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Namenlos



Fünftes Buch.

An der Vauxhallpromenade zu Lambeth.

Erstes Capitel.

Der alte erzbischöfliche Palast zu Lambeth auf dem südlichen Ufer der Themse, mit seiner Bischofspromenade und seinem Bischofsgarten und seiner Terrasse vorn am Flusse ist ein architektonisches Ueberbleibsel des London von früherer Zeit, das allen Freunden malerischer Schönheit in dem krämerischen London von heute werth und theuer ist. Südlich von diesem ehrwürdigen Gebäude liegt das Straßenlabyrinth von Lambeth, und fast halbwegs in jenem Theil des Häusergewirrs, der dem Flusse zunächst liegt, läuft die düstere Doppelreihe von Häusern, welche jetzt, wie ehedem unter dem Namen der Vauxhallpromenade bekannt ist.

Das Netz der traurigen Straßen, welches sich durch die umgebende Nachbarschaft erstreckt, enthält eine Bevölkerung, die zum großen Theil der ärmern Classe angehört. In den Durchgängen, welche von Läden wimmeln, zeigt sich auf dem schmutzigen Pflaster ohne Scheu der ekele Kampf mit der Armuth, sammelt seine Kräfte in den Wochentagen und schwillt Sonnabend Nachts zu einem Aufruhr an und sieht das Morgengrauen des Sonntags bei trübem Gaslicht Arme Frauen, deren Gesichter niemals lächeln, kommen zu den Fleischerläden in solchen Londoner Gegenden wie diese, die Ueberreste der Löhne ihrer Männer, welche diese nicht in den Kneipen verzehrt haben, fest mit der Hand umklammernd, mit Augen, welche das Fleisch verschlingen, das sie nicht zu kaufen wagen, mit gierigen Fingern, welche es lüstern berühren, wie die Finger ihrer reicheren Schwestern einen kostbaren Stein anfassen. In diesem Viertel wie in noch anderen Vierteln welche von den reichen Quartieren der Hauptstadt entfernt liegen, lungert der häßliche Londoner Strolch und Bummler mit dem Schmutz der Straße in seiner Redeweise, mit dem Staub der Straße auf seinen Kleidern, mit finsteren und rohen Blicken an der Straßenecke und vor der Thür der Ginkneipen, der öffentliche Schandfleck des Landes, das unbeachtete Anzeichen kommender Umwälzungen und Unruhen. Hier trifft das laute Selbstlob des modernen Fortschritts, welcher so viel in den Sitten reformirt hat, aber so wenig an den Menschen geändert hat —— auf den geraden Widerspruch, der seine Anmaßungen sofort zu Boden schlägt. Hier wo die Reichen der Nation wie jener Belsazar sich weiden an dem Schauspiel ihrer eigenen Prachtentfaltung, zeigt sich zugleich die von unsichtbarer Hand geschriebene Schrift auf der Wand, welche dem Herrscher Geld warnend zuruft, daß sein Ruhm in der Wage gewogen worden und seine Macht zu leicht befunden worden ist.

In solcher Nachbarschaft, wie diese liegend, gewinnt die Vauxhallpromenade durch die Folie dieser Vergleichung und entwickelt Ansprüche auf eine gewisse Anständigkeit, welche kein unparteiischer Beschauer anzuerkennen verfehlen kann. Noch besteht ein großer Theil der Promenade aus Wohnhäusern. An den vereinzelte teilen, wo Läden zum Vorschein kommen, sind diese Läden nicht belagert von dem Haufen stärker bevölkerter Passagen Der Verkehr ist nicht störend, auch wird das verzehrende Publicum nicht belästigt durch laute Aufforderungen »zu kaufen«. Vogelliebhaber haben sich die wahlverwandte Stille der Scene ausgesucht, und Tauben girren nun, Canarienvögel zwitschern nun auf der Vauxhallpromenade Alte Wagen und Cabs, Bettstellen von einem gewissen Alter, einzelne Wagenräder für Solche, welche eben ein einzelnes brauchen, um das Paar zu ergänzen: das Alles findet man hier in ein und derselben Niederlage. Ein Seitenarm des großen Gasstromes, welcher London zu einer —— erleuchteten Stadt macht, speist die Privatröhren der in dieser Gegend befindlichen Werkstätten. Hier haben die Anhänger von John Wesley sich einen Tempel aufgerichtet, welcher vor der Zeit der Methodistenbekehrung zu den Grundsätzen der kirchlichen Baukunst erbaut wurde. Und hier, das seltsamste Schauspiel von allen! —— aus der Stelle, wo einst Tausende von Lichtern flimmerten, wo süße Klänge der Musik die Nacht durchtönten, bis zum Morgen, wo die Schönheit und die Modewelt von London ein ganzes Jahrhundert hindurch zur Sommerzeit Feste und Bälle gaben, breitet sich heutzutage eine schreckliche Wildniß von Schmutz und Schutt aus, der verlassene todte Leib der unter freiem Himmel vermodernden Vauxhall-Gärten.

Am selbigen Tage, als Hauptmann Wragge die letzte Auszeichnung in seine »Chronik der Ereignisse« eintrug, erschien eine Frau am Fenster eines der Häuser an der Vauxhallpromenade und entfernte von dem Glase einen gedruckten Zettel, welcher an dasselbe geklebt war, um anzuzeigen, daß Zimmer zu vermiethen wären. Die Zimmer bestanden aus zwei Stuben, eine Treppe hoch. Sie waren eben für eine Woche fest genommen worden von zwei Damen, welche voraus bezahlt hatten, und diese zwei Damen waren Magdalene und Mrs. Wragge.

Sobald die Wirthin das Zimmer verlassen hatte, trat Magdalene ans Fenster und schaute vorsichtig durch dasselbe nach der Häuserreihe gegenüber. Die Häuser waren an Umfang und äußerm Ansehen im Vergleich zu den übrigen Gebäuden der Promenade vornehmer anzuschauen. Die Jahreszahl ihrer Erbauung war an einem derselben angeschrieben und ergab sich als das Jahr des Herrn 1759. Sie standen etwas zurück vom Pflaster der Straße, getrennt davon durch kleine Gartenstreifen. Diese eigentümliche Lage, dazu die Breite des Fahrwegs zwischen ihnen und den gegenüberliegenden kleineren Häusern machten es Magdalenen unmöglich, die Zahlen über den Thüren zu erkennen oder von Jemand, der an die Fenster kommen könnte, mehr als die bloßen allgemeinen Umrisse der Tracht und Gestalt zu sehen. Nichtsdestoweniger stand sie doch da, eifrig die Augen gerichtet auf ein Haus in der Reihe, das beinahe gerade gegenüber lag, das Haus, das sie sich angesehen hatte, ehe sie die Wohnung betreten, das Haus, das in diesem Augenblicke von Noël Vanstone und Mrs. Lecount bewohnt wurde.

Nachdem sie schweigend wohl zehn Minuten und darüber an dem Fenster Wache gestanden, blickte sie plötzlich in das Zimmer hinein, um den Eindruck, welche ihr Verhalten aus ihre Reisegefährtin ausgeübt hätte, zu beobachten.

Von dieser Seite zeigte sich nicht der geringste Grund zu Besorgnissen. Mrs. Wragge saß am Tische, ganz vertieft in das Ordnen und Zurechtlegen einer Reihe schlauer kaufmännischer Prospecte und verführerischer Preislisten, welche von ankündigenden Handelsleuten vertheilt und durch die Kutschfenster hereingeworfen waren, als sie den Londoner Bahnhof verließen.

—— Ich habe oft von Leseerleichterungen sprechen hören, sagte Mrs. Wragge, indem sie unaufhörlich die Lage der Zettel veränderte, wie ein Kind unermüdlich die Lage einer Anzahl Spielsachen ändert. Hier ist leichtes Lesen, gedruckt in hübschen Farben. Hier sind all die Sachen, die ich kaufen werde, wenn ich morgen in die Läden gehe. Geben Sie mir einen Bleistift, wenn Sie so gut sein wollen, —— nicht wahr, Sie nehmens nicht übel? —— ich brauche einen, um mir sie anzustreichen.

Sie sah zu Magdalenen auf, froh über ihre veränderten Umstände, und schlug in unverhaltbarer Lust mit ihren großen Händen auf den Tisch.

—— Kein Kochbuch! rief Mrs. Wragge Kein Schwirren in meinem Kopfe! Keinen Hauptmann morgen zu barbieren. Ich habe beide Schuhe übergetreten, mein Hut sitzt schief, und Niemand schilt mich aus. So wahr ich lebe, das nenne ich einen Festtag und keine Täuschung!

Ihre Hände fingen wieder an, lauter als je auf dem Tische zu trommeln, bis Magdalene sie beruhigte, indem sie ihr einen Bleistift einhändigte. Mrs. Wragge fand nun augenblicks ihre Würde wieder, pflanzte sich mit den Ellnbogen auf den Tisch und versenkte sich für den ganzen übrigen Theil des Abends in kaufselige Träume.

Magdalene kehrte ans Fenster zurück. Sie nahm einen Stuhl, setzte sich hinter den Vorhang und heftete abermals ihre Augen beharrlich auf das Haus gegenüber.

Die Vorhänge waren über die Fenster des ersten und zweiten Stockwerks heruntergelassen. Das Fenster des Parterrezimmers war nicht verhüllt und stand halb offen, aber kein lebendes Wesen kam demselben nahe. Thüren gingen auf, Leute kamen und gingen in den Häusern auf beiden Seiten, Kinder zu Dutzenden liefen auf die Straße hinaus, um zu spielen und machten Einfälle auf die kleinen Gartenstreifchen, um verlorene Bälle und Federspiele wieder herauszuholen, Schaaren von Leuten gingen fortwährend vor- und rückwärts, schwere Wagen, hoch aufgethürmt mit Waarengütern, zogen langsam der Straße entlang auf dem Wege nach oder von der nahen Eisenbahnstation: das ganze Tagestreiben und Leben des Stadtviertels rührte sich mit seiner ruhelosen Emsigkeit nach jeder Richtung hin, ausgenommen nach einer einzigen. Die Stunden vergingen —— und immer noch blieb das Haus drüben verschlossen, immer noch ließ sich weder außen noch innen irgend ein Lebenszeichen wahrnehmen. Der einzige Zweck, welcher Magdalene bestimmt hatte, sich selbst nach der Vauxhallpromenade zu begeben —— der Zweck, die Blicke, Gewohnheiten und Lebensweise von Mrs. Lecount und ihrem Herrn von einem »Luginsland« aus, der ihr nur selbst bekannt war, zu studiren, war bis jetzt gänzlich verfehlt. Nachdem sie drei Stunden am Fenster gewartet, hatte sie noch nicht einmal so viel entdeckt, um gewiß zu wissen, ob das Haus überhaupt bewohnt war.

Bald nach sechs Uhr störte die Wirthin Mrs. Wragges Studien durch Auflegen des Tischtuchs zum Essen. Magdalene setzte sich an den Tisch in einer Stellung, in der sie noch immer im Stande war, die Aussicht aus dem Fenster zu beherrschen. Nichts zeigte sich. Das Essen ging zu Ende; Mrs. Wragge —— schläfrig durch den narkotischen Einfluß des Anstreichens der Prospekte und durch Speise und Trank, was sie Beides mit einem durch die Abwesenheit des Hauptmannes verschärften Appetite zu sich genommen —— zog sich nach einem Lehnstuhl zurück und fiel in einer Stellung in Schlummer, welche ihrem Gatten die heftigste Seelenaufregung verursacht haben würde. Es schlug Sieben. Die Schatten des Sommerabends wurden länger und länger auf dem grauen Pflaster und den braunen Häuserwänden. Und immer noch blieb die verschlossene Hausthür gegenüber verriegelt, immer zeigte das eine offene Fenster Nichts als die schwarze Leere des Zimmers dahinter, leblos und unveränderlich, als wenn das Zimmer ein Grab gewesen wäre.

Mrs. Wragges süßes Schnarchen wurde immer tiefer in der Tonart, der Abend rückte langsam und träge vor. Es war fast acht Uhr: da ereignete sich endlich Etwas. Die Hausthür nach der Straße ging drüben zum ersten Male auf, und ein Frauenzimmer wurde auf der Schwelle sichtbar.

War diese Frau Mrs. Lecount? Nein. Denn als sie näher kam, zeigte ihr Anzug, daß es ein Dienstmädchen war. Dasselbe hielt einen großen Hausschlüssel in der Hand und ging offenbar aus, um einen Weg zu verrichten. Erregt einestheils von Neugier, anderntheils von der Eingebung des Augenblicks, was Beides ihre ungestüme Natur zur Thätigkeit trieb nach dem unthätigen Verhalten diese vielen Stunden vorher, setzte Magdalene ihren Hut auf und beschloß, dem Dienstmädchen nach seinem Bestimmungsort nachzugehen, wo er auch sein möge.

Das Frauenzimmer führte sie nach dem großen mit Läden besetzten Durchgang ganz in der Nähe, welcher der Lambethweg heißt. Nachdem die Dienerin in eine kleine Entfernung getreten und sich mit der Unsicherheit einer mit der Oertlichkeit nicht gut vertrauten Person umgesehen hatte, ging sie über die Straße und trat in einen Papierladen. Magdalene ging ebenfalls über die Straße und folgte ihr.

Der unter diesen Umständen unvermeidliche Verzug, ehe sie in den Laden kam, ließ Magdalenen versäumen zu hören, was das Mädchen verlangt hatte. Die ersten Worte jedoch, die von dem Manne hinter dem Ladentische gesprochen wurden, drangen an ihr Ohr und belehrten sie, daß der Zweck des Mädchens war, einen »Eisenbahnführer« zu kaufen.

—— Meinen Sie einen Führer für diesen Monat oder einen Führer für Juli? fragte der Mann im Laden, zu seiner Kunde gewandt.

—— Der Herr hat mir nicht gesagt, welchen, antwortete das Frauenzimmer. Alles was ich weiß, ist, daß er übermorgen aufs Land geht.

—— Uebermorgen ist der erste Juli, sagte der Verkäufer. Der Führer, den Ihr Herr braucht, ist der Führer für den neuen Monat. Derselbe erscheint aber erst morgen.

Indem sich das Mädchen bereit erklärte den nächsten Tag wieder vorzufragen verließ es den Laden und schlug den Weg ein, der nach der Vauxhallpromenade zurückführte.

Magdalene kaufte die erste beste Kleinigkeit, die sie auf dem Ladentisch sah und kehrte eilig in derselben Richtung nach Hause zurück. Die Entdeckung, welche sie da soeben gemacht hatte, war von sehr ernster Wichtigkeit für sie, und sie fühlte die Nothwendigkeit, mit so wenig als möglich Zeitverlust darnach zu handeln.

Als sie in das Vorderzimmer der Wohnung trat, fand sie Mrs. Wragge, die eben aufgewacht war, in schläfriger Verwirrung, ihre Mütze auf die Schultern herunter hängend, einen ihrer Schuhe suchend. Magdalene suchte ihr die Ueberzeugung beizubringen, daß sie nach der Reise erschöpft und daß es das Beste sei, was sie thun könne, wenn sie zu Bette ginge. Mrs. Wragge war Vollkommen willfährig diesen Wink zu befolgen, vorausgesetzt, daß sie nur erst den Schuh wieder gefunden hätte. Bei dem Suchen nach dem Schuh bemerkte sie unglücklicherweise die Prospekte, welche auf ein Nebentischchen gelegt waren, und erlangte nun sofort ihre Erinnerung an die früheren Vorgänge des Abends wieder.

—— Geben Sie mir ’mal den Bleistift, sagte Mrs. Wragge, indem sie hastig die Prospekte zusammen raffte. Ich kann noch nicht zu Bette gehen, ich bin erst halb damit zu Rande, die Dinge auszustreichen, die ich brauche. Lassen Sie ’mal sehen, wo blieb ich doch gleich stehen? »Versuchen Sie Finch’s Milchfläschchen für Säuglinge.« Nein! Hier steht ein Kreuz davor; das Kreuz besagt, daß ich keinen Gebrauch davon machen kann. »Trost im Felde. Duckler’s unzerstörbare Jagdhosen.« O, meine Liebe, meine Liebe, ich habe die Stelle verloren. O, nein, ich habe sie! Hier ist es, hier ist mein Zeichen davor. »Elegante Cashmir-Kleider; durchaus morgenländisch, sehr großartig; herabgesetzt auf ein Pfund neunzehn und ein halb Schilling. »Man beeile sich. Es sind nur noch drei übrig.« Nur noch drei! O, geben Sie mir das Geld und gehen wir und kaufen wir eines!

—— Heute Abend nicht, sagte Magdalene. Nicht wahr, Sie gehen lieber jetzt zu Bette und machen die Prospekte morgen fertig? Ich will sie Ihnen neben das Bett legen, und Sie können dann, sobald Sie aufmachen, Ihr Tagewerk mit ihnen beginnen.

Der Vorschlag fand bei Mrs.Wragges ohne Weiteres Beifall. Magdalene brachte sie in das nächste Zimmer und zu Bett wie ein Kind —— ihr Spielzeug neben sich. Das Zimmer war so eng und das Bett so klein, und Mrs. Wragge, angethan mit dem weißen Nachtgewande, der Vollmond ihres Gesichts umgeben mit dem weiten Hofe einer Nachtmütze sah so ungeheuerlich und unverhältnißmäßig groß aus, daß Magdalene, so beschäftigt ihr Geist mit ernsteren Dingen war, doch nicht ein Lächeln unterdrücken konnte, als sie ihrer Reisegefährtin gute Nacht sagte.

—— Ha, ha, schrie Mrs. Wragge seelenvergnügt, wir werden die Casimirrobe morgen haben. Kommen Sie ’mal her. Ich muß Ihnen ’was ins Ohr sagen. Gerade so wie Sie mich sehen —— werde ich jetzt schlafen, zusammengekrümmt und der Hauptmann ist nicht da, mich auszuschelten!

Das Vorderzimmer der Wohnung enthielt ein Sophabett, welches die Wirthin bald für die Nacht herrichtete. Als Dies geschehen, und die Lichter herein gebracht waren, fand sich Magdalene allein, um ihr künftiges Verhalten festzustellen, wie ihre eigenen Gedanken ihr es eingaben.

