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Antonina oder der Untergang Roms



Ein Roman aus dem fünften Jahrhundert
von

W. Wilkie Collins

Band 1

»Die Stadt geht unter,
Sklav’ ist der Römer und der Gothe Herr.«
Scuderi. Alarich.

Aus dem Englischen.

Erstes Buch.

»O Dei, vengano!«
Metastasio.

Kapitel I.
Goiswintha.

Die Alpenkette, welche an die nordöstliche Grenze von Italien stößt, war im Herbste des Jahres 408 bereits vielfach von den Spuren der einfallenden Heere der gewöhnlich unter dem Namen der Gothen begriffenen nordischen Völker durchfurcht. An einigen Stellen bezeichneten zu beiden Seiten des Weges liegend, niedergestürzte Baumstämme diese Spuren, welche zuweilen, durch die Verheerungen der Stürme halb verwischt, das Aussehen von öden unregelmäßigen Morästen angenommen hatten. An andern Orten waren sie weniger erkennbar, und der nur vorübergehend gewählte Pfad verschwand gänzlich unter« den ausgetretenen Gewässern angeschwollener Bergströme, oder ließ sie undeutlich an mitunter vorkommenden weichen Stellen im Boden unterscheiden, oder mittelst, der darauf verstreuten Bruchstücke zurückgelassener Waffen, Skeletten von Menschen und Pferden und den Ueberbleibseln der rohen Brücken, die einst zum Ueberschreiten eines Flusses oder Abgrundes gedient hatten, verfolgen.

Zwischen den Felsen der höchsten Bergreihe, unmittelbar vor den Ebenen Italien’s, welche die letzte Schranke für die Anstrengungen des Reisenden oder den Marsch des Eroberers bildet, lag zu Anfang des fünften Jahrhunderts ein kleiner See. Auf drei Seiten von steilen Bergwänden umgrenzt, von schmalen, vegetationslosen, unbewohnten Ufern umgeben und mit nur selten vom belebenden Strahle der Sonne erleuchtetem, schwärzlichem, von keinem Windhauche bewegtem Wasser angefüllt, bot an dem Herbsttage, mit welchem unsere Erzählung beginnt, dieser stets düstere See einen das Auge trübenden, das Herz bedrückenden Anblick dar.

Es war fast Mittag, am Himmel aber kein Sonnenblick zu sehen. Die trüben, an Form und Farbe gleich eintönigen Wolken verhüllten alle Schönheit des Himmels und verbreiteten ein dumpfes Dunkel auf der Erde. Dichte, unbewegliche Nebeldünste hingen an den Berggipfeln; von den gesenkten Aesten der Bäume fielen dann und wann abgestorbene Blätter und Zweige auf den durchweichten Boden nieder oder wirbelten über den dunkeln Abgrund hinab und ein dünner Regen sank langsam, aber unablässig auf die Einöden rings umher nieder. Wenn man auf dem Pfade stand, welchen einst Heere betreten hatten und den andere Heere wieder zu betreten bestimmt waren, und nach dem einsamen See blickte, so hörte man Anfangs keinen Laut, als das regelmäßige Abtröpfeln des Regens von einem Felsen zum andern, sah man nichts als das unbewegliche Wasser zu seinen Füßen und die dasselbe beschattenden grauen Klippen. Wenn jedoch unter dem Eindrucke der räthselhaften Einsamkeit der Gegend das Auge durchdringender und das Ohr aufmerksamer wurde, so zeigte sich in den Felswänden um den See eine Höhle und in den Zwischenräumen, welche das Plätschern der Regentropfen ließ, vernahm man eine schwache Menschenstimme.

Die Mündung der Höhle war theilweise durch einen großen Stein versteckt, auf welchem Massen von mürbem Reisig lagen, wie um den etwaigen Bewohner derselben gegen die Kälte der äußern Luft zu schützen. An der östlichen Grenze des See’s befindlich, gewährt dieser seltsame Zufluchtsort die Aussicht nicht nur auf den unebenen Pfad unmittelbar darunter, sondern auch auf eine große ebene Stelle in geringer Entfernung nach Westen, unter welcher sich eine zweite niedrigere Felsenreihe befand. Von dieser Stelle aus konnte man an hellen Tagen tief unten die Olivenhaine, welche den Fuß des Gebirges bekleideten, und jenseits derselben weit bis zum Horizonte hin die Ebenen Italien’s erblicken, dessen Schicksal der Niederlage und Schmach jetzt seiner düsteren furchtbaren Erfüllung zueilte.

Im Innern war die Höhle niedrig und von unregelmäßiger Form. Von ihren rauhen Wänden sickerte die Feuchtigkeit auf den mit vermodertem Moos bedeckten Boden herab. Eidechsen und andere widerliche Thiere hatten ungestört ihre freudlosen Tiefen bewohnt bis zu der eben beschriebenen Periode, wo ihre Rechte zum ersten Male durch menschliche Eindringlinge beeinträchtigt wurden.

Nahe am Eingange der Höhle kauerte ein Weib. Etwas tiefer im Hintergrunde auf dem trockensten Theile des Bodens lag ein schlafendes Kind. Zwischen ihnen waren abgefallene Zweige und todtes Laub wie zu einem Feuer zusammengehäuft. An einigen Stellen war dieses spärliche Aggregat von Brennmaterial etwas geschwärzt, aber da es gänzlich vom Regen durchweicht waren offenbar alle Versuche, es auf die Dauer in Brand zu bringen, fruchtlos gewesen.

Der Kopf der Frau war vorgebeugt und das in den Händen verborgene Gesicht ruhte auf ihren Knieen. Von Zeit zu Zeit murmelte sie mit heiserer, ächzender Stimme etwas vor sich hin. Sie hatte sich eines Theiles ihrer spärlichen Kleidung entäußert. um ihr Kind damit zu bedecken. Was noch ihren Körper umhüllte, bestand theilweise aus Thierfellen, theilweise aus grobem Baumwollzeug. An vielen Stellen trug diese erbärmliche Kleidung Blutspuren und ihr langes Flachshaar zeigte in seinen verworrenen Locken dieselbe Unheilverkündende, zurückstoßende Färbung.

Das Kind schien kaum vier Jahre alt zu sein und trug auf seinem bleichen, magern Gesicht alle Eigenthümlichkeiten seiner gothischen Abkunft. Seine Züge schienen einst schön gewesen zu sein, aber eine tiefe, über seine« ganze Wange hinweg gehende Wunde hatte es jetzt für immer entstellt. Es zitterte fröstelnd im Schlafe und streckte von Zeit zu Zeit mechanisch seine kleinen Arme nach den vor ihm liegenden todten, kalten Zweigen aus. Plötzlich löste sich in einem fernen Theile der Höhle ein großer Stein vom Felsen und stürzte geräuschvoll auf den Boden nieder. Bei diesem Lärm erwachte es schreiend —— erhob sich —— versuchte auf das Weib zuzugehen und schwankte wieder an die Wand der Höhle zurück. Eine zweite Wunde im Beine hatte eben so seine Kraft vernichtet, wie die in der Wange seine Schönheit. Es war ein Krüppel.

Im Augenblicke seines Erwachens war die Frau aufgesprungen. Sie erhob das Kind setzt vom Boden, nahm einige Kräuter von ihrem Busen und legte dieselben auf seine verwundete Wange. Hierdurch gerieth ihr Kleid in Unordnung; es starrte oben von geronnesten, augenscheinlich aus einer Hiebwunde in ihrem Halse, geflossenem Blute. Alle ihre Versuche, das Kind zu beruhigen, waren umsonst; es stöhnte und wimmerte kläglich und murmelte von Zeit zu Zeit abgebrochene Worte des Unmuthes über die Kälte des Ortes und den Schmerz seiner frischen Wunden. Die unglückliche blickte sprach- und thränenlos wie geistesschwach auf sein Gesicht nieder. Es war nicht schwer aus jenem unverwandten, verzweifelten Blicke die Natur des Bandes, welches die Trauernde an den leidenden Knaben knüpfte, zu errathen, Der Ausdruck starrer, furchtbarer Verzweiflung, der in ihren unbeweglichen, düsteren Augen brütete, die Leichenblässe ihrer zusammengereßten Lippen, die ihre kräftige, gebieterische Gestalt durchzuckenden Krämpfe, verkündeten stumm, aber mit der göttlichen Beredtsamkeit der menschlichen Gefühle, daß zwischen dem einsamen Paare dort die innigste irdische Verbindung —— das Verhältnis von Mutter und Kind —— bestand.

Eine Zeitlang trat keine Veränderung im Benehmen des Weibes ein. Endlich stand sie wie von einem plötzlichen Verdacht ergriffen auf, schloß das Kind in den einen Arm, schob mit dem andern das Reisig am Eingange ihrer Zufluchtsstätte bei Seite und blickte vorsichtig auf die westliche Landschaft hinaus, so weit sie der Nebel erkennen ließ. Nach kurzer Betrachtung zog sie sich, wie der ununterbrochenen Einsamkeit der Gegend versichert, zurück, wendete sich dem See zu und schaute auf das schwarze Wasser zu ihren Füßen nieder.

»Eine Nacht ist der andern gefolgt,« murmelte sie düster, »und keine hat meinem Leibe Hilfe, meinem Herzen Hoffnung gebracht. Eine Meile nach der andern habe ich durchmessen und immer noch ist die Gefahr hinter, die Einsamkeit vor mir. Der Schatten des Todes wird über dem Knaben dichter, die Last der Pein wird schwerer, als ich sie ertragen kann. Meine Freunde sind ermordet, meine Vertheidiger fern, meine Besitzungen verloren. Der Gott der Christenpriester hat uns in der Gefahr verlassen und ist im Schmerze von uns abgefallen. Es ist an mir, den Kampf für uns Beide zu beenden. Diese Stelle ist unsere letzte Zuflucht gewesen; sie soll auch unser Grab sein!«

Mit einem letzten Blicke auf den kalten, trostlosen Himmel schritt sie bis dicht an den steilen Rand des See’s. Schon war das Kind in ihren Armen erhoben und ihr Körper gebeugt, um den tödlichen Sprung mit Erfolg zu thun, als von Osten her ein schwachen ferner, flüchtiger Ton in ihr Ohr drang. Plötzlich erhellte sich ihr Auge, ihre Brust wogte, ihre Wange röthete sich. Sie bot die letzten Ueberbleibsel ihrer Kräfte auf, um einen hervorragenden Standpunkt aus einer hinter ihr befindlichen Felsplatte zu erlangen und lauschte in peinlicher Erwartung, daß sich der magische Ton wiederholen möchte.

Ueber ein Kleines hörte sie ihn wieder —— denn das Kind blieb jetzt vom Schrecken über die Bewegung, welche ihren Entschluß sich mit ihm in den See zu stürzen, begleitet hatte, still, und sie konnte ungestört horchen. Für ungeübte Ohren würde der Ton, der sie jetzt mit solcher Zaubermacht umfing, kaum hörbar gewesen sein. Selbst der erfahrene Reisende würde ihn für nichts als das Echo eines fallenden Steines unter den Bergen in der östlichen Ferne gehalten haben. Für sie aber war es kein unwichtiger Klang, denn er gab ihr das willkommene Zeichen der Erlösung und des Entzückens.

Allmälig kam er, vom neckenden Echo umher geschleudert, näher und näher, und verrieth jetzt deutlich, daß sein Ursprung, wie sie vom Anfang an vermuthet, der Ruf der gothischen Trompete war. Bald hörte die ferne Musik auf und es folgte ihr ein anderer leiser, dröhnender Ton, wie von einem fernen Erdbeben oder einem aufsteigenden Gewitter, der sich, ehe viele Zeit verging, in einen rauhen, verwirrten Lärm, wie das Brausen eines heftigen Windes durch Buschholzwälder, auslöste. In diesem Augenblicke verlor das Weib alle Selbstbeherrschung; sie wurde von ihrer frühem Geduld und Vorsicht verlassen. Ohne aus die Gefahr zu achten, legte sie das Kind auf die Felsplatte wo sie gestanden hatte, und es gelang ihr, wiewohl sie an allen Gliedern zitterte, um so viel höher hinaufzusteigen, daß sie eine Spalte in der Nähe der Spitze des Felsens erreichte, von wo aus sie einen ununterbrochenen Anblick des ungeheuren, unebenen Landstriches hatte, welchem in östlicher Richtung die nächste Reihe von Abgründen und Schluchten folgte.

Eine lange Minute nach der andern verrann, und wiewohl die Töne noch immer fortdauerten, ließ sich doch nichts erblicken. Endlich erklang der schmetternde Ruf der Trompete wieder durch die dumpfe, schwere Nebelluft und im nächsten Augenblicke drang die Vorhut einer gothischen Armee aus den fernen Wäldern.

Dann, nach einiger Zeit, strömten die Massen der Hauptmacht aus jedem Zwischenraume unter den Bäumen hervor und breiteten sich in dunkeln Schichten auf dem öden Boden aus, welcher zwischen den Wäldern und den Felsen in der Nähe des See’s lag. Die vordersten Reihen hielten an, wie um sich mit den Schaaren des Nachtrabs und den sich unter den Gepäckwagen Umhertreibenden, die sich immer noch, wie es schien, in zahlloser Menge aus dem Dunkel der fernen Bäume ergossen, zu verständigen. Die vorausgerückten Truppen marschierten, offenbar in der Absicht, die Straße zu untersuchen, immer noch schnell voran, bis sie an den Fuß der Höhe gelangten, welche zu der Klippe führte, an der das Weib immer noch hing und von wo aus es mit eifriger Aufmerksamkeit immer noch ihre Bewegungen beobachtete.

In einer Lage äußerster Gefahr befindlich, war ihre Körperkraft das einzige Schutzmittel gegen das Herabgleiten von ihrem hohen, schmalen Standpunkte. Bisher hatte die geistige Aufregung des Erwartens ihr die physische Kraft gegeben, welche nöthig war, um sich oben zu behaupten, gerade aber als die Anführer der Vorhut vor der Höhle anlangten, wurde sie von ihren überreizten Fähigkeiten verlassen, ihre Hände verloren ihre Spannkraft, sie schwankte und würde rückwärts zu augenblicklicher Vernichtung hinabgestürzt sein, wenn, nicht die um Brust und Leib geschlungenen Felle sich in eine von den zackigen Felsenspitzen um sie her verwickelt hätten. Zum Glück für sie —— denn sie konnte keinen Laut ausstoßen —— hielten die Soldaten in diesem Augenblicke an, um ihre Pferde verschnaufen zu lassen. Zwei von ihnen nahmen sofort ihre Lage wahr und entdeckten, welcher Nation sie angehörte. Sie stiegen auf die Felsen, und während sich der Eine des Kindes bemächtigte, gelang es dem Andern die Mutter zu retten und wohlbehalten herabzubringen.

Pferdeschnauben, Waffengeklirr und die Verwirrung lauter, rauher Stimmen unterbrachen jetzt das anfängliche Schweigen des einsamen See’s und würden die meisten Menschen in dem erschöpften Zustande des Weibes in Verwirrung und Angst gestürzt haben, schienen aber im Gegentheil ihre Gefühle zu beruhigen und ihre Kräfte wieder zu beleben. Sie machte sich von der stützenden Hand ihres Retters los, nahm ihr Kind auf die Arme und schritt auf einen Mann von riesenhaftem Wuchse zu, dessen kostbare Rüstung hinreichend verkündete, daß er eine Befehlshaberstelle im Heere bekleide.

»Ich bin Goiswintha, Hermanrichs Schwester,« sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. »Ich bin der Niedermetzelung der Geißeln in Aquileja mit meinem Kinde entgangen. Befindet sich mein Bruder beim Heere des Königs?«

Diese Erklärung brachte eine auffallende Veränderung im Benehmen der Umstehenden hervor. Die gleichgültigen oder neugierigen Blicke, welche sie anfänglich aus die Flüchtige geworfen hatten, machten dem lebhaftesten Ausdrucke von Verwunderung und Ehrerbietung Platz. Der von ihr angeredete Häuptling erhob das Visir seines Helmes, so daß sein Gesicht erkennbar wurde, beantwortete ihre Frage bejahend und gebot zwei Soldaten, sie nach dem Lager der Hauptarmee weiter rückwärts zu führen. Als sie sich zum Fortgehen wendete, schritt ein Greis, auf sein langes, schweres Schwert gestützt, zu ihr hin und redete sie an.

»Ich bin Withimer, dessen Tochter bei den Römern in Aquileja als Geißel gelassen wurde; gehört sie zu den Erschlagenen oder den Entronnenen?«

»Ihre Gebeine modern vor den Stadtmauern,« war die Antwort. »Die Römer haben sie ihren Hunden zum Fraße vorgeworfen.«

Dem alten Krieger entschlüpfte weder ein Wort, noch eine Thräne. Er wendete sich nach der Richtung von Italien. Als er aber zu den Ebenen hinabblickte, runzelte sich seine Stirn und seine Hände preßten mechanisch den Griff seiner ungeheuren Waffe.

Die beiden Männer, welche Goiswintha zum Heere führten, legten ihr dieselbe düstere Frage vor, wie ihr alter Kamerad. Sie empfingen die gleiche entsetzliche Antwort, die mit derselben starren Fassung ertragen wurde und der derselbe ominöse Blick nach Italien hin folgte, wie bei dem greisen Withimer.

Die Soldaten führten das die erschöpfte Frau tragende Pferd mit der äußersten Sorgfalt und doch mit wunderbarer Schnelligkeit die vor so Kurzem erstiegenen Pfade hinab, gelangten bald an die Stelle, wo die Armee Halt gemacht hatte, und Goiswintha erblickte die unermeßliche kriegerische Ansammlung der Streiter des Nordens in aller Majestät der Zahl und Ruhe.

Ihre Rüstungen besaßen keine Politur, über ihren Häuptern flatterten keine sahnen, aus ihren Reihen erschallte keine Musik. An die düsteren Wälder gelehnt, welche immer noch unablässige Zuflüsse zu der bereits gelagerten kriegerischen Menge ausströmen ließen, von den öden Klippen umgeben, die nebelhaft phantastisch und majestätisch durch die Dunkelheit der trüben Dünste herüberlugten, von den schwarzgrauen Wolken bedeckt, die bewegungslos über den kahlen Bergspitzen schwebten und ihre stürmischen Gewässer auf die unbebauten Ebenen herabgossen, stand Alles, was das Aussehen der Gothen an sich schon Ernst feierliches hatte, in erhabenem Einklange mit dem kalten traurigen Ausdruck, welchen das Antlitz der Natur angenommen hatte. Stumm —— drohend —— finster —— sah das Heer aus, als sei es die geeignetste Verkörperung des ungeheuren Zweckes seines Führers —— das der Unterjochung Rom’s.

Goiswintha wurde schnell durch die ersten Kriegerreihen geleitet, bis sie an einer im rechten Winkel mit der Hauptstraße von dem Walde her ansteigenden Stelle anlangte, wo sie ihre Führer zum Absteigen aufforderten und, auf die daselbst befindliche Gruppe deutend, sagten:

»Dort ist Allarich, der König, und bei ihm Hermanrich, Dein Bruder.«

Aus welchem Gesichtspunkte man auch die Goiswinthen gezeigte Menschengruppe betrachten mochte, überall mußte sie die Beachtung selbst des Unaufmerksamsten erregen. In der Nähe einer verwirrten Masse von auf dem Boden verstreuten Waffen lehnten einige Krieger, dem Anscheine nach auf die leisen murmelnden Worte dreier Greise lauschend, die sich auf Felsenstücken sitzend über sie erhoben, und deren langes weißes Haar, rauhe Fellkleidung und magere schwankende Gestalt den stärksten Kontrast mit den eisenumhüllten, riesenhaften Figuren ihrer Zuhörer bildeten. Oberhalb des Greises auf der Straße stand einer von Alarichs Wagen und der künftige Eroberer Rom’s hatte auf gegen dessen rohe Räder gestützten Gepäckhaufen seinen Rastplatz gewählt. Der Wagen schien buchstäblich von einer lebenden Last überzuströmen. In jedem Winkel und Eckchen staken Weiber und Kinder von jedem Alter und Waffen und Hausthiere jeder Art. Hier lugte ein munteres, neckisches Kind forschend über den Kopf eines Sturmbockes heraus, dort hielt ein mageres, hungriges Schaf spürend und trübselig seine Nase in das Freie und ließ bei der Bewegung den Kopf einer auf seinem wolligen Leibe liegenden verwelkten Alten erblicken. Hier strebte sich ein junges unter Schilden halb vergrabenes Mädchen zu befreien, dort stöhnte ein abgezehrter Troßknecht fast unter Hausen von Pelzen erstickend. Das ganze Schauspiel mit seinem Hintergrunde von großen, in nebeligen Regendunst gehüllten Wäldern, mit seinen auffallenden Kontrasten auf dem einen Punkte und seinen feierlichen Harmonien auf dem andern, zeigte eine ungeheure Vereinigung von Gegenständen, die entweder Erstaunen oder Ehrerbietung erregten —— eine düstere Verbindung des Drohenden mit dem Erhabenen.

Einer von Goiswinthen’s Führern bat sie, in der Nähe des Wagens zu warten, während er selbst sich einem beim Könige stehenden jungen Manne näherte und denselben abseits winkte. Als sich der Krieger erhob, um der Aufforderung Folge zu leisten, entwickelte er neben allen Körpervorzügen seines Stammes eine bei den Leuten seiner Nation ungewöhnliche Gewandheit und Elasticität der Bewegung. In dem Augenblicke, wo er zu dem Soldaten, welcher sich ihm genähert hatte, trat, war sein Gesicht zum Theil unter einem ungeheuren Helm verhüllt, auf dem sich ein Eberkopf befand, dessen Rachen im Tode aufgerissen, weit aufklaffte, als ob er noch nach Beute dürfte. Der Mann hatte ihm aber kaum sein Begehr mitgetheilt, als er heftig zusammenzuckte, die finstere Schutzwehr abnahm und mit entblößtem Haupte auf den Wagen zuschritt, neben welchem Goiswintha sein Kommen erwartete.

Sobald sie ihn bemerkte, eilte sie ihm entgegen, legte das verwundete Kind in seine Arme und begrüßte ihn mit den Worten:

»Dein Schwager hat in den Heeren Rom’s gedient, als unser Volk mit dem Reiche in Frieden war, dies ist Alles, was die Römer von seiner Familie und seinen Besitzthümern übrig gelassen haben.«

Sie verstummte und auf einen Augenblick betrachteten Bruder und Schwester einander in rührendem, ausdrucksvollem Schweigen. Wiewohl außer den allgemeinen Stammeszeichen die Gesichter der Beiden natürlicher Weise noch die besonderen Zeichen der Blutsgemeinschaft trugen, war doch in diesem Augenblicke alle Aehnlichkeit zwischen ihnen gänzlich verschwunden, so wunderbar ist die Macht des Gemüths über die Züge. Das Gesicht und die Haltung des jungen Mannes —— er zählte erst zwanzig Jahre —— drückte tiefen, in seiner strengen Ruhe männlichen, in seinem vollständigen Mangel an Prunk aufrichtigen Schmerz aus. Als er auf das Kind blickte, wurden seine« blauen, schimmernden, durchdringenden, lebhaften Augen weich wie die eines Weibes, seine kaum von seinem kurzen Barte verborgenen Lippen schlossen sich und zuckten und seine edel geformte Brust hob sich unter der sie bedeckenden Rüstung. In dieser einfachen, sprachlosem thränenlosen Trauer, dieser schönen Rücksicht triumphierender Kraft für duldende Schwäche lag etwas fast Erhabenes, wenn man sie im Gegensatze zu dem Ausdrucke grimmiger Verzweiflung auf Goiswinthen’s Zügen betrachtete. Die in ihren weit aufgerissenen, glühenden Augen lodernde Wuth, die düsteren Falten um ihre bleichen offenen Lippen, das Anschwellen der bis zum Bersten ausgedehnten starken Adern auf ihrer hohen Stirn entstellten ihr Gesicht so, daß Bruder und Schwester, als sie so neben einander standen, für den Augenblick ihre Geschlechter ausgetauscht zu haben schienen. Der Krieger zeigte Mitleid für die Dulderin, die Mutter Entrüstung über die Unthat.

Hermanrich wendete sich von seiner wehmüthigen Betrachtung des Kindes ab, stieg, ohne noch an Goiswinthen ein Wort zu richten, auf den Wagen, legte den letzten Sprößling seiner Schwester in die Arme einer abgelebten Greisin, die über einigen auf ihrem Schoße ausgebreiteten Kräuterbündeln brütend dasaß und sprach zu ihr:

»Diese Wunden sind von den Römern, flöße dem Kinde wieder Leben ein und Du wirst aus der Beute Rom’s Deine Belohnung erhalten.«

»Hahaha!« kicherte die Alte; »Hermanrich ist ein berühmter Krieger und soll Gehorsam finden. Hermanrich ist groß, denn sein Arm kann erschlagen, aber Brunhild ist größer als er, denn ihre Wissenschaft kann heilen.«

Wie um diese Prahlerei vor den Augen des Kriegers zu bewarheiten, begann die Alte sofort die zu einem Verbande nöthigen Kräuter unter ihrem Vorrathe auszusuchen. Hermanrich wartete aber die Entwickelung ihrer Geschicklichkeit nicht ab. Mit einem letzten Blicke auf das bleiche erschöpfte Kind stieg er langsam vom Wagen, näherte sich Goiswinthen, zog sie an die vor dem Wetter geschützteste Stelle in der Nähe des mächtigen Fuhrwerks und bereitete sich mit der tiefsten Aufmerksamkeit auf das Anhören des Berichts von den Schreckens- und Leidensscenen vor, welche sie vor so Kurzem durchlebt hatte.

»Du,« begann sie, »der Du geboren wurdest, als unser Volk in Frieden war, den man von dem Schlachtfelde nach jenen fernen Gegenden brachte, wo noch Ruhe herrschte, den man in seiner Kindheit vor den Wechselfällen des Kampfes bewahrte und erst im Jünglingsalter, wo seine Mühen vorüber und seine Triumphe nahe sind, in das Heer treten ließ —— Du allein bist den Leiden unseres Volkes entgangen, um an dem Ruhme seiner nahen Rache Theil zunehmen.

»Kaum ein Jahr war verflossen, seit Du von den Niederlassungen der Gothen entfernt worden warest, als ich mich mit Priulf vermählte. Das Geschlecht von Schwächlingen, mit welchem er damals verbündet war, fügte sich trotz seines römischen Hochmuths in den Rathsversammlungen seiner Ansicht und gestand unter seinen Legionen, daß er tapfer war. Ich sah mich mit Freuden als Gattin eines ruhmvollen Kriegers, ich glaubte in meinem Stolze zur Mutter eines Heldengeschlechts bestimmt zu sein, als uns plötzlich die Nachricht ereilte, daß der Kaiser Theodosius gestorben sei. Jetzt traten Anarchie unter dem Volke des Landes und Kränkungen der Freiheiten seiner Verbündeten, der Gothen, ein. Bald erschallte unter unserer Nation der Ruf zu den Waffen. Unsere Kriegswagen fuhren über die gefrorene Donau, unsere Soldaten verließen das römische Lager. Unsere Landleute nahmen ihre Waffen von den Wänden ihrer Hütte, wir Frauen bereiteten uns und unsere Kinder darauf vor, unseren Gatten in das Feld zu folgen, und Alarich, der König, trat als Führer unserer Heere auf.

»Wir rückten in das Gebiet der Griechen ein. —— Wie soll ich Dir aber die Ereignisse der unsern Einfall folgenden Kriegsjahre erzählen, den Glanz unserer Siege, die Mühseligkeiten unserer Vertheidigung die Leiden unserer Rückzüge, den Hunger, den wir überwanden, die Krankheiten, die wir überstanden, den schmählichen Frieden, der endlich gegen die Wünsche unsers Königs geschlossen wurde! Wie soll ich Dir alles dies erzählen, während meine Gedanken bei dem Blutbade weilen, dem ich erst entgangen bin, —— während jene ersten, wiewohl mir einst in Pein erinnerlichen Uebel jetzt über den größeren Schrecken, welche ihnen folgten, vergessen sind.

»Der Waffenstillstand wurde geschlossen, Alarich zog mit den Ueberbleibseln seines Heeres ab und lagerte sich bei Aemona, an den Grenzen des von ihm bereits überzogenen Landes, welches er jetzt zu erobern gerüstet ist. —— Zwischen unserm Könige und Stilico, dem General der Römer, wurden viele Botschaften gewechselt, denn die Anführer waren noch uneinig über die Bedingungen des Friedens, welcher abgeschlossen werden sollte. unterdessen wurden zum Pfande der gothischen Treue Schaaren von unsern Kriegern und unter ihnen Priulf nach Italien entsendet, um von Neuem als Verbündete der Legionen Rom’s zu dienen, und sie nahmen ihre Frauen, Kinder und Habe mit, die als ihre Geißeln in den Städten des Landes bewahrt werden sollten.

»Ich wurde mit meinen Kindern nach Aquileja gebracht. In einem Gebäude innerhalb der Stadt fanden wir mit unserer Habe Aufnahme. Es war Nacht, als ich von Priulf, meinem Gatten, am Thore Abschied nahm. Ich schaute ihm nach, als er mit dem Heere abzog, und als ihn die Dunkelheit meinen Augen verbarg, begab ich mich wieder in die Stadt, aus welcher ich allein von allen Frauen unsers Volkes entkommen bin.«

Bei diesen letzten Worten begann Goiswinthen’s Wesen, welches bisher ruhig und gesammelt war, sich zu verändern, sie hielt plötzlich in ihrer Erzählung inne, der Kopf sank ihr auf die Brust und ihre Gestalt bebte, wie von schwerer Pein durchzuckt. Als sie sich nach einer Pause zu Herrmanrich wendete, um in ihrer Erzählung fortzufahren, lag auf ihrem Gesicht derselbe bösartige Ausdruck, welcher sich auf demselben gezeigt hatte, als sie ihm ihr verwundetes Kind übergab. Ihre Stimme wurde gebrochen, rauh und unweiblich Sie drängte sich dicht an die Seite des jungen Mannes und legte ihre zitternden Finger auf seinen Arm, wie um seine ungetheilteste Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

»Die Zeit verging,« fuhr sie fort, »und noch immer kam keine Nachricht von dem endlichen Abschluß des Friedens. Wir Geißeln lebten von den Bewohnern der Stadt getrennt, denn wir fühlten selbst damals schon Feindschaft gegen einander. Ich hatte in meiner Gefangenschaft keine Beschäftigung als die Geduld —— keine Thätigkeit, als die Hoffnung. Mit meinen Kindern allein pflegte ich über die See hinaus nach dem Lager unsers Königs zu schauen, aber ein Tag folgte dem andern-und seine Krieger erschienen nicht auf der Ebene, und eben so wenig kehrte Priulf mit den Legionen zurück, um sich vor den Thoren der Stadt zu lagern. Ich trauerte also in meiner Einsamkeit, denn mein Herz sehnte sich nach der Heimath meines Volkes, ich verlangte danach, noch einmal das Gesicht meines Gatten zu erschauen und wiederum die Reihen unserer Krieger und die Majestät ihrer Schlachtordnung zu erblicken.

»Während aber der schwere Tags der Verzweiflung schnell näher kam, bereitete sich mir allein eine bittere Kränkung. Die Leute, welche uns bisher bewacht hatten, wurden gewechselt, und unter den neuen Wächtern befand sich Einer, der auf mich, die Augen der Begierde warf. Eine Nacht nach der andern ergoß er seine Bitten in mein unwilliges Ohr, denn er glaubte in seiner Eitelkeit und Schamlosigkeit, daß ich, eine Gothin und die Gattin eines Gothen, von ihm, der nur römischen Geblüts war, gewonnen werden könne! Bald ging er von Bitten zu Drohungen über und eines Nachts erschien er mit Lächeln vor mir und rief, daß Stilico, dessen Wunsch es war, mit den Gothen Frieden zu schließen, für seine Hingebung an unser Volk die Todesstrafe erlitten, daß die Zeit des Verderbens für uns Alle nahe, und daß er, den ich verschmähe, allein im Staude sei, mich vor dem Zorne Rom’s zu bewahren.

»Nach diesen Worten näherte er sich mir, aber ich, die ich mich schon auf vielen Schlachtfeldern befunden hatte, fühlte keine Furcht vor der Aussicht auf Krieg und ich trieb ihn mit Hohnlachen von mir.

»Jetzt erschien mein Feind einige Nächte hindurch nicht wieder vor mir. Eines Abends aber, als ich mit dem Kinde, welches Du gesehen hast, auf der Terrasse vor dem Hause saß, fiel plötzlich ein Helmschmuck vor meinen Füßen nieder und eine Stimme rief aus dem Garten unter mir herauf:

»Priulf, Dein Gatte, ist von den Kriegern Rom’s im Streite erschlagen worden! Schon sind die Legionen, bei denen er gedient hat, nach der Stadt unterwegs, denn das Gebot ist ergangen, die Geißeln umzubringen. Sprich nur ein Wort und ich kann Dich noch jetzt retten!

»Ich blickte auf den Helmschmuck, er war blutig und es war der Seine! Auf einen Augenblick zuckte mir das Herz, als ich an den Krieger, den ich geliebt hatte, dachte. Dann, als ich hörte, wie sich der Todesbote unter Verwünschungen aus seinem Versteck im Garten entfernte, entsann ich mich, daß jetzt meine Kinder nur noch ihre Mutter hatten, um sie zu vertheidigen, und daß die Feinde ihres Geschlechts ihnen Gefahr bereiteten. Außer dem Kleinen auf meinem Arme besaß ich noch zwei, die im Hause schliefen. Als ich mich verwirrt und verzweifelt umschaute, um zu sehen, ob wir noch Aussicht auf Entrinnen besäßen, ertönte durch die Abendstille das Schmettern einer Trompete und auf der Straße unter mir erschallte der Schritt Gewaffneter. Jetzt erhob sich aus allen Theilen der Stadt zu gleicher Zeit im gleichen Augenblicke das Kreischen von Weibern und das Geschrei von Männern. Als ich nach den Betten meiner Kinder stürzte, hatten die Dämonen Rom’s bereits die Treppen erstiegen und schwangen im blutigen Triumph ihre dampfenden Schwerter. Ich gelangte an die Treppe, und als ich aufblickte, warfen sie mir die Leiche meines jüngsten Kindes herab. O Hermanrich! Hermanrich! es war das schönste und geliebteste von allen. Was, wie die Priester sagen, Gott für uns sein soll, das war der lieblichste von meinen Sprößlingen für mich!

»Als ich es verstümmelt und todt sah ich, die ich es kaum eine Stunde vorher an meiner Brust in den Schlaf gewiegt hatte! —— verließ mich mein Muth, und als die Mörder auf mich eindrangen, schwankte ich und fiel. Ich fühlte wie die Schwertspitze meinen Hals verwundete, ich sah den Dolch über dem Kinde in meinen Armen blitzen, ich hörte den Todesschrei des letzten Opfers oben, und dann verließen mich die Sinne und ich vermochte nichts mehr zu hören, mich nicht mehr zu regen!

»Ich muß lange bewegungslos am Fuße jener Treppe gelegen haben, denn als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war der Lärm in der Stadt verstummt und der Mond schien mild vom Firmament herab aus das öde Haus. Ich lauschte, um sicher zu sein, daß ich mich mit meinen gemordeten Kindern allein befinde. Ich vernahm in der Wohnung keinen Laut, die Mörder hatten sich entfernt, in dem Glauben, daß ihr Blutwerk zu Ende sei, als ich unter ihren Schwertern fiel; und ich konnte mich ungefährdet zu dem letzten meiner Kinder schleppen, welches von den Römern erschlagen worden war. Das Kleine an meiner Brust athmete noch. Ich stillte mit von meinen Kleidern abgerissenen Stücken die Blutung seiner Wunden, legte es sanft neben der Treppe im Mondschein nieder, damit ich sehen konnte, wenn es sich bewegte, und fühlte mich im Schatten der Mauer zu dem erstgemordeten Jüngst geborenen, zu dem Jüngsten und Schönsten meiner Kinder, das sie vor meinen Augen geschlachtet hatten, hin! Als ich den Körper berührte, war er vom Blute schlüpfrig, ich befühlte sein Gesicht und es war kalt, ich erhob es in meinen Armen und seine Glieder waren bereits im Tode erstarrt! Dann dachte ich an das älteste Kind, welches todt oben im Zimmer lag; aber meine Kräfte verließen mich schnell. Ich hatte ein Kind, welches noch gerettet werden konnte und wußte, daß, wenn der Morgen mich noch in dem Hause erblickte, alle Aussicht des Entrinnens mir für immer benommen war. Ich nahm also das todte und das verwundete in meine Arme, obgleich mir das Herz erstarrte, daß ich die Leiche meines ältesten Kindes in der Gewalt der Römer lassen mußte, und begab mich in den Garten und von dort nach dem an der See liegenden Theile der Stadt.

»Ich schritt durch die verlassenen Straßen. Zuweilen stieß ich an die Leiche eines Kindes, zuweilen erblickte ich im Mondscheine das dem Himmel zugewendete todtenbleiche Antlitz eines Weibes meiner Nation, das ich geliebt hatte; aber ich eilte weiter, bis ich an die Mauer der Stadt gelangte und hörte, wie sich außerhalb derselben die Meereswellen auf dem ebenen Strande brachen.

»Ich blickte um mich. Die Thore waren, wie ich wußte, geschlossen und bewacht. Die Mauer bot mir die einzige Aussicht auf Rettung. Aber ihr Gipfel war hoch und die Seiten glatt. Verzweifelnd und ermattet legte ich meine Last an einer dunkeln, versteckten Stelle nieder und that einige Schritte vorwärts, denn das Stehenbleiben war eine Qual, die ich nicht ertragen konnte. In geringer Entfernung sah ich einen Soldaten, an ein Haus gelehnt, schlafen. Neben ihm stand unter einem Fenster eine Leiter. Als ich aufschaute erblickte ich den Kopf einer Leiche, der auf der Spitze derselben lag. Das Opfer konnte erst vor Kurzem getödtet sein, denn sein Blut tröpfelte noch langsam in ein neben dem Soldaten stehendes Weingefäß.

»Als ich die Leiter sah, lebte die Hoffnung in mir wieder auf, ich trug sie an die Mauer, ich stieg»empor und legte mein todtes Kind auf die breiten Steine auf ihrer Spitze —— ich kehrte zurück und legte meinen verwundeten Knaben neben die Leiche. Langsam und mit großer Anstrengung zog ich die Leiter herauf, bis das eine Ende durch seine eigne Last auf der andern Seite niederfiel. Eben so wie ich herausgekommen war, stieg ich auch wieder hinab. Ich höhlte im Sande eine Grube aus und legte den Leichnam meines Kindes hinein, denn ich konnte die Last Beider nicht mehr tragen; dann schleppte ich mich mit meinem verwundeten Knaben in eine weiterhin an der Küste liegende Höhle. Dort lag ich den ganzen folgenden Tag verborgen —— allein mit meinem Körperleiden und meiner Herzenspein —— bis die Nacht herabsank und ich meine Reise nach dem Gebirge antrat, denn ich wußte, daß zu Aemona, im Lager der Krieger meines Volkes, meine einzige Zufluchtsstätte auf Erden war. Schwach und langsam, bei Tage versteckt und bei Nacht reisend, schleppte ich mich weiter, bis ich an den See im Gebirge gelangte, wo mich die Vorhut des Heeres fand und vom Tode errettete.«

Sie schwieg. Während des letzten Theiles ihrer Erzählung war ihre Haltung ruhig und trübe gewesen und sie verweilte mit dem peinlichen Nachdruck des Kummers bei jedem einzelnen Umstande, der sich auf die von ihr erlittenen Verluste bezog; ihre Stimme sänftigte sich zu den Tönen stiller Wehmuth, welche den einfachsten Worten Eindringlichkeit verleihen und die schwankendsten Laute wohlklingend machen. Es schien, als ob die zarteren, liebevolleren Empfindungen, welche die Reize ihrer Kinder einst in ihrem Herzen geweckt hatten, von der Erinnerung wieder in ihr belebt worden seien, während sie bei dem Berichte von ihrem Tode verweilte. Sie blickte eine Zeitlang fest und forschend in das halb von ihr abgewendete Gesicht Hermanrich’s, welches eine dessen edeln Zügen unnatürliche wilde, rachsüchtige Düsterkeit zeigte, dann kehrte sie sich von ihm hinweg, begrub ihr Gesicht in den Händen und machte keinen weiteren Versuch, seine Aufmerksamkeit zu erregen, oder ihn zur Antwort aufzufordern.

Das feierliche Schweigen des unglücklichen Weibes und des brütenden Mannes hatte einige Minuten gedauert, als eine rauhe, zitternde Stimme von dem Wagen her rief:

»Hermanrich! Hermanrich!«

Anfangs blieb der junge Mann von den mißtönigen, abstoßenden Lauten unberührt; sie wiederholten seinen Namen jedoch so oft und ausdauernd, daß er endlich darauf achtete und plötzlich, wie über die Unterbrechung unmuthig auffahrend, nach der Seite des Wagens schritt, von welcher die geheimnißvolle Aufforderung zu kommen schien.

Als er aufblickte, schwieg die Stimme und er sah, daß die Alte, welcher er das Kind anvertraut, Diejenige war, welche ihn vor wenigen Augenblicken so hastig gerufen. Ihr in Bärenfelle gehüllter, zitternder Körper war über einen großen dreieckigen Schild von poliertem Erz gelehnt, auf welchen sie ihre dürren, verschrumpften Arme stützte. Ihr Kopf zitterte altersschwach —— ein fratzenhaftes Lächeln zog ihre welken Lippen auseinander und erhellte ihre eingesunkenen Augen. Tückisch, kriechend, abstoßend, mit vom Wiederscheine der ihre Stütze bildenden Waffe noch gelber gefärbtem Gesicht und in den rauhen Gewändern, die ihre mageren Glieder umhüllten, kaum menschlich erscheinenden Gestalt, schien sie eine von bösen Geistern zum Spott gegen die Majestät der menschlichen Form geschaffene Mißgestalt, —— eine verkörperte Satyre alles Beklagenswerthesten in der Gebrechlichkeit und Abstoßendsten im Alter zu sein.

In dem Augenblicke, wo sie Hermanrich sah, streckte sie ihren Körper noch weiter über das Schild hervor, deutete nach dem Innern des Wagens und mnrmelte leise das furchtbare, ausdrucksvolle Wort:

»Todt!«

Ohne auf weitere Erklärung zu warten, stieg der junge Gothe auf das Fuhrwerk und sah, als er an die Seite der Matrone gelangte, auf ihren Kräuterbündeln ausgestreckt, in der schönen erhabenen Stille des Todes —— die Leiche von Goiswinthen’s letztem Kinde.

»Ist Hermanrich erzürnt?« winselte die Vettel vor dem festen, vorwurfsvollen Blicke des jungen Mannes zusammenzuckend. »Ich log, als ich sagte, daß Brunhild größer sei als Hermanrich. Hermanrich ist mächtiger als sie! Schau, die Verbände sind auf die Wunden gelegt worden und sollen nicht, wenn auch das Kind gestorben ist, die versprochenen Schätze mir zu Theil werden? Ich habe gethan, was ich konnte, aber meine Geschicklichkeit beginnt, mich zu verlassen, denn ich bin alt —— alt —— alt! Ich habe mein Geschlecht vorübergehen sehen! Aha, ich bin alt, Hermanrich, ich bin alt!«

Als der junge Krieger das Kind erblickte, sah er, daß die Alte die Wahrheit gesprochen hatte und das Kind nicht durch ihre Schuld gestorben sei. Das Gesicht des Knaben war bleich und heiter und zeigte, wie ruhig sein Tod gewesen war. Die Verbände waren geschickt angefertigt und sorgfältig auf seine Wunden gelegt worden, aber Leiden und Entbehrungen hatten den schwachen Widerstand der menschlichen Kräfte auf dem Wege nach dem letzten, gefürchteten Ziele vernichtet und die Hinterlist des kaiserlichen Rom’s wieder gesiegt, wie sie es gewohnt war —— über ein Kind gesiegt!

Als Hermanrich mit der Leiche herabstieg, war Goiswintha beim Betreten des Bodens der erste Gegenstand, welchen seine Augen erblickten. Die Mutter nahm ihm seine leblose Last wortlos und thränenlos ab. Die Ausströmung ihrer früheren, liebevollern Natur, welche der Schluß der Erzählung ihrer Leiden hervorgerufen hatte, war von nun an durch den Tod ihres letzten Kindes auf ewig in ihr erloschen.

»Seine Wunden hätten den Knaben zum Krüppel gemacht,« sagte der junge Mann düster, »er hätte nie mit unsern Kriegern kämpfen können! Unsere Väter tödteten sich selbst, wenn sie keine Kraft mehr zum Kampfe besaßen; besser für ihn, daß er gestorben ist.«

»Rache!« stöhnte Goiswintha, dicht an seine Seite gedrängt. »Wir wollen Rache für das Blutbad von Aquileja nehmen! Wenn in den Palästen von Rom das Blut strömt, so erinnere Dich an meine hingemordeten Kinder und eile nicht, Dein Schwert in die Scheide zu stecken.«

In diesem Augenblicke hörte man, wie, um die bereits auf dem Gesichte des jungen Gothen erweckte grimmige Entschlossenheit noch weiter zu befestigen, die Stimme Alarich’s dem Heer den Befehl, zum Vorrücken geben. Hermanrich fuhr auf und zog das racheglühende Weib mit sich zum Könige hin. Dort stand vollständig gewaffnet und durch seine höhere Gestalt über die ihn umgebende Menge hervorragend, der gefürchtete Anführer der gothischen Heerschaaren. Sein Helm war zurückgeschoben, so daß er seine über die ihn umgebende Menge strahlendem hellen, blauen Augen sehen ließ, er deutete mit dem Schwerte gen Italien und als Glied vor Glied seine Leute die Waffen ergriffen und sich jubelnd zum Marsche fertig machten, öffneten sich seine Lippen zu einem Triumphlächeln, und ehe er sich aufmachte, um sie zu begleiten, sprach er:

»Krieger der Gothen, unsere Rast im Gebirge ist nur kurz gewesen, aber die Müden mögen darüber nicht klagen, denn der ruhevolle Rastort, welcher nach unsern Mühseligkeiten unserer wartet, ist Rom. Es ist unser Vorrecht, den Fluch Odins, als er sich in der Kindheit unseres Volkes vor den Myriaden des Kaiserreiches zurückzog, zu erfüllen! Uns ist es vorbehalten, den künftigen Untergang, womit er Rom bedrohte, zu bewerkstelligen! Erinnert Euch an Eure Geißeln, die die Römer ermorden, Eure Besitzungen, deren sich die Römer bemächtigt, Euer Vertrauen, welches die Römer verrathen haben! Erinnert Euch, daß ich, Euer König, in mir den übernatürlichen Antrieb fühle, welcher nie täuscht, und der mir mit aufmunternder Stimme zuruft: —— Rücke vor und, das Kaiserreich ist Dein! Versammle Deine Krieger, und die Stadt der Welt soll den erobernden Gothen anheimfallen. Wir wollen ohne Zögern vorwärts eilen! unsere Beute erwartet uns! —— unser Sieg ist nicht mehr fern, unsere Rache naht sich!«

Er schwieg, und in diesem Augenblicke gab die Trompete das Zeichen zum Marsch.

»Auf auf!« rief Hermanrich, indem er Goiswintha’s Arm ergriff und auf den Wagen zeigte, der schon anfing sich zu bewegen. »Bereite Dich zur Reise, ich will für das Begräbniß des Kindes sorgen. Noch ein Paar Tage und unser Lager kann vor Aquileja sein. Sei geduldig, ich werde Dich in den Palästen Rom’s rächen.«

Die mächtige Masse bewegte sich. Die Menge breitete sich aus über den unfruchtbaren Boden, und jetzt sahen die Krieger im Nachtrab der Armee Diejenigen, die an der Spitze derselben die letzte Reihe von Pässen erstiegen: welche zwischen den Ebenen Italien’s und den Gothen lag.



Kapitel II.
Der Hof.

Der Reisende, der den gewöhnlichen Weg der Touristen im heutigen Italien so weit verläßt, daß er die Stadt Ravenna besucht, erinnert sich mit Erstaunen, wenn er ihre stillen und melancholischen Straßen durchschreitet, und Weinberge und Sümpfe über eine Ausdehnung von vier Meilen zwischen dem adriatischen Meere und der Stadt ausgebreitet sieht, daß dieser jetzt halb verödete Ort einst die volkreichste der römischen Festungen war, und daß da, wo sich jetzt Felder und Wälder den Augen darbieten, einst die Flotten des Reiches sicher vor Anker lagen, und der Kaufmann von Rom seine kostbaren Ladungen am Thore seines Lagerhauses ausschiffte.«

Als die Macht Rom’s abnahm, fing das adriatische Meer seltsamer Weise an, die Festung, deren Schutz es bisher gebildet hatte, zu verlassen. Gleichzeitig mit der stufenweisen Entartung des Volkes trat das allmählige Zurückziehen des Ozeans von den Stadtmauern ein, bis sichgn Anfange des sechsten Jahrhunderts schon da, wo einst der Hafen des August war, ein Pinienhain zeigte.

Zur Zeit unsrer Geschichte waren, obgleich das Meer schon damals sichtlich zurückgetreten war, die Gräben um die Mauern noch gefüllt, und die Kanäle liefen noch beinahe in derselben Art, wie sie jetzt Venedig durchschneiden, durch die Stadt.

An dem Morgen, den wir jetzt beschreiben wollen, war der Herbst, seit dem im vorhergehenden Kapitel erwähnten Ereignissen, nur einige Tage vorgeschritten. Obgleich die Sonne jetzt hoch am Osthimmel stand, gab doch die Unruhe, welche die Hitze hervorbrachte, einigen Müßiggängern von Ravenna den Muth, der Schwüle der Atmosphaire in der eiteln Hoffnung Trotz zu bieten, daß sie eine Brise vom adriatischen Meere begrüßen würde, wenn sie die seewärts gelegenen Walle der Stadt erstiegen. Als sie die beabsichtigte Höhe erreicht hatten, wandten diese hoffenden Bürger das Gesicht mit fruchtloser verzweifelnder Sorgfalt nach jeder Weltgegend; aber kein Lufthauch kam, um ihre Ausdauer zur belohnen. Nichts konnte die unverminderte Allgemeinheit der Hitze vollkommener andeuten, als die Aussicht nach allen Richtungen hin von der Stellung her, welche sie inne hatten. Die steinernen Häuser der Stadt hinter ihnen glänzten mit einer, die stärksten Augen überwältigenden, blendenden Helle. Die leichten Vorhänge hingen unbeweglich über den einsamen Fenstern. Kein Schatten unterbrach die glänzende Einförmigkeit der Mauern, oder milderte das Flimmern auf dem Wasser der Fontänen unter ihnen. Keine Welle bewegte die Oberfläche des breiten Kanals, welcher jetzt den alten Hafen ersetzte, kein Windhauch entfaltete die ausgedörrten Segel der verlassenen Schiffe am Quai; über den fernen Marschen hing sein heißer, zitternder Dunst, und in den Weinbergen bei der Stadt bewegte sich nicht ein Blatt an seinen schlanken Stengeln. Auf der Seeseite lag der glühende Sand weit ausgestreckt und eben da und jenseits desselben dehnte sich der weiße Ozean, wogenlos, träge und in eine Fluth blendenden Glanzes aufgelöst, bis zu dem wolkenlosen Horizonte, der die sonnenhelle Aussicht begrenzte.

In der Stadt selbst, in den Straßen, wo die hohen Häuser dunkle Schatten auf die breiten Steine der Straße warfen, konnte man hier und dort die Gestalten einiger Sklaven sehen, die an der Mauer schliefen oder träge über die Fehler ihrer Herren schwatzten. Manchmal war ein alter Bettler zu bemerken, der auf den wohlversehenen Revieren seines eignen Körpers das leichtbewegliche Ungeziefer des Südens jagte. Manchmal kroch ein Kind von einer Thürstufe, um in dem stehenden Wasser einer Gosse zu plätschern, aber mit Ausnahme dieser zweifelhaften Beweise menschlicher Thätigkeit war der vorherrschende Charakter der wenigen Gruppen aus den niedrigsten Volksklassen, welche in den Straßen erschienen, der der äußersten Trägheit. Alles, was der Stadt zu anderen Stunden des Tages Glanz verlieh, war um diese Zeit dem Auge verborgen. Die eleganten Höflinge ruhten in ihren hohen Zimmern. Die aufgestellten Wachposten verbargen sich in Mauerecken und unter Thorbögen. Die reizenden Damen schlummerten auf parfümierten Lagern in verdunkelten Zimmern; die vergoldeten Wagen waren in den Remisen verschlossen, die stolzen Pferde waren in die Ställe eingesperrt und man hatte selbst die Waaren auf den Marktplätzen aus dem Sonnenscheine entfernt. Es war klar, daß die, üppigen Einwohner von Ravenna keine Pflichten für hinreichend wichtig und keine Vergnügungen für hinlänglich anziehend hielten, um sie zu bewegen, ihre empfindlichen Körper der Mittagshitze auszusetzen.

Um dem Leser eine Idee von der Art, in welcher die trägen Patrizier des Hofes ihren Mittag verbrachten, zu geben und zugleich den Forderungen des Fortgangs dieser Geschichte zu genügen, ist es nöthig, die Ruheplätze der Plebejer auf den Straßen mit dem Lager der Edlen im kaiserlichen Palast zu vertauschen.

Der erste Gegenstand, welcher den Beobachter, sobald er die nach den Privatgemächern führenden Gänge erreichte, nachdem er durch das massive Eingangsthor getreten und die weite Vorhalle des kaiserlichen Palastes mit ihren Marmorstatuen und ihren Wachen durchschritten und von dort die schöne Treppe erstiegen hatte, angezogen haben würde, war eine reich geschnitzte, halb offene Thüre am Ende des Ganges. An dieser Stelle waren ungefähr fünfzehn bis zwanzig Individuen gruppiert, welche sich durch Zeichen mit einander unterhielten und in allen ihren Bewegungen das ehrfurchtvollste und vollständigste Schweigen bewahrten. Von Zeit zu Zeit stahl sich Einer von der Gesellschaft auf den Zehen zu der Thür und blickte vorsichtig durch dieselbe, worauf er fast augenblicklich zurückkehrte und seinem nächsten Nachbar das ungeheure Interesse an dem Anblick, den er eben gehabt hatte, durch verschiedene Grimassen ausdrückte. Gelegentlich kamen aus diesem geheimnißvollen Zimmer Töne die dem Gackern von Hühnern glichen und von Zeit zu Zeit mit einem Geräusch wie dem Fallen eines Regens von kleinen leichten Gegenständen auf einen harten Boden abwechselten. Wenn diese Klänge hörbar wurden, so blickten die Mitglieder der vor der Thür stehenden Gesellschaft einander an und lächelten theils sarkastisch, theils triumphierend. Einige von den geduldig Wartenden hatten Pergamentrollen in den Händen, während die Uebrigen Sträuße von seltenen Blumen hielten oder kleine Statuen und Mosaikgemälde auf den Armen hatten. Die Einen waren Maler und Dichter, Andere Redner und Philosophen und noch Andere Bildhauer und Musiker. Es könnte seltsam erscheinen, daß unter einer solchen bunten Versammlung von Gewerben, die sich in allen Zeitaltern der Welt dadurch ausgezeichnet haben, daß sie in den dieselben Betreibenden den Fehler der Reizbarkeit nähren, ein so stilles ruhiges Benehmen herrschte, wie das so eben beschriebene. Man muße aber bedenken, daß diese genialen Leute bei dem Besuch des Palastes eine wenigstens äußerliche Einigkeit unter ihren Reihen dadurch verbürgten, daß sie alle mit einer Fähigkeit ausgerüstet und von einer Hoffnung beseelt erschienen —— ste warteten auf die Gelegenheit zur Anwendung eines gemeinschaftlichen Hilfsmittels der Schmeichelei, um einen gemeinschaftlichen Zweck, den des Gewinnes, zu erreichen.

Das so selbst vor dem Eindringen intellectueller Bestrebungen geschützte Gemach war, wenn auch reich verziert, doch nicht von besonderer Größe. Bei andern Anlässen hätte das Auge mit Entzücken über die auf einer schönen Terrasse, zu der eine zweite Thür des Zimmers führte, reichlich vorhandenen köstlichen Blumen und Pflanzen hinweisen können, in diesem Augenblicke aber war das Benehmen des im Zimmer Befindlichen, von so ungewöhnlicher Art, daß selbst der aufmerksamste Beobachter alle untergeordneten Eigenthümlichkeiten desselben übersehen mußte, um sich sofort dem Bewohner ausschließlich zuzuwenden.

In der Mitte einer großen Hühnerheerde, die auf einem Marmorfußboden und unter einem vergoldeten Dache sehr am unrechten Orte zu sein schien, stand ein blasser, magerer, schwächlicher Jüngling in prächtiger Kleidung, der ein mit Getreide gefülltes, silbernes Gesäß in der Hand hielt und aus demselben von Zeit zu Zeit dem gackernden Völkchen zu seinen Füßen Körner vorstreute. Es konnte nichts kläglicher Weibisches geben, als das Aussehen dieses jungen Mannes. Seine Augen waren glanzlos und matt, seine Stirn niedrig und zurücktretend, seine Wangen grau und seine Gestalt wie von vorzeitigem Alter gekrümmt. Ein bedeutungsleeres Lächeln schwebte auf seinen schmalen farblosen Lippen und er flüsterte den seltsamen Günstlingen, auf die er hinabschaute, von Zeit zu Zeit einige abgebrochene Schmeichelworte, die in ihrer Einfalt fast kindisch waren, zu. Seine ganze Seele schien von der Arbeit, sein Getreide zu vertheilen, ausgefüllt zu werden, und er folgte den verschiedenen Bewegungen der Hühner mit einer eifrigen Aufmerksamkeit, die in ihrer lächerlichen Gespanntheit fast etwas Blödsinniges zu haben schien. Wenn man fragen sollte, weshalb eine so verächtliche Person wie dieser einsame Jüngling mit so großer Sorgfalt vorgestellt und mit so vieler Ausführlichkeit beschrieben worden ist, so müssen wir antworten, daß er zwar nicht dazu bestimmt ist, reine wichtige Figur in diesem Werke abzugeben, aber durch seine Stellung eine bedeutende Rolle in dem großen Drama, auf welches sich dasselbe gründet, spielte —— denn dieser Hühnerwärter war keine geringere Person, als der römische Kaiser Honorius.

Eben die Verstandesschwäche dieses Mannes zu einer solchen Zeit, wie die, über welche wir jetzt schreiben, ist es, welche seinen Character im Auge der Nachwelt mit einem so furchtbaren Interesse bekleidet. Seiner Schwachheit war die entsetzliche Aufgabe beschieden, den lange verhaltenen Sturm, dessen Elemente wir in dem vorigen Kapitel zu beschreiben versucht haben, losbrechen zu lassen. Mit gerade so viel Verstand begabt, um launisch zu sein, und eben genug Entschlossenheit versehen, um boshaft sein zu können, war er ein passendes Werkzeug für jeden ehrgeizigen Bösewicht, dem es gelang, bei ihm Gehör zu erhalten. Um seiner kindischen Tyrannei zu schmeicheln, belohnten die verblendeten Ränkeschmiede des Hofes den heldenmüthigen Stilicho für die Rettung seines Vaterlandes mit dem Tode und betrogen Alarich um die mäßigen Zugeständnisse, zu welchen sie sich feierlich verpflichtet hatten.

Um seine Eitelkeit zu befriedigen, wurde er wegen eines Siegen, den Andere errungen hatten, im Triumph durch die Straßen von Rom gezogen. Um seiner Anmaßung durch den Gebrauch des erbärmlichsten Vorrechtes der Macht, die ihm zum Gutes thun anvertraut war, zu Willen zu sein, wurde ohne Bedenken die Niedermetzelung der von der Ehre der Gothen der römischen Tücke anvertrauten hilflosen Geißeln befohlen und um endlich seine unmännliche Furcht zu beschwichtigen, war es die letzte Handlung seiner gewissenlosen Rathgeber vor dem Untergange des Reiches, ihn zu ermächtigen, sein Volk in der Stunde der Gefahr zu verlassen, ohne sieh»darum zu kümmern, wer in dem schutzlosen Rom umkam während er sich ein dem befestigten Ravenna in Sicherheit befand.

Dies war der Mann, unter welchem das mächtigste Gebäude der Welt seinem Sturze zuzuschwanken bestimmt war. Durch seine übermenschliche Kühnheit die die zurückstoßenden Schrecken unaufhörlichen Blutvergießens mit einer rauhen, furchtbaren Großartigkeit bekleidete, erhoben und getragen, sollten jetzt die Herren der Völker unter den erbärmlichsten Feiglingen, durch die schmähliche Niederlage sinken. Dafür hatte das graue alte Königthum seine Feinde schaarenweise von seinen kräftigen Armen abgeschüttelt. Dazu hatten die zweideutigen Tugenden der Republik und die gefahrvolle Großartigkeit des Kaiserreiches die Welt in Erstaunen und Verwirrung gesetzt. Mit einem Schlußsteine wie Honorius endeten die Barbareien eines Brutus, der feingebildete Glanz eines Augustus, die unmenschlichen Grausamkeiten eines Nero und die unsterblichen Tugenden eines Trajan.

Umsonst war Rom durch mühevolle Jahrhunderte über die Trümmer seiner edelsten Herzen und die Prostitution seiner größten Geister mitleidslos vorwärts geschritten, um den Schatten, Ruhm genannt, zu erfassen. Der Machtspruch war jetzt ausgegangen, welcher es dazu verurtheilte endlich das Wesen —— die Schmach in Empfang zu nehmen.

Als der kaiserliche Schwächling seinen Getreidevorrath erschöpft und den Hunger seiner gefräßigen Günstlinge befriedigt hatte, nahmen ihm zwei Diener seine silberne, Vase ab. Dann wurde die Hühnerheerde zu der einen Thür heraus und die Künstlerherde zur andern hereingelassen.

Wir lassen den Kaiser seine matten Augen auf Kunstgegenstände werfen, für die er keine Bewunderung besaß, und widerwillig seine Ohren lobhudlerischen Reden öffnen, die er nicht begriff, und führen die Leser in ein Gemach auf der entgegengesetzten Seite des Palastes, in welchem sich Alles, was an seinem Hofe schön und elegant war, versammelt hatte.

Man stelle sich einen zweihundert Fuß langen und verhältnismäßig breiten Saal vor. Der Fußboden besteht aus den schönsten Mustern von Mosaikarbeit. Die Wände sind mit ungeheuren Säulen von buntem Marmor geziert und die durch dieselben gebildeten Nischen mit Statuen in der ausgesuchtesten Verschiedenartigkeit der Haltung besetzt, welche dem sich ihnen Nähernden die köstlichen Blumen anzubieten scheinen, welche in ihre Hände zu legen die Pflicht der Dienerschaft war. Die Decke ist in Mustern und Farben, die mit denen des Mosaikfußbodens im Einklange stehen al fresco gemalt. Die Karnise bestehen aus Silber und sind mit Citaten aus den Liebesdichtern der Zeit geziert, deren Buchstaben durch kostbare Steine gebildet werden.

In der Mitte des Zimmers wirft ein Springbrunnen Ströme wohlriechenden Wassers empor und ist mit goldenen Käfigen, die Vögel jeder Größe und jedes Landes enthalten, umgeben. Drei große am östlichen Ende des Zimmers angebrachte Fenster gewähren die Aussicht auf das adriatische Meer, sind aber zu dieser Stunde mit seidenen Vorhängen von zartgrüner Farbe überdeckt, die auf Alles ein weiches üppiges Licht werfen; aber so dünn gewebt und so geschickt geordnet sind, daß der leiseste Lufthauch von Außen augenblicklich zu den matten Höflingen im Wartezimmer hereindringt. Die Zahl dieser Individuen beläuft sich auf etwa fünfzig bis sechzig. Bei weitem der größte Theil der hier Versammelten sind Frauen. Ihr geschmackvoll in verschiedenen Formen geflochtenes und mit Blumen oder Edelsteinen geschmücktes schwarzes Haar bildet einen eleganten Kontrast mit den glänzend weißen Gewändern, in welche sie zum größten Theile gekleidet sind. Einige von ihnen betrachten gleichgültig die Bewegungen der Vögel in den Käfigen, Andere unterhalten sich nachlässig und flüsternd mit den sich in ihrer Nähe befindenden Höflingen. Die Männer zeigen in ihren Kleidern eine größere Farbenabwechslung und in ihren Beschäftigungen eine größere Fruchtbarkeit an Auskunftsmitteln als die Frauen. Ihre Gewänder vom hellsten Rosa, Violet oder Gelb bilden einen phantastischen Abstich gegen die eintönig weißen Kleider ihrer Gefährtinnen. Die auffallendsten Beschäftigungen, welchen sie sich hingeben, bestehen im Lautenspiele, im Würfeln, im Necken ihrer Schoßhunde und im Aufstören ihrer Schmarotzer. Was sie aber auch thun mögen, so geschieht doch Alles mit geringer Aufmerksamkeit und noch geringerem Eifer. Die Einen lehnen mit geschlossenen Augen auf ihren Ruhebetten, als ob die Hitze ihnen die Arbeit, sich ihrer Sehorgane zu bedienen, zu schwer mache, Andere lassen mitten in einem Gespräche plötzlich einen Satz unbeedigt, da sie dem Anscheine nach von der Mattigkeit unfähig gemacht werden, selbst die einfachsten Ideen auszudrücken. Jeder, das Auge berührende Anblick, jeder in das Ohr dringende Ton im Gemache drückte eine üppige Ruhe aus. Kein glänzendes Licht vermindert die allgemeine Weichheit der Atmosphäre, keine grelle Farbe macht die leichten, ätherischen Tinten der Gewänder materiell, kein lautes Geräusch unterbricht die abwechslungsvollen klagenden Töne der Laute, und unterdrückt das leise Zwitschern der Vögel in den Käfigen oder den ruhigen, geregelten Wohlklang der Damenstimmen. Alle belebten, wie leblosen Gegenstände stehen mit einander im Einklange. Es ist ein Schauspiel vergeistigter Trägheit —— ein Bild träumerischer Seligkeit im innersten Heiligthume ungestörter Ruhe.

Unter dieser Versammlung der Schönheit und des Adels, deren Mitglieder mehr allgemein bemerkt als besonders beobachtet werden mußten, befand sich jedoch ein Individuum, welches sowohl durch die von ihm gewählte einsame Beschäftigung, wie durch den Ort, welchen es zufällig im Zimmer eingenommen, sich unter den es umgebenden gleichgültigen Patriziern persönlich auszeichnet.

Sein Ruhebett stand näher am Fenster als das irgend eines Andern im Saale befindlichen. Einige von seinen indolenten Nachbarn, besonders die des sanfteren Geschlechtes, betrachteten ihn zuweilen mit bewundernden und neugierigen Blicken, aber Niemand näherte sich ihm oder versuchte ihn in ein Gespräch zu ziehen. Neben ihm lag ein Stück Pergament, auf welches er von Zeit zu Zeit einige Worte schrieb und dann, wie es schien, gänzlich von seinen Gedanken in Anspruch genommen, und ohne auf irgend Einen von allen den männlichen und weiblichen Besuchern des kaiserlichen Gemaches zu achten, wieder in seine zurückgelehnte Stellung versank.

Seinem Aeußern nach zu schließen konnte er kaum 25 Jahre alt sein. Die Bildung des oberen Theiles seines Gesichts war vollkommen intellectuel —— die Stirn hoch, breit und gerade, die Augen hell, durchdringend und gedankenvoll —— der untere Theil dagegen aber unleugbar sinnlich. Die vollen dicken Lippen bildeten einen unangenehmen Kontrast mit der zart geformten geraden griechischen Nase, während das fleischige Kinn und die vollen genußsüchtigen Wangen gänzlich mit dem Charakter der bleichen edeln Stirn und dem Ausdrucke der scharfen, verständigen Augen im Widerspruch standen. Seine Statur war kaum von Mittelgröße, aber jeder Theil seines Körpers war so vollkommen verhältnißmäßig, daß er in jeder Stellung größer zu sein schien, als er wirklich war. Der wegen der Hitze geöffnete obere Theil seiner Kleidung ließ zum Theil die schöne, statuenartige Form des Halses und der Brust erkennen. Seine Ohren, Hände rund Füße waren von der Kleinheit und Zartheit, die, wie man annimmt, eine aristokratische Geburt verkündet, und in seinem Wesen die unbeschreibliche Verbindung von einfacher Würde und unaffektirter Eleganz, die in allen Zeiten und Ländern und bei allen Veränderungen, der Sitten und Gebrauche das Benehmen der wenigen begünstigten Besitzer derselben zum augenblicklichen Dolmetscher ihres socialen Ranges gemacht hat.

Während der Patrizier noch mit seinem Pergarmente beschäftigt war, fand zwischen zwei in seiner Nähe befindlichen Damen folgendes flüsternde Gespräch statt.

»Sage mir, Camilla,« sprach die Aelteste und Stattlichste von den Beiden, »wer ist der so mit dem Dichten beschäftigte Höfling? Ich habe, wer weiß, wie viele Male versucht, seinen Blicken zu begegnen, aber der Mann sieht auf nichts als seine Pergamentrolle oder die Ecken des Zimmers.«

»Wie, bist Du in Italien so fremd, daß Du ihn nicht kennst?« antwortete Jene, ein munteres Mädchen von kleiner, zarter Gestalt, welches sich mit der ausdauerndsten Unruhe auf seinem Lager umher bewegte und außer Stande zu sein schien, irgend einem von den Gegenständen um sie hier auch nur einen Augenblick unverwandter Aufmerksamkeit zu schenken. Bei allen heiligen Märtyrern und Reliquien meines Onkels, des Bischofs!

»Pst! Du darfst nicht schwören.«

»Nicht schwören? — ei, ich bin mit einer neuen Sammlung von Schwüren, ausschließlich zum Gebrauch für Damen beschäftigt. Ich gedenke, sie dadurch in die Mode zu bringen, daß ich sie selbst schwöre.«

»Aber beantworte doch meine Frage, ich bitte Dich darum! Kannst Du denn nie lernen, auf einmal nur von einem Gegenstande zu sprechen?«

»Deine Frage —— ach Deine Frage! —— war es nicht etwas über die Todten?«

»Nein nein; sie betraf den Mann, der dort so unablässig schreibt und keinen Menschen ansieht. Er macht mich fast eben so böse, wie Camilla selbst.«

»Runzle nicht so die Stirn! Der Mann, wie Du ihn nennst, ist der Senator Vetranio.«

Die Dame schrak zusammen; augenscheinlich hatte Vetranio einen weit verbreiteten Ruf.

»Ja,« fuhr die muntere Camilla fort, »das ist der talentvolle Vetranio, aber er wird bei Dir nicht in Gunst kommen, denn er schwört zuweilen —— und da zu noch bei den alten Göttern, trotzdem daß es verboten ist.«

»Er ist hübsch.«

»-Hübsch! —— er ist schön! Es giebt in Italien kein Frauenzimmer, das nicht nach ihm schmachten! Ich habe gehört, daß er klug sei.«

»Wer hätte das nicht? Er ist der Erfinder einiger von den berühmtesten Saucen unserer Zeit. Die Köche aller Nationen verehren ihn wie ein Orakel. Und dann schreibt er Gedichte und componirt Musikstücke und malt Bilder. Und was die Philosophie anlangt, so spricht er darüber besser als mein Oheim, der Bischof.«

»Ist er reich?«

»O, mein Onkel der Bischof! -— ich muß Dir doch erzählen, wie ich Vetranio beigestanden habe, eine Satyre auf ihn zu machen. Als ich bei ihm in Rom war, pflegte ich häufig ein verschleiertes Frauenzimmer durch den Garten nach seinem Studierzimmer führen zu sehen. Um ihn also in Verlegenheit zu sehen, fragte ich ihn, wer es sei, und er runzelte die Stirn und stotterte und sagte Anfangs, ich sei unehrerbietig, aber nachher erzählte er mir, daß sie eine Arianerin wäre, an deren Bekehrung er arbeite. Ich dachte daher, daß es hübsch sein müsse, zu sehen, wie diese Bekehrung vor sich ging, und versteckte mich hinter einen Bücherschrank, aber es ist ein tiefes Geheimniß und ich theile Dir es nur im Vertrauen mit.«

»Ich sehne mich nicht danach, es zu wissen; erzähle mir lieber etwas von Vetranio.«

»Wie boshaft Du bist! O, ich werde nie vergessen, wie wir lachten, als ich Vetranio das; was ich gesehen, erzählte. Er nahm sein Schreibzeug und machte augenblicklich die Satyre. Am folgenden Tage hörte sie ganz Rom. Mein Oheim konnte vor Grimm kein Wort sprechen! Ich glaube, daß er mich in Verdacht hatte, aber er gab es auf, die arianische Dame zu bekehren und ——«

»Ich frage Dich nochmals, ist Vetranio reich?«

»Halb Sicilien gehört ihm. Er hat ungeheure Güter in Afrika, Olivenfelder in Syrien und Kornfelder in Gallien. Ich war bei einem Feste zugegen, welches er einst auf seiner Villa in Sicilien gab. Er rüstete eines von seinen Schiffen nach den Beschreibungen aus, welche man von Cleopatra Galeere besitzt und ließ seine Sklaven als dienende Tritonen hinter uns herspringen. O es war prächtig!«

»Ich möchte ihn doch kennen.«

»Du solltest nur seine Katzen sehen! Er hat in seiner Villa eine wahre Legion von ihnen. Zwölf Sklaven haben nur die Pflicht, ihnen aufzuwarten. Er ist katzentoll und behauptet, daß die alten Aegypter recht gehabt hätten, sie anzubeten. Er erzählte mir gestern, daß er seine größte Katze, wenn sie stürbe, den Christen zum Trotz heilig sprechen will. Und dann ist er so gütig gegen seine Sklaven. Sie werden nie gegeißelt oder bestraft, außer wenn sie sich nachlässig halten oder entstellen, denn Vetranio duldet nichts Häßliches oder Schmutziges in seiner Nähe. Du mußt seinen Speisesaal in Rom sehen. Er ist die Vollkommenheit selbst.«

»Aber warum ist er hier?«

»Er ist mit einem geheimen Auftrage von den Senate nach Ravenna gekommen und hat eine seltene Zucht von Hühnern für unsern Dummen ——«

»Pst, man könnte Dich hören.«

»Nun für unsern klugen Kaiser mitgebracht. O! der Palast ist so lustig gewesen, seit er sich hier befindet.«

In diesem Augenblick wurde obiges Gespräch, vor dessen Frivolität die universell gebildeten Leser unserer Zeit, wie wir fürchten, mit Verachtung zurückschrecken werden, von einer Bewegung des Helden desselben unterbrochen, welche bewies, daß seine Beschäftigung beendigt war.

Vetranio rollte mit der absichtlichen Langsamkeit eines Mannes, welcher es verschmäht, sich durch irgend eine Angelegenheit auf Erden aus seinem gewöhnlichen Gange bringen zu lassen, das jetzt vollgeschriebene Pergament zusammen, steckte es in seine Brust und gab einem Sklaven, der mit einem Obstteller an ihm vorüberging, ein Zeichen.

Der Sklave begab sich nach Empfang seines Auftrages an die Thür des Gemaches, winkte einem vor demselben stehenden Manne und forderte ihn auf, sich an Vetranio’s Ruhebett zu begeben.

Dieses Individuum eilte augenblicklich durch den Saal nach dem Fenster hin, wo ihn der elegante Römer erwartete. Es bedarf nicht der mindesten Beschreibung von ihm, denn er gehörte zu einer Klasse, mit welcher die neuesten Zeiten eben so bekannt sind, wie die ältesten —— einer Klasse, die alle Veränderungen der Nationen und Sitten überlebt hat —— einer Klasse, die mit dem ersten Reichen auf die Welt gekommen ist und erst mit dem letzten aussterben wird —— mit einem Worte, es war ein Schmarotzer.

Er besaß jedoch einen großen Vorzug im Verhältniß zu seinen modernen Nachfolgern. Zu seiner Zeit war die Schmeichelei ein Geschäft —— in der unsern ist sie zu einer Beschäftigung herabgesunken.

»Ich werde heute Abend Ravenna verlassen,« sagte Vetranio.

Der Schmarotzer machte drei tiefe Verbeugungen und lächelte entzückt.

»Du wirst bestellen, daß mein Reisewagen eine Stunde vor Sonnenuntergang an dem Palastthore hält.«

Der Schmarotzer erklärte, daß er die Ehre des Auftrags nie vergessen werde,und verließ den Saal.

Die muntere Camilla, welche Vetranio’s Befehl gehört hatte, sprang von ihrem Ruhebette auf, sobald der Schmarotzer den Rücken gewendet, lief zu dem Senator hin und begann ihm Vorwürfe über den so eben ausgesprochenen Entschluß zu machen.

»Machst Du Dir kein Gewissen daraus, mich in diesem langweiligen, abscheulichen Palaste zu lassen, um Deine mäßige Laune, nach Rom zugehen, zu befriedigen?« sagte sie schmollend und mit einer Locke des dunkelbraunen Haares spielend, welche sich über Vetranio’s Stirn kräuselt.«

»Besitzt der Senator Vetranio so geringe Zuneigung für seine Freunde, daß er sie den Gothen zur beliebigen Verfügung zurückläßt?« fragte eine andere Dame, die lächelnd zu Camilla trat.

»Ach, die Gothen!« rief Vetranio zu der, welche zuletzt gesprochen hatte, gewendet. »Sage mir, Julia, heißt es nicht, daß die Barbaren wirklich nach Italien marschieren?«

»Alle Welt hat davon gehört. Der Kaiser ist über das Gerücht so fassungslos, daß er verboten hat, vor ihm selbst den Namen der Gothen wieder zu erwähnen.«

»Ich meinestheils,« fuhr Vetranio fort, indem er Camilla zu sich zog und scherzhaft ihre kleine Grübchenhand tätschelte; »ich befinde mich in eifriger Erwartung der Gothen, denn ich habe eine Minervenstatue im Sinne, für die ich kein besseres Modell finden kann, als ein Weib jener Nation von Störenfrieden. Ich habe ans guter Quelle erfahren, daß ihr Gliederbau kolossal und ihr Anstandsgefühl unter der Disciplin des Geldbeutels höchst gehorsam und lenkbar sei.«

»Wenn die Gothen Dir ein Modell für irgend etwas liefern,« sagte ein Höfling, welcher sich, während Vetranio sprach, der Gruppe angeschlossen hatte, »so wird es eine Vorstellung von dem Brande Deines Palastes sein, die aus dem unerschöpflichen Quell Deiner Wunden in Blut malen kannst.«

Das Individuum, welches die letzte Bemerkung aussprach, zeichnete sich unter dem glänzenden Kreise durch seine ausnehmende Höflichkeit aus. Von seinen persönlichen Nachtheilen und denn Verlust seines ganzen Vermögens am Spieltisch dazu angetrieben, hatte er in der letzten Zeit eine Rolle zu spielen begonnen, deren Eigenthümlichkeiten ihn durch ihre unangenehme Originalität in jenem frivolen Zeitalter vor Vergessenheit oder Verachtung bewahrten; er war ein cynischer Philosoph.

Seine Bemerkung brachte auf seine Zuhörer jedoch keine weitere Wirkung hervor, als daß deren Heiterkeit erregte. Vetranio lachte, Camilla lachte, Julia lachte. Die Idee, daß eine Bande von Barbaren je im Stande sein könne, einen römischen Palast zu verbrennen, war zu ungeheuer lächerlich für den ungeheuren Ernst Aller und als die Worte in andern Theilen des Saales wiederholt wurden, lachte, trotz seiner Langeweile und Mattigkeit, per ganze Hof.

»Ich weiß nicht, weshalb ich mich über den Unsinn« dieses Menschen belustige,« sagte Camilla beim Ausbruch eines höchst anziehenden Lächelns plötzlich ernsthaft werdend, »während ich beim Gedanken an Vetranio’s Abwesenheit so betrübt bin. Was wird aus mir werden, wenn er fort ist. Ach, wer wird noch im Pa1aste Gedichte über meine Schönheit und Lieder für meine Laute schreiben? wer wird mich als Venus malen und mir Geschichten über die alten Aegypter und ihre Katzen erzählen? wer wird mir beim Festmahle Anweisungen geben, welche Gerichte ich wählen und welche ich verwerfen soll? Wer« —— und die arme kleine Camilla hielt plötzlich in ihrer Aufzählung der Freuden, die sie verlieren würde, inne und schien auf dem Punkte zu stehen, eben so kläglich zu weinen, wie sie, kaum einen Augenblick vorher, entzückt gelacht hatte.

Vetranio war gerührt —— nicht über das Compliment, welches seinen intellectuellen Fähigkeiten gemacht wurde, sondern durch das Geständnis? seiner Feinzüngler-Vorzüge als Führer beim Festmahl, welches in dem letzten Theile der Vorstellungen Camilla’s enthalten war.

Dem weiblichen Geschlechte fehlte es damals, wie noch jetzt, an gastronomischem Enthusiasmus. Es war daher ein vollkommener Triumph für ihn, die jüngste und schönste von den Hofdamen zu der Wissenschaft bekehrt zu haben.

»Wenn sie Urlaub erhalten kann,« antwortete der geschmeichelte Senator, »so soll mich Camilla nach Rom begleiten, und dort bei der ersten Feier meiner neuesten Entdeckung einer Nachtigallensauce zugegen sein.«

Camilla war entzückt. Sie faßte Vetranio’s Wangen mit ihren rosigen kleinen Fingern, küßte ihn mit dem Enthusiasmus eines Kindes, über ein neues Spielzeug und schoß munter davon, um sich zur Abreise vorzubereiten.

»Vetranio würde besser thun,« höhnte der Cyniker, »wenn er sich mit der Erfindung neuer Salben für künftige Wunden, statt mit den neuen Saucen für künftige Nachtigallen beschäftige. Sein Leichnam wird von gothischen Schwertern zum Mahle für die Würmer zerlegt werden, ehe seine Vögel an römischen Bratspießen stecken, um ein Mahl für seine Gäste abzugeben. Ist dies eine Zeit, um Bildsäulen auszuhauen und Saucen zu brauen? Pfui über die Senatoren, die sich solchen Beschäftigungen hingeben, wie Vetranio.«

»Ich habe andere Pläne,« antwortete der Gegenstand dieser moralischen Entrüstung, indem er mit beleidigender Gleichgültigkeit in das abstoßende Gesicht des Cynikers blickte, »und sie müssen wegen ihrer unermeßlichen Wichtigkeit für die Welt allgemeinen Beifall finden. Die so eben von mir beendigte Arbeit bildet das erste einer Reihe von drei Projekten, die ich seit einiger Zeit schon im Auge habe. Das erste ist eine Analyse der neuen Priesterschaft, das zweite eine treffende Vorstellung der Venus sowohl durch die Malerei, wie durch die Skulptur, das dritte eine Erfindung eines bisher unentdeckten Gegenstandes, einer Nachtigallensauce. Die unerforschliche Weisheit des Schicksals hat es gewollt, daß der letzte von den Gegenständen, die ich mir vorgenommen habe, zuerst in’s Werk gesetzt worden ist. Die Sauce ist erfunden, und ich habe so eben auf diesem Pergament die Ode beendigt, welche sie auf meinem Tische einführen wird.

Meine nächste Arbeit wird die Analyse sein. Sie wird die Form einer Abhandlung annehmen, in welcher ich die Erfahrung früherer Jahre zur Basis der Prophezeihung für die Zukunft nehmen und die genaue Anzahl von weiteren Zwistigkeiten, Controversen und Zänkereien angeben werde, welche erforderlich ist, um die neue Priesterschaft in den Stand zu sehen, ihren eignen Gottesdienst zu vernichten. Ich werde durch eine genaue Berechnung das Jahr ermitteln, in welchem dieser Untergang vor sich geht, und habe als Material für mein Werk eine historische Uebersicht der christlichen Schismen und Zwistigkeiten in Rom seit den letzten hundert Jahren bei mir. Was meinen zweiten Plan, die Personification der Venus betrifft, so ist er von abschreckender Schwierigkeit. Er erfordert eine Untersuchung der Frauen jeder Nation des Erdkreises, eine Vergleichung der relativen Vorzüge und Eigenthümlichkeiten ihrer Reize, und eine Vereinigung alles Liebenswürdigsten in der unendlichen Verschiedenartigkeit ihrer hervorragendsten Schönheiten in einer Form. Um die Ausführung dieses mühevollen Planes zu befördern, haben meine Pächter in der Heimath und meine Sklavenhändler im Auslande den Befehl erhalten, alle im Kaiserreiche geborene oder aus den Völkerschaften um dasselbe her geholten schönsten Frauen nach meiner Villa in Sicilien zu senden. Zur geeigneten Periode werde ich meine Untersuchungen, ohne mich von Schwierigkeiten schrecken zu lassen und zum Erfolge entschlossen, beginnen. Die echte Venus ist noch nicht verkörpert worden. Wie köstlich wird mein Triumph sein, wenn ich diese Aufgabe ausführe. Mein Werk wird der Altar sein, auf welchem Tausende die sanftesten Empfindungen ihrer Herzen darbringen. Es wird die eingekerkerte Einbildungskraft der Jugend erfreuen und die verbleichenden Erinnerungen des Altars wieder auffrischen.«

Vetranio schwieg. Der Cyniker hatte vor Entrüstung die Sprache verloren. Ein einzelner Eiferer für die Kirche, welcher sich zufällig in der Nähe befand, runzelte, über die Analyse, die Stirn. Die Damen kicherten über die Versinnlichung, die Feinschmecker freuten sich auf die Nachtigallensauce, aber in den ersten Minuten sprach Niemand. Während dieser vorübergehenden Verlegenheit flüsterte Vetranio einige Worte in Juliens Ohr, und verließ, als sich der Cyniker eben hinlänglich gefaßt hatte, um ihm eine Erwiderung zu geben, von der Dame begleitet, das Zimmer.

p>Der Geschichtsforscher wird bemerken, daß es in den meisten älteren wie neueren Perioden der Welt eine gewisse Klasse von Menschen gegeben hat, bei deren Erschaffung es ein Hauptzweck gewesen zu sein scheint, der Nachwelt das auffallendste und vollkommenste Beispiel von dem Einflusse des Zeitalters auf das Individuum zu gewähren. Zu einer solchen Klasse gehörte der Senator Vetranio. Unter der dünnen Decke der absichtlich kleinlichen, mühsam an den Tag gelegten Entartung lag ein mächtiger, tiefer Verstand verborgen, dessen rechtmäßigen Wünschen in jenen entarteten Zeiten nicht entsprochen und die daher durch die Entbehrung vernichtet oder zum Gefallen an der intellectuellen Verkappung der Zeit irre geleitet wurden. Mehr denkend als thätigkeitsliebend, mehr nachahmend als schöpferisch, für den Widerstand zu nachgiebig und für die Einsamkeit zu gesellig, war seine Seele keine von denjenigen, welche ihre Bedürfnisse aus sich befriedigen können, die von der äußern Welt weder Begeisterung noch Sympathie verlangen und die sich ihrer erhabenen Einsamkeit in der von ihrem eignen unfruchtbaren Begehren ererbten oder durch ihre eignen unwillkommenen Thaten erzeugten Wüste freuen.

Gleich einem Binnensee, lag sein Geist in sich selbst ruhig unter den äußern Einflüssen da, die allein ihn zur That antreiben oder zur Großartigkeit anspornen konnten. Aber der Sturm gewaltiger Thaten oder großer Beispiele trieb ihn zu jener erbärmlichen Zeit nie an, seine verborgenen Schätze an das Tageslicht herauf zu werfen, regte ihn nie bis in seine innersten Tiefen auf. Auch, über seine träge Oberfläche spielte nur das Lüftchen der Ueppigkeit hin, auf ihr erhob sich nur das winzige Wellchen kleiner Fertigkeiten und so fand dieser von dem entarteten Einfluß seines Alters intellectuell verkrüppelte Mann, der zu andern Zeiten vielleicht die Geschicke eines Reiches gelenkt haben würde, in der seinen keine glänzendere Auszeichnung, als die Herrschaft über Spaßmacher und keinen edleren Ehrgeiz, als die erste Stelle unter Köchen.

Es hat wohl nie eine allgemeinere Beliebtheit gegeben als die Vetranio’s war. Mit einem Charakter begabt, der sich durch seine Schmiegsamkeit in alle Lagen schickte, entwaffnete seine Großmuth die Feinde, während seine Zuthunlichkeit sich Freunde erwarb. Freigebig ohne Prunk, glücklich ohne Stolz, leistete er Andern mit Anmuth Dienste und glänzte in Sicherheit. Man genoß seine Gastfreundschaft, denn man wußte, daß sie uneigennützig war, und bewunderte seine Talente, denn man fühlte, daß sie sich nicht vordrängten. Mitunter —— wie in dem Gespräche mit dem Cyniker —— entlockte ihm die Laune des Augenblicks, oder der Stachel eines Sarkasmus, eine Anspielung auf seinen Stand oder eine Entwickelung seiner Excentricitäten, da er aber stets der Erste war, welcher bald daraus das Gelächter über seine Hitze anregte, litt sein Ansehen als Edelmann nicht unter seiner Schwäche als Mensch. Er bewegte sich heiter und anziehend in allen Kreisen der Gesellschaft seiner Zeit und erwarb sich seine socialen Lorbeeren unter allen Klassen, ohne einen Nebenbuhler zu erwecken, der ihr Gesetz bestritten, oder sich einen Feind zu machen, der ihren Werth herabgesetzt hätte.

Und doch war die bezaubernde Herablassung, die verschwenderische Freigebigkeit, welche ihm diese beneidenswerthe Stellung in der Welt erwarb, bei einem Charakter wie der seine eher eine Notwendigkeit, wie eine Tugend. Er war gütig gegen seine Untergebenen, mehr weil er die Berührung mit den Leiden und die Befleckung mit der Unzufriedenheit haßte, als weil er geliebt zu werden wünschte, oder an der Wohlthätigkeit Freude gefunden hätte. Er war seiner Klasse ergeben, weil Streitigkeiten seiner Gemüthsart widerstanden und Eifersüchteleien die üppige Heiterkeit trübten, welche die Gewohnheit seinen Gefühlen zu einer zweiten Natur gemacht hatte. Durch seine Stellung mächtig und von unerschöpflichem Vermögen, strengte er sich aufs Höchste an, sich die Befreiung von Sorgen und Aengsten, welche die meisten Menschen als einen frommen Wunsch erhoffen, systematisch zu erlangen. Bei Andern würde sich eine so ausgedehnte Selbstsucht beständig verrathen haben, bei ihm aber nahm sie durch Reichthum geweiht und durch Scharfsinn verschleiert, die Form der Philosophie an, und der Senator wurde da als eleganter Epikuräer citirt, wo der Plebejer als herzloser Egoist gebrandmarkt worden sein würde.

Nach dem Verlassen des Wartesaals stiegen Vetranio und Julia die Palasttreppe hinab und gingen in den Garten des Kaisers. Dieser gewöhnlich als Abendspaziergang benutzte Platz war jetzt menschenleer und nur die wenigen mit der Pflege der Blumenbeete und dem Begießen der glatten schattigen Rasenplätze beschäftigten Bediensteten darin vorhanden. Sie traten in eine von den abgelegensten von den zahlreichen Lauben unter den Bäumen, wo Vetranio seine Gefährtin auf einem Sitze Platz zunehmen winkte und sie dann ohne weitere Einleitung in folgenden Worten anredete:

»Ich habe gehört, daß Du im Begriffe ´seist nach Rom abzureisen —— ist es wahr?«

Er stellte ihr diese Frage mit leiser Stimme und einem Wesen, dessen Ernst in seltsamem Widerspruch mit der flüchtigen Munterkeit war, welche ihn vor wenigen Augenblicken noch unter den Edeln des Hofes charakterisiert hatte. Als ihm Julia bejahend antwortete, drückte sein Gesicht die lebhafteste Freude aus; er setzte sich an ihre Seite und sprach weiter:

»Wenn ich glaubte, daß Du längere Zeit in der Stadt zu verweilen gedachtest, so würde ich es wagen, Deine Freundschaft von Neuem auf die Probe zu stellen, indem ich Dich bäte, mir Deine kleine Villa bei Aricia zu leihen!«

»Du kannst einen Befehl an meinen Verwalter, Dir Alles, was dort ist, zur unumschränkten Verfügung zu stellen, mit nach Rom nehmen.«

»Meine großmüthige Julia. Du gehörst zu den wenigen Begabten die wirklich eine Gefälligkeit zu erweisen wissen. Eine Andere würde mich gefragt haben, wozu ich die Villa brauchte. Du gibst sie rückhaltlos. Eine so zarte Abneigung, in ein Geheimniß zu dringen, erinnert mich daran, daß dies Geheimniß jetzt auch das Deine sein muß.«

Um die ruhige Vertraulichkeit zu erklären, welche zwischen Vetranio und Julia bestand, ist es nöthig; dem Leser mitzutheilen, daß die Dame, wenn auch noch von anziehendem Aeußern, doch in dem Alter stand, wo sie eher über ihre vergangenen Eroberungen nachdenken, als auf künftige sinnen durfte. Sie hatte ihren extentrischen Gefährten seit seiner Knabenzeit gekannt, war einst von seinen Versen geschmeichelt worden und jetzt, wo ihre Reize verblichen, verständig genug, eben so zufrieden mit der Freundschaft des Senators zu sein, wie sie einst von der Anbetung des Jünglings entzückt gewesen war.

»Du bist zu scharfsichtig,« fuhr Vetranio nach einer kurzen Pause fort, »um nicht bereits vermuthet zu haben, daß ich Deine Villa nur dazu brauche, mich im Verbergen einer Intrigue zu unterstützen. Mein Abenteuer ist in seinen verschiedenen Einzelheiten so eigenthümlich, daß ich mich, wenn ich meinen Palast zum Schauplatze ihrer Entwickelung machte, einer Entdeckung aussetzen würde, welche den sofortigen Umsturz aller meiner Pläne zur Folge haben könnte. Aber ich fürchte, daß, die Lange meines Geständnisses die Dauer Deiner Geduld übersteigen wird.«

»Du hast meine Neugier erregt. Ich könnte Dir ewig zuhören.«

»Kurz vor meiner Abreise von Rom nach Ravenna,« fuhr Vetranio fort, »begegnete mir ein Abenteuer der ungewöhnlichsten Art, welches meinen Geist mit der außerordentlichsten Hartnäckigkeit in Banden hält und wie ich überzeugt bin, die ungewöhnlichsten Folgen haben wird. Ich saß eines Abends im Garten meines Palastes auf dem Monte Pincio und versuchte eine neue Composition auf meiner Laute. In einer Pause der Melodie, welche sanft und klagend war, hörte ich Töne unter den Bäumen hinter mir, die dem Schluchzen eines Bekümmerten glichen. Ich blickte mich vorsichtig um und bemerkte halb im Laube verborgen, die Gestalt eines jungen Mädchens, welches mit der entzücktesten Aufmerksamkeit der Musik zu lauschen schien. Von einem solchen Zeugnisse meiner Geschicklichkeit geschmeichelt und von dem Verlangen getrieben, meine geheimnißvolle Besucherin näher zu betrachten, schritt ich auf ihren Versteck zu, vergaß aber in meiner Eile im Lautenspiele fortzufahren. In dem Augenblicke, wo die Musik aufhörte, entdeckte sie mich und verschwand. Entschlossen sie zu sehen, schlug ich die Saiten von Neuem an und wenige Minuten darauf sah ich auch ihr weißes Gewand wieder unter den Bäumen. Ich verdoppelte meine Anstrengungen, ich spielte mit dem größten Ausdrucke die rührendsten Theile der Melodie. Wie unter dem Einflusse eines Zaubers begann sie auf mich zuzukommem bald zaudernd, bald um ein paar Schritte zurückgehend bald sich halb widerstrebend, halb willig nähernd, bis sie endlich durch den langen bebenden Schluß der letzten Cadanze gänzlich besiegt, plötzlich zu mir heran lief, zu meinen Füßen niedersank und die Hände erhob, wie um meine Verzeihung zu erstehen.

»Ich habe nie etwas Bezaubernderes gesehen, wie sie in dieser Stellung. Ihre großen weichen von Thränen schimmernden Augen blickten wehmüthig zu meinem Gesichte auf, ihre zarten Lippen bebten, als ob sie zu sprechen wünsche, aber es nicht wage. Ihre glatten, runden Arme waren von der vollkommensten Schönheit. Obgleich sie an Jahren und Empfindungen noch ein Kind zu sein schien, glich sie an Schönheit und Gestalt doch schon einem Weibe. Ich war für den Augenblick durch das Plötzliche ihrer bittenden Bewegung zu erstaunt, um mich zu bewegen oder zu sprechen. Sobald ich meine Fassung wieder erlangt hatte, versuchte ich sie zu streicheln und zu beschwichtigen, aber sie wich vor meiner Umarmung zurück und schien mir wieder entfliehen zu wollen bis ich von Neuem die Saiten der Laute berührte, und dann stieß sie einen leisen Ruf des Entzückens aus, schmiegte sich dicht an mich und blickte mit einem so seltsamen Gemisch von Anbetung und Entzücken in mein Gesicht, daß ich Dir bekennen muß, Julia, daß ich vor, ihr so schüchtern wie ein Knabe war.

»Die Laute war mein einziges Mittel in Verkehr mit ihr zu treten. Wenn ich zu spielen aufhörte, so waren wir einander fremd, wenn ich wieder anfing, so waren wir Freunde. Ich milderte daher die Töne des Instruments, während sie mit leiser bebender, wohlklingender Stimme zu mir sprach, fuhr aber zu spielen fort.

»Auf diese Weise entdeckte ich bei unserm ersten Zusammentreffen, daß sie die Tochter eines gewissen Numerian war, auf dem Punkte stand, ihr vierzehntes Jahr zu vollenden und Antonina hieß. Es war mir erst gelungen, Umrisse ihrer Geschichte zu erlangen, als sie sich wie, von einer plötzlichen Befürchtung ergriffen, mit einem Blicke des äußersten Schreckens von mir loßriß, mich anflehte, ihr nicht zu folgen, wenn ich sie je wieder zu sehen wünsche und schnell unter den Bäumen verschwand.

»Am folgenden Abend, besuchte ich den Gartenhain wieder und sobald ich die Saiten angeschlagen hatte, näherte sie sich mir auch wie von einem Zauber angelockt. Bei diesem zweiten Besuche erfuhr ich den Grund ihres geheimnißvollen Erscheinens und Scheidens. Ihr Vater gehörte, wie sie mir sagte, zu einer neuen Sekte, die sich aus welchem Grunde, vermag man nicht zu begreifen —— einbildet, daß sie sich ihrer Gottheit dadurch empfiehlt, wenn sie ihr Leben zu einer ewigen Runde von Körperleiden und Geistesqual macht. —— Der Tyrann begnügte sich nicht damit, alle seine eignen Gefühle und Fähigkeiten zu entstellen, sondern übte, auch an dem armen Kinde seine unvernünftige Strenge.

»Er verbot seiner Tochter in ein Theater zu treten, eine Bildhauerarbeit anzusehen, Gedichte zu lesen, Musik anzuhören. Er ließe sie lange Gebete auswendig lernen und endlosen Predigten beiwohnen. Er gestattete ihr keine Gespielen von ihrem Alter nicht einmal Mädchen wie sie selbst. Die einzige Zerstreuung, welche sie erlangen konnte, war die mit dem größten Widerwillen und Tadel gewährte Erlaubniß, einen kleinen Garten anzubauen, der zu dem Hause, in welchem sie wohnten, gehörte und an einem Punkte an die Haine um meinen Palast grenzte. Während sie dort mit der Pflege ihrer Blumen beschäftigt war, hatte sie zuerst die Klänge meiner Laute gehört. Mehrere Monate, ehe ich sie entdeckte, war sie schon gewohnt gewesen, die ihren Garten umgrenzenden Mauern zu erklimmen und sich unter den Bäumen zu verbergen, um der Musik zu lauschen, wenn ihr Vater durch seine Geschäfte auswärts gerufen wurde. Sie war dabei von einem alten Manne entdeckt worden, der den Auftrag hatte, sie in Abwesenheit seines Herrn zu bewachen. Der Diener hatte jedoch, als er ihr Geständnis hörte, nicht nur versprochen, ihr Geheimniß zu bewahren, sondern ihr auch gestattet, ihre Besuche in meinem Haine fortzusetzen, wenn ich dort auf der Laute spielte. Das Räthselhafteste an der Sache ist aber das, daß das Mädchen, trotz seiner Strenge gegen sie, große Neigung zu ihrem mürrischen Vater zu besitzen schien, denn wenn ich ihr anbot, sie aus seinen Banden zu befreien, so erklärte sie, daß sie nichts bewegen könne, ihn zu verlassen, nicht einmal das Vergnügen, unter schönen Gemälden zu leben und zu jeder Stunde des Tages schöne Musik zu hören. Ich sehe aber, daß ich Dich langweile und überdies zeigt mir die Länge der Schatten, daß es Zeit zu meiner Abreise ist. Ich will daher von meinen ersten Zusammenkünften mit Antonina zu den Folgen übergehen, welche dieselben gehabt hatten, als ich meine Reise nach Ravenna antrat.

»Du wirst Dir leicht vorstellen, Julia, daß die seltsame Lage dieses Mädchens und die Originalität ihrer Ideen sie für mich mit einer Anziehungskraft bekleideten, welche die Reize ihrer Person und Jugend ungemein erhöhten. Sie entzückte meine Dichterkräfte eben so sehr, wie sie meine Mannesgefühle entzündete und ich beschloß, sie durch Anwendung jedes Kunstgriffes, den mir mein Scharfsinn eingehen konnte, aus dem tyrannischen Schutze ihres Vaters zu locken. Ich begann ihr selbst das Talent, welches sie bei einem andern so angezogen hatte, ausüben zu lehren. Durch die Vertraulichkeit, welche eine solche Beschäftigung auf beiden Seiten erzeugte, hoffte ich in Bezug auf Neigung von ihr eben so viel zu erlangen, als sie von mir an Geschicklichkeit erwarb. Zu meinem Erstaunen fand ich sie jedoch gegen den Lehrer fortwährend eben so gleichgültig und für die Musik eben so geneigt, wie sie bei unserer ersten Zusammenkunft erschienen war. Wenn sie mein Entgegenkommen zurückgewiesen, wenn sie dasselbe in Verwirrung gesetzt hätte, so würde ich mich in ihre Launen haben finden und die Aufmunterung der Hoffnung fühlen können, aber die Kälte, die Gleichgültigkeit, die unnatürliche, unbegreifliche Ruhe, mit welcher sie selbst meine Liebkosungen annahm, brachten mich gänzlich aus der Fassung. Es schien, als ob sie mich nur als eine sich bewegende Statue, als eine bloße wesenlose Verkörperung der Wissenschaft betrachten könne. Wenn ich sprach, so blickte sie mich kaum an. Bewegte ich mich, so bemerkte sie es fast gar nicht. Ich konnte es nicht für Widerwillen halten. Sie schien zu sanft zu sein, um ein solches Gefühl gegen irgend ein Wesen auf Erden zu nähren. Ich konnte nicht glauben, daß es Kälte sei, denn sie war voll Leben und Aufregung, wenn sie nur ein paar Musiktöne hörte. Wenn sie die Saiten des Instruments berührte, so bebte ihr ganzer Körper. Ihre, wenn sie mich anblickte, milden, ernsten und gedankenvollen Augen strahlten bald von Entzücken, bald schimmerten sie in Thränen, wenn sie der Laute zuhörte. Mit jedem Tage, an welchem sich ihre musikalische Fertigkeit vermehrte, wurde auch ihr Wesen gegen mich unerklärlicher gleichgültig. Endlich machte ich ihr, der beständigen Täuschungen, die mir zu Theil wurden, müde, und entschlossen, durch. die Erweckung ihrer Dankbarkeit einen letzten Versuch anzustellen, um ihr Herz zu rühren, ein Geschenk mit der Laute, die sie zuerst gehört und auf welcher sie jetzt spielen gelernt hatte. Ich habe nie ein menschliches Wesen verklärter entzückt gesehen, wie dieses unbegreifliche Mädchen, als sie aus meinen Händen das Instrument empfing. Sie weinte und lachte abwechselnd darüber, sie küßte es, hätschelte es und sprach zu ihm, als ob es ein lebendes Wesen wäre. Als ich mich ihr aber näherte, um den Ausdrücken der Dankbarkeit fürs das Geschenk, mit welchen sie mich überhäuft ein Ende zu machen, versteckte sie die Laute plötzlich in ihrem Gewande, als fürchte sie, daß ich sie derselben berauben würde, und eilte mir schnell aus den Augen.

»Am folgenden Tage, wartete ich an unserm gewohnten Zusammenkunftsorte auf sie, aber sie zeigte sich nicht. Ich sendete einen verkleideten Sklaven in das Haus ihres Vaters, aber sie wollte in keinen Verkehr mit ihm treten. Offenbar hatte sie jetzt, wo ihr ihre Absicht gelungen war, kein Verlangen mehr, mich zu sehen. In meinen ersten zornigen Augenblicken beschloß ich, Ihr meine Macht fühlen zu lassen, wenn sie meine Güte verachtete, nach weiterer Ueberlegung überzeugte mich jedoch meine Kenntniß ihres Charakters, daß bei solchen Dingen Gewalt unpolitisch sei und daß ich meine Beliebtheit in Rom auf das Spiel setzen und mich zwecklos auf einen meiner unwürdigen Streit einlassen würde. Mit mir selbst unzufrieden und in dem Mädchen getäuscht, gehorchte ich den ersten Eingebungen meines Unmuths, ergriff die mir durch meine Pflichten im Senate gewährte Gelegenheit, dem Schauplatz meiner getäuschten Hoffnungen zu entfliehen, und reiste zornig nach Ravenna ab.

»Du lächelst, Julia; höre mich aber bis zu Ende an und Du wirst finden, daß ich mich noch nicht in die Niederlage gefügt habe.

»Während der wenigen hier zugebrachten Tage hat Antonina’s Bild meine Gedanken in beständige Unruhe versetzt. Ich bemerke, daß es sich bei der Beseitigung ihrer Undankbaren Abneigung sowohl um meine Liebe, wie um meinen Ruf handelt. Ich vermuthe, daß mein Eifer, sie zu erwerben, wenn er unbefriedigt bleibt, auf meinen Charakter solchen Einfluß üben wird, daß ich mich aus Vetranio den Heitern in Vetranio den Sardonischen verwandeln werde. Stolz, Ehre, Neugier und Liebe treiben mich gleichmäßig zu ihrer Eroberung an. Die Vorbereitung auf mein Bankett ist für den Hof eine Entschuldigung meiner plötzlichen Abreise von diesem Orte, der wahre Zweck meiner Reise aber Antonina allein.

»Du wirst mich fragen, wie ich wieder eine Zusammenkunft mit ihr zu erlangen gedenke. Ich antworte, daß der Diener des Mädchens sich mir freiwillig zum Werkzeuge für die Ausführung meiner Pläne angeboten hat. Am Tage vor meiner Abreise von Rom erschien er plötzlich vor mir in meinem Garten und erbot sich, mir Zugang in Numerian’s Hause zu verschaffen, nachdem er, eher mit der Miene eines Gleichstehenden, wie eines Geringern, gefragt hatte, ob das Gerücht, daß ich noch ein geheimer Anhänger der alten Religion und Götterverehrung sei, begründet wäre. Ueber die Beweggründe des Burschen argwöhnisch —— denn er wollte von keiner Belohnung für seine Verrätherei hören —— und über die Undankbarkeit des Mädchens gereizt, wies ich sein Anerbieten mit Verachtung zurück. Jetzt, wo meine Unzufriedenheit beschwichtigt und meine Besorgniß erweckt ist, bin, ich jedoch auf jede Gefahr hin entschlossen, mich diesem Manne anzuvertrauen, was auch immer seine Beweggründe zu meinem Beistande sein mögen. Wenn meine Bemühungen um die erwartete Zusammenkunft —— und ich werde sie emsig betreiben —— mit Erfolg gekrönt werden, so wird es nöthig sein, für Antonina einen Zufluchtsort, den man weder beargwöhnen noch durchsuchen kann, zu erlangen. Es kann für einen solchen Versteck nichts Vortrefflicheres, Geeigneteres geben, als Deine Aricische Villa. Bereuest Du jetzt, wo Du weißt, zu welchem Zwecke sie bestimmt ist, Deine großmüthige Verfügung über dieselbe zur Unterstützung meines Planes?«

»Ich bin entzückt darüber, sie Dir überlassen zu können. Dein Abenteuer ist in der That ungewöhnlich. Ich glühe vor Ungeduld zu hören, wie es enden wird. Was auch geschehen mag, so kannst Du Dich doch stets auf meine Verschwiegenheit verlassen und auf meinen Beistand zählen. Aber sieh, die Sonne senkt sich bereits im Westen und dort kommt einer von Deinen Sklaven, ohne Zweifel, um Dich zu benachrichtigen, daß Dein Wagen bereit steht. Kehre mit mir nach dem Palaste zurück; ich werde Dir den nöthigen Brief geben, um Dich als Herrn auf meinem Landsitze einzuführen.«

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Die auf dem freien Platze vor dem Palaste versammelten guten Bürger von Ravenna, welche die Abreise des Senators mit ansehen wollten, hatten die unschuldigen Unterhaltungsmittel des Anstierens der Wachen, des Fangens der Mückenwolken, welche um ihre Ohren spielten, und des Zankens mit einander gänzlich erschöpft und waren jetzt in höchst lärmende einstimmige Ungeduld versunken, als ihre Unzufriedenheit plötzlich und auf das Wirksamste durch das Erscheinen des Reisewagens mit Vetranio und Camilla vor den Palastthore beschwichtigt wurde.

Beim Anblicke des Senators und seines prächtigen Gefolges erhob sich ein lärmendes Beifallsgeschrei, welches jedoch um das Hundertfache lauter wurde, als die ersten Sklaven auf Befehl ihres Herrn ein Paar Hände voll kleiner Münzen unter die ärmere Klasse der Zuschauer ausstreuten.

Alle Mitglieder dieser heterogenen Versammlung von Schelmen, Narren und Müßiggängern brüllten so laut, und sprangen, so hoch sie konnten, zu Ehren des freigebigen Patriziers. Langsam und vorsichtig bewegten sich die vornehmen Reisenden durch die sie umgebende Menge nach dem Stadtthore zu und von dort reiste Vetranio unter unablässigen, mit imposanter Einmüthigkeit der Lungen und in den ohrenzerschneidendsten Mißtönen ausbrechenden Beifallsgeschrei mit seiner muntern Gefährtin im Triumph nach Rom ab.

Wenige Tage nach diesem Ereignisse waren die Bürger wieder auf demselben Platze und zur gleichen Stunde versammelt, wahrscheinlich, um wieder einen Patrizier abreisen zu sehen, als ihre Ohren von dem unerwarteten Tone des Rufes: »Zu den Waffen!« begrüßt wurden, auf welchen unmittelbar das Schließen der Stadtthore erfolgte. Sie hatten einander kaum um die Bedeutung dieser ungewöhnlichen Ereignisse gefragt, als ein entsetzensbleicher Bauer auf den Platz stürzte und die furchtbare Nachricht aufschrie, daß die Gothen in der Ferne sichtbar seien.

Die Höflinge hörten die Neuigkeit, sprangen von einem üppigen Mahle auf und eilten an die Palastfenster, um das wichtige Schauspiel zu betrachten. Den übrigen Theil des Abends hindurch blieben die gastlichen Tische von den Gästen verlassen.

Der erbärmliche Kaiser wurden von dieser gefürchteten Mittheilung bei seinen Hühnern überrascht. Auch er eilte an das Fenster, blickte hinaus und sah das Rächerheer verächtlich an seiner einsamen Festung vorüberziehen und schnell nach dem unvertheidigten Rom weiter rücken.

Noch lange, nachdem die Dunkelheit die Massen jener gewaltigen Armee seinen Augen entrückt hatten, stierte er hilflos und von Staunen. und Furcht gelähmt, auf die verbleichende Landschaft hinaus und zum ersten Male, seit er sie besaß, blieb an jenem Abende sein Hühnervolk von der Hand des Herrn ungewartet.



Band 1

Zweites Buch.

»—— Res hominum tanta caligine vohvi
Adspicerem, laetosque diu florere nocentes
Vexarique pios: rursus labefacta cadebat
Religio« —— Claudian.

Kapitel I.
Rom.

Wir fürchten, daß erfahrene Leser, wenn sie den Titel dieses Kapitels erblicken, eher Besorgniß als Neugier empfinden werden. Sicherlich stellen sie sich vor, daß er lange Rhapsodieen über die Wunder des Alterthums verkündet, deren Beschreibung ihnen durch unablässige Wiederholung seit lange schon geradezu zum Abscheu geworden ist. Sie werden Klagen über den Palast der Cäsaren und Betrachtungen unter den Bögen des Colosseums durch eine lange Reihe von langweiligen Artikeln bis zum Ende des Kapitels voraussehen, und um ihrer Aufmerksamkeit eine Aufgabe, vor welcher sie zurückgeschreckt, zu ersparen, einmüthig an der gefürchteten Wüste conventioneller Reflexionen vorüber eilen, um bei der ersten sich ihnen darbietenden Oase Halt zu machen; möge sie nun aus einer neuen Abtheilung der Geschichte bestehen oder plötzlich durch das Erscheinen eines Gesprächs verkündet werden.

Aus Rücksicht auf solche Befürchtungen beeilen wir uns daher, Ihnen zu versichern, daß die Lokalitäten unserer Geschichte nirgends an die Grenzen des abgenutzten Forums streifen oder die Bögen des erschöpften Colosseums besteigen werden. Ihre Aufmerksamkeit soll sich mit den Menschen, nicht aber mit den Gebäuden des alten Rom’s beschäftigen, Wir wünschen, Ihnen ein Gemälde der innersten Empfindungen jener Zeit, der lebenden, athmenden Handlungen und Leidenschaften des Volkes, in dem dem Untergang geweihten Reiche zu bieten. Topographische Alterthumsforscherei und klassische Architektur überlassen wir geschickteren Federn und anderen Lesern.

Es ist jedoch nöthig, den Kreis, in welchem sich die Personen unserer Geschichte bewegen werden, einigermaßen anzudeuten, um das Verständniß ihrer verschiedenen Bewegungen zu erleichtern. Der Theil der alten Stadt, welchen wir wieder zu beleben gedenken, hat in der neuen nur wenige Spuren seiner Existenz hinterlassen, seine Plätze werden nur von der Tradition angedeutet —— seine Gebäude sind Staub. Da, wo einst der Tempel stand, erhebt sich jetzt die Kirche und der vorübergehende Müßiggänger wird jetzt von der Weinkneipe angelockt, wo sein Vorfahr von dem Bade eingeladen wurde.

Die Mauern von Rom sind dem Umfange nach heutzutage noch dieselben, wie zu der Zeit, von welcher wir jetzt schreiben. Hiermit hört aber auch alle Aehnlichkeit zwischen der alten und neuen Stadt auf. Die Häuser, welche diese Mauern einst kaum zu umfassen vermochten, sind schon längst verschwunden und ihre modernen Nachfolger nehmen nur ein Drittel des Raumes ein, welcher einst die Hauptstadt des Reiches ausfüllte.

Jenseits der Mauern streckten sich, in alten Zeiten ungeheure Vorstädte hin. Prächtige Villen, köstliche Haine, Tempel, Theater, Bäder —— zwischen Colonien von der unteren Volksklasse gehörenden Gebäuden verstreut —— umgaben die gewaltige Stadt. Von diesen unzähligen Gebäuden ist jetzt kaum noch eine Spur vorhanden. Der Reisende erblickt, wenn er die Gegend, in welcher einst die berühmten Vorstädte standen, überschaut, hier und da nur eine verfallene Wasserleitung oder ein zerbröckelndes Grab auf der Oberfläche eines gifthauchenden Morastes.

Der gegenwärtige Zugang Rom#s durch die Porta del Popolo befindet sich aus derselben Stelle, wie das alte Flaminische Thor. Drei große Straßen führen gegenwärtig von demselben dem südlichen Ende der Stadt zu und bilden mit ihren Nebengassen den Haupttheil des modernen Rom. Aus der einen Seite sind sie von dem Monte Pincio, aus der andern vom Tiber begrenzt. Von diesen Straßen nehmen die dem Flusse zunächstliegenden die Stelle des berühmten Campus Martius ein, die auf der andern Seite die alten Zugänge zu den Gärten des Sallust und Lucullus auf dem Monte Pincio.

Auf der entgegengesetzten Seite des Tiber —— nach welcher man über den Ponte San Angelo, früher Ponte Elius, gelangt —— führen zwei durch eine unregelmäßige, volkreiche Gegend gehende Straßen nach der neuen St. Peterskirche.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Theil der Stadt sowohl in Bezug auf Größe wie auf das Aeußere von höherer Bedeutung als jetzt, und führte direkt nach der alten Basilica zu St. Petrus, die sich auf derselben Stelle befand, wie jetzt das Gebäude aus neuerer Zeit.

Die von uns zu erzählenden Ereignisse tragen sich nur in dem eben beschriebenen Theile der Stadt zu.

Von dem Monte Pincio über den Campus Martius, und den Pons Elias bis zu der St. Petrus-Basilica, wird der Leser wohl oft eingeladen werden uns zu begleiten. Wir verschonen ihn aber mit der Notwendigkeit in allbekannte Ruinen zu dringen oder über den Gräbern geschiedener Vaterlandsfreunde zu trauern.

Ehe wir jedoch zu frühen Schauspielen zurückkehren oder zu neuen Rollen übergehen, wird es erforderlich sein, die Straßen, welche wir hier wieder aufzugraben versuchen, zu bevölkern. Durch dieses Verfahren hoffen wir, dem Leser die Vertrautheit mit den Sitten und Gebrauchen der Römer im fünften Jahrhundert zu verleihen, von welchen der Einfluß der Geschichte hauptsächlich abhängt, und welche wir durch eine philosophische Abhandlung über die Eigenthümlichkeiten jener Zeit einflößen zu können, verzweifeln. Einige erläuternde Seiten werden unserm Zwecke vielleicht besser entsprechen, als ganze Bände voll historischer Beschreibungen. Es giebt keine sichereren Zeichen für den Charakter eines Volkes als die Straßen seiner Städte.

Es ist beinahe Abend. Auf dem breitesten Theile des Campus Martius sind eine Menge von Menschen vor den Thoren eines Palastes versammelt. Sie haben sich eingestellt, um mehrere Körbe mit Lebensmitteln zu empfangen, die der Eigenthümer des Gebäudes mit prunksüchtiger Wohlthätigkeit austheilt. Der unaufhörliche Lärm und die Bewegung der ungeduldigen Menge bildet einen sonderbaren Kontrast mit der stolzen Ruhe der Natur- und Kunstgegenstände, die sie auf allen Seiten umschließen.

Der Raum, auf welchem sie sich befinden, ist von länglicher Form und bedeutender Größe. Ein Theil desselben besteht aus einem Rasenwege unter schattigen Bäumen, ein anderer aus den gepflasterten Zugängen des Palastes und der öffentlichen Bäder, welche in dessen unmittelbarer Nähe stehen. Diese beiden Gebäude zeichnen sich durch ihre prächtigen äußern Verzierungen mit Statuen und die Eleganz und Zahl der Treppen aus, über welche man in sie gelangt. Mit den niederen Gebäuden, Marktplätzen und Gärten, die zu ihnen gehören, sind sie umfänglich genug, um auf der einen Seite den Blick zu begrenzen. Das einförmige Aussehen, welches zu andern Zeiten die Ausdehnung und Regelmäßigkeit ihrer weißen Vorderseiten besitzen könnte, wird in diesem Augenblicke angenehm durch mehrere über ihre Thüren und Balkone gespannte, buntfarbige Sonnendecken unterbrochen. Die Sonne scheint jetzt mit Alles besiegendem Glanze auf sie, die Metallzierathen an ihren Fenstern strahlen wie feurige Edelsteine, selbst die Bäume, welche ihre Haine bilden, gehören zu der allgemeinen Lichtfluth und bieten gleich den sie umgebenden Gegenständen dem müden Auge weder Erquickung noch Ruhe.

Gegen Norden zieht das stolz in den tiefblauen Himmel hinaufragende Mausoleum des Augustus sofort unsere Aufmerksamkeit an. Seiner Lage zufolge liegt dieses edle Gebäude bereits theilweise im Schatten. Auf keinem Theile seiner mächtigen Galerien ist ein menschliches Wesen zu erblicken —— es sieht einsam und erhaben als eindringliche Verkörperung der Gefühle, zu deren Ausdrucke es errichtet wurde, da.

Auf der dem Palast und den Bädern gegenüber liegenden Seite befindet sich der bereits erwähnte beraste Spaziergang. Dicht neben einander gepflanzte und mit Weinstöcken verschlungene Bäume warfen einen üppigen Schatten auf diese Stelle. In ihren Zwischenräumen zeigen sich aus der Ferne schon bunte Kleider, Gruppen von ausruhenden Gestalten, mit Obst und Blumen beladene Verkaufsstände und unzählige weiße Marmorstatuen von Rehen und Waldnymphen. Von diesem köstlichen Plätzchen aus hörte man das Rauschen von Springbrunnen, welches zuweilen von dem Säuseln der Blätter oder den klagenden Tönen der römischen Flöte unterbrochen wurde.

Im Süden stehen zwei heidnische Tempel in einsamer Größe unter einem Heere von Monumenten und Trophäen da. Obgleich die Gesetze jetzt den Gottesdienst, für welchen sie errichtet wurden, verbieten, so hat es doch die Hand der Reform noch nicht gewagt, sie dem Ruin zu weihen oder christlichen Zwecken anzupassen. Niemand betritt jetzt ihre einst menschengefüllten Säulengänge. Kein Priester erscheint, um an ihren Thoren die Orakel zu verkünden —— keine Opfer dampfen auf ihren nackten Altären. Unter ihren, nur von dem durch ihre schmalen Eingänge dringenden Lichte besuchten, Dächern stehen unbemerkt, unangebetet, unbewegt die gewaltigen Götter des alten Rom’s. Das Gefühl der Menschen, welches sie einst allmächtig machte, betrachtet sie jetzt nur noch als Stein. Der Stern aus Osten hat bereits die furchtbare Glorie verdunkelt, welche die Religion des Blutvergießens einst um ihre Gestalten hüllte. Verlassen und allein stehen sie nur noch als düstere Denkmäler der größten Verblendung da, welche der Scharfsinn des Menschen je organisirt hat.

Wir haben jetzt so zu sagen den Rahmen um das bewegliche Gemälde gezeigt, welches wir nun dem Leser zu bieten versuchen. wollen, indem wir uns unter die Menge vor dem Palastthore mischen.

Diese Versammlung löste sich, in drei Abtheilungen auf: die vor den Palaststufen stehende, die um die öffentlichen Bäder schlendernde und die im Schatten der Bäume ruhende. Die erste war der Zahl nach die wichtigste und vom verschiedenartigsten Aussehen. Aus Schelmen der schlimmsten Art aus jedem Theile der Welt her bestehend, hatte man sagen können, daß sie in ihrem allgemeinen Anblick von, numerischer Wichtigkeit das höchste Bild der Entartung darstellte. Im Vertrauen auf ihre rohe Verbindung durch die gemeinschaftliche Habgier machten diese trefflichen Bürger ihrer Unverschämtheit über alle Gegenstände und nach allen Richtungen hin mit einer sorglosen Unpartheilichkeit welche die siegreichsten Bemühungen moderner Pöbelhaufen beschämt haben würde, Luft.

Das Stimmengewirr war wirklich furchtbar. Die rohen Verwünschungen trunksüchtiger Gallier,die unsittlichen Witzworte weibischer Griechen, die geräuschvolle Zufriedenheit eingeborener Römer, die lärmende Entrüstung reizbarer Juden, Alles dies bildete zusammen einen ununterbrochenen Chor mißtönender Laute. Der Gesichts- und Geruchssinn wurde durch diese aus so verschiedenen Theilen bestehende Versammlung nicht angenehmer berührt, als der des Gehörs. Schamlose Jugend und gottloses Alter, wüthende Weiber, feige Männer, mit stinkendem Oel eingeriebene schwärzliche Aethiopier, mit Schmuz überzogene stumpfe Britten, diese und hundert andere verschiedene Combinationen, die man sich leichter vorstellen als ausdrücken kann, stießen dem Beschauer nach jeder Richtung hin auf.

Wenn wir die Gerüche beschreiben wollten, welche die Hitze aus diesem gärenden Gemisch von Verderbtheit zog, so würden wir dadurch den Leser zwingen, das Buch zuzumachen. Wir ziehen es daher vor, zu der Austheilung zurückzukehren, welche diesen Auflauf verursacht hatte, und aus kleinen Körben mit gebratenem Fleisch, das mit gewöhnlichen Obst und Gemüsen zusammengepackt war, bestand, und von den Dienern des Edelmanns, welcher das Fest gab, dem Pöbel eingehändigt oder vielmehr unter denselben geworfen wurde. Die Leute labten sich an dem ihnen so gebotenen Ueberfluß. Sie warfen sich darauf wie wilde Thiere, sie verschlangen ihn wie Schweine oder trugen ihn davon wie Räuber, während die Lieferanten dieses öffentlichen Gastmahls, durch die Höhe, auf welcher sie sich befanden, gesichert, ihre Verachtung den lärmenden Empfängern durch Zuhalten der Nasen, Verstopfen der Ohren, Zukehren des Rückens und andere pantomimische Zeichen hochmüthigen und unermeßlichen Ekels ausdrückten.

Diese Bewegungen entgingen der Aufmerksamkeit der Mitglieder der Versammlung nicht, die sich voll gegessen und nun Muße hatten, sich ihrer Zungen zu bedienen, und die einen unaufhörlichen Sturm von Schmähungen auf die Köpfe der Dienerschaft ihres Wohlthäters herabregnen ließen.

»Seht die Kerle an,« schrie Einer, »sie sind die Aufwärter bei unserm Mahle und verspotten uns vor unsern Augen. Nieder mit den schmutzigen Küchenspitzbuben.«

»Vortrefflich gesprochen, Davus!, Wer soll sich ihnen aber nähern? Sie stinken selbst bis zu uns her!«

»Die Schufte mit ihren verfaulten Leichnamen haben die Nasen von Hunden und die Leiber von Böcken.«

Dann schrie ein Chorus von Stimmen: »Nieder mit ihnen! nieder mit ihnen!«

Mitten unter demselben trat ein entrüsteter Freigelassener vor, um dem Pöbel Vorwürfe zu machen, empfing aber zur Belohnung für seine Tollkühnheit einen Regen von Steinen und andern Gegenständen und eine Salve von Flüchen, worauf ihn ein auf die Schultern seines Kameraden erhobener ungeheuren fettiger Fleischer folgendermaßen anredete:

»Bei der Seele meines Kaisers, wenn ich Dir näher kommen könnte, Du Schuft, so würde ich Dich mit meinen Fingern allein viertheilen. Du grinsender Hallunke, der Andere aushöhnt, Du kothiger Schmeichler, der den Boden, auf dem er geht, beschmutzt. Beim Blute der Märtyrer, wenn ich ihn mit den Abfällen des Schlachthauses bewürfe, so würde er nicht wissen, wo er sich trocknen lassen könnte.«

»Du Lump,« brüllte ein Nachbar des indignirten Fleischers, »runzelst Du die Stirn gegen die Gäste Deines Herrn, deren Hautabschabsel mehr werth sind, als Dein ganzer Leichnam! Es ist leichter, ein Trinkgefäß aus dem Schädel eines Flohes zu machen, als aus einem schuftigen Nachtwandler wie Du, einen ehrlichen Mann.«

»Gesundheit und Glück für unsern edeln Bewirther!« schrie eine Abtheilung der dankbaren Menge, als der, welcher zuletzt gesprochen, inne hielt, um Athem zu schöpfen.

»Tod allen speichelleckerischen Schuften!« stimmte eine andere ein.

»Ehre den Bürgern von Rom!« brüllte eine dritte mit bescheidenem Enthusiasmus.

»Gebt dem Freigelassenen unsere Knochen zum Abknaupeln,« kreischte eine Range vom äußersten Saume der Menge her.

Dieser scharfsinnige Rath wurde augenblicklich befolgt und der Pöbel ließ ein Triumphgeschrei ertönen, als der unglückselige Freigelassene durch eine neue Salve von Wurfgeschossen vertrieben mit schmachvoller Eile den Rückzug in das Haus seines Patron eintrat.

Der Leser wird in dem kleinen, gereinigten Pröbchen von den Tischgesprächen des römischen Pöbels, welches wir hier mitzutheilen gewagt haben, das außerordentliche Gemisch von Knechtsinn und Insolenz bemerken, welches nicht nur die Reden, sondern auch die Handlungen der niederen Stände zur Zeit, über welche wir legt schreiben, auszeichneten. Auf der einen Seite bis zu einem dem Publikum unserer Tage kaum begreiflichem Punkte des Elend’s bedrückt und entwürdigt, waren die ärmeren Klassen in Rom anderseits mit einem solchen Grade moralischer Freiheit begabt und mit so ausgedehnten, politischen Vorrechten versehen, daß ihre Eitelkeit sich bis zur Verblendung über ihre Indignation geschmeichelt fühlte. Während ihrer Dienstzeit Sklaven, in ihren Stunden der Erholung Herren, boten sie als Klasse eine der erstaunlichsten socialen Anomalien dar, welche je bei irgend einer Nation existiert haben, und bildeten in ihrer gefährlichen und Unnatürlichen Lage einen der wichtigsten inneren Gründe des Unterganges von Rom.

Die Stufen der öffentlichen Bäder waren fast eben so sehr mit Menschen angefüllt, wie der Raum vor dem benachbarten Gebäude. Unaufhörliche eintretende oder sich entfernende Menschenströme ergossen sich über die breiten Steine ihrer Marmorsäulengänge. Diese Versammlung bestand zwar zum Theil aus derselben Volksklasse wie die vor dem Palaste, zeigte aber doch einen gewissen Grad von Achtbarkeit. Hier und da konnte man unter der grauen Einförmigkeit der Massen schmutziger Tuniken den erquicklichen Anblick eines reinlichen Gewandes oder eines hübschen Menschen genießen. Kleine, so weit als möglich ans der Nähe der lärmenden Plebejer entfernte Gruppen waren entweder in lebhaften Gespräche beschäftigt, oder gaben sich gleichgültig der durch das Bad hervorgebrachten Mattigkeit hin. Eine kurze Beachtung der Gesprächsgegenstände unter den Munterern von diesen Individuen wird uns in der Fortsetzung unserer socialen, Mittheilungen Hilfe leisten.

Die lauteste Stimme unter den in diesem Augenblicke Redenden ging von einem langen, magern, dick aussehenden Manne aus«, der mit bedeutender Heftigkeit und Geläufigkeit zu einer kleinen Gruppe von Zuhörern sprach.

»Ich sage Dir, Socius,«" sprach er plötzlich zu einem von seinen Gefährten gewendet, »daß, wenn nicht neue Sklavengesetze gemacht werden, mein Geschäft zu Ende ist. Das Gut meines Patrons erfordert eine unablässige Versorgung mit solchen Burschen. Ich strenge mich aufs Aeußerste an, um den Bedarf herbeizuschaffen und das einzige Resultat In einer Arbeit ist das, daß die Bösewichter entweder mein Leben in Gefahr setzen oder ungestraft zu den Räuberbanden fliehen, welche unsere Wälder unsicher machen.«

»Du thust mir wirklich leid, aber welche Veränderung würdest Du in den Sklavengesetzen wünschen?«

»Ich würde die Verwalter ermächtigen, alle Sklaven, welche sie für ungehorsam hielten, den andern zum Beispiele auf der Stelle umzubringen.«

»Was würde Dir eine solche Erlaubniß nützen? Die Geschöpfe sind nöthig, mit einem solches Gesetz würde sie in wenigen Monaten ausrotten. Kannst Du nicht ihren Muth durch Arbeit brechen, ihre Kraft durch Ketten fesseln und ihre Hartnäckigkeit durch Kerker besiegen?«

»Alles dies habe ich gethan aber sie sterben unter der Züchtigung oder entfliehen aus; ihren Gefängnissen. Ich habe jetzt dreihundert Sklaven auf den Gütern meines Patrons. Gegen die, auf unserm Grund und Boden Geborenen habe ich wenig einzuwenden. Allerdings beginnen Viele von ihnen den Tag mit Weinen und enden ihn mit dem Tode, aber zum größten Theile sind sie, Dank ihren täglichen Portionen von Schlägen, leidlich unterwürfig. Die Schurken, welche ich unter den Kriegsgefangenen und den Bewohnern empörter Städte habe kaufen müssen, sind es aber, mit denen ich so unzufrieden bin. Strafen bringen auf sie keine Wirkung hervor. Sie sind beständig träge, mürrisch und verzweifelt. Erst neulich vergifteten sich Zehn von ihnen bei der Arbeit auf dem Felde und fünfzig Andere entflohen, nachdem sie, sobald ich den Rücken gewendet hatte, ein Pächterhaus angezündet hatten, zu einer Bande von ihren Genossen, die jetzt Räuber in den Wäldern sind. Diese werden jedoch die Letzten sein, welche solche Missethaten ausführen. Ich habe mit Zustimmung meines Patrons ein System ausgesonnen, welches sie von nun an gehörig zähmen wird.«

»Darfst Du es mittheilen?«

»Bei den Schlüsseln des heiligen Petrus, ich möchte es wohl auf allen Gütern im Lande üben sehen. Es ist folgendes: Bei einem Schwefelsee in einiger Entfernung von meinem Wirthschaftshofe befindet sich ein sumpfiger Landstrich, auf dem hier und da Ruinen von einem alten Schlachthause liegen. Ich beabsichtige hier mehrere unterirdische Höhlen auszugraben, von denen jede zwanzig Mann aufzunehmen im Stande ist. Hier sollen meine meuterischen Sklaven nach ihrer Tagesarbeit schlummern. Die Eingänge werden bis zum Morgen mit einem großen Steine verschlossen, auf welchem ich die Inschrift eingraben lasse: »Dies sind die Schlafgemächer, welche Gordian, der Gutsverwalter des Edelmannes Saturnius, zur Aufnahme widerspenstiger Sklaven erfunden hat.««

»Dein Plan ist sinnreich, aber ich vermuthe, daß Deine Sklaven in ihren neuen Schlafgemächern eben so ungestört ruhen werden, wie in ihren alten. Die viehische Heerde ist ja gegen Leiden fast ganz unempfindlich.«

»Ruhen! es wird eine ganz originelle Art von Ruhe sein, die sie dort zu kosten bekommen. Der Gestank des Schwefelsee’s wird ihnen auf ihrem Schlammlager Sabäische Düfte zusenden! Ihr Salböl wird der Schleim der Schlangen und Kröten sein. Ihre flüssigen Düfte, das von ihrer Kammerdecke herabsickernde Sumpfwasser; ihre Musik wird im Qualen der Frösche und dem Summen der Mücken bestehen, und was ihren Schmuck betrifft, so werden sie sich mit Kränzen von verschlungenen Würmern und beweglichen Broschen von Holzböcken und Kröten zieren! Sage mir nun, scharfsinniger Socius, glaubst Du noch, daß meine Sklaven unter solchen Sinnesgenüssen schlafen werden?«

»Nein, sie werden sterben.«

»Da hast Du wieder Unrecht! Sie werden vielleicht fluchen und wüthen, aber das macht nichts aus. Sie werden um so länger über der Erde arbeiten, um die Zeit der Ruhe unter derselben abzukürzen. Sie werden augenblicklich erwachen und auf das erste Zeichen herauskommen. Vor ihrem Tode habe ich keine Furcht!«

»Verläßt Du Rom bald?«

»Ich gehe heute Abend und nehme eine hinreichende Anzahl von zuverlässigen Gehilfen mit, um meinen Plan ohne Verzug zur Ausführung bringen zu können. Lebewohl, Socius.«

»Sinnreichster aller Gutsverwalter, ich wünsche Dir wohl zu leben.«

Als der treffliche Gordian von der Großartigkeit seiner neuen Projekte erfüllt, hinwegstolzirte, zogen die Geberden und Töne eines Mannes unter einer in einem entfernten Theile des Säulenganges, welchen er eben verlassen wollte, versammelten Gruppe seine Aufmerksamkeit an. Die Neugier bildete im Charakter dieses Mannes einen eben so hervorragenden Bestandtheil wie die Grausamkeit. Er schlich sich hinter die Basis einer nahen Säule und da sein Ohr die häufige Wiederholung des Wortes »Gothen« vernahm —— der Bericht von dem bevorstehenden Einfall dieser Nation war jetzt nach Rom gekommen —— bereitete er sich sorgfältig darauf vor, die Redner mit der unbedingtesten Aufmerksamkeit anzuhören.

»Die Gothen!« rief Jener in den finsteren, gepreßten Tönen der Verzweiflung. »Befindet sich unter uns Einer, dem dieser Bericht von ihrem Vorrücken gegen Rom nicht eher Hoffnung als Furcht bereitet? Haben wir eine Aussicht, uns aus der Entwürdigung zu erheben, in welche wir von unsern Vorgesetzten hinabgedrückt werden, ehe diese Mördergrube von herzlosen Kleinigkeitskrämern und schamlosen Feiglingen gänzlich von der Erde, die sie befleckt hat, hinweggefegt worden ist?«

»Deine Ansichten über die Uebel unserer Lage sind unbezweifelt äußerst richtig,« bemerkte ein dicker, pomphaft aussehender Mann, an den die vorerwähnten Bemerkungen gerichtet gewesen waren; »aber ich kann die Reform, welche Du so eifrig hoffst, nicht wünschen. Bedenke die Erniedrigung, von Barbaren besiegt zu werden.«

»Ich bin der Vorrechte meines Vaterlandes beraubt, welches Interesse habe ich, dessen Ehre aufrecht zu erhalten? —— wenn es wirklich Ehre hat!« antwortete der, welcher zuerst gesprochen.

»Deine Aus-drücke sind wirklich zu streng, Du bist zu unzufrieden, um gerecht zu sein.

»Wirklich! —— Höre mich auf einen Augenblick an und Du wirst Deine Ansicht ändern. Du siehst mich jetzt durch mein Vernehmen und Aeußeres der Plebejerheerde dort überlegen, Du denkst ohne Zweifel, daß ich in der Welt behaglich lebe, daß ich keine Besorgniß wegen meiner persönlichen Bedürfnisse in Bezug auf die Zukunft fühle. Was würdest Du antworten, wenn ich Dir sagte, daß ich um eine weitere Mahlzeit, ein frisches Gewand für morgen zu erlangen, stehlen oder einem großen Herrn schmeicheln müßte? Ja, so ist es. Ich bin hoffnungslos, freundlos, in der höchsten Noth. Es giebt im ganzen Reiche keinen ehrlichen Beruf, zu dem ich meine Zuflucht nehmen könnte. Ich muß ein Kuppler oder Schmarotzer —— ein gemietheter Tyrann über Sklaven oder ein gewerbsmäßiger Krieger unter Edelleuten werden, wenn ich nicht auf den Straßen verhungern oder offen in den Wäldern rauben will. Das bin ich! Jetzt höre, was ich war. Ich bin frei geboren. Ich habe von meinem Vater ein Landgut geerbt, welches er auf Kosten seines Wohlseins, seiner Gesundheit und seines Lebens mit Erfolg gegen die Uebergriffe der Reichen vertheidigt hatte. Als ich ihm im Besitze folgte, beschloß ich meine Habe eben so eifrig zu vertheidigen, wie er die seine. Ich arbeitete unablässig. Ich vergrößerte mein Haus. Ich verbesserte meine Felder, ich verstärkte meine Heerden. Ich verschmähte die Drohungen und vereitelte die List meiner adeligen Nachbarn, die nach meinem Gute trachteten, um ihr Vermögen zu vermehren. Mit der Zeit heirathete ich und hatte ein Kind. Ich glaubte, daß ich unter meinem Stamme als Glücklicher auserwählt worden sei, als mich eines Nachts Räuber anfielen —— Sklaven, die die Grausamkeit ihrer reichen Herrn zur Verzweiflung gebracht hatte. Sie verheerten meine Getreidefelder, sie beraubten mich meiner Heerden. Als ich Entschädigung verlangte, sagte man mir, daß ich mein Gut an Diejenigen verkaufen möge, welche es vertheidigen könnten —— an die reichen Edelleute, deren Tyrannei die Schaar von Bösewichtern, die mich meiner Habe beraubt, organisirt hatte und deren durch Betrug erworbenen Schätzen die Regierung mit Freuden den Schutz gewährt, welchen sie meinen ehrlichen Ersparnissen versagt. Ich beschloß in meinem Stolze, selbstständig zu bleiben. Ich pflanzte neues Getreide. Mit dem geringen Ueberbleibsel meines Geldes miethete ich neue Diener und kaufte frische Heerden. Ich hatte mich eben von meinem ersten Unglück erholt, als ich das Opfer eines zweiten wurde. Man griff mich wieder an. Diesmal hatten wir Waffen und suchten uns zu vertheidigen. Mein Weib wurde vor meinen Augen erschlagen; mein Haus von Grund auf niedergebrannt. Ich selbst entrann nur mit Wunden bedeckt; bald darauf siechte mein Kind und starb. Ich hatte kein Weib, kein Kind, kein Haus, kein Geld mehr. Meine Felder breiteten sich noch immer um mich aus, aber ich besaß Niemand zu ihrem Anbau. Meine Mauern lagen immer noch in Ruinen zu meinen Füßen, aber ich hatte Niemand, der sie wieder aufgerichtet, Keinen, der sie bewohnt hätte, wenn sie errichtet waren. Das Grundstück meines Vaters war für mich jetzt zu einer Wüste geworden. Zu stolz, es an einen reichen Nachbar zu verkaufen, zog ich es vor, es zu verlassen ehe ich es einem Tyrannen zur Beute werden sah, dessen Rang über meinen Fleiß den Sieg errungen hatte und der sich jetzt zu rühmen vermag, daß er zehn Stunden weit über senatorisches von der Nähe eines Bauerngutes unbeflecktes Eigenthum zu reisen vermag. Obdachlos, heimathlos, freundlos, bin ich in meinem Unglück allein, in meiner Erniedrigung hilflos nach Rom gekommen. Wundert Ihr Euch jetzt noch, daß ich mich um die Ehre meines Vaterlandes nicht weiter kümmere? Ich würde ihm mit Gut und Blut gedient haben, wenn es meines Dienstes würdig gewesen wäre, aber es hat mich verstoßen und es ist mir gleichgültig, wer es erobert. Mit Tausenden, die dieselbe Bedrängniß leiden, wie ich jetzt, sage ich zu den Gothen: »Tretet in unsere Thore! macht unsere Paläste der Erde gleich! Vermischt in einem gemeinschaftlichen Blutbade uns, die wir die Opfer, mit jenen, die die Tyrannen sind! Euer Einfall wird dem Lande neue Herren geben; —— sie können es nicht ärger mit Füßen treten, vielleicht bedrücken sie es weniger. Unsere Nachkommen erwerben ihre Rechte vielleicht durch die Aufopferung eines Lebens, welches unser Vaterland werthlos gemacht hat, wiewohl Römer, sind wir doch bereit, zu leiden und uns zu unterwerfen.«

Er hielt ein, denn er hatte sich selbst zur Wuth an gestachelt. Seine Augen glühten, seine Wangen waren erhitzt, seine Stimme erhob sich. Hätte er auch nur den mindesten Schimmer von dem Schicksale haben können, welches künftige Jahrhunderte den Nachkommen des Geschlechts, welches jetzt gleich ihm im ganzen civilisirten Europa litt, erblicken —— hätte er ahnen können, daß die zu seiner Zeit verachtete Mittelklasse sich zu Recht und Macht erheben, in ihren gerechten Händen die Wage des Blühens der Völker halten, die Bedrückung unterdrücken und die Regierung reguliren, sich in ihrem gewaltigen Fluge über Throne und Fürstenstühle und Rang und Reichthümer erheben, dem Anscheine nach gehorsam, in Wirklichkeit aber gebietend sein würde —— hätte er dies voraussehen können —— welches Licht müßte in seine Nacht gedrungen, welche Hoffnung ihn in seiner Verzweiflung beschwichtigt haben.

Zu welchen ferneren Extremitäten ihn sein Zorn hätte führen, zu welchen Verfahren der entrüstete Gordian, welcher aus seinem Versteck immer noch zuhörte, seine Zuflucht hätte nehmen können, läßt sich nur schwer bestimmen, denn die Klagen des unglücklichen Bauern und die Gedanken des gebieterischen Gutsverwalters wurden durch einen Tumult unterbrochen, der in diesem Augenblicke um einen Wagen todte, welcher so eben aus dem früher von uns beschriebenen Palaste kam.

Dieses Fuhrwerk sah wie eine einzige Silbermasse aus. Gestickte Seidenvorhänge flatterten aus seinen Fenstern, goldene Zierrathen bedeckten seine polierten Seiten und es enthielt keine geringere Person als den Edelmann welcher das Volk mit Körben voll Fleisch bewirthet hatte. Der Pöbel vor dem Palastthore hatte diese Thatsache erfahren. Eine solche Gelegenheit, seinen Jubel über seine Knechtschaft, seine thatsächliche Servilität in seiner eingebildeten Selbstständigkeit zu zeigen, durfte nicht verloren gehen und es brach daher beim Erscheinen seines Bewirthers in einen solchen Schwall von lärmender Dankbarkeit aus, daß ein in Rom Fremder geglaubt haben würde, daß sich die Stadt im Aufruhr befinde. Es sprang, es lief, es tanzte um die feurigen Rosse, es warf seine leeren Körbe in die Luft und streichelte zufrieden seine gerundeten Bäuche.

Während der Wagen weiter fuhr, erhielt es von allen Seiten neue Rekruten und neue Wichtigkeit. Die Schüchternen flohen vor ihm, die Lärmenden schrieen mit ihm, die Kühnen stürzten sich in seine Reihen und der stete Refrain seines Freudenchors war: »Gesundheit dem edeln Pomponius! Wohlsein den römischen Senatoren, die uns mit ihren Speisen nähren und uns frei in ihre Theater lassen! Ehre dem Pomponius! Ehre den Senatoren!«

Das Schicksal schien an jenem Tage ein Vergnügen daran zu finden, die unersättliche Neugier des Gutsverwalters Gordian zu befriedigen. Das Geschrei der dem Wagen folgenden Menge war kaum in der Entfernung verklungen, als von der entgegengesetzten Seite der Säule die Stimmen zweier Männer in leisem, vertraulichen Tone sein Ohr erreichten. Er schaute vorsichtig herum und sah, daß es Priester waren.

»Welcher ewige Witzling doch der Pomponius ist,« sagte eine Stimme; »er will sich Absolution holen und fährt in seinem Galawagen hin, als ob er seinen Triumph feiern wollte, statt seine Sünden zu beichten.«

»Hat er denn schon wieder eine Unklugheit begangen?«>

»Leider ja! Für einen Senator mangelt es ihm entsetzlich an Vorsicht. Vor einigen Tagen warf er in einem Anfalle von Zorn, einer von seinen Sklavinnen einen Trinkbecher an den Kopf. Das Mädchen starb auf der Stelle und ihr Bruder, der sich ebenfalls in seinem Dienste befindet, drohte mit sofortiger Rache. Um unangenehme Folgen für seinen Körper zu verhindern, hat Pomponius den Burschen nach seinen Gütern in Egypten geschickt und geht jetzt in der gleichen Besorgniß, um die Wohlfahrt seiner Seele hin, um von unserer heiligen, gütigen Kirche Absolution zu verlangen.«

»Ich fürchte, daß uns diese Absolutionen, welche fortwährend Leuten bewilligt werden, die zu nachlässig sind, um Reue über ihre Verbrechen auch nur zu heucheln, uns bei dem Volke im Allgemeinen in Mißkredit bringen werden.«

»Was kümmern wir uns um die Ansichten des Volkes, so lange wir seine Herrscher auf unserer Seite haben? Die Absolution ist der Zauber, der diese römischen Wüstlinge an unsern Willen bindet. Wir wissen, wodurch Constantin bekehrt worden ist, durch politische Schmeichelei und die Bereitwilligkeit ihm Absolution zu geben. Das Volk wird Dir sagen, daß es das Zeichen des Kreuzes gewesen sei.«

»Es ist wahr, daß dieser Pomponius reich ist und unsere Einkünfte vermehren kann. Ich fürchte aber doch die Entrüstung des Volkes.«

»Fürchte nichts! Bedenke nur, wie lange es sich durch seine alten Institutionen hat betrügen lassen,und dann bezweifle, wenn Du kannst, daß wir es beliebig nach unsern Wünschen formen können. Bei dem Pöbel wird jede Täuschung von Erfolg sein, wenn das zu ihrer Beförderung angewendete Werkzeug nur eine Religion ist.«

Die Stimmen schwiegen. Gordian, der noch die unbestimmte Absicht hegte, den flüchtigen Gutsbesitzer den senatorischen Behörden anzuzeigen, verwendete die Freiheit welche das Verstummen der Priester seiner Aufmerksamkeit ließ, darauf, sich nach seinem beabsichtigten Opfer umzusehen. Zu seiner Ueberraschung bemerkte er, daß der Mann die Zuhörer, welche er früher angeredet, verlassen hatte und an einem andern Theile der Säulenhalle im ernsten Gespräche mit einem Individuum begriffen war, welches erst vor Kurzem zu ihm gestoßen zu sein schien und dessen Aeußeres so merkwürdig war, daß der Gutsverwalter einige Schritte vorwärts gethan hatte, um es näher zu betrachten, als er wieder von den Stimmen der Priester zurück gelockt wurde.

Auf einen Augenblick unschlüssig, welcher Seite er seine unser upulöse Aufmerksamkeit zuwenden sollte, kehrte er mechanisch nach seiner alten Stelle zurück. Bald jedoch überwog sein Verlangen die geheimnißvollen Mittheilungen zwischen dem Gutsbesitzer und seinem Freunde zu hören, seine Freude über das Eindringen in die theologischen Geheimnisse der Priester. Er wendete sich wieder um, zu seinem Erstaunen waren aber die Gegenstände seiner Neugier verschwunden. Er trat vor die Säulenhalle hinaus und sah sich überall nach ihnen um, aber sie waren nirgends zu erblicken.

Mürrisch und in seinen Erwartungen getäuscht, kehrte er als letzte Zuflucht zu der Säule, wo er die Priester verlassen hatte zurück; aber die auf seine Forschungen nach der einen Gesellschaft verwendete Zeit war seiner Wiedervereinigung mit der andern verderblich gewesen, auch die Priester waren fort.

Durch die Vereitelung seiner Hoffnungen hinreichend für seine Neugier bestraft, marschierte der Gutsverwalter mißmuthig, gegen den Monte Pincio hin, ab. Wenn er sich nach der entgegengesetzten Richtung, der St. Peters-Basilica, zugewendet hätte, so würde er sich wieder in der Nähe des Gutsbesitzers und seines auffallenden Freundes befunden und die Bekanntschaft mit den Gegenständen ihres Gesprächs erlangt haben, welche wir dem Leser im Laufe des folgenden Kapitels bestimmen.

Bis dahin sind unsere Enthüllungen zu Ende und die Aufmerksamkeit des Lesers kann sich wieder der Geschichte zuwenden. Ehe wir uns aber zur Fortsetzung derselben anschicken, möchten wir diejenigen, welche es interessiert, in die inneren Gründe der Katastrophe von Rom zu dringen, nochmals bitten, aus einen Augenblick iiber die einzelnen Zeugnisse, welche wir hier für ihn gesammelt haben, nachzudenken. Er möge sich die mitwirkenden Zersetzungen in den Geist zurückrufen, welche die heftige sociale Krankheit bildeten, die zu dieser Periode innerhalb der Mauern der Stadt wüthete und ihren verpestenden Einfluß bis aus die entferntesten Gegenden des Reichs ausdehnte. Er möge mit Einem Blicke die Unwissenden, ausschweifenden, verthierten, bedrückten untern, die gekränkten, verfolgten, verlassenen Mittelklassen, die frivole, unverantwortliche gefühllose Aristokratie, die ehrgeizige, weltliche, heuchlerische Kirche, welche die Verderbniß des Staates hätte verbessern sollen, umfassen, und er wird die wirkliche Tiefe und Ausdehnung der allgemeinen Zersetzung der römischen Gesellschaft in jenem ereignißreichen Jahrhundert entdecken. Er möge sich endlich die Wirkung vorstellen, welche eine in frischer, kräftiger Jugend stehende zu ihrem ungeheuren Zwecke verbundene Nation, wie die Gothen hervorbrachte, als sie plötzlich auf ein Volk ohne Sympathie, Grundsätze, Ehrgeiz oder Hoffnung, um welche sich dasselbe wie um eine moralische Fahne in der Stunde der Noth scharen konnte, hereinbrach —— er möge sich dies ausmalen und er wird kaum geneigt sein, Ausstellungen gegen die Wahrscheinlichkeit der Scenen zu erheben, durch die er in den künftigen Theilen dieses Werkes geführt werden wird, er wird nur wenig darüber erstaunen, daß das civilisirte Rom seine blendende Laufbahn mit der Niederwerfung vor einem Heere von Gothen schloß.



Kapitel II.
Die Kirche.

Im Jahre 324 errichtete Constantin auf der Stelle, wo dem Gerüchte nach, St. Petrus den Märtyrertod erlitten hatte, auf den Ruinen des Neronischen Circus die Kirche, welche die St. Peters Basilica genannt worden ist. Zwölf Jahrhunderte stand dieses von einem wegen seiner Mordthaten und Tyranneien berüchtigten Manne errichtetes Gebäude unverletzt unter allen den Stößen da, welche während jener langen Periode den übrigen Theil der Stadt verheerten. Nach dieser Zeit wurde es durch sein ehrwürdiges und berühmtes Alter bis zum Grunde schwankend von Papst Julius dem Zweiten entfernt, um den Grundlagen der neuen Kirche Platz zu machen.

Auf dieses zwölfhundertjährige von mit Blut befleckten Händen errichtete und doch stürmische Jahrhundert des Krieges hindurch als Stern des Friedens bewahrte, Gebäude wollen wir die Aufmerksamkeit des Lesers richten. Was für die neue Kirche die Kunst gethan, das hat für die alte die Zeit bewirkt. Wenn die eine durch ihre Großartigkeit dem Auge majestätisch erscheint, so ist die andere durch ihr Alter der Erinnerung geheiligt.

Wie diese Kirche durch ihre Erbauung die triumphierende Einsetzung des Christenthums als der Religion von Rom verherrlichte, so spiegelte sie in ihrem Fortschreiten auch jede durch den Ehrgeiz, die Verschwendungssucht oder die Frivolität der Priester im Geiste der neuen Gottesverehrung hervorgebrachte Veränderung ab. Anfänglich stand sie Ehrfurcht erregend, imposant und in allen Theilen so schön, wie die Religion, zu deren Ruhme sie aufgebaut war, da. Mächtige Porphyrsäulen zierten ihre Zugänge und umgaben einen Brunnen, dessen Wasser aus einer riesenhaften broncenen Pinie hervorsprudelte. Ihre doppelten Flügelreihen wurden jede durch achtundvierzig Säulen von kostbarem Marmor getragen, ihre flache Decke mit von der Befleckung der heiligen Tempel erretteten Balken von vergoldetem Metall geziert. Ihre Wände waren mit großen Gemälden von religiösen Gegenständen geschmückt und ihr Altar mit elegantem Mosaik besetzt. So erhob sie sich einfach und doch erhaben, ehrfurchtgebietend und doch anlockend in diesem ihren Anfange als Sinnbild des Morgens der Gottesverehrung, die zu vertreten sie errichtet worden war.

Als die Priester aber von ihrem Erfolge angefeuert das Christenthum als ihren Pfad zur Politik und ihr Mittel zur Macht erwählten, begann sich der Anblick der Kirche allmälig zu verändern. Wie der ehrgeizige Mensch langsam und allmälig den Mantel seiner Mysterien, Lehren und Streitigkeiten um die ursprüngliche Reinheit des ihm von Gott gegebenen Gebäudes legt, so begannen auch allmälig prunkende Zierrathen und entstellende Veränderungen die majestätische Basiliea zu beflecken, bis zu dem drohenden und tadelnden Auftreten des Heiden Julian, wo der Kirche sowohl wie den Priestern in ihren verderbten Fortschritten plötzlicher und nachdrücklicher Einhalt gethan wurde.

Sobald die kurze Periode des Wiederauflebens des Götzendienstes einmal vorüber war, begannen die Priester, von der erhaltenen Warnung unbeirrt mit erneuter Kraft das zu verwirren, was in ihrem Evangelium wie in ihrer Kirche einst einfach gewesen war. Täglich sendeten sie neue Abhandlungen in die Welt, erhoben hitzige Controversen, spalteten sich in neue Sekten und täglich veränderten sie mehr und mehr das einst edle Aussehen der alten Basilica. Sie hingen ihre widerlichen Reliquien an ihre mächtigen Mauern, sie steckten ihre winzigen Kerzen an die herrlichen Säulen, sie zogen ihre flitterprunkenden Franzen um die massiven Altäre. Hier polirten, dort stickten sie. Wo ein Fenster zu sehen war, verhingen sie es mit bunten Tüchern, wo sich eine Statue befand, bedeckten sie dieselbe mit künstlichen Blumen, wo eine Ehrfurcht erweckende Nische zu sehen war, verderbten sie ihre feierliche Dunkelheit durch hereingelassenes Licht, bis es ihnen zur Zeit unserer Geschichte so vollständig gelungen war, das Aussehen des Gebäudes zu verändern, daß es im Innern eher wie ein ungeheurer heidnischer Spielwaarenladen, als eine christliche Kirche aussah. Hier und da erhob sich allerdings eine Säule oder ein Altar, in der alten Einfachheit und bildete mit der Ziererei rund umher denselben Kontrast, wie eine Stelle aus der heiligen Schrift, wenn sie in einer Predigt jener Zeit citirt worden wäre.

Was aber den allgemeinen Anblick der Basilica betraf, so schien die ernste Schönheit ihrer ersten Tage unwiderstehlich entflohen und vernichtet zu sein.

Nachdem was über das Gebäude gesagt worden ist, wird sich der Leser leicht vorstellen, daß der Platz, auf welchem es stand, selbst mit noch größerer Schnelligkeit wie die Kirche, alle Großartigkeit, welche er einst besessen haben mochte, verlor. Wenn die Cathedrale jetzt aussah wie ein ungeheuerer Spielwaarenladen, so boten die Säulengänge an derselben den Anblick eines unermeßlichen Jahrmarktes.

er Tag, von welchem wir im vorigen Kapitel gesprochen haben, neigte sich schnell seinem Ende zu, als sich die Bewohner der Straßen auf dem westlichen Ufer des Tiber, darauf vorbereiteten, sich der Menge anzuschließen, welche sie nach der Peterskirche zu an ihren Fenstern vorübergehen sahen. Der Grund dieses plötzlichen Zusammenflusses des Volksstromes zeigte sich allen, die in der Nähe einer Kirche oder eines öffentlichen Gebäudes waren, hinreichend an einem dort zu erblickenden künstlich, ausgemalten, großen Pergamentblatte auf einer hohen Stange, welches durch zwei bewaffnete Soldaten vor der Berührung der neugierigen Menge geschützt wurde. Die Anzeigen auf diesem sonderbaren Plakate waren alle von gleicher Art und richteten sich auf den gleichen Zweck. Auf jedem von ihnen benachrichtigte der Bischof von Rom seine »frommen und ehrenwerthen Brüder« —— die Bewohner der Stadt, daß, da der folgende Tag der Jahrestag des Märtyrertodes des St. Lucas sei, nothwendiger Weise an diesem Abend die Vigilie in der St. Peterskirche gehalten und in Betracht der Wichtigkeit des Anlasses vor dem Beginn der Ceremonie die kostbaren, auf den Tod des Heiligen bezüglichen Reliquien gezeigt werden würden, welche ein unschätzbares Erbtheil der Kirche geworden seien und aus einem Zweige des Olivenbaumes, an welchen St. Lucas gehangen worden war, einem Stücke der Schlinge, mit Einschluß des Knotens, die man um seinen Hals gelegt hatte, und einem von seiner Hand gemalten Bilde der Verklärung der heiligen Jungfrau bestanden.

Nach einigen wehklagenden Sätzen über die Leiden des Heiligen, die Niemand las und welche hier wiederzugeben unnöthig ist, besagte die Proklamation weiter, daß im Laufe der Vigilie eine Predigt gehalten und später der große Kronleuchter mit seinen Zweitausend vierhundert Flammen angezündet werden würde, um die Kirche zu erleuchten. Endlich forderte der wackere Bischof alle Mitglieder seiner Heerde auf, sich in Betracht der Feierlichkeit des Tages der sinnlichen Vergnügen zu enthalten, damit sie um so frommer und würdiger die ihrem Anblicke ausgesetzten Gegenstände betrachten und die ihrem Geiste gebotene geistige Nahrung verdauen könnten.

Nach dem Pröbchen, welches wir bereits vom Charakter des römischen Volkes gegeben haben, werden wir wohl kaum zu sagen brauchen, daß die Hauptlockungen, welche dieser theologische Speisezettel bot, die Reliquien und die Kronleuchter waren.

Die Kanzelberedtsamkeit und die Vigilienfeierlichkeit allein hätten lange ihre nüchternere Anziehungskraft entwickeln müssen, ehe sie auch nur den fünfzigsten Theil der ungeheuren Menge, welche jetzt der entweihten Basilica zueilte, auf die Straßen zu ziehen vermocht hätten. Die bald herbeigeströmte Versammlung war in der That so Ungeheuer, daß die ersten Reihen von Neugierigen bereits die Kirche bis zum Ueberströmen angefüllt hatten, ehe die Hintersten auch nur die Säulengänge erblickten.

Wie unzufrieden der nicht zum Schauspiel gelangte Theil der Bürger auch über seine Ausschließung von der Kirche sein mochte, so fand er doch einen mächtigen Gegenreiz in den Belustigungen auf dem Platze, wo die Anwesenden vollkommen achtlos gegen die Ermahnungen des Bischofs in Betreff des der Feierlichkeit des Tages angemessenen anständigen Benehmens zu sein schienen. Wie um der von der Geistlichkeit empfohlenen Ruhe und Ordnung Trotz zu bieten, waren aus den breiten Steinen des großen Raumes vor der Kirche volksthümliche Schaustellungen jeder Akt versammelt, Straßentänzerinnen übten auf jeder freien Stelle die »kleidenden Umdrehungen,« welche der wackere Ammianus Marcellinus, sittlichen und historischen Andenkens, so beredt verdammt. Mit Reliquien von zweifelhafter Authenticität vollgestopfte Buden, mit nett geschriebenen Auszügen wüthender Streitschriften angefüllte Körbe, in Heiligenbilder umgeschaffene heidnische Götzen, bildliche Darstellungen von sich in der Verdammniß krümmenden Arianern und in Glorien von himmlischen Lichte triumphierenden Märtyrern lockte auf allen Seiten die frömern Zuschauer an. Köche wandelten mit ihren Laden auf dem Rücken umher; rivalisirende Sklavenhändler schrieen Bitten um Kundschaft aus, Weinhändler lehrten, aus ihren Fässern sitzend, die bachische Philosophie, Dichter recitirten zum Verkauf ausgebotene Verse, Sophisten hielten Reden zur Bekehrung der Schwankenden und Verblüffung der Unwissenden. Unablässige Bewegung und unaufhörlicher Lärm schienen die einzigen Entschädigungen zu sein, welche die Menge von dem Ausschluß der Kirche suchte.

Wenn sich ein Fremder, nachdem er die Proklamation des Tages gelesen, nach der Basilica begeben hätte, um seine Augen an der herrlichen Versammlung zu weiden, welche der Bischof seine »frommen und ehrenwerthen Brüder« nannte, so hätte er, falls er sich in diesem Augenblicke unter die Menge mischte, entweder die Wahrheit der bischöflichen Bezeichnung bezweifeln, oder den Bürgern die Verfeinerung des inneren Werthes zuschreiben müssen, welcher von zu erhabener Art ist, um aus den Charakter des äußerlichen Menschen Einfluß zu üben.

Als die Sonne unterging, konnte es nichts Malerischeres geben, als den Anblick dieses muntern Schauspiels aus der Ferne. Die dunkelrothen Strahlen des scheidenden Lichtkörpers ergossen ihren Glanz zum Theil hinter der Kirche her über die ungeheure Menge auf dem Platze. Das gesättigte Licht spielte hell und schimmernd auf dem ihm in aller Schönheit seiner natürlichen flüchtigen Form auf dem Brunnen entgegensprudelndem Wasser. In jenem purpurnen Schein gebadet, warfen die glatten Porphhrsäulen chamäleonartige, ätherische, wechselnde Tinten zurück. Die weißen Marmorstatuen überzogen sich mit einer zarten Rosenfarbe und die dunkeln Bäume leuchteten in ihren innersten Laubtiefen wie in einen goldenen Nebel getaucht; während, im seltsamen Contrast mit dem wunderbaren Strahlenglanze um sie her, die ungeheure broncene Pinie in der Mitte des Platzes und die breite Fronte der Basilica sich im dunkeln Schatten unbestimmt und kolossal erhoben; wie böse Geister über der heitern Schönheit des übrigen Schauspiels lauerten und ihre tiefen Schlagschatten mitten in das Licht, dessen Herrschaft sie verachteten, warfen.

Aus der Ferne betrachtet, bildete diese phantastische Vereinigung blendenden Glanzes und feierlicher Düsterkeit —— diese auf der einen Stelle, so daß sie riesenhaft aussahen, verdunkelten, auf der Andern, so daß sie ätherisch zu sein schienen, erhellten Gebäude, diese wogenden Gruppen, die eine auf dem einen Punkte im strahlenden Licht schimmernde, an dem andern in dichten Schatten verdunkeln, bewegliche Masse ausmachten —— ein so ungleichartiges und doch so schönes, so groteskes und doch so erhabenes Ganze, daß die Scene für den Augenblick eher einem durch seine Nähe an der Erde halb verdunkeltem bewohnten Meteor als einem irdischen, materiellen Schauspiele glich.

Die Schönheiten dieses atmosphärischen Effektes waren von viel zu ernster und hoher Natur, um die Menge auf dem Platze zu interessieren. Von der ganzen Versammlung beobachteten nur zwei Menschen den herrlichen Sonnenuntergang mit einer Spur der Bewunderung und Aufmerksamkeit, welche er verdiente. Der Eine war der Gutsbesitzer, dessen Unglück wir im vorigen Kapitel erzählt haben, der Andere sein merkwürdig Freund.

Diese beiden Männer bildeten in ihrem Aeußern wie in ihrem Benehmen einen eigenthümlichen Kontrast mit einander, als sie so auf den purpurnen Himmel blickten. Der Bauer war ein untersetzter, ruhelos aussehender Mann, dessen von Natur eckigen Züge jetzt durch einen starren Ausdruck des Elends und der Unzufriedenheit verzerrt waren. Sein scharfer durchdringender Blick schweifte unablässig von einem Orte zum andern, bemerkte alle Gegenstände, ruhten aber auf keinem. Seine Aufmerksamkeit für das Schauspiel vor ihm schien eher durch den Einfluß des Beispiels veranlaßt zu sein, als durch seine eignen, freiwilligen Gefühle, denn er blickte in kurzen Zwischenräumen ungeduldig auf seinen Freund, als erwarte er, daß dieser sprechen würde, aber sein nachdenklicher Gefährte ließ weder ein Wort noch eine Bewegung wahrnehmen. Ausschließlich mit seinen eignen Betrachtungen beschäftigt, schien er für jeden gewöhnlichem äußeren Aufruf vollkommen unempfindlich zu sein.

Seinem Alter und Aussehen nach war dieses Individuum schon betagt, denn es hatte sechzig Jahre gezählt; sein Haar war völlig ergraut und sein Gesicht mit tiefen Runzeln bedeckt. Trotz aller dieser Nachtheile war er aber doch im höchsten Sinne des Wortes ein schöner Mann. Seine abgemagerten Züge waren immer noch kühn und regelmäßig und in dem zur Gewohnheit gewordenen Trübsinn seines Ausdrucks lag eine Höhe und in seinen etwas strengen, ernsten Augen eine Intelligenz, die beredtes Zeugniß für die Ueberlegenheit seiner intellectuellen Kräfte ablegte.

Als er jetzt fest auf den goldenen Himmel hinausblickend mit halb auf seinen Stab gestützter, schlanker magerer Gestalt, fest zusammengepreßten Lippen, leicht gerunzelter Stirn und ruhiger, bewegungsloser Haltung dastand, mußte auch der oberflächlichste Beobachter augenblicklich fühlen, daß er kein gewöhnliches Wesen vor sich hatte. Die Geschichte eines Lebens voll tiefen Denkens, vielleicht auch langer Bekümmerniß schien auf jedem Zuge seines sinnenden Gesichts geschrieben zu stehen und sein Wesen zeigte eine natürliche Würde, die offenbar seinem rastlosen Gefährten abhielt, den Lauf seiner Reflexionen entschieden zu unterbrechen.

Langsam und prächtig war die Sonne am Horizont hinabgesunken, bis sie jetzt gänzlich den Blicken entschwand. Als ihre letzten Strahlen an den fernen Bergen verglommen waren, schrak der Fremde aus seinen Träumen auf, näherte sich dem Bauer und deutete mit seinem Stabe auf, die schnell verbleichende Helligkeit des westlichen Himmels.

»Probus,« sagte er mit leiser wehmüthiger Stimme. Als ich diesen Sonnenuntergang anblickte, dachte ich an den Zustand der Kirche.«

»Ich sehe an der Kirche wenig zu denken und am Sonnenuntergange nicht viel Bemerkenswerthes,« entgegnete sein Gefährte.

»Wie rein, wie glänzend,« murmelte Jener, kaum die Bemerkung des Gutsbesitzers beachtend, »war das Licht, welches die-Sonne über die Erde zu unsern Füßen warf! Wie herrlich triumphierte seine Helligkeit eine Zeitlang über die Schatten um uns her und doch, wie schnell verblich es trotz der Verheißungen dieses Strahlenschimmers in seinem Kampfe mit der Finsterniß —— wie gänzlich ist es jetzt schon von der Erde geschieden und hat die Schönheit seines Schimmers dem Himmel entzogen! Schon Verlängern sich die Schatten um uns und hüllen jeden Gegenstand auf dem Platze in ihr Dunkel ein; kaum noch eine kurze Stunde und die Schwärze der Nacht wird sich —— wenn der Mond nicht erscheint —— widerstandslos über Rom ausbreiten!.«

»Zu welchem Zwecke sagst Du mir das?«

»Erinnert Dich nicht das, was wir beobachtet haben, an die Laufbahn der Religion, die zu bekennen wir das Glück haben. Bezeichnet nicht jenes erste herrliche Licht ihren reinen vollkommenen Aufgang, jener kurze Kampf zwischen Helligkeit und Finsterniß ihre erfolgreiche Bewahrung durch die Apostel und Väter, das schnelle Verbleichen der Strahlen, ihre Entweihung in späterer Zeit und das uns jetzt umgebende Dunkel, das Verderben, welches sie in dem Zeitalter, wo wir leben, umschlungen hat? —— ein Verderben, welches nichts abwenden kann, als die Rückkehr zu dem reinen ersten Glauben, welche jetzt die Hoffnung unserer Religion sein muß, wie der Mond die Hoffnung der Nacht ist?«/p>

»Wie sollen wir reformieren? Kümmern sich Menschen, die keine Freiheit haben, um die Religion?« Wen soll sie belehren?«

»Ich habe es gethan —— ich werde es thun. Es ist der Zweck meines Lebens, ihnen die Heiligkeit der alten Kirche zurückzugeben; sie aus den Fallstricken der Hochverräther am Glauben, die die Menschen Priester nennen, zu erlösen. Sie sollen durch mich erfahren, daß die Kirche einst keinen Schmuck? gekannt hat, als die Gegenwart der Reinen, daß der Priester kein schöneres Gewand begehrt hat, als seine Frömmigkeit, daß das Evangelium, welches einst Demuthlehrte und jetzt Uneinigkeit erregt, in früheren Zeiten, die Regel des Glaubens, für alle Bedürfnisse genügend, alle Schwierigkeiten beherrschend —— war. Durch mich sollen sie erfahren, daß es in alter Zeit der Hüter des Herzens war, durch mich sollen sie sehen, daß es jetzt ein Spielzeug der Stolzen ist —— durch mich sollen sie fürchten, daß es in künftigen Tagen aus der Kirche verbannt werden kann!

»Dieser Aufgabe habe ich mich geweiht, dem Umsturz dieses Götzendienstes, welcher sich mit seinen Bildern, Reliquien, Juwelen und seinem Golde gleich einem zweiten Heidenthume unter uns erhebt, will ich mein Kind, mein Leben, meine Kräfte und Habe weihen. Von diesem Versuche werde ich mich nie abwenden —— vor diesem Entschlusse nie zurückweichen. So lange ich noch einen Hauch des Lebens besitze werde ich darauf beharren, dieser gottlosen Stadt die wahre Verehrung des Höchsten wiederzugeben!«

Er brach kurz ab. Die Fülle seiner Bewegung schien ihm plötzlich die Fähigkeit der Rede zu rauben. Jede Muskel im ganzen Körper jenes strengen, trüben Mannes bebte bei den unsterblichen Eingebungen seiner Seele. Es lag fast etwas Weibliches in seiner gänzlichen Hingebung an den Einfluß einer einzigen Empfindung. Selbst der rauhe, verzweifelte Gutsbesitzer fühlte Ehrfurcht vor dem Enthusiasmus des Wesens vor ihm und vergaß das ihm widerfahrene Unrecht, trotz seiner Furchtbarkeit, und sein Elend, so drückend es auch war, als er in das Gesicht seines Gefährten blickte.

Einige Minuten lang sprach Keiner von den Männern weiter ein Wort. Bald beschwichtigte jedoch der, welcher zuletzt gesprochen, seine Aufregung mit der Selbstbeherrschung eines Mannes, der gewohnt ist, die Bewegung, welche er nicht ersticken kann, zu unterdrücken, trat auf den Gutsbesitzer zu und ergriff trübe dessen Hand.

»Ich sehe, Probus, daß ich Dich überrascht habe,« sagte er, »aber die Kirche ist der einzige Gegenstand, über welchen ich keine Zurückhaltung besitze. In allen anderen Dingen habe ich die Hitze meiner frühem Jahre besiegt, in diesem muß ich immer noch mit meinem ungebärdigen Herzen kämpfen. Wenn ich auf die Betrügereien, welche um uns aufgeführt werden, blicke, wenn ich eine lügnerische Priesterschaft, ein getäuschtes Volk, eine befleckte Religion sehe, dann gestehe ich, daß die Entrüstung meine Geduld überwältigt, und ich da, wo ich nur zu verbessern hoffen sollte, zu vernichten glühe.«

»Ich weiß, daß Deine Einbildungskraft stets höchst lebhaft war; als ich Dich aber das letzte Mal sah, war Dein Enthusiasmus der der Liebe, Dein Weib ——«

»Frieden! sie hat mich betrogen.«

»Dein Kind ——«

»Lebt bei mir in Rom.«

»Ich erinnere mich ihrer aus ihrer frühesten Jugend, als ich vor vierzehn Jahren Dein Nachbar in Gallien war. Bei meiner Abreise aus der Provinz warst Du so eben von einer Reise nach Italien zurückgekehrt und ohne Erfolg in Deinen Versuchen gewesen, dort eine Spur von Deinen Eltern oder dem älteren Bruder zu entdecken, dessen Abwesenheit von Dir Du beständig zu beklagen pflegtest. Sage mir, hast Du seit jener Periode die Mitglieder Deines vormaligen Haushalts entdeckt? Bisher bist Du so damit beschäftigt gewesen, die Geschichte des mir widerfahrenen Unrechtes anzuhören, daß Du kaum von den Veränderungen gesprochen hast, welche seit unserer letzten Begegnung in Deinem Leben vorgegangen sind.«

»Wenn ich in Bezug auf mich gegen Dich geschwiegen habe, Probus, so ist es deshalb geschehen, weil der Rückblick für mich wenig Anziehendes besitzt. So lange es noch in meiner Macht stand, zu den Eltern zurückzukehren, die ich in meinen Knabenjahren verlassen hatte, dachte ich nicht an Reue, und jetzt, wo sie nur zu gewiß für mich verloren sind, ist meine Sehnsucht nach ihnen nutzlos. Von meinem Bruder, den ich in einem Augenblicke kindischer Eifersucht und Erzürnung verließ und für dessen Verzeihung und Liebe ich selbst meinen Ehrgeiz opfern würde, habe ich noch keine Spur zu entdecken vermocht. Die Entschädigung Derjenigen, welche ich in meinen frühem Jahren verletzt habe, ist ein den Gebeten meines Alters versagtes Vorrecht. Ich schied ungesegnet von meinen Eltern und meinem Bruder und fühle, daß ich dazu bestimmt bin, zu sterben, ohne ihren Segen und ihre Verzeihung erhalten zu haben. Mein Leben ist leichtsinnig, nutzlos, gottlos gewesen, von Raub und Gewaltthat zu Ueppigkeit und Trägheit übergegangen und hat mich zu der Heirath geführt, in welcher ich triumphierte, als ich Dich das letzte Mal sah, die aber, wie ich jetzt fühle, in ihren Beweggründen meiner eben so unwürdig, wie in ihren Resultaten war. Aber gesegnet, dreifach gesegnet sei jenes letzte Unglück meiner gottlosen Existenz, denn es öffnete meine Augen der Wahrheit —— es machte mich zu einem Christen, während ich noch das Leben hatte. Damals war es, Probus, als ich mich verlassen und entehrt sah, allein geblieben, um der Hüter meines hilflosen Kindes zu sein, auf ewig aus einem Vaterhause, dem ich selbst entsagt, verbannt, daß ich ernstlich meine Missethaten bereute, daß ich Weisheit in dem Buche des Heils und Lebensregeln bei den Vätern der Kirche suchte.

»Zu jener Zeit entschloß ich mich, mein Kind, wie Samue1 in alter Zeit, dem Dienste des Himmels und mich der Reformation unserer in den Staub gezogenen Religion zu weihen. Wie ich Dir schon erzählt habe, verließ ich meine Wohnstätte und veränderte meinen Namen, —— erinnere Dich, daß Du mich von nun an nur Numerian nennen darfst —— damit von meinem früheren Selbst keine Ueberbleibsel mehr vorhanden seien, damit mich von meinen früheren Genossen keiner je wieder entdecken und verlocken könne. Mit unablässiger Sorgfalt habe ich meine Tochter vor der Befleckung der Welt geschützt. Sie ist im Hause ihres Vaters bewacht und gehütet worden, wie. ein kostbares Juwel in der Hand eines Geizigen. Ihre Bestimmung ist es, die Bekümmerten zu trösten, die Kranken zu pflegen, den Unglücklichen beizustehen, wenn ich ihr Lehrer, dem Lande die Herrschaft seines alten Glaubens und die Leitung seines fehlerlosen Evangeliums zurückgegeben habe. Wir Beide besitzen weder eine Neigung, noch eine Hoffnung, die uns an die Dinge dieser Erde binden kann. Unserer Beider Herzen blicken nach dem Himmel, unsere Hoffnungen sind nur nach Oben gerichtet.«

»Setzest Du nicht Deine Erwartungen zu fest auf Dein Kind? Erinnere Dich, wie die römischen Adeligen meine frühere Haushaltung vernichtet haben, und zittere für die Deine.«

»Für meine Tochter fürchte ich nichts. In meiner Abwesenheit behütet sie Einer, der das Gelübde gethan hat, mich in meinen Arbeiten für die Kirche zu unterstützen. Es ist jetzt beinahe ein Jahr her, seit ich Ulpius getroffen, und seit jener Zeit hat er sich meinem Dienste geweiht und über mein Kind gewacht.«

»Wer ist der Ulpius, daß Du solches Vertrauen in ihn setztest?«

»Er ist ein Mann von demselben Alter wie ich. Ich fand ihn, gleich mir, von den Unglücksfällen seines früheren Lebens niedergebeugt und, wie einst auch ich, den Blendwerken der heidnischen Götter ergeben. Er war trostlos, leidend, einsam und ich hatte in seinem Unglück Mitleid für ihn. Ich bewies ihm, daß die Religion, zu welcher er sich noch bekannte, wegen ihrer Frevel aus dem Lande verbannt, daß die, welche ihr folgte, durch die Menschen verderbt worden war, und daß er nur einen Glauben wählen konnte, wenn er zum Heile gelangen wollte —— den Glauben der ersten Kirche. Er hörte mich an und bekehrte sich. Seit jenem Augenblicke hat er mir geduldig gedient und bereitwillig beigestanden. Unter dem Dache, wo ich die Wenigen versammle, welche bis jetzt dem wahren Glauben ergeben sind, ist er der Erste, welcher kommt, und der Letzte, der da geht. Seinen Lippen ist noch kein Wort des Zornes entschlüpft, in seinen Augen noch kein Blick des Unmuthes erschienen. Wenn auch bekümmert, ist er doch sanft, wenn auch leidend, doch fleißig. Ich habe ihm Alles, was ich besitze, anvertraut und freue mich meiner Leichtgläubigkeit. Ulpius ist Unbestechlich!«

»Und Deine Tochter? —— wird Ulpius von ihr eben so verehrt, wie Du ihn achtest?«

»Sie weiß, daß es ihre Pflicht ist, zu lieben, wen ich liebe, und zu vermeiden, wen ich vermeide. Kannst Du Dir vorstellen, daß eine christliche Jungfrau Gefühle besitzt, die gegen die Wünsche ihres Vaters laufen? Komm in mein Haus, urtheile mit eignen Augen über meine Tochter und meinen Genossen. Du, dem sein Unglück keine Heimath gelassen hat, sollst, wenn Du willst, bei mir eine finden. Komm also und arbeite mit mir an meinem großen Unternehmen. Du wirst Deinen Geist von der Betrachtung Deiner Schmerzen abziehen und durch Deine Hingebung die Gunst des Höchsten verdienen.«

»Nein, Numerian, ich will unabhängig bleiben, selbst von meinen Freunden. Weder Rom noch Italien sind für mich Rastorte. Ich gehe nach einem andern Lande, um unter einem andern Volke zu leben, bis die Waffen eines Eroberers in allen Ländern des Reiches dem Guten Freiheit und dem Rechtschaffenen Schutz verliehen haben werden.«

»Probus, ich flehe Dich an, bleibe!«

»Nein! mein Entschluß ist gefaßt; lebe wohl, Numerian!«

Und der Landmann eilte schnell hinweg, als fürchte er, daß seine Entschlossenheit gegen die Ueberredungen seines Freundes nicht länger Stand halten würde.

Auf einige Minuten stand Numerian unbeweglich da und blickte verlangend nach der Gegend, in welcher sich sein Gefährte entfernt hatte. Anfänglich milderte ein Ausdruck des Kummers und Mitleids die Strenge, welche das Kennzeichen seiner Züge, wenn sich dieselben in Ruhe befanden, zu sein schien, bald aber war es, als ob diese milderen, zarteren Gefühle eben so plötzlich aus seinem Herzen verschwunden wären, als sie in demselben aufgestiegen waren. Sein. Gesicht nahm wieder seine gewohnte Härte an und er murmelte, während er sich unter die der Basilica zueilende Menge mischte, vor sich hin:

»Er möge unbedauert scheiden, er hat sich dem Dienste seines Schöpfers versagt; er darf nicht mehr mein Freund sein!«

In diesen Worten lag der Schlüssel zu dem Charakter, des Mannes. Seine Existenz war nur eine lange Aufopferung, eine Scene unerschrockener Selbstentäußerung. Wiewohl er in den kurzen Andeutungen über die Ereignisse seines Lebens, die er seinem Freunde gegeben, den Umfang seiner Irrthümer übertrieben hatte, war er doch keineswegs gerecht gegen die Gluth seiner Buße gewesen, einer Buße, die die gewöhnlichen Grenzen der Reue überschritt und in Verzweiflung begann, nur um mit Fanatismus zu enden. Seine Flucht aus dem väterlichen Hause —— in deren Gründe wir jetzt nicht einzugehen beabsichtigen —— und sein langes, darauf folgendes Leben der Gewaltthätigkeit und Ausschweifung machte seine von Natur starken Leidenschaften ungeeignet, sich selbst dem leisesten Zwange zu unterwerfen. Ihrem ersten Antriebe gehorsam, schloß er in seinen reiferen Jahren eine Ehe mit einem der glühenden Bewunderung, welche es eingeflößt hatte, gänzlich unwerthen Weibe. Als er sich von demselben betrogen und entehrt sah, vibrierte der Schlag eines solchen Unglücks durch sein ganzes Wesen, —— erdrückte alle seine Kräfte —— streckte ihn auf einen Stoß mit Herz und Geist zu Boden. Die in seiner Zeit des Glückes mit moralischer Straflosigkeit begangenen Irrthümer seiner Jugend, wirkten in seinem Unglück mit einem für seinen künftigen Frieden verderblichen Einflusse auf ihn zurück. Seine Reue wurde von Trostlosigkeit verdunkelt, seine Entschlüsse durch keine Hoffnung erhellt. Er wendete sich der Religion zu, wie der Selbstmörder dem Messer —— in Verzweiflung. Alle Aufmunterungen, welche er in den Lehren der Priester oder den Gebräuchen der Kirche erblickte, verdammte er als die trügerischen Verblendungen menschlicher Unvollkommenheit und Anmaßung Er ging in der Geschichte seiner Religion von einer Periode zur andern zurück und suchte nach Strenge, wie andere Menschen nach Erbarmen, bis er bei dem Christenthum der ersten Tage der Kirche stehen blieb. In der stoischen Praxis und unfruchtbaren Theorie der alten Gläubigen fand er ein mit seinen neuen Ueberzeugungen übereinstimmendes System. Tag um Tag suchte er begierig unter den von den strengsten der ersten Kirchenväter hinterlassenen Schriften, bis ihn das stete Brüten über ihren starren, strengen Lehren endlich auf den Glauben führte, daß selbst das Vorhandensein der geselligen Gefühle in seinem Innern eine Sünde sei. Er erinnerte sich, daß ihn diese Gefühle in seiner Jugend irre geleitet hatten, und glaubte, daß seine Seligkeit in Gefahr und seine Reue unaufrichtig sei, so lange noch eines davon sein Mannesalter beeinflußte. Durch seinen thätigen Geist angespornt, der düsteren Ruhe zu entsagen, welche er sich gern auferlegt haben würde,und einen Zweck im Leben zu erlangen, dem er sein Herz wie einer Leidenschaft weihen könne, wählte er die Reformation der entwürdigten Kirche als die edelste und reinste Beschäftigung, die er unternehmen konnte. Sobald er einmal diesen Plan gefaßt hatte, gehörte es sowohl zu seinem Temperamente, wie zu seinen Grundsätzen, sich rückhaltslos der Beförderung desselben hinzugeben. Jede Neigung, wie unschuldig sie auch an sich sein mochte, die sich, ohne mit seinem Hauptzwecke in Verbindung zu stehen, in seinem Innern erhob, verdammte er als Ueberbleisel seiner früheren Natur und unterdrückte sie —— mit welchen Schmerzen, vermag Niemand zu sagen —— als Verrätherin der Möglichkeit eines moralischen Rückfalls. Obgleich er nur ein Laie war, nahm er doch keinen Augenblick Anstand, sich ein Gebäude zu verschaffen, welches er als Kirche gebrauchen konnte und Anhänger zu suchen, um sie als Gemeinde zu belehren. Bei jedem Scheine von Fortschritt, welchen er im Laufe seiner gefahrvollen Arbeiten zu entdecken glaubte, fühlte er ein geheimes phantastisches Entzücken, welches ihn für den Augenblick über alle irdische Sympathieen und Rücksichten erhob. Er hoffte, wenn Andere verzweifelt sein würden, er arbeitete, wenn Andere schwach geworden wären. Der Enthusiasmus für seine Sache stieg auf eine solche Höhe, daß er sein weltliches Wahrnehmungsvermögen abstumpfte, ihn für Beleidigung unempfindlich, gegen Betrug vertheidigungslos und gegen Gefahr gefühllos machte, wenn sie ihm bei der Verfolgung seiner Pläne begegneten. Er schulte sich so weit, daß er seine Tochter nur noch als ein Muster zum Beweise der Möglichkeit, Andere zur Beförderung seines großen Planes zu erziehen, betrachtete. Er erblickte in seinem Vermögen und Einflusse nur das Mittel zur Erreichung eines einzigen Zweckes, kurz er hatte seinem Unternehmen, wie er auch gegen Probus sagte, »sein Leben, sein Kind, seine Kräfte und Habe« geweiht. [Wenn der Leser die Möglichkeit des Versuchs einer Reformation der römischen Kirche im fünften Jahrhundert bezweifeln sollte, so möge er Gibbons Verfall und Sturz des römischen Reichs Kap. 28. Anmerkung 174 und die Controversen zwischen Hieronymus und Vigilantius, »dem Protestanten seiner Zeit,« zu Rathe ziehen.]

Wir versparen die Besprechung aller weiteren Eigenthümlichkeiten in Numerian’s Charakter bis auf eine künftige Gelegenheit, und folgen ihm jetzt durch die Menge bis zum Eingange der Basilica, wobei wir fortfahren, ihn hier und anderswärts mit dem Namen zu bezeichnen, welchen er bei seiner Bekehrung angenommen hatte, und unter welchem er sich bei seiner Zusammenkunft mit dem flüchtigen Landmann anzureden ausgebeten hatte.

Wiewohl sich unser Enthusiast im Beginn seines Ganges nach der Kirche unter den hintersten Mitgliedern der auf dieselbe zueilenden Menge befunden hatte, gelang es ihm doch, bald seine trägen und schwatzhaften Nachbarn so gänzlich zu überflügeln, daß er nach geringem Verzug die Stufen des geweihten Gebäudes erreichte. Hier mußte er mit vielen Anderen anhalten, bis sich die der Basilika Nächsten durch die hohen Thore. derselben gedrängt hatten. An einer solchen Stelle konnte seine auffallende Gestalt der Beobachtung nicht entgehen, und er wurde schweigend von vielen Umstehenden erkannt, von denen ihn die Einen mit Verwunderung, die Andern mit Widerwillen anblickten. Er wurde jedoch von Keinem angeredet. Alle fühlten die Notwendigkeit, einen Mann zu scheuen, der durch seine kühne, tägliche Auseinandersetzung der Mißbräuche der Kirche seine Freiheit und selbst sein Leben gefährdet.

Unter denjenigen, welche Numerian umgaben, befanden sich jedoch Zwei, die sich nicht damit begnügten, nachlässig jeden Verkehr mit dem unerschrockenen, verdächtigen Reformator zu vermeiden. Diese beiden Männer gehörten zur niedrigsten Klasse der Geistlichkeit und schienen damit beschäftigt zu sein, vorsichtig die Handlungen der Individuen um sie her zu beobachten und deren Gespräche zu belauschen. Sobald sie Numerian erblickten, entfernten sie sich so weit, daß sie seiner Beobachtung entgingen, zugleich aber eine solche Stellung einnahmen, daß sie den Gegenstand ihres offenbaren Mißtrauens im Auge behalten konnten.

»Schau, Osius,« sagte der Eine, »der Mann ist wieder hier.«

»Und ohne Zweifel in derselben Absicht, welche, ihn gestern hierher gebracht hat,« antwortete Jener. »Du wirst sehen, daß er wieder in die Kirche tritt, den Gottesdienst anhört, sich nach seiner kleinen Kapelle auf dem Monte Pincio begibt und dort die von unsern Brüdern gepredigten Lehren vor seinen zerlumpten Anhängern angreift, wie er es, wie wir wissen, vergangene Nacht gethan hat und wie er es wahrscheinlich fortwährend thun wird, bis die Behörden es für angemessen halten, das Zeichen zu seiner Einsperrung zu geben.«

»Es wundert mich nur, daß man ihm so lange gestattet hat, in seiner Widersetzlichkeit gegen die Kirche fortzufahren, wie es geschehen ist. Haben wir nicht in seinen Schriften allein schon Zeugniß genug, um ihn der Ketzerei zu überweisen? Die Nachlässigkeit des Bischofs in einer solchen Sache ist wahrhaft unerklärlich.«

»Du mußt bedenken, daß, da Numerian kein Priester ist, die Sorglosigkeit wegen unserer Interessen eher den Senat, als den Bischof trifft. Alle Zeit, die der Adel sich von seinen Ausschweifungen abmüßigen kann, ist bis vor Kurzem auf Diskussionen über das Benehmen des Kaisers, als er sich nach Ravenna zurückzog, verwendet worden und wird jetzt der Nachforschung über den Grund des Gerüchtes wegen der Gothen geweiht werden. Was kümmert sich übrigens der Senat, selbst wenn er Zeit dazu hätte, um theologische Streitigkeiten? Er kennt diesen Numerian nur als einen römischen Bürger, einen Mann von einigem Einflusse und Vermögen, und daher als politisch wichtige Person unter der Bevölkerung. Außerdem würde es gerade in diesem Augenblicke deine leichte Aufgabe von uns sein, die von unsern Angreifer vorgebrachten Lehren zu bekämpfen, denn der Bursche versteht mit beunruhigender Leichtigkeit das, was er sagt, aus der Bibel zu unterstützen.«

»Glaube mir, daß in dieser Sache die einzige Art, uns Gerechtigkeit zu verschaffen, die sein wird, ihn der Verleumdung gegen die höchsten Würdenträger der Kirche zu überweisen.«

»Der uns vor Kurzem zu Theil gewordene Befehl, seinen Bewegungen nachzuspüren und seine Reden zu belauschen, läßt mich glauben, daß unsere Vorgesetzten Deiner Ansicht sind.«

»Mögen meine Uederzeugungen richtig sein oder nicht, so bin ich doch darüber gewiß, daß die Tage seiner Freiheit gezahlt sind. Erst vor wenigen Stunden sah ich den ersten Assistenten beim Kammerherrn des Bischofs und er sagte mir, daß er durch eine Thürklinke gehört habe ——«

»Still! er bewegt sich, er drängt sich vor, um in die Kirche zu gelangen. Du kannst mir, während wir ihm folgen, erzählen, was Du sagen wolltest. Schnell! wir wollen uns unter die Menge mischen.«

Die Beiden, in der Ausübung ihrer widerlichen Pflichten stets enthusiastischen Hirten der christlichen Heerde folgten Numerian mit der größten Vorsicht in das Innere des Tempels.

Wiewohl die Sonne noch einen schwachen rdthen Streifen am westlichen Himmel zurückgelassen hatte und der Mond kaum erst aufgegangen war, brannten doch bereits die von dem Bischofe in seiner Proklamation an das Volk erwähnten zweitausend vierhundert Flammen auf dem großen Kronleuchter. In den Tagen ihrer ernsten und heiligen Schönheit würde würde das Aussehen der Kirche durch diesen künstlichen Glanz schwer gelitten haben, jetzt aber, wo sich der alte Charakter der Basilica völlig verändert, wo sie sich aus einem feierlichen Tempel in einen üppigen Palast verwandelt hatte, gewann sie durch die flimmernde Erleuchtung ungemein. Jeder Zierrath in ihrem langen herrlichen Schiffe glitzerte mit der größten Deutlichkeit in dem sich von der Decke herab ergießenden blendenden Lichte. Die vergoldeten Dachbalken, die glatten eingelegten Marmorsäulen, die schweren Vorhänge der Fenster, die Juwelenbesetzten Leuchter auf den Altären, die Gemälde, Statuen, Broncen und Mosaikarbeiten schimmerten alle in einem für das Auge geradezu berauschenden, üppigen Glanze. An keinem Gegenstande war jetzt eine Spur von Abnutzung oder Verbleichen zu erblicken. Jeder Theil des Schiffes, auf welchen sich das Auge lenkte, erschien in zu schöner fleckenloser Helle, um je von sterblichen Händen berührt worden zu sein. Der bezauberte und verwirrte Blick schweifte über das strahlende Schauspiel, bis er von der ununterbrochenen Schönheit desselben ermüdet, um Ruhe zu suchen, auf den dämmernd erleuchteten Flügeln haftete und mit Entzücken auf den milden Schatten verweilte, die um ihre, fernen Säulen schwebten und den vorüber gleitenden Gestalten folgten, die ihre dunkeln Nischen bevölkerten oder an ihren hohen Wänden hingingen.

In dem Augenblicke, wo Numerian die Basilica betrat, war ein Theil des Gottesdienstes zu Ende. Das letzte schwache Echo der Stimmen des Chores zitterte noch in der weihrauchschweren Luft und die ungeheuren Massen der Zuschauer waren noch in ihre verschiedenartigen lauschenden Stellungen gruppiert, als der eifrige Reformator in die Kirche hinauf blicke. Selbst er schien trotz seiner Strenge, auf einen Augenblick durch den unnennbaren Zauber des Schauspiels beschwichtigt zu, werden, bald aber runzelte sich seine Stirn wie über seine unfreiwillige Bewunderung unzufrieden und er seufzte schwer, als er —— noch immer von den aufmerksamen Spionen gefolgt —— die vergleichsweise Abgeschiedenheit der Flügel aufsuchte.

Während der Zeit zwischen den Abtheilungen des Gottesdienstes beschäftigte sich die Gemeinde damit die Reliquien zu begaffen, welche in einem silbernen Schreine mit kristallenen Thüren auf dem Hochaltare standen, wiewohl es unmöglich war, einen deutlichen Anblick dieser kirchlichen Schätze zu erlangen, nahmen sie dessen ungeachtet die Aufmerksamkeit Aller in Anspruch, bis das Erscheinen eines Priesters auf der Kanzel das Zeichen zum Beginne der Predigt gab und Alle, welche Sitze hatten, ermahnte, sich derselben ohne Säumen zu bedienen.

Eine ausführliche Analyse der bei diesem Anlasse gehaltenen Predigt würde die Zeit des Lesers, ohne besonderen moralischen oder literarischen Vortheil, in Anspruch nehmen. Es genüge, wenn wir, ehe wir zu wichtigeren Dingen übergeben, sagen, daß die Predigt ungeheuer lang war, daß sie mit theatralischer Heftigkeit der Gebärden in düster einförmigem Tone gehalten wurde und ihr Gegenstand, —— das Märtyrerthum des heiligen Lukas, zu einer Grundlage diente, aus welcher der eifernde Prediger das imposante Gebäude einer Philippika gegen die Arianer errichtete. Er begann damit, daß er es für einigermaßen möglich hielt, daß es zu St. Lucas Zeiten Arianer gegeben habe, sprach —— über seine Annahme raisonnirend, als ob es eine Gewißheit gewesen wäre —— seine feste Ueberzeugung aus, daß die Mörder des Evangelisten Arianer gewesen seien, und schloß, indem er die unglückseligen Arianer an’s Ende stellte, damit, daß er der Reihe nach alle Nationen, Religionen, Sekten und Individuen, die nicht bereit seien, die Unfehlbarkeit des römischen Bischofs und die Authentieität der Reliquiensammlung in der St. Peters-Basilica anzuerkennen, zur unbedingten Verdammniß verurtheilte.

Wir schreiten durch die Reihen der Zuhörer dieser Predigt hin, von denen die Einen beschäftigt waren, die Lichter auf dem Kronleuchter zu zählen, um überzeugt zu sein, daß sie der Bischof um keine einzige von den zweitausend vierhundert Flammen betrogen habe, während Andere sich flüsternd unterhielten und kleine Schachteln mit Süßigkeiten öffnen —— und führen den Leser wieder aus der Kirche.

Die Versammlung war jetzt bedeutend dünner geworden, die von den hohen Säulenhallen aus den Boden geworfenen Schatten hatten sich noch mehr verdunkelt und vergrößert und an vielen von den abgelegeneren Stellen des Platzes war kaum ein menschliches Wesen mehr zu erblicken. An einer von diesen äußersten Stellen, wo die Säulen auf der Straße endigten, und die Finsterniß am dichtesten war, stand ein einsamer alter Mann, der sich vorsichtig in der Dunkelheit versteckt hielt und aufmerksam nach dem unmittelbar vor ihm liegenden Wege hinaus schaute.

Er hatte erst kurze Zeit gewartet, als ein hübscher Wagen, vor welchem einer Leibwache von schön gekleideten Sklaven herging, wenige Schritte von seinem Verstecke entfernt anhielt und die Stimme der darin befindlichen Person hörbar die folgenden Werte sprach:

»Nein, nein, fahre zu —— es ist später, als ich dachte. Wenn ich Verweile, um die Illumination der Basilica zusehen, so werde ich nicht zeitig genug zurückkehren können, um meine Gäste zum heutigen Banket zu empfangen. Ueberdies hat sich dieses unschätzbare Kätzchen von der bei den alten Egyptern am höchsten geehrten Art bereits erkältet und ich möchte um alle Welt nicht das gefühlvolle Thierchen länger als nöthig der Nachtluft aussetzen. Fahre zu, guter Carrio, fahre zu.«

Der alte Mann wartete kaum auf die Beendigung dieser Worte, ehe er zu dem Wagen heran lief, wo ihm augenblicklich zwei Köpfe begegneten, der des Senators Vetranio und der eines glänzend schwarzen Kätzchens mit einem Rubinenhalsband, welches halb in die weiten Gewänder seines Herrn gehüllt war. Ehe der erstaunte Edelmann auch nur ein Wort sprechen konnte, flüsterte ihm der Greis in leiser, beflügelter Rede zu.

»Ich bin Ulpius, Entlaß Deine Diener —— ich habe Dir etwas Wichtiges zu sagen.«

»Da, mein wackerer Ulpius, Du hast die höchst unglückliche Eigenschaft, Mittheilungen mit dem Wesen eines Meuchelmörders. zu machen! Aber ich muß Deine unangenehme Weise aus Rücksicht auf Deinen Eifer entschuldigen. Vortrefflicher Carrio, wenn Dir an meiner Zufriedenheit etwas gelegen ist, so entferne Deine Gefährten und Dich außer Hörweite.«

Der Freigelassene leistete dem Befehle seines Herrn augenblicklichen Gehorsam. Jetzt begann folgendes von dem sonderbaren Alten eingeleitetes Gespräch.

»Erinnerst Du Dich Deines Versprechens?«

»Ja.««

»Bist Du auf Deine Ehre als Edelmann und Senator bereit, es zu halten, wenn es nöthig sein wird?«

»Ja.«

»Dann triff mich mit der Morgendämmerung an der Privatthür Deines Palastgartens und ich werde Dich in Antonina’s Schlafgemach führen.«

»Die Zeit sagt mir zu, warum aber mit der Morgendämmerung?«

»Weil der Christennarr bis Mitternacht eine Vigilie hatte»wird, der das Mädchen aller Wahrscheinlichkeit nach beiwohnt. Ich wollte Dir es in Deinem Palaste sagen, hörte aber dort, daß Du nach Aricia gegangen seist und über die Basilica zurückkehren würdest. Ich habe mich daher in den Hinterhalt gelegt, um Dich so aufzufangen.«

»Du eifriger Ulpius!«

»Behalte Dein Versprechen im Gedächtniß.«

Vetranio lehnte sich vor, um zu antworten, aber Ulpius war verschwunden.

Als der Senator wieder weiter zu fahren befahl, blickte er aus dem Fenster des Wagens, als erwarte er, daß sein seltsamer Anhänger. sich noch in der Nähe desselben aufhalten würde. Er bemerkte jedoch nur einen ihm unbekannten Mann, der von zwei andern gefolgt, schnell an ihm vorüberging. Es war Numerian mit den beiden Spionen.

»Endlich nähern sich meine Pläne der Ausführung!« rief Vetranio vor sich hin, als er und sein Kätzchen im Wagen abfuhren. »Es ist ein Glück, daß ich heute daran gedacht habe, mir Juliens Villa zu verschaffen, da ich sie jetzt sicherlich morgen brauchen werde. Beim Jupiter, welche Menge von Gefahren, Widersprüchen und Räthseln diese Geschichte umgeben! Wenn ich bedenke, daß ich, der ich aus meine Philosophie stolz war, Ravenna verlassen, eine Privatvilla geliehen, mich mit einem ungebildeten Plebejer verbündet habe und Alles nur um des Mädchens willen, das bereits meine Erwartungen getäuscht hat, indem es mich zum Musiklehrer erlangte, ohne mich als Liebhaber anzunehmen, so bin ich, wahrhaftig über meine Schwäche erstaunt. Man muß jedoch gestehen, daß das Aussehen, welches mein Abenteuer seit einiger Zeit angenommen hat, demselben an sich schon einiges Interesse verleiht. Das bloße Vergnügen, in die Hausgeheimnisse dieses Numerian zu dringen, ist keineswegs der geringste von den zahlreichen Reizen meines Planes. Wie hat er seinen Einfluß auf das Mädchen erworben? Warum hält er es in so strenger Abgeschiedenheit? Wer ist das alte halbrasende, unceremoniöse Menschenungeheuer, das sich Ulpius nennt, jede Belohnung seiner Schurkerei ausschlägt, über die Rückkehr zu der alten Götterreligion faselt und über das Versprechen jubelt, welches er mir als einem guten Heiden entrissen hat, die erste Wiederherstellung des alten Götterdienstes, die in Rom versucht werden würde, zu unterstützen? —— Wo kommt er her? Warum bekennt er sich äußerlich zum Christenthume? Was hat ihn in Numerian’s Dienst gebracht? —— Beim Gürtel der Venus, Alles, was mit dem Mädchen zusammenhängt, ist eben so unbegreiflich wie sie selbst. Aber Geduld —— Geduld! Nur noch wenige Stunden und diese Geheimnisse werden sich enthüllen. Unterdessen wollen wir an mein Gastmahl und seine Schutzgottheit, die Nachtigallensauce, denken.«



Kapitel III.
Antonina.

Wer ist in Rom gewesen, ohne sich mit Entzücken der Reize des Monte Pincio zu erinnern? Wer ist nicht, nachdem er sich durch die Wunder der düsteren, traurigen Stadt geschleppt, durch einen Besuch seiner schattigen Spaziergänge und das Athmen seiner balsamischen Düfte neu belebt worden? Unter der feierlichen Trauer, die über dem verfallenden Rom herrscht, erhebt sich dieser köstliche Hügel leicht, luftig und einladend zur Erquickung für den Körper und zum Troste fürs den Geist. Von seinem, ebenen Gipfel erblicket man die Stadt in ihrer größten Majestät und die Umgegend in ihrem schönsten Kleide. Die Verbrechen und das Elend von Rom scheinen abgeschreckt zu werden, sich seinem beglückten Boden zu nähern, er macht aus den Geist den Eindruck eines durch den allgemeinen Willen für die Gegenwart der, Unschuldigen und Frohen bei Seite gesetzten Ortes —— einer Stelle, die durch Ruhe und Erholung gegen das Eindringen des Lärmens und der Mühe heilig gehalten wird. Sein Aeußeres in der neueren Zeit ist das Bild seines Charakters seit Jahrhunderten. Die Kriege konnten seine Schönheiten auf eine Zeitlang verdunkeln, der Friede stellte sie aber stets in aller ihrer ursprünglichen Lieblichkeit wieder her. Die alten Römer nannten ihn den Berg der Gärten, er hat bei allen Unglücksfällen des Reiches und Zuckungen des Mittelalters fortwährend seine alte Benennung verdient, und ist noch heutzutage triumphierend ein Berg von Gärten.

Zu Anfange des fünften Jahrhunderts stand die Herrlichkeit des Monte Pincio auf ihrem Gipfel. Wenn es sich mit dem Laufe unserer Geschichte verträge, auf der Pracht seiner Paläste und Haine, seiner Tempel und Gräber zu verweilen, so könnte vor dem Leser ein so glühendes Gemälde von natürlicher Schönheit unterstützten, künstlichen Glanzes ausgebreitet werden, daß er denken würde, man wolle seiner Leichtgläubigkeit spotten, während es sein Erstaunen erregte. Es ist hier jedoch unnöthig, eine solche Aufgabe zu versuchen. Nicht für die Wunder des alten Luxus und Geschmackes, sondern für die Wohnung des religionseifrigen Numerian halten wir es jetzt nöthig, Theilnahme zu erwecken und Aufmerksamkeit zu erregen.

Auf der Rückseite des Flaminischen Endes des Monte Pincio und dicht an der Stadtmauer stand zur Zeit, von welcher wir schreiben, ein kleines, aber elegant gebautes Haus von einem Gärtchen umgeben und von hinten durch die hohen Haine und Nebengebäude des Senators Vetranio geschützt. Diese Wohnung war einst eine Art von Sommerhaus des früheren Besitzers eines nahen Palastes gewesen.

Die Verschwendung und Ausschweifung hatten den Eigenthümer gezwungen, sich von diesem Theile seiner Besitzthümer zu trennen, welcher von einem Kaufmanne an sich gebracht wurde, den Numerian, dem das Haus beim Tode seines Freundes als Erbtheil zufiel, gut kannte. Sobald seine Reformationspläne von seinem Geiste Besitz ergriffen, schon über die Idee der Nähe bei den adeligen Wüstlingen von Rom entrüstet, hatte der strenge Christ sein Erbtheil zu verlassen und es an einen Andern zu verkaufen beschlossen, aber auf die wiederholten Bitten seiner Tochter endlich eingewilligt seine Absicht zu ändern und den Widerwillen gegen seine üppigen Nachbarn der jugendlichen Liebe seines Kindes für die Schönheiten der Natur, wie sie sich in seinem Legate auf dem Monte Pincio zeigten, geopfert.

Dies war der einzige Fall, in welchen: die angeborene Liebe des Vaters den Sieg über die angeeignete Strenge des Reformators davontrug. Hier ließet sich zum ersten und letzten Male zu den süßen Tändeleien der Jugend herab, hier richtete er, trotz seiner selbst, nachsichtig, seine kleine Haushaltung ein und erlaubte seiner Tochter, als einzige Erholung die Pflege der Blumen im Garten und den Genuß der schönen Aussicht in die Ferne.

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Die Nacht ist seit den im vorigen Kapitel erwähnten Ereignissen um eine Stunde vorgerückt. Der helle, glänzende Mondschein Italiens erleuchtet jetzt jeden Bezirk der herrlichen Stadt und badet die Haine und Paläste auf dem Monte Pincio in seinen reinen Strahlen. Von dem Garten Numerian’s aus sind die unregelmäßigen Gebäude der großen Vorstädte von Rom, das fruchtbare, wellenförmige Land jenseits derselben und die langen Bergreihen inder Ferne in dem weichen, sanften Lichte deutlich sichtbar. In der Nähe der Stelle, von welcher man diese Aussicht hat, ist bei der erstens Betrachtung kein lebendes Wesen zu erblicken. Wenn man sich aber aufmerksamer und geduldiger umschaut, so kann man später an einem der Fenster von Numerian’s Hause, hinter einem Vorhange halb versteckt, die Gestalt eines jungen Mädchens erschauen.

Diese einsame Gestalt tritt bald dem Auge näher, die Mondstrahlen, welche bis jetzt nur auf das, Fenster geschienen haben, erleuchten nun auch andere Gegenstände. Zuerst zeigen sie einen kleinen weißen Arm, dann ein leichtes, einfaches Gewand, darauf einen schönen, graziösen Hals und endlich ein schimmerndes, jugendliches, unschuldiges Gesicht, welches sich unbewegt auf die weite monderhellte Aussicht der fernen Berge heftet.

Eine Zeitlang bleibt das Mädchen betrachtend am Fenster stehen, dann verläßt es seinen Posten und erscheint fast augenblicklich darauf an eine in den Garten führenden Thür. Ihre auf den vor ihr liegenden Rasenplatz zu schreitende Gestalt ist leicht und klein, in ihren Bewegungen zeigen sich natürliche Anmuth und Anstand —— sie hält an ihren Busen gepreßt und halb von ihrem Gewande verborgen eine vergoldete Laute. Sie hat eine Rasenbank erreicht, auf der man dieselbe Aussicht hat, wie am Fenster, legt ihr Instrument auf dem Knie zurecht und berührt mit einigermaßen zauderndem Wesen sanft die Saiten. Hierauf blickt sie, wie über den von ihr hervorgebrachten Ton in Schrecken, ängstlich um sich und scheint zu fürchten, daß sie gehört werden könne. In ihren großen, dunkeln, schimmernden Augen liegt ein Ausdruck von Besorgniß, ihre zarten Lippen öffnen sich halb. Ein plötzliches Erröthen steigt in ihren weichen, olivenfarbenen Wangen auf, während sie jeden Winkel des Gartens durchforscht. Nachdem sie ihre Untersuchung beendet, ohne einen Grund für den Verdacht, welchen sie zu hegen scheint, zu entdecken, nimmt sie wieder ihr Instrument vor. Sie schlägt von Neuem die Saiten an, diesmal aber mit kühnerer Hand. Die von ihr hervorgebrachten Töne vereinigen sich zu einer wilden, klagenden, unregelmäßigen Melodie, die, wie von dem launischen Einflusse eines Sommerwindes beherrscht, abwechselnd stärker und schwächer werden. Diese Töne vermehren sich bald harmonisch durch die Stimme der jungen Lautenschlägerin, die ruhig, voll und metallisch sich mit ausgesuchter Kunst jeder willkürlichen Veränderung im Tone der Begleitung anschmiegt. Das Lied, welches sie gewählt hat, ist eine von den phantastischen Oden der Zeit. Ihr Hauptvorzug liegt für sie in der Verbindung mit der seltsamen, orientalischen Melodie, welche sie bei ihrer ersten Begegnung mit dem Senator, der ihr die Laute schenkte, gehört.

Das Lied war bald zu Ende. Als aber die letzten Töne ihrer Stimme und Laute sanft in der stillen Nachtluft verklangen, zeigte sich aus dem Gesicht des Mädchens eine unbeschreibliche Erhebung. Sie blickte verzückt zu dem fernen, sternhellen Himmel auf ihre Lippe bebte, ihre dunkeln Augen füllten sich mit Thränen und ihr Busen wogte im Uebermaße der Empfindungen, welche die Musik und die Natur in ihrem Geiste erweckt hatten, dann schaute sie langsam um sich, verweilte liebevoll auf den duftigen Blumenbeeten, die das Werk ihrer eignen Hände waren und sah mit halb ehrfurchtsvollem, halb seligem Ausdrucke über die weithingedehnte, glatte, schimmernde Ebene und die stummen herrlichen Berge hin, die, so lange die Begeisterung ihre liebsten Gedanken gewesen waren und jetzt sanft und schön, wie die Träume ihres jungfräulichen Lagers, vor ihr leuchteten. Von den unschuldigen Gedanken und Erinnerungen, welche die Zauberflügel der Natur und Nacht in ihren Geist fächelten, überwältigt, beugte sie dann das Haupt auf ihre Laute herab, drückte ihre runde Grübchenwange an das glatte Gehäuse derselben, ließ die Finger mechanisch über die Saiten streifen und gab sich rückhaltslos ihren jungfräulichen, jugendlichen Träumereien hin.

Dies war das Wesen, welches der traurige Ehrgeiz seines Vaters zu einer lebenslänglichen Verbannung von Allem, was es in der menschlichen Kunst Anziehendes und im menschlichen Geiste Schönes giebt, geweiht hatte! Dies war die Tochter, deren Existenz nur eine lange Bekanntschaft mit dem Schmerze der Sterblichen, nur eine wechsellose Verweigerung aller menschlichen Freuden sein, deren Gedanken sich nur auf Predigten und Fasten, deren Handlungen sich nur aus das Verbinden fremder Wunden und das Trocknen fremder Thränen richten sollten, deren Leben, kurz gesagt, dazu verurtheilt trat, die Verkörperung des strengen Ideals ihres Vaters von den strengen Jungfrauen der alten Kirche zu werden!

Ihrer Mutter beraubt, aus der Gesellschaft Anderer ihres Alters verbannt, aller Vertraulichkeit mit irgend einem lebenden Wesen —— aller Sympathieen mit den Herzen Anderer entäußert, stets mit Befehlen, aber nie mit Nachsicht überhäuft, getadelt, aber nie gelobt, hätte sie unter der Strenge ihres Vaters erliegen müssen, wenn sie sich nicht den geringen Ungehorsam erlaubt und der einsamen Freude, die ihr ihre Laute verschaffte, hingegeben hätte. Umsonst las sie in ihren Stunden des Studiums die wüthenden Flüche gegen Liebe, Freiheit und Freude, Dichtkunst, Malerei und Musik, Gold, Silber und Edelgesteine, welche die alten Kirchenväter zur Beachtung der unterwürfigen Gemeinden früherer Tage abgefaßt hatten, umsonst bildete sie sich während jener langen theologischen Unterrichtsstunden ein, daß die verbotenen Wünsche ihres Herzens verbannt und vernichtet wären, daß ihr geduldiger, kindergleicher Charakter sich zu völliger Unterwürfigkeit gegen die strengsten Gebote ihres Vaters niedergebeugt habe. Ihre Gespräche mit Numerian waren kaum beendet, als auch die Eingebungen der Kunst in unserm Innern, welche die Natur zwar irre leiten, aber nie vernichten kann, zum Vergessen alles Dessen, was sie gehört, und zur Sehnsucht nach manchem Verbotenen lockte. Wir leben auf dieser Welt nur durch die Gesellschaft irgend einer Theilnahme, Sehnsucht oder Beschäftigung, welche uns zur gewöhnten Zuflucht von den von Außen herkommenden Plagen dient. Dasselbe Gefühl, welches Antoninen in ihrer Kindheit bewog, um einen Blumengarten zu bitten, veranlaßte sie in ihrem Jungfrauenalter, sich den Besitz einer Laute zu verschaffen.

Die Leidenschaft für die Musik, welche ihr den Besuch bei Vetranio eingab, die allein ihr Herz vor dem Verkümmern in der ihr auferlegten Einsamkeit errettete und in der bereits beschriebenen Art ihre Mußestunden ausfüllte, war ein Erbtheil ihrer Geburt.

Ihre spanische Mutter hatte ihr während der kurzen Zeit, daß es ihr gestattet war, über ihrem Kinde zu wachen, stundenlang in der Wiege vorgesungen. Der so auf die dämmernden Fähigkeiten des Kindes gemachte Eindruck verwischte sich nie. Obgleich ihre frühesten Wahrnehmungen nur das Elend ihres Vaters betrafen, obgleich die Form, welche bald seine verzweifelnde Reue annahm, sie zu einem Leben der Abgeschlossenheit und einer Erziehung von strengen Ermahnungen verurtheilte, überlebte doch die leidenschaftliche Anhänglichkeit an die Melodie der Töne, welche ihr die Stimme ihrer Mutter eingeflößt, die sie fast an der Mutterbrust eingesogen hatte, alle Vernachlässigung und überdauerte jeden Widerstand. Sie fand ihre Nahrung in kindischen Erinnerungen, in durch das Fenster gehörten Brocken von Liedern der Straßenjungen, im Rauschen der nächtlichen Winterstürme durch die Haine des Monte Pincio und empfing ihre entzückte Befriedigung in den ersten Tönen der Laute des römischen Senators, welche sie vernahm. Wie sie später zum Besitz eines Instrumentes und zur Geschicklichkeit im Spielen gelangte, weiß der Leser bereits aus Vetranio’s Erzählung in Ravenna. Wenn der leichtsinnige Senator die wahre Fülle der Empfindungen, welche seine Kunst in der Brust seiner Schülerin erregte, während er derselben Unterricht gab, entdeckt, wenn er geahnt hätte, wie unablässig während ihrer Lektionen ihr Pflichtgefühl mit ihrer Liebe zur Musik kämpfte, wie völlig sie in dem einen Augenblicke durch die Qual des Zweifels und der Furcht, in dem andern durch das Entzücken des Genusses der Hoffnung absorbiert wurde, so würde er nur wenig von dem Erstaunen über ihre Kälte gegen ihn gefühlt haben, welches er bei seinem Gespräche mit Julien in dem Garten des Hofes so warm aussprach.

In der That konnte nichts vollständiger sein, als Antoninen’s kindische Unbewußtheit der Gefühle, mit welchen sie Vetranio betrachtete. Wenn sie vor ihn trat, so wurde alle Neigung, welche nicht ihre Furcht verschlang, gänzlich von der geliebten, schönen Laute angezogen und ausgefüllt. Als sie das Instrument empfing, vergaß sie fast den Geber über dem Triumph des Besitzes oder war, wenn sie überhaupt an ihn dachte, nur dafür von Dankesgefühlen erfüllt, daß sie unverletzt einem Mitgliede der Klasse entgangen war, gegen welche die wiederholten Ermahnungen ihres Vaters ihr ein unbestimmtes Gefühl der Scheu und des Mißtrauens eingeflößt hatten, und um zu beschließen, daß sie jetzt, wo sie ihm für seine Güte gedankt und von seinem Gebiete geschieden war, nichts wieder bewegen solle, je durch das Betreten derselben sich der Entdeckung durch ihren Vater und der Gefahr für sich selbst auszusetzen.

Unschuldig in ihrer Einsamkeit, fast kindisch in ihrer natürlichen Einfalt war ein einziger Genuß hinreichend, um alle Leidenschaften ihres Alters zu befriedigen. Vater, Mutter, Liebhaber und Gefährte, Freiheit, Unterhaltung und Putz, Alles vertrat ihr diese einfache Laute. Die Schelmischkeit, Munterkeit, Sanftmuth ihres Charakters, die Poesie ihrer Natur und die Neigung ihres Herzens, die glückliche Blüthe der Jugend, welche die Absperrung weder gänzlich zum Verwelken bringen noch falsche Lehren verderben konnten, wurden jetzt —— so groß ist die schaffende Macht des menschlichen Gefühls —— durch diesen unschätzbaren Besitz vollkommen genährt, zum Aufblühen gebracht und erfrischt. Sie konnte zu der Laute sprechen, sie anlächeln liebkosen und in der Extase ihres Entzückens in der Sorglosigkeit ihrer Selbstverblendung glauben, daß sie an ihrer Freude Theil nahm. Während ihrer langen, einsamen Stunden, wo sie in Abwesenheit ihres Vaters stumm von dem brütenden, traurigen Fremdling, den er über sie gesetzt hatte, bewacht wurde, war sie ihr zu einer theurern Gefährtin geworden, als der Blumengarten, theurer selbst, als die Ebenen und Gebirge, welche ihre Lieblingsaussicht bildeten. Wenn ihr Vater zurückkehrte und sie an einen dunkeln Ort unter fremde schweigsame Leute geführt wurde, um dort zu sitzen und endlosen Deklamationen zuzuhören, war es ihr ein Trost, an das Instrument zu denken, welches sicher versteckt in ihrer Kammer lag und entzückt über die neuen selbsterfundenen Melodieen nachzusinnen, welche sie das nächste Mal darauf spielen würde, und dann, wenn der Abend kam und sie in ihrem Garten allein blieb, dann erschien die Stunde des Mondscheins und Gesanges, der Augenblick des Entzückens und der Melodie, welcher sie sich selbst entzog, sie erhob, ohne daß sie fühlte, wie, und sie führte, ohne daß sie wußte, wohin.

Während wir aber so bei Reflexionen über Beweggründe und Charakterforschungen verweilen, werden wir durch das Erscheinen einer anderen Gestalt auf der Bühne wieder in die äußere Welt der vorübergehenden Interessen und Ereignisse zurückgerufen. Wir ließen Antoninen im Garten, über ihre Laute in Gedanken versunken. Sie befindet sich noch in ihrer nachdenklichen Haltung, aber sie ist nicht mehr allein.

Von denselben Stufen, über die sie herabgestiegen war, tritt jetzt ein Mann in den Garten und schreitet auf die Stelle zu, welche sie jetzt einnimmt. Sein Gang ist hinkend, seine Gestalt verkrümmt, seine Proportionen verzerrt. Seine großen, eckigen Züge stehen in gespenstischen Kontrast mit seinen eingeschrumpften Wangen. Sein trockenes, verworrenes Haar ist von der Sonne zu einem sonderbaren Graubraun gebrannt. Sein Ausdruck ist der des auf einen Punkt gehefteten strengen, trüben Denkens. Während er leise auf Antoninen zuschreitet, murmelt er vor sich hin und greift mit seinen dürren, formlosen Fingern mechanisch nach seinen Gewändern. Der helle Mondschein, welcher sein Gesicht überströmt, bekleidet dasselbe mit einem leichenartigen, räthselhaften, gespenstischen Aussehen. Für einen Fremden, der ihn in diesem Moment erblickt hätte, würde er eine fast furchtbare Erscheinung gewesen sein.

Dies war der Mann, der Vetranio aus seinem Heimwege aufgefangen hatte und jetzt zurückgeeilt war, um seinen gewohnten Posten vor der Heimkehr seines Herrn wieder zu erreichen, denn er war das Individuum, welches Numerian bei seinem Gespräch mit dem Landmann vor der St. Peters Basilica als seinen alten Proselyten Ulpins erwähnt hatte.

Als Ulpius dem Mädchen bis aus einige Schritte genaht war, blieb er stehen, und sprach mit rauher, starker Stimme:

»Verstecke Dein Spielzeug, Numerian ist an der Thür.«

Antonina schrak bei diesen zurückstoßenden Tönen heftig zusammen, das Blut strömte in ihre Wangen, sie bedeckte hastig die Laute mit ihrem Gewande, blieb einen Augenblick stehen, als wolle sie mit dem Manne sprechen, schauderte dann und eilte dem Hause zu.

Als sie die Stufen hinauf stieg und in den Hausgang trat, begegnete ihr Numerian. Es war jetzt unmöglich geworden, die Laute an ihrem gewohnten Platze zu verbergen.«

»Du bleibst zu lange im Garten,« sagte der Vater, trotz aller seiner Strenge, mit einem stolzen Blicke auf seine neben ihm stehende schöne Tochter. »Was fehlt Dir aber,« fügte er, ihre Verwirrung bemerkend, hinzu. »Du zitterst, Deine Farbe kommt und verschwindet, Deine Lippen beben, gieb mir Deine Hand. Als ihm Antonina gehorchte, schlüpfte eine Falte des verrätherischen Gewandes bei Seite und ließ einen Theil des Kastens der Laute entdecken. Numerian’s scharfes Auge erkannte ihn augenblicklich. Er riß das Instrument aus ihren schwachen Händen. Sein Erstaunen beim Anblicke desselben war für Worte zu groß und er stand auf einen Augenblick dem armen Mädchen mit seinem blassen, schreckensstarren Gesicht in ominösem, ausdrucksvollem Schweigen gegenüber.

»Dieses Ding,« sagte er endlich, »diese Erfindung der Gottlosen in meinem Hause, im Besitz meiner Tochter!« und er schleuderte die Laute auf den Boden, daß sie in Stücke zersprang.

Einen Moment blickte Antonina ungläubig auf die Trümmer der geliebten Gefährtin, die der Mittelpunkt aller ihrer glücklichsten Erwartungen für künftige Tage war. Dann, als sie die Wirklichkeit ihres Verlustes zu ermessen begann, verloren ihre Augen ihren ganzen Himmelsglanz und füllten sich bis zum Ueberströmen mit den Thränen der Erde.

»Nach Deinem Gemach!« donnerte Nummerian, als sie mit convulsivischen Schluchzen bei den nutzlosen Trümmern niederkniete. »Auf Dein Gemach! Morgen soll dieses Geheimniß des Frevels an’s Licht kommen.«

Sie stand demüthig auf, um ihm Gehorsam zu leisten, denn die Entrüstung hatte an den Gefühlen, die dieses sanfte, liebevolle Wesen erschütterten, keinen Theil. Als sie sich nach dem Zimmer bewegte, welches von nun an keine Laute beherbergen, als sie an den morgenden Tag dachte, welchen keine Laute wieder erheitern sollte, wurde sie von ihrem Schmerz fast überwältigt. Sie wendete sich zurück und blickte ihren Vater flehendlich an, als bitte sie um Erlaubniß, auch nur das kleinste der Fragmente zu seinen Füßen aufzuheben.

»Auf Dein Gemach,« wiederholte er streng. »Soll ich mir in’s Gesicht ungehorsam finden?«

Sie entfernte sich augenblicklich, ohne ihre stumme Einwendung zu wiederholen. Sobald sie verschwunden war, stieg Ulpius die Stufen hinauf und stand vor dem zornigen Vater.

»Sieh, Ulpius,« rief Numerian, »meine Tochter, die ich so sorgfältig bewahrt, die ich zu einem Beispiel für die Welt zu machen beabsichtigte, hat mich so betrogen.«

Er deutete bei diesen Worten auf die Trümmer der zerschmetternden Laute, aber Ulpius richtete kein Wort der Entgegnung an ihn und er fuhr hastig fort:

»Ich will den feierlichen Gottesdienst der heutigen Nacht nicht durch eine Unterbrechung mit meinen weltlichen Angelegenheiten beflecken. Morgen werde ich mein ungehorsames Kind befragen. Stelle Dir bis dahin nicht vor, Ulpius, daß ich Dich in irgend einer Art mit dieser gottlosen, schändlichen Täuschung in Verbindung bringe! In Dich setze ich mein ganzes Vertrauen. Von Deiner Treue hoffe ich Alles!«

Von Neuem hielt er inne und wiederum verharrte Ulpius in Schweigen. Jeder weniger Bewegte, weniger Vertrauensvolle, wie sein verdachtsloser Herr, würde bemerkt haben, daß auf seinem hagern Gesicht ein schwaches, düsteres Lächeln ausbrach. Numerian’s Entrüstung war aber noch zu heftig, um ihm eine Beobachtung zu gestatten, und trotz seinem Versuche, sich zu beherrschen, brach er in neue Klagen aus.

»In dieser Nacht vor allen andern dazu!« rief er, »wo ich gehofft hatte, sie in meine kleine Versammlung von Gläubigen zu führen, um an ihren Gebeten Theil zu nehmen und meinen Ermahnungen zu lauschen —— in dieser Nacht bin ich bestimmt, zu finden, daß sie auf einer heidnischen Laute spielt, eine Besitzerin der üppigsten aller Eitelkeiten der Welt ist! Gott verleihe mir den Muth, ihn diese Nacht mit fest auf ihn gerichteten Gedanken anzubeten, denn mein Herz ist von der Uebertretung meines Kindes erzürnt, wie in alter Zeit das Herz Elis von den Freveln feiner Söhne.«

Er entfernte sich schnell, blieb aber, wie von einer plötzlichen Erinnerung ergriffen, stehen und sprach zu seinem düsteren Gefährten weiter:

»Ich werde diese Nacht allein in die Kapelle gehen. Du, Ulpins, bleibe, um mein ungehorsames Kind zu hüten. Sei wachsam über mein Haus, mein lieber Freund, denn eben jetzt bei meiner Rückkehr war es mir, als ob zwei Fremde meinen Schritten folgten und ich ahne, daß mir zur Züchtigung für meine Sünden noch größeres Uebel bevorsteht, als dieses Unglück der Uebertretung meiner Tochter. Sei wachsam, guter Ulpius, sei wachsam!«

Und als der strenge, ernste Mann hinweg eilte, war er von der seinem düsteren Fanatismus zu Theil gewordenen Kränkung eben so überwältigt, wie das schwache, schüchterne Mädchen von der Vernichtung ihrer harmlosen Laute.

Nach der Entfernung Numerian’s trat das düstere Lächeln wieder auf Ulpius Gesicht. Er stand eine Zeitlang nachdenkend da und begann darauf langsam eine in einige unterirdische Gemächer führende Treppe in seiner Nähe hinabzusteigen. Er war noch nicht weit gekommen, als ein leises Geräusch am Ende des Ganges über ihm hörbar wurde. Als er lauschte, ob sich der Ton wiederholen würde, hörte er ein Schluchzen und entdeckte, als er vorsichtig emporblickte, im Mondschein Antoninen, die schüchtern auf den Marmorfließen des Ganges dahinschritt.

Iu ihrer Hand hielt sie eine kleine Lampe, ihre rosigen Füße waren nackt, ihre Thränen strömten immer noch über ihre Wangen hinab. Sie schritt mit der größten Vorsicht, als fürchte sie, gehört zu werden, vorwärts, bis sie die Stelle erreicht hatte, welche noch mit den Trümmern der zerbrochenen Laute bedeckt war. Hier kniete sie nieder und drückte jedes vor ihr liegende Bruchstück einzeln an ihre Lippen. Dann verbarg sie hastig ein einzelnes Stückchen an ihrer Brust, erhob sich und stahl sich schnell in der Richtung, aus welcher sie gekommen war, wieder hinweg.

»Geduld bis zur Dämmerung,« flüsterte ihr treuloser Hüter, während er ihr aus seinem Verstecke nachblickte, bis sie verschwunden war; »sie wird Deiner Laute einen Wiederhersteller und Ulpins einen Verbündeten bringen.«



Kapitel IV.
Eine Lehrzeit im Tempel.

Die Handlungen unserer Personen während der Nacht, welche zu den letzten beiden Kapiteln Anlaß gab, sind jetzt zu einer Pause gelangt. Vetranio erwartet seine Gäste zum Banket, Numerian befindet sich in der Kapelle, um sich zu der Predigt, welche er an seine Freunde zu halten gedenkt, vorzubereiten, Ulpius hängt im Hause seines Herrn seinen Gedanken nach und Antonina liegt auf ihrem Bette und liebkost das kostbare Bruchstück, welches sie von den Trümmern ihrer Laute gerettet hat. Alle Hauptpersonen unserer Geschichte sind also für den Augenblick in Ruhe.

Es ist unsere Absicht. diesen Zwischenraum der Unthätigkeit zu benutzen und die Aufmerksamkeit des Lesers auf ein anderes Land als das, welches wir für den Ort unserer Erzählung gewählt haben und auf frühere historische Ereignisse zu lenken, die mit dem Leben des treulosen Proselyten Numerian verwoben sind.

Der Mann wird, wie uninteressant er auch bisher erschienen sein mag, im Verlauf unserer Geschichte eine wichtige Stellung einnehmen, und es ist für das Verständniß seines Charakters und die Erforschung seiner bereits angedeuteten und noch künftig zum Vorschein kommenden Absichten nöthig, daß sein Lebenslauf bis zu seinem Ursprunge verfolgt wird.

Es war unter der Regierung Julian’s, als die Götter der Heiden ihren letzten Sieg über das Evangelium der Christen feierten, als ein anständig gekleideter Mann, der einen hübschen fünfzehnjährigen Knaben an der Hand führte, in das Thor von Alexandria trat und sich hastig nach der Wohnung des Hohenpriesters in den Tempel des Serapis begab.

Nachdem sich der Mann einige Stunden lang an seinem Bestimmungsorte aufgehalten hatte, verließ er die Stadt allein, eben so eilig wie er in dieselbe gekommen war und wurde nie wieder in Alexandria gesehen. Der Knabe blieb bis zum folgenden Tage in der Wohnung des Hohenpriesters und wurde dann feierlich dem Tempeldienste geweiht.

Dieser Knabe war der junge Emilius, später Ulpius. Er war der Neffe des Hohenpriesters, dem ihn sein Vater, ein Kaufmann aus Rom, anvertraut hatte.

Der Ehrgeiz war die herrschende Leidenschaft des Vaters unsers Emilius, er hatte ihn angetrieben, nach jeder Auszeichnung zu streben, die der Staat dem Glücklichen gewährt, ihn aber nicht mit den Fähigkeiten begabt, welche nöthig gewesen wären, um seine Bestrebungen mit Erfolg zu krönen. Er blieb lebenslänglich in seinen Hoffnungen getäuscht, machte fortwährend Pläne, die nie zur Ausführung gelangten, sah seinen glücklichern Bruder zu den höchsten Stellen des Priesterthums aufsteigen, fand sich aber unwiderruflich zu der wohlhabenden Dunkelheit verurtheilt, welche ihm seine merkantilischen Geschäfte zu Theil werden ließen.

Als sein Bruder Macrinus bei Julian’s Thronbesteigung den höchsten Gipfel der Macht und Berühmtheit als Hoherpriester des Serapistempels erstieg, verlor der Kaufmann alle Hoffnung es seinem Verwandten im Streben nach Auszeichnungen gleich zu thun. Sein unersättlicher Ehrgeiz lenkte sich jetzt von seiner eigenen Person ab und ging auf die Bestrebungen für einen seiner Söhne über. Er beschloß, daß es wenigstens dem Kinde da gelingen solle, wo es ihm mißglückt war. Jetzt, wo sein Bruder die höchste Tempelstelle erlangt hatte, konnte einem Mitgliede seines Hauses kein Beruf direktere Vortheile bieten, als der des Priesterthums. Alle Mitglieder seiner Familie waren von jeher strenge Heiden gewesen. Der Eine von ihnen hatte bereits die ausgezeichnetsten Ehrenstellen seiner prunkvollen Religion erlangt. Er beschloß, daß ein zweites es seinem Verwandten gleich thun und dieses zweite sein ältester Sohn sein solle.

In diesem Entschlusse fest, weihte er sein Kind sofort dem großen Plane, welchen er jetzt beständig im Auge behielt. Er wußte recht gut, daß das Heidenthum zwar neu belebt, aber doch nicht mehr die frühere allgemeine Religion war, daß es jetzt geheimen Widerstand fand und ihm bald von den verfolgten Christen im ganzen Reiche offene Widersetzlichkeit zu Theil werden könne. Wenn daher die jüngere Generation dasselbe mit Erfolg vor allen künftigen Eingriffen bewahren und sicher zu seinen höchsten Ehren steigen wolle, müsse dann mehr von ihnen gefordert werden, als die ruhige Anhänglichkeit an die alte Religion, welche von den Gläubigen früherer Tage gefordert wurde. Damals vertrug sich die Ausübung der wichtigsten Aemter der Priesterschaft mit dem Besitz militärischen oder politischen Ranges. Jetzt aber sollten die künftigen Diener der Götter dem Tempel und nur dem Tempel geweiht werden. Diesem Entschlusse zufolge trug der Vater dafür Sorge, daß steh alle Beschäftigungen und Belohnungen des Sohnes von dessen frühesten Jahren an aus die eine oder andere Art mit der Laufbahn, für welche er bestimmt war, verbanden. Seine kindischen Freuden wurden auf Opfer und Augurien gerichtet, seine kindischen Spielsachen waren Götterbilder. Der Knabe leistete diesem Erziehungsplane keinen Widerstand. Weit verschieden von seinem jüngern Bruder, dessen unruhiger Charakter aller Herrschaft Trotz bot, war er von Natur gelehrig und seine über seine Jahre hinaus lebhafte Einbildungskraft ließ sich leicht durch ihr gebotene merkwürdige Gegenstände fesseln. So aufgemuntert, wurde sein Vater völlig von der Beschäftigung in Anspruch genommen, ihn ganz für seine künftige Existenz zu formen. Der Einfluß seiner Mutter auf ihn wurde eifersüchtig beobachtet, der geheime Ausdruck ihrer Liebe, ihres Kummers über die Aussicht auf die Trennung von ihm unbarmherzig unterdrückt, sobald er entdeckt ward, und sein jüngerer Bruder vernachlässigt, ja fast vergessen, um dem ältesten Sohne die väterliche Wachsamkeit gänzlich und unablässig weihen zu können.

Als Emilius fünfzehn Jahre alt geworden war, sah sein Vater mit Freuden, daß die Zeit gekommen sei, wo er den Beginn zur Verwirklichung aller seiner Pläne vor sich sehen könne. Der Knabe wurde vom Hause entfernt, nach Alexandria gebracht und von seinem stolzen, triumphierenden Vater freudig unter der besonderen Obhut des Hohenpriesters Macrinus gelassen.

Der Tempelvorsteher dachte in Bezug auf die Pläne mit dem jungen Emilius, ganz eben so wie sein Bruder. Sobald der Knabe seine neuen Beschäftigungen begonnen hatte, wurde ihm gesagt, daß er Alles, was er in Rom zurückgelassen, vergessen, daß er den Hohenpriester als seinen Vater und den Tempel fortan als seine Heimath betrachten und der einzige Zweck seiner jetzigen Bemühungen und seines künftigen Ehrgeizes der sein müsse, im Dienste der Götter zu steigen.

Hiermit begnügte sich Macrinus aber noch nicht. Er war eifrig darauf bedacht, bei seinem Schüler Vaterstelle zu vertreten, und sich seine Anhänglichkeit dadurch zu sichern, daß er ihn auf jede mögliche Weise von der Welt abzog, in welcher er bisher gelebt hatte, und so veränderte er sogar dessen Namen, legte ihm eine von seinen eigenen Benennungen bei, und bezeichnete dies als ein Vorrecht, um ihn zu ferneren Anstrengungen aufzumuntern. Aus dem Knaben Emilius wurde er jetzt für immer in den Zögling Ulpius umgewandelt.

Bei einer natürlichen Neigung, wie die bereits beschriebene, und unter einer Obhut wie die des Hohenpriesters, war kaum zu fürchten, daß Ulpius die ungewöhnlichen Erwartungen, welche man. sich von ihm gemacht hatte, täuschen werde. Seine Aufmerksamkeit für seine neuen Pflichten erschlaffte nie; sein Gehorsam gegen seine neuen Herren kam nie zum Schwanken. Alles, was auch Macrinus von ihm verlangen mochte, führte er zuverlässig aus. Welche Sehnsucht er auch fühlen mochte, nach Hause zurückzukehren, so ließ er sie doch nie blicken, er suchte nie die seinem Alter natürlichen Neigungen zu befriedigen. Der Oberpriester und seine Collegen waren über die außerordentliche Bereitwilligkeit, womit der Knabe selbst die Absichten, welche sie in Bezug auf ihn hatten, befördern, erstaunt. Wenn sie gewußt hätten, wie mühsam er im Hause seines Vaters auf seine künftigen Beschäftigungen vorbereitet worden war, so würden sie von der ungewöhnlichen Gelehrigkeit ihres Schülers weniger überrascht gewesen sein. Bei der Erziehung, welche er genossen hatte, hätte es mehr als menschlicher Verkehrtheit bedurft, um Widerstand gegen die Wünsche seines Oheims zu entwickeln. Er hatte keine Kindheit, weder in Bezug auf das Denken, noch auf das Handeln, gehabt. Seine natürliche Frühreife war als die Maschine benutzt worden, durch welche man seine Fähigkeiten zu einer gefahrvollen und unheilsamen Reife getrieben hatte, und als seine neuen Pflichten seine Aufmerksamkeit verlangten, begann er dieselben mit derselben enthusiastischen Aufrichtigkeit, welche seine jungen Altersgenossen für ein neues Spiel bewiesen hab würden. Seine allmälige Einweihung in die Geheimnisse seiner Religion erzeugte in seinem Geiste ein seltsames wollüstiges Gefühl der Furcht und Theilnahme. Er hörte die Orakel und bebte, er wohnte den Opfern und Augurien bei und erstaunte. Die ganze Poesie des kühnen, schönen Irrglaubens, welchem er geweiht wurde, floß unwiderstehlich in sein junges Herz, nahm seine frische Phantasie völlig in Anspruch und führte ihn unablässig aus dem Leben und der Wirklichkeit. der äußern Welt in die Schattenregionen der Begeisterung und des Gedankens.

Ulpius ließ seine Aufmerksamkeit jedoch nicht gänzlich von seinen Pflichten absorbieren; der Jüngling hatte so gut seine eigenthümlichen Freuden, wie seine eigenthümlichen Beschäftigungen. Wenn sein Diensi für den Tag vorüber war, so, gewährte es ihm einen seltsamen überirdischen Genuß, leise in dem Schatten der Säulenhallen des Tempels umherzuwandeln, von seiner geheimnißvollen Höhe auf die volkreiche, sonnenhelle Stadt zu seinen Füßen hinabzublicken, die glänzende Wasserfläche des Nils freudig im blendenden, alles belebenden Lichte blitzen zu sehen, seine Augen von den Feldern und Wäldern, Palästen und Gärten, die sich unter ihm ausstreckten, zu dem schönen, wolkenlosen Himmel zu erheben, der ihn in ferner Höhe umgab, um alle Freude und liebevolle Empfindung zu erwecken, die sein nur selten ununterbrochener Verkehr mit seiner Mutter seinem Herzen eingepflanzt und seine neuen Pflichten ihm gelassen hatten. Dann, wenn das Licht des Tages zu verbleichen begann und der Mond und die Sterne bereits an ihren Orten am Himmel zu strahlen anfingen, begab er sich in die unterirdischen Gewölbe des Gebäudes, bebte, wenn seine kleine Kerze kaum die dumpfe, feierliche Dunkelheit verscheuchte und lauschte mit athemloser Aufmerksamkeit nach den Stimmen der Schutzgeister, deren fabelhafte Wohnung sich in den Räumen des heiligen Gebäudes befand. Oder wenn sich die Menge zu ihren Vergnügungen und Wohnungen entfernt hatte, stahl er sich wohl auch in die hohen Tempelhallen, wanderte um die Piedestale der mächtigen Statuen, athmete furchtergriffen die stille Atmosphäre des Tempels und beobachtete das Vorüberstreifen der kalten, traurigen Mondstrahlen, die durch die Oeffnungen im Dache auf die kolossalen Glieder und Züge der heidnischen Götterbilder fielen. Zuweilen, wenn der Dienst des Serapis und die sich auf seine Mittheilungen an den Kaiser beziehenden Sorgen zu Ende waren, führte Macrinus seinen Schüler in den Garten der Priester und lobte seine Gelehrigkeit, daß ihm das Herz vor Dankbarkeit und Stolz klopfte. Mitunter geleitete er ihn vorsichtig aus dem Gebiete des geweihten Gebäudes und zeigte ihm in den Vorstädten stumme, bleiche, traurige Männer, die verdächtig durch die belebten menschenvollen Straßen schlichen. Diese waren, wie er ihm erklärte, die Feinde des Tempels und alles darin Enthaltenen, Verschwörer gegen den Kaiser und die Götter, Bösewichter, die als Auswürflinge der Menschheit vertrieben werden müßten, sie nennten sich Christen, deren gottlose Religion, wenn man sie duldete, ihn des Oheims, welchen er liebte, des Tempels, welchen er verehrte, und der priesterlichen Würde und Berühmheit, welche zu erlangen der Ehrgeiz seines Lebens sein müsse, berauben würden.

So von seinem Lehrer in seinen Pflichten und von sich selbst in seinen Erholungen gelenkt, verlor der Knabe mit der Zeit allmälig jede ihm noch gebliebene Eigenschaft seines Alters. Selbst die Erinnerung an seine Mutter und die Liebe derselben schwächte sich in seinem Gedächtniß. Ernst, einsam, nachdenklich, lebte er nur für den Erfolg im Tempel, mühte er sich nur dem Oberpriester nachzueifern. Alle seine Gefühle und Fähigkeiten wurden jetzt in die Banden eines Ehrgeizes geschlagen, der sowohl für sein gegenwärtiges Alter unnatürlich, wie für sein künftiges Leben eine Vorbedeutung von Leiden war. Der Plan, welchen Macrinus, als das Werk von Jahren, im Auge gehabt, erfüllte sich in wenigen Monaten, die Hoffnung, welche sein Vater kaum für sein Mannesalter zu hegen gewagt hatte, kam schon in seiner Jugend zur Reife.

Unter diesen Vorbereitungen auf künftigen Erfolg vergingen drei Jahre von Ulpius Leben. Nach Ablauf dieser Periode verdunkelte der Tod Julian’s die glänzenden Aussichten der heidnischen Welt. Die Priester des Serapis hatten sich kaum von dem ersten Erstaunen und Schmerze über die schlimme Nachricht von der Erledigung des Kaiserthrones erholt, als das von dem neuen Kaiser Jovian erlassene Toleranzedict nach Alexandria gelangte und an den Mauern des Tempels angeschlagen wurde.

Der erste Anblick dieser Proklamation, durch welche die Christen freie Religionsübung erlangten, erregte in dem hochgespannten Geiste des Ulpius den heftigsten Zorn. Der fortwährend auf seine Religion gelenkte Enthusiasmus seines Charakters und Alters nahm die Form des wildesten Fanatismus an, als er die leichtsinnige Verletzung der Oberherrlichkeit des Tempels durch den Kaiser entdeckte. Er erbot sich in dem ersten Augenblicke seines Grimms das Edict von den Mauern zu reißen, einen Angriff auf die Versammlungen der triumphierenden Christen anzuführen oder nach dem Wohnsitze des Kaisers zu reisen und Jovian zu ermahnen, seine gefahrvolle Handlung der Nachsicht zu widerrufen, ehe es zu spät sei. Nur mit Schwierigkeit gelang es seinen vorsichtigen Genossen, ihn von der Ausführung seiner gewalthätigen Pläne abzubringen. Zwei Tage lang hielt er sich von seinen Genossen fern und brütete einsam über die seinem geliebten Glauben angethane Schmach und der voraussichtlichen Vermehrung des Einflusses der Christensekte.

Aber die Verzweiflung des jungen Enthusiasten sollte noch weiter durch ein Privatunglück vermehrt werden, welches in seiner Ursache eben so räthselhaft wie sie in seinen Wirkungen überwältigend war. Zwei Tage nach der Publikation des Edicts starb plötzlich der Hohepriester Macrinuis in der vollsten Kraft des Mannesalters.

Die Erzählung der Verwirrung und des Schreckens in und außer dem Tempel bei der Entdeckung dieses unglückseligen Ereignisses, die Beschreibung der Verwünschungen und Tumulte der Priester und des Pöbe1s, die sofort die begünstigten und ehrgeizigen Christen in Verdacht, nahmen, durch Gift den Tod ihres geistlichen Regenten verursacht zu haben, könnte als Geschichte der Sitten jener Zeit interessant sein, gehört aber nicht zu dem Gegenstande dieses Kapitels. Wir ziehen es vor, die Wirkung zu verfolgen, welche dieser persönliche und Privatverlust, diese ihm unersetzliche Beraubung des Lehrers, welchen er liebte, und des Vormundes, den zu verehren sein Vorrecht war, auf den Geist des Ulpius hervorbrachte.

Eine mehrere Monate anhaltende Krankheit, während welcher besonders in der letzten Zeit seine Pfleger für sein Leben und seine Vernunft zitterten, bewies zur Genüge die Aufrichtigkeit von Ulpius Kummer über den Verlust seines Beschützers.

Während seines deliriösen Paroxysmus zogen die um sein Bett wachenden Priester aus seinen Phantasien viele weise Schlüsse in Bezug auf die Wirkungen, welche diese Krankheit und ihre Ursachen auf seinen künftigen Charakter hervorbringen würden, trotz ihres ganzen Scharfsinns waren sie aber noch weit entfernt, auch nur zu einem Zehntel die Umwälzung zu ermessen, welche dieser Verlust in seinem Geiste bewirkt hatte. Der Knabe wußte bis zum Augenblicke des Todes des Hohenpriesiers selbst nicht, wie tief seine Ergebenheit gegen seinen zweiten Vater ging. So sehr die liebevollen Gefühle, die die Haupttriebfeder seiner Natur bildeten auch von seinem Vater irre geleitet worden waren, hatten dieselben doch nicht gänzlich vernichtet werden können und sie hingen sich an jedes freundliche Wort, jede milde Handlung des Hohenpriesters als Nahrung fest, die ihnen seit seiner Jugend nur kärglich zu Theil geworden war. Moralisch und intellectuell war Macrinus für ihn der Leuchtthurm gewesen, welcher, ihm die Richtung seines Courses angedeutet, der Richter, der sein Benehmen geregelt, die Muse, zu der er aufgeblickt hatte, um sich zu begeistern. Und jetzt, wo dieses Glied, welches jede Verzweigung seiner liebsten und herrschenden Ideen verbunden hatte, plötzlich gerissen war, sank auf seinen Geist eine Oede nieder, die sowohl dessen Elasticität lähmte, wie seine Frische zum Verwelken brachte. Er blickte zurück und sah nichts als ein Familienhaus, von dessen Freuden und Neigungen ihn der Ehrgeiz seines Vaters für immer verbannt hatte. Er blickte vorwärts, und wenn er bedachte, wie ungeeignet er durch Charakter wie durch Erziehung war, sich unter die Welt zu mischen, wie es Andere thaten, so sah er keinen Leitstern des socialen Glücks vor Augen, der seine künftige Existenz hätte regeln können. Er hatte jetzt weiter keine Aussicht mehr, als sich gänzlich dem Berufe hinzugeben, welcher ihm seine Heimath fremd gemacht hatte, welcher durch seinen Zusammenhang mit dem verlorenen Gegenstande seiner Liebe geheiligt wurde und ihm das einzige Glück und die einzige Auszeichnung verleihen würde, worauf er für, sein künftiges Leben in der weiten Welt hoffen konnte.

Außer diesem Beweggrund zur eifrigen Arbeit in seinem Berufe war in Ulpius Geiste noch ein tiefes, festgewurzeltes Gefühl vorhanden, welches ihn mit nie verlöschender Gluth für die Fortsetzung seiner geliebten Beschäftigungen beseelte. Dieses leitende Princip war der Abscheu gegen die Christensekte. Der Verdacht, welchen Andere über den Tod des Hohenpriesters gehegt hatten, war für seinen Geist eine Gewißheit. Er verwarf jede Idee, welche im Widerspruche mit seiner entschlossenen Ueberzeugung stand, daß die Eifersucht der Christen ihnen den Giftmord des mächtigsten und eifrigsten aller heidnischen Priester eingegeben habe. Unablässige Arbeit, bis er den Einfluß und die Stellung erlangt haben würde, deren sich früher sein Verwandter erfreut hatte, und die Benutzung dieses Einflusses und dieser Stellung, wenn er sie einmal erlangt haben würde, als Mittel, um Macrinus, durch Vertilgung aller Spuren des Christenglaubens vom Angesichte der Erde, zu rächen, dies waren jetzt die festen Vorsätze seines Herzens.

Durch seinen Entschluß mit der überlegten Weisheit begabt, welche bei den meisten Menschen nur das Resultat jahrelanger Erfahrungen ist, verwendete er die ersten Tagen seiner Genesung darauf, seine Zukunftspläne vorsichtig zur Reife zu bringen und seine Hoffnungen auf Erfolg unparteiisch zu erwägen.

Sobald diese Selbsterforschung beendigt war, weihte er sich sofort und für immer dem großen Plane seines Lebens, nichts ermüdete, nichts entmuthigte, nichts war für ihn ein Hinderniß. Die äußern Ereignisse gingen unbeachtet an ihm vorüber, die Betrübnisse und Triumphe der Stadt sprachen nicht mehr zu seinem Herzen. Ein Jahr folgte dem andern, aber die Zeit besaß keine Zunge für ihn. Das Heidenthum sank allmälig und eben so unmerklich erhob sich das Christenthum aber die Veränderung breitete vor seinen Angen kein Bild aus.

Die ganze äußere Welt war für ihn eine Leere, bis der Augenblick erschien, welcher seine Pläne mit Erfolg gekrönt sah. Seine Vorbereitungen auf die Zukunft absorbierten jede Fähigkeit seiner Seele und machten aus ihm, was die Gegenwart betraf, einen bloßen Automaten, der durch kein Ereigniß belebt wurde, eine Maschine, welche sich bewegte, ohne wahrzunehmen —— einen handelnden Körper ohne denkenden Geist.

Wenn wir auf einen Augenblick in die äußere Welt zurückkehren, so finden wir, daß beim Tode Jovians im Jahre 364 der neue Kaiser Valentinian das von seinem Vorgänger angenommene System der Duldung weiter führte. Als er im Jahre 375 starb, überschritt Gratian, sein Nachfolger auf dem Kaiserthrone, das ihm von seinen beiden Vorgängern gegebene Beispiel so, daß er sich kühn auf die Seite der Anhänger des neuen Glaubens stellte. Damit noch nicht zufrieden, durch Lehre und Beispiel das Zunehmen des Christenthums zu befördern, bewies der Kaiser seinen Eifer für die aufsteigende Religion noch weiter dadurch, daß er den schnell abnehmenden Vertretern der alten Religion unablässige Verfolgungen zu Theil werden ließ und durch diese Thaten seine Regierung seinem Nachfolger Theodosius dem Großen als Vorläufer in der religiösen Revolution, welche dieser berühmte Gegner des Heidenthums zu bewirken bestimmt war, diente.

Beim Tode Gratians im Jahr 383 war Ulpius einer von den Oberpriestern des Tempels und zum nächsten Erben des wichtigen Amtes, welches einst der mächtige, thätige Macrinus bekleidet hatte, bestimmt. So der Auszeichnung, für welche er gearbeitet hatte, versichert, fand endlich der aufstrebende Priester Muße, auf die Angelegenheiten des Tages zu blicken. Nach allen Seiten hin überdeckte ödes Dunkel seine Aussicht. Schon waren in vielen Provinzen des Reiches die Tempel der Götter durch den Zerstörungseifer der triumphierenden Christen niedergerissen worden. Schon hatten Tausende des entsetzten Volkes aus Furcht, daß das Schicksal ihrer Götzen endlich auch das ihre werden könne, von ihren verjagten Priestern verlassen und von den unerbittlichen Feinden des alten Glaubens umgeben, ihrer Religion entsagt, um ihr Leben und Eigenthum zu retten. Auf dem weiten Felde des heidnischen Ruins erhob sich jetzt nur noch ein völlig unverletztes Gebäude. Noch immer streckte der Tempel des Serapis unerschüttert, ungebeugt, unbefleckt sein Haupt empor. Hier waren noch die Opfer im Gange und das Volk beugte sich immer noch anbetend. Vor diesem Denkmale der religiösen Herrlichkeit von Jahrhunderten schreckte selbst die aufsteigende Macht der christlichen Herrschaft zurück. Wiewohl sich die Reihen seiner einst zahlreichen Gemeinde jetzt merklich verdünnt hatten, wiewohl die neuen Kirchen von Bekehrten wimmelten, wiewohl die römischen Edikte es einen Schandflecken auf dem Antlitze der Erde nannten, behauptete es doch seine düsterer, einsame Größe. Kein ungeweihter Fuß betrat seine geheimen Gemächer, keine zerstörende Hand erhob sich noch gegen seine alten herrlichen Mauern.

Entrüstung, aber nicht Niedergeschlagenheit erfüllte Ulpius Herz, als er die Lage der heidnischen Welt betrachtete. Eine gleich dieser durch jahrelange Reflexionen genährte und durch unablässige Ueberlegung gereifte Entschlossenheit steht über allen Stößen, die einen hastig gefaßten Vorsatz berühren oder eine schwankende Absicht vernichten. Vom Mißlingen unberührt, wird sie durch Unfälle zur Thatigkeit getrieben, aber nie zur Ruhe herabgedrückt. Ihre Existenz ist die Luft, welche das Leben des Geistes bewahrt —— die Triebfeder, welche den Gang der Gedanken anregt. Ulpius schwankte weder einen Augenblick in der Hingebung an seinen großen Plan, noch verzweifelte er an dessen endlicher erfolgreicher Ausführung., Obgleich jeder neue Tag die Nachricht neuer Unglücksfälle für die Heiden und neuer Triumphe für die Christen brachte, so beharrte er doch mit einigen von seinen religionseifrigeren Genossen immer noch in der Hoffnung auf das Kommen eines zweiten Julian und eines Wiederherstellungstages für die zerstörten Heiligthümer der Gottheiten, welchen er diente. So lange der Tempel des Serapis noch unverletzt dastand, um seinen Bemühungen Aufmunterung und seinen verfolgten Brüdern eine Zuflucht zu gewähren, existierte für ihn noch ein Beweis des Erfolges, welcher ihn zu jeder Anstrengung spornte und gegen jede Gefahr stählte.

Und jetzt sprang zum Erstaunen der Priester und Gemeinden der schweigsame, nachdenklich einsame Ulpius plötzlich aus seiner langen Ruhe auf und wurde zum feurigen Vertreter der Rechte seiner unterdrückten Religion. Nach wenigen Tagen verbreitete sich der Ruhm seiner Reden an die Heiden, welche noch dem Serapis-Dienste beiwohnten, durch die ganze Stadt. Die kühnsten Christen zitterten, wenn sie an den Tempelmauern vorüberkamen, unwillkürlich bei dem mächtigen Applaus, der sich unter den Zuhörern des begeisterten Priesters erhob. An jedes Alter und jeden Charakter gerichtet, erweckten diese Reden ein Echo in jeder Brust, welche sie erreichten. Für die Jugend waren sie in alle Poesie der Religion, für welche sie sprachen, gekleidet. Sie redeten von den Altären der Venus, die die Christen verwüsten wollten, von den Hainen, die die Christen ihrer Dryaden zu berauben gedachten, von den heiligen Künsten, die die Christen vernichten würden. Den Alten riefen sie Erinnerungen an die Herrlichkeit vergangener Zeiten zurück, welche durch die Gunst der Götter herbeigeführt worden war, an Verfahren, die in deren Dienste gestorben, an alte, vergessene Liebe und Freuden rund Erfolge, die unter der milden Obhut der alten Gottheiten gewachsen und gediehen waren, während der unabänderliche Schluß derselben in der stets wiederholten Behauptung bestand, daß der große Macrinus als Opfer der Toleranz der Christensekte gestorben sei.

Die Anstrengungen des Ulpins beschränkten sich aber nicht bloß auf das Halten von Reden. Jeder freie Augenblick wurde zu geheimen Wanderungen nach dem Innern von Alexandria verwendet. Gleichgültig gegen Gefahr, achtlos gegen Drohungen drang der unerschrockene Enthusiast in die geheimsten Versammlungsplätze der Christen, führte auf allen Seiten Abtrünnige wieder dem heidnischen Glauben zu und bot der Feindseligkeit der halben Stadt hinter den festen Tempelmauern Trotz. Tag um Tag kamen neue Rekruten, um die Reihen der Verehrer des Serapis zu verstärken; die wenigen Mitglieder der zerstreuten Provinzialgemeinden, welche noch der alten Religion treu geblieben waren, wurden von den Geheimboten des unermüdlichen Ulpins in Alexandria versammelt. Schon begannen zwischen den Heiden und Christen Tumulte auszubrechen und die Priester des Serapis hielten sich bereit, dem neuen Kaiser eine Protestation für die alte Gottesverehrung des Landes zugehen zu lassen; es schien in diesem Augenblicke möglich, daß die heldenmüthigen Versuche eines Einzigen das Religionsgebäude zu stützen, dessen Grundlagen überall untergraben waren und dessen Mauern von Tausenden angegriffen wurden, endlich doch mit Erfolg gekrönt werden würden.

Aber das Rad der Zeit rollte weiter und die unerbittliche Veränderung trat die kleinen Schutzwehren nieder, welche der menschliche Widerstand gegen sie errichtet hatte und baute, statt ihrer triumphierend, ihre seltsamen vorübergehenden Structuren auf. Umsonst strengte der hingebende Priester alle seine Kräfte an, um seine zerstreute Schaar zu verstärken und zum gemeinschaftlichen Handeln zu bringen, umsonst entwickelte der mächtige Tempel seine alte Majestät, seine prächtigen Opfer, seine geheimnißvollen Augurien. Der Geist des Christenthrims war zum Triumph auf Erden ausgezogen, die letzten Schicksale des Heidenthums erfüllten sich schnell. Es vergingen noch ein Paar Jahre nutzlosen Widerstandes und dann erließ der Erzbischof von Alexandria ein Dekret, daß der Serapistempel zerstört werden solle.

Beim Gerüchte von dem Entschluß ihres Primaten kamen die christlichen Fanatiker schaarenweise aus allen Winkeln Egyptens und eilten nach Alexandria, um dem Zerstörungswerke beizuwohnen. Aus den dürren Einöden der Wüste, aus ihren Felsenklöstern und Erdhölllen flogen jubelnde Mönchsschaaren den Stadtthoren zu und schlossen sich in ungeduldiger Erwartung des Angriffs den Soldaten und Bürgern an. Mit dem Anbruch des Morgens hatten sich die Zerstörer zusammengefunden, und als die Sonne über Alexandria ausging, erschienen sie vor den Mauern des Tempels.

Die Thore des herrlichen Gebäudes waren verrammelt, auf den Mauern drängten sich ihre heidnischen Vertheidiger. Ein todtes, geheimnißvolles Schweigen herrschte in dem ganzen Gebäude und von allen den Menschen, mit welchen es angefüllt war, verließ nur Einer seinen Standort, wanderte nur Einer unablässig von einem Punkte zum andern, wo immer das Gebäude mit einem Angriff bedroht sein mochte. Diejenigen Belagerer, welche sich dem Tempel am nächsten befanden, sahen in diesem Schutzgeiste der Vorbereitungen zur Vertheidigung den Gegenstand ihres erbittertsten Hasses und ihrer unbezwingbarsten Furcht —— Ulpius, den Priester.

Sobald der Erzbischof das Zeichen zum Sturme gab, zog eine Schaar von Mönchen, deren rauhe, mißtönige Stimmen Psalmfragmente kreischten, deren zerfetzte Gewänder im Winde flatterten, deren cadaveröse Gesichter in wilder Freude leuchteten, —— voran, legte die ersten Leitern an die Mauern und begann den Angriff. Auf allen Seiten wurde der Tempel von den wüthenden Angreifern bestürmt und auf allen Seiten wurde er von den entschlossenen Angegriffenen erfolgreich vertheidigt. Ein Stoß nach dem anderen folgte gegen die massiven Thore, ohne sie zum Weichen zu bringen, ein Wurfgeschoß nach dem andern wurde gegen das Gebäude geschleudert, seine feste Oberfläche aber nicht im Mindesten verletzt. Eine Menge von Menschen erkletterte die Mauern, gelangte in die äußern Säulengänge und schlachtete deren heidnische Vertheidiger hin, wurde aber ihrerseits augenblicklich zurückgetrieben, ehe sie ihren Vortheil benutzen konnte. unzählige Male schienen die Angreifenden auf dem Punkte zu stehen, den Tempel erfolgreich zu stürmen, aber Ulpins Gestalt, die stets im kritischen Augenblicke unter seinen niedergeschlagenen Anhängern erschien, vernichtete dem Schicksale gleich den Erfolg der kühnsten Anstrengungen und wichtigsten Triumphe. Wo Gefahr und Blutvergießen, wo Verzweiflung herrschte, eilte der unerschütterliche Priester herbei, begeisterte die Kühnen, leistete den Verwundeten Hilfe, ermuthigte die Schwachen von Neuem. Durch keine Kriegslist geblendet, von keiner Anstrengung ermüdet, lag fast etwas Dämonisches in seiner vernichtenden Thätigkeit, in seiner Entschlossenheit bei der Niederlage. Die Belagerer erkannten seinen Weg um den Tempel an den Unfällen, welche ihnen bei jedem Schritte zustießen. Wenn die Leichen erschlagener Christen von den Mauern auf sie herabgeworfen wurden, so fühlten sie, daß Ulpius da war. Wenn die tapfersten Streiter zauderten, die Leiter zu besteigen, so wußte man, daß Ulpius oben die Niederlage ihrer Kameraden leitete. Wenn ein Ausfall der Tempelbesatzung die Vorhut bis zu den Reservemannschaften im Rücken zurücktrieb, wurde zu ihrer Entschuldigung eingewendet, daß Ulpius an der Spitze seiner heidnischen Schaaren kämpfe. Immer neue Mengen von christlichen Kriegern drangen zum Angriffe herbei, wiewohl aber die Reihen der Ungläubigen merklich gelichtet wurden, wiewohl die vertheidigten Thore unter den wiederholten Stößen, mit welchen man sie bestürmte, endlich zu zittern begannen, blieb doch jeder Hof des heiligen Gebäudes im Besitz der Belagerten und zur Verfügung des unbesiegten Anführers, welcher die Vertheidigung organisierte.

Durch das Mißlingen seiner Anstrengungen niedergeschlagen und über das unter seinen Anhängern bereits stattgefunde Blutbad einsetzt, befahl der Erzbischof plötzlich die Feindseligkeiten einzustellen und schlug den Vertheidigern des Tempels einen kurzen günstigen Waffenstillstand vor. Nach einigem Verzug und, wie es schien einiger Zwiste in ihren Reihen sendeten die Heiden dem Primus die Versicherung der Annahme seiner Bedingungen, welche darin bestanden, daß beide Theile sich weiteren Kampfes um die Oberhand enthalten sollten, bis man von Theodosius ein Edikt über das endliche Schicksal des Tempels verlangt und erhalten haben würde.

Sobald der Waffenstillstand einmal abgeschlossen war, wurde der weite Raum vordem gefristeten Gebäude allmälig von Menschen gereinigt. Langsam und traurig entfernte sich der Erzbischof mit seinen Leuten von den alten Mauern, deren Zinnen sie vergeblich gestürmt hatten, und als die Sonne unterging, waren von der ungeheuren Menge, die sich am Morgen zusammengefunden hatte, nur noch einige Leichen vorhanden. In dem Tempelgebäude selbst trat mit der Nacht die Herrschaft des Todes und der Ruhe ein, wo der Morgen hell auf Leben und Thätigkeit geschimmert hatte. Die Verwundetem Müden und Todten lagen alle jetzt gleich still von den Nachtwinden gestichelt, die durch die hohen Säulenhallen zogen, oder von der in den stummen Sälen herrschenden Dunkelheit beschwichtigt. In den Reihen der Heiden gab es nur Einen, der sich noch mühte und dachte. Rastlos wie ein Raubthier, welches in seiner Höhle bedroht wird, wachsam wie ein einsamer Geist in einer Stadt von fremden Gräbern, wanderte Ulpius brütend im Tempel umher. Für ihn gab es keine Ruhe des Körpers —— keine Stille ins Geistes. Ueber den Ereignissen der nächsten wenigen Tage schwebte die furchtbare Entscheidung welche bald auf die Jahre seines künftigen Lebens einen unwiderruflichen Einfluß zum Elend oder Glücke haben sollte. Rund um die gewaltigen Mauern wachte er mit mechanischer nutzloser Aengstlichkeit, jeder Stein des Gebäudes war beredt für sein einsames Herz —— schön für seine wilde Phantasie. In jenen nackten Gebäuden war für ihn das geliebte fruchtbare Vaterhaus, hier war der Tempel, für dessen Verherrlichung sein Geist in Sklavenbande geschlagen, zu dessen Ehre seine Jugend geopfert worden war. Um die geheimen Raume und die geheiligten Höfe schritt er mit eiligen Tritten und reinigte mit sanfter, fleißiger Hand die Statuen neben ihm von Blutflecken und den Befleckungen des Kriegs. Trübe, einsam, nachdenklich, wie in den ersten Tagen seiner Lehrzeit zum Götterdienst, schweifte er jetzt in den mondhellen Gemächern umher, wo in seiner Jugendzeit Macrinus sein Lehrer gewesen war. Wie die drohenden Tumulte des Tages seinen Zorn erregt hatten, so erweckte die Stille der ruhigen Nacht seine Sanftmuth. Er hatte am Morgen für den Tempel gekämpft, wie ein Sohn für seinen Vater, und ietzt bei Nacht wachte er über ihm, wie der Geizige über seinen Schätzen, wie der Liebende über seiner Geliebten, wie eine Mutter über ihrem Kinde!

Die Tage vergingen und endlich erschien der denkwürdige Morgen, welcher das Schicksal des letzten Tempels entscheiden sollte, den der christliche Fanatismus für die Bewunderung der Welt ausgespart hatte. In der Frühe des Tages trafen die verminderten Schaaren der heidnischen Streiter mit ihren verstärkten, entschlossenen Gegnern, beide unbewaffnet, auf dem Hauptplatze von Alexandria zusammen. Die kaiserliche Verfügung wurde hier öffentlich vorgelesen.

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Sie begann damit, daß sie den Heiden versicherte, wie das Ansuchen ihres Priesters um Schutz für den Tempel dieselbe Berücksichtigung erfahren habe, welche der von dem christlichen Erzbischof übersendeten Petition gegen die Götter zu Theil geworden sei und endete mit dem Befehl des Kaisers, daß Serapis und alle andere Götzenbilder in Alexandria sofort vernichtet werden sollten.

Das Triumphgeschrei, welches dem Schlusse des kaiserlichen Edikts folgte, war in den christlichen Reihen noch nicht verstummt, als die Vorhut der zur Unterstützung des Vollzugs des kaiserlichen Dekrets bestimmten Soldaten aus dem Platze erschien. Einige Minuten lang standen die verlassenen Heiden an die Stelle gewurzelt, wo sie sich versammelt hatten, und blickten in stumpfer Verwirrung und Verzweiflung auf die kriegerischen Vorbereitungen um sie her.

Als sie sich dann erinnerten, wie vermindert ihre Zahl, wie schwer ihre erste Vertheidigung gegen Wenige gewesen war und wie unmöglich eine zweite gegen Viele sein würde, wurden die Kühnsten wie die Schwächsten von einem panischen Schrecken ergriffen, und ohne an Ulpius, ohne an die Ehre, ohne an die Götter zu denken, wendeten sie sich wie ein Mann und flohen vom Platze.

Mit der Flucht der Heiden begann das Werk der Zerstörung. Selbst Frauen und Kinder eilten herbei, um an der willkommenen Aufgabe rücksichtsloser Vernichtung Theil zu nehmen. Diesmal versperrten keine Vertheidiger den Christenschaaren die Thore des Tempels. Die erhabene Einsamkeit des bewohnerlosen Gebäudes wurde augenblicklich gestört und geschändet Die Statuen wurden zerschlagen, das Gold der Verzierung davon geschleppt, die Thüren zersplittert —— hier aber hielt für jetzt das Werk der Zerstörung an. Diejenigen, denen die Arbeit, das äußere Gebäude zu zertrümmern, anvertraut worden war, hatten dabei geringeren Erfolg als ihre Freunde, welche das Innere ausplünderten. Die gewichtigen Steine der Säulen, die massive Oberfläche der Mauern widerstanden selbst ihren kräftigsten Anstrengungen und zwangen sie, sich mit dem Verstümmeln Desjenigen, was sie nicht zerstören konnten, zu begnügen —— mit dem Abreißen der Dächer, dem Verstümmeln der Statuen und Zerschlagen der Capitäle. Das übrige Gebäude blieb unverletzt und stand selbst jetzt in seinen Ruinen noch großartiger da, als es je in der Pracht seiner Vollkommenheit und Macht gewesen war.

Aber die wichtigste That blieb noch zu verrichten. Dem Heidenthume mußte noch seine Todeswunde geschlagen, die Bildsäule des Serapis, der die Herzen von Millionen beherrscht hatte und in den entferntesten Winkeln des Reiches berühmt war, zerstört werden.

Athemlose Stille herrschte in den Reihen der Christen, als sie in die Halle des Gottes drangen. Eine abergläubische Scheu, der sie sich bis jetzt überlegen geglaubt hatten, kam über ihre Herzen, als ein einziger Soldat, kühner wie seine Genossen, auf einer Leiter bis zum Kopfe der kolossalen Statue hinaufstieg und mit seiner Axt einen Streich nach ihrer Wange führte. Der Schlag war kaum erfolgt, als, ein tiefes Stöhnen von der entgegengesetzten Mauer des Saales her ertönte, dann hörte, man sich entfernende Schritte und darauf war Alles still. Auf einige Minuten hielt dieser Vorfall Diejenigen zurück, welche im Begriff waren, ihrem Genossen in der Verstümmlung des Götterbildes beizustehen, dann aber verschwand ihr Zaudern, sie führten ihre Streiche nach der Statue und es folgten denselben keine weiteren Laute.

In unglaublich kurzer Zeit lag das Bild des Serapis in Trümmern auf dem Boden. Die Menge bemächtigte sich der Glieder der Bildsäule und eilte hinweg, um sie triumphierend durch die Straßen zu schleppen. Noch wenige Minuten und die Ruinen waren öde, der Tempel verstummt, das Heidenthum vernichtet!

Die Christen waren in ihrem Zerstörungslaufe durch den Tempel mit der hartnäckigsten Ausdauer und zugleich der vollkommensten Straflosigkeit von dem einzigen Heiden, der nicht in der Flucht Sicherheit gesucht hatte, gefolgt worden. Dieser Mann, der jeden geheimen Gang, jede Treppe des heiligen Gebäudes kannte, konnte insgeheim bei jeder neuen Zerstörungshandlung, in welchem Theile des Gebäudes sie auch stattfinden mochte, zugegen sein Von Halle zu Halle, und Zimmer zu Zimmer folgte er mit geräuschlosem Schritte und glühendem Auge den Bewegungen des christlichen Pöbels —— bald hinter einer Säule versteckt, bald in geheime Höhlungen der Mauern schlüpfend, bald von unmerklichen Spalten in der Decke herabblickend; wo er aber auch immer sein mochte, stets mit derselben Aufmerksamkeit und demselben bewegten Schweigen, selbst die geringfügigsten Zerstörungen der Niedrigsten unter den Reihen der Christen beobachtend.

Erst als er mit den siegreichen Verwüsten in das ungeheure Gemach trat, welches von dem Bilde des Serapis eingenommen wurde, begann das Gesicht des Mannes Zeugniß von der Pein abzulegen, in welcher sein Herz zuckte. Er stieg eine Geheimtreppe, die in der massiven Wand ausgehauen war, hinauf, gelangte in einen Gang, der um den Rand der Decke lief und blickte durch eine Art von Fenster, welches in den Zierrathen des Karnises verborgen war. Als er so hinabschauend, den Soldaten die Axt in den Händen zu dem Kopfe der Statue hinaufsteigen sah, träufelten große Schweißtropfen von seiner Stirn. Der heiße Athem zischte dick durch seine zusammengepreßten Zähne und seine Hände griffen in die starken Metallstützen des Fensters, daß sich dieselben verbogen.

Als der Streich auf das Götterbild fiel, schloß er die Augen. Als das von dem Schlage abgelöste Bruchstück zu Boden stürzte, entfloh seinen bebenden Lippen ein Stöhnen. Noch einen Augenblick starrte er mit Entsetzen auf die Menge zu seinen Füßen und stieg dann mit rasender Eile die steile Treppe, über die er hinaufgelangt war, herab, und floh aus dem Tempel.

In der Nacht darauf wurde der Mann wieder von einigen Schäfern, die die Neugier zu einem Besuche in dem entheiligten Gebäude getrieben hatte, gesehen, wie er in den zerstörten, verlassenen Säulenhallen bitterlich weinte. Als sie sich ihm näherten, um ihn anzureden, erhob er den Kopf und winkte ihnen mit flehender Gebärde, ihn zu verlassen. Während der wenigen Augenblicke, wo er ihnen gegenüber stand, schien der Mond voll auf sein Gesicht und die Schäfer, die in früheren Tagen den Ceremonien im Tempel beigewohnt hatten, sahen mit Erstaunen, daß der einsame, trauernde, dessen Betrachtungen sie unterbrochen hatten, kein Anderer war als Ulpius der Priester.

In der Morgendämmerung kamen diese Schäfer wieder an den Mauern des geplünderten Tempels vorüber. Während der Stunden der Nacht hatte ihnen die Erinnerung an den trostlosen, ungetheilten Schmerz, den sie erblickt, an die furchtbare Einsamkeit des Elendes, in welcher sie den verlassenen Mann mit dem gebrochenen Herzen, dessen leisestes Wort sie einst freudig verehrt hatten, gesehen, ein Gefühl des Mitleids für den unglücklichen Heiden eingeflößt, welches weit von dem Verfolgungsgeiste abwich, den das Wahnchristenthum ihrer Zeit der Brust selbst seiner geringsten Schüler einflößen wollte. Auf Trost bedacht, von dem Verlangen, Hilfe zu gewähren, erfüllt, traten diese Männer gleich dem barmherzigen Samaritaner ein, um einem bekümmerten Bruder beizustehen. Sie durchsuchten alle Theile des leeren Gebäudes, aber der Gegenstand ihrer Theilnahme war nirgends zu sehen. Sie riefen, aber sie vernahmen außer den Klagen des frühen Morgenwindes durch die zerstörten Hallen, die vor Kurzem noch von der Beredtsamkeit des einst berühmten Priesters erfüllt gewesen waren, keinen antwortenden Ton. Mit Ausnahme einiger Nachtvögel, denen das öde Gebäude bereits Zuflucht gewährte, bewegte sich kein lebendes Wesen in Dem, was einst der Tempel der östlichen Welt gewesen war. Ulpius war verschwunden.

Diese Ereignisse fanden im Jahrr 389 statt.

Ein Jahr darauf wurde das Halten von heidnischen Ceremonien im ganzen römischen Reiche dem Hochverrathe gleich gestellt. Von dieser Periode an spalteten sich die zerstreuten Wenigen, welche noch dem alten Glauben anhingen, in drei Theile, die alle gleich unbedeutend waren, mochte man sie nun als offene oder geheime Feinde der neuen Staatsreligion betrachten.

Die erste Abtheilung bemühte sich ohne Erfolg, die die Opfer und Wahrsagereien verbietenden Gesetze zu umgehen, indem sie ihre religiösen Feierlichkeiten unter der Form von gastlichen Zusammenkünften verbarg.

Die zweite bewahrte ihre alte Ehrerbietung für die Theorie des Heidenthums, gaben aber alle Hoffnung und Absicht auf, je wieder die Ausübung derselben vorzunehmen. Durch dergleichen rechtzeitige Zugeständnisse gelang es Vielen, hohe und einträgliche Staatsämter zu behaupten und selbst zu erlangen.

Die Dritten zogen sich als freiwillige Verbannte von jeder Religion in ihre Heimath zurück, gaben aus Nothwendigkeit die Uebung des Heidenthums auf und vermieden aus freier Wahl die Gemeinschaft der Christen.

Dies waren die unwichtigen Abtheilungen, in welche jetzt die letzten Ueberbleibsel der einst mächtigen Heiden versanken. Aber der von seiner stolzen Höhe herabgestürzte Ulpins schloß sich nie einer von denselben an.

Fünf lange Jahre von der Epoche der Verbietung des Heidenthums an gerechnet, wanderte er durch das ganze Reich und besuchte als freundloser, hoffnungsloser, einsamer Mann in allen Ländern die zerstörten Heiligthümer seiner unterdrückten Religion.

Durch ganz Europa und alles, was in Asien und Afrika noch zu Rom gehörte, nahm er seinen langsamen mühseligen Weg. Durch die fruchtbaren Thaler Galliens, über den glühenden Sand von Afrika, durch die sonnenhellen Städte von Spanien reiste er freundlos, wie ein fluchbelasteter, einsam, wie ein zweiter Kain. Keinen Augenblick verließ die Erinnerung an seine zerstörten Pläne sein Gedächtniß oder der wahnsinnige Vorsatz, seine Religion neu zu beleben, seinen Geist. An jedem Ueberbleibsel des Heidenthums, welches er auf seinem Wege traf, wie geringfügig es auch sein mochte, fand er Nahrung für seine grimmige Pein, Beschäftigung für seine rachsüchtigen Gedanken. In den kleinen Dörfern wurden oft die Kinder von ihren Spielen in einem verlassenen Tempel durch das Erscheinen seiner magern, starren Gestalt unter den schwankenden Säulen oder den Ton seiner hohlen Stimme unter den heidnischen Gräberruinen aus ihren Spielen aufgeschreckt. Oft fanden ihn in menschenvollen Städten Männergruppen, die sich versammelt hatten, ums über ihre Erinnerungen an den Fall des Heidenthums zusprechen, lauschend an ihrer Seite und wenn sie nachlässig ihren alten Glauben bedauerten, sie mit der lächelnd geflüsterten Versicherung tröstend, daß noch die Zeit des Wiederersatzes kommen würde. Von Allen und überall wurde er als ein unschädlicher Wahnsinniger betrachtet, dessen seltsame Verblendungen und Vorurtheile nicht bekämpft werden durften, sondern mit Nachsicht betrachtet werden mußten.

So wanderte er durch die christliche Welt, ohne auf das Verfließen der Zeit und die Veränderung des Klimas zu achten, lebte nur mit sich, fand Genuß in der Trauer über den Untergang seiner Religion, ließ sich geduldig die ihm zu Theil werdenden Beleidigungen, Schmähungen und Hoffnungstäuschungen gefallen, wartete auf die-Gelegenheit, die, wie er immer noch glaubte sicher kommen würde, und hielt mit aller Rücksichtslosigkeit des Ehrgeizes und aller Ausdauer der Rachsucht an seinem Vorsatze fest.

Die fünf Jahre vergingen unbeachtet, unberechnet, von Ulpius unbedauert. Für ihn, der nur in der Vergangenheit lebte, nur für die Zukunft hoffte, besaß der Raum keine Hindernisse, war die Zeit etwas Vergessenes. Jahre vergehen wie Tage, Stunden wie Augenblicke, wenn die wechselnden Empfindungen, welche ihre Existenz im Gedächtnisse bezeichnen und ihre Reihenfolge auf dem Zifferblatte des Herzens anmerken, nicht mehr zum Glück oder Schmerz existieren, für alle neuen Gefühle todt, lag Ulpius Geist, seine ganzen Wanderungen hindurch, unter der einen Idee, welche ihn ausfüllte, erstarrt da. Erst nach Verlauf dieser unbeachteten Jahre, als der Zufall der Reise seine Schritte nach Alexandria lenkte, brach sein Geist die lange Knechtschaft, welche ihn bedrückt hatte. Dort —— als er durch das Thor schritt, in welches er vor langen Jahren als ein stolzer, ehrgeiziger Knabe getreten war, als er unbegrüßt durch die Ruinen des Tempels wanderte, wo er einst berühmt und verehrt gelebt hatte, —— erhoben sich seine dumpfen, kalten Gedanken stark und lebenskräftig in ihm. Der Anblick des Schauplatzes seiner früheren Herrlichkeit, welcher bei Andern vielleicht Verzweiflung erweckt haben würde, regte in ihm die schlafenden Leidenschaften auf, machte die erstickten Kräfte frei. Die Pläne der Rache und die Visionen der Wiederherstellung des Heidenthums, über welchen er fünf lange Jahre hindurch gebrütet hatte, stiegen jetzt vor ihm auf, als wären sie schon von dem belebenden Einflusse der ihn umgebenden, entweihten Lokalitäten verwirklicht worden. Als er so in den zertrümmerten Säulengängen des Heiligthums stand, gab es keinen zu seinen Füßen zerbröckelten Stein, der ihn nicht über seine bisherige Unthätigkeit getadelt und ihn zum Wagen zu Verschwörungen, zur Rache im Dienste der beleidigten Götter gestärkt hätte. Die Tempelruinen, welche er auf seinen düsteren Wanderungen besucht hatte, wurden jetzt von seiner Phantasie wieder belebt, als sie sich eine nach der andern in seinem angestrengten Gedächtnisse erhoben. Zerbrochene Säulen stiegen vom Boden auf, entweihte Götterbilder nahmen wieder ihre leeren Fußgestelle ein und er, der Verbannte und Trauernde, stand wieder als Herrscher, Lehrer und Priester da.

Die Zeit der Wiederherstellung war gekommen obgleich sein Verstand ihm noch keine bestimmten Pläne eingab, trieb ihn doch sein Herz an, blindlings auf die Ausführung seiner Reform zuzueilen. Der Augenblick war erschienen —— Macrinus sollte noch gerächt, der Tempel endlich wieder hergestellt werden.

Er stieg in die Stadt hinab, er eilte, ohne bewillkommnet oder wieder erkannt zu werden, durch die menschenvollen Straßen, er trat in das Haus eines Mannes, der einst in früheren Tagen sein Freund und College gewesen war, schüttete gegen ihn seine phantastischen Vorsätze und unzusammenhängenden Pläne aus, flehte ihn um Beistand an und versprach ihm herrlichen Erfolg. Aber sein alter Genoss war durch rechtzeitige Bekehrung zum Chtistenthume ein Mann von Vermögen und Ansehen in Alexandria geworden und wendete sich mit Entrüstung und Verachtung von dem freundlosen Enthusiasten ab.

Zurückgewiesen aber nicht entmuthigt suchte Ulpius Andere auf, die er in seinem Glück und Glanz gekannt. Sie alle hatten ihren alten Glauben abgeschworen, —— sie alle empfingen ihn mit studierter Kälte oder nachlässiger Geringschätzung, er aber verharrte trotzdem auf seinen nutzlosen Versuchen. Er verblendete seine Augen gegen ihre verächtlichen Blicke, er verschloß seine Ohren ihren spöttischen Worten. In seiner Selbstverblendung verharrend, ernannte er sie zu Boten an ihre Brüder in anderen Ländern, zu Anführern der Verschwörung, die in Alexandria beginnen sollte, zu Rednern vor dem Volke, wenn die denkwürdige Revolution einmal begonnen haben würde. Umsonst verweigerten sie jede Theilnahme an seinen Plänen, er verließ sie, als eben die Worte der Weigerung auf ihre Lippen stiegen und eilte zu andern in seinen Anstrengungen so eifrig, seiner unwillkommenen Sendung so hingegeben, als ob« sich die Hälfte der Bevölkerung der Stadt freudig gelobt habe, ihm in seinem rasenden Vorhaben beizustehen.

So setzte er den ganzen Tag hindurch seine Arbeit unablässiger Ueberrednng unter denjenigen Bewohnern der Stadt, welche einst seine Freunde gewesen waren, fort. Als der Abend kam, begab er sich müde, aber nicht niedergeschlagen nach dem irdischen Paradiese, weiches er wieder zu erlangen entschlossen war —— dem Tempel, wo er einst gelehrt hatte, und welchem er immer noch dereinst vorzustehen hoffte. Hier begann er, mit den neuen Gesetzen unbekannt, gleichgültig gegen Entdeckung und Gefahr, wie in alten Zeiten durch seine Wahrsagekunst zu untersuchen, ob seinen großen Plan Mißlingen oder Erfolg erwarte.

Unterdessen waren die Freunde, deren Beistand zu erzwingen Ulpius beschlossen hatte, ihrerseits nach der Entfernung des eifrigen Priesters keineswegs unthätig geblieben. Sie erinnerten sich mit Schrecken, daß die Gesetze eben so streng gegen Diejenigen waren, welche ihre Kenntniß von einer heidnischen Intrige geheim hielten, wie gegen die wirklich an einer heidnischen Verschwörung Betheiligten. Und sie begaben sich, in der Besorgniß um ihre persönliche Sicherheit mit Ueberwindung aller Rücksichten der Ehre und Ansprüche alter Freundschaft, zusammen zu dem Präfekten der Stadt, um ihn mit dem ganzen Eifer der Besorgniß von der Anwesenheit des Ulpius in Alexandria und dessen verbrecherischen Plänen zu benachrichtigen.

Jetzt wurde sofort Nachsuchung nach dem unbekehrten Heiden gehalten. Man fand ihn noch im Laufe der Nacht vor einem zerstörten Altare über den Eingeweiden eines so eben von ihm geopferten Thieres brüten. Es bedurfte keines weiteren Beweises seiner Schuld. Er wurde gefangen genommen, am folgenden Morgen unter den Verwünschungen des Volkes, welches ihn einst fast angebetet hatte, vor Gericht gestellt und verurtheilt, den nächsten Tag die Todesstrafe zu erleiden.

Zur angesetzten Stunde versammelte sich der Pöbel, um die Hinrichtung anzusehen. Zu seiner Entrüstung sah er sich jedoch in seinen Erwartungen getäuscht, denn als die Gerichtsbeamten der Stadt vor dem Gefängnisse erschienen, geschah es nur, um den Zuschauern anzuzeigen, daß die Ausführung der blutigen Feierlichkeit verschoben worden sei. Nach einer räthselhaften mehrwöchentlichen Frist wurden sie wieder zusammenberufen, aber nicht um der Hinrichtung beizuwohnen, sondern um die außerordentliche Ankündigung zu erhalten, daß das Leben des Missethäters geschont werden würde, und der abgeminderte Richterspruch ihn jetzt zu lebenslänglicher Sklavenarbeit in den spanischen Kupferbergwerken verdamme.

Welcher mächtige Einfluß den Präfekten bewogen hatte, sich durch Begnadigung eines Gefangenen, dessen Schuld so vollkommen erwiesen war wie die des Ulpius, dem öffentlichen Hasse auszusetzen, kam nie an den Tag. Die Einen behaupteten, daß der Stadtrichter noch im Herzen ein Heide sei und sich daher scheue, den Tod eines Mannes zu autorisieren, der einst der berühmteste von den Bekennern des alten Glaubens gewesen war. Andere meinten, daß Ulpius die Nachsicht seiner Richter dadurch erlangt habe, daß er sie mit der Lage eines von den geheimen Behältnissen unter den Grundlagen des zerstörten Serapistempels, die, wie man glaubte, ungeheure Schätze enthalten sollten, bekannt gemacht habe. Es wurde aber nie zur Genüge erwiesen, welches von diesen beiden Gerüchten begründet sei, man entdeckte weiter nichts, als daß Ulpius um Mitternacht von Alexandrien nach dem ihm von den glaubenseifrigen Behörden bestimmten Orte irdischer Pein geschafft worden war und die Schildwache an dem Thore, durch welches man ihn brachte, ihn im Vorbeigehen vor steh hin murmeln gehört hatte, daß die Augurien ihn auf das Mißlingen vorbereitet, der große Tag der Wiederherstellung des Heidenthums aber noch erscheinen werde.

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Im Jahre 407, zwölf Jahre nach den eben erzählten Ereignissen, betrat Ulpius Rom.

Er war noch nicht weit gekommen, als ihn schon das Getümmel und die Verwirrung aus der Straße völlig außer Fassung zu bringen schien, er eilte nach dem nächsten öffentlichen Garten, welchen er bemerken konnte, vermied die besuchteren Wege und warf sich, wie es schien, in ohnmächtiger Erschöpfung am Fuße eines Baumes nieder.

Eine Zeitlang lag er auf dem von ihm gewählten schattigen Ruheplatze peinlich aufathmend mit fortwährend von plötzlichen Krämpfen durchzittertern Körper und von einer Aufregung, die er umsonst zu unterdrücken versuchte, bebenden Lippen da. Sein Aussehen war so verändert, daß die Wachen, welche ihn von Alexandrien fortgebracht hatten, so elend sein Aeußeres selbst damals schon war, ihn jetzt unmöglich als denselben Mann wieder erkannt haben würden, der einst von ihnen zur Sklaverei in die spanischen Bergwerke abgeliefert worden war. Die Dünste der Kupferbergwerke in denen er zwölf Jahre wie vergraben gelegen, hatten nicht nur das Fleisch auf seinen Gebeinen verzehrt, sondern auch seiner Oberfläche eine fast todtenartige gelbe Farbe ertheilt. Seine vom Alter abgezehrten und durch Leiden verkrümmten Glieder beugten sich und zitterten unter ihm und seine in ihren edeln Verhältnissen einst so majestätische Gestalt war jetzt so verzerrt und verkrüppelt, daß wer ihn erblickte, nicht anders glauben konnte, als daß er von Geburt an verunstaltet gewesen sein müsse. Von dem früheren Manne war kein Kennzeichen mehr übrig geblieben, als der Ausdruck der strengen, traurigen Augen und diese, die wahrhaften Dolmetscher des unbesiegbaren Geistes, dessen Empfindungen auszudrücken sie geschaffen schienen, bewahrten von Leiden unverändert und von der Zeit unvermindert noch denselben Blick theils der Reflexion, theils des Trotzes und theils der Verzweiflung, welcher in ihnen geleuchtet hatte, als der Tempel zerstört und die Gemeinde der Heiden zerstreut wurde.

Aber die in diesem Augenblicke von seinem erschöpften Körper geforderte Ruhe wurde ihm selbst jetzt von seinem ungezähmtem unermüdlichen Geiste verweigert, und als die Stimme seiner alten Verblendung wieder in seinem Innern sprach, erhob sich der glanbenseifrige Priester von seinem einsamen Rastorte und blickte auf die große Stadt, deren neue Religion er umzustzürzen gelobt hatte.

»Durch jahrelange geduldige Wachsamkeit,« flüsterte er vor sich hin, »ist es mir gelungen, glücklich aus meinem Kerker in den Bergwerken zu entkommen. Nur noch ein wenig mehr List, ein wenig mehr Ausdauer, ein wenig mehr Wachsamkeit und ich werde es noch erleben, durch meine Anstrengungen die verlassenen Tempel Rom’s wieder zu bevölkern.«

Mit diesen Worten trat er aus dem Garten auf die Straße hinaus. Der heitere Sonnenschein der ihn Jahre lang fremd gewesen war, strahlte warm auf sein Gesicht, wie um ihn in der Freiheit und, der Welt willkommen zu heißen. Die Töne muntern Gelächters erklangen in seinen Ohren, wie um ihn zu den frohen Genüssen des Lebens zurückzulocken; aber der Einfluß der Natur und das Beispiel der Menschen waren für sein einsames Herz jetzt gleich stumm. In den traurigen Einöden desselben herrschte immer noch der Ehrgeiz, welcher aus seiner Jugend die Liebe und aus seinem Mannesalter die Freundschaft verbannt hatte und bestimmt war, seine Zerstörungssendung damit zu beenden, daß er aus seinem Alter die Ruhe verbannte. Er suchte, grimmig auf Alles, was ihn umgab, starrend, die einsamsten und schattigsten Straßen auf, die Einsamkeit war für sein Herz jetzt eine Nothwendigkeit geworden, der tiefe Abgrund seiner ungetheilten Bestrebungen hatte ihn längst schon für immer von seinen Mitmenschen getrennt. Er dachte, arbeitete und litt allein.

Wenn wir die Jahre unbelohnter Arbeit und durch nichts gemilderter Mühseligkeiten, welche Ulpius am Orte seiner Strafe erlitt, beschreiben, auf dem Tage, der, was auch die Jahreszeit über ihm in der Welt sein mochte, die gleiche wechsellose Bestimmung von Anstrengung und Ermattung mitbrachte, verweilen, die Geschichte der Nächte verzeichnen wollten, in denen der unruhige Schlummer der einen Stunde nur mit dem ermattenden Nachdenken der andern abwechselte, so würden wir ein Gemälde liefern, vor dessen trauriger Eintönigkeit die Aufmerksamkeit des Lesers mit Abscheu zurückschrecken müßte? Es wird hier genügen, wenn wir bemerken, daß der Einfluß derselben Verblendung, welche ihn zur Vertheidigung des angegriffenen Tempels gestählt und zu seinem unüberlegten Versuche der Wiederherstellung des Heidenthums ermuthigt hatte, auch im Stande gewesen war, ihn unter Leiden aufrecht zu erhalten, die stärkere und jüngere Männer für immer darnieder gedrückt haben würden, ihm den Entschluß, aus der Sklaverei zu entfliehen, eingegeben, und ihn jetzt nach Rom geführt hatte, um so alt, verlassen und schwach er auch war, für die Sache, der er sich rücksichtslos für immer mit Leib und Seele geweiht neue Gefahren zu bestehen und, neue Drangsale zu erleiden.

Von seiner Verblendung getrieben, war er daher jetzt in, eine Stadt gekommen, wo man nicht einmal seinen Namen kannte, um seinem rasenden Plane treu sich hilflosen einzelnen Mann dem Volke und der Regierung eines Kaiserreiches zu, widersetzen. Während seiner Sklavenzeit hatte er, ohne seine vorgerückten Jahre zu achten, eine Reihe von Plänen gefaßt, deren allmälige Ausführung ein langes thatkräftiges Leben erfordert haben würde. Er wollte nicht mehr wie bei seinem früheren Versuche in Alexandria den Erfolg seiner Absichten auf einen Wurf sehen. Er war jetzt darauf gerüstet, jahrelang zu wachen und zu warten, zu arbeiten und zu sinnen, er wollte sich mit dem ärmlichsten und langsamsten Fortschritte begnügen, von der geringsten Aussicht auf endlichen Sieg ermuthigen lassen.

Diesem Entschlusse zu Folge begann er damit, Alles, was von seinen geschwächten Kräften noch vorhanden war, darauf zu verwenden, sich vorsichtig durch alle in seiner, Macht stehenden Mittel über die politischen, religiösen und Privatansichten aller Männer von Einfluß in Rom zu belehren. Wo sich eine Volkskmenge zusammenfand, begab er sich unter sie, um das Geschwätz des Tages zu hören, wo die Möglichkeit vorhanden war, ein Privatgespräch zu behorchen, wußte er unbemerkt darauf zu lauschen. Er schlicht geräuschlos wie ein Schatten und eben so achtsam auf die leichtsinnigen Enthüllungen der Trunkenheit, wie auf die Schmähungen boshafter Sklaven an Wirthshausthüren und Herbergen dienstloser Domestiken umher. Ein Tag verging nach dem andern und immer noch gab der sich seiner Beschäftigung, die, so niedrig sie auch an sich war, doch in seinen Augen durch ihr hohes Ziel veredelt wurde, hin, bis er sich nach einigen Monaten im Besitz eines Vorrathes von unbestimmten und ungenauen Nachrichten sah, welche er als einen kostbaren Schatz in seinem Geiste aufspeicherte. Dann erkundigte er sich nach den Namen und der Wohnung jedes römischen Edelmanne der im Verdacht auch nur der gleichgültigsten Anhänglichkeit für die alten Religionsformen stand. Er besuchte die christlichen Kirchen, unterrichtete sich über die Lehrsätze der verschiedenen Sekten und beurtheilte die Wichtigkeit der mit einander streitenden Schismen und erlangte diese Sammlung von heterogenen Thatsachen unter den vereinigten Nachtheilen der Armuth, Einsamkeit und des Alters, wobei er in Bezug auf seinen Lebensunterhalt von dem geringsten öffentlichen Almosen und auf sein Obdach von den ärmlichsten öffentlichen Freistätten abhing.

Jeder Schluß, welchen er aus allem, was er erfuhr, zog, nahm den sanguinischen Charakter der verderblichen Selbsttäuschung an, welche sein ganzes Leben verbittert hatte. Er glaubte, daß die Zwistigkeiten, welche er in der Kirche erblickte, über kurz oder lang die Vernichtung des Christenthums selbst zur Folge haben würden, daß, wenn eine solche Periode eintrete, das Publikum nur der Leitung eines höheren Geistes bedürfe, um wieder zu seiner alten Religion zurückzukehren und daß es um die Grundlage einer solchen erwünschten Revolution zu verrichten, für ihn nothwendig sei, so unmöglich es auch in seiner gegenwärtigen, entwürdigten Stellung erscheinen möge, Zutritt bei den unzufriedenen Edelleuten von Rom zu erlangen und das Geheimnis zu entdecken; über sie einen Einfluß zu gewinnen, der ihn in den Stand setzen konnte, sie mit seinem Enthusiasmus zu erfüllen und mit seiner Entschlossenheit anzufeuern. Es waren schon noch größere Schwierigkeiten als diese von andern Männern überwunden worden; es hatten schon früher einzelne Individuen Revolutionen bewirkt. Die Götter würden ihn begünstigen, seine eigne Schlauheit ihn beschützen. Nur noch ein wenig mehr Geduld —— noch ein wenig mehr Entschlossenheit und er konnte trotz aller seiner Unglücksfälle noch immer des Erfolgs gewiß sein.

Um diese Zeit hörte er zuerst während seiner Forschungen von einem unbekannten Manne, der sich Möglich erhoben hatte, um eine Revolution in der christlichen Kirche zu bewirken, deren erklärter Zweck es war, die neue Religion gerade von der Ausartung zu befreien, auf deren Fortschreiten alle seine Hoffnungen des Triumphes berühren. Man sagte, daß dieser Mann schon seit einiger Zeit mit seinen Reformationsarbeiten beschäftigt sei, aber die Schwierigkeiten der Aufgabe, welche er sich gestellt, ihn bisher verhindert habe, die Notorität zu erlangen, welche zur erfolgreichen Ausführung seiner Pläne wesentlich war. Sobald Ulpius dieses Gerücht vernahm, schloß er sich sofort den Wenigen an, die den Predigten des neuen Redners beiwohnten, und hörte jetzt genug, um sich zu überzeugen, daß er den entschlossensten Eiferer für das Christenthum, den es in Rom gab, vor sich habe. Das Vertrauen dieses Mannes zu gewinnen, jeden Versuch, den er in seinem neuen Berufe machen könnte, zu vereiteln, sein Ansehen bei seinen Zuhörern zu vernichten und seine persönliche Sicherheit dadurch zu bedrohen, daß er dessen mächtigen Feinden in der Kirche seine innersten Geheimnisse verrieth, waren Entschlüsse, welche der Heide augenblicklich als von seinem Glauben gefordert, annahm.

Von diesen Augenblicke an ergriff er jeden Anlaß, die Aufmerksamkeit des neuen Reformators auf sich zu lenken, und wurde endlich für seine Schlauheit und Ausdauer dadurch belohnt, daß ihn der verdachtlose, wohlthätige Numerian als einen frommen Bekehrten zu dem Christenthume der Urkirche in sein Hans aufnahm.

Sobald der hinterlistige Heide erst unter Numrian’s Dache eingerichtet war, erblickte er in der Tochter des Christen ein Werkzeug, welches in seinen unskrupulösen Händen vortrefflich geeignet war, seinem Phantastischen Plan das Ohr eines der bestehenden Religion abgeneigten Römers von Macht und vornehmen Stande zu verschaffen.

Unter den Patriziern, mit deren christenfeindlichem Charakter ihn das Gerücht bekannt gemacht hatte, befand sich auch Numerian’s Nachbar, der Senator Vetranio. Für einen solchen Mann, der durch sein üppiges Leben berühmt war, würde ein Mädchen von der Schönheit Antonina’s eine hinreichend große Bestechung sein, um ihn in den Stand zu setzen, jedes nöthige Versprechen als Belohnung für ihren Verrath, so lange sie sich noch unter dem Schutze des väterlichen Daches befand, zu erpressen. Außer diesem Vortheile, welchen ihm. ihr Verderben bringen würde, hatte er noch die Gewißheit, daß ihr Verlust Numerian so tief berühren mußte, daß er wenigstens auf eine Zeitlang unfähig wurde, seine Arbeiten in der Sache des Christenthums fortzusetzen. In dieser verabscheuungswürdigen Absicht befestigt, erwartete also der mitleidslose Priester geduldig den Augenblick zum Beginn seiner Ränke. Er wachte nicht umsonst, das Opfer, Antonina, fiel unschuldiger Weise gerade in die Schlinge, welche er ihr vorbereitet hatte, als sie zum ersten Male auf die Klänge von Vetranio’s Laute horchte und ihrem verätherischen Hüter gestattete, ihr Freund zu werden, der ihren Ungehorsam vor ihrem Vater verbarg. Nach diesem ersten verderblichen Schritte brachte jeder Tag die Pläne des Ulpius ihrem Gelingen näher. Die lange gesuchte Zusammenkunft mit dem-Senator wurde endlich erlangt, die auf der einen Seite gebieterisch geforderte Zusage, wie wir bereits erzählt haben, von der andern sorglos angenommen, der Tag, welcher den Ränken des Verräthers Erfolg und den Verrathenen Schmach bringen sollten, angesetzt und das kalte Harz des Fanatikers erwärmte sich wieder unter der Berührung der Freude. Es kam ihn nie in den Sinn, die bindende Kraft seiner Abrede mit Vetranio in Zweifel zu ziehen. Er ahnte nicht, daß ihm der mächtige Senator mit vollkommener Straflosigkeit den unausführbaren Beistand, welchen er als seine Belohnung verlangt hatte, verweigern und ihn als einen unwissenden Tollhäusler aus seiner Palastthüre werfen lassen könne. Er glaubte fest und aufrichtig, daß Vetranio mit seiner Bereitwilligkeit zum Gelingen seiner verbrecherischen Absichten beizutragen, so zufrieden und von der Aussicht auf den Ruhm, welchen den Erfolg in dem großen Unternehmen erwarten würde, so geblendet sei, daß er sich gern an die Erfüllung seines Versprechens gebunden halten würde, wann auch immer sie von ihm verlangt werden würde.

Unterdessen hatte das Werk bereits begonnen. Numerian wurde selbst jetzt schon aus seine Anregung von den Spionen der eifersüchtigem rücksichtslosen Kirche beobachtet, Fehden, Schismen, Verräthereien und Zwistigkeiten herrschten in den christlichen Reihen. Alles vereinigte sich, um es gewiß zu machen, daß die Zeit nahe sei, wo durch seine Anstrengungen und die Hilfe des befreundeten Senators die Wiederherstellung des Heidenthums gesichert werden könne.

Trotz der größten Verschiedenheit der Handlungsweise und des Planes herrschte doch eine seltsame, räthselhafte Analogie zwischen der jetzigen Lage von Ulpius und Numerian. Der Eine war bereit für den Tempel, der Andere für die Kirche das Märtyrerthum zu erleiden. Beide waren Enthusiasten in einer unwillkommenen Sache, Beide hatten mehr als den sonst auf ein Leben fallenden Antheil von Bekümmerniß erlitten und Beide waren alt und schritten unwiderbringlich von ihren verbleichenden Aussichten auf Erden auf die sie in dem unbekannten Jenseits erwartende ewige Zukunft zu.

Hier hört aber die Aehnlichkeit zwischen ihnen auf.

Der leitende Grundsatz der Handlungen des Christen war aus der Gottheit, welcher er diente, gezogen, die Liebe; der des Heiden aus dem ihn vernichtenden Aberglauben entsprungen, der Haß. Der Eine arbeitete für die Menschheit, der Andere für sich und so konnten die auf das allgemeine Gute gegründeten, durch gute Thaten genährten und edel auf ein großes Ziel gerichteten Bestrebungen ihn zu Unvorsichkeiten verleiten, aber nie zum Verbrecher herabwürdigen, die Heiterkeit seines Lebens« trüben, ihn aber nie der Hoffnung berauben. Der Ehrgeiz des Ulpius dagegen entsprang aus Rache, war, auf Zerstörung gerichtet, forderte Grausamkeit von seinem Herzen und Hinterlist von seinem-Geiste, und spottete seiner zum Lohn für seine Dienste abwechselnd mit Täuschung und Verzweiflung.

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Und nun, ehe wir Weiter gehen, wollen wir den einsamen alten Mann, dessen Priesterthumsgeschichte zu Ende gelangt ist, betrachten, wie er in dem dunkeln Zufluchtsorte, nach welchem er sich begab, als sein Opfer aus seinen Augen verschwunden war und das Bruchstück ihrer zerbrochenen Laute auf ihr Gemach getragen hatte, dessen Reinheit zu beschmutzen er sich nicht scheute —— über seine mitleidlosen Pläne nachdenkt. Stellen wir uns ihn in seiner Kindheit vor, wie er gelehrig und liebevoll, lernbegierig und freudig gehorsam, mit allen Fähigkeiten des Guten begabt, mit allen Eigenschaften zum Glücke versehen, frisch aus den Händen des Schöpfers kam —— und dann wollen wir ihn in seinem Alter anblicken, wie er durch die Einmischung der Menschen verdorben worden ist.

Seht, wie er allein da sitzt, wie keine Kinder um seine Kniee spielen, wie keine Erinnerung an vergangene Liebe und Freundlichkeit seine düstere Gegenwart vergoldet, keine wachsamen Freunde, keine himmelsgeborenen Bestrebungen die Schrecken der Todesaussichten zerstreuen, welche sich bereits aus ihn niedersenken. Der verkrümmt schwankende Körper ist durch viele Länder gereist, aber nie zu einer Sendung des Guten ausgegangen, die strengen, trüben Augen haben in Zorn geglüht und in Verachtung gefunkelt, aber Jahre sind vorübergegangen und kein Mitleid hat sie erreicht, keine Thränen haben in ihren eingesunkenen Höhlen gestanden. Selbst jetzt noch hält, wenn er nach dem Himmel hinaufblickt, der auf seinen verwelkten Wangen zitternde Mondschein keinen Verkehr mit seinem liebe leeren Herzen und das sich über ihm ausbreitende Firmament ist, trotz des schönen, durchsichtigen, reichen, nächtlichen Schattens, womit es geziert, für seinen achtlosen Geist bedeutungsleer und ohne Sprache. Seine Gedanken richten sich auf vergangene Verletzungen und künftige Rache, auf die Verrätherei. deren Beginn die Morgendämmerung bezeichnen soll, auf den vertrauensvollen Vater und die unschuldige Tochter, deren Glück er auf das Gebot der schlimmen Verblendung, die auf lebenslang seine bessern Eigenschaften gefangen genommen hat, ohne Bedauern zum Scheitern bringen kann. So ist er jetzt mit Herz und Seele an seinen monströsen Zweck fest gekettet, an Körper eine Ruine und an Geist eine Mißgestalt Die Erziehung, welche seine Kindheit irre geleitet, die Bestrebungen, welche seine Jugend getäuscht, und der Ehrgeiz, der sein Mannesalter entwürdigt hat, haben ihr Werk vollendet; und jetzt ebnet das Greisenalter des Verbrechens schnell den Pfad zu der letzten Folge von jenem Allen —— dem Tode der Verzweiflung.


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