Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Viertes Buch - Zweite Zwischenscene - I. Chronik über October 1846
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Namenlos



Viertes Buch.

Zweite Zwischenscene.

Chronik der Ereignisse, aufbewahrt in Haupmann Wragges Bücherfutteral.

I.
(Chronik über October 1846.)

Ich habe mich in den Schooß meiner Familie zurückgezogen. Wir wohnen in dem abgelegenen Dorfe Ruswarp an den Ufern der Esk, ziemlich zwei Meilen landwärts von Whitby. Unsere Wohnungen sind bequem, und wir erfreuen uns außerdem der Wohlthat einer tüchtigen hübschen Wirthin. Mrs. Wragge und Miss Vanstone kamen vor mir hier an in Gemäßheit des Planes, den ich behufs der Bewerkstelligung unseres Rückzugs von York festgestellt hatte. Ich folgte ihnen einen Tag später allein mit dem Gepäck. Als ich den Bahnhof verließ, hatte ich die Genugthuung, den Advocatenschreiber in eifrigem Gespräch mit dem Criminalbeamten, dessen Ankunft ich vorhergesagt hatte, zu sehen. Ich ließ ihn im ruhigen Besitze der Stadt York und der ganzen umliegenden Gegend. Er hat höflich ein Gleiches gethan und uns seinerseits im ruhigen Besitze des Eskthales, dreißig Meilen entfernt von ihm, gelassen.

Merkwürdige Erfolge haben sich sogleich nach meinen ersten Bemühungen zur Ausbildung von Miss Vanstones Bühnentalent ergeben.

Ich habe entdeckt, daß sie ein außerordentliches Talent für Mimik besitzt. Sie hat die Beweglichkeit des Gesichts, die biegsame, modulationsfähige Stimme und die scharfe dramatische Auffassung, welche eine Dame zu Charakterrollen und Verkleidungen auf der Bühne geschickt machen. Alles, was ihr noch fehlt, ist Unterricht und Uebung, um sie ihrer Anlagen vollkommen zu versichern. Die so bei ihr gemachte Erfahrung hat einen Gedanken bei mir wieder lebendig gemacht, welcher mir ursprünglich bei einem der At-home-Vorstellungen [Die At-home-Unterhaltungen spielen in England eine große Rolle. Einerseits sind es Unterhaltungen in Privatgesellschaften, welche von Damen ans der vornehmen Welt in ihren Wohnungen veranstaltet und zu welchen Einladungen mit der Formel:

Mrs. SOUNDSO
at home
Sonnabend, den 24. Mai d. J. 9 Uhr Abends.

versendet werden. Dies at home bedeutet, daß die genannte Dame an dem betreffenden Tage Gesellschaft empfängt. Es wird musiziert, getanzt conversirt, es werden Charaden, Sprichwörter, lebende Bilder aufgeführt u. s. w. Manchmal wird Dies auf den Einladungskarten auch noch besonders namhaft gemacht. Anderer Art sind die At-home-Abende einzelner Schauspieler, welche in neuerer Zeit beliebt geworden sind. Zeigt ein Künstler oder eine Künstlerin ein solches »at Home« mit oder ohne Programm in den Zeitungen an, so heißt Das, das Publicum wird eingeladen, sich von dem betreffenden Künstler für einen ganzen Abend durch dramatische Soloscenen und vielleicht mit genauer Einhaltung der dreifachen aristotelischen Einheit unterhalten zu lassen. Die Scenen bestehen meist ans Nachahmungen berühmter Persönlichkeiten, auch wohl Nachahmungen anderer, und zwar bekannter Schauspieler von den großen Bühnen Londons, Nachahmungen fremder Nationalitäten, Nachahmungen schottischer und irischer Volkstypen. Man sieht immer einen und denselben Künstler aus der Bühne, der nur auf Augenblicke verschwindet, um die nöthigen Kostümwechsel zu vollbringen. Die Pausen werden mit Orchestermusik ausgefüllt, die eingelegten Gesänge mit selbiger begleitet. Es gibt Saisons in London, wo gleichzeitig fünf bis sechs Künstler in diesem Genre Vorstellungen geben. Ein Künstler nannte diese dramatischen Kunststücke sein Portefeuille. W.]