Die Fragen und Antworten, welche diesen Abend im Papierladen in ihrer Gegenwart gewechselt worden waren, brachten sie zweifellos zu dem Schlusse hin, daß ein Tag später Noël Vanstones gegenwärtiger Aufenthalt auf der Vauxhallpromenade zu Ende bringen werde. Ihr erster vorsichtiger Entschluß, nämlich erst einige Tage vergehen zu lassen in unverdächtiger Beobachtung des Hauses gegenüber, bevor sie sich hineinwagte, wurde durch die Wendung, welche die Dinge genommen hatten, vereitelt. Sie sah sich zu der heiklen Wahl hingedrängt, entweder den nächsten Tag blindlings ihr ganzes Wagstück zu vollbringen, oder aber dasselbe für eine künftige Gelegenheit, die vielleicht niemals kommen würde, aufzuschieben Einen Mittelweg gab es nicht. Ehe sie nicht Noël Vanstone mit eigenen Augen gesehen und das Schlimmste, das von Mrs. Lecount zu fürchten war, entdeckt hatte, ehe sie nicht diesen doppelten Zweck erreicht hatte —— mit der nöthigen Vorsicht, ihre eigene Person sorgsam im Hintergrunde zu halten —— eher konnte sie keinen Schritt vorwärts thun zur Ausführung des Vorhabens, das sie nach London geführt hatte.

Es verstrichen die Minuten der Nacht eine nach der andern, es folgten sich die drängenden Gedanken in ihrer Seele einer nach dem andern, und noch fand sie keinen Schluß, noch schwankte und zauderte sie mit einer Unsicherheit, welche ihr selbst neu an sich war. Endlich schritt sie ungeduldig durchs Zimmer, um die leidige Zerstreuung zu haben, ihre Reisetasche aufzuschließen und die für die Nacht nöthigen Dinge herauszunehmen Hauptmann Wragges Vermuthungen waren nicht unbegründet gewesen. Da, verborgen zwischen zwei Kleidern, waren die Stücke jenes Anzugs, den er in ihrem Koffer in Birmingham vermißt hatte. Sie legte dieselben, eins nach dem andern, um, wie um sich selbst zu beruhigen, daß Nichts, was sie brauchte, fehlte und kehrte noch einmal auf ihren Beobachtungsposten am Fenster zurück.

Das Haus gegenüber blieb dunkel bis auf das Wohnzimmer. Dort war der vorher aufgezogene Vorhang nunmehr übers Fenster niedergelassen. Das Licht, das hinter demselben brannte, zeigte ihr zuerst, daß das Zimmer bewohnt war. Ihre Augen wurden glänzend, und ihre Farbe belebte sich, als sie Dies sah.

—— Dort ist er! sprach sie zu sich selbst in leisem, gepreßtem Flüstern. Dort lebt er von unserm Gelde in dem Hause, welches die Warnung seines Vaters mir verschlossen hat!

Sie ließ den Vorhang fallen, den sie aufgehoben hatte, um hinauszusehen, kehrte zu ihrer Reisetasche zurück und nahm daraus die graue Perrücke, welche zu ihrem Bühnenanzug als nordenglische Dame gehörte. Die Perrücke war durch das Packen etwas in Unordnung gekommen; sie setzte sie auf und ging an den Toilettentisch, um sie aufzukämmen.

—— Sein Vater hat ihn vor Magdalene Vanstone gewarnt, sagte sie, indem sie die Stelle in Mrs. Lecounts Brief wiederholte und bitter auslachte, als sie sich im Spiegel sah, —— es soll mich verlangen, ob sein Vater ihn auch vor Miss Garth gewarnt hat? Morgen ist eher, als ich gerechnet hatte. Thut Nichts, —— morgen soll sichs zeigen.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Der Frühmorgen war, als Magdalene erwachte und hinausschaute, trübe und umzogen. Allein als die Zeit zur Frühstücksstunde Vorrückte, drohte der Regen nicht mehr, und sie konnte, ohne vom Wetter gestört zu werden, die erste Sorge des Tages beseitigen, die Sorge, ihre Reisegefährtin zeitweilig aus dem Hause zu schaffen.

Mrs. Wragge war angekleidet und stand, alle Hände voll Preiscourante und Prospekte, ungeduldig fortzukommen, gegen zehn Uhr fertig da. Früher am Tage hatte Magdalene bereits Einleitung getroffen, daß selbige unter die Obhut der ältesten Tochter der Wirthin, eines ruhigen, wohlerzogenen Mädchens, dessen eigenes Interesse bei dieser Einkaufsreise mittels eines kleinen Geldgeschenkes zum Ankauf eines Sonnenschirms und eines Musselinkleides alsbald gewonnen war, gestellt wurde. Gleich nach zehn Uhr ließ Magdalene Mrs. Wragge und ihre Begleiterin in einem Cab wegfahren. Sie selbst begab sich zur Wirthin, welche oben im Hause damit beschäftigt war, die Zimmer aufzuräumen; sie that Dies in der Absicht, um durch ein kleines zur rechten Zeit angeknüpftes Gespräch herauszufragen welches die Tagesgewohnheiten der Hausbewohner seien.

Sie erfuhr, daß außer Mrs. Wragge und ihr selbst keine anderen Miethleute da waren. Der Mann der Wirthin befand sich den ganzen Tag über außer dem Hause, da er auf einem Bahnhofe angestellt war. Ihre zweite Tochter war in Abwesenheit der älteren Schwester mit der Sorge für die Küche betraut. Die jüngeren Kinder waren in der Schule und sollten um Eins zum Essen nach Hause kommen. Die Wirthin selbst »machte feine Wäsche für Damen« und glaubte mit ihrer Arbeit den ganzen Vormittag vollauf zu thun zu haben in einem Stübchen hinter den vorderen Zimmern. Solchergestalt war es sehr leicht für Magdalenen, das Haus verkleidet zu verlassen und unbemerkt es zu verlassen, vorausgesetzt, daß sie nur ausging, ehe die Kinder zum Essen um ein Uhr zurückkamen

Um Elf waren die Zimmer in Ordnung, und hatte sich die Wirthin entfernt, um ihrer Beschäftigung nachzugehen. Magdalene schloß leise die Thür ihres Zimmers zu, ließ den Vorhang über das Fenster herunter und machte sofort ihre Anstalten zu dem gefährlichen Versuch dieses Tages.

Dasselbe lebhafte Vorgefühl von Gefahren, die vermieden, und Schwierigkeiten, die überwunden werden müßten, welches sie gemahnt hatte, das auffallende Stück des Charakteranzugs in dem Koffer zu Birmingham zurückzulassen, ließ jetzt ihren Geist den ungeheuren Unterschied zwischen einer bei Gaslicht zur Ergötzung eines Theaterpublicums angelegten Verkleidung und einer bei Tageslicht zur Täuschung der forschenden Augen zweier Fremden angenommenen Verkleidung klar genug empfinden. Das erste Stück des Anzugs, welches sie anlegte, war einer ihrer alten Röcke (gefertigt aus sogenanntem Alpacastoffe) von dunkelbrauner Farbe mit einem hübschen Muster von kleinen sternartigen weißen Tupfen. Eine doppelte Kante, welche unten am Saume dieses Gewandes herumlief, war die einzige Verzierung des Webers, welche sich darauf befand, eine Verzierung, welche mit dem Anzuge einer ältlichen Dame durchaus nicht unvereinbar war. Die Entstellung ihres Kopfes und ihres Gesichts war der nächste Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Sie setzte auf und ordnete die graue Perrücke mit der Geschicklichkeit, welche beständige Uebung ihr verliehen hatte, befestigte die falschen Augenbrauen (welche etwas groß gehalten und aus dunklerem Haar als die Perrücke gemacht waren) sorgfältig an ihrer rechten Stelle mit dem Gummi, den sie zu dem Ende zur Hand hatte, und schminkte ihr Gesicht mit dem gewöhnlichen Bühnenmaterial, um den durchsichtigen Schmelz ihrer Gesichtsfarbe in das düstere, gelbliche Ansehen einer kränklichen Frau zu verwandeln. Die Furchen und Runzeln des Alters folgten dann, und hier boten sich die ersten Schwierigkeiten. Die Kunst, welche bei Gaslicht von Erfolg war, verfing nicht bei Tage; die Schwierigkeit, die offenbar künstliche Natur der Runzeln zu verbergen, war schlechterdings unüberwindlich. Sie kehrte zu ihrer Reisetasche zurück, nahm daraus zwei Schleier und versuchte, indem sie ihren altmodischen Hut aufsetzte, hintereinander die Wirkung derselben. Einer der Schleier (aus schwarzen Spitzen) war zu dick, um zur Sommerzeit ohne Aufsehen zu erregen über dem Gesicht getragen zu werden. Der andere, von einfacher Gaze, ließ ihre Züge gerade noch so unbestimmt durch denselben sehen, daß sie etliche Furchen (viel weniger, als sie bei ihren Vorstellungen anzuwenden pflegte) auf der Stirn und an den Mundwinkeln anbringen konnte. Aber kaum war dies Hinderniß beseitigt, so that sich schon wieder neues auf: die Schwierigkeit, wie sie ihren Schleier unten behalten sollte, während sie mit Anderen sprach, ohne einen haltbaren Grund für ein solches Verfahren. Eine augenblickliche Ueberlegung und ein Blick auf ihre kleine Porzellanpalette von Schminkfarben gaben ihrem allezeit erfinderischen Geiste den Gedanken ein, eine sichtbare Entschuldigung, den Schleier beständig herunterzulassen, zu schaffen. Sie entstellte sich wohlweislich durch künstliches Rothumrändern ihrer Augenlider, um den Anschein einer Augenentzündung hervorzubringen, den kein anderer Mensch als höchstens ein Arzt —— und dieser Arzt selbst nur in der größten Nähe —— als falsch erkennen konnte. Sie sprang auf und blickte mit Siegesfreude auf die häßliche an sich selbst vollbrachte Verwandlung, welche ihr der Spiegel zeigte. Wen konnte es befremden, wenn sie jetzt ihren Schleier herunter trug und sie Mrs. Lecount um die Erlaubniß bat, mit ihrem Rücken gegen das Licht zu sitzen?

Ihre letzte Verrichtung war das Umwerfen des ruhigen grauen Mantels, welchen sie von Birmingham mitgebracht hatte und welcher inwendig von Hauptmann Wragges eigenen kundigen Händen wattiert worden war, um die jugendliche Anmuth und Schönheit ihres Rückens und ihrer Schultern zu verbergen. Da ihr Anzug nunmehr vollständig war, o probierte sie nun den Gang, den man ihr als zu ihrer Maske passend gelehrt hatte, einen Gang mit etwas Hinken. Dann, nach einem Versuch von einer Minute, ehrte sie vor den Spiegel zurück, um sich in der Verstellung ihrer Stimme und ihrer Gebärden zu üben. Dies war der einzige Theil ihrer Rolle, in welchem sie mit ihren natürlichen Mitteln eine Nachahmung Von Miss Garth zu bewerkstelligen im Stande war, und hier war die Aehnlichkeit vollständig. Die rauhe Stimme, die etwas derbe Art, die Gewohnheit, gewisse Redewendungen mit einem nachdrücklichen Kopfnicken zu begleiten, das northumbrische Schnurren (burr), das sich bei jedem Worte mit einem r vernehmen ließ: alle diese persönlichen Eigenthümlichkeiten der alten nordenglischen Erzieherin waren sprechend ähnlich wiedergegeben. Die nunmehr vollendete Verstellung ihrer ganzen Person war buchstäblich, wie Hauptmann Wragge sie bezeichnet hatte, ein Triumph der Kunst der Verkleidung. Den einzigen Fall ausgenommen, daß man ihr nahe ins Gesicht sah bei starkem Lichte, hätte kein Mensch, der jetzt Magdalenen sah, einen Augenblick gedacht, daß sie etwas anderes als ein kränkliches, mißgegstaltetes, abstoßendes Weib von wenigstens fünfzig Jahren sei.

Ehe sie die Thür aufschloß, sah sie sich sorgfältig um, um sich zu versichern, daß keines von ihren Bühnenrequisiten offen liegen geblieben war, falls die Wirthin in ihrer Abwesenheit das Zimmer betreten sollte. Der einzige vergessene Gegenstand, welcher ihr gehörte, war ein Päckchen mit Briefen von Nora. Sie hatte sie in der Nacht gelesen und jetzt während des Ankleidens unter den Spiegel bei Seite gelegt. Als sie die Briefe wegnahm, um sie beizulegen, durchblitzte sie der Gedanke zum ersten Male:

—— Ob wohl Nora mich erkennen würde, wenn wir uns auf der Straße träfen?

Sie sah in den Spiegel und lächelte traurig.

—— Nein, sagte sie, —— nicht einmal Nora.

Sie riegelte die Thür auf, nachdem sie erst von ihrem Beobachtungsposten aus sich umgeschaut hatte. Es war bald zwölf Uhr. Es blieb nur eine Stunde übrig, um ihr verzweifeltes Wagstück auszuführen und in die Wohnung zurückzukehren, ehe die Kinder der Wirthin aus der Schule zurückkamen.

Ein augenblickliches Lauschen auf dem Treppenabsatze überzeugte sie, daß Alles in dem Gange unten ruhig war. Sie stieg geräuschlos die Treppe hinunter und erreichte die Straße, ohne ein lebendes Wesen auf ihrem Wege aus dem Hause angetroffen zu haben. Eine Minute später war sie über die Straße und hatte den Klopfer an Noël Vanstones Thür angeschlagen.

Die Thür wurde von demselben Dienstmädchen geöffnet, dem sie den Abend vorher zu dem Papierladen gefolgt war. Mit einem augenblicklichen Zittern, welches an den denkwürdigen ersten Abend ihres öffentlichen Auftretens erinnerte, fragte Magdalene (mit Miss Garths Stimme und mit Miss Garths Art und Weise) nach Mrs. Lecount.

—— Mrs. Lecount ist ausgegangen, Madame, sagte das Dienstmädchen.

—— Ist Mr. Vanstone zu Hause? fragte Magdalene, die ihre Entschlossenheit wiederfand beim ersten Hindernisse, das ihr entgegentrat.

—— Mein Herr ist noch nicht ausgestanden, Madame.

Abermals eine Täuschung! Ein schwächerer Charakter würde die Warnung beachtet haben. Magdalenens Charakter erhob sich erst recht zum Widerstande gegen selbige.

—— Welche Zeit wird Mrs. Lecount zurück sein? fragte sie.

—— Gegen ein Uhr, Madame.

—— Sagen Sie, daß ich wieder vorfragen werde, sobald als möglich nach ein Uhr. Ich wünsche namentlich Mrs. Lecount zu sprechen. Mein Name ist Miss Garth.

Sie wandte sich und verließ das Haus. Zurück auf ihr Zimmer zu gehen, davon konnte nicht die Rede sein. Das Dienstmädchen sah ihr nach (wie Magdalene daran bemerkte, daß sie nicht die Thür schließen hörte) und überdies würde sie sich, wenn sie wieder hineinginge, der Gefahr aussetzen, gerade um die Zeit wieder auszugehen, wenn die Kinder der Wirthin in der Nähe des Hauses wären. Sie wandte sich, ohne Etwas zu denken, nach der rechten Seite und schritt weiter, bis sie die Vauxhallbrücke erreichte; dort wartete sie, indem sie über den Fluß sah.

Die Pause unbenutzter Zeit vor ihr war beinahe eine Stunde. Wie konnte sie dieselbe ausfüllen?

Als sie sich diese Frage verlegte, erwachte in ihrer Seele aufs Neue der Gedanke, der ihr zuerst aufgestoßen war, als sie das Päckchen Briefe von Nora weggelegt hatte. Ein plötzlicher Gedanke der That, der nämlich, das elende Ganze ihrer Verkleidung auf die Probe zu stellen, mengte sich unter die höheren und reineren Gefühle ihres Herzens und verstärkte noch ihr natürliches Verlangen, das Angesicht ihrer Schwester zu sehen, obschon sie nicht wagte, sich zu erkennen zu geben und zu sprechen. Noras spätere Briefe hatten mit allen Einzelheiten ihr Leben als Erzieherin beschrieben, ihre Lehrstunden, ihre Freistunden, ihre Ausgehstunden für sich und ihre Zöglinge. Es war gerade noch Zeit für Magdalene, wenn sie sofort einen Wagen finden konnte, nach dem Hause von Noras Herrschaft zufahren mit der Aussicht, noch ein paar Minuten eher dahin gelangen, als die Ausgehstunde ihrer Schwester kam.

—— Ein Blick auf sie wird mir mehr sagen, als hundert Briefe!

ZNit diesem Gedanken in ihrer Seele, mit dem einzigen Zwecke, unter dem Schutze der Verkleidung Nora auf ihren täglichen Spaziergang zu folgen, eilte Magdalene über die Brücke und begab sich auf das nördliche Ufer des Flusses.

So beim Wendepunkte ihres Lebens, so in der Zwischenzeit, ehe sie den unwiderruflichen Schritt that und die Schwelle von Noël Vanstones Thür überschritt —— führten sie die himmlischen Mächte, siegreich über die Mächte der Finsternis; in dem Kampfe um sie, weg von dem Schauplatze ihrer beabsichtigten Täuschung und trieben gnädig sie eilends weiter und immer weiter von dem unseligen Hause.

Sie ließ den ersten leeren Cab halten, der an ihr vorüberkam, sagte dem Kutscher, er solle sie nach New-Street in den Spring-Gardens fahren, und versprach ihm das doppelte Fährgeld, wenn er den Bestimmungsort in einer gegebenen Zeit erreiche. Der Mann verdiente das Geld, ja verdiente mehr, wie der Erfolg zeigte. Magdalene hatte nicht zehn Schritte vorwärts gethan in New-Street, auf dem Wege nach dem St. James-Park, als die Thür eines Hauses gegenüber aufging, und eine Dame in Trauerkleidern heraustrat, begleitet von zwei kleinen Mädchen. Die Dame schlug ebenfalls die Richtung nach dem Park ein, ohne ihren Kopf nach Magdalenen zu wenden, als sie die Treppenstufen vor dem Hause herunterstieg. Es that Das nichts, denn Magdalene sah mit dem Herzen, und dieses sagte ihr, daß sie Nora vor sich habe.

