem Falle nun zu dem von Ihrem Gatten ausgedachten Zwecke oder zu mehr Zwecken verwendet werden, und von dem Augenblicke an würden Sie keinen Anspruch weiter haben.

Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß, so bald ich von des verstorbenen Admirals Sachwalter höre, Sie das Ergebniß erfahren sollen.

Genehmigen Sie, verehrte Frau, die Versicherung meiner treuesten Ergebenheit als

Ihr gehorsamer

John Loscombe.



Kapiteltrenner

VII.

George Bartram an Miss Garth.

St. Crux,
den 15. Mai.

Liebe Miss Garth.

Ich muß Sie mit einem weiteren Briefe behelligen, einestheils, um Ihnen für den freundlichen Ausdruck Ihrer Theilnahme gegen mich bei dem Verluste, der mich betroffen hat, zu danken, anderntheils, um Sie von einem auffallenden Ersuchen, das an meines Oheims Testamentsvollstrecker gestellt wurde, in Kenntniß zu setzen, eines Ersuchens, welches Sie und Miss Vanstone vielleicht Beide gleichmäßig anziehen wird, da Mrs. Noël Vanstone damit in unmittelbarem Zusammenhange steht.

Da ich meine Unkenntniß in allen Rechtssachen nur zu wohl selber kenne, so lege ich eine Abschrift des Ersuchens bei, anstatt zu versuchen, dasselbe zu umschreiben. Sie werden es auffallend finden, daß über die Art und Weise, auf welche die beregte Entdeckung von einem der Geheimnisse meines Oheims, von Personen, die ihm ganz fern stehen, gemacht worden ist.

Als die Testamentsvollstrecker mit den Umständen bekannt gemacht wurden, wandten sie sich an mich. Ich konnte ihnen keine sichere Aufklärung geben, denn mein Oheim zog mich in Geschäftssachen nie zu Rathe. Allein ich hielt es für Ehrensache, ihnen zu sagen, daß der Admiral während der letzten sechs Monate seines Lebens gelegentlich Ausdrücke der Ungeduld in meinem Beisein habe fallen lassen, die mich zu der Annahme berechtigten, daß er durch eine geheime Sorge irgend einer Art gequält werde. Ich erwähnte auch, daß er mir eine sehr seltsame Bedingung auferlegt habe, eine Bedingung, welche trotz seiner Versicherungen des Gegentheils nach meiner Ueberzeugung nicht aus seinem Kopfe kam. Ich sollte nämlich in einer gegebenen Frist, die nunmehr abgelaufen ist, heirathen, wenn ich nicht einer gewissen Summe Geldes verlustig gehen wollte, welche, wie ich glaube, dem Betrage nach der ihm in meines Cousins Testament vermachten Summe gleich ist. Die Testamentsvollstrecker waren mit mir eins darüber, daß diese Umstände einer sonst unglaublichen Geschichte einige Wahrscheinlichkeit verliehen, und entschieden sich, daß eine Nachsuchung nach dem Geheimartikel angestellt werden sollte, da bis dahin Nichts, was einem solchen Artikel ähnlich sähe, unter den Papieren meines Oheims aufgefunden worden wäre.

Die Nachforschung, keine Kleinigkeit in einem Hause wie dieses, ist jetzt bereits seit einer Woche im vollsten Gange. Sie wird von beiden Testamentsvollstreckern und dem Sachwalter meines Oheims geleitet, welcher Letztere ebenso persönlich als seinem Berufe nach mit Mr. Loscombe bekannt ist (Mrs. Noël Vanstone’s Advocat), und welcher auf ausdrückliches Ersuchen von Mr. Loscombe selbst zu diesem Geschäft zugezogen worden ist. Bis zu dieser Stunde ist gar noch Nichts aufgefunden worden. Tausende und aber Tausende von Briefen sind durchgesehen worden, und keiner derselben hat die entfernteste Aehnlichkeit mit einem solchen Briefe, wie wir ihn suchen.

Eine Woche noch, dann werden wir mit dem Suchen zu Ende sein. Nur auf mein ausdrückliches Begehren wird überhaupt die Untersuchung so weit ausgedehnt. Allein da die Großmuth des Admirals mich zum alleinigen Erben von seiner ganzen Verlassenschaft gemacht hat, so sehe ich es als meine Schuldigkeit an, den Interessen Anderer, so feindlich sie auch meinen eigenen Interessen sein mögen, vollkommen gerecht zu werden.

