Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Namenlos



Siebentes Buch.

Zu Aldborough in Suffolk.

Erstes Capitel.

Die auffallendste Erscheinung, welche sich dem Fremden an den Küsten von Suffolk darbietet, ist die außerordentliche Schutzlosigkeit des Landes gegen die Verwüstungen der See.

In Aldborough sind die Ueberlieferungen des Orts wie anderwärts an dieser Küste meistentheils solche, welche buchstäblich sich in dunkler Meerestiefe verlieren. Die Lage der alten Stadt, einst ein lebhafter und blühender Hafenplatz, ist fast ganz in der See verschwunden. Die Nordsee hat Straßen, Marktplätze, Dämme und Promenaden hinweggeschwemmt, und die unbarmherzigen Wogen schlossen sich zur Vollendung ihres Zerstörungswerkes vor nicht länger als achtzig Jahren über dem Häuschen des Salzmeisters zu Aldborough, welches jetzt nur noch in der Erinnerung lebt als die Geburtsstätte des Dichters Crabbe.

Jahr für Jahr mehr zurückgedrängt von den vorrückenden Wogen, haben sich die Einwohner im gegenwärtigen Jahrhundert auf das letzte Stück Land zurückgezogen, welches fest genug ist, um angebaut werden zu können, ein Streifen Boden, welcher eingedämmt liegt zwischen einer Marsch auf der einen und dem Meere auf der andern Seite. Hier hat die Bevölkerung von Aldborough die Sicherheit ihrer Zukunft einigen Sandhügeln anvertraut, welche die Laune der Wellen aufgeworfen hat, wie um ihnen Muth zu machen, und kühnlich ihren netten kleinen Badeort errichtet. Das erste Stück ihrer Besitzungen von Land ist ein niedriger, natürlicher Damm von Kieselsteinen, über welchen ein öffentlicher Spaziergang liegt und gleichlaufend mit der See sich erstreckt. Diesen Spaziergang begrenzen in oft unterbrochener und ungleicher Linie die Sommerwohnungen des heutigen Aldborough, romantische kleine Häuser, die meistens in ihren eigenen Gärten stehen und hier und da als Gartenzier starrende Schiffsbilder haben, welche die Stelle von Bildsäulen unter den Blumen vertreten.

Von dem niederen Standort dieser Villen aus gesehen erscheint das Meer bei gewissen Zuständen der Luft höher als das Land, Küstenschiffe, die da heran segeln, nehmen riesige Verhältnisse an und sehen beunruhigend für die Fenster aus. Mit diesen kostbaren Häusern sind aber auch Gebäude von anderer Gestalt und Geschichte vermischt. Nach der einen Seite zu steht das kleine Rathaus des alten Aldborough, damals der Mittelpunct des verschwundenen Hafens und Fleckens, jetzt gegenüber den modernen Villen hart am Rande des Meeres. An einem andern Puncte erhebt sich ein hölzerner Wachthurm, gekrönt auf seinen Zinnen mit dem Schiffsbilde eines zerschellten russischen Schiffes, hoch über die benachbarten Häuser, und durch sein Gitterfenster kann man ernste Männer in dunkler Tracht im höchsten Stockwerk sitzen sehen, welche beständig Wache halten —— die Piloten von Aldborough, welche von ihrem Thurme nach Schiffen spähen, die ihrer Hilfe bedürftig sind. Hinter der so bunt zusammengewürfelten Reihe Häuser läuft die einzige unregelmäßige Straße der Stadt mit ihren festen Lootsenhäusern, ihren baufälligen Schiffsniederlagen und den daran hängenden Verkaufsläden. Nach dem Nordende zu ist die Straße durch die einzige Bodenerhebung begrenzt, die über die ganze Marschlandfläche sichtbar ist, ein niedriger bewaldeter Hügel, auf dem die Kirche erbaut ist. Am entgegengesetzten Ende führt die Straße zu einem öden Martellothurm und zu der verlassenen abgelegenen Vorstadt Slaughden zwischen dem Flusse Alden und dem Meere. Dies sind die Hauptmerkmale dieses interessanten kleinen Vorpostens der Küsten von England, wie er sich in gegenwärtiger Zeit den Blicken darstellt.

An einem heißen und wolkenumzogenen Julinachmittage, als am zweiten Tage, der verflossen war, seit er an Magdalene geschrieben hatte, schlenderte Hauptmann Wragge durch das Thor der Nordstein-Villa, [Von den erwähnten Ufersteinen und angespülten Kieseln so genannt; im Englischen North Shingles Villa. W.] um die Ankunft der Kutsche abzuwarten, welche damals Aldborongh mit der Ostbahn (Eastern Countries Railway) verband. Er kam gerade an den ersten Gasthof im Orte, als die Kutsche anlangte, und stand an der Thür bereit, um Magdalene und Mrs. Wragge zu empfangen, als sie aus dem Wagen stiegen.

Die Art und Weise, wie Hauptmann Wragge seine Frau empfing, zeichnete sich durchaus nicht aus durch einen unnöthigen Aufwand Von Zeit. Er schaute mißtrauisch nach ihren Schuhen, erhob sich auf die Zehen und setzte ihren Hut mit scharfem Ruck zurecht, sagte ihr in lautem Flüstern: »Halt Deinen Mund!« und nahm während der ganzen Zeit keine Notiz von ihr. Sein Willkommen für Magdalene, welcher mit dem gewöhnlichen Wortschwall anhob, stockte plötzlich mitten in seinem ersten Satze. Hauptmann Wragges Auge war ein scharfblickendes, und er fand sofort in Blick und Wesen seines früheren Pfleglings Etwas heraus, das eine tiefe Veränderung anzeigte.

Es lag eine tiefe Ruhe auf ihrem Gesichte, welche, außer wenn sie sprach, dasselbe so todt und kalt wie Marmor erscheinen ließ. Ihre Stimme war sanfter und gleichmäßiger, ihr Auge ruhiger, ihr Gang langsamer geworden als sonst. Wenn sie lächelte, so kam und ging Dies plötzlich und zeigte ein kleines nervöses Zucken an dem einen Mundtwinkel, was vorher nie zu bemerken gewesen war. Sie hatte die größte Geduld mit Mrs. Wragge, sie behandelte den Hauptmann mit einer ihm an ihr ganz neu vorkommenden Artigkeit und Achtung, aber sie war theilnahmslos gegen Alles. Die merkwürdigen kleinen Läden in den hinteren Straßen, die mächtig hereinragende See, das alte Rathaus dicht am Ufer, die Lootsen, die Fischer, die vorübersegelnden Schiffe: all diese Gegenstände betrachtete sie so gleichgültig, als wenn Aldborough ihr von ihrer Kindheit auf vertraut gewesen wäre. Sogar als der Hauptmann das Gartenthor der Nordstein-Villa öffnete und sie mit stolzer Freude in das neue Haus einführte, sah sie es kaum mit einem Auge an. Die erste Frage, die sie that, bezog sich nicht auf ihre Wohnung, sondern auf die Noël Vanstone’s.

—— Wie weit wohnt er von uns? fragte sie mit dem einzig wahrnehmbaren Zeichen von Bewegung, das ihr bisher entschlüpft war.

Hauptmann Wragge antwortete dadurch, daß er auf das fünfte Haus von der Nordstein-Villa auf der Seite Aldboroughs, die nach Slaughden zu lag, zeigte. Magdalene wandte sich sofort von dem Gartenthore ab, als er die Lage angab, und ging vor sich hin weiter vor, um sich das Haus näher anzusehen.

Hauptmann Wragge sah ihr nach und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe.

—— Der Teufel halte mir den Herrn im Hintergrunde zurück, dachte er bei sich. Sie hat seinen Verlust noch immer nicht verschmerzt.

—— Darf ich nun sprechen? fragte eine furchtsame Stimme hinter ihm, welche sich demüthig von zehn Zoll oberhalb des Gipfels seines Strohhutes vernehmen ließ.

Der Hauptmann drehte sich um und stand seiner Frau gegenüber. Die mehr als gewöhnliche Verwirrung in ihrem Gesichte machte es ihm augenblicklich klar, daß Magdalene seine brieflichen Anweisungen nicht ausgeführt hatte und daß Mrs. Wragge in Aldborough angekommen war, ohne vollkommen unterrichtet zu sein von der gänzlichen Umwandlung, welche mit ihrer Person und ihrem Namen vor sich gehen sollte. Die Notwendigkeit, diesen Zweifel zu beseitigen, war zu offenbar, als daß hier zu spaßen war, und Hauptmann Wragge stellte, ohne einen Augenblick zu zögern, das nöthige Verhör an.

—— Steh gerade und höre mich an, begann er. Ich habe eine Frage an Dich zu richten; Weißt Du, in wessen Haut Du in diesem Augenblicke, steckst? Weißt Du, daß Du todt und begraben bist in London und daß Du Dich wie ein Phönix aus der Asche der Mrs. Wragge erhoben hast? Nein! Du weißt es augenscheinlich nicht. Das ist äußerst unangenehm. Wie ist Dein Name?

—— Mathilde, antwortete Mrs. Wragge in einem Zustande grenzenlosen Erstaunens.

—— Weit gefehlt! schrie der Hauptmann grimmig. Wie kannst Du Dich unterstehen, mir zu sagen, daß Dein Name Mathilde ist? Dein Name ist Julie. Wer bin ich? Halte den Korb mit belegten Brödchen gerade, sonst werfe ich ihn ins Meer! Wer bin ich?

—— Ich weiß es nicht, sagte Mrs. Wragge, indem sie dies Mal eingeschüchtert die negative Seite der Frage als rettenden Strohhalm aufgriff.

—— Setz Dich nieder! sagte ihr Gatte, indem er auf die niedere Gartenmauer der Nordstein-Villa hinwies. Mehr rechts! Noch mehr! So ists recht. Du weißt es also nicht? wiederholte der Hauptmann indem er seine Frau streng ins Auge faßte, sobald er es dahin gebracht, daß sie saß und ihr Gesicht auf eine Höhe mit dem seinigen gesenkt hatte. Laß mich das nicht zum zweiten Male hören. Laß mich nicht ein Weib auf dem Halse haben, das nicht weiß, wer ich bin, und das mich doch morgen früh rasiren soll. Sieh mich an! Mehr links, noch mehr, so ists recht. Wer bin ich? Ich bin Mr. Bygrave —— mit dem Vornamen Thomas. Wer bist Du? Du bist Mrs. Bygrave —— Vorname Julie Wer ist die junge Dame, die mit Dir von London her reiste? Jene junge Dame ist Miss Bygrave —— Vorname: Susanne Ich bin ihr gescheidter Onkel Tom, und Du bist ihre hohlköpfige Tante Julie. Sage es mir den Augenblick noch einmal vor wie den Katechismus! Wie ist Dein Name? —— Schone meinen armen Kopf! jammerte Mrs. Wragge. Ach bitte, schone meinen armen Kopf, bis ich den Postwagen überstanden habe.

—— Lassen Sie sie in Ruhe, sagte Magdalene, welche in diesem Augenblicke zu ihnen trat. Sie wird es schon mit der Zeit lernen. Kommen Sie ins Haus.

Hauptmann Wragge schüttelte seinen schlauen Kopf noch ein Mal.

—— Das ist ein schlechter Anfang, sagte er weniger höflich als sonst. Uns steht dies Mal schon die Dummheit meiner Frau im Wege.

Sie gingen ins Haus. Magdalene war vollkommen zufrieden mit den vom Hauptmann getroffenen Einrichtungen. Sie nahm das für sie in Bereitschaft gehaltene Zimmer an, hatte auch Nichts gegen das Dienstmädchen, das angenommen war, fand sich zur Theestunde den Augenblick, wo sie gerufen wurde, ein; allein sie zeigte nicht die Spur von Theilnahme an dem neuen Aufenthaltsorte um sie her. Bald nachdem die Tafel abgeräumt worden und obschon das Tageslicht noch nicht verschwunden war, kam die gewöhnliche Ermüdung nach Anstrengungen jeder Art über Mrs. Wragge, und sie erhielt den Befehl von ihrem Manne, das Zimmer zu verlassen, wobei er nicht vergaß, ihr einzuschärfen, die Schuhe nicht überzutreten —— und sich —— aber ganz ausdrücklich in der Rolle von Mrs. Bygrave —— zu Bette zu begeben. Sobald sie allein waren, sah der Hauptmann Magdalenen scharf an und wartete darauf, daß sie ihn anredete. Sie sagte Nichts. Er suchte dann die Unterhaltung durch eine höfliche Frage über den Stand ihrer Gesundheit zu eröffnen.

—— Sie sehen ermüdet aus, bemerkte er in seinem einschmeichelndsten Tone. Ich fürchte, die Reise ist zu anstrengend für Sie gewesen.

—— Nein, versetzte sie und sah mit vollkommener Gleichgültigkeit zum Fenster hinaus, —— ich bin nicht mehr erschöpft, als gewöhnlich. Ich sehe immer matt, aus, matt, wenn ich zu Bette gehe, matt, wenn ich aufstehe. Wenn Sie noch heute Abend hören wollen, was ich Ihnen zu sagen habe, so bin ich gern bereit, es Ihnen zu sagen. Können wir nicht ausgehen? Es ist sehr heiß hier, und das Summen jener Menschenstimmen ist nicht zum Aushalten.

Sie zeigte durchs Fenster auf eine Gruppe Bootsleute, welche müßig, wie nur Theerjacken müßig sein können, sich an der Gartenmauer herumtrieb.

— Giebt es keine ruhige Promenade an diesem armseligen Orte? fragte sie ungeduldig. Können wir nicht ein wenig frische Luft schöpfen und der Belästigung durch fremde Gesichter entgehen?

—— Es ist vollkommen still, wenn wir eine halbe Stunde weit vom Hause weggehen, erwiderte der immer schlagfertige Hauptmann.

—— Sehr gut. Kommen Sie also mit fort.

Mit einem matten Seufzer nahm sie ihren Strohhut und ihren leichten Musselinüberwurf von dem Seitentischchen, auf welches sie dieselben beim Hereintreten geworfen hatte. Hauptmann Wragge folgte ihr zum Gartenthore, blieb aber dann stehen, wie von einem neuen Gedanken ergriffen.

—— Entschuldigen Sie, flüsterte er vertraulich. Bei dem gegenwärtigen Zustande der Unwissenheit meiner Frau thun wir wohl nicht gut, sie so ohne Weiteres mit dem neuen Dienstmädchen allein im Hause zu lassen. Ich will sie insgeheim einschließen, für den Falls, daß sie aufwacht, ehe wir zurückkommen »Besser bewahrt, als beklagt« [sure bind, sure find.] —— Sie kennen ja den Spruch! Ich werde in einem Augenblicke wieder bei Ihnen sein.

Er eilte ins Haus zurück, und Magdalene setzte sich auf die Gartenmauer, um seine Rückkehr abzuwarten.

Sie hatte kaum diese Stellung angenommen, als zwei mit einander gehende Herren, deren Näherkommen auf der Landstraße sie vorher nicht bemerkt hatte, dicht an ihr vorüberkamen.

Die Tracht des einen der beiden Fremden zeigte an, daß er ein Geistlicher war. Die Lebensstellung seines Gefährten dagegen war für einen gewöhnlichen Beobachter nicht eben leicht zu unterscheiden. Geübte Augen würden wahrscheinlich an seinem Aussehen, seinem Auftreten und seinem Gange zur Genüge erkannt haben, daß er ein Seemann war. Er war ein Mann in der Vollkraft des Lebens, groß gewachsen, mager und muskulös, sein Gesicht zu einem tiefen Braun verbrannt, sein schwarzes Haar eben erst ins Graue spielend, seine Augen dunkel, tief und fest, die Augen eines Mannes von eiserner Entschlossenheit, gewohnt zu befehlen. Von den Beiden war er Magdalenen der Nächste, als er und sein Freund an der Stelle vorübergingen, wo sie saß, und er sah sie auf einmal betroffen über ihre Schönheit mit offener, herzlicher und unverstellter Bewunderung an, die zu aufrichtig war und ersichtlich zu unwillkürlich bei ihm zur Erscheinung kam, als daß man sie hätte für unverschämt halten können, —— und doch hielt sie Magdalene in ihrer augenblicklichen Stimmung dafür. Sie fühlte, wie des Mannes entschlossene schwarze Augen plötzlich wie Blitzstrahlen auf sie fielen, warf ihm einen finsteren Blick zu, wandte das Haupt weg und sah nach dem Hause hinter sich.

Den nächsten Augenblick blickte sie sich wieder um, um zu sehen, ob er gegangen wäre. Er war allerdings ein paar Schritte vorwärts gegangen, dann offenbar stehen geblieben und machte nun dieselbe Bewegung wie sie, um sie noch ein Mal anzusehen. Sein Gefährte, der Geistliche, bemerkte, daß Magdalene dem Anscheine nach verletzt war, nahm ihn daher vertraulich beim Arme und zwang ihn halb im Scherz, halb im Ernste mit fortzugehen. Beide verschwanden um die Ecke des nächsten Hauses. Als sie darum bogen, hielt der sonnverbrannte Seemann erst noch zwei Mal seinen Gefährten an und schaute noch zwei Mal zurück.

—— Ein Freund von Ihnen? fragte Hauptmann Wragge, der eben zu Magdalenen trat.

—— Durchaus nicht, erwiderte sie, ein ganz fremder Mensch. Er sah mich mit der unverschämtesten Art an. Ist er aus dem Orte?

—— Ich werde es augenblicklich herausbekommen, sagte der gefällige Hauptmann, machte sich an die Gruppe Bootsleute und richtete seine Fragen rechts und links mit der leichten Vertraulichkeit, die ihm trefflich eigen war.

Er kam in wenig Minuten mit einem ganzen Schatz von Ermittelungen zurück. Der Geistliche war wohlbekannt als der Pfarrer eines wenige Meilen landeinwärts gelegenen Ortes. Der dunkle Mann bei ihm war der Bruder seiner Frau, Capitän eines Handelsschiffes. Er blieb, glaubte man, als Gast nur auf kurze Zeit bei seinen Verwandten, indem er sich auf eine neue Reise vorbereitete. Der Name des Geistlichen war Strickland, und der Capitän hieß Kirke, das war Alles, was die Bootsleute über Beide zu sagen wußten.

—— Es ist einerlei, wer sie sind, warf Magdalene hin. Die Ungebildetheit des Mannes verletzte mich einen Augenblick. Wir sind nun fertig mit ihm. Ich habe an etwas Anderes zu denken, und Sie ebenfalls. Wo ist die einsame Promenade, welche Sie eben erwähnten? Welchen Weg schlagen wir ein?

Der Hauptmann zeigte nach Mittag auf Slaughden hin und bot seinen Arm an.

Magdalene zögerte, ehe sie ihn nahm. Ihre Augen wanderten forschend nach Noël Vanstones Hause hin. Er war im Garten draußen und schritt auf dem kleinen Rasenecke hin und her, das Haupt hoch emporgerichtet, und Mrs. Lecount bediente ihn feierlich, mit ihres Herrn grünem Fächer in der Hand. Als Magdalene Dies sah, nahm sie sofort des Hauptmanns rechten Arm, um so recht nahe an den Garten zu kommen, wenn sie aus ihrem Wege daran vorüber gingen.

—— Die Augen unserer Nachbarn sind auf uns gerichtet, und das Geringste, das Ihre Nichte thun kann, ist Ihren Arm nehmen, sagte sie mit bitterem Lachen. Kommen Sie! Lassen Sie uns vorwärts gehen!

—— Sie sehen her, flüsterte der Hauptmann. Soll ich Sie Mrs. Lecount vorstellen?

—— Heute Abend nicht, antwortete sie. Warten Sie und hören Sie erst, was ich Ihnen zunächst zu sagen habe.

Sie kamen an der Gartenmauer Vorüber. Hauptmann Wragge nahm seinen Hut mit einem pfiffigen Schwenken ab und erhielt von Mrs. Lecount eine anmuthige Verbeugung zur Erwiderung. Magdalene sah, wie die Haushälterin ihr Gesicht, ihre Gestalt und ihre Kleidung mit jenem widerwilligen Interesse, jener mißtrauischen Neugier musterte, welche Frauen bei ihrer gegenseitigen Beobachtung zu empfinden pflegen. Als sie über das Haus hinaus gingen, drang die scharfe Stimme von Noël Vanstone durch die Abendstille zu ihnen herüber.

—— Ein schönes Mädchen, Lecount, hörte sie ihn sagen. Sie wissen, ich bin ein Kenner in diesem Artikel, —— ein schönes Mädchen!

Als diese Worte gesprochen wurden, blickte sich Hauptmann Wragge in plötzlicher Ueberraschung nach seiner Gefährtin um. Ihre Hand zitterte heftig auf seinem Arme, und ihre Lippen waren fest geschlossen mit dem Ausdruck eines unsäglichen Schmerzes.

Langsam und schweigend wandelten die Beiden dahin, bis sie das südliche Ende der Häuser erreichten und in eine kleine Wildniß von Ufersteinen und verdorrtem Grase, das öde Ende von Aldborough, der einsame Anfang von Slaughden, kamen.

Es war ein schwüler, windstiller Abend. Im Osten die graue Majestät des Meeres in athemloser Ruhe, der Saum des Horizonts unvermerkt in die eintönige nebelige Luft verschwimmend, und die Schiffe in Schatten gehüllt still und ruhig daliegend auf der gleichfalls ruhigen See. Im Süden hoben sich der hohe Rücken des Seedammes und das grimmig dräuende Gemäuer jenes Wartthurmes [Wartthurm, im Original steht martello. So hießen an den Küsten des Mittelmeeres die gegen die Einfälle der Seeräuber errichteten Wachthürme, von denen in Nothzeiten wohl die Lärmglocke ertönte oder Feuersignale gegeben wurden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts hat man auch die an den englischen Küsten gegen etwaige feindliche Landungen der Franzosen erbauten Thürme so genannt. W.] hoch empor auf seinem grasbewachsenen Unterbau und schlossen die Aussicht auf Alles, was dahinter lag, dunkel ab. Im Westen glühte ein düster funkelnder Streifen des Sonnenuntergangs in rothem Feuer an dem düster verhüllten Himmel, ließ die Bäume an den fernen Grenzen des großen binnenländischen Marschlandes dunkel und die kleinen glitzernden Wasserlachen als Blutlachen erscheinen. Näher dem Beschauer floß das träge Wasser des kleinen Flusses Alden geräuschlos aus seinem schlammigen Bette, und noch näher lag einsam und trübselig nach der bleichen Wasserseite hin der verlassene kleine Hafen von Slaughden mit seinen verlassenen Werften und Lagerhäusern. Von faulendem Holz und seinen wenigen verstreuten Küstenfahrzeugen, welche verlassen dalagen an dem schlammigen Flußufer. Kein Wellenschlag war hörbar am Gestade, kein Plätschern ließ sich von dem träge einherschleichenden Strome vernehmen. Dann und wann tönte der Schrei eines Seevogels aus der Gegend der Marsch herüber, und in Zwischenräumen drang von Pachthöfen fern in der Ebene des Binnenlandes das schwache Hörnerrufen der Hirten, um die Heerden heimzutreiben, traurig durch die Abendstille her.

Magdalene zog ihre Hand aus dem Arme des Hauptmanns und ging den Weg nach dem Erdaufwurfe des Wartthurmes.

—— Ich bin müde vom Gehen, sagte sie. Lassen Sie uns hier Halt machen und ausruhen. Sie setzte sich auf den Abhang und stützte sich auf ihren Ellnbogen, rupfte gedankenlos die Grasbüschel aus, die sich unter ihrer Hand befanden und warf sie in die Luft.

Als sie einige Minuten damit hingebracht hatte, wandte sie sich plötzlich zu Hauptmann Wragge.

—— Waren Sie von mir überrascht? fragte sie mit abgerissener Heftigkeit Finden Sie mich verändert?

Geleitet von dem richtigen Gefühl, das ihn stets begleitete, wußte nun der Hauptmann sogleich, daß die Zeit gekommen sei, wo er offen mit ihr zu reden und die Redeblumen für eine bessere Gelegenheit zu sparen hätte.

—— Wenn Sie die Frage stellen, muß ich sie beantworten, erwiderte er. Ja, ich finde Sie verändert.

Sie rupfte wieder einen Grasbüschel aus.

—— Sie werden hoffentlich den Grund errathen? fragte sie.

Der Hauptmann hütete sich wohlwe1slich, zu sprechen. Er antwortete nur mit einer Verbeugung.

—— Ich habe alle Rücksicht auf mich selbst verloren, fuhr sie fort und riß rasch und immer rascher an den Grasbüscheln. Wenn ich Ihnen nur so viel sage, heißt das vielleicht nicht viel; aber es mag Ihnen dazu verhelfen, mich zu verstehen. Es giebt Dinge, welche ich zu einer gewissen Zeit nimmermehr gethan hätte, und hätte es mir das Leben gekostet, Dinge, an die nur zu denken mich schaudern gemacht hätte. Jetzt kümmert es mich nicht, ob ich sie thue oder nicht. Ich bin mir selbst Nichts mehr, ich habe für mich selbst nicht mehr Interesse, als für diese Hand voll Gras. Ich werde wohl Etwas eingebüßt haben was ist es? Das Herz? Das Gewissen? Ich weiß es nicht. Wissen Sie es? Welchen Unsinn spreche ich da! Wen geht es an, was ich verloren habe? Es ist vorbei damit, und dadurch ist es auch aus. Ich glaube, mein Aeußeres ist noch mein Bestes, und das bleibt mir um jeden Preis. Ich habe mein gutes Aussehen nicht verloren, nicht wahr? Richtig, richtig! Brauchen mir nicht zu antworten, sich nicht anzustrengen, mir Höflichkeiten zu sagen. Ich bin ja heute Gegenstand der Bewunderung gewesen. Zuerst für den Seemann und dann für Mr. Noël Vanstone —— wahrlich genug für die Eitelkeit jedes weiblichen Wesens. Habe ich ein Recht, mich ein Weib zu nennen? Vielleicht nicht, ich bin noch ein Kind, das die Zähne bekommt. Ach weh mir, ich fühle, als wenn ich in den Vierzigen wäre!

Sie streute die letzten Grashalme in die Lüfte, wandte dann dem Hauptmanne den Rücken zu und ließ ihr Haupt sinken, bis ihre Wangen die Rasenbank berührten.

—— Sie fühlt sich so sanft und lieb an, sagte sie, indem sie sich anschmiegte, mit einer verzweifelten Zärtlichkeit, die schrecklich anzusehen war. Sie wirft mich nicht von sich. O Mutter Erde, Du einzige Mutter, die mir übrig blieb!

Hauptmann Wragge schaute sie an in sprachlosem Erstaunen. Die Erfahrungen über das Menschenherz, die er besaß, waren nicht im Stande, die Tiefe der entsetzlichen Selbsterniedrigung zu ermessen, welche in jenen ungestümen Worten sich Luft gemacht hatte, Worte, welche sie nun schnell zu noch ungestümeren Thaten hintrieben.

—— Verteufelt wunderlich! dachte er bei sich und wurde unruhig. Hat der Verlust ihres Geliebten ihr den Verstand geraubt?

Er bedachte sich noch eine Weile, und dann redete er sie an.

—— Lassen sie Das bis morgen, schlug der Hauptmann Vertraulich vor. Sie sind heute Abend ein wenig abgespannt. Keine Uebereilung, mein theures Kind, keine Uebereilung!

Sie erhob ihr Haupt den Augenblick wieder und sah sich um mit derselben gereizten Entschlossenheit, mit derselben verzweifelten Selbstverachtung, welche er auf ihrem Gesicht an dem denkwürdigen Tage zu York gesehen hatte, wo sie zum ersten Male vor ihm Komödie spielte.

—— Ich kam hierher, um Ihnen zu sagen, was ich im Sinne habe; sprechen Sie, und ich will es sagen!

Sie setzte sich wieder aufrecht auf den Abhang und sah, indem sie ihre Knie umklammern, unverwandt und gerade vor sich in die langsam sich verdunkelnde Landschaft hinaus.

In jener seltsamen Stellung blieb sie, bis sie sich gefaßt hatte, dann redete sie den Hauptmann folgendermaßen an, ohne den Kopf zu wenden, um sich nach ihm umzusehen:

—— Als wir Beide uns zum ersten Male begegneten, begann sie in abgerissenen Tönen, bemühte ich mich mit aller Macht, meine Gedanken zu verbergen. Ich weiß seit dieser Zeit genug, um zu sehen, wie ich mich vergeblich bemühte. Als ich Ihnen zu York zum ersten Male sagte, daß Michael Vanstone uns zu Grunde gerichtet habe, ahnten Sie, glaube ich, selbst, daß ich zugleich entschlossen war, Dies nicht zu ertragen. Ob Sie es wirklich ahnten, ob nicht —— es ist so. Ich verließ meine Freunde mit jenem Entschlusse in der Seele, und ich fühle ihn jetzt stärker, zehn Mal stärker als je in mir aufleben.

—— Zehn Mal stärker als je, wiederholte der Hauptmann. Ganz richtig, die natürliche Folge der Festigkeit des Charakters.

—— Nein. Die natürliche Folge davon, daß ich an nichts Anderes mehr zu denken habe. Ich hatte allerdings ein Mal noch an etwas Anderes zu denken, bevor Sie mich auf der Vauxhallpromenade erkrankt fanden. Jetzt habe ich an nichts Anderes zu denken. Vergessen Sie das nicht, damit Sie es wissen, wenn Sie mich mein Lied in Zukunft immer auf derselben Saite spielen hören. Zuerst eine Frage. Ahnten Sie, was ich zu thun vorhatte, an jenem Morgen, wo Sie mir die Zeitung zeigten und als ich die Nachricht von Michael Vanstones Tod las?

—— Im Allgemeinen, versetzte Hauptmann Wragge, ahnte ich so Etwas, im Allgemeinen, daß Sie vorhätten, Ihre Hand in seinen Beutel zu stecken und wie es ganz in der Ordnung wäre —— sich daraus zu nehmen, was Ihr Eigenthum wäre. Ich fühlte mich damals tief verletzt dadurch, daß Sie mir nicht erlaubten, Ihnen Beistand zu leisten. Warum ist sie so zurückhaltend gegen mich, dachte ich bei mir selbst; warum ist sie so ohne allen Grund zurückhaltend?

—— Sie sollen sich von jetzt an nicht mehr über Zurückhaltung zu beklagen haben, fuhr Magdalene fort. Ich sage es Ihnen offen, wenn die Ereignisse nicht so gekommen wären, wie sie gekommen sind, so würden Sie mir allerdings Beistand geleistet haben. Wenn Michael Vanstone nicht gestorben wäre, so würde ich nach Brighton gegangen sein und unter einem angenommenen Namen sicher meinen Weg, um mit ihm bekannt zu werden, gefunden haben. Ich hatte Geld genug bei mir, um einige Monate mit Ihnen recht anständig leben zu können. Ich würde diese Zeit angewandt, ich würde, wenn nöthig, ein ganzes Jahr gewartet haben, um Mrs. Lecounts Einfluß auf ihn zunichte zu machen, und ich würde endlich diesen Einfluß auf meine Art in meine Hände bekommen haben. Ich hatte den Vortheil des Alters voraus, den Vortheil der Neuheit, den Vortheil unentwegbarer Verzweiflung für mich, und ich würde gesiegt haben. Ehe das Iahr zu Ende gewesen, ehe das Halbjahr verflossen wäre, würden Sie Mrs. Lecount von ihrem Herrn entlassen gesehen haben, würden Sie erlebt haben, wie ich ins Haus aufgenommen worden wäre an ihrer Stelle, als Michael Vanstones angenommene Tochter, als die treue Freundin, welche ihn in seinen alten Tagen Vor einer Abenteuerin bewahrt hätte. Es haben Mädchen, die auch nicht älter waren als ich, anscheinend eben so verwegene Täuschungen versucht und sie bis zuletzt durchgeführt. Ich hatte meine Geschichte in Bereitschaft, hatte alle meine Pläne wohl erwogen; ich wollte auf meine Art die schwache Seite des alten Mannes angreifen, welche Mrs. Lecount schon vor mir für ihre Angriffe ausfindig gemacht hatte —— und ich sage Ihnen nochmals, ich würde meinen Zweck erreicht haben.

—— Ich denke Das auch, sagte der Hauptmann. Und wie weiter?

—— Mr. Michael Vanstone würde dann seinen Geschäftsführer gewechselt haben. Sie würden dessen Stelle eingenommen haben, und jene kühnen Speculationen, denen er sich so leidenschaftlich hingab, würden ihn um das Vermögen gebracht haben, das er erst meiner Schwester und mir geraubt hatte. Bis aus den letzten Heller, Hauptmann Wragge, so gewiß als Sie hier sitzen, bis auf den letzten Heller! Eine kühne Verschwörung, eine gewaltige Umgarnung, nicht wahr? Das kümmert mich wenig! Jede Verschwörung, jede Täuschung ist vor meinem Gewissen gerechtfertigt durch das elende Gesetz, das uns schutzlos gelassen hat. Sie sprachen eben noch von meiner Zurückhaltung. Habe ich die endlich abgeworfen? Habe ich mich endlich in der elften Stunde ausgesprochen?

Der Hauptmann legte seine Hand feierlich aufs Herz und ließ abermals einen seiner breitesten Redeergüsse los.

—— Sie erfüllen mein Herz mit unnützem Bedauern, sagte er. Wenn der Mann gelebt hätte, welch eine Ernte würde ich da von ihm gezogen haben! Welche ungeheuren Geschäfte in der »moralischen Landwirthschaft« würden mir da vergönnt gewesen sein als moderner Industrieritter hier zu machen! »Ars longa« sagte Hauptmann Wragge, mit Pathos einen gelehrten Anlauf nehmend, »vita brevis!« [Lang ist die Kunst, kurz das Leben. W.]. Lassen Sie uns eine Thräne weinen über die verpaßte Gelegenheit in der Vergangenheit und versuchen, was für Trost die Gegenwart uns bieten kann. Eine Folgerung steht mir klar Vor der Seele. Der Versuch, den Sie mit Mr. Michael Vanstone machen wollten, ist ganz ohne Aussicht, mein gutes Kind, in der Anwendung auf dessen Sohn. Sein Sohn ist unzugänglich für alle und jede Form der Verlockung mit Geld. Sie können sich auf mein heiliges Wort verlassen, fuhr der Hauptmann in der Erinnerung an die Antwort auf seine Anzeige in der »Times« zornig fort, wenn ich Ihnen mittheile, daß Mr. Noël Vanstone gerade heraus gesagt die gemeinste Geldseele der Christenheit ist.

—— Ich kann mich auf meine eigene Erfahrung eben so gut verlassen, sagte Magdalene; ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, ich kenne ihn besser als Sie. Noch eine Enthüllung, Hauptmann Wragge, für Sie ganz besonders! Ich schickte Ihnen gewisse Kleidungsstücke zurück, nachdem sie den Dienst geleistet, um deswillen ich sie nach London mitgenommen hatte. Mein Vorhaben war, mir verkleidet Zutritt zu Noël Vanstone zu verschaffen und mit eigenen Augen Mrs. Lecount und ihren Herrn anzusehen. Ich habe meinen Zweck erreicht und sage Ihnen noch ein Mal, ich kenne die beiden Leute in dem Hause drüben, mit denen ich zu thun hatte, besser als Sie.

Hauptmann Wragge drückte das höchliche Erstaunen aus und that die unschuldigen Fragen, welche ungefähr der Gemüthsverfassung einer völlig überraschten Person entsprachen.

—— Gut, begann er, als Magdalene ihm kurz geantwortet hatte, und welches ist der Eindruck auf Ihr Gemüth? Es muß doch ein Eindruck erfolgt sein, sonst wären wir nicht hier. Sie wissen Ihren Weg? Beiläufig, liebes Kind, wissen Sie wirklich Ihren Weg?

—— Ja, versetzte sie rasch; ich weiß meinen Weg.

Der Hauptmann rückte ein wenig näher an sie heran mit gespannter Neugier in jedem Zuge seines Vagabundengesichts.

—— Fahren Sie fort, flüsterte er mit ersichtlicher Spannung. Ich bitte Sie, fahren sie fort.

Sie schaute gedankenvoll in die sie umhüllende Finsterniß, ohne zu antworten, ohne dem Anscheine nach ihn gehört zu haben. Ihre Lippen schlossen sich fest zusammen, und ihre geschlungenen Hände klammerten sich unwillkürlich fester um ihre Sehne.

—— Die Thatsache läßt sich nun einmal nicht hinwegleugnen, sagte Hauptmann Wragge, indem er sie vorsichtig zum Sprechen reizen wollte, ——— der Sohn ist schwieriger zu behandeln, denn der Vater . . .

—— Nicht aus meine Art und Weise, unterbrach sie ihn plötzlich.

—— Wirklich? meinte der Hauptmann. Gut! Man sagt, es giebt einen nächsten Weg für jedes Ding, wenn wir nur lange genug suchen, ihn zu finden. Sie haben, glaube ich, lange genug gesucht, und die natürliche Folge davon ergiebt sich von selbst —— Sie haben ihn gefunden.

—— Ich habe mir keine Mühe gegeben, ihn zu suchen; ich habe ihn, ohne zu suchen, gefunden.

— Da haben Sie ja den Trumpf getroffen! schrie Hauptmann Wragge in großer Verwirrung. Liebes Kind, führt mich denn meine Ansicht von Ihrer gegenwärtigen Lage aber auch immer und ewig auf den Holzweg? Wenn ich recht verstehe, so ist da Mr. Noël Vanstone im Besitze von Ihrem und Ihrer Schwester Vermögen, wie sein Vater —— und ist entschlossen, es festzuhalten, gerade wie sein Vater?

—— Allerdings.

—— Und da sind Sie vollständig außer Stande, es durch gute Worte zu bekommen; vollständig außer Stande, es auf dem gerichtlichen Wege zu erhalten, —— und Sie wären wirklich ihm gegenüber eben so fest entschlossen, als Sie seinem Vater gegenüber waren, es wider seinen Willen durch List zu gewinnen?

—— Eben so fest entschlossen? Nicht um des Geldes wegen, wohl zu bemerken! Um des Rechtes wegen.

—— Gut also. Und die Mittel, um zu diesem Ihren Rechte zu gelangen, welche bei dem Vater, der nicht ein Geizhals war, schwierig waren, wären bei dem Sohne, welcher allerdings ein solcher ist, leicht für Sie?

—— Aeußerst leicht.

—— Geben Sie mir es schriftlich, daß ich ein Esel bin, zum ersten Male! schrie des Hauptmann, dem die Geduld riß. Lassen Sie mich hängen, wenn ich weiß, was Sie wollen!

Sie sah sich nach ihm zum ersten Male wieder um und blickte ihm gerade und fest ins Angesicht.

—— Ich will Ihnen sagen, was ich vorhabe, sprach sie. Ich habe vor, ihn zu heirathen ——.

Hauptmann Wragge fuhr in die Höhe und blieb versteinert vor Erstaunen stehen.

—— Merken Sie auf, was ich Ihnen sagte, sprach Magdalene, indem sie wieder wegsah. Ich habe alle Rücksicht auf mich selbst verloren. Ich habe jetzt nur noch einen Zweck im Leben, und je eher ich denselben erreiche und —— sterbe, desto besser. Wenn . . .

Sie hielt inne, änderte ihre Stellung ein wenig und deutete mit der einen Hand auf den schnell abfließenden Strom unterhalb ihrer Füße, welcher düster in dem dunkelnden Zwielicht schimmerte.

—— Wenn ich noch gewesen wäre, was ich einstens war, so würde ich mich in jenen Fluß gestürzt haben, ehe ich gethan hätte, was ich jetzt zu thun vorhabe. Wie es jetzt steht, kümmert es mich nicht mehr; ich plage meine Seele nicht mehr mit Bedenklichkeiten. Der nächste Weg, der schlimme Weg liegt vor mir. Den schlage ich ein, Hauptmann Wragge, und heirathe ihn.

—— und wollen Ihn gänzlich in Unwissenheit erhalten, wer Sie sind? sagte der Hauptmann, erhob sich langsam auf die Füße und wandte sich langsam um, ihr ins Gesicht zu sehen. Wollen ihn heirathen als meine Nichte —— Miss Bygrave?

—— Als Ihre Nichte, Miss Bygrave.

—— Und nach der Vermählung ——?

Seine Stimme zitterte, als er die Frage begann, und er ließ sie unvollendet.

—— Nach der Vermählung, sagte sie, brauche ich Ihren Beistand nicht mehr.

Der Hauptmann verneigte sich, als sie ihm jene Antwort gab, sah sie scharf an und fuhr dann plötzlich zurück, ohne ein Wort vorbringen zu können. Er ging einige Schritte hinweg und setzte sich dann mürrisch aufs Gras nieder. Wenn Magdalene sein Gesicht gesehen hätte bei dem schwindenden Lichte, so würde sie dasselbe betroffen gemacht haben; Zum ersten Male vielleicht seit seiner Knabenzeit hatte Hauptmann Wragge die Farbe gewechselt. Er war todtenbleich.

—— Haben Sie mir Nichts zu sagen? fragte sie. Vielleicht warten Sie darauf, zu hören, welche Bedingungen ich Ihnen zu bieten habe? Meine Bedingungen sind folgende: Ich zahle alle Auslagen hier und, wenn wir uns trennen, am Tage der Vermählung, erhalten Sie eine Abschiedsschenkung von zweihundert Pfund mit auf den Weg. Versprechen Sie mir Ihren Beistand unter diesen Bedingungen?

—— Was soll ich dabei thun? fragte er mit einem verstohlenen Blicke auf sie und einem plötzlichen Mißtrauen in seiner Stimme.

—— Sie sollen meinen und Ihren angenommenen Charakter bewahren, antwortete sie, und müssen alle Nachforschungen von Mrs. Lecount nach meinem wirklichen Namen vereiteln. Mehr verlange ich nicht. Für das Uebrige bin ich verantwortlich, nicht Sie.

—— Ich habe also Nichts zu schaffen mit Dem, was vorfällt —— zu irgend einer Zeit oder an einem Orte, nach der Vermählung?

—— Nicht das Geringste.

—— Ich kann Sie an der Kirchthüre verlassen, wenn mirs beliebt?

—— An der Kirchthüre mit Ihrem Solde in der Tasche.

—— Bezahlt von dem Gelde, das Sie selbst besitzen?

—— Natürlich; womit sollte ich sonst bezahlen?

Hauptmann Wragge nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit dem Taschentuche übers Gesicht mit erheiterter Miene.

—— Geben Sie mir einen Augenblick Zeit zur Ueberlegung, sagte er.

—— So lange Sie wollen, versetzte sie, indem sie auf der Bank in ihre frühere Stellung zurücksank und zu ihrer früheren Beschäftigung zurückkehrte: wieder Grasbüschel herauszog und in die Luft warf.

Die Betrachtungen des Hauptmanns waren keineswegs dadurch verwickelt, daß sie von der Erwägung seiner eigenen Lage unnöthig abgeschweift wären zur Erwägung der Lage Magdalenens. Ganz unfähig, das ihr durch Franks ehrlosen Wortbruch widerfahrene Unrecht zu würdigen, —— ein Unrecht, das ihr mit einem einzigen herben Schlage die Hoffnung geraubt hatte, welche, obschon nur ein schöner Wahn, doch die treibende Kraft ihres Lebens gewesen war, —— nahm der Hauptmann die einfache Thatsache ihrer Verzweiflung gerade so hin, wie er sie fand, und sah dann geraden Wegs auf die Folgen des Vorschlags hin, den sie ihm gemacht hatte.

In der Aussicht vor der Verheirathung sah er weiter nichts Verfängliches, als die Ausführung einer Täuschung welche in nicht erheblicher Weise, es sei denn etwa in Absicht des dadurch erreichten Zweckes, verschieden war von den Täuschungen, welche sein Vagabundenleben ihn schon längst auszudenken und auszuführen gewöhnt hatte. In der Aussicht nach der Verheirathung entdeckte er durch das unheilverkündende Dunkel der Zukunft in düsteren Umrissen die lauernden Schreckbilden Entsetzen und Verbrechen, und dahinter die schwarzen Abgründe: Untergang und Tod. Ein Mann von unbegrenzter Kühnheit und Gewandtheit in seinem geringen, beschränkten Kreise, war der Hauptmann über diesen Kreis hinaus eben so demüthig und unterwürfig gegen die Majestät des Gesetzes, als der harmloseste Staatsbürger auf Erden, so vorsichtig betreffs seiner eigenen persönlichen Sicherheit, als der ausgemachteste Feigling, den je die Sonne beschien. Aber eine ernste Frage erfüllte jetzt sein Gemüth. Konnte er unter den ihm gebotenen Bedingungen an dem gegen Noël Vanstone angesponnenen Anschlage bis zu dem Punkte der Vollziehung der Ehe Theilnehmen und sich dann davon machen, ohne Gefahr, sich in die Folgen zu verwickeln, welche, wie seine Erfahrung ihm lehrte, sich daraus mit Gewißheit ergeben mußten?

So seltsam es auch klingen mag, sein Entschluß bei diesem Schritte wurde hauptsächlich durch keine geringere Person denn Mr. Noël Vanstone selbst beeinflußt. Der Hauptmann hätte vielleicht dem Gelderbieten widerstanden, das Magdalene ihm that; denn der Gewinn der »Unterhaltung« hatte seine Taschen mit dem mehr denn dreifachen Betrage der zweihundert Pfund gefüllt. Aber die Aussicht, im Finstern dem Manne einen Schlag zu versetzen, der seine Mittheilung und ihn selbst im Werthe einer Fünfpfundnote geschätzt hatte, erwies sich stärker als seine Vorsicht und seine Selbstbeherrschung.

Auf dem kleinen neutralen Boden der Selbstabschätzung sind die besten und die schlechtesten Männer einander gleich. Hauptmann Wragges Unwillen, als er die Antwort auf seine Mittheilung sah, wurde nicht etwa gemildert durch einen Rückblick auf seine eigene Führung. Er war so tödtlich verletzt, so gründlich aufgeregt, als wenn er ein ganz ehrenwerthes Anerbieten gemacht und nun zum Dank eine persönliche Beleidigung dafür erhalten hätte. Er war von diesem Groll zu sehr erfüllt gewesen, als daß er ihn aus seinem ersten Briefe an Magdalene hätte weglassen können. Er hatte sich bei jeder folgenden Gelegenheit, wenn Noël Vanstones Name genannt worden war, mehr oder weniger vergessen. Und jetzt bei der endlichen Entscheidung über den Weg, den er einschlagen sollte, stand das Motiv des Geldgewinnes —— man sagt damit nicht zu viel —— zum ersten Male in seinem Leben in zweiter Linie, und das Motiv der Bosheit trug den Sieg davon.

—— Ich nehme die Bedingungen an, sagte Hauptmann Wragge, indem er sich flink auf seine Beine erhob, unterwerfe mich auch natürlich den zwischen uns vereinbarten Verabredungen. Wir trennen uns am Hochzeitstage. Ich frage nicht, wohin Sie gehen, Sie fragen nicht, wohin ich gehe. Von jener Zeit an sind wir geschiedene Leute.

Magdalene erhob sich langsam von dem Rasenabhange. Eine verzweiflungsvolle Niedergeschlagenheit, eine trübe Verzagtheit zeigte sich in Blick und Wesen. Sie wies die dargebotene Hand des Hauptmanns zurück, und ihre Stimme, als Sie ihm antwortete, war so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

—— Wir sind einverstanden, sagte sie; —— und nun können wir zurückgehen. Sie können; mich morgen Mrs. Lecount vorstellen.

—— Ich muß erst noch einige Fragen thun, sagte der Hauptmann mit wichtiger Miene. Es sind mehr Gefahren in dieser Angelegenheit zu bestehen und mehr Fallstricke auf unserm Wege, als Sie zu vermuthen scheinen. Ich muß die ganze Geschichte Ihres Frühbesuches bei Mrs. Lecount wissen, bevor ich Sie und jene Frau mit einander ins Gespräch bringen kann.

—— Warten Sie bis morgen, brach sie ungeduldig heraus. Machen Sie mich heute Abend nicht toll durch Fragen darüber.

Der Hauptmann sagte Nichts weiter. Sie kehrten nach Aldborough um und gingen langsam heim.

Während der Zeit, daß sie die Häuser erreichten, hatte die Nacht sie überrascht. Weder Mond noch Sterne waren sichtbar. Eine schwache geräuschlose Brise, die vom Lande her wehte, hatte sich mit einbrechender Dunkelheit erhoben. Magdalene hielt auf der, einsamen Promenade inne, Um die Luft freier einzuathmen. Nach einiger Zeit wandte sie ihr Gesicht von der Brise weg und schaute nach dem Meere hinüber. Das unermeßliche Schweigen der ruhigen Gewässer, welche sich in der schwarzen Leere der Nacht verloren, war, erhaben. Sie stand» still und blickte in das Dunkel, als wenn seine Geheimnisse für sie erschlossen wären; sie ging langsam darauf zu, als wenn sie durch Unsichtbare Mächte hineingezogen würde.

—— Ich gehe ein Mal zur See hinunter, sagte sie zu ihrem Gefährten. Warten Sie hier, ich werde zurückkommen.

Er verlor sie in einem Augenblicke aus dem Gesichte; es war, als ob die Nacht sie verschlungen hätte. Er lauschte, zählte ihre Schritte nach dem Rascheln derselben auf dem Steingerölle in der tiefen Stille. Sie entfernten sich langsam weiter und weiter hinaus in die Nacht. Plötzlich hörte der Klang derselben auf. Ruhte sie jetzt auf ihrem Wege aus, oder hatte sie einen der Sandstreifen erreicht, welche von der Ebbe unbedeckt gelassen waren?

Er wartete und lauschte ängstlich. Die Zeit verging, und kein Ton drang zu ihm her. Er lauschte mit wachsendem Mißtrauen wegen der Finsterniß. Einen Augenblick später, und es kam ein Ton von dem unsichtbaren Ufer herauf. Schwach und fern von dem Gestade drunten schallte ein langer Schrei klagend durch die Stille. Dann war Alles wieder still.

In plötzlicher Unruhe schritt er vorwärts, um zu dem Ufer hinabzusteigen und sie zu holen. Ehe er über den Weg gehen konnte, drangen plötzlich eilende Schritte an sein Ohr. Er wartete einen Augenblick —— da ging plötzlich die Gestalt eines Mannes rasch des Weges entlang zwischen ihm und der See. Es war zu dunkel, um etwas vom Gesichte des Fremden zu schauen, es war nur möglich, zu erkennen, daß es ein großer Mann war, so groß wie jener Seemann von der Handelsflotte, dessen Name Kirke war.

Die Gestalt ging nordwärts und war augenblicklich dem Gesichte entschwunden. Hauptmann Wragge ging über den Weg, that einige Schritte das Gestade hinunter, blieb stehen und lauschte wieder. Das Geräusch von Schritten auf den Steinen traf abermals sein Ohr. —— Langsam wie der Ton ihn verlassen hatte, kam derselbe auch wieder zurück. Er rief, um sie zu sich zu lenken. Sie kam heran, bis er sie erkennen konnte —— ein Schatten, der den steinigen Hang hinanstieg und in der Dunkelheit der Nacht riesig wuchs.

—— Sie machen mir Angst, flüsterte er mit bewegter Stimme; ich fürchtete schon, es wäre Ihnen ein Leid zugegoßen. Ich hörte Sie aufschreien, als wenn Sie Schmerzen hätten.

—— Wirklich? sagte sie gleichgültig. Ich hatte allerdings Schmerzen. Es thut Nichts, — es ist nun vorüber.

Ihre Hand schwenkte Etwas hin und her, als sie mit ihm sprach. Es war das kleine seidene Täschchen, welches sie immer bis zu dieser Zeit auf ihrem Busen verborgen getragen hatte. Eine von den in ihm enthaltenen Reliquien, die Reliquie, von welcher sie vorher nicht den Muth gehabt hatte, sich zu trennen, war daraus für immer fort. Einsam an einem fremden Gestade hatte sie von sich gerissen das geliebteste ihrer Mädchenangedenken, die theuerste ihrer jungfräulichen Hoffnungen. Allein an einem fremden Gestade hatte sie die Locken von Franks Haar von ihrem einst so heiligen Platze genommen und hatte sie von sich geschleudert, hinaus in die See und das Dunkel! ——



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Der lange Mann, welcher an Hauptmann Wragge in der Dunkelheit vorübergegangen war, schritt eilig auf der Promenade fürbaß, schwenkte über einen kleinen wüsten Platz weg und trat in das offene Thor des Hotel von Aldborough. Das Licht im Hausgange, welches, als er hindurch schritt, voll auf ihn fiel, erwies die Richtigkeit von Hauptmann Wragges Vermuthung und zeigte, daß der Fremde Mr. Kirke, der Kauffahrer war.

Als Kirke dem Wirthe in dem Gange begegnete, nickte er ihm mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten zu.

—— Haben Sie das Blatt erhalten? fragte er; ich möchte ein Mal die Fremdenliste nachsehen.

—— Ich habe es auf meiner Stube, Sir, sagte der Wirth, indem er in ein Wohnzimmer im hinteren Theile des Hauses vorausging.

—— Sie denken wohl, es seien vielleicht ein paar Freunde von Ihnen mit hier?

Ohne zu antworten, machte sich der Seemann über die Liste, sobald ihm die Zeitung behändigt war, und fuhr, Name für Name durchgehend, mit dem Finger darauf hinunter. Der Finger hielt plötzlich an bei der Zeile:

VILLA AMSEE: MR. NOËL VANSTONE.

Kirke, der Kauffahrer, wiederholte den Namen vor sich hin und legte das Blatt in Gedanken bei Seite.

—— Haben Sie jemanden Bekanntes gefunden, Capitän? fragte der Wirth.

—— Ich habe allerdings einen bekannten Namen gefunden, einen Namen, von dem mein Vater seiner Zeit oft gesprochen hat. Ist dieser Vanstone mit Familie hier? Wissen Sie, o eine junge Dame im Hause ist?

—— Ich kann es nicht sagen, Capitän Meine Frau wird gleich kommen, sie weiß es sicherlich genau. Es ist wohl geraume Zeit her, daß Ihr Vater diesen Mr. Vanstone kannte?

—— Allerdings geraume Zeit. Mein Vater kannte einen Subalternoffizier dieses Namens, als er mit seinem Regiment in Canada stand. Es wäre doch eigenthümlich, wenn dies derselbe Mann und wenn jene junge Dame seine Tochter wäre.

—— Nehmen Sie mirs nicht übel, Capitän —— aber die junge Dame scheint Ihnen ein wenig am Herzen zu liegen, sagte der Wirth mit gefälligem Lächeln.

Mr. Kirke sah nicht aus, als wenn ihm die Form, in welcher sich die gute Laune seines Gastgebers aussprach, sonderlich behagte. Er kam plötzlich und ohne Uebergang auf den jungen Subalternoffizier und das Regiment in Canada zurück.

—— Die Geschichte des armen Kerls war so kläglich, als ich nur je eine gehört hatte, sagte er, indem er dabei unwillkürlich wieder aus die Liste sah.

—— Würde es Ihnen möglich und genehm sein, dieselbe zu erzählen, Sir? fragte der Wirth. Kläglich oder nicht, eine Geschichte ist eine Geschichte, wenn Sie nur wissen, daß sie wahr ist.

Mr. Kirke zögerte.

—— Ich glaube kaum, daß ich recht daran thue, sie zu erzählen, sagte er. Wenn dieser Mann oder irgend welche Verwandte von ihm noch am Leben sind, so ist dies nicht gerade eine Geschichte, die sie gern Fremden mitgetheilt wissen möchten. Alles, was ich Ihnen erzählen kann, ist, daß mein Vater unter entsetzlichen Umständen der Rettungsengel jenes jungen Offiziers wurde. Sie verließen einander in Canada. Mein Vater blieb bei seinem Regiment der junge Offizier verkaufte sein Patent und kehrte nach England zurück, und von diesem Augenblicke an verloren sie sich beide aus dem Gesicht. Es wäre doch sonderbar, wenn dieser Vanstone hier eine und dieselbe Person wäre. Es wäre doch sonderbar . . .

Er unterbrach sich plötzlich selbst, als ob abermals eine Anspielung auf »die junge Dame« hätte über seine Lippen gehen sollen. In demselben Augenblicke trat die Frau des Wirthes herein, und Mr. Kirke richtete sofort seine Fragen an die höhere Instanz des Hauses.

—— Wissen Sie Etwas von diesem Mr. Vanstone, der hier unten auf der Fremdenliste steht? frug der Seemann. Ist er ein alter Mann?

—— Er ist eine elende kleine Figur, versetzte die Wirthin, aber er ist nicht alt, Capitän!

—— Dann ist er nicht der Mann, den ich meine. Vielleicht ist er des Mannes Sohn? Hat er ein paar Damen bei sich?

Die Wirthin schüttelte den Kopf und warf die Lippen mit Verachtung auf.

—— Er hat eine Haushälterin bei sich, sprach sie, eine Person, schon in den Jahren, aber nicht von der Art, die ich mag. Ich muß wohl sagen, daß ich vielleicht Unrecht habe, aber ich kann ein Mal ein geputztes Frauenzimmer in ihrem Alter nicht ersehen.

Bei dieser Beschreibung fing Mr. Kirke an irre zu werden; man sah es ihm an.

—— Ich muß mich in dem Hause geirrt haben, sagte er. Es ist doch ein achteckig zugeschnittener Rasenplatz vor Villa Amsee, und mitten auf dem Kieswege steht ein weiß angestrichener Flaggenstock.

—— Das ist ja nicht Villa Amsee, Sir! das ist Nordstein-Villa, von der Sie sprechen, Mr. Bygraves Wohnung.

Seine Frau und seine Nichte kamen heute mit der Post an. Seine Frau ist so groß, daß man sie ausstellen könnte, und kleidet sich so schauderhaft, wie ich es in meinem Leben nur je gesehen habe. Allein Miss Bygrave, die ist das Besehen werth, wenn ich mich so ausdrücken darf. Sie ist das hübscheste Mädchen meines Erachtens, das wir seit langer Zeit in Aldborough gehabt haben. Ich möchte wissen, wer sie sind. Kennen Sie den Namen, Capitän?

—— Nein, sagte Mr. Kirke mit einem Schatten von Enttäuschung in seinem dunklen wettergebräunten Gesicht, ich hörte den Namen noch nie zuvor.

Nach dieser Antwort erhob er sich, um sich zu verabschieden. Der Wirth lud ihn vergeblich ein, ein Glas zum Abschied mit ihm zu trinken; die Wirthin nöthigte ihn vergeblich, doch noch zehn Minuten zu bleiben und eine Tasse Thee mit ihnen einzunehmen. Er antwortete nur, daß seine Schwester ihn erwarte und daß er sogleich auf die Pfarre müsse.

Als Kirke das Hotel verließ, richtete er sein Gesicht nach Westen und ging landeinwärts auf der Hochstraße, so schnell als die Dunkelheit es ihm gestattete.

—— Bygrave? dachte er bei sich selbst. Jetzt wo ich den Namen kenne, wie viel gescheidter bin ich nun? Wenn es Vanstone gewesen wäre, würde meines Vaters Sohn wohl Aussicht gehabt haben, mit ihr bekannt zu werden.

Er hielt an und sah in der Richtung von Aldborough zurück.

—— Was für ein Narr ich doch bin! brach er plötzlich heraus, indem er seinen Stock aus den Boden stampfte. Ich war am letzten Geburtstage vierzig!

Er wandte sich um und ging, das Haupt gesenkt, schneller denn zuvor seinen Weg vorwärts; seine von Entschlossenheit zeugenden Augen schienen forschend zu Lande in das Dunkel hinauszuschauen, gerade wie er es so lange Zeit an dem Deck seines Schiffes zur See gethan hatte.

Nach einer Wanderung von mehr als einer halben Stunde erreichte er ein Dorf mit einer kleinen Kirche und Pfarre, einfältiglich und heimisch hineingebaut in eine Mulde. Er trat in das Haus von der Hinterseite und fand seine Schwester, die Gattin des Geistlichen, allein im Sprechzimmer bei ihrer Arbeit sitzen.

—— Wo ist Dein Mann, Lieschen? frug er und nahm sich einen Stuhl in der Ecke.

—— Wilhelm ist ausgegangen, um eine Kranke zu besuchen. Er hatte, als er ging, fügte sie lächelnd hinzu, gerade noch Zeit genug mir von der jungen Dame zu erzählen, und er erklärt, er wolle sich mit Dir in Aldborough nicht eher wieder sehen lassen, bis Du ein gesetzter, verheiratheter Mann wärest.

Sie hielt inne und sah ihren Bruder aufmerksamer an, als sie bisher gethan hatte.

—— Robert! sagte sie, indem sie ihre Arbeit weglegte und plötzlich durch das Zimmer weg zu ihm ging. Robert, Du siehst verdrießlich aus, ja traurig. Wilhelm lachte nur über Eure Begegnung mit der jungen Dame. Ist es denn ernsthaft? Sage mirs, wie sieht sie aus?

Er wandte bei dieser Frage den Kopf weg.

Sie setzte sich auf ein Fußbänkchen zu seinen Füßen und schaute fortwährend zu ihm hinauf.

—— Ist es denn ernsthaft, Robert? wiederholte sie sanft.

Kirkes wettergebräuntes Gesicht war nicht an Verstellungen gewöhnt, es antwortete statt seines Mundes, bevor er ein Wort sprach.

—— Sag es aber Deinem Manne nicht, bis ich fort bin, begann er mit einer Derbheit, die seiner Schwester ganz neu an ihm war. Ich weiß, ich verdiene nur ausgelacht zu werden, aber es reißt mich trotz alledem herum.

—— Es reißt Dich herum? wiederholte sie mit Staunen.

—— Du kannst mich nicht für halb so närrisch halten, als ich mich selber halte, fuhr Kirke bitter Fort. Ein Mann meines Alters sollte sich doch besser darauf verstehen. Ich richtete meine Augen nicht länger denn eine Minute auf sie, und doch bin ich bis zu einbrechender Nacht an der Stelle geblieben, auf die Aussicht hin, ihrer wieder ansichtig zu werden, habe dort herumgelungert, wie ich es genannt haben würde, wenn ich Einen meiner Leute dabei betroffen hätte, was ich selber gethan habe. Ich glaube, ich bin behext. Sie ist noch ein Mädchen, Lieschen, —— ich glaube nicht einmal, daß sie nahe an die Zwanzig ist; bin alt genug, um ihr Vater sein zu können. Aber das ist Alles einerlei: sie bleibt mir im Sinn trotz meines Widerstrebens. Ich habe ihr Gesicht vor mir gehabt, und es hat mich angesehen mitten durch die dickste Finsterniß hindurch, und es sieht mich sogar jetzt noch an so deutlich, als ich Deines sehe, und noch deutlicher.

Er stand unruhig aus und begann in der Stube auf und ab zu gehen. Seine Schwester sah ihn mit eben so viel Erstaunen als Mitgefühl an. Von seiner Knabenzeit an war er Herr seiner selbst gewesen. Jahre lang später war er bei den über die Familie hereingebrochenen Wechselfällen des Glücks ihr Muster und ihre Stütze gewesen. Sie hatte von ihm gehört, wie er in den verzweifeltsten Augenblicken eines Lebens zur See da gestanden, wo Hunderte von seinen Nebenmenschen von seiner Selbstbeherrschung ihre Rettung aus dem Rachen des Todes verhofft und nicht vergebens verhofft hatten. Niemals in ihrem ganzen Leben hatte seine Schwester ihn das Gleichgewicht seiner ruhigen und ebenmäßigen Natur dergestalt verlieren sehen, als sie jetzt es sah.

—— Wie kannst Du nur so unvernünftig über Dein Alter und Dich selbst reden? fragte sie. Es giebt kein Weib unter der Sonne, Robert, das für Dich zu gut wäre. Wie ist ihr Name?

—— Bygrave Kennst Du ihn?

—— Nein. Allein ich möchte bald mit ihr bekannt werden. Wenn wir nur ein wenig Zeit dazu hätten, wenn ich nur nach Aldborough gehen und sie sehen könnte . . . aber Du willst ja morgen fort; Dein Schiff segelt Ende der Woche ab.

—— Gott sei Dank! sagte Kirke mit Innbrunst.

—— Bist Du froh, fortzukommen? frug sie in immer größeres Erstaunen gerathend.

—— Sehr froh, Lieschen, um meinetwillen. Wenn ich je wieder vernünftig werden soll, so kann das nur geschehen, wenn ich erst wieder auf Deck meines Schiffes bin. Dies Mädchen ist bereits zwischen mich und meine Gedanken getreten: sie soll nicht noch weiter gehen und zwischen mich und meine Pflicht treten. Ich bin fest entschlossen. Ein so großer Narr ich auch bin, ich habe noch so viel Vernunft behalten, um mir nicht einmal zuzutrauen, bis morgen früh auf Sprachrohrentfernung von Aldborough zu bleiben. Ich kann noch ein zwanzig (englische) Meilen zu Fuße gehen, und ich will meinen Marsch noch heute Abend antreten.

Seine Schwester fuhr bei diesen Worten auf und faßte ihn hastig beim Arme.

—— Robert, rief sie aus, sprichst Du im Ernste? Du hast doch nicht vor, zu Fuße von uns fortzugehen, so ganz allein in der Finsternis?

—— Es ist ja bloß ein Abschied, meine Liebe, als letztes Wort beim Schlafengehen anstatt des ersten Worts beim Aufstehen, antwortete er lächelnd. Sieh zu, ob Du mir Das zugestehen kannst, Lieschen. Mein Leben brachte ich auf der See hin, und ich bin nicht gewohnt, mein Gemüth auf diese Weise in ewiger Aufregung zu wissen. Menschen die auf dem festen Lande leben, sind daran gewöhnt, solche Menschen können es leicht nehmen. Ich kanns nicht. Wenn ich hier anlegte, wäre es um meine Ruhe geschehen. Wenn ich bis morgen wartete, würde ich auch nur gehen, um sie noch einmal zu sehen. Ich brauche mich nicht noch mehr vor mir selber zu schämen, als ich es jetzt schon thue. Ich muß mich wieder hindurchringen zu meiner Pflicht und kämpfend mit meinen eigenen Gefühlen mich selber wieder finden, ohne mich damit aufzuhalten, zweimal darüber nachzudenken. Die Finsterniß verschlägt mir nichts —— ich bin an die Finsterniß gewöhnt. Ich habe nur die Landstraße fortzugehen und kann den Weg nicht verfehlen. Laß mich ziehen, Lieschen! Das einzige Liebchen, mit dem ich in meinem Alter noch Etwas zu schaffen habe, ist mein Schiff. Laß mich zu ihm zurückkehren!

Seine Schwester hielt noch immer seinen Arm fest und drang noch immer in ihn, doch bis morgen zu bleiben. Er hörte sie an mit vollkommener Ruhe und Milde, aber sie vermochte keinen Augenblick, ihn in seinem Entschlusse wankend zu machen.

—— Was soll ich denn zu Wilhelm sagen? bat sie. Was wird er denken, wenn er zurückkommt und Dich abgereist findet?

—— Sage ihm, daß ich den Rath befolgt habe, den er uns am Sonntage in seiner Predigt gegeben hat. Ich habe der Welt den Rücken gekehrt und dem Fleische und dem Teufel.

—— Wie kannst Du nur solche Reden führen, Robert! Und die Knaben sagten, Du versprachst nicht zu gehen, ohne den Knaben Lebewohl zu sagen.

—— Das ist auch wahr. Ich gab meinen kleinen Neffen ein Versprechen, und —— ich wills auch halten.

Er zog, als er dies sprach, seine Schuhe auf der Matte vor der Thüre aus.

—— Leuchte mir hinauf, Lieschen; ich will den beiden Jungen Lebewohl sagen, ohne sie aufzuwecken.

Sie sah, daß es nutzlos war, ihm länger zu widersprechen, und ging, indem sie das Licht nahm, ihm voran die Treppe hinauf.

Die Knaben —— Beides noch zarte Kinder —— schliefen bei einander in einem und demselben Bette. Der Jüngste war des Oheims Liebling und hatte auch den Namen von seinem Oheim. Er lag ruhig da und schlief, ein plumpes kleines Schiff zum Spielen fest im Arme haltend. Kirkes Augen wurden sanft, als er sich auf den Zehen an die Seite des Kindes schlich und den Knaben mit der Zärtlichkeit einer Frau küßte.