Sie folgte Derselben hinein in St. James-Park und von da längs des Mall in den Grünen Park, indem sie näher und näher kam, als sie das Gras erreichten und den Zügel hinanstiegen in der Richtung des Hyde-Park-Ende. Ihre begierigen Augen verschlangen jede Einzelheit an Noras Anzuge und entdeckten jede, auch die leiseste Veränderung, welche an ihrer Gestalt und ihrer Haltung stattgefunden hatte. Sie war seit dem Herbste magerer geworden, ihr Haupt neigte sich ein wenig nach vorn, sie ging mit Mühe. Ihre Trauerkleidung, welche in der bescheidenen Anmuth und Sauberkeit gehalten war, die kein Mißgeschick von ihr nehmen konnte, war ihrer veränderten Lage angemessen; ihr schwarzes Kleid war von Taffet, ihr schwarzer Shawl und schwarzer Hut waren von der schlichtesten und wohlfeilsten Art. Die beiden kleinen Mädchen, welche sie, auf jeder Seite eines, führte, waren in Seide gekleidet. Magdalene haßte sie instinctmäßig.

Sie machte einen weiten Bogen auf dem Grase, dergestalt, um sich nach und nach zu wenden und ihrer Schwester entgegen zu kommen, ohne den Verdacht zu erwecken, daß das Zusammentreffen ein absichtliches wäre. Ihr Herz schlug hastig, eine brennende Glut stieg in ihr auf, als sie an ihr falsches Haar, ihre falsche Farbe, ihre falsche Kleidung dachte und das traute Schwesterangesicht näher und näher kommen sah. Sie gingen aneinander dicht vorüber. Noras dunkle, sanfte Augen schauten anf mit einem tieferen Licht in sich, mit einer trüberen Schönheit als früher —— und sahen wieder weg davon, als von dem Gesicht einer Fremden. Dieser Blick von der Dauer eines Moments traf Magdalenen ins Herz. Sie stand in den Boden gewurzelt da, als Nora vorübergegangen war. Ein Abscheu vor der elenden Verkleidung, welche sie trug, ein herzzerschneidendes Bangen, die Bande zu zerreißen und ihr schamerglühtes gemaltes Angesicht an dem Busen Noras zu bergen, kam über sie und versetzte Leib und Seele in Spannung. Sie wandte sich und sah sich um.

Nora und die beiden Kinder hatten die Anschwellung des grünen Grundes erreicht und waren nahe bei einem der Thore in dem eisernen Gitter, welches den Park von der Straße trennt. Gezogen von einem unwiderstehlichen Zauber folgte Magdalene ihnen abermals, holte sie ein, als sie das Thor erreichten und hörte die Stimmen der Kinder ungezogen darüber streiten, welchen Weg sie gehen sollten. Sie sah, wie Nora sie durch das Thor führte und dann stehen blieb und mit ihnen sprach, indem sie auf einen Augenblick wartete, um über die Straße gehen zu können. Sie wurden um so lauter und ungeduldiger, je mehr sie ihnen zusprach. Das Jüngere; ein Mädchen von acht bis neun Jahren, wurde, wie es bei Kindern vorkommt, plötzlich sehr unleidlich, weinte, schrie und schlug sogar nach der Erzieherin. Die Leute auf der Straße blieben stehen und lachten, einige von ihnen riethen scherzend zu einer kleinen gesunden Züchtigung, eine Frau fragte Nora, ob sie die Mutter der Kinder wäre, eine Andere beklagte sie laut, daß sie die Erzieherin des Kindes wäre. Ehe Magdalene ihren Weg durch die Menge nehmen konnte, ehe ihr alles Andere vergessen machender Eifer, ihrer Schwester zu helfen, sie für jede andere Erwägung blind gemacht und sie halbverrathen an Noras Seite gebracht hatte, fuhr ein offener Wagen langsam über das Pflaster in seinem Weiterfahren gehindert durch das Gedränge der Wagen vor ihm. Eine alte Dame saß darin, hörte das Schreien des Kindes, erkannte Nora und rief sie augenblicklich an. Der Bediente drängte die Menge auseinander, und die Kinder wurden in den Wagen geschafft.

—— Ein wahres Glück, daß ich des Weges einher kam, sagte die alte Dame, indem sie mit Geringschätzung Nora bedeutete, auf dem Rücksitze Platz zu nehmen; Sie konnten niemals meine Tochterkinder leiten, und Sie werden es niemals.

Der Bediente schlug den Tritt in die Höhe, der Wagen fuhr dahin mit den Kindern und der Erzieherin, der Haufe zerstreute sich, und Magdalene war wieder allein.

—— Da mag es denn drum sein! dachte sie mit bitterem Gefühl. Ich würde sie nur schmerzlich aufgeregt haben. Wir würden nur den Jammer des Abschieds gehabt haben, um aufs Neue zu leiden.

Sie kehrte unwillkürlich um und wandte sich wie im Traume nach dem freien Platze im Parke zurück. Indem sie sich mit der Stärke ihrer Liebe zu ihrer Schwester wappnete, mit der Heftigkeit des Unwillens, den sie fühlte um ihrer Schwester willen, gewann der schreckliche Versucher ihres Lebens noch einmal soviel Macht über sie, als zuvor. Durch all die Schminke und die Entstellung der Verkleidung blitzte die stolze Verzweiflung dieser starken und leidenschaftlichen Seele in ihren wilden und entsetzlichen Blicken hindurch. Nora zu einem Gegenstande öffentlicher Neugier und Belustigung gemacht, Nora auf offener Straße ausgescholten; Nora, das um schnöden Lohn erkaufte Opfer der Unverschämtheit einer alten Frau und der Ungezogenheit eines Kindes —— und derselbe Mann, der Frank nach China geschickt hatte, schuld auch hieran! und nach diesem Manne der Sohn desselben schuld daran! Der Gedanke an ihre Schwester, welcher sie von dem Schauplatz ihrer beabsichtigten Täuschung weggeführt hatte, welcher ihr das Bewußtsein ihrer Verkleidung verhaßt gemacht, war nun der Gedanke, der jene Mittel heiligte oder alle Mittel, um ihr Ziel zu erreichen; der Gedanke, welcher Schwingen setzte an ihre Füße und sie zurücktrieb näher und immer näher nach dem verhängnißvollen Hause!

Sie verließ den Park wieder und fand sich in den Straßen, ohne zu wissen wo. Noch einmal rief sie den ersten Cab an, der an ihr vorbeikam, und wies den Kutscher an, nach der Vauxhallpromenade zu fahren.

Der Wechsel vom Gehen zum Fahren beruhigte sie. Sie fühlte, wie sie wieder zu sich selber und zu ihrem Anzuge zurückkam. Die Notwendigkeit, sich zu versichern, daß kein widriger Zufall sich zugetragen bezüglich ihrer Verkleidung in der Zwischenzeit, daß sie ihr Zimmer verlassen hatte, drängte sich ihrer Seele sofort auf. Sie ließ den Kutscher an dem ersten Pastetenladen halten, an dem er vorüber kam, und erhielt dort Gelegenheit, einen Spiegel zu befragen, ehe sie sich wieder nach Vauxhallpromenade zurück wagte.

Ihr grauer Kopfputz war in Unordnung gerathen und der altmodische Hut ein wenig verschoben. Sonst hatte Nichts gelitten. Sie berichtigte die wenigen Mängel ihres Anzugs und kehrte zu dem Cab zurück. Es war halb Zwei, als sie an das Haus kam und zum zweiten Mal an Noël Vanstones Thür klopfte. Die Magd öffnete dieselbe, wie vorher.

—— Ist Mrs. Lecount zurückgekommen?

—— Ja, Madame. Gehen Sie hierhin, wenns gefällig ist.

Die Magd ging Magdalenen auf einem leeren Gange voran, führte sie hinter einer Treppe ohne Teppich weg und öffnete die Thür eines Zimmers im hinteren Theile des Hauses. Das Zimmer wurde von einem Fenster erhellt, das auf einen Hof hinausging, die Wände waren kahl, der getäfelte Fußboden war ohne Decke. Zwei Kammerstühle standen an der Wand, und ein Küchentisch war unter das Fenster gestellt. Auf dem Tische stand ein Glasgefäß mit Wasser und einer Miniaturpyramide von Felsstückchen, dazwischen grünes Moos in der Mitte Schnecken klebten an den Wänden des Gefäßes, Froschzwerge und kleine Fische schwammen in dem grünlichen Wasser, glatte Eidechsen und schlammige Frösche schlichen ihren stillen Weg hinein und heraus auf dem moosigen Felsen, und auf dem Gipfel der Pyramide da saß einsam und allein, kalt wie der Stein, braun wie der Stein, unbeweglich wie der Stein, eine kleine helläugige Kröte. Die Kunst, Fische und Gewürm als Hausschooßthiere zu halten, war zu damaliger Zeit noch nicht heimisch in England, und Magdalene bebte daher beim Eintritt in das Zimmer mit unüberwindlichem Erstaunen und Abscheu beim Anblick des ersten Aquariums, das sie gesehen, zurück.

—— Erschrecken Sie nicht, sagte eine Frauenstimme hinter ihr. Meine Lieblinge thun Niemandem Etwas.

Magdalene drehte sich um und stand Mrs. Lecount gegenüber. Sie hatte, indem sie ihre Vorurtheile aus den Brief gründete, welchen die Haushälterin an sie geschrieben hatte, ein hartes, verschlagenes, übellauniges, unverschämtes altes Weib zu sehen erwartet. Und nun fand sie sich einer Dame von sanftem, einschmeichelndem Benehmen gegenüber, deren Kleidung die Sauberkeit, der Geschmack und die matronhafte Einfachheit selber, deren äußere Persönlichkeit nichts mehr und nichts weniger als ein Sieg des Widerstandes ihrer Natur über den zerstörenden Einfluß der Zeit war. Wenn Mrs. Lecount ein fünfzehn bis sechszehn Jahre von ihrem wahren Alter verleugnet und sich für eine Achtunddreißigerin ausgegeben hätte, so würde kein Mann unter Tausenden oder keine Frau unter Hunderten Bedenken getragen haben, ihr Glauben zu schenken. Ihr dunkles Haar hatte eben nur einen Anflug von Grau und nicht mehr. Es war glatt gescheitelt unter einem fleckenlosen Spitzenhäubchen Nicht eine Runzel war auf ihrer glatten weißen Stirn oder ihren vollen weißen Wangen zu entdecken. Ihr Doppelkinn hatte ein Grübchen, und ihre Zähne waren ein Wunder von Regelmäßigkeit und blendender Weiße. Ihre Lippen hätte man genau genommen als zu dünn betrachten können, wenn sie nicht ihren Mangel durch ein gefälliges und einschmeichelndes Lächeln aufs Wirksamste gut zu machen verstanden hätten. Ihre großen schwarzen Augen würden stolz ausgesehen haben, wenn sie im Gesicht einer andern Frau sich befunden hätten; in Mrs. Lecounts Antlitz waren sie von sanftem und schmachtendem Ausdrücke. Sie ruhten mit zärtlichem Interesse auf jedem Gegenstande, den sie sahen, auf Magdalenen, auf der Kröte ob dem künstlichen Felsen, auf der Hofaussicht aus dem Fenster, auf ihren eigenen fleischigen, schönen Händen, welche sie beim Sprechen sanft an einander rieb, auf ihrem hübschen Batistvorhemdchem welches sie mit Wohlgefallen anzuschauen pflegte, so lange sie Anderen beim Sprechen zuhörte. Das elegante schwarze Kleid, in welchem sie das Andenken an Michael Vanstone betrauerte, war nicht eigentlich ein Anzug, es war vielmehr ein gut ausgeführtes Compliment für den Tod. Ihre Musselinschürze, weiß wie die Unschuld, war selbst ein kleines häusliches Gedicht. Ihre schwarzen Ohrringe waren so anspruchslos, daß sogar ein Quäker sie anzusehen für keine Sünde gehalten haben würde. Der behäbigen Fülle ihres Gesichts entsprach die behäbige Fülle ihrer Gestalt; dieselbe gleitete sanft über den Boden, wenn sie ging, sie floß dahin in ruhiger Wellenbewegung. Es gibt wenig Männer, welche Mrs. Lecount so ganz und gar vom platonischen Standpunkte aus würden haben betrachten können; junge Leute, Neulinge im Leben, würden sie unwiderstehlich gefunden haben, nur Frauen hätten ihre Herzen gegen sie verhärten und unbarmherzig durch diese schöne lächelnde Außenseite in das Innere dringen können. Magdalene konnte nach dem ersten Blicke auf diese Venus aus der Herbstzeit des weiblichen Lebens sich nur zu sehr Glück dazu wünschen, daß sie den Boden erst in Verkleidung zu sondieren gekommen war, ehe sie in ihrer eigenen Person den Kampf gegen Mrs. Lecount aufnahm.

—— Habe ich das Vergnügen, die Dame vor mir zu sehen, welche diesen Morgen zum Besuch kam? fragte die Haushälterin. Spreche ich mit Miss Garth?

Etwas in dem Ausdrucke ihrer Augen, als sie diese Frage that, mahnte Magdalene, ihr Gesicht weiter ab von dem Fenster nach dem Zimmer hinein zu drehen, als sie es bisher gethan. Der bloße Gedanke, daß die Haushälterin vielleicht sie doch schon unter einem zu starken Lichte gesehen, erschütterte ihre Selbstbeherrschung für den Augenblick. Sie ließ sich Zeit, dieselbe wiederzugewinnen und antwortete nur durch eine Verneigung.

—— Empfangen Sie meine Entschuldigung, Madame, wegen des Ortes, an welchem ich genöthigt bin Sie zu empfangen, fuhr Mrs. Lecount in fließendem Englisch, aber mit fremdem Accent, fort. Mr. Vanstone ist hier nur zu einem vorübergehenden Zwecke. Wir reisen morgen Nachmittag an die See, und es wurde für nicht der Mühe werth erachtet, das Haus ordentlich einzurichten. Wollen Sie nicht einen Stuhl nehmen und mich durch Angabe des Zweckes Ihres Besuches erfreuen?

Sie trat unmerklich Magdalenen einen bis zwei Schritte näher und stellte einen Stuhl für sie hin gerade gegenüber dem Lichte des Fensters.

—— Bitte, nehmen Sie Platz, sagte Mrs. Lecount, indem sie mit dem zärtlichsten Interesse die entzündeten Augen ihres Gastes durch den Gazeschleier betrachtete.

—— Ich leide, wie Sie sehen, an einem Augenübel, erwiderte Magdalene, indem sie fortwährend ihr Gesicht halb vom Fenster abhielt und ihre Stimme sorgsam dem Klange von Miss Garths Organe näherte. Ich muß Sie um die Erlaubniß bitten, meinen Schleier heruntergelassen zu tragen und mich vom Lichte abwärts zu setzen.

Sie sagte diese Worte und fühlte sich wieder Herrin ihrer selbst. Mit vollkommener Fassung zog sie den Stuhl in den Winkel des Zimmers vom Fenster zurück und setzte sich so, daß der Schatten ihres Hutes stark auf ihr Gesicht niederfiel. Mrs. Lecounts salbungsvoller Mund murmelte eine höfliche Beileidsbezeigung. Mrs. Lecounts liebenswürdige schwarze Augen sahen mit noch mehr Interesse auf die fremde Dame als zuvor. Sie stellte einen Stuhl für sich selbst hin, gerade in eine Linie mit Magdalenens Sessel und hielt sich so nahe an die Wand, daß ihr Gast genöthigt war, entweder sein Haupt ein weniger nach dem Fenster herumzuwenden, oder durch Nichtansehen der Person, mit der er sprach, unhöflich zu werden.

—— Ja, sagte Mrs. Lecount mit einem vertraulichen kleinen Husten. Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre Ihres Besuchs?

—— Darf ich Sie erst fragen, ob mein Name Ihnen schon zufällig bekannt ist? sagte Magdalene, indem sie sich nothgedrungen zu ihr hinwendete, aber dabei kaltblütig ihr Taschentuch zwischen ihr Gesicht und das Licht hielt.

— Nein, antwortete Mrs. Lecount mit einem zweiten Hüsteln, das vielleicht ein wenig härter klang als das erste. Der Name Miss Garth ist mir nicht bekannt.

—— In diesem Falle, fuhr Magdalene fort, werde ich die Veranlassung, die mich dazu bringt, Ihnen beschwerlich zu werden, am Besten erklären, wenn ich Ihnen sage, wer ich bin. Ich lebte viele Jahre als Erzieherin in der Familie des verstorbenen Mr. Andreas Vanstone auf Combe-Raven, und ich komme hierher im Interesse seiner verwaisten Kinder.

Mrs. Lecounts Hände, welche immer bis dahin rastlos sanft über einander weggeglitten waren, wurden auf einmal still, und Mrs. Lecounts Lippen, welche sich unwillkürlich schlossen, verriethen gleich zu Anfang der Unterredung, daß sie in der That, zu dünn waren.

—— Ich bin überrascht, daß Sie draußen das Licht vertragen können ohne einen grünen Augenschirm, bemerkte sie gelassen, indem sie die Selbstvorstellung der Pseudo Miss Garth so vollständig unbeachtet ließ, als ob sie gar nicht gesprochen hätte.

Ich finde, daß ein Schirm über meinen Augen in dieser Jahreszeit sie zu sehr erhitzt, versetzte Magdalene, indem sie ohne Wanken der Haushälterin eine gleiche Ruhe entgegensetzte. Darf ich Sie fragen, ob Sie gehört haben, was ich Ihnen soeben über den Gegenstand meines Besuchs in diesem Hause gesagt habe?

—— Darf ich meinerseits Sie fragen, Madame, in welcher Art dieser Gegenstand mich betreffen kann? antwortete Mrs. Lecount.

—— Ei gewiß, sagte Magdalene. Ich komme zu Ihnen, weil Mr. Noël Vanstones Absichten in Bezug auf die beiden jungen Damen denselben kund gethan wurden in einem Briefe von Ihnen selbst.

