Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Siebentes Buch - Zu Aldborough in Suffolk - Erstes Capitel
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Namenlos



Siebentes Buch.

Zu Aldborough in Suffolk.

Erstes Capitel.

Die auffallendste Erscheinung, welche sich dem Fremden an den Küsten von Suffolk darbietet, ist die außerordentliche Schutzlosigkeit des Landes gegen die Verwüstungen der See.

In Aldborough sind die Ueberlieferungen des Orts wie anderwärts an dieser Küste meistentheils solche, welche buchstäblich sich in dunkler Meerestiefe verlieren. Die Lage der alten Stadt, einst ein lebhafter und blühender Hafenplatz, ist fast ganz in der See verschwunden. Die Nordsee hat Straßen, Marktplätze, Dämme und Promenaden hinweggeschwemmt, und die unbarmherzigen Wogen schlossen sich zur Vollendung ihres Zerstörungswerkes vor nicht länger als achtzig Jahren über dem Häuschen des Salzmeisters zu Aldborough, welches jetzt nur noch in der Erinnerung lebt als die Geburtsstätte des Dichters Crabbe.

Jahr für Jahr mehr zurückgedrängt von den vorrückenden Wogen, haben sich die Einwohner im gegenwärtigen Jahrhundert auf das letzte Stück Land zurückgezogen, welches fest genug ist, um angebaut werden zu können, ein Streifen Boden, welcher eingedämmt liegt zwischen einer Marsch auf der einen und dem Meere auf der andern Seite. Hier hat die Bevölkerung von Aldborough die Sicherheit ihrer Zukunft einigen Sandhügeln anvertraut, welche die Laune der Wellen aufgeworfen hat, wie um ihnen Muth zu machen, und kühnlich ihren netten kleinen Badeort errichtet. Das erste Stück ihrer Besitzungen von Land ist ein niedriger, natürlicher Damm von Kieselsteinen, über welchen ein öffentlicher Spaziergang liegt und gleichlaufend mit der See sich erstreckt. Diesen Spaziergang begrenzen in oft unterbrochener und ungleicher Linie die Sommerwohnungen des heutigen Aldborough, romantische kleine Häuser, die meistens in ihren eigenen Gärten stehen und hier und da als Gartenzier starrende Schiffsbilder haben, welche die Stelle von Bildsäulen unter den Blumen vertreten.

Von dem niederen Standort dieser Villen aus gesehen erscheint das Meer bei gewissen Zuständen der Luft höher als das Land, Küstenschiffe, die da heran segeln, nehmen riesige Verhältnisse an und sehen beunruhigend für die Fenster aus. Mit diesen kostbaren Häusern sind aber auch Gebäude von anderer Gestalt und Geschichte vermischt. Nach der einen Seite zu steht das kleine Rathaus des alten Aldborough, damals der Mittelpunct des verschwundenen Hafens und Fleckens, jetzt gegenüber den modernen Villen hart am Rande des Meeres. An einem andern Puncte erhebt sich ein hölzerner Wachthurm, gekrönt auf seinen Zinnen mit dem Schiffsbilde eines zerschellten russischen Schiffes, hoch über die benachbarten Häuser, und durch sein Gitterfenster kann man ernste Männer in dunkler Tracht im höchsten Stockwerk sitzen sehen, welche beständig Wache halten —— die Piloten von Aldborough, welche von ihrem Thurme nach Schiffen spähen, die ihrer Hilfe bedürftig sind. Hinter der so bunt zusammengewürfelten Reihe Häuser läuft die einzige unregelmäßige Straße der Stadt mit ihren festen Lootsenhäusern, ihren baufälligen Schiffsniederlagen und den daran hängenden Verkaufsläden. Nach dem Nordende zu ist die Straße durch die einzige Bodenerhebung begrenzt, die über die ganze Marschlandfläche sichtbar ist, ein niedriger bewaldeter Hügel, auf dem die Kirche erbaut ist. Am entgegengesetzten Ende führt die Straße zu einem öden Martellothurm und zu der verlassenen abgelegenen Vorstadt Slaughden zwischen dem Flusse Alden und dem Meere. Dies sind die Hauptmerkmale dieses interessanten kleinen Vorpostens der Küsten von England, wie er sich in gegenwärtiger Zeit den Blicken darstellt.

An einem heißen und wolkenumzogenen Julinachmittage, als am zweiten Tage, der verflossen war, seit er an Magdalene geschrieben hatte, schlenderte Hauptmann Wragge durch das Thor der Nordstein-Villa, [Von den erwähnten Ufersteinen und angespülten Kieseln so genannt; im Englischen North Shingles Villa. W.] um die Ankunft der Kutsche abzuwarten, welche damals Aldborongh mit der Ostbahn (Eastern Countries Railway) verband. Er kam gerade an den ersten Gasthof im Orte, als die Kutsche anlangte, und stand an der Thür bereit, um Magdalene und Mrs. Wragge zu empfangen, als sie aus dem Wagen stiegen.

Die Art und Weise, wie Hauptmann Wragge seine Frau empfing, zeichnete sich durchaus nicht aus durch einen unnöthigen Aufwand Von Zeit. Er schaute mißtrauisch nach ihren Schuhen, erhob sich auf die Zehen und setzte ihren Hut mit scharfem Ruck zurecht, sagte ihr in lautem Flüstern: »Halt Deinen Mund!« und nahm während der ganzen Zeit keine Notiz von ihr. Sein Willkommen für Magdalene, welcher mit dem gewöhnlichen Wortschwall anhob, stockte plötzlich mitten in seinem ersten Satze. Hauptmann Wragges Auge war ein scharfblickendes, und er fand sofort in Blick und Wesen seines früheren Pfleglings Etwas heraus, das eine tiefe Veränderung anzeigte.

Es lag eine tiefe Ruhe auf ihrem Gesichte, welche, außer wenn sie sprach, dasselbe so todt und kalt wie Marmor erscheinen ließ. Ihre Stimme war sanfter und gleichmäßiger, ihr Auge ruhiger, ihr Gang langsamer geworden als sonst. Wenn sie lächelte, so kam und ging Dies plötzlich und zeigte ein kleines nervöses Zucken an dem einen Mundtwinkel, was vorher nie zu bemerken gewesen war. Sie hatte die größte Geduld mit Mrs. Wragge, sie behandelte den Hauptmann mit einer ihm an ihr ganz neu vorkommenden Artigkeit und Achtung, aber sie war theilnahmslos gegen Alles. Die merkwürdigen kleinen Läden in den hinteren Straßen, die mächtig hereinragende See, das alte Rathaus dicht am Ufer, die Lootsen, die Fischer, die vorübersegelnden Schiffe: all diese Gegenstände betrachtete sie so gleichgültig, als wenn Aldborough ihr von ihrer Kindheit auf vertraut gewesen wäre. Sogar als der Hauptmann das Gartenthor der Nordstein-Villa öffnete und sie mit stolzer Freude in das neue Haus einführte, sah sie es kaum mit einem Auge an. Die erste Frage, die sie that, bezog sich nicht auf ihre Wohnung, sondern auf die Noël Vanstone’s.

