Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Achtes Buch - Zwischenscenen in Briefen - X. Miss Garth an Mr. Pendril
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Namenlos



X.

Miss Garth an Mr. Pendril.

Portland-Platz, den 28. October.

Lieber Herr!

Soeben hat uns Mrs. Lecount verlassen. Wenn es nunmehr nicht zu spät wäre, so würde ich von Grund meines Herzens wünschen, daß Nora Ihren Rath befolgt und sich geweigert hätte, sie zu sprechen.

Ich schreibe in einer solchen geistigen Niedergeschlagenheit, daß ich kaum hoffen kann, Ihnen einen klaren und vollständigen Bericht über die Unterredung zu geben. Ich kann Ihnen nur in der Kürze erzählen, was Mrs. Lecount gethan hat, und welches unsere gegenwärtige Lage ist. Das Uebrige mag verschoben bleiben, bis ich mehr gefaßt bin und Sie persönlich sprechen kann.

Sie werden sich erinneren, daß ich Ihnen von dem Briefe Mittheilung machte, den Mrs. Lecount von Aldborough aus an Nora gerichtet hatte und den ich in deren Abwesenheit an ihrer Statt beantworte. Als Mrs. Lecount heute erschien, zeigten uns ihre ersten Worte an, daß sie gekommen war, um den Gegenstand aufs Neue anzuregen. So gut ich mich besinnen kann, war nun, was sie zu Nora gewendet, sagte, etwa Folgendes:

—— Ich schrieb vor einiger Zeit einen Brief an Sie, Miss Vanstone, betreffs Ihrer Schwester und Miss Garth hatte die Güte, denselben zu beantworten. Was ich damals befürchtete, hat sich nachmals bewahrheitet. Ihre Schwester hat allen meinen Bemühungen, ihr zuvor zu kommen, gespottet, und ist in Gesellschaft meines Herrn, Mr. Noël Vanstone, verschwunden. Sie befindet sich daher in einer so gefährlichen Lage, daß sie in einem einzigen Augenblicke für ihre Lebenszeit zu Grunde gerichtet und entehrt sein kann. Mein Interesse ist es, daß ich meinen Herrn wiedererlange, Ihr Interesse ist es, Ihre Schwester zu retten. Sagen Sie mir —— denn die Zeit ist kostbar —— haben Sie irgendwelche Nachrichten von ihr?

Nora antwortete, so gut ihr Schrecken und Kummer es zuließ:

—— Ich habe einen Brief erhalten, aber es war keine Adresse darin.

Mrs. Lecount frug nun:

— War kein Poststempel auf dem Couvert?

Nora sagte:

—— Ja; Allonby.

—— Allonby ist besser, als Nichts, sprach Mrs. Lecount. Allonby kann uns dazu verhelfen, sie ausfindig zu machen. Wo liegt Allonby?

Nora sagte es ihr. Das Alles ging in einer Minute vor sich. Ich war zu verwirrt und erschrocken, als daß ich mich eher hineinmischen konnte. Allein ich sammelte mich jetzt soweit, daß ich jetzt wenigstens mich ins Mittel legen konnte.

—— Sie haben keine Einzelheiten angegeben, sagte ich, Sie haben uns nur erschreckt, Sie haben uns ja noch gar Nichts erzählt.

—— Sie sollen die näheren Umstände hören, Madame, sprach Mrs.Lecount, und Sie und Miss Vanstone sollen selber urtheilen, ob ich Sie ohne Ursache erschreckt habe.

Hierauf begann sie sogleich eine lange Erzählung, welche ich, möchte ich fast sagen, nicht vermag, welche ich nicht wage, nachzusagen Sie werden das Entsetzen verstehen, welches wir Beide fühlten, wenn ich Ihnen das Ende mittheile. Wenn Mrs. Lecounts Angaben verläßlich sind, so hat Magdalene ihren tollen Entschluß, ihres Vaters Vermögen wieder zu gewinnen, bis zur letzten und verzweifelten Consequenz verfolgt: sie hat Michael Vanstones Sohn unter falschem Namen geheirathet ——!

Ihr Gatte ist bis zu diesem Augenblick noch der festen Meinung, daß ihr Mädchenname Bygrave sei und daß sie wirklich die Nichte eines Schwindlers ist, welcher ihr bei ihrem Betruge Beistand leistete und den ich aus der Beschreibung als Hauptmann Wragge erkenne.

Ich erspare Ihnen Mrs. Lecounts kaltes Zugeständniß, das sie uns machte, als sie sich erhob, um uns zu verlassen, wie es nur ihr eigenes Geldinteresse sei, daß sie wünsche ihren Herrn zu entdecken und ihn aufzuklären. Ich erspare Ihnen die Winke, die sie fallen ließ, über Magdalenens geheime Absicht beim Eingehen dieser schändlichen Ehe. Das einzige Ziel und Ende meines Briefes ist, Sie dringend zu bitten, mir Ihren Beistand zu leisten, um Noras Seelenangst zu beschwichtigen. Der Schlag, den sie durch die mündliche Mittheilung dieser Nachrichten über ihre Schwester erhalten hat, ist noch nicht die schlimmste Folge des Vorgefallenen. Sie hat sich eingeredet, daß die Antworten, welche sie in ihrer Unschuld aus Mrs. Lecounts Fragen wegen des Briefes gab, die ihr unter dem plötzlichen Druck der Verwirrung und des Schreckens abgerungenen Antworten, zu Magdalenens Schaden benutzt werden würden durch das Weib, das sie von vornherein absichtlich darum erschreckte, damit sie die Auskunft gäbe. Ich kann sie von irgend einem verzweifelten Schritte, den sie ihrerseits thun möchte, irgend einem Schritte, durch den sie die Freundschaft und den Schutz der trefflichen Leute, bei denen, sie jetzt lebt, verscherzen könnte, nur dadurch abhalten, daß ich sie daran erinnere, daß, wenn Mrs. Lecount ihren Herrn nur mittelst des Postzeichens auf dem Briefe nachspüre, wir Magdalenen zur selbigen Zeit und auf dieselbe Weise nachspüren können. Welchen Widerwillen Sie nun auch persönlich empfinden mögen, um dies elende Mädchen, welches schon in York so beklagenswerth sich verging, zu retten, so beschwöre ich Sie um Noras willen, jetzt dieselben Schritte zu thun, die wir damals thaten. Schicken Sie mir die einzige Versicherung, welche sie beruhigen kann, die eigenhändige Versicherung, daß die Nachforschungen auch unsererseits bereits begonnen haben. Wenn Sie Dies thun werden, so können Sie sich auf mich verlassen, ich werde, wenn die Zeit kommt, zwischen beiden Schwestern stehen und Noras Frieden, Charakter und künftiges Glück um jeden Preis wahren und schützen.

Ihre aufrichtigst ergebene

Harriet Garth.


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