Diese offene Antwort that ihre Wirkung. Sie belehrte Mrs. Lecount, daß die fremde Dame besser unterrichtet war, als sie Anfangs vermuthet hatte, und daß es unter diesen Umständen kaum gerathen sei, sie ungehört gehen zu lassen.

—— Bitte um Verzeihung, sagte die Haushälterin, ich verstand erst nicht recht, jetzt verstehe ich Vollkommen. Sie sind im Irrthum, Madame, wenn Sie glauben, daß ich von Einfluß bin oder irgend etwas ausrichten kann in dieser unliebsamen Sache. Ich bin das Organ von Mr. Noël Vanstone, die Feder, die er hält, wenn Sie den Ausdruck gestatten wollen, —— weiter Nichts. Er ist ein Manier, und wie andere Kranken hat er seine schlechten und seine guten Tage. Es war sein böser Tag, als seine Antwort an die junge Person geschrieben wurde. —— (Soll ich sie Miss Vanstone nennen? —— ich will es mit Vergnügen. Das arme Mädchen! Denn wer bin ich, daß ich Unterscheidungen machen sollte, und was geht es mich an, ob ihre Eltern verheirathet waren oder nicht? Wie ich schon gesagt habe, es war einer von Mr. Noël Vanstones bösen Tagen, als jene Antwort abgeschickt ward, und daher hatte ich sie zu schreiben, einfach als sein Secretär in Ermangelung eines Bessern. Wenn Sie in Angelegenheiten dieser jungen Damen —— soll ich sie junge Damen nennen, wie Sie sie eben genannt haben? —— nein, ich will sie die Miss Vanstones nennen, die armen Dinger.

—— Wenn Sie in Angelegenheiten dieser Miss Vanstones sprechen wollen, so will ich Mr. Noël Vanstone Ihren Namen melden und den Zweck Ihres werthen Besuches bei mir. Er ist allein in dem Empfangszimmer und heute ist einer seiner guten Tage. Ich habe den Einfluß einer alten Dienerin über ihn, und ich will diesen Einfluß mit Vergnügen zu Ihren Gunsten anwenden. Soll ich gleich gehen? fragte Mrs. Lecount, indem sie mit dem freundlichsten Eifer, sich nützlich zu machen, aufstand.

—— Wenn es Ihnen gefällig ist, sagte Magdalene mit dankbarer Heiterkeit, und wenn ich nicht Ihre Güte zu sehr in Anspruch nehme.

—— Im Gegentheil, erwiderte Mrs. Lecount, Sie thun mir damit einen gefallen, indem Sie mir verstatten, in meinem beschränkten Kreise die Ausführung einer edelen That fördern zu dürfen.

Sie verneigte sich, lächelte und verschwand aus dem Zimmer.

Als Magdalene allein war, ließ sie dem Unwillen, den sie in Mrs. Lecounts Gegenwart hatte unterdrücken müssen, freien Lauf. Im Mangel eines bessern Gegenstandes für ihren Zorn nahm sie die Kröte vor. Der Anblick des häßlichen kleinen Gewürmes, welches behaglich auf seinem Felsenthrone saß und mit seinen glänzenden Augen ausdruckslos ins Leere starrte, regte jeden Nerv in ihrem Körper auf. Sie sah das Thier mit tiefem Haß und Abscheu an und redete zornig mit demselben durch ihre Zähne.

—— Ich möchte wissen, wessen Blut am Kältesten fließt, sagte sie, Deines, Du kleines Scheusal, oder Mrs. Lecounts? Ich möchte wissen, welches das Schlammigste ist, ihr Herz oder Dein Rücken? Du abscheulicher Molch, weißt Du, was Deine Herrin ist? Deine Herrin ist ein Satan!

Die fleckige Haut unter dem Maul der Kröte zog sich geheimnißvoll zusammen, dann streckte sie sich wieder, als ob sie die eben an sie gerichteten Worte hinunter gewürgt hätte. Magdalene fuhr zurück aus Abscheu vor der ersten wahrnehmbaren Bewegung an dem Leib des Thieres, so gering sie war, und setzte sich wieder. Sie hatte sich keinen Augenblick zu früh gesetzt. Die Thür ging geräuschlos auf, und Mrs. Lecount erschien noch einmal.

—— Mr. Vanstone will Sie empfangen, sagte sie, wenn Sie so gut sein wollen, ein paar Minuten zu verziehen. Er wird die Klingel des Sprechzimmers ziehen, wenn seine augenblickliche Beschäftigung beendigt, und er bereit ist, Sie zu empfangen. Nehmen Sie sich in Acht, Madame, daß Sie nicht seine Laune verderben oder ihn irgendwie aufregen. Sein Herz ist für Die, welche um ihn waren, von frühester Jugend auf ein Gegenstand ernster Sorge gewesen. Es ist kein wirkliches Leiden da, es ist nur chronische Schwäche, eine fettige Entartung, ein Mangel an Lebenskraft im Organe selbst. Sein Herz wird ganz ruhig gehen, wenn Sie seinem Herzen nicht zu viel zumuthen. Das ist der Rath all der Aerzte, die ihn besucht haben. Vergessen Sie Das nicht und halten Sie daher Maß in Ihrer Unterhaltung. Da wir einmal von Aerzten sprechen, haben Sie schon ein Mal die Goldene Salbe gegen Ihr trauriges Augenleiden versucht? Sie ist mir als ein treffliches Mitte! geschildert worden.

—— Bei mir hat sie nicht angeschlagen, versetzte Magdalene scharf. Bevor ich Mr. Noël Vanstone sehe, fuhr sie fort, möchte ich fragen ...

—— Bitte um Entschuldigung, unterbrach sie Mrs. Lecount. Bezieht sich Ihre Frage irgendwie auf jene beiden armen Mädchen?

—— Sie betrifft die Miss Vanstones.

—— Dann kann ich nicht darauf eingehen. Entschuldigen Sie mich, ich kann mich in der That nicht über diese armen Mädchen auslassen (ich bin wirklich erfreut zu hören, daß Sie sie die Miss Vanstones nennen!), außer in Gegenwart meines Herrn und mit meines Herrn ausdrücklicher Erlaubniß. Lassen Sie uns von etwas Anderm sprechen, während wir hier warten. Wollen Sie meinen Schauthierbehälter in Augenschein nehmen? Ich habe allen Grund anzunehmen, daß er in England eine vollständige Neuigkeit ist.

—— Ich nahm ihn in Augenschein, als Sie das Zimmer verlassen hatten, sagte Magdalene.

—— Wirklich? Sie haben kein Interesse daran, möchte ich behaupten. Ganz natürlich. Ich nahm auch kein Interesse daran, bis ich heirathete. Mein theurer Gatte —— todt seit vielen Jahren —— bildete meinen Geschmack und erzog mich nach sich selbst. Sie haben doch von dem verstorbenen Professor Lecomte, dem ausgezeichneten schweizerischen Naturforscher, gehört? Ich bin seine Wittwe. Der englische Kreis in Zürich, in welchem ich in Diensten meines verstorben Herrn lebte, änderte meinen Namen englisch in Lecount um. Ihre edlen Landsleute wollen nichts Ausländisches um sich haben, selbst nicht einen Namen, wenn sie es irgend umgehen können. Aber ich sprach ja von meinem Gatten —— meinem theuren Gatten, der mir gestattete, ihn in seinen Forschungen zu unterstützen. Ich habe nach seinem Tode nur noch ein einziges Interesse behalten, das Interesse an der Wissenschaft. Ausgezeichnet in Vielen Dingen, war der Professor groß in den Reptilien. Er hinterließ mir seine Exemplare und seinen Thierbehälter, ein anderes Vermächtniß hatte ich nicht. Hier ist der Behälter. Alle Exemplare starben, nur nicht dieser kleine ruhige Kerl, diese allerliebste kleine Kröte. Sind Sie verwundert, daß ich sie liebe? Da ist Nichts zu verwundern. Der Professor lebte lange genug, um mich über das gemeine Vorurtheil gegen das Geschlecht, »das da kreucht auf Erden«, zu erheben. Wenn mans recht betrachtet, ist das Reptiliengeschlecht schön zu nennen. Wenn mans recht zergliedert, ist das Reptiliengeschlecht lehrreich im höchsten Grade.

Sie streckte ihren kleinen Finger aus und streichelte sanft den Rücken der Kröte mit der Spitze desselben.

—— So wohlthuend bei der Berührung, sagte Mrs. Lecount. So allerliebst und kühl in diesem Sommerwetter! Die Klingel des Sprechzimmers erscholl. Mrs. Lecount stand auf, beugte sich zärtlich über das Aquarium und zirpte beim Fortgehen der Kröte zu, als ob es ein Vogel gewesen wäre.

—— Mr. Vanstone ist bereit, Sie zu empfangen. Folgen Sie mir, wenn es gefällig ist, Miss Garth.

Mit diesen Worten öffnete sie die Thür und ging voran aus dem Zimmer.



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

—— Miss Garth, Sir —— sagte Mrs. Lecount, indem sie die Thür des Empfangszimmers öffnete und im Tone und der Art und Weise einer gut gezogenen Dienerin das Erscheinen des Besuches anmeldete.

Magdalene befand sich in einem langen, schmalen Zimmer, bestehend aus einem vorderen und einem hinteren Gemach, welche beide zu einem einzigen gemacht worden waren, indem man die Flügelthüren aufgemacht hatte. Nicht weit vom Fenster der Vorderseite, mit dem Rücken gegen das Licht gewandt, sah sie einen schwächlichem flachsblonden, selbstgefälligen kleinen Mann in einem schönen weißen Schlafrock, der viel zu groß für ihn war, auf der Brust im Knopfloche ein Veilchensträußchen, sitzen. Er sah dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt aus. Sein Gesicht hatte eine so zarte Farbe, wie das eines jungen Mädchens, seine Augen waren vom hellsten Blau, seine Oberlippe war geschmückt mit einem kleinen weißen Schnurrbärtchen, gewichst und an beiden Enden wie Miniaturkorkzieher gedreht. Wenn ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit besonders erregte, so schloß er halb seine Augen und blinzelte darauf hin. Wenn er lächelte, runzelte sich die Haut seiner Schläfen in ein Gewirr kleiner Runzeln zusammen. Er hatte einen Teller mit Erdbeeren auf seinem Schooße mit einer Serviette darunter, um die Reinheit seines weißen Schlafrocks zu schonen. Zu seiner Rechten stand ein großer runder Tisch, bedeckt mit einer Sammlung fremdländischer Seltenheiten, welche aus den Vier Weltgegenden zusammengebracht schienen. Ausgestopfte Vögel aus Afrika, Porzellanungeheuer aus China, Silberzierrathen und Geschirr aus Indien und Peru, Mosaikarbeiten aus Italien und Bronzegüsse aus Frankreich waren Alles bunt durcheinander aufgeschichtet mit ihren plumpen Holzschachteln und schmutzigen Lederbüchsem in welche sie zur Reise Verpackt werden sollten. Der kleine Mann entschuldigte sich mit freundlichem, aber dummem Lächeln und in geziertem Tone wegen seines Raritätenkrimskrams, seines Schlafrocks und seiner schwachen Gesundheit, winkte mit der Hand nach einem Stuhle und erklärte sich mit gemessener Höflichkeit bereit, die Wünsche seines Gastes zu vernehmen. Magdalene sah auf ihn mit einem augenblicklichen Zweifel, ob Mrs. Lecount sie nicht getäuscht habe. War dies der Mann, welcher unbarmherzig den Weg verfolgte, auf dem sein unbarmherziger Vater vor ihm gewandert war? Sie konnte es kaum glauben.

—— Nehmen Sie doch einen Stuhl, Miss Garth, wiederholte er.

Als er bemerkte, daß sie zweifelhaft war, nannte er seinen Namen mit erhobener, dünner, ärgerlich werdender Stimme:

—— Ich bin Mr. Noël Vanstone Sie wünschten mich zu sprechen; hier bin ich.

—— Erlauben Sie mir, mich zu entfernen, Sir? fragte Mrs. Lecount.

—— Durchaus nicht! versetzte ihr Herr. Bleiben Sie hier, Lecount, und leisten Sie uns Gesellschaft —— Mrs. Lecount besitzt mein vollstes Vertrauen, fuhr er zu Magdalenen gewendet fort. Was Sie mir auch zu sagen haben, sagen Sie ihr mit. Sie ist ein Stück des Hauses. Es giebt kein zweites Haus in England, das einen solchen Schatz wie Mrs. Lecount aufzuweisen hat.

Die Haushälterin hörte das Lob ihrer häuslichen Tugenden mit an, die Augen unverwandt auf ihr elegantes Vorhemdchen geheftet. Aber Magdalenens rascher Scharfblick hatte vorher einen zwischen Mrs. Lecount und ihrem Herrn gewechselten Blick belauscht, welcher ihr bewies, daß Mr. Noël Vanstone vorher seine Weisung erhalten hatte, was er in Gegenwart seines Gastes zu sagen und zu thun habe. Dieser Argwohn und die Hindernisse, welche das Zimmer bot, daß sie ihren Platz nicht so vom Lichte abgewendet wählen konnte, mahnten Magdalene, auf ihrer Hut zu sein.

Sie hatte ihren Stuhl erst beinahe inmitten des Zimmers gesetzt. Ein augenblickliches Ueberlegen bestimmte sie jedoch, ihren Sessel nach links zu setzen, um sich gerade an die innere Seite und zwar dicht neben den linken Pfosten der Flügelthür zu setzen. In dieser Stellung versperrte sie geschickt den einzigen Weg, aus welchem Mrs. Lecount um den großen Tisch herum kommen und, indem sie einen Stuhl neben ihrem Herrn nahm, Magdalenen von vorn ansehen konnte. Auf der rechten Seite des Tisches war der leere Raum durch das Kamin und seinen Vorraum, durch einige Reisetaschen und eine große Kiste eingenommen. Es blieb für Mrs. Lecount keine Wahl, sie mußte sich selbst in eine Linie mit Magdalene an den andern Pfosten der Flügelthür setzen, oder sich hinter dem Gaste unhöflich vorbei drängen, mit der zu deutlichen Absicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Mit einem bezeichnenden kleinen Husten, und mit einem festen Blick aus ihren Herrn gab die Haushälterin diesen Posten verloren und nahm ihren Platz an der rechten Thürpfoste.

—— Warte ein wenig, dachte Mrs. Lecount, die Reihe kommt schon noch an mich!

—— Geben Sie Acht, Madame, wo Sie sind, rief Mr. Noël Vanstone, als Magdalene zufällig an den Tisch kam, indem sie den Stuhl rückte. Geben Sie Acht auf die Aermel Ihres Mantels! Entschuldigen Sie, Sie hätten beinahe dort den silbernen Leuchter herunter gestoßen. Ich bitte, denken Sie nicht, daß es ein gewöhnlicher Leuchter ist. Es ist nichts von der Art, es ist ein Leuchter aus Peru. Es sind nur drei von dem Muster auf der Welt. Einer ist im Besitze des Präsidenten von Peru, einer ist im Vatikan eingeschlossen und einer steht auf meinem Tische. Kostet zehn Pfund, ist aber fünfzig werth. Einer von meines Vaters Einkäufen, Madame. Alle diese Sachen sind Einkäufe meines Vaters. Es giebt kein Haus in England, welches solche Seltenheiten besitzt, als dieses. Setzen Sie sich, Lecount; ich bitte, machen Sie es sich bequem. Mrs. Lecount ist wie die Seltenheiten, Miss Garth: sie ist einer von den Einkäufen meines Vaters. Sie sind einer von den Einkäufen meines Vaters, nicht wahr, Lecount? Mein Vater war ein merkwürdiger Mann, Madame; Sie werden hier an ihn aus jedem Schritte erinnert. Ich habe in diesem Augenblicke seinen Schlafrock an. Eine solche Leinwand wie diese wird jetzt nicht mehr gemacht, Sie können sie nicht bekommen um Geld und gute Worte. Wollen Sie vielleicht den Faden einmal anfühlen? Vielleicht verstehen Sie Nichts vom Faden? Vielleicht wollen Sie lieber mit mir von jenen beiden Fräulein, Ihren Schülerinnen, sprechen? Es sind zwei, nicht wahr? Sind es hübsche Mädchen? Voll, frisch, echt englische Schönheiten?

—— Entschuldigen Sie, Sir, unterbrach ihn Mrs. Lecount mit traurigem Tone. Ich muß wirklich bitten, mich entfernen zu dürfen, wenn Sie von den armen Dingern in solcher Weise sprechen Ich kann nicht dabei sitzen, Sir, und hören, wie sie lächerlich gemacht werden. Nehmen Sie Rücksicht aus ihre Lage, Rücksicht ans Miss Garth.

—— Sie gute Seele! sagte Mr. Noël Vanstone, indem er die Haushälterin mit blinzelnden Augen anschaute. Sie treffliche Lecount! Ich versichere Sie, Madame, Mrs. Lecount ist eine würdige Person. Sie werden bemerken, daß sie die beiden Mädchen bemitleidet. Ich gehe nicht so weit, allein ich kann ihnen Zugeständnisse machen. Ich bin ein Mann mit weitem Herzen. Ich kann für dieselben und für Sie nachgiebig sein.

Er lächelte mit der herzlichsten Artigkeit und nahm dabei eine Erdbeere von dem Teller auf seinem Schooße zu sich.

—— Sie betrüben Miss Garth in der That, Sir, ohne daß Sie es beabsichtigen. Sie betrüben Miss Garth, erwiderte Mrs. Lecount. Sie ist nicht so an Sie gewöhnt, als ich es bin. Nehmen Sie Rücksicht auf Miss Garths Lage, Sir. Thun Sie mir den Gefallen, nehmen Sie Rücksicht aus Miss Garth.