—— Wie weit wohnt er von uns? fragte sie mit dem einzig wahrnehmbaren Zeichen von Bewegung, das ihr bisher entschlüpft war.

Hauptmann Wragge antwortete dadurch, daß er auf das fünfte Haus von der Nordstein-Villa auf der Seite Aldboroughs, die nach Slaughden zu lag, zeigte. Magdalene wandte sich sofort von dem Gartenthore ab, als er die Lage angab, und ging vor sich hin weiter vor, um sich das Haus näher anzusehen.

Hauptmann Wragge sah ihr nach und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe.

—— Der Teufel halte mir den Herrn im Hintergrunde zurück, dachte er bei sich. Sie hat seinen Verlust noch immer nicht verschmerzt.

—— Darf ich nun sprechen? fragte eine furchtsame Stimme hinter ihm, welche sich demüthig von zehn Zoll oberhalb des Gipfels seines Strohhutes vernehmen ließ.

Der Hauptmann drehte sich um und stand seiner Frau gegenüber. Die mehr als gewöhnliche Verwirrung in ihrem Gesichte machte es ihm augenblicklich klar, daß Magdalene seine brieflichen Anweisungen nicht ausgeführt hatte und daß Mrs. Wragge in Aldborough angekommen war, ohne vollkommen unterrichtet zu sein von der gänzlichen Umwandlung, welche mit ihrer Person und ihrem Namen vor sich gehen sollte. Die Notwendigkeit, diesen Zweifel zu beseitigen, war zu offenbar, als daß hier zu spaßen war, und Hauptmann Wragge stellte, ohne einen Augenblick zu zögern, das nöthige Verhör an.

—— Steh gerade und höre mich an, begann er. Ich habe eine Frage an Dich zu richten; Weißt Du, in wessen Haut Du in diesem Augenblicke, steckst? Weißt Du, daß Du todt und begraben bist in London und daß Du Dich wie ein Phönix aus der Asche der Mrs. Wragge erhoben hast? Nein! Du weißt es augenscheinlich nicht. Das ist äußerst unangenehm. Wie ist Dein Name?

—— Mathilde, antwortete Mrs. Wragge in einem Zustande grenzenlosen Erstaunens.

—— Weit gefehlt! schrie der Hauptmann grimmig. Wie kannst Du Dich unterstehen, mir zu sagen, daß Dein Name Mathilde ist? Dein Name ist Julie. Wer bin ich? Halte den Korb mit belegten Brödchen gerade, sonst werfe ich ihn ins Meer! Wer bin ich?

—— Ich weiß es nicht, sagte Mrs. Wragge, indem sie dies Mal eingeschüchtert die negative Seite der Frage als rettenden Strohhalm aufgriff.

—— Setz Dich nieder! sagte ihr Gatte, indem er auf die niedere Gartenmauer der Nordstein-Villa hinwies. Mehr rechts! Noch mehr! So ists recht. Du weißt es also nicht? wiederholte der Hauptmann indem er seine Frau streng ins Auge faßte, sobald er es dahin gebracht, daß sie saß und ihr Gesicht auf eine Höhe mit dem seinigen gesenkt hatte. Laß mich das nicht zum zweiten Male hören. Laß mich nicht ein Weib auf dem Halse haben, das nicht weiß, wer ich bin, und das mich doch morgen früh rasiren soll. Sieh mich an! Mehr links, noch mehr, so ists recht. Wer bin ich? Ich bin Mr. Bygrave —— mit dem Vornamen Thomas. Wer bist Du? Du bist Mrs. Bygrave —— Vorname Julie Wer ist die junge Dame, die mit Dir von London her reiste? Jene junge Dame ist Miss Bygrave —— Vorname: Susanne Ich bin ihr gescheidter Onkel Tom, und Du bist ihre hohlköpfige Tante Julie. Sage es mir den Augenblick noch einmal vor wie den Katechismus! Wie ist Dein Name? —— Schone meinen armen Kopf! jammerte Mrs. Wragge. Ach bitte, schone meinen armen Kopf, bis ich den Postwagen überstanden habe.

—— Lassen Sie sie in Ruhe, sagte Magdalene, welche in diesem Augenblicke zu ihnen trat. Sie wird es schon mit der Zeit lernen. Kommen Sie ins Haus.

Hauptmann Wragge schüttelte seinen schlauen Kopf noch ein Mal.

—— Das ist ein schlechter Anfang, sagte er weniger höflich als sonst. Uns steht dies Mal schon die Dummheit meiner Frau im Wege.

Sie gingen ins Haus. Magdalene war vollkommen zufrieden mit den vom Hauptmann getroffenen Einrichtungen. Sie nahm das für sie in Bereitschaft gehaltene Zimmer an, hatte auch Nichts gegen das Dienstmädchen, das angenommen war, fand sich zur Theestunde den Augenblick, wo sie gerufen wurde, ein; allein sie zeigte nicht die Spur von Theilnahme an dem neuen Aufenthaltsorte um sie her. Bald nachdem die Tafel abgeräumt worden und obschon das Tageslicht noch nicht verschwunden war, kam die gewöhnliche Ermüdung nach Anstrengungen jeder Art über Mrs. Wragge, und sie erhielt den Befehl von ihrem Manne, das Zimmer zu verlassen, wobei er nicht vergaß, ihr einzuschärfen, die Schuhe nicht überzutreten —— und sich —— aber ganz ausdrücklich in der Rolle von Mrs. Bygrave —— zu Bette zu begeben. Sobald sie allein waren, sah der Hauptmann Magdalenen scharf an und wartete darauf, daß sie ihn anredete. Sie sagte Nichts. Er suchte dann die Unterhaltung durch eine höfliche Frage über den Stand ihrer Gesundheit zu eröffnen.

—— Sie sehen ermüdet aus, bemerkte er in seinem einschmeichelndsten Tone. Ich fürchte, die Reise ist zu anstrengend für Sie gewesen.

—— Nein, versetzte sie und sah mit vollkommener Gleichgültigkeit zum Fenster hinaus, —— ich bin nicht mehr erschöpft, als gewöhnlich. Ich sehe immer matt, aus, matt, wenn ich zu Bette gehe, matt, wenn ich aufstehe. Wenn Sie noch heute Abend hören wollen, was ich Ihnen zu sagen habe, so bin ich gern bereit, es Ihnen zu sagen. Können wir nicht ausgehen? Es ist sehr heiß hier, und das Summen jener Menschenstimmen ist nicht zum Aushalten.