—— Armer Kleiner! sagte der Seemann mit weicher Stimme. Er liebt sein Schiffchen gerade so innig, als ich in seinem Alter. Ich will ihm ein besseres schnitzen, wenn ich zurückkomme. Willst Du mir eines Tages meinen Neffen geben, Lieschen, und einen Seemann aus ihm machen lassen?

—— Ach, Robert, wenn Du nur verheirathet und glücklich wärest, wie ich!

—— Die Zeit ist vorbei, meine Liebe. Ich muß die Sache so gut nehmen, wie sie ist, und mein kleiner Neffe da wird mir dazu verhelfen.

——Er verließ das Zimmer. Die Thränen kamen seiner Schwester aus den Augen gestürzt, als sie ihm in die Wohnstube folgte.

—— Es ist etwas so Verzweilfeltes und Entsetzliches in dieser Art, wie Du von uns Abschied nimmst, sagte sie. Soll ich morgen nach Aldborough gehen, Robert, und zusehen, ob ich um Deinetwillen mit ihr Bekanntschaft anknüpfen kann?

—— Nein, erwiderte er; laß sie gehen. Wenn es bestimmt ist, daß ich jenes Mädchen noch im Leben wiedersehen soll, so werde ich es sehen. Ueberlaß es der Zukunft, Du thust wohl daran.

Er zog seine Schuhe an und nahm seinen Hut und Stock.

—— Ich will mich nicht überlaufen, sagte er freundlich; wenn die Postkutsche mich auf der Straße nicht einholt, so kann ich sie an dem Orte, wo ich mein Frühstück abhalte, erwarten. Trockne Deine Tränen, meine Liebe, und gieb mir einen Kuß.

Sie sah ihrem Bruder in den Zügen und in der Farbe ihres Gesichts ähnlich; sie hatte aber auch Etwas von dem raschen Geiste ihres Bruders, sie wischte sich die Thränen ab und nahm tapfer und gefaßt Abschied von ihm.

—— In Jahresfrist werde ich zurückkommen, sagte Kirk, indem er unter der Hausthür wieder in seine alte Seemannsart verfiel; ich will Dir einen chinesischen Shawl mitbringen, Lieschen, dazu eine Kiste Thee für Deine Vorrathskammer. Mach, daß die Knaben mich nicht vergessen, und denke nicht, daß ich es böse meine, wenn ich Euch auf diese Weise verlasse. Ich weiß, daß ich wohl daran thue. Gott segne und behüte Dich, meine Liebe, und Deinen Mann und Deine Kinder! Leb wohl!

Er blieb stehen und küßte sie. Sie lief nach der Thür, um ihm nachzusehen. Ein Windstoß blies das Licht aus, und die schwarze Nacht nahm ihn augenblicklich in ihren Schooß auf.

Drei Tage später segelte daß Kauffahrteischiff erster Classe: »Befreiung«, Capitän: Kirke, von London nach den indischen Gewässern.



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

Der drohende Sturm und Witterungswechsel verzog sich mit dem Anbrechen des Tages. Als der Morgen über Aldborough heraufkam, thronte die Sonne herrlich am blauen Himmelszelte, und die Wogen kräuselten sich fröhlich unter der Sommerbrise.

Zu einer Stunde, wo noch keine anderen Badegäste auf den Beinen waren, erschien der unermüdliche Hauptmann Wragge in der Thür von Nordstein-Villa und richtete seine Schritte nach Norden, mit einem feingebundenen Exemplar von Joyces »Wissenschaftlichen Gesprächen« in der Hand. Als er auf dem leeren Platze über den Häusern draußen ankam, stieg er zum Ufer hinunter und schlug sein Buch auf. Die Unterredung in der vergangenen Nacht hatte ihm die Schwierigkeiten, welche sich ihm bei der bevorstehenden Unterredung in den Weg stellen würden, recht lebhaft vor die Seele geführt. Er war jetzt doppelt entschlossen, das eigenthümliche Kunststück zu versuchen, auf das er in seinem Briefe an Magdalene hingedeutet hatte, und demnach in dem Charakter eines äußerst gelehrten Mannes die ganze Aufmerksamkeit und Theilnahme der fürchterlichen Mrs. Lecount auf sich zu lenken.

Als der Hauptmann seinen vorgeschriebenen Satz an mundrecht gemachter Wissenschaft (um einen eigenen Ausdruck zu gebrauchen) verzehrt hatte, das erste Geschäft am frühen Morgen bei leerem Magen, kam er zur Frückstücksstunde wieder in seinen kleinen Familienkreis, angefüllt mit so viel Wissenschaft, als er für den Tag brauchte. Er bemerkte, daß Magdalenens Gesicht offene Zeichen einer schlaflosen Nacht an sich trug. Sie klagte nicht, ihr Benehmen war ruhig und gefaßt und sie ganz Herrin ihrer Stimmung. Mrs. Wragge —— erfrischt durch einen dreizehnstündigen ununterbrochenen Schlaf war vortrefflich bei Laune und hatte (wunderbar aber wahr) ihre Schuhe ganz richtig an. Sie brachte verschiedene große Bogen Musterpapier mit sich, welche ganz kraus in geheimnißvolle und vielgestaltige Formen zerschnitten waren und ihren Ehegatten sofort zu der kurzen und scharfen Frage veranlaßten:

—— Was hast Du da?

—— Musterschnitte, Hauptmann, sagte Mrs. Wragge in furchtsam beschwichtigendem Tone. Ich ging in London einkaufen und ließ mir ein orientalisches Kaschmirkleid zumessen. Es kostet schweres Geld, und ich will sehen, ob ich Etwas sparen kann, indem ich mir es selbst mache. Ich habe meine Musterschnitte und meine Anweisungen zum Schneidern, die wie gedruckt geschrieben sind. Ich werde sehr artig sein, Hauptmann; ich will mich in einer Ecke halten, wenn Du so gut sein willst, mir eine einzuräumen, und ob mein Kopf brummt oder nicht, ich will die ganze Zeit gerade über meiner Arbeit sitzen.

—— Du wirst Deine Arbeit machen, sagte der Hauptmann ernst und streng, wenn Du weißt, wer Du bist, wer ich bin und wer das junge Fräulein da ist, —— nicht eher. Zeig mir Deine Schuhe: Gut. Zeig mir Deine Haube: Gut. Mach das Frühstück zurecht.

Als das Frühstück vorüber war, erhielt Mrs. Wragge ihre gemessene Weisung, sich in ein anstoßendes Zimmer zurückzuziehen und dort zu warten, bis ihr Mann käme, um sie zu erlösen. Sobald sie den Rücken gewandt hatte, nahm Hauptmann Wragge sofort den Faden der Unterhaltung, welcher auf ausdrücklichen Wunsch Magdalenens die Nacht vorher abgerissen worden war, wieder auf. Die Fragen, die er jetzt an sie richtete, bezogen sich alle auf den Gegenstand ihres Besuchs in Verkleidung bei Noël Vanstone. Es waren die Fragen eines durchaus scharfsinnigen Mannes, kurz, forschend und ohne Umschweife auf die Hauptsache losgehend. In weniger denn einer halben Stunde Zeit hatte er sich denn auch mit jeder Einzelheit des Vorgangs auf der Vauxhallpromenade vertraut gemacht.

Die Schlüsse, welche der Hauptmann zog, nachdem er sich dergestalt unterrichtet hatte, waren klar und aus der Hand liegend.

Bezüglich der ungünstigen Seite der Frage drückte er seine Ueberzeugung aus, Mrs. Lecount habe gewiß entdeckt, daß ihr Gast verkleidet war, und selbige habe auch gar nicht das Zimmer wirklich verlassen, obgleich sie die Thür geöffnet und zugemacht hatte, und es habe daher bei beiden Gelegenheiten, wo Magdalene sich durch ihre eigene Stimme verrathen hatte, Mrs. Lecount sie gehört. Was die günstige Seite der Frage anlangte, so war er ganz wohl zufrieden damit, daß das gemalte Angesicht mit den Augenlidern, die Perrücke und der auswattirte Mantel so wirksam Magdalenens Identität verborgen hatten, dergestalt, daß sie nun in ihrer eigenen Person, was die äußere Erscheinung anlangte, der schärfsten Forscherblicke der Haushälterin spotten konnte. Die Schwierigkeit, Mrs. Lecounts Ohren eben so gut als ihre Augen zu täuschen, war —— das gab er gern zu —— allerdings nicht so leicht zu beseitigen. Allein in Erwägung der Thatsache, daß Magdalene bei beiden Gelegenheiten, wo sie sich selbst vergessen hatte, in der Aufwallung des Zorns gesprochen hatte, war er der Meinung, daß sie allen Grund hatte, vor der Entdeckung ihrer Stimme sicher zu sein, wenn sie nur fein sorgsam alle Gefühlsausbrüche in Zukunft unterließe und in jenen mehr ruhigen und gewöhnlichen Tönen spräche, welche Mrs. Lecount noch nicht gehört hätte. Alles zusammengenommen war der Hauptmann mithin geneigt, die Aussicht hoffnungsvoll zu bezeichnen, wenn nur ein ernstes Hinderniß im Anfange beseitigt würde —— und dies Hinderniß war nichts weniger und nichts mehr, als: die Anwesenheit von Mrs. Wragge auf dem Schauplatze der Handlung.

Zu Magdalenens Erstaunen hörte Hauptmann Wragge, als die Reihenfolge ihrer Erzählung sie zu der Geschichte mit dem Geiste brachte, mit der Miene eines Mannes zu, welcher durch das Gehörte eher unangenehm berührt, denn ergötzt wird. Als sie fertig war, sagte er ihr offen heraus, daß ihr unglückliches zusammentreffen an der Treppe des Hotel garni mit Mrs. Wragge seiner Meinung nach das ernsteste von all den Mißgeschicken sei, welche auf der Vauxhallpromenade sich zugetragen hätten.

—— Ich kann mit der Schwierigkeit, daß meine Frau so außerordentlich beschränkten Verstandes ist, recht wohl fertig werden, sagte er, wie ich denn auch schon oft damit fertig geworden bin. Ich kann ihr ihre neue Persönlichkeit in den Kopf hineintrommeln, aber jenen Geist heraustrommeln, das vermag ich nicht. Wir haben keine Bürgschaft dafür, daß ihr nicht die Frau in dem grauen Mantel und mit dem Schaufelhute gerade in der bedeutungsschwersten Zeit und unter den kitzlichsten Umständen wieder in den Sinn kommt. Deutsch heraus gesagt [In Plain Englisch.], liebes Mädchen: Mrs. Wragge ist eine Grube zu unserm Sturz bei jedem Schritte, den unsere Füße vorwärts thun.

—— Wenn wir uns vor der Grube fein in Acht nehmen, sagte Magdalene, so können wir unsere Maßregeln nehmen, zu vermeiden. Was schlagen Sie vor?

—— Ich schlage vor, versetzte der Hauptmann, Mrs. Wragge zeitweilig zu entfernen. Wenn ich nämlich die Sache nur vom Geldpunct aus ansehe, so kann ich eine gänzliche Trennung von ihr nicht gut wünschen. Sie haben doch gewiß oft von sehr armen Leuten, die durch von entfernter und unverhoffter Seite gekommene Vermächtnisse plötzlich reich geworden waren, gelesen? Mit Mrs. Wragge war dies ebenso der Fall, als ich sie heirathete. Eine ältere weibliche Verwandte theilte bei jener Gelegenheit die Spenden des Glücksfüllhorns mit meiner Frau, und wenn ich diese Familienbeziehungen nur im Gange erhalte, so weiß ich ziemlich zuverlässig, daß Mrs. Wragge sich mir ein zweites Mal nützlich erweisen wird, für den Fall nämlich des Todes jener älteren Verwandten. Wäre dieser Umstand nicht gewesen, so würde ich wahrscheinlich schon längst meine Frau der Sorge der Gesellschaft im Großen überlassen haben, in der angenehmen Ueberzeugung, daß, wenn ich sie nicht unterstütze, jemand Anderes es thun würde. Obgleich ich mich nicht dazu verstehen kann, so zu handeln, so sehe ich doch keinen Grund ein, warum ich sie nicht auf eine gegebene Zeit uns aus dem Wege schaffen, mit aller Bequemlichkeit verpflegen lassen und irgendwo unterbringen sollte, nämlich in einem entlegenen Pächterhause in der Rolle einer etwas geistesschwachen Dame. Sie würden die Kosten unbedeutend, ich würde die Erlösung von ihr unsäglich wohlthuend finden. Was meinen Sie dazu? Soll ich sie gleich aufpacken und mit der nächsten Post wegschaffen?

—— Nein, versetzte Magdalene mit Festigkeit. Das Leben des armen Wesens ist ohnehin hart genug; ich möchte nimmer dazu beitragen, es noch härter zu machen. Sie war liebevoll, aufrichtig und gut gegen mich, als ich krank lag, und ich möchte sie um Alles in der Welt nicht unter fremden Leuten in Verschluß halten lassen, so lange ich es hindern kann. Die Gefahr, sie hier sicher zu bewahren, ist eben nur eine Gefahr mehr. Ich will ihr trotzen, Hauptmann Wragge, wenn Sie vielleicht auch nicht wollen.

—— Bedenken Sie sich noch ein Mal, sagte der Hauptmann ernst, ehe Sie sich entschließen, Mrs. Wragge bei uns zu behalten.

—— Ein Mal ist schon genug, versetzte Magdalene. Ich will sie nicht fortgeschickt wissen.

—— Sehr gut, sagte der Hauptmann mit Entsagung im Tone. Ich mag mit Gefühlssachen Nichts zu schaffen haben. Allein ich habe über mein eigenes Interesse noch ein Wort zu sagen. Wenn meine Dienste Ihnen von Nutzen sein sollen, so kann ich mir nicht die Hände von vornherein binden lassen. Dies ist ein ernster Punkt. Ich traue nicht einem Zusammentreffen meiner Frau mit Mrs. Lecount. Ich wittere Unrath, wenn Sie ihn auch nicht fürchten: — und ich mache es zur Bedingung, daß wenn Mrs. Wragge hierbleibt, sie wenigstens ihr Zimmer hütet. Wenn Sie denken, daß ihre Gesundheit es erfordert, so können Sie sie früh Morgens oder spät Abends zu einem Spaziergang mit heraus nehmen, aber Sie dürfen sie nimmer mit dem Dienstmädchen ausgehen lassen oder gar allein. Ich stelle die Sache ganz offen hin: sie ist zu wichtig, als daß wir sie obenhin behandeln dürfen. Was sagen Sie dazu, Ja oder Nein?

—— Ich sage: Ja, erwiderte Magdalene nach einem augenblicklichen Nachdenken, unter der Bedingung, daß ich sie zum Gehen mit hinaus nehmen darf, wie Sie vorschlugen.

Hauptmann Wragge verbeugte sich und gewann seine gefällige Art wieder.

—— Was sind unsere Pläne? frug er. Soll ich Ihre Unternehmung heute Nachmittag beginnen? Sind Sie bereit; sich Mrs. Lecount und ihrem Herrn vorstellen zu lassen.

—— Ja wohl.

—— Gut noch ein Mal. Wir werden sie auf der Promenade treffen, zu ihrer gewöhnlichen Ausgehstunde, um zwei Uhr. Es ist noch nicht um Zwölf. Ich habe noch zwei Stunden vor mir, gerade Zeit genug, um meine Frau in ihre »neue Haut« einzupassen. Diese Vornahme ist schlechterdings nöthig, um zu verhindern, daß sie uns gegenüber dem Dienstmädchen bloß stellt. Fürchten Sie nicht den Ausfall meiner Bemühungen, Mrs. Wragge hat sich im Laufe ihres ehelichen Lebens bereits eine reiche Auswahl angenommener Namen in ihren Kopf hämmern lassen müssen. Es kommt lediglich darauf an, derb genug zu hämmern, auf weiter Nichts. Ich denke, wir haben nun Alles und Jedes erledigt. Ist noch etwas für mich zu thun vor zwei Uhr? Haben Sie eine Beschäftigung für den Morgen?

—— Nein, sagte Magdalene; ich werde wieder auf mein Zimmer gehen und zusehen, ob ich etwas ruhen kann.

—— Sie hatten wohl eine unruhige Nacht, wie ich fürchten muß? sagte der Hauptmann, indem er ihr höflich die Thür aufmachte.

—— Ich schlief ein oder zwei Mal ein, antwortete sie gleichgültig. Ich glaube, meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Die kühnen Blicke jenes Mannes, der mich gestern so beleidigend ansah, schienen mir im Traume wieder auf mich gerichtet zu sein. Wenn wir ihn heute sehen und er mich noch ein Mal belästigt, so muß ich Sie ersuchen, mit ihm zu sprechen. Wir wollen uns um zwei Uhr wieder hier treffen. Seien Sie nicht hart gegen Mrs. Wragge; bringen Sie ihr bei, was sie lernen soll, aber so zart als Sie können.

Mit diesen Worten verließ sie ihn und ging ins Haus hinauf.

Sie legte sich mit einem tiefen Seufzer aufs Bett und versuchte zu schlafen. Es war vergebens. Die betäubende Müdigkeit, welche sich jetzt ihrer bemächtigt hatte, war nicht die Müdigkeit, die sich durch Ruhe und Schlaf heben läßt. Sie stand wieder auf und setzte sich ans Fenster, ihre Blicke zerstreut und gegenstandlos auf das Meer gerichtet.

Eine schwächere Natur als die ihrige würde den Schlag, Franks Treulosigkeit, nicht so gefühlt haben, als sie ihn gefühlt hatte und jetzt noch fühlte. Eine schwächere Natur würde zornig aufgewallt sein und durch Thränen sich erleichtert haben. Die leidenschaftliche Stärke von Magdalenens Liebe klammerte sich verzweifelt an das sinkende Wrack ihres eigenen süßen Wahnes, klammerte sich daran, bis sie sich durch die bloße Kraft des Willens blutenden Herzens davon losriß. Sie mußte allen ihren angeborenen Stolz, ihr scharfes Gefühl für alles Unrecht zusammennehmen, um gegen die Gedanken anzukämpfen, welche immer und immer wieder aus der unauslöschlichen Glut der Leidenschaft vergangener glücklicher Tage in ihr aufstiegen, Gedanken, welche in arger Selbstbethörung Franks herzlosen Abschied jeder andern Ursache, nur nicht der angeborenen Schlechtigkeit des Mannes, der jene Worte geschrieben, beimessen wollten.

Das Weib soll noch geboren werden, das eine treue Liebe aus seinem Herzen reißen kann, bloß weil der Gegenstand seiner Liebe seiner unwerth war. Alles, was es thun kann, ist: insgeheim dagegen ankämpfen und in dem Streite erliegen, wenn es schwach ist, zu überwinden aber, wenn es stark ist, durch einen Act der Selbstpeinigung welcher von allen sittlichen, aus die weibliche Natur angewandten Mitteln das allergefährlichste und verwegenste, von allen sittlichen Wandelungen diejenige ist, welche ihre Spuren fürs ganze Leben hinterläßt.

Magdalenens starke Natur hatte sie in dem Kampfe aufrecht erhalten, und der Ausgang desselben machte sie —— so, wie sie war.

Nachdem sie wohl beinahe eine Stunde am Fenster gesessen, ihre Augen zerstreut in die Landschaft hinausschauend, ihr Geist verloren in empfindungs- und gedankenloses Hinträumen, schüttelte sie den seltsamen wachenden Schlummer, der sie überfallen hatte, ab und stand auf, um sich zu dem ernsten Werke des Tages vorzubereiten.

Sie ging zu der Garderobe und nahm von den Nägeln zwei helle feine Musselinkleider, welche vor einem Jahre für den Sommer auf Combe-Raven gemacht worden und welche von zu geringem Werthe waren, um, als sie ihre übrigen Sachen veräußert mit verkauft zu werden.

Als sie die Kleider neben einander aufs Bett gelegt hatte, sah sie noch ein Mal in den Kleiderschrank. Er enthielt nur noch ein anderes Sommerkleid, die glatte Alpacarobe, welche sie während ihrer merkwürdigen Unterredung mit Noël Vanstone und Mrs. Lecount getragen. Diese ließ sie an ihrem Platze, indem sie sich entschloß, sie nicht zu tragen, weniger etwa aus Furcht, daß die Haushälterin ein so wenig auffallendes und gewöhnliches Muster wiedererkennen würde, als aus der Ueberzeugung, daß sie nicht heiter noch passend genug für den Zweck war. Nachdem sie noch einen glatten Musselinshawl, ein Paar hellgraue Glacés und einen florentinischen Gartenstrohhut aus der Garderobe genommen, schloß sie den Schrank zu und steckte den Schlüssel sorgsam in ihre Tasche.

Anstatt sofort daran zu gehen, sich anzukleiden, saß sie unthätig da und sah die beiden Musselinkleider an. Es war ihr gleichgültig, welches sie trüge, und doch zauderte sie fort und fort, ihre Wahl zu treffen.

—— Was kommt darauf an, sprach sie zu sich selbst mit einem kalten Lachen, ich gelte mir in meiner eigenen Achtung ganz gleich wenig, welches immer ich anziehe.

Sie schauderte zusammen, als ob der Klang ihres eigenen Lachens sie erschreckt habe, und griff hastig und jäh nach dem Kleide, das ihr am nächsten lag. Die Farben desselben waren blau und weiß, gerade das Blau, welches am Besten zu ihrer herrlichen Gesichtsfarbe paßte. Sie zog das Kleid eilig an, ohne vor ihren Spiegel zu treten. Zum ersten Male in ihren Leben mied sie ihr Spiegelbild, nur ein Mal nicht, wo! sie ihr Haar unter dem Gartenhut geordnet hatte; aber sie trat sofort wieder weg von dem Spiegel. Sie warf dann den Shawl um ihre Schultern, zog die Handschuhe an, den Rücken gegen den Toilettentisch hingewendet.

—— Soll ich mich schminken? fragte sie sich, indem sie ahnend fühlte, daß sie bleich geworden war. Das Roth ist noch in meinem Koffer. Ich kann mein Gesicht nicht falscher machen, als es schon ist.

Sie sah sich nach dem Spiegel um und wandte sich hinweg.

—— Nein! sagte sie. Ich habe Mrs. Lecount entgegenzutreten, so wie ihrem Herrn. Keine Schminke.

Nachdem sie nach der Uhr gesehen, verließ sie das Zimmer und ging wieder die Treppe hinunter. Es fehlten zehn Minuten nur an zwei Uhr.

Hauptmann Wragge wartete auf sie im Wohnzimmer, anständig anzuschauen im Frack, steifer Sommercravatte und hohem weißen Hut, recht ländlich und schmuck in einer Reitweste, grauen Beinkleidern und entsprechenden Gamaschen. Seine Vatermörder waren höher denn gewöhnlich, und er führte einen funkelneuen Feldstuhl in der Hand. Jeder Kaufmann in England, der ihn in diesem Augenblicke gesehen hätte, würde ihm auf der Stelle Credit geschenkt haben.

—— Reizend! sagte der Hauptmann, indem er Magdalenen, wie sie ins Zimmer trat, mit väterlichen Blicken musterte; so frisch und kühl! Ein wenig zu bleich, meine Theure, und viel zu ernst. Sonst vortrefflich. Sehen Sie zu, ob Sie lächeln können.

—— Wenn die Zeit zum Lächeln kommen wird, sagte Magdalene herb, so verlassen Sie sich nur auf meine dramatische Uebung in jeder Veränderung der Miene, welche sich nöthig machen wird. Wo ist Mrs. Wragge?

—— Mrs. Wragge hat ihre Aufgabe gelernt, versetzte der Hauptmann, und ist nun dadurch belohnt worden, daß sie mit meiner Erlaubniß über ihrer Arbeit auf ihrem Zimmer sitzen darf. Ich heiße ihre neue Liebhaberei fürs Schneidern gut, da dieselbe sicherlich ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und sie zu Hause erhält. Es ist nicht zu fürchten, daß sie ihre »orientalische Robe« so schnell fertig bekommt, denn es gibt wohl kein Versehen bei der Anfertigung einer solchen, daß sie nicht gewiß und wahrhaftig begehen wird. Sie wird emsig über ihrem Kleide sitzen, verzeihen sie den Ausdruck, wie eine Henne über einem Windei. Ich gebe Ihnen mein Wort, ihre neue Phantasie macht mir Vergnügen. Nichts konnte unter den gegenwärtigen Umständen gelegener kommen.

Er stolzierte zum Fenster, sah hinaus und bat Magdalenen, zu ihm zu treten.

—— Dort sind sie! sagte er und zeigte auf die Promenade.

Mr. Noël Vanstone wandelte langsam vorbei, wie sie hinsahen, angethan, wie er war, mit einem vollständigen Anzug von altmodischem Nanking. Es war augenscheinlich einer von den Tagen, wo der Zustand seiner Gesundheit am schlechtesten war. Er stützte sich aus Mrs. Lecounts Arm und wurde vor der Sonne durch einen hellen Sonnenschirm geschützt, den sie über ihn hielt. Die Haushälterin, so schmuck wie gewöhnlich angezogen, trug ein lavendelfarbenes Kleid, eine schwarze Mantille, einen einfachen Strohhut und einen gerippten blauen Schleier. Sie bewachte ihren kranken Herrn mit der zärtlichsten Sorgsamkeit, machte ihn bald mit Bescheidenheit auf die verschiedenen Gegenstände der Aussicht übers Meer aufmerksam, bald Verbeugte sie sich in dankbarer Erwiderung der Artigkeit der vorübergehenden Badegäste auf der Promenade, welche schonend zurück traten, um den Kranken vorbeizulassen. Sie machte sichtbar Eindruck auf die Spaziergänger am Ufer. Sie sahen ihr Alle mit gleicher Theilnahme nach und wechselten vertrauliche Zeichen des Beifalls aus, welche so deutlich als Worte sagten:

—— Eine sehr häusliche Person, ein wahrhaft vortreffliches Frauenzimmer!

Hauptmann Wragges verschiedenfarbene Augen folgten Mrs. Lecount mit stetiger mißtrauischer Aufmerksamkeit.

—— Eine schwere Arbeit für uns Das —— flüsterte er Magdalenen zu, schwerer, als Sie vielleicht denken: das Weib von seinem Platze zu verdrängen.

—— Warten Sie es ab, sagte Magdalene ruhig. Warten Sie es ab, und Sie werden sehen.

Sie ging zur Thür, Der Hauptmann folgte ihr, ohne weiter eine Bemerkung zu machen.

—— Ich will warten, bis Du verheirathet bist, dachte er bei sich, aber nicht einen Augenblick länger, Du möchtest mir bieten, was Du wolltest. In der Hausthür redete ihn Magdalene wieder an.

—— Wir wollen den Weg dort gehen, sagte sie, indem sie nach Süden zeigte, dann uns drehen und ihnen begegnen, wenn sie zurückkommen.

Hauptmann Wragge drückte seine Zustimmung zu diesem Vorschlage aus und folgte Magdalenen zum Gartenthore. Als sie dasselbe öffnete, um durchzugehen, wurde ihre Aufmerksamkeit durch eine Dame auf sich gezogen, welche, begleitet von einer Amme und zwei kleinen Knaben, hinter ihr auf dem Wege draußen vor der Gartenmauer einherwandelte. Die Dame blieb stehen, sah aufmerksam vor sich hin und lächelte bei sich, als Magdalene heraustrat. Die Neugier hatte bei Kirkes Schwester die Oberhand gewonnen, und sie war nach Aldborough gekommen, ausdrücklich in der Absicht, um Miss Bygrave zu sehen.

Etwas in dem Gesichtsschnitte der Dame, Etwas in dem Ausdrucke ihrer dunklen Augen erinnerte Magdalene an den Schiffscapitän, dessen unbewußtes Anstaunen sie den Abend vorher so verdrossen hatte.

Sie erwiderte augenblicklich das scharfe Ansehen der Fremden durch ein Stirnrunzeln und einen finsteren Blick. Die Dame wechselte die Farbe, gab den Blick mit Zinsen zurück und ging weiter.

—— Ein schroffes, dreistes, schlechtes Mädchen, dachte Kirkes Schwester. Was hat nur Robert gedacht, als er sie so bewundernswürdig fand? Ich bin sehr froh, daß er fort ist. Ich hoffe und bin gewiß, daß er nie wieder seine Augen auf Miss Bygrave fallen lassen wird.

—— Was für Bauern sind die Leute hier! sagte Magdalene zu Hauptmann Wragge. Jenes Frauenzimmer war noch unverschämter als der Mann von gestern Abend. Sie sieht ihm im Gesichte ähnlich. Wer mag sie wohl sein?

—— Das will ich gleich herausbekommen, sagte der Hauptmann. Wir können Fremden gegenüber nicht vorsichtig genug sein.

Er wandte sich sofort an seine Freunde, die Bootsleute. Sie waren nahe zur Hand, und Magdalene hörte ganz deutlich Fragen und Antworten.

—— Wie gehts Euch Allen diesen Morgen? sagte Hauptmann Wragge in seiner leichten scherzhaften Weise; und wie stets mit dem Winde? Nordwest und Halbwest, nicht wahr? Sehr gut. Wer ist die Dame?

—— Das ist Mrs. Strickland, Sir.

—— So, so! Des Geistlichen Frau und die Schwester des Schiffscapitäns. Wo ist heute der Capitän?

—— Unterwegs nach London, denke ich, Sir. Sein Schiff fährt Ende der Woche nach China.

China! Als das Wort dem Manne über die Lippen kam, griff ein Wehgefühl des alten Kummers Magdalenen ans Herz. So fremd er ihr war, so begann sie doch schon den bloßen Namen des Kauffahrteicapitäns zu hassen. Er hatte ihre Träume vergangene Nacht gestört und jetzt, wo sie sehr verzweifelt und rücksichtslos dabei war, ihre alten Erinnerungen ans Vaterhaus zu vergessen, war er mittelbar die Ursache gewesen, daß sie wieder an Frank dachte.

—— Kommen Sie, sagte sie heftig zu ihrem Begleiter. Was gehen uns der Mann und sein Schiff an? Kommen Sie mit fort!

—— Richtig, sagte Hauptmann Wragge. Sofern wir nur nicht Freunde von den Bygraves finden, was gehen uns da andere Leute an?

Sie schritten vorwärts nach Süden zu, so ein zehn Minuten oder etwas länger, wandten sich dann und gingen wieder zurück, um mit Noël Vanstone und Mrs. Lecount zusammenzutreffen.



Kapiteltrenner

Viertes Capitel.

Hauptmann Wragge und Magdalene konnten ihre Schritte zurück lenken, bis sie wieder in Sicht der Nordstein-Villa waren, ehe irgend eine Spur von Mrs. Lecount und ihrem Herrn zu sehen war. Erst an jener Stelle wurden das lavendelfarbene Kleid der Haushälterin, der Schirm und die schwächliche kleine Gestalt in Nanking, welche darunter wandelte, in der Ferne sichtbar. Der Hauptmann hielt sofort seinen Schritt an und gab Magdalenen seinen Rath für ihr Verhalten bei der bevorstehenden Unterhaltung in folgenden Worten:

—— Vergessen Sie Ihr Lächeln nicht, sagte er. In allen anderen Hinsichten werden Sie genügen. Der Spaziergang hat Ihre Farbe erhöht, und der Hut steht Ihnen gut. Sehen Sie Mrs. Lecount fest ins Gesicht, zeigen Sie keine Verwirrung, wenn Sie sprechen, und wenn Mr. Noël Vanstone Ihnen etwas auffallend Aufmerksamkeit widmet, nehmen Sie nicht zu viel Notiz davon, so lange das Auge seiner Haushälterin auf Ihnen ruht. Vergessen Sie Eines nicht! Ich bin den ganzen Morgen über Joyces wissenschaftlichen Gesprächen gewesen und habe alles Ernstes vor, Mrs. Lecount das ganze Gewicht meiner Studien fühlen zu lassen. Wenn ich nicht bewirken kann, ihre Aufmerksamkeit von Ihnen und ihrem Herrn abzulenken, so gebe ich keinen Pfifferling für den Erfolg unserer Bemühungen. Ein bloßes Geplauder würde bei dieser Frau nicht verfangen, auch Artigkeiten würden nicht ziehen, Witze würden auch nicht anschlagen: aber populäres Wissen wird an den verstorbenen Professor erinneren, populäres Wissen wird schon verfangen. Wir müssen ein System von Zeichen verabreden, damit ich Sie wissen lassen kann, wie es mit mir steht. Merken Sie auf diesen Feldstuhl. Wenn ich ihn von meiner linken Hand in die rechte nehme, so spreche ich als Joyce. Wenn ich ihn von meiner Rechten in die Linke nehme, so spreche ich als Wragge. Im ersten Falle unterbrechen Sie mich nicht, ich steure an mein Ziel los. Im andern Falle aber sagen Sie, was Sie wollen, meine Bemerkungen sind nicht von der geringsten Bedeutung. Wollen Sie erst eine Probe durchmachen? Sind Sie dessen gewiß, daß Sie mich verstanden haben? —— Sehr wohl. Nehmen Sie meinen Arm und sehen Sie heiter ans. Achtung! Hier sind sie.

Die Begegnung erfolgte fast halbwegs zwischen dem Landhaus Amsee und Nordsteinvilla. Hauptmann Wragge nahm seinen hohen weißen Hut ab und eröffnete sofort die Unterhaltung in der freundlichsten Art und Weise.

—— Guten Morgen, Mrs. Lecount, sagte er mit der freien, fröhlichen Höflichkeit eines von Natur geselligen Mannes. Guten Morgen, Mr. Vanstone; ich bedaure, Sie heute leidend zu sehen. Mrs. Lecount, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Nichte vorstelle —— meine Nichte, Miss Bygrave. Liebes Kind, dies ist Mr. Noël Vanstone, unser Nachbar in der Villa Amsee. Wir müssen durchaus auf gute Nachbarschaft halten in Aldborough, Mrs. Lecount. Es ist nur eine Promenade in dem Orte (wie meine Nichte soeben gegen mich bemerkte, Mr. Vanstone), und auf dieser Promenade müssen wir uns Alle treffen, jedes Mal wenn wir ausgehen. Und warum nicht? Sind wir Beides Leute von Förmlichkeiten? Nichts der Art, wir sind gerade das Gegentheil Sie besitzen die Leichtigkeit des Umganges, die man nur auf dem Festlande erlernt, Mr. Vanstone; ich wetteifere mit Ihnen in der offenen Zuthulichkeit eines Engländers von altem Schrot und Korn, die Damen mischen sich zusammen in harmonischer Abwechselung, wie Blumen auf demselben Beet, und das Ergebniß ist, daß wir ein gemeinsames Interesse daran haben, unsern Aufenthalt an der Seeküste einander so angenehm als möglich zu machen. Verzeihen Sie meinen übersprudelnden Humor, verzeihen Sie mein fröhliches und jugendliches Empfinden. Das Jod in der Seeluft, Mrs. Lecount, die notorische Wirkung des Jods in der Seeluft!

—— Sie kamen gestern an, Miss Bygrave nicht wahr? sagte die Haushälterin, sobald die Wortsindflut des Hauptmanns zu einem Ende gekommen war.

Sie richtete diese Worte an Magdalene mit einem freundlichen mütterlichen Interesse an deren Jugend und Schönheit, gemildert durch die gefügige Liebenswürdigkeit, welche ihre Stellung im Haushalt von Mr. Noël Vanstone erforderte. Nicht das geringste Zeichen von Argwohn oder Ueberraschung verrieth sich in ihrem Gesichte, ihrer Stimme oder ihrem Wesen, während sie und Magdalene sich jetzt einander anblickten. Es war deutlich zu sehen, daß das wahre Gesicht und die wahre Gestalt, welche sie jetzt sah, sie in Nichts an das falsche Gesicht, die falsche Gestalt erinnerten, die sie auf der Vauxhallpromenade gesehen hatte. Die Verkleidung war offenbar vollständig genug gewesen, um sogar den Scharfblick von Mrs. Lecount zu täuschen.

—— Meine Tante und ich kamen gestern Abend hier an, sagte Magdalene. Wir fanden den letzten Theil der Reise sehr ermüdend. Darf ich sagen, daß es bei Ihnen ebenso der Fall war?

Sie gab geflissentlich eine längere Antwort als nöthig war, in der Absicht, um gleich bei der ersten Gelegenheit den Eindruck zu entdecken, den der Ton ihrer Stimme auf Mrs. Lecount hervor brächte.

Die dünnen Lippen der Haushälterin behielten ihr mütterliches Lächeln; die liebenswürdige Art und Weise der Haushälterin verlor Nichts von ihrer demüthigen Ergebenheit, aber der Ausdruck ihrer Augen veränderte sich plötzlich von einem bloß aufmerksamen Blick zu einem forschenden Blick. Magdalene sagte ruhig noch ein paar Worte und wartete dann auf den Erfolg. Die Verwandlung verbreitete sich gradweise über das ganze Gesicht von Mrs. Lecount: das mütterliche Lächeln erstarb, und die liebenswürdige Art verrieth einen kleinen Zug von Zwang. Noch aber kamen keine Zeichen wirklichen Erkennens zu Tage, der Ausdruck der Haushälterin blieb, was er von Anfang an gewesen war, ein Ausdruck des Forschens und nichts weiter.

—— Sie klagten über Ermüdung, Sir, wenige Minuten zuvor, sagte die Haushälterin, indem sie alle fernere Unterhaltung mit Magdalene fallen ließ und ihren Herrn anredete, wollen Sie hineingehen und ruhen?

Der Besitzer von Villa Amsee hatte sich bisher darauf beschränkt, sich zu verbeugen, verlegen zu lächeln und Magdalenen mit seinen halb geschlossenen Augen bewundernd anzuschauen. Unverkennbar sprach sich die plötzliche Unruhe und Erregung in seiner Haltung und in der erhöhten Farbe seines eingefallenen kleinen Gesichts aus. Sogar die Froschnatur Mr. Noël Vanstone erwärmte sich unter dem Einflusse des Geschlechts, er hatte unleugbar ein gutes Auge für ein hübsches Weib, und Magdalenens Reize und Schönheit entgingen ihm keineswegs.

—— Wollen Sie hineingehen, Sir, und ausruhen? frug die Haushälterin, indem sie ihre Frage wiederholte.

—— Noch nicht, Lecount, sagte ihr Herr. Ich glaube, ich fühle mich stärker; ich glaube, ich kann noch ein wenig gehen.

Er wandte sich nach seiner Art lächelnd an Magdalene und setzte leiser hinzu:

—— Ich habe ein neues Interesse an meinem Spaziergang gefunden, Miss Bygrave. Verlassen Sie uns nicht, sonst nehmen Sie jenes Interesse wieder weg.

Er lächelte und grinste im höchsten Wohlgefallen an seinem geistreichen Compliment, von welchem Hauptmann Wragge geschickt die Aufmerksamkeit der Haushälterin dadurch ablenkte, daß er sich an ihre Seite begab und in demselben Augenblicke sie anredete. Sie wanderten nun alle Vier langsam weiter. Mrs. Lecount sagte Nichts mehr. Sie hielt den Arm ihres Herrn fest und sah darüber hinweg nach Magdalenen hinüber mit dem gefährlichen Ausdruck des Forschens, der sich mehr als je in ihren hübschen schwarzen Augen zeigte. Jener Blick entging dem wachsamen Wragge nicht im Mindesten. Er nahm seinen bedeutungsvollen Feldstuhl aus der linken Hand in die rechte und eröffnete seine wissenschaftlichen Batterien auf der Stelle.

—— Ein lebendiges Schauspiel, Mrs. Lecount, sagte der Hauptmann, indem er artig mit seinem Feldstuhl über die See weg und auf die vorüberziehenden Schiffe zeigte. Die Größe Englands, Madame, die wahre Größe Englands! Ich bitte Sie, bemerken Sie, wie schwer einige von jenen Fahrzeugen befrachtet sind! Ich bin oft geneigt, zu fragen, ob der britische Seemann auch immer, wenn er seine Ladung an Bord nimmt, die hydrostatische Wichtigkeit dieser Handlung genau im Auge hat, welche er eben verrichtete. Wenn ich plötzlich auf das Deck eines dieser Fahrzeuge versetzt würde (wovor mich der Himmel bewahren möge, denn ich bekomme die Seekrankheit) und ich zu einem Mitglied der Bemannung sagte: »Jack, Du hast Wunder gethan, Du hast die Bedingungen des Gleichgewichts schwimmender Körper erfaßt!« Wie würde der brave Kerl da die Augen aufreißen! Und doch hängt von jener Theorie Jacks Leben ab. Wenn er sein Schiff ein Dreißigstel mehr beladet, als er sollte, was erfolgt? Er segelt über Aldborough sicher hinaus, das verbürge ich noch. Er fährt auch sicher in die Themse hinein, das verbürge ich auch noch. Er kommt im Süßwasser, wir wollen einmal sagen, bis in eine Entfernung wie Greenwich, und —— verloren ist er! Er geht unter, Madame, auf den Boden des Flusses, das ist eine wissenschaftliche Wahrheit!

Hier hielt er inne und ließ Mrs. Lecount bei ihrer Höflichkeit keine Wahl, als sich eine Erklärung auszubitten.

—— Mit unendlichem Vergnügen, Madame, sagte der Hauptmann und erstickte mit den tiefsten Registern einer Stimme das schwache Flüstern, in welchem Mr. Noël Vanstone Magdalenen seine Artigkeiten sagte. Wir wollen, wenn es Ihnen gefällig ist, mit einem ersten Princip anfangen. Alle Körper, welche nur immer auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, entfernen (durch den eingetauchten Theil) gerade soviel Flüssigkeit, daß deren Gewicht gleich ist dem Gewichte dieser Körper. Gut! Wir haben nun unsern ersten Satz. Was folgern wir nun daraus? Offenbar dieses: daß, um ein Schiff auf dem Wasser zu erhalten, es nothwendig ist, dafür Sorge zu tragen, daß das Schiff und dessen Ladung von weniger Gewicht sei, als das Gewicht der entsprechenden Menge Wasser —— ich bitte, folgen Sie mir! —— der entsprechenden Menge Wasser, die gleich ist dem Theil des Schiffes, den man ohne Gefahr unterm Wasserspiegel gehen läßt. Nun aber, Madame, ist Salzwasser specifisch dreißig Mal schwerer denn süßes oder Flußwasser, und ein Fahrzeug auf der Nordsee wird nicht so tief sinken, als eins auf der Themse. Folglich, wenn wir unser Schiff beladen mit der Bestimmung für den Londoner Markt, so haben wir —— um mit dem Hydrostatiker zu sprechen —— drei Auswege Entweder wir laden ein Dreißigstel weniger, als wir zur See nehmen können, oder wir nehmen an der Mündung des Flusses ein Dreißigstel heraus, oder wir thun keines von Beiden und —— wie ich bereits die Ehre hatte zu bemerken —— gehen zu Grunde! Dies, sagte der Hauptmann und nahm den Feldstuhl zum Zeichen, daß Joyce für dies Mal fertig sei, aus der rechten in die linke Hand —— dies, liebe Madame, ist die Stabilitätstheorie der schwimmenden Körper. Gestatten Sie mir zum Schlusse hinzuzufügen —— ich heiße Sie herzlich willkommen!

—— Ich danke Ihnen, Sir, sprach Mrs. Lecount Sie haben ganz unabsichtlich eine wunde Stelle berührt; aber die Mittheilung, die ich empfing, ist in dem Betracht nicht weniger werthvoll Es ist lange, lange her, Mr. Bygrave, daß ich zu mir in der Sprache der Wissenschaft habe reden hören. Mein theurer Ehegatte machte mich zu seiner Mitarbeiterin, mein theurer Gatte klärte meinen Geist auf, wie Sie versucht haben, ihn aufzuklären. Niemand hat sich nochmals um meinen Verstand bekümmert. Besten Dank, Sir. Ihre freundliche Theilnahme für mich soll nicht an eine Unwürdige verschwendet sein.

Sie seufzte mit schmerzlicher Demuth und öffnete insgeheim ihre Ohren für die Unterhaltung auf der andern Seite von ihr.

Eine Minute früher würde sie gehört haben, wie sich ihr Herr in den schmeichelhaftesten Ausdrücken betreffs der äußern Erscheinung von Miss Bygrave in ihrem Seebadekleide erging. Aber Magdalene hatte Hauptmann Wragges Zeichen mit, dem Feldstuhl gesehen und darauf hin sofort Mr. Noël Vanstone auf ihn selbst und seine Besitzungen gebracht, indem sie sich ganz vortrefflich die Gelegenheit ersah, ihn über sein Hans zu Aldborongh zu fragen.

—— Ich möchte Sie nicht erschrecken, Miss Bygrave, waren die ersten Worte Mr. Noël Vanstones, welche Mrs. Lecounts aufmerksame Ohren auffingen, aber es giebt nur ein einziges sicheres Haus in Aldborough —— und dies Haus ist das meinige. Die See mag die anderen Häuser alle zerstören, meins kann sie nicht zerstören. Mein Vater hat dafür gesorgt, mein Vater war ein merkwürdiger Mann. Er hatte mein Haus auf Pfählen gebaut. Ich habe Grund zu glauben, es find die stärksten Pfähle in England. Nichts kann sie denkbarerweise zusammenbrechen, —— was das Meer thut, läßt mich unbesorgt —— Nichts kann denkbarerweise sie zusammenbrechen.

—— Dann müßten wir ja, wenn die See hereinstürzt, sagte Magdalene, Alle bei Ihnen Zuflucht suchen.

Mr. Noël Vanstone ersah hier die Gelegenheit günstig zu einem neuen Compliment, und zur selben Zeit sah jetzt der Hauptmann den Augenblick gekommen für einen neuen wissenschaftlichen Erguß.

—— Ich möchte beinahe wünschen, der Einbruch der See möchte erfolgen, murmelte der Eine der Herren, nur um mir das Glück zu verschaffen, Zuflucht bieten zu dürfen.

—— Ich möchte beinahe darauf schwören, daß der Wind schon wieder umgesetzt hätte! rief der Andere. Wo ist ein Mann, den ich fragen kann? Ach, da ist er. Bootsmann! Wie geht der Wind jetzt? Westnordwest —— he? Und Südsüdost gestern Abend —— he? Giebt es etwas Merkwürdigeres, Mrs. Lecount, als die Veränderlichkeit des Windes in diesem Klima? fuhr der Hauptmann fort, indem er den Feldstuhl auf seine wissenschaftliche Seite herübernahm. Giebt es eine staunenswerthere Naturerscheinung für den wissenschaftlichen Forscher? Sie werden mir sagen, daß das elektrische Fluidum, das in der Luft so reich vorhanden ist, die Hauptursache dieser Veränderlichkeit sei. Sie werden mich an das Experiment jenes berühmten Philosophen erinneren, der die Schnelligkeit eines großen Sturmes an dem Fluge kleiner Federn maß. Liebe Madame, ich gebe alle Ihre Behauptungen zu...

—— Entschuldigen Sie, bitte ich, Sir, sagte Mrs. Lecount; Sie schreiben mir da Kenntnisse zu, welche ich nicht besitze. Behauptungen, —— bedaure ich sagen zu müssen, sind ganz außer dem Bereiche meines Wissens.

—— Mißverstehen Sie mich nicht, Madame, fuhr der Hauptmann fort, indem er so höflich war, die Unterbrechung scheinbar ganz zu überhören. Meine Bemerkungen betreffen nur die gemäßigte Zone. Stellen Sie mich an die Küsten zwischen den Tropen, stellen Sie mich dorthin, wo der Wind bei Tage nach der Küste und bei Nachtzeit nach der See weht —— und ich schreite gleich zu schlagenden Experimenten. Zum Beispiel weiß ich, daß die Sonnenhitze während des Tages die Luft über dem Lande verdünnt und so den Wind hervorbringt. Sie fordern mich auf, dies zu beweisen. Ich begleite Sie die Küchentreppe hinab —— wenn Sie es gütigst erlauben ——; ich nehme meine größte Pastetenschüssel aus den Händen der Köchin, ich fülle sie mit kaltem Wasser. Gut! Besagte Schüssel mit kaltem Wasser stellt das Weltmeer dar. Ich versehe mich sodann mit einem unserer kostbarsten Hausgeräthe, einem Heißwasserteller, fülle ihn mit heißem Wasser und stelle ihn mitten in die Pastetenschüssel. Wieder gut! Der Heißwasserteller stellt das die Luft darüber verdünnende Land vor. Behalten Sie Das im Sinne und geben Sie mir ein angezündetes Licht. Ich halte mein angezündetes Licht über das kalte Wasser und blase es aus. Der Rauch bewegt sich sofort von der Schüssel nach dem Teller hin. Bevor Sie Zeit haben, sich dessen zu erfreuen, zünde ich das Licht wieder an und drehe das ganze Kunststück um. Ich fülle die Pastetenschüssel mit heißem Wasser und den Teller mit kaltem; ich blase das Licht wieder aus, und nun geht der Rauch dies Mal von dem Teller nach der Schüssel. Der Qualm ist unangenehm ——, aber das Experiment ist schlagend.

Er nahm den Feldstuhl wieder zurück in die Linie und sah Mrs. Lecount mit seinem süßen Lächeln an.

—— Sie finden mich doch nicht weitschweifig, Madame, nicht wahr? sagte er mit einer leichten, heitern Art und Weise, gerade als die Haushälterin wieder ein Mal heimlich die Ohren spitzte auf die Unterhaltung drüben neben ihr.

—— Ich bin überrascht, Sir, über die fortlaufende Kette Ihrer gelehrten Erklärungen, versetzte Mrs. Lecount, indem sie den Hauptmann mit einiger Verwirrung, aber; dies Mal ohne irgend welches Mißtrauen anschaute.

Sie hielt ihn sogar als Engländer für excentrisch und vielleicht etwas eitel auf seine Kenntnisse. Aber er hatte ihr doch mittelbar geschmeichelt, indem er seine Wissenschaft vor ihr auspackte, und sie fühlte dies um so tiefer, als sie hatte erleben müssen, ihre wissenschaftliche Wahlverwandtschaft mit ihrem verstorbenen Gatten von den Leuten, mit denen sie im Verkehr kam, gar nicht groß beachtet zu sehen.

—— Haben Sie, Sir, Ihre Forschungen, fuhr sie nach einem augenblicklichen Zögern fort, auf das wissenschaftliche Fach meines verstorbenen Gatten erstreckt? Ich frage nur, Mr. Bygrave, weil ich mich, obschon ich nur eine Frau bin gerade betreffs der Reptilien mit Ihnen aussprechen könnte.

Der Hauptmann war ein viel zu kluger Kopf, als daß er sich mit seinen populären Kenntnissen auf feindliches Gebiet hätte locken lassen. Der alte Milizsoldat schüttelte seinen vorsichtigen Kopf.

Ein zu umfangreicher Gegenstand, Madame, sagte er, für einen Halbgelehrten, wie ich bin. Das Leben und die Arbeiten eines solchen Philosophem wie Ihr Gatte, Mrs. Leeount, sind darnach angethan, um Männer von meinem Geistesschlage waidlich abzuschrecken, sich mit einem Riesen zu messen. Darf ich fragen, fuhr der Hauptmann fort, indem er leise den Weg zu künftigen Verkehr mit der Amsee anbahnte, ob Sie irgend welche wissenschaftliche Denkschriften von dem verstorbenen Professor besitzen?

—— Ich besitze seinen Wasserthierbehälter, Sir, sagte Mrs. Lecount, indem sie bescheiden die Augen zu Boden schlug, und eines von seinen Untersuchungsthieren, eine kleine ausländische Kröte.

Einen Wasserthierbehälter! rief der Hauptmann in Tönen schmerzlichen Interesses aus. Und seine Kröte! Verzeihen Sie meine plumpe Art, mich auszusprechen Madame. Sie besitzen einen Gegenstand von allgemeinen, Interesse, und als ein Mitglied dieser Allgemeinheit bekenne ich gern meine Neugier, es zu sehen.

Mrs. Lecounts glatte Wangen wurden roth vor Vergnügen. Die einzige schwache Seite in dieser kalten und verschlossenen Natur war das Andenken an den Professor. Wenn sie auf seine wissenschaftlichen Arbeiten stolz war, wenn sie schmerzlich berührt wurde, dieselben außerhalb seines Vaterlandes nur ganz wenig gekannt sehen zu müssen, so waren das ursprünglich, tiefgehende Gefühle. Niemals hatte Hauptmann Wragge seinen falschen Weihrauch auf dem leidigen Altar der menschlichen Eitelkeit mit besserem Erfolge angezündet, als jetzt.

—— Sie sind sehr freundlich, Sir, sagte Mrs. Lecount Indem Sie meines Gatten Andenken ehren, ehren Sie zugleich auch mich. Allein Sie behandeln mich zu freundlich, auf dem Fuße der Gleichstellung, ich darf nicht vergessen, was ich für eine Stelle im Hause einnehme. Ich werde es als ein schönes Vorrecht empfinden, Ihnen meine Andenken zu zeigen, wenn Sie mir erst gestatten wollen die Erlaubniß meines Herrn einzuholen.

Sie wandte sich an Mr. Noël Vanstone Ihre ganz aufrichtige Absicht, das vorgeschlagene Ersuchen zu stellen, mischte sich in Folge jener seltsamen Verschränkung der Motive, welche sich in einem Frauengemüthe weit öfterer denn bei einem Manne findet, mit dem eifersüchtigen Mißtrauen, das ihr der Eindruck verursacht hatte, den Magdalene auf ihren Herrn gemacht hatte.

—— Darf ich Sie um Etwas bitten, Sir? frug Mrs. Lecount, nachdem sie einen Augenblick gewartet hatte, um ein Stückchen von der zärtlichen Unterhaltung zu erfahren, aber von Magdalenen Dank dem Feldstuhle allerliebst hinters Licht geführt war. Mr. Bygrave ist eine von den wenigen Personen in England, welche meines Gatten wissenschaftliche Arbeiten zu schätzen wissen. Er giebt mir die Ehre, meine kleine Reptilienwelt sehen zu wollen. Darf ich sie ihm zeigen?

—— Ganz gewiß, Lecount, sagte Mr. Noël Vanstone mit großer Artigkeit. Sie sind eine vortreffliche Person, und ich verpflichte Sie gern. Lecounts Wasserbehälter, Mr. Bygrave, ist der einzige in England; Lecounts Kröte ist die älteste Kröte in der Welt. Wollen Sie kommen und heute um sieben Uhr Thee bei mir trinken? Und wollen Sie Miss Bygrave veranlassen, Sie zu begleiten? Ich möchte ihr gern mein Haus zeigen. Ich glaube nicht, daß sie eine Idee hat, wie fest das Haus ist. Kommen Sie und sehen Sie selber zu, ob ich nicht zu viel gesagt, Miss Bygrave Sie sollen einen Stock bekommen, um an die Wände klopfen zu können, Sie sollen in das erste Stock hinaufgehen und auf die Dielen stoßen, und dann sollen Sie auch hören, was es kostet.

Seine Augen zogen sich zu einem pfiffigen Zwinkern zusammen, und seine Lippen säuselten noch mehr zartes Gekose in Magdalenens Ohr unter dem Schutze der Alles übertönenden Stimme, mit der Hauptmann Wragge ihm für die Einladung dankte.

—— Kommen Sie pünktlich um Sieben, flüsterte er, und tragen sie, wenn ich bitten darf, diesen reizenden Hut!

Mrs. Lecounts Lippen schlossen sich unheilverkündend. Sie fing an die Nichte des Hauptmanns als eine sehr schlimme Schattenseite des geistigen Genusses zu betrachten, welchen ihr die Gesellschaft des Hauptmannes gewährte.

—— Sie ermüden sich, Sir, sprach sie zu ihrem Herrn. Dies ist einer von Ihren schlimmen Tagen. Erlauben Sie mir Ihnen Achtsamkeit anzuempfehlen, erlauben Sie, wir wollen lieber zurück gehen.

Nachdem einmal das Ziel erreicht, nämlich die neuen Bekannten zum Thee geladen waren, erwies sich Mr. Noël Vanstone ganz unverhofft fügsam. Er gab zu, daß er etwas müde war, und kehrte auch gleich nach dem Rathe der Haushälterin um.

—— Nehmen Sie meinen Arm, Sir, —— nehmen Sie meinen Arm auf der andern Seite, sagte Hauptmann Wragge, als sie sich wandten, um zurückzugehen.

Seine verschiedenfarbenen Augen sahen bedeutsam auf Magdalenen, als er sprach, und warnten sie, nicht gleich von Anfang an Mrs. Lecounts Geduld zu sehr anzuspannen. Sie verstand ihn augenblicklich und stellte sich trotz der wiederholten Versicherung Mrs. Noël Vanstones, daß er des Hauptmannes Arm nicht brauche, sogleich auf die Seite der Haushälterin. Mrs. Lecount wurde wieder guter Laune und begann eine neue Unterhaltung mit Magdalenen, indem sie von allen Fragen, die unter den obwaltenden Umständen am schwierigsten zu beantwortende, an sie richtete.

—— Mrs. Bygrave ist wohl zu erschöpft nach ihrer Reise, um heute ausgehen zu können, sagte Mrs. Lecount. Sollen wir das Vergnügen haben, sie morgen zu sehen?

—— Wahrscheinlich nicht, versetzte Magdalene. Meine Tante ist sehr schwach.

—— Ein verwickelter Fall, liebe Madame, setzte der Hauptmann hinzu, der sich wohl bewußt war, das Mrs. Wragge's persönliche Erscheinung, wenn sie zufällig gesehen werde sollte, der offenbarste Widerspruch, den man sich nur denken konnte, von dem war, was Magdalene eben gesagt hatte. Es ist ein tief liegendes Nervenleiden, das äußerlich nicht erkennbar ist. Sie würden meine Frau für ein Bild der Gesundheit halten, wenn Sie sie sähen —— und doch, so trügerisch ist der Schein, bin ich genöthigt, ihr alle Aufregung zu verbieten. Sie sieht keine Gesellschaft, unser ärztlicher Beistand, bedaure ich sagen zu müssen, untersagt es schlechterdings.

—— Sehr traurig, sagte Mrs. Lecount. Die arme Dame muß sich da wohl oft einsam fühlen, Sir, wenn Sie und Ihre Nichte weg von ihr sind?

—— Nein, antwortete der Hauptmann. Mrs. Bygrave ist eine von Natur häuslich gesinnte Frau. Wenn sie im Stande ist, sich selbst zu beschäftigen, so findet sie übrig und genug Erholung im Umgange mit Nadel und Zwirn.

Als der Hauptmann mit seiner Erklärung so weit vorwärts gekommen und geflissentlich nahe um die Grenzen der Wahrheit herumgegangen war, für den Fall, daß die Neugier der Haushälterin sie vielleicht antriebe, geheime Nachforschungen über Mrs. Wragge anzustellen, wahrte er weislich seine Zunge, in weitere Einzelheiten einzugehen.

—— Ich hege von der Luft dieses Ortes große Erwartungen, bemerkte er zum Schluß. Das Jod, wie ich schon bemerkt habe, thut Wunder.

Mrs. Lecount erkannte die trefflichen Eigenschaften des Jods in den kürzest möglichsten Worten an und zog sich in das innerste Geheimzimmer ihrer Gedanken zurück.

—— Ein Geheimniß steckt dahinter, sagte sie zu sich selber. Eine Dame, welche wie die Gesundheit selber aussieht, eine Dame, welche an einer sehr tiefliegenden Nervenkrankheit leidet, und eine Dame, deren Hand noch ruhig genug ist, um Nadel und Zwirn handhaben zu können: ist ein lebendiges Durcheinander von Widersprüchen, die ich nicht zu verstehen vermag. —— Werden Sie einen längeren Aufenthalt zu Aldborough nehmen, Sir? frug sie laut, und ihre Augen ruhten einen Augenblick forschend aus dem Gesichte des Hauptmannes.

—— Das hängt Alles von Mrs. Bygrave ab, liebe Madame. Ich glaube zuversichtlich, wir bleiben den Herbst durch hier. Sie sind wohl auf Villa Amsee für die ganze Zeit eingezogen?

Sie müssen meinen Herrn fragen, Sir. Er hat zu entscheiden, nicht ich. Die Antwort war eine unglückliche Mr. Noël Vanstone war insgeheim ärgerlich über die veränderte Ordnung beim Gehen, wodurch er von Magdalene getrennt worden war. Er schrieb diese Veränderung der Einmischung der Mrs. Lecount zu und nahm nun die erste Gelegenheit wahr, um es sie auf der Stelle fühlen zu lassen.

—— Ich habe nichts zu sagen über unsern Aufenthalt zu Aldborough, fuhr er mürrisch heraus. Sie wissen so gut als ich, Lecount, das Alles von Ihnen abhängt. Mrs. Lecount hat einen Bruder in der Schweiz, fuhr er fort, indem er sich an den Hauptmann wandte, —— einen Bruder, der ernstlich krank ist. Wenn es schlechter mit ihm wird, wird sie dorthin gehen und ihn besuchen müssen. Ich kann sie nicht begleiten, und ich kann nicht allein im Hause zurück bleiben. Ich muß meinen Aufenthalt zu Aldborough abbrechen und bei einigen Freunden bleiben. Es hängt lediglich von Ihnen ab, Lecount, oder von Ihrem Bruder, was auf Eins hinaus kommt. Wenn es von mir abhinge, fuhr Mrs. Noël Vanstone fort, indem er über die Haushälterin weg scharf auf Magdalenen hinüber sah, würde ich mit dem größten Vergnügen den ganzen Herbst in Aldborough bleiben. Mit dem größten Vergnügen, wiederholte er, indem er die Worte mit einem zärtlichen Blicke auf Magdalenen und einer hämischen Betonung für Mrs. Lecount noch einmal sprach.

Bis hierher war Hauptmann Wragge still geblieben und hatte sich in Gedanken die verheißene Möglichkeit einer Trennung zwischen Mrs. Lecount und ihrem Herrn, welche der kleine boshafte Ausfall Mr. Noël Vanstone's ihm eben offenbar gemacht hatte, sorgfältig eingeprägt. Ein unheilverkündendes Zittern der dünnen Lippen der Haushälterin, welches sich jetzt bei der Rücksichtslosigkeit, mit der ihr Herr ihre Familienangelegenheiten ausplauderte und offen ihrer Eifersucht Trotz bot, bemerken ließ, Veranlaßte ihn. sich einzumischen. Wenn der Zwiespalt bis aufs Aeußerste getrieben wurde, so war zu fürchten, daß die Einladung für jenen Abend auf Villa Amsee zu Nichte wurde. Jetzt führte Hauptmann, wie immer bei solcher Gelegenheit, seine nutzbaren Kenntnisse noch einmal ins Treffen zum Entsatz. Unter den gelehrten Auspicien Joyces tauchte er zum dritten Male in das Meer der Wissenschaft hinunter und brachte eine neue Perle daraus zum Vorscheine. Er sprach noch immer —— über die Luftpumpe diesmal ——, belehrte noch immer Mrs. Lecount mit der höflichsten Ausdauer und seinem Redeflusse, als die kleine Gesellschaft vor Mr. Noël Vanstones Thür stand.

—— Nun Gott weiß, hier sind wir bei Ihrem Hause, Sir! sagte der Hauptmann, indem er sich inmitten einer der schwungvollsten Sätze unterbrach. Ich mag Sie nicht einen Augenblick stehen lassen. Kein Wort zur Entschuldigung, Mrs. Lecount, ich bitte und beschwöre Sie! Ich will jenen merkwürdigen Punkt betreffs der Luftpumpe bei künftiger Gelegenheit Ihnen deutlicher machen. Zu gleicher Zeit muß ich nur wiederholen, daß Sie das eben erwähnte Experiment zu Ihrem eigenen Vergnügen mit einer Blase, einer leeren Glocke und einem viereckigen Kasten machen. Um sieben Uhr heute Abend, Sir —— um sieben Uhr, Mrs. Lecount. Wir haben da einen sehr angenehmen Spaziergang gemacht und einen sehr belehrenden Gedankenaustausch gehabt. Nun, liebes Kind! unsere Tante wartet auf uns.

Während Mrs. Lecount bei Seite ging, um die Gartenthür zu öffnen, ersah sich Mr. Noël Vanstoue seine Gelegenheit und warf einen letzten zärtlichen Blick auf Magdalenen unter dem Schutze des Schirmes, den er eigens zu dem Ende selbst in die Hand genommen hatte.

—— Vergessen Sie nicht, sagte er mit seinem süßesten Lächeln, vergessen Sie nicht, wenn Sie heute Abend kommen, diesen reizenden Hut zu tragen.

Ehe er noch einige letzte Worte hinzufügen konnte, stand Mrs. Lecount wieder auf ihrem Platze, und der schützende Schirm ging wieder in andere Hände über.

—— Eine vortreffliche Morgenarbeit! sagte Hauptmann Wragge, als er und Magdalene zusammen nach den Nordsteinen gingen. Sie und ich und Joyce, wir haben alle Drei Wunder gethan. Wir haben uns beim Fischzug des ersten Tages eine freundschaftliche Einladung verschafft.

Er schwieg, um eine Antwort zu bekommen; da er keine erhielt, sah er Magdalenen aufmerksamer an, als bisher. Ihre Augen schauten geradeaus in unverhohlener, heller Verzweiflung.

—— Was gibt es denn? frug er in der größten Bestürzung Sind Sie krank?

Sie gab keine Antwort, sie schien ihn kaum zu hören.

—— Fangen Sie an über Mrs. Lecount besorgt zu werden? frug er sie dann. Es ist nicht der geringste Grund dazu vorhanden, besorgt zu sein. Sie mag sich einbilden, schon eine Stimme gehört zu haben, ähnlich wie die Ihrige; aber Ihr Gesicht macht sie offenbar irre. Behalten Sie Ihre Ruhe, und Sie werden sie immer im Dunkeln lassen. Lassen Sie sie im Dunkeln, und Sie werden die zwei hundert Pfund in meine Hände legen, ehe der Herbst vorüber ist.

Er wartete abermals auf eine Antwort, und wieder blieb sie stumm. Der Hauptmann versuchte es zum dritten Male in einer andern Richtung.

—— Haben Sie diesen Morgen irgend welche Briefe erhalten? fuhr er fort. Gibt es schlechte Nachrichten von zu Hause? Irgend welche neue Schwierigkeiten gegenüber Ihrer Schwester?

—— Sagen Sie Nichts über meine Schwester! brach Sie leidenschaftlich heraus. Weder Sie noch ich sind Werth, von ihr sprechen zu dürfen.

Sie sprach diese Worte an der Gartenthür und eilte allein ins Haus. Er folgte ihr und hörte sie noch die Thür ihres Zimmers zuschlagen, heftig den Schlüssel herumdrehen und noch einmal herumdrehen. Indem Hauptmann Wragge seinem Unwillen durch einen Fluch Luft machte, ging er ärgerlich in eines von den Wohnzimmern im Erdgeschoß, um nach seiner Frau zu sehen. Das Zimmer stand mittels einer kleinen zierlichen Thür, die in ihrem oberen Theile ein Fensterchen hatte, mit einem kleineren und dunkeln Zimmer hinten im Hause im Verbindung. Indem er sich leise dieser Thür näherte, hob er den weißen Musselinvorhang in die Höhe, welcher über dem Fenster hing, und sah ins innere Zimmer.

Da saß denn Abs. Wragge mit der Haube auf der einen Seite und mit niedergetretenen Schuhen, eine Reihe Stecknadeln im Munde, das orientalische Kaschmirkleid vor sich über den Tisch weg, ungewiß, in der einen Hand ihre Scheere, in der andern Hand ihre geschriebene Anweisung zum Schneidern haltend, so vertieft in die unüberwindlichen Schwierigkeiten ihrer Beschäftigung, daß sie gar nicht merkte, wie sie in dem Augenblicke der Gegenstand der Beobachtung ihres Mannes war. Unter anderen Umständen würde sie gar bald durch den Ton seiner Stimme zum Bewußtsein ihrer Lage gebracht worden sein. Aber Hauptmann Wragge lag Magdalene zu sehr am Herzen, als daß er bei seiner Frau Zeit verschwendet hätte, nachdem er sich einmal vergewissert hatte, daß sie noch ganz sicher in Ihrem Verschlusse war und daß er sie noch dort lassen könnte.