So lange hatte Magdalene festes Stillschweigen bewahrt. Der herznagende Unwillen, welcher sie augenblicklich verrathen haben würde, wenn sie ihn hätte an die Oberfläche treten lassen, machte ihr Herz rasch und stolz aufwallen und warnte sie, so lange Noël Vanstone sprach, ihre Lippen ja geschlossen zu halten. Sie würde ihn ununterbrochen noch einige Minuten länger haben reden lassen, wenn Mrs. Lecount sich nicht zum zweiten Male eingemischt hätte. Die ausgesuchte Unverschämtheit des Mitleids der Haushälterin war eine weibliche Unverschämtheit und mahnte sie, sich unausgesetzt selbst zu beherrschen. Sie hatte Miss Garths Stimme und Wesen nie besser nachgeahmt als hier, indem sie die nächsten Worte sprach:

—— Sie sind sehr gütig, sagte sie zu Mrs. Lecount; ich beanspruche nicht mit besonderer Rücksicht behandelt zu werden. Ich bin eine Erzieherin und erwarte Das nicht. Ich habe nur um eine Gefälligkeit zu bitten. Ich bitte Mr. Noël Vanstone um seiner selbst willen anzuhören, was ich ihm zu sagen habe.

—— Verstehen sie, Sir? bemerkte Mrs. Lecount. Es scheint, daß Miss Garth Ihnen einige ernste Warnungen zu ertheilen hat. Sie sagt, Sie sollten sie anhören um Ihrer selbst willen.

Mr. Noël Vanstones schöne Farbe wurde sofort weiß. Er setzte den Erdbeerteller unter die Ankäufe seines Vaters. Seine Hand zitterte, und seine kleine Gestalt bewegte sich unruhig auf dem Stuhle. Magdalene beobachtete ihn aufmerksam.

—— Schon eine Entdeckung, dachte sie, er ist ein Feigling! ——

—— Was meinen Sie damit, Madame? fragte Mr. Noël Vanstone mit deutlicher Furcht in Blick und Haltung. Was meinen Sie damit, daß Sie sagen, ich müßte es um meinetwillen anhören? Wenn Sie hierher kommen, mich einzuschüchtern, so kommen Sie an den unrechten Mann. Meine Charakterstärke war in unserm Kreise zu Zürich allgemein bekannt; nicht wahr, Lecount?

—— Ja wohl, Sir, sagte Mrs. Lecount. Aber wir wollen Miss Garth hören; vielleicht habe ich sie mißverstanden?

—— Im Gegentheil, versetzte Magdalene, Sie haben meine Meinung ganz richtig erfaßt. ein Zweck, daß ich hierher gekommen bin, ist, Mr. Noël Vanstone vor den Folgen des Verfahrens zu Warnen, welches er jetzt eingeschlagen hat.

—— Lassen Sie Das! bat Mrs. Lecount. O, wenn Sie diesen armen Mädchen beistehen wollen, dann sprechen Sie nicht so! Mildern Sie seinen Entschluß durch Bitten, Madame, befestigen Sie ihn nicht durch Drohungen!

Sie übertrieb ein wenig den Ton der Demuth, in welchem sie diese Worte sprach, machte den tadelnden Blick, der sie begleitete, zu deutlich. Wenn Madalene nicht bereits deutlich genug gesehen hätte, daß es Mrs. Lecounts gewöhnlicher Kunstgriff war, Alles und Jedes anstatt ihres Herrn im Wege der ersten Instanz zu entscheiden und dann ihn zu überreden, daß er nicht nach dem Entschlusse seiner Haushälterin, sondern nach seinem eigenen handle: jetzt würde sie es gesehen haben.

—— Hören Sie, was die Lecount eben gesagt hat? bemerkte Mr. Noël Vanstone. Sie hören das freiwillige Zeugniß einer Person, die mich von Kindesbeinen auf gekannt. Nehmen Sie sich in Acht, Miss Garth, nehmen Sie sich in Acht!

Er legte selbstgefällig die Zipfel seines Schlafrocks über seinen Knien zurecht und nahm seinen Teller mit Erdbeeren wieder auf den Schooß.

—— Ich wünsche nicht, Sie zu beleidigen, sagte Magdalene. Ich möchte Ihnen nur gern die Augen öffnen für die Wahrheit. Sie kennen nicht die Charaktere der beiden Schwestern, deren Vermögen in Ihren Besitz gefallen ist. Ich habe sie von Kindheit auf gekannt, und ich komme, um Ihnen mit meiner Erfahrung in Ihrem und meiner Schülerinnen Interesse zur Seite zu stehen. Sie haben Nichts zu fürchten von der älteren der Beiden; diese nimmt das harte Loos, das Sie und vor Ihnen Ihr Vater über sie verhängt haben, geduldig hin. Der Sinn der jüngeren Schwester ist entgegengesetzter Art. Sie hat sich bereits geweigert, sich dem Beschlüsse Ihres Vaters zu fügen, und sie verschmäht es jetzt, sich mit Mrs. Lecounts Brief zufrieden zu geben. Nehmen Sie mein Wort darauf, sie ist im Stande, Ihnen ernstliche Noth zu machen, wenn Sie darauf beharren, sie zu Ihrer Feindin zu machen.

Mr. Noël Vanstone wechselte noch ein Mal die Farbe und begann auf dem Stuhle hin und her zu rücken.

—— Ernstliche Noth zu machen, wiederholte er mit weit offenen Augen. Wenn Sie meinen, mit Briefschreiben, Madame, so hat sie schon Noth genug gemacht. Sie hat ein Mal an mich und zwei Mal an den Vater geschrieben. Einer von den Briefen an meinen Vater war ein Drohbrief, nicht wahr, Lecount?

—— Sie sprach ihre Gefühle aus, das arme Kind, sagte Mrs. Lecount. Ich hielt es für hart, ihr den Brief zurückzusenden, aber Ihr theurer Vater mußte es ja am Besten wissen. Was ich damals sagte, war: Warum soll man sie nicht ihre Gefühle aussprechen lassen? Was sind nach Allem ein paar Drohworte? In ihrer Lage, du lieber Gott, sind es Worte und weiter Nichts.

—— Ich rathe Ihnen, sich nicht zu sehr darauf zu verlassen, sagte Magdalene Ich kenne sie besser als Sie.

Sie hielt nach diesen Worten inne, hielt inne mit Schrecken. Der Stachel von Mrs. Lecounts Mitleid hatte sie beinahe gereizt, ihren angenommenen Charakter zu vergessen und —— mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen.

—— Sie haben die von meiner Schülerin geschriebenen Briefe erwähnt, begann sie zu Noël Vanstone gewendet aufs Neue, als sie sich wieder ruhig fühlte. Wir wollen darüber nichts sagen, was sie an Ihren Vater geschrieben hat; wir wollen nur von Dem sprechen, was Dieselbe an Sie geschrieben hat. Ist etwas unziemendes in ihrem Briefe, Etwas darin gesagt, was nicht wahr ist? Ist es nicht wahr, daß diese beiden Schwestern grausam um den Theil gekommen sind, den ihres Vaters Testament für sie bestimmte? Sein Testament spricht noch heute für Dieselben und für ihn und spricht nur deshalb erfolglos, weil er sich nicht versah, daß seine Verheirathung ihn nöthige, es aufs Neue zu machen, und weil er starb, bevor er den Irrthum wieder gut machen konnte. Können Sie Das in Abrede stellen?

Mr. Noël lächelte und aß eine Erdbeere.

—— Ich versuche nicht, es zu leugnen, sagte er. Fahren Sie fort, Miss Garth.

—— Ist es nicht wahr, beharrte Magdalene, daß das Gesetz, welches diesen Schwestern das Geld genommen hat, deren Vater kein zweites Testament gemacht hat, dasselbe nun Ihnen gegeben hat, Ihnen, dessen Vater gar kein Testament gemacht hat? Dies ist doch hart für jene verwaisten Mädchen, nehmen Sie es, wie Sie wollen.

—— Sehr hart, versetzte Noël Vanstone. Es erscheint Ihnen gewiß auch in jenem Lichte, Lecount?

Mrs. Lecount schüttelte den Kopf und schloß ihre hübschen schwarzen Augen.

—— Merkwürdig, sagte sie, ich kann es nicht anders ausdrücken, merkwürdig. Wie nur die junge Person, nein, wie Miss Vanstone die jüngere herausbrachte, daß mein verstorbener ehrenwerther Herr kein Testament gemacht hat, Das bin ich nicht im Stande, mir zu erklären. Vielleicht hat es in den Zeitungen gestanden? Aber ich unterbreche Sie, Miss Garth. Sie haben Nichts mehr zu sagen über den Brief Ihres Zöglings?

Sie zog geräuschlos ihren Stuhl, als sie diese Worte sprach, einige Zoll über die Linie des Stuhles ihres Gastes nach vorn. Der Versuch war sehr hübsch ausgeführt, erwies sich aber unnütz Magdalene hielt nur ihren Kopf mehr nach links, und die Packkiste auf dem Boden verhinderte Mrs. Lecount, noch weiter vorzurücken.

—— Ich habe nur noch eine Frage zu thun, sagte Magdalene. Meine Schülerin machte in ihrem Briefe Mr. Noël Vanstone einen Vorschlag. Ich bitte mir zu sagen, warum er abgelehnt hat, ihn zu berücksichtigen.

—— Meine gute Dame! rief Mr. Noël Vanstone, indem er seine weißen Augenbrauen in spöttischem Erstaunen aufzog; sprechen Sie im Ernste? Wissen Sie, was das für ein Vorschlag war? Haben Sie den Brief gesehen?

—— Ich spreche ganz im Ernste, sagte Magdalene, und ich habe auch den Brief gesehen. Er ersucht Sie, zu bedenken, wie Mr. Andreas Vanstone’s Vermögen in Ihre Hände gelangt ist, er theilt Ihnen mit, daß die eine Hälfte des Vermögens, getheilt zwischen seine Töchter, der ihnen durch sein Testament bestimmte Theil war, und er fordert von Ihrem Gerechtigkeitsgefühle, daß Sie für seine Kinder thun, was er für sie gethan hätte, wenn er am Leben geblieben wäre. In deutlichen Worten verlangt er von Ihnen, daß Sie die eine Hälfte des Geldes den Töchtern geben, die andere Hälfte überläßt er Ihnen. Das ist der Vorschlag. Warum haben Sie sich geweigert, ihn in Erwägung zu ziehen?

—— Aus dem einfachsten Grunde, den es gibt, Miss Garth, sagte Mr. Noël Vanstone mit ausgezeichneter Laune. Gestatten Sie mir, Sie an das wohlbekannte Sprichwort zu erinneren: Was soll dem Narren Geld? [A fool and his money are soon parted.] Das will sagen: Ein Narr ist, wer sein Geld so leicht hergibt. Was ich auch sonst sein mag, ein Narr bin ich nicht.

—— Nehmen Sie es nicht auf diese Weise, Sir, tadelte Mrs. Lecount. Seien Sie ernsthaft, ich bitte, seien Sie ernsthaft!

—— Ganz unmöglich, Lecount, erwiderte ihr Herr. Ich kann nicht ernsthaft sein. Mein armer Vater, Miss Garth, stellte sich in dieser Sache auf einen hohen sittlichen Standpunct. Die Lecount stellt sich ebenfalls auf einen hohen sittlichen Standpunct, nicht wahr, Lecount? Ich mache es nicht so. Ich habe zu lange in der Luft des Festlands gelebt, als daß ich mir über sittliche Standpunkte den Kopf zerbrechen sollte. Mein Verfahren in dieser Angelegenheit ist so klar wie: zweimal zwei vier ist. Ich habe das Geld bekommen, und ich wäre ein Schwachkopf, wenn ich es wieder hergäbe. Das ist mein Standpunct! Einfach genug, nicht wahr? Ich streite nicht über meine Würdigkeit, ich habe mit Ihnen Nichts vor den Gerichten zu thun, welche ganz auf meiner Seite sind; ich verdenke es Ihnen nicht, daß Sie hierher gekommen sind als ganz fremde Person, um meinen Entschluß zu erproben und umzuwandeln, ich verdenke es den beiden Mädchen nicht, daß sie gern ihre Finger in meinen Beutel stecken möchten. Alles was ich sage, ist: ich bin nicht ein solcher Thor, daß ich ihn öffnete. Pas si bête! wie wir im englischen Kränzchen zu Zürich zu sagen pflegten. Sie verstehen doch Französisch, Miss Garth? Pas si bête!

Er setzte noch einmal seinen Erdbeerteller bei Seite und wischte seine Finger sauber an der schönen weißen Serviette ab.

Magdalene behielt ihre Ruhe. Wenn sie ihn durch eine Regung ihrer Hand in dem Augenblicke hätte tödten können, so würde sie dieselbe wahrscheinlich erhoben haben. Aber sie behielt ihre Ruhe.

—— Soll ich Das so verstehen, fragte sie, daß die letzten Worte, die Sie in dieser Sache abzugeben haben, die Worte sind, welche Mrs. Lecount in Ihrem Namen gesagt hat?

—— Vollkommen richtig, erwiderte Mr. Noël Vanstone.

—— Sie haben Ihres eigenen Vaters Vermögen eben so gut, wie das von Mr. Andreas Vanstone geerbt, und doch fühlen Sie keine Verpflichtung, nach Billig- und Gerechtigkeitsrücksichten oder aus Großmuth gegen diese zwei Schwestern zu handeln? Alles was Sie ihnen sagen zu müssen glauben, ist: Sie haben das Geld bekommen, und Sie weigern sich, einen einzigen Heller davon fahren zu lassen.

—— Höchst genau dargestellt! Miss Garth, Sie sind eine geschäftskundige Dame. Lecount, Miss Garth ist eine geschäftskundige Dame.

—— Lassen Sie mich aus dem Spiele, Sir, rief Mrs. Lecount, indem sie anmuthig ihre fleischigen weißen Hände rieb. Ich kann es nicht ertragen! Ich muß hier vermitteln. Lassen Sie mich —— ach wie nennen Sie es doch im Englischen? —— einen Vorschlag einbringen. Lieber Mr. Noël Sie verschmähen es recht verkehrter Weise, sich selbst gerecht zu werden. Sie haben bessere Gründe, als den Grund, den Sie Miss Garth angegeben haben. Sie befolgen das Ihnen von Ihrem ehrwürdigen Vater gegebene Beispiel, Sie halten es für eine Pflicht gegen sein Andenken, in dieser Sache gerade so zu handeln, wie er vor Ihnen gehandelt hat. Das ist ein Grund, Miß Garth —— ich beschwöre Sie auf meinen Knien, fassen Sie Dies als seinen Grund auf. Er wird thun, was sein theurer Vater that, nicht mehr und nicht weniger. Sein theurer Vater machte ein Anerbieten, und er selbst will dieses Erbieten wieder machen. Ja, Mr. Noël, Sie werden sich erinneren, was das arme Mädchen in seinem Briefe Ihnen sagte. Ihre Schwester ist genöthigt gewesen, als Erzieherin in die Welt zu gehen, und sie selbst hat außer dem Verlust ihres Vermögens zugleich die Hoffnung, sich vermählt zu sehen, auf viele, viele Jahre schwinden lassen müssen. Sie werden sich daran erinneren —— und nicht wahr, Sie werden auch die hundert Pfund der Einen und die hundert Pfund der Andern geben, wie sie Ihr bewundernswerther Vater früher angeboten hat? Wenn er Dies thut, Miss Garth, wird er da genug thun? Wenn er jeder von diesen unglücklichen Schwestern hundert Pfund gibt ....?

—— Er wird diese Beleidigung bereuen bis an sein letztes Stündlein, sagte Magdalene.

In dem Augenblick, wo diese Antwort über ihre Lippen ging, hätte sie Alles darum gegeben, wenn sie dieselbe hätte zurücknehmen können. Mrs. Lecount hatte endlich ihren Stachel an der rechten Stelle eingesenkt. Jene jähen Worte Magdalenens waren ihr leidenschaftlich herausgefahren —— in ihrer eignen Stimme.

Nur die Gewohnheit des öffentlichen Auftretens bewahrte sie davor, den gefährlichen Fehler, den sie eben begangen, noch handgreiflicher zu machen, indem sie etwa versuchte, ihn zu verbessern. Hier kam ihr ihre frühere Uebung von der dramatischen Unterhaltung zu Hilfe und vermochte sie augenblicklich, in Miss Garths Stimme fortzufahren, als wenn Nichts vorgefallen wäre.

—— Sie meinen es gut, Mrs. Lecount, fuhr sie fort, aber Sie verletzen, anstatt wohlzuthun. Meine Schülerinen werden kein solches Erbieten, wie Sie es machen, annehmen. Ich bedaure, eben noch heftig gesprochen zu haben, ich bitte, entschuldigen Sie.

Sie blickte dabei scharf forschend der Haushälterin ins Angesicht, während sie jene versöhnlichen Worte sprach. Mrs. Lecount Vereitelte dies scharfe Ansehen indem sie das Taschentuch vor ihre Augen hielt. Hatte sie den augenblicklichen Uebergang in Magdalenens Stimme von dem Tone, den sie angenommen hatte, zu ihrer natürlichen Sprache wahrgenommen oder nicht? Es war unmöglich zu sagen.

—— Was kann ich mehr thun! murmelte Mrs. Lecount hinter ihrem Taschentuche. Geben Sie mir Zeit zu denken, geben Sie mir Zeit mich zu fassen. Darf ich einen Augenblick hinausgehen, Sir? Meine Nerven sind durch diese traurige Scene erschüttert. Ich muß ein Glas Wasser haben, oder ich falle in Ohnmacht, glaube ich. Gehen Sie noch nicht, Miss Garth. Ich bitte Sie, lassen Sie uns Zeit, diesen trübseligen Gegenstand gründlich zu erledigen; ich bitte Sie, bleiben Sie, bis ich zurückkomme. Es waren zwei Eingangsthüren in das Zimmer. Eine, die Thür in das vordere Empfangszimmer dicht an Magdalenens linker Seite. Die andere, die Thür in das hintere Zimmer, welche hinter ihr lag. Mrs. Lecount zog sich höflich zurück durch die offenen Flügelthüren, und zwar durch diesen letzteren Ausgang anscheinend deswegen, um nicht den Gast zu stören durch Vorbeigehen. Magdalene wartete, bis sie die Thür hinter sich öffnen und wieder schließen hörte, und entschloß sich dann, die Gelegenheit, sich mit Noël Vanstone allein zu finden, aufs Beste zu benutzen. Die gänzliche Hoffnungslosigkeit, in dieser gemeinen Seele eine großmüthige Regung hervorzubringen, war ihr nun aus eigener Erfahrung nur zu klar geworden. Die letzte übrige Aussicht war, ihn zu behandeln, wie es seine feige Natur verlangte, und durch seine Furcht Einfluß auf ihn zu gewinnen. Ehe sie aber sprechen konnte, brach Mr. Noël Vanstone selbst das Schweigen. So pfiffig er auch es verbergen wollte, er war halb ärgerlich, halb ängstlich darüber, daß seine Haushälterin ihn im Stiche gelassen hatte. Er konnte seinen Gast nicht mehr fest ansehen, er zeigte eine nervöse Aengstlichkeit, sie zur Ruhe zu sprechen, bis Mrs. Lecount zurückkäme.