Sie zeigte durchs Fenster auf eine Gruppe Bootsleute, welche müßig, wie nur Theerjacken müßig sein können, sich an der Gartenmauer herumtrieb.

— Giebt es keine ruhige Promenade an diesem armseligen Orte? fragte sie ungeduldig. Können wir nicht ein wenig frische Luft schöpfen und der Belästigung durch fremde Gesichter entgehen?

—— Es ist vollkommen still, wenn wir eine halbe Stunde weit vom Hause weggehen, erwiderte der immer schlagfertige Hauptmann.

—— Sehr gut. Kommen Sie also mit fort.

Mit einem matten Seufzer nahm sie ihren Strohhut und ihren leichten Musselinüberwurf von dem Seitentischchen, auf welches sie dieselben beim Hereintreten geworfen hatte. Hauptmann Wragge folgte ihr zum Gartenthore, blieb aber dann stehen, wie von einem neuen Gedanken ergriffen.

—— Entschuldigen Sie, flüsterte er vertraulich. Bei dem gegenwärtigen Zustande der Unwissenheit meiner Frau thun wir wohl nicht gut, sie so ohne Weiteres mit dem neuen Dienstmädchen allein im Hause zu lassen. Ich will sie insgeheim einschließen, für den Falls, daß sie aufwacht, ehe wir zurückkommen »Besser bewahrt, als beklagt« [sure bind, sure find.] —— Sie kennen ja den Spruch! Ich werde in einem Augenblicke wieder bei Ihnen sein.

Er eilte ins Haus zurück, und Magdalene setzte sich auf die Gartenmauer, um seine Rückkehr abzuwarten.

Sie hatte kaum diese Stellung angenommen, als zwei mit einander gehende Herren, deren Näherkommen auf der Landstraße sie vorher nicht bemerkt hatte, dicht an ihr vorüberkamen.

Die Tracht des einen der beiden Fremden zeigte an, daß er ein Geistlicher war. Die Lebensstellung seines Gefährten dagegen war für einen gewöhnlichen Beobachter nicht eben leicht zu unterscheiden. Geübte Augen würden wahrscheinlich an seinem Aussehen, seinem Auftreten und seinem Gange zur Genüge erkannt haben, daß er ein Seemann war. Er war ein Mann in der Vollkraft des Lebens, groß gewachsen, mager und muskulös, sein Gesicht zu einem tiefen Braun verbrannt, sein schwarzes Haar eben erst ins Graue spielend, seine Augen dunkel, tief und fest, die Augen eines Mannes von eiserner Entschlossenheit, gewohnt zu befehlen. Von den Beiden war er Magdalenen der Nächste, als er und sein Freund an der Stelle vorübergingen, wo sie saß, und er sah sie auf einmal betroffen über ihre Schönheit mit offener, herzlicher und unverstellter Bewunderung an, die zu aufrichtig war und ersichtlich zu unwillkürlich bei ihm zur Erscheinung kam, als daß man sie hätte für unverschämt halten können, —— und doch hielt sie Magdalene in ihrer augenblicklichen Stimmung dafür. Sie fühlte, wie des Mannes entschlossene schwarze Augen plötzlich wie Blitzstrahlen auf sie fielen, warf ihm einen finsteren Blick zu, wandte das Haupt weg und sah nach dem Hause hinter sich.

Den nächsten Augenblick blickte sie sich wieder um, um zu sehen, ob er gegangen wäre. Er war allerdings ein paar Schritte vorwärts gegangen, dann offenbar stehen geblieben und machte nun dieselbe Bewegung wie sie, um sie noch ein Mal anzusehen. Sein Gefährte, der Geistliche, bemerkte, daß Magdalene dem Anscheine nach verletzt war, nahm ihn daher vertraulich beim Arme und zwang ihn halb im Scherz, halb im Ernste mit fortzugehen. Beide verschwanden um die Ecke des nächsten Hauses. Als sie darum bogen, hielt der sonnverbrannte Seemann erst noch zwei Mal seinen Gefährten an und schaute noch zwei Mal zurück.

—— Ein Freund von Ihnen? fragte Hauptmann Wragge, der eben zu Magdalenen trat.

—— Durchaus nicht, erwiderte sie, ein ganz fremder Mensch. Er sah mich mit der unverschämtesten Art an. Ist er aus dem Orte?

—— Ich werde es augenblicklich herausbekommen, sagte der gefällige Hauptmann, machte sich an die Gruppe Bootsleute und richtete seine Fragen rechts und links mit der leichten Vertraulichkeit, die ihm trefflich eigen war.

Er kam in wenig Minuten mit einem ganzen Schatz von Ermittelungen zurück. Der Geistliche war wohlbekannt als der Pfarrer eines wenige Meilen landeinwärts gelegenen Ortes. Der dunkle Mann bei ihm war der Bruder seiner Frau, Capitän eines Handelsschiffes. Er blieb, glaubte man, als Gast nur auf kurze Zeit bei seinen Verwandten, indem er sich auf eine neue Reise vorbereitete. Der Name des Geistlichen war Strickland, und der Capitän hieß Kirke, das war Alles, was die Bootsleute über Beide zu sagen wußten.

—— Es ist einerlei, wer sie sind, warf Magdalene hin. Die Ungebildetheit des Mannes verletzte mich einen Augenblick. Wir sind nun fertig mit ihm. Ich habe an etwas Anderes zu denken, und Sie ebenfalls. Wo ist die einsame Promenade, welche Sie eben erwähnten? Welchen Weg schlagen wir ein?

Der Hauptmann zeigte nach Mittag auf Slaughden hin und bot seinen Arm an.

Magdalene zögerte, ehe sie ihn nahm. Ihre Augen wanderten forschend nach Noël Vanstones Hause hin. Er war im Garten draußen und schritt auf dem kleinen Rasenecke hin und her, das Haupt hoch emporgerichtet, und Mrs. Lecount bediente ihn feierlich, mit ihres Herrn grünem Fächer in der Hand. Als Magdalene Dies sah, nahm sie sofort des Hauptmanns rechten Arm, um so recht nahe an den Garten zu kommen, wenn sie aus ihrem Wege daran vorüber gingen.

—— Die Augen unserer Nachbarn sind auf uns gerichtet, und das Geringste, das Ihre Nichte thun kann, ist Ihren Arm nehmen, sagte sie mit bitterem Lachen. Kommen Sie! Lassen Sie uns vorwärts gehen!

—— Sie sehen her, flüsterte der Hauptmann. Soll ich Sie Mrs. Lecount vorstellen?

—— Heute Abend nicht, antwortete sie. Warten Sie und hören Sie erst, was ich Ihnen zunächst zu sagen habe.