Er verließ das Wohnzimmer und schlich sich nach einem kurzen Verweilen auf dem Gange die Treppe hinaus und horchte eifrig vor Magdalenens Thür. Ein dumpfes Geräusch von Schluchzen, erstickt in ihrem Taschentuch, oder durch die Bettkissen, war Alles, was sein Ohr erfaßte. Er kehrte wieder in das Parterre zurück, indem nun eine schwache Ahnung der Wahrheit endlich bei ihm auftauchte.

—— Der Teufel hole ihren Liebsten! dachte der Hauptmann. Muß denn aber auch Mr. Noël Vanstone dessen Geist gleich zu Anfang wieder auferwecken!



Kapiteltrenner

Fünftes Capitel.

Als Magdalene kurz vor sieben Uhr im Wohnzimmer erschien, war keine Spur mehr von Aufregung in ihrem Wesen zu bemerken. Sie sah aus und sprach ruhig und theilnahmlos wie gewöhnlich.

Das finstere Mißtrauen auf dem Gesichte des Hauptmann Wragge schwand bei ihrem Anblicke hinweg. Es hatte während des Nachmittags Augenblicke gegeben, wo er ernstlich mit sich uneins gewesen war, ob das Vergnügen, dem Rachegelüsten gegen Noël Vanstone nachzugeben und die Aussicht auf den Gewinn der Summe von zwei Hundert Pfunden nicht zu theuer erkauft wären durch die Gefahr der Entdeckung, welcher er sich durch Magdalenens unzuverlässige Gemüthsart jede Stunde des Tages ausgesetzt sehen mußte. Der jetzt offen vor ihm liegende Beweis von ihrer starken Selbstbeherrschung machte seinen Geist von ernstlicher Besorgniß frei. Was sie in dem inneren ihres Kämmerleins gelitten ——, verschlug dem Hauptmann wenig, wenn sie nur dann heraus kam mit einem Gesicht, das der Beobachtung Stand hielt, und einer Stimme, welche Nichts verrieth.

Auf dem Wege nach Villa Amsee sprach Hauptmann Wragge seine Absicht aus, der Haushälterin einige theilnehmende Fragen betreffs ihres kranken Bruders in der Schweiz vorlegen zu wollen. Er war der Meinung, daß der kritische Zustand dieses Herrn auf den künftigen Fortgang der angesponnenen Unternehmung einen wichtigen Einfluß nehmen werde. Jede Aussicht auf eine Trennung, bemerkte er, zwischen der Haushälterin und ihrem Herrn sei unter den obwaltenden Umständen der sorgfältigsten Beachtung werth.

—— Wenn wir nur Mrs. Lecount zur rechten Zeit uns aus dem Wege schaffen können; flüsterte der Hauptmann, als er die Gartenthür seines Gastfreundes aufmachte, so haben wir unsern Mann in der Tasche!

Eine Minute später, und Magdalene war abermals unter Noël Vanstones Dach, diesmal in der Rolle eines von ihm selber eingeladenen Gastes.

Die Vorgänge des Abends waren meistens eine Wiederholung derer beim Morgenspaziergange Mr. Noël Vanstone schwankte wie ein Rohr zwischen seiner Bewunderung von Magdalenens Schönheit und der Selbstverherrlichung seiner Schätze hin und her. Hauptmann Wragge's unerschöpfliche Ergüsse und gelehrte Zungenfertigkeit, unterbrochen durch zarte, indirecte Fragen betreffs Mrs. Lecounts Bruder, lenkten beständig die eifersüchtige Wachsamkeit der Haushälterin von den Blicken und Reden ihres Herrn ab. So ging der Abend hin, bis es Zehn schlug. Nun war auch der Born des populären Wissens beim Hauptmann erschöpft, und der Drang der Haushälterin machte sich gewaltsam Bahn. Abermals gab Hauptmann Wragge Magdalenen durch einen Blick ein Zeichen und erhob sich, wohlweislich seine Zeit ersehend, trotz des gastfreundlichen Widerspruchs von Seiten Mr. Noël Vanstones, um gute Nacht zu sagen.

—— Ich habe meinen Zweck erreicht, bemerkte der Hauptmann auf dem Nachhausewege. Mrs Lecounts Bruder lebt in Zürich. Er Junggeselle, er besitzt ein kleines Vermögen, und seine Schwester ist seine nächste Verwandte. Wenn er nur die Gefälligkeit haben wollte, endlich seinen Abmarsch (zur großen Armee) anzutreten, so würde er uns eine Welt voll Schwierigkeiten mit Mrs. Lecount ersparen.

Es war eine schöne Mondscheinnacht. Er sah sich nach Magdalenen um, als, er diese Worte sprach, um zu sehen, ob ihre hartnäckige Verstimmung sie wieder ergriffen hätte.

Nein! Ihre leicht wechselnde Laune hatte sich abermals verändert. Sie blickte um sich mit einer fieberhaften, unnatürlichen Fröhlichkeit; sie spottete über die bloße Idee von ernster Schwierigkeit mit Mrs. Lecount, sie machte Noël Vanstones hohe Stimme nach und wiederholte Noël Vanstones hochfliegende Complimente und hatte ihre schnöde Freude dran, ihn lächerlich zu machen. Anstatt wie vorher ins Hans zu eilen, schlenderte sie sorglos an der Seite ihres Begleiters, indem sie kleine Bruchstücke von Liedern vor sich her summte und die lockeren Kieselsteine rechts und links aus dem Gartenwege fortstieß. Hauptmann Wragge segnete im Stillen den Umschlag in ihr als das beste der guten Omen. Er dachte, er sähe offene Zeichen, daß der Familiengeist endlich wieder über sie käme.

—— Gut, sagte er, als er ihr das Licht zum Schlafengehen anzündete, wenn wir uns Alle morgen auf der Promenade treffen, so werden wir, wie unsere seemännischen Freunde sagen, ja »sehen, wie das Land liegt«. Eins kann ich ihnen sagen, liebes Mädchen: ich will meine Augen nicht offen gehabt haben, wenn diese Nacht nicht in Mr. Noël Vanstones häuslicher Atmosphäre ein Sturm im Anzuge ist.

Der Scharfblick des Hauptmanns hatte ihn auch diesmal nicht betrogen. Sobald die Thür von Villa Amsee sich hinter den scheidenden Gästen geschlossen hatte, machte Mrs. Lecount eine Anstrengung, um sich der Macht ihres eignen Einflusses zu vergewissern, den Magdalenens Einwirkung bereits zu untergraben drohte.

Sie brauchte jeden Kunstgriff, dessen sie Meisterin war, um zu sehen, wie eigentlich Magdalene in der Meinung ihres Herrn stünde. Sie versuchte es wieder und immer wieder, ihm ein unwillkürliches Bekenntniß des Vergnügens abzulocken, das er bereits an der Gesellschaft der Gesellschaft der schönen Miss Bygrave empfand; sie rang und wandte sich durch alle die Ecken und Enden seines schwachen Charakters hindurch, just wie die Frösche und Eidechsen durch den porösen Felsen ihres Aquariums schlüpften. Aber sie beging den einen großen Mißgriff, welchen sehr gescheidte Leute in ihrem Verkehr mit geistig untergeordneten Personen fast durchgängig zu begehen geneigt sind: sie vertraute unbedingt der Narrheit eines Narren. Sie vergaß dabei, daß eine der geringsten menschlichen Fähigkeiten, die Schlauheit, oft gerade am Meisten in dem geistig am tiefsten stehenden Wesen entwickelt ist. Wenn sie ganz einfach und geradeheraus mit ihrem Herrn gezankt hätte, so würde sie ihn wahrscheinlich eingeschüchtert haben. Wenn sie ihre Herzensmeinung offen vor ihm ausgesprochen hätte, so würde sie ihn durch Darlegung einer Kette von zusammenhängenden Ideen, unfaßbar für sein beschränktes Verständniß, verblüfft haben. Seine Neugier würde ihn getrieben haben, sich eine Erklärung auszubitten, und wenn sie ihn von der Seite gefaßt hätte, so würde sie ihn nach ihrem Sinne gelenkt haben. So aber setzte sie nur einfach ihre Schlauheit gegen die seinige, und der Narr trug den Sieg über sie davon. Mr. Noël Vanstone, welchem alle großherzigen Motive unter Gottes Sonne undurchdringliche Geheimnisse waren, sah das engherzige Motiv im Hintergrunde des Benehmens der Haushälterin, mit einem schlagfertigen Scharfblicke, als wenn er ein Mensch von der höchsten Begabung gewesen wäre. Mrs. Lecount verließ ihn für diesen Abend, besiegt und mit dem Bewußtsein, daß sie besiegt sei, verließ ihn, grimmig wie eine Tigerin, und das gemeine Verlangen in ihren eleganten Fingernägeln, sich in ihres Herrn Gesicht einzugraben!

Sie war nicht das Weib, daß sich durch eine Niederlage, durch hundert Niederlagen aus dem Felde schlagen läßt. Sie war fest entschlossen darauf zu denken und zu sinnen, ein Mittel ausfindig zu machen, um die wachsende Vertraulichkeit mit den Bygraves ein für alle Mal aufzuheben. In der Einsamkeit ihres Zimmers erlangte sie ihre Fassung wieder und machte sich zum ersten Male daran, die Schlüsse, welche sie aus den Ereignissen des Tages sich gebildet hatte, übersichtlich aneinander zu reihen.

Es war etwas Bekanntes in der Stimme dieser Miss Bygrave und zugleich in unbestimmbarem Widersprüche damit doch auch wieder etwas Fremdes. Das Gesicht und die Gestalt der jungen Dame waren ihr ganz fremd. Es war ein auffallendes Gesicht und eine auffallende Gestalt, und wenn sie eins von Beiden einmal in früherer Zeit gesehen hätte, so würde sie sich gewiß dessen erinnert haben. Miss Bygrave war ohne Frage eine Fremde und doch...

Sie war schon während des Tages nicht weiter als bis hierher gekommen, sie konnte auch jetzt nicht weiter kommen. Die Kette der Gedanken brach ab.... Ihr Geist nahm die Stücke der Kette auf und bildete eine andere Kette, welche sich an die Dame, die verborgen und eingeschlossen gehalten wurde, knüpfte, an die Tante, welche wohl aussah und doch nervenleidend war, welche an den Nerven litt und doch mit Nadel und Zwirn umgehen konnte. Eine unbegreifliche Aehnlichkeit mit einer Stimme in ihrer Erinnerung —— bei der Nichte; eine räthselhafte Krankheit, welche die Tante von der Oeffentlichkeit ausschloß, ein außergwöhnlicher Grad von wissenschaftlicher Bildung —— bei dem Oheim, eng verbunden mit einer gewissen Derbheit und Keckheit des Auftretens, welche sich keineswegs mit dem Wesen eines in gelehrte Untersuchungen eingeweihten Mannes vertragen wollte: waren die Glieder dieser kleinen Familie von drei Personen wirklich das, was sie äußerlich schienen?

Mit dieser Frage im Herzen ging sie zu Bett.

Sobald das Licht ausgelöscht war, schien die Dunkelheit ihre Gedanken in einen seltsam verschlungenen Tanz zu ziehen. Sie wanderten wider ihren Willen von der Gegenwart weg, rückwärts in die Vergangenheit.... Sie brachten ihren alten Herrn wieder ins Leben... sie beschworen vergessene Worte und Handlungen in dem englischen Cirkel zu Zürich herauf... sie schwärmten hinweg an das Todtenbett des alten Herrn in Brighton... sie gingen von Brighton nach London, traten in das nackte, unwohnliche Zimmer auf der Vauxhallpromenade... sie setzten das Aquarium wieder zurück an seinen alten Platz, auf den Küchentisch... und die falsche Miss Garth in den Stuhl daneben, wie sie ihre entzündeten Augen vor dem Lichte schützte... sie legten ihr wieder den namenlosen Brief, den Brief, welcher dunkel auf einen Anschlag gegen sie aufspielte, in die Hand... Und sie stand mit demselben wieder vor ihrem Herrn, und es wiederholten sich das Gespräch über die Ausfüllung der leergelassenen Stelle in der Anzeige und der Streit, als sie damals Mr. Noël Vanstone sagte, daß die Summe, welche er geboten hatte, lächerlich gering sei. Ein alter Zweifel stieg wieder auf in ihr, welcher sie seit Wochen nicht mehr beunruhigt hatte, ein Zweifel, ob dieser angedrohte Anschlag nicht in bloßen Worten verpufft wäre, oder ob sie und ihr Herr wohl vielleicht doch nochmals davon hören würden. Bei diesem Puncte brachen ihre Gedanken abermals ab, und es entstand eine augenblickliche Lücke... Den nächsten Augenblick aber fuhr sie jählings auf; ihr Herz schlug heftig, ihr Haupt wirbelte, als ob sie ihren Verstand verloren hätte! Mit elektrischer Schnelligkeit stellte ihr Geist seine zerstückelte Mannigfaltigkeit von Gedanken zusammen und legte sie deutlich in einer verständigen Form vor sie hin. In der sie alles Andere vergessen machenden Aufregung des Augenblicks schlug sie ihre Hände zusammen und schrie plötzlich in der Dunkelheit auf:

—— Wieder Miss Vanstone!!!

Sie stieg wieder aus dem Bette und zündete sich sogleich Licht an. Stark wie ihre Nerven waren, hatte doch der Stoß sie erschüttert, als jener Verdacht sie blitzähnlich durchzuckte. Ihre feste Hand zitterte, als sie ihre Commode aufzog und ein kleines Fläschchen mit fliegendem Salz herausnahm. Trotz ihrer glatten Wangen und ihres wohlerhaltenen Haares sah man ihr jetzt doch ihr Alter bis aufs Jahr an, wie sie dastand und den Spiritus mit Wasser vermischte, ihn gierig hinunter trank und sich ihren Schlafrock um sich nehmend an das Bett setzte, um wieder ruhig zu werden.

Sie war ganz unfähig dem geistigen Vorgang noch einmal zu folgen, welcher sie zur Entdeckung geführt hatte. Sie konnte nicht soweit gegenständlich aus sich heraustreten, um zu sehen, daß ihre halbfertigen Schlüsse betreffs der Bygraves damit geendigt hatten, jene Familie zu Gegenständen des Argwohns für sie zu machen; und daß die beiden Ideen von jenen verschiedenen Gegenständen ihres Mißtrauens plötzlich mit einander in Berührung kommend, ihr das Licht aufgesteckt hatten. Sie war nicht im Stande, die Reihe der Schlüsse rückwärts zu verfolgen von der Wirkung zur Ursache. Sie konnte nur fühlen, daß der Verdacht schon mehr war, als ein bloßer Verdacht: die Ueberzeugung selbst hätte sich nicht tiefer in ihrer Seele festsetzen können.

Indem, sie nun Magdalene in dem neuen Lichte, das auf sie fiel, betrachtete, wollte Mrs. Lecount sich gern einreden, als ob sie einige Züge aus dem Gesicht der falschen Miss Garth und deren Gestalt in dem anmuthigen und schönen Mädchen wieder erkannt, welches kaum vor einer Stunde an ihres Herrn Tische gesessen hatte, —— und Aehnlichkeiten gefunden habe, an die sie bisher nimmer gedacht, zwischen der zornigen Stimme, die sie auf der Vauxhallpromenade gehört hatte, und der sanften wohlgeschulten Sprechweise, welche ihr diesen Abend eine Treppe tiefer noch in den Ohren klang. Sie redete sich ein, daß sie diese Ergebnisse ohne Verwaltigung der Wahrheit, die sie schon besaß, erreicht habe; aber diese Anstrengung war vergebens.

Mrs. Lecount war nicht das Weib, das über dem Versuch sich selbst zu täuschen, Zeit und Geist verschwenden mochte. Sie gab sich mit dem unbestreitbaren Schlusse zufrieden, daß die Muthmaßung eines Augenblicks sie zur Entdeckung geführt habe. Und noch mehr, sie erkannte die volle Wahrheit an, so unwillkommen sie auch war, daß die nun einmal bei ihr selbst innerlich feststehende Ueberzeugung bis jetzt durch kein einziges Stückchen von einem handhaften Beweise unterstützt werde, welcher letztere in den Augen Anderer zu rechtfertigen wäre.

Was war unter diesen Umständen für ein Verhalten ihrem Herrn gegenüber rathsam einzuschlagen?

Wenn sie ihm den nächsten Morgen, wo sie zusammenkamen, offen heraus mittheilte, was ihr die Nacht über in den Sinn gekommen sei, so konnte nach ihrer Kenntniß von Mr. Noël Vanstone nur eins von zwei Dingen eintreten. Entweder war er vielleicht unwillig und widersprechend, verlangte auch noch Beweise und klagte, wenn er fand, daß keiner zum Vorschein kam, wohl gar noch sie an, daß sie ihn unnöthigerweis in Angst und Schrecken setzen wolle, und das Alles, bloß um ihren eifersüchtigen Endzweck, Magdalenen vom Hause fernzuhalten, zu fördern. Oder aber er war vielleicht ernstlich betroffen, rief nach dem Schutze des Gesetzes und lehrte dadurch nur den Bygraves von Anfang an auf ihrer Hut zu sein. Wenn Magdalene allein in die Verschwörung verwickelt gewesen wäre, so würde die letztere Consequenz in den Augen der Haushälterin keine große Wichtigkeit gehabt haben. Aber da sie die Täuschung in ihrem vollen Lichte sah, so war sie ein zu gescheidtes Weib, als daß sie die unerschöpfliche Fruchtbarkeit von Hauptmann Wragge's erfinderischem Geiste nicht ihrem ganzen Werthe nach geschätzt hätte.

—— Wenn ich dieser Unverschämten Spottgeburt nicht mit klaren Beweisen, die für mich sprechen, entgegentreten kann, — dachte Mrs. Lecount, so werde ich meines Herren Augen morgen früh öffnen, aber Mr. Bygraoe wird sie, ehe es Nacht wird, wieder schließen; Der Schurke spielt mit allen seinen Karten unter dem Tische, und er wird das Spiel gewißlich gewinnen, wenn er meine Hand sich rühren sieht.

Diese Politik des Zuwartens war so offenbar klug berechnet, der vorsichtige Mr. Bygrave war seiner Sache so sicher, indem er sich für den Nothfall mit Beweismitteln für die Identität versehen, die er und seine Nichte zu ihrem Endzweck angenommen hatten, daß Mrs. Lecount bei sich beschloß, nächsten Morgen mit sich selbst zu Rathe zu gehen und mit dem Angriff der Verschwörung so lange zu warten, bis sie zu ihrer Unterstützung unleugbare Thatsachen vorbringen könnte. Ihres Herrn Bekanntschaft mit den Bygraves war nur eine Bekanntschaft von der Dauer eines Tages. Es war keine Gefahr da, daß sie sich zu einer beunruhigenden Vertraulichkeit entwickeln konnte, wenn sie dieselbe auch noch einige wenige Tage länger zuließ und spätestens nach Ablauf einer Woche sie zu Nichte machte.

Welche Maßregeln konnte sie zu dieser Zeit ergreifen, um die Hindernisse zu entfernen, welche ihr jetzt im Wege standen, und sich mit den Waffen zu versehen, die sie jetzt brauchte?

Reiferes Nachdenken zeigte ihr drei verschiedene Aussichten zu ihren Gunsten, drei verschiedene Wege, um zu, der nothwendiger Entdeckung zu gelangen.

Die erste Aussicht war, sich mit Magdalenen in ein freundliches Verhältniß einzulassen und sie unversehends zu fassen und dann sie so zu verstricken, daß sie sich in Noël Vanstone's Gegenwart verriethe.

Die zweite Möglichkeit war, an die ältere Miß Vanstone zu schreiben und unter Vorgeben irgend einer beunruhigenden Veranlassung dieser Frage sich Auskunft zu erbittert über ihrer jüngern Schwester nähere Umstände und diejenigen Eigenthümlichkeiten ihrer persönlichen Erscheinung, welche einen Fremden in den Stand setzen könnten, sie wieder zu erkennen.

Die dritte Aussicht endlich war, das Geheimniß, warum Mrs. Bygrave eingeschlossen gehalten wurde, zu ergründen —— und durch eine persönliche Unterredung herauszubekommen, ob nicht das Leiden der kranken Dame möglicherweise nur hinausliefe auf eine mangelnde Fähigkeit, das Geheimniß ihres Gatten zu bewahren.

Indem Mrs. Lecount sich entschloß, es mit allen drei Verfahrungsweisen in der Reihenfolge, wie sie hier aufgezählt wurden, zu versuchen und Magdalenen gleich an dem Tage, der in wenigen Stunden anbrechen mußte, die Daumschrauben anzusetzen, warf sie endlich ihren Schlafrock ab und ließ ihrem schwächeren irdischen Theile sein Recht auf einen kurzen Schlummer widerfahren.

Das Morgengrauen brach bereits über der kalten grauen See an, als sie sich wieder zu Bett legte. Der letzte Gedanke in ihrer Seele, ehe sie einschlief, war bezeichnend für das Weib, es war ein Gedanke, welcher den Hauptmann bedrohte.

—— Er hat freventlich mit dem heiligen Andenken meines Gatten gespielt, dachte die Professorswittwe. Bei meinem Leben und meiner Ehre, er soll mir dafür büßen!

Am nächsten Morgen früh fing Magdalene ihr Tagewerk nach der mit dem Hauptmann genommenen Abrede damit an, daß sie Mrs. Wragge zu einer kleinen Bewegung im Freien zu einer Stunde, wo nicht zu fürchten stand, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit erregen würde, ausführte. Diese bat inständig, sie doch zu Hause zu lassen. Sie habe ja die orientalische Kaschmirrobe beständig im Sinne und halte es für nothwendig, ihre Anweisungen zum Schneidern zum hundertsten Male wenigstens durchzulesen ehe sie —— um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen —— »ihren Muth soweit hinaufschrauben könnte, um die Scheere an das Zeug zu bringen«.

Allein ihre Begleiterin ließ keine Entschuldigung gelten, und somit wurde sie gezwungen, mit auszugehen. Der einzige aufrichtige Lebenszweck, den Magdalene jetzt verfolgte, war ja der Entschluß, daß die arme Mrs. Wragge um ihretwillen nicht zu einer Gefangenen gemacht werden sollte; und an diesem Entschlusse klammerte sie sich halb unbewußt fest als an dem einzig ihr gebliebenen letzten Zeichen, woran sie ihr besseres Selbst wieder erkannte.

Sie kamen später als gewöhnlich zum Frühstück heim. Während Mrs. Wragge in das Haus hinauf ging, um sich von Kopf bis zu Fuß zu der Frühmusterung von Seiten der ordnungsliebenden Augen ihres Eheherrn zu bereiten, und während Magdalene und der Hauptmann im Wohnzimmer auf sie warteten, kam das Dienstmädchen herein und brachte einen Brief von Villa Amsee. Der Bote wartete auf Antwort, und das Billet war an Hauptmann Wragge gerichtet.

Der Hauptmann öffnete den Brief und las folgende Zeilen:

Werther Herr!

Mr. Noël Vanstone ersucht mich an Sie zu schreiben und Ihnen mitzutheilen, daß er diesen Tag zu einer längeren Spazierfahrt nach einem Orte an der Küste, welcher Dunwich heißt, benutzen will. Er wünscht nun zu wissen, ob Sie mit ihm einen Wagen zusammen nehmen und ihm das Vergnügen Ihrer und Miß Bygraves Gesellschaft auf diesem Ausfluge gönnen wollen. Es ist mir freundlich Verstattet worden, mit von der Partie zu sein, und, wenn ich ohne unbescheiden zu sein, mich so ausdrücken darf, so möchte ich hinzufügen, daß ich eben soviel Vergnügen als mein Herr empfinden würde, wenn Sie und ihre junge Dame so gefällig sein wollten, sich uns anzuschließen. Wir beabsichtigen Albborough pünktlich elf Uhr zu verlassen..

Gestatten Sie mir, werther Herr, mich zu nennen

Ihre
gehorsame Dienerin,
Virginie Lecount.

—— Von wem ist der Brief? frug Magdalene, als sie auf des Hauptmanns Gesicht eine Verwandlung bemerkte, während er fort las. Was wünscht man von uns auf Villa Amsee?

—— Erlauben Sie, versetzte der Hauptmann mit gewichtiger Miene, dies verlangt Erwägung. Lassen Sie mir ein paar Minuten Zeit, mich zu bedenken.

Er machte einige Gänge im Zimmer auf und ab, trat dann plötzlich an einen Seitentisch in einer Ecke, auf welchem Schreibmaterialien lagen.

—— Oho, ich bin nicht von gestern, Madame, sagte der Hauptmann in scherzhaftem Selbstgespräche.

Er kniff sein braunes Auge zu, ergriff die Feder und schrieb die Antwort.

—— Können Sie nun reden? forschte Magdalene als die Dienerin das Zimmer verlassen hatte. Was besagt jener, Brief, und wie haben Sie ihn beantwortet?

Der Hauptmann legte ihr den Brief in die Hand.

—— Ich habe die Einladung angenommen, versetzte er ruhig.

Magdalene las das Billet.

—— Geheime Feindseligkeit gestern —— sagte sie —— und offene Freundschaft heute? Was soll das heißen?

—— Das soll heißen, sagte Hauptmann Wragge, —— Mrs. Lecount ist doch noch schlauer als ich glaubte. Sie hat Sie entdeckt.

—— Unmöglich, rief Magdalene. Vollständig unmöglich in der kurzen Zeit!

—— Ich kann nicht sagen, wie sie Sie entdeckt hat, fuhr der Hauptmann mit voller Seelenruhe fort; —— sie kennt vielleicht Ihre Stimme noch genauer, als wir Beide voraussetzten. Oder sie hat bei näherem Zusehen herausgefunden, daß wir eine verdächtige Familie seien, und irgend etwas Verdächtiges, das mit einem Frauenzimmer in Zusammenhang stand, hat vielleicht ihren Geist zurückgeführt zu jenem Ihrem Morgenbesuche auf der Vauxhallpromenade. Wie es auch immer zugegangen sein mag, der Grund dieser jähen Umwandlung ist deutlich genug. Sie hat Sie entdeckt: und sie will nun Beweise für die Richtigkeit ihrer Entdeckung haben, dadurch, daß sie unter dem Deckmantel eines kleinen freundschaftlichen Gesprächs eine oder ein paar verfängliche Fragen einfließen läßt. Meine Menschenkenntniß ist eine sehr vielartige, und Mrs. Lecount ist nicht der erste abgefeimte Kopf im Unterrocke, mit welchem ich es zu thun gehabt habe. Die ganze Welt ist eine Bühne, liebes Kind —— und auf unserer kleinen Bühne ist eben von diesem Augenblick an eine Scene abgeschlossen.

Mit diesen Worten nahm er sein Exemplar von Joyces Wissenschaftlichen Gesprächen aus seiner Tasche.

—— Mit Dir bin ich nun bereits fertig, mein Freund! sagte der Hauptmann und gab seinem nutzbaren Leitfaden einen Schlag zum Lebewohl und schloß ihn in den Wandschrank ein.

—— So ist es mit der menschlichen Popularität, fuhr der unverbesserliche Vagabund fort, indem er den Schlüssel fröhlich in seine Tasche steckte. Gestern noch war Joyce mein Einziges und Alles! Heute mache ich mir nicht mehr soviel aus ihm!

Er schnippte mit den Fingern und setzte sich zum Frühstück.

—— Ich verstehe Sie nicht, sagte Magdalene und sah ihn unwillig an. Wollen Sie mich für die Zukunft mir selbst überlassen?

—— Liebes Kind! rief der Hauptmann Wragge, können Sie sich noch immer nicht an den Flug meines Humors gewöhnen? Ich bin zu Ende mit meiner gemeinfaßlichen Wissenschaft, einfach deswegen, weil ich vollkommen überzeugt bin, daß Mrs. Lecount auch damit zu Ende ist, mir Glauben zu schenken. Habe ich nicht die Einladung nach Dunwich angenommen? Seien Sie unbesorgt. Die Hilfe, die ich Ihnen bereits geleistet habe, will Nichts besagen im Vergleich mit der Hilfe, die ich Ihnen jetzt leisten werde. Meine Ehre steht auf dem Spiele, Mrs. Lecount das Paroli zu biegen. Dieser ihr letzter Schachzug hat es zu einer persönlichen Angelegenheit zwischen mir und ihr gemacht.

—— Das Weib denkt jetzt wirklich, es kann mich in die Tasche stecken! schrie der Hauptmann indem er mit seinem Messerstiel auf den Tisch klopfte in einer Anwandlung von sittlicher Entrüstung. Beim Himmel, ich war noch nie in meinem Leben so beleidigt! Rücken Sie Ihren Stuhl an den Tisch, meine Liebe, und schenken Sie mir eine halbe Minute lang Ihre Aufmerksamkeit mit Bezug auf Das, was ich Ihnen zu sagen habe.

Magdalene willfahrte ihm. Hauptmann Wragge senkte vorsichtig seine Stimme, ehe er fortfuhr.

—— Ich habe Ihnen immer gesagt, sprach er, daß das Einzige, was nöthig ist, darin besteht, daß Mrs. Lecount Sie niemals in Aufwallung und Aufregung belauschen darf. Ich sage Dasselbe, nach dem, was diesen Morgen vorgefallen ist. Lassen Sie sie nur mißtrauisch gegen Sie sein! Ich wette, sie findet nun und nimmer einen Anhaltspunct für ihren Verdacht, wenn wir ihr nicht etwa selbst in die Hände arbeiten. Wir werden heute sehen, ob sie thöricht genug gewesen ist, sich ihrem Herrn zu verrathen, ehe sie Thatsachen in den Händen hat, um ihre Behauptungen zu erhärten. Ich bezweifle es. Wenn sie es ihm gesagt hat, so wollen wir Beweise unserer Identität mit den Bygraves in Strömen auf sein schwaches Köpfchen herabregnen lassen, daß er schließlich unter der Last seiner Ueberzeugung erseufzen soll. Sie haben auf diesem Ausflug nur zweierlei zu thun. Erstlich mißtrauen Sie einem jeden Worte, das aus Mrs. Lecounts Munde kommt. Zweitens setzen Sie Ihren ganzen Zauber in Thätigkeit, um die Sache mit Mr. Noël Vanstone von diesem Tage an richtig zu machen. Ich will Ihnen die Gelegenheit geben, sobald wir den Wagen verlassen und unsern Spaziergang nach Dunwich antreten. Tragen Sie Ihren Hut, tragen Sie Ihr Lächeln auf den Lippen, lassen Sie Ihre Gestalt zur vollen Geltung kommen, schnüren Sie sich knapp, legen Sie Ihre hübschesten Schuhe und hellsten Glacés an, binden Sie die elende kleine Spottgeburt an ihr Schürzenband, binden Sie ihn fest und überlassen Sie die ganze Anordnung der Sache nachher nur mir. Achtung! Hier ist Mrs. Wragge, wir müssen jetzt doppelt vorsichtig sein und sie wohl im Auge behalten. —— Zeige mir Deine Haube, Mrs. Wragge! zeige mir auch Deine Schuhe! Was muß ich auf Deiner Schürze erblicken? Einen Flecken? Ich will keine Flecken haben! Nimm sie nach dem Frühstück ab und leg eine andere an. Rücke Deinen Stuhl nach der Mitte des Tisches, —— mehr links, noch mehr. Mach das Frühstück.

Ein Viertel vor Elf wurde Mrs. Wragge mit ihrer eigenen vollen Zustimmung in das Hinterzimmer entlassen, um sich für den Rest des Tages in die Wissenschaft des Kleidermachens zu vertiefen. Pünctlich mit dem Glockenschlage fuhren Mrs. Lecount und ihr Herr vor dem Thor der Nordstein-Villa vor und fanden Magdalene und Hauptmann Wragge ihrer im Garten wartend.

Aus dem Wege nach Dunwich fiel Nichts vor, um den Genuß der Spazierfahrt zu trüben. Mr. Noël Vanstone war bei vortrefflicher Gesundheit und äußerst gewecktem Humor. Die Lecount hatte wegen des kleinen Mißverständnisses vom Abend vorher um Verzeihung gebeten, sie hatte sich den Ausflug als eine Prüfung für sie selbst ausgebeten. Er dachte an diese Zugeständnisse und blickte auf Magdalene und grinste und lächelte in Einem fort. Mrs. Lecount spielte ihre Rolle vortrefflich. Sie war gegenüber Magdalenen mütterlich zärtlich und gegen Noël Vanstone liebevoll aufmerksam. Sie nahm den regsten Antheil an Hauptmann Wragge's Unterhaltung und war einigermaßen betreten darüber, daß selbige sich auf allgemeine Gegenstände mit Ausschluß der Wissenschaft erstreckte. Nicht ein Wort oder ein Blick entschlüpfte ihr, welcher im entferntesten Grade auf ihr wirkliches Endziel hindeutete. Sie hatte sich mit gewohnter Eleganz und Sauberkeit gekleidet und war an dem schwülen Sommertage die einzige Person, welche in der heißesten Zeit des Tages vollkommen kühl war und blieb.

Als sie bei ihrer Ankunft zu Dunwich den Wagen verließen, ergriff der Hauptmann einen Augenblick, wo Mrs. Lecounts Auge von ihm abgewandt war, und prägte Magdalenen durch ein einzig Wort noch einmal seine Warnungen und Verhaltungsregeln ein.

—— Nehmen Sie, sich vor der Katze in Acht! flüsterte er. Sie wird ihre Krallen auf dem Rückwege zeigen.

Sie verließen das Dorf und wandelten zu den Ruinen eines nahegelegenen Klosters, dem letzten Ueberbleibsel von der einst volkreichen Stadt Dunwich, das die Zerstörung des Orts durch die Alles verschlingende See um Jahrhunderte überlebt hatte. Nachdem sie die Ruinen besehen hatten suchten sie den Schatten eines kleinen Gehölzes zwischen dem Dorfe und den niedrigen Sandhügeln, welche über, die Nordsee hinwegschauen, auf. Hier wußte es Hauptmann Wragge einzurichten, daß er Magdalenen und Noël Vanstone einige Schritt vor sich und Mrs. Lecount voraus ließ, schlug den falschen Weg ein und verlor sofort mit der größten Geschicklichkeit den Weg. Nachdem sie einige Minuten in der falschen Richtung fortgegangen waren, erreichten sie eine offene Stelle am Meere, und nun schlug er vor —— indem er seinen Feldstuhl der Haushälterin zur Verfügung stellte —— so lange hier zu verweilen, bis die vermißten Glieder der Gesellschaft dieses Weges einher kämen und sie entdeckten.

Mrs. Lecount nahm den Vorschlag an. Sie war sich vortrefflich bewußt, daß ihr Begleiter sich mit Willen verirrt hatte, aber diese Entdeckung übte keinen störenden Einfluß auf die sanfte Liebenswürdigkeit ihres Benehmens. Der Tag der Abrechnung mit Hauptmann Wragge war noch nicht gekommen; sie fügte nur diesen neuen Zug seinem Sündenregister hinzu und setzte sich auf seinen Feldstuhl zurecht. Hauptmann Wragge lagerte sich in einer romantischen Stellung zu ihren Füßen hin, und die beiden erbitterten Feinde, gruppiert wie ein Liebespaar auf einem Bilde, kamen in eine so leichte und anmuthige Unterhaltung, als wenn sie schon seit zwanzig Jahren Freunde gewesen wären.

—— Ich kenne Sie, Dame, dachte der Hauptmann, während Mrs. Lecount mit ihm sprach. Sie möchten mich wohl gern wieder bei meiner populären Wissenschaft ertappen, und Sie hätten Nichts dawider, wenn ich in dem Wasserthierbehälter des Professors ersöffe!

—— Du Schurke mit dem braunen und dem grünen Auge! dachte Mrs. Lecount, als der Hauptmann den Ball der Unterredung seinerseits auffing und weiter gab, —— so dick Deine Haut ist, ich will sie doch noch durchstechen!

In dieser Gemüthsstimmung gegen einander sprachen sie fließend über allgemeine Gegenstände, über öffentliche Angelegenheiten, über die Oertlichkeit und ihren Anblick, über die Gesellschaft in England und in der Schweiz, über Gesundheit, Klima, Bücher, Heirathen und Geld, sprachen ohne einen Augenblick aufzuhören, ohne sich gegenseitig einen Augenblick mißzuverstehen, wohl eine Stunde lang, ehe Magdalene und Noël Vanstone des Weges daher kamen und die Partie von vier wieder vollzählig machten.

Als sie den Gasthof, in welchem das Geschirr auf sie wartete, erreichten, ließ sie Hauptmann Wragge im ungestörten Besitz ihres Herrn und gab Magdalenen einen Wink einen Augenblick hinten zurückzubleiben und mit ihm zu sprechen.

—— Ging es gut? fragte der Hauptmann in flüsterndem Tone, ist er fest an Ihrem Schürtzenbande?

Sie schauderte von Kopf bis zu Fuße zusammen, als sie antwortete.

—— Er hat mir die Hand geküßt, sagte sie. Sagt Ihnen Das genug? Lassen Sie ihn nicht neben mir sitzen auf dem Nachhausewege. Ich habe ertragen, so viel ich ertragen konnte.... für den Rest des Tages schonen Sie mich.

—— Ich will Sie auf dem Vordersitz des Wagens unterbringen, versetzte der Hauptmann, neben mir.

Auf dem Heimwege bewahrheitete Mrs. Lecount Hauptmann Wragges Voraussage Sie zeigte ihre Krallen.

Die Zeit hätte nicht besser gewählt werden können, die Umstände konnten sie kaum mehr begünstigen. Magdalenens Geist war niedergedrückt, sie war müde an Leib und Seele, und sie saß gerade der Haushälterin gegenüber, welche durch die neue Anordnung genöthigt war, den Ehrensitz neben ihrem Herrn einzunehmen. In der besten Lage und Gelegenheit, die geringsten Veränderungen wahrzunehmen, welche auf Magdalenens Angesicht vor sich gingen, versuchte Mrs. Lecount ihren ersten Fühler, indem sie die Unterhaltung auf London und die beziehentlichen Vortheile, welche die verschiedenen Viertel der Hauptstadt auf beiden Seiten des Flusses für Niederlassungen hüten. Der immer schlagfertige Wragge durchschaute ihre Absicht eher, als sie geglaubt hatte, und legte sich sofort ins Mittel.

—— Sie kommen jetzt zur Vauxhallpromenade, Madame, dachte der Hauptmann, ich will dort sein noch vor Ihnen.

Er ging nun auf eine ganz und gar aus der Luft gegriffene Beschreibung der verschiedenen Stadtviertel von London ein, in denen er gewohnt haben wollte, und rettete, indem er geschickt Vauxhallpromenade als eins derselben anführte, Magdalenen vor der plötzlichen Frage bezüglich dieser Gegend, mit welcher Mrs. Lecount sich vorgenommen hatte, sie zu verblüffen. Von seinen Wohnungen ging er leicht auf sich selber über und ergoß nun seine ganze Familiengeschichte in der Rolle als Mr. Bygrave in die Ohren der Haushälterin, indem er dabei keineswegs das Grab seines Bruders in Honduras mit dem Denkmal von der Hand des schwarzen Naturkünstlers und seines Bruders ungeheuerlich beleibtes Eheweib auf der Hausflur des Hotel garni zu Cheltenham vergaß. Als Mittel, Magdalenen Zeit zu lassen, sich zu fassen, erreichte dieser Ausbruch von selbstbiographischen Mittheilungen seinen Zweck, aber er diente auch zu weiter nichts Anderem. Mrs. Lecount hörte zu, ohne daß sie einem einzigen Worte des Hauptmanns Glauben schenkte. Er bestärkte sie nur in ihrer Ueberzeugung, daß es unnütz sein würde, Mr. Noël Vanstone in ihr Vertrauen zu ziehen, bevor sie thatsächliche Unterlagen gegen Hauptmann Wragges sonst unangreifbare Stellung in der von ihm angenommenen Identität in den Händen habe. Sie wartete ruhig, bis er fertig war und erneuerte dann ihren Angriff.

—— Es ist ein eignes Zusammentreffen von Umständen, daß Ihr Oheim einmal auf der Vauxhallpromenade gewohnt haben soll, sagte sie, zu Magdalenen gewandt. Mein Herr hat in derselben Stadtgegend ein Haus, und wir wohnten dort, ehe wir nach Aldborough kamen. Darf ich mir die Frage erlauben, Miss Bygrave, ob Sie Etwas von einer Dame Namens Miss Garth wissen?

Dies Mal stellte sie die Frage, ehe sich der Hauptmann dazwischen legen konnte. Magdalene hätte durch das Vorhergegangene darauf vorbereitet sein sollen; allein ihre Nerven waren durch die früheren Ereignisse des Tages erschüttert worden, und sie konnte die Frage nur nach einer augenblicklichen Pause, um sich zu fassen, beantworten. Ihr Zögern war nur von der Dauer eines Augenblicks und konnte daher keiner Person, die nicht von vornherein argwöhnisch war, auffallen. Allein es dauerte lange genug, um Mrs. Lecounts geheime Ueberzeugung zu bestärken und sie zu ermuntern, ein wenig weiter vorzugehen.

—— Ich fragte nur, fuhr sie, die Augen immer fest auf Magdalenen gerichtet, immer die Anstrengungen, welche Hauptmann Wragge machte, um mit ins Gespräch zu kommen, vereitelnd, fort: —— weil Miss Garth eine fremde Person für mich ist, und ich bin neugierig, soviel als möglich Näheres von ihr zu erfahren. Den Tag, bevor wir London verließen, Miss Bygrave, machte mir eine Person, welche sich unter dem obengenannten Namen vorstellte, unter sehr außerordentlichen Umständen einen Besuch. Mit einer sanften, einschmeichelnden Art und Weise, mit einem so fein zugespitzten Hohne, der in seiner schlauen Annahme der Sprechweise des Mitleids schier teuflisch zu nennen war, beschrieb sie nun dreist Magdalenens Erscheinung in der Verkleidung in Magdalenens eigener Gegenwart. Sie berührte flüchtig den Herrn und die Frau auf Combe-Raven als Personen, welche allezeit dem älteren und achtbareren Zweige der Familie ein Aergerniß gewesen wären; sie beklagte die Kinder, welche in die Fußtapfen ihrer Eltern träten und von Mr. Noël Vanstone Gelder zu ziehen suchten unter dem Schutze des Charakters einer achtbaren Person und deren Namen. Geschickt ihren Herrn in die Unterhaltung hereinziehend, um zu verhüten, daß, der Hauptmann nach dieser Seite eine Abschwenkung machte, keinerlei kleine Uebertreibungen sparend, jede zarte Stelle verwundend, die die Zunge eines bösen Weibes treffen kann: würde sie ohne allen Zweifel ihren Zweck erreicht und Magdalenen so lange gemartert haben, bis sie sich selbst verrieth, hätte sie nicht Hauptmann Wragge in vollem Laufe angehalten durch einen lauten Schreckensruf und einen plötzlichen Griff nach Magdalenens Hand.

—— Zehntausend Mal Verzeihung, meine theure Madame! schrie der Hauptmann. Ich sehe an meiner Nichte Gesicht, ich fühle an meiner Nichte Puls, daß einer ihrer heftigen Nervenanfälle wiedergekommen ist. Liebes Kind, warum zögern Sie unter Freunden zu gestehen, daß Sie leidend sind? Welche übel angebrachte Höflichkeit! Ihr Gesicht zeigt, daß sie Schmerzen hat, nicht wahr, Mrs. Leeount? Durchbohrende Schmerzen, Mr. Vanstone, bohrende Schmerzen auf der linken Seite des Kopfes. Schlagen Sie Ihren Schleier herunter, meine Liebe, und lehnen Sie sich an mich. Unsere Freunde werden Sie entschuldigen; unsere trefflichen Freunde werden Sie entschuldigen für den Rest des Tages.

Bevor Mrs. Lecount einen Augenblick Zweifel hegen konnte an der Wirklichkeit des Nervenanfalls, äußerte sich ihres Herren unruhige Sympathie genau, wie der Hauptmann vorhergesehen hatte, in den thätigsten Kundgebungen. Er ließ halten und bestand auf einen sofortigen Wechsel der Plätze, der bequeme Rücksitz für Miss Bygrave und ihren Oheim, der Vordersitz für ihn selbst und Mrs. Lecount. Hatte Lecount ihr Riechfläschchen bei sich? Vortreffliches Geschöpf! Sie mag es gleich an Miss Bygrave abgeben, und per Kutscher fahre vorsichtig weiter. Wenn der Kutscher Miss Bygrave erschüttert, so soll er keinen Heller Trinkeld erhalten. Magnetismus [Mesmerismus.] war sehr oft in derlei Fällen nützlich. Mr. Noël Vanstone's Vater war der kräftigste Magnetiseur in ganz Europa; und Mr. Noël Vanstone war seines Vaters Sohn. Sollte er sie magnetisiren? Sollte er den Verwünschten Kutscher anweisen an einen schattigen dazu passenden Ort zu fahren? Oder wäre ärztliche Hilfe hier vorzusehen? Konnte man ärztlichen Beistand irgendwo eher als in Aldborough haben? Jener Esel von einem Kutscher wußte es nicht. Halten Sie jeden anständigen Mann, der in einem Gig vorüberfährt, an, und fragen Sie ihn, ob er ein Arzt ist!

So ging es bei Mr. Noël Vanstone in Einem fort, mit kurzen Pausen, wo er Athem schöpfte, und mit immer mehr steigender Sympathie und Wichtigthuerei auf der ganzen Fahrt nach Hause.

Mrs. Lecount nahm ihre Niederlage, ohne ein Wort zu sagen, hin. Von dem Augenblicke an, wo Hauptmann Wragge sie unterbrach, schlossen sich ihre dünnen Lippen und öffneten sich auf dem ganzen übrigen Wege nicht wieder. Die wärmsten Ausbrüche der Besorgniß ihres Herrn für die leidende junge Dame riefen bei ihr kein äußeres Zeichen von Aerger hervor. Sie nahm von ihm so wenig als möglich Notiz. Sie schenkte dem Hauptmann keine Aufmerksamkeit, der in seiner ausgesuchten Zuvorkommenheit gegen seinen aus dem Felde geschlagenen Feind höflicher wurde, als je zuvor. Je näher sie Aldborough kamen, desto schärfer sahen Mrs. Lecounts harte schwarze Augen auf Magdalenen, welche auf dem Sitze gegenüber lehnte, die Augen geschlossen und den Schleier herunter gelassen.

Erst als der Wagen vor Nordstein-Villa hielt und als Hauptmann Wragge Magdalenen heraushob, ließ sich die Haushälterin herab, ihm einige Beachtung zu schenken. Als er lächelte und den Hut abnahm am Wagenschlage, löste sich plötzlich der strenge Zwang, den sie sich auferlegt hatte, und sie schoß ihm einen Blick zu, welcher die Höflichkeit des Hauptmanns auf der Stelle erstickte. Er drehte sich sofort mit einem eiligen Dank für Noël Vanstones letzte theilnehmende Fragen um und führte Magdalenen in das Haus.

—— Ich sagte Ihnen wohl, sie würde noch ihre Krallen zeigen, sagte er. Es ist meine Schuld nicht, daß sie Sie gekratzt hat, ehe ich ihr Einhalt thun konnte. Sie hat Sie doch nicht verletzt, nicht wahr?

—— Sie hat mich verletzt, und das hat sein Gutes, sagte Magdalene, —— sie hat mir den Muth gegeben, vorwärts zu gehen. Sagen Sie, was morgen geschehen muß, und verlassen Sie sich darauf, daß ich es thun werde.

Sie seufzte schwer, als sie jene Worte sagte und ging in ihr Zimmer hinauf.

Der Hauptmann ging gedankenvoll in das Wohnzimmer und setzte sich, um nachzudenken. Er fühlte sich keineswegs seiner Sache so gewiß, als er hätte wohl wünschen mögen, betreffs des nächsten Schachzugs von Seiten des Feindes nach dem Abschlagen des heutigen Angriffs. Der Abschiedsblick der Haushälterin hatte ihm klar gesagt, daß sie mit ihren Angriffsmitteln noch nicht zu Ende sei, und der alte Milizsoldat fühlte die ganze Wichtigkeit, bei guter Zeit ihr zuvorzukommen, wenn sie wieder einen Schritt vorwärts thäte. Er zündete sich eine Cigarre an und beschäftigte seinen vorsichtigen Geist mit den Gefahren der Zukunft.

Während Hauptmann Wragge in dem Wohnzimmer zu Nordstein-Villa nachsann, dachte Mrs. Lecount in ihrer Kammer auf Villa Amsee nach. Ihr leidenschaftlicher Grimm, ihren ersten Angriff, um den Anschlag ans Licht zu ziehen, Vereitelt zu sehen, hatte sie gegen die augenblickliche Nothwendigkeit, eine zweite Anstrengung zu machen, ehe Noël Vanstones wachsende Verzauberung ihn ihrem Einflusse entrückte, keineswegs blind gemacht. Da die Magdalenen gelegte Schlinge nicht Verfangen hatte, so mußte das nächste Auskunftmittel, Magdalenens Schwester zu verstricken, versucht werden. Mrs. Lecount ließ sich eine Tasse Thee bringen, öffnete ihr Schreibzeug und begann das Concept eines Briefes, der an Miss Vanstone die ältere mit der morgenden Post abgehen sollte.

So endigte das Scharmützel des Tages. Das eigentliche hitzige Gefecht sollte erst noch kommen. ——



Kapiteltrenner

Sechstes Capitel.

Jeder menschliche Scharfsinn hat seine Grenzen. So deutlich Hauptmann Wragge bisher auch seinen Weg vor sich gesehen hatte, jetzt hörte doch sein scharfes Gesicht auf. Er rauchte seine Cigarre mit der demüthigenden Ueberzeugung auf, daß er auf Mrs. Lecounts nächste Schritte ganz unvorbereitet war.

In dieser Lage zeigte ihm seine Erfahrung, daß hier nur ein Verfahren geboten und daß überhaupt nur ein einziges für ihn möglich sei. Er beschloß, es mit dem verwirrenden Eindruck einer ganz veränderten Verfahrungsweise gegen die Haushälterin zu versuchen, bevor sie Zeit hätte, ihren Vortheil zu verfolgen und ihn im Dunkeln anzugreifen. Mit diesem Gedanken schickte er das Dienstmädchen in das Haus hinauf und ließ Miss Bygrave ersuchen herunterzukommen, er habe mit ihr zu sprechen.

—— Ich habe Sie doch hoffentlich nicht gestört, sagte der Hauptmann, als Magdalene ins Zimmer trat? Empfangen Sie meine Entschuldigung wegen des Tabakgeruches und erlauben Sie mir ein paar Worte betreffs unserer nächsten Schritte. Um es gleich von vornherein mit meiner gewohnten Offenheit auszusprechen, Mrs. Lecount setzt mich in Verlegenheit, und ich beabsichtige, ihr das zu vergelten, indem ich sie auch in Verlegenheit setze. Die Handlungsweise, welche ich in Vorschlag zu bringen habe, ist eine sehr einfache. Ich habe bereits die Ehre gehabt, Ihnen einen ernsten Nervenanfall zu verschaffen und bitte Sie nun um die Erlaubniß, so frei sein zu dürfen, Sie —— morgen früh Mr. Noël Vanstone schickt, um sich nach Ihnen zu erkundigen vollends bettlägerig zu machen.

—— Anfrage von der Villa Amsee:

—— Wie befindet sich Miss Bygrave diesen Morgen?

—— Antwort von der Nordsteinvilla:

—— Viel schlimmer: Miss Bygrave ist an ihr Zimmer gefesselt.

—— Die Frage jeden Tag, so ein vierzehn Tage lang wiederholt:

—— Wie befindet sich Miss Bygrave?

—— Antwort immer wiederholt, wenn nöthig:

—— Nicht besser.

—— Können Sie die Gefangenschaft ertragen? Ich sehe darum noch kein Hinderniß, warum Sie nicht am frühen Morgen, oder am späten Abend ein wenig Luft schöpfen könnten. Aber für den ganzen Tag müssen Sie sich —— das läßt sich nicht umgehen —— in dasselbe Verhalten wie Mrs. Wragge finden, Sie müssen Ihr Zimmer hüten.

—— Warum wünschen Sie, daß ich dies thun soll? frug Magdalene.

—— Ich habe zweierlei Gründe, versetzte der Hauptmann. Ich muß mich meiner Kurzsichtigkeit schämen, aber es nun einmal gewiß, ich kann schlechterdings nicht sehen, was Mrs. Lecount zunächst im Schilde führt. Ich weiß nur soviel gewiß, daß sie abermals einen Versuch machen wird, ihrem Herrn über die Wahrheit die Augen zu öffnen. Welche Mittel sie auch immer anwenden mag, um Ihre Identität auszuspionieren, —— persönlicher Umgang, ist unumgänglich nothwendig, wenn sie zu ihrem Ziele gelangen will. Sehr gut. Wenn ich diesen Umgang unterbreche, so lege ich ihr von vornherein ein Hinderniß in den Weg, oder wie wir beim Kartenspiel sagen, binde ihr die Hände. Verstehen Sie, wie ich es meine?

Magdalene sah es deutlich ein. Der Hauptmann fuhr fort.

—— Mein zweiter Grund, Sie einzuschließen, sagte er, betrifft ausschließlich Mrs. Lecounts Herrn. Das Wachsthum der Liebe, liebes Kind, ist in einem Betracht unähnlich jedem andern Wachsthum: es gedeiht am Besten unter widrigen Umständen. Unsere erste Handlung ist Mr. Noël Vanstone den Zauber Ihres Umganges fühlen lassen. Unsere nächste ist ihn durch den Verlust Ihrer zu Gesellschaft sehnsüchtig zu machen. Ich würde noch einige Begegnungen mehr vorgeschlagen haben, um zu diesem Ziele zu gelangen, befänden wir uns augenblicklich nicht in einer so kitzlichen Stellung zu Mrs. Lecount. Wie die Sachen stehen, müssen wir uns auf den Eindruck verlassen, den Sie gestern hervorgebracht haben, und das Experiment einer jähen Trennung eher in Angriff nehmen, als ich es sonst gewünscht hätte. Ich werde Mr. Noël Vanstone sehen, wenn Sie ihn auch nicht sehen dürfen —— und wenn irgendwo in der Gegend, wo das Herz dieses Herrn, eine schwache Stelle aufzuspüren ist, so verlassen Sie sich darauf, ich werde ihn da packen! Sie haben nun meine Meinung vollständig gehört. Nehmen Sie sich Zeit zur Ueberlegung und sagen Sie mir Ihre Antwort: Ja oder Nein.

—— Jede Veränderung ist mir willkommen, sagte Magdalene, die mich von der Gesellschaft der Mrs. Lecount und ihres Herrn befreit! Es sei so, wie Sie es wünschen.

Sie hatte bis hierher schwachen und müden Tones geantwortet, die letzten Worte aber sprach sie mit erhobener Stimme und geröthetem Gesicht, Beides warnte Hauptmann Wragge, nicht weiter in sie zu dringen.

—— Sehr gut, sagte der Hauptmann. Wir verstehen uns wieder einmal wie gewöhnlich. Ich sehe, Sie sind erschöpft, und ich will Sie nicht länger abhalten.

Er stand auf, um ihr die Thür zu öffnen, blieb aber halbwegs stehen und kam wieder zurück.

—— Erlauben Sie die Sache mit dem Dienstmädchen unten in Ordnung zu bringen, fuhr er fort. Sie können doch nicht geradezu das Bett hüten, und wir müssen die Verschwiegenheit des Mädchens, wenn es pünktlich die Thür besorgen soll, erkaufen, ohne es natürlich ins Geheimniß zu ziehen. Ich werde ihr einreden, daß sie sagen soll, Sie wären unwohl, gerade so, wie sie sagen müßte, Sie wären nicht zu Hause, als ein Mittel, um unbequeme Bekannte vom Hause fern zu halten. —— Erlauben Sie mir Ihnen die Thür aufzumachen. —— Ich bitte, entschuldigen Sie, Sie gehen ja eben in Mrs. Wragges Arbeitszimmer anstatt auf Ihr Zimmer?

—— Ich weiß es recht gut, sagte Magdalene. Ich wünsche Mrs. Wragge aus dem schlechtesten Zimmer im Hause zu entfernen und sie zu mir hinauf zunehmen.

—— Für den Abend?

—— Für die ganzen vierzehn Tage.

Hauptmann Wragge folgte ihr in das Speisezimmer und schloß vorsichtig die Thür, bevor er wieder sprach.

—— Wollen Sie sich im Ernste meiner Frau Gesellschaft auf vierzehn Tage auferlegen, frug er in großem Erstaunen.

—— Ihre Frau ist das einzige unschuldige Geschöpf in diesem schuldbeladenen Hause, brach sie heftig aus, ich muß und will sie bei mir haben!

—— Bitte, regen Sie sich nur nicht auf, sagte der Hauptmann. Nehmen Sie Mrs. Wragge in Gottes Namen hin. Ich brauche sie nicht.

Indem er sich so von seiner Ehehälfte losgesprochen hatte, kehrte er bescheidenen Wesens in das Wohnzimmer zurück.

—— O das schwache Geschlecht! dachte der Hauptmann und schüttelte sein weises Haupt. Man gebe dem Geiste des Weibes einen harten Stoff zum Nachdenken, und sofort ist es aus dem Häuschen!

Der Stoff, auf welchen der Hauptmann anspielte, war an jenem Abende nicht auf den weiblichen Geist in Nordsteinvilla beschränkt: er erstreckte sich auch auf den weiblichen Geist in Villa Amsee. Zwei Stunden beinahe saß Ms. Lecount an ihrem Schreibtische, schrieb, änderte und schrieb wieder, ehe sie einen Brief an Miss Vanstone die ältere zu Stande bringen konnte, der genau dem Zwecke, den sie damit zu erreichen hoffte, entsprach. Endlich war der Entwurf zu ihrer Zufriedenheit vollendet, und sie machte sogleich eine schöne Abschrift davon, welche den nächsten Tag zur Post gegeben werden sollte.

Der so zu Stande gebrachte Brief war ein Meisterstück von Schlauheit. Nach den ersten einleitenden Wendungen setzte die Haushälterin Nora offen in Kenntniß von dem verkleideten Besuche in der Vauxhallpromenade, von der dabei gehabten Unterredung und von ihrem Verdacht, daß die sich für Miss Garth ausgebende Person aller Wahrscheinlichkeit Miss Vanstone selber war. Nachdem Mrs. Lecount bis hierher nur gesagt hatte, was die Wahrheit war, fuhr sie damit fort, anzugeben, ihr Herr sei im Besitze von Beweismitteln, auf Grund deren er den Schutz der Gesetze iu Anspruch nehmen könne; er wisse ferner, daß die ihn bedrohende Verschwörung zu Aldborough ausgeführt werden solle; und nur in Rücksicht auf die Familie und in der Hoffnung, daß die ältere Miss Vanstone ihre Schwester so beraten werde, daß es nicht nöthig sein werde, zu äußersten Mitteln zu greifen, zögere er in der Anwendung seiner Schutzmittel.

Unter diesen Umständen, fuhr der Brief fort, war es offenbar nöthig, den verkleideten Gast in der Vauxhallpromenade sicher zu ermitteln; denn wenn Mrs. Lecounts Vermuthung sich als falsch ergäbe und wenn die Person sich als eine fremde erwiese, so sei Mr. Noël Vanstone fest entschlossen, den gesetzlichen Schutz doch anzurufen. Umstände, bei denen es nicht nöthig sei, ausführlich zu verweilen, würden es Mrs. Lecount in wenig Tagen möglich machen, der verdächtigen Person in ihrer wahren Gestalt zu Aldborough ansichtig zu werden. Da aber die Haushälterin die jüngere Miss Vanstone ganz und gar nicht kenne, so sei es selbstverständlich sehr wünschenswerth, daß irgend eine in diesem Puncte besser unterrichtete Person die Sache in die Hand nehme. Wenn die ältere Miss Vanstone Zeit hätte, um selbst nach Aldborough kommen zu können, wolle sie so gut sein und Dies schriftlich mittheilen. Mrs. Lecount würde dann zurückschreiben und den Tag bestimmen. Wenn andernfalls Miss Vanstone abgehalten sei, die Reise zu machen, so schlug Mrs. Lecount vor, daß sie in ihrer Antwort eine möglichst vollständige Personalbeschreibung ihrer Schwester geben, etwaige kleine Eigenthümlichkeiten, welche als Male auf ihrem Gesichte oder ihren Händen sich befänden, genau angeben und falls selbige letzthin geschrieben habe, anmerken, welches die Adresse in ihrem letzten Briefe war, und in Ermangelung derselben, welchen Poststempel der Umschlag trug. Mit diesen Mittheilungen in der Hand würde Mrs. Lecount im Interesse der mißleiteten jungen Dame selbst die Verantwortung auf sich nehmen, insgeheim ihre Persönlichkeit festzustellen, und sofort zurückschreiben, um die ältere Miss Vanstone mit dem Ergebnis; bekannt zu machen.

Die Schwierigkeit, diesen Brief an die rechte Adresse zu bringen, machte Mrs. Lecount wenig Sorge. Da sie sich auf den Namen des Advocaten besann, welcher bei Lebzeiten Michael Vanstones die Sache der beiden Schwestern vertreten hatte, so richtete sie ihren Brief an:

MISS VANSTONE
abzugeben bei N.N. PENDRIL, ESQre,
LONDON.

Dies schloß sie in einen zweiten Umschlag, adressiert an Mr. Noël Vanstones Sachwalter mit einer Zeile inwendig, worin jener Herr ersucht wurde, die Inlage sofort auf die Expedition des Mr. Pendril zu schicken.

—— Nun, dachte Mrs. Lecount, als sie den Brief in ihr Pult schloß, um ihn morgen mit eigener Hand zur Post zu geben, —— nun habe ich sie!

Am nächsten Morgen kam das Dienstmädchen aus Villa Amsee, brachte Complimente von seinem Herrn, und erkundigte sich nach Miss Bygraves Gesundheit. Hauptmann Wragges Bulletin wurde pünctlich ausgerichtet, wonach Miss Bygrave so unwohl sei, daß sie ans Zimmer gefesselt sei.

Bei Empfang dieser Nachricht fühlte sich Mr. Noël Vanstone in seiner Angst gedrungen, selbst in der Nordsteinvilla vorzufragen, als er seinen Nachmittagsspaziergang machte. Miß Bygrave war immer noch nicht besser. Er frag, ob er Mr. Bygrave sehen könnte. Der vorsichtige Hauptmann war aber auch auf diesen Fall vorbereitet. Er dachte, ein wenig beunruhigende Spannung könne Mr. Noël Vanstone nicht schaden, und er hatte darum das Mädchen für den Nothfall angewiesen zu sagen:

—— Mr. Bygrave läßt sich entschuldigen, er ist für Niemanden sichtbar.

Am zweiten Tage geschahen die Nachfragen wie vorher, durch einen Boten früh und durch Mr. Noël Vanstone in Person Nachmittags. Die Morgenantwort betreffs Magdalenens war:

—— Ein klein wenig besser.

Die Nachmittagsantwort betreffs des Hauptmann Wragge war:

—— Mr. Bygrave ist eben ausgegangen.

An dem Abend war Mr. Noël Vanstones Laune sehr schwankend, Mrs. Lecounts Geduld und Takt wurden auf die Probe gestellt, bei dem Bemühen, ihn ja nicht zu reizen.

Am dritten Tage war der Bericht über das leidende Fräulein weniger günstig:

—— Miss Bygrave sei noch immer sehr angegriffen und nicht im Stande, das Bett zu verlassen.

Das Dienstmädchen, welches mit dieser Botschaft nach Villa Amsee zurückkehrte, begegnete dem Briefträger und nahm zwei Briefe an Mrs. Lecount mit ins Frühstückzimmer.

Der erste Brief war von einer Mrs. Lecount bekannten Hand. Er war von dem Arzt ihres kranken Bruders in Zürich und zeigte an, daß die Krankheit des Leidenden sich in so auffallender Weise zum Bessern gewendet habe, daß alle Hoffnung vorhanden wäre, ihn am Leben zu erhalten.

Die Adresse des zweiten Briefes war von fremder Hand. Mrs. Lecount versparte, da sie ahnte, daß es die Antwort von Miss Vanstone wäre, sich die Lectüre bis nach Beendigung des Frühstücks, wo sie sich auf ihr Zimmer begeben konnte.

Sie öffnete den Brief, sah sofort nach dem Namen am Schlusse desselben und erstaunte etwas, als sie ihn las. Die Unterschrift war nicht: Nora Vanstone, sondern:

HARRIET GARTH.

Miss Garths Brief meldete, daß die ältere Miss Vanstone vor einer Woche eine Stelle als Erzieherin angenommen habe, wobei die Bedingung war, sich der Familie ihrer Herrschaft an ihrem zeitweiligen Aufenthaltsorte im Süden Frankreichs anzuschließen und mit ihnen Allen, wenn sie nach England zurückgingen, zurückzukehren, muthmaßlich binnen hier und einem Monate oder sechs Wochen. Während der Zwischenzeit dieser unfreiwilligen Abwesenheit, hatte Miss Vanstone Miss Garth ersucht, alle ihre Briefe zu öffnen; es sei dabei ihr Hauptaugenmerk gewesen, dadurch die rasche Beantwortung von Mittheilungen zu ermöglichen, welche etwa für sie von Seiten ihrer Schwester ankämen. Miss Magdalene Vanstone habe seit Mitte Juli nicht geschrieben, bei welcher Gelegenheit der Poststempel auf dem Briefe ausweise, daß selbiger in London in dem Bezirke Lambeth aufgegeben sein müsse, und ihre ältere Schwester habe England in einem Zustande der größten Besorgniß um sie verlassen.

Nachdem diese Erklärung gegeben war, erwähnte dann Miß Garth, daß Familienverhältnisse sie verhinderten, persönlich nach Aldborough zu reisen, um Mrs. Lecount in ihrer Absicht zu unterstützen, daß sie aber in der Person des Mr. Pendril einen in jeder Weise geeigneten Stellvertreter habe. Jener Herr sei genau bekannt mit Miss Magdalene Vanstone, und seine Berufserfahrung und Verschwiegenheit würden seinen Beistand doppelt werthvoll machen. Er habe sich freundlich bereit erklärt nach Aldborough zu reisen, sobald es für nöthig befunden werde. Da aber seine Zeit sehr kostbar sei, so stellte Miss Garth das besondere Ersuchen, daß nicht eher nach ihm geschickt werden möchte, bevor Mrs. Lecount des Tages, wo seine Dienste erforderlich sein möchten, ganz sicher sei.

Während Miss Garth diese Anordnungen traf, fügte sie zugleich hinzu, daß sie es auch für angemessen finde, die Empfängerin des Briefes mit einer schriftlichen Beschreibung der jüngern Miss Vanstone zu versehen. Es könnte der Fall eintreten, daß Mrs. Lecount, keine Zeit mehr habe, sich der Dienste Mr. Pendrils zu versichern, und daß die Ausführung von Mr. Noël Vanstones Absichten in Bezug auf das unglückliche Mädchen, das der Gegenstand seiner Furcht sei, bedauerlicherweise durch eine unvorhergesehene Schwierigkeit, dessen Identität festzustellen, hingehalten werden könnte. Die Personalbeschreibung, welche unter diesen Umständen mitgetheilt wurde, folgte dann. Sie überging keine persönliche Eigenthümlichkeit, an welcher Magdalene erkannt werden konnte, und enthielt sogar »die zwei kleinen Male dicht neben einander auf der linken Seite des Nackens«, welche früher in den gedruckten Handplacaten, die nach York gesendet wurden, zu lesen standen.

Schließlich drückte Miss Garth ihre Besorgniß aus, daß Mrs. Lecounts Verdacht sich wohl als nur zu sehr gegründet herausstellen werde. So lange indessen noch die leiseste Hoffnung sei, daß der Anschlag sich als von einer fremden Person ausgehend erweisen möchte, so fühle sie, Miss Garth, sich Mr. Noël Vanstone schon aus Dankbarkeit verpflichtet, bei den gesetzlichen Schritten, welche in diesem Falle angeordnet würden, mitzuwirken. Sie fügte demgemäß ihre eigene formelle Ablehnung jeder Gemeinschaft zwischen ihr und der verkleideten Person, die sich ihres Namens zum Deckmantel bedient habe, hinzu, welche sie nöthigenfalls mündlich wiederholen werde. Sie sei die Miss Garth, welche bei dem verstorbenen Mr. Andreas Vanstone die Stelle einer Erzieherin seiner Kinder ausgefüllt habe, und sie sei nie in ihrem Leben in, bei oder in der Nähe der Vauxhallpromenade gewesen.

