Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Sechstes Buch - Aus Hauptmann Wragges und Magdalenes Familienpapieren - XII. Hauptmann Wragge an Magdalene
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Namenlos



XII.
Hauptmann Wragge an Magdalene.

Aldborough in Suffolk, Nordstein-Villa,
den 22. Juli.

Mein liebes Kind!

Ihr Brief hat mich entzückt und gerührt. Ihre Entschuldigungen haben den geraden Weg zu meinem Herzen gefunden, Dasselbe gilt von Ihrem Vertrauen auf meine geringen Fähigkeiten. Das Herz des alten Milizsoldaten schlägt stolz bei dem Gedanken an das Vertrauen, das Sie in ihn gesetzt haben, und thut das Gelübde, es auch zu verdienen. Dieser Gefühlsausbruch möge Sie nicht überraschen. Alle begeisterten Naturen müssen gelegentlich sich Luft machen, und meine Form des Ausbruchs sind Worte.

Alles was Sie von mir verlangten, ist geschehen. Das Haus ist gemiethet, der Name gefunden, und ich bin persönlich bekannt mit Mrs. Lecount. Wenn Sie diese allgemeine Uebersicht meiner Leistungen gelesen, werden Sie natürlich neugierig sein, die näheren Umstände in Erfahrung zu bringen. Nachstehend folgen sie, ganz wie Sie wünschen.

Den Tag, nachdem ich Sie in London verlassen hatte, spürte ich Mr. Noël Vanstone bis zu diesem kleinen heimischen Neste an der See nach. Einer von seines Vaters unzähligen Ankäufen, war ein Haus zu Aldborough, einem in Aufnahme kommenden Seebade, sonst hätte Mr. Michael Vanstone keinen Groschen dafür gegeben. In diesem Hause wohnt nun der verächtliche kleine Geizhals, der in London umsonst wohnte, jetzt abermals umsonst au der Küste von Suffolk. Er hat sich in seiner kleinen Wohnung für den Sommer und den Herbst eingerichtet, und Sie und Mrs. Wragge brauchen nur her zu mir zu kommen, um fünf Thüren weit von ihm in dieser feinen Villa zu wohnen. Ich habe das ganze Haus für wöchentlich drei Guineen bekommen, und es steht in unserm Belieben, auch noch den Herbst für denselben Preis darin zu bleiben. An einem Modebadeorte würde eine solche Wohnung sogar für das Doppelte dieser Summe noch wohlfeil sein.

Unser neuer Name ist mit sorgfältiger Beachtung Ihrer Winke ausgesucht worden. Meine Bücher —— ich hoffe doch, Sie haben meine Bücher nicht vergessen? —— enthalten unter dem Titel

»Menschenhäute zum Anziehen«

ein Verzeichniß von Personen, welche den irdischen Schauplatz ihres Wirkens verlassen haben und mit deren Namen, Familien und näheren Verhältnissen ich ganz vertraut bin. Einige dieser »Menschenhäute« habe ich selbst bei der Ausübung meines Berufes in früheren Perioden meiner Laufbahn »anziehen« müssen. Andere sind noch so gut als neue Anzüge und bleiben zum Gebrauche. Die »Haut«, welche ganz und gar für uns paßt, bekleidete ursprünglich die Leiber einer Familie mit Namen Bygrave. Ich stecke gegenwärtig in Mr. Bygraves Haut, und sie paßt mir wie angegossen. Wenn Sie so gut sein wollen, in Miss Bygrave (Taufname Susanne) zu schlüpfen, und wenn Sie nachher Mrs. Wragge —— auf irgend eine Art, mit dem Kopfe vornweg, wenn Sie wollen —— in Mrs. Bygrave (Taufname Julie) stecken wollen, so wird die Verwandlung vollständig sein. Erlauben Sie mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich Ihr Onkel von väterlicher Seite bin. Mein würdiger Bruder hatte vor zwanzig Jahren in Belize auf Honduras einen Mahagony- und Campescheholzhandel. Er starb an jenem Orte und liegt auf der Südwestseite des dortigen Kirchhofs unter einem zierlichen Denkmal von dortigem Holz, geschnitzt von einem Naturkünstler, einem Neger, begraben. Neunzehn Monate später starb seine Frau in einer Pension zu Cheltenham an Schlagfluß. Sie galt für die wohlbeleibteste Frau in England und war im Erdgeschoß des Hauses untergebracht in Folge der Schwierigkeit, sie die Treppe hinauf und herunter zu schaffen. Sie sind deren einziges Kind. Sie sind seit dem Trauerfalle zu Cheltenham unter meiner Obhut gewesen; Sie sind den nächsten zweiten August zwanzig Jahre alt und, die Stärke abgerechnet, das leibhaftige Ebenbild Ihrer Mutter. Ich behellige Sie mit diesen Proben meiner vertrauten Kenntniß Ihrer neuen irdischen Familienhülle, um Ihren Geist betreffs künftiger Nachfragen zu beruhigen. Vertrauen Sie mir und meinen Büchern, es ist für jede Nachfrage gesorgt. Zur selbigen Zeit schreiben Sie sich unsern neuen Namen nebst Adresse auf und sehen Sie zu, wie Sie Ihnen zusagen:

Mr. Bygrave, Mrs. Bygrave, Miss Bygrave,
Nordstein-Villa,
Aldborough.