Sie kamen an der Gartenmauer Vorüber. Hauptmann Wragge nahm seinen Hut mit einem pfiffigen Schwenken ab und erhielt von Mrs. Lecount eine anmuthige Verbeugung zur Erwiderung. Magdalene sah, wie die Haushälterin ihr Gesicht, ihre Gestalt und ihre Kleidung mit jenem widerwilligen Interesse, jener mißtrauischen Neugier musterte, welche Frauen bei ihrer gegenseitigen Beobachtung zu empfinden pflegen. Als sie über das Haus hinaus gingen, drang die scharfe Stimme von Noël Vanstone durch die Abendstille zu ihnen herüber.

—— Ein schönes Mädchen, Lecount, hörte sie ihn sagen. Sie wissen, ich bin ein Kenner in diesem Artikel, —— ein schönes Mädchen!

Als diese Worte gesprochen wurden, blickte sich Hauptmann Wragge in plötzlicher Ueberraschung nach seiner Gefährtin um. Ihre Hand zitterte heftig auf seinem Arme, und ihre Lippen waren fest geschlossen mit dem Ausdruck eines unsäglichen Schmerzes.

Langsam und schweigend wandelten die Beiden dahin, bis sie das südliche Ende der Häuser erreichten und in eine kleine Wildniß von Ufersteinen und verdorrtem Grase, das öde Ende von Aldborough, der einsame Anfang von Slaughden, kamen.

Es war ein schwüler, windstiller Abend. Im Osten die graue Majestät des Meeres in athemloser Ruhe, der Saum des Horizonts unvermerkt in die eintönige nebelige Luft verschwimmend, und die Schiffe in Schatten gehüllt still und ruhig daliegend auf der gleichfalls ruhigen See. Im Süden hoben sich der hohe Rücken des Seedammes und das grimmig dräuende Gemäuer jenes Wartthurmes [Wartthurm, im Original steht martello. So hießen an den Küsten des Mittelmeeres die gegen die Einfälle der Seeräuber errichteten Wachthürme, von denen in Nothzeiten wohl die Lärmglocke ertönte oder Feuersignale gegeben wurden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts hat man auch die an den englischen Küsten gegen etwaige feindliche Landungen der Franzosen erbauten Thürme so genannt. W.] hoch empor auf seinem grasbewachsenen Unterbau und schlossen die Aussicht auf Alles, was dahinter lag, dunkel ab. Im Westen glühte ein düster funkelnder Streifen des Sonnenuntergangs in rothem Feuer an dem düster verhüllten Himmel, ließ die Bäume an den fernen Grenzen des großen binnenländischen Marschlandes dunkel und die kleinen glitzernden Wasserlachen als Blutlachen erscheinen. Näher dem Beschauer floß das träge Wasser des kleinen Flusses Alden geräuschlos aus seinem schlammigen Bette, und noch näher lag einsam und trübselig nach der bleichen Wasserseite hin der verlassene kleine Hafen von Slaughden mit seinen verlassenen Werften und Lagerhäusern. Von faulendem Holz und seinen wenigen verstreuten Küstenfahrzeugen, welche verlassen dalagen an dem schlammigen Flußufer. Kein Wellenschlag war hörbar am Gestade, kein Plätschern ließ sich von dem träge einherschleichenden Strome vernehmen. Dann und wann tönte der Schrei eines Seevogels aus der Gegend der Marsch herüber, und in Zwischenräumen drang von Pachthöfen fern in der Ebene des Binnenlandes das schwache Hörnerrufen der Hirten, um die Heerden heimzutreiben, traurig durch die Abendstille her.

Magdalene zog ihre Hand aus dem Arme des Hauptmanns und ging den Weg nach dem Erdaufwurfe des Wartthurmes.

—— Ich bin müde vom Gehen, sagte sie. Lassen Sie uns hier Halt machen und ausruhen. Sie setzte sich auf den Abhang und stützte sich auf ihren Ellnbogen, rupfte gedankenlos die Grasbüschel aus, die sich unter ihrer Hand befanden und warf sie in die Luft.

Als sie einige Minuten damit hingebracht hatte, wandte sie sich plötzlich zu Hauptmann Wragge.

—— Waren Sie von mir überrascht? fragte sie mit abgerissener Heftigkeit Finden Sie mich verändert?

Geleitet von dem richtigen Gefühl, das ihn stets begleitete, wußte nun der Hauptmann sogleich, daß die Zeit gekommen sei, wo er offen mit ihr zu reden und die Redeblumen für eine bessere Gelegenheit zu sparen hätte.

—— Wenn Sie die Frage stellen, muß ich sie beantworten, erwiderte er. Ja, ich finde Sie verändert.

Sie rupfte wieder einen Grasbüschel aus.

—— Sie werden hoffentlich den Grund errathen? fragte sie.

Der Hauptmann hütete sich wohlwe1slich, zu sprechen. Er antwortete nur mit einer Verbeugung.

—— Ich habe alle Rücksicht auf mich selbst verloren, fuhr sie fort und riß rasch und immer rascher an den Grasbüscheln. Wenn ich Ihnen nur so viel sage, heißt das vielleicht nicht viel; aber es mag Ihnen dazu verhelfen, mich zu verstehen. Es giebt Dinge, welche ich zu einer gewissen Zeit nimmermehr gethan hätte, und hätte es mir das Leben gekostet, Dinge, an die nur zu denken mich schaudern gemacht hätte. Jetzt kümmert es mich nicht, ob ich sie thue oder nicht. Ich bin mir selbst Nichts mehr, ich habe für mich selbst nicht mehr Interesse, als für diese Hand voll Gras. Ich werde wohl Etwas eingebüßt haben was ist es? Das Herz? Das Gewissen? Ich weiß es nicht. Wissen Sie es? Welchen Unsinn spreche ich da! Wen geht es an, was ich verloren habe? Es ist vorbei damit, und dadurch ist es auch aus. Ich glaube, mein Aeußeres ist noch mein Bestes, und das bleibt mir um jeden Preis. Ich habe mein gutes Aussehen nicht verloren, nicht wahr? Richtig, richtig! Brauchen mir nicht zu antworten, sich nicht anzustrengen, mir Höflichkeiten zu sagen. Ich bin ja heute Gegenstand der Bewunderung gewesen. Zuerst für den Seemann und dann für Mr. Noël Vanstone —— wahrlich genug für die Eitelkeit jedes weiblichen Wesens. Habe ich ein Recht, mich ein Weib zu nennen? Vielleicht nicht, ich bin noch ein Kind, das die Zähne bekommt. Ach weh mir, ich fühle, als wenn ich in den Vierzigen wäre!

Sie streute die letzten Grashalme in die Lüfte, wandte dann dem Hauptmanne den Rücken zu und ließ ihr Haupt sinken, bis ihre Wangen die Rasenbank berührten.