Mit dieser bündigen Erklärung und mit den lebhaftesten Versicherungen der Schreiberin, daß sie zum Vortheile Magdalenens Alles thun werde, was ihre Schwester für sie gethan haben würde, wenn sie in England gewesen wäre, schloß der Brief. Er war mit voller Namensunterschrift versehen und mit der geschäftsmäßigen Genauigkeit in solchen Dingen, welche allezeit Miss Garths Charakter auszeichneten mit Ort und Datum unterfertigt.

Dieser Brief gab der Haushälterin eine furchtbare Waffe in die Hand.

Derselbe verschaffte ihr die Möglichkeit, Miss Bygraves Persönlichkeit mit Hilfe eines Anwaltes von Beruf festzustellen. Er enthielt auch eine Personalbeschreibung, die ausführlich genug war, um, wo nöthig, noch vor Mr. Pendrils Auftreten erfolgreich benutzt zu werden. Er stellte sich auch als eine mit Unterschrift versehene Entlarvung der falschen Miss Garth von der Hand der echten Miss Garth dar und erhärtete die Thatsache, daß der von der älteren Miss Vanstone von Seiten der jüngeren empfangene letzte Brief in der Nähe von Vauxhallpromenade auf die Post gegeben und daher auch wohl dort geschrieben war. Wenn ein späterer Brief mit dem Stempel Aldborough eingelaufen wäre, so wäre die Beweisaufnahme, soweit sie die Oertlichkeit betraf, ohne Zweifel vollständiger gewesen. Allein auch wie sie war, gab sie Zeugnis; genug, —— namentlich wenn man das Stückchen von dem braunen Alpacakleide hinzunahm, das sich noch in Mrs. Lecounts Besitze befand, —— um den über der Verschwörung schwebenden Schleier zu lüften und Mr. Noël Vanstone Angesicht zu Angesicht der vollen und überraschenden Wahrheit gegenüber zu stellen.

Das einzige Hinderniß, das auf Seiten der Haushälterin einem unmittelbaren Eingreifen in die Handlung entgegenstand, war Miss Bygraves gegenwärtige Abgeschlossenheit in die Grenzen ihres Zimmers. Die Frage, wie es anzudrehen sei, persönlichen Zutritt zu ihr zu« bekommen, mußte vor allen Dingen gelöst sein, ehe Mr. Pendril eine Eröffnung gemacht werden konnte. Mrs. Lecount setzte sofort ihren Hut auf und begab sich nach der Nordsteinvilla, um zu sehen, was für Entdeckungen sie bis zum Postschluß auf ihre eigene Hand zu machen im Stande wäre.

Diesmal war Mr. Bygrave zu Hause, und sie wurde ohne die geringste Schwierigkeit vorgelassen.

Nach reiflicher Ueberlegung hatte Hauptmann Wragge sich diesen Morgen entschlossen, die Dinge ein wenig ihrer Entscheidung näher zu rücken. Die Mittel, durch die er diesen Zweck erreichen wollte, machten es für ihn zu einer Nothwendigkeit, die Haushälterin und ihren Herrn, Jedes für sich, zusprechen und Beide auseinander zu bringen durch die durchaus verschiedenen Eindrücke auf ihr Gemüth, welche er betreffs seiner bei ihnen hervorbringen wollte. Mrs. Lecounts Besuch war, anstatt ihm die geringste Unbequemlichkeit zu bereiten, gerade der willkommenste Umstand, den er sich wünschen mochte. Er empfing sie im Wohnzimmer mit einer auffallenden Zurückhaltung in seinem Benehmen, auf welche sie gar nicht vorbereitet war. Sein einschmeichelndes Lächeln war weg, und anstatt dessen trat eine undurchdringliche Gemessenheit des Benehmens hervor.

—— Ich habe mir erlaubt Sie zu belästigen, Sir, sagte Mrs. Lecount, nur um Ihnen das Bedauern auszusprechen, das sowohl mein Herr, als ich empfanden, als wir von Miss Bygraves Unwohlsein hörten. Ist noch keine Besserung da?

—— Nein, Madame, versetzte der Hauptmann so kurz als möglich. Meine Nichte befindet sich noch nicht besser.

—— Ich habe einige Erfahrungen in der Krankenpflege gehabt, Mr. Bygrave. Wenn ich irgendwie durch Rath und That nützen könnte....

—— Ich danke Ihnen, Mrs. Lecount. Es liegt keine Nothwendigkeit vor, daß wir von Ihrem freundlichen Erbieten Gebrauch zu machen hätten.

Auf diese deutliche Antwort folgte ein augenblickliches Schweigen. Die Haushälterin sah sich einigermaßen in Verlegenheit. Was war aus Mr. Bygraves ausgesuchter Höflichkeit und seinem Redefluß geworden? Wollte er sie geflissentlich beleidigen? Wenn dies der Fall war, so war Mrs. Lecount um jeden Preis entschlossen, ihn nicht sein Ziel erreichen zu lassen.

—— Darf ich nach der Art ihrer Leiden fragen? fuhr sie sich nicht irre machen lassend fort. Es hängt doch, ich will nicht hoffen, nicht mit unserm Ausflug nach Dunwich zusammen?

—— Ich muß leider sagen, versetzte der Hauptmann, daß es allerdings mit dem Nervenanfall im Wagen begann.

—— So, so! dachte Mrs. Lecount. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, mich glauben zu machen, daß die Krankheit ernster Natur sei, wirft also gleich anfangs die Maske ab! —— Ist es ein Nervenleiden, Sir, setzte sie laut hinzu.

Der Hauptmann antwortete durch ein feierliches Nicken mit dem Kopfe.

—— Dann haben Sie ja zwei Nervenkranke in Ihrem Hause, Mr. Bygrave?

—— Ja, Madame, —— zwei: meine Frau und meine Nichte.

—— Das ist in der That ein seltsames Zusammentreffen von Mißgeschick.

—— Allerdings, Madame, seltsam genug.

Trotz Mrs. Lecounts festem Vorsatz, sich durchaus nicht beleidigen zu lassen, begann doch Hauptmann Wragges verzweifelte Fühllosigkeit gegen jeden Streich, den sie gegen ihn führte, sie zu reizen. Sie fühlte selbst, daß es ihr schwer wurde, ihre Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, ehe sie weiter sprechen konnte.

—— Ist keine sichere Hoffnung vorhanden, begann sie wieder, daß Miss Bhgrave bald ist Zimmer verlassen kann?

—— Durchaus nicht, Madame.

—— Sie sind doch hoffentlich mit Ihrem ärztlichen Beistande zufrieden?

—— Ich habe keinen ärztlichen Beistand, sagte der Hauptmann ruhig. Ich behalte die Sache allein und selbst im Auge.

Das angesammelte Gift in Mrs. Lecount schäumte jetzt übers, als diese Antwort fiel, und strömte ihr über die Lippen.

—— Ihr halbgelehrtes Wissen, Sir, sagte sie mit einem boshaften Lächeln, erstreckt sich, wie ich annehmen muß, wohl auch auf ein Halbwissen in der Arzneikunst?

— In der That, Madame, antwortete der Hauptmann ohne die geringste Verwirrung in Angesicht und Haltung. Ich weiß von dem Einen gerade so viel (oder wenig) als von dem Andern.

Der Ton, in welchem er diese letzten Worte sprach, ließ Mrs. Lecounts Anstandsgefühl nur eine Wahl. Sie stand auf, um die Unterredung abzubrechen. Sie konnte der Versuchung des Augenblicks nicht widerstehen und sich es nicht versagen, beim Weggehen Hauptmann Wragge eine leise Drohung zuzurufen.

—— Ich behalte mir vor, Ihnen, Sir, für die Art und Weise Ihrer Aufnahme zu danken —— sagte sie —— sobald ich meine Dankesschuld abzutragen Gelegenheit finden werde. Zu gleicher Zeit schließe ich aber zu meiner Freude aus dem Mangel eines Arztes in Ihrem Hause, daß Miss Bygraves Unwohlsein von weit geringerer Bedeutung ist, als ich beim Herkommen wähnte.

—— Ich widerspreche einer Dame nie, Madame, versetzte der allezeit sattelfeste Hauptmann. Wenn es Ihnen irgend wie Vergnügen macht, das nächste Mal, wo wir uns treffen, zu denken, daß meine Nichte sich vollkommen wohl befinde, so werde ich mich bescheiden, Dero Meinung mich ganz gehorsamst zu unterwerfen.

Mit diesen Worten folgte er der Haushälterin in den Gang und machte ihr höflich die Thür auf.

—— Ich kenne Ihren Stich, Madame! sagte er zu sich selbst, als er wieder zumachte: der Trumpf in Ihren Händen ist eine gewisse Anschauung, die Sie von meiner Nichte haben mögen, aber lassen Sie mich nur sorgen, Sie sollen mir diese Karte mitnichten ausspielen!

Er kehrte in das Wohnzimmer zurück und wartete das nächste Ereigniß, welches nun vielleicht folgen würde, ein Besuch von Mrs. Lecounts Herrn, ruhig ab. In weniger denn einer Stunde rechtfertigte denn auch der Erfolg die Annahme des Hauptmann Wragge: Mr. Noël Vanstone erschien.

—— Mein lieber Herr! rief der Hauptmann, indem er seines Gastes widerstrebende Hand ergriff, ich weiß, weshalb Sie gekommen sind. Mrs. Lecount hat Ihnen von ihrem Besuche hier im Hause erzählt und ohne Zweifel erklärt, daß das Unwohlsein meiner Nichte lediglich Spiegelfechterei sei. Sie fühlen sich überrascht, Sie fühlen sich verletzt —— Sie haben mich wohl gar im Verdacht, als treibe ich ein frevelhaftes Spiel mit Ihren freundschaftlichen Gesinnungen, kurz, Sie wünschen eine Erklärung. Diese Erklärung sollen Sie haben. Nehmen Sie Platz, Mr. Vanstone, ich will mich in Ihre Denk- und Handlungsweise als Mann von Welt versetzen. Ich gebe zu, daß wir uns in einer falschen Stellung befinden, Sir, und sage Ihnen von vornherein offen heraus: Ihre Haushälterin ist die Ursache davon.

Zum ersten Male in seinem Leben machte Mr. Noël Vanstone weit die Augen auf.

—— Die Lecount! rief er aus mit dem Ausdruck der größten Ueberraschung.

—— Dieselbe, Sir, versetzte Hauptmann Wragge. Ich fürchte, Mrs. Lecount beleidigt zu haben, als sie diesen Morgen hierher kam; denn ich war durchaus kalt gegen sie. Ich bin ein aufrichtiger Mann und kann nicht vorgeben, was ich nicht innerlich fühle. Fern sei es von mir, ein Wort über den Charakter Ihrer Haushälterin fallen zu lassen. Sie ist außer allem Zweifel ein sehr vortreffliches und zuverlässiges Weib; aber sie hat einen ernsten Fehler, einen Fehler, der allen Personen in ihrem Lebensalter und in ihrer Stellung eigen zu sein pflegt: sie ist eifersüchtig auf ihren Einfluß über ihren Herrn, obschon Sie es vielleicht noch nicht bemerkt haben.

—— Ich bitte sehr um Verzeihung, unterbrach ihn Mr. Noël Vanstone, meine Aufmerksamkeit ist äußerst lebhaft. Nichts entgeht ihr.

—— In dem Falle, Sir, begann der Hauptmann wieder, können Sie unmöglich übersehen haben, daß sich Mrs. Lecount in ihrem Benehmen gegen meine Nichte von ihrer heimlichen Eifersucht hat leiten lassen?

Mr. Noël Vanstone dachte an den häuslichen Waffengang zwischen Mrs. Lecount und ihm, als seine Gäste von dem Abend Villa Amsee verlassen hatten, und wußte sich nicht zu rathen und zu helfen. Er drückte das äußerste Erstaunen und Bedauern aus, er dachte, die Lecount habe auf der Fahrt nach Dunwich ihr Möglichstes gethan, um sich angenehm zu machen, er hoffe und glaube sicherlich, daß hier ein unseliges Mißverständniß obwalte.

—— Wollen Sie damit sagen, Sir, fuhr der Hauptmann in ernstem Tone fort, —— daß Sie selbst den Umstand nicht bemerkt haben? Als Mann von Ehre und Mann von Scharfblick können Sie mir das nicht sagen! Die äußerliche Höflichkeit Ihrer Haushälterin hat die wahre Herzensmeinung Ihrer Haushälterin nicht bemänteln können. Meine Nichte hat sie erkannt, und ebenso Sie und gleicherweise ich selber. Meine Nichte, Mr. Vanstone, ist ein zartfühlendes, charakterfestes Mädchen und hat auf das Bestimmteste erklärt, Mrs. Lecounts Gesellschaft für die Zukunft meiden zu wollen. Mißverstehen Sie mich nicht! Für meine Nichte so gut wie für mich selbst bleibt der Reiz Ihrer eigenen Gesellschaft, Mr. Vanstone, derselbe. Miss Bygrave verschmäht es, ein Apfel der Zwietracht, ein Erisapfel zu sein —— wenn Sie diesen classischen Ausdruck erlauben ——, welcher in Ihr Haus hineingeworfen wird. Ich denke, sie thut auch recht daran, und so gestehe ich offen und frei, daß ich aus einer kleinen Nervenanwandlung, an welcher sie in der That leidet, mit geflissentlicher Uebertreibung eine ernste Krankheit gemacht habe, lediglich und durchaus zu dem Zwecke, um diese beiden Damen für den Augenblick zu hindern, sich täglich aus der großen Promenade zu treffen und unliebsame Eindrücke von einander in Ihr und mein Haus mit heimzubringen.

—— In meinem Hause dulde ich keine unliebsamen Eindrücke, bemerkte Mr. Noël Vanstone. Ich bin Herr, Sie müssen das doch schon bemerkt haben, Mr. Bygrave? Ich bin Herr in meinem Hause.

—— Kein Mensch zweifelt auch daran, lieber Herr. Allein immer und ewig, früh, Mittags und Abends in der steten Ausübung Ihrer Gewalt zu leben, das gleicht mehr den! Leben eines Gefängnißwärters als dem eines Hausherrn. Allzuscharf macht schartig, bedenken Sie den Spruch.

—— Kommt es Ihnen wirklich so vor? sagte Mr. Noël Vanstone, der durch Hauptmann Wragges schnelles Anerkenntniß seines Herrenthums wieder besänftigt war. Ich weiß nicht, ob Sie so Unrecht haben. Aber ich muß einige entschiedene Schritte thun. Ich möchte mich nicht lächerlich machen, ich will lieber die Lecount fortschicken, als mich lächerlich machen!

Seine Farbe hob sich, und er schlug tapfer seine Arme über einander. Hauptmann Wragges abgefeimtes Hetzen hatte jenen gewöhnlich in ihm schlummernden Verdacht geweckt, daß seine Haushälterin denn doch wohl Einfluß über ihn hätte, und Mrs. Lecount war nicht zur Stelle, um denselben, wie gewöhnlich zu beschwichtigen und einzulullen.

—— Was muß Miss Bygrave von mir denken! rief er in einem plötzlichen Ausbruch innerer Qual. Ich will die Lecount fortschicken —— hole mich Dieser und Jener, ich will die Lecount auf der Stelle fortschicken!

—— Nein, nein, nein! sagte der Hauptmann, in dessen Interesse es lag, Mrs. Lecount nicht zum Aeußersten zu treiben. Warum gleich die stärksten Maßregeln ergreifen, wenn schon gelinde genügen? Mrs. Lecount ist eine alte Dienerin; Mrs. Lecount ist anhänglich und nützlich. Sie hat ihre kleine Schattenseite, die Eifersucht auf ihre Stellung im Hause bei ihrem unverheiratheten Herrn. Sie sieht, wie Sie einer jungen hübschen Dame besondere Aufmerksamkeit erweisen, sie sieht, daß diese junge Dame nicht unempfindlich gegen Ihre Höflichkeit ist, und nun verliert sie, die arme Person, ihre Fassung! Was ist dagegen für ein Mittel anzuwenden? Man willfahre ihr, mache dem schwächeren Geschlechte ein Männliches Zugeständniß. Wenn Mrs. Lecount das nächste Mal, daß wir uns auf der Promenade begegnen, bei Ihnen ist, gehen Sie den andern Weg. Wenn Mrs. Lecount nicht bei Ihnen ist, so gewähren Sie uns das Vergnügen Ihrer Gesellschaft jedenfalls. Kurz und gut, lieber Herr, versuchen Sie es mit der Regel: Suaviter in modo (wie wir Lateiner sagen), ehe Sie zu dem Fortiter in re greifen! [Suaviter in modo, fortiter in re; mild in der Form, in der That aber (wo es daraus ankommt) ernst und nachdrücklich. (Zur Zeit des Krimkrieges machte der Londoner »Punch« einen guten Witz, indem er mit Anspielun auf die afrikanischen Regimenter bemerkte. die Franzosen setzten Alles durch mit ihrem Zouaviter et. fortiter! W.] Es war vornehmlich ein triftiger Grund, warum Mr. Noël Vanstone Hauptmann Wragges versöhnlichen Rathschlag annehmen mochte. Ein offener Bruch mit Mrs. Lecount, selbst wenn er gewußt hätte, wo den Muth dazu hernehmen ——, würde selbstverständlich die Anerkennung ihrer Ansprüche auf eine Entschädigung in Erwägung der seinem Vater und ihm selbst geleisteten Dienste zur Sprache gebracht haben. Sein schmutziger Charakter ließ ihn schon bei dem bloßen Gedanken, das Gefühl des Dankes in Geld auszudrücken, Qualen empfinden, und so willigte er denn, nachdem er sich durch ein kleines Zögern einen Schein zu geben versucht hatte, ein, den Rath des Hauptmanns anzunehmen und Mrs. Lecount nachzugehen.

—— Aber ich muß dabei berücksichtigt werden, fuhr Mr. Noël Vanstone fort. Meine Nachgiebigkeit gegen Mrs. Lecounts Schwäche darf nicht mißverstanden werden. Miss Bygrave darf nicht etwa annehmen, daß ich mich vor meiner Hausmeierin fürchte.

Der Hauptmann erklärte, daß nie ein solcher Gedanke Miss Bygrave in den Sinn gekommen wäre, noch ihr jemals kommen würde. Mr. Noël Vanstone kam nichts desto weniger immer und immer wieder mit seiner gewöhnlichen Zähigkeit auf den Gegenstand zurück.

Würde es unbescheiden sein, wenn er um die Erlaubniß bäte, sich persönlich mit Miss Bygrave zu verständigen? War Hoffnung vorhanden, daß er das Glück haben könnte, sie heute zu sehen, oder wenn nicht, den nächsten Tag? Oder, wenn nicht, den übernächsten Tag? ——

Hauptmann Wragge antwortete vorsichtig; denn er fühlte die Wichtigkeit, bei Leibe nicht Noël Vanstone's Mißtrauen zu erwecken durch einen zu großen Eifer, in seine Wünsche zu willigen.

—— Eine Unterredung am heutigen Tage, lieber Herr, muß ganz außer Frage bleiben, sagte er. Sie ist doch nicht wohl genug; sie bedarf der Ruhe. Morgen habe ich vor, sie, bevor die Tageshitze beginnt, an die Luft zu führen, nicht etwa bloß, um nach Dem, was mit Mrs. Lecount vorgefallen ist, Berührung zu vermeiden, sondern weil die Morgenluft und die Morgenstille bei diesen Nervenfällen von wesentlichem Nutzen sind. Wir stehen hier frühzeitig auf, wir werden um sieben Uhr ausgehen. Wenn Sie ebenfalls zeitig aufstehen und sich uns anschließen wollen, so brauche ich Ihnen kaum zu sagen, daß wir gegen Ihre Gesellschaft bei unseren Morgenspaziergang Nichts einzuwenden haben können. Die Stunde, bemerke ich, ist eine ungewöhnliche; aber später am Tage, wird wohl meine Nichte auf dem Sopha ruhen und nicht im Stande sein, Besuche anzunehmen.

Hauptmann Wragge hatte diesen Vorschlag rein deswegen gethan, um Mr. Noël Vanstone es möglich zu machen, der Nordsteinvilla zu einer Frühstunde zu entschlüpfen, wo seine Haushälterin wahrscheinlich noch im Bette lag, und überließ es ihm, den Wink, so versteckt er ihn gegeben hatte, ebenso versteckt zu benagen. Er erwies sich denn auch gescheit genug —— war es doch ein Fall, der seine eigenen Interessen betraf —— auf den Vorschlag sofort einzugehen. Indem er höflich erklärte, er stehe stets früh auf, wenn der Morgen besonders lohnend für ihn zu werden verspreche, nahm er die Verabredung auf sieben Uhr an und stand alsbald auf, um sich zu verabschieden.

— Noch ein Wort, bevor wir scheiden! sagte Hauptmann Wragge. Diese Unterredung bleibt aber ganz unter uns. Mrs. Lecount darf Nichts von dem Eindruck wissen, den sie auf meine Nichte gemacht hat. Ich habe es Ihnen nur mitgetheilt, um mich wegen meines anscheinend unhöflichen Benehmens zu rechtfertigen und um Sie zu beruhigen. Im Vertrauen, Mr. Vanstone, wohl bemerkt ganz im Vertrauen gesprochen! —— Guten Morgen!

Mit diesen Worten zum Abschiede complimentirte der Hauptmann seinen Gast hinaus. Wenn nicht irgend welches unvorhergesehene Mißgeschick eintrat, sah er nun den Weg wieder deutlich vor sich bis zum Ende des Unternehmens. Er hatte diesen Morgen zwei wichtige Schritte nach vorwärts genommen. Er hatte. den Samen der Zwietracht gesät zwischen die Haushälterin und ihren Herrn und es so eingefädelt, daß nunmehr Mr. Noël Vanstone eine gemeinsames Interesse mit Magdalene und ihm selbst hatte, ein Geheimniß vor Mr. Lecount zu bewahren.

—— Wir haben unsern Mann in der Tasche, dachte Hauptmann Wragge und rieb sich fröhlich die Hände, wir haben doch endlich unsern Mann in der Tasche!

Als Mr. Noël Vanstone die Nordsteine verlassen hatte, ging er geradewegs nach Hause, in seiner Achtung vor sich selber vollkommen gereinigt dastehend und fest entschlossen, die Sachen mit Nachdruck anzugreifen, falls er mit Mrs. Lecount in Zerwürfniß gerathen sollte.

Die Haushälterin empfing ihren Herrn an der Thür mit ihrer sanftesten Art und ihrem angenehmsten Lächeln. Sie sprach ihn mit niedergeschlagenen Augen an und setzte seiner vorher überlegten Bemühung, den Herrn zu spielen, eine Schranke von undurchdringlicher Achtung entgegen.

—— Darf ich wohl fragen, Sir, begann sie, ob Ihr Besuch auf Nordsteinvilla Sie zu derselben Ueberzeugung gebracht hat, als mich der meinige, nämlich in Betreff der Krankheit von Miß Bygrave?

—— Ganz und gar nicht, Lecount. Ich denke, Ihr Schluß war ebenso voreilig, als vorurtheilsvoll.

—— Ich bedaure, das hören zu müssen, Sir. Ich fühlte mich durch Mr. Bygraves unhöflichen Empfang verletzt, aber ich merkte nicht, daß mein Blick dadurch vorurtheilig wurde. Vielleicht empfing er Sie: Sir, mit einem wärmeren Willkommen?

—— Er empfing mich wie ein anständiger Mann, das ist Alles, was ich zu sagen für nöthig finde. Lecount, er empfing mich wie ein anständiger Mann.

Diese Antwort befriedigte Mrs. Lecount betreffs des einzigen zweifelhaften Punktes, der sie noch beunruhigt hatte. Was auch immer Mir. Bygraves plötzlicher Kälte gegen sie selbst zu Grunde lag, sein höflicher Empfang ihres Herrn ließ ihr merken, daß die Gefahr der Entdeckung ihn keineswegs erschreckt hatte und daß die Verschwörung noch im vollen Gange war. Die Augen der Haushälterin glänzten: sie hatte gerade auf diesen Erfolg gerechnet. Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, redete sie ihren Herrn mit einer zweiten Frage an:

—— Sie werden wahrscheinlich Mr. Bygrave wieder besuchen, Sir...?

—— Natürlich werde ich ihn besuchen, wenn es mir so gefällt.

—— Und vielleicht auch Miss Bygrave sehen, wenn sie besser wird?

—— Warum nicht? —— Ich wäre doch begierig zu wissen, warum nicht? Ist es vielleicht nöthig, erst Ihre Erlaubniß dazu zu erbitten, Lecount?

—— Durchaus nicht, Sir. Wie Sie oft gesagt haben —— und wie ich Ihnen oft zugestimmt habe —— Sie sind Herr. Es mag Sie vielleicht überraschen zu hören, Mr. Noël —— aber ich habe noch einen geheimen Grund, warum Sie Miß Bygrave wiedersehen sollen.

Mr. Noël stutzte ein wenig und sah seine Haushälterin mit einiger Neugier an.

—— Ich habe so meine eigenen Gedanken für mich, Sir, über jene junge Dame, fuhr Mrs. Lecount fort. Wenn Sie mir diese meine Gedanken nachsehen und gestatten wollen, so erzeigen Sie mir doch eine Gunst, für die ich Ihnen sehr dankbar sein werde.

—— Ihre Gedanken? wiederholte ihr Herr in wachsendem Erstaunen. Was für Gedanken?

—— Nur diese, Sir, sagte Mrs. Lecount.

Sie nahm aus einem der allerliebsten kleinen Täschchen ihrer, Schürze ein Stückchen Briefpapier, sorgfältig in den kleinst möglichsten Raum zusammengebrochen und legte es achtungsvoll in Noël Vanstone's Hand.

—— Wenn Sie wirklich gern einer alten, treuen Dienerin einen Gefallen thun wollen, Mr. Noël, sagte sie in sehr ruhigem und eindringlichem Tone, so wollen Sie gefälligst jenes Stückchen Papier in Ihre Westentasche stecken und es, sobald Sie das nächste Mal in Miß Bygrave's Gesellschaft sind, zum ersten Male öffnen und lesen und von jetzt bis jener Zeit keinem lebenden Wesen Etwas von Dem, was zwischen uns Vorgefallen ist, verrathen. Ich verspreche, mein wunderliches Begehren, Sir, sofort zu erklären, sobald Sie gethan haben, was ich verlange, und sobald Ihre nächste Unterredung mit Miss Bygrave zu Ende gekommen ist?

Sie machte mit ihrer besten Anmuth einen Knix und verließ still das Zimmer.

Mr. Noël Vanstone sah von dem zusammengebrochenen Papier nach der Thür und von der Thür wieder zurück auf das Papier in unsäglichem Erstaunen. Ein Geheimniß in seinem eigenen Hause vor seiner eignen Nase? Was sollte das heißen?

Es sollte heißen, daß Mrs. Lecount ihre Zeit an dem Morgen nicht verschwendet hatte. Während der Hauptmann in Nordsteinvilla seinem Gast das Seil über die Hörner warf, untergrub die Haushälterin ruhig den Grund unter seinen Füßen. Das zusammengebrochene Papier enthielt nichts Geringeres, denn einen sorgfältig geschriebenen Auszug aus der Personalbeschreibung Magdalenens in Miss Garth's Briefe. Mit einer kühnen Berechnung, um welche sie sogar Hauptmann Wragge beneidet haben würde, hatte Mrs. Lecount das Werkzeug zur Entdeckung der Verschwörung in der Nichts ahnenden Person des Opfers selbst gefunden!



Kapiteltrenner

Siebentes Capitel.

Den Abend, wo Magdalene und Mrs. Wragge von ihrem Spaziergang in der Dunkelheit zurückkamen, hielt der Hauptmann noch ganz spät Magdalenem als sie eben nach oben gehen wollte, an und setzte sie von den Vorkommnissen des Tages in Kenntniß. Er sprach sich ferner dahin aus, daß seiner Meinung nach die Zeit gekommen sei, Mr. Noël Vanstone mit dem geringst denkbaren Verzug zu einer Erklärung zu bringen. Sie antwortete ihm einfach, sie verstände ihn wohl und würde thun, was er von ihr verlangte. Hauptmann Wragge ersuchte sie für diesen Fall, ihm den Gefallen zu thun, in seiner und Mr. Noël Vanstone's Gesellschaft den andern Morgen sieben Uhr früh einen Spaziergang zu machen.

—— Ich will mich fertig machen, versetzte sie. Gibt es noch etwas Anderes?

Es gab nichts weiter. Magdalene wünschte ihm eine gute Nacht und zog sich auf ihr Zimmer zurück.

Sie hatte dieselbe Abneigung, in des Hauptmanns Gesellschaft länger als gerade unumgänglich nöthig war, die drei Tage ihrer Einschließung im Hause über gezeigt.

Während dieser ganzen Zeit hatte sie, ohne Mrs. Wragges Gesellschaft im Mindesten überdrüssig zu bekommen, ruhig, sogar eifrig an der einzigen alles Andere bei Seite lassenden Beschäftigung Theil genommen. Sie, die sie in früheren Zeiten unter der Einförmigkeit des Lebens auf Combe-Raven geseufzt und gelitten hatte, nahm nun ohne Murren die Einförmigkeit ihres Lebens an Mrs. Wragge's Arbeitstisch hin. Sie, die sie in vergangenen Tagen schon den bloßen Anblick von Nadel und Zwirn verabscheut hatte, die sie noch nie bis jetzt ein selbstgefertigtes Kleidungsstück getragen hatte, mühte sich jetzt bei der Anfertigung von Mrs. Wragge's Kleid so eifrig ab, trug so geduldig Mrs. Wragge's Faseleien, als ob der einzige Gegenstand und Zweck ihres Daseins die glückliche Vollendung des einen Anzugs gewesen wäre. Es war ihr eben Alles und Jedes willkommen, auch die alltäglichen Schwierigkeiten, ein Kleid passend herzustellen, das kleine, unablässige Geschwätz des armen halbnärrischen Wesens, das auf ihren Beistand so stolz war und sich in ihrer Gesellschaft so glücklich fühlte: Alles war ihr willkommen, das ihr den Blick in die nächste Zukunft versperrte, in die Bestimmung, zu welcher sie sich selbst verurtheilt hatte. Dieses schwerverwundete Herz ward durch eine solche Kleinigkeit, als der Druck der rauhen freundschaftlichen Hand ihrer Gesellschafterin, besänftigt, dies Verzweifelte Gemüth wurde, wenn die Nacht sie von einander trennte, durch Mrs. Wragge's Kuß erfreut.

Die einsame Stellung des Hauptmanns im Hause wirkte keineswegs niederschlagend auf den allezeit leichtgemuthen und ruhigen Geist desselben. Anstatt böse zu sein über Magdalenens geflissentliches Meiden seiner Gesellschaft hatte er nur die Erfolge im Auge und freute sich höchlich derselben. Je mehr sie ihn um seines Weibes willen vernachlässigte, desto nützlicher machte sie sich als Mrs. Wragges selbst bestellte Wächterin. Er hatte mehr als einmal ernstlich im Willen gehabt, das Zugeständnis zurückzunehmen, das ihm abgezwungen worden war, und seine Frau auf seine eigene Verantwortung hin sich aus dem Wege zu schaffen, und hatte den Gedanken lediglich deßwegen aufgegeben, weil er entdeckte, daß Magdalenens Entschluß, Mrs. Wragge in ihrer Gesellschaft bei sich zu behalten, wirklich ein ernster war. So lange die Beiden beisammen waren, konnte er seine Hauptbesorgniß schlummern lassen. Sie blieben auf seinen eigenen Wunsch eingeschlossen, so lange er außer dem Hause war und was auch Mrs. Wragge immer anfangen möchte, Magdalene sollte nicht eher wieder öffnen, als bis er nach Hause käme. Diesen Abend genoß denn Hauptmann Wragge seine Cigarre mit Ruhe im Gemüthe und schlürfte seinen mit Wasser gemischten Brandy, in glücklicher Unkenntniß der Falle, welche ihm Mrs. Lecount für den Morgen in Bereitschaft hielt.

Pünktlich um sieben Uhr erschien Mr. Noël Vanstone. In dem Augenblicke, als er ins Zimmer trat, bemerkte Hauptmann Wragge eine Veränderung in Gesicht und Wesen seines Gastes.

— Aha, Etwas nicht in Ordnung! dachte der Hauptmann. Wir sind noch nicht fertig mit Mrs. Lecount.

—— Wie geht es Miss Bygrave diesen Morgen, frug Mr. Noël Vanstone. Doch hoffentlich wohl genug für unsern Morgenspaziergang.

Seine halb geschlossenen Augen, matt und wässerig in Folge des Morgenlichts und der Morgenluft, schauten heimlich suchend im Zimmer, und er änderte, als er diese höflichen Fragen stellte, fortwährend unruhig seinen Platz von einem Stuhle zum andern.

—— Meine Nichte befindet sich wohler, sie zieht sich eben für den Spaziergang an, erwiderte der Hauptmann, indem er seinen unruhigen kleinen Freund unausgesetzt beobachtete, während er sprach. —— Mr. Vanstone, setzte er plötzlich hinzu, ich bin ein gerader Engländer, entschuldigen Sie meine schlichte, derbe Art und Weise, mich auszusprechen. Sie kommen mir heute Morgen nicht so gemüthlich entgegen als gewöhnlich. Es ist etwas Zwang in Ihren Zügen! Ich traue Ihrer Haushälterin nicht über den Weg! Sir! —— Hat sie unsere Befürchtungen wahr gemacht? Hat sie versucht Ihr Gemüth gegen mich oder meine Nichte aufzuhetzen?

Wenn Mr. Noël Vanstone Mrs. Lecount's Weisung Folge geleistet und ihr kleines Stückchen Briefpapier zusammengefaltet in seiner Tasche behalten hätte, bis die Zeit kam, wo er es benutzen sollte, so würde Hauptmann Wragges absichtlich derbes Eindringen ihn vielleicht nicht unvorbereitet auf eine Antwort gefunden haben. Allein die Neugier hatte die Oberhand über ihn gewonnen, er hatte das Papierchen noch den Abend geöffnet und den Morgen wieder, und dies hatte sein Gemüth viel zu unruhig gemacht, als daß er im Besitz seiner gewöhnlichen Geistesgegenwart gewesen wäre. Er zögerte, und seine Antwort, als er endlich eine solche vorbringen konnte, begann mit einer Ausflucht.

Hauptmann Wragge gebot ihm Einhalt, ehe er noch seinen ersten Satz fertig hatte.

—— Verzeihen Sie, Sir, sagte der Hauptmann in seinem stolzesten Tone. Wenn Sie Geheimnisse zu bewahren haben, so haben Sie das nur einfach zu sagen, und ich bin fertig mit Ihnen. Ich dränge mich in Niemandes Geheimnisse. Zugleich, Mr. Vanstone, müssen Sie mir jedoch erlauben, Sie daran erinneren zu dürfen, daß ich mich gestern ohne allen Rückhalt Ihnen gegenüber eröffnet habe. Ich schenkte Ihnen mein vollstes und offenstes Vertrauen, Sir, und so hoch ich auch den Genuß Ihrer Gesellschaft schätze, so kann ich mich doch nicht dazu verstehen, Ihre Freundschaft anders als auf dem Fuße der Gleichheit zu genießen.

Er schlug seinen ungemein anständigen Frack auseinander und schaute seinen Gast mit männlichem, ordentlich tugendsamem Ernst an.

—— Ich will ja nicht beleidigen! rief Mr. Noël Vanstone kläglich. Warum unterbrechen Sie mich denn, Mr. Bygrave? Warum lassen Sie mich nicht ausreden? Ich will ja Niemand beleidigen!

—— Es liegt auch noch keine Beleidigung vor, Sir, sagte der Hauptmann, Sie haben ein treffliches Anrecht auf die Ausübung Ihrer Verschwiegenheit. Ich bin nicht beleidigt, ich beanspruche für mich nur denselben Vortheil, den ich Ihnen eingeräumt habe.

Er stand mit großer Würde auf und zog die Klingel.

—— Sagen Sie Miss Bygrave, sprach er zu dem eintretenden Mädchen, daß unser Spaziergang von heute früh bis zu einer andern Gelegenheit verschoben ist, und daß sie sich nicht die Treppe herunter bemühen möchte.

Dies strenge Verfahren hatte den gewünschten Erfolg. Mr. Noël Vanstone bat dringend erst noch um ein paar Worte unter vier Augen, ehe die Botschaft ausgerichtet würde. Hauptmann Wragge strenges Gesicht gab ein wenig nach. Er schickte das Dienstmädchen wieder hinunter und wartete, indem er wieder Platz nahm, mit ruhiger Zuversicht das Weitere ab. Indem er die Thunlichkeit, seines Gastes Schwäche zu behandeln, berechnete, hatte er einen großen Vortheil vor Mrs. Lecount voraus. Sein Urtheil war nicht durch geheime weibliche Eifersüchteleien irre geleitet, und er vermied den Fehler, in welchen die Haushälterin in ihrer Selbsttäuschung verfallen war, den Fehler, den Eindruck zu unterschätzen, den Magdalene an Noël Vanstone hervorgebracht hatte. Eine der irdischen Mächte, die keine ältere Frau im Stande ist zu ihrem richtigen Werthe abzuschätzen, wenn sie gegen sie in Bewegung gesetzt werden, ist der Zauber der Schönheit an einem Weibe, das jünger ist als Ersteres.

—— Sie sind so hastig, Mr. Bygrave, Sie wollen mir nicht Zeit lassen, Sie wollen nicht warten und hören, was ich zu sagen habe! schrie Mr. Noël Vanstone kläglich, als das Dienstmädchen die Thür der Wohnstube hinter sich zugemacht hatte.

—— Mein Familienfehler, Sir, das Blut der Bygraves. Entschuldigen Sie. Doch wir sind allein, wie Sie wünschten, ich bitte, erklären Sie sich weiter.

Da die Wahl vor ihn gestellt war, entweder Magdalenens Gesellschaft zu verlieren oder Mrs. Lecounts Vertrauen zu täuschen, und er auch nicht die leiseste Ahnung hatte von dem geheimen Hintergedanken der Haushälterin, dabei aber noch durch die unverwandt forschenden Augen des Hauptmann Wragge in die Enge getrieben wurde, so war Mt. Noël Vanstone bald mit seinem Entschluß fertig. Er schilderte verwirrt seine sonderbare Unterredung am Abend vorher mit Mrs. Lecount, holte das zusammengebrochene Papier aus der Tasche und legte es in die Hände des Hauptmannes.

In demselben Augenblicke, wo der Hauptmann das geheimnißvolle Billet sah, dämmerte sofort eine Ahnung der Wahrheit in seiner Seele auf. Er trat bei Seite ans Fenster, ehe er es öffnete. Die ersten Zeilen, welche seine Aufmerksamkeit fesselten, waren folgende:

Haben Sie die Güte, Mr. Noël, das Aeußere der jungen Dame, welche sich jetzt in Ihrer Gesellschaft befindet, mit der Personalbeschreibnng, welche weiter unten folgt und die mir von einem Freunde mitgetheilt worden ist, zu vergleichen. Sie sollen den Namen der geschilderten Person, den ich jetzt noch offen gelassen habe, wissen, sobald der Augenbeweis Sie gelehrt hat, was zu glauben Sie wohl bleiben lassen würden, wenn man Ihnen weiter Nichts böte, als das alleinige Zeugnis; von

Virginie Lecount

Das war für den Hauptmann genug. Ehe er ein Wort von der Schilderung selbst gelesen hatte, wußte er, was Mrs. Lecount gethan hatte, und fühlte sich tief beschämt durch den Gedanken, daß sein weiblicher Gegner ihn doch überlistet hatte.

Es war keine Zeit zum Ueberlegen, die ganze Verschwörung war mit unvermeidlichen! Schiffbruch bedroht. Der einzige Ausweg in der gegenwärtigen Lage Hauptmann Wragge's war, sofort auf die erste Eingebung seiner eigenen Kühnheit hin zu handeln. Zeile für Zeile las er weiter, und immer noch ließ ihn die allezeit schlagfertige Erfindungsgabe, welche ihn bis jetzt noch nie verlassen hatte, im Stiche. Er kam zu dem letzten Satze, den letzten Worten, welche die beiden kleinen Male auf dem Nacken Magdalenens erwähnten. Bei diesem Cardinalpunkte der Schilderung schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf, seine verschiedenfarbenen Augen blinzelten, seine gekräuselten Lippen zogen sich in den Mundwinkeln in die Höhe: Wragge war wieder er selber!

Er drehte sich plötzlich auf dem Absatze vom Fenster um und sah Mr. Noël Vanstone voll und gerade ins Gesicht mit der ruhig düsteren Ankündigung, als ob etwas Ernstes kommen sollte.

—— Bitte, Sir, wissen Sie vielleicht Etwas von Mrs. Lecounts Familie? frug er.

—— Eine achtbare Familie, sagte Mr. Noël Vanstone, das ist Alles, was ich weiß. Warum fragen Sie?

—— Ich wette für gewöhnlich nicht gern, fuhr der Hauptmann fort, aber bei dieser Gelegenheit will ich mit Ihnen wetten, um was Sie wollen, daß in der Familie der Haushälterin Wahnsinn erblich ist.

—— Wahnsinn!? wiederholte Mr. Noël Vanstone erstaunt.

—— Wahnsinn! wiederholte der Hauptmann, indem er ernst den Zeigefinger auf das Billet hielt. Ich sehe die Schlauheit des Irrsinns, den Argwohn des Irrsinns, die katzenartige Tücke des Irrsinns in jeder Zeile dieses traurigen Papieres. Das ist ein weit beunruhigenderer Grund, Sir, als ich je geahnt hätte, für das Betragen von Mrs. Lecount gegen meine Nichte. Es ist mir klar, daß Miss Bygrave irgend einer andern Dame, welche Ihre Haushälterin sehr beleidigt hat, und welche früher vielleicht zu einem Ausbruch von Wahnsinn bei Ihrer Haushälterin in Beziehung stand, ähnlich sieht, und nun in dem gestörten Sinn Ihrer Haushälterin mit jener verwechselt wird. Das ist meine Ueberzeugung, Mr. Vanstone. Ich kann Recht, ich kann aber auch Unrecht haben. Alles, was ich sage, ist dieses: weder Sie, noch irgend Jemand kann der Abfassung dieser unbegreiflichen Urkunde einen vernünftigen Grund unterlegen, eben sowenig dem Gebrauche, welchen Sie davon machen sollen.

—— Ich halte die Lecount nicht für verrückt, sagte Mr. Noël Vanstone mit einem sehr verwirrten Blicke und sehr verlegenem Wesen. Es hätte mir nicht entgehen können, bei meiner Beobachtungsgabe zumal, es konnte mir unmöglich entgehen, wenn die Lecount verrückt gewesen wäre.

—— Sehr gut, lieber Herr, meiner Meinung nach ist sie die Beute einer wahnsinnigen Täuschung. Ihrer Meinung nach ist sie im Besitze ihres Verstandes und hat irgend einen räthselhaften Beweggrund, welchen weder Sie noch ich zu ergründen vermögen. Auf jeden Fall kann es nicht schaden, Mrs. Lecount's Beschreibung auf die Probe zustellen, nicht nur zur Befriedigung der Neugier, sondern zu unserer eigenen beiderseitigen Beruhigung. Es ist selbst verständlich unmöglich, meiner Nichte zu sagen, daß sie einer solchen albernen Probe unterworfen werden soll, wie jenes ihr Billet uns zumuthet. Aber Sie können Ihre eigenen Augen brauchen, Mr. Vanstone; Sie können selber urtheilen und, ob nun verrückt oder nicht verrückt: Sie können wenigstens Ihrer Haushälterin auf das Zeugnis; Ihrer eigenen Sinne hin sagen, daß sie falsch berichtet ist. Lassen Sie mich noch einmal die Beschreibung ansehen. Der größte Theil derselben ist behufs der Feststellung einer Persönlichkeit nicht einen Schuß Pulver Werth. Hunderte von jungen Damen haben hohen Wuchs, schöne Gesichtsfarbe, hellbraunes Haar und hellgraue Augen. Sie werden andererseits sagen, hundert junge Damen haben nicht zwei kleine Male dicht nebeneinander aus der linken Seite des Nackens Vollkommen richtig. Die Male verschaffen uns, was wir Männer der Wissenschaft einen Beweis ad oculos nennen. Wenn meine Nichte die Treppe herunterkommt, so haben Sie meine volle Erlaubniß, sich die Freiheit zu nehmen und deren Nacken zu beschauen.

Mr Noël Vanstone drückte seinen allerhöchsten Beifall über den Beweis ad oculos durch das erste Lächeln und Schmunzeln aus, das er diesen Morgen sehen ließ.

—— Deren Nacken zu beschauen, wiederholte der Hauptmann, indem er das Billet seinem Gast wieder einhändigte und dann zur Thür ging.

—— Ich will selbst hinausgehen, Mr. Vanstone, fuhr er fort, und einmal nachsehen, wie es mit dem Promenadenanzuge von Miß Bygrave steht. Wenn sie unbewußt Ihnen einige Hindernisse in den Weg gelegt hat, wenn ihr Haar etwas zu weit herunter geht, oder ihre Krause ein wenig zu hoch ist, so will ich unter dem ersten besten unverdächtigen Vorwande, den ich ersinnen kann, mein Ansehen anwenden, um diese Hindernisse zu beseitigen. Alles, was ich bitte, ist, daß Sie sich Ihre Gelegenheit mit Takt und Zartheit ersehen und daß Sie meine Nichte nicht auf den Gedanken bringen, daß ihr Nacken für einen Herrn Gegenstand der Betrachtung geworden ist.

Im Augenblick, wo er aus dem Zimmer war, flog er in höchster Eile die Treppe hinan und pochte an Magdlenens Thüre. Sie öffnete in ihrem Ausgeheanzuge, fix und fertig auf das zwischen ihnen verabredete Zeichen, welches sie herunter rufen sollte.

—— Was haben Sie mit Ihren Schminken und Pulvern angefangen? frug der Hauptmann, ohne ein Wort zur Einleitung und Aufklärung zu verlieren. Sie waren nicht in dem Koffer mit Costümen, den ich für Sie zu Birmingham verkaufte. Wo sind sie?

—— Ich habe sie hier, erwiderte Magdalene. Was haben Sie denn vor, daß Sie jetzt darnach begehren?

—— Bringen Sie selbige sogleich in mein Ankleidezimmer, die ganze Sammlung, die Pinsel, Palette und Alles. Verlieren Sie keine Zeit mit Fragen. Ich will Ihnen erzählen, was vorgefallen ist, während wir uns zurecht machen. Jeder Augenblick ist kostbar für uns. Folgen Sie mir augenblicklich!

Sein Gesicht zeigte offen, daß ein ernster Grund zu einem so seltsamen Begehren vorlag. Magdalene nahm ihre Sammlung von Schönheitsmitteln und ging ihm in das Ankleidezimmer nach. Er schloß die Thür zu, ließ sie sich auf einen Stuhl dicht am Fenster setzen und erzählte ihr dann, was vorgefallen sei.

—— Wir stehen am Rande der Gefahr, entdeckt zu werden, fuhr der Hauptmann fort, indem er sorgfältig seine Farben mit flüssigem Leim und einem starken Trockenleim, den er aus einer Flasche, die ihm selbst gehörte, hinzuthat, mischte. Es ist nur ein Ausweg für uns, (binden Sie Ihr Haar auf der linken Seite Ihres Nackens in die Höhe!) —— ich habe Mr. Noël Vanstone gesagt, er solle sich insgeheim die Gelegenheit ersehen, Sie zu betrachten, und ich bin eben dabei, Mrs. Lecount geradezu Lügen zu strafen, indem ich Ihre Male übermale, durch Farbe verdecke.

—— Sie können nicht übermalt werden, bemerkte Magdalene, keine Farbe wird darauf haften.

—— Meine Farbe wird es, bemerkte Hauptmann Wragge Ich habe nachgerade in meinem Leben verschiedene Berufsarten durchgemacht, darunter den Beruf des Schminkens. Haben Sie nie von dergleichen wie ein »blaues Auge« gehört? Ich lebte einmal mehrere Monate in der Nähe von Drury-Lane ganz und gar von blauen Augen [Black-eyes, wörtlich Schwwarz-Augen, heißen im Englischen die Boxer, welche oft ihrer Gladiatorenkünste durch braun und blaue Flecke auf Gesicht und Gliedmaßen an sich tragen. Wir sprechen in diesem Falle von blauen Augen, wo der Engländer die Bezeichnung schwarze Augen hat. W.] Meine Fleischfarbe stand auf Beulen von aller Art, allen Schattierungen und Größen, und sie wird, das verspreche ich Ihnen, auch auf Ihren Malen stehen.

Mit dieser Versicherung tauchte der Hauptmann seinen Pinsel in eine kleine Masse Deckfarbe, welche er in einem Näpfchen gemischt und, so genau es der Stoff gestattete, bis zu der Färbung von Magdalenes Haut erhöht hatte. Nachdem er erst mit einem Battisttuch und etwas weißem Pulver über den Theil des Nackens, auf den er es abgesehen hatte, gefahren war, brachte er auf die Male mit der Spitze des Pinsels zwei Farbenklexe. Das Ganze war in wenigen Minuten vollbracht, und die Male waren wie durch Hexerei verschwunden. Nur eine Untersuchung aus der größten Nähe hätte den Kunstgriff entdecken können, durch den sie verdeckt waren; in einer Entfernung von zwei bis drei Fuß war derselbe nicht herauszubekommen.

—— Warten Sie hier fünf Minuten, sagte der Hauptmann, um die Farbe trocken werden zu lassen, und kommen Sie dann zu uns in das Wohnzimmer. Mr. Lecount selbst wäre in Verlegenheit, wenn sie Sie jetzt sähe.

—— Bleiben Sie noch! sagte Magdalene. Es ist noch Etwas, was Sie mir bis jetzt noch nicht gesagt haben. Wie kam Mrs. Lecount zu der Beschreibung, die Sie unten gelesen haben? Was sie auch sonst von mir gesehen hat, das Kennzeichen auf meinem Nacken sah sie nicht, es ist zu weit hinten und oben, mein Haar verbirgt es.

—— Wer weiß von diesem Kennzeichen? frug Hauptmann Wragge.

Sie wurde todtenbleich unter dem Schmerz einer plötzlichen Erinnerung an Frank. ——

—— Meine Schwester kennt es, sprach sie schwach.

—— Mrs. Lecount hat vielleicht an Ihre Schwester geschrieben, vermuthete der Hauptmann.

—— Glauben Sie, meine Schwester würde einer Fremden sagen, was eine fremde Person nicht berechtigt ist zu erfahren? Nimmermehr, nimmermehr!

—— Gibt es niemand Anderes, der es Mrs. Lecount sagen konnte? Das Kennzeichen war in den Handplacaten zu York erwähnt. Wer brachte es dahinein?

—— Nicht Nora! Vielleicht Mr. Pendril. Vielleicht Miss Garth.

—— Dann hat Mrs. Lecount an Mr. Pendril oder Miss Garth, noch wahrscheinlicher an Miss Garth geschrieben. Die Gouvernante war vielleicht noch zugänglicher, als der Rechtsanwalt.

—— Was kann sie Miss Garth gesagt haben?

Hauptmann Wragge dachte ein wenig nach.

—— Ich kann nicht sagen, was Mrs. Lecount geschrieben haben wird, sprach er, aber ich kann Ihnen sagen, was ich an Stelle der Mrs. Lecount geschrieben haben würde. Ich würde fürs Erste Miss Garth durch falsche Berichte über Sie erschreckt haben, dann hätte ich nach Einzelheiten über Ihr Aeußeres gefragt, damit eine wohlmeinende fremde Person Sie wieder zu Ihren Freunden zurückführen könnte.

Zornesblitze flammten augenblicklich in Magdalenens Augen auf.

—— Was Sie gethan haben würden, ist Das, was Mrs. Lecount wirklich gethan hat, sagte sie unwillig. Kein Mensch in der Welt, sei es ein Anwalt oder eine Gouvernante, soll mir das Recht streitig machen, meinen eignen Willen zu haben und meinen eigenen Weg zu gehen! Wenn Miss Garth denkt, sie kann meine Handlungen durch einen Briefwechsel mit Mrs. Lecount beherrschen und lenken, so will ich Miss Garth zeigen, daß sie in einem argen Irrthum ist! Wahrlich, es ist hohe Zeit, Haupmann Wragge, daß diese leidigen Gefahren der Entdeckung mit einem Male beseitigt werden. Wir wollen eher, als es Mrs. Lecount oder Miss Garth ahnen, den kürzesten Weg einschlagen, der zum Ziele führt. Wie lange Zeit können Sie mir geben, um einen Heirathsantrag aus dem Geschöpf da eine Treppe tiefer herauszubringen?

—— Ich wage nicht Ihnen lange Zeit zu lassen, versetzte Hauptmann Wragge. Jetzt da Ihre Freunde wissen, wo Sie sind, können sie uns über Nacht auf den Hals kommen. Können Sie es in einer Woche fertig bringen?

—— Ich will es in der Hälfte dieser Frist, sagte sie mit einem harten, verächtlichen Lachen. Lassen Sie uns diesen Morgen beisammen, wie Sie uns zu Dunwich allein ließen, und nehmen Sie Mrs. Wragge mit als Mittel und Vorwand, die Gesellschaft in zwei Partien zu theilen. Ist die Farbe jetzt trocken? Gehen Sie hinunter und sagen Sie ihm, daß ich unverzüglich erscheinen werde.

So Verfehlten zum zweiten Male Miss Garths wohlgemeinte Anstrengungen ihren Zweck. So verwandelte die Macht der Umstände die Hand, welche Magdalenen zurück halten wollte, in das Werkzeug, das sie vorwärts trieb!

Der Hauptmann kehrte zu seinem Gaste in das Wohnzimmer zurück, nachdem er erst unterwegs angehalten hatte, um Mrs. Wragge seine Weisungen für den Spaziergang zu geben.

—— Ich bedaure sehr, daß ich Sie habe warten lassen, sagte er, indem er sich zutraulich an Mr. Noël Vanstones Seite niederließ. Meine einzige Entschuldigung ist die, daß meine Nichte zufällig ihre Haare gerade so gemacht hatte, daß unser Zweck vereitelt wurde. Ich habe sie beredet, die Haartour zu ändern, und junge Damen sind ein wenig eigensinnig in allen Fragen, die ihre Toilette angehen. Geben Sie ihr einen Stuhl an jener Seite von Ihnen, sobald sie hereintritt, und richten Sie Ihren Blick in aller Bequemlichkeit auf ihren Nacken, bevor wir unsern Spaziergang antreten.

Magdalene trat in das Zimmer, als er diese Worte sprach und nahm, als die ersten Grüße gewechselt worden, den ihr gebotenen Stuhl mit der unbefangensten Bereitwiligkeit an. Mr. Noël Vanstone stellte die Kreuzprobe [The Crucian (Crucial) Test, von cross, das Kreuz, —— entscheidende Probe, das lateinische experimentum cruises, Ausdruck aus der Zeit der Gottesurtheile, der Feuerprobe. Die Angeklagten mußten baarfuß über rothglühecde Kreuze von Eisen schreiten, um ihre Unschuld zu beweisen. W.] auf der Stelle an, höchlichst erfreut über die schöne Materie, die der Gegenstand seiner Untersuchung war. Nicht die Spur eines Males war auf irgend einer Stelle der weichen, weißen Fläche von Miss Byhgrave's Nacken zu sehen. Derselbe antwortete ohne Worte, aber beredt auf die blinzelnden Forscherblicke der halbgeschlossenen Augen Mr. Noël Vanstone's mit dem grellsten Widerspruche zu Mrs. Lecounts Unterstellungen. Dieser eine Kernpunkt in den Vorkommnissen des Morgens war von allen Dingen, die bisher vorgefallen, das dem Erfolge nach Wichtigste. Jene eine Entdeckung erschütterte die feste Stellung der Haushälterin bei ihrem Herrn mehr, als irgend Etwas je zuvor.

In wenigen Minuten ließ sich auch Mrs. Wragge blicken und erregte in Mr. Noël Vanstones Seele so großes Erstaunen, als er eben außer dem alles Andere verdrängenden Vergnügen an Magdalenens Gesellschaft überhaupt noch empfinden konnte. Die Gesellschaft verließ alsbald das Haus und lenkte ihre Schritte nach Norden, um nicht vor den Fenstern der Villa Amsee vorüber zu müssen. Zu Mrs. Wragges unsäglichem Erstaunen bot ihr ihr Gatte zum ersten Male im Laufe ihres ehelichen Zusammenlebens höflich den Arm und führte sie den jungen Leuten voran, als wenn das Vorrecht, mit ihr allein zu gehen, ihm einen besonderen Genuß gewährte!

—— Schreite aus! flüsterte der Hauptmann heftig. Laß Deine Nichte und Mr. Vanstone allein! Wenn ich Dich auf einem Blick, den Du nach ihnen zurückwirfst, ertappe, so werde ich die orientalische Kaschmirrobe in der Küche ins Feuer werfen! Wende die Zehen auswärts und halte Schritt; wechsle, halte Schritt!

Mrs. Wragge hielt Schritt, so gut als sie es nur immer vermochte. Ihre mächtigen Kniee schlotterten unter ihr. Sie glaubte steif und fest, Hauptmann Wragge wäre betrunken.

Der Spaziergang dauerte etwas über eine Stunde. Vor neun Uhr waren sie Alle wieder in Nordsteinvilla zurück. Die Damen gingen gleich ins Haus. Wir. Noël Vanstone blieb mit Hauptmann Wragge im Garten.

—— Gut, sagte der Hauptmann, was denken Sie nun von Mrs. Lecount?

—— Zum Henker mit Mrs. Lecount! versetzte Mr. Noël Vanstone in großer Aufregung. Ich bin halb mit Ihnen einverstanden! Ich bin halb einverstanden, meine verteufelte Haushälterin für verrückt zu erklären.

Er sprach zornig und erbittert, als wäre ihm die bloße Anspielung auf Mrs. Lecount ein Gräuel. Seine Farbe kam und ging. Sein Benehmen war zerstreut und unsicher, er schlenderte unruhig im Gartenwege auf und ab. Es würde auch einem weit weniger klarsehenden Blicke als dem des Hauptmann Wragge offenbar gewesen sein, daß Magdalene seine Annäherungen mit unerwarteter Huld, Ermunterung und Entgegenkommen mußte aufgenommen haben, was seine Selbstbeherrschung über den Haufen geworfen hatte.

—— Ich habe nie in meinem Leben von einem Spaziergang soviel Genuß gehabt! rief er in plötzlicher Begeisterung aus. Ich hoffe, Miss Bygrave fühlt sich auch besser darnach. Gehen Sie morgen früh um dieselbe Zeit aus? Darf ich mich wieder anschließen?

—— Jedenfalls, Mr. Vanstone, sagte der Hauptmann mit Herzlichkeit. Entschuldigen Sie, wenn ich auf den Gegenstand noch einmal zurückkomme, aber was werden Sie zu Mrs. Lecount sagen?

—— Ich weiß es nicht. Die Lecount ist ein wahres Hauskreuz! Was würden Sie thun, Mr. Bygrave, wenn ie an meiner Stelle wären?

—— Erlauben Sie mir eine Frage zu stellen, lieber Herr, bevor ich es Ihnen sage. Welches ist Ihre Frühstücksstunde?

—— Halb zehn Uhr.

—— Steht Mrs. Lecount früh auf?

—— Die Lecount ist morgens etwas faul, ich hasse faule Weiber. Wenn Sie an meinem Platze wären, was würden Sie zu ihr sagen?

—— Ich würde Nichts zu ihr sagen, versetzte Hauptmann Wragge. Ich würde sofort auf dem Hinterweg zurückkehren, würde mich Mrs. Lecount in dem vorderen Gärtchen zeigen, als wenn ich vor dem Frühstück einen Gang gemacht hätte, und ließe sie nur denken, daß ich eben aus meinem Zimmer gekommen wäre. Wenn sie Sie fragt, ob Sie heute hierher gehen wollen, so sagen Sie: Nein. Machen Sie sich keine Unruhe, so lange nicht die Umstände Sie nöthigen, eine Antwort zu geben. Dann sagen Sie ihr die volle Wahrheit, sagen Sie, daß Mr. Bygraves Nichte und Mrs. Lecounts Beschreibung gerade in dem wichtigsten Punkte mit einander im Widersprüche sind, und bitten Sie sich aus, daß von dem Gegenstande nie wieder die Rede ist. Das ist mein Rath. Was halten Sie davon?

Wenn Mr. Noël Vanstone in seines Berathers Seele hätte sehen können, so würde er den Rath des Hauptmanns für trefflich geeignet gehalten haben, die Absichten des Hauptmanns zu fördern. So lange Mrs. Lecount im Dunkel gelassen werden konnte über die Besuche ihres Herrn auf Nordsteinvilla, so lange wartete sie wohl, bis sich Gelegenheit fand, mit ihrem Versuch herauszutreten, und so lange konnte man gewiß darauf rechnen, den Anschlag durch keine weiteren Maßregeln von ihrer Seite gefährdet zu sehen. Da Mr. Noël Vanstone aber natürlicherweise außer Stande war, den guten Rath des Hauptmann Wragge von diesem Gesichtspunkte aus zu beurtheilen, so betrachtete er denselben ganz einfach nur als ein ihm unter den Fuß gegebenes Mittel, um für den Augenblick einer Erklärung mit der Haushälterin aus dem Wege zu gehen. Er sagte eifrig, das ihm vorgeschlagene Verfahren wolle er buchstäblich verfolgen, un«d kehrte unverzüglich nach Vlla Amsee zurück.

Bei dieser Gelegenheit wurden die Vermuthungen des Hauptmann Wragge durch Mrs. Lecounts Verhalten in keinerlei art Lügen gestraft. Sie hatte keine Ahnung von dem Besuche ihres Herrn auf Nordsteinvilla, sie hatte sich nothgedrungen zufrieden gegeben, ruhig auf ein Zusammentreffen desselben mit Miss Bygrave bis Ende der Woche zu warten, und behelligte ihn daher nicht mit irgend welchen unverhofften Fragen, als er seine Absicht ankündigte, für heute Nichts mit den Bygraves zu thun haben zu wollen. Alles, was sie sagte, war:

—— Fühlen Sie sich nicht wohl genug, Mr. Noël? oder haben Sie keine Luft?

Er antwortete kurz:

—— Ich fühle mich nicht wohl genug.

Und damit war die Unterhaltung schon zu Ende.

Den nächsten Tag wurden die Handlungen des vorhergehenden Morgens genau ebenso wiederholt. Dies Mal ging Mr. Noël Vanstone ganz entzückt nach Hause, ein Andenken in seiner Brusttasche, er hatte sich zärtlich eines Handschuhes von Miss Bygrave bemächtigt. Den ganzen Tag über nahm er alle Augenblicke, wenn er allein war, den Handschuh heraus und küßte ihn mit einer Innbrunst, welche in ihrer Gluth fast leidenschaftlich zu nennen war. Der elende kleine Mensch schwelgte in diesen seinen verstohlenen glücklichen Augenblicken in einer sprachlosen und heimlichen Seligkeit, die ein ganz neues Gefühl für ihn war. Die wenigen jungen Mädchen, mit denen er in seines Vaters kleinem Kreise z Zürich zusammengekommen war, hatten ein liebloses Vergnügen darin gefunden, ihn als ein niedlich kleines Spielzeug zu behandeln. Den stärksten Eindruck, den er auf ihre Herzen machen konnte, war ein solcher, welchen er mit ihrem Schooßhunde zu theilen hatte. Das tiefste Interesse, das er in ihnen erwecken konnte, war nur eben so groß, als das, was ihnen ein neuer Putz oder ein neues Kleid erregte.

Die einzigen Frauen, die bis jetzt seine Bewunderung herausgefordert und seine Schmeicheleien ernstlich aufgenommen hatten, waren solche gewesen, deren Reize im Verblühen und deren Heirathsaussichten stark in der Abnahme waren. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er jetzt glückselige Stunden in der Gesellschaft eines schönen Mädchens verlebt, an welches er ohne eine einzige demüthigende Erinnerung, die ihn in seiner Selbstachtung herabsetzte, zurückdenken konnte.

So sorgfältig er sich auch zusammennahm, die Veränderung in seinem Blick und Wesen, welche durch das neu in ihm erweckte Gefühl hervorgebracht war, konnte Mrs. Lecount nimmer entgehen. Am zweiten Tage fragte sie ihn ausdrücklich, ob er nicht Anstalt getroffen habe, die Bygraves zu besuchen. Er verneinte es, wie früher.

—— Vielleicht gehen Sie morgen hin, Mr. Noël? frug die Haushälterin weiter und ließ sich nicht irre machen.

Er war nun mit seinen Ausflüchten zu Ende, er war ungeduldig, ihre Fragen endlich los zu werden, verließ sich aus seinen Freund in der Nordsteinvilla und dessen Beistand und antwortete Ja.

—— Wenn Sie die junge Dame sehen, ging Mrs. Lecount weiter, so vergessen Sie mein Papier nicht, Sir, welches Sie in Ihrer Westentasche haben.

Weiter wurde auf beiden Seiten Nichts gesprochen, aber mit derselben Abendpost schrieb die Haushälterin an Miss Garth. Der Brief bekannte sich lediglich zum dankbaren Empfang der Mittheilung von Miss Garth und benachrichtigte sie, daß sie, Mrs. Lecount, in wenig Tagen schon in der Lage zu sein hoffe, wieder zu schreiben und Mr. Pendril nach Aldborough zu rufen.

Spät am Abend, als es im Wohnzimmer auf Nordsteinvilla bereits ganz finster geworden war, und Hauptmann Wragge wie gewöhnlich nach Licht klingelte, war er überrascht, Magdalenens Stimme auf dem Gange zu hören, wie sie dem Dienstmädchen sagte, die Lichter wieder mit hinunter zu nehmen. Sie pochte einen Augenblick später an die Thür und schwebte in der Dunkelheit wie ein Geist ins Zimmer.

—— Ich habe eine Frage an Sie zu richten, wegen Ihrer Pläne für morgen, sagte sie. Meine Augen sind sehr schwach heute Abend, und ich hoffe, Sie werden Nichts dagegen haben, daß die Lichter noch ein paar Minuten wegbleiben.

Sie sprach in leisem, gedämpftem Tone und tastete sich geräuschlos nach einem Stuhle hin, der weitab vom Hauptmann in dem dunkelsten Theile des Zimmers stand. Da er selbst am Fenster saß, so konnte er nur eben noch die dunklen Umrisse ihres Kleides sehen und den schwachen Klang ihrer Stimme hören. In den letzten beiden Tagen hatte er Nichts von ihr gesehen, außer aus ihrem gemeinsamen Morgenspaziergange. Am Nachmittage hatte er seine Frau in der kleinen Hinterstube unten weinend gefunden. Sie konnte ihm nur sagen, daß Magdalene sie erschreckt habe, daß Magdalene wieder so werde, wie damals, als der Brief aus China kam, in der schrecklichen vergangenen Zeit auf der Vauxhallpromenade.

—— Ich habe bedauert von Mrs. Wragge hören zu müssen, daß Sie heute unwohl waren, sagte der Hauptmann, indem er unwillkürlich beim Sprechen seine Stimme beinahe bis zum Flüstern senkte.

—— Es hat Nichts zu sagen, antwortete sie ruhig aus dem Dunkel. Ich bin stark genug zu leiden und zu leben. Andere Mädchen an meiner Stelle wären glücklicher gewesen, sie würden gelitten haben und —— gestorben sein. Es hat nichts zu sagen, es wird ebenso sein nach hundert Jahren. —— Kommt er morgen früh wieder um sieben Uhr?

—— Er kommt wieder, wenn Sie Nichts dagegen haben?

—— Ich habe Nichts dagegen, ich habe mich drein ergeben. Aber ich würde es gern sehen, wenn es eine andere Stunde wäre. Ich sehe so früh am Tage nicht zu meinem Besten aus, ich habe schlimme Nächte und bin müde und wüst, wenn ich aufstehe. Schreiben Sie ihm ein paar Zeilen diesen Abend und sagen Sie ihm, er solle um zwölf Uhr kommen.

—— Zwölf ist doch etwas spät unter den obwaltenden Verhältnissen: Sie werden auf der Promenade gesehen werden.