—— Ich bitte Sie, bedenken Sie, Madame, ich habe niemals in Abrede gestellt, daß der Fall ein harter wäre, begann er. Sie sagten vorhin, daß Sie nicht die Absicht hätten, mich zu beleidigen —— und ich mag meinerseits Sie auch nicht beleidigen... Darf ich Ihnen ein paar Erdbeeren anbieten? Wollen Sie vielleicht meines Vaters Einkäufe besehen? ... Ich versichere Sie, Madame, ich bin von Natur ein galanter Mann und habe Gefühl für diese beiden Schwestern, namentlich die jüngere. Fassen Sie mich bei meiner Gutmüthigkeit, so haben Sie meine schwache Seite gefunden. Nichts würde mir mehr Vergnügen machen, als wenn ich hörte, daß Miss Vanstones Geliebter (ich nenne sie wahrlich immer Miss Vanstone, und Mrs. Lecount nennt sie auch so) —— ich sage also, Madame, Nichts würde mir mehr gefallen, als wenn ich hörte, daß Miss Vanstones Geliebter zurückgekommen wäre und sie geheirathet hätte. Wenn eine Summe Geldes, die man ihm darliehe, ihn vielleicht zurückführen könnte, wenn die gebotene Sicherheit gut wäre, und wenn mein Advocats sich damit zufrieden erklärte....

—— Halten Sie ein, Mr. Vanstone, sagte Magdalene. Sie haben eine ganz falsche Meinung von der Person, mit der Sie es zu thun haben. Sie sind vollkommen im Irrthume, wenn Sie annehmen, daß die Verheirathung der Jüngern Schwester —— wenn sie auch binnen hier und acht Tagen geschehen könnte —— irgend welchen Unterschied machen würde in der Ueberzengung, in der sie sich an Ihren Vater und an Sie zu schreiben gedrungen fühlte. Ich will nicht in Abrede stellen, daß sie sich an die Hoffnung klammert, ihre Verheirathung zu beschleunigen und an die Hoffnung, ihre Schwester aus einem Leben von Abhängigkeit und Demüthignng zu befreien. Allein wenn nun auch diese beiden Ziele auf andere Weise erreicht wären, Nichts würde sie dazu vermögen, Sie im ruhigen Besitze des Erbes zu belassen, das ihr Vater seinen Kindern zugedacht hatte. Ich kenne sie, Mr. Vanstone, Sie ist ein namenlos, heimathlos, freundlos Wesen. Das Gesetz, welches sich Ihrer angenommen, das Gesetz, welches sich aller ehelichen Kinder annimmt, wirft dies Wesen hilflos auf die Gasse: es ist Ihr Gesetz, nicht das seinige Sie erkennt es nur als das Werkzeug schmählicher Unterdrückung, eines unerträglichen Unrechts an. Das Gefühl jenes Unrechts treibt sie einher, wie von bösen Geistern erfaßt. Der Entschluß, dies Unrecht zu rächen, brennt in ihr, wie die Fackel der Nemesis. Wenn jenes arme und elende Mädchen morgen verheirathet und reich wäre um viele Tonnen Geldes, glauben Sie, es würde einen Finger breit von seinem Vorsatze weichen? Ich sage Ihnen, sie würde bis zum letzten Athemzuge Widerstand leisten dem schnöden Unrecht, welches die hilflosen Kinder durch das Unglück von ihres Vaters Hintritt betroffen hat! Ich sage Ihnen, sie würde vor keinem Mittel zurückschrecken welches nur ein verzweifeltes Weib ergreifen kann, Ihre geschlossenen Hände aufzubrechen, und sollte sie bei dem Versuche sterben!

Sie hielt plötzlich inne. Noch einmal hatte ihr eigenes Wesen, daß sich nicht verleugnen ließ, sie verrathen. Noch einmal hatte der angeborene Adel dieses irregeleiteten Charakters die Oberhand gewonnen über die Täuschung, welche sie eben im Begriff war zu vollbringen. Das Scheingewebe des Augenblicks schwand aus ihren Gedanken, und der Entschluß ihres Lebens that sich unaufhaltsam kund nach Außen in ihren eigenen Worten, ihren eigenen Tönen, heiß und immer heißer aus ihrem Herzen strömend. Sie sah den kläglichen Kobold vor sich, der schweigend auf seinem Stuhle kauerte. Hatte seine Furcht ihm Besinnung genug gelassen, den Wechsel in ihrer Stimme zu bemerken? Nein, sein Gesicht sprach die Wahrheit, die Furcht hatte ihn ergriffen. Diesmal war der Augenblick ihr günstig gewesen. Die Thür hinter ihrem Stuhle hatte sich noch nicht geöffnet.

—— Keine Ohren außer den seinigen haben mich gehört, dachte sie mit dem Gefühle unsäglicher Befriedigung. Ich bin Mrs. Lecount entgangen.

Dies war aber mit nichten der Fall. Mrs. Lecount hatte gar nicht das Zimmer verlassen. ——

Nachdem die Haushälterin die Thür geöffnet und sie, ohne hinauszugehen, wieder geschlossen hatte, kniete sie geräuschlos hinter Magdalenens Stuhle nieder. Indem sie sich an den Pfosten der Flügelthür lehnte, nahm sie eine Scheere aus ihrer Tasche, wartete, bis Noël Vanstone (dessen Blicken sie ebenfalls ganz verborgen war) Magdalenen anredete und deren Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann beugte sie sich vor mit der offenen Scheere in der Hand. Der Saum von dem Kleide der falschen Miss Garth, der braune, weißtüpflige Alpacarock, berührte den Boden im Bereich der Haushälterin, Mrs. Lecount hob den äußeren von den beiden rund um den Rand des Gewandes laufenden Besätzen einen über den andern in die Höhe und schnitt leise ein kleines unregelmäßiges Stück des Stoffes aus der inneren Frisur, legte dann die äußere wieder glatt über dieselbe um die Lücke zu verbergen. Während sie die Scheere wieder eingesteckt hatte, aufgestanden: war und sich hinter der Pfoste der Flügelthür verborgen hatte, war eben Magdalene mit ihren letzten Worten fertig. Mrs. Lecount wiederholte ruhig die Ceremonie des Oeffnens und Schließens der Thür des Hinterzimmers und begab sich auf ihren Platz zurück.

—— Was ist in meiner Abwesenheit vorgefallen, Sir? fragte sie mit Erstaunen im Angesichte, an ihren Herrn sich wendend. Sie sind bleich, Sie sind aufgeregt! Ach, Miss Garth, haben Sie die Warnung vergessen, welche ich Ihnen in der andern Stube gegeben habe?

—— Miss Garth hat Alles vergessen, rief Mr. Noël Vanstone, indem er durch das Wiedererscheinen von Mrs. Lecount seine verlorene Fassung wiederfand. Miss Garth hat mir in der unerhörtesten Weise gedroht. Ich verbiete Ihnen, eines von den beiden Mädchen noch zu bedauern, Lecount, namentlich nicht das jüngere. Dies ist das verzweifeltste Geschöpf, von dem ich je gehört habe! Wenn sie mein Geld nicht im Guten bekommen kann, droht sie, schon im Bösen dazu kommen zu wollen. Miss Garth hat mir Das ins Gesicht gesagt. Mir ins Gesicht! wiederholte er, indem er seine Arme übereinander schlug und tödtlich beleidigt aussah.

—— Beruhigen Sie sich, Sir, sagte Mrs. Lecount, ich bitte, beruhigen Sie sich und lassen Sie mich mit Miss Garth sprechen —— Ich bedaure hören zu müssen, Madame, daß Sie vergessen haben, was ich Ihnen im nächsten Zimmer gesagt habe. Sie haben Mr. Noël aufgeregt, Sie haben den Interessen, für die Sie hier wirken wollten, ins Gesicht geschlagen und haben doch nur wiederholt, was wir schon wußten. Die Sprache, die Sie sich erlaubt haben in meiner Abwesenheit, ist dieselbe Sprache, welche Ihre Schülerin thöricht genug war zu führen, als sie den zweiten Brief an meinen verstorbenen Herrn schrieb. Wie kann eine Dame von Ihren Jahren und Erfahrungen im Ernste solchen Unsinn wiederholen? Dies Mädchen macht sich groß und droht. Sie will Dies thun, will Jenes thun. Sie besitzen ihr Vertrauen, Madame. Sagen Sie mir, wenn Sie so gut sein wollen, was kann sie denn thun?

So scharf auch der Pfeil gespitzt war, er prallte ohne zu treffen ab. Mrs. Lecount hatte ihren Stachel schon zu oft angewendet. Magdalene, vollkommen wieder mächtig ihrer angenommenen Rolle, erhob sich und beendigte mit Fassung die Unterredung. Unbekannt wie sie war mit Dem, was hinter ihrem Stuhle vorgegangen war, sah sie doch eine Veränderung in Mrs. Lecounts Blick und Benehmen, die ihr nichts Gutes weissagte und ihr längeres Verweilen im Hause nicht räthlich erscheinen ließ.

—— Ich bin nicht im Vertrauen meiner Schülerin, sagte sie. Ihre eigenen Handlungen werden Ihre Frage beantworten, wenn die Zeit gekommen ist. Ich kann Ihnen nur aus meiner eigenen Erfahrung von ihr sagen, daß sie keine leere Prahlerin ist. Was sie an Mr. Michael Vanstone schrieb, Das war sie bereit auszuführen; sie war wirklich im Begriff es zu thun, als ihre Pläne dur seinen Tod zerstört wurden. Mr. Michael Vanstones Sohn braucht nur in seines Vaters Fußtapfen zu treten, um über kurz oder lang zu erfahren, daß ich mich in meiner Schülerin nicht geirrt habe und daß ich nicht hierher gekommen bin, um ihn durch leere Drohungen einzuschüchtern. Mein Geschäft ist zu Ende. Ich lasse Mr. Noël Vanstone die Wahl zwischen zwei Wegen. Ich lasse ihm die Wahl, mit Mr. Andreas Vanstones Töchtern zu theilen, oder bei seiner gegenwärtigen Weigerung zu verharren und der Folgen zu gewärtigen.

Sie verbeugte sich und ging nach der Thür.

Mr. Noël Vanstone sprang auf, Unwillen und Schrecken auf seinem weißen Gesichte, Beides um die Oberhand kämpfend. Bevor er die Lippen öffnen konnte, senkten sich Mrs. Lecounts fleischige Hände auf seine Schultern, drückten ihn sanft auf seinen Stuhl zurück und stellten den Teller mit Erdbeeren in die vorige Lage auf seinen Schooß.

—— Erquicken Sie sich, Mr. Noël, mit noch ein paar Erdbeeren, sagte sie, und überlassen Sie Miss Garth mir.

Sie folgte Magdalenen in den Gang und schloß die Thür des Zimmers hinter ihr.

—— Wohnen Sie in London, Madame? fragte Mrs. Lecount.

—— Nein, erwiderte Magdalene. Ich wohne in der Provinz.

—— Wenn ich an Sie zu schreiben hätte, wohin kann ich meinen Brief adressieren?

—— Auf die Post in Birmingham, sagte Magdalene, indem sie den Ort nannte, den sie zuletzt verlassen hatte und nach welchem alle Briefe an sie gerichtet wurden.

Mrs. Lecount wiederholte die Angabe, um sie sich einzuprägen, ging zwei Schritte im Gange vor und legte ruhig ihre rechte Hand auf Magdalenens Arm.

—— Ein Wort als guten Rath, Madame, sagte sie, ein Wort zum Abschied. Sie sind eine kühne Frau und eine schlaue Frau. Seien Sie nicht zu kühn, seien Sie nicht schlau. Sie wagen mehr, als Sie denken.

Sie erhob sich plötzlich auf die Zehen und flüsterte die nächsten Worte in Magdalenens Ohr:

—— Ich habe sie ganz in meiner Hand! sagte Mrs. Lecount mit schneidender, starker Betonung auf jeder Sylbe.

Ihre linke Hand schloß sich fest zusammen, als sie sprach. Es war die Hand, in der sie das Stückchen Zeug aus Magdalenens Kleide verborgen trug, die Hand, welche es in diesem Augenblicke fest zusammendrückte.

—— Was wollen Sie damit sagen? fragte Magdalene, sie von sich stoßend.

Mrs. Lecount ging höflich voraus, um die Hausthür zu öffnen.

—— Ich will Nichts damit sagen, sagte sie, warten Sie ein wenig, und die Zeit wird es lehren. Eine letzte Frage, Madame, ehe ich Ihnen Lebewohl sage. Als Ihre Schülerin ein kleines unschuldiges Kind war, spielte sie da manchmal mit Kartenhäusern.

Magdalene antwortete ungeduldig durch eine bejahende Gebärde.

—— Sahen Sie sie da manchmal ihr Haus höher und höher aufbauen, fuhr Mrs. Lecount fort, bis es eine Pagode von Karten war? Sahen Sie, wie ihre kleinen Kinderaugen da sich weit öffneten und darauf blickten und so stolz waren auf Das, was sie schon vollbracht hatte, daß sie gern noch mehr thun,mochte? Sahen Sie da, wie sie ihre kleine hübsche Hand still und ihren unschuldigen Athem an sich hielt und noch eine Karte auf die Spitze legte, und dadurch das ganze Haus einen Augenblick später in einen Trümmerhaufen auf den Tisch zusammenbrach? Ach, Sie haben Das gesehen! Bestellen Sie doch, wenn Sie so gut sein wollen, folgende freundliche Mittheilung an sie. Ich möchte behaupten, sie hat nun das Haus hoch genug gebaut, und ich empfehle ihr, sich in Acht zu nehmen, ehe sie noch eine Karte auflegt.

—— Ich werde es an sie bestellen, sagte Magdalene mit Miss Garths Herbigkeit und Miss Garths nachdrucksvollem Kopfnicken. Aber ich zweifle sehr, daß sie sich daran kehren wird. Ihre Hand ist doch noch fester, als Sie denken, und ich meine wohl, sie wird die andere Karte auflegen.

—— Und das Haus zusammenwerfen, sagte Mrs. Lecount.

—— Und es wieder aufbauen, antwortete Magdalene. Ich wünsche Ihn einen guten Morgen.

—— Guten Morgen, sagte Mrs. Lecount und öffnete die Thür. Ein letztes Wort, Miss Garth. Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen im Hinterzimmer gesagt habe! Versuchen Sie doch die Goldene Salbe gegen das traurige Leiden Ihrer Augen!

Als Magdalene über die Schwelle der Thür schritt, begegnete sie dem Briefträger, der die Haupttreppe herauf kam, einen Brief aus seinem Bunde in der Hand.

—— Noël Vanstone, Esq.? hörte sie den Mann sagen, als sie durch das Gärtchen am Hause nach der Straße ging.

Sie ging durch das Gartenthor, unbewußt, vor welch neuer Schwierigkeit und Gefahr ihr rechtzeitiges Gehen sie bewahrt hatte. Der Brief, den der Briefträger eben in die Hände der Haushälterin gelegt hatte, war kein anderer, als der anonyme Brief an Noël Vanstone von —— Hanptmann Wragge.



Kapiteltrenner

Viertes Capitel.

Mrs. Lecount kehrte in das Empfangszimmer zurück, in der einen Hand das Stück von Magdalenens Kleide, in der andern Hauptmann Wragges Brief.

—— Sind Sie das Frauenzimmer los geworden? fragte Mr. Noël Vanstone. Haben Sie endlich die Thür geschlossen hinter Miss Garth.

—— Nennen Sie das Weib nicht Miss Garth, Sir, sagte Mrs. Lecount mit verächtlichem Lächeln. Sie ist eben sowenig Miss Garth, als Sie es sind. Wir haben das Vergnügen gehabt, uns ein Stück Mummenschanz recht gut vormachen zu lassen, und wenn wir unserm Gaste die Verkleidung genommen hätten, so würden wir, denke ich, niemand Anderes als Miss Vanstone selbst darunter gefunden haben. —— Hier ist ein Brief für Sie, Sir, den der Briefträger eben dagelassen hat.

Sie legte den Brief auf den Tisch, ihrem Herrn zu Händen. Mr. Noël Vanstone in seinem Erstaunen über die ihm eben kundgethane Entdeckung blickte mit seiner ganzen Aufmerksamkeit unverwandt auf das Gesicht seiner Haushälterin. Er sah nicht einmal den Brief an, als sie ihm denselben vorlegte.

—— Nehmen Sie mein Wort darauf, Sir, fuhr Mrs. Lecount fort und setzte sich ruhig nieder, —— wenn sie, unser Gast, nach Hause kommt, wird sie ihr graues Haar in einen Koffer legen und wird jene schlimme Entzündung in ihren Augen mit warmem Wasser und einem Schwamme beseitigen. Wenn sie die Runzeln in ihrem Gesichte so gut gemalt hätte, als die Entzündung in ihren Augen, so würde das Licht mir Nichts gezeigt haben, und ich wäre gewiß betrogen worden. Aber ich durchschaute diese Malerei, ich sah unter ihrer dunkeln Gesichtsfarbe die Haut eines jungen Frauenzimmers, ich hörte in diesem Zimmer ebenso eine wahre Stimme, von Leidenschaft bewegt, als eine falsche Stimme, verstellt durch einen fremden Accent — und so traue ich denn nicht einem Stücke der äußern Erscheinung der Dame von Kopf bis zu Füßen. Das Mädchen selbst wars nach meiner Ansicht, Mr. Noël, ein verwegenes Mädchen.