—— Sie fühlt sich so sanft und lieb an, sagte sie, indem sie sich anschmiegte, mit einer verzweifelten Zärtlichkeit, die schrecklich anzusehen war. Sie wirft mich nicht von sich. O Mutter Erde, Du einzige Mutter, die mir übrig blieb!

Hauptmann Wragge schaute sie an in sprachlosem Erstaunen. Die Erfahrungen über das Menschenherz, die er besaß, waren nicht im Stande, die Tiefe der entsetzlichen Selbsterniedrigung zu ermessen, welche in jenen ungestümen Worten sich Luft gemacht hatte, Worte, welche sie nun schnell zu noch ungestümeren Thaten hintrieben.

—— Verteufelt wunderlich! dachte er bei sich und wurde unruhig. Hat der Verlust ihres Geliebten ihr den Verstand geraubt?

Er bedachte sich noch eine Weile, und dann redete er sie an.

—— Lassen sie Das bis morgen, schlug der Hauptmann Vertraulich vor. Sie sind heute Abend ein wenig abgespannt. Keine Uebereilung, mein theures Kind, keine Uebereilung!

Sie erhob ihr Haupt den Augenblick wieder und sah sich um mit derselben gereizten Entschlossenheit, mit derselben verzweifelten Selbstverachtung, welche er auf ihrem Gesicht an dem denkwürdigen Tage zu York gesehen hatte, wo sie zum ersten Male vor ihm Komödie spielte.

—— Ich kam hierher, um Ihnen zu sagen, was ich im Sinne habe; sprechen Sie, und ich will es sagen!

Sie setzte sich wieder aufrecht auf den Abhang und sah, indem sie ihre Knie umklammern, unverwandt und gerade vor sich in die langsam sich verdunkelnde Landschaft hinaus.

In jener seltsamen Stellung blieb sie, bis sie sich gefaßt hatte, dann redete sie den Hauptmann folgendermaßen an, ohne den Kopf zu wenden, um sich nach ihm umzusehen:

—— Als wir Beide uns zum ersten Male begegneten, begann sie in abgerissenen Tönen, bemühte ich mich mit aller Macht, meine Gedanken zu verbergen. Ich weiß seit dieser Zeit genug, um zu sehen, wie ich mich vergeblich bemühte. Als ich Ihnen zu York zum ersten Male sagte, daß Michael Vanstone uns zu Grunde gerichtet habe, ahnten Sie, glaube ich, selbst, daß ich zugleich entschlossen war, Dies nicht zu ertragen. Ob Sie es wirklich ahnten, ob nicht —— es ist so. Ich verließ meine Freunde mit jenem Entschlusse in der Seele, und ich fühle ihn jetzt stärker, zehn Mal stärker als je in mir aufleben.

—— Zehn Mal stärker als je, wiederholte der Hauptmann. Ganz richtig, die natürliche Folge der Festigkeit des Charakters.

—— Nein. Die natürliche Folge davon, daß ich an nichts Anderes mehr zu denken habe. Ich hatte allerdings ein Mal noch an etwas Anderes zu denken, bevor Sie mich auf der Vauxhallpromenade erkrankt fanden. Jetzt habe ich an nichts Anderes zu denken. Vergessen Sie das nicht, damit Sie es wissen, wenn Sie mich mein Lied in Zukunft immer auf derselben Saite spielen hören. Zuerst eine Frage. Ahnten Sie, was ich zu thun vorhatte, an jenem Morgen, wo Sie mir die Zeitung zeigten und als ich die Nachricht von Michael Vanstones Tod las?

—— Im Allgemeinen, versetzte Hauptmann Wragge, ahnte ich so Etwas, im Allgemeinen, daß Sie vorhätten, Ihre Hand in seinen Beutel zu stecken und wie es ganz in der Ordnung wäre —— sich daraus zu nehmen, was Ihr Eigenthum wäre. Ich fühlte mich damals tief verletzt dadurch, daß Sie mir nicht erlaubten, Ihnen Beistand zu leisten. Warum ist sie so zurückhaltend gegen mich, dachte ich bei mir selbst; warum ist sie so ohne allen Grund zurückhaltend?

—— Sie sollen sich von jetzt an nicht mehr über Zurückhaltung zu beklagen haben, fuhr Magdalene fort. Ich sage es Ihnen offen, wenn die Ereignisse nicht so gekommen wären, wie sie gekommen sind, so würden Sie mir allerdings Beistand geleistet haben. Wenn Michael Vanstone nicht gestorben wäre, so würde ich nach Brighton gegangen sein und unter einem angenommenen Namen sicher meinen Weg, um mit ihm bekannt zu werden, gefunden haben. Ich hatte Geld genug bei mir, um einige Monate mit Ihnen recht anständig leben zu können. Ich würde diese Zeit angewandt, ich würde, wenn nöthig, ein ganzes Jahr gewartet haben, um Mrs. Lecounts Einfluß auf ihn zunichte zu machen, und ich würde endlich diesen Einfluß auf meine Art in meine Hände bekommen haben. Ich hatte den Vortheil des Alters voraus, den Vortheil der Neuheit, den Vortheil unentwegbarer Verzweiflung für mich, und ich würde gesiegt haben. Ehe das Iahr zu Ende gewesen, ehe das Halbjahr verflossen wäre, würden Sie Mrs. Lecount von ihrem Herrn entlassen gesehen haben, würden Sie erlebt haben, wie ich ins Haus aufgenommen worden wäre an ihrer Stelle, als Michael Vanstones angenommene Tochter, als die treue Freundin, welche ihn in seinen alten Tagen Vor einer Abenteuerin bewahrt hätte. Es haben Mädchen, die auch nicht älter waren als ich, anscheinend eben so verwegene Täuschungen versucht und sie bis zuletzt durchgeführt. Ich hatte meine Geschichte in Bereitschaft, hatte alle meine Pläne wohl erwogen; ich wollte auf meine Art die schwache Seite des alten Mannes angreifen, welche Mrs. Lecount schon vor mir für ihre Angriffe ausfindig gemacht hatte —— und ich sage Ihnen nochmals, ich würde meinen Zweck erreicht haben.

—— Ich denke Das auch, sagte der Hauptmann. Und wie weiter?

—— Mr. Michael Vanstone würde dann seinen Geschäftsführer gewechselt haben. Sie würden dessen Stelle eingenommen haben, und jene kühnen Speculationen, denen er sich so leidenschaftlich hingab, würden ihn um das Vermögen gebracht haben, das er erst meiner Schwester und mir geraubt hatte. Bis aus den letzten Heller, Hauptmann Wragge, so gewiß als Sie hier sitzen, bis auf den letzten Heller! Eine kühne Verschwörung, eine gewaltige Umgarnung, nicht wahr? Das kümmert mich wenig! Jede Verschwörung, jede Täuschung ist vor meinem Gewissen gerechtfertigt durch das elende Gesetz, das uns schutzlos gelassen hat. Sie sprachen eben noch von meiner Zurückhaltung. Habe ich die endlich abgeworfen? Habe ich mich endlich in der elften Stunde ausgesprochen?