—— Ich habe nicht die Absicht auszugehen. Lassen Sie ihn in das Wohnzimmer weisen....

Ihre Stimme erstarb, bevor sie den Satz vollenden konnte und verstummte.

—— Und...? sagte Hauptmann Wragge

—— Und lassen Sie mich in dem Zimmer allein, ihn zu empfangen.

—— Ach so! sagte der Hauptmann, ich verstehe. Ich will aus dem Wege gehen in das Speise-Zimmer, so lange er hier ist, und Sie können dann kommen und mit mir sprechen, wenn er fort ist.

Es trat wieder ein augenblickliches Schweigen ein.

—— Muß ich denn durchaus mit Ihnen sprechen? frug sie plötzlich. Ich bin ganz Herr meiner selbst, während er bei mir ist, aber ich kann nicht dafür stehen, was ich vielleicht nachher sage oder thue.

—— O nein, es geht noch auf andere Art, sagte der Hauptmann. Das ist z. B. gleich die erste, die mir einfällt. Lassen Sie den Vorhang über das Fenster Ihres Zimmers oben herunter, ehe er kommt. Ich will hinaus ans Meeresufer gehen und dort in Sicht des Hauses warten. Wenn ich ihn wieder herauskommen sehe, will ich nach dem Fenster sehen. Wenn er Nichts gesagt hat, lassen Sie den Vorhang unten. Wenn er Ihnen einen Antrag gemacht hat, dann ziehen Sie den Vorhang auf. Das Signal ist die Einfachheit selber, wir können einander nicht mißverstehen. Sehen Sie morgen so gut als möglich aus! Machen Sie es fest mit ihm, liebes Mädchen, machen Sie es fest, wenn es Ihnen möglich ist!

Er hatte laut genug gesprochen, um gewiß zu sein, daß sie ihn gehört hatte, aber kein Wort der Antwort kam von ihr. Das tiefe Schweigen wurde nur unterbrochen von dem Rauschen ihres Kleides, welches ihm sagte, daß sie von ihrem Stuhle ausgestanden sei. Ihr Schattenriß schwebte wieder durch das Zimmer, die Thür schloß sich leise, sie war fort. Er klingelte eilig nach Licht. Das Dienstmädchen fand ihn dicht beim Fenster stehend und weniger selbstbewußt aussehend als sonst. Er sagte ihm, daß er sich ein wenig unwohl im Magen fühle und ließ sich von ihm Brandy aus dem Schranke holen.

Wenige Minuten vor Zwölf den Tag daraus begab sich der Hauptmann auf seinen Beobachtungsposten hinweg, indem er sich hinter ein Fischerboot, das auf den Strand gezogen war, versteckte. Pünktlich mit dem Glockenschlag sah er Mr. Noël Vanstone auf Nordsteinvilla zuschreiten und das Gartenthor öffnen. Als die Hausthür sich hinter dem Besuche geschlossen hatte, setzte sich Hauptmann Wragge bequem zurecht neben das Boot und brannte sich seine Cigarre an.

Er rauchte eine halbe Stunde, dann noch zehn Minuten auf seiner Wacht. Er rauchte seine Cigarre bis auf den letzten Stummel aus, den er in seinen Lippen halten konnte. Gerade als er das Ende weggeworfen hatte, öffnete sich die Thür wieder, und Noël Vanstone trat heraus.

Der Hauptmann sah sofort nach Magdalenens Fenster hinauf. In der spannenden Aufregung des Augenblicks zählte er die Secunden. Sie konnte von dem Wohnzimmer bis zu ihrem eigenen Zimmer weniger als eine Minute brauchen. Er zählte bis dreißig, und Nichts zeigte sich. Er zählte bis fünfzig —— und Nichts zeigte sich. Er gab das Zählen auf und verließ ungeduldig das Boot, um nach Hause zurückzukehren.

Als er den ersten Schritt vorwärts that, sah er das Zeichen!

Der Vorhang war aufgezogen.——

Vorsichtig die Höhe des Ufers hinaufsteigend, sah Hauptmann Wragge nach Villa Amsee, ehe er sich auf der großen Promenade zeigte. Mr. Noël Vanstone hatte wieder sein Haus erreicht, er trat eben in die Hausthür.

—— Wenn man mir all Dein Geld böte, um in Deinen Schuhen zu stecken, sagte der Hauptmann und sah ihm nach: so reich Du bist, ich würde doch nicht tauschen.



Kapiteltrenner

Achtes Capitel.

Bei der Rückkunft nach Hause erhielt Hauptmann Wragge eine bedeutsame Meldung durch das Dienstmädchen.

—— Mr. Noël Vanstone würde um zwei Uhr Nachmitttags wiederkommen, wenn er auf das Vergnügen hoffen dürfte, Mr. Bygrave zu Hause zu treffen.

Die erste Frage des Hauptmanns, als er diese Meldung erhielt, bezog sich auf Magdalenen.

—— Wo ist Miss Bygrave?

—— Auf ihrem Zimmer.

—— Wo ist Mrs. Bygrave?

—— In dem Hinterstübchen.

Hauptmann Wragge richtete sofort seine Schritte nach der letzteren Seite hin und fand seine Frau zum zweiten Male in Thränen. Sie war den ganzen Tag aus Magdalenens Zimmer fortgeschickt worden, und sie konnte sich nicht enträthseln, womit sie das verdient haben sollte. Indem er ohne Weiteres ihre Klagen unterbrach, schickte sie ihr Gatte sofort nach oben, mit der Weisung, an die Thür zu klopfen und zu fragen, ob Magdalene für eine wichtige Frage, welche vor zwei Uhr erledigt werden müsse, fünf Minuten Gehör geben wolle.

Die zurückgebrachte Antwort war abfällig. Magdalene ersuchte ihn, ihr den Gegenstand, worüber sie wegen der Entscheidung gefragt werden solle, schriftlich mitzutheilen.

Sie versprach ebenso zu antworten, wohl verstanden, wenn Mrs. Wragge, nicht das Dienstmädchen, das Billet überbrächte und die Antwort zurücknähme.

Hauptmann Wragge öffnete sofort sein Schreibzeug und setzte folgende Zeilen auf:

Empfangen Sie meine wärmsten Glückwünsche betreffs des Erfolges Ihrer Unterredung mit Mr. N. V. Er wird um zwei Uhr wiederkommen: ohne Zweifel um seinen Antrag in der schicklichen Form zu stellen. Die Frage, die jetzt entschieden werden muß, ist nun die: ob ich ihn wegen des Leibgedinges drängen soll oder nicht. Die Erwägungen für Ihr eigenes Ermessen sind zwei an der Zahl. Einmal, ob der besagte Druck —— ohne dabei Ihren Einfluß über ihn im Mindesten zu gering anschlagen zu wollen, —— nicht eine lange Zeit ausgeführt werden müsse, ehe er aus Mr. N. V. Geld herauspreßt. Dann zum Zweiten, ob wir in Anbetracht Ihrer gegenwärtigen Stellung zu einem gewissen schlauen Mitbewerber in der Haube überhaupt die Gefahr des Verzugs laufen wollen Ueberlegen Sie diese Punkte und lassen Sie mich Ihren Entschluß wissen, sobald es Ihnen genehm ist.

Die Antwort auf diese Zeilen war in zitternden verwischten Zügen geschrieben, welche von Magdalenens gewöhnlicher fester und klarer Handschrift auffallend abwichen. Sie enthielt nur folgende Worte:

Bemühen Sie sich gar nicht wegen des Leibgedinges Ueberlassen Sie die Art und Weise, wie er sein Geld in Zukunft anwenden soll, lediglich meiner Leitung.

—— Sahest Du sie? frug der Hauptmann, als ihm seine Frau die Antwort behändigt hatte.

—— Ich versuchte, ihrer ansichtig zu werden, sagte Mrs. Wragge mit einer neuen Thränenfluth, aber sie öffnete die Thür nur soweit, um ihre Hand herauszustrecken. Ich ergriff sie und drückte sie leise, aber, ach! ich Aermste, sie fühlte sich so kalt an!

Als Mrs. Lecounts Herr um zwei Uhr erschien, fühlte er sich in beängstigender Weise des schmerzstillenden Wedelns von Mrs. Lecounts grünem Fächer benöthigt. Die Aufregung; in welche ihn das Magdalenen gemachte Geständniß seiner Liebe versetzt hatte, der Schreck, daß er von seiner Haushälterin ertappt wurde, der quälende Argwohn, daß ihm Magdalenens Verwandter und Beschützer harte Geldopfer auferlegen werde: alle diese Gemüthsbewegungen, welche in ihm um die Oberhand kämpften, hatten die Kraft seines schwächlichen Herzens höchst bedenklich auf die Probe gestellt und angestrengt. Er schnappte nach Luft, als er im Besuchszimmer auf Nordsteinvilla saß, und jenes unheimliche bläuliche Weiß, welches in Augenblicken der Aufregung stets sein Gesicht überzog, kam aufs Neue unheilverkündend zum Vorschein. Hauptmann Wragge ergriff in seiner Herzensangst die Brandyflasche und nöthigte seinem Gaste ein volles Weinglas dieses Getränkes auf, ehe noch von einer Seite ein Wort gesprochen wurde.

Gestärkt durch dieses Reizmittel und ermuntert durch die Schnelligkeit, mit welcher der Hauptmann jedes Wort, das er zu sagen hätte, ihm aus dem Munde nahm, war Mr. Noël Vanstone im Stande, den ernsten Gegenstand seines Besuches in erträglich deutlichen Ausdrücken vorzubringen. Alle von der Sitte hierbei vorgeschriebenen Einleitungen wurden nun ohne Weiteres erledigt. Die Familie des Antragstellers war achtbar, seine Lebensstellung war unleugbar zufriedenstellend, seine Neigung, obgleich etwas überstürzt, war ersichtlich uneigennützig und aufrichtig. Alles was der Hauptmann thun konnte, war, daß er mit einer vor Bewegung zitternden Stimme und schön gewählten Worten und Wendungen diese verschiedenen Erwägungen aussprach. Und Das gelang ihm denn vortrefflich. In der ersten halben Stunde der Unterredung wurde keinerlei Anspielung gemacht auf die zarte und verfängliche Seite der Frage. Der Hauptmann wartete, bis er seinen Besucher beruhigt hatte, und als dieser Erfolg erreicht war, berührte er leise diesen Punkt mit folgenden Worten:

—— Nun ist nur noch eine kleine Schwierigkeit, Mr. Vanstone, welche, denke ich, wir beide bisher übersehen haben. Das neueste Verhalten Ihrer Haushälterin läßt mich fürchten, daß sie die bevorstehende Veränderung in Ihrem Leben durchaus nicht mit freundlichen Augen ansehen werde. Wahrscheinlich haben Sie es nicht für nöthig befunden, sie von dem neuen Band, welches sie zu schließen beabsichtigen, in Kenntniß zu setzen?

Mr. Noël Vanstone wurde blaß bei dem bloßen Gedanken einer persönlichen Erklärung gegen Mrs. Lecount.

—— Ich kann nicht sagen, was ich thun werde, sagte er mit einem verstohlenen Blicke nach dem Fenster, als ob er erwartete das Gesicht der Haushälterin durch die Scheiben hereinschauen zu sehen. Wir sind alle unerquicklichen Verhältnisse verhaßt; dies aber ist das aller unerquicklichste Verhältniß, indem ich mich je befunden habe. Sie wissen nicht, was für ein schreckliches Weib die Lecount ist. Ich fürchte mich nicht vor ihr, denken Sie ja nicht, ich fürchte mich vor ihr....

Bei diesen Worten faßte ihn die lautere Furcht bei der Kehle und strafte ihn direct Lügen, indem sie ihm den Mund verschloß.

—— Ich bitte Sie, geben Sie sich keine Mühe mit Erklärungen, sagte Hauptmann Wragge, indem er ihm zu Hilfe kam. Dies ist ja die gewöhnliche Geschichte, Mr. Vanstone. Hier ist eine Frau, welche in Ihren Diensten und vor Ihnen in Ihres Vaters Diensten alt geworden ist, eine Frau, welche seit langen, langen Jahren nach einem festen Plane durch allerhand kleine Kunstgriffe und heimliche Schachzüge sich ihre Stellung zu verschaffen gewußt hat, kurz eine Frau, der Sie in Ihrer unüberlegten, aber ganz natürlichen Herzensgüte ein gewisses Eigenthnmsrecht auf sich eingeräumt haben....

—— Eigenthumsrecht! schrie Mr. Noël Vanstone, indem er den Hauptmann mißverstand und, schlechterdings unfähig seine Furcht länger zu verbergen, sich die Wahrheit entlocken ließ, —— ich weiß nicht, bis zu welchem Grade sie wohl ein Eigenthumsrecht beanspruchen mag. Sie will, ich soll für meinen Vater so gut als für mich selbst zahlen Tausende, Mr. Bygrave, Tausende von Pfund Sterlingen aus meiner Tasche!!!

Er schlug seine Hände zusammen in heller Verzweiflung über das Schreckbild solcher Gelderpressung das seine Einbildungskraft heraufbeschworen hatte, das Bild, wie sein goldenes Lebensblut in großen Strahlen von ihm sprang unter dem Aderlaßschnepper von Mrs. Lecount!

—— Gemach, Mr. Vanstone, gemach! Die Frau weiß noch Nichts, und das Geld ist noch nicht fort.

—— Nein, nein, das Geld ist noch nicht fort, wie Sie sagen. Ich bin nur aufgeregt darob, ich kann mir nicht helfen, ich komme allemal in Aufregung. —— Sie wollten eben Etwas sagen, Sie wollten mir einen Rath geben. Ich weiß Ihren Rath zu schätzen, Sie glauben gar nicht, wie sehr ich Ihren Rath zu schätzen weiß.

Er sagte diese Worte mit einem einschmeichelnden Lächeln, welches mehr als kläglich aussah, es war geradezu kriechend und stellte ihn ganz in Abhängigkeit von seinem gewitzigten Freund.

—— Ich versicherte Ihnen nur, lieber Herr, daß ich Ihre Lage wohl begreife, sagte der Hauptmann. Ich sehe Ihre Schwierigkeit so deutlich wie Sie selber. Sagen Sie einem Weibe, wie Mrs. Lecount, daß es von seinem häuslichen Throne herabsteigen, daß es einer jungen schönen Nachfolgerin Platz, machen solle, welche mit der Macht der Hausfrau ausgerüstet ist —— und eine unliebsame Scene muß unvermeidlich folgen. Eine unliebsame Scene, Mr. Vanstone, wenn Ihre Meinung von der Vernünftigkeit Ihre Haushälterin begründet ist. Etwas weit Schlimmeres, wenn meine Meinung, daß ihr Verstand erschüttert ist, sich als richtig erweist.

—— Ich sage nicht, daß ich das nicht auch glaube, versetzte Mr. Noël Vanstone. Namentlich nach Dem, was heute vorgefallen ist.

Hauptmann Wragge bat sofort, ihm mitzutheilen, was das für ein Vorfall sei, auf den er anspiele.

Mr. Noël Vanstone erklärte darauf hin unter unendlich vielen Einschaltungen in Bezug auf sich selbst, daß Mrs. Lecount die gefürchtete Frage bezüglich des kleinen Billets in ihres Herrn Tasche kaum eine Stunde zuvor gestellt habe. Er hatte ihr gerade so geantwortet, wie Mr. Bygrave ihm gerathen hatte. Als Mrs. Lecount hörte, daß die Genauigkeit der Personalbeschreibung richtig auf die Probe gestellt worden sei und in dem einen wichtigen Punkte der Male auf dem Nacken nicht zugetroffen hätte, habe sie ein wenig nachgedacht und ihn dann gefragt, ob er ihr Billet Mr. Bygrave gezeigt habe, ehe der Versuch gemacht wurde. Er hatte verneinend geantwortet, weil dies die einzig sichere Art der Erwiderung, die er im Drange des Augenblicks hatte finden können, gewesen sei. Die Haushälterin hatte dann folgende wunderbare und auffallende Worte an ihn gerichtet.

—— Sie verhehlen mir die Wahrheit, Mr. Noël. Sie vertrauen sich fremden Leuten an und zweifeln an Ihrer alten Dienerin und Ihrer alten Freundin. Jedes Mal, wenn Sie in Mr. Bygraves Wohnung gehen, jedes Mal, wenn Sie Miss Bygrave sehen, gehen Sie Ihrem Untergange näher und näher entgegen. Sie haben Ihnen trotz meiner Bemühungen eine Binde über die Augen gelegt, aber sagen Sie ihnen nur, daß ich sie, bevor einige Tage vergangen sein werden, abreißen werde!

Auf diesen außerordentlichen Ausbruch, begleitet wie er war, von einem nie vordem gesehenen Ausdruck in Mrs. Lecounts Zügen, hatte Mr. Noël Vanstone keine Antwort gefunden. Mr. Bygraves Ueberzeugung, daß der Haushälterin ein schlummernder Keim von Wahnsinn im Blute stecke, war ihm wieder eingefallen, und er hatte bei erster Gelegenheit das Zimmer verlassen.

Der Hauptmann hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf die Erzählung, die ihm hier mitgetheilt wurde. Er konnte nur einen Schluß daraus ziehen: es war eine deutliche Mahnung für ihn, das Ende zu beschleunigen.

—— Ich bin nicht überrascht, sagte er mit ernster Salbung, zu hören, daß Sie sich mehr und mehr meiner Meinung zuneigen. Nach dem, was Sie mir eben erzählt haben, Mr. Vanstone, hätte kein Mann von Gefühl anders handeln können. Dies wird nunmehr ernsthaft. Ich weiß kaum, welche Folgen die Mittheilung Ihrer nahen Lebensveränderung an Mrs. Lecount nach sich ziehen kann. Meine Nichte darf nicht in diese Folgen verwickelt werden. Sie ist nervenreizbar, sie ist feinfühlend im höchsten Grade; sie ist der unschuldige Gegenstand von dieses Weibes unvernünftigem Haß und Mißtrauen. Sie beunruhigen mich, Sir! Ich verliere nicht leicht meine Seelenruhe, aber ich gestehe, Sie beunruhigen mich wegen der Zukunft.

Er runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und sah seinen Gast wie ganz außer Fassung an.

Mr. Noël Vanstone fing nun an, ebenfalls unruhig zu werden. Die Veränderung in Mrs. Bygraves Benehmen schien ihm unheilverkündend für seinen Antrag von einem neuen ungünstigen Gesichtspunkte aus. Er zog seine angeborene Feigheit und seine angeborene Schlauheit zu Rathe und schlug nun eine Lösung der Schwierigkeit, die ganz seine Erfindung war, vor.

—— Warum sollen wir es der Lecount überhaupt sagen? frug er. Was hat die Lecount für ein Recht es zu wissen? Können wir uns nicht verheirathen, ohne sie ins Geheimniß zu ziehen. Und kann es ihr nicht nachher, wenn wir aus ihrem Bereiche sind, jemand Anders mittheilen?

Hauptmann Wragge nahm diesen Vorschlag mit einem Ausdruck der Ueberraschung auf, welche seiner Verstellungskunst alle mögliche Ehre machte. Sein hauptsächlichstes Augenmerk während der ganzen Unterredung war gewesen, sie unvermerkt bis zu diesem Punkt zu lenken, oder mit anderen Worten den ersten Gedanken, die Verheirathung von Mrs. Lecount geheim zu halten, nicht von sich, sondern von Noël Vanstone ausgehen und aussprechen zu lassen. Niemand wußte besser als der Hauptmann, daß die einzige Verantwortung, welche ein schwacher Mann immer auf sich nimmt, eine solche ist, welche beständig ihm als ausschließlich ihm zugehörend zugeschoben werden kann.

—— Ich bin gewohnt, mich stets von allem heimlichen Wesen abzuwenden, sagte Hauptmann Wragge. Aber es giebt auch für die strengsten Regeln Ausnahmen, und ich muß zugestehen, Mr. Vanstone, daß Ihre Lage in dieser Sache eine so außerordentliche ist, wie es nur je eine gegeben hat. Das Verfahren, das Sie eben vorgeschlagen, würde, so ungeziemend es mir auch erscheinen mag, so unangenehm es mir selber ist, Ihnen nicht allein eine ernstliche Schwierigkeit —— um mich gelind auszudrücken —— ersparen, sondern Sie auch vor der persönlichen Geltendmachung der Geldansprüche seitens Ihrer Haushälterin schützen, auf welche Sie bereits angespielt haben. Dies sind Beides ganz wünschenswerthe Erfolge, ganz zu schweigen der dadurch bei mir selbst beseitigten Besorgniß, meine Nichte belästigt zu sehen. Auf der andern Seite muß freilich eine mit solcher Heimlichkeit, wie Sie vorhaben, betriebene Heirath rasch geschlossen werden; denn wie wir einmal stehen, muß, je größer der Verzug ist, desto größer auch die Gefahr sein, daß das Geheimniß uns entschlüpft. Ich bin nicht gegen rasche Heirathen, wo eine gegenseitige Gluth durch ein entsprechendes Vermögen genährt wird. Meine eigene Heirath war eine Herzensehe, eingegangen in großer Eile. Es gibt tausend Beispiele von kurzem Brautstande und schneller Heirath, welche sich als Trumpfe erwiesen, —— verzeihen Sie, welche trotz alledem zum Segen anschlagen. Aber wenn Sie und meine Nichte, Mr. Vanstone, die Zahl dieser Fälle vermehren sollen, so müssen die gewöhnlichen Einleitungen zur Ehe unter den höheren Ständen auf irgend eine Art beschleunigt werden. Sie verstehen ohne Zweifel, daß ich jetzt auf den Gegenstand des Ehevertrags komme?

—— Ich will noch einen Theelöffel voll Brandy nehmen, sprach Mr. Noël Vanstone, indem er sein Glas mit zitternder Hand hinhielt als das Wort »Ehevertrag« über die Lippen des Hauptmanns kam.

—— Ich will einen Theelöffel mit Ihnen trinken, sagte der Hauptmann, indem er rasch von dem erhabenen Standpuncte seiner Ehrbarkeit herabstieg und seinen Brandy mit dem größten Genuß hinunter schlürfte.

Mr. Noël Vanstone suchte, nachdem er in nervöser Aufregung das Beispiel des Hauptmanns befolgt hatte, sich soweit zu fassen, um die bevorstehende Feuerprobe durchzumachen, das Haupt zurückgesunken, die Hände krampfhaft geballt, ganz in der Haltung, welche in der gesamten gesitteten Welt ein Mensch einnimmt, dem ein Zahn herausgenommen werden soll.

Der Hauptmann setzte sein leeres Glas nieder und stellte sich wieder auf seinen erhabenen Standpunkt.

—— Wir sprachen eben vom Ehecontract, begann er aufs Neue. Ich habe bereits bei einer früheren Stelle unserer Unterredung bemerkt, Mr. Vanstone, daß meine Nichte dem Manne ihrer Wahl keine andere Mitgift bringt, als die kostbarste aller Gaben, nämlich: sich selber. Dieser Umstand nimmt mir indessen, wie Sie ohne Zweifel wohl selber wissen werden, keineswegs das Recht, die gewöhnlichen Verträge mit ihrem künftigen Ehegatten zu vereinbaren. Nach dem üblichen Laufe der Dinge in dieser Angelegenheit würde mein Advocat den Ihrigen besuchen, Verhandlungen würden stattfinden, Verzögerungen würden eintreten, Fremde würden in unsere Absichten eindringen, und —— Mrs. Lecount würde früher oder später der Wahrheit auf die Spur kommen, die Sie ihr doch verborgen halten wollen. Sind Sie soweit mit mir einverstanden?

Unaussprechliche Angst verschloß Mr. Noël Vanstone die Lippen. Er konnte nur durch Nicken antworten.

—— Sehr gut, sagte der Hauptmann. Nun, Sir, werden Sie wohl bemerkt haben, daß ich ein Mann von ganz eigenthümlicher Lebensanschauung bin. Wenn es Ihnen bis jetzt noch nicht so vorgekommen ist, so mag es dann nothwendig werden, zu erwähnen, daß es Gegenstände gibt, in Bezug auf die ich beharrlich meine eigenes Meinung habe. Die Eheverträge sind ein solcher Gegenstand. Was pflegt, will ich Sie fragen, ein Vater oder Vormund in meiner gegenwärtigen Lage zu thun? Nachdem er dem Manne, welchen er zu seinem Schwiegersohne erkoren hat, das Glück einer Frau als heiliges Vermächtniß anvertraut hat, wendet er sich jählings wieder ab von dem Manne und weigert sich, die weit geringere Verantwortung, die Sorge für deren künftiges Auskommen, ihm zu überlassen. Er macht seinen Schwiegersohn mit der bündigsten Urkunde, die der Advocat aufsetzen kann, fest und bedient sich gegenüber dem Gatten seines eigenen Kindes derselben Vorsichtsmaßregeln, als wenn er es mit einem fremden Menschen oder mit einem Schelm zu thun hätte. Ich nenne ein solches Benehmen wie dieses ungeziemend und unfolgerichtig im höchsten Grade. Sie werden nicht finden, daß ich andere Lehren predige, als ich befolge. Wenn ich Ihnen meine Nichte anvertraue, vertraue ich Ihnen jede andere Verantwortung gegen sie und mich an. Geben Sie mir Ihre Hand, Sir, erklären Sie mir aus Ihr Ehrenwort, daß Sie für Ihre Gattin sorgen wollen, wie es Ihrer Stellung und Ihrem Vermögen entspricht: und die Frage des Ehecontractes ist zwischen uns von diesem Augenblick ein für allemal erledigt!

Nachdem er Magdalenens Weisungen in dieser stolzen Sprache ausgeführt hatte, schlug er seinen feierlichen Frack auseinander und saß da mit erhobenem Haupte und ausgestreckter Hand, das Muster väterlicher Empfindung und das Bild edelmenschlicher Uneigennützigkeit.

Für einen Augenblick blieb Mir. Noël Vanstone buchstäblich vor Erstaunen versteinert. Den nächsten Augenblick sprang er von seinem Stuhle auf und drückte in wahrer begeisterter Bewunderung die Hand seines großmüthigen Freundes. Noch nie in seiner langen, wechselvollen Laufbahn hatte Hauptmann Wragge solche Schwierigkeit empfunden, seine Fassung zu behaupten, als eben jetzt. Verachtung über den Ausbruch der elenden Dankbarkeit, deren Gegenstand er war, Siegesfreude wegen des Gelingens der Verschwörung gegen einen Mann, welcher das Erbieten seines Schutzes auf fünf Pfund zu schätzen sich unterfangen, Bedauern über die entgangene Gelegenheit, eine schöne Ernte »als moralischer Landwirth«, vulgo Industrieritter, zu halten, eine Gelegenheit, die er sich aus Furcht, in die kommenden Ereignisse verwickelt zu werden, nothgedrungen hatte entschlüpfen lassen müssen: alle diese verschiedenen Gefühle regten das Gemüth des Hauptmanns auf, alle strebten in ihm sich Luft zu machen durch Blick oder Wort. Er ließ Mr. Noël Vanstone sich so lange seiner Hand bemächtigen und eine Reihe von kreischenden Betheuerungen und Versprechungen herausstoßen, bis er seine gewöhnliche Selbstbeherrschung wiedererlangt hatte. Als Dies geschehen war, brachte er den kleinen Mann wieder an seinen Stuhl zurück und kehrte sofort zu der Frage betreffs Mrs. Lecount zurück.

—— Wir wenden uns nun wieder zu der einen Schwierigkeit zurück, die wir noch nicht überwunden haben, sagte der Hauptmann. Wir wollen einmal sagen, daß ich meinen eigenen Gewohnheiten und Gefühlen Gewalt anthue, daß ich die Erwägung, die ich bereits erwähnt habe, bei mir zur Geltung kommen lasse, und daß ich Ihren Wunsch, mit meiner Nichte vereinigt zu werden ohne Benachrichtigung der Mrs. Lecount, gut heiße. Erlauben Sie mir für diesen Fall zu fragen, welche Maßregeln Sie zur Erreichung Ihres Zweckes vorschlagen können?

—— Ich habe gar Nichts vorzuschlagen, versetzte Mr. Noël Vanstone in Verlegenheit. Wollen Sie mir nicht lieber Etwas vorschlagen?

—— Sie stellen ein kühneres Ersuchen an mich, als Sie denken, Mr. Vanstone. Ich thue niemals die Dinge nur halb. Wenn ich mit meiner gewöhnlichen Offenheit zu Werke gehe, so bin ich, wie Sie schon wissen, aufrichtig bis zu dem äußersten Grade der Unklugheit. Wenn außerordentliche Umstände mich zwingen, ein entgegengesetztes Verfahren einzuhalten, so gibt es keinen schlaueren Fuchs, als ich bin. Wenn ich auch Ihr ausdrückliches Ersuchen mein ehrbares englisches Kleid hier ausziehe und eine Jesuitenrobe anlege, wenn rein aus Mitgefühl für Ihre mißliche Stellung ich einwillige, Ihr Geheimniß vor Mrs. Lecount bewahrt zu sehen, so muß ich aber auch mit keinen uuvernünftigen Bedenklichkeiten von Ihrer Seite zu kämpfen haben. Wenn es bei mir heißt: entweder, oder ——, so muß es bei Ihnen auch heißen: entweder, oder ——!

—— Jedenfalls entweder, oder! sagte Mr. Noël Vanstone tapfer, —— wohlverstanden, wenn Sie vorangehen. Ich habe kein Bedenken dagegen, die Lecount im Dunkeln zu lassen, aber sie ist verteufelt schlau, Mr. Bygrave. Wie wollen wir es nur anfangen?

—— Sie sollen es gleich vernehmen, antwortete der Hauptmann, bevor ich meine Ansicht entwickle, möchte ich gern erst Ihre Meinung über eine rein moralische Frage kennen. Was halten Sie, lieber Herr von frommem Betrug im Allgemeinen?

Mr. Noël Vanstone sah etwas verlegen über diese Frage aus.

—— Soll ich mich deutlicher ausdrücken? fuhr Hauptmann Wragge fort. Was sagen Sie zu dem allgemein angenommenen Grundsatz, daß »in der Liebe und im Kriege alle Kniffe gelten«? Ja oder Nein?

— Ja! antwortete Mr. Noël Vanstone mit der größten Bereitwilligkeit «

—— Noch eine Frage, und ich bin fertig, sagte der Hauptmann. Haben Sie Etwas einzuwenden, gegen Mrs. Lecount einen frommen Betrug auszuführen?

Mr. Noël Vanstones Entschlossenheit begann ein wenig zu Wanken.

—— Wird es auch Mrs. Lecount nicht etwa herausbekommen? frug er vorsichtig.

—— Sie kann es unmöglich eher herausbekommen, als bis Sie verheirathet und aus ihrem Bereiche sind.

—— Sie sind dessen gewiß?

—— Vollkommen gewiß.

—— Spielen Sie der Lecount jeden Streich, den Sie wollen, sagte Mr. Noël Vanstone mit der Miene unaussprechlicher Freude. Ich habe neuerdings den Verdacht geschöpft, daß sie mich zu beherrschen sucht: ich beginne zu fühlen, daß ich es mit der Lecount just lange genug ausgehalten habe Ich wünsche sie nun los zu sein.

—— Sie sollen haben, was Sie wünschen, sagte Hauptmann Wragge. Sie sollen sie binnen einer Woche oder zehn Tagen los sein.

Mr. Noël Vanstone stand eifrig auf und kam auf den Stuhl des Hauptmanns zu.

—— Was Sie da sagen! rief er. Wie denken Sie dieselbe fortzubringen?

—— Ich denke sie auf eine Reise wegzuschicken, versetzte der Hauptmann Wragge.

—— Wohin?

—— Von Ihrem Hause zu Aldborough an das Bett ihres Bruders in Zürich.

Mr. Noël Vanstone fuhr bei der Antwort zurück und kehrte sofort auf seinen Stuhl zurück.

—— Wie können Sie Das bewirken? frug er in der größten Verwirrung. Ihr Bruder —— hol ihn der Henker! —— befindet sich viel besser. Sie hat erst diesen Morgen einen zweiten Brief von Zürich erhalten, welcher Dies besagt.

—— Sahen Sie den Brief?

— Ja. Sie ist immer besorgt um ihren Bruder, sie wollte ihn mir zeigen.

—— Von wem war er? und was besagt er?

— Er war von dem Arzte, er schreibt immer an sie. Ich kümmere mich keinen Pfifferling um ihren Bruder und entsinne mich nicht mehr genau des Briefes, außer daß er kurz war. Der Mensch befand sich weit besser, und wenn der Doctor nicht wieder schreiben würde, so möchte sie es für ausgemacht halten, daß es gut ginge. —— Das war das Wesentlichste daraus.

—— Bemerkten Sie, wohin sie den Brief that, als Sie ihn ihr wieder gaben?

—— Ja, sie that ihn in die Commode, wo sie ihre Rechnungsbücher aufhebt.

—— Können Sie zu dieser Commode gelangen?

—— Natürlich kann ich das! Ich habe einen Hauptschlüssel. ich muß stets einen Hauptschlüssel zu dem Orte haben, wo sie ihre Rechnungsbücher hat. Ich lasse niemals die Rechnungsbücher vor mir wegschließen, das ist eine Hausregel.

—— Seien Sie so gut und nehmen Sie den Brief heute an sich, Mr. Vanstone, ohne daß es die Haushälterin merkt, und haben Sie dann noch die Güte, mir ihn hier insgeheim auf ein bis zwei Stunden zu überlassen.

—— Wozu brauchen Sie ihn?

—— Ich habe noch einige Fragen mehr an Sie zu richten, ehe ich es Ihnen sagen kann. Haben Sie einen vertrauten Freund in Zürich, von dem Sie Beistand erwarten können, wenn es gilt, Mrs. Lecount eine Streich zu spielen?

—— Welcherlei Beistand meinen Sie? frug Mr. Noël Vanstone.

—— Denken Sie ich einmal, sagte der Hauptmann, Sie sollten einen an Mrs. Lecount in Aldborough gerichteten Brief, welcher in einem andern Briefe an einen auswärtigen Freund eingeschlossen wäre, abschicken. Und dann denken Sie sich, Sie wiesen jenen Freund an, damit er Ihnen dabei helfe, einen derben Schabernack auszuführen, indem er den Brief an Mrs. Lecount zu Zürich auf die Post gäbe? Kennen Sie Jemand, der das zuversichtlich thun würde?

—— Ich kenne zwei Personen, denen man Das zutrauen könnte! rief Mr. Noël Vanstone. Beides Damen, Beides alte Jungfern, Beides bittere Feindinnen der Lecount. Aber was haben Sie denn eigentlich vor, Mr. Bygrave? Obgleich ich für gewöhnlich nicht auf den Kopf gefallen bin, so sehe ich doch diesmal wirklich nicht ein, wohin Sie zielen.

—— Sie sollen es gleich sehen, Mr. Vanstone.

Mit diesen Worten erhob er sich, begab sich an sein Pult im Winkel des Zimmers und schrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt Briefpapier. Nachdem er sie erst genau selbst gelesen, bat er Mr. Noël Vanstone zu kommen und sie auch zu lesen.

—— Vor wenigen Minuten, sagte der Hauptmann, indem er verbindlich lächelnd mit der Feder auf seinen Entwurf hinzeigte, hatte ich die Ehre einen frommen Betrug gegen Mrs. Lecount in Vorschlag zu bringen. Da ist er!

Er überließ seinen Stuhl am Schreibtisch seinem Gast. Mr. Noël Vanstone setzte sich und las folgende Zeilen:

Meine liebe Madame!

Seitdem ich Ihnen zuletzt geschrieben, hat Ihr Bruder, wie ich zu meinem Leidwesen melden muß, einen Rückfall bekommen. Die Krankheitserscheinungen sind so ernster Art, daß es meine persönliche Pflicht ist, Sie augenblicklich an sein Krankenlager zu rufen. Ich mache jede Anstrengung, um dem erneuten Fortschreiten der Krankheit Einhalt zu thun, und habe noch nicht alle Hoffnung auf Erfolg aufgegeben. Aber ich kann es vor meinem Gewissen nicht verantworten, Sie in Unbekanntschaft zu lassen mit der gefährlichen Verschlimmerung, welche in dem Befinden meines Patienten eingetreten ist, und die Von traurigen Folgen begleitet sein kann. Mit herzlicher Theilnahme verbleibe ich

Ihr u. s. w. u. s. w.

Hauptmann Wragge wartete mit einiger Spannung den Eindruck ab, den dieser Brief hervorbringen möchte. So niedrig denkend, selbstsüchtig und feig Mr. Noël Vanstone auch war, so konnte doch sogar er noch einiges Bedenken fühlen, solch eine Täuschung auszuführen, wie sie hier vorgeschlagen wurde, und zwar gegenüber einem Weibe, das zu ihm in dem Verhältniß stand, wie Mrs. Lecount. Sie hatte ihm treu gedient, so eigennützig ihre geheimen Zwecke dabei auch sein mochten, sie hatte seit seinen Knabenjahren schon das vollste Vertrauen seines Vaters besessen, sie stand jetzt unter dem Schutze seines Daches. Konnte er Das vergessen, und wenn er es nicht vergaß, konnte er so ohne Weiteres seine Hilfe bieten zu dem Plane, der ihm jetzt unter den Fuß gegeben ward? Hauptmann Wragge hatte unbewußt noch Glauben genug an die Menschheit bewahrt, um Dies zu bezweifeln. Zu seiner größten Verwunderung und —— wie hinzugefügt werden muß —— zu seiner Freude erwiesen sich seine Besorgnisse als durchaus unbegründet. Die einzigen Gefühle, welche in Mr. Noël Vanstones Brust beim Lesen des Briefes rege wurden, waren eine aufrichtige Bewunderung des Gedankens seines Freundes und ein eitles Verlangen, das ehrenvolle Zutrauen zu verdienen, daß er die Person sei, welche ihn ausführte. Es können alle Tage Beispiele von Narren gefunden werden, die keine Schurken sind, gelegentlich kann man wohl auch Narren auftreiben, die keine Schlauheit besitzen; aber mit Fug und Recht kann man Zweifel hegen, ob es irgendwo ein Beispiel von einem Narren giebt, der nicht grausam ist.

— Vortrefflich! rief Mr. Noël Vanstone und schlug in seine Hände. Mr. Bygrave, Sie sind so prächtig wie Figaro in der französischen Komödie. Da ich einmal vom Französischen spreche, es ist ein starker Fehler in diesem Ihren pfiffigen Briefe, er ist in der unrechten Sprache geschrieben. Wenn der Doktor an die Lecount schreibt, so schreibt er allemal französisch. Wollen Sie vielleicht, daß ich ihn übersetze? Sie können ohne meine Hilfe damit nicht zu Rande kommen, nicht wahr? Ich schreibe französisch so fließend als englisch. Jetzt sehen Sie mich 'mal an! Ich will ihn übersetzen, während ich hier sitze, mit zwei Federstrichen.

Er vollendete die Uebersetzung beinahe so rasch, als der Hauptmann die Vorlage ausgesetzt hatte.

—— Warten Sie eine Minute! rief er in dem kritischen Hochgefühl, daß er noch einen Mangel an dem Entwurfe seines gescheidten Freundes entdeckte. Der Doctor datiert immer seine Briefe, hier steht kein Datum in dem Ihrigen.

—— Ich überlasse das Datum Ihnen, sagte der Hauptmann mit sardonischem Lächeln. Sie haben den Fehler entdeckt, lieber Herr, bitte, verbessern Sie ihn auch!

Mr. Noël Vanstone sah im Geiste in die große Kluft, welche die Fähigkeit, etwas Falsches zu entdecken, von der Fähigkeit, auch ein Mittel zur Abhilfe zu erfinden, trennt, und lehnte nach dem Beispiele manches gescheidten Mannes ab, sich darüber hinaus zu wagen.

—— Ich kann mir unmöglich diese Freiheit erlauben, sagte er höflich, vielleicht hatten Sie einen Grund, das Datum auszulassen.

—— Vielleicht ja, versetzte Hauptmann Wragge in seinem leichtesten, launigsten Tone. Das Datum muß von der Zeit abhängen, die ein Brief braucht, bis er in Zürich ankommt. Ich habe darin keine Erfahrung, Sie aber müssen das von Ihres Vaters Zeit her noch recht gut wissen. Lassen Sie mich Ihrer Belehrung theilhaftig werden, und wir wollen das Datum hinzusetzen, bevor Sie den Schreibtisch verlassen.

Mr. Noël Vanstones Erfahrung war, wie Hauptmann Wragge richtig vorausgesetzt hatte, ganz maßgebend, um die Zeitfrage zu erledigen. Die Eisenbahnverbindungen des Festlandes waren (im Jahre achtzehnhundertsiebenundvierzig) noch dürftig, und ein zu jener Zeit von England nach Zürich abgeschickten Brief und von Zürich zurück nach England brauchte volle zehn Tage, um die doppelte Reise auf der Post zu machen.

— Datiren Sie den Brief auf Französisch fünf Tage voraus von morgen an, sagte der Hauptmann, als er belehrt worden war. Sehr gut. Das Nächste ist, mir des Doktors Brief zu verschaffen, sobald es Ihnen möglich ist. Ich werde genöthigt sein, einige Stunden zu arbeiten, ehe ich Ihre Uebersetzung in einer genauen Nachahmung der Handschrift des Doctors ausführen kann. Besitzen Sie etwas ausländisches Briefpapier? Lassen Sie mir einige Bogen zukommen und schicken Sie zugleich ein Couvert mit Adresse an eine jener Ihnen befreundeten Damen in Zürich, begleitet von der dringenden Bitte, den Einschluß zur Post zu geben. Das ist Alles, womit ich Ihnen beschwerlich fallen muß, Mr. Vanstone. Ich möchte um Alles nicht ungastlich erscheinen, aber je eher Sie mich mit meinen Unterlagen versehen können, einen desto größeren Gefallen werden Sie mir thun. —— Wir verstehen doch einander vollkommen? Nachdem ich Ihre Bewerbung um die Hand meiner Nichte angenommen habe, gestatte ich eine heimliche Verheirathung in Erwägung der auf Ihrer Seite obwaltenden Umstände. Eine kleine harmlose Kriegslist ist nothwendig, um Ihre Absichten zu fördern. Ich erfinde die List auf Ihr Ersuchen, und Sie machen ohne das geringste Zaudern Gebrauch davon. Der Erfolg ist, daß Mrs. Lecount in zehn Tagen von morgen an gerechnet auf dem Wege nach der Schweiz sein, in fünfzehn Tageu von morgen ab in Zürich ankommen und den ihr gespielten Streich entdecken, darauf in zwanzig Tagen von morgen ab wieder zurück in Aldborough sein und auf ihrem Tische die Vermählungscarte ihres Herrn und ihren Herrn selbst auf der Hochzeitsreise abwesend finden wird. Ich habe es mit Zahlen ausgedrückt, um es klar auszudrücken. Gott befohlen. Guten Morgen!

—— Ich habe doch morgen das Glück, Miss Bygrave zu sehen? sagte Noël Vanstone, indem er sich in der Thür umdrehte.

—— Wir müssen vorsichtig sein, antwortete Hauptmann Wragge. Ich will das Morgen nicht abschlagen, aber ich mache keine weiteren Versprechungen darüber hinaus. Erlauben Sie mir, Sie zu erinneren, daß wir es noch zehn Tage mit Mrs. Lecount zu thun haben.

—— Ich wollte, die Lecount läge aus dem Grunde der Nordsee! rief Mr. Noël Vanstone hitzig aus. Es ist für Sie leicht, es mit ihr zu thun zu haben, Sie wohnen nicht bei ihr. Was soll ich aber thun?

—— Ich sage es Ihnen morgen, sprach der Hauptmann. Gehen Sie, um Ihren Morgenspaziergang allein zu machen, und sprechen Sie hier um zwei Uhr ein, wie Sie heute einsprachen Zugleich vergessen Sie nicht die Dinge, welche ich von Ihnen brauche. Siegeln Sie dieselbe in ein großes Couvert ein. Wenn Sie Das gethan haben, bitten Sie Mrs. Lecount mit Ihnen wie gewöhnlich auszugehen, und während sie oben ist, um ihren Hut aufzusetzen, schicken Sie das Mädchen zu mir herüber. Verstehen Sie? —— guten Morgen!

Eine Stunde später kam das versiegelte Couvert mit den Inlagen richtig in Hauptmann Wragges Hände. Die doppelte Aufgabe, eine fremde Handschrift genau nachzumachen und Worte in einer fremden ihm wenig geläufigen Sprache richtig abzuschreiben, machte ihm mehr Schwierigkeiten, als er anfänglich gedacht hatte. Es war sieben Uhr, ehe die Arbeit, welche er unternommen hatte, glücklich vollendet, und der Brief nach Zürich zum Abschicken fertig war.

Ehe er zu Bett ging, machte er noch einen Spaziergang auf der einsamen großen Promenade, um die kühle Nachtlust zu genießen. Alle Lichter waren ausgelöscht in Villa Amsee, als er dorthin sah, außer dem Licht im Fenster der Haushälterin. Hauptmann Wragge schüttelte sein Haupt argwöhnisch. Er hatte gerade jetzt Erfahrungen genug gemacht, um Mrs. Lecounts Wachsamkeit das Schlimmste zuzutrauen.



Kapiteltrenner

Neuntes Capitel.

Wenn Hauptmann Wragge hätte in Mrs. Lecounts Zimmer sehen können, während er auf der Promenade stand und das Licht in ihrem Fenster beobachtete, so würde er die Haushälterin in Gedanken gesunden haben, wie sie dasaß und ein werthloses kleines Stück braunes Zeug ansah, das aus ihrem Toilettentische lag.

Wie verzweifelt der Schluß auch sein mußte, Mrs. Lecount konnte sich nicht verhehlen, daß sie bis jetzt aus jedem Punkte ertappt und hinters Lichts geführt worden war. Was sollte sie zunächst thun? Wenn sie nach Pendril schickte, wenn er nach Aldborough kam —— noch obendrein nur aus ein paar Stunden, die er sich abgemüßigt hatte, zu ihrer Verfügung —— welchen bestimmten Weg sollte er einschlagen?.... Wenn sie Mr. Noël Vanstone den eigentlichen Brief selbst zeigte, aus welchem ihr eigenes Briefchen abgeschrieben war, würde er sofort von der Schreiberin eine Erklärung fordern, würde die erdichtete Geschichte, durch welche Mrs. Lecount glücklich Miss Garth getäuscht hatte, ans Licht bringen und würde dann jedenfalls noch dazu auf das Zeugniß seiner eignen Augen hin erklären, daß die Probe mit den Kennzeichen auf dem Nacken platterdings fehlgeschlagen sei. Miss Vanstone die ältere, deren unerwartete Gegenwart in Aldborough Wunder gethan haben würde, deren Stimme in der Hausflur von Nordsteinvilla, selbst wenn sie nicht weiter vorgelassen würde, zu den Ohren ihrer Schwester gedrungen wäre und zu augenblicklichen Erfolgen geführt hätte —— Miss Vanstone die ältere war außer Landes und kehrte aller Wahrscheinlichkeit wenigstens vor vier Wochen nicht zurück. Mrs. Lecount mochte den Weg, den sie bisher verfolgt hatte, noch so eifrig ins Auge fassen, sie vermochte nicht sich herauszufinden aus den angehäuften Schwierigkeiten, die sich ihrem Vorgehen entgegenstellten.

Andere Frauen würden in dieser Lage gewartet haben, bis die Umstände sich änderten und ihnen zu Gunsten ausschlügen. Mrs. Lecount ging kühn ihren Weg wieder zurück und beschloß, in einer neuen Richtung vorzudringen.

Indem sie für den Augenblick alle ferneren Versuche, die falsche Miss Bygrave als die wahre Magdalene Vanstone zu entlarven, aufgab, entschloß sie sich, den Kreis ihrer nächsten Bemühungen einzuschränken, die augenblickliche Frage von Magdalenens Persönlichkeit ganz aus dem Spiele zu lassen und sich schon zufrieden zu geben, wenn sie ihren Herrn von der einfachen Thatsache überzeugt haben werde, daß die junge Dame, welche ihn auf Nordsteinvilla so sehr bezaubern, und die verkleidete Frau, welche ihn auf der Vauxhallpromenade in Schrecken gesetzt habe, ein und dieselbe Person seien.

Die Mittel, um dies neue Ziel zu erreichen, waren allem Anscheine nach weit weniger leicht zu erhalten, als die zur Erreichung, des von Mrs. Lecount vorläufig jetzt ausgegebenen Zieles. Hier konnte von Anderen keine Beihilfe erwartet werden, keine anscheinend wohlwollenden Beweggründe konnten als Blendwerk vorgespiegelt, kein Aufgebot konnte an Mr. Pendril oder Miss Garth erlassen werden. Hier hing die einzige Aussicht der Haushälterin auf Erfolg lediglich zunächst davon ab, ob sie im Stande sein würde, einmal sich heimlich Eingang in das Haus zu verschaffen, und in zweiter Linie irgendwie herauszubekommen, ob jenes merkwürdige Alpacakleid, Von welchem sie heimlich ein Stückchen Zeug abgeschnitten hatte, zu Miss Bygraves Garderobe gehöre.

Indem Mrs. Lecount die Schwierigkeiten, die sie vor sich hatte, in der Reihenfolge, wie sie ihr entgegentraten, vornahm, beschloß sie zuvörderst die nächsten Tage dazu zu verwenden, um die Gewohnheiten der Bewohner von Nordsteinvilla von früh morgens bis spät in der Nacht zu beobachten und die Widerstandsfähigkeit des einzigen Dienstmädchens im Hause gegenüber der Versuchung einer Bestechung auf die Probe zu stellen. Indem sie nun annahm, daß der Erfolg ihre Bemühungen krönte und daß sie, sei es mit Geld oder durch eine List Eingang erlangte auf Nordsteinvilla —— natürlich ohne Vorwissen Mr. Bygraves oder seiner Nichte, kam sie zunächst zu der zweiten Schwierigkeit, der nämlich, wie sie zu Miss Bygraves Kleiderschrein gelangen sollte.

Wenn das Dienstmädchen sich als bestechlich erwies, so konnten alle Hindernisse in dieser Richtung als von vorn herein beseitigt angesehen werden. Wenn sich aber das Mädchen als ehrlich und treu erwies, so war die neue Aufgabe nicht leicht zu erfüllen.

Lange und sorgfältige Erwägung der Frage brachte schließlich die Haushälterin zu dem kühnen Entschluß, sich, wenn sich mit dem Dienstmädchen Nichts anfangen ließe, eine Unterredung mit Mrs. Bygrave selbst zu verschaffen. Was war der eigentliche Grund, daß die Dame so geheimnißvoll eingeschlossen blieb? War sie eine Person von der unbedingtesten und unbequemsten Unbescholtenheit? oder eine Person, auf die man sich betreffs der Bewährung eines Geheimnisses nicht verlassen konnte? oder eine Person, die so abgefeimt als Mr. Bygrave selber war und die nur in Bereitschaft gehalten werde, um als Werkzeug einer neuen Täuschung zu dienen, welche erst noch kommen sollte? In den ersten beiden Fällen konnte sich Mrs. Lecount auf ihre eigene Kunst der Verstellung und die Erfolge, welche sie damit erzielen konnte, verlassen. Im letzten Falle konnte —— wenn wirklich Nichts weiter erreicht wurde —— es von äußerster Wichtigkeit für sie sein, einen neuen im dunkeln schleichenden Feind zu entdecken. Mochte es werden, wie es wollte, sie beschloß das Wagestück zu unternehmen. Von den drei Aussichten zu ihren Gunsten, auf welche sie zu Anfang des Kampfes gerechnet hatte, der Aussicht, Magdalene durch mündliche Rede zu verstricken, sie mit Beihilfe ihrer eigenen Freunde zu überlisten und endlich der Aussicht, sie mittelst Mrs. Bygrave ins Netz zu ziehen, waren bereits zwei versucht worden und waren beide fehlgeschlagen. Doch blieb die dritte, um sie zu versuchen, und die dritte konnte glücklich ausschlagen.

So schmiedete die Feindin des Hauptmanns in der Stille ihrer Kammer neue Pläne gegen ihn, während der Hauptmann draußen auf dem Strande stand und das Licht in ihrem Fenster beobachtete.

Den andern Morgen noch vor der Frühstücksstunde gab Hauptmann Wragge den gefälschten Brief mit eigener Hand nach Zürich auf. Er ging nach den Nordsteinen zurück, innerlich gar noch nicht recht einig mit sich über das gegenüber Mrs. Lecount in dem hochwichtigen Zeiträume der nächsten zehn Tage einzuhaltende Verfahren.

Zu seinem größten Erstaunen wurde seiner Ungewißheit über diesen Punkt plötzlich bei seiner Rückkehr nach Hause durch Magdalenen selbst ein Ende gemacht. Er fand sie, wie sie seiner wartete, in dem Zimmer, wo das Frühstück angerichtet war. Sie ging unruhig auf und ab, das Haupt auf ihren Busen gesenkt und das Haar unordentlich um die Schultern hangend. In dem Augenblick, als sie bei seinem Eintreten in die Höhe sah, fühlte der Hauptmann die Besorgniß, die Mrs. Wragge vor ihm gefühlt hatte, daß nämlich ihr Geist so gestört sein möchte, wie er schon einmal gestört war, als auf der Vauxhallpromenade Franks Brief an sie ankam.

—— Kommt er heute wieder? frug sie, indem sie den Stuhl, den ihr der Hauptmann bot, mit solcher Heftigkeit fortstieß, daß sie ihn auf den Boden warf.

—— Ja, sagte der Hauptmann, indem er ihr wohlweislich so kurz als möglich antwortete. Er wird um zwei Uhr kommen.

—— Bringen Sie mich fort! rief sie aus und schüttelte ihr Haar wild aus dem Gesichte, bringen Sie mich fort, ehe er kommt. Ich kann das Entsetzen nicht verwinden, ihn heirathen zu müssen, so lange ich an diesem verhaßten Orte bin, bringen Sie mich wohin, wo ich es vergessen kann, sonst werde ich wahnsinnig! Lassen Sie mir zwei Tage Ruhe, zwei Tage fort von diesem schrecklichen Meere, zwei Tage aus dem Gefängniß dieses schrecklichen Hauses, zwei Tage irgendwo in der weiten Welt fort von Aldborough. Ich will mit Ihnen zurückkehren! Ich will es zu Ende führen! Geben Sie mir nur zwei Tage Ruhe vor diesem Manne und Allem, was mit ihm zusammenhängt!

—— Hören Sie mich, Sie Schurke? rief sie, ergriff seinen Arm und schüttelte ihn in halb wahnsinniger Leidenschaft, ich bin nun gemartert genug, ich kann es nicht länger ertragen!

Hier gab es nur ein Mittel, sie zu beruhigen, und der Hauptmann ergriff es im Augenblicke.

—— Wenn Sie versuchen wollen, sich zu fassen, sagte er, sollen Sie Aldborough binnen hier und einer Stunde verlassen.

Sie ließ seinen Arm los und lehnte sich schwer an die Wand hinter ihr.

—— Ich will es versuchen, antwortete sie und rang nach Athem, sah ihn aber schon weniger wild an. Sie sollen nicht über mich zu klagen haben, wenn ich es vermeiden kann.

Sie machte noch immer verwirrt eine Bewegung, um ihr Taschentuch aus ihrer Schürzentasche zu nehmen und fand es nicht. Der Hauptmann nahm es statt ihrer heraus. Ihre Augen wurden sanft, und sie schöpfte freier Athem, als sie das Taschentuch von ihm empfing.

—— Sie sind ein freundlicherer Mann, als ich dachte, sagte sie, ich bedanke, daß ich eben in der Leidenschaft zu Ihnen gesprochen habe, ich bedaure es sehr, recht sehr.

Die Thränen traten ihr ins Auge, und sie reichte ihm mit der angeborenen Anmuth und Huld aus der glücklicheren Zeit die Hand.

—— Wir wollen wieder gute Freunde sein, sagte sie bittend. Ich bin ja nur ein Mädchen, Hauptmann Wragge, —— ich bin ja nur ein Mädchen!

Er nahm schweigend ihre Hand, drückte sie einen Augenblick und machte dann die Thür auf, um sie wieder auf ihr Zimmer gehen zu lassen. Es war aufrichtiges Bedauern in seinem Angesicht, als er ihr diese kleine Aufmerksamkeit erzeigte. Er war ein Vagabund und ein Betrüger, sein Leben war ein niedriges, entwürdigtes und ränkevolles gewesen, —— aber er hatte noch Gefühl und sie hatte den Weg gefunden zu den im ihm schlummernden Regungen, welche sogar die Selbstentheiligung eines Schwindlerlebens nicht ganz auszulöschen im Stande war.

—— Hol der Henker das Frühstück! sagte er, als das Dienstmädchen hereinkam und nachfragte Gehen Sie sogleich nach dem Gasthause und bestellen Sie einen Wagen mit zwei Pferden in einer Stunde hierher vor die Thür.

—— Er ging hinaus in den Gang, sein Gemüth noch immer in einem Grade und einer Weise aufgeregt, wie es an ihm ganz neu war, und rief heftiger denn je nach seiner Frau.

—— Packe ein, was wir für eine Reise von einer Woche brauchen, und mach Dich in einer halben Stunde fertig!

Nachdem er diese Weisungen gegeben, kehrte er in das Frühstückszimmer zurück und sah auf den halb hergerichteten Tisch mit einem unbehaglichen Erstaunen über seine Abneigung, seine Mahlzeit abzuhalten.

—— Sie hat mir die Schärfe meines Appetits genommen, sagte er zu sich mit einem gewaltsamen Lachen. Ich will eine Cigarre versuchen und einen Gang ins Freie machen.

Wenn er zwanzig Jahre jünger gewesen wäre, so würden diese Mittel bei ihm nicht angeschlagen haben. Aber wo ist ein Mann zu finden, dessen innere Politik der Revolution seines Herzens erliegen sollte, wenn er nämlich über die Fünfzig ist? Etwas Bewegung und Ortswechsel machten, daß der Hauptmann wieder zu sich selber kam. Er erhielt den verlorenen Geruch seiner Cigarre wieder und lenkte seine abschweifende Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Frage seiner nahen Abreise von Aldborough. Nach einer Ueberlegung von wenigen Minuten fühlte sich sein Geist beruhigt, daß Magdalenens Ausbruch ihn dasjenige Verfahren einzuschlagen genöthigt habe, welches in säglicher Erwägung der bestehenden Verhältnisse einzuschlagen das Räthlichste war.

Hauptmann Wragges Erkundigungen an dem Abend, wo er und Magdalene auf Amsee Thee tranken, hatten ganz festgestellt, daß der Bruder der Haushälterin ein bescheidenes Auskommen hatte, daß seine Schwester seine nächste lebende Anverwandte war, daß es aber einige gewissenlose Vettern am Orte gab, welche die Stelle, welche mit Fug und Recht Mrs. Lecount zukam, sich anzumaßen strebten. Das waren starke Motive, welche die Haushälterin nach Zürich führen mußten, wenn der falsche Bericht von ihres Bruders Rückfall nach England gelangte. Wenn aber ein Gedanke von Noël Vanstones wahrem Verhältniß in derselben Zeit in ihr aufdämmerte, wer konnte sagen, ob sie nicht in der elften Stunde lieber ihren großen Geldanspruch an ihren Herrn im Auge behielt, als daß sie ihr kleines Geldinteresse an der Lagerstatt ihres Bruders wahren sollte? Während auf der einen Seite diese Frage unentschieden gelassen werden mußte, lag auf der andern die offenbare Notwendigkeit, das Wachsthum der Vertraulichkeit Noël Vanstones mit der Familie auf Nordsteinvilla möglichst zu hemmen, aus der platten Hand, und unter allen Mitteln, um diesen Zweck zu erreichen, konnte keines unverdächtiger sein, als die zeitweilige Entfernung des ganzen Haushaltes von seiner Wohnung zu Aldborough. Vollständig befriedigt von der Bündigkeit dieser Schlußfolgerung machte sich nun Hauptmann Wragge geradewegs nach Villa Amsee auf, um sich zu entschuldigen und Erklärung zu geben, ehe der Wagen kam, und die Abreise stattfand.

Mr. Noël Vanstone war just für Besuche sehr zugänglich: er ging im Garten umher Vor dem Frühstück. Seine Enttäuschung und Beunruhigung sprachen sich unumwunden aus, als er die Nachricht hörte, die ihm sein Freund mittheilte. Des Hauptmanns geläufige Zunge redete ihm jedoch die Nothwendigkeit ein, daß er den gegenwärtigen Umständen nachgeben müsse. Der bloße Wink, daß der »fromme Betrug« nach alledem fehlschlagen möchte, wenn in dem Zwischenraum von zehn Tagen Etwas vorfiele, um Mrs. Lecount ein Licht aufzustecken, that Augenblicks seine Wirkung auf Mr. Noël Vanstone und machte ihn so ruhig und zahm, als man nur wünschen konnte.

—— Ich möchte Ihnen nicht gern sagen, wohin wir uns wenden, aus zwei guten Gründen, sagte Hauptmann Wragge, als er mit seinen einleitenden Erklärungen fertig war. Einmal habe ich mich noch gar nicht gewiß entschlossen, dann aber kann Mrs. Lecount, wenn Sie selber den Ort unserer Bestimmung nicht kennen, ihn nicht aus Ihnen herausbringen. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß sie uns in diesem Augenblicke hinter dem Fenstervorhange hervor beobachtet. Wenn sie fragt, was ich früh von Ihnen gewollt habe, so sagen Sie ihr, daß ich kam, um mich bei Ihnen auf ein paar Tage zu Verabschieden, da ich gefunden hätte, daß meine Nichte wieder nicht recht wohl sei, und durch einen Besuch bei einigen Freunden eine Luftveränderung zu versuchen wünschte. Wenn Sie Mrs. Lecount den Glauben beibringen könnten, —— doch dürfen Sie dabei nicht zu weit gehen, —— daß Sie ein wenig ärgerlich auf mich und daß Sie sogar geneigt seien, meine Aufrichtigkeit in der Pflege unserer Bekanntschaft in Zweifel zu ziehen, so werden Sie unsern gegenseitigen Zweck wesentlich fördern. Sie können auf unsere Rückkehr nach Nordsteinvilla in spätestens vier bis fünf Tagen rechnen. Wenn mir mittlerweile Etwas einfällt, so steht uns ja immer die Post zu Diensten, und ich werde nicht versäumen, Ihnen zu schreiben.

—— Wird nicht vielleicht Miss Bygrave an mich schreiben? fragte Mr. Noël Vanstone kleinlaut. Wußte sie, daß Sie hierher gingen? Läßt sie mir Nichts sagen?

—— Unverzeihlich von mir, daß ich es vergessen konnte! rief der Hauptmann. Sie sendet Ihnen ihren Liebesgruß.

Mr. Noël Vanstone schloß in stiller Verklärung die Augen.

—— Als er sie wieder öffnete, war Hauptmann Wragge durch das Gartenthor gegangen und unterwegs nach Nordsteinvilla zurück. Sobald sich seine Thür hinter ihm geschlossen hatte, kam Mrs. Lecount von dem Beobachtungsposten herab, den sie, wie der Hauptmann richtig vermuthet, eingenommen hatte, und richtete die Frage an ihren Herrn, welche, wie der Hauptmann abermals richtig vorausgesehen hatte, gleich nach seinem Weggange erfolgen mußte. Die Antwort, welche sie erhielt, brachte nur einen Eindruck bei ihr hervor. Sie hielt es bei sich für ausgemacht, daß dies eine Vorspiegelung war, und kehrte an ihr Fenster zurück, um wachsamer denn je die Nordsteine im Auge zu behalten.

Zu ihrem größten Erstaunen sah sie nach Verlauf von weniger denn einer halben Stunde einen leeren Wagen an Mr. Bygraves Thür Vorfahren. Gepäck wurde herausgebracht und auf den Wagen geladen. Miss Bygrave erschien und nahm ihren Sitz darauf ein. Ihr folgte eine Dame groß von Umfang und Gestalt, welche, wie die Haushälterin vermuthete, Mrs. Bygrave war. Dann kam das Dienstmädchen und blieb wartend aus dem Wege stehen. Die letzte Person, welche erschien, war Mr. Bygrave. Er schloß die Hausthür und nahm den Schlüssel mit sich nach einem Häuschen in der Nähe, welches die Wohnung des Besitzers von Nordsteinvilla war. Bei seiner Rückkehr nickte er dem Dienstmädchen zu, welches nun allein nach dem weniger seinen Theile des Städtchens seines Weges ging, und gesellte sich zu den Damen in dem Wagen. Der Kutscher stieg auf den Bock, und der Wagen rollte fort.

Mrs. Lecount legte den Operngucker, durch welchen sie diese Vorgänge eifrig mit angesehen hatte, mit einem Gefühle von Verlegenheit und Verwirrung nieder, das sie sich beinahe schämte, sich selber zu gestehen. Das Geheimniß Von Mr. Bygraves Zweck bei dieser plötzlichen Abreise von Aldborough, dergestalt, daß keine Seele im Hause zurückblieb, war für sie ein unauslösliches Räthsel.

Indem Mrs. Lecount sich nun mit allezeit bereiter Selbstentäußerung in die Umstände schickte, wie sie der Hauptmann seinerseits in einer ähnlichen Lage nicht an den Tag gelegt hatte, verschwendete sie weder ihre Zeit, noch ihre gute Laune an unfruchtbaren Vermuthungen. Sie ließ das Geheimniß sich selbst enthüllen, oder sich in stärkeres Dunkel hüllen, wie es die Zukunft mit sich bringen würde, und richtete ihr Augenmerk ausschließlich auf den Nutzen, den sie aus dem Ereignisse dieses Morgens in ihrem eigenen Interesse ziehen könnte. Was auch immer aus der Familie aus Nordsteinvilla geworden sein mochte: das Dienstmädchen war zurück gelassen worden, und das Dienstmädchen war gerade die Person, deren Beistand jetzt für die Pläne der Haushälterin von der äußersten Wichtigkeit sein konnte. Mrs. Lecount setzte ihren Hut auf, sah nach ihrem Vorrath von einzelnem Silbergelde in ihrer Börse und brach sofort auf, um die Bekanntschaft des Mädchens zu machen.

Sie ging erst zu dem Häuschen, wo Mr. Bygrave die Schlüssel von Nordsteinvilla gelassen hatte, um von denn Hausbesitzer die augenblickliche Wohnung des Dienstmädchens zu erfahren. Soweit erwies sich ihr Ausgang erfolgreich. Der Hausbesitzer wußte, daß das Mädchen Erlaubniß erhalten hatte, auf einige Tage nach Hause zu den Ihrigen zu gehen, und wußte, in welchem Theile von Aldborough ihre Angehörigen wohnten. Aber hier versiegten plötzlich seine Nachweisquellen. Er wußte Nichts über den Bestimmungsort, nach welchem sich Mr. Bygrave und seine Familie begeben hatten, auch konnte er die Anzahl Tage, aus welche sich deren Abwesenheit wohl erstrecken würde, nicht im Entferntesten angeben. Alles, was er sagen konnte, war, daß er von seinem Abmiether keine Aufkündigung erhalten hatte und vielmehr ersucht worden war, den Hausschlüssel solange an sich zu behalten, bis Mr. Bygrave wiederkam, um ihn in eigener Person zurückzufordern.

In ihren Erwartungen getäuscht, doch nichts weniger denn entmuthigt, wandte Mrs. Lecount nun zunächst ihre Schritte nach der hinteren Straße von Aldborough und setzte die Anverwandten des Dienstmädchens in Erstaunen, indem sie ihnen die Ehre eines Frühbesuchs erwies.

Von vornherein leicht getäuscht durch Mrs. Lecounts angeblichen Wunsch, sie in Dienste zu nehmen, wobei diese sich den Anschein gab, als glaubte sie, dieselbe habe Mr. Bygraves Dienste verlassen, gab sie, das Dienstmädchen, sich alle Mühe, die an sie gerichteten Fragen zu beantworten, aber sie wußte so wenig als der Hausbesitzer von den Plänen ihres Herrn. Alles, was sie über sie sagen konnte, war, daß sie nicht entlassen worden war, und daß sie den Empfang einer schriftlichen Bestellung abzuwarten hatte, welche sie, sobald sie gebraucht würde, wieder nach Nordsteinvilla zurück bescheiden sollte. Mrs. Lecount hatte erwartet, daß sie über diesen Punkt der Frage auch nicht besser unterrichtet sein werde, und wechselte daher sachte ihr Operationsfeld, indem sie das Mädchen auf die Licht- und Schattenseiten seiner Stellung in Mr. Bygraves Familie zu sprechen brachte.