—— Warum schlossen Sie nicht die Thür und schickten nach der Polizei? frug Mr. Noël. Mein Vater würde nach der Polizei geschickt haben. Sie wissen so gut als ich selbst, Lecount, mein Vater hätte nach der Polizei geschickt.

— Erlauben Sie, Sir, sagte Mrs. Lecount, ich denke, Ihr Vater hätte erst noch abgewartet, bis er mehr Handhaben für die Polizei gehabt hätte, als wir deren jetzt haben. Wir werden die Dame wiedersehe, Sir, Vielleicht wird sie das nächste Mal mit ihrem eigenen Gesichte und ihrer eigenen Stimme hierherkommen. Ich bin neugierig zu sehen, wie ihr Gesicht aussieht; ich bin neugierig zu wissen, ob ich von ihrer Stimme in der leidenschaftlichen Erregung genug gehört habe, um die Stimme auch im ruhigen Tone wiederzuerkennen. Ich besitze ein kleines Andenken an ihren Besuch, von dem sie nichts weiß; und sie wird mir nicht so leicht entgehen, als sie wohl denkt. Wenn es sich als ein nützliches Andenken erweist, dann sollen Sie erfahren, was es ist. Wenn nicht, so will ich es unterlassen, Sie mit einem solchen kleinen Gegenstande zu behelligen —— Erlauben Sie mir, Sir, Sie an den Brief, den Sie zur Hand haben, zu erinneren. Sie haben ihn noch nicht angesehen.

Mr. Noël Vanstone erbrach den Brief. Er fuhr zusammen, als sein Auge auf die ersten Zeilen fiel, zauderte und las ihn dann in Eile vollends durch. Das Papier entfiel seiner Hand, und er sank in seinen Stuhl zurück. Mrs. Lecount erhob sich mit der Lebhaftigkeit einer jungen Frau und hob den Brief auf.

—— Was ist Vorgefallen, Sir? fragte sie.

Ihr Gesicht verwandelte sich, als sie die Frage stellte, und ihre großen schwarzen Augen blickten starr in aufrichtigem Staunen und Schrecken.

—— Schicken Sie nach der Polizei! schrie ihr Herr. Lecount, ich bestehe darauf, daß ich Schutz erhalte. Schicken Sie nach der Polizei!

—— Darf ich den Brief lesen, Sir?

Er winkte schwach mit der Hand. Mrs. Lecount las den Brief aufmerksam durch und legte ihn, als sie fertig war, ohne ein Wort auf den Tisch.

—— Und Sie haben mir Nichts zu sagen? fragte Mr. Noël Vanstone, indem er seine Haushälterin in heller Verzweiflung ansah. Lecount, ich soll beraubt werden! Der Schurke, der den Brief schrieb, weiß Alles und will mir Nichts sag, bis ich ihn dafür bezahle. Ich soll beraubt werden! Hier auf dem Tische liegt Eigenthum im Werthe von Tausenden von Pfunden, Eigenthum, das gar nicht ersetzt werden kann, Eigenthum, das alle gekrönten Häupter in Europa nicht aufzuweisen hätten, wenn sie’s auch versuchten. Schließen Sie mich ein, Lecount, und schicken Sie nach der Polizei!

Anstatt nach der Polizei zu schicken, nahm Mrs. Lecount einen großen grünen Papierfächer vom Kaminsims und setzte sich vor ihren Herrn.

—— Sie sind aufgeregt, Mr. Noël, sagte sie, Sie sind erhitzt. Lassen Sie mich Ihnen Kühlung geben.

Mit einem Gesicht, das so hart wie je war, mit weniger Zärtlichkeit in Blick und Wesen, als die meisten Frauen gezeigt haben würden, wenn sie eine halbertrunkene Fliege aus einem Milchkruge gerettet hätten, fächelte sie ihn schweigend und geduldig fünf Minuten oder noch länger. Keinem sachverständigen Auge, das die eigenthümliche bläuliche Blässe seiner Farbe und die auffallende Anstrengung, mit der er athmete, gesehen hätte, würde es entgangen sein, daß das große Organ des Lebens in diesem Manne für die Verrichtung, zu der es bestimmt war, zu schwach war. Das Herz arbeitete bei ihm so schwer, als wenn es das Herz eines lebensmatten alten Mannes gewesen wäre.

—— Haben Sie sich erholt, Sir? fragte Mrs. Lecount. Können Sie ein wenig denken? Können Sie Ihre bessere Einsicht wieder walten lassen?

Sie stand auf und legte ihre Hand auf sein Herz, mit gerade so viel kalter Aufmerksamkeit und so wenig ursprünglicher Theilnahme, als wenn sie die Schüsseln beim Mittagsessen angefühlt hätte, um sich zu versichern, ob sie gehörig gewärmt wären.

—— Ja, fuhr sie fort, indem sie sich wieder setzte und die Bewegung des Fächers fortsetzte, Sie bessern sich schon, Mr. Noël. —— Fragen Sie mich nicht über diesen anonymen Brief, bis Sie selbst darüber nachgedacht und selbst zuerst Ihre Meinung zu erkennen gegeben haben.

Sie fuhr mit dem Fächeln fort und sah ihn dabei fest an.

—— Denken Sie, sagte sie, denken Sie über die Sache nach, Sir, ohne jedoch sich anzustrengen, Ihre Gedanken auszusprechen. Vertrauen Sie meiner innigen Theilnahme für Sie, da ich sie schon aus Ihren Augen lese. Ja, Mr. Noël, dieser Brief ist ein elender Versuch, sie einzuschüchtern. Was will er besagen? Er besagt, daß Sie der Gegenstand einer von Miss Vanstone geleiteten Verschwörung sind. Wir wissen Das bereits —— die Dame mit den entzündeten Augen hat es uns erzählt. Wir haben bereits die ganze Verschwörung beinahe in der Hand. Was sagt der Brief weiter? Er sagt, der Schreiber habe Ihnen werthvolle Mittheilungen zu machen, wenn Sie ihn dafür bezahlen wollten. Wie nannten Sie doch diese Person eben selbst, Sir?

—— Ich nannte sie einen Schurken, sagte Mr. Noël Vanstone, indem er nunmehr seine Selbstbeherrschung wiedererlangte und sich mehr und mehr in seinem Stuhle aufrichtete.

—— Ich bin darin mit Ihnen vollkommen einverstanden, Sir, wie ich in jeder andern Beziehung es mit Ihnen bin, fuhr Mrs. Lecount fort. Es ist entweder ein Schurke, der wirklich diese Mittheilung macht und aufrichtig meint, was er sagt —— oder aber ein Werkzeug der Miss Vanstone, und sie hat ihn zu diesem Briefe veranlaßt, zum Zwecke, uns noch unter einer andern Form der Verkleidung irre zu führen. Ob nun der Brief wahr ist oder ob der Brief falsch ist —— lese ich nicht jetzt Ihre eigenen weiseren Gedanken, Mr. Noël? ——: Sie wissen etwas Besseres zu thun, als Ihre Feinde durch vorzeitiges Anrufen der Polizei dahin zu bringen, daß sie auf ihrer Hut sind. Ich bin darin ganz mit Ihnen einverstanden, jetzt noch keine Polizei. Sie werden diesen anonymen Mann oder diese anonyme Frau gern in dem Glauben lassen, daß Sie leicht zu erschrecken sind. Sie werden ihm wegen der Mittheilung zum Danke eine Schlinge legen, wie er sie Ihnen wegen des Geldes gelegt hat; Sie werden auf den Brief antworten und sehen, was aus der Antwort wird; und Sie werden erst dann die kostspielige Hilfe der Polizei anrufen, wenn Sie wissen, daß die Ausgabe nöthig ist. Ich bin wieder mit Ihnen einverstanden, keine Ausgaben, wenn es sich umgehen läßt. In jedem Stücke, Mr. Noël, sind meine und Ihre Meinung in dieser Sache eins.

—— Sehen Sie die Sache in diesem Lichte, Lecount, wirklich? sagte Mir. Noël Vanstone. Ich denke so, ich denke wahrlich so. Ich würde keinen Pfennig für die Polizei ausgeben, wenn ichs umgehen könnte.

Er nahm den Brief wieder auf und wurde beim zweiten Male Lesen ärgerlich und verwirrt.

—— Aber der Mann will Geld haben! brach er ungeduldig heraus. Sie scheinen zu vergessen, Lecount, daß der Mann Geld braucht.

—— Geld, das Sie ihm anbieten, Sir, erwiderte Mrs. Lecount, aber, wie Ihre Gedanken bereits zum Voraus wissen, Geld, das Sie ihm nicht geben. Nein, nein! Sie sagen zu diesem Manne: Halten Sie Ihre Hand auf, mein Herr —— und wenn er sie aufhält, so geben Sie ihm einen Klapps für seine Mühe und stecken Ihre Hand wieder in die Tasche. —— Ich freue mich außerordentlich, Sie wieder lachen zu sehen, Mr. Noël, freue mich, zu sehen, wie Sie Ihre gute Laune wieder bekommen. Wir wollen den Brief durch eine Anzeige in der Zeitung beantworten, wie der Schreiber angibt; eine Anzeige ist so wohlfeil! Ihre arme Hand zittert ein wenig, soll ich statt Ihrer die Feder führen? Ich bin nicht geschickt dazu, mehr zu thun; aber ich kann immer Versprechens, die Feder zu halten.

Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie in das Hinterzimmer und kehrte mit Feder, Tinte und Papier zurück. Indem sie eine Löschpapierunterlage auf ihren Knien hielt und aussah wie ein Musterbild heiterer Unterwürfigkeit, setzte sie sich noch einmal gerade vor den Stuhl ihres Herrn.

—— Soll ich schreiben, Sir, wie Sie es. mir vorsagen? oder soll ich einen kleinen Entwurf machen, und Sie verändern ihn dann? Ich will einen kleinen Entwurf machen. Lassen Sie mich den Brief sehen. Wir sollen es in die Times einrücken lassen und folgende Aufschrift machen:

EIN UNBEKANNTER FREUND.

—— Was soll ich sagen, Mr. Noël? Warten Sie, ich will es schreiben, und dann können Sie es selbst sehen:

EIN UNBEKANNTER FREUND wird ersucht mittels Ankündigung eine Adresse anzugeben, unter der ein Brief ihn finden kann. Für die Mittheilung, die er anbietet, wird er bei Empfang belohnt werden durch eine Zahlung von...

—— Welche Summe wünschen Sie angegeben zu sehen, Sir?

—— Setzen Sie Nichts hin, sagte Mr. Noël Vanstone mit einem plötzlichen Ausbruch von Ungeduld. Geldsachen sind mein Geschäft, ich sage, Geldsachen sind mein Geschäft, Lecount. Ueberlassen Sie die mir.

—— Ganz gewiß, Sir, versetzte Mrs. Lecount und überreichte ihrem Herrn das Conceptbuch. Sie werden doch nicht vergessen, bei dem Gelderbieten um so mehr freigebig zu sein, als Sie von vornherein mit sich eins sind, daß Sie Nichts hergeben werden?

—— Sagen Sie mir Nichts vor, Lecount! Ich will Nichts von Dictiren wissen! sagte Mr. Noël Vanstone, indem er seine Selbständigkeit immer ungeduldiger geltend machte. Ich bin willens, dies Geschäft selbst zu erledigen. Ich bin hier Herr, Lecount!

—— Sie sind allerdings hier Herr, Sir.

—— Vor mir war mein Vater hier Herr. Und ich bin meines Vaters Sohn. Ich sage Ihnen, Lecount, ich bin meines Vaters Sohn!

Mrs. Lecount verneigte sich mit unterwürfiger Miene.

—— Ich bin willens, diejenige Geldsumme zu setzen, welche ich für gut finde, fuhr Mr. Noël Vanstone fort, indem er heftig seinen kleinen Flachskopf schüttelte. Ich bin willens, diese Anzeige selber abzuschicken. Die Dienstmagd soll sie zur Annahmestelle beim Papierhändler tragen, um sie in die »Times« rücken zu lassen. Wenn ich zwei Mal klingele, so schicken Sie mir das Mädchen. Verstehen Sie mich, Lecount? Schicken Sie mir das Mädchen.

Mrs. Lecount verneigte sich abermals und ging langsam nach der Thür. Sie wußte es, wann sie ihren Herrn lenken konnte und wann sie ihn allein gehen lassen mußte. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, ihn in allen Hauptsachen zu gängeln, um ihn dafür nachher in allen Siebensachen gewähren zu lassen. Es war ein Merkmal seines schwachen Charakters, —— wie eines jeden schwachen Charakters —— sich auf Kleinigkeiten zu steifen. Das Ausfüllen der Lücke in der Anzeige war die Kleinigkeit bei dieser Sache; und Mrs. Lecount beschwichtigte den Argwohn ihres Herrn, als gängele sie ihn, dadurch, daß sie augenblicklich nachgab.

—— Mein Maulthier hat hinten ausgeschlagen, dachte sie bei sich in ihrer Sprache, als sie die Thür öffnete. Ich kann heute Nichts mehr mit ihm anfangen.

—— Lecount! rief ihr Herr, als sie in den Gang hinaustrat. Kommen Sie zurück.

Mrs. Lecount kam .zurück.

—— Sie sind doch nicht böse auf mich, nicht wahr nicht? frug Mr. Noël Vanstone unruhig.

—— O gewiß nicht, Sir, erwiderte Mrs. Lecount. Wie Sie bereits gesagt haben: Sie sind hier Herr.

—— Gute Seele, geben Sie mir eine Hand!

Er küßte ihr die Hand und lächelte übers ganze Gesicht vor Freude über dies sein zärtliches Beginnen.

—— Lecount, Sie sind eine ganz ehrenwerthe Person!

—— Ich danke Ihnen, Sir, sagte Mrs. Lecount.

Sie machte einen Knix und ging hinaus.

—— Wenn er in seinem Affenschädel nur ein wenig Grütze hätte, sprach sie auf dem Gange vor sich hin, was für ein ausgemachter Schurke würde er sein!

Sich selbst überlassen versank Mr. Noël Vanstone in eifrige Betrachtungen über die offen gelassene Stelle in dem Entwurfe der Anzeige Mrs. Lecounts auf den ersten Anschein überflüssiger Wink, in seinem Gelderbieten ja recht freigebig zu sein, wenn er mit sich eins sei, daß er doch Nichts geben wolle, war auf eine tiefe Kenntniß seines Charakters gegründet gewesen. Er hatte die schmutzige Liebe zum Gelde von seinem Vater geerbt, ohne jedoch zugleich auch den starrköpfigen Sinn und die Sicherheit seines Vaters in der Erkenntniß des passenden Gebrauches des Geldes mitzuerben. Der einzige Gedanke in Bezug auf das Geld, den er hatte, war der, es ja recht festzuhalten. Er war ein so eingefleischter Knicker, daß schon die bloße Möglichkeit, wenigstens dem Anschein nach freigebig zu sein, ihn in Schrecken setzte. Er nahm die Feder zur Hand und legte sie wieder hin. Er las den anonymen Brief wohl zum dritten Male und schüttelte darüber argwöhnisch mit dem Kopfe.

—— Wenn ich nun diesem Menschen eine große Summe Geldes biete, dachte er plötzlich, wie kann ich wissen, ob er nicht doch ein Mittel findet, mich zu zwingen, sie ihm wirklich zu zahlen? Frauenzimmer sind immer vorlaut und schnell. Die Lecount ist auch immer schnell bei der Hand. Ich habe den Nachmittag vor mir —— ich will den Nachmittag dazu verwenden, darüber nachzudenken.

Aergerlich legte er das Conceptbuch und den Entwurf der Anzeige auf den Stuhl, den Mrs. Lecount eben verlassen hatte. Als er zu seinem eignen Sessel zurückkehrte, schüttelte er seinen kleinen Kopf feierlich und schlug seinen weißen Schlafrock über die Kniee zusammen mit der Miene eines in eifrige Gedanken versunkenen Mannes. Minute auf Minute verrann, die halben und die Viertelstunden folgten einander auf dem Zifferblatte von Mrs. Lecounts Uhr, und noch blieb Mr. Noël in Ungewißheit befangen, noch immer wurde die Klingel des Empfangszimmers nicht in Bewegung gesetzt, um das Mädchen zu rufen.

* * * * * * * * * * *

Mittlerweile hatte Magdalene sich klüglich gehütet, auf ihre Wohnung zu über die Straße zu schreiten, und war erst, nachdem sie in der Nähe einen Umweg gemacht, zurückgekehrt. Als sie sich wieder auf der Vauxhallpromenade befand, war der erste Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit erregte, ein vor der Thür ihrer Wohnung haltender Cab. Als sie ein paar Schritte näher kam, sah sie die Tochter der Wirthin am Kutschenschlage stehen und sich mit dem Kutscher wegen des Fahrgeldes herumstreiten. Sowie Magdalene bemerkte, daß das Mädchen ihr den Rücken zukehrte, machte sie sich sofort diesen Umstand zu Nutze und schlüpfte unbemerkt ins Haus.

Sie eilte in dem Gange hin, stieg die Treppe hinan und stand plötzlich auf dem ersten Absatze ihrer Reisegefährtin gegenüber! Da stand Mrs. Wragge mit einem Haufen kleiner Päckchen auf den Armen, ängstlich auf das Ende des Streites mit dem Cabkutscher auf der Straße wartend. Umzukehren war unmöglich, der Klang der zornigen Stimmen unten näherte sich dem Gange im Hause. Zu zögern war noch schlimmer, als bloß unnöthig Nur eine Wahl blieb, die Wahl vorwärts zu gehen, und diese traf denn auch Magdalene in ihrer Rathlosigkeit Sie schob Mrs. Wragge bei Seite, ohne ein Wort zu sagen, lief in ihr Zimmer, warf ihren Mantel, den Hut und die Perrücke ab und schleuderte sie in den leeren Raum zwischen dem Sophabette und der Wand, wo sie Niemand sehen konnte.