Der Hauptmann legte seine Hand feierlich aufs Herz und ließ abermals einen seiner breitesten Redeergüsse los.

—— Sie erfüllen mein Herz mit unnützem Bedauern, sagte er. Wenn der Mann gelebt hätte, welch eine Ernte würde ich da von ihm gezogen haben! Welche ungeheuren Geschäfte in der »moralischen Landwirthschaft« würden mir da vergönnt gewesen sein als moderner Industrieritter hier zu machen! »Ars longa« sagte Hauptmann Wragge, mit Pathos einen gelehrten Anlauf nehmend, »vita brevis!« [Lang ist die Kunst, kurz das Leben. W.]. Lassen Sie uns eine Thräne weinen über die verpaßte Gelegenheit in der Vergangenheit und versuchen, was für Trost die Gegenwart uns bieten kann. Eine Folgerung steht mir klar Vor der Seele. Der Versuch, den Sie mit Mr. Michael Vanstone machen wollten, ist ganz ohne Aussicht, mein gutes Kind, in der Anwendung auf dessen Sohn. Sein Sohn ist unzugänglich für alle und jede Form der Verlockung mit Geld. Sie können sich auf mein heiliges Wort verlassen, fuhr der Hauptmann in der Erinnerung an die Antwort auf seine Anzeige in der »Times« zornig fort, wenn ich Ihnen mittheile, daß Mr. Noël Vanstone gerade heraus gesagt die gemeinste Geldseele der Christenheit ist.

—— Ich kann mich auf meine eigene Erfahrung eben so gut verlassen, sagte Magdalene; ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, ich kenne ihn besser als Sie. Noch eine Enthüllung, Hauptmann Wragge, für Sie ganz besonders! Ich schickte Ihnen gewisse Kleidungsstücke zurück, nachdem sie den Dienst geleistet, um deswillen ich sie nach London mitgenommen hatte. Mein Vorhaben war, mir verkleidet Zutritt zu Noël Vanstone zu verschaffen und mit eigenen Augen Mrs. Lecount und ihren Herrn anzusehen. Ich habe meinen Zweck erreicht und sage Ihnen noch ein Mal, ich kenne die beiden Leute in dem Hause drüben, mit denen ich zu thun hatte, besser als Sie.

Hauptmann Wragge drückte das höchliche Erstaunen aus und that die unschuldigen Fragen, welche ungefähr der Gemüthsverfassung einer völlig überraschten Person entsprachen.

—— Gut, begann er, als Magdalene ihm kurz geantwortet hatte, und welches ist der Eindruck auf Ihr Gemüth? Es muß doch ein Eindruck erfolgt sein, sonst wären wir nicht hier. Sie wissen Ihren Weg? Beiläufig, liebes Kind, wissen Sie wirklich Ihren Weg?

—— Ja, versetzte sie rasch; ich weiß meinen Weg.

Der Hauptmann rückte ein wenig näher an sie heran mit gespannter Neugier in jedem Zuge seines Vagabundengesichts.

—— Fahren Sie fort, flüsterte er mit ersichtlicher Spannung. Ich bitte Sie, fahren sie fort.

Sie schaute gedankenvoll in die sie umhüllende Finsterniß, ohne zu antworten, ohne dem Anscheine nach ihn gehört zu haben. Ihre Lippen schlossen sich fest zusammen, und ihre geschlungenen Hände klammerten sich unwillkürlich fester um ihre Sehne.

—— Die Thatsache läßt sich nun einmal nicht hinwegleugnen, sagte Hauptmann Wragge, indem er sie vorsichtig zum Sprechen reizen wollte, ——— der Sohn ist schwieriger zu behandeln, denn der Vater . . .

—— Nicht aus meine Art und Weise, unterbrach sie ihn plötzlich.

—— Wirklich? meinte der Hauptmann. Gut! Man sagt, es giebt einen nächsten Weg für jedes Ding, wenn wir nur lange genug suchen, ihn zu finden. Sie haben, glaube ich, lange genug gesucht, und die natürliche Folge davon ergiebt sich von selbst —— Sie haben ihn gefunden.

—— Ich habe mir keine Mühe gegeben, ihn zu suchen; ich habe ihn, ohne zu suchen, gefunden.

— Da haben Sie ja den Trumpf getroffen! schrie Hauptmann Wragge in großer Verwirrung. Liebes Kind, führt mich denn meine Ansicht von Ihrer gegenwärtigen Lage aber auch immer und ewig auf den Holzweg? Wenn ich recht verstehe, so ist da Mr. Noël Vanstone im Besitze von Ihrem und Ihrer Schwester Vermögen, wie sein Vater —— und ist entschlossen, es festzuhalten, gerade wie sein Vater?

—— Allerdings.

—— Und da sind Sie vollständig außer Stande, es durch gute Worte zu bekommen; vollständig außer Stande, es auf dem gerichtlichen Wege zu erhalten, —— und Sie wären wirklich ihm gegenüber eben so fest entschlossen, als Sie seinem Vater gegenüber waren, es wider seinen Willen durch List zu gewinnen?

—— Eben so fest entschlossen? Nicht um des Geldes wegen, wohl zu bemerken! Um des Rechtes wegen.

—— Gut also. Und die Mittel, um zu diesem Ihren Rechte zu gelangen, welche bei dem Vater, der nicht ein Geizhals war, schwierig waren, wären bei dem Sohne, welcher allerdings ein solcher ist, leicht für Sie?

—— Aeußerst leicht.

—— Geben Sie mir es schriftlich, daß ich ein Esel bin, zum ersten Male! schrie des Hauptmann, dem die Geduld riß. Lassen Sie mich hängen, wenn ich weiß, was Sie wollen!

Sie sah sich nach ihm zum ersten Male wieder um und blickte ihm gerade und fest ins Angesicht.

—— Ich will Ihnen sagen, was ich vorhabe, sprach sie. Ich habe vor, ihn zu heirathen ——.

Hauptmann Wragge fuhr in die Höhe und blieb versteinert vor Erstaunen stehen.

—— Merken Sie auf, was ich Ihnen sagte, sprach Magdalene, indem sie wieder wegsah. Ich habe alle Rücksicht auf mich selbst verloren. Ich habe jetzt nur noch einen Zweck im Leben, und je eher ich denselben erreiche und —— sterbe, desto besser. Wenn . . .