Indem Mrs. Lecount durch die Erkundigung, die sie auf diesem Umwege einzog, in den Besitz der kleinen Geheimnisse des Haushalts gelangte, machte sie zwei Entdeckungen. Einmal brachte sie heraus, daß das Dienstmädchen, weil es mit der schweren Hausarbeit genug zu schaffen hatte, nicht in der Lage war, die Geheimnisse von Miss Bygraves Kleiderschrein zu enthüllen, die eben nur der jungen Dame selbst und deren Tante bekannt waren. Zum Andern vergewisserte sich die Haushälterin, daß der wahre Grund von Mrs. Bygraves strenger Abschließung in der einfachen Thatsache zu suchen war, daß selbige nicht viel besser als eine Blödsinnige war und sich ihr Ehegemahl vermuthlich schämte, sich mit ihr öffentlich sehen zu lassen. Diese anscheinend geringfügigen Entdeckungen klärten Mrs. Lecount über einen sehr wichtigen Punkt auf, der bisher in Zweifel gehüllt gewesen war. Sie kam zu der befriedigenden Ueberzeugung, daß der anscheinend sicherste Weg, um zu einer geheimen Untersuchung von Magdalenens Kleiderbehälter zu gelangen, der war, die schwachsinnige Dame zu berücken, nicht aber das Unwissende Dienstmädchen zu bestechen.

Als die Haushälterin bis zu diesem Schlusse gelangt war, welcher gar manche künftige Angriffe auf die schwach vertheidigte Verschwiegenheit der armen Mrs. Wragge im Gefolge haben sollte, vermied sie vorsichtig und klüglich, sich noch länger als Ausfragerin zu Gebärden. Sie lenkte die Unterhaltung auf Ortsneuigkeiten, wartete, bis sie sicher war, einen trefflichen Eindruck hinterlassen zu haben, und nahm dann Abschied.

Drei Tage vergingen, und noch immer lauerten Mrs. Lecount und ihr Herr, ein Jedes natürlich mit weit verschiedenem Interesse, mit gleichem Eifer auf das erste Zeichen wiederkehrenden Lebens in der Richtung von Nordsteinvilla. In dieser Zwischenzeit kam weder vou dem Oheim, noch von der Nichte für Mr. Noël Vanstone Etwas an. Das aufrichtige Gefühl der Unruhe über diese Vernachlässigung unterstützte wesentlich die Wirkung jener vorgeblichen Zweifel an seinen abwesenden Freunden, welche ihm der Hauptmann vor der Haushälterin auszusprechen eingeschärft hatte. Er gab seiner Befürchtung Ausdruck, daß er sich doch wohl getäuscht habe, nicht allein ein in Mr. Bygrave, sondern sogar auch in seiner Nichte, und that dies mit einer so aufrichtigen, ärgerlichen Miene, daß er die bereits bestehende Unsicherheit der Mrs. Lecount noch durch ein neues Element der Verwirrung vermehrte.

Am Morgen des vierten Tages begegnete Mr. Noël Vanstone dem Briefträger im Garten und entdeckte zu seiner großen Freude unter den ihm überbrachten Briefen auch eine Zuschrift von Mr. Bygrave.

Das Datum des Briefes war Woodbridge, und Letzterer enthielt nur wenige Zeilen. Mr. Bygrave erwähnte, daß sich seine Nichte besser befinde und ihm wie immer ihren Minnegruß sende. Er hatte vor, den Tag darauf nach Aldborough zurückzukehren, wo er dann einige neue Erwägungen von rein persönlicher Art. Mr. Noël Vanstone vorlegen werde. In selbiger Zeit bat er Mr. Vanstone nicht eher auf Nordsteinvilla einen Besuch zu machen, bis er eine ausdrückliche Einladung dazu erhalten werde, welche Einladung aber bestimmt noch an demselben Tage, wo die Familie zurückkehre, erfolgen solle. Die Gründe zu dieser anscheinend seltsamen Bitte sollten zu Mr. Vanstones vollkommener Befriedigung erfüllt werden, wenn er wieder mit seinen Freunden vereinigt sein werde. Bis dies geschähe, wurde ihm in seinen Beziehungen zu Mrs. Lecount erst die äußerste Vorsicht empfohlen, und die augenblickliche Vernichtung von Mr. Bygraves Brief nach reiflicher Durchsicht desselben sei, wenn er ihm den classischen Ausdruck gestatten wolle, eine oonditio sine qua non.

Der fünfte Tag kam.

Mr. Noël Vanstone wartete, nachdem er sich dem sine qua non gefügt und den Brief vernichtet hatte, mit Spannung auf das, was nun folgen würde, während Mrs. Lecount ihrerseits mit Ruhe den Ereignissen entgegensah. Gegen drei Uhr Nachmittags erschien der Wagen wieder vor dem Thore der Nordsteinvilla. Mr. Bygrave sprang heraus und eilte rasch nach dem Häuschen, wo der Wirth wohnte, um den Schlüssel zu holen. Er kehrte mit dem Dienstmädchen hinter sich drein zurück. Miss Byhgrave verließ den Wagen, ihre riesige Verwandte folgte ihrem Beispiele, die Hausthür wurde geöffnet, die Kisten und Kasten wurden heruntergenommen, der Wagen verschwand und —— die Bygraves waren wieder zu Hause!

Vier Uhr schlugs, fünf Uhr, sechs Uhr, und Nichts begab sich. Eine halbe Stunde später erschien Mr. Bygrave geschniegelt, sauber und feinanständig, wie immer, auf der Promenade und schlenderte ruhig in der Richtung von Amsee einher.

Anstatt sofort in das Haus zu treten, ging er daran vorbei, blieb dann stehen, als ob ihm plötzlich Etwas einfiele, und fragte nun umkehrend an der Thür nach Mr. Vanstone. Mr. Vanstone kam, ihn bewillkommnend, in den Hausgang. Indem Mr. Bygrave seine Stimme so laut klingen ließ, daß er von jedem durch eine offne Thür von den Schlafzimmern her lauschenden Wesen mit leichter Mühe verstanden werden konnte, zeigte er den Zweck seines Besuches auf dem Teppich vor der Thür stehend in den kürzest möglichsten Worten an. Er war bei einem entfernt wohnenden Verwandten aus Besuch gewesen. Der entfernte Verwandte besaß zwei Gemälde, Prachtstücke von alten Meistern, welche er veräußern wolle und zu dem Ende Mr. Bygrave anvertraut habe. Wenn Mr. Noël Vanstone als ein Liebhaber von solchen Sachen die Prachtstücke zu sehen wünsche, so würden sie in der nächsten halben Stunde, wo Mr. Bygrave auf Nordsteinvilla zurück sein werde, zu sehen sein.

Nachdem der Erzverschwörer sich dieser Unbegreiflichkeit Meldung entledigt hatte, legte er seinen Zeigefinger an seine kurze römische Nase und sagte:

—— Schönes Wetter, nicht wahr? Guten Abend!

Und damit schlenderte er, ohne daß Eins wußte, was das zu bedeuten hatte, weiter, um seinen Spaziergang aus der Promenade fortzusetzen.

Nach Verlauf der halben Stunde stellte sich Mr. Noël Vanstone aus Nordsteinvilla ein mit der Gluth eines feurigen Liebhabers, welche unter dem darüber lagernden geistigen Nebel eines ganz, verlegenen Mannes brannte. Zu seiner unaussprechlichen Freude fand er Magdalenen allein im Zimmer. Niemals zuvor hatte sie in seinen Augen so schön ausgesehen Die Ruhe und Erholung einer Abwesenheit von vier Tagen von Aldborough hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie hatte ihre Fassung vollkommen wieder erlangt. Indem sie von einem heftigen Extrem zum andern herüber und hinüber fieberte, war sie nun von der leidenschaftlichen Verzweiflung von fünf Tagen früher zu einer fieberhaften Aufregung übergangen, welche alle Reue erstickte und vor keinerlei Folgen zurück bebte. Ihre Augen flammten ihre Wangen glühten in schöner Farbe, sie sprach ohne Unterlaß mit einem schwachen Anklang an die Mädchenlaune in vergangener Zeit, sie lachte mit einer beklagenswerthen Hartnäckigkeit im Lachen, sie ahmte Mrs. Lecounts weiche Stimme und Mrs. Lecounts anmuthiges Benehmen mit einer Uebertreibung des Urbildes nach, welche nur der matte Abglanz der sorgfältig auffassenden und wiedergebenden Nachahmungen der früheren Zeit war. Mr. Noël Vanstone, welcher sie nie zuvor gesehen hatte, wie er sie jetzt sah, war entzückt, sein schwacher Kopf wirbelte in trunkener Lust, seine weißen Wangen wurden, von Roth umflossen, als ob die Farbe der Geliebten sich auf sein Antlitz übertragen hätte. Die halbe Stunde, welche er mit ihr allein war, verging ihm, wie wenn es nur fünf Minuten gewesen wären. Als diese Zeit um war, und sie ihn plötzlich verließ, um einer vorher verabredeten Ladung zu ihrer Tante zu gehorchen, würde er, so niedrig geizig er auch war, fünf goldene Sovereigns aus seiner Tasche erlegt haben, wenn er fünf goldene Minuten länger in ihrer Gesellschaft hätte zubringen können.

Die Thür hatte sich kaum hinter Magdalenen geschlossen, als sie sich wieder aufthat, und der Hauptmann hereintrat. Er eröffnete die Erklärungen, welche sein Gast natürlich von ihm erwartete, mit der von Förmlichkeiten freien raschen Art eines Mannes, der mit seiner Zeit sehr geizen und jeden ihm zur Verfügung stehenden Augenblick möglichst ausnutzen muß.

—— Seitdem wir uns zuletzt gesehen, begann er, habe ich die Aussichten für und gegen uns, wie sie gegenwärtig vor uns stehen, im Geiste abgewogen Das Ergebniß bei mir selbst ist folgendes. Wenn Sie noch zu Aldborongh sind, zur Zeit, wo der Brief aus Zürich für Mrs. Lecount ankommt, werden alle Bemühungen, welchen wir uns bis jetzt unterzogen haben, weggeworfen sein. Wenn die Haushälterin fünfzig Brüder hätte, die alle zusammen im Sterben lägen, so würde sie eher alle fünfzig Verlassen, als daß dieselbe Sie auf Amsee allein ließe, solange wir Ihre Nachbarn auf Nordsteinvilla sind.

Mr. Noël Vanstones glühende Wangen wurden vor Aerger wieder blaß. Seine eigne Kenntniß von Mrs. Lecount mußte ihm sagen, daß diese Ansicht Von der Sache die richtige war.

—— Wenn wir wieder weggehen, fuhr der Hauptmann fort, so wird damit Nichts gewonnen; denn Ihre Haushälterin ließe sich von keinem Menschen einreden, daß wir Ihnen nicht die Mittel an die Hand gegeben hätten, Ihnen nachzufolgen. Diesmal müssen Sie Aldborongh verlassen, und, was mehr ist, Sie müssen gehen, ohne nur eine einzige sichtbare Spur zu hinterlassen, daß wir Ihnen etwa folgen könnten. Wenn wir im Laufe der nächsten fünf Tage diesen Plan durchführen können, wird Mrs Lecount die Reise nach Zürich unternehmen. Wenn wir nicht so glücklich sind, so wird sie wie »festgemauert in der Erden« zu Amsee verharren bis in alle Ewigkeit. Thun Sie keine Fragen! Ich habe Ihre Verhaltungsmaßregeln bereits für Sie fertig, und Sie müssen mir dazu schlechterdings Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Ihre Verheirathung mit meiner Nichte hängt davon ab, daß Sie nicht ein Wort vergessen von dem, was ich Ihnen jetzt mittheilen will. —— Zunächst erst noch eine Frage. Haben Sie meinen Rath befolgt? Haben Sie Mrs. Lecount gesagt, Sie fingen an einzusehen, daß Sie sich in mir getäuscht hätten?

—— Ich that noch Schlimmeres als das, versetzte Mr. Noël Vanstone de- und reumühig. Ich beging eine Verwaltigung meine eigenen Gefühle. Ich vergaß mich soweit zu sagen, daß ich an Miss Bygrave zweifele!

—— Vergessen Sie sich nur immer zu, lieber Herr! Zweifeln Sie, so sehr Sie können, an uns Beiden, und dann will ich Sie auch unterstützen. Noch eine Frage. Sprach ich diesen Nachmittag laut genug? Hörte mich Mrs. Lecount?

—— Ja wohl. Die Lecount machte ihre Thür auf, die Lecount hörte Sie. Warum machten Sie mir jene Mittheilung? Ich sehe keine Bilder hier. Ist dies ein neuer »frommer Betrug«, Mr. Bygrave?

—— Vortrefflich errathen, Mr. Vanstone? Sie werden den Gegenstand meines angeblichen Gemäldeverkaufs in den nächsten Worten hören, welche ich jetzt an Sie richten werde. Wenn Sie nach Amsee zurück sind, so ist das, was Sie zu Mrs. Lecount sagen müssen, Folgendes. Sagen Sie ihr, daß die Kunstwerke meines Verwandten zwei werthlose Bilder seien, Copieen von alten Meistern, welche ich Ihnen zu einem unerhörten Preise als Originale habe aufbinden wollen. Sagen Sie ihr, Sie hätten mich in Verdacht, daß ich nur wenig besser als ein scheinbarer Betrüger sei, und beklagen Sie meine arme Nichte, daß Sie an einen solchen Schurken, wie ich gekettet sei. Dies ist die Grundtonart, aus der Sie Ihr Lied singen müssen. Sagen Sie ihr in Vielen Worten, was ich Ihnen eben in wenigen gesagt habe. Nicht wahr, das können Sie?

—— Natürlich kann ich das, sprach Mr. Noël Vanstone. Aber ich kann Ihnen nur Eines sagen: die Lecount wird kein Wort von mir glauben.

— Haben Sie nur ein wenig Geduld, Mr. Vanstone; ich bin mit meinen Verhaltungsregeln noch nicht zu Ende. Sie haben Ihre Verhaltungsregeln für heute, und Sie haben die für morgen. Jetzt kommt übermorgen dran!

Dieses Uebermorgen ist der siebente Tag, seit wir den Brief nach Zürich geschickt haben. Am siebenten Tag lehnen Sie, wie bisher, ab, auszugehen, aus Besorgniß einer unliebsamen Begegnung mit mir. Murren Sie über die Kleinheit des Orts, klagen Sie über Ihre Gesundheit, wünschen Sie nie nach Aldborongh gekommen zu sein und nie die Bekanntschaft der Bygraves gemacht zu haben, und wenn Sie Mrs. Lecount mit Ihrer Unzufriedenheit recht warm gemacht haben, fragen Sie sie plötzlich, ob sie nicht einen - Wechsel des Orts für besser hielte. Wenn sie diese Frage in recht unbefangenem Tone an sie richteten, glauben Sie da, daß sie bestimmt daraus antworten wird?

—— Sie braucht gar nicht viel gefragt zu werden, versetzte Mr. Noël Vanstone in gereiztem Tone. Ich habe nur zu sagen, daß ich Aldborongh herzlich müde bin, und wenn sie mir glaubt, —— was sie nicht wird, ich bin fest überzeugt, Mr. Bygrave, sie wird es nicht glauben! —— so wird sie ihren Vorschlag bei der Hand haben, ehe ich sie darum ersuchen werde.

—— Ei, ei, sagte der Hauptmann eifrig, es ist also ein Ort, wohin Mrs. Lecount diesen Herbst gehen muß?

—— Sie muß jeden Herbst dorthin gehen —— der Henker hole sie!

—— Wohin gehen?

—— Zu Admiral Bartram, Sie kennen ihn nicht, nicht wahr? —— in St. Crux in der Marsch.

—— Verlieren Sie die Geduld nicht, Mr. Vanftone!

Was Sie mir da erzählen, ist von der äußersten Wichtigkeit für den Zweck, den wir im Auge haben. Wer ist Admiral Bartram?

—— Ein alter Freund von meinem Vater. Er hatte Verpflichtungen gegen meinen Vater, mein Vater lieh ihm nämlich Geld, als sie beide noch junge Leute waren. Ich bin wie Einer von der Familie zu St. Crux; mein Zimmer wird immer für mich bereit gehalten. Nicht daß der Admiral irgend welche Familie bei sich hätte außer seinem Neffen, Georg Bartram. Georg ist mein Neffe; ich bin mit Georg so vertraut, wie mein Vater mit dem Admiral war. Aber ich bin gescheidter gewesen, als mein Vater; denn ich habe meinem Freunde keinen Pfennig geliehen. Die Lecount gibt sich immer den Anschein, als könne sie Georg gut leiden, ich glaube, bloß um mich zu ärgern. Sie hat den Admiral auch gern, er schmeichelt ihrer Eitelkeit. Er ladet sie immer mit ein, wenn ich nach St. Crux kommen soll. Er läßt ihr eins der schönsten Schlafzimmer anweisen und behandelt sie wie eine große Dame. Sie ist so stolz als der Gottseibeiuns; sie hat es gern, wenn man sie wie eine Dame behandelt, und quält mich jeden Herbst nach St. Crux zu gehen. —— Was soll Das? Warum nehmen Sie Ihr Notizbuch aus der Tasche?

—— Ich brauche die Adresse des Admirals, Mr. Vanstone, zu seinem Zwecke, den ich Ihnen sogleich klar machen werde.

Mit diesen Worten öffnete Hauptmann Wragge sein Taschenbuch und schrieb die Adresse auf, wie sie ihm Mr. Noël Vanstone Vorsagte, nämlich:

ADMIRAL BARTRAM
ST. CRUX IN DER MARSCH
bei
OSSORY, ESSEX.

—— Gut, rief der Hauptmann sein Taschenbuch wieder zumachend aus, die einzige uns im Wege stehende Schwierigkeit ist nun hinweg geräumt Geduld, Mr. Vanstone. Geduld! Wir wollen meine Verhaltungsregeln an dem Punkte wieder aufnehmen, wo wir den Faden fallen ließen. Leihen Sie mir nur noch fünf Minuten ein aufmerksames Ohr, und Sie werden den Weg zu Ihrer Hochzeit so deutlich sehen als ich. Uebermorgen erklären Sie, Sie seien Aldborough satt, und Mrs. Leeount schlägt St. Crux vor. Sie sagen nicht gleich Ja noch Nein, Sie nehmen den nächsten Tag zur Ueberlegung und entschließen sich erst den Abend Vorher, den nächsten Morgen früh nach St. Crux zu gehen. Sind Sie gewohnt, das Einpacken selbst mit zu besorgen? Oder legen Sie gewöhnlich die ganze Mühe auf? Mrs. Lecounts Schultern?

—— Die Lecount hat natürlich das Alles zu besorgen, die Lecount wird dafür bezahlt! Aber ich gehe doch nicht wirklich fort, nicht wahr?

—— Sie gehen so rasch, als die Pferde Sie zur Eisenbahn bringen können, ohne weder persönlich noch schriftlich vorher eine Mittheilung in dies Haus gelangen zu lassen. Sie lassen Mrs. Lecount hinter sich, um Ihre Raritäten einzupacken, mit den Kaufleuten abzurechnen und Ihnen den andern Morgen nach St. Crux zu folgen. Der nächste Morgen ist der zehnte Tag. Am zehnten Morgen empfängt sie den Brief aus Zürich, und wenn Sie nur meine Verhaltungsregeln ausführen, Mr. Vanstone, so geht sie, so gewiß Sie hier sitzen, nach Zürich!

Mr. Noël Vanstones Farbe begann sich zu heben, als ihm die List des Hauptmannes endlich in ihrem wahren Lichte aufging.

—— Und was soll ich in St. Crux thun? frug er.

—— Warten Sie dort, bis ich Sie hierher rufe, versetzte der Hauptmann. Sobald Mrs. Lecount den Rücken gewendet hat, will ich hier in die Kirche gehen und die nöthige Anzeige wegen der Trauung machen. Denselben Tag oder den nächsten Tag will ich zu der in mein Taschenbuch eingetragenen Adresse reisen, Sie bei dem Admiral auspacken und mit mir nach London nehmen, um den Erlaubnißschein einzuholen. Mit diesem Papier in der Tasche werden wir wieder nach Aldborough unterwegs sein, während Mrs. Lecount nach Zürich unterwegs ist, und bevor sie die Rückreise antritt, werden Sie und meine Nichte Mann und Frau sein! Das sind Ihre Zukunftsaussichten. Was halten Sie davon?

—— Was für einen Kopf haben Sie! rief Mr. Noël Vanstone mit einem plötzlichen Ausbruch von Begeisterung. Sie sind der außerordentlichste Mann, mit dem ich in meinem Leben zusammengekommen bin. Man könnte denken, Sie hätten Ihr Leben lang nur die Leute hinters Licht geführt!

Hauptmann Wragge nahm diesen in aller Unschuld gezollten Tribut für sein angeborenes Genie mit der schmunzelnden Miene eines Mannes auf, welcher fühlte, daß er denselben in vollem Maße verdiente.

—— Ich habe Ihnen schon gesagt, mein lieber Herr, sprach er bescheiden, daß ich niemals Etwas halb thue. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere,daß wir keine Zeit haben, gegenseitig Complimente zu wechseln. Sind Sie über Ihre Verhaltungsregeln ganz im Klaren? Ich wage nicht sie aufzuschreiben aus Furcht vor widrigen Zufällen Versuchen Sie es einmal mit der Gedächtnißkunst, zählen Sie Ihre Verhaltungsregeln mir nach an den Daumen und vier Fingern. Heute sagen Sie Mrs. Lecount, ich habe Sie mit meines Vetters Bildern beschwindeln wollen. —— Morgen weichen Sie mir auf der Promenade aus. —— Uebermorgen weigern Sie sich auszugehen, sind Sie Aldborough müde und erlauben Mrs. Lecount, Ihnen ihren Vorschlag zu machen. —— Den Tag darauf nehmen Sie den Vorschlag an. —— Und wieder einen Tag später gehen Sie nach St. Crux. Noch einmal, mein lieber Herr! Daumen —— die Kunstsachen Zeigefinger —— mir auf der Promenade ausweichen. Mittelfinger —— Aldborough müde sein. Goldfinger —— der Lecount Rath annehmen. Kleiner Finger —— fort nach St. Crux. Nichts kann verständlicher sein, Nichts leichter auszuführen. Ist noch Etwas, was Sie nicht verstanden haben? Etwas, was ich, ehe Sie gehen, noch einmal erklären kann?

—— Nur noch Eines, sagte Wir. Noël Vanstone. Ist es bestimmt, daß ich nicht wieder hierher komme, ehe ich nach St. Crux gehe?

—— Ei, unabänderlich bestimmt! antwortete der Hauptmann; der ganze Erfolg des Unternehmens hängt davon ab, daß Sie sich fern halten. Mrs. Lecount wird die Glaubwürdigkeit von Allem, was Sie ihr sagen, nach der einen Probe beurtheilen, nach der Probe, ob Sie mit diesem Manne noch Verbindung unterhalten oder nicht. Sie wird Sie Tag und Nacht beobachten! Besuchen Sie uns nicht, lassen Sie uns keine Botschaft zugehen, schreiben Sie keine Briefe, gehen Sie sogar nicht einmal allein aus. Lassen Sie sie sehen, wie Sie nach St. Crux gehen nach ihrem eigenen Vorschlage, mit der festen Ueberzeugung in ihrem Herzen, daß Sie nur ihren Rath befolgt haben, ohne dies mir oder meiner Nichte in irgend einer Art mitgetheilt zu haben. Thun Sie Das, dann muß sie Ihnen glauben auf Grund des besten Beweises für unsere Interessen und des schlechtesten für ihre eigenen, des Beweises ihrer eigenen Sinne.

Mit diesen Lehren der Vorsicht drückte er Mr. Noël Vanstone warm die Hand und schickte ihn sofort nach Hause zurück.

Hauptmann Wragge legte sich diese Nacht in guter Laune nieder. Er redete scherzhaft das Löschhorn an seinem Leuchter an, als er es hob, um das Licht auszuthun.

—— Wenn ich Dich nur über Mrs. Lecount stülpen könnte, sprach der Hauptmann, so könnte, ich der letzten noch übrigen Sorge diesseits des Hochzeitstages Lebewohl sagen!.



Kapiteltrenner

Zehntes Capitel.

Nach seiner Rückkehr nach Amsee führte Mr. Noël Vanstone die Weisungen über sein Verhalten für den ersten der fünf Tage mit unverbrüchlicher Genauigkeit aus. Ein schwaches Lächeln der Verachtung zeigte ich auf Mrs. Lecounts Lippen, während die Geschichte von Mr. Bygraves Versuch, falsche Bilder als Originale zu verkaufen, aufgetischt wurde; allein sie gab sich nicht die Mühe, ein einziges Wort darüber zu verlieren, als sie zu Ende war.

—— Gerade wie ich es vorausgesagt habe! dachte Mr. Noël Vanstone, indem er listig ihr Gesicht bewachte, —— sie glaubt kein Wort davon!

Den Tag darauf fand die Begegnung auf der Promenade statt. Mr. Bygrave nahm seinen Hut ab, Mr. Noël Vanstone aber sah weg. Die Gebärde der Ueberraschung und der Zornesblick gelangen dem Hauptmann vortrefflich, aber sie verfehlten schlechterdings ihren Zweck, Mrs. Lecount zu täuschen.

—— Ich fürchte, Sir, Sie haben heute Mr. Bygrave beleidigt, bemerkte sie mit feinem Spott. Zum Glück für Sie ist er ein trefflicher Christ, und ich kann Ihnen recht gut prophezeien, daß er Ihnen schon morgen vergeben wird.

Mr. Noël Vanstone war gescheidt genug, sich auf keine Antwort einzulassen; abermals freute er sich innerlich über seinen Scharfblick; noch einmal triumphierte er über seinen verschmitzten Freund.

Bis hierher waren die Weisungen des Hauptmanns zu klar und einfach gewesen, um von irgend Jemand mißverstanden zu werden. Aber nunmehr wurden sie um so verwickelter, je weiter die Zeit vorrückte, und so beging denn Mr. Noël Vanstone am dritten Tage in seiner Verlegenheit einen kleinen Fehler. Als er nämlich das nothwendige Ueberdrüssig sein Aldboroughs und das daraus folgende Verlangen nach Ortsveränderung ausgesprochen hatte, begegnete er, wie er erwartet hatte, dem eilends vorgebrachten Vorschlage der Haushälterin, welcher einen Besuch auf St. Crux empfahl. Dadurch nun, daß er den so gegebenen Rath sogleich beantworten, machte er seinen ersten Fehler. Anstatt seinen Entschluß bis zum nächsten Tage aufzuschieben, nahm er Mrs. Lecounts Rath an dem Tage an, wo er ihm ertheilt wurde.

Die Folgen dieses Irrthums waren nicht von großem Belang. Die Haushälterin nahm, sich nur einen Tag früher, als berechnet worden war, vor, ihren Herrn zu überwachen, eine Folge, welcher bereits durch jene kluge Vorsichtsmaßregel entgegengearbeitet wurde, das Verbot an Mr. Noël Vanstone, daß er keinerlei Beziehungen zu Nordsteinvilla unterhalten solle. Da, Mrs. Lecount wie Hauptmann Wragge vorhergesehen an der Willensaufrichtigkeit ihres Herrn, nämlich daran, daß er durch die Wegreise nach St. Crux alle Verbindung mit den Bygraves abrechnen wollte, zweifelte, so stellte sie die Richtigkeit oder Falschheit des Eindruckes, den sie von der ganzen Sache erhalten hatte, dadurch aus die Probe, daß sie wachsam etwaigen Anzeichen einer geheimen Verbindung von der einen oder der andern Seite her nachspürte.

Die gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie bisher beobachtet hatte, wer auf Nordsteinvilla aus- und einginge, wurde nun ganz und gar auf ihren Herrn übertragen. Für den Rest jenes dritten Tages ließ sie ihn nicht einen Augenblick aus den Augen, sie ließ keiner dritten Person, welche in das Haus kam, unter keinerlei Vorwand auch nur auf eine Minute die Möglichkeit, mit ihm allein zu sein. Von Zeit zu Zeit schlich sie sich in der Nacht an die Thür seines Zimmers, um zu horchen und sich zu vergewissern, ob er zu Bette wäre, und vor Sonnenaufgang den Morgen darauf war der Küstenwächter der seine Runde machte, überrascht, an einem der oberen Fenster von Amsee beschäftigt mit ihrer Arbeit eine Dame zu sehen, welche so früh ausgestanden war, als er selbst.

Am vierten Morgen kam Mr. Noël Vanstone zum Frühstück herunter, indem er sich des Fehlers bewußt war, den er den Tag vorher begangen hatte. Das naheliegende Verhalten, um Zeit zu gewinnen, war, daß er erklärte, sein Entschluß sei noch nicht entschieden. Er gab diese Erklärung kühnlich ab, sowie die Haushälterin ihn frag, ob er heute abreisen wolle. Abermals machte Mrs. Lecount keine Bemerkung, und wieder zeigten sieh die Zeichen und Spuren ihres Unglaubens auf ihrem Gesichte. Schwanken in seinen Plänen und Vorhaben war ihr bei ihrem Herrn durchaus nichts Seltenes. Aber bei dieser Gelegenheit glaubte sie, daß sein launenhaftes Benehmen bloß angenommen sei, um zur Anknüpfung von Verbindungen mit Nordsteinvilla Zeit zu gewinnen, und sie beobachtete ihn daher von Neuem mit verdoppelter und verdreifachter Wachsamkeit.

Den Morgen kamen keine Briefe an. Gegen Mittag änderte sich das Wetter und wurde schlecht, und der Gedanke, wie gewöhnlich auszugehen, mußte aufgegeben werden. Stunde auf Stunde hielt Mrs.Lecount, während ihr Herr in einem der Wohnzimmer saß, in dem andern Wache, die Thür in der Flur geöffnet und mit der ganzen Aussicht auf Nordsteinvilla durch das entsprechende Seitenfenster, an welchem sie Posto gefaßt hatte. Kein verdächtiges Zeichen ließ sich bemerken, kein verdächtiger Klang berührte ihr Ohr. Als der Abend herankam, war das Zögern ihres Herrn zu Ende. Er war ärgerlich über das Wetter, er haßte den Ort, er sah noch mehr verhaßte Begegnungen mit Mr. Bygrave vorher und war darum entschlossen, morgen in der ersten Frühe nach St. Crux zu reisen. Die Lecount sollte zurückbleiben, um die Seltenheiten einzupacken, mit den Kaufleuten abrechnen und den Tag darauf zum Admiral nachfolgen. Die Haushälterin ward durch den Ton und die Art und Weise, wie er diese Befehle gab, ein wenig verdutzt Er hatte, wie sie sehr gut selber wußte, keine Verbindung irgendwelcher Art mit Nordsteinvilla gepflogen, und doch schien er entschlossen, Aldborough bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. Zum ersten Mal war sie ungewiß, ob sie ihren Schlußfolgerungen länger glauben sollte. Sie erinnerte sich, daß ihr Herr über die Bygraves geklagt hatte, ehe dieselben nach Aldborough zurückkehrten, und Sie wußte noch recht gut, daß ihre Ungläubigkeit sie schon einmal auf falsche Fährte gebracht hatte, als das Erscheinen des Reisewagens an der Thür bewiesen hatte, daß sogar Mr. Bygrave einmal die Wahrheit gesprochen hatte.

Doch aber beschloß Mrs. Lecount mit unablässiger Vorsicht bis Zuletzt zu handeln. In jener Nacht entfernte sie, als die Thüren geschlossen waren, insgeheim die Schlüssel von der Vorderthür und von der Hinterthür Sie öffnete dann leise ihr Kammerfenster und setzte sich daran, angethan mit Hut und Mantel, um sich nicht zu erkalten. Mr. Noël Vanstones Fenster war auf derselben Seite des Hauses, wie das ihrige. Wenn Jemand in der Dunkelheit kam, um von dem Garten unten herauf mit ihm zu sprechen, so war es so gut, als spräche er mit der Haushälterin. In allen Puncten bereit, jede Form geheimen Einverständnisses, welche die List erfinden konnte, zu vereiteln, machte Mrs. Lecount die ruhige Nacht hindurch. Als der Morgen kam, schlich sie sich die Treppe hinab, ehe das Mädchen aufgestanden war, brachte die Schlüssel wieder an ihre Plätze und nahm wieder ihre Stellung im Wohnzimmer ein, bis Mr. Noël Vanstone am Frühstückstische erschien. Hatte er seinen Entschluß geändert? Nein. Er wollte nicht mit der Post zur Eisenbahn fahren, wegen der Kosten, allein er war so fest als je in seinem Entschluß nach St. Crux zu gehen. Er wünschte, daß ein Platz, im inneren des Wagens für ihn in der Morgens abgehenden Kutsche belegt werde. Argwöhnisch bis auf die Letzt, schickte Mrs. Lecount den Bäckerburschen, um den Platz zu bestellen. Er war ein öffentlicher Bote, und Mr. Bygrave konnte daher nicht vermuthen, daß er einen Privatauftrag ausführte, —— dachte sie.

Die Kutsche fuhr bei Amsee vor. Mrs. Lecount sah ihren Herrn seinen Sitz einnehmen und überzeugte sich, daß die drei anderen inneren Plätze von Fremden besetzt waren. Sie frug den Kutscher, ob die inneren Platze, die noch nicht alle besetzt waren, auch bereits ihre volle Passagierzahl hätten. Der Mann antwortete bejahend. Er hatte zwei Herren in der Stadt zu holen, und die Anderen würden ihre Plätze am Gasthofe einnehmen. Mrs. Lecount wandte sofort ihre Schritte nach dem Gasthofe und zog auf der Promenade gerade gegenüber auf einer Stelle, wo sie bis zuletzt die Kutsche beim Abfahren sehen konnte, auf Posten. Zehn Minuten später rasselte diese vorbei, außen und innen voll, und die Haushälterin überzeugte sich mit eigenen Augen, daß weder Mr. Bygrave selber, noch Jemand von Nordsteinvilla unter den Reisenden war.

Es war nur noch eine Vorsichtsmaßregel zu beobachten, und Mrs. Lecount versäumte dieselbe nicht. Mr. Bygrave hatte ohne Zweifel die Kutsche bei Villa Amsee verfahren sehen. Er konnte einen Wagen miethen und ihr auf gut Glück bis zur Eisenbahn folgen. Mrs. Lecount blieb in Sicht des Gasthofes, des einzigen Ortes, wo Wagen zu bekommen waren, wohl noch eine halbe Stunde und wartete die Dinge ab, die da kommen sollten. Es fiel jedoch Nichts vor, es erschien kein Wagen; und so war denn eine Verfolgung Mr. Noël Vanstones nicht mehr menschenmöglich. Der lange Druck auf Mrs. Lecounts Geist ließ endlich nach. Sie verließ ihren Sitz auf der Promenade und kehrte in besserer Stimmung als gewöhnlich nach Hause zurück, um auf Amsee die Anstalten des Aus- und Wegzugs vorzunehmen.

Sie setzte sich allein in das Wohnzimmer und schöpfte tief und vergnüglich Athem. Die Berechnungen des Hauptmann Wragge hatten ihn nicht betrogen. Der Beweis mittels ihrer eigenen fünf Sinne hatte schließlich den Sieg davon getragen über die Ungläubigkeit der Haushälterin und sie mit ihren Vermuthungen buchstäblich gerade in das entgegengesetzte Extrem getrieben.

Indem Mrs. Lecount die Vorkommnisse der letzten drei Tage nach ihrer eigenen Wahrnehmung erwog und indem sie sich vergegenwärtigte, wie der erste Gedanke, nach St. Crux zu gehen, von ihr selbst vorgebracht worden und ihr Herr einerseits keine Gelegenheit gehabt, andererseits gar nicht die Neigung gezeigt hatte, die Familie auf Nordsteinvilla in Kenntniß zu setzen, daß er ihren Vorschlag angenommen habe, konnte sie sich füglich nicht verhehlen, daß auch nicht ein einziges Stückchen guten Grundes übrig blieb, um den Argwohn von Verrätherei auch jetzt noch festzuhalten. Und wenn sie nun ferner die Reihenfolge der Ereignisse in dem gewonnenen neuen Lichte betrachtete, so konnte sie nirgends einen Widerspruch, nirgends eine Lücke bemerken. Der Versuch, die unechten Bilder für echte auszugeben, stimmte ganz zu dem Charakter eines Mannes, wie Mr. Bygrave. Der Unwille ihres Herren über den Versuch ihn zu täuschen, sein offen ausgesprochener Argwohn, daß Miss Bygrave daher Mitwisserin war, seine Enttäuschung betreffs der Nichte, seine verächtliche Behandlung des Oheims auf der Promenade, sein Ueberdrüssig sein des Ortes, welches der Schauplatz seiner allzu raschen Vertraulichkeit mit Fremden gewesen war, und diesen Morgen seine Bereitheit, ihn zu verlassen: alles Dies drängte sich dem Geiste der Haushälterin aus einem triftigen Grunde als wirkliche unverfängliche Thatsachen auf. Ihre Augen hatten Mr. Noël Vanstone Aldborough verlassen sehen, ohne für die Bygraves eine einzige Spur zu hinterlassen, oder auch nur zu versuchen eine zu hinterlassen, die sie verfolgen könnten.

Bis hierher führten ihre Schlußfolgerungen die Haushälterin, —— aber nicht weiter. Sie war aber ein zu gescheidtes Weib, als daß sie dem Zufall und dem blinden Glücke ihre Zukunft vertraut hätte. Ihres Herrn veränderlicher Sinn konnte wieder umschlagen. Ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen konnte Mr.. Bhgrave Gelegenheit geben, den begangenen Mißgriff wieder gut zu machen und auf geschickte Weise die verlorene Stelle in der Achtung Mr. Noël Vanstones wieder zu gewinnen. Mußte Mrs. Lecount sich gestehen, daß die Umstände sich doch schließlich unleugbar zu ihren Gunsten gestaltet hatten, so war sie nichtsdestoweniger überzeugt, daß die Sicherheit ihres Herrn in Zukunft durch kein anderes Mittel auf die Dauer außer Frage gestellt werden konnte, als durch die rücksichtslose Entlarvung der Ränkeschmiede, die sie von Anfang an angestrebt hatte und die sie entschlossen war, noch immerzu erstreben.

—— Ich erheitere mich immer zu St. Crux, dachte Mrs. Lecount, indem sie ihre Rechnungsbücher aufschlug und die Rechnungen der Kaufleute ordnete. Der Admiral ist ein Gentleman, das Haus ist fein, der Tisch ausgezeichnet Keine Frage! Hier in diesem Hause bleibe ich allein, bis ich das Innere von Miss Bygraves Kleiderschrein gesehen habe.

Sie packte ihres Herrn Sammlung von Seltenheiten in ihre verschiedenen Kisten ein, befriedigte die Kaufleute und ließ unter ihrer Leitung im Laufe des Tages die Ueberzüge über die Möbel legen. Als der Abend hereinbrach, ging sie aus, um Kundschaft einzuziehen über das Feindeslager, und schlich sich unter dem Schutze der Dunkelheit in den Garten von Nordsteinvilla. Sie sah das Licht in dem Fenster des Wohnzimmers und die Lichter in den Fenstern des zweiten Stocks ganz wie gewöhnlich. Nach einem augenblicklichen Zögern stahl sie sich an die Hausthür und probierte geräuschlos den Thürklopfer von außen. Derselbe drehte das Schloß auf, wie sie nach ihrer Erfahrung von der Beschaffenheit der Häuser in Aldborough und anderen Badeorten erwartet hatte; aber die Thür ging darum noch nicht auf. Die Thür war mißlich genug von innen verriegelt. Nachdem sie diese Entdeckung gemacht, ging sie um das Hans herum nach der Hinterthüre und überzeugte sich, daß die Thür auf jener Seite ebenso verwahrt war.

—— Verriegeln Sie nur, Mr. Bygrave, Ihre Thür so fest als Sie wollen, sagte die Haushälterin, indem sie sich wieder auf die Promenade zurück schlich, Sie können doch den Eingang zur Tasche Ihres Dienstmädchens nicht verriegeln. Das beste Schloß, das Sie haben, wird allemal durch einen goldenen Schlüssel geöffnet.

Sie ging heim zu Bett. Das unansgesetzte Wachen und Beobachten, die unablässige Aufregung der letzten zwei Tage hatten sie sehr erschöpft.

Den nächsten Morgen stand sie um sieben Uhr auf. Eine halbe Stunde später sah sie den pünktlichen Mr. Bygrave, wie sie ihn bereits an so vielen Morgen vorher zur selben Zeit gesehen hatte —— seine Handtücher unterm Arm aus dem Gartenthore von Nordsteinvilla treten und seine Schritte nach einem Kahne lenken, der am Ufer auf ihn wartete. Schwimmen war eine von den vielen Leibesübungen, in denen der Hauptmann Meister war. Er wurde jeden Morgen in die See hinaus gerudert und nahm mit Wonne sein Bad inmitten der tiefblauen Fluth. Mrs. Lecount hatte bereits die gewöhnlich für diese Erfrischung aufgewendete Zeit auf ihrer Wacht abgemessen und so herausgebracht, daß von dem Augenblicke an, wo er am Ufer einstieg, bis zu dem Augenblicke, wo er wiederkam, gewöhnlich eine volle Glockenstunde verging.

Während dieser Zeit hatte sie nie einen andern Bewohner von Nordsteinvilla das Haus verlassen sehen. Das Mädchen war ohne Zweifel in der Küche beschäftigt, Mrs. Bygrave lag wahrscheinlich noch im Bette, und Mr. Bygrave —— wenn sie ja zu einer so frühen Stunde schon auf war —— hatte vielleicht Weisung, in der Abwesenheit ihres Oheims das Haus nicht zu verlassen. Die Schwierigkeit, dem Uebelstande von Magdalenens Anwesenheit im Hause zu begegnen, war schon seit einigen Tagen die einzige Klippe, an welcher alle Schlauheit der Mrs. Lecount bis jetzt gescheitert war.

Sie saß am Fenster noch eine Viertelstunde, nachdem das Boot des Hauptmanns das Ufer verlassen hatte, sich abmühend im Geiste, die Augen aus Gewohnheit immer fest auf die Thür von Nordsteinvilla geheftet. Sie saß da und dachte nach, was für eine Entschuldigung sie an ihren Herrn von Aldborough aus schreiben könnte, um den Aufschub ihrer Abreise zu für einige Tage rechtfertigen: da that sich die Thür des Hauses, das sie bewachte, plötzlich auf, und Magdalene selbst erschien im Garten. Es war keine Verwechselung möglich, es waren ihre Gestalt und ihr Anzug. Sie that ein paar hastige Schritte nach dem Gartenthor, hielt dann an und ließ den Schleier ihres Gartenhutes nieder, als ob schon das helle Morgenlicht zu stark für sie wäre, eilte auf die Promenade und stürzte dann in der Richtung nach Norden vorwärts in solcher Hast oder in einer solchen geistigen Spannung, daß sie durch die Gartenthür ging, ohne sie wieder hinter sich zu schließen.

Mrs. Lecount fuhr von ihrem Stuhle auf und glaubte einen Augenblick ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Hatte die Gelegenheit, welche sie herbeizuführen vergebens bemüht gewesen war, sich jetzt wie von selbst ihr geboten? Hatte sich das Blatt zuletzt zu ihrem Gunsten gewendet, nachdem das Glück ihr so hartnäckig und so lange zuwider gewesen war? Es war kein Zweifel, der Wind hatte sich gedreht, wie das Volk spricht [»her luck had turned.«]. Sie griff eilends nach Hut und Mantille und ging nach Nordsteinvilla, ohne sich einen Augenblick zu bedenken. Mr. Bygrave draußen auf dem Meere, Miss Bygrave ausgegangen, Mrs. Bygrave und das Dienstmädchen, Beide zu Hause und Beide leicht zu behandeln: diese Gelegenheit durfte nicht unbenutzt vorübergehen, das Wagniß verlohnte sich sehr der Mühe ins Werk gesetzt zu werden!

Diesmal war die Hausthür leicht zu öffnen, Niemand hatte sie nach Magdalenens Weggange wieder verriegelt. Mrs. Lecount schloß die Thür leise, horchte einen Augenblick im Gange und hörte nur an dem Geräusch, wie das Mädchen in der Küche mit seinen Töpfen und Tiegeln handthierte.

—— Wenn mein Glückstern mich geradewegs in Miss Bygraves Zimmer führt, dachte die Haushälterin, wie sie sich geräuschlos die Treppe hinaufschlich, so finde ich wohl den Weg zu ihrem Kleiderschranke, ohne Jemand aufzustören.

Sie versuchte die Thür zunächst nach vorn im Hause auf der rechten Seite des Treppenaufganges. Der launenhafte Zufall hatte sie schon wieder im Stich gelassen. Das Schloß war gesperrt. Sie versuchte die Thür gegenüber zu ihrer linken Hand. Die nach ihrer Größe wohlgeordnet in einer Reihe stehenden Stiefel und die Rasiermesser auf dem Waschtisch zeigten ihr sofort an, daß sie noch nicht das rechte Zimmer gefunden hatte. Sie kehrte um nach der rechten Seite des Treppenaufgangs, ging einen kleinen Gang entlang, der nach dem Hinterhause führte, und versuchte eine dritte Thür. Die Thür ging auf, und in einem Augenblicke standen sich die beiden schnurstracks zuwiderlaufenden Gegensätze irdischer Weiblichkeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Mrs. Wragge und Mrs. Lecount!

—— Ich bitte zehntausendmal um Verzeihung! sprach Mrs. Lecount mit der vollendetsten Selbstbeherrschung.

—— Gott schütze uns und behüte uns! schrie Mrs. Wragge in der kläglichsten Verwirrung.

Die beiden Ausrufe wurden in demselben Augenblicke ausgestoßen, und in derselben Frist nahm Mrs. Lecount bereits das Maß von ihrem Opfer. Nichts von der geringsten Wichtigkeit entging ihr. Sie bemerkte das orientalische Kaschmirkleid, welches halbfertig und halbaufgetrennt auf dem Tische dalag, sie bemerkte den ungeschickten Fuß von Mrs. Wragge, wie er blindlings um ihren Stuhl herumfuhr, um den verlorenen Schuh zu finden; sie bemerkte auch, daß es noch eine zweite Thür außer der Thür, durch die sie hereingekommen, in dem Zimmer gab und einen zweiten Stuhl nahe zur Hand, auf den sie sich vielleicht am Besten in einer freundschaftlichen und vertraulichen Art und Weise niederlassen könnte.

—— Ich bitte Sie, werden Sie nicht böse über meine Zudringlichkeit, ersuchte Mrs. Lecount, indem sie den Stuhl nahm, Mrs. Wragge. Erlauben Sie, mich auszusprechen!

—— Zudem nun die Haushälterin mit ihrer, sanftesten Stimme sprach, indem sie Mrs. Wragge mit einem süßen Lächeln auf ihren schmeichlerischen Lippen und mit zärtlicher Theilnahme in ihren hübschen schwarzen Augen anschaute, brachte sie ihr kleines Lügengewebe zur Einleitung mit einer so natürlichen Wahrheit des Ausdrucks vor, um welche sie der »Vater der Lügen« vielleicht selbst beneidet haben würde. Sie habe von Mr. Bygrave gehört, daß Mrs. Bygrave sehr schwächlich sei, und habe sich daher in ihren mäßigen Stunden auf Amsee, wo sie die Stelle als Haushälterin Mr. Noël Vanstones ausfülle, immer Vorwürfe gemacht, daß sie Mrs. Bygrave nicht ihre Freundschaftsdienste angeboten habe. Sie habe nun von ihrem Herrn, der ohne Zweifel Mrs. Bygrave als einer von den Freunden ihres Gatten und natürlich auch einer Von den Bewunderern ihrer Nichte genugsam bekannt sein werde, Befehl bekommen, heute ihm nachzureisen an den Ort, wohin er sich von Aldborough begeben habe. Sie sei genöthigt, bei guter Zeit aufzubrechen; aber sie könne es vor ihrem Gewissen nimmermehr verantworten, wenn sie fortginge, ohne bei einem Besuche ihren anscheinenden Mangel an freundnachbarlicher Gesinnung entschuldigt zu haben. Sie habe Niemand im Hause gefunden, sei nicht im Stande gewesen, sich dem Dienstmädchen hörbar zu machen und, habe nun angenommen, da sie jenes Zimmer nicht unten gefunden habe, daß Mrs. Bygraves Putzzimmer vielleicht im obern Stock sein möchte. Sie hätte unbedachter Weise eine Zudringlichkeit begangen, über die sie sich aufrichtig schäme, und sie könne sich jetzt nur an Mrs. Bygraves Nachsicht wenden, um bei ihr Entschuldigung und Verzeihung zu erhalten.

Eine weniger umständliche Entschuldigung würde schon Mrs. Lecounts Vorhaben gefördert haben. Sobald Mrs. Wragges sich abmühendes Auffassungsvermögen die Thatsache begriffen hatte, daß ihr unverhoffter Gast eine Nachbarin war, die ihr von Ruf wohlbekannt war, ging ihr ganzes Wesen in Bewunderung auf über Mrs. Lecounts Auftreten als Dame und Mrs. Lecounts trefflich sitzendes Kleid!

—— Welch vornehme Art zu sprechen hat sie! dachte die arme Mrs. Wragge, als die Haushälterin ihren letzten Satz heraus hatte, und ach, so was lebt nicht! wie nett ist sie gekleidet!

—— Ich sehe, ich störe Sie, fuhr Mrs. Lecount fort, indem sie sich geschickt der orientalischen Kaschmirrobe bemächtigte als ein naheliegendes Winkel, um den Zweck, den sie im Auge hatte, zu erreichen. Ich sehe, ich störe Sie, Madame, bei einer Beschäftigung, welche, wie ich aus Erfahrung weiß, die angespannteste Aufmerksamkeit erfordert. Ach, Sie Aermste, Sie trennen das Kleid wieder auf, wie ich sehe, nachdem Sie es gemacht haben! Das ist wieder mein eigener Fall, Mrs. Bygrave. Einige Kleider sind so querköpfig! Manche Kleider scheinen Einem in ebenso vielen Worten zu sagen: »— Nein, Du magst mit mir anfangen, was Du willst, ich werde nicht passen!«

Mrs. Wragge ward durch diese glückliche Bemerkung höchlich überrascht. Sie brach in ein Gelächter aus und schlug ihre großen Hände zusammen in der höchsten Aufregung.

—— Das ists ja eben, was dieses Kleid da immer zu mir gesagt hat, von dem Augenblicke an, wo ich die Scheere daran brachte, rief sie fröhlich aus. Ich weiß wohl, ich habe einen erschrecklich dicken Rücken, aber das macht es nicht. Warum sollte ein Kleid wochenlang in unseren Händen bleiben und dann doch nicht hinten zusammengehen? Es hängt über meine Brust herunter wie ein Sack, wahrhaftig. Sehen Sie, Madame, auf den Saum. Er will nicht sitzen. Es schleppt vorn, und hinten geht es in die Höhe. Es läßt meine Fersen sehen, und —— Gott mags wissen —— ich habe Noth genug mit meinen Fersen, ohne daß es mir zum Vortheil ist, sie zu zeigen!

—— Wollen Sie mir einen Gefallen thun? frug Mrs. Lecount zutraulich. Darf ich es versuchen, Mrs. Bygrave, ob ich vielleicht meine Erfahrung für Sie nutzbar machen kann? Ich denke, unsere Busen, Madame, sind unsere große Schwierigkeit. —— Nun, ist dieses Ihr Busen? Soll ich mit offenen Worten sagen? Dieser Ihr Busen ist ein einziges ungeheures Versehen!

—— Ach, sagen Sie Das ja nicht! schrie Mrs. Wragge flehentlich. Thun Sie's nicht, es ist schade darum! Er ist ein Stück dicker, ich weiß es wohl; aber er ist trotzdem nach einem von Magdalenens Kleidern zugeschnitten.

Sie war viel zu sehr in den Gegenstand des Anzugs vertieft, um zu bemerken, daß sie sich bereits verrathen und Magdalenen bei ihrem wahren Namen genannt hatte. Mrs. Lecounts scharfe Ohren entdeckten das Versehen sofort, als es begangen wurde.

—— So, so! dachte sie. Schon eine Entdeckung. Wenn ich jemals meinem eignen Argwohn nicht mehr getraut hätte, hier ist nun eine achtbare Dame, welche mich jetzt wieder meiner Sache gewiß gemacht hätte.

—— Ich bitte um Entschuldigung, fuhr sie laut fort, sagten Sie, Dies sei zugeschnitten nach einem von den Kleidern Ihrer Nichte?

—— Ja, sagte Mrs. Wragge. Es gleicht ihm, wie ein Ei dem andern.

—— Dann, antwortete Mrs. Lecount mit geschickter Wendung, dann muß etwas sehr falsch sein in dem Schnitt des Anzugs Ihrer Nichte. Können Sie mir ihn zeigen?

—— Der Herr stärke Sie, —— ja wohl! schrie Mrs. Wragge. Gehen Sie hierher, Madamchen, und bringen Sie das Kleid mit, wenn Sie so gut sein wollen. Es wird aus bloßer Schwere herunterrutschen, wenn Sie es auf dem Tische ausbreiten. Es ist Platz genug auf dem Bette hier drin.

Sie öffnete die Verbindungsthür und ging eifrig in das Zimmer Magdalenens voran. Mrs. Lecount warf, indem sie ihr folgte, einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr. Niemals vorher war die Zeit so schnell verstrichen, als gerade heute früh! In zwanzig Minuten mußte Mr. Bygrave aus dem Bade zurück sein.

—— Da! sagte Mrs. Bygrave, indem sie den Kleiderschrein aufmachte und ein Kleid von einem der hölzernen Haken herunter nahm, sehen Sie 'mal her! Da sind Falten an ihrem Busen und Falten an meinem gelegt. Sechs auf dem einen und sein halbes Dutzend auf dem andern, und meine sind die Dicksten das ist Alles!

Mrs. Lecount schüttelte bedächtig ihr Haupt und ging dann in solche Einzelheiten und Feinheiten der Kunst des Schneiderns ein, daß sie in weniger denn drei Minuten die gewünschte Wirkung auf die Eigenthümer in der orientalischen Kaschmirrobe hervorbrachte, nämlich dieselbe in die äußerste Verwirrung setzte.

—— Ach, gehen Sie doch! schrie Mrs. Wragge flehentlich, gehen Sie doch nicht weiter! Ich bin meilenweit hinter Ihnen zurück, und mein Kopf hat schon das Summen wieder! Sagen Sie, seien Sie doch so gut, was nun eigentlich gemacht werden soll? Sie sagten eben 'was von dem Schnitt. Vielleicht bin ich zu dick für den Schnitt? Ich kann nicht dafür, wenn ich es bin. Ach, was habe ich darüber geweint, als ich noch ein Mädchen und im Wachsen war, über meine Größe! Sie ist um die Hälfte zu reichlich gemessen, Madamchen, —— messen Sie mich m der Länge oder messen Sie mich in der Breite, ich leugne es nicht —— überal bin ich ein halbmal zu groß.

—— Meine liebe Madame, widersprach Mrs. Lecount, thun Sie sich nicht selber Unrecht! Erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß Sie eine achtunggebietende Gestalt haben, eine Minervafigur. Eine majestätische Einfachheit in der Form einer Frau erheischt auch gebieterisch eine majestätische Einfachheit in der Form der Kleidung dieser Frau. Die Gesetze der Kleidung sind classisch, die Gesetze der Kleidung dürfen nicht übers Knie gebrochen werden! Hohe Falten für Venus, Puffen für Juno, glatte Laen für Minerva. Ich möchte Ihnen einen gänzlichen Wechsel des Schnittes vorschlagen. Ihre Nichte hat noch andere Kleider in ihrem Vorrathe. Warum sollen wir nicht auch einen Minervaschnitt darunter finden?

Als sie jene Worte gesprochen hatte, ging sie wieder zum Kleiderschrank zurück.

Mrs. Wragge folgte ihr und nahm die Kleider heraus, eins nach dem andern, indem sie dabei muthlos das Haupt schüttelte. Seidene Kleider kamen zum Vorschein, Musselinkleider traten ans Licht. Das einzige Kleid, welches unsichtbar war und blieb, war das Kleid, nach welchem Mrs. Lecount eben suchte.

—— Das ist der ganze Haufe, sagte Mrs. Wragge. Sie sind wohl gut für Venus und die beiden Andern —— ich hab' sie in Bildern gesehen, es hatte aber meiner Seel' keine von den Dreien ein Stückchen anständige Leinwand auf dem Leibe —— aber sie passen nicht für mich.

—— Gewiß ist doch wohl noch ein Kleid da? sagte Mrs.Lecount, indem sie in den Kleiderschrank zeigte, aber Nichts darin berührte. Sehe ich da nicht hinter dem dunklen Shawl Etwas in der Ecke hängen?

Mrs. Wragge nahm den Shawl weg, und Mrs. Lecount machte die Thür des Kleiderschrankes noch ein wenig weiter auf. Da, nachlässig aufgehängt auf dem innersten Haken, da sah richtig das braune Alpacakleid mit seinen weißen Tupfen und seiner doppelten Frisur hervor!

Die Plötzlichkeit und Vollständigkeit der Entdeckung ließ die Haushälterin, so erfahren sie, auch in der Verstellungskunst war, ihre Vorsicht ganz und gar vergessen. Sie fuhr zusammen —— als sie das Kleid erblickte. Einen Augenblick später wandten sich ihre Augen unruhig nach Mrs. Wragge hin. War ihr Erschrecken bemerkt worden? Es war ganz unbemerkt vorübergegangen. Mrs. Wragges ganze Aufmerksamkeit war auf das Alpacakleid gerichtet: sie starrte es unbegreiflicherweise mit dem Ausdruck des äußersten Entsetzens an.

—— Sie scheinen beunruhigt, Madamchem sagte Mrs. Lecount. Was in dem Kleiderschrank erschreckt Sie denn so sehr?

—— Ich hätte eine ganze Krone aus meinem Beutel drum gegeben, sagte Mrs. Wragge, hätte ich dieses Kleid nicht zu sehen brauchen. Es war mir ganz gut aus dem Sinn geschwunden —— und nun ists wiederkommen!

—— Ich decke es wieder zu! schrie Mrs. Wragge, indem sie den Shawl über das Kleid warf, wie in einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung. Wenn ich es länger ansehe so werde ich denken, ich sei wieder aus der Vauxhallpromenade!

Vauxhallpromenade! Jenes Wort verriet Mrs. Lecount, daß sie an der Schwelle einer neuen Entdeckung stehe. Sie warf abermals einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr. Es fehlten nur noch knappe zehn Minuten an der Zeit, wo Mr. Bygrave eintreffen mußte; es war nicht eine einzige Minute von den zehn mehr, wo nicht seine Nichte nach Hause zurückkommen konnte. Die Vorsicht rieth Mrs. Lecount zu gehen, um nicht weiter Gefahr zu laufen. Die Neugier fesselte sie aber an die Stelle und gab ihr den Muth, allen Zufällen zu trotzen, bis die Zeit um war. Ihr liebenswürdiges Lächeln begann ein wenig hart zu werden, als sie schmeichlerisch in Mrs. Wragges schwaches Herz sich einschleichen wollte.

—— Sie haben einige unliebsame Erinnerungen an Vauxhallpromenade? sagte sie mit dem mildest denkbaren Tone der Fragestellung in ihrer Stimme. Oder sollte ich vielleicht sagen, unliebsame Erinnerungen an das Kleid, das Ihrer Nichte gehört?

—— Das letzte Mal, daß ich sie in diesem Kleide sah, sagte Mrs. Wragge und sank zitternd auf einen Stuhl, war damals, wo ich vom Einkaufen in der Stadt zurückkam und den Geist erblickte.

—— Den Geist? wiederholte Mrs. Lecount, indem sie in reizendem Erstaunen die Hände zusammenschlug Liebe Madame, verzeihen Sie mir! Gibt es denn dergleichen in der Welt? Wo sahen Sie ihn? Auf Vanxhallpromenade? Erzählen Sie es mir: Sie sind ja die erste Dame, die ich finde, welche einen Geist gesehen hat. Bitte, erzählen Sie es mir!

Sich geschmeichelt fühlend durch die bevorzugte Stellung, welche sie plötzlich in den Augen der Haushälterin gewonnen hatte, gab nun Mrs. Wragge die Geschichte ihres übernatürlichen Erlebnisses ausführlich zum Besten. Die athemlose Spannung, mit welcher Mrs. Lecount ihrer Schilderung von der Kleidung des Gespenstes, Von dem Huschen des Geistes die Treppe hinauf und seinem Verschwinden in der Kammer lauschte, das außerordentliche Interesse, das Mrs. Lecount bezeigte, als sie hörte, daß das Kleid in dem Kleiderschrein dasselbe war, welches Magdalene in jenem schrecklichen Augenblicke, wo der Geist verschwand, trug, ermunterten Mrs. Wragge tiefer und immer tiefer in Einzelheiten einzugehen und ich in ein Wirrsal von gleichzeitigen Nebenumständen zu veriren, welche auf ganze Stunden hinaus keine Aussicht bot, daß sie sich werde wieder herauswickeln können.

Schneller und immer schneller enteilten die unerbittlichen Minuten, näher und näher rückte der verhängnißvolle Augenblick von Mr. Bygraves Rückkehr.

Mrs. Lecount sah zum dritten Male nach der Uhr, dies Mal aber ohne den geringsten Versuch zu machen, selbige Bewegung ihrer Gesellschafterin zu verbergen. Es waren buchstäblich nur noch zwei Minuten übrig, um sich von Nordsteinvilla fort zumachen. Es waren buchstäblich nur noch zwei Minuten übrig, um sich von der Nordsteinvilla fortzumachen. Zwei Minuten reichten hin, wenn kein widriger Zufall eintrat. Sie hatte ja nunmehr das Alpacakleid entdeckt, hatte die ganze Geschichte von dem Erlebniß aus Vauxhallpromenade angehört und, noch mehr als das, sie hatte sich sogar der Hausnummer der Wohnung versichert, deren sich Mrs. Wragge ganz zufällig erinnerte, da sie der Zahl ihrer Lebensjahre entsprach. Alles, was nöthig war zur vollständigen Aufklärung ihres Herrn, hatte sie jetzt ausgeführt. Sogar, wenn Zeit gewesen wäre, noch länger zu verweilen, lag Nichts vor, um das es sich verlohnen sollte, länger zu bleiben.

—— Ich will diese würdige Blödsinnige mit einem Coup d'etat zur Ruhe bringen, dachte die Haushälterin, und dann verschwinden, ehe sie sich erholt hat.

—— Entsetzlich! schrie Mrs. Lecount auf, indem sie die Geistergeschichte durch einen grellen kleinen Schrei unterbrach und zu Mrs. Wragges unsäglichem Erstaunen ohne Weiteres nach der Thür stürzte. ... Sie machen das innerste Mark meines Gebeines erstarren!.... Guten Morgen!

Sie warf gleichgültig die orientalische Kaschmirrobe in Mrs. Wragges umfangreichen Schooß und verließ augenblicklich das Zimmer.

Als sie geschwind die Treppe heruntereilte, hörte sie oben die Thür des Schlafzimmers aufgehen.

—— Was ist das für ein Benehmen? rief eine Stimme ihr aus der Ferne über das Treppengeländer nach. Was wollen Sie damit sagen, daß Sie mir meinen Rock auf diese Art und Weise zuwerfen?

Sie sollten sich 'was schämen! fuhr Mrs. Wragge fort, indem sie aus einem Lamm zur Tigerin wurde, als sie, nach und nach den Umfangs der ihrer Kaschmirrobe angethanenen Beschimpfung ermaß. Sie garstige, fremde Person, Sie sollten sich 'was schämen!

Verfolgt von diesen Abschiedsworten erreichte Mrs. Lescount die Hausthür und öffnete sie unverzüglich. Sie eilte pfeilschnell durch den Garten, ging durch das Thor und befand sich auf der Promenade. Dann aber hielt sie an und sah nach dem Meere hin.

Der erste Gegenstand, den ihre Augen erblickten, war die Gestalt Mr. Bygraves, welche regungslos am Ufer stand, ein steinerner Gast, seine Handtücher auf dem Arme! Ein Blick auf ihn genügte, um sich zu überzeugen, daß er die Haushälterin gesehen hatte, wie sie durch sein Gartenthor gekommen war.

——Indem Mrs. Lecount nun richtig vermuthete, daß Mr. Bygrave erstes Geschäft sein werde, sofort Nachforschungen in seinem Hause anzustellen, setzte sie so ruhig, als ob Nichts vorgefallen wäre, ihren Weg nach Amsee zurück fort. Als sie in das Zimmer trat, wo ihr einsames Frühstück ihrer wartete, war sie überrascht, einen Brief auf dem Tische liegen zu sehen. Sie trat mit einem Ausdruck von Ungeduld heran, um ihn an sich zu nehmen, indem sie bei sich dachte, es möchte eine Kaufmannsrechnung sein, die sie vergessen hätte.

—— Es war der gefälschte Brief aus Zürich. ——



Kapiteltrenner

Elftes Capitel.

Das Postzeichen und die Handschrift auf der Adresse, die vortrefflich nach der Vorlage der Urschrift nachgemacht war, setzten Mrs. Lecount noch bevor sie den Brief öffnete, von dem Inhalte desselben in Kenntniß.

Nachdem sie einen Augenblick gewartet, um sich zu fassen, las sie die Mittheilung von ihres Bruders Rückfall.

Es war Nichts in der Handschrift, kein Ausdruck in irgend einem Theile des Briefes, der in ihrem Geiste den leisesten Verdacht einer Täuschung aufkommen ließ. Nicht der Schatten eines Zweifels kam ihr in den Sinn, daß die Ladung an das Sterbebett ihres Bruders nicht echt sei. Die Hand, welche den Brief hielt, sank schwer auf ihren Schooß, sie wurde bleich und alt und häßlich in einem Augenblicke! Gedanken, weit entfernt von ihren gegenwärtigen Zwecken und Zielen, Erinnerungen, welche sie in andere Länder als England, in andere Zeiten als ihre Dienstzeit zurückversetzten, waren von innen heraus ihre Schatten um sie und ließen die Spuren ihres geheimnißvollen Weges dunkel und düster auf ihrem Gesichte erkennen. Minuten auf Minuten verrannen, und noch immer harrte das Dienstmädchen unten vergeblich auf die Klingel aus dem Wohnzimmer. Minuten auf Minuten vergingen, und noch immer saß sie thränenlos und still da, abgestorben für die Außenwelt, Gegenwart und Zukunft; nur in der Vergangenheit lebend.——

Der unberufene Eintritt des Mädchens weckte sie auf. Mit einem schweren Seufzer brach das kalte verschlossene Weib den Brief wieder zusammen und wandte sich den Anforderungen und Angelegenheiten der rasch enteilenden Gegenwart zu.

Sie entschied bei sich die Frage, ob, sie nach Zürich gehen sollte oder nicht, nach einer sehr kurzen Erwägung derselben. Ehe sie ihren Stuhl an die Frühstückstafel gezogen hatte, war sie entschlossen zu gehen.

So vortrefflich auch Hauptmann Wragges List angeschlagen war, so würde sie doch, wäre nicht der Vorfall von diesem Morgen zur Unterstützung hinzugekommen, mißlungen sein. Dasselbe Ereigniß, gegen welches sich zu wahren des Hauptmanns erstes Bemühen gewesen war, das Ereigniß, welches jetzt ihm zum Trotz nun dennoch stattgefunden hatte, war unter allen, welche überhaupt vorkommen konnten, das einzige, welches alle früheren Berechnung zu Nichte machte, indem es das Hauptziel der Verschwörung rückhaltlos bloßlegte! Hätte Mrs. Lecount nicht die Kunde erlangt, nach der sie strebte, bevor sie den Brief aus Zürich erhielt, so würde der Brief vergebens an sie gerichtet worden sein. Sie würde gezögert haben, bevor sie sich entschlossen hätte, England zu verlassen, und diese Zögerung würde sich für den Plan des Hauptmanns unheilvoll erwiesen haben.