In den ersten Augenblicken raubte das Erstaunen der guten Mrs. Wragge die Sprache, und sie blieb auf dem Flecke, wo sie stand, angewurzelt stehen. Zwei von den Gepäckstücken auf ihren Armen fielen auf die Treppe herunter. Der Anblick dieses Mißgeschicks richtete sie wieder auf.

—— Diebe! schrie Mrs. Wragge, indem ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, Die — be! Die — be!

Magdalene hörte sie durch die Thür, welche sie nicht Zeit genug gehabt hatte zuzumachen.

—— Sind Sie es, Mrs. Wragge? rief sie hinaus mit ihrer Stimme. Was gibt es denn?

Sie nahm ein Handtuch, während sie sprach, tauchte es ins Wasser und fuhr damit rasch über den unteren Theil ihres Gesichts. Bei dem Klange der befreundeten Stimme wandte sich Mrs. Wragge um, ließ dabei ein drittes Päckchen fallen und stieg, ohne in ihrem Staunen darauf Acht zu geben, das zweite Treppenstück hinauf. Magdalene trat auf den Treppenabsatz des ersten Stockes hinaus mit dem Handtuch vor der Stirn, als ob sie Kopfweh habe. Ihre falschen Augenbraunen erforderten einige Zeit, ehe sie abgelöst werden konnten und ein augenblicklich vorgeschütztes Kopfweh gab den besten Vorwand ab, den sie eben gleich fand, um sie so vollständig zu verbergen, wie sie jetzt verdeckt waren.

—— Warum bringen Sie das Haus in Aufregung? frug sie. Ich bitte Sie, seien Sie doch still. Ich kann vor Kopfschmerz kaum aus den Augen sehen.

—— Ist ein Unglück geschehen, Madame? fragte die Wirthin aus dem Gange herauf.

—— Gott behüte, versetzte Magdalene. Meine Freundin ist etwas furchtsamer Natur, und der Streit mit dem Kutscher hat sie erschreckt. Zahlen Sie dem Manne, was er verlangt, und lassen Sie ihn ziehen.

—— Wo ist sie? fragte Mrs. Wragge, vor Furcht leise flüsternd. Wo ist das Weib, das an mir vorüber in Ihr Zimmer lief?

—— Ach was! sagte Magdalene. Kein Weib ist an Ihnen vorüber gelaufen, wie Sie es nennen. Sehen Sie herein und suchen Sie es selbst.

Sie machte die Thür weit auf. Mrs. Wragge schritt in das Zimmer, sah sich überall um, erblickte Niemand und drückte nun ihr bodenloses Erstaunen über dieses Ergebniß dadurch aus, daß sie ein Viertes Päckchen fallen ließ und kläglich zitterte vom Wirbel bis zur Zehe.

—— Ich sah sie aber doch hineingehen, sagte Mrs. Wragge in schreckergriffenem Tone. —— Ein Weib in einem grauen Mantel und mit einem Schaufelhut —— Ein grobes Weib. —— Es lief an mir auf der Treppe vorbei, ja das that es. Hier ist das Zimmer und kein Weib darinnen. Geben Sie mir ein Gebetbuch! rief Mrs. Wragge, wurde todtenbleich und ließ ihre ganze übrige Packerei vollends fallen, als wollte sie ein Füllhorn leeren.

—— Ich muß etwas Gutes lesen. Ich muß an mein letztes Stündlein denken. Ich habe einen Geist gesehen.

—— Unsinn! sagte Magdalene Sie sind im Traume; das Einkaufen hat Sie zu sehr angegriffen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und setzen Sie Ihren Hut ab.

—— Ich habe wohl von Geistern in Nachtgewändern erzählen hören, von Geistern in Betttüchern und von Geistern in Ketten, fuhr Mrs. Wragge fort und stand dabei [wie Max im »Freischütz«] inmitten des Zauberkreises der am Boden verzettelten Leinwandpackereien wie festgebannt still. Hier ist aber ein Geist, schlimmer als jene insgesamt: ein Geist in einem grauen Mantel und mit einem Schaufelhute. Ich weiß es ja wohl, was es ist, fuhr Mrs. Wragge in reu- und wehmüthige Thränen ausbrechend fort, es ist ein Strafgericht für mich, weil ich mich so glücklich fühlte, da ich vom Hauptmann so weit weg bin. Es ist ein Strafgericht für mich, weil ich mit übergetretenen Schuhen in den Läden von halb London gewesen bin, erst an dem einen Schuh, dann auch an dem andern, und zwar die ganze Zeit über, wo ich aus war. Ich bin ein gar sündhaftes Geschöpf. Lassen Sie mich nicht allein gehen, was Sie auch thun mögen, lassen Sie mich nicht allein gehen!

Sie faßte Magdalenen fest am Arme und fing beim bloßen Gedanken, daß sie allein bleiben sollte, aufs Neue zu zittern an.

Das Einzige, das hier zu thun übrig blieb, war, sich den Umständen zu fügen. Magdalene brachte Mrs. Wragge zu einem Stuhle, nachdem sie denselben erst so gestellt hatte, daß sie ihrer Reisegefährtin so lange den Rücken kehren konnte, als sie mit etwas Wasser die falschen Augenbraunen ablöste.

—— Warten Sie ein Weilchen, sagte sie, und sehen Sie zu, ob Sie sich beruhigen können, während ich meinen Kopf naß mache.

—— Mich beruhigen? wiederholte Mrs. Wragge. Wie soll ich mich beruhigen, wenn mein Kopf so brummt, als wollte er mir zerspringen. Das schlimmste Schwirren und Sausen, das ich je über, das Kochbuch bekommen habe, war ein Spaß gegen das Sausen, das ich jetzt über den Geist bekommen habe. Ach, das ist ein klägliches Ende eines Festtages für mich! Sie können mich wieder zurücknehmen, meine Liebe, wann es Ihnen beliebt —— ich habe bereits genug daran!

Als Magdalene endlich mit den Augenbraunen fertig war, so hatte sie nun Zeit, den unglücklichen Eindruck, den das Gemüth ihrer Gefährtin erfahren hatte, mit allen Mitteln der Ueberredungskunst zu bekämpfen, welche ihr Scharfsinn ihr eingab.

Der Versuch erwies sich als vergeblich. Mrs. Wragge beharrte bei dem Glauben, daß sie auf übernatürliche Weise einen Besuch aus der Geisterwelt erhalten habe, freilich auf Grund eines so thatsächlichen Beweises, welcher im Vorbeigehen gesagt gar mancher gescheidteren Geisterseherin genügt haben würde. Alles was Magdalene thun konnte, war, sich durch vorsichtige Fragen zu vergewissern, daß Mrs. Wragge nicht rasch genug gewesen war, zu erkennen, daß der angebliche Geist und die alte nordenglische Dame in der »Unterhaltung« ein und dieselbe Person waren. Als sie sich in diesem Betracht beruhigt hatte, konnte sie alles Uebrige nur der natürlichen Unfähigkeit, Eindrücke festzuhalten, wenn solche nicht beständig erneuert wurden, überlassen, welche eine von den bezeichnenden Schwächen im Charakter ihrer Reisegefährtin war. Nachdem sie Mrs. Wragge durch die wiederholte Versicherung aufgerichtet, daß eine einmalige Erscheinung nach Gesetz und Herkommen der Geisterwelt gar Nichts zu bedeuten habe, wenn nicht unmittelbar zwei andere daraus folgten, nachdem sie ruhig ihre Aufmerksamkeit auf die in der Hausflur und auf der Treppe verlorenen Packereien hingelenkt und ihr versprochen hatte, die Verbindungsthür zwischen den beiden Zimmern halboffen zu lassen, falls sie, Mrs. Wragge, ihrerseits sich anheischig mache, in ihre Kammer zu gehen und kein Wort mehr von dem entsetzlichen Gegenstande, der Geistererscheinung, zu sagen —: verschaffte sie sich endlich Gelegenheit, über die Ereignisse des merkwürdigen Tages ungestört nachzudenken.

Zwei ernste Folgen hatten sich an ihren ersten Schritt geknüpft. Mrs. Lecount hatte sie dabei ertappt, wie sie mit ihrer eigenen Stimme sprach, und der unglückliche Zufall hatte sie in ihrer Verkleidung mit Mrs. Wragge zusammengeführt.

—— Welchen Vortheil hatte sie gewonnen, um ihn gegen dies Mißgeschick in die Waagschale legen zu können? Den Vortheil, daß sie nun Von Noël Vanstone und von Mrs. Lecount mehr wußte, als sie vielleicht in Monaten entdeckt hätte, wenn sie sich nur auf Nachforschungen Anderer hätte verlassen müssen. Eine Ungewißheit, die sie bisher beunruhigt und gestört hatte, war nun bereits beseitigt. Der Plan, welchen sie insgeheim gegen Michael Vanstone ausgedacht hatte und den Hauptmann Wragges scharfe Spüraugen bereits zum Theil durchschaut hatten, als sie ihm zuerst anzeigte, daß ihre Theilhaberschaft jetzt aufgelöst werden müsse, mußte ausgegeben werden, weil er bei Michael Vanstones Sohne nicht anschlagen würde, Das sah sie klar ein. Die Gewohnheit seines Vaters, zu speculiren, war der Angelpunct gewesen, um welchen das ganze Rüstwerk ihrer ausgedachten Verschwörung sich zu drehen berechnet war. In dem doppelt schmutzigen Charakter des Sohnes war kein solcher handhafter Punkt zu entdecken. Mr. Noël Vanstone war gerade auf dem Punkte unverwundbar, aus welchem sein Vater anzugreifen gewesen wäre.

Wenn sie nun zu diesem Schlusse gekommen war, wie sollte sie ihr künftiges Verhalten einrichten? Welche neuen Mittel konnte sie ausfindig machen, um trotz der arglistigen Wachsamkeit der Mrs. Lecount und Noël Vanstones knauserigem Mißtrauen dennoch ihren Zweck zu erreichen?

Sie saß vor dem Spiegel und kämmte in tiefen Gedanken ihr Haar, während diese höchst wichtigen Erwägungen ihren Geist beschäftigten. Die Aufregung des Augenblicks hatte ihr Fieberglut in die Wangen getrieben und ihre großen grauen Augen glänzend gemacht. Sie war sich bewußt, daß sie schöner als je aussah, wußte, daß ihre Schönheit nach der Entfernung der Verkleidung durch den Gegensatz gewann. Ihr liebliches lichtbraunes Haar sah dichter und weicher aus als je zuvor, jetzt da es befreit war von der häßlichen Umhüllung durch die graue Perrücke. Sie flocht es bald so, bald so mit raschen, geschickten Fingern, sie ließ es schwer über ihre Schultern fallen, sie warf es wieder hinter dieselben in einen Haufen und wandte sich seitwärts um zu sehen, wie es fiel, um ihren Rücken und ihre Schultern befreit von der künstlichen Entstellung durch den wattierten Mantel zu sehen. —— Einen Augenblick darauf schaute sie wieder gerade in den Spiegel hinein, begrub ihre beiden Hände in ihrem Haar und sah mit den Ellenbogen auf dem Tische näher und immer näher auf das Spiegelbild ihrer selbst hin, bis ihr Athem das Glas trübe machte.

—— Ich kann jeden Mann um den Finger wickeln, dachte sie und lächelte dabei Siegesstolz, so lange ich mein Aussehen behalte! Wenn der verächtliche Elende mich jetzt sähe....

Sie scheute sich, ihren Gedanken zu Ende zu führen, mit einem plötzlichen Schauder vor sich selbst und wandte sich bebend und die Hände vor das Gesicht drückend vom Spiegel weg.

—— Ach, Frank, murmelte sie, nur um Deinetwillen, welch ein Geschöpf könnte ich werden!

Mit begierigen Fingern zog sie die kleine weißseidene Tasche aus ihrem geheimen Versteck in ihrem Busen, ihre Lippen bedeckten ihn mit stillen heißen Küssen.

—— Mein Liebling, mein Engel! Ach, Frank wie lieb’ ich Dich!

Die Thränen traten ihr ins Auge. Sie trocknete sie hastig, steckte das Täschchen wieder an seinen Platz und wandte dem Spiegel den Rücken.

—— Nichts weiter von mir selbst, dachte sie, Nichts weiter heute von meinem tollen, elenden Ich!

Indem sie sich vor jeder weiteren Ueberlegung ihres nächsten Schrittes scheute, sich scheute Vor dem Gedanken an die immer dunkler werdende Zukunft, mit welcher nunmehr Noël Vanstone in ihren geheimsten Gedanken in Verbindung gesetzt ward, sah sie sich ungeduldig im Zimmer nach irgend einer häuslichen Beschäftigung um, mit welcher sie gleichsam vor sich selber flüchten könnte. Der Verkleidungsanzug, den sie zwischen die Wand und das Bett geworfen hatte, kam ihr wieder in den Sinn. Es war unmöglich, ihn dort zu lassen. Mrs. Wragge, die jetzt dabei war, ihre Packereien auszusuchen und zu ordnen, konnte endlich ihrer Beschäftigung müde werden und jeden Augenblick zurückkommen an das Bett treten und den grauen Mantel sehen. Was sollte damit werden?

Ihr erster Gedanke war, die Verkleidung in ihre Reisetasche zurückzuthun. Allein nach Dem, was geschehen war, war es mißlich, dieselbe so nahe bei sich zu behalten, wo sie und Mrs. Wragge unter demselben Dache beisammen waren. Sie beschloß, sich derselben noch denselben Abend zu entledigen, und wollte sie kühnlich nach Birmingham zurückschicken. Ihre Hutschachtel paßte in ihre Reisetasche Sie nahm dieselbe heraus, warf die Perrücke und den Mantel hinein und drückte ohne Erbarmen den Hut oben darauf platt zusammen. Der Rock, den sie noch nicht ausgezogen hatte, war ihr gewöhnlicher; Mrs. Wragge hatte sie schon oft darin gesehen, es war nicht nöthig, denselben mit zurückzuschicken. Ehe sie die Schachtel zumachte, schrieb sie hastig folgende Zeilen auf ein Blatt Papier:

—— Ich nahm aus Versehen die inliegenden Sachen mit fort. Heben Sie mir dieselben gefälligst mit meinem übrigen Gepäck in Ihrer Verwahrung auf, bis Sie wieder von mir hören.

Indem sie das Papier auf den Hut oben drauf legte, adressierte sie die Schachtel an Hauptmann Wragge zu Birmingham, trug sie sofort hinunter und schickte die Tochter der Wirthin damit zu der nächsten Annahmestelle (Receiving Please) fort.

—— Diese Schwierigkeit wäre erledigt, dachte sie, als sie wieder auf ihr Zimmer hinaufging.

Mrs. Wragge war noch damit beschäftigt, ihre Packereien aus ihrem engen, kleinen Bette zu ordnen. Sie drehte sich mit einem leisen Schrei um, als Magdalene zu ihr hineinschaute.

—— Ich dachte, es wäre wieder der Geist, sagte Mrs. Wragge. Ich werde mir zur Warnung dienen lassen, was mir begegnet ist. Ich habe alle meine Packereien hübsch gerade gestellt, wie es der Hauptmann gern sehen würde. Ich bin ordentlich in meinen beiden Schuhen; wenn ich heute Nacht meine Augen schließe, was mir wohl kaum möglich sein wird, will ich so gerade liegen, als meine Beine es nur gestatten. Ich will auch nie wieder einen freien Tag haben, so lange ich lebe. Ich hoffe, es wird mir Vergeben werden, sagte Abs. Wragge, indem sie betrübt das Haupt schüttelte. Ich hoffe in Demuth, es wird. mir vergeben werden.

— Vergeben! wiederholte Magdalene. Wenn anderen Frauen so wenig vergeben zu werden brauchte, als Ihnen, dann stände es gut, sehr gut! Wollen Sie nicht ein paar von diesen eingepackten Sachen aufmachen? Wohlan! Ich möchte sehen, was Sie heute eingekauft haben.

Mrs. Wragge zögerte, seufzte zerknirscht, besann sich ein Weilchen, streckte dann ihre Hand furchtsam nach einem von den Packeten aus, dachte aber sogleich wieder an die Mahnung ans der Geisterwelt und bebte vor ihren eigenen Einkäufen zurück mit einer verzweifelten Anstrengung, sich selbst zu beherrschen.

—— Machen Sie, Dies hier auf, sagte Magdalene, um sie zu ermuthigen, was ist da drin?

Mrs. Wragges blaue Augen fingen an ein klein wenig glänzend zu werden, trotz ihrer Zerknirschung, allein sie schüttelte mit Seibstverleugnung den Kopf. Die große Leidenschaft für das Einkaufen mochte wieder ihre Rechte fordern, aber noch war ihr der Geist nicht aus den Gedanken gewichen.

—— Haben Sie es wohlfeil eingekauft? frug Magdalene vertraulich.

—— Spottwohlfeil, rief die arme Mrs. Wragge und fiel mit dem ganzen Leibe in die ihr gelegte Schlinge, indem sie dabei das Packet mit den Blicken verschlang, als ob Nichts vorgefallen wäre.

Magdalene hielt sie im Geplauder über die Einkäufe eine Stunde und noch länger fest und entschloß sich dann sehr klüglich, ihre Aufmerksamkeit von allen Gespenstererinnerungen durch einen Spaziergang mit ihr abzulenken.

Als sie die Wohnung verließen, öffnete sich drüben die Thür von Noël Vanstones Hause, und das Dienstmädchen erschien, um abermals einen Gang zu verrichten. Sie war dies Mal ersichtlich mit einer Briefbesorgung betraut, da sie sorgfältig ein Schreiben in der Hand trug. Magdalene, die sich bewußt war, selber noch keinen Plan gefaßt zu haben, weder zu Trutz noch zu Schutz, war mit einer augenblicklichen Furcht verlänglich zu wissen, ob denn Mrs. Lecount sich schon entschlossen hätte, neue Beziehungen anzuknüpfen, und ob der Brief etwa an »Miss Garth« gerichtet sei.

Der Brief trug keine solche Adresse. Mr. Noël Vanstone hatte endlich seine verzwickte Geldfrage entschieden. Die offen gelassene Stelle in der Anzeige war ausgefüllt, und Mrs. Lecounts Annahme der anonymen Warnung des Hauptmann Wragge war nun unterwegs, um in die »Times« gerückt zu werden.



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