Sie hielt inne, änderte ihre Stellung ein wenig und deutete mit der einen Hand auf den schnell abfließenden Strom unterhalb ihrer Füße, welcher düster in dem dunkelnden Zwielicht schimmerte.

—— Wenn ich noch gewesen wäre, was ich einstens war, so würde ich mich in jenen Fluß gestürzt haben, ehe ich gethan hätte, was ich jetzt zu thun vorhabe. Wie es jetzt steht, kümmert es mich nicht mehr; ich plage meine Seele nicht mehr mit Bedenklichkeiten. Der nächste Weg, der schlimme Weg liegt vor mir. Den schlage ich ein, Hauptmann Wragge, und heirathe ihn.

—— und wollen Ihn gänzlich in Unwissenheit erhalten, wer Sie sind? sagte der Hauptmann, erhob sich langsam auf die Füße und wandte sich langsam um, ihr ins Gesicht zu sehen. Wollen ihn heirathen als meine Nichte —— Miss Bygrave?

—— Als Ihre Nichte, Miss Bygrave.

—— Und nach der Vermählung ——?

Seine Stimme zitterte, als er die Frage begann, und er ließ sie unvollendet.

—— Nach der Vermählung, sagte sie, brauche ich Ihren Beistand nicht mehr.

Der Hauptmann verneigte sich, als sie ihm jene Antwort gab, sah sie scharf an und fuhr dann plötzlich zurück, ohne ein Wort vorbringen zu können. Er ging einige Schritte hinweg und setzte sich dann mürrisch aufs Gras nieder. Wenn Magdalene sein Gesicht gesehen hätte bei dem schwindenden Lichte, so würde sie dasselbe betroffen gemacht haben; Zum ersten Male vielleicht seit seiner Knabenzeit hatte Hauptmann Wragge die Farbe gewechselt. Er war todtenbleich.

—— Haben Sie mir Nichts zu sagen? fragte sie. Vielleicht warten Sie darauf, zu hören, welche Bedingungen ich Ihnen zu bieten habe? Meine Bedingungen sind folgende: Ich zahle alle Auslagen hier und, wenn wir uns trennen, am Tage der Vermählung, erhalten Sie eine Abschiedsschenkung von zweihundert Pfund mit auf den Weg. Versprechen Sie mir Ihren Beistand unter diesen Bedingungen?

—— Was soll ich dabei thun? fragte er mit einem verstohlenen Blicke auf sie und einem plötzlichen Mißtrauen in seiner Stimme.

—— Sie sollen meinen und Ihren angenommenen Charakter bewahren, antwortete sie, und müssen alle Nachforschungen von Mrs. Lecount nach meinem wirklichen Namen vereiteln. Mehr verlange ich nicht. Für das Uebrige bin ich verantwortlich, nicht Sie.

—— Ich habe also Nichts zu schaffen mit Dem, was vorfällt —— zu irgend einer Zeit oder an einem Orte, nach der Vermählung?

—— Nicht das Geringste.

—— Ich kann Sie an der Kirchthüre verlassen, wenn mirs beliebt?

—— An der Kirchthüre mit Ihrem Solde in der Tasche.

—— Bezahlt von dem Gelde, das Sie selbst besitzen?

—— Natürlich; womit sollte ich sonst bezahlen?

Hauptmann Wragge nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit dem Taschentuche übers Gesicht mit erheiterter Miene.

—— Geben Sie mir einen Augenblick Zeit zur Ueberlegung, sagte er.

—— So lange Sie wollen, versetzte sie, indem sie auf der Bank in ihre frühere Stellung zurücksank und zu ihrer früheren Beschäftigung zurückkehrte: wieder Grasbüschel herauszog und in die Luft warf.

Die Betrachtungen des Hauptmanns waren keineswegs dadurch verwickelt, daß sie von der Erwägung seiner eigenen Lage unnöthig abgeschweift wären zur Erwägung der Lage Magdalenens. Ganz unfähig, das ihr durch Franks ehrlosen Wortbruch widerfahrene Unrecht zu würdigen, —— ein Unrecht, das ihr mit einem einzigen herben Schlage die Hoffnung geraubt hatte, welche, obschon nur ein schöner Wahn, doch die treibende Kraft ihres Lebens gewesen war, —— nahm der Hauptmann die einfache Thatsache ihrer Verzweiflung gerade so hin, wie er sie fand, und sah dann geraden Wegs auf die Folgen des Vorschlags hin, den sie ihm gemacht hatte.

In der Aussicht vor der Verheirathung sah er weiter nichts Verfängliches, als die Ausführung einer Täuschung welche in nicht erheblicher Weise, es sei denn etwa in Absicht des dadurch erreichten Zweckes, verschieden war von den Täuschungen, welche sein Vagabundenleben ihn schon längst auszudenken und auszuführen gewöhnt hatte. In der Aussicht nach der Verheirathung entdeckte er durch das unheilverkündende Dunkel der Zukunft in düsteren Umrissen die lauernden Schreckbilden Entsetzen und Verbrechen, und dahinter die schwarzen Abgründe: Untergang und Tod. Ein Mann von unbegrenzter Kühnheit und Gewandtheit in seinem geringen, beschränkten Kreise, war der Hauptmann über diesen Kreis hinaus eben so demüthig und unterwürfig gegen die Majestät des Gesetzes, als der harmloseste Staatsbürger auf Erden, so vorsichtig betreffs seiner eigenen persönlichen Sicherheit, als der ausgemachteste Feigling, den je die Sonne beschien. Aber eine ernste Frage erfüllte jetzt sein Gemüth. Konnte er unter den ihm gebotenen Bedingungen an dem gegen Noël Vanstone angesponnenen Anschlage bis zu dem Punkte der Vollziehung der Ehe Theilnehmen und sich dann davon machen, ohne Gefahr, sich in die Folgen zu verwickeln, welche, wie seine Erfahrung ihm lehrte, sich daraus mit Gewißheit ergeben mußten?

So seltsam es auch klingen mag, sein Entschluß bei diesem Schritte wurde hauptsächlich durch keine geringere Person denn Mr. Noël Vanstone selbst beeinflußt. Der Hauptmann hätte vielleicht dem Gelderbieten widerstanden, das Magdalene ihm that; denn der Gewinn der »Unterhaltung« hatte seine Taschen mit dem mehr denn dreifachen Betrage der zweihundert Pfund gefüllt. Aber die Aussicht, im Finstern dem Manne einen Schlag zu versetzen, der seine Mittheilung und ihn selbst im Werthe einer Fünfpfundnote geschätzt hatte, erwies sich stärker als seine Vorsicht und seine Selbstbeherrschung.

Auf dem kleinen neutralen Boden der Selbstabschätzung sind die besten und die schlechtesten Männer einander gleich. Hauptmann Wragges Unwillen, als er die Antwort auf seine Mittheilung sah, wurde nicht etwa gemildert durch einen Rückblick auf seine eigene Führung. Er war so tödtlich verletzt, so gründlich aufgeregt, als wenn er ein ganz ehrenwerthes Anerbieten gemacht und nun zum Dank eine persönliche Beleidigung dafür erhalten hätte. Er war von diesem Groll zu sehr erfüllt gewesen, als daß er ihn aus seinem ersten Briefe an Magdalene hätte weglassen können. Er hatte sich bei jeder folgenden Gelegenheit, wenn Noël Vanstones Name genannt worden war, mehr oder weniger vergessen. Und jetzt bei der endlichen Entscheidung über den Weg, den er einschlagen sollte, stand das Motiv des Geldgewinnes —— man sagt damit nicht zu viel —— zum ersten Male in seinem Leben in zweiter Linie, und das Motiv der Bosheit trug den Sieg davon.

—— Ich nehme die Bedingungen an, sagte Hauptmann Wragge, indem er sich flink auf seine Beine erhob, unterwerfe mich auch natürlich den zwischen uns vereinbarten Verabredungen. Wir trennen uns am Hochzeitstage. Ich frage nicht, wohin Sie gehen, Sie fragen nicht, wohin ich gehe. Von jener Zeit an sind wir geschiedene Leute.

Magdalene erhob sich langsam von dem Rasenabhange. Eine verzweiflungsvolle Niedergeschlagenheit, eine trübe Verzagtheit zeigte sich in Blick und Wesen. Sie wies die dargebotene Hand des Hauptmanns zurück, und ihre Stimme, als Sie ihm antwortete, war so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

—— Wir sind einverstanden, sagte sie; —— und nun können wir zurückgehen. Sie können; mich morgen Mrs. Lecount vorstellen.

—— Ich muß erst noch einige Fragen thun, sagte der Hauptmann mit wichtiger Miene. Es sind mehr Gefahren in dieser Angelegenheit zu bestehen und mehr Fallstricke auf unserm Wege, als Sie zu vermuthen scheinen. Ich muß die ganze Geschichte Ihres Frühbesuches bei Mrs. Lecount wissen, bevor ich Sie und jene Frau mit einander ins Gespräch bringen kann.

—— Warten Sie bis morgen, brach sie ungeduldig heraus. Machen Sie mich heute Abend nicht toll durch Fragen darüber.

Der Hauptmann sagte Nichts weiter. Sie kehrten nach Aldborough um und gingen langsam heim.

Während der Zeit, daß sie die Häuser erreichten, hatte die Nacht sie überrascht. Weder Mond noch Sterne waren sichtbar. Eine schwache geräuschlose Brise, die vom Lande her wehte, hatte sich mit einbrechender Dunkelheit erhoben. Magdalene hielt auf der, einsamen Promenade inne, Um die Luft freier einzuathmen. Nach einiger Zeit wandte sie ihr Gesicht von der Brise weg und schaute nach dem Meere hinüber. Das unermeßliche Schweigen der ruhigen Gewässer, welche sich in der schwarzen Leere der Nacht verloren, war, erhaben. Sie stand» still und blickte in das Dunkel, als wenn seine Geheimnisse für sie erschlossen wären; sie ging langsam darauf zu, als wenn sie durch Unsichtbare Mächte hineingezogen würde.

—— Ich gehe ein Mal zur See hinunter, sagte sie zu ihrem Gefährten. Warten Sie hier, ich werde zurückkommen.

Er verlor sie in einem Augenblicke aus dem Gesichte; es war, als ob die Nacht sie verschlungen hätte. Er lauschte, zählte ihre Schritte nach dem Rascheln derselben auf dem Steingerölle in der tiefen Stille. Sie entfernten sich langsam weiter und weiter hinaus in die Nacht. Plötzlich hörte der Klang derselben auf. Ruhte sie jetzt auf ihrem Wege aus, oder hatte sie einen der Sandstreifen erreicht, welche von der Ebbe unbedeckt gelassen waren?

Er wartete und lauschte ängstlich. Die Zeit verging, und kein Ton drang zu ihm her. Er lauschte mit wachsendem Mißtrauen wegen der Finsterniß. Einen Augenblick später, und es kam ein Ton von dem unsichtbaren Ufer herauf. Schwach und fern von dem Gestade drunten schallte ein langer Schrei klagend durch die Stille. Dann war Alles wieder still.

In plötzlicher Unruhe schritt er vorwärts, um zu dem Ufer hinabzusteigen und sie zu holen. Ehe er über den Weg gehen konnte, drangen plötzlich eilende Schritte an sein Ohr. Er wartete einen Augenblick —— da ging plötzlich die Gestalt eines Mannes rasch des Weges entlang zwischen ihm und der See. Es war zu dunkel, um etwas vom Gesichte des Fremden zu schauen, es war nur möglich, zu erkennen, daß es ein großer Mann war, so groß wie jener Seemann von der Handelsflotte, dessen Name Kirke war.

Die Gestalt ging nordwärts und war augenblicklich dem Gesichte entschwunden. Hauptmann Wragge ging über den Weg, that einige Schritte das Gestade hinunter, blieb stehen und lauschte wieder. Das Geräusch von Schritten auf den Steinen traf abermals sein Ohr. —— Langsam wie der Ton ihn verlassen hatte, kam derselbe auch wieder zurück. Er rief, um sie zu sich zu lenken. Sie kam heran, bis er sie erkennen konnte —— ein Schatten, der den steinigen Hang hinanstieg und in der Dunkelheit der Nacht riesig wuchs.

—— Sie machen mir Angst, flüsterte er mit bewegter Stimme; ich fürchtete schon, es wäre Ihnen ein Leid zugegoßen. Ich hörte Sie aufschreien, als wenn Sie Schmerzen hätten.

—— Wirklich? sagte sie gleichgültig. Ich hatte allerdings Schmerzen. Es thut Nichts, — es ist nun vorüber.

Ihre Hand schwenkte Etwas hin und her, als sie mit ihm sprach. Es war das kleine seidene Täschchen, welches sie immer bis zu dieser Zeit auf ihrem Busen verborgen getragen hatte. Eine von den in ihm enthaltenen Reliquien, die Reliquie, von welcher sie vorher nicht den Muth gehabt hatte, sich zu trennen, war daraus für immer fort. Einsam an einem fremden Gestade hatte sie von sich gerissen das geliebteste ihrer Mädchenangedenken, die theuerste ihrer jungfräulichen Hoffnungen. Allein an einem fremden Gestade hatte sie die Locken von Franks Haar von ihrem einst so heiligen Platze genommen und hatte sie von sich geschleudert, hinaus in die See und das Dunkel! ——


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