Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Achtes Buch - Zwischenscenen in Briefen - IV. Nora Vanstone an Miss Garth
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Namenlos



IV.

Nora Vanstone an Miss Garth.

Portland-Platz.

Meine liebe Miss Garth!

Vergessen Sie den Brief, den ich Ihnen gestern schrieb, und all die trüben Ahnungen welche er enthält. Die Frühpost von heute hat mir neues Leben gegeben: ich habe von Magdalenen gehört!

Der Brief ist sehr kurz, er scheint in Eile geschrieben zu sein. Sie sagt, sie habe seit einigen Nächten von mir geträumt, und ihre Träume hätten sie besorgt gemacht, daß ihr langes Schweigen mir ihretwegen mehr Kummer gemacht habe, als sie werth sei.

Sie schreibe daher, daß sie munter und wohl sei, daß sie hoffe, mich ehestens zu sehen, und daß sie mir, wenn wir zusammen sein würden, Etwas zu sagen habe, was meine schwesterliche Liebe zu ihr stärker als Etwas je zuvor auf die Probe stellen werde. Der Brief trägt kein Datum; aber das Postzeichen ist:

ALLONBY,

welches, wie ich nach Zuratheziehung des Zeitungslexikons gefunden habe, ein kleines Seebad in Cumberland ist. Es ist keine Hoffnung, daß ich wieder zurückkehren kann; denn Magdalene sagt ausdrücklich, daß sie am Vorabend ihrer Abreise von ihrem gegenwärtigen Aufenthalte stehe und nicht sagen könne, wohin sie zunächst gehen werde, noch Anweisung hinterlassen, wie ihr etwaige Briefe nachgeschickt werden könnten.

In glücklicheren Zeiten würde ich diesen Brief noch lange nicht für einen befriedigenden gehalten haben, und ich würde ernstlich beunruhigt gewesen sein, durch jene Anspielung auf eine künftige vertrauliche Mittheilung von ihrer Seite, welche meine Liebe zu ihr mehr denn je auf die Probe stellen solle. Allein nach all der Herzenspein, die ich erduldet, scheint das Glück, ihre Handschrift wiederzusehen, mein Herz zu erfüllen und alle anderen Gefühle daraus zu verbannen. Ich schicke Ihnen nicht ihren Brief, da ich weiß, daß Sie mich bald besuchen werden, und ich mir die Freude gönnen muß, zu sehen, wie Sie ihn lesen.

Ihre immerdar herzlich zugethanene

Nora.

NS. George Bartram machte heute Besuch bei Mrs.Tyrrel. Er bestand darauf, zu den Kindern geführt zu werden. Als er fort war, lachte Mrs. Tyrrel in ihrer gutmüthigen Weise und sagte, daß sein Eifer, die Kinder zu sehen, in ihren Augen sehr darnach aussähe, als wolle er nur mich sehen. Sie können denken, wie sehr mein Geist sich erheitert, wenn ich meine Feder anwenden kann, solchen Unsinn niederzuschreiben!


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