Von dieser Ansicht geleitet, habe ich auch nicht gezögert, dem Advocaten eine angeborene Eigenthümlichkeit meines armen Oheims zu offenbaren, welche wir auf sein ausdrückliches Ersuchen allezeit geheim gehalten haben, ich meine seine Anlage zum Nachtwandeln. Ich theilte mit, daß er ungefähr die Woche vor seinem Tode von der Haushälterin und seinem alten Diener nachtwandelnd betroffen worden sei und daß der Theil des Hauses, in dem er gesehen wurde, und der Schlüsselbund, den er in Händen trug, auf die Vermuthung geführt habe, da er damals von einem der Zimmer im östlichen Flügel kam und daß er vielleicht einige Möbel in einem derselben aufgeschlossen habe. Ich überraschte den Advocatem welcher mit den außerordentlichen von Nachtwandlern ausgeführten Handlungen gänzlich unbekannt zu sein schien, durch die Mittheilung, daß mein Oheim sich im Hause zurecht finden konnte, Thüren auf- und zuschloß, Gegenstände aller Art von einem Platze an einen andern legte, ganz ebenso gut im Schlafe, wie im wachenden Zustande. Und ich erklärte, daß, so lange ich bei mir den leisesten Zweifel hegte, ob er in der fraglichen Nacht nicht von dem Geheimartikel geträumt und seinen Traum ausgeführt habe, ich nicht eher ruhen werde, bis die Zimmer im östlichen Flügel wieder durchsucht wären.

Von Rechtswegen muß ich freilich hinzusehen, daß mein Gedanke sich auch nicht auf die kleinste thatsächliche Grundlage stützen kann. Während der letzten Zeit seiner gefährlichen Krankheit war mein armer Oheim gänzlich unfähig, von irgend Etwas zu reden. Von der Zeit meiner Ankunft auf St. Crux in der Mitte des vorigen Monats bis zur Zeit seines Todes kam nicht ein einziges Wort über seine Lippen, das sich in der entferntesten Art und Weise aus den Geheimartikel bezogen hätte.

Hier also steht die Sache im Augenblicke still. Wenn Sie es für gerechtfertigt halten, den Inhalt dieses Briefes Miss Vanstone mitzutheilen, so bitte ich, ihr zu sagen, daß es meine Schuld nicht sein werde, wenn ihrer Schwester Behauptung, so, gewagt dieselbe auch den Testamentsvollstreckern meines Oheims erscheinen möge, nicht in bester Form geprüft worden.

Genehmigen Sie, verehrte Miss Garth, .die Versicherung meiner unwandelbaren Ergebenheit als

Ihr gehorsamer .

George Bartram.

NS. Sobald alle Geschäftsangelegenheiten aufs Reine gebracht sein werden, gehe ich auf einige Monate außer Landes, um den Trost einer Ortsveränderung zu versuchen. Das Haus wird zugeschlossen und der Sorge von Mrs. Drake anvertraut werden. Ich habe nicht vergessen, daß Sie mir früher sagten, daß Sie gern einmal St. Crux sehen möchten, wenn Sie Sich in der Nähe davon befanden. Wenn Sie einmal in Essex sind in der Zeit, wo ich in der Ferne bin, so habe ich Anstalten getroffen, daß Sie gute Aufnahme finden sollen, indem ich Mrs. Drake angewiesen habe, Ihnen und Ihren Freunden mein Haus und meinen Hof ganz und gar zu Ihrer Verfügung zu stellen.



Kapiteltrenner

VIII.

Mr. Loscombe an Mrs. Noël Vanstone.

Lincoln’s Inn - Fields
den 24. Mai.

Verehrte Frau!

Nachdem ganzer vierzehn- Tage nachgesucht worden —— unter einer Leitung, die, wie ich mich verpflichtet halte, zuzugestehen, mit der gewissenhaftesten und unermüdlichsten Sorgfalt gehandhabt wurde —— ist unter den auf St. Crux vom verstorbenen Admiral Bartram hinterlassenen Papieren eine solche Urkunde wie der Geheimartikel nicht aufgefunden worden.

Unter diesen Umständen haben sich die Testamentsvollstrecker entschieden, nach der einzig denkbaren Richtschnur, die sie für ihre Handlungsweise haben, vorzugehen, nach dem Testamente des Admirals. Diese Urkunde, die vor einigen Jahren aufgesetzt wurde, vermacht das ganze bewegliche und unbewegliche Vermögen [both real and Personal.], d. h. alle seine Liegenschaften, die er zur Zeit seines Ablebens besitzt, sowie all sein baares Geld, das er besitzt, seinem Neffen. Das Testament ist deutlich, und die Folge ist unausbleiblich Ihres Gatten Vermögen ist von dem Augenblick an für Sie verloren. Mr. George Bartram erbt es gesetzlich, wie er das Haus und die Grundstücke von St. Crux gesetzlich erbt.

Ich enthalte mich aller Bemerkungen über diesen Ausgang der Verhandlungen. Der Geheimartikel muß vernichtet worden oder an einem Versteck verborgen sein, das selbst nach den geduldigsten und ausgedehntesten Nachforschungen nicht aufzufinden ist. Es ist für uns Beide unnütz, uns über den Gegenstand den Kopf zu zerbrechen. Ich will Ihre Enttäuschung nicht noch vermehren durch irgendwelche Anspielungen auf die Zeit und das Geld, das ich bei dem mißglückten Versuche, Ihren Interessen förderlich zu sein, verloren habe. Ich will nur aussprechen, daß mein näheres Verhältniß zu der Sache, sowohl was meine Person, als was meinen Beruf anbetrifft, von diesem Augenblicke an als beendigt angesehen werden muß.

Ihr gehorsamer Diener,

John Loscombe.



Kapiteltrenner

IX.

Mrs. Ruddock (Inhaberin eines Logishauses) an
Mr. Loscombe.

Parkterasse,
St. John’s Wood,
den 2. Juni.

Mein Herr!

Da ich auf Anweisung der Mrs. Noël Vanstone Briefe für Sie, welche an Sie gerichtet waren, auf die Post geschafft habe und niemand Anderes kenne, an das ich mich wenden könnte, so erlauben Sie mir, Ihnen die Frage vorzulegen, ob Sie mit Jemand von der Familie derselben bekannt sind; denn ich halte es für recht, daß dieselben angeregt werden sollten, einige Schritte betreffs ihrer zu thun.

Mrs. Vanstone kam zuerst im vergangenen November zu mir, wo sie und ihre Dienerin Zimmer bei mir inne hatten. Bei jener Gelegenheit und auch bei dieser hat sie mir keinen Anlaß gegeben, über sie zu klagen. Sie hat sich wie eine Dame betragen und mich richtig bezahlt. Ich schreibe als Hausmutter im Gefühle meiner verantwortlichen Stellung, ich schreibe nicht ans eigennützigen Gründen.

Nachdem Mrs. Vanstone, welche jetzt ganz allein dasteht, mir richtig gekündigt hat, wird sie mich morgen verlassen. Sie hat mir nicht verhohlen, daß ihre Umstände sich sehr zu ihren Ungunsten verändert haben und daß sie eben deshalb mein Haus verlasse. Das ist Alles, was sie mir sagte, ich weiß nicht, wo sie hingeht, noch was sie zunächst zu thun vor hat. Aber ich habe allen Grund zu glauben, daß sie alle Spuren hinter sich zu vernichten wünscht, wenn sie diese Wohnung verlassen haben wird; denn ich fand sie gestern in Thränen, wie sie Briefe verbrannte, die ohne Zweifel von ihren Freunden waren. In Ansehen und Benehmen hat sie sich in der letzten Woche zum Erschrecken verändert. Ich glaube, es besteht eine schreckliche Verwirrung in ihrem Geiste, und ich fürchte nach Dem, was ich von ihr sehe, daß sie auf dem Punkte steht, in eine schwere Krankheit zu verfallen. Es ist sehr traurig, ein so junges Wesen so jämmerlich verlassen und verwaist zu sehen, wie sie jetzt ist.

Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit diesem Briefe behellige; aber es war mir eine Gewissenssache, ihn zu schreiben. Wenn Sie Jemand von ihren Verwandten kennen, so seien Sie so gütig und setzen Sie denselben in Kenntniß, daß keine Zeit zu verlieren ist Wenn sie den morgenden Tag verlieren, werden sie die letzte Möglichkeit verlieren, sie ausfindig zu machen.

Ihre ganz ergebene Dienerin,

Katharina Ruddock.



Kapiteltrenner

X.

Mr. Loscombe an Abs. Ruddock.

Lincoln’s Inn - Fields,
den 2. Juni.

Geehrte Frau!

Meine einzige Beziehung zu Mrs. Noël Vanstone war eine geschäftliche, und diese ist nun beendigt. Ich bin mit Niemandem von ihrer Familie bekannt und kann es nicht auf mich nehmen, mich für meine Person weder mit ihren gegenwärtigen, noch mit ihren ferneren Schritten zu befassen.

Indem ich meine Unfähigkeit, Ihnen irgendwie Beistand zu leisten, bedanke, verbleibe ich

Ihr gehorsamer Diener,

John Loscombe



Kapiteltrenner


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