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Nicht aus noch ein



Erster Act

Der Vorhang geht auf.

In einer Sackgasse der City von London, die weder für Fuhrwerk noch Fußgänger einen Durchweg bot, einer Sackgasse, die in die abschüssige, schlüpfrige, krumme Straße mündet, welche die Verbindung zwischen Towerstreet und dem Middleser Ufer der Themse herstellt, befand sich das Geschäftslocal von Wilding u. Co., Weinhändler. Wahrscheinlich als scherzhaftes Zugeständniß davon, daß der große Haupteingang des Locales wie eine Barricade die Welt verrammelte, trug der unterste Theil der abschüssigen Straße, von der aus man an den Fluß gelangte (wie der Geruch deutlich verspüren ließ) den Namen BreakNeckStairs. Die Sackgasse selbst wurde in früheren Zeiten treffend genug Cripple Cornet getauft.

Schon viele Jahre vor dem Jahr 1861 hatten die Leute aufgehört, in BreakNeckStairs Boote zu miethen und die Schiffer sich davon entwöhnt, dort anzulegen. Der schlammige Weg hatte den nach und nach zur Reife gediehenen Entschluß sich umzubringen ausgeführt und sich in den Fluß gestürzt, und so blieb nichts als zwei oder drei verstümmelte Pfähle und ein rostiger eiserner Ring, der zum Befestigen der Boote gedient hatte, von BreakNecks vergangener Pracht übrig. Manchmal indessen legte ein mit Kohlen beladener Kahn gegen das Ufer an, geschäftige Hebel wurden aufgerichtet, die anscheinend nichts thaten als Schmutz heraufbefördern. Die Ladung wurde in der Nähe abgeliefert. Das Boot fuhr wieder fort und war verschwunden; für gewöhnlich aber bestand der einzige Verkehr in BreackNeckStairs aus dem Transport von Fässern und Flaschen, die entweder voll oder leer waren, entweder fortgeschafft wurden aus den Kellern oder hineingeschafft wurden in die Keller Von Wilding und Co., Weinhändler. Aber selbst dieser Verkehr fand nur dann und wann statt und über dreiviertel Zeit der steigenden Fluth spülte und leckte der schmutzige, unreinliche, graue Fluß ungestört an dem rostigen Ring, als ob er einmal von dem Dogen und dem Adriatischen Meere vernommen habe und sich danach sehnte, auch eine Vermählung zu feiern, etwa mit dem mächtigen Erhalter allen Schlammes in seinen Fluthen, mit dem Right Honourable Lord Mayor.

Zwei hundert und einige fünfzig Yards (vom untersten Anfang von BreakNeckStairs aus gerechnet) auf der Anhöhe geradezu, rechter Hand, befand sich Cripple Cornet. Cripple Cornet hatte einen Brunnen, Cripple Cornet hatte einen Baum. Ganz Cripple Corner gehörte Wilding und Co., Weinhändler. Die Kellerräume lagerten darunter, die Gebäude erhoben sich darüber. In den Tagen, wo Kaufherren noch die City bewohnten, war eines derselben wirklich ein Wohnhaus gewesen; ein prächtiges Schirmdach ohne sichtbare Stützen breitete sich über dem Thorweg aus, wie das Schallbrett über einer Kanzel. Es hatte auch eine Anzahl langer schmaler Streifen, die Fenster vorstellten und in der Front des finsteren aus Backsteinen errichteten Hauses so vertheilt waren, daß sie überall gleich häßlich erschienen. Auf dem Dach befand sich eine Kuppel mit einer Glocke.

»Wenn ein Mann von fünf und zwanzig Jahren seinen Hut aussetzen und sagen kann: Dieser Hut bedeckt den Eigenthümer dieses Besitzthums und des Geschäftes, welches sich an dieses Besitzthum knüpft, da denke ich, Mr. Bintrey, ohne zu prahlen, er könne nicht anders als von tiefer Dankbarkeit durchdrungen sein. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, aber mir erscheint es so.«

Mr. Walter Wilding sprach das zu seinem Advocaten, in seinem eigenen Comtoir, indem er den Hut vom Riegel nahm, um seinen Worten die That folgen zu lassen. Danach hing er den Hut wieder auf, um nicht unbescheidener zu erscheinen als er war.

Ein unverdorbenen offen blickender, treuherziger Mann war Mr. Walter Wilding, mit merkwürdig weißem und rosigem Gesicht. Seine Gestalt war fast zu stark für einen jungen Mann, obgleich sie recht stattlich aussah. Mit krausem braunen Lockenhaar und blauen, glänzenden, einnehmenden Augen gab er sich als einen äußerst mittheilsamen Mann, als einen Mann, dessen Beredsamkeit der nicht zu hemmende Ausfluß innerer Zufriedenheit und Dankbarkeit war. Mr. Bintrey dagegen war ein vorsichtiger Mann mit immer feuchten Augen und einem großen vorgebeugten kahlen Kopf. Er belustigte sich innerlich höchlich über das Komische einer offenen Sprache, einer offenen Hand und eines offenen Herzens.

»Ja,« sagte Mr. Bintrey. »Ja. Ha, ha!«

Eine Flasche, zwei Weingläser und ein Teller mit Kuchen standen ans dem Tisch.

»Mögen Sie den fünfundvierzigjährigen Portwein?« fragte Mr. Wilding.

Ihn mögen?« wiederholte Mr. Bintrey. »Ob ich es thue, Sir!«

»Er ist aus der besten Ecke unseres besten Weinverschlages, der fünfundvierzigjährigen aufweist« sagte Mr. Wilding.

»Danke Ihnen, Sir,« sagte Mr. Bintrey. »Er ist ausgezeichnet.«

Der Advokat lachte, als er das Glas in die Höhe hielt und es beäugelte, vergnügt über die eigentlich höchst possierliche Idee, solchen Wein fortzugeben.

»Und nun,« sagte Mr. Wilding, der am Sprechen über Geschäftssachen eine wahrhaft kindische Freude empfand, »haben wir Alles in’s Reine gebracht, Mr. Bintrey, wie ich glaube.«

»Alles,« sagte » Mr. Bintrey.

»Einen Compagnon gesichert ——«

»Compagnon gesichert,« sagte Bintrey.

»Bekannt gernacht, daß wir eine Hanshälterin brauchen ——«

»Eine Haushälterin brauchen,« sagte Bintrey, »welche sich persönlich melden soll in Cripple Corner, Great Towerstreet von zehn bis zwölf —— morgen nämlich.«

»Die Geschäfte meiner lieben verstorbenen Mutter abgewickelt ——«

»Abgewickelt,« sagte Bintrey.

»Und alle Auslagen bezahlt.«

»Alle Auslagen bezahlt,« sagte Bintrey, aus vollem Halse lachend des spaßhaften Umstandes wegen, daß sie ohne Feilschen bezahlt worden waren.

»Das Andenken meiner geliebten verstorbenen Mutter überwältigt mich immer, Mr. Bintrey,« fuhr Mr. Wilding fort, indem sich seine Augen mit Thräuen füllten, die er mit dem Taschentuch abtrocknete. »Sie wissen, wie ich sie geliebt habe, Sie [ihr Geschäftsmann] wissen, wie sie mich geliebt hat. Die höchste Zärtlichkeit, die zwischen Mutter und Kind denkbar ist, hat zwischen uns geherrscht, und von der Zeit an, wo sie mich in ihre Obhut nahm, kann ich mich nicht der kleinsten Uneinigkeit, nicht der kleinsten Mißstimmung unter uns erinnern. Dreizehn Jahr im Ganzen! Dreizehn Jahr unter der Obhut meiner lieben verstorbenen Mutter, Mr. Bintrey und davon die letzten acht als ihr Sohn anerkannt! »Sie kennen die Geschichte, Mr. Bintrey, wer kennt sie besser als Sie, Sir!« Mir. Wilding seufzte und trocknete sich die Augen, ohne während der letzten Bemerkungen den Versuch zu machen, seine Rührung zu verbergen.

Mr. Bintrey genoß wieder von dem Portwein, der ihn so vergnügt stimmte, und sagte, nachdem er ihn im Munde hin und hergespült hatte: »Ich kenne die Geschichte!«

»Meine geliebte, verstorbene Mutter, Mr. Bintrey,« fuhr der Weinhändler fort, »ist schändlich hintergangen worden und hat viel gelitten. Aber über diesen Punkt blieben die Lippen meiner geliebten, verstorbenen Mutter geschlossen. Von wem hintergangen und unter welchen Verhältnissen? weiß der Himmel allein. Meine geliebte verstorbene Mutter hat nie den Namen des Verräthers ausgesprochen.«

»Sie hatte mit sich abgeschlossen,« sagte Mr. Bintrey, aufs Neue seine Gaumen mit Wein bespülen, »und war darüber ruhig geworden.« Sein Zwinkern mit den Augen fügte ziemlich deutlich hinzu: »Verteufelt viel ruhiger, als Sie es jemals sein werden.«

»Ehre Vater und Mutter,« —— Wilding seufzte beim Anführen des Gebotes —— »auf daß du lange lebest auf Erden.« Als ich im Findelhause war, Mr. Bintrey, quälte ich mich verzweiflungsvoll, wie ich das anzustellen habe, und fürchtete, meiner Tage könnten nur wenige sein aus Erden. Späterhin aber wurde mir das Glück, meine, Mutter von Herzen verehren zu können. Und ich ehre sie und halte ihr Andenken hoch. Vor sieben Jahren, Mr. Bintrey,« fuhr Wilding mit demselben kindlichen Schluchzen und überströmenden Thränen fort, »that mich meine vortreffliche Mutter zu meinen Vorgängern im Geschäft Pebbleson Nephew in die Lehre. Ihre zärtliche Fürsorge brachte mich zu gleicher Zeit in die Weinhändlerzunft und machte mich bei Zeiten zum selbstständigen Weinhändler, und —— und —— noch vieles Andere, was die beste der Mütter für mich ersann. Als ich großjährig wurde, übertrug sie den von ihr ererbten Antheil an dem Geschäft auf mich. Mit ihrem Gelde kaufte sie Pebbleson Nephew aus und setzte dafür Wilding und Co. auf das Schild » Sie hinterließ mir Alles, was sie besaß, nur den Trauerring nicht, den Sie tragen. —— Und nun, Mr. Bintrey,« rief er, indem seine kindlichen Gefühle aufs Neue hervorbrachen, »ist sie nicht mehr. Kaum ein halbes Jahr ist verflossen, seitdem sie nach Corner kam, um mit ihren eigenen Augen an dem Thürpfosten zu lesen: Wilding und Co., Weinhändler, und nun ist sie nicht mehr!«

»Traurig. Aber unser aller Loos, Mr. Wilding!« bemerkte Bintrey. »Heut oder morgen sind wir alle nicht mehr.« Damit brachte er den fünfundvierzigjährigen Portwein, über dessen Wohlgeschmack seufzend, zu seiner allgemeinen Bestimmung.

»Jetzt, Mr. Bintrey,« fuhr Wilding fort, sein Taschentuch bei Seite steckend und seine Augenlider mit den Fingern reibend, »jetzt kann ich meiner lieben Verstorbenen keine Achtung und Ehrfurcht mehr beweisen, ihr, zu der sich mein Herz instinktmäßig und geheimnißvoll hingezogen fühlte, als ich sie zuerst sah. Sie, eine fremde Dame, sprach mit mir, einem Findling, der am sonntagtäglichen Mittagstische saß; ich will beweisen, daß ich mich nicht schäme ein Findelkind gewesen zu sein; ich, der ich nie den eigenen Vater gekannt habe, will allen denen ein Vater sein, die in meinem Dienste stehen. Deshalb« fuhr Wilding fort bei seinem Schwatzen in Begeisterung gerathend, »deshalb brauche ich eine durch und durch vortreffliche Haushälterin, welche die Wirthschaft von Wilding u. Co., Weinhändler, Cripple Corner vorzustehen vermag, damit ich, wie in früheren Zeiten eine enge Verbindung des Brodherrn mit seinen Beamten wieder herstellen kann. Damit ich an dem Ort, wo mein Geld verdient wird, auch wohnen kann! Damit ich zu Häupten der Tafel sitzen kann, an der die bei mir Angestellten gemeinsam speisen und mit ihnen von demselben Gebratenen und Gekochten essen und von demselben Bier trinken kann! damit die in meinem Dienststehenden Leute mit mir unter einem Dache leben und so wir alle zusammen. —— Ich bitte um Verzeihung, Mr. Bintrey, aber mein altes Sausen im Kopf hat mich wieder überfallen und ich würde Ihnen recht dankbar sein, Wenn Sie mich zum Brunnen führen wollten«

Von der tiefen Röthe im Gesicht seines Clienten beunruhigt, geleitete ihn Mr. Bintrey augenblicklich nach dem Hof. Es war sogleich geschehen, denn das Comptoir, in welchem sie sich befanden, ging, an der einen Seite des Wohnhauses gelegen, zum Hof hinaus. Auf ein Zeichen seines Clienten setzte der Geschäftsführer bereitwillig den Brunnenschwengel in Bewegung und der Client wusch sich Kopf und Hände und trank einen kräftigen Zug. Nach diesen Mitteln erklärte er sich besser zu befinden.

»Lassen Sie sich nicht durch Ihr gutes Herz so aufregen,« sagte Bintrey, als sie wieder im Comptoir anlangten und Mr. Wilding sich an dem Handtuch, welches hinter der Thür hing, abtrocknete.

»Nein, nein. Ich werde mich in Acht nehmen,« erwiderte er, aus dem Handtuch aufsehend. »Ich werde es nicht wieder thun. Ich habe nichts Verworrenes gesagt, nicht wahr?«

»Durchaus nichts. Nur vollständig Klares.«

»Wo blieb ich doch stehen, Mr. Bintrey?«

»Sie blieben stehen —— Aber in Ihrer Stelle würde ich mich nicht damit aufregen fortzufahren, besonders jetzt.«

»Ich werde mich in Acht nehmen. Wobei stellte sich das Sausen in meinem Kopfe ein, Mr. Bintrey?«

»Beim Gebratenen Gekochten und beim Bier,« antwortete der Advokat. »Beim Wohnen unter einem Dach und wie es uns allen zusammen ——«

»Aha! Und wie es uns allen zusammen im Kopfe sauste ——«

»Wissen Sie, ich würde mich an Ihrer Stelle wirklich nicht durch mein gutes Herz so aufregen lassen,« gab ihm der Advokat besorgt zu verstehen. »Wir wollen noch einmal aü den Brunnen gehen.«

»Nicht nöthig! nicht nöthig! Alles in Ordnung, Mr. Bintrey —— und wie wir alle zusammen eine liebevolle Familie ausmachen wollen. Sehen Sie, Mr. Bintrey, ich bin in meiner Kindheit nicht gewohnt gewesen, für mich allein zu sein, wie es Manche mehr oder weniger in ihrer Kindheit gewohnt sind. Später bin ich ganz in meine liebe verstorbene Mutter aufgegangen. Nachdem ich sie verloren habe, kommt es mir vor, als ob ich vielmehr dazu geschaffen wäre, ein Theil von einem Ganzen zu sein, als ein Ganzes für mich allein. Ersteres zu werden und meine Pflicht zu thun an allen denen, die von mir abhängen, meine Untergebenen an mich zu fesseln, hat etwas Patriarchalisches und Verlockendes für mich. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, Mr. Bintrey, aber mir erscheint es so.«

»Nicht ich, sondern Sie haben zu bestimmen in diesem Falle,« erwiderte Bintrety, »folglich ist es von wenig Belang, wie es mir erscheint.«

»Mir erscheint es,« sagte Mr. Wilding in vollem Eifer, »hoffnungsvoll, nützlich und genußreich.«

»Wissen Sie,« gab ihm der Advokat wieder zu verstehen, ich würde mich in Ihrer Stelle wirklich ——«

»Ich höre schon auf. Dann haben wir Händel.«

»Wir haben wen?« fragte Bintrey.

»Händel, Mozart, Haydn, Kent, Pureel, Doctor Arne, Greene, Mendelssohn. Ich kenne die Chöre der geistlichen Musikwerke auswendig, die ganze Sammlung der Findelhauskapelle. Warum sollten wir sie nicht zusammen aufführen können?«

»Wer soll sie aufführen?« fragte der Advokat gespannt.«

»Der Arbeitgeber und seine Arbeiter.«

»So, so!« erwiderte Bintrey besänftigt. Es sah aus, als habe er die Antwort erwartet, der Geschäftsführer und sein Client. »Das ist etwas anderes.«

»Durchaus nichts anderes, Mr. Bintrey. Es ist ganz dasselbe. Ein Glied der Kette, die uns mit einander verbindet.« Wir wollen in irgend einer stillen Kirche, die Corner nahe liegt, den Chor bilden und wenn wir Sonntags mit Wohlbehagen gesungen haben, nach Hause gehen und zu zeitiger Stunde mit Wohlbehagen unser Mittagbrod einnehmen. Es liegt mir sehr am Herzen diesen Plan unverzüglich ins Werk zu richten, so daß mein neuer Compagnon bei seiner Ankunft die Sache schon im besten Gange findet.«

»Ich wünsche ihr alles Gute! möge sie gedeihen!« rief Bintrey, sich erhebend, aus. »Soll Joey Ladle auch mitwirken bei Händel, Mozart, Haydn, Kent, Purcell, Doktor Arno, Greene und Mendelssohn?«

Ich hoffe.«

»Ich wünsche den Musikern, daß sie sämtlich mit heiler Haut davonkommen mögen!« erwiderte Bintrey aus vollem Herzen. »Guten Morgen, Sir. »Sie schüttelten sich die Hände und schieden. Dann, nachdem er durch Anklopfen mit seinen Knöcheln um Erlaubniß gefragt hatte, trat zu einer Verbindungsthür, die aus dem Privatbüreau in das der Schreiber führte, der Ober-Kellermeister der Kellergewölbe von Wilding u. Co., Weinhändler und früherer Ober-Kellermeister der Kellergewölbe von Pebbleson Nephew, der eben erwähnte Joey Ladle, zu Wilding herein: Ein schwerfälliger, bedächtiger Mann; wenn man ihn nach der Ordnung des menschlichen Baustyles abschätzen sollte, so würde er zur Klasse der Frachtfuhrleute gehören, mit seinem verschrumpften Anzug und seiner begossenen Schürze, die augenscheinlich halb aus Bast halb aus Rhinozerosfell bestand.

»Was das gemeinsame Speisen und Wohnen anbetrifft, junger Herr Wilding,« sagte er.

»Nun, Joey?«

»Ich spreche für mich selbst, junger Herr Wilding —— ich spreche nie und habe noch nie für jemand anders als für mich selbst gesprochen —— und ich brauche eigentlich keine Speise —— noch ein Wohnhaus jedoch wenn Sie mich speisen und mich einquartieren wollen, so thun Sie es. Ich kann eben so gut essen wie mancher Andere. Wo ich esse, hat bei mir viel weniger auf sich, als was ich esse, und besonders nicht so viel auf sich als wieviel ich esse. Werden Alle in dem Hause wohnen, Mr. Wilding? Die beiden anderen Kellermeister, die drei Träger, die beiden Lehrlinge und der Geschäftsführer?«

»Ja. Ich hoffe wir werden alle eine glückliche Familie ausmachen, Joey.«

»Ah!« sagte Joey. »Ich hoffe das werden sie.«

»Sie? Sage lieber wir, Joey.«

Joey Ladle schüttelte den Kopf. »Sie können nicht von mir erwarten, daß ich wir sage, junger Herr Wilding, bei meiner Lebensweise und unter den Verhältnissen, unter denen sich meine Neigungen ausgebildet haben. Ich habe oft Pebbleson u. Nephew geantwortet, wenn sie mir gesagt haben: mache ein freundlicheres Gesicht, Joey —— meine Herren, das mögen Sie können, die daran gewöhnt sind Ihren Wein nach einem System zu trinken, nach welchem er lustig durch die Kehle rinnt, Sie mögen ein freundliches Gesicht dazu machen, aber, sagte ich, ich bin daran gewöhnt meinen Wein durch die Poren der Haut einzunehmen mit auf diesem Wege genossen macht er eine schlimme —— eine niederdrückende Wirkung. Es ist ein anderes Ding, meine Herren, sagte ich zu Pebbleson u. Nephew, in einem Eßsaal die Gläser zu füllen und sie mit Hurrah! hoch! und »Ein lustiger Bruder Jedermann,« zu leeren und ist ein anderes Ding vom Weindunst, der durch die Poren dringt, angefüllt zu werden, in einem dunklen niedrigen Gewölbe mit feuchter Luft. Das bringt verschiedene Wirkungen, bringt gute und schlechte Laune hervor, sagte ich zu Pebbleson u. Nephew. Und das ist wahr. Ich bin mein ganzes Leben hindurch mit voller Hingabe an meinen Beruf Kellermeister gewesen. Was ist die Folge davon? Ich bin ein so dumpfiger Mensch, wie nur irgend einer lebt —— Sie können keinen dumpfigeren finden —— noch können Sie was einen melancholischen Sinn anbetrifft meinesgleichen zum zweiten mal auftreiben. »Singt und schnell den Becher gefüllt! Jeder Tropfen, der überquillt, spült von der Stirn des Grames Falten, bannt aus der Seele die düsteren Gewalten.« Ja. Vielleicht ist das so. Aber wer durch die Poren der Haut mit Dunst angefüllt wird, noch dazu unter der Erde, der heitert sich nicht auf«

»Das thut mir leid, Joey. Ich hatte gehofft, daß Du auch in die Singeschule eintreten werdest, die wir im Hause errichteten.«

»Ich, Sir? Nein, nein, junger Herr Wilding. Joey Ladle würde die ganze Harmonie dumpfig machen. Eine Speisenvertilgungsmaschine ist das einzige, Sir, zu dem ich außerhalb der Kellerräume zu verwenden bin; aber mir kann es recht sein, wenn Sie es der Mühe für werth halten so etwas, wie Sie eben erwähnten, zu errichten.«

»Das thue ich, Joey.«

»Kein Wort weiter, Sir! Meines Geschäftsherrn Wille ist mir Gesetz. —— Und Sie werden den jungen Herrn George Vendale als Compagnon in das alte Geschäft aufnehmen?«

»Das werde ich, Joey.«

»Noch mehr Veränderungen! Aber, hören Sie, ändern Sie die Firrna nicht wieder. Thun Sie es nicht, junger Herr Wilding. Es war schlimm genug, daß sie in Sie selbst und Co. verwandelt wurde. Besser wäre es gewesen, sie Pebbleson Nephew heißen zu lassen, denen das Glück immer treu geblieben ist. Man muß das Glück? nie versuchen, wenn es gut gelaunt ist, Sir.«

»Was auch kommen mag, ich habe nicht die Absicht, den Namen des Hauses noch einmal zu ändern, Joey.«

»Freut mich zu hören und ich wünsche Ihnen einen guten Tag, junger Herr Wilding; aber Sie hätten um Vieles besser gethan,« murrte Joey Ladly kopfschüttelnd, als er die Thür hinter sich schloß, »den Namen zu lassen wie er war. Sie hätten um Vieles besser gethan, sich, vom Glück führen zu lassen; als seinen Weg zu durchkreuzen.«



Kapiteltrenner

Die Haushälterin tritt auf.

Am andern Morgen saß der Weinhändler in seinem Eßzimmer, um die Personen, welche sich zu den offenen Stellen im Haushalt meldeten, zu empfangen. Es war ein altmodisches getäfeltes Gemach, in dem er sich befand, die Paneele waren mit aus Holz geschnitzten Blumenfestons verziert, den eichenen Fußboden bedeckte ein Verbleichter türkischer Teppich; dunkle Mahagoni-Möbel, welche alle unter Pebbleson Nephew gedient und Politur erhalten hatten, standen umher. Der große Credenztisch hatte vielen officiellen Diners beigewohnt, die Pebbleson Nephew’s ihren Connexionen gaben. Pebbleson Nephew’s wußten die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Pebbleson Nephews geräumigen dreiseitiger Tellerwärmer, der die ganze Front der Feuerstelle einnahm, behütete den darunter befindlichen, von einer Art Sarkophag beschirmten kleinen Keller, welcher zu seiner Zeit viele Dutzende von Pebbleson Nephew’s Weinflaschen beherbergte. Aber der kleine rothe alte Junggeselle mit dem Zöpfe, dessen Portrait über dem Credenztisch hing (und dem man sogleich ansah, daß er entschieden ein Pebbleson und entschieden kein Nephew war) hatte sich in einen andren Sarkophag zurückgezogen und der Tellerwärmer war dar über, so kalt wie sein Herr geworden. Die schwarz und goldnen Greise, die den Kandelaber trugen und schwarze —— an goldenen Ketten befestigte Kugeln in den Mäulern hielten, sahen aus, als ob sie in ihren alten Tagen alle Lust verloren hätten, damit Ball zu spielen. Sie wiesen traurig ihre Ketten dar und fragten nach Art der Missionare: Sind wir denn nicht Greise und Brüder, die wohl verdienen endlich erlöst zu werden?

Einen wahren Columbus von einem Morgen konnte man den heutigen Sommermorgen nennen, da er Cripple Cornet entdeckt hatte. Sein Licht und seine Wärme drangen durch die offenen Fenster und beleuchteten das Bildniß einer Dame über dem Kamin, außer dem vorher erwähnten Portrait die einzige Wandverzierung.

»Meine Mutter, als sie fünfundzwanzig Jahre alt war,« sprach Mr. Wilding zu sich selbst. Seine Augen waren voller Entzücken dem Lichtstrahl zu dem Bilde hinauf gefolgt. »Ich habe sie hierher gehängt, damit die mich Besuchenden meine Mutter in der Blüthe ihrer Schönheit und Jugend bewundern können. Meine Mutter im Alter von fünfzig Jahren hängt in der Verschwiegenheit meines eigenen Zimmers, als eine mir heilige Erinnerung.« —

»O! Sind Sie es Jarvis?«

Die letzten Worte waren an einen Schreiber gerichtet, der an die Thür gepocht hatte und nun hineinsah.

»Ja, Sir. Ich wollte nur melden, daß es zehn vorbei ist, Sir, und daß mehrere Frauen im Comptoir warten.«

»Richtig!« sagte der Weinhändler. Das Rothe in seiner Gesichtsfarbe wurde röther und das Weiß weißer als vorher.

»Also Mehrere sind da? Mehrere —— das ist sehr viel. Ich hätte anfangen sollen, ehe Mehrere da waren.

Ich will eine nach der andern sehen, Jarvis, und zwar in der Reihe, wie sie gekommen sind.«

Eiligst sich in seinen Lehnstuhl am Tisch hinter dem großen Tintenfaß verschanzend, nachdem er zuvor einen andern Sessel seinem eignen gegenüber gestellt hatte, begann Mr. Wilding sein Geschäft mit Zittern und Zagen.

Ein Spießruthenlaufen begann, wie bei jeder solchen Gelegenheit. Es kam die gewöhnliche Sorte von unsäglich unanziehenden Frauen und die ebenso gewöhnliche von zu anziehenden Frauen. Es kamen raubgierige Wittwen, die sich seiner bemächtigen wollten; sie hatten Schirme unter ihre Arme gepreßt und ihm war, als ob er das Pressen mitempfand. Es kamen schwärmerische Kammermädchen, die bessere Tage gesehen hatten, mit Zeugnissen von Geistlichen bewaffnet, welche die Frömmigkeit der Kammermädchen bescheinigten, als ob er St. Peter mit den Schlüsseln wäre. Es kamen allerliebste Kammermädchen, die ihn gern geheirathet hätten. Es kamen Hanshälterinnen von Profession, gleich Beamten ohne Amt, welche ihn mit sich durch alle häuslichen Pflichten zogen, anstatt sich selbst einem Examen zu unterwerfen. Es kamen Alterschwache und Kranke, die weniger auf gutes Gehalt sahen, als auf liebevolle Verpflegung. Es kamen sentimentale Wesen, die bei jeder Anrede in Thränen ausbrachen und erst mit Gläsern kaltem Wasser wieder zu sich gebracht werden mußten. Es kamen zwei zu gleicher Zeit, von denen eine die andere empfehlen wollte, die eine war sehr viel versprechend die andere gar nichts versprechend. Die Vielversprechende antwortete bezaubernd auf alle Fragen, nur kam zuletzt heraus, daß sie gar keine Stelle haben wolle, sondern sie nur die Freundin der Nichtsversprechenden sei, welche in absolutem Schweigen verharrte. Endlich, als dem guten einfachen Weinhändler der Muth zu sinken begann, trat eine Bewerberin ein, die ganz verschieden von allen Uebrigen war. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren, aber jünger aussehend, mit einem Gesicht, welches durch ruhige Freundlichkeit anzog und einer Haltung, die nicht minder durch ihr Gepräge von Seelenruhe fesselte. An ihrem Anzug hätte nichts zum Vortheil verändert werden können, ebenso wenig an der geräuschlosen Art ihrer Bewegungen und nichts konnte zu dem eben Erwähnten besser passen, als der Ton der Stimme, mit dem sie die Frage: »Welchen Namen habe ich zu schreiben?« beantwortete. »Mein Name ist Sarah Goldstraw. Mrs. Goldstraw. Mein Mann ist schon seit Jahren todt und wir haben keine Kinder.«

Ein halbes Dutzend Fragen hatten bei den Andern nicht so viel zur Sache Gehörendes herausgebracht. Die Stimme schlug so angenehm an Mr. Wildings Ohr, während er seine Notiz machte, daß er länger damit zu brachte, als nöthig. Beim Aufsehen bemerkte er, daß Mrs. Goldstraw’s Blicke im Zimmer umhergewandert waren und eben Von der Kaminwand zu ihm zurückkehrten. Ihr Ausdruck war der der offensten Bereitwilligkeit, alle Fragen: unumwunden zu beantworten.

»Entschuldigen Sie, daß ich einige Fragen thun muß,« sagte der Weinhändler bescheiden.

»Gewiß, Sir. Sonst brauchte ich ja nicht hier zu sein.«

»Haben Sie schon einem Haushalt vorgestanden?«

»Einmal. Ich bin nach dem Tode Meines Mannes zwölf Jahr bei einer verwittweten Dame gewesen. Sie war kränklich und starb vor Kurzem. Es ist der Grund, weshalb Sie Mich in Trauer sehen.«

»Ich zweifle nicht, daß sie Ihnen ein gutes Zeugniß ausgestellt haben wird,« sagte Mr. Wilding.

»Ich freue mich, es bestätigen zu können: wirklich ein gutes. Auch glaubte ich Ihnen Mühe zu ersparen, wenn ich Namen und Wohnung des Gentleman, der an Stelle meiner Herrin Auskunft ertheilen will, niederschrieb und mitbrachte.« Sie legte bei diesen Worten eine Karte aus den Tisch.

»Mrs. Goldstraw,« sagte Mr. Wilding indem er die Karte bei Seite legte, »Sie erinnern mich In Ihrer Art und Weise, Ihrem Ton der Stimme, an etwas aus früherer Zeit. Nicht an eine einzelne Person —— das weiß ich gewiß, obgleich ich nicht darauf kommen kann, was mir eigentlich im Sinne liegt —— aber an eine bestimmte Art des Benehmens. Ich muß hinzufügen, an eine freundliche, mir angenehme.«

Sie entgegnete lächelnd: »Das freut mich zu hören, Sir.«

»Ja,« fuhr der Weinhändler gedankenvoll fort, seine letzten Worte wiederholend, indem er einen schnellen Blick auf seine künftige Haushälterin warf, »eine freundliche und mir angenehme, aber das ist auch alles, worauf ich mich besinnen kann. Die Erinnerung schwebt mir vor, wie ein halb vergessener Traum. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, Mrs. Goldstraw, aber mir erscheint es so.«

Wahrscheinlich erschien es Mrs. Goldstraw in demselben Lichte, denn sie stimmte Mr. Wilding ruhig bei. Mr. Wilding erklärte sich in Verbindung mit dem Herrn setzen zu wollen, dessen Name aus der Karte verzeichnet stand: die Firma eines Procurators in Doctors Commons. Mrs. Goldstraw verneigte sich dankend. Da Doctors Commons nicht weit war, so schlug Mr. Wilding vor, ob es Mrs. Goldstraw möglich wäre, etwa in drei Stunden wieder herzukommen? Mrs. Goldstraw versprach es. Kurz und gut, das Ergebniß von Mr. Wildings Erkundigungen fiel im hohen Grade befriedigend aus. Mrs. Goldstraw wurde noch diesen Nachmittag engagirt und zog (nach ihrer eigenen Bestimmung) am andern Morgen ein, um sich in Cripple Cornet als Haushälterin niederzulassen.



Kapiteltrenner

Die Haushälterin redet.

Am andern Tage traf Mrs. Goldstraw ein, um ihre neuen Pflichten zu übernehmen.

Nachdem sie sich in ihrem Zimmer eingerichtet hatte, ohne die Diener zu bemühen und ohne Zeitverschwendung meldete sich die neue Haushälterin bei ihrem Herrn, um die Instructionen, die er ihr etwa zu geben wünsche, entgegenzunehmen. Der Weinhändler empfing Mrs Goldstraw im Eßzimmer, in der er sie schon am vorigen Tage empfangen hatte und, nachdem die gegenseitige Begrüßung vorüber war, setzten sich beide nieder, um über die häuslichen Angelegenheiten zu berathen.

»Was die Speisen anbetrifft, Sir!« sagte Mrs. Goldstraw. »Habe ich eine große Anzahl oder nur wenig Menschen zu bewirthen?«

»Wenn ich einen lieben altmodischen Plan ausführen kann,« erwiderte Mr. Wilding »werden Sie eine große Anzahl zu versorgen haben. Ich bin ein einsamer unverheiratheter Mann, Mrs. Goldstraw, und gedenke mit allen denen, die bei mir im Geschäft sind, zu leben, als ob wir eine Familie wären. Bis es so weit ist, haben Sie Niemand als mich und den neuen Compagnon, den ich jeden Augenblicke erwarte, zu versorgen. Welche Gewohnheiten mein Theilnehmer am Geschäft haben mag, kann ich nicht sagen, aber mich selbst kann ich als einen Mann bezeichnen, der regelmäßig seine Stunden einhält und regelmäßig Appetit mitbringt, darauf können Sie rechnen.«

»Was das erste Frühstück anbelangt, Sir?« fragte Mrs. Goldstraw. »Haben Sie einige besondere ——«

Sie hielt ein und ließ den Satz unvollendet. Ihre Augen wendeten sich langsam von ihrem Herrn ab und blickten nach dem Kamin hin. Wenn sie eine weniger vortreffliche und erfahrene Haushälterin gewesen wäre, so hätte sich Mr. Wilding einbilden können, daß ihre Aufmerksamkeit schon am Anfang ihrer Unterredung abzuschweifen beginne.

»Acht Uhr ist meine Frühstückszeit,« nahm er das Gespräch wieder auf. »Es ist eine meiner Tugenden, daß mir gebratener Speck nie überdrüssig wird und eines meiner Laster, daß ich Eier stets mit Mißtrauen betrachte.« Mrs. Goldstraws Augen kehrten wieder zu dem Sprechenden zurück, aber sie weilten. nur halb auf ihrem Herrn und zur andern Hälfte auf ihres Herrn Kamin. »Ich trinke Thee,« fuhr Mr. Wilding fort; »und bin, was denselben anbetrifft, krankhaft peinlich; ich trinke ihn in einer genau abgemessenen Zeit nach seinem Fertig werden. Wenn mein Thee zu lange steht ——«

Er hielt jetzt seinerseits ein und ließ den Satz unvollendet. Wenn er nicht im Besprechen eines Gegenstandes von so ungemeiner Wichtigkeit, als sein Frühstück begriffen gewesen wäre, so hätte Mrs. Goldstraw sich einbilden können, daß auch seine Aufmerksamkeit schon im Anfang des Gesprächs abzuschweifen beginne.

»Wenn Ihr Thee zu lange steht » Sir?« half die Haushälterin ein, höflich den Faden des Gesprächs wieder aufnehmend.

»Wenn mein Thee zu lange steht« —— wiederholte der Weinhändler mechanisch, aber sein Geist verlor sich weiter und weiter hinweg vom Frühstück und seine Augen hefteten sich immer forschender auf die Züge der Haushälterin. »Wenn mein Thee —— Himmelt Himmel! Mrs. Goldstraw Woran erinnert mich Ihre Art und Weise und Ihre Stimme? Es ergreift mich heute noch mehr als gestern, wo ich Sie zum ersten mal sah. Was kann es sein?«

»Was kann es sein?« wiederholte Mrs. Goldstraw.

Sie sprach die Worte und dachte augenscheinlich an ganz etwas anderes, als an das, was sie sprach. Der Weinhändler der sie noch immer forschend ansah, bemerkte, daß ihre Augen wieder und wieder nach der Kaminwand hinschweiften. Sie blieben an dem Portrait seiner Mutter hängen, welches sich dort befand und blickten es an. Sie zog ihre Brunnen leicht zusammen, wie man es bei einer kaum bewußten Anstrengung des Denkvermögens zu thun pflegt. Mr. Wilding erklärte:

»Meine geliebte verstorbene Mutter ist ihrem fünfundzwanzigsten Jahre.«

Mrs. Goldstraw bedankte sich mit einer leichten Kopfbewegung für die Mühe, die er sich nahm, ihr das Bild zu erklären und sagte wieder mit freier Stirn, daß es das Portrait einer sehr schönen Dame wäre.

Mr. Wilding fiel in sein früheres Sinnen zurück und versuchte auf’s Neue seine Erinnerungen aufzufrischen, die so genau und so unerklärlich sich an die Stimme und an die Art und Weise der neuen Haushälterin knüpften.

»Entschuldigen Sie eine Frage, welche freilich nichts mit mir oder meinem Frühstück zu thun hat,« sagte er. »Darf ich wissen, ob Sie je eine andere Stellung inne gehabt haben als die einer Haushälterin?«

»Ja, Sir. Im Anfange meiner Laufbahn war ich Kinderwärterin im Findelhause.«

»Ha! da ist es!« rief der Weinhändler seinen Stuhl zurückstoßend. »Beim Himmel. An deren Art und Weise erinnern Sie mich.«

Mrs. Goldstraw sah, ihn verwundert an und wechselte die Farbe. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen, senkte Je Augen zur Erde und verharrte schweigend und bewegungslos.

»Was ist Ihnen?« fragte Mr. Wilding.

»Verstehe ich Sie recht, Sir? Sie sind im Findelhause gewesen?«

»Gewiß. Ich schäme ich nicht, es einzugestehen.«

»Unter dem Namen, den Sie noch führen?«

»Unter dem Namen Walter Wilding.«

»Und die Dame?« —— Mrs. Goldstraw hielt ein und warf einen Blick, der augenscheinlich von Angst und Unruhe sprach, auf das Portrait.

»Ist meine Mutter,« unterbrach sie Mr. Wilding.

»Ihre —— Mutter,« wiederholte die Haushälterin gezwungen, »nahm Sie aus dem Findelhause? Wie alt waren Sie da,Sir?«

»Zwischen elf und zwölf Jahren. Es ist eine ganz romantische Geschichte, Mrs. Goldstraw.«

Er erzählte in seiner unbefangenen mittheilsamen Weise, wie eine Dame während der Tischzeit mit ihm gesprochen habe, als er und die andern Knaben im Findelhause beim Mittagbrod gewesen seien, und welche Folgen sich daran für ihn geknüpft hätten. »Meine arme Mutter würde mich nicht herausgefunden haben,« setzte er hinzu, »wenn nicht eine der Aufseherinnen, mit der sie gerade zusammentraf, Mitleiden gehabt hätte. Dieselbe willigte ein, den Knaben, welcher Walter Wilding genannt wurde, beim Herumgehen um die Tische anzufassen —— und auf diese Art erhielt meine Mutter mich wieder, nachdem sie an der Thür des Findelhauses aus ewig Abschied von mir genommen hatte, als ich ein ganz kleines Kind gewesen bin.«

Bei diesen Worten sank Mrs. Goldstraw’s Hand vom Tisch, auf dem sie lag, in ihren Schooß. Die Haushälterin saß, ihren neuen Herrn anstarrend, mit einem Gesicht das todtenbleich geworden war und mit Augen da, die unsäglichen Schrecken ausdrückten.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Weinhändler. »Halt!« rief er. »Es steht vielleicht noch etwas aus meiner Vergangenheit mit Ihnen in Beziehung. Ich erinnere mich, daß meine Mutter mir von einem Mädchen aus dem Findelhause erzählte, dem sie zu großem Dank verpflichtet war. Damals, als sie sich von mir getrennt hatte, verrieth eine der Kinderwärterinnen den Namen, der mir in dem Institut zuertheilt worden. Waren Sie die Kinderwärterin?«

»Gott vergebe mir, Sir —— ich war es.«

»Gott vergebe Ihnen?«

»Wir thäten besser, Sir, wenn ich so frei sein darf, das auszusprechen, zu den Pflichten, die ich im Hause übernehmen soll, zurückzukehren,« sagte Mrs. Goldstraw. »Um acht Uhr frühstücken Sie. Nehmen Sie Mittags ein zweites Frühstück oder Ihr Diner ein?«

Die dunkle Röthe, die Mr. Bintrey in das Antlitz seines Clienten hatte aufsteigen sehen, begann sich aufs Neue zu zeigen. Mr. Wilding faßte mit der Hand an die Stirn und kämpfte eine augenblickliche Verwirrung, die dort herrschte, nieder, ehe er zu sprechen anfing.

»Mrs. Goldstraw! sagte er, »Sie verheimlichen etwas vor mir!«

Die Haushälterin wiederholte beharrlich: »Wollen Sie nicht so gütig sein, mir zu sagen, Sir, ob Sie Mittags ein zweites Frühstück einnehmen oder dinieren?«

»Ich weiß nicht, was ich Mittags thue. Ich bin nicht eher im Stande auf häusliche Angelegenheiten einzugehen, Mrs. Goldstraw, bis ich nicht erfahren habe, warum Sie die Freundlichkeit, die Sie meiner Mutter erwiesen haben, bereuen, eine Freundlichkeit, deren meine Mutter dankbar bis zu ihrem Lebensende gedachte. Sie erzeigen mir keinen Dienst mit ihrem Schweigen. Sie regen mich auf und beunruhigen mich. Sie beschwören das Sausen in meinem Kopf herauf!« Seine Hand faßte wieder nach der Stirn, und die Rüthe in seinem Antlitz wurde tiefer und tiefer.

»Es ist traurig für mich, Sir,« sagte die Haushälterin, »gerade beim Eintritt in Ihren Dienst etwas gestehen zu sollen, was mir Ihre gute Meinung kosten kann. Bitte, wollen Sie sich erinnern, wie es auch enden mag, daß ich nur spreche, weil Sie darauf bestehen, und weil ich sehe, wie sehr ich Sie durch mein Schweigen beunruhige. Als ich der armen Leidy, deren Portrait dort oben hängt, den Namen verrieth, den man ihrem Kinde im Findelhause gegeben hatte, verletzte ich allerdings meine Pflicht, und ich sehe, schreckliche Folgen —— Folgen, die mich entsetzten —— sind daraus erwachsen. Ich will die Wahrheit eingestehen, so gut ich es vermag. Wenige Monate, nachdem ich der Lady den Namen ihres Kindes verrathen hatte, erschien eine Dame vom Lande, eine Fremde, in dem Institut, welche den Wunsch aussprach eines unserer Kinder zn adoptieren. Die nöthige Erlaubniß dazu brachte sie mit, und nachdem sie eine Menge unserer Zöglinge gesehen hatte, ohne sich entschließen zu können, erfaßte sie eine plötzliche Zuneigung zu einem derselben —— einem Knaben, —— der unter meiner Aufsicht stand. Bitte, suchen Sie sich zu fassen, Sir, das Verheimlichen ist nicht mehr möglich. Das Kind, welches die Fremde mit sich nahm, war das Kind jener Dame, deren Bild hier hängt.«

Mr. Wilding starrte den Boden an. »Unmöglich!« rief er mit aller Gemalt, deren er fähig war. »Wovon sprechen Sie? Welche wahnsinnige Geschichte erzählen Sie mir? Hier hängt ihr Bild! Habe ich Ihnen das nicht schon einmal gesagt? Das Bild meiner Matter!«

»Wenn diese unglückselige Frau Sie in späteren Jahren aus der Anstalt nahm,« sprach Mrs Goldstraw so milde wie möglich, »so war sie das Opfer eines traurigen Mißverständnisses, und Sie waren es gleichfalls, Sir.«

Er sank in seinen Sessel zurück. »Das Zimmer geht mit mir herum,« rief er. »Mein Kopf! mein Kopf.«

Die Haushälterin sprang erschrocken auf und öffnete das Fenster. Ehe sie die Thür erreicht hatte, um nach Hilfe zn rufen, machte sich die Beklemmung, die Mr. Wildings Leben zu bedrohen schien, durch einen gewaltsamen Thränenstrom Luft. Er gab wiederholentlich der Mrs. Goldstraw Zeichen, ihn nicht zu verlassen. Sie wartete geduldig, bis der Weinkrampf sich beruhigt hatte. Als Mr. Wilding wieder Fassung gewonnen, richtete er den Kopf auf und sah Mrs. Goldstraw ärgerlich und argwöhnisch an, wie ein schwacher Mensch, der das ihm Unbequeme nicht glauben will.

»Mißverständniß?« fragte er zornig, ihr letztes Wort wiederholend. »Wie kann ich wissen, ob Sie nicht selbst im Irrthum sind?«

»Hoffen Sie nicht, daß ich mich irre, Sir. Ich will Ihnen den« Grund sagen, wenn Sie besser im Stande sind, ihn zu hören.«

»Jetzt! jetzt!«

Der Ton, in dem er sprach, überzeugte Mrs. Goldstraw, daß es eine grausame Gutmüthigkeit sein würde, ihn noch einen Augenblick länger sich mit der eitlen Hoffnung schmeicheln zu lassen, daß das Erzählte auf einem Irrthum beruhen könne. Wenige Worte mehr machten allem Zweifel ein Ende, und sie war entschlossen, diese wenigen Worte zu sprechen.

»Ich sagte Ihnen,« begann sie, »daß das Kind der Dame, deren Portrait dort hängt, von einer fremden Frau fortgenommen und adoptiert worden sei. Es ist so gewiß wahr, was ich sage, wie ich hier vor Ihnen sitze und gezwungen bin, Sie zu kränken. Bitte, folgen Sie mir im Geist in die Zeit zurück, als ein Vierteljahr über Ihre Aufnahme im Findelhause dahingegangen war. Ich befand mich damals in London, um einige Kinder von dort nach unsrer Anstalt auf dem Lande abzuholen. Man hielt Rath über die Taufe eines Kindes. —— eines Knaben —— der gerade aufgenommen worden war. Wir wählten die Namen gewöhnlich, ohne das Directorium zu befragen. Heute erschien zufällig einer der bei der Verwaltung betheiligten Herren und sah die Register durch. Er bemerkte, daß man den Namen jenes Kindes, welches adoptiert worden war, Walter Wilding, ausgestrichen hatte —— offenbar aus dem Grunde, weil das Kind für immer unserm Wirkungskreis entzogen war. Hier ist ein Name, sagte er, gebt ihn dem Findling der heute aufgenommen ist. Man gab ihm den Namen, und das Kind wurde getauft. Sie, Sir, waren das Kind.«

Der Kopf des Weinhändlers fiel auf die Brust. »Ich war das Kind!« sagte er zu sich selbst einen ohnmächtigen Versuch machend diese Idee wirklich zu fassen. »Ich war das Kind!«

»Kurze Zeit nachdem Sie in der Anstalt verweilten, Sir,« fuhr Mrs. Goldstraw fort, " »gab ich meine Stellung auf, weil ich heirathete. Wenn Sie sich dessen erinnern wollen und wenn Sie sich entschließen können das Folgende scharf ins Auge zu fassen, so wird Ihnen selbst klar werden, wie dieser bedauerliche Irrthum, von dem wir reden, sich ereignen konnte. Elf bis zwölf Jahre verliefen, ehe die Dame, die Sie für Ihre Mutter gehalten haben, das Findelhaus wieder betrat um ihren Sohn zu suchen und mit sich nach Hause zu nehmen. Die Dame wußte nur, daß ihr Sohn Walter Wilding hieß. Die Aufseherin, welche sich ihrer mitleidig annahm, konnte ihr nur den Walter Wilding zeigen, der sich in der Anstalt befand. Ich, welche den Irrthum entdeckt haben würde, war fern von den Kindern und von allem was zu ihnen gehörte. Nichts, wirklich nichts konnte den traurigen Mißgriff, der geschah, abwenden. Ich empfinde mit Ihnen —— gewiß, Sir, das thue ich. Sie werden denken —— und mit Recht —— daß es eine unselige Stunde war, die mich in Ihr Haus führte, ganz ahnungslos, das versichere ich, um mich nach der Haushälterinstelle umzuthun. Mir ist, als ob ich zu tadeln wäre —— als ob ich mehr Selbstbeherrschung hätte entwickeln müssen. Wenn meine Mienen nicht verrathen hätten, an was mich dieses Portrait und ihre eigenen Worte erinnerten, Sie würden nie, selbst nicht auf ihrem Sterbebette, erfahren haben, was Sie jetzt wissen.«

»Mr. Wilding richtete sich plötzlich auf. Die angeborene Ehrlichkeit des Menschen sträubte sich gegen die letzten Worte der Haushälterin. Es schien, als ob seine Seele sich nach dem Schlag, der sie niederzuschmettern drohte, kräftig aufrichtete.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie es mir verheimlicht haben würden, wenn es möglich gewesen wäre?« rief er aus.

»Ich würde stets auf Befragen die Wahrheit gesagt haben, Sir, so hoffe ich von mir,« entgegnete Mrs. Goldstraw. »Und, so viel weiß ich, es ist besser für mich kein Geheimniß dieser Art auf meiner Seele lasten zu haben. Aber ob es besser für Sie ist? Wozu kann es Ihnen nützen.«

»Nützen? Allmächtiger! Wenn Ihre Erzählung eine wahre ist.——«

»Würde ich sie, in der Stellung, die ich inne habe, mitgetheilt haben, wenn sie nicht wahr wäre?«

»Entschuldigen Sie,« sagte der Weinhändler, »Sie müssen Nachsicht mit mir haben. Ich kann mir diese schreckliche Entdeckung jetzt nicht als wirklich darstellen. Wir haben uns so innig lieb gehabt —— ich empfand mich ganz und gar als ihren Sohn. Sie starb, Mrs. Goldstraw, in meinen Armen —— sie gab mir sterbend ihren Segen, wie nur eine Mutter ihn geben kann. Und nun, nach der ganzen Zeit zu erfahren, daß sie nicht meine Mutter war! O, Himmel! Himmel! Ich weiß nicht was ich rede!« rief er, als die Selbstbeherrschung die ihn das Vorhergehende hatte sprechen lassen, ins Wanken gerieth und unterlag. »Es ist nicht dieser schreckliche Kummer —— es liegt mir etwas anderes im Sinn, von dem ich reden wollte. Ja, richtig! Sie haben mich überrascht —— Sie haben mich tief gekränkt. Sie thaten so, als ob Sie mir alles verheimlicht haben würden, wenn Sie gekannt hätten. Lassen Sie mich das nicht wieder hören. Nur ein Verbrechensucht man zu verheimlichen. Sie meinen es gut, ich weiß es. Ich will Ihnen nicht wehe thun. Sie sind eine freundliche Seele. Aber Sie vergessen, in welcher Lage ich mich befinde. Sie hat mir alles was ich mein nenne in der festen Ueberzeugung hinterlassen, daß ich ihr Sohn sei. Ich bin nicht ihr Sohn. Ich habe den Platz unrechtmäßig eingenommen, ich habe unschuldiger Weise das Erbe eines andern Mannes im Besitz. Er muß aufgefunden werden. Kann ich wissen, ob er nicht in diesem Augenblick im Elend ist und keinen Bissen hat um seinen Hunger zu stillen! Er muß aufgefunden werden! Meine einzige Hoffnung dem Schlag, der mich getroffen hat nicht zu unterliegen beruht darauf, meine Handlungsweise so einzurichten daß sie sie billigen müßte. Sie wissen noch mehr, Mrs. Goldstraw, als Sie mir bis jetzt mitgetheilt haben. Wer war die Fremde, welche das Kind adoptiert hat? Sie müssen den Namen der Dame gehört haben.«

»Ich habe ihn nie gehört, Sir. Und habe sie nie wieder gesehen und nichts wieder von ihr vernommen.«

»Sagte sie nichts, als sie das Kind mit sich nahm? Spähen Sie in ihrem Gedächtniß nach. Sie muß etwas gesagt haben.«

»Nur auf Eines kann ich mich besinnen, Sir. Es war auffallend schlechtes Wetter in dem Jahre, und die Kinder kränkelten viel. Als sie den Knaben mitnahm, sagte sie freundlich zu mir: »Beunruhigen Sie sich nicht seiner Gesundheit wegen. Er wird in einem schöneren Klima als dies ist groß werden. —— Ich gehe mit ihm in die Schweiz.«

»In die Schweiz? In welchen Theil der Schweiz?«

»Das hat sie nicht gesagt, Sir.«

»Nur diesen schwachen Anhalt! sagte Mr. Wilding. »Und ein Vierteljahrhundert ist vorübergegangen, seitdem das Kind fortgeholt ist! Was soll ich thun?«

»Ich hoffe, Sie halten mir meine Offenheit zu gut, Sir," sagte Mrs Goldstraw. »Aber weshalb sich grämen, möglicherweise ist er nicht mehr am Leben, wer kann es wissen? und sollte er leben, so ist es nicht wahrscheinlich daß es ihm schlecht ergehe. Die Dame, welche ihn an Kindes statt aufnahm, war eine vornehme, wohlhabende Frau —— das konnte man gleich erkennen. Auch muß sie sich darüber ausweisen, den Knaben erziehen zu können, sonst überläßt man ihr kein Kind. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, Sir —— entschuldigen Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, so zu sprechen —— ich würde mich in dem Gedanken beruhigen, daß ich die arme Lady, deren Portrait dort hängt, geliebt hätte —— in Wahrheit geliebt hätte, wie eine Mutter und daß sie mich in Wahrheit geliebt hätte, wie ihren Sohn. Alles, was Sie von ihr besitzen, hat sie Ihnen um dieser Liebe willens gegeben. Diese Liebe war unverändert, so lange sie lebte und würde sich nicht verändert haben, so lange Sie lebten, dessen bin ich gewiß. Giebt es ein besseres Recht, Sir, auf das, was Sie besitzen?«

Mr. Wildings nicht zu beirrende Ehrlichkeit erkannte die schwache Seite in der Ansicht seiner Haushälterin auf den ersten Blick heraus.

»Sie verstehen mich nicht« sagte er. »Gerade weil ich sie geliebt habe, empfinde ich es als eine Pflicht eine heilige Pflicht gerecht gegen ihren Sohn zu handeln. Wenn er am Leben ist, muß ich ihn auffinden; meinetwegen so gut als seinetwegen. Ich würde zusammenbrechen unter dieser schrecklichen Prüfung, wenn ich mich nicht beeiferte —— dringlich und schleunig beeiferte —— das zu thun, was mein Gewissen mir als Nothwendigkeit vorschreibt. Ich muß mit meinem Advocaten sprechen; ich muß Alles in Bewegung setzen, nech ehe ich schlafen gehe.« Er ging auf das Sprachrohr, welches sich in der Wand des Zimmers befand, zu und rief etwas in das Bureau hinab. »Verlassen Sie mich, Mrs. Goldstraw,« fuhr er fort. »Ich werde später gesammelter und mehr dazu fähig sein, mit Ihnen zu sprechen. Wir werden gut mit einander auskommen —— ich hoffe, wir werden gut. mit einander auskommen —— trotz alledem, was sich ereignet hat. Sie können nicht dafür. Ich weiß, Sie können nicht dafür. So! so! schütteln mir uns die Hände und thun Sie Ihr Möglichstes für meinen Haushalt. —— Ich hin nicht im Stande, darüber mit Ihnen zu sprechen.«

Die Thür öffnete sich gerade, als Mrs. Goldstraw darauf zuging und Mr. Jarvis erschien.

»Schicken Sie zu Mr. Bintrey,« sagte der Weinhändler. »Zeigen Sie ihm an, daß ich ihn sogleich zu sprechen Wunsche.«

Der Schreiber schob unhefugter Weise die Ausführung des Befehls dadurch hinaus, daß er Mr. Vendale« meldete und den neuen Theilnehmer der Firma Wilding und Co. auch sogleich eintreten hieß.

»Wollen Sie mich auf einen Augenblick entschuldigen, George Vendale,« sagte Wilding. »Ich habe Jarvis noch ein Wort zu sagen. Schicken Sie zu Mr. Bintrey,« wiederholte er. »Schicken Sie sogleich!«

Ehe Mr. Jarvis das Zimmer verließ, legte er noch einen Brief auf den Tisch.

»Von unserm Correspondenten aus Neuschatel, glaube ich, Sir. er Brief trägt die Schweizer Postmarke.«



Kapiteltrenner

Neue Charactere auf der Scene.

Die Worte die »Schweizer Postmarke« folgten so unmittelbar auf Mrs. Goldstraw’s Erwähnung der Schweiz und steigerten Mr. Wildings Aufregung zu einer solchen Höhe, daß sein Compagnon sich nicht das Ansehen gehen konnte, als ob er sie nicht bemerke.

»Wilding,« fragte er schnell und hielt dann ein, sich umsehend, ob er im Zimmer eine Ursache zu seines Gefährten Aufregung entdecken könne. »Was haben Sie?«

»Mein lieber George Vendale,« erwiderte der Weinhändler dem Angeredeten seine Hand mit einem flehenden Blick entgegenstreckend, als ob er dessen Hilfe begehre, um etwas Schreckliches zu überwinden und nicht, als ob er sie ihm zum Bewillkommungs-Gruß reiche. »Mein lieber George Vendale, so viel habe ich erfahren, daß ich nie wieder ich selbst sein werde. Unmöglich kann ich je wieder ich selbst sein. Denn im vollen Sinne des Wortes, ich bin nicht ich.«

Der neue Compagnon, ein braunwangiger hübscher Junge, beinah in Wildings Alter, mit einem schnellen sichern Auge und entschlossener Bewegung, erwiderte mit unendlichem Erstaunen: »Nicht Sie?«

»Nicht was ich zu sein glaubte,« sagte Wilding.

»Wer, im Namen alles Wunderbaren, glaubten Sie zu sein, der Sie nun nicht sind?« lautete die Entgegnung, die mit einer so herzgewinnenden Freundlichkeit ausgesprochen wurde, daß sie das Vertrauen eines zurückhaltenderen Mannes als Wilding war, herausgelockt haben würde. »Ich kann Sie jetzt, wo wir Compagnons sind, wohl ohne unbescheiden zu sein fragen.«

»Schon wieder!« rief Wilding indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und dem andern einen trostlosen Blick zuwarf. »Compagnon! und ich habe nicht das Recht in unser Geschäft einzutreten. Es ist mir nicht bestimmt gewesen und meine Mutter hat es nicht für mich erworben. Ich will damit sagen, seine Mutter hat es für ihn erworben —— wenn ich überhaupt eine Meinung haben kann —— oder überhaupt jemand bin.«

»Gehen Sie, gehen Sie!« äußerte der Compagnon nach einer augenblicklichen Pause mit jener ruhigen Zuversicht, wie sie eine kräftige Natur durchdringt, die den aufrichtigen Willen hat, einer schwachen beizustehen. »Wenn ein Unrecht geschehen ist, so ist es ohne Ihre Schuld geschehen, davon bin ich überzeugt. Ich war nicht drei Jahre mit Ihnen zusammen in diesem Comptoir unter dem alten Regime, um Ihnen zu mißtrauen, Wilding. Wir waren, was Redlichkeit anbelangt beide damals schon ebenso reif wie jetzt. Lassen Sie mich meine Compagnonschaft damit beginnen, Ihnen ein thätiger Theilnehmer zu sein und alles, was unrecht ist, in’s Gleiche zu bringen. Hat der Brief irgend etwas damit zu schaffen?«

»Ach!« rief Wilding mit der Hand an seine Schläfe fassend. »Schon wieder! Mein Kopf! Ich hatte den Zwischenfall vergessen! Die Schweizer Postmarke.«

»Bei einem zweiten Blick, den ich darauf werfe, werde ich gewahr, daß der Brief uneröffnet ist, also nichts mit den angedeuteten Verhältnissen zu thun haben kann. Ist er an Sie oder an uns?«

»An uns,« sagte Wilding.

»Ich denke, ich öffne ihn und lese ihn vor, um ihn uns aus dem Weg zu schaffen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Der Brief kommt von unsern Champagnerlieferanten, dem Neuschateller Hause. Geehrter Herr. Durch Ihr gütiges Schreiben vom 28. d. M. sind wir in Kenntnis gesetzt worden, daß Sie Herrn Vendale als Compagnon in das Geschäft aufgenommen haben. Erlauben Sie, daß wir Ihnen unsre Glückwünsche zu diesem Ereigniß aussprechen. Zu gleicher Zeit ergreifen wir die Gelegenheit, Ihnen ausdrücklich Herrn Jüles Obenreizer zu empfehlen.« »Nicht möglich! Wilding sah von einem schnellen Argwohn erfaßt auf und rief: »Wie?«

»Nicht möglich den Namen auszusprechen!« erwiderte sein Compagnon leichthin —— »Obenreizer. —— Ihnen ausdrücklich Herrn Jüles Obenreizer zu empfehlen, Sohosquare, London (north Side), welcher als unser Agent accreditirt ist. Er hat die Ehre, bereits die Bekanntschaft des Herrn Vendale in seinem Vaterlande (d. h. in Herrn Obenreizers Vaterlande) der Schweiz gemacht zu haben —— Richtig! —— o, o, woran hatte ich schon gedacht. —— Jetzt erinnere ich mich —— als er es mit seiner Nichte bereiste.«

»Mit seiner ——?« Vendale hatte das letzte Wort so verschluckt, das Wilding es nicht verstehen konnte.

»Als er es mit seiner Nichte bereiste Obenreizers Nichte,« sagte Vendale übertrieben deutlich. »Die Nichte Obenreizers. (Ich bin ihnen während meiner ersten Schweizer Tour begegnet, reiste eine Weile mit ihnen, Verlor sie während zweier Jahre aus den Augen, begegnete ihnen, als ich das vorletzte Mal in der Schweiz war, wieder und habe seitdem nichts mehr von ihnen gehört.) Obenreizer. Obenreizers Nichte. Richtig! Er ist schließlich doch möglich auszusprechen, der Name! —— Herr Obenreizer besitzt unser ausgedehntestes Vertrauen und wir hoffen, daß auch Sie seine Verdienste zu schätzen wissen werden. Richtig unterzeichnet von dem Hause Defresnier und Comp. Schön. Ich werde Mr. Obenreizer sogleich aufsuchen und den Gang uns aus dem Wege räumen. Das räumt zugleich die Schweizer Postmarke aus dem Wege. Und, mein lieber Wilding, theilen Sie mir mit, was ich weiter aus Ihrem Weg räumen kann und ich werde Mittel finden, die mir das Aufräumen ermöglichen.«

Bereit dazu und im höchsten Grade dankbar, daß ihm die Mühe erleichtert wurde, drückte der ehrliche Weinhändler dem Andern die Hand und begann seine Erzählung damit, sich reuevoll selbst als einen Usurpator anzuklagen.

»Ohne Zweifel haben Sie darum nach Bintrey geschickt, als ich eintrat?« fragte der Compagnon nach kurzem Bedenken.

»Darum.«

»Er hat Erfahrung und einen verschlagenen Kopf; ich bin begierig seine Meinung zu hören. Es ist kühn und gewagt, Ihnen die meinige zu sagen, ehe ich weiß, wie er denkt, aber ich verstehe nicht zurückzuhalten. Offen denn, ich sehe die Verhältnisse anders an, als Sie sie sehen. Ich finde Ihre Lage nicht so, wie Sie sie finden. Was das Usurpieren fremden Besitzes anbelangt, mein lieber Wilding, das ist reine Thorheit, da niemand ein Usurpator sein kann, der nicht beabsichtigt hat, jemand zu beeinträchtigen. Und das haben Sie nie gethan. Was die Erbschaft den jener Dame anbelangt, die geglaubt hat, Sie wären ihr Sohn und den der Sie, nach deren eigener Aussage, glauben mußten, sie sei Ihre Mutter, so bedenken Sie, ob das Erben nicht die Folge Ihrer persönlichen Beziehungen zu einander war? Sie faßten nach und nach immer innigere Zuneigung zu ihr. Sie faßte nach und nach immer innigere Zuneigung zu Ihnen. Ihnen, Ihrer Person, wie ich die Sache ansehe, hat sie die irdischen Vortheile bestimmt, und nur von ihr, von ihrer Person haben Sie sie angenommen.«

»Sie setzte voraus,« wendete Wilding kopfschüttelnd ein, daß ich ein natürliches Recht darauf hätte, was mir fehlte.«

»Das muß ich zugeben, gewiß« erwiderte der Compagnon. »Aber gesetzt, sie hätte die Entdeckung, die Sie jetzt gemacht haben, ein halbes Jahr vor ihrem Tode auch gemacht, glauben Sie, daß das die Jahre, die Sie mit ihr zusammen gewesen sind, ausgestrichen und die Zärtlichkeit verlöscht haben würde, welche einer für den andern in immer höherem Grade empfand, je länger das mit einander Verkehren dauerte?«

»Was ich darüber denke,« sagte Wilding sich einfach und fest an der nackten Thatsache haltend, »kann die Wahrheit eben sowenig ändern, als ich den Himmel herunter zu reißen vermag. Die Wahrheit ist, daß ich der Besitzer von irdischen Gütern bin, die einem Andern zugehören.«

»Er kann schon todt sein,« sagte Vendale.

»Er kann auch leben,« sagte Wilding. »Und wenn er lebt, habe ich ihn nicht unschuldiger weise —— das gebe ich Ihnen zu, unschuldiger weise —— um Vieles gebracht? Habe ich ihn nicht um die ganze glückliche Zeit, die ich an seiner Stelle verlebt habe, gebracht? Habe ich ihn nicht um die namenlose Freude gebracht, die meine Seele erfüllte, als die theure Frau« —— er streckte seine Hand nach dem Bilde aus —— »mir vertraute, daß sie meine Mutter sei? Habe ich ihn nicht um alle die Sorgfalt gebracht, die sie über mich ausgoß? Habe ich ihn nicht um alle Verehrung und alle Pflichten gebracht, die ich ihr mit Stolz weihte? Darum frage ich mich selbst und frage auch Sie, George Vendale, wo ist er? Was ist aus ihm geworden?«

»Wer kann es wissen!«

»Ich muß es versuchen, ihn ausfindig zu machen. Ich muß Nachforschungen anstellen. Ich darf nie ermüden und von solchen Nachforschungen abstehen. Ich will von den Interessen meines Antheils am Geschäft leben —— ich sollte sagen von den seinigen —— und alles Andere für ihn zurücklegen. Wenn ich ihn finde, kann ich mich seiner Großmuth unterwerfen; aber hingeben will ich ihm Alles. Ich will es, das schwöre ich, so wahr ich sie geliebt und geehrt habe,« sagte Wilding achtungsvoll die Hand, die er küßte, nach dem Bilde hinstreckend und dann sich mit derselben die Augen bedeckend. »So wahr ich sie geliebt und geehrt und eine Welt von Beweggründen habe, ihr dankbar zu sein.« Und damit brach er ab.

Der Compagnon erhob sich von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte und stellte sich neben Wilding indem er seine Hand sanft auf dessen Schulter legte. »Walter, ich habe Sie schon früher als einen rechtlichen Mann mit reinem Gewissen und feinfühlendem Herzen gekannt. Ich schätze es für ein großes Glück, daß mir der Vorzug geworden ist, meine Arbeit mit seinem des Vertrauens so würdigen Mann gemeinsam zu verrichten. Ich bin dankbar dafür. Schalten Sie über mich, wie über Ihre rechte Hand und verlassen Sie sich auf mich bis in den Tod. Denken Sie nicht schlechter von mir, wenn ich Ihnen eingestehe, daß ich von einem unklaren Gefühl beherrscht werde, Sie mögen es vielleicht ein unvernünftiges nennen. Ich habe viel mehr Theilnahme für die Dame und für Sie, der Sie nicht zu derselben in vorausgesetzter verwandtschaftlicher Beziehung stehen, als ich für den unbekannten Mann empfinde (wenn er überhaupt zum Mann herangewachsen ist), der ohne es zu wissen, seiner Stelle entsetzt wurde. Sie haben recht gethan, nach Mr. Bintrey zu schicken. Meine Meinung wird theilweise, ja ich bin davon überzeugt, vollständig die seinige sein. Thun Sie in diesem ernsten Geschäft keinen übereilten Schritt. Das Geheimniß muß ängstlich von uns bewahrt werden, denn es leichtsinnig verbreiten hieße soviel, als betrügerische Ansprüche aufmuntern, einem Schwarm Von Schelmen das Thor öffnen und die Losung zu falschen Eiden und Complotten geben. Ich habe für jetzt nichts weiter zu sagen, Walten als Sie zu erinnern, das sich darum hauptsächlich Antheil an dem Geschäft genommen habe, um Sie von einer Last der Arbeit zu befreien, der ihr jetziger Gesundheitszustand nicht gewachsen ist, daß ich Ihr Compagnon geworden bin, um zu arbeiten und daß ich Letzteres gesonnen bin zu thun«

Mit diesen Worten klopfte er seinem Gefährten in einer Weise auf die Schulter, die seiner Rede den besten Nachdruck gab und verließ ihn. George Vendale begab sich in das Comptoir und suchte später M. Jüles Obenreizer auf.

Als er in Soho —— square einbog und seine Schritte nach der Nordseite hinrichtete, schoß eine dunkle Röthe in sein sonnengebräuntes Antlitz, welche Wilding wenn er ein besserer Beobachter, oder weniger mit seinen eignen Sorgen beschäftigt gewesen wäre, auch bemerkt haben müßte, als sein Compagnon eine gewisse Stelle in dem Brief ihres Schweizer Correspondenten las, die ihm gefiel, nicht so deutlich als das Uebrige auszusprechen.

Eine Colonie von Bergbewohnern hat sich lange in dem schmalen kleinen Stadttheil Londons Soho eingeschlossen. Schweizer Uhrmacher, Schweizer Schmelzarbeiter, Schweizer Juweliere, Schweizer Verkäufer von Instrumentenkasten und von Schweizer Spielsachen der verschiedensten Art wohnten hier dicht neben einander. Schweizer Professoren der Musik, der Malerei und fremder Sprachen, Schweizer Stickereien, Schweizer Botengänger und andere Schweizer Dienstboten, die nie zu Hause waren; betriebsame Schweizer Wäscherinnen und Stärkerinnen, geheimnißvolle Schweizer Einwohner beiderlei Geschlechts; Schweizer von gutem Ruf und Schweizer von schlechtem Ruf; Schweizer, die das höchste Vertrauen verdienen und Schweizer, die bei Leibe kein Vertrauen verdienen; alle diese verschiedenen Schweizer Bestandtheile vereinigen sich zu einem Mittelpunkt in dem Stadttheil Soho. Schäbige Schweizer Speisehäuser, Kaffeehäuser und Wirthshäuser, Schweizer Getränke und Speisen, Schweizer Gottesdienst für den Sonntag und Schweizer Schulen für die Wochentage sind alles hier zu haben. Selbst die einheimischen Englischen Wirthshäuser kehren eine Art von Wesen nach außen, das wie geradebrechtes Englisch aussieht: Sie kündigen an ihren Fenstern Schweizer Liqueur und Branntwein an und dulden hinter ihrem Schenktisch manchen Abend im Jahr Schweizer Liebeleien und Schweizer Schlägereien.

Als der neue Theilhaber von Wilding und Co. an einer Thür, welche auf messingnem Schild die kurze Inschrift Obenreizer aufwies, die Glocke zog, —— es war die Thür eines soliden Hauses, in dessen unterem Stockwerk sich eine Schweizer Uhren-Niederlage befand, —— sah er sich auf einmal von einer vollständig Schweizerisch eingerichteten Häuslichkeit umgeben. Ein großer für den Winter errichteter Ofen aus weißen Kacheln nahm die Feuerstelle in dem Zimmer ein, in welches man ihn zu treten bat. Der unbedeckte Fußboden war mit einem niedlichen Muster ausgelegt, zu dem verschiedene Holzarten angewendet worden. Der Raum trug vorherrschend das Gepräge des Kahlen, viel gescheuerten und das kleine geblümte Teppichviereck vor dem Sopha, wie das mit Sammet überkleidete Kaminbrett mit seiner gewaltigen Uhr und seinen Vasen voller künstlicher Blumen, stimmten mit dem herrschenden Geschmack überein. Es machte den Eindruck, als ob —— schildern wir kurz die Wirkung, die das Ganze ausübte —— als ob ein Pariser eine Milchkammer zur Wohnstube umgestaltet hätte. Unter dem Zifferblatt der Uhr floß künstlich nachgemachtes Wasser über ein Mühlrad. Der Eingetretene hatte noch nicht eine volle Minute davorgestanden, um den Fall desselben mit seinen Augen zu folgen, als Mr. Obenreizer ihn an den Ellenbogen anstieß und in sehr gutem, sehr geschickt gekürztem Englisch sagte: »Wie geht es » Ihnen? Sehr erfreut!«

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe Sie nicht kommen hören.«

»Hat nichts auf sich. Bitte, setzen Sie Sich.«

Die beiden Arme seines Gastes freigebend, die er an den Ellenbogen gefesselt hielt, was eine Umarmung vorstellen sollte, setzte sich Mr. Obenreizer ebenfalls und bemerkte lächelnd:

»Es geht Ihnen gut? Sehr erfreut!« und wieder ergriff er die beiden eben losgelassenen Ellenbogen.

»Ich weiß nicht,« begann Vendale, nachdem die gegenseitige Begrüßung vorüber war, »ob Sie durch Ihr Haus in Neuschatel von mir gehört haben werden?«

»Ja wohl.«

»In Beziehung auf Wilding u. Co.?«

»O, gewiß.«

»Ist es nicht seltsam, daß ich hier in London zu Ihnen kommen muß, als Theilnehmer der Firma Wilding u. Co., »um Ihnen meine Aufwartung zu machen?«

»Nicht im geringsten! Was habe ich immer gesagt, als wir im Gebirge zusammen trafen? Wir. nennen sie weit und doch ist die Welt so eng. So eng ist die Welt, daß man von gewissen Personen steh nicht fern halten kann. Es giebt so wenig Menschen in der Welt, daß man fortwährend mit denselben zusammenstößt und wieder zusammenstößt. So ungeheuer eng ist die Welt, daß man ihnen nicht aus dem Wege gehen kann. Nicht,« sagte er mit einschmeichelndem Lächeln und Vendale’s Ellenbogen aufs Neue ergreifend, »daß man den Wunsch hat, Ihnen aus dem Wege zu gehen.«

»Das hoffe ich, Monsieur Obenreizer.«

»Bitte, nennen Sie mich in Ihrem Vaterlande Master. Ich nenne mich selbst so, denn ich liebe Ihr Vaterland. Ich wollte, ich wäre ein Engländer! aber ich bin einmal nicht hier geboren. Und Sie? Obgleich aus einer so vornehmen Familie stammend, lassen Sie Sich zum Handelsstand herab! Halten Sie einmal! Weine? Gehören die zum Handel oder zur Profession? Zu den schönen Künsten wohl nicht?

»Mr. Obenreizer« erwiderte Vendale etwas verlegen, ich war noch ein thörichter junger Bursche, als ich das Vergnügen hatte, das Erste mal mit Ihnen zu reisen und Sie und ich und Ihre Fräulein Nichte —— befindet sie sich wohl?«

»Danke. Sehr wohl.«

»—— Einige kleine Gletscherfahrten mit einander bestanden. Sollte ich damals, mit der Eitelkeit eines Knaben; meine Familie gerühmt haben, so hoffe ich von mir, ist es nur geschehen, um mich mit guter Manier bei Ihnen einzuführen. Es war eine Schwäche und sehr wenig fein, aber vielleicht kennen Sie unser englisches Sprichwort: Der Mensch lebt um zu lernen.«

»Sie nehmen es zu schwer,« erwiderte der Schweizer. »Und Teufel nicht noch ’mal! Ihre Familie ist eine angesehene.«

George Vendale’s Lachen verrieth etwas Aerger, als er entgegnete: »Lassen Sie es gut sein! Ich hing sehr an meinen Eltern und als wir zum Ersten mal mit einander reisten, Mr. Obenreizer befand ich mich im neuen Genießen dessen, was mein Vater und meine Mutter mir hinterlassen hatten. So, denke ich, war Alles in Allem das Erzählen von meinen Verhältnissen mehr jugendliche Offenheit des Wesens als Prahlerei.«

»Alles Offenheit des Wesens, keine Prahlerei!« rief Obenreizer. »Sie beurtheilen sich selbst zu streng. Meiner Treu, Sie taxiren sich, als ob Ihr Gouvernement Sie taxierte. Uebrigens hatte ich von Familiengeschichten angefangen. Ich erinnere mich noch sehr gut jenes Abends auf dem See, als wir in dem Boot dahinglitten über die Spiegelbilder der Berge und Thäler, der Felsen und Pinienwälder, die meine erste Jugenderinnerung ausmachen. Ich entwarf ein Bild meiner armseligen Kindheit: Unserer schlechten Hütte am Wasserfall, welchen Letzteren meine Mutter den Reisenden zeigte, unseres Schuppens, in dem ich bei der Kuh schlief; meines blödsinnigen Stiefbruders, der immer in der Thür saß oder den Paß hinunter hinkte um zu betteln; meiner ewig spinnenden Stiefschwester, die einen großen Stein auf ihren ungeheurem Kropf gebunden trug; von mir selbst, dem nackenden kleinen Hungerleider, der zwei oder drei Jahr alt sein mochte, als die Andern schon erwachsen waren und harte Hände hatten, um mich zu schlagen, mich, das einzige Kind aus meines Vaters zweiter Ehe wenn überhaupt eine Ehe bestand. Was war natürlichen als daß Sie, Mr. Vendale, Ihre Vergangenheit mit der meinen verglichen und sagten: Wir sind von gleichem Alter; zu der Zeit saß ich auf meiner Mutter Schooß in dem Wagen meines Vaters, und flog durch die Straßen des reichen Englands dahin mit allem möglichen Luxus umgeben, während alles Schmutzige und Armselige mir fern blieb. So entgegengesetzt ist meine erste Erinnerung von der Ihrigen!«

Mr. Obenreizer war ein schwarzhaariger junger Mann von dunkler Gesichtsfarbe über deren tiefes Braun sich niemals ein Anflug von Röhe stahl. Bei Gelegenheiten, wo andere Wangen errötheten, erschien auf den seinen nur ein kaum bemerkbarer Streifen, als ob die Maschinerie um heißes Blut aufwallen zu lassen, wohl vorhanden wäre, aber als ob die Maschinerie trocken sei. Er war kräftig und proportioniert gebaut und hatte schöne Gesichtszüge. Mancher machte vielleicht die Bemerkung, daß, wenn Einiges an den Conturen geändert werden könnte, seine Erscheinung ansprechender sein würde, ohne sich klar machen zu können, worin die Änderung bestehen sollte? Wenn die Lippen voller und der Hals dünner gewesen wären, würde das Aeußere erheblich gewonnen haben. Aber die größte Obenreizersche Eigenthümlichkeit bestand darin, daß sich ein gewisser unbeschreibbarer Schatten über seine Augen breitete —— offenbar nur wenn es in seiner Absicht lag —— der dem mit ihm Sprechenden jeden Ausdruck seines Gesichtes undurchdringlich verschleierte. Nichts als eine gespannte Aufmerksamkeit beherrschte in solchen Augenblicken seine Züge. Daraus folgt in keiner Weise, daß seine Aufmerksamkeit vollständig auf die Person gerichtet war, mit der er sprach oder vollständig von dem Gegenstand, von dem die Rede war, gefesselt wurde. Er richtete vielmehr eine concentrirte Aufmerksamkeit auf Alles, was er selbst im Sinne hatte und auf Alles, was er zu sein glaubte, oder was, wie: er voraussetzte, Andre von ihm hielten.

Als die Unterhaltung auf diesen Punkt angelangt war, zog Mr. Obenreizer seinen Schatten über das Gesicht.

Die Veranlassung zu meinem gegenwärtigen Besuch,« sagte Mr. Vendale, »ist, wie ich kaum zu erwähnen brauchte, Sie der Freundschaft von Wilding und Co. und des ausgedehnten Credites zu versichern, den Sie bei uns genießen, sowie unsre Bereitwilligkeit, Ihnen nützlich zu sein. Wir sind so frei, Ihnen auch unsre Gastfreundschaft anzutragen. Es ist bis jetzt bei uns noch nicht Alles in vollem Zuge. Mein Compagnon Mr. Wilding ist damit beschäftigt, den wirthschaftlichen Theil unsres Haushaltes einzurichten und durch einige Privatangelegenheiten darin unterbrochen worden. Sie kennen Mr. Wilding nicht, wie ich glaube?«

Mr. Obenreizer kannte ihn nicht.

»Sie müssen nächstens zusammenkommen. Er wird sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen, ich glaube mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß Sie sich auch freuen werden, die seine zu machen. —— Sie haben sich erst vor Kurzem in London niedergelassen, glaube ich, Mr. Obenreizer?«

»Ich habe eben erst die Agentur übernommen.«

»Ihre Fräulein Nichte ist —— nicht —— verheirathet?«

»Nicht verheirathet.«

George Vendale sah im Zimmer umher, um Spuren von ihr zu entdecken.«

»Ist sie in London gewesenen?«

»Sie ist in London.«

»Wann und wo kann ich die Ehre haben mich in ihr Gedächtniß zurückzubringen?«

»Mr. Obenreizer warf den Schatten bei Seite und sagte, seinen Gast wie vorhin an beiden Ellenbogen erfassend, leichthin: »Kommen Sie mit hinauf.«

Ganz in Verwirrung über die Plötzlichkeit, mit der das nach gesuchte Wiedersehen über ihn hereinbrach, folgte George Vendale seinem Führer die Treppe hinauf. In einem Zimmer, welches sich gerade über dem Raum befand, den er verlassen hatte —— es war auch ein im Schweizer Geschmack ausgestattetes —— saß eine junge Dame an einem der drei Fenster mit Sticken beschäftigt, und eine ältere Dame saß mit dem Gesicht gegen einen zweiten weißen Kachlofen (Obgleich Sommer war und der Ofen nicht geheizt) und wusch Handschuhe. Eine ungewöhnliche Menge schöner glänzender Haare legte sich zierlich geflochten um die Stirn der jungen Dame, eine Stirn, die gerundeter war, als sie im Durchschnitt der Englische Typus aufweist. Ihr ganzes Gesicht erschien um ein Weniges —— wie herrlich war dieses Wenige! —— vollen als im Durchschnitt die Gestalten Englischer junger Damen von neunzehn Jahren zu sein pflegen. Eine merkwürdige Anmuth und Freiheit der Bewegung sprach sich in der ruhigen Haltung, in der die Glieder verharrten, aus, und die köstliche Reinheit und Frische der Farbe in ihrem Antlitz, das feine Grübchen blicken ließ und in ihren grauen glänzenden Augen, schien von Bergluft durchzogen zu sein. Obgleich ihr Kleid nach Englischem Zuschnitt gemacht war, so lugte doch das Schweizer Vaterland aus dem phantastischen Leibchen, was sie trug und aus den seltsamen rothen Zwickelstrümpfen und den kleinen mit silbernen Schnallen versehenen Schuhen hervor. Was die ältere Dame anbetraf, so gab sie, mit ihren auf den unteren Messingrand des Ofens aufgesetzten Füßen, die einem ganzen Schooß voller Handschuhe zur Stütze dienten, während ihre linke Hand einen Handschuh aufgestreift hatte, nur ihn zu reinigen, eine Repräsentantin der Schweizer Nation ganz anderer Art ab, von der mächtigen Breite ihres polsterartigen Rückens und der Gewichtigkeit ihrer respectablen Schenkel (wenn es erlaubt ist von Schenkeln zu reden) an, bis zu dem schwarzen Sammetband, das, eines Ansatzes zum Kropfe wegen, eng die Kehle umspannte, oder höher, bis zu ihren kupferfarbenen goldenen Ohrringen, oder, noch höher, bis zu ihrem Kopfputz von auf Drath gezogener schwarzer Gaze.

»Miß Marguerite,« sagte Obenreizer zu der jungen Dame, erkennen Sie diesen Herrn wieder?«

»Das will ich meinen,« entgegnete das Mädchen überrascht und sich ein wenig verwirrt von ihrem Stuhle erhebend. »Es ist Mr. Vendale.«

»Er ist es,« sagte Mr. Obenreizer trocken. »Erlauben Sie mir, Mr. Vendale, Madame Dor.«

Die ältere Dame am Ofen mit dem über die linke Hand gezogenen Handschuh, der wie das Zeichen eines Handschuhmachers aussah, erhob sich halb und sah halb über ihre mächtige Schulter, um sogleich wieder schwer auf den Sitz zurückzufallen und ihren Handschuh weiter zu reiben.

»Madame Dor,« sagte Obenreizer lächelnd, »ist so gütig mich von jedem Fleck und Riß zu befreien. Sie kommt meiner Schwäche, immer sauber zu gehen, freundlich entgegen, indem sie ihre Zeit dazu anwendet, jeden Makel oder Schaden an meines, Sachen zu beseitigen.«

Madame Dor mit dem in die Luft gestreckten Handschuh und Augen, welche denselben prüfend durchforschten, entdeckte in diesem Augenblick einen hartnäckigen Fleck und fing an mit Heftigkeit zu reiben. George Vendale nahm einen Sitz neben dem Stickrahmen am Fenster ein (er hatte zuvor die schöne rechte Hand ergriffen, die sich ihm beim Willkommen entgegenstreckte) und betrachtete das Goldkreuz, welches in das Mieder hineinschlüpfte mit einer Ehrfurcht, wie sie der Pilger hegt, wenn er den Schrein seines Heiligen erblickt. Obenreizer stand in der Mitte des Zimmers mit den Daumen in der Westentasche und deckte den Schatten über sein Gesicht.

»Ihr Herr Onkel, Miß Obenreizer,« bemerkte Vendale, »sagte eben, daß die Welt zu eng sei und die Leute einer dem Adern nicht ausweichen könnten. Ich fand, seitdem ich Sie das letzte Mal gesehen habe, die Welt zu weit für mich.«

»Sind Sie viel umhergereist?« fragte sie.

»Das nicht. Ich bin in jedem Jahr nach der Schweiz zurückgegangen, aber ich hätte wohl gewünscht —— gewiß, ich habe es gewünscht —— daß in der kleinen Welt nicht so viel Gelegenheit sein möchte sich einander auszuweichen. Wenn deren weniger wäre, sehen Sie, so würde ich meine Reisegefährten schon früher wieder angetroffen haben.« Die hübsche Marguerite erröthete und warf einen verstohlenen Blick zu Madame Dor hinüber.

»Sie haben uns endlich gefunden, Mr. Vendale, vielleicht um uns wieder zu verlieren.«

»Ich denke nicht. Der merkwürdige Zufall, der mich Sie finden ließ, giebt mir den Muth zu glauben, daß dem nicht so sein werde.«

»Bitte, was ist das für ein Zufall, Sir?«

Die niedliche natürliche Art dieser Sprachwendung und des Tones, in dem sie gemacht wurde, mar bezaubernd, so dachte George Vendale, als er wieder einen schnellen Blick auffing, der zu Madame Dor hin wanderte. Derselbe schien eine Warnung zu enthalten, so eilig er auch vorüberflog. Von der Zeit an zollte Vendale Madame Dor besondere Aufmerksamkeit.

»Ich bin ein Theilhaber an der Firma, der Mr. Obenreizer heute durch ein anderes Handlungshaus in der Schweiz mit dem wir beide, wie sich herausstellt, Geschäfte machen, angelegentlich empfohlen morden ist. Hat er es Ihnen nicht erzählt?«

»Nein!« fiel Obenreizer ein, den Schatten von sich werfend. »Ich habe es Miß Marguerite nicht erzählt. Die Welt ist so eng und so einförmig, eine Ueberraschung ist etwas werth in solchem kleinen langweiligen Nest. —— Es verhält sich so, wie er sagt, Miß Marguerite. Er, aus einer angesehenen Familie und vornehm erzogen, hat sich zum Handelsstand herabgelassen. Zum Handelsstand, gleich uns armen Bauersleuten, die aus der Gasse aufgelesen sind.«

Ein Wolke lagerte sich über die schöne Stirn des Mädchens und sie schlug die Augen nieder.

»Aber es ist vortrefflich für den Handelsstand!« fuhr Obenreizer in voller Begeisterung fort. »Es adelt den Handelsstand. Es ist ein Unglück für den Handel, daß alles gemeine Volk —— wir armen Bauern zum Beispiel —— ihn ergreift und sich daran festklammert. Sehen Sie wohl, mein lieber Vendale,« er sprach mit großer Energie, »Miß Marguerites Vater, mein ältester Stiefbruder, der mehr als zweimal so alt wie Sie und ich wäre, wenn er noch lebte, wanderte ohne Schuhe, beinahe ohne Kleider, den unglückseligen Paß hinab, —— wanderte —— wanderte —— wurde in einem Wirthshause unten in dem großen Thal, fern von der Heimath, mit den Maulthieren und Hunden gefüttert —— wurde Pferdejunge, wurde Stallknecht —— wurde Keller —— wurde Koch —— wurde Gastwirth. Als Gastwirth brachte er mich [weder den blödsinnigen Bruder, noch die spinnende Mißgeburt, seine Schwester, konnte er dazu brauchen] zu einem berühmten Uhrmacher, der ihm benachbart war, in die Lehre. Bei Miß Marguerites Geburt starb seine Frau, und was war sein letzter Wille, und was waren seine letzten Worte zu mir, als er selbst starb und sie als ein halberwachsenes Mädchen zurückließ?! Marguerite erbt Alles, ausgenommen so und so viel, was ich Dir jährlich aussetze. Du bist jung, aber ich ernenne Dich zu ihrem Vormund, denn ihr stammt Beide von den elendesten und ärmsten Bauern ab; wir sind alle verachtete Bauern, erinnere Dich dessen. Das paßt auf die meisten meiner Landsleute, die jetzt Handel treiben in diesem Ihrem Londoner Stadtviertel Soho. Sie sind Bauern gewesen, niedrig geborene, hart arbeitende Schweizer Bauern. Darum, wie gut und erhebend ist es für den Handelsstand,« hier frohlockte er förmlich, während er zuvor in Hitze gerathen war, und ergriff wieder des jungen Weinhändlers Ellenbogen, um ihn zu umarmen, »wenn ein Gentleman sich demselben widmet und ihn dadurch ehrt!«

»Ich bin andrer Ansicht,« sagte Marguerite mit gerötheter Wange, sich trotzig von dem Besucher wegwendend. »Ich finde den Stand durch uns Bauern auch geehrt.«

»Pfui, pfui! Miß Marguerite,« bemerkte Obenreizer. »Sie wagen das im stolzen England zu sagen?«

»Ich sage das mit stolzem Ernst,« entgegnete sie, sich ruhig wieder an ihre Arbeit machend, »ich bin keine Engländerin, sondern ein Schweizer Bauernkind.«

Es lag ein so völliges Abweisen des Gespräches in diesen Worten, daß Vendale nichts weiter dagegen einwenden konnte. Er erlaubte sich nur ernst hinzuzusetzen: »Ich stimme aus voller Seele mit Ihnen überein, Miß Obenreizer und habe meine Ansicht bereits in diesem Hause ausgesprochen, wie Mr. Obenreizer mir bezeugen kann,« —— was dieser unter keiner Bedingung that.

Vendale’s Augen waren scharfe Augen und beobachteten Madame Dor unaufhörlich. Sie bemerkten an der mächtigen Hinteransicht der Lady, daß ihre Art, die Handschuhe zu reinigen, mit lebhaftem pantomimischen Ausdruck geschah. Sie that es sanft und ruhig während seines Gespräches mit Marguerite, hielt auch wohl ganz ein, wie Jemand, der mit Zuhören beschäftigt ist. Als Obenreizer seine Rede über die Bauern zu Ende gebracht hatte, rieb sie mit Heftigkeit, wie um seinen Worten vollen Beifall zu zollen, und ein oder zweimal, wenn der Handschuh, den sie immer höher wie ihren Kopf hielt, sich in der Luft umwendete, oder wenn dieser Finger herunterfiel und jener sich hob, bildete er sich sogar ein, daß Madame Dor eine telegraphische Verbindung mit Obenreizer unterhalten, der allerdings seinen Rücken nie der Dame zuwendete, obgleich er nichts weniger als Madame Dor zu beachten schien.

In Vendale’s Augen warf Marguerite’s Abbrechen vom Gegenstande ein ungünstiges Licht auf Obensetzer. Die unwürdige Behandlung von Seiten ihres Vormundes, versuchte sie sich abzuwehren: ihr Zorn hätte gegen ihn auflodern mögen, wenn Furcht sie nicht daran verhinderte. Vendale bemerkte ferner —— obgleich das kaum der Erwähnung werth war —— daß Obenreizer, Margueriten um keinen Schritt näher rückte, sondern genau in der Entfernung von ihr blieb, die er von Anfang an innegehalten hatte, als ob bestimmte Grenzen zwischen ihnen gezogen seien. Auch hatte er sie nie angeredet ohne das Wörtchen Miß vor ihren Namen zu setzen, wenn er es aber aussprach, so geschah es mit einer kaum bemerkbaren Beimischung von Spott. Jetzt wurde es Vendale zum ersten mal klar, daß das Seltsame des Mannes, was ihm bis heute nicht möglich gewesen war näher zu bezeichnen, in einer Art von spöttischem Wesen bestand, mit der er jedem offenen Angriff und jeder näheren Erörterung auswich. Er hielt sich davon überzeugt, daß Marguerite, was die Freiheit ihres Willens anbetraf, eine Gefangene war —— obgleich sie vermöge der ihr eigenthümlichen Charakterstärke ihre eigenen Ansichten gegen die der bei den Verbündeten geltend machte, was sie natürlicherweise nicht aus ihrem Joch befreien konnte. Nachdem er diese Ueberzeugung gewonnen hatte, fühlte er sich nur noch mehr gestimmt dem Mädchen seine Neigung zuzuwenden. Mit einem Worte, er hegte eine gewaltige Liebe zu ihr im Herzen und war durchaus entschlossen die Gelegenheit sie zu sehen, die sich ihm immerhin eröffnet hatte, aufs Aeußerste zu verfolgen.

Für’s Erste begnügte er sich damit, der Freude zu erwähnen, welche Wilding u. Co. empfinden würden, wenn Miß Obenreizer sich herablassen wollte das Haus mit ihrer Gegenwart zu beehren —— ein merkwürdiges altes Haus und noch dazu das eines Junggesellen —— und begnügte sich damit seinen Besuch nicht über die Zeit, die dergleichen Besuche einnehmen dürfen, auszudehnen. Als er, geleitet von seinem Wirth, die Treppe hinabging, sah er vor dem Obenreizer’schen Comptoir, welches weiter zurück auf dem Hausflur münden, verschiedene schäbige Gestalten in ausländischer Tracht stehen, die Obenreizer mit einigen Worten in seinem Dialect bei Seite schob, damit Vendale vorüber konnte.

»Landsleute,« erklärte er, als Vendale die Thür öffnete. »Arme Landsleute, dankbar und anhänglich wie Hunde! Leben Sie wohl. Auf Wiedersehen. Sehr erfreut gewesen!«

Nach einer leichten Umarmung und einen Griff an seine Ellenbogen sah sich Vendale in der Straße entlassen.

Die liebliche Marguerite an ihrem Stickrahmen, Madame Dor’s breiter Rücken und deren telegraphische Zeichen gaukelten bis Cripple Corner vor ihm her. Als er dort ankam, hatte sich Wilding mit Bintrey eingeschlossen. Die Kellerthüren standen offen. Vendale zündete eine Kerze, die in einem zinnernen Leuchter stand, an und ging die Stufen hinab, um einen Streifzug durch die Gewölbe zu unternehmen. Die anmuthige Marguerite gaukelte getreulich vor ihm her, aber Madame Dor’s breiter Rücken war oben geblieben.

Die Gewölbe, geräumig und sehr alt, sind Krypten gewesen, damals als die Vergangenheit noch Gegenwart war. Einige sagen, Theile davon hätten Mönchen zum Refectorium gedient, andere sagen, Theile davon seien zur Kapelle benutzt worden, wieder andere sagen, sie seien ein heidnischer Tempel gewesen. Das blieb sich jetzt alles gleich. Lasse man jeden was er will aus verwitterten Pfeilern, zertrümmerten Bogen und was dergleichen mehr ist herauserkennen; die vergangene Zeit hat daraus gemacht was sie wollte und bleibt unberührt davon, wenn es ihr anders bewiesen wird.

Die eingeschlossene Luft, der dumpfige Geruch und das verworrene Geräusch der Straße oben vertragen sich gut genug mit dem Bilde der hübschen Marguerite, weil nichts davon an das gewöhnliche Leben erinnerte. Vendale schritt vorwärts, bis er, um eine Ecke biegend, ein Licht sah dem ähnlich, welches er selbst trug.

»O, Du bist hier Joey?«

»Wäre es besser, wenn ich ginge? Sie sind hier! wirklich, Sie sind hier, Master George? Meine Pflicht ist es hier zu sein, aber was haben Sie hier zu suchen?«

»Sei nicht böse, Joey.«

»Ich bin nicht böse,« erwiderte der Kellermeister. »Das was böse in mir ist, ist der Weindunst, der durch die Poren dringt. Ich nicht. Nehmen Sie sich in Acht, daß er nicht auch in Sie hineinzieht, Muster George. Wenn Sie lange hier im Dunste bleiben, haben Sie ihn weg.«

Seine Beschäftigung bestand in diesem Augenblick darin, den Kopf in die Weinverschläge zu stecken, Maaß zu nehmen, Berechnungen anzustellen und das Resultat in ein Buch einzuschreiben, das in Rhinozerosfell gebunden zu sein schien und wie ein Theil von ihm aussah.

»Sie haben ihn weg,« nahm er den Rücken streckend seine Worte wieder auf und legte den hölzernen Maßstock, dessen er sich bedient hatte, über zwei Fässer, um seine letzte Berechnung anzustellen. »Verlassen Sie sich darauf. —— Sie sind also in aller Form in das Geschäft eingetreten, Master George?«

»Ja aller Form. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen, Joey?«

»Nichts. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Aber die bösen Dünste in mir sagen, daß Sie zu jung sind. Sie sind alle beide zu jung.«

»Der Uebelstand wird mit jedem Tage geringer, Joey.«

»Das wohl, Master George; aber der Uebelstand, daß ich zu alt bin, nimmt Tag für Tag zu. Ich werde nicht mehr im Stande sein, Ihr Hineinwachsen zu sehen.«

Diese Erwiderung kitzelte Joey Ladle’s Laune. Er stieß ein Lachen aus, das sich wie Grunzen anhörte, wiederholte das Gesagte und stieß, nachdem er zum zweiten Mal »Ihr Hineinwachsen« hervorgebracht hatte, sein wunderliches Lachen aufs Neue hervor.

»Aber was nicht zum Lachen ist, Master George,« fuhr er fort seinen Rücken ausdehnend, »daß der junge Master Wilding das Glück aufgestört hat. Merken Sie sich meine Worte. Er hat es aufgestört und wird es bald erfahren. Ich bin nicht umsonst mein ganzes Leben hier unten gewesen. Ich weiß an welchen Zeichen ich gemerkt habe, wenn der Geschäftsverkehr fiel oder wenn er stieg, wenn er blühte oder ein Stillstand eintrat. Ich weiß ebenso gut an welchen Zeichen ich gemerkt habe, wenn das Glück sich änderte.«

»Hat dies Gewächs hier irgend etwas zu thun mit Deiner Sehergabe?« fragte Vendale das Licht gegen ein feuchtes zottiges dunkles Schwammgewächs haltend, welches von der Decke herabhing und ein unangenehmes widriges Ansehen hatte. Wir sind berühmt, weil dieses Gewächs an unserer Kellerwölbung haftet, nicht wahr, Joey?«

»Das sind wir, Muster George,« erwiderten Joey Ladle, ein oder zwei Schritte zurückweichend, »und wenn Sie von mir einen Rath annehmen wollen, so bleiben Sie davon.« Den Maßstock, der noch zwischen den beiden Fässern lag ergreifend und leise den lappigen Schwamm damit bewegend, fragte Vendale: » Davon bleiben! Warum?«

»Warum? Nicht weil aus den Weinfässern Dunst emporsteigt und Sie dadurch in Erfahrung bringen können, welche Bestandtheile ein Mann in sich aufnimmt, der sich sein ganzes Leben in dieser Luft herumtreibt, und ebenso wenig weil auf dem Boden des Gewächses Maden leben, die Sie aus sich herunterholen werden,« erwiderte Joey Ladle sich in Entfernung haltend, »sondern eines andern Grundes wegen, Muster George.«

»Wie heißt der Grund?«

»In Ihrer Stelle, Sir, würde ich es nicht mit dem Stock berühren. Wenn Sie mit mir hier fortkommen wollen, so sollen Sie den Grund erfahren. Erst werfen Sie noch einen Blick auf die Farbe des Schwammes Master George.«

»Ich thue es.«

»Gut, Sir. Jetzt kommen Sie fort von der Stelle.«

Er ging mit seinem Licht voraus und Vendale folgte ihm mit dem seinigen. Als Vendale Joey eingeholt hatte und beide zusammen dem Ausgang zuschritten, sprach Ersterer: »Nun, Joey. Die Farbe?«

»Sieht aus wie geronnenes Blut, Master George.«

»Mag sein.«

»Genau so, finde ich,« rief Joey Ladle den Kopf bedenklich hin und her wiegend.

»Gut, ich will sagen ebenso. Ich will sagen ganz genau so. Was dann?«

»Master George. Man sagt ——«

»Wer?«

»Wie kann ich wissen wer?« entgegnete der Kellermeister empört über die unvernünftige Frage. »Man! man ist Allewelt. Was wollen Sie? Wie kann ich wissen wer »man« ist, wenn Sie es nicht wissen?«

»Das ist wahr. Weiter.«

»Man sagt, daß derjenige, welchem durch Zufall ein Stückchen von diesem Gewächs auf die Brust fällt, sicher und gewiß von Mörderhänden stirbt.«

Als Vendale lachend seine Schritte einhielt, um den Kellermeister anzublicken, der, seine Augen auf das Licht heftend, geheimnißvoll jene Worte sprach fühlte er plötzlich, wie eine schwere Hand ihm nach der Brust griff. Der Bewegung der Hand, welche die seines Gefährten war, mit den Augen folgend, bemerkte er, daß sie ein Blatt oder einen Klumpen des Schwammes von seiner Brust fortgeschlugen hatte, und daß derselbe eben zu Boden fiel.

Im ersten Augenblick warf er dem Kellermeister einen ebenso entsetzten Blick zu, als dieser ihm, aber als ihm in der nächsten Minute das Tageslicht entgegen schien, sprang er fröhlich die Kellertreppe hinauf und blies das Licht und mit demselben allen Aberglauben aus.



Kapiteltrenner

Wilding tritt ab.

Am Morgen des nächsten Tages ging Wilding fort —— und ließ seinem Schreiber den Auftrag zurück: »Wenn Mr. Vendale oder Mr. Bintrey nach mir fragen sollten, theilen Sie ihnen mit, daß ich mich in das Findelhaus begeben habe.« Alles was sein Compagnon ihm gesagt, Alles was sein Geschäftsführer, der dessen Ansicht theilte, an geführt hatte, war nicht im Stande gewesen, ihm die Angelegenheit in einem andern Licht erscheinen zu lassen. Den Mann, dessen Platz er unrechtmäßig einnahm, aufzufinden, machte von jetzt ab das Hauptinteresse seines Lebens aus und die Anfrage im Findelhaus sollte der erste Schritt zu den beabsichtigten Nachforschungen sein. Der Weinhändler begab sich demgemäß an den erwähnten Ort. Das ihm bekannte Gebäude schien ihm verändert, wie ihm das Portrait an der Kaminwand verändert schien. Die treue Anhänglichkeit, die er einst für die Stätte gehegt hatte, welche seine Kindheit behütete, war für immer aus seiner Seele getilgt. Ein besonderer Widerwille bemächtigte sich seiner, als er sein Begehren un der Thür aussprach. Sein Herz that ihm weh, wie er allein im Vorzimmer wartete, während man nach dem Zahlmeister geschickt hatte, den er sprechen wollte. Beim Beginn der Unterredung vermochte er nur durch gewaltsame Anstrengung sich so weit zu sammeln um den Grund seines Kommens auseinander zu setzen.

Der Zahlmeister hörte mit einem Gesicht zu, das Aufmerksamkeit ausdrückte und nichts weiter.

»Wir sind verpflichtet,« sagte er, als die Reihe zu sprechen an ihm war, »bei allen Nachforschungen, die von Fremden angestellt werden, vorsichtig zu sein.«

»Sie können mich nicht als einen Fremden betrachten,« entgegnete Wilding einfach. »Ich bin früher einer ihrer Zöglinge gewesen.«

Der Zahlmeister erwiderte höflich, daß dieser Umstand ihn mit besonderem Interesse für seinen Besucher erfülle, aber er drang nichtsdestoweniger darauf, die Beweggründe zu kennen, die Mr. Wilding zu seinen Nachfragen trieben. Ohne weitere Umschweife, theilte ihm Wilding seine Beweggründe mit, indem er nicht die geringste Kleinigkeit zurückhielt.

Der Zahlmeister erhob sich und führte den Andern in das Zimmer, in dem die Register des Instituts auf bewahrt wurden. »Alle Aufklärungen, die unsere Bücher geben können, stehen Ihnen von ganzem Herzen zu Diensten,« sagte er. »Es thut mir leid, aber nach der Zeit, die darüber hingegangen ist, bleiben sie das einzige, was wir Ihnen zum Anhaltspunkt bieten können.«

Die Bücher wurden zu Rath gezogen und die gesuchte Stelle aufgefunden. Sie lautete:

»Den 3ten März 1836. Ein Knabe, Namens Walter Wilding, an Kindesstatt aufgenommen und aus dem Findelhause abgeholt. Name und Stand der Frau, die das Kind abgeholt hat: Mrs. Jane Anne Miller, Wittwe. Adresse: Lime-Tree Lodge, Groombridge Wells. Auskunftgeber: Der Reverend John Harker, Groombridge Wells und Mrs. Giles, Jeremie und Giles, Banquiers, Lombardstreet.«

»Ist das Alles?« fragte der Weinhändler. »Standen Sie Mrs. Miller später nicht mehr in Verbindung?«

»Nein —— oder es müßte sich ein Nachweis davon in diesem Buche vorfinden.«

»Darf ich mir die Stelle abschreiben?«

»Gewiß. Sie sind ein wenig aufgeregt. Ich werde die Abschrift für Sie besorgen.«

»Meine einzige Hoffnung beruht darauf,« sagte Wilding traurig, die Abschrift betrachtend, »den Aufenthalt der Mrs. Miller auszukundschaften, indem ich versuchte, ob die genannten Auskunftgeber mir dazu verhelfen können?«

»Es ist das Einzige, was zu thun übrig bleibt,« entgegnete der Zahlmeister. »Ich hätte aufrichtig gewünscht, Ihnen von größerem Nutzen sein zu können.«

Von den trostreichen Abschiedsworten begleitet, machte sich Wilding auf den Weg, Um seine Nachforschungen fortzusetzen, die an der Thür des Findelhauses begonnen hatten. Der erste Gang, den er unternahm, war nach dem Geschäftslocal der Banquiers in Lombardstreet. Zwei von den Theilhabern der Firma waren nicht sprechbar für zufällige Besucher. Der Dritte, nachdem er zuvor unüberwindliche Schwierigkeiten vorgeschützt hatte, willigte endlich ein, von einem seiner Schreiber das Hauptbuch welches den Buchstaben M. trug, durchsehen zu lassen. Der Rechenschaftsbericht für Mrs. Miller Wittwe, Groombridge-Wells, befand sich darin. Er war mit zwei langen verblichenen Linien durchstrichen und unten stand: Die Rechnung geschlossen am 30. September 1837.«

So endete der erste Gang, der an diesem Tage gemacht wurde —— er endete und noch immer wußte Wilding nicht aus noch ein? Er schickte ein Paar Zeilen nach Cripple Corner, um Vendale zu benachrichtigen, daß sich seine Abwesenheit auf Stunden noch in die Länge ziehen könne, dann löste er ein Billet auf der Eisenbahn und fuhr der zweiten Station an dem heutigen Tage, der Wohnung der Mrs. Miller in Groombridge Weils zu.

Mütter und Kinder reisten mit ihm; Mütter und Kinder begrüßten sich auf dem Anhaltepunct; Mütter und Kinder waren in allen Lädchen, in denen er einsprach, um sich nach Lime Tree Lodge zu erkundigen. Ueberall stellte sich die nächste und innigste aller menschlichen Verwandtschaft fröhlich im heilen Tagesschein dar; überall wurde er an die köstliche Täuschung erinnert, aus der er so grausam aufgerüttelt worden —— an die