Wie die Sachen aber jetzt standen mit den deutlichen Beweisen in ihren Händen, mit dem in Magdalenens Kleiderschrank entdeckten Kleide, mit dem aus demselben geschnittenen Stückchen in ihrem Taschenbuche und mit der von Mrs. Wragge erhaltenen Kenntniß sogar des Hauses, in welchem der Betrug angesponnen war, hatte nunmehr Mrs. Lecount die Mittel in der Hand, Mr. Noël Vanstone eine so nachdrückliche Warnung ertheilen zu können, wie sie es nie vermocht hatte, oder mit anderen Worten die Mittel, jegliche gefährliche Neigung nach Versöhnung mit den Bygraves, welche ihm sonst während ihrer Abwesenheit in Zürich vielleicht in den Sinn gekommen wäre, zu verhüten. Die einzige Schwierigkeit, welche sie noch in Verlegenheit setzte, war die, daß sie sich entschließen mußte, ob sie persönlich oder schriftlich von ihrer Abreise aus England ihren Herrn von Allem in Kenntniß setzen sollte.

Sie sah wieder aus den Brief des Doktors. Das Wort »augenblicklich« in dem Satze, welcher sie zu ihrem sterbenden Bruder rief, war zwei Mal unterstrichen. Admiral Bartrams Haus war in einiger Entfernung von der Eisenbahn, die Zeit, welche sie zu einer Fahrt nach St. Crux und wieder zurück brauchte, war vielleicht für die Reise nach Zürich unersetzbar.... Obgleich sie daher unbedingt eine persönliche Zusammenkunft mit Mr. Noël Vanstone vorgezogen haben würde, so blieb doch keine Wahl, wo es sich um Leben und Tod handelte, als die kostbaren Stunden zu sparen, indem sie nur an ihn schrieb.

Nachdem sie weggeschickt hatte, um sich sofort einen Platz in der Morgenpost bestellen zu lassen, setzte sie sich nieder, um an ihren Herrn zu schreiben.

Ihr erster Gedanke war, ihm Alles zu sagen, was auf Nordsteinvilla heute Morgen vorgefallen war. Bei reiflicherem Nachdenken verwarf sie jedoch diesen Gedanken. Schon einmal, als sie die Personalbeschreibung aus Miss Garths Briefe abgeschrieben hatte, hatte sie ihre Waffen in die Hände ihres Herrn gelegt, und Mr. Bygrave hatte es anzudrehen gewußt, daß sie sich schließlich gegen sie selbst kehrten. Sie beschloß diesmal dieselben schlechterdings selber in der Hand zu behalten. Das Geheimniß von dem fehlenden Stücke aus dem Alpacakleide war keinem lebenden Wesen außer ihr selbst bekannt, und sie beschloß, dasselbe bis zu ihrer Rückkehr nach England für sich zu behalten. Der nothwendige Eindruck auf Mr. Noël Vanstones Gemüth konnte füglich auch ohne Eingehen auf Einzelheiten erreicht werden; Sie wußte aus Erfahrung, in welcher Form ein Brief gewißlich einen Eindruck auf ihn hervorbringen würde, und sie schrieb ihn nun in folgenden Worten:

Lieber Mr. Noël!

Traurige Nachrichten kamen aus der Schweiz für mich an. Mein geliebter Bruder liegt im Sterben, und sein ärztlicher Beistand ruft mich augenblicklich nach Zürich. Die unausweichliche Notwendigkeit, mich so rasch als möglich nach dem Festlande zu begeben, läßt mir keine Wahl. Ich muß von der Erlaubniß, welche Sie so freundlich waren mir gleich zu Anfang der Krankheit meines Bruders zu gewähren, Gebrauch machen und muß jede Zögerung vermeiden, indem ich unmittelbar nach London gehe, anstatt einen Abstecher zu machen, um Sie, wie ich es so gern gethan hätte, erst in St. Crux zu besuchen.

So schmerzlich ich durch das mich heimsuchende Familienleid berührt bin, kann ich doch diese Gelegenheit nicht unbenützt lassen, um einen andern Gegenstand zu erwähnen der Ihr Wohl und Wehe ernstlich angeht und an welchem in diesem Betracht Ihre alte Haushälterin den innigsten Theil nimmt.

Ich werde Sie überraschen und erschrecken, Mr. Noël. Ich bitte Sie, regen Sie sich nicht auf, ich bitte Sie, fassen Sie sich!

Der unverschämte Versuch, Sie zu betrügen, welcher zum Glück Ihnen die Augen geöffnet hat über den wahren Charakter Ihrer Nachbarn auf Nordsteinvilla, war nicht der einzige Zweck, welchen Mr. Bygrave hatte, Ihnen seine Gesellschaft aufzudrängen. Die elende Verschwörung, durch die Sie in London bedroht wurden, ist unter Mr. Bygraves Leitung zu Aldborough noch in voller Thätigkeit gegen Sie. Der Zufall, —— ich will Ihnen sagen, was für ein Zufall, sobald wir mit einander zusammenkommen —— hat mich in den Besitz von Nachrichten gesetzt, die für Ihre künftige Sicherheit von Wichtigkeit sind. Ich habe bis zur vollendetsten Gewißheit entdeckt, daß die Person, welche sich Miss Bygrave nennt, keine andere ist, als —— das Frauenzimmer, das uns verkleidet auf der Vauxhallpromenade besuchte.

Ich argwöhnte Dies von Anfang an, aber ich hatte keinen Beweis, um meinen Verdacht zu unterstützen, ich hatte keine Mittel, um den falschen Eindruck, den man auf Sie gemach hatte, zu bekämpfen. Meine Hände sind nun, Gott sei Dank! nicht mehr gebunden. Ich besitze unwidersprechliche Beweise der Behauptung, welche ich soeben gethan habe, Beweise, welche Ihre eigenen Augen sehen können, Beweise, welche Ihnen genügen würden, und wären Sie selbst Beisitzer in einem Gerichtshofe.

Vielleicht werden Sie, Mr. Noël, sogar jetzt noch abgeneigt sein, mir Glauben zu schenken? Mag es so sein. Glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, ich habe Sie nur um eine letzte Gunst zu bitten, welche Ihr echt englisches Gefühl für ehrliches Spiel mir hoffentlich nicht verweigern wird.

Diese meine traurige Reise wird mich wohl auf vierzehn Tage oder höchstens drei Wochen von England fern halten. Sie werden mich verpflichten —— und Sie werden gewiß nicht Ihre eigene Wohlfahrt und Ihr eigenes Vergnügen opfern wollen —— wenn Sie diese Zwischenzeit hindurch bei Ihren Freunden zu St. Crux verbringen. Wenn irgendwelche unverhoffte Umstände Sie vor meiner Rückkehr noch einmal in die Gesellschaft der Bygraves bringen sollten, und wenn Ihre natürliche Herzensgüte Sie geneigt macht, die Entschuldigungen anzunehmen, welche dieselben in diesem Falle gewiß an Sie richten werden, so halten Sie sich ein wenig zurück, um Ihretwillen, wenn nicht um meinetwillen. unterbrechen Sie Ihre Liebelei mit der jungen Dame —— ich bitte alle anderen jungen Damen um Verzeihung, daß ich sie so nenne —— bis zu meiner Rückkehr.

Wenn ich nach meiner Zurückkunft nicht im Stande bin, Ihnen zu beweisen, daß Miss Bygrave das Weib ist, welche jene Verkleidung trug und jene Drohworte auf Vauxhallpromenade sprach, so mache ich mich anheischig, nach eintägiger Kündigung Ihren Dienst zu verlassen, und will büßen für die Sünde, falsch Zeugniß wider meinen Nächsten geredet zu haben, durch Entsagung auf jeglichen Anspruch, den ich auf Ihre Dankbarkeit habe, sowohl was Ihren seligen Vater, als auch was Sie selber betrifft!

Ich mache dies Erbieten ohne Hinten und Vorbehalt irgendwelcher Art und verspreche dabei zu verharren, wenn mein Beweis mißlingt, so wahr ich eine gute Katholikin bin, und auf das Ehrenwort einer rechtschaffenen Frau.

Ihre

treue Dienerin,
Virginie Lecount.

Der Schlußsatz enthielt, wie die Haushälterin gar wohl wußte, als sie ihn niederschrieb, die einzige Handhabe, durch welche sie einen tiefen und dauernden Eindruck auf ihn hervorzubringen gewißlich hoffen konnte. Sie hätte ihren Eidschwur, ihr Leben, ihren Ruf zum Pfande der Wahrheit der Behauptung geben können, welche sie eben gethan hatte, und hätte dennoch einen haftenden Eindruck auf seinen Geist zu machen verfehlt. Allein wenn sie nicht allein ihre Stellung in seinem Dienste, sondern auch ihre Geldansprüche an ihn ebenso aufs Spiel setzte, so nahm sie die sein ganzes Leben beherrschende Leidenschaft ausschließlich in Anspruch. Es war kein Zweifel —— in dem stärksten aller seiner Interessen, in dem Interesse, sein Geld zu sparen, mußte er warten.

—— Schach matt für Mr. Bygrave! dachte Mrs. Lecount, als sie den Brief siegelte und die Aufschrift machte. Die Schlacht ist aus, das Spiel vorbei.

Während Mrs. Lecount auf Amsee für ihres Herrn künftige Sicherheit sorgte, schritten die Ereignisse auf Nordsteinvilla ebenfalls vorwärts.

Sobald Hauptmann Wragge sich von seinem Erstaunen über das Erblicken der Haushälterin auf seinem Grund und Boden erholt hatte, stürmte er ins Haus und begab sich, geleitet von seinen eigenen Ahnungen des Mißgeschickes, das sich ereignet, geradewegs in das Zimmer seiner Frau.

Niemals in ihrer ganzen Erinnerung hatte die arme Mrs. Wragge das volle Gewicht des Zornes ihres Hauptmanns so gefühlt als jetzt. Die wenige Kundschaft, welche sie natürlich besaß, verschwand sofort in dem Wirbelwind der Wuth ihres Mannes. Die einzigen deutlichen Thatsachen, welche er aus ihr herausbringen konnte, waren zwei an der Zahl. In erster Linie erwies sich Magdalenens jähes Verlassen ihres Postens als ein ebenso triftiger Grund der Entschuldigung als Magdalenens unverbesserliche Ungeduld: sie war fieberhaft und elend aufgestanden und war unbekümmert um alle Folgen ausgegangen, um ihren heißen Kopf in der frischen Morgenluft zu kühlen. In zweiter Linie hatte Mrs. Wragge nach ihrem eignen Geständniß Mrs. Lecount gesehen, hatte mit Mrs. Lecount gesprochen und hatte schließlich Mrs. Lecount die Geistergeschichte erzählt.

Als Hauptmann Wragge diese Entdeckung gemacht hatte, verlor er keine Zeit damit, seines Weibes Schrecken und Verwirrung zu bekämpfen. Er entfernte sich sogleich an ein Fenster, welches eine freie Aussicht auf Mr. Noël Vanstones Haus gewährte, und dort setzte er sich nieder, um alle Vorfälle auf Amsee zu beobachten, gerade so wie Mrs. Lecount sich früher niedergesetzt hatte, um alle Vorfälle auf Nordsteinvilla zu beobachten.

Nicht ein Wort der Erklärung des Unsterns von heute morgen entschlüpfte ihm, als Magdalene zurückkehrte und ihn auf seinem Posten fand. Seine Sprachseligkeit schien endlich ihre Ebbe erreicht zu haben.

—— Ich sagte Ihnen, was Mrs. Wragge thun würde, sagte er, und Mrs Wragge hat es gethan.

Er saß, ohne zu weichen und zu wanken am Fenster mit einer Ausdauer, in welcher ihn Mrs. Lecount selber nicht hätte übertreffen können. Die einzige thätige Maßregel, welche er zu treffen für gut fand, wurde durch eine dritte Person vollbracht. Er schickte das Dienstmädchen nach dem Gasthofe, um einen Wagen und ein schnelles Pferd zu bestellen und zu hinterlassen, er selber würde noch Vormittags hinkommen und dem Fuhrmann sagen, wann der Wagen gebraucht würde. Nicht ein Zeichen der Ungeduld gab er von sich, bis die Zeit herankam, wo die Frühpost abzufahren pflegte. Dann begannen die gekräuselten Lippen des Hauptmanns ängstlich zu zittern, und seine Finger trommelten in Einem fort unruhig den Teufelszapfenstreich auf der Fensterscheibe.

Die rasselnden Räder ließen sich endlich hören, die Kutsche fuhr bei Villa Amsee vor, und Hauptmann Wragge konnte sich durch den Augenschein überzeugen, daß eine von den Personen, welche diesen Morgen vou Aldborough abreisten, —— Mrs. Lecount war.

Da die Hauptungewißheit erledigt war, blieb noch eine ernste Frage, welche durch die Ereignisse des Morgens nahe gelegt wurde, zu lösen übrig. Welches war das Reiseziel von Mrs. Lecounts Wegfahrt, Zürich oder St. Crux? Daß sie ihren Herrn gewiß von Mrs. Wragges Geistergeschichte unterrichten werde und von jeder andern Enthüllung bezüglich der Namen und Orte, welche vielleicht Mrs. Wragge entschlüpft waren, war außer allem Zweifel. Aber welchen von den beiden ihr offen stehenden Wegen, um das Unglück anzurichten, nämlich entweder den mündlichen oder den schriftlichen, sie eingeschlagen habe, das zu wissen war dem Hauptmann von der äußersten Wichtigkeit. Wenn sie zum Admiral gegangen war, so blieb ihm keine Wahl, als der Kutsche zu folgen, den Zug, mit dem sie reiste, zu erreichen und nachmals ihr aus der Fahrt von dem Haltepunkt in Essex bis nach St. Crux vorauszueilen Wenn sie dagegen sich begnügt hatte, ihrem Herrn bloß zu schreiben, so würde es nur nothwendig sein, Maßregeln zu ersinnen, um den Brief aufzufangen. Der Hauptmann entschloß sich zuvörderst nach der Post zu gehen. Indem er annahm, daß die Haushälterin geschrieben hatte, so hatte sie wohl den Brief nicht dem Dienstmädchen anvertraut, sie hatte ihn gewiß selbst sicher in den Briefkasten gesteckt, ehe sie Aldborough verließ.

—— Guten Morgen, sagte der Hauptmann, indem er freundlich den Postmeister ansprach. Ich bin Mr. Bygrave von Nordsteinvilla. Ich denke, Sie haben einen Brief im Kasten, adressirt an Mr. ——?

Der Postmeister war ein kurz angebundener Mann und folglich ein Mann mit einem eigenthümlichen Bewußtsein seiner Wichtigkeit. Er unterbrach mit feierlicher Miene Hauptmann Wragge mitten in seinem Flusse:

—— Wenn ein Brief einmal zur Post gegeben ist, Sir, sagte er, so hat Niemand außer den Beamten Etwas damit zu schaffen, bis er seine Adresse erreicht.

Der Hauptmann war nicht der Mann, welcher sogar durch einen Postmeister außer Fassung gebracht werden konnte. Ein heller Gedanke durchzuckte ihn. Er nahm sein Taschenbuch heraus, in welchem Admiral Bartrams Adresse aufgeschrieben war und erneuerte seinen Angriff:

—— Wenn nun aber ein Brief irrthümlicherweise falsch aufgegeben worden ist? begann er. Und wenn nun der Schreiber den Irrthum verbessern will, nachdem der Brief bereits in den Kasten gelegt worden?

—— Wenn der Brief einmal aufgegeben ist, Sir, wiederholte der unerschütterliche Ortsbeamte, so bekommt ihn Niemand außer den Beamten unter keinerlei Vorwand in die Hände.

—— Recht gern zugegeben, fuhr der Hauptmann beharrlich fort. Ich will ihn gar nicht in die Hände haben, ich will mich nur erklären. Eine Dame hat einen Brief hier aufgegeben, gerichtet an:

NOËL VANSTONE, Esqre
abzugeben bei
ADMIRAL BARTRAM
ST. CRUX

in dar Marsch
ESSEX.

—— Sie schrieb in großer Eile und ist nicht ganz ihrer Sache gewiß, ob sie auch darauf den Namen »OSSORY« geschrieben hat. Es ist von der größten Wichtigkeit, daß der Brief unverzüglich bestellt werde. Was kann Sie hindern, dem Postamte die Arbeit zu erleichtern und eine Dame zum Danke zu verpflichten, indem Sie den Namen der Poststation mit Ihrer Hand hinzuzufügen, —— wenn er ausgelassen ist? Ich frage Sie als einen diensteifrigen Beamten, welchen möglichen Einwand können Sie gegen mein Ersuchen vorbringen?

Der Postmeister war genöthigt anzuerkennen, daß sich dagegen Nichts einwenden ließe, vorausgesetzt, daß nur eine nothwendige Zeile zur Adresse hinzugefügt würde, vorausgesetzt ferner, daß Niemand außer ihm selbst den Brief in die Hand bekam, und vorausgesetzt schließlich, daß die kostbare Zeit des Postamts dabei nicht zu sehr in Anspruch genommen würde. Da in diesem Augenblicke gerade nichts Nöthiges zu thun vorläge, so wolle er gern der Dame gefällig sein, wie Mr. Bygrave ihn bäte.

Hauptmann Wragge beobachtete die Hände des Postmeisters, als er die Briefe aus dem Kasten sortierte, mit athemloser Spannung. War der Brief darunter? Würden die Hände des eifrigen öffentlichen Beamten plötzlich stille halten? —— Ja! sie hielten stille und nahmen einen Brief aus den übrigen heraus.

—— NOËL VANSTONE, Esqre sagten Sie? frug der Postmeister und hielt den Brief in der Hand.

—— NOËL VANSTONE, Esqre, antwortete der Hauptmann, abzugeben bei ADMIRAL BARTRAM ST. CRUX in dar Marsch.

—— OSSORY ESSEX, fiel der Postmeister ein, indem er den Brief wieder in den Kasten warf. Die Dame hat keinen Fehler gemacht. Die Adresse ist ganz vollständig.

Nur die von der Zeit gebotene Rücksicht auf den um jeden Preis zu wahrenden Schein der Wohlanständigkeit hinderte Hauptmann Wragge, als er sich wieder auf der Straße befand, in der Freude seines Herzens seinen hohen weißen Hut in die Luft zu werfen. Jeder weitere Zweifel war nun beseitigt. Mrs. Lecount hatte ihrem Herrn geschrieben, folglich war Mrs. Lecount unterwegs nach Zürich!

Das Haupt höher aufgerichtet denn je, die Flügel seines hochanständigen Frackes hinter ihm im Winde flatternd, auf der Stirn seine angeborene Unverschämtheit kecklich zur Schau tragend, stolzierte der Hauptmann nach dem Gasthofe und forderte den Eisenbahnfahrplan. Nachdem er einige Zahlen —— schwarz auf weiß natürlich —— für sich ausgerechnet, befahl er dem Eigenthümer, die Kutsche in einer Stunde bereitzuhalten, dergestalt, daß er damit noch rechtzeitig die Eisenbahn zu dem zweiten nach London abgelassenen Tageszuge erreichte, mit welchem keine Postverbindung von Aldborough aus unterhalten wurde.

Seine nächste Verrichtung war von weit ernsterer Art, sie setzte eine schreckliche Gewißheit des Erfolges voraus. Der Wochentag war gerade Donnerstag. Von dem Gasthofe ging er nach der Kirche, sprach den Küster und machte bei demselben die nöthige Anzeige wegen einer nächsten Montag stattfindenden Trauung mit Dispens. [marriage by licence, Trauung in summarischer, abgekürzter Form, zu welcher es einer besonderen, oberbehördlichen Erlaubniß bedarf. w.]

So kühn er sonst war, so wurden doch seine Nerven bei dieser letzten Handlung ein wenig erschüttert: seine Hand zitterte, als einen Riegel des Gartenthors aufschob. Er kam seinen Nerven mit Brandy und Wasser zu Hilfe, ehe er Magdalene rufen ließ, um sie von den Vornahmen dieses Morgens in Kenntniß zu setzen. Wahrscheinlich war ihrerseits wieder ein Ausbruch zu gewärtigen, sobald sie hörte, daß der letzte unwiderrufliche Schritt geschehen und jene Anzeige wegen des Hochzeitstages gemacht worden war.

Die Uhr mahnte den Hauptmann, keine Zeit zu verlieren beim Leeren seines Glases. In wenigen Minuten schickte er daher die nothwendige Botschaft nach oben. Während er Magdalenens Eintritt erwartete, versah er sich mit einigen Unterlagen, welche jetzt nöthig wurden, der Verschwörung die Krone aufzusetzen. Zuerst schrieb er —— jedoch durchaus nicht in einer so schönen Handschrift als gewöhnlich —— seinen Namen auf eine weiße Visitenkarte und fügte dann folgende Worte darunter hinzu:

Es ist kein Augenblick zu verlieren. Ich warte Ihrer an der Thür, kommen Sie sofort zu mir herunter.

Sein nächstes Beginnen war, ein halbes Dutzend Briefumschläge aus —— einem Kästchen zu nehmen und sie alle an dieselbe Adresse zu richten:

THOMAS BYGRAVE, Esqre
Musard's Hotel,
SALISBURY-STREET,
Strand,
LONDON

Nachdem er die Umschläge und die Karte sorgfältig in seine Brusttasche gesteckt, schloß er das Pult zu. Als er sich von dem Schreibtische erhob, trat Magdalene ins Zimmer.

Der Hauptmann überlegte einen Augenblick, wie er am Besten die Unterredung beginnen solle, und beschloß dann, dieselbe frischweg, wie er es nannte, zu eröffnen. In wenig Worten erzählte er Magdalenen, was vorgefallen war, und theilte ihr mit, daß Montag ihr Hochzeitstag sein solle.

Er hatte sich darauf vorbereitet, sie zur Ruhe zu sprechen, wenn sie in einen neuen leidenschaftlichen Ausbruch verfiele, ihr abzureden, wenn sie um Aufschub bitten sollte, sie zu bemitleiden, wenn sie in Thränen ausbrach. Zu seinem unaussprechlichen Erstaunen strafte der Erfolg seine Berechnungen Lügen. Sie hörte ihn an, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Thräne zu vergießen. Als er fertig war, sank sie in einen Stuhl. Ihre großen grauen Augen sahen ihn leer an. In einem einzigen geheimnißvollen Augenblicke wich alle ihre Schönheit von ihr: ihr Antlitz wurde schrecklich hart, wie das einer Verstorbenen. Zum ersten Male, so lange Hauptmann Wragge sie kannte, hatte Furcht, allgewaltige Furcht sich ihrer bemächtigt und hielt Leib und Seele gefangen.

—— Sie sind doch nicht wankend geworden? sagte er, indem er versuchte sie wieder aufzurichten. Nicht wahr, Sie sind doch nicht im letzten Augenblicke noch wankend geworden?

Kein Zeichen des Verständnisses ließ sich in ihren Augen lesen, ihr Gesicht blieb Zug für Zug starr dasselbe. Und doch hatte sie ihn gehört; denn sie bewegte sich ein wenig auf dem Stuhle und schüttelte leise das Haupt.

—— Sie nahmen sich diese Heirath aus freiem Willen vor, fuhr der Hauptmann fort mit dem verstohlenen Blick und der unsicheren Stimme eines Mannes, der plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen fühlt. Es war Ihr eigener Gedanke, nicht meiner. Ich möchte die Verantwortung nicht auf meinen Achseln haben, nein! nicht für zweimal zweihundert Pfund. Wenn Ihr Entschluß wankend wird, wenn Sie es für gerathener halten ....

Er hielt inne. Ihr Gesicht wechselte die Farbe, ihre Lippen bewegten sich endlich. Sie erhob langsam ihre linke Hand, die Finger ausgebreitet, sie sah darauf, als ob sie ihr fremd wären, sie zählte daran die Tage ab, die Tage bis zur Hochzeit ....

—— Freitag —— eins, flüsterte sie vor sich hin; Sonnabend —— zwei, Sonntag —— drei, Montag....

Die Hände sanken ihr in den Schooß, ihr Gesicht wurde wieder hart und starr. Noch einmal faßte gräßliche Furcht sie lähmend. an, und die nächsten Worte erstarben ihr im Munde.

Hauptmann Wragge nahm sein Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn ab.

—— Der Teufel mag die zweihundert Pfund holen! sagte er für sich. Zweihundert Pfund werden mir nicht diese Qual bezahlen!

Er ging wieder an den Schreibtisch, nahm die Umschläge, welche er an sich selbst überschrieben hatte, aus der Tasche und kehrte an den Stuhl zurück, auf welchem sie saß, diese Umschläge in der Hand.

—— Ermannen Sie sich, sagte er. Ich habe Ihnen ein letztes Wort zu sagen. Können Sie es hören?

Sie kämpfte mit sich und ermannte sich, ein schwacher Anflug von Röthe stieg in ihren Wangen aus, sie nickte mit dem Kopfe.

—— Sehen Sie diese an, fuhr Hauptmann Wragge fort, indem er die Umschläge in die Höhe hielt. Wenn ich diese zu dem Gebrauche anwende, zu dem ich sie beschrieben habe, so wird Mrs. Lecounts Herr den Brief von Mrs. Lecount nimmermehr empfangen. Wenn ich sie zerreiße, so wird er mit der morgenden Post wissen, daß Sie das Weib sind, welches ihn auf der Vauxhallpromenade besucht hat. Sprechen Sie das Wort aus! Soll ich die Umschläge zerreißen, oder soll ich sie wieder in meine Tasche stecken?

Es folgte ein. Pause tiefsten Schweigens. Das Murmeln der Sommerfluth auf den Gesteinen des Ufers, und die Stimmen der Sommergäste auf der Promenade drangen durch das offene Fenster herein und erfüllten die leere Stille des Zimmers.

Sie richtete das Haupt empor, erhob die Hand und zeigte steif und starr nach den Umschlägen hin.

—— Stecken Sie sie ein, sprach sie.

—— Ist das Ihr Ernst? frug er.

—— Mein vollkommener Ernst.

Als sie diese Antwort gab, ließ sich das Geräusch heranrollender Räder auf der Straße draußen vernehmen.

—— Hören Sie diese Räder? sprach Hauptmann Wragge.

—— Ich höre sie.

—— Sehen Sie die Kutsche? sagte der Hauptmann und zeigte durchs Fenster, als die Kutsche, die er vom Gastwirth bestellt hatte, vor dem Gartenthor Vorfuhr.

—— Ich sehe sie.

—— Und aus freiem, eignen Willen sagen Sie mir, ich solle gehen?

—— Ja. Gehen Sie!

Ohne ein Wort weiter verließ er sie. Das Dienstmädchen wartete an der Thür mit seiner Reisetasche.

—— Miss Bygrave ist nicht wohl, sagte er. Sage Deiner Herrin, daß sie zu ihr ins Wohnzimmer gehe.

Er ging und setzte sich in den Gig und fuhr nach der ersten Station der Reise nach St. Crux. ——



Kapiteltrenner

Zwölftes Capitel.

Gegen drei Uhr Nachmittags hielt der Hauptmann an der nächsten Station vor Offory an, wo die Eisenbahn durch Essex vorbeigeht. Nachfragen, die er auf der Stelle veranlaßte, bekehrten ihn, daß er nach St. Crux zu Wagenfahren, dort eine Viertelstunde bleiben und nach der Station rechtzeitig zum Abendzug nach London zurückkehren konnte. Zehn Minuten später war der Hauptmann wieder auf der Landstraße und fuhr eilig in der Richtung nach der Küste zu.

Nachdem er einige (englische) Meilen auf der Straße zurückgelegt hatte, machte die Kutsche eine Wendung und fuhr in ein verwickeltes Netzwerk von Kreuzwegen hinein.

—— Sind wir noch weit von St. Crux? fragte der Hauptmann ungeduldig, nachdem Meile auf Meile zurückgelegt war, ohne daß sich das Ende der Reise absehen ließ.

—— Sie werden das Haus bei der nächsten Wendung der Straße sehen, Sir, sagte der Kutscher.

Die nächste Wendung der Straße brachte sie wieder in Sicht des offenen freien Feldes. Gerade vor dem Wagen sah Hauptmann Wragge eine lange dunkle Linie gegen den Himmel, die Linie des Seedammes, welcher die untere Küste von Essex vor Ueberschwemmung schützt. Das flache Zwischenland war von einem Wirrsal von zeitweiligen Bächen durchschnitten, welche sich von der unsichtbaren See her in wunderlichen phantastischen Wendungen und Sprüngen landeinwärts zogen, Flüsse bei Hochwasser, Schmutzcanäle bei niederem Wasserstande. Zu seiner Rechten lag ein nettes kleines Dorf, zumeist aus Holzhäusern bestehend und sich an den Rand eines jener Rinnsale erstreckend. Zu seiner Linken weiter hin erhoben sich die düsteren Ruinen einer Abtei mit einem langen niederen trostlosen Pfeiler von ungeheurer Höhe und großem Alter, der sich daran lehnte. Eins der Flüßchen, —— welche man beiläufig in Essex »Hinterwasser« [backwaters.] nennt, schlängelte sich fast rings um das Gebäude herum. Ein anderes, das von der entgegengesetzten Seite kam, schien geradewegs durch das Feld zu laufen und einen Flügel der gestaltlosen Masse des Gebäudes, welcher leidlich ausgebessert war, von dem andern, der eigentlich beinahe eine Ruine war, abzutrennen. Holzbrücken und Ziegelsteinbrücken liefen über den Fluß und machten das Gebäude von allen Gegenden des Compasses aus zugänglich. In der Nachbarschaft ließ sich keine menschliche Seele sehen, und man hörte keinen Ton außer dem rauhen Gebell des Haushundes aus einem unsichtbaren Hofe herausschallen.

—— An welcher Thür soll ich Vorfahren, Sir, fragte der Kutscher, an der vorderen oder an der Hinterthür?

—— An der Hinterthür, sagte Hauptmann Wragge, welcher fühlte, daß, je weniger er Aufmerksamkeit in seiner gegenwärtigen Lage auf sich zöge, desto besser es für selbige sein werde.

Die Kutsche ging zwei Mal über den Fluß, ehe der Kutscher auf dem Felde in eine traurige Steinumfassung einlenken konnte. An einer offenen Thür des bewohnten Theiles des Gebäudes saß ein verwitterter alter Diener, welcher sich emsig mit einem halbfertigen Schiffsmodell zu schaffen machte. Er stand aus und trat an den Kutschenschlag, indem er seine Brille auf die Stirn hinaufschob und erstaunt aussah über die Erscheinung eines Fremden.

— Wohnt Mr. Noël Vanstone hier? frug Hauptmann Wragge.

—— Ja, Sir, antwortete, der alte Mann. Mr. Noël kam gestern an.

—— Nehmen Sie doch diese Karte für Mr. Vanstone, wenn Sie so gut sein wollen, sagte der Hauptmann, und sagen Sie ihm, ich wartete darauf, ihn zu sehen.

In wenigen Minuten kam denn auch Mr. Noël Vanstone athemlos und mit Spannung in seinen Zügen zum Vorschein, von Begierde, Nachrichten aus Aldborough zu hören, verzehrt. Hauptmann Wragge öffnete den Wagenschlag, ergriff ihn bei der ausgestreckten Hand und zog ihn ohne Umstände zu sich in die Kutsche.

—— Ihre Haushälterin ist fort, flüsterte der Hauptmann, und Sie werden Montag getraut werden. Regen Sie sich nicht auf und sprechen Sie Ihre Gefühle nicht aus, es ist keine Zeit dazu. Nehmen Sie den ersten Dienstboten im Hause, der Ihnen in den Weg kommt, her und lassen Sie sich Ihr Gepäck in zehn Minuten packen, sagen Sie dem Admiral Lebewohl und, kommen Sie sofort mit mir zurück zum Londoner Zuge.

Mr. Noël Vanstone versuchte schwach eine Frage zu thun. Der Hauptmann weigerte sich sie anzuhören.

—— Sprechen Sie auf der Landstraße, soviel Sie wollen, sagte er, die Zeit ist viel zu kostbar, um sie mit Sprechen zu vergeuden. Oder können wir wissen, ob nicht die Lecount sich die Sache anders überlegt? Können wir wissen, ob sie nicht zurückkommt, ehe sie nach Zürich gelangt?

Diese beunruhigende Erwägung schreckte Mr. Noël Vanstone in augenblicklichen Gehorsam hinein.

—— Was soll ich aber zum Admiral sagen? fragte er in bitterlicher Verlegenheit.

—— Sagen Sie ihm, Sie sollten eben vermählt werden, natürlich! Was verschlägt es, jetzt, wo die Lecount den Rücken gewandt hat? Wenn er sich wundert, daß Sie es ihm nicht eher gesagt haben, so erklären Sie ihm, es sei eine Heirath mit Entführung, und die Braut warte Ihrer. Halt noch eins! Alle Briefe, welche in Ihrer Abwesenheit an Sie abgeschickt werden, werden natürlich hierher gerichtet? Geben Sie dem Admiral diese Couverts und sagen Sie ihm, daß er Ihre Briefe im Einschluß an meine Adresse schickt. Ich bin ein alter Kunde in dem Hotel, zu welchem wir gehen, und wenn wir das Haus gefüllt finden sollten, so wird der Wirth zuverlässig alle Briefe in Acht nehmen, welche meinen Namen tragen. Eine sichere Adresse in London für Ihre Correspondenz kann von der größten Wichtigkeit sein. Wie können wir wissen, ob nicht die Lecount auf ihrer Reise nach Zürich an Sie schreiben wird?

—— Was für einen Kopf haben Sie doch, rief Mr. Noël Vanstone, indem er begierig die Couverts an sich nahm, Sie denken auch an Alles!

Er verließ den Wagen in großer Erregung und eilte ins Haus zurück. Zehn Minuten darauf hatte ihn Hauptmann Wragge in sicherem Gewahrsam, und die Pferde setzten sich zur Rückfahrt in Bewegung.

Die Reisenden erreichten London denselben Abend noch bei guter Zeit und fanden in dem Hotel Unterkunft.

Wohl wissend, welch eine unruhige, neugierige Natur der Mann war, mit dem er zu thun hatte, hatte Hauptmann Wragge eine kleine Schwierigkeit in Bereitschaft gesetzt, wenn es galt, die Fragen zu beantworten, die Wir. Noël Vanstone auf dem Wege nach London an ihn richten würde. Zu seiner großen Freude nahm aber eine aufregende Entdeckung in seinem Hauswesen die ganze Aufmerksamkeit seines Reisegefährten gleich beim Beginne der Reise in Anspruch. Durch ein außerordentliches Versehen, hatte man am Vorabende der Hochzeit vergessen, Miss Bygrave eine Kammerjungfer zu besorgen! Mr. Noël Vanstone erklärte, daß er. die ganze Verantwortung auf sich nehmen wolle, diesen Mangel in der Anordnung auf seine Schultern zu laden. Er wolle Mr. Bygrave nicht behelligen, ihm Beistand zu leisten, er wolle, sobald sie an ihren Bestimmungsort kämen, sich mit der Wirthin des Hotels besprechen und die Candidatinnen für das offene Amt selbst prüfen und erwählen. Auf dem ganzen Wege nach London kam er immer und immer wieder auf diesen Gegenstand zurück, den ganzen Abend im Hotel war er alle Augenblicke im Zimmer der Wirthin, bis er sie füglich nöthigte, die Thür vor ihm zu verschließen. Bei jedem andern Punkte, der sich auf seine Hochzeit bezog, war er im Hintergrunde belassen worden, war genöthigt gewesen, in die Fußtapfen seines gescheidten Freundes zu treten: bei der Angelegenheit der Kammerjungfer forderte er endlich sein ihm zukommendes Recht, —— er folgte Niemand mehr —— er nahm die Zügel selber in die Hand!

Der Vormittag des nächsten Tages ward damit zugebracht, um Heirathsdispens zu erlangen. Die persönliche Auszeichnung, daß er die eidliche Erklärung abgeben mußte, nahm Mr. Noël Vanstone mit Eifer an und schwor nun in ganz gutem Glauben —— auf die vorher von dem Hauptmann erhaltene Mittheilung hin, —— daß die Dame das gesetzliche Alter habe. Als man sich die Urkunde verschafft hatte, kehrte der Bräutigam zurück, um die Charaktere und Eigenschaften der dienst suchenden Dienerinnen zu prüfen, welche die Wirthin in das Hotel beschieden hatte, während sich Hauptmann Wragge »um ein persönliches Geschäft abzumachen«, nach der Wohnung eines Freundes in einem entfernten Theile von London begab.

Der Freund des Hauptmanns war mit den Gesetzen vertraut, und das Geschäft des Hauptmanns war zwiefacher Natur. Sein erster Zweck war, sich über die gesetzlichen Folgen der bevorstehenden Trauung für die Zukunft des Eheherrn und seiner Gattin zu unterrichten. Sein zweiter Zweck war, gleich von vornherein Anstalt zu treffen, um alle Spuren des Aufenthaltsortes zu vertilgen, nach welchem er sich nunmehr begeben würde, sobald er Aldborough am Hochzeitstage verlassen würde. Als er seinen Zweck in beiderlei Hinsicht glücklich erreicht hatte, kehrte er in das Hotel zurück und fand Mr. Noël Vanstone, wie er seine beleidigte Würde in dem Wohnzimmer der Wirthin wahrte. Drei Kammerjungfern waren erschien um ihre Prüfung zu bestehen und hatten sich alle, als es auf die Lohnfrage kam, unverschämterweise rundweg geweigert, die Stelle anzunehmen. Eine vierte Bewerberin wurde den nächsten Tag erwartet, und Mr. Noël Vanstone weigerte sich auf das Bestimmteste, die Hauptstadt eher zu verlassen, bis sie erschienen war. Hauptmann Wragge bezeigte sein Mißvergnügen über den so für die Rückkehr nach Aldborough verursachten unnöthigen Verzug; dies machte aber keinen Eindruck. Mr. Noël Vanstone schüttelte seinen eigensinnigen kleinen Kopf und weigerte sich feierlich, seine Verantwortung auf die leichte Achsel zu nehmen.

Das erste Ereigniß, das am Sonnabend Morgen vorfiel, war die Ankunft von Mrs. Lecounts Brief an ihren Herrn als Einschluß in eins der Couverte, die der Hauptmann an sich selbst adressiert hatte. Er empfing ihn nach einer vorher getroffenen Verabredung mit dem Kellner in seinem Schlafzimmer, las ihn mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und legte ihn dann sorgfältig in seine Brieftasche. Der Brief war unheilverkündend für die Zukunft, wenn die Haushälterin nach England zurückkehrte, und er war es Magdalenen schuldig, ihr, die sie die bedrohte Person war, die Warnung vor Gefahr selbst zu überantworten.

Später am Tage erschien die vierte Bewerberin um die Kammerjungferstelle, ein junges Frauenzimmer von geringen Aussichten und unterwürfigem Benehmen, —— wie die Wirthin bemerkte —— wie eine an Mißgeschick gewöhnte Person. Sie bestand die hochnothpeinliche Prüfung mit Erfolg und nahm den gebotenen Lohn ohne Murren an. Nachdem nun das Dienstverhältniß beiderseitig festgestellt war, traten neue Verzögerungen ein, von denen Wir. Noël Vanstone abermals die Ursache war. Er konnte sich nicht entschließen, ob er für den Trauring mehr als eine Guinea geben solle oder nicht, und vergeudete den Rest des Tages in einem Juwelenladen nach dem andern in so unseliger Weise, daß er und der Hauptmann und die Kammerjungfer, welche mit ihnen reiste, mit knapper Noth den letzten Zug, der am Abend von London abging, erreichen konnten.

Es war spät in der Nacht, als sie die Eisenbahn verließen, wo die nächste Station nach Aldborongh war. Hauptmann Wragge war wunderbarer Weise die ganze Fahrt über in Stillschweigen versunken gewesen. Sein Geist war beunruhigt. Er hatte Magdalenen unter sehr kritischen Umständen bei keiner geeigneten Person, um sie im Auge zu behalten, verlassen und war ganz in Unwissenheit über den Gang, den die Ereignisse in seiner Abwesenheit auf Nordsteinvilla genommen haben konnten.



Kapiteltrenner

Dreizehntes Capitel.

Der erste Umstand, der sich nach Hauptmann Wragges Abreise zu Aldborough ereignete, hatte die Bestimmung, in einer späteren Zeit zu ernsten Verwickelungen zu führen.

Sobald Mrs. Wragges Eheherr den Rücken gewendet hatte, empfing sie die Botschaft, welche er bei seiner Abreise durch das Dienstmädchen ihr sagen ließ. Sie eilte ins Wohnzimmer, verwirrt durch ihre stürmische Unterredung mit dem Hauptmann und reumüthig sich bewußt, daß sie Unrecht gethan hatte, aber ohne zu wissen, worin das Unrecht bestand. Wenn Magdalenens Geist nicht von, dem einem Gedanken der Heirath so ganz in Anspruch genommen worden wäre, wenn sie Sammlung genug besessen hätte, um auf Mrs. Wragges wirre Erzählung Dessen, was während ihrer Unterredung mit der Haushälterin vorgefallen, zu lauschen, so würde der Besuch der Mrs. Lecount in dem Garderobenzimmer früher oder später zur Sprache gekommen sein, und Magdalene hätte, obschon sie wohl nimmer die Wahrheit geahnt hätte, wenigstens die Warnung erhalten, daß irgend ein gefährliches Element verrätherisch in der Alpacarobe verborgen lauere. Wie die Dinge aber lagen, so erfolgte kein solcher Umstand auf Mrs. Wragges Erscheinen im Wohnzimmer, denn kein solcher Umstand war jetzt möglich.

Ereignisse, welche früher am Morgen eingetreten waren, Ereignisse, welche vor Tagen und Wochen schon vorgefallen waren, waren so vollständig aus Magdalenens Gedächtniß entschwunden, als wenn sie nie stattgefunden hätten. Das Schreckbild des herannahenden Montags, die unbarmherzige Gewißheit, welche bis auf Tag und Stunde fest bestimmt vorlag, machte alles Gefühl in ihr zu Stein und alles Denken in ihr zunichte. Mrs. Wragge machte drei Mal Versuche, um aus den Gegenstand des Besuchs der Haushälterin zu sprechen zu kommen. Das erste Mal hätte sie sich ebenso gut an den Wind wenden können oder an das Meer. Der weite Versuch schien beinahe etwas erfolgreicher zu sein. Magdalene seufzte, hörte einen Augenblick gleichgültig zu und verlor dann den Gegenstand.

—— Es thut Nichts, sagte sie. Das Ende ist doch gekommen, wie es kommen sollte. Ich bin nicht böse auf Sie. Sprechen Sie nicht weiter davon.

Später am Tage versuchte es Mrs. Wragge, weil sie nicht wußte, wovon sie sonst reden sollte, zum dritten Male.

Dies Mal wandte sich Magdalene ungeduldig nach ihr hin. Um Gottes Willen, machen Sie mir mit solchen Kleinigkeiten den Kopf nicht warm! Ich kann es nicht ertragen.

Mrs. Wragge schloß ihre Lippen auf der Stelle und kam nun nicht wieder auf die Sache zurück. Magdalene, welche zu allen anderen Zeiten freundlich mit ihr gewesen, hatte es ihr unwillig verboten. Der Hauptmann, ganz und gar in Unbekanntschaft mit dem Interesse, das Mrs. Lecount an den Geheimnissen des Kleiderschreins hatte, war niemals so nahe daran gewesen. Alle Kenntniß, die er aus dem verwirrten Verstande seiner Frau herausbekommen konnte, hatte er durch unmittelbare Fragen erhalten, welche er lediglich nach eignem Ermessen an sie stellte.

Er hatte ohne weitere Entschuldigungen auf klaren undeutlichen Antworten bestanden und, wie gewöhnlich, seinen Zweck erreicht. Seine Abreise am selben Morgen hatte ihm keine Zeit gelassen, die Frage noch ein Mal aufs Tapet zu bringen, selbst für den Fall, daß ihm seine Erbitterung gegen seine Frau ihm Dies verstattet hätte. Da hing denn also die Alpacarobe unbeachtet in der finsteren Ecke, der nicht beargwohnte, unbemerkte Mittelpunkt von Gefahren, die noch im Schooße der Zukunft lagen. ——

Gegen den Nachmittag faßte sich Mrs. Wragge ein Herz, um selbst einen Vorschlag zu machen, sie empfahl einen kleinen Gang ins Freie.

Magdalene setzte theilnahmlos ihren Hut auf, begleitete theilnahmlos ihre Gefährtin auf dem öffentlichen Spaziergange, bis sie zu dessen Nordende kamen. Hier war das Ufer einsam, und hier setzten sie sich denn nebeneinander auf die angeschwemmten Steine nieder. Es war ein heller fröhlicher Tag; Vergnügungsboote segelten auf dem ruhigen blauen Wasser; Aldborough machte heitere Ausflüge zu Land und zu Wasser. Mrs. Wragge gewann bei diesem Anblicke ihre Fröhlichkeit wieder und warf wie ein Kind Kieselsteinchen in die See. Von Zeit zu Zeit richtete sie; einen Verstohlenen Blick auf Magdalenen, sah jedoch in deren Benehmen kein Zeichen der Aufmunterung, in deren Antlitz keine Veränderung zur Gemüthlichkeit. Sie saß schweigend da auf dem Geröllabhange, die Ellenbogen aufs Knie gestützt, das Haupt aus die Hand gelehnt, hinausschauend über das Meern, hinausblickend mit unverrückter Aufmerksamkeit und doch mit Augen, die Nichts zu sehen schienen. Mrs. Wragge wurde der Kiesel überdrüssig und verlor auch die Lust nach den Vergnügungsbooten zu schauen. Ihr großer Kopf begann schwerfällig zu nicken, und sie schlummerte in der warmen schwülen Luft ein. Als sie erwachte, waren die Lustfahrer weit hinweg, ihre Segel waren nur noch weiße Pünktchen in der Entfernung. Die Schaar der Spaziergänger auf dem Ufer war dünner geworden, die Sonne war am Horizont gesunken, die blaue See war dunkler und schauerte von einem Windstoß zusammen. Die Veränderungen Von Luft und Erde und Meer zeigten den abnehmenden Tag an, überall waren Veränderungen, —— nur nicht dicht an ihrer Seite. Da saß Magdalene noch in derselben Stellung mit müden Augen, die noch immer über das Meer schauten und noch immer Nichts sahen.

—— Ach, sprechen Sie doch mit mir! sagte Mrs.Wragge.

Magdalene fuhr zusammen und sah zerstreut um sich.

—— Es ist spät, sprach sie fröstelnd von der sich erhebenden Brise, das erste Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde. Kommen Sie nach Hause; Sie müssen Ihren Thee haben.

Und so wandelte sie schweigend heim.

—— Seien Sie nicht böse über mein Fragen, sagte Mrs. Wragge, als sie am Theetisch beisammen saßen. Sind Sie in Ihrer Seele betrübt, meine liebe Dame?

—— Ja, versetzte Magdalene. Geben Sie nicht Acht auf mich. Mein Kummer wird bald vorüber sein. Sie wartete geduldig, bis Mrs. Wragge mit ihrem Mahl zu Ende war, und ging dann wieder auf ihr Zimmer hinauf.

—— Montag, sprach sie, als sie an ihrem Putztisch saß. Es kann Etwas dazwischen kommen, ehe es Montag wird.

Ihre Finger irrten gegenstands- und zwecklos unter den Kämmen und Bürsten umher, unter den kleinen Flaschen und Kästchen, welche auf dem Tische standen. Sie setzte sie in Ordnung, bald auf diese, bald aus jene Weise und stieß sie dann plötzlich wieder in einen Haufen zusammen und von sich. Eine Minute etwa blieben ihre Hände müßig. Diese Pause verstrich, dann wurden sie wieder unruhig und zogen die beiden kleinen Fächer in dem Tische heraus und hinein in ihren Geschieben. Unter den kleinen Gegenständen, die sich darin befanden, war auch ein Gebetbuch, das ihr aus Combe-Raven gehört hatte und das sie mit ihren anderen Andenken aus der alten Zeit, wo sie und ihre Schwester von zu Hause Abschied genommen hatten, bewahrt hatte. Sie öffnete das Gebetbuch nach langem Zögern bei dem Trauungsformular, schloß es wieder, ehe sie noch eine Zeile gelesen, und stieß es eilends wieder in eines der Schubfächer hinein. Nachdem sie den Schlüssel in dem Schlosse herumgedreht hatte, stand sie auf und ging ans Fenster.

—— Die entsetzliche See! sprach sie, indem sie sich mit einem Schauder des Mißbehagens davon abwendete. Die einsame, traurige, entsetzliche See!

Sie ging zu dem Schubkästchen zurück und nahm das Gebetbuch zum zweiten Male heraus, öffnete es abermals beim Trauungsdienste halb und warf es wieder ungeduldig in das Fach zurück. Dies Mal nahm sie, als sie zugeschlossen hatte, den Schlüssel ab, ging damit ans offene Fenster und warf ihn heftig in den Garten hinab. Er fiel in ein Beet, das dicht mit Blumen bepflanzt war. Er war nicht mehr zu sehen: er war verloren. Das Gefühl, ihn verloren zu haben, schien ihr eine Erleichterung zu gewähren.

—— Etwas kann Freitag kommen, Etwas kann Sonnabend kommen, Etwas kann Sonntag kommen. Drei Tage noch!

Sie schloß die grünen Läden vor dem Fenster und zog die Vorhänge zu, um das Zimmer noch dunkler zu machen. Ihr Haupt wurde schwer, ihre Augen brannten. Sie warf sich auf ihr Bett mit einem plötzlichen Verlangen, die Zeit zu verschlafen.

Die Ruhe des Hauses unterstützte sie dabei, die Dunkelheit des Zimmers kam ihr zu Hilfe, die Betäubung ihres Geistes, in welche sie verfallen war, that ihre Wirkung auf ihre, Sinne: sie fiel in einen unruhigen Schlaf. Ihre unstäten Hände bewegten sich aller Augenblicke, ihr Haupt wandte sich von einer Seite zur andern auf dem Kissen, —— aber noch immer schlief sie. Alsbald kamen ihr ein, zwei Worte über die Lippen, Worte im Schlafe geflüstert, immer zusammenhängender werdend, immer deutlicher ausgesprochen, je länger der Schlaf andauerte, Worte, welche ihre Unruhe zu beschwichtigen und sie in immer tiefere Ruhe hinein zu lullen schienen. Sie lächelte, sie war in den glücklichen Gefilden des Traumgottes —— Franks Name entschlüpfte ihr.

—— Liebst Du mich, Frank? .. flüsterte sie. Ach, mein Liebling, sag es noch ein Mal, sag es noch ein Mal!...

Die Zeit verging, das Zimmer wurde dunkler, und noch schlummerte und träumte sie. Gegen Sonnenuntergang fuhr sie wieder im Bette auf, in einem Augenblicke wach, ohne daß ein Geräusch in oder außer dem Hause dazu Anlaß gegeben hätte. Die schwüle Dunkelheit des Zimmers flößte ihr Entsetzen ein. Sie eilte ans Fenster, stieß die Läden auf und lehnte sich weit hinaus in die Abendluft und das Abend dunkel. Ihre Augen verschlangen die alltäglichen Gegenstände auf dem Ufer, ihre Ohren schlürften das trauliche Murmeln des Meeres durstig ein. Nichts, das sie von den aufregenden Eindrücken befreien konnte, die ihre Träume hinterlassen hatten! Nicht mehr Dunkelheit, nicht mehr Ruhe! Der Schlaf, welcher zu Anderen wie eine Gnade von oben kam, war zu ihr mit Verrath gekommen. Der Schlaf hatte ihre Augen nur für die Zukunft verschlagen, um sie für die Vergangenheit zu öffnen.——

Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinunter, es verlangte sie darnach zu plaudern, gleichviel wie nichtssagend, gleichviel, über welche Kleinigkeiten es sei. Das Zimmer war leer. Vielleicht war Mrs. Wragge an ihre Arbeit gegangen, —— vielleicht war sie auch müde zu Plaudern. Magdalene nahm ihren Hut vom Tische und ging aus. Die See, von welcher sie vor wenigen Stunden zurückgebebt war, sah jetzt freundlich aus. Wie lieblich war sie jetzt in ihrem kühlen Abendblau! Was für eine göttliche Freude in dem fröhlichen Wogengetümmel, das da empordrängte dem Lichte des Himmels entgegen!

Sie blickte hinaus, bis die Nacht hereinfiel und die Sterne blinkten. Die Nacht brachte sie zur Besinnung.

Allmählich erhielt ihr Geist das Gleichgewicht wieder, und sie schaute unerschrocken ihrem Schicksal ins Auge. —— Die eitle Hoffnung, daß ein Zufall das Ende vereiteln möchte, auf das sie aus eigenem, freiem Willen ohne Unterlaß hingearbeitet hatte mit Listen und Ränken, erblich und verließ sie, sich selbst auflösend in ihre eigene Schwäche. Sie kannte die wahre Wahl und sah ihr ins Angesicht. Auf der einen Seite war der beängstigende Abgrund der Hochzeit, auf der andern das Aufgeben ihres Vorhabens. War es zu spät, noch zu wählen zwischen dem Opfer ihrer selbst? Ja, zu spät. Es gab für sie keine Umkehr mehr. Die Zeit, welche kein Wunsch mehr abwenden konnte, die Zeit, welche kein Gebet zurückrufen konnte, hatte ihr Vorhaben eins gemacht mit ihr selbst: einstmals hatte sie es noch in der Hand, jetzt hatte dasselbe sie in der Hand. Je sehr sie zurückbebte, je härter sie rang, desto unbarmherziger trieb es sie an. Kein anderes Gefühl in ihr war stark genug, es in ihr zu meistern, sogar das Entsetzen nicht, das sie toll machte, das Entsetzen vor der Vermählung.

Gegen neun Uhr ging sie zurück in das Haus.

—— Wieder ausgegangen! sagte Mrs. Wragge, die ihr in der Thür begegnete. Kommen Sie herein und setzen Sie sich nieder, meine Liebe. Wie müde müssen Sie sein!

Magdalene lächelte und klopfte Mrs. Wragge freundlich auf die Schultern.

—— Sie vergessen, wie stark ich bin, sagte sie. Nichts rührt mich.

Sie zündete sich ihr Licht an und ging wieder hinauf in ihr Zimmer. Als sie zu der alten Stelle an ihrem Putztisch zurückkehrte, kam ihr die Hoffnung auf die drei Tage Aufschub, die eitle Hoffnung auf einen rettenden Zufall wieder in das Herz, dies Mal in einer faßbareren Gestalt, als sie bisher angenommen hatte.

—— Freitag, Sonnabend, Sonntag. Es kann ihm Etwas begegnen; es kann mir Etwas begegnen. Etwas Schlimmes, etwas Verhängnißvolles... Eines von uns kann sterben...

Ein plötzlicher Umschwung ging in ihr vor und zeigte sich auf ihrem Gesichte. Sie schauerte zusammen, obgleich kein Geräusch sich hören ließ, das sie erschreckte.

—— Eines von uns kann sterben. Ich kann das Eine sein...

Sie versank in tiefes Nachdenken, erhob sich nach einiger Zeit und rief dann, die Thür öffnend, Mrs. Wragge, damit sie hereinkäme und mit ihr spräche.

—— Sie hatten Recht, als Sie dachten, ich würde mich erschöpfen, sprach sie. Mein Spaziergang ist etwas zu anstrengend für mich gewesen. Ich fühle mich abgespannt, und ich will zu Bette gehen. Gute Nacht!

Sie küßte Mrs. Wragge und schloß wieder sanft die Thür.

Nach einigen Gängen im Zimmer auf und ab, öffnete sie plötzlich ihr Schreibzeug und begann an ihre Schwester zu schreiben. Der Brief wuchs und wuchs unter ihren Händen, sie füllte Bogen auf Bogen von Briefpapier. Ihr Herz war voll von ihrem Gegenstande, es war ihre eigene Geschichte, welche sie Nora schrieb. Sie vergoß keine Thränen; sie war gefaßt und ruhig in ihrem Schmerz. Ihre Feder glitt leicht dahin. Nachdem sie länger als zwei Stunden geschrieben hatte, brach sie ab, ehe noch der Brief zu Ende war. Es war keine Unterschrift darunter, es war ein leerer Raum, der zu einer andern Zeit ausgefüllt werden sollte. Nachdem sie das Schreibzeug bei Seite geschoben und die Briefbogen darin wohlverwahrt hatte, ging sie ans Fenster, um Luft zu schöpfen und stand dort und schaute hinaus.

Der Mond verschwand im Meere. Die Brise der früheren Stunden war vorüber. Ueber Land und Meer schwebte der Geist der Nacht in tiefer und erhabener Ruhe —— unheilbrütend.

Ihr Haupt sank auf ihren Busen, und all die Aussicht vor ihr verschwand mit dem schwindenden Monde. Sie sah keine See, keine Luft mehr. Der Versucher Tod war geschäftig in ihrem Herzen.... Der Versucher Tod; zeigte heimwärts, nach dem Grabe ihrer verstorbenen Eltern auf dem Friedhofe von Combe-Raven.

—— Neunzehn am letzten Geburtstage, dachte sie. Erst neunzehn!...

Sie begab sich vom Fenster weg, zögerte und sah dann wieder hinaus ins Freie.

—— Die schöne Nacht! sagte sie anmuthig. Ach, die schöne Nacht!...

Sie verließ das» Fenster und legte sich auf ihr Bett nieder. Der Schlaf, welcher ihr vorher verrätherisch genaht war, kam nun wie eine gute Schickung, kam tief und ohne Träume, das Bild ihres letzten Gedankens im Wachen: —— das Bild des Todes.

Früh am nächsten Morgen ging Mrs. Wragge in Magdalenens Zimmer und fand sie bereits aufgestanden. Sie saß vor dem Spiegel, indem sie mit dem Kamm langsam durch ihr Haar fuhr, nachdenklich und still.

—— Wie befinden Sie sich heute früh? frug Mrs. Wragge. Wieder ganz wohl?

—— Ja.

Nachdem sie diese bejahende Antwort gegeben, stockte sie, dachte ein Weilchen nach und widersprach sich plötzlich selbst.

—— Nein, sagte sie, doch nicht ganz wohl. Ich habe ein wenig Zahnweh.

Als sie ihre erste Antwort in diesen Worten berichtigte, gab sie ihrem Haar mit dem Kamme einen Strich, so daß es vorwärts fiel und ihr Gesicht verbarg.

Beim Frühstück war sie sehr schweigsam und genoß nichts weiter als eine Tasse Thee.

—— Lassen Sie mich in die Apotheke gehen und Etwas dagegen holen, sagte Mrs. Wragge

—— Nein, ich danke Ihnen.

—— O, lassen Sie mich doch gewähren!

—— Nein, sage ich!

Sie lehnte zum zweiten Mal scharf und unwillig ab. Wie gewöhnlich gab Mrs. Wragge nach und ließ ihr den Willen. Als das Frühstück vorüber war, stand sie auf und ging aus, ohne ein Wort zu sagen. Mrs. Wragge sah ihr aus dem Fenster nach und bemerkte, daß sie nach der Apotheke zu ging.

Als sie die Thür der Apotheke erreicht hatte, blieb sie plötzlich stehen, wartete, ehe sie hineinging, und sah durchs Fenster hinein, zögerte und ging ein Stückchen weiter, zögerte wieder und schlug die erste Wendung ein, welche an das Meeresufer zurückführte.

Ohne sich umzusehen, ohne darauf zu achten, welchen Platz sie wählte, setzte sie sich auf das Geröll. Die einzigen Wesen, die, wo sie sich jetzt befand, ihr nahe waren, waren ein Kindermädchen und zwei kleine Knaben. Der jüngste von den beiden hatte ein niedliches Schiff zum Spielen in der Hand. Nachdem der Knabe Magdalenen eine kleine Weile mit dem vollkommensten Ernst und unverwandt angesehen, ging er plötzlich zu Magdalenen heran und bahnte sich den Weg zur Bekanntschaft dadurch, daß er ruhig sein Schifflein in ihren Schooß legte.

—— Sieh mein Schiff an, sagte das Kind, indem es seine Händchen auf Magdalenens Kniee übereinander legte.

Sie war für gewöhnlich nicht sanft mit Kindern. In glücklicheren Tagen würde sie die Annäherung des Knaben nicht so aufgenommen haben, wie sie jetzt that. Die harte Verzweiflung in ihren Augen wich plötzlich daraus, ihre fest geschlossenen Lippen öffneten sich und zitterten. Sie drückte das Schiff wieder in die Hände des Kindes hinein und hob es auf ihren Schooß.

—— Willst Du mir einen Kuß geben? sprach sie leise.

Der Knabe schaute auf sein Schiff, als wenn er lieber das Schiff geküßt hätte.

Sie wiederholte die Frage beinahe flehentlich. Das Kind legte ihr sein Händchen an den Nacken und küßte sie.

—— Wenn ich Dein Schwesterchen wäre, würdest Du mich lieb haben?

All das Elend einer freundlosen Stellung, all das sonst zurückgedrängte Fühlen ihres Herzens ergoß sich in diesen Worten.

—— Würdest Du mich lieben? wiederholte sie, indem sie ihr Gesicht an der Brust des Kindes verbarg.

—— Ja, sagte der Kleine. Sieh nur mein Schiff.

Sie sah sein Schiff durch die Thränen an, die sich in ihren Augen sammelten.

—— Wie nennst Du es? frug sie, indem sie sich sogar zwingen mußte, sich zu eines Kindes Interessen herabzustimmen.

—— Ich nenne es Onkel Kirke’s Schiff, sagte der Knabe. Onkel Kirke ist fortgegangen.

Der Name erinnerte sie an Nichts aus ihrer Vergangenheit. Keine Erinnerungen außer denen aus alter Zeit lebten jetzt noch in ihr.

—— Fortgegangen? wiederholte sie zerstreut, indem sie sann, was sie zunächst mit ihrem kleinen Freunde sprechen sollte.

—— Ja, sprach der Knabe. Fort nach China.

Sogar von den Lippen eines Kindes berührte sie das Wort mit schneidendem Weh. Sie hob Kirkes kleinen Neffen vom Schooße und verließ augenblicklich das Ufer.

Als sie nach Hause zurückkehrte, erneuerte sich der Kampf der vergangenen Nacht in ihrem Geiste. Allein das wohlthätige Gefühl, das das Kind über sie gebracht hatte, die wiederauflebende Zärtlichkeit, welche sie empfunden, wie er auf ihrem Schooße saß, äußerten noch ihren Einfluß auf sie. Sie war sich einer aufdämmernden Hoffnung bewußt, welche sich ihrem Denken aufthat, als die kleinen unschuldigen Augen sich vor ihr aufthaten, als er auf dem Gestade zu ihr gesprungen kam. War es denn wirklich zu spät zur Umkehr? Noch einmal legte sie sich diese Frage vor und —— zum ersten Male fragte sie Das mit zweifelndem Gemüthe.

Sie eilte in ihr Zimmer hinauf mit einem aufkeimenden Mißtrauen gegen sich selbst, welches ihr zurief, zu handeln und nicht zu grübeln. Ohne so lange zu warten, bis sie ihren Shawl abgethan oder ihren Hut heruntergenommen hatte, öffnete sie ihr Schreibzeug und schrieb, so rasch nur die Feder über das Papier fliegen konnte, folgende Zeilen an Hauptmann Wragge.

Sie werden das Geld, das ich Ihnen versprach, im Einschluß finden. Mein Entschluß hat sich geändert. Das Entsetzen, ihn heirathen zu müssen, ist mehr, als ich ertragen kann. Ich habe Aldborough verlassen. Haben Sie Nachsicht mit meiner Schwäche und vergessen Sie mich.

Lassen Sie uns einander nie wieder begegnen.

Mit klopfendem Herzen, mit hastig zitternden Fingern zog sie ihr kleines, weißseidenes Täschchen aus dem Busen und nahm die Banknoten heraus, um sie in den Brief zu legen. Ihre Hand fuhr Ungestüm suchend umher, sie hatte fast ihr Tastgefühl verloren. Sie knitterte den ganzen Inhalt des Täschchens in einen Haufen Papiere zusammen und zog sie heftig heraus, die einen zerreißend, die andern aus ihrer Form bringend. Als sie dieselben vor sich auf den Tisch warf, war das Erste, was ihr in die Augen fiel, ihre eigene Handschrift. Sie sah näher darauf und sah die Worte, welche sie aus ihres seligen Vaters Briefe abgeschrieben hatte —— sah den Brief des Advocaten und dessen schreckliche Erklärung dazu an dem unteren Ende des Blattes ihr entgegenleuchten:

Mr. Vanstones Töchter sind Niemandes Kinder, und das Gesetz überläßt sie hilflos der Gnade ihres Oheims:

Ihr klopfendes Herz stockte, ihre zitternden Hände wurden eisig ruhig. Die ganze Vergangenheit stand vor ihr auf, ein einziger stummer überwältigender Vorwurf! Sie nahm die Zeilen, welche ihre Hand vor kaum einer Minute geschrieben hatte, in die Höhe und sah auf die Tinte, welche noch nicht einmal trocken war, mit gedankenloser Ungläubigkeit.

Die Farbe, welche sich auf ihren Wangen gezeigt hatte, erstarb darauf noch ein Mal. Die harte Verzweiflung schaute aus ihren thränenlosen Augen abermals heraus, kalt und blitzend. Sie legte die Banknoten sorgfältig wieder zusammen und steckte sie wieder in ihre Tasche. Sie drückte die Abschrift von ihres Vaters Brief an ihre Lippen und brachte sie wieder an ihren Platz, samt den Banknoten. Als das Täschchen wieder auf ihrem Busen war, wartete sie einen Augenblick, die Hände vor ihr Gesicht gedrückt, dann zerriß sie entschlossen die an Hauptmann Wragge gerichteten Zeilen. Ehe die Tinte noch trocken war, lag der Brief in tausend Fetzen auf dem Boden.

—— Nein! sprach sie, als ihr das letzte Stückchen des zerrissenen Papiers aus der Hand fiel, —— auf dem Wege, den ich gehe, ist keine Umkehr!

Sie stand gefaßt auf und verließ das Zimmer. Als sie die Treppe hinunterstieg, begegnete sie Mrs. Wragge, die heraufkam.

—— Schon wieder ausgehen, meine Liebe? frug Mrs. Wragge. Darf ich mit Ihnen gehen?

Magdalenens Geist war wo anders. Anstatt auf die Frage zu antworten, antwortete sie auf ihre eigenen Gedanken.

—— Tausende von Frauen heirathen nach Geld. Warum sollte ich nichts auch?

Die verlegene Verwirrung auf Mrs. Wragges Angesicht, wie sie diese Worte gesprochen hatte, ermunterte sie, sich wieder in der Gegenwart zu fühlen.

—— Meine arme, liebe Freundin! sprach sie, ich bringe Sie in Verlegenheit, nicht wahr? Achten Sie nicht darauf, was ich sage, —— alle Mädchen sprechen Unsinn, und ich bin nicht besser als die Uebrigen. Kommen Sie, ich will Ihnen einen Schmaus geben. Sie sollen sich ergötzen solange der Hauptmann fort ist. Wir wollen eine lange Spazierfahrt für uns machen. Setzen Sie ihre pfiffige Haube auf und kommen Sie mit mir nach dem Hotel. Ich will der Wirthin sagen, sie soll ein hübsches kaltes Mittagsessen in eine Schachtel packen. Sie sollen alle die Dinge haben, die Sie gern essen —— und ich will Ihnen vorlegen. Wenn Sie eine alte, alte Frau sein werden, so werden Sie freundlich an mich zurückdenken, nicht wahr? Sie werden sagen: »Sie war kein übles Mädchen, Hunderte waren schlimmer als sie und lebten und waren glücklich, und kein Mensch wirft einen Stein auf sie«. Da, da, gehen Sie und setzen Sie Ihre Haube auf..... Ach, mein Gott, was wird aus meinem Herzen! Wie es lebt und immer noch lebt, wo andere Mädchenherzen schon längst aufgehört hätten zu schlagen!

Eine halbe Stunde später saßen sie und Mrs. Wragge zusammen im Wagen. Eins von den Pferden zog beim Abfahren nicht an.

