Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Fünfzehntes Buch - Das Ende. In Aarons Anbau - Erstes Capitel
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Namenlos



Fünfzehntes Buch

Das Ende. In Aarons Anbau.

Erstes Capitel.

Am siebenten Juni erhielten die Reeder des Kauffahrteischiffes DELIVERANCE die Nachricht, daß das Schiff Plymouth berührt habe, um Passagiere ans Land zu setzen, und dann die Heimreise nach dem Hafen von London fortgesetzt habe. Fünf Tage später war das Fahrzeug in dem Flusse und wurde in die Ostindischen Werften geschleppt.

Nachdem Capitain Kirke am Lande das Geschäft, für das er mit seiner Person haftete, abgemacht hatte, traf er brieflich die nöthigen Anordnungen, um seines Schwagers Pfarrhaus in Suffolk am Siebzehnten des Monats zu suchen. Wie gewöhnlich in solchen Fällen erhielt er nun eine Liste von Aufträgen, welche er am Tage vor seiner Abfahrt von London für seine Schwester zu besorgen hatte. Einer von diesen Aufträgen führte ihn in die Nähe von Camden-Town. Er fuhr von der Werfte dahin und machte sich, als er den Wagen fortgeschickt hatte, auf, in der Richtung nach Süden gegen New-Road wieder zurück zu gehen.

Er war nicht gut mit der Gegend bekannt, und seine Aufmerksamkeit schweift wie er so seines Weges fürbaß ging, immer weiter und weiter ab. Seine Gedanken, angeregt durch die Aussicht auf das Wiedersehen der Schwester, waren zurückgewandert bis zu dem Abend, wo er von ihr ging und das Haus zu Fuße verließ. Der Zauber, der damals so stark auf ihn gewirkt hatte, hatte während aller späteren Ereignisse seine Macht über ihn behauptet. Das Gesicht, das ihn auf der einsamen Landstraße verfolgt hatte, hatte ihn auch auf der einsamen See verfolgt. Das holde Weib, das ihm wie ein Traumbild bis an die Thür seiner Schwester gefolgt, war ihm —— ein Theil seiner Gedanken, ein Theil seines Geistes —— bis auf den Deck seines Schiffes gefolgt. Durch Sturm und Windstille auf der Fahrt hinaus, durch Sturm und Windstille auf der Fahrt nach heim war sie bei ihm gewesen. In dem unentwirrbaren Gewühl des Londoner Straßenlebens war sie jetzt bei ihm. Er wußte, was die erste Frage sein würde, wenn er seine Schwester und deren Knaben gesehen haben würde.

—— Ich will sehen, ob ich von etwas Anderem sprechen kann; dachte er; aber wenn Lieschen und ich allein sind, so wird es doch herauskommen wider meinen Willen. ——

Die Notwendigkeit, seine Schritte jetzt solange anzuhalten, bis eine Wagenreihe an einem Uebergange vorüber war, weckte ihn aus seinen Träumereien auf. Er sah sich in einer augenblicklichen Verwirrung um. Die Straße war ihm fremd, er hatte sich verirrt.

Der erste Fußgänger, den er fragte, schien eben nicht viel Zeit zu verlieren zu haben, um ihn ordentlich zurechtzuweisen. Indem er ihn eilig bedeutete, auf die andere Seite der Straße zu gehen, die erste Straße rechts, an welche er käme, einzuschlagen und dann wieder nachzufragen, eilte derselbe ohne Weiteres hinweg und wartete nicht einmal den Dank ab.

Kirke folgte seinen Andeutungen und schlug die Straße zur rechten Hand ein. Die Straße war kurz und eng, die Häuser auf beiden Seiten waren von der geringern Art. Er sah auf, als er an der Ecke vorüberkam um zu sehen, wie die Gegend hieße. Sie hieß »Aarons Anbau«.