Bei meinem Leben, es liest sich merkwürdig gut!

Die letzte Einzelheit, die ich Ihnen zu geben habe, bezieht sich aus meine Bekanntschaft mit Mrs. Lecount.

Wir kamen gestern in dem Kräutergewölbe hier zusammen. Da ich meine Ohren spitzte, hörte ich, daß Mrs. Lecount eine besondere Art Thee haben wollte, welche der Mann nicht hatte und welche, wie er glaubte, erst in Ipswich zu schaffen war. Ich ersah mir augenblicklich diese Gelegenheit, um eine Bekanntschaft anzuknüpfen für die geringfügigen Kosten einer Reise nach jener blühenden Stadt.

—— Ich habe heute in Ipswich zu thun, sagte ich, und denke diesen Abend wieder zurück zu sein (wenn ich noch zur rechten Zeit zurück kann). Ich bitte, mir zu erlauben, Ihren Auftrag wegen des Thees zu übernehmen und ihn mit meinem eigenen Gepäck zurückzubringen.

Mrs. Lecount weigerte sich höflich, mir diese Mühe zu verursachen —— ich beharrte aber höflich dabei, solche zu übernehmen. Wir kamen ins Gespräch. Es ist nicht nöthig, Sie noch mit unserm Geplauder zu behelligen. Das Ergebniß desselben ist, daß Mrs. Lecounts schwache Seite, wenn sie eine solche überhaupt hat, ihr Geschmack an wissenschaftlichen: Forschungen ist, den ihr verstorbener Gatte, der Professor, ihr beigebracht hatte. Ich denke wohl, hier eine Aussicht vor mir zu haben, wie ich mich bei ihr in Gunst setzen und ihr, wie nothwendig, ein wenig Sand in ihre hübschen schwarzen Augen streuen kann. Auf Grund dieser Annahme kaufte ich mir denn auch, sobald ich den Thee zu Ipswich für die Dame gekauft hatte, für mich jenen berühmten Taschenleitfaden der Wissenschaft »Joyces Wissenschaftliche Gespräche«. Im Besitze eines raschen Gedächtnisses und eines unbegrenzten Selbstvertrauens habe ich nunmehr vor, meine irdische Hülle mit soviel schlagfertiger Wissenschaft anzufüllen, als sie nur fassen kann, und Mr. Bygrave Mrs. Lecount in der Rolle des bestunterrichtetsten Mannes, den sie nach des Professors Tode kennen gelernt, vorzuführen. Die Notwendigkeit, jener Frau eine Binde vor die Augen zu legen (um Ihren vortrefflichen Ausdruck zu gebrauchen), ist mir so klar wie Ihnen. Wenn es auf die von mir beabsichtigte Art und Weise geschehen kann, so beruhigen Sie sich: Wragge, angefüllt mit der Weisheit eines Joyce, ist der Mann dann es zu vollbringen.

Sie haben nun meinen ganzen Neuigkeitenschatz. Bin ich Ihres Vertrauens würdig oder nicht? Ich sage Nichts von der mich verzehrenden Begierde zu wissen, welches Ihre Absichten eigentlich sind; die Begierde wird ja befriedigt werden, sobald wir uns treffen. Noch niemals habe ich, mein theures Kind, so darnach verlangt, eine ergiebige Ausquetschung an einem menschlichen Wesen zu vollbringen. Ich sage Nichts weiter. Verbum sap. [Abkürzung für Verbum sapienti, ein Wort für den Gescheidten. Bei uns sagt man statt Dessen sapienti sat, für den Gescheidten genug (gesagt) oder »der Gescheidte kennt Das« (»Freischütz«). W.] Verzeihen Sie das Schulmeisterische einer lateinischen Anführung und halten Sie mich für

Ihren

ganz und gar ergebenen
Horatio Wragge.

NS. Ich warte meine Weisungen ab, wie Sie es wünschten. Sie haben nur zu bestimmen, ob ich zu dem Zwecke, Sie hierher zu geleiten, nach London kommen oder Sie hier erwarten und empfangen soll. Das Haus ist vollkommen in Bereitschaft, das Wetter reizend und die See so glatt als Mrs. Lecounts Schürze. Eben ist sie am Fenster vorübergegangen und wir haben uns gegenseitig zugenickt Ein scharfblickendes Weib, liebe Magdalene, aber Joyce und ich zusammen, wir werden wohl um eine Kleinigkeit selbigem überlegen sein.


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