des verstorbenen unnachahmlichen Schauspielers Charles Mathews aufstieg. Ich war Weinhändler in damaliger Zeit, wie ich mich erinnere. Wir ahmten die Weinerzeugung der Natur in einer Hinterküche zu Brompton nach und brachten einen Tischwein zu Stande, einen blassen und merkwürdigen Sherry, tonischen Charakters, rund auf der Zunge, beliebt beim Hofe von Spanien, für neunzehn und ein halb Schilling das Dutzend, Flaschen mitgerechnet; siehe Prospekt aus jener Zeit. Der Gewinn war für mich und meine Theilnehmer nur gering, wir waren dem Geschmack der Zeit zu weit voraus und bei dem Flaschenhändler zu weit im Rückstande. Indem ich aus Mangel an Geld zugleich mit meinem Witz zu Ende war und sah, welche vollen Häuser Mathews machte, kam mir der Gedanke, eine mimische Nachahmung des großen Mimen selbst loszulassen, und zwar in Gestalt von At-home-Scenen, gespielt von einer Dame. Das einzige geringfügige Hinderniß war und blieb nur, eben die Dame zu finden. Von dieser Zeit bis jetzt habe ich vergebens darnach gesucht. Endlich habe ich die rechte Person aufgetrieben, ich habe nunmehr die Dame gefunden. Miss Vanftone besitzt Jugend und Schönheit in eben dem Maße, als Talent. Lehre ihr die Kunst der dramatischen Maske, Wragge, versieht, sie mit den geeigneten Anzügen für verschiedene Charaktere, entwickele ihre Anlagen für Gesang und Spiel, lege ihr eine Menge gescheidtes Zeug in den Mund, damit sie zum Publicum reden kann; kündige an »eine At-home-Vorstellung von einer jungen Dame«; verblüffe das Publikum durch eine dramatische Unterhaltung, welche Von Anfang bis zuletzt lediglich das Werk jener jungen Dame und von deren Gewandtheit ist; nimm die Anordnung der Sache ganz in Deine Hände: und was folgt als nothwendige Consequenz? Ruhm für meine schöne Anverwandte und ein Vermögen für mich selbst.

Ich theilte diese Betrachtungen so offen wie gewöhnlich Miss Vanstone mit, indem ich mich erbot, den Monolog zu schreiben, das ganze Geschäft in die Hände zu nehmen und den Gewinn zu theilen. Ich vergaß keineswegs meiner Sache dadurch Nachdruck zu verleihen, daß ich sie von den eifersüchtigen Ränken unterrichtete, denen sie begegnen würde, und von den Hindernissen, mit denen sie, wenn sie zum Theater ginge, zu schaffen bekommen werde, sprach. Und ich spielte endlich damit den Trumpf aus, daß ich auf die geheimen Nachforschungen welche ihr am Herzen liegen, und auf die persönliche Unabhängigkeit anspielte, welche sie sich zu erwerben sucht, bevor sie nach ihren Ermittelungen zu handeln beginnt.

—— Wenn Sie zur Bühne gehen, sagte ich, werden Ihre Dienste von einem Theaterunternehmer um Geld erkauft werden, und er wird auf seinen Ansprüchen bestehen, gerade wenn Sie von ihm frei sein müßten. Wenn Sie aber im Gegentheil meinen Plänen sich anschließen, so werden Sie Ihr eigener Herr sein und Ihr eigener Director, und Sie können Ihre Laufbahn machen, wie Sie wollen.

Diese letzte Erwägung schien sie zu packen. Sie nahm sich einen Tag Bedenkzeit, und als der Tag um war, gab sie ihre Einwilligung.

Ich hatte die ganze Verhandlung sofort schwarz auf weiß gebucht. Unser Uebereinkommen ist äußerst befriedigend, außer in einem einzigen Puncte. Sie zeigt ein krankhaftes Mißtrauen, ihren Namen unter irgend eine ihr vorgelegte Urkunde zu setzen. Sie sagt rund heraus, daß sie keine Urkunde unterzeichnen möge. So weit es in ihrem Interesse ist, sie mit Geldmitteln für die Zukunft zu versehen, verpflichtet sie sich mündlich, fortzufahren. Wenn es aber aufhört, in ihrem Interesse zu sein, so spricht sie offen die Drohung aus, den Vertrag zu kündigen und eine Woche darauf fortzugehen. Sie ist ein schwer zu befriedigendes Mädchen, sie hat bereits richtig herausgefühlt, welchen Werth sie für mich hat. Ein süßer Trost ist mir geblieben: ich habe die Buchführung über die Einnahmen, und da will ich denn schon dafür sorgen, daß meine schöne Base nicht allzu rasch reich werden soll, so weit ich es nämlich hindern kann.

Meine Bemühungen, Miss Vanstone für den bevorstehenden dramatischen Versuch vorzubereiten, unterstützte ich durch zwei anonyme Briefe, welche ich im Interesse der jungen Dame abfaßte und versandte. Da ich nämlich merkte, daß sie sich zu viel Gedanken machte, wie sie mit ihren Freunden aufs Reine käme, und daher meinem Unterricht nicht ihre ganze Aufmerksamkeit mehr schenkte, schrieb ich anonym an den Rechtsanwalt, der die Nachforschung nach ihr in seinen Händen hat, und ersuchte ihn in höflichen Worten, sich nicht weiter zu bemühen. Den Brief schickte ich im Einschluß an einen meiner Freunde in London mit der Weisung, ihn zu Charingcroß aufzugeben. Eine Woche später schickte ich durch denselben Canal einen zweiten Brief, in welchem ich den Adoocaten ersuchte, mich schriftlich in Kenntniß zu setzen, ob er und seine Clienten sich entschlossen hätten, meinem Rathe zu folgen oder nicht. Ich wies ihn mit scherzhafter Anspielung auf den Widerstreit der zwischen uns obschwebenden Interessen an, seinem Briefe folgende Aufschrift zu geben:

Wir Du mir, so ich Dir, Postamt, West Strand.

In wenigen Tagen langte die Antwort an, und zwar in Folge einer Verabredung mit meinem Freunde in London heimlich an das Postamt zu Whitby expediert.

Die Erwiderung des Advocaten war kurz und bestimmt.

Mein Herr!

Wenn mein Rath befolgt worden wäre, so würden Sie und Ihr anonymer Brief mit der Verachtung, welche Sie verdienen, behandelt worden sein. Allein die Wünsche von Miss Magdalene Vanstones ältester Schwester haben ein Anrecht darauf, von mir berücksichtigt zu werden, das ich nicht bestreiten kann, und auf Ihr Ersuchen benachrichtige ich Sie, daß alle weiteren Maßregeln von meiner Seite zurückgenommen sind, unter dem ausdrücklichen Bedingniß, daß dies Zugeständniß zur Eröffnung eines Briefwechsels wenigstens zwischen den beiden Schwestern führt. Ein Brief von der älteren Miss Vanstone folgt im Einschlusse. Wenn ich binnen einer Woche nicht höre, daß er richtig in Empfang genommen worden ist, werde ich die Sache noch einmal den Händen der Polizei übergeben.

William Pendril.

Ein gestrenger Mann, dieser William Pendril. Ich kann von ihm nur sagen, was ein hochgestellter Edelmann einmal von seinem Diener sagte:

—— Ich möchte ein solches Temperament, wie es der Bursche hat, nicht haben um alle Schätze dieser Welt!

Wie sichs von selbst versteht, sah ich erst in den Brief, den der Rechtsanwalt im Einschluß beigelegt hatte, bevor ich ihn abgab. Miss Vanstone die Aeltere schilderte die unsägliche Beunruhigung, welche sie empfinde, weil sie ohne Nachricht von ihrer Schwester sei, zeigte an, daß sie eine Stelle als Erzieherin einer Familie angenommen habe und daß sie dieselbe schon binnen acht Tagen antreten werde. Sie sehne sich daher nach einem Briefe, der sie trösten solle, bevor sie an das schwere Werk, die Uebernahme ihrer neuen Pflichten, herangehe. Als ich das Couvert wieder zugemacht hatte, begleitete ich die Uebergabe des Briefes an Miss Vanstone die Jüngere mit einer Verwahrung.

—— Sind Sie Ihrer Standhaftigkeit jetzt mehr sicher, als damals, wo ich Sie zuerst traf? sagte ich.

Schnell fertig war sie mit der Antwort:

—— Hauptmann Wragge, als Sie mich auf dem Walle von York trafen, war ich noch nicht so weit gegangen, daß ich nicht mehr zurück gekonnt hätte. Jetzt bin ich so weit gegangen.

Wenn sie Das wirklich fühlt —— und ich glaube, sie fühlt es selbst —— so kann der Briefwechsel mit der Schwester Nichts schaden. Sie schrieb noch denselben Tag äußerst ausführlich, weinte unendlich über ihren eigenen Schreibebrief und war den Abend merkwürdig übler Laune und schroff gegen mich. Sie hat keine Erfahrungen, das arme Mädchen, sie hat traurig wenig Erfahrung von der Welt. Wie tröstlich zu wissen, daß ich gerade der Mann bin, sie damit auszustatten!


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