Tief unten auf der Seite des »Anbaues«, längs der er selber ging, war ein kleiner Haufe müßiger Leute, der um zwei Wagen herum stand, die beide vor der Thür ein und desselben Hauses vorgefahren waren. Kirke näherte sich dem Haufen, um irgend einen höflichen Mann unter demselben, welcher dies Mal so viel Zeit hätte, ihm Rede zu stehen, nach dem Wege zu fragen. Als er zu den Droschken kam, fand er eine Frau, welche sich mit den Kutschern herumstritt, und hörte so viel, daß er daraus abnahm, wie man aus Versehen nach zwei Droschken geschickt hatte, während nur eine gebraucht wurde.

Die Hausthür stand offen, und als er nun daran vorüberkam, übersah er ohne Mühe die ganze Flur über die Köpfe der Leute hinweg, die vor ihm standen.

Der Anblick, den seine Augen da hatten, hätte doch ja vor den Augen der Vorübergehenden verborgen bleiben sollen. Er sah ein zerlumptes Mädchen mit einem erschrockenen Gesicht bei einem alten Stuhle stehen, der in die Mitte der Flur gerückt war, und eine Frau auf dem Stuhle halten, welche zu schwach und hilflos war, um sich selbst aufrecht zu erhalten, eine Frau, offenbar im letzten Grade der Krankheit, die, als der Streit vor der Thür beendigt war, in einer der Droschken fortgeschafft werden sollte. Ihr Haupt sank in Ohnmacht, als er den ersten Blick auf sie warf, und ein alter Shawl, der es bedeckte, war nach vorn gefallen, so daß er den obern Theil ihres Gesichtes verbarg. Ehe er wieder wegsehen konnte, erhob das Mädchen das sie unterstützte, den Kopf und legte den Shawl wieder zurecht. Diese Bewegung ließ ihr Gesicht einen Augenblick nur frei sehen, ehe ihr Haupt wieder auf die Brust zurücksank. In dem Augenblick aber erkannte er das Weib, dessen Schönheit die ihn unablässig verfolgende Erinnerung seines Lebens war, dessen Bild in seinen Gedanken kaum fünf Minuten vorher gelebt hatte! ——

Die Erschütterung der doppelten Wahrnehmung, des Wiedererkennens des Gesichtes und des Anblickes der damit vor gegangenen schrecklichen Veränderung, machte ihn sprachlos und starr. Die stete Geistesgegenwart, die ihm in allen Lebenslagen zur Seite gestanden, ließ ihn zum ersten Male im Stich. Die ärmliche Straße, der zerlumpte Pöbelhaufe um die Thür schwammen vor seinen Augen. Er fuhr zurück und faßte, um sich zu ermuntern, nach dem kalten Eisengeländer vor dem nächsten Hause hinter sich.

—— Wohin schaffen sie denn die Frau? hörte er ein Weib dicht neben sich fragen.

—— In das Krankenhaus, wenn man dieselbe aufnehmen. will, war die Antwort, und in das Armenhaus, wenn man nicht will.

Diese fürchterliche Antwort machte ihn wieder aufspringen. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge und trat ins Haus.

Das Mißverständniß auf der Straße außen war ausgeglichen worden, und eine von den Droschken war weggefahren. Als er über die Schwelle der Thür schritt, stand er den Leuten gerade gegenüber, welche sie wegschafften. Der Kutscher, der geblieben war, befand sich auf der einen Seite des Stuhles, und das Weib, das mit den beiden Kutschern sich herumgestritten hatte, auf der andern Seite. Sie hoben sie eben in die Höhe, als Kirke’s hohe Gestalt die Thür verdunkelte.

—— Was macht Ihr da mit der Dame? frug er.

Der Kutscher sah auf mit der unverschämten Antwort in den Blicken, ehe sein Mund dieselbe aussprach. Aber das Weib, schneller als er, sah die unterdrückte Regung in Kirke’s Angesicht und ließ den Stuhl einen Augenblick los.

—— Kennen Sie dieselbe vielleicht, Sir? frug das Weib hastig. Sind Sie einer von ihren Verwandten?

—— Ja, sagte Kirke ohne Zaudern.

—— Es ist nicht meine Schuld, Sir, bat das Weib unter dem Blicke, den er auf sie heftete, zusammenschreckend. Ich würde ruhig gewartet haben, bis ihre Verwandten sie gefunden hätten, wahrlich, das ist wahr!

Kirke antwortete nicht. Er drehte sich um und sprach mit dem Kutscher.

—— Gehen Sie hinaus, sagte er, und schließen Sie die Thür hinter sich zu. Ich will Ihnen sofort Ihr Geld schicken.

—— Aus welchem Zimmer des Hauses nahmt Ihr sie, als Ihr sie hier herunter brachtet? fuhr er fort, wieder zu dem Weibe gewandt.

—— Aus dem ersten Stock nach hinten, Sir.

—— Zeigt mir den Weg dahin.

Er beugte sich nieder und hob Magdalene auf seine Arme. Ihr Haupt ruhte sanft an der Brust des Seemanns, ihre Augen sahen verwundert in das Gesicht des Seemanns. Sie lächelte und flüsterte ihm wie geistesabwesend zu. Ihr Geist war zu alten Zeiten daheim gewandert, und ihre ersten gebrochenen Worte zeigten, daß sie sich wieder als Kind auf den Armen ihres Vaters dachte.

—— Armer Papa, sagte sie sanft, warum siehst Du so traurig aus? Armer Papa!

Das Weib ging in das Hinterzimmer des ersten Stocks voraus. Es war sehr klein und ärmlich ausstaffiert. Aber das kleine Bett war sauber, und die wenigen Sachen in der Stube waren ordentlich gehalten. Kirke legte sie zärtlich auf das Bett. Sie faßte eine von seinen Händen mit ihren brennenden Fingern.

—— Mach die Mamma nicht traurig über mich, sagte sie. Schicke Nora.

Kirke versuchte sanft seine Hand loszumachen, aber sie hielt sie nur noch fester. Er setzte sich an das Bett, um zu warten, bis es ihr gefiele, ihn loszulassen. Das Weib stand in einer Ecke des Zimmers und sah auf sie und weinte. Kirke beobachtete sie aufmerksam.

—— Sprecht, sagte er nach einer Pause, mit leiser ruhiger Stimme. Sprecht in ihrem Beisein und sagt mir die Wahrheit.

Mit vielen Worten, unter vielem Schluchzen sprach das Weib.

Sie hatte ihr erstes Stockwerk vor vierzehn Tagen an die Dame vermiethet. Die Dame hatte die Miethe von einer Woche bezahlt und sich Gray genannt. Sie war in den ersten drei Tagen von früh bis Abends aus gewesen und war jedes Mal mit kläglich müden und enttäuschten Blicken wiedergekommen. Das Weib im Hause hatte geargwöhnt, daß sie davongegangen und sich unter einem angenommenen Namen vor ihren Freunden verberge, und daß sie an den drei Tagen, an denen sie so lange abwesend war und wo sie so niedergeschlagen aussah beim Zurückkommen, vergeblich versucht habe, Geld zu bekommen oder eine Stellung zu finden. Wie das auch sein möge, am vierten Tage sei sie krank geworden, abwechselnd mit Frost- und Fieberanfällen. Am fünften Tage war sie noch schlimmer, und am sechsten war sie bald zu schläfrig, bald zu aufgeregt, als daß sie mit sich sprechen ließ. er Apotheker, der in jenem Stadtviertel als Arzt thätig war, war gekommen und hatte sie angesehen und gesagt, daß es ein böses Fieber sei. Er hatte einen »salzigen Trank« zurückgelassen, den das Weib im Hause aus seiner Tasche bezahlt und ohne Erfolg angewendet habe. Sie hatte den einzigen Koffer, den die Dame bei sich gehabt, durchsucht und nur einiges nothwendiges Leinenzeug, keine Kleider, keinen Schmuck, nicht ein Stück von einem Briefe, welches nützlich sein könnte, um ihre Verwandten zu entdecken, aufgefunden. —— Zwischen dem Wagniß, sie unter diesen Umständen zu behalten, und der Grausamkeit, eine kranke Frau auf die Straße zu setzen, hätte die Wirthin selbst nicht geschwankt. Sie würde sie gern bei sich behalten haben, wenn Aussicht auf die Genesung bei der Dame dagewesen und wenn zu verhoffen gewesen wäre, daß ihre Verwandten sich ihrer annahmen. Allein vor noch nicht einer halben Stunde sei ihr Mann, der sie verlassen habe und der nie in ihr Haus käme, außer um ihr das Geld zu nehmen, gekommen, um ihr wie gewöhnlich die paar sauer erworbenen Pfennige wegzunehmen. Sie sei genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß für das erste Stock kein Zins eingegangen sei und daß wahrscheinlich keiner eher eingehen werde, als bis die Dame wiederhergestellt oder ihre Verwandten sie aufgefunden hätten. Als er Das gehört habe, habe er ohne Erbarmen darauf bestanden, daß die Dame Knall und Fall gehen solle. War doch das Krankenhaus da, um sie aufzunehmen, und wenn dasselbe ihr seine Thür verschließen würde, so war es mit dem Armenhaus zunächst zu versuchen Wenn sie nicht binnen einer Stunde außer dem Hause todte, so drohte er zurückzukommen und sie selber fortzuschaffen. Sein Weib wußte zu gut, daß er roh genug war, um auch wirklich nach seinen Worten zu handeln, und so war ihr nichts Anderes übrig geblieben, als eben so zu handeln, wie sie gethan, um der Dame selber willen.

Das Weib erzählte seine ergreifende Geschichte mit allem Anschein, als ob es selbst aufrichtig sich dessen schäme. Gegen den Schluß zu fühlte Kirke das Umklammern der brennenden Finger um seine Hand nachlassen. Er sah wieder auf das Bett zurück. Ihre müden Augen fielen zu, und mit ihrem Gesicht immer noch zu dem Seemanne gewandt, sank sie in Schlummer.

—— Ist Jemand in dem vorderen Zimmer? frug Kirke flüsternd. Kommen Sie herein, ich habe Ihnen Etwas zu sagen.

Das Weib folgte ihm durch die Verbindungsthür zwischen den beiden Zimmern.

—— Wie viel ist sie Ihnen schuldig? frug er weiter.

Die Wirthin nannte die Summe. Kirke legte dieselbe vor sie auf den Tisch.

—— Wo ist Ihr Mann? war seine nächste Frage.

—— Er wartet in dem Gasthofe, bis die Stunde um ist.

—— Sie können ihm das Geld mitnehmen, oder auch nicht, wie Sie es für gut finden, sagte Kirke ruhig. Ich habe Ihnen, so weit Ihr Mann in Frage kommt, nur Eines zu sagen. Wenn Sie wünschen, daß ich ihm alle Knochen im Leibe zerbreche, so lassen Sie ihn in das Haus kommen, so lange ich noch darin bin. —— Halt! Ich habe noch Etwas zu sagen. Wissen Sie von einem Arzte in der Nähe, auf den man sich verlassen könnte?

—— In der Nähe nicht, Sir. Aber ich kenne einen eine halbe Stunde Weges von uns.

—— Nehmen Sie die Droschke vor der Thür, und wenn Sie ihn zu Hause finden, so bringen Sie ihn gleich darin mit her. Sagen Sie ihm, ich warte hier, um seine Meinung zu hören über einen sehr schweren Fall. Er soll gut bezahlt werden und Sie ebenfalls. Machen Sie schnell!

Das Weib verließ das Zimmer. Kirke setzte sich nieder, um ihre Rückkehr zu erwarten. Er hielt die Hände vors Gesicht und suchte sich die seltsame und rührende Lage klar zu machen, in die ein Augenblick ihn gebracht hatte.

Versteckt in den schmutzigen Nebengassen von London unter einem falschen Namen, verstoßen, ohne Freunde und Helfer, dem Mitleid fremder Leute preisgegeben infolge einer Krankheit, die sie darnieder geworfen an Leib und Seele, so mußte er sie wiedersehen, die Frau, die seinem Geiste eine neue Welt der Schönheit erschlossen hatte, die Frau, die durch einen Blick die Liebe in ihm entzündet hatte! Was für ein entsetzliches Mißgeschick hatte sie so grausam getroffen, sie so tief gebeugt! Welche geheimnißvolle Macht hatte ihn in der Stunde ihrer höchsten Noth an den Zufluchtsort ihrer Armuth und Verzweiflung geführt?

—— Wenn es bestimmt ist, daß ich sie noch im Leben wiedersehen soll, so werde ich sie wiedersehen.

Diese Worte kamen ihm wieder bei, jene merkwürdigen Worte, die er beim Abschied zu seiner Schwester gesagt hatte. Mit diesem Gedanken in seiner Seele war er gegangen, wohin ihn seine Pflicht gerufen. Monde auf Monde waren vergangen, Tausende und aber Tausende von Meilen, die sich über die nie rastenden Gewässer hingezogen, waren während desselben durchmessen worden. Und durch diesen Zeitraum und über die Wellen des Weltmeeres hinweg, Tag für Tag und Nacht für Nacht, wie die Winde des Himmels wehten und das wackere Schiff sich vor ihnen her arbeitete, war er der Bestimmung, die seiner harrte, näher gerückt, er war blindlings und willenlos auf das Zusammentreffen auf der Schwelle dieser elenden Thür hingetrieben. —— ——

—— Was hat mich hierher gebracht! sagte er flüsternd. Die Gnade des Zufalls? Nein! Die Gnade des Höchsten!

Er wartete nicht achtend des Ortes, nicht achtend der Zeit, bis der Klang Von Schritten auf der Treppe plötzlich zwischen ihn und seine Gedanken trat. Die Thür ging auf, und der Arzt wurde ins Zimmer geführt.

—— Dr. Merrick! sagte die Wirthin indem sie einen Stuhl für ihn hinstellte.

—— Mr. Merrick, sagte der Fremde, ruhig lächelnd, indem er den Stuhl nahm. Ich bin kein Arzt, ich bin Wundarzt mit unbeschränkter Praxis.

Ob Arzt oder Wundarzt, es war Etwas in seinem Gesicht und seiner Art und Weise, was Kirke auf den ersten Blick sagte, daß dies der rechte Mann sei.

Nach wenigen einleitenden Worten von beiden Seiten schickte Mr. Merrick die Wirthin in die Kammer, um nachzusehen, ob seine Patientin wach sei oder schlafe. Die Frau kam wieder und sagte, sie sei »so zwischen Beidem mitten drin, wieder aufgeregt und in Fieberhitze«. Der Arzt ging sogleich in die Kammer, indem er der Frau ihm zu folgen und die Thür hinter sich zuzumachen hieß.

Eine lange Zeit verging, ehe er wieder in das Vorderzimmer trat. Als er wieder erschien, sprach sein Gesicht statt seiner, ehe eine Frage gestellt werden konnte.

—— Ist es eine ernste Krankheit, sagte Kirke, indem er seine Stimme senkte und die Augen auf das Gesicht des Arztes heftete.

—— Es ist eine gefährliche Krankheit, sagte Mr. Merrick mit Nachdruck auf dem Worte.

Er zog seinen Stuhl näher zu Kirke hin und sah ihn aufmerksam an.

—— Darf ich Ihnen einige Fragen verlegen; welche nicht rein medicinischer Art sind? frug er.

Kirke nickte.

—— Können Sie mir sagen, was sie für ein Leben gehabt, ehe sie in dies Haus gekommen und erkrankt ist.

—— Ich kann es unmöglich wissen. Ich bin eben nach langer Abwesenheit nach England zurückgekehrt.

—— Wußten Sie, daß sie hierher kam?

—— Ich erfuhr es nur zufällig.

—— Hat sie keine weiblichen Verwandten? Keine Mutter? Keine Schwester? Niemand außer Ihnen, der sich ihrer annehmen könnte?

—— Niemand, bevor ich ihre Verwandten ausfindig gemacht, Niemand außer mir selbst.

Mr. Merrick versank in Schweigen. Er sah Kirke noch aufmerksamer an und dachte:

—— Sonderbar. Er ist hier allein und hat für sie zu sorgen, und ist dies Alles, was er weiß?

Kirke sah den Zweifel auf dessen Angesicht und ging unmittelbar auf diesen Punkt los, ehe noch ein Wort weiter zwischen ihnen gesprochen wurde.

—— Ich sehe, daß meine Stellung hier Sie überrascht, sagte er ruhig. Wollen Sie dieselbe einfach als die Stellung eines Verwandten, die Stellung ihres Bruders oder ihres Vaters ansehen, bis ihre Verwandten ausfindig gemacht werden?

Seine Stimme zitterte, und er legte ergriffen seine Hand auf den Arm des Arztes.

—— Ich habe dies Vertrauen für mich beansprucht, sprach er, und Gott ist mein Zeuge, ich werde desselben nicht unwerth sein!

Das arme müde Haupt lag, als er diese Worte sprach, wieder an seiner Brust, und die fiebernden Finger klammerten sich wieder um seine Hand.

—— Ich glaube Ihnen, sagte der Arzt mit Wärme. Ich halte Sie für einen rechtschaffenen Mann. —— Um Ihnen und mir selber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, lassen Sie mich Ihnen sagen, daß die, eben Von mir gethanen Fragen nicht von bloßer Neugier eingegeben wurden. Keine gewöhnliche Ursache kommt hier in Frage, um zu erklären, wodurch mein Kranker auf das Siechlager geworfen wurde. Sie hat irgend welche schreckliche und geistige Leiden durchzumachen gehabt und ist unter der Last derselben zusammengebrochen. Es würde mir von Nutzen gewesen sein, wenn ich erfahren hätte, welcher Art jene Leiden waren und auch, wie lange oder wie kurze Zeit verging, ehe sie ihnen erlag. In dieser Hoffnung sprach ich.

—— Als Sie mir sagten, daß es eine gefährliche Krankheit sei, sprach Kirke, meinten Sie da Gefahr für ihren Geist oder für ihr Leben?

—— Für Beides, versetzte Mr. Merrick Ihr ganzes Nervensystem ist zerrüttet, alle gewöhnlichen Verrichtungen ihres Gehirns sind in dem Zustande völliger Erschöpfung. Ich kann Ihnen von der Art der Krankheit keine deutlichere Erklärung geben, als diese, das Fieber, welches die Leute im Hause erschreckt, ist lediglich die Folge davon. Die Ursache ist, was ich Ihnen gesagt habe. Sie kann auf dem Bette Wochen auf Wochen liegen, indem sie abwechselnd aus einem Zustande des Phantasierens in einen der Ruhe übergeht. Sie dürfen sich keine Sorge machen, wenn ihr Schlaf weit über die natürliche Zeit hinaus dauert. Jener Schlaf ist ein besseres Heilmittel, als ich verordnen kann, und Nichts darf ihn stören. Alles, was unsere Kunst thun kann, ist, sie zu überwachen, ihr mit Reizmitteln zu helfen und abzuwarten, was die Natur thun wird.

—— Muß sie hier bleiben? Ist keine Hoffnung, daß wir im Stande sind, sie an einen bessern Ort zu bringen?

—— Für den Augenblick keine Hoffnung. Sie ist bereits gestört worden, wie ich höre, und sie befindet sich darum auch schon schlechter. Selbst wenn sie besser wird, wenn sie wieder zu sich selber kommt, würde es ein gefährliches Beginnen sein, sie zu früh zu bewegen, die geringste Aufregung oder Beunruhigung würde gefährlich für sie sein. Sie müssen aus dieser Wohnung machen, was zu machen ist. Die Wirthin hat meine Weisungen, und ich will eine gute Wärterin zu ihrer Beihilfe senden. Es läßt sich nicht mehr thun. So weit ihr Leben in eines Menschen Hand gegeben ist, ist dasselbe in Ihre Hände eben so gut, als in die Meinigen gegeben. Alles kommt auf die Pflege an, die sie unter Ihrer Einleitung in diesem Hause hat.

Mit diesen Worten zum Abschied stand er auf und verließ das Zimmer.

So allein gelassen, schritt Kirke an die Verbindungsthür, und leise daran pochend sagte er der Wirthin, daß er mit ihr sprechen wolle.

Er war nach seiner Unterredung mit dem Arzte viel gefaßter, hatte sein früheres entschlossenes Wesen schon mehr wiedergefunden, als vor der Unterredung. Ein Mann, der in der künstlichen gesellschaftlichen Atmosphäre lebte, die dieser Mann niemals geathmet hatte, würde die weltliche Seite der Lage schmerzlich empfunden haben, deren Neuheit und Sonderbarkeit, die ernste unmittelbare Schwierigkeit, die sie ihm auferlegte, die zahllosen Mißdeutungen in der Zukunft, zu welchen sie Anlaß geben konnte. Kirke dachte mit keinem Gedanken an die Lage. Er sah Nichts als die Pflicht, die sie ihm auferlegte, die Pflicht, die ihm die Abschiedsworte des Arztes klar vor die Seele gestellt hatten. Alles hing ab von der Pflege, die sie unter seiner Aufsicht in diesem Hause fand. Das war seine Aufgabe, und er handelte sofort, ohne sich zu bedenken, darnach, gerade wie er in einem dringenden Falle an Bord seines Schiffes mit Frauen und Kindern verfahren wäre. Er frug die Wirthin in kurzen, scharfen Sätzen. Die einzige Veränderung bei ihm lag in dem leiseren Tone seiner Stimme und in dem ängstlichen Blicke, den er von Zeit zu Zeit auf das Zimmer warf, in dem sie lag.

—— Verstehen Sie, was der Arzt zu Ihnen gesagt hat?

—— Ja, Sir.

—— Das Haus muß ruhig sein. Wer wohnt in dem Hause?

—— Nur ich und meine Tochter, Sir, wir wohnen in den Erdgeschoßzimmern. Die Zeiten sind schlecht gewesen seit Mariä Verkündigung. Beide Zimmer hier über diesem stehen leer.

—— Ich werde sie beide nehmen und die beiden Zimmer hier unten ebenso. Kennen Sie einen thätigen, raschen, zuverlässigen Mann, der Gänge für mich besorgen kann?

—— Ja, Sir. Soll ich gehen...?

—— Lassen Sie Ihre Tochter gehen. Sie dürfen das Haus nicht verlassen, bevor die Wartefrau kommt. Schicken sie den Boten nicht herauf. Menschen von dieser Classe treten zu schwer auf: ich will hinuntergehen und ihn an der Thür empfangen.

Er ging hinunter, als der Bote kam, und schickte ihn zuerst nach Feder, Tinte und Papier. Der zweite Auftrag des Mannes war, daß er eine Person suchen mußte, welche das Geräusch vorbeirollender Wagenräder auf der Straße durch Ausstreuen von Lohe vor dem Hause dämpfen konnte. Als dies ausgeführt war, erhielt der Bote zwei Briefe, um sie zur Post zu schaffen. Der erste war an Kirke’s Schwager gerichtet. Er erzählte demselben in kurzen deutlichen Worten, was vorgefallen war, und überließ es ihm, die Nachricht seiner Frau beizubringen, wie er es für gut fände. Der zweite Brief war an den Wirth des Hotels in Aldborough gerichtet. Magdalenens angenommener Name auf Northsteinvilla war der einzige Name, unter dem sie Kirke kannte, und die einzige Möglichkeit, ihre Verwandten zu ermitteln, die ihm einfiel, war, daß er ihre vermeintlichen Verwandten, Oheim und Tante, mittelst Nachforschungen von Aldborough aus ausfindig machte.

Gegen Ende des Nachmittags kam eine anständige Frau in den mittleren Jahren ins Haus mit einem Briefe von Mr. Merrick Sie war dem Arzt bekannt als eine zuverlässige und gewissenhafte Person, welche seine eigene Frau gepflegt hatte, und sie würde, schrieb er, bisweilen durch eine Dame unterstützt, welche zu einer religiösen Schwesterschaft in dem Stadtviertel gehöre, und deren wärmstes Mitgefühl in dem beregten Falle lebendig geworden sei. Gegen acht Uhr des Abends werde der Arzt selber vorkommen und nachsehen, daß der Kranken Nichts abgehe.

Die Ankunft der Wärterin und der Trost, daß sie zuverlässig sei, gaben endlich Kirke Luft, an sich selber zu denken. Sein Gepäck lag fertig gepackt da, für seine für den andern Tag beabsichtigte Reise nach Suffolk. Es war nur nöthig, dasselbe von dem Gasthofe nach der Wohnung in Aarons Anbau schaffen zu lassen. Er hielt auf seinem Wege nach dem Gasthofe nur ein Mal an, um in einen Spielzeugladen in einem der großen Durchgänge zu schauen. Die Kinderschiffe in dem Fenster erinnerten ihn an seinen Neffen.

’— Mein kleiner Namensvetter wird sehr betrübt sein, wenn er mich morgen nicht sieht, dachte er. Ich muß es bei dem Knaben wieder gut wachsen, indem ich ihm Etwas von seinem Oheim sende. Er ging in den Laden und kaufte eins von den Schiffen. Es wurde in seiner Gegenwart in eine Kiste gelegt, verpackt und mit Adresse versehen. Er legte eine Karte auf das Verdeck des Kinderschiffleins, ehe der Deckel der Kiste zugenagelt wurde, worauf die Worte standen:

Ein Schiff für den kleinen Seemann und vom großen Seemann einen herzlichen Gruß dazu.

—— Kinder haben es gern, wenn man an sie schreibt, beste Frau, sagte er wie zur Entschuldigung zu der Dame hinter dem Ladentische. Schicken Sie die Kiste, so schnell sie können, —— es liegt mir daran, daß der Knabe sie morgen bekommt.

Gegen die Abenddämmerung hin kam er mit seinem Gepäck nach Aarons Anbau zurück. Er zog seine Stiefeln in der Flur aus und trug feinen Koffer selber hinauf, indem er, als er am ersten Stock vorbeikam anhielt, um seine Nachfragen anzustellen. Mr. Merrick war gerade da und konnte ihm Rede stehen.

—— Sie war munter und redete irre, sagte er, ein paar Minuten vorher. Allein wir sind so glücklich gewesen, sie zur Ruhe zu bringen, und sie schläft jetzt.

—— Sind ihr keine Worte entschlüpft, Sir, welche dazu verhelfen könnten, ihre Verwandten ausfindig zu machen?

Der Arzt schüttelte mit dem Kopfe.

—— Wochen und Wochen können noch vergehen, sagte er, und die Geschichte des armen Kindes kann immer noch ein verschlossenes Geheimniß für uns alle sein. Wir können nur abwarten.

So endigte der Tag, der erste von den vielen, die da kommen sollten.


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