—— Geben Sie ihm Eins mit der Peitsche, rief sie zornig dem Kutscher zu. Worüber erschrecken Sie! Geben Sie ihm die Peitsche! —— Wenn nun der Wagen umstürzte, sprach sie, plötzlich zu ihrer Gesellschafterin gewandt, und wenn ich nun herausgeworfen und auf der Stelle todt wäre? Unsinn, sehen Sie mich nicht so an. Ich bin wie Ihr Mann; ich habe eine Anwandlung von Humor, und ich mache nur Scherz.

Sie waren den ganzen Tag weg. Als sie wieder heimkamen, war die Nacht schon hereingebrochen. Die langen in der frischen Luft zugebrachten Stunden hinterließen bei Beiden das Gefühl der Müdigkeit. Auch in dieser Nacht schlief Magdalene den tiefen traumlosen Schlaf der Nacht zuvor. Und so ging der Freitag zu Ende.

Ihr letzter Gedanke in der Nacht war derjenige gewesen, der sie den ganzen Tag aufrecht erhalten hatte. Sie legte ihr Haupt auf das Kissen nieder mit derselben Entschlossenheit, sich der nahen Prüfung zu unterwerfen, die sich bereits in Worten ausgesprochen hatte, als sie und Mrs. Wragge sich zufällig auf der Treppe begegneten. Als sie am Sonnabend Morgen aufwachte, war ihre Entschlossenheit wieder verschwunden. Die Freitagsgedanken, —— sogar die Freitagsereignisse waren aus ihrem Gedächtnisse ausgelöscht. Abermals rieselte es ihr trotz ihrer Jugend kalt durch die Adern, sie fühlte wieder das tödtliche Heranrücken der Verzweiflung, die in dem schwindenden Mondenscheine ihr nahegetreten war und die ihr in der erhabenen Stille ins Ohr geflüstert hatte.

—— Ich sah das Ende, wie es kommen mußte, sprach sie zu sich selbst, in der Donnerstagsnacht. Ich bin seitdem immer auf dem falschen Wege gewesen.

Als sie und ihre Gesellschafterin an diesem Morgen zusammenkamen, erneuerte sie ihre Klage wegen des Zahnwehs, sie lehnte das Erbieten der Mrs. Wragge, Arznei zu holen, abermals ab und verließ das Haus nach dem Frühstück wieder in der Richtung nach der Apotheke, wie sie den Morgen zuvor gethan hatte.

Dies Mal trat sie in den Laden, ohne einen Augenblick zu zögern.

—— Ich habe einen Anfall von Zahnweh, sprach sie abgerissen zu einem ältlichen Manne, der hinter dem Ladentische stand.

—— Darf ich Ihren Zahn besehen, Miss?

—— Es ist nicht nöthig, ihn zu besehen. es ist ein hohler Zahn. Ich denke ich habe es von Erkältung.

Der Apotheker empfahl verschiedene Mittel, wie sie seit fünfzehn Jahren in Aufnahme wären. Sie mochte aber keins davon kaufen.

—— Ich habe immer gefunden, daß Opium den Schmerz besser hebt, als irgend etwas Anderes, sagte sie, indem sie mit den Flaschen auf dem Ladentische spielte und dieselben ansah, während sie sprach, anstatt den Apotheker anzublicken. Geben Sie mir etwas Opium.

—— Ganz wohl, Miss. Erlauben Sie mir aber eine Frage, es ist nur der Form wegen. Sie wohnen in Aldborough, nicht wahr?

—— Ja. Ich bin Miss Bygrave von Nordsteinvilla.

Der Apotheker verbeugte sich, wandte sich sofort zu seinen Schränken und füllte ein gewöhnliches Halbunzenfläschchen mit Opium. Indem der Besitzer des Ladens den Namen und die Wohnung des Kunden vorher erfragte, erfüllte er eine Vorsichtsmaßregel, welche bei dem Stande der Gesetzgebung zu damaliger Zeit keineswegs unter solchen Umständen allgemein war.

—— Soll ich Ihnen etwas Watte auf das Opium legen? frug er, nachdem er ein Zettelchen an die Flasche befestigt und in großen Buchstaben ein Wort darauf geschrieben hatte.

—— Wenn Sie so gut sein wollen, ja. Was haben Sie auf die Flasche geschrieben?

Sie stellte die Frage in scharfem Tone mit eben soviel Mißtrauen als Neugier in ihrer Art und Weise.

Der Apotheker beantwortete die Frage, indem er einfach den Papierstreifen nach ihr zu drehte. Sie las darauf m großen Buchstaben geschrieben: Gift.

——Ich gehe gern sicher, sprach der alte Mann lächelnd. Sonst sehr ehrenwerthe Leute sind oft unselig nachlässig, wo es sich um Gifte handelt.

Sie begann wieder mit den Flaschen auf dem Ladentische zu spielen und stellte mit schlecht verhohlener Spannung eine andere Frage.

—— Ist bei so einem kleinen Tropfen Opium, fragte sie, von Gefahr die Rede?

—— Es ist genug, um den Tod hervorzubringen, Miss, versetzte der Apotheker ruhig.

—— Bei einem Kinde oder bei einer Person von schwacher Gesundheit?

—— Tod bei dem stärksten Manne in England, wer es auch sein möge.

Mit diesen Worten siegelte der Apotheker das Fläschchen in seine Hülle von weißem Papier und reichte das Opium, Magdalenen über den Ladentisch hinüber. Sie lachte, als sie es von ihm in Empfang nahm, und bezahlte es.

—— Es wird auf Nordsteinvilla keine Gefahr zu fürchten sein, sprach sie. Ich werde das Fläschchen in meinem Putztische verschlossen halten. Wenn es den Schmerz nicht hebt, so muß ich wieder zu Ihnen kommen und es mit einem andern Mittel versuchen. Guten Morgen.

—— Guten Morgen, Miss.

Sie ging geradewegs nach Hause, ohne einmal auf zusehen, ohne zu bemerken, ob Jemand und wer neben ihr ging. Sie streifte in der Flur an Mrs. Wragge vorbei, als ob sie an einem Stück Möbel vorbei gestreift wäre. Sie ging die Treppe hinaus und verfing ihren Fuß zwei Mal in ihren Kleidern wegen ihrer Unachtsamkeit auf die gewöhnliche Vorsicht, sie in die Höhe zu nehmen. Die alltäglichen Interessen und Sorgen des Lebens hatten bereits ihre Macht auf sie verloren.

In der Stille ihres Zimmers nahm sie das Fläschchen aus seiner Hülle und warf das Papier und die Watte ins Kamin. In dem Augenblicke, als sie Das that, geschah ein Klopfen an die Thür. Sie versteckte die kleine Phiole und schloß ungeduldig auf. Mrs. Wragge kam ins Zimmer.

—— Haben Sie Etwas für Ihr Zahnweh, meine Liebe?

Ja.

—— Kann ich Ihnen irgendwo zur Hand sein?

—— Nein.

Mrs. Wragge zögerte noch unruhig an der Thür, Ihr Benehmen verrieth deutlich, daß sie noch Etwas auf dem Herzen hatte.

—— Was gibt es? frug Magdalene mit scharfem Tone.

—— Seien Sie nicht Böse, sprach Mrs. Wragge. Ich bin in meinen Gedanken noch nicht ruhig über den Hauptmann. Er ist ein fleißiger Briefschreiber —— und doch hat er noch nicht geschrieben Er ist schnell wie der Blitz, —— und doch ist er noch nicht zurück. Heute ist Sonnabend, und noch kein Zeichen von ihm. Ist er auf und davon gegangen, was meinen Sie? Ist ihm Etwas begegnet?

—— Ich glaube es nicht. Gehen Sie wieder hinunter; ich will sogleich kommen und mit Ihnen davon sprechen.——

Sobald Magdalene wieder allein war, stand sie von ihrem Stuhle auf, ging auf einen Schrank im Zimmer zu, der verschlossen war und hielt einen Augenblick zögernd inne, die Hand am Schlüssel. Mrs Wragges Erscheinen hatte ihren ganzen Gedankengang in Verwirrung gebracht. Mrs. Wragges letzte Frage, so nichtssagend sie auch war, hatte sie am Rande des Abgrundes stutzig gemacht, hatte die alte schwache Hoffnung auf Erlösung durch einen Zufall aufs Neue in ihr rege gemacht.

—— Und warum nicht? sprach sie. Warum sollte Einem von ihnen nicht Etwas zugestoßen sein können?

Sie stellte das Opium in den Schrank, verschloß diesen und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.

—— Noch Zeit genug bis Montag, dachte sie, —— ich will warten, bis der Hauptmann zurückkommt.

Nach einigem Hin- und Herreden im unteren Zimmer wurde ausgemacht, daß das Dienstmädchen die Nacht aufbleiben und, bis ihr Herr zurückkehrt, warten sollte. Der Tag verging ruhig ohne Ereignisse irgendwelcher Art. Magdalene träumte die Stunden hinweg, indem sie in einem Buche las. Die Geduld des Harrens und Wartens war über sie gekommen, die stechende Qual des Grübelns war endlich der Betäubung und Abstumpfung gewichen. Sie brachte den Tag und den Abend im Wohnzimmers hin, mit einem unbestimmten Gefühl, das sie warnte, in ihr eigenes Zimmer zu gehen. Als die Nacht herankam, als das Geräusch draußen und im Hause aufhörte, begann ihre Unruhe aufs Neue. Sie versuchte, sich durch Lesen zu zerstreuen. Allein die Bücher vermochten nicht ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Die Zeitung lag in einer Ecke des Zimmers; sie versuchte es nun mit der Zeitung.

Sie blickte zerstreut auf die Ueberschriften der Artikel, sie blätterte ohne Aufmerksamkeit Seite auf Seite durch, bis ihre umherschweifenden Blicke auf die Schilderung einer Hinrichtung in einem entfernten Theile von England fielen und angezogen wurden. Es war Nichts in der Geschichte des Verbrechens, das sie irgendwie anging, und doch las sie dieselbe. Es war eine gewöhnliche, entsetzlich gewöhnliche Mordgeschichte —— die Ermordung einer Bauernmagd durch einen Knecht, der eifersüchtig auf sie war. Er war durch keinen außerordentlichen Beweis überführt worden, und man hatte ihn dann unter keinen außergewöhnlichen Umständen aufgeknüpft Er hatte sein Geständniß abgegeben, wie andere Verbrecher seiner Classe, als er sah, daß keine Hoffnung mehr für ihn war, und die Zeitung hatte dasselbe am Schlusse des Artikels in folgenden Worten veröffentlicht: [Authentisch, vgl. Allgem. Zeitung, 3. August 1862, Correspondenz ans London. W.]

Ich stand mich mit der Verstorbenen ungefähr ein Jahr lang gut. Ich sagte, ich würde sie heirathen, wenn ich erst Geld genug hätte. Sie sagte, ich hätte jetzt Geld genug. Wir hatten einen Streit. Sie weigerte sich, mit mir wieder auszugehen; sie wollte Nichts mehr von meinem Bier wissen, sie ließ sich mit meinem Kameraden, dem Knecht David Crouch, ein. Ich ging am Sonnabend zu ihr hin und sagte, ich wolle sie heirathen, sobald wir nur aufgeboten werden könnten —— wenn, sie Crouch aufgeben wollte.

Sie lachte mich aus. Sie drängte mich aus dem Waschhause hinaus, und die Anderen sahen, wie sie mich hinaussteckte. Ich war nicht mehr bei mir selber. Ich ging fort und setzte mich auf ein Thor, das Thor auf der Wiese, die sie »Pettits Stück« nennen. Ich dachte, ich müßte sie. erschießen. Ich ging und nahm meine Flinte her und lud sie. Ich ging wieder hinaus auf die Wiese. Ich hatte mir es fest vorgenommen, mit mir aufs Reine zu kommen. Ich dachte, ich könnte mein Glück versuchen, —— ich meine, das Schicksal fragen, ob ich sie todt machen sollte oder nicht —— indem ich die Pflugschar in die Luft würfe. Ich sagte zu mir, wenn sie flach fällt, so will ich ihr das Leben schenken, wenn sie aber mit der Spitze in die Erde fällt, so will ich sie todt machen. Ich schwang sie tüchtig herum und warf sie in die Höhe. Sie fiel mit der Spitze in die Erde. Da ging ich denn und schoß sie nieder. Es war ein schlechter Spaß, aber ich that es. Ich that es, weils, wie man zu sagen pflegt, Bestimmung war. Ich hoffe, der Herr wird Gnade mit mir haben. Ich wünsche, daß meine Mutter meine alten Kleider erhält. Ich habe Nichts mehr zusagen.

In den glücklicheren Tagen ihres Lebens würde Magdalene den Bericht von der Hinrichtung überschlagen haben samt dem gedruckten Geständnis das ihn begleitete; der Gegenstand würde sie nimmer angezogen haben. Jetzt aber las sie die entsetzliche Geschichte, las sie mit einem ihr selbst unerklärlichen Interesse. Ihre Aufmerksamkeit, welche über edlere und bessere Gegenstände hinweggegangen war, folgte jedem Satze in dem abscheulich unumwundenen Geständnisse des Mörders von Anfang bis zu Ende. Wenn der Mann oder das Frauenzimmer ihr bekannt gewesen wären, wenn der Ort irgend ein Interesse für sie gehabt hätte, so hätte sie der Erzählung nicht aufmerksamer folgen oder einen tieferen Eindruck auf ihr Gemüth davontragen können. Sie legte die Zeitung hin, verwundert über sich selbst, sie nahm sie noch einmal in die Hand und versuchte einen andern Theil ihres Inhalts zu lesen. Der Versuch war vergeblich, ihr Geist schweifte sogleich wieder ins Weite. Sie warf das Blatt weg und ging in den Garten hinaus. Der Abend, war dunkel, die Sterne waren nur einzeln und schwach zu sehen. Sie konnte nur den Kiesweg erkennen und auf ihm zwischen der Hausthür und dem Gartenthore auf- und abgehen.

Das Geständnis; in der Zeitung hatte sich ihrem Geiste auf schauerliche Weise eingeprägt. Wie sie ans dem Wege dahinschritt, that sich die schwarze Nacht über dem Meere auf und zeigte ihr den Mörder auf dem Felde, wie er die Pflugschar in die Lüfte schwang. —— Sie eilte schaudernd ins Haus zurück. Der Mörder folgte ihr ins Wohnzimmer —— Sie ergriff den Leuchter und ging auf ihr Zimmer hinauf. Das Wahngebild ihrer eigenen gestörten Phantasie folgte ihr bis zu dem-Orte, wo sie das Opium verborgen hatte —— und verschwand dort....

Es war Mitternacht, und noch gab es kein Zeichen von der Rückkehr des Hauptmanns.

Sie nahm aus dem Schreibzeuge den langen Brief, welchen sie an Nora geschrieben hatte und las ihn langsam durch. Der Brief beruhigte sie. Als sie die leer gelassene Stelle am Schlusse erblickte, wandte sie rasch um und begann von vorne wieder zu lesen.

Es schlug Eins an der Kirchthurmuhr, und noch ließ der Hauptmann sich nicht blicken.

Sie las den Brief zum zweiten Male; sie wandte dann verzweifelt und beharrlich abermals um und las ihn zum dritten Male. Als sie nun wieder an die letzte Seite gekommen war, blickte sie nach ihrer Uhr. Es war ein Viertel vor Zwei. Sie hatte gerade die Uhr in den Gürtel ihres Kleides zurückgesteckt, als weit aus der Ferne durch die Morgenstille das Geräusch rollender Räder an ihr Ohr drang.

Sie ließ den Brief fallen, und schlug die Hände im Schooße zusammen und lauschte. Das Geräusch kam näher und näher, rascher und rascher. Für alle Anderen ein alltägliches Geräusch, für sie die Posaune des jüngsten Gerichts. —— Es ging längs des Hauses hin, es fuhr noch eine Strecke weiter, es blieb halten. Sie hörte ein lautes Pochen, dann das Aufgehen eines Fensters, dann Stimmen, dann lange Stille, dann die Räder wieder, zurückkommend, dann das Oeffnen der Thüre unten und den Klang der Stimme des Hauptmanns auf der Flur.

Sie konnte es nicht länger ertragen. Sie öffnete ihre Thür ein klein wenig und rief ihn an.

Er eilte augenblicklich die Treppe herauf, erstaunt, sie noch auf zu finden. Sie sprach mit ihm durch die enge Spalte der Thür, indem sie sich selbst dahinter verbarg; denn sie fürchtete sich, ihm ihr Gesicht zu zeigen.

—— Ist Etwas schlecht gegangen? frug sie.

—— Beruhigen Sie sich, antwortete er. Nichts ist schlecht gegangen.

—— Kann binnen heute und Montag kein widriger Zufall eintreten?

—— Ich wüßte keinen; Die Vermählung ist bereits eine fertige Thatsache.

—— Eine Thatsache?

—— Gewiß.

—— Gute Nacht.

Sie reichte ihm die Hand durch die Thür. Er ergriff sie mit einiger Ueberraschung: es war in seiner Erinnerung nicht oft vorgekommen, daß sie ihm aus eigenem Antriebe ihre Hand gab.

—— Sie sind zu lange aufgeblieben, sagte er, als er den Druck ihrer kalten Finger fühlte. Ich fürchte, Sie werden eine schlechte Nacht haben, ich fürchte, Sie werden nicht schlafen.

Sie schloß leise die Thür.

—— Ich werde, sprach sie, eher schlafen, als Sie es denken.

Es war über zwei Uhr, als sie sich in ihr Zimmer einschloß. Ihr Stuhl stand an seinem gewöhnlichen Platze am Putztische Sie setzte sich einige Minuten gedankenvoll nieder, öffnete dann ihren Brief an Nora und wandte sich an den Schluß, wo die leere Stelle war. Die letzten Zeilen, die über dieser Stelle standen, lauteten folgendermaßen:

... Ich habe mein ganzes Herz vor Dir bloß gelegt, ich habe Dir Nichts verborgen. Es ist bis dahin gekommen. Das Ende, das ich herbeizuführen gesonnen habe ans Kosten meines edleren Selbst, muß ich erreichen oder sterben. Es ist eine Erbärmlichkeit, es ist eine Tollheit, —— nenne es, wie Du willst —— aber es ist so. Es liegen jetzt zwei Gänge vor mir, zwischen denen ich die Wahl habe. Wenn ich ihn heirathen soll, —— der Gang zur Kirche. Wenn meine Selbstentwürdignng zu schmachvoll ist, als daß ich sie vollbringen kann, —— der Gang ins Todtenbett.

Unter diesen letzten Satz schrieb sie folgende Zeilen:

Meine Wahl ist entschieden. Wenn es das grausame Gesetz Dir gestatten will, so leg mich zu Vater und Mutter auf den Kirchhof daheim. Leb wohl, meine Liebe! Bleib immerdar unschuldig, sei immer glücklich. Wenn Frank je nach mir fragt, so sage ihm, ich starb und vergab ihm. Gräme Dich nicht lange um mich, Nora, —— ich verdiene es nicht.

Sie siegelte den Brief zu und richtete ihn an ihre Schwester. Die Thränen sammelten sich in ihren Augen, als sie ihn auf den Tisch legte. Sie wartete, bis ihr Blick wieder klar war und nahm dann die Banknoten abermals aus dem kleinen Täschchen auf ihrem Busen. Nachdem sie dieselben in einen Bogen Briefpapier eingeschlagen hatte, schrieb sie des Hauptmann Wragge Namen auf den Umschlag und setzte noch folgende Worte darunter:

—— Schließen Sie die Thür meines Zimmers und lassen Sie mich, bis meine Schwester kommt. Das Geld, das ich Ihnen versprach, ist hierin. Sie haben keinen Vorwurf verdient, es ist meine Schuld und nur die meine. Wenn Sie sich meiner freundlich erinneren wollen, so seien Sie um meinetwillen gut gegen Ihre Frau.

Nachdem sie diesen Umschlag neben den Brief an Nora gelegt hatte, stand sie auf und sah sich im Zimmer um. Ein paar kleine Gegenstände waren darin nicht an ihrem Platze. Sie stellte sie in Ordnung und zog die Vorhänge auf beiden Seiten am Kopfende ihres Bettes. Ihr Anzug war der nächste Gegenstand ihrer genauen Betrachtung. Er war so fein und rein und wohlgeordnet, wie immer; Nichts an ihr in Verwirrung, außer ihr Haar. Einige Flechten waren auf der einen Seite ihres Kopfes locker geworden und herunter gefallen, sie legte sie sorgfältig mit Hilfe ihres Spiegels wieder an ihren Platz.

—— Wie bleich ich aussehe! dachte sie mit einem schwachen Lächeln. Werde ich noch bleicher aussehen, wenn sie mich früh finden?....

Sie ging gerade auf die Stelle los, wo das Opium verborgen war, und nahm es hervor. Das Fläschchen war so klein, daß es ganz gut in die hohle Hand ging. Sie ließ es eine Weile drin und stand in Betrachtungen davor.

—— Tod! sprach sie, in diesem Tropfen braunen Trankes —— Tod! Sowie diese Worte über ihre Lippen gekommen waren, erfaßte sie augenblicklich ein unaussprechliches Entsetzen. Sie ging unruhig durch das Zimmer, mit einer wahnsinnigen Verwirrung im Kopfe, mit einer erstickenden Angst im Herzen. Sie faßte nach dem Tische, um sich daran zu halten. Das schwache Geräusch von dem Fläschchen, als es leicht aus ihrer offenen Hand heraus fiel und an ein Porzellangeschirr auf dem Tische anrollte, drang ihr wie ein Dolchstich durchs Gehirn. Der Ton ihrer eigenen Stimme, herabgesenkt zu einem Flüstern, wie sie das eine Wort: Tod aussprach, drang in ihr Ohr wie Sturmesbrausen. Sie schleppte sich ans Bett und lehnte am Boden sitzend ihren Kopf darauf.

—— Ach, mein Leben, mein Leben! dachte sie, was ist denn mein Leben Werth, daß ich so daran hänge?

Es trat eine Pause ein, und sie fühlte darauf, daß ihre Kraft wiederkehrte. Sie erhob sich auf ihre Kniee und verbarg ihr Antlitz auf dem Bette. Sie versuchte zu beten, um Vergebung zu beten dafür; daß sie ihre letzte Zuflucht zum Tode nahm. Wahnwitzige Worte fielen von ihren Lippen, Worte, die wie Schmerzensrufe geklungen hätten, hätte sie dieselben nicht in den Betten erstickt. Sie sprang auf ihre Füße, Verzweiflung verlieh ihr jählings die Kräfte einer Wüthenden. In einem Augenblicke war sie am Tische zurück, in einem weiteren Augenblick war das Gift noch ein Mal in ihren Händen.

Sie nahm den Kork heraus und hob das Fläschchen an ihren Mund.

Bei der ersten kalten Berührung des Glases an ihre Lippen bäumte sich ihr starkes junges Leben in ihrem Blute auf und kämpfte mit der ganzen Wucht seiner Verzweiflung gegen den nahen Todesschrecken an. Jede Fiber der üppigen Lebenskraft, die ihr beiwohnte, erhob sich in Empörung gegen das Werk der Zerstörung, das ihr eigener Wille an ihrem eigenen Leben zu begehen im Begriffe stand. Sie hielt inne, zum zweiten Male hielt sie inne wider ihren Willen. Da stand sie in der herrlichen Blüthe ihrer Jugend und Vollkraft, da stand sie zitternd an der Grenzscheide des menschlichen Daseins, den Kuß des Erbfeindes alles Lebens dicht vor den Lippen, für sich die Natur, die treu ihrem geheiligten Anrecht bis zuletzt um ihre Erhaltung kämpfte!

Kein Wort kam über ihre Lippen. Ihre Wangen errötheten tief, ihr Athem flog in immer stärkeren Zügen. Mit dem Gift noch in ihrer Hand, mit dem Gefühl, daß sie im nächsten Augenblick ohnmächtig werden würde, bewegte sie sich nach dem Fenster hin und zog den Vorhang auf, der es bedeckte.

Der junge Tag war angebrochen. Die breite graue Morgendämmerung strömte über das ruhige östliche Meer zu ihr herein.

Sie sah die Wasser mächtig und still in der nebelverhüllten Meeresstille sich heben und wälzen, fühlte den frischen Hauch der Morgenluft kühl über ihr Antlitz fächeln. Ihre Kraft kam zurück, ihr Geist wurde heller. Beim Anblick der See erinnerte sich ihre Seele des nächtlichen Spaziergangs im Garten und des Schreckbildes, das ihre gestörte Phantasie auf den schwarzen Grund gemalt hatte. Sie sah im Geiste das Bild wieder, sah den Mörder die Pflugschar wieder in die Luft werfen und Leben oder Tod des Weibes, das ihn verlassen hatte, aus den Zufall des Fallens der Spitze setzen. Der schreckliche Wahn dieses Menschen wirkte ansteckend auf ihren Geist, so jählings wie der junge Tag vor ihren Augen angebrochen war. Die Hoffnung aus Erlösung von dem Schrecken ihres Zauderns, die sie darin erblickte, erhob die letzte Willenskraft, die sie in ihrer Verzweiflung noch in sich fand. Sie entschloß sich den Kampf zu endigen, indem sie Leben oder Tod auf die Entscheidung des Zufalls setzte....

Aber auf welchen Zufall?...

Das Meer zeigte ihn ihr. Nur undeutlich konnte sie durch das Dunkel des Nebels eine kleine Flottille von Küstenschiffen erblicken, die langsam auf das Haus zufahren, alle dieselbe Richtung mit der günstigen Strömung der Fluth verfolgend. In einer halben Stunde, vielleicht noch eher, mußte die Flotte an ihrem Fenster vorüberkommen. Die Zeiger ihrer Uhr wiesen auf Vier. Sie setzte sich dicht ans Fenster, mit ihrem Rücken gegen die Gegend, aus der die Schiffe gegen sie herantrieben, das Gift auf das Fensterbret gestellt, die Uhr auf ihrem Schooße liegend. Noch eine halbe Stunde beschloß sie zu warten und die Schiffe zu zählen, wenn sie herankämen. Wenn dies Mal eine gerade Zahl an ihr vorüberkäme, sobald das Zeichen gegeben, so sollte es ein Zeichen zum Leben sein. Wenn die ungerade Zahl herrschte, so sollte Tod das Ende sein.

Mit diesem letzten Entschlusse lehnte sie ihr Haupt an das Fenster und wartete auf das Vorüberziehen der Schiffe.

Das erste kam, hochragend, dunkel und nahe in dem Nebel, geräuschlos durch die schweigende See gleitend. Eine Pause —— und das zweite folgte mit dem dritten hinterdrein. Eine zweite Pause, länger und länger ausgesponnen —— und Nichts kam vorüber. Sie sah auf ihre Uhr. Zwölf Minuten und drei Schiffe... Drei...

Das vierte kam, langsamer als die übrigen, größer als die übrigen, weiter ab in dem Nebel als die übrigen. Die Pause folgte, abermals eine lange Pause dann zog das nächste Fahrzeug vorbei, das dunkelste und nächste von allen... fünf ... die nächste ungerade Zahl.

Sie sah wieder auf ihre Uhr neunzehn Minuten und fünf Schiffe... zwanzig Minuten... einundzwanzig zwei... drei... und kein sechstes Schiff... vierundzwanzig, und das sechste kam vorbei fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig und die nächste ungerade Zahl —— die unheilvolle Sieben —— zog langsam herauf.... Noch zwei Minuten bis zu Ende der halben Stunde... und sieben Schiffe....

Neunundzwanzig, und Nichts folgte im Kielwasser des siebenten Schiffes. Der Minutenzeiger der Uhr bewegte sich halbwegs zu dreißig und noch blieb die weiße schwellende See eine neblige leere Fläche. —— Ohne ihren Kopf vom Fenster zu drehen, nahm sie das Gift in die eine Hand und hob die Uhr in der andern. Wie die raschen Secunden einander abzählten, so rasch sahen ihre Augen von der Uhr aufs Meer, vom Meer auf die Uhr, sahen zum letzten Male aufs Meer —— und —— sahen das achte Schiff!

Leben, im letzten Augenblicke Leben!

Sie rührte sich nicht mehr, sie sprach nicht mehr. Der Tod der Gedanken und Gefühle schien bereits über sie gekommen zu sein. Sie stellte das Gift gedankenlos wieder auf das Bret des Fensters und sah wie im Traume dem Schiffe zu, wie es sanft seinen stillen Weg dahinzog, dahinzog, bis es dämmernd in dem Schatten verschwand —— dahinzog, bis es im Nebel verschwunden war.

Der Druck auf ihrem Geiste ließ nach, als der Bote des Lebens aus ihrem Gesichtskreise entschwunden war.

—— Vorsehung? flüsterte sie leise vor sich« hin, Vorsehung oder Zufall?

Ihre Augen schlossen sich, und ihr Haupt sank zurück. Als das Gefühl des Lebens ihr zurückkam, war die Morgensonne warm auf ihrem Angesichte, blickte der blaue Himmel auf sie nieder und war das Meer eine Fluth von Gold.

Sie sank auf ihre Kniee am Fenster und brach in Tränen aus.

. . . . . . . . . . . . . .

Gegen Mittag desselben Tages wurde der Hauptmann, als er unten wartete und keine Bewegung in Magdalenens Zimmer merkte, unruhig über das lange Schweigen. Er befahl, daß das Mädchen mit ihm hinausginge, und, indem er aus die Thür zeigte, sagte er ihr, daß sie sachte hineinsehen und nachsehen sollte, ob ihre Herrin erwacht sei.

as Mädchen trat ins Zimmer, blieb einen Augenblick darin und kam dann wieder heraus, indem es die Thür leise wieder zumachte.

—— Sie sieht schön aus, Sir, sagte das Mädchen; und sie schläft so ruhig, wie ein neugeborenes Kind.



Kapiteltrenner

Vierzehntes Capitel.

Der Morgen der Rückkehr ihres Gatten nach Nordsteinvilla war für immerdar denkwürdig in dem Familienkalender der Mrs. Wragge. Sie führte auf diese Gelegenheit die erste Anzeige zurück, die ihr von Magdalenens Verheirathung wurde.

Es war Mrs. Wragges irdisches Loos gewesen, ihr Leben in einem Zustande fortwährender Ueberraschungen hinzubringen. Indessen war sie noch nie in ein solches Staunen vor Ueberraschung versunken gewesen, als jetzt, wo der Hauptmann ihr trocken die Wahrheit sagte. Sie war so gescheidt gewesen, zu vermuthen, daß Mr. Noël Vanstone in das Haus käme als gern gesehener Liebhaber, und hatte gewisse Ausdrücke von Ungeduld, welche von Magdalenens Lippen gefallen waren, als schlechte Zeichen für den Erfolg seines Werbens angesehen. Doch ihr größter Scharfblick hatte sich nie zu einer Ahnung der bevorstehenden Vermählung verstiegen. Sie fiel von einem Erstaunen ins andere, als ihr Gemahl mit seiner Mitteilung fortfuhr. Eine Hochzeit in der Familie, den Tag vorher erst angemeldet! und diese Hochzeit die von Magdalenen! Und nicht ein einziges neues Kleid für Jemand fertig, die Braut mit eingerechnet! Und die orientalische Kaschmirrobe ganz unbrauchbar gerade bei der Gelegenheit, wo sie dieselbe zu ihrem größten Vortheil hätte tragen können! Mrs. Wragge sank zusammen gekrümmt in einen Stuhl nieder und schlug ihre der Ordnung entwöhnten Hände auf ihre ungeheuerlichen Kniee in gänzlicher Vergessenheit der Anwesenheit des Hauptmanns und des schrecklichen Auges des Hauptmanns, Es würde sie nicht in Verwunderung gesetzt haben, wenn sie weiter gehört hätte daß die Welt zu Ende ginge und daß das einzige sterbliche Wesen, das die Vorsehung bei dem gründlichen Aufräumen dieser irdischen Angelegenheiten vergessen hätte, sie selber sei!

Indem Hauptmann Wragge seiner Frau es überließ, sich mit eigener Hilfe von ihrem Erstaunen zu erholen, entfernte er sich, um Magdalenens Erscheinen in dem unteren Theile des Hauses abzuwarten. Es war nahe an ein Uhr, als das Geräusch von Schritten in dem Zimmer oben ihm anzeigte, daß sie wach und auf den Füßen sei. Er ließ noch einmal das Mädchen kommen, dessen Name, wie er erfahren, Louise war und schickte zum andern Male zu dessen Herrin hinauf.

Magdalene stand an ihrem Putztische, als ein schwaches Klopfen an der Thür sie jählings aufmerksam machte. Auf, das Klopfen folgte der Klang einer weichen Stimme, welche sich als die ihres Mädchens zu erkennen gab und frug, ob Miss Bygrave irgend eines Dienstes für den Morgen benöthigt sei.

—— Für jetzt nicht, sprach Magdalene, sobald sie sich von dem Erstaunen erholt hatte, sich unerwarteter Weise im Besitze einer Bedienung zu sehen, Ich will klingeln, wenn ich Sie brauche.

Als sie das Mädchen mit dieser Antwort entlassen, hatte, blickte sie zufällig von der Thür nach dem Fenster. Alle Betrachtungen betreffs der neuen Dienerin, welchen sie sich sonst hingegeben haben würde, wurden augenblicklich durch den Anblick des Fläschchens mit Opium unterbrochen, das noch auf dem Fensterbrete stand, wo sie es bei Sonnenaufgang gelassen hatte. Sie nahm es noch einmal in die Hand mit einem seltsam gemischten Gefühle, mit einem schwankenden Zweifel, ob der Anblick desselben sie an eine schreckliche Wirklichkeit oder an einen schrecklichen Traum erinnerte. Ihr erster Antrieb war, sich desselben auf der Stelle zu entledigen. Sie hob das Fläschchen, um den Inhalt aus dem Fenster zu gießen und hielt inne in plötzlichem Mißtrauen gegen den Antrieb, der ihr gekommen war.

——Ich habe mein neues Leben angenommen, dachte sie. Wie kann ich wissen, was dieses Leben für mich in Bereitschaft hat?

Sie wandte sich vom Fenster und ging an den Tisch zurück. Ich kann mich Vielleicht genöthigt sehen, es doch noch zu trinken, sprach sie und steckte das Opium in ihr Putzkästchen.

Ihr Geist war nicht beruhigt, als sie Dies gethan hatte, es schien irgendwelche unsagbare Undankbarkeit in dieser Handlung. Noch machte sie keinen Versuch, das Fläschchen aus seinem Versteck zu entfernen; Sie eilte an ihre Toilette, sie kürzte die Zeit ab, wo sie ihrem Mädchen klingeln und sich und ihre nächtlichen Gedanken vergessen konnte.

Nachdem sie die Klingel gezogen, nahm sie ihren Brief an Nora und ihren Brief an den Hauptmann und legte sie beide in ihr Putzkästchen zu dem Opium und verschloß es sicher mit dem Schlüssel, den sie an ihrer Uhrkette befestigt trug.

Magdalenens erster Eindruck von ihrer Dienerin war kein angenehmer. Sie konnte das Mädchen nicht mit dem erfahrenen Auge der Wirthin in dem Londoner Hotel prüfen, welche die Fremde als eine junge Person bezeichnete, die schon Viel mit Unglück zu thun gehabt und welche durch Blick und Auftreten deutlich gezeigt hätte, von welcher Art jenes Unglück vermuthlicher Weise gewesen wäre. Doch selbst bei diesem Mangel war Magdalene vollkommen urtheilsfähig, die Spuren von Krankheit und Kummer zu entdecken, welche gar nicht tief unter der Oberfläche des thätigen und höflichen Wesens des neuen Dienstmädchens verborgen lagen. Sie argwöhnte, das Mädchen sei mürrischer Art, sie konnte dessen Namen nicht leiden und war überhaupt wenig geneigt, einen Dienstboten willkommen zu heißen, welcher von Mr. Noël Vanstone in Dienst genommen war. Aber schon nach den ersten wenigen Minuten wuchs »Lonise« in ihrer Gunst. Sie beantwortete alle an sie gerichteten Fragen mit vollkommener Offenheit, sie schien ihre Obliegenheiten durchaus zu verstehen und sprach nicht eher, als bis sie angeredet wurde. Nachdem Magdalene alle die Fragen, welche ihr gerade eingefallen waren, gethan hatte, und nachdem sie sich entschlossen hatte, dem Mädchen die Probe leicht zu machen, stand sie auf und verließ das Zimmer. Die ganze Luft darin war ihr noch schwer unter dem Drucke der letzten Nacht.

—— Hast Du mir noch Etwas zu sagen? frug sie zu der Dienerin gewendet, die Hand auf dem Thürschlosse.

—— Ich bitte Sie um Entschuldigung, Miss, sagte Louise sehr höflich und sehr ruhig. Ich denke, daß mein, Herr mir sagte, daß die Trauung morgen stattfinden sollte?

Magdalene unterdrückte das Schaudern, das sie heimlich befiel bei dieser Erwähnung der Hochzeit im Munde einer fremden Person und antwortete bejahend.

—— Es ist nur kurze Zeit, Miss, um die Vorbereitungen zu treffen. Wenn Sie so gut sein wollten, mir meine Weisungen betreffs des Einpackens zu geben, bevor Sie hinunter gehen...?

—— Es sind keine solchen Vorbereitungen zu treffen, als Du vermuthest, sprach Magdalene hastig. Die wenigen Dinge, welche ich hier habe, können alle sogleich gepackt werden, wenns Dir beliebt. Ich werde morgen dasselbe Kleid tragen, das ich heute anhabe. Laß nur den Strohhut außen und den hellen Shawl, das Andere thue Alles in meine Koffer. Ich habe keine neuen Kleider einzupacken —— ich habe mir nichts Dergleichen für diese Gelegenheit bestellt.

Sie versuchte einige alltägliche Wendungen zur Erklärung vorzubringen, um den Ausfall der gewöhnlichen Ausstattung und des Brautkleides so wenig auffällig als möglich darzustellen. Allein sie brachte keine weitere Erwähnung der Hochzeit über ihre Lippen und verließ plötzlich ohne ein Wort weiter das Zimmer.

Die unterwürfige und schwermüthige Louise stand in Erstaunen versunken.

—— Da ist Etwas nicht in Ordnung hier, dachte sie bei sich. Meine neue Stelle kommt mir schon halb und halb unheimlich vor.

Sie seufzte mit Ergebung, schüttelte ihren Kopf und ging zum Kleiderschrank. Sie durchsuchte erst die Schubkasten darunter, nahm das verschiedene Leinenzeug, das darin lag, heraus und legte es auf Stühle. Indem sie dann den oberen Theil des Schrankes öffnete, breitete sie die Kleider darin neben einander aufs Bett aus. Ihr letztes Geschäft war, die leeren Koffer in die Mitte des Zimmers zu schieben und den Raum, den sie zur Verfügung hatte, mit den Kleidungsstücken zu vergleichen, die sie zu packen hatte. Sie machte ihre Voranschläge mit dem schnell fertigen Geschick einer Frau, welche durchaus ihren Dienst verstand, und begann sofort einzupacken. Eben als sie das erste Leinenzeug in den kleinen Koffer gelegt hatte, ging die Thür des Zimmers auf, und das Hausmädchen das gern Plaudern wollte, kam herein.

—— Was wünschen Sie? frug Louise ruhig.

—— Haben Sie je so Etwas gehört! sagte das Hausmädchen, indem es sofort auf ihren Gegenstand zu sprechen kam.

—— Wie was denn?

—— Wie diese Heirath natürlich. Sie sind ein Londoner Kind, sagt man mir. Haben Sie je von einer jungen Dame gehört, welche heirathet, ohne ein einziges neues Kleid auf dem Leibe zu haben? Kein Hochzeitsschleier und kein Hochzeitsmahl und keine Hochzeitstrinkgelder für die Dienerschaft! Es ist himmelschreiend, Das muß ich sagen. Ich bin nur ein armer Dienstbote, das weiß ich. Aber es ist ein Unrecht, ein schreiendes Unrecht, und mich schert es nicht, wer es hören mag!

Louise fuhr fort mit Einpacken.

—— Sehen Sie nur ihre Kleider an! redete das Hausmädchen weiter, indem es mit der Hand unwillig auf das Bett zeigte. Ich bin nur ein armes Mädchen, —— aber ich möchte den besten Mann von der Welt nicht haben, erhielt ich nicht zugleich ein nettes Kleid für mich. Sehen Sie her! nein, dies plumpe braune Stück hier! Alpaca! Sie werden doch nicht dies Alpacakleid einpacken, nicht wahr nicht? Es ist ja wahrlich kaum für ein Dienstmädchen gut genug! Schweiß nicht, ob ich es geschenkt nähme, wenn man mir es anböte. Es würde mir passen, wenn ich es unten einschlüge und in der Taille ausließe —— und es würde nicht schlecht aussehen mit ein wenig hellem Aufputz, nicht wahr?

—— Seien Sie so gut, lassen Sie das Kleid liegen, sprach Louise so ruhig, wie immer.

—— Was sagten Sie? rug die Andere, indem sie nicht recht wußte, ob sie ihren Ohren trauen durfte.

—— Ich sagte, lassen Sie das Kleid da liegen. Es gehört meiner Herrschaft, und ich habe Befehl von meiner Herrschaft, Alles im Zimmer einzupacken Sie helfen mir nicht dadurch, daß Sie bloß hereingekommen sind, —— Sie sind mir sehr im Wege.

—— Gut! sagte das Hausmädchen. Sie mögen ein Londoner Kind sein, wie man sagt. Aber wenn das Ihre Londoner Bildung ist, so lobe ich mir Suffolk!

Sie machte die Thür auf mit einem Zornigen Riß in die Klinke, schlug sie heftig zu, öffnete sie dann wieder und sah herein.

—— Und ich lobe mir Suffolk! sagte das Hausmädchen mit einem Kopfnicken zum Abschied, das die Spitze ihres Hohnes noch verschärfen sollte.

Louise fuhr mit ihrem Einpacken fort und ließ sich nicht stören.

Als sie das Leinenzeug sauber in dem kleineren Koffer untergebracht hatte, wandte sie sich dann zu den Kleidern. Erst sah sie dieselben sorgfältig der Reihe nach durch, ums herauszubekommen, welches das am wenigsten kostbare der Sammlung sei, um dies eine in der Reisetasche unten hinzulegen, damit die übrigen darauf zu liegen kämen, und traf dann ihre Wahl ohne die geringsten Schwierigkeiten. Das erste Kleid, das sie in den Koffer legte, war —— die braune Alpacarobe.

Mittlerweile hatte Magdalene den Hauptmann unten getroffen. Obgleich er unfehlbar die Ermüdung in ihren Zügen und die Langsamkeit in allen ihren Bewegungen bemerken mußte, war er doch froh, zu finden, daß sie ihm mit vollkommener Fassung entgegentrat. Sie war sogar stark genug, daß sie ihn mit keinem andern Zeichen von Aufregung, als ein vorübergehendes Wechseln der Farbe, ein kleines Zittern der Lippen, fragen konnte, wie es ihm auf der Reise ergangen.

—— Soviel über die Vergangenheit, sagte Hauptmann Wragge, als er mit seiner Erzählung von der Reise nach London über St. Crux zu Ende gekommen war. Jetzt aber zur Gegenwart. Der Bräutigam...

—— Wenn es Ihnen einerlei ist, unterbrach sie ihn, —— so nennen Sie ihn Mr. Noël Vanstone.

—— Mit dem größten Vergnügen. Mr. Noël Vanstone kommt diesen Nachmittag hierher, um bei uns zu speisen und den Abend zuzubringen. Er wird langweilig bis zum Ueberdruß sein, —— aber wie alle langweiligen Leute wird er um keinen Preis los zu werden sein. Ehe er kommt, habe ich ein paar Wörtchen zur Warnung mit Ihnen insgeheim zu sprechen. Morgen um diese Zeit werden wir fern von einander sein, ohne daß Eines von uns Beiden genau weiß, ob wir uns je wieder treffen werden. Es liegt mir daran, Ihren Interessen treulich bis zu Ende förderlich zu sein, —— es liegt mir daran, daß Sie bei unserm Abschied selber erkennen, wie ich für Ihre künftige Sicherheit Alles gethan habe, was in meinen Kräften stand.

Magdalene sah ihn mit Verwunderung an. Er sprach mit verändertem Tone. Er war aufgeregt, er meinte es wunderbar aufrichtig. Etwas in seinem Blick und Wesen führte sie im Geiste zurück zu dem ersten Abend zu Aldborough, wo sie ihm in der Stille des Abends ihr Herz, geöffnet hatte, —— wo sie Beide allein beisammen gesessen hatten auf der Halde des Wachthurmes.

—— Ich habe keinen Grund, anders als freundlich Ihrer zu gedenken, sprach sie.

Hauptmann Wragge verließ plötzlich seinen Stuhl und machte einen Gang in dem Zimmer hin und her. Magdalenens Worte schienen eine außerordentliche Verwirrung in ihm hervorgebracht zu haben.

—— Hols der Henker, brach er heraus, ich kanns nicht leiden, daß Sie so sprechen. Sie haben alle Ursache, schlecht von mir zu denken. Ich habe Sie betrogen. Sie bekamen von Anfang an nie Ihren reinen Gewinnantheil von der Dramatischen Unterhaltung. Da, nun ist der Mord heraus!

Magdalene lächelte und gab ihm ein Zeichen, daß er wieder zu seinem Stuhle zurückkehren.sollte.

—— Ich wußte, daß Sie mich betrogen, sprach sie ruhig. Sie waren eben in der Ausübung Ihres Berufs, Hauptmann Wragge. Ich sah das voraus, als ich Sie traf. Ich beklagte mich damals nicht darüber, und ich thue es auch jetzt nicht. Wenn das Geld, das Sie nahmen, eine Entschädigung ist für all die Noth, die ich Ihnen gemacht habe, so mögen Sie es von Herzen gern behalten.

—— Wollen Sie mir die Hand darauf geben? fragte der Hauptmann mit einer Ehrfurcht und einer Zurückhaltung, die ganz und gar mit seiner gewöhnlichen leichten Art und Weise im Widerspruche stand.

Magdalene gab ihm ihre Hand. Er drückte sie derb.

—— Sie sind ein wunderliches Mädchen, sprach er, indem er sich Mühe gab, einen leichten Ton anzuschlagen. Sie haben mirs dergestalt angethan, daß ich mich gar nicht darein finden kann. Ich bin halb untröstlich darüber, daß ich das Geld von Ihnen annahm, ja und doch —— nicht wahr, jetzt brauchen Sie es nicht?

Er zögerte.

—— Ich wünsche beinahe, sprach er, daß ich Ihnen nie auf den Wällen von York begegnet wäre.

—— Es ist zu spät, das zu wünschen, Hauptmann Wragge. Sagen Sie Nichts weiter. Sie betrüben mich nur, —— sagen Sie Nichts weiter. Wir haben über andere Dinge zu reden. Was waren das für Worte zur Warnung, die Sie mir insgeheim zu sagen hatten?

Der Hauptmann machte abermals einen Gang durchs Zimmer und kämpfte innerlich mit sich selber, um wieder in seinen gewöhnlichen Charakter hinein zu kommen. Er brachte aus seiner Brieftasche den Brief von Mrs. Lecount an ihren Herrn zum Vorschein und übergab ihn Magdalenen.

—— Da ist ein Brief, der uns zu Grunde gerichtet hätte, wenn er an seine Bestimmung gelangt wäre, sprach er, lesen Sie ihn genau durch. Ich habe Sie Etwas zu fragen, wenn Sie fertig sind.

Magdalene las den Brief.

—— Was ist das für ein Beweis, frug sie, auf den sich Mrs. Lecount so zuversichtlich bezieht?

—— Dieselbe Frage« möchte ich an Sie richten, sprach Hauptmann Wragge. Ziehen Sie Ihr Gedächtniß zu Rathe, was vorfiel, als Sie jenes Wagstück auf der Vauxhallpromenade aufführten. Hat Mrs. Lecount keinen andern Vortheil über Sie erlangt, als Sie mir schon angaben?

—— Sie entdeckte, daß mein Gesicht verstellt war, und hörte mich mit meiner eigenen Stimme sprechen.

—— Und weiter Nichts?

—— Weiter Nichts.

—— Sehr gut. Dann ist meine Auslegung des Briefes gewiß die richtige. Der Beweis, auf den sich Mrs. Lecount verläßt, ist meines Weibes verteufelte. Geistergeschichte, welche, geradeheraus gesagt, wieder die Geschichte von Miss Bygrave ist, die in Miss Vanstones Verkleidung gesehen wurde; der Zeuge ist dieselbe Person, die sich nachmals in Aldborough in der Rolle von Miss Bygraves Tante zeigte. Eine ausgezeichnete Aussicht für Mrs. Lecount, wenn sie nur zur rechten Zeit Mrs. Wragge habhaft werden kann —— und gar keine Aussicht, wenn sie das nicht kann. Beruhigen Sie Ihr Gemüth wegen dieses Punktes. Mrs. Wragge und meine Frau haben sich zum letzten Mal gesehen. Zugleich versäumen Sie aber die Warnung nicht, die ich Ihnen gab, indem ich Ihnen diesen Brief behändigte. Zerreißen Sie ihn, damit kein Unheil daraus entsteht, aber vergessen Sie ihn nicht.

—— Verlassen Sie sich darauf, ich werde seiner eingedenk sein, versetzte Magdalene, indem sie den Brief vernichtete, während sie sprach. Haben Sie mir noch mehr zu sagen?

—— Ich habe Ihnen noch Einiges mitzutheilen, sprach Hauptmann Wragge, was sich doch nützlich erweisen dürfte, da es sich auf Ihre künftige Sicherheit bezieht. Bedenken Sie wohl, ich will Nichts wissen von Ihren Schritten; sobald das Morgen vorüber ist: wir machten Das aus, als wir zuerst den Gegenstand besprachen. Ich thue keine Fragen und lege mich nicht aufs Errathen. Alles, was ich jetzt thun will, ist Sie von Ihrer gesetzlichen Stellung nach Ihrer Verheirathung in Kenntniß zu setzen und es Ihnen dann zu überlassen, von Ihrer Kenntniß den Gebrauch zu machen, wie Sie nach ganz eignem Ermessen für gut befinden. Ich holte das Gutachten eines Advocaten darüber ein, als ich in London war, weil ich dachte, es könnte von Nutzen für Sie sein.

—— Gewiß ist es von Nutzen. Was sagte der Advocat?

—— Um es kurz und gerade heraus zu sagen, es war Folgendes. Wenn Mr. Noël Vanstone jemals entdeckt, daß Sie ihn vorsätzlich unter einem falschen Namen geheirathet haben, so kann er sich an das geistliche Obergericht [The Ecclesiastical Court.] wenden, um seine Heirath für null und nichtig erklären zu lassen. Der Erfolg seines Antrags hängt von den Richtern ab. Wenn er aber beweisen kann, daß er absichtlich getäuscht worden ist, so würde die Auffassung des Gerichts diesen Fall als einen schweren betrachten und ahnden.

—— Wenn ich nun aber den Antrag stellte? sprach Magdalene eifrig. Was dann?

—— Sie können den Antrag stellen, versetzte der Hauptmann. Aber bedenken Sie das Eine, Sie würden vor das Gericht treten mit der Anerkenntniß Ihres eigenen Betrugs.

Ich überlasse es Ihnen, sich selbst zu sagen, was die Richter davon denken würden.

—— Sagte Ihnen der Advocat noch mehr?

—— Noch Eins außerdem, sprach Hauptmann Wragge. Was auch das Gesetz mit der Heirath bei Lebzeiten beider Parteien anfangen mag: beim Tode eines der Beiden würde kein Antrag, den der Ueberlebende stellen würde, eine rechtskräftige Wirkung erhalten und betreffs des Ueberlebenden die Ehe gültig bleiben. —— Verstehen Sie? Wenn er stirbt oder Sie sterben, und wenn kein Antrag beim Gericht gestellt worden ist, so würden der Ueberlebende, oder Sie als Ueberlebende keine Macht haben, die Ehe ungültig erklären zu lassen. Aber wenn bei Lebzeiten von Ihnen Beiden er die Ehe getrennt sehen will, so sind die Aussichten alle zu seinen Gunsten, so daß er den Proceß gewinnen wird.

Er blickte, als er diese Worte sprach mit einer heimlichen Neugier nach Magdalenen hin. Sie wandte den Kopf weg, indem sie ihre Uhrkette zerstreut in einen Knoten band und wieder auflöste und ersichtlich mit der gespanntesten Aufmerksamkeit über Alles nachdachte, was er zu ihr gesagt hatte. Hauptmann Wragge trat unruhig ans Fenster und blickte hinaus. Der erste Gegenstand, den sein Auge erblickte, war Mr. Noël Vanstone, welcher von Amsee her sich näherte. Er kehrte sofort an seinen früheren Platz im Zimmer zurück und redete Magdalenen noch einmal an.

—— Da kommt Mr. Noël Vanstone, sprach er. Eine letzte Vorsicht, bevor er eintritt. Seien Sie auf der Hut mit ihm betreffs Ihres Alters. Er stellte mir die Frage, bevor er die Erlaubniß zur Trauung einholte. Ich machte kurzen Proceß mit der heiklen Sache und sagte ihm frischweg, Sie seien einundzwanzig Jahre alt, und er machte die Angabe demgemäß. Um mich seien Sie unbesorgt: übermorgen bin ich verschwunden. Aber in Ihrem eigenen Interesse vergessen Sie nicht, wenn der Gegenstand jemals zur Sprache kommt, daß Sie das Alter haben. —— Jetzt gibt es Nichts mehr. Sie sind mit jeder nothwendigen Mittheilung versehen, die ich Ihnen geben kann. Was auch in Zukunft vorkommen möge, vergessen Sie nicht, daß ich mein Bestes gethan habe.——

Er eilte zur Thür, ohne auf eine Antwort zu warten, und ging in den Garten hinaus, um seinen Gast zu empfangen.

Mr. Noël Vanstone erschien am Thore, indem er feierlich in beiden Händen sein Brautgeschenk nach Nordsteinvilla überbrachte. Der in Frage kommende Gegenstand war ein altes Kästchen —— einer von den Einkäufen seines Vaters —— drinnen in dem Kästchen lag eine altmodische Karfunkelbroche in Silberfassung —— wieder einer von den Einkäufen seines Vaters —— beides Brautgeschenke, welche das unschätzbare Verdienst hatten, daß sie das Geld in seiner Börse nicht in Anspruch nahmen. Er schüttelte seinen Kopf wunderlich hin und her, als ihn der Hauptmann nach seiner Gesundheit und Laune frag. Er hatte eine schlaflose Nacht zugebracht; es hatte ihn eine unbezwingliche Angst vor einer plötzlichen Rückkehr der Lecount ergriffen, sobald er sich in Amsee allein befunden habe.

Villa Amsee schmeckte nach Lecount, Amsee —— so gut es auch auf Pfahlwerk gebaut und so ausgemacht es auch das festeste Haus in England war —— war von nun ab ihm verhaßt. Er hatte dies die ganze Nacht gefühlt, er hatte das Gewicht seiner Verantwortlichkeit gefühlt. Da war gleich zum Anfang die Kammerjungfer. Jetzt wo er sie angenommen hatte, begann er zu denken, daß sie nicht genügen werde. Sie konnte ihm vielleicht unter den Händen krank werden, sie konnte ihn durch Annahme eines falschen Charakters betrogen haben, sie und die Wirthin Schrecklich! Schrecklich wirklich, das zu denken! Dann war da die andere Verantwortlichkeit, vielleicht die schwerste von den beiden, die Verantwortlichkeit, sich zu entscheiden, wo er morgen hingehen und die Flitterwochen zubringen solle. Er würde am liebsten in eines der leeren Häuser seines Vaters gezogen sein. Aber mit Ausnahme des auf der Vauxhallpromenade gegen welches vermuthlich Einwendungen erhoben werden würden, und das zu Aldborough welches selbstverständlich gar nicht in Frage kam, waren alle Häuser vermiethet. Er würde sich selbst in Mr. Bygraves Hände geben. Wo hatte Mr. Bygrave seine Flitterwochen zugebracht? Wenn die britischen Inseln gegeben wären, um darin zu treffen, wo würde Mr. Bygrave sein Zelt aufschlagen bei einer sorgfältigen Erwägung aller Umstände?

Bei, diesem Punkte kamen die Fragen des Bräutigams plötzlich zu Ende, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck unbezwinglichen Erstaunens. Sein gescheidter Freund, dessen Rath ihm bei jeder andern Angelegenheit zur Verfügung gestanden hatte, drehte sich bei der Angelegenheit der Flitterwochen nach ihm um und lehnte trocken ab, über den Gegenstand weiter zu sprechen.

—— Nein! sagte der Hauptmann, als Mr. Noël Vanstone die Lippen öffnete, um ihn zu weiteren Auslassungen zu bewegen, Sie müssen mich wirklich entschuldigen. Mein Gesichtspunkt in dieser Sache ist wie gewöhnlich ein ganz besonderer. Seit einiger Zeit habe ich in einer wahren Atmosphäre von Betrug gelebt, um Ihnen gefällig zu sein. Diese Atmosphäre, mein lieber Herr, wird schwül, mein sittliches Selbst verlangt Lüftung. Bringen Sie die Frage der Ortswahl mit meiner Nichte in Ordnung und lassen Sie mich auf mein ausdrückliches Begehren in gänzlicher Unkenntniß betreffs der Sache. Mrs. Lecount wird sicher nach ihrer Rückkehr von Zürich hierher kommen und wird mich sicher fragen, wohin Sie gegangen sind. Sie mögen es seltsam finden, Mr. Vanstone, aber wenn ich ihr sage, ich weiß es nicht, so wünsche ich den schier entwöhnten Genuß zu haben, einmal in einer Sache die Wahrheit zu sagen!

Mit diesen Worten öffnete er die Thür des Putzzimmers, führte Mr. Noël Vanstone zu Magdalenen hinein, verbeugte sieh, ging unter diesen Verbeugungen wieder aus dem Zimmer hinaus und machte sich auf, um den Rest des Nachmittags auf einem Spaziergange zu verleben Sein Gesicht ließ deutliche Zeichen von Unruhe blicken, und seine zweifarbigen Augen sahen mißtrauisch bald hier- bald dorthin, wie er längs des Ufers hin schlenderte.

—— Die Zeit hängt schwer über uns, dachte der Hauptmann. Ich wünschte, morgen wäre da, und Alles vorbei!

Der Tag verging, und Nichts fiel vor; der Abend und die Nacht folgten friedlich und ereignißleer. Der Montag kam, ein heiterer, milder Tag. Der Montag bestätigte des Hauptmanns Versicherung, daß die Verheirathung eine fertige Thatsache sei. Gegen zehn Uhr stieg der Küster die Stufen zur Kirche hinan und zog das alte Sprichwort: »Glücklich die Braut, auf welche die Sonne scheint« [ Happy the bride on whom the sun shines. Anders der Deutsche in seinem Spruch: »Der glücklichen Braut fällt der Regen in den Schooß«. Vergl. Körte, »Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Deutschen«. 2 Auslage 1861. Leipzig.] an, als er die Kirchstuhlschließerin in der Vorhalle traf.

Eine Viertelstunde später war das Brautpaar in der Sakristei, und der Geistliche ging zum Altar voran. So sorgfältig das Geheimniß der Hochzeit verborgen gehalten worden war, so war doch das Oeffnen der Kirche am frühen Tage genug gewesen, um es zu verrathen; Eine kleine Versammlung, beinahe ausschließlich aus Frauen bestehend, war in den Kirchenstühlen hie und da vertheilt. Kirkes Schwester und ihre Kinder waren bei einer Freundin in Aldborough auf Besuch, und natürlich war daher die Erstere mit unter der anwesenden Gemeinde.

Als der Hochzeitszug in die Kirche trat, theilte sich die Gespensterfurcht vor Mrs. Lecount von Mr. Noël Vanstone auch dem Hauptmann mit. In den ersten wenigen Minuten blickten die Augen Beider unter den Frauen in der Kirche umher mit demselben suchenden Eifer und sahen mit demselben Ausdruck der Befriedigung hinweg. Der Küster begann da insgeheim Zweifel zu fühlen, ob wohl das alte Sprichwort über die Braut ein allemal zutreffendes sei. Die weiblichen Glieder der Versammlung murmelten unter einander über die unentschuldbare Vernachlässigung des Scheines, die sich in dem Anzuge der Braut aussprach: Kirkes Schwester flüsterte giftig ihrer Freundin ins Ohr:

—— Gott sei Dank für heute um Roberts willen!

Mrs. Wragge weinte still mit der Furcht irgend eines drohenden Unheils, sie wußte nicht, welches. Die einzige Person, welche äußerlich unerschüttert blieb, war Magdalene selber. Sie stand mit thränenloser Entsagung auf ihrer Stelle Vor dem Altar, stand da, als ob alle Organe der menschlichen Bewegung in ihr eingefroren wären. Was sie diesen Morgen litt, litt sie innerlich da, wo kein sterbliches Auge hineinzublicken vermag..

Der Geistliche öffnete das Buch.

*~~~~~~~~~~~~*

Es war vorüber. Die erhabenen Worte, welche von der Erde zum Himmel empor gesprochen werden, waren gefallen. Die Kinder der beiden todten Brüder, Erben der unversöhnlichen Feindschaft, welche ihre Eltern getrennt hatte, waren Mann und Frau.

Von diesem Augenblicke eilten die Ereignisse mit überstürzter Hast nach der Abschiedsseite hin. Sie waren wieder nach Hause zurück, während ihnen noch die Worte der Trauungsformel in den Ohren zu klingen schienen. Ehe sie fünf Minuten im Hause waren, fuhr der Wagen vor dem Gartenthor vor. Eine Minute später kam die Gelegenheit, welche Magdalene und der Hauptmann erspäht, hatten, die nämlich, um sich zum letzten Male insgeheim zu sprechen.

Sie bewahrte noch immer ihre eisige Entsagung, sie schien jetzt außer allem Bereich der Furcht, welche sich ihrer einst bemächtigt, der Reue, welche sie einst bis in die Seele hinein gefoltert hatte. Mit fester Hand gab sie ihm das versprochene Geld. Mit festem Blick sah sie ihn zum letzten Male an.

—— Ich bin außer Schuld, flüsterte er eifrig, ich habe nur gethan, was Sie von-mir verlangten.

Sie neigte ihr Haupt; sie beugte sich freundlich nach ihm hin und ließ in ihre Stirn mit seinen Lippen berühren.

—— Nehmen Sie sich in Acht! sagte er. Meine letzten Worte sind: um Gottes Willen nehmen Sie sich in Acht, wenn ich fort bin!

Sie wandte sich mit einem Lächeln von ihm und sagte nun seiner Frau Lebewohl. Mrs. Wragge kämpfte schwer, um ihren Verlust tapfer zu ertragen, den Verlust der Freundin, welche wie ein Strahl von Himmelslicht auf den düsteren Pfad ihres Lebens gefallen war.

—— Sie sind immer so gut gegen mich gewesen, meine Liebe, ich danke Ihnen herzlich, ich danke Ihnen von ganzer Seele...!

Sie konnte Nichts mehr sagen, sie klammerte sich fest an Magdalenen mit einem Ausbruch von Thränen, wie ihre Mutter sich an sie geklammert hätte, hätte sie diesen schrecklichen Tag erlebt.

—— Ich bin in Angst um Sie! schrie das arme Wesen mit laut jammernder Stimme. Ach mein liebes Herz, ich bin in Angst um Sie!

Magdalene riß sich mit verzweifelter Anstrengung los, küßte sie und stürzte aus dem Zimmer. Der Ausdruck dieser ungekünstelten Dankbarkeit, der Aufschrei dieser aufrichtigen Zuneigung, erschütterte sie mehr, als Alles, was an diesem Tage vorgefallen war. Es war für sie eine rettende Zuflucht, daß der Mann, den sie geheirathet hatte, da stand und an der Thür auf sie wartete.

Mrs. Wragge versuchte ihr in den Garten nachzueilen. Aber der Hauptmann hatte Magdalenens Angesicht gesehen, als sie wegeilte, und er hielt sein Weib daher in dem Hausgange fest. Aus dieser Entfernung wurde das letzte Lebewohl gewechselt. So lange der Wagen in Sicht war, sah Magdalenens Antlitz zu ihnen zuriick, sie winkte mit ihrem Taschentuche, wie sie um die Ecke herumfuhr. Einen Augenblick später war der letzte Faden, der sie mit ihnen verband, zerrissen, das vertraute Zusammenleben mancher Monate war nunmehr eine Thatsache, welche der Vergangenheit angehörte!

Hauptmann Wragge schloß die Hausthür vor den Spaziergängern, die von der Promenade herein sahen. Er führte seine Frau in das Putzzimmer zurück und sprach ihr mit einer Nachsicht zu, welche sie noch nie von seiner Seite erfahren hatte.

—— Sie ist ihren Weg gegangen, sprach er, und in einer Stunde werden wir unseres Weges gegangen sein. Weine Dich nur aus, ich habe Nichts dagegen: sie verdient beweint zu werden.

Sogar jetzt, sogar da, wo die Furcht wegen Magdalenens Zukunft in seinem Gemüthe am Düstersten Platz gegriffen hatte, hing die herrschende Gewohnheit seines ganzen Lebens ihm an. Ohne zu wissen, was er that, schloß er sein Bücherfutteral aus, zerstreut schlug er sein Contobuch auf und trug den letzten Posten, den Posten seines letzten Geschäfts mit Magdalenen, schwarz auf weiß ein.

Von Miß Vanstone___________|_____|____
erhalten . . . . . . £ | 200 |

schrieb der Hauptmann mit düsterm Angesicht.

—— Du bist doch nicht böse mit mir? sagte Mrs Wragge, indem sie furchtsam durch ihre Thränen nach ihrem Manne hinsah. Ich möchte gern ein Wort des Trostes haben, Hanptntann. Ach, sage mir doch, wann werde ich sie wiedersehen!

Der Hauptmann schlug das Buch zu und gab seine Antwort in dem einen unerbittlichen Worte:

—— Niemals!

Zwischen elf und zwölf Uhr in jener Nacht fuhr Mrs. Lecount in Zürich ein.

Ihres Bruders Haus war verschlossen, als sie dort anhielt. Mit Schwierigkeit und Zeitverlust wurde das Dienstmädchen geweckt. Dies schlug seine Hände in sprachlosem Erstaunen zusammen, als es die Thür öffnete und sah, wer die Fremde war.

—— Lebt mein Bruder noch? frug Mrs. Lecount, als sie ins Haus trat.

——Er lebt noch! gab das Mädchen zurück. Er ist zur Erholung aufs Land gegangen, um seine Genesung in der frischen Luft zu beendigen.

Die Haushälterin fuhr zurück gegen die Wand der Hausflur. Der Kutscher und das Mädchen setzten sie auf einen Stuhl. Ihr Gesicht war entfärbt, und die Zähne klapperten ihr im Munde.

—— Lassen Sie den Arzt meines Bruders holen, sagte sie, sobald sie wieder sprechen konnte.

Der Arzt kam. Sie übergab ihm einen Brief, ehe er ein Wort sagen konnte.

—— Schrieben Sie diesen Brief?

Er sah rasch darüber hin und antwortete ihr ohne Zögern.

—— Ganz gewiß nicht!

—— Es ist aber Ihre Hand.

—— Es ist eine Fälschung meiner Handschrift.

Sie erhob sich von dem Stuhle, neue Kraft in sich fühlend.

—— Wann geht die Post zurück nach Paris? frug sie.

—— In einer halben Stunde.

—— Gehe augenblicklich hin und bestelle mir einen Platz darin!

Das Mädchen zögerte, der Arzt machte Vorstellungen. Sie blieb taub für Beide.

—— Gehe fort, wiederholte sie, oder ich gehe selber.

Man gehorchte. Das Mädchen ging, um den Platz, zu bestellen, der Doctor blieb und hatte eine Unterredung mit Mrs. Lecount. Als die halbe Stunde vorüber war, half er ihr in die Post hinein und gab heimlich dem Conducteur einen Wink, auf die Reisende Acht zu geben.

—— Sie ist ohne. Unterbrechung von England her gereist, sagte der Arzt, und sie reist, ohne sich Rast zu gönnen, wieder Zurück. Nehmen Sie dieselbe daher in Acht, sonst bricht sie unter der doppelten Reife zusammen.

Die Post fuhr ab. Ehe die erste Stunde des neuen Tages abgelaufen war, war Mrs. Lecount unterwegs nach England zurück.



Kapiteltrenner


Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte