Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Antonina oder der Untergang Roms - Zweites Buch - Kapitel I. - Die Hungersnoth
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Antonina oder der Untergang Roms



Band 2

Zweites Buch.

Was kommt? der Tod, der schreckenvolle Tod.
Voltaire.

Kapitel I.
Die Hungersnoth.

Das Ende des November naht sich. Seit den im vorigen Kapitel erwähnten Ereignissen ist fast ein Monat vergangen, aber die gothischen Linien ziehen sich immer noch um die Stadtmauern Rom, welches wir stolz und üppig verlassen haben, selbst während es an seinen Thoren mit Verderben bedroht war, hat nun eine furchtbare, warnende Veränderung erlitten. Jetzt, wo wir uns ihm wieder nahen, sind Pein, Schrecken und Verödung bereits ausgezogen, um seine hohen Paläste zu beschatten und seine Prächtigen Straßen zu verdunkeln.

Ueber dem Prunke, der es mit Füßen von sich stieß, über der Freude, die ihm Trotz bot, über der Fülle, die es auf seinen geheimen Rundgängen verscheuchte, hat sich endlich das Gespenst des Hungers triumphierend erhoben. Tag für Tag sind die Nahrungsmittel der Stadt spärlicher zugemessen worden, höher und höher ist der Werth der gröbsten und einfachsten Nahrung gestiegen. Die aufgespeicherten Vorräthe, welche Mitleid und Nächstenliebe bereits dem erliegenden Volke ausgetheilt, haben ihre äußersten Grenzen erreicht. Für den Reichen ist noch Korn in der Stadt vorhanden —— Schätze der Speise, die für Schätze an Gold ausgetauscht werden, für den Armen gibt es die natürliche Nahrung des Menschen nicht mehr; die Zeit der abstoßenden Mahle der Hungersnoth, die ersten Tage der Aufopferung der Vorliebe für die Noth haben finster und unwiederbringlich begonnen.

Es ist Morgen. Eine traurige, geräuschlose Menge schreitet über die kalten Steine des»großen Platzes vor der Basilika des heiligen Johannes-Lateran dahin. Die Schwachen weinen, die Starken sind düster, Alle bewegen sich mit langsamem, mattem Gange und halten in ihren Armen ihre Hunde oder andern Hausthiere. An den Säumen der Menge marschieren die hungerschwachen Hüter der Stadt und halten in ihren rauhen Händen seltene Lieblingsvögel von prächtigem Gefieder und melodischem Gesang und ihnen folgen Kinder und junge Mädchen, welche vergebens flehen und bitten, ihnen ihre Lieblinge wieder zu geben.

Dieser seltsame Zug hält endlich vor einem ungeheuren Kessel, der über einem großen Feuer in der Mitte des Platzes hängt und um welchen die Fleischer der Stadt mit blitzenden Messern und die zuverlässigsten Leute der römischen Legionen mit drohenden Waffen stehen.

Hierauf wird eine Proklamation verlesen, welche denjenigen im Volke, die kein Geld besitzen, um Nahrung zu kaufen, gebietet, ihre Hausthiere herbeizubringen, damit diese auf dem öffentlichen Heerde zusammengekocht werden und zum öffentlichen Unterhalte beitragen können.

In der nächsten Minute gehen, diesem Edikte gemäß, die stummen Lieblinge der Menge aus der liebkosenden Hand des Eigenthümers in die Faust des Fleischers über. Die schwachen Schreie der Thiere, welche halb verhungert waren, wie ihre Herren vermischten sich auf einige Augenblicke mit dem Schluchzen und Wehklagen der Frauen und Kinder, denen der größte Theil derselben gehörte. Auf dieser ersten Stufe seiner Noth war das Nagen des Hungers, welches das Mitleid zum Verlöschen bringt und den Schmerz unterdrückt, dem Volke noch unbekannt, und obgleich es schon den Muth zu verlieren begann, war es doch noch nicht bis zu der Tiefe wilder Verzweiflung gesunken, welche sich allerdings schon unsichtbar unter ihm zu öffnen begann. In den kurzen Augenblicken der Trennung zwischen Beschützer und Schützling wurden tausend Schmerzen gefühlt, tausend Trauerspiele aufgeführt. Das Kind küßte den Vogel, welcher über seinem Lager gesungen hatte, zum letzten Male, der Hund warf seinen letzten um Schutz stehenden Blick auf die Herrin, welche ihn sonst nie ohne Liebkosung empfangen hatte. Dann kam der kurze Zwischenraum des Schmerzes und Todes, dann stieg der Dampf aus dem gierigen Kessel auf und das Volk zerstreute sich auf eine Zeitlang, die Bekümmertem um in der Nähe des Feuers zu verweilen, und die Hungrigen, um ihre Ungeduld durch einen Besuch in der nahen Kirche zu stillen.

Die Marmorhallen der herrlichen Basilika enthielten eine trübe Gemeinde. Auf dem Hochaltare brannten nur drei kleine Kerzen. Keine süßen Stimmen sangen melodische Lobgesänge oder jubelnde Loblieder, die Mönche intonierten mit heiseren Tönen und einförmiger Harmonie die Bußpsalmen. Hier und da kniete eine in Trauergewänder gehüllte und in stummes Gebet versunkene Gestalt, aber unter der Mehrzahl der Versammelten herrschte entweder öde Entmuthigung oder dumpfe Unaufmerksamkeit.

Als die letzten Klänge des letzten Psalms in den hohen Wölbungen der Kirche verklungen waren, erschien an der Thür eine Prozession von frommen Christen und schritt langsam auf den Altar zu. Sie bestand aus barfüßigen in schwarze Gewänder gekleideten Männern und Frauen, die über ihr zerrauftes Haar Asche gestreut hatten. Aus ihren Augen strömten Thränen und sie schlugen sich auf die Brust, während sie ihre Stirnen auf das Marmorpflaster der Altarstufen niederbeugten.

Dieser demüthige öffentliche Ausdruck der Bußfertigkeit in dem Unglück, welches jetzt über die Stadt hereingebrochen war, beschränkte sich jedoch nur auf ihre wenigen, wahrhaft religiösen Bewohner und fand weder Theilnahme noch Aufmerksamkeit bei der herzlosem halsstarrigen Bevölkerung von Rom. Einige gaben sich immer noch der trügerischen Hoffnung auf Beistand von dem Hofe zu Ravenna hin, Andere glaubten, daß die Gothen bald ungeduldig ihre lange Blockade aufgeben würden, um ihre Verheerungen in die reichen, unbeschützten Gefilde von Süd-Italien zu tragen. Aber dasselbe blinde Vertrauen auf den verschwundenen Schrecken des Römernamens, dieselbe wilde, rücksichtslose Entschlossenheit, den Gothen bis auf den letzten Augenblick Trotz zu bieten, hielt den sinkenden Muth der großen Masse des leidenden Volkes aufrecht und unterdrückte die Muthlosigkeit desselben von dem Bettler an, der nach Abfällen umhersuchte, bis zu dem Patrizier, welcher über seine unwillkommene Nahrung von einfachem Brod seufzte.

Während die Büßer, welche die oben beschriebene Prozession bildeten, noch mit der Ausübung ihrer unbeachteten und ungetheilten Pflichten der Buße und des Gebets beschäftigt waren, bestieg ein Priester die Hauptkanzel der Basilika, um die undankbare Ausgabe zu versuchen, der hungrigen Menge zu seinen Füßen Geduld und Frömmigkeit zu predigen.

Er begann seine Predigt damit, daß er die Hauptereignisse, welche seit dem Beginn der Blockade durch die Gothen in Rom stattgefunden hatten, in das Gedächtniß der Menge zurückrief. Er berührte vorsichtig das erste Ereigniß, welches die Annalen der Stadt befleckt hatte. Die Hinrichtung der Wittwe des römischen Generals Stilicho auf den unbegründeten Verdacht hin, daß sie in verräterischem Verkehr mit Alarich und dem feindlichen Heere stehe. Er verbreitete sich ausführlich über die Besprechungen von Beistand, welche nach jener unglückverkündenden That von Ravenna her übersendet worden waren. Er sprach mit Bewunderung von der Geschicklichkeit, welche die Regierung dadurch bewiesen hatte, daß sie augenblicklich die nöthige Verminderung in dem täglichen Verbrauch von Speisen eintreten ließ. Er beklagte den furchtbaren Mangel, welcher diesen von der Zeit gebotenen Einschränkungen nur zu unvermeidlich gefolgt war. Er hielt eine beredte Lobrede auf die edle Mildthätigkeit Läta’s, der Wittwe des Kaisers Gratian, die mit ihrer Mutter die durch ihre kaiserlichen Einkünfte erlangten Mundvorräthe dazu anwendete, in diesem wichtigen Augenblicke die hungernden und entmuthigten Armen zu unterstützen. Er gestand die neue Noth zu, welche auf die Zersplitterung von Läta’s Vorräthen gefolgt war, klagte über die gegenwärtige Nothwendigkeit, die Hausthiere der Bürger aufzuopfern, verdammte die ungeheuren Preise, welche jetzt für die letzten Ueberbleibsel an gesunder Nahrung, welche noch in der Stadt vorhanden waren, gefordert wurden, verkündete es als die feste Ueberzeugung eines Jeden. daß in wenigen Tagen von Ravenna Hilfe kommen werde, und endete damit, daß er seiner Zuhörerschaft mittheilte, sie könne, da sie schon so viel gelitten habe, geduldig noch ein wenig länger leiden und würde, wenn sie nach dem so unglücklich wäre, ihrer Noth zu erliegen, einen edlen Trost darin finden, daß sie für das katholische und apostolische Rom sterbe und sicherlich von der nächsten Generation der Frommen in dem ersten Zwischenraume des Friedens als Heilige und Märtyrer kanonisiert werden würde.

So geläufig auch die Beredtsamkeit dieser Predigt war, besaß sie doch nicht die Macht, auch nur einen von Denjenigen, an welche sie gerichtet war, zum Vergessen des Gefühls seiner gegenwärtigen Leiden zu bewegen und seine Aufmerksamkeit aus die künftigen, vortheilhaften Aussichten, welche der wortreiche Priester allen seinen Zuhörern bot, zu heften. Mit demselben Murren zänkischer Klage und denselben Ausdrücken ohnmächtigen Hasses und Trotzes gegen die Gothen, welche ihr entfallen waren, als sie in die Kirche trat, entfernte sieh jetzt die. Menge aus derselben, um von den Händen der städtischen Beamten das kärgliche Maß widerlicher Nahrungsmittel zu empfangen, welches in dem Kessel aus dem öffentlichen Platze zur Stillung ihres Hungers bereitet worden war.

Und siehe, schon drängen sich von anderen Orten des benachbarten Stadttheils von Rom ihre Mitbürger auf das gegebene Signal herbei, um sich Denjenigen, welche um den Kessel herstehen, anzuschließen. Die matte Schildwache wendet, von ihrem Posten abgelöst, ihren Blick von der traurigen Aussicht aus das gothische Lager ab und eilt, ihren Antheil an dem öffentlichen Mahle entgegenzunehmen Der Bäcker springt vom Schlafe auf seinem leeren Ladentische auf der Bettler erhebt sieh von seinem Lager in dem unbenutzten Schlachthause des Fleischers, der Sklave verläßt seinen Posten an dem glimmenden Küchenfeuer —— Alle eilen herbei, um die Zahl der zu dem elenden Mahle geladenen Gäste zu verstärken. Schnell und allgemein strömt die Gemeinde der Basilika durch ihre hohen Pforten, die Priester und Büßer entfernen sich von dem Fuße des Altars und in der großen Kirche, welche vor wenigen Augenblicken noch so menschenvoll gewesen war, ist jetzt nur noch die Gestalt eines einzigen Mannes vorhanden.

Seit dem Beginn des Gottesdienstes ist dieses einsame Wesen weder angeredet, noch beobachtet im Kreise der Gemeinden umhergeschwankt und hat lange und sehnsuchtsvolle Blicke auf die sich seinen Augen bietenden Gesichter geworfen. Seht, wo die Predigt zu Ende ist und der letzte Zuhörer die Kirche verlassen hat, wendet er sich von der Stelle ab, wo er ängstlich die verschiedenen Mitglieder der sich entfernenden Menge beobachtet hat und knieet schwach am Fuße einer nahen Säule nieder. Seine Augen sind hohl und seine Wangen bleich, seine dünnen, grauen Haare hängen unordentlich um seinen greisen Kopf. Er macht keinen Versuch, der Menge zu folgen und an ihrer Nahrung Theil zu nehmen, es ist Niemand zurückgeblieben, um ihn dazu zu treiben, es kehrt Keiner zurück, um ihn zu der öffentlichen Mahlzeit zu führen. Wiewohl schwach und alt, ist er in seiner Einsamkeit doch völlig verlassen, in seinem Schmerze völlig ungetröstet, seine Freunde haben jede Spur von ihm verloren, seine Feinde haben jetzt aufgehört, ihn zu fürchten oder zu hassen. Wie er so allein an der Säule knieet, bedeckt er seine Stirn mit den abgezehrten, zitternden Händen, seine trüben Augen füllen sich mit bitteren Thränen und in den Zwischenräumen seiner tiefen Seufzer hört man Ausdrücke wie diese:

»Ein Tag nach dem anderen —— ein Tag nach dem andern! und die Verlorene findet sich nicht, meine Geliebte und Gekränkte ist mir nicht wiedergegeben! Antonina! Antonina!«

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»Einige Tage nach der öffentlichen Vertheilung von Lebensmitteln auf dem St. Johannes Lateranplatze konnte man Vetranio’s Lieblings-Freigelassenen traurig und langsam auf dem Heimwege nach den Palaste seines Herrn sehen.

Nicht ohne Grund war der Schritt des klugen Carrio langsam, wie bei einem Leichenbegräbnisse und der Ausdruck seines Gesichts untröstlich. Selbst während der kurzen Periode, welche seit der bereits beschriebenen Scene in der Basilika verflossen war, hatte sich die Lage der Stadt furchtbar verschlimmert. Die Hungersnoth rückte mit Riesenschritten vorwärts, jede Stunde begabte sie mit neuer Kraft, jeder Versuch, sie zurückzuweisen, diente nur dazu, ihren sich verbreitenden Alles überwältigenden Einfluß zu vermehren. Eins nach dem andern nahmen die Vergnügungen und die Beschäftigungen der Stadt unter dem traurigen Drucke des allgemeinen Uebels ab, bis der Geist des Publikums in Rom unter allen Klassen gleichmäßig von einem düsteren Gedanken beherrscht wurde —— dem verzweifelnden den Trotz gegen die Hungersnoth wie gegen die Gothen.

Der Freigelassene trat, von den einst unterwürfigen Sklaven im Pförtnergemache weder begrüßt, noch bewillkommnet, in den Palast seines Herrn. Weder Harfen noch Sängerknaben, weder das schallende Gelächter der Frauen, noch die bacchische Lustigkeit von Männern erweckte jetzt das Echo in den einsamen Hallen. Der Puls der Freude schien in dem düsteren, verwandelten Hause Vetranio’s seinen letzten Schlag gethan zu haben. Carrio beschleunigte beim Eintreten in das Haus seine Schritte und begab sich in das-Gemach, wo ihn der Senator erwartete.

Auf zwei durch einen kleinen Tisch getrennten Ruhebetten lehnten der Herr des Palastes und seine Schülerin und Gefährtin .von Ravenna, die einst muntere Camilla. Vetranio’s offene Stirn hatte einen bewölkten, strengen Ausdruck angenommen, und er betrachtete weder seine Besucherin, noch redete er sie an, während diese ihrerseits eben so schweigsam und traurig, wie er selbst, war. Jede Spur von den früheren Kennzeichen des heitern, eleganten Wollüstlings und des munteren geschwätzigen Mädchens schien gänzlich verschwunden zu sein. Auf dem Tische zwischen ihnen stand eine große Flasche mit, Falerner Wein und ein Gefäß mit einer kleinen Quantität wässeriger Suppe, in deren Mitte ein winziger Teigkuchen schwamm, der kärglich mit gemeinen Kräutern gewürzt war. Was den gewöhnlichen Zubehör von Vetranio’s üppigem Privatleben betraf, so war, er nirgends zu sehen. Gedichte, Gemälde, Juwelen, Lauten, kurz Alles war verschwunden, selbst die unschätzbare Katze von der Zucht, welche die alten Egypter am höchsten verehrten, war nicht mehr zu erblicken. Sie war von einem entlaufenen Sklaven gestohlen, gekocht und verzehrt und ihr Rubinenhalsband gegen einen magern Papagei und die ungebratene Hälfte eines geschlachteten Hundes vertauscht worden.

»Ich beklage es gestehn müssen, werthgeschätzter Patron, aber meine Sendung ist mißlungen,« bemerkte Carrio, indem er mehrere Säcke mit Geld und Kisten mit. Juwelen unter seinem Mantel hervorzog und die selben vorsichtig auf den Tisch niedersetzte. Der Präfekt hat selbst der Durchsuchung der öffentlichen und Privatmagazine beigewohnt und ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß in der Stadt keine Handvoll Getreide mehr existirt.Ich habe öffentlich, auf dem Marktplatze fünftausend Sesterzien für einen lebenden Hahn und eine Henne geboten, aber die Antwort erhalten, daß das Geschlecht längst ausgerottet sei und da für Geld keine Nahrung mehr erlangt werden könne, selbst für den ärmsten Bettler von Rom das Geld nichts Wünschenswerthes mehr an sich habe. Sogar von dem Heu, welches ich gestern kaufte, ist jetzt auch für die freigebigste Bezahlung nichts mehr zu erlangen. Diejenigen, welche noch einen geringen Vorrath an Lebensmitteln besitzen, bewahren und verbergen denselben mit der eifersüchtigsten Sorgfalt. Ich habe weiter nichts thun können, als mir für den Bedarf der wenigen noch im Hause gebliebenen Sklaven diesen kleinen Vorrath von Hundefellen zu verschaffen, welche vor einigen Tagen bei der öffentlichen Vertheilung auf dem St. Johannes Lateranplatze zurückbehalten worden waren.«

Und der Freigelassene zeigte bei diesen Worten mit einem Gemisch von Triumph und Ekel seinen Vorrath von schmutzigen Häuten.

»Was für Mundvorräthe befinden sich noch in unserm Besitz!« fragte Vetranio, nachdem er einen tiefen Zug von dem Falerner gethan hatte, indem er seinem Diener einen Wink gab, ihm seine kostbare Last aus den Augen zu schaffen.

»Ich habe, da ich nicht weiß, wie bald der Hunger die Sklaven zum ungehorsam bringen kann, an einem sichern Orte sieben Säcke Heu, drei Körbe mit eingesalzenen Pferdefleisch, eine Confirurenschachtel mit Hafer und eine zweite mit getrockneter Petersilie versteckt. Die seltenen indianischen Singvögel befinden sich noch unverletzt im Vogelhause und überdies haben wir noch einen großen Vorrath von Gewürzen und einige Flaschen von der Nachtilgallensauce.«

»Wie sieht es jetzt in der Stadt aus?« unterbrach ihn Vetranio ungeduldig.

»Rom ist düster wie ein unterirdisches Grabmal,« antwortete Carrio schaudernd. »Das Volk versammelt sich in stummen, hungrigen Gruppen an den Thüren feiner Häuser und den Ecken der Straßen. Die Schildwachen der Mauern schwanken auf ihren Posten. Weiber und Kinder schlafen erschöpft auf dem Steinpflaster der Kirchen, die Theater sind eben so leer von Zuschauern, wie von Schauspielern, die Bäder hallen vom Geschrei nach Nahrung und Flüchen auf die Gothen wieder; schon werden in den offenen unbewachten Läden Diebstähle begangen und die Barbaren bleiben unbeweglich in ihrem Lager, ohne daß sich ihnen die versprochenen Legionen von Ravenna nähern, und greifen uns weder in unserer Schwäche an, noch bereiten sie sich darauf vor, die Blockade aufzuheben. Unsere Lage wird immer gefahrvoller —— ich habe große Hoffnung auf unsere Mundvorräthe, aber ——«

»Wirf Deine Hoffnungen dem Hofe von Ravenna und Dein Viehfutter dem heulenden Pöbel vor!« rief Vetranio mit plötzlicher Energie. »Es ist jetzt zu spät, um nachzugehen. Wenn uns nicht die paar nächsten Tage Hilfe bringen, so wird die Stadt ein menschliches Schlachthaus werden, und denkst Du, daß ich, der ich bereits bei dieser öffentlichen Aufhebung der geselligen Freuden meine Vergnügungen, meine Beschäftigungen und meine Gefährten verloren habe, ruhig auf dem langsamen, gemeinen Tod warten werde, der dann uns Alle bedrohen muß? Nein, es darf nicht gesagt werden, daß ich mit der Heerde verhungert sei, wie ein Sklave, den sein Herr verlassen hat! Wenn auch die Schüsseln meiner Festhalle jetzt leer sein müssen, so sollen doch meine Vasen und Weinbecher noch für meine Gäste funkeln. Im Keller befindet sich noch Wein und in der Vorrathskammer Gewürze und Wohlgerüche! Ich will meine Freunde zu einem letzten Gastmahle, einer Saturnalie in einer ausgehungerten Stadt, einem Banket des Todes einladen, welches durch die erheiternden Bemühungen Silens und seiner Faunen geliefert werden soll! Obgleich die Parzen mir das Schicksal eines Hundes gesponnen haben, so ist es doch die, Hand des Bacchus, welche den Faden durchschneiden soll!«

Seine Wangen waren erhitzt, seine Augen funkelten, die ganze wahnsinnige Energie seines Entschlusses wurde bei diesen Worten auf seinem Gesichte erkennbar, er war nicht mehr der leichte, liebenswürdige, glattzüngige Stutzer, sondern ein mürrischer, rücksichtsloser, verzweifelter Mensch, der sich um keine Pflicht und Beschäftigung mehr kümmerte, welche bisher auf die ruhige Oberfläche seines Patrizierlebens Einfluß geübt hatte. Camilla, welche bis jetzt ein trauriges Schweigen bewahrt, eilte mit entsetzen Blicken und strömenden Thränen auf ihn zu. Carrio starrte in verblüfftem Erstaunen auf das verstörte Gesicht seines Herrn, vergaß sein Bündel von Hundefellen und ließ dasselbe unbeachtet auf den Boden fallen. Es trat eine kurze Pause ein, welche plötzlich durch das ungemeldete Eintreten einer vierten blassen, zitternden, athemlosen Person unterbrochen wurde, die kein Anderer war als Vetranio’s früherer Besucher, der Präfekt Pompejanus.

»Ich heiße Dich zu meinem bevorstehenden Gastmahle überströmender Weinbecher und leerer Schüsseln willkommen!« rief Vetranio, indem er den funkelnden Falerner in sein leeres Glas schüttete. »das letzte Gastmahl, welches vor der Vernichtung der Stadt in Rom gegeben wird, soll das meine sein. Die Gothen und die Hungersnoth sollen an meinen letzten Augenblicken keinen Theil haben! —— Die Freude soll bei meinem Tode den Vorsitz führen, wie sie es mein ganzes Leben lang gethan hat! Ich werde sterben, wie Sardanapal, von meinen Geliebten und Schätzen umgeben und der letzte meiner Gäste, welcher bei unserem Feste nüchtern bleibt, soll meinen Palast anzünden, wie der königliche Assyrier den seinen

»Wir leben in keiner Zeit zum Scherze!« rief der Präfekt, indem er sich mit verwirrten Blicken und farblosem Gesicht umsah. »Unser Elend beginnt erst jetzt! In der nächsten Straße liegt die Leiche eines Weibes und —— eine entsetzliche Vorbedeutung! um ihren Hals haben sich Schlangen gewickelt! Wir haben keinen Begräbnißplatz, um sie und die Tausende zu beerdigen, welche gleich ihr sterben können, ehe uns Hilfe zu Theil wird! Die städtischen Grabmäler vor den Mauern befinden sich in den Händen der Gothen. Das Volk steht, von Entsetzen überwältigt, um die Leiche her, denn es hat jetzt eine furchtbare Wahrheit entdeckt, die wir ihm gern verborgen haben würden ——«

Hier hielt der Präfekt inne, blickte seine Zuhörer schreckensvoll an und fügte mit leiser, bebender Stimme hinzu:

»Die Bürger liegen verhungert auf den Straßen von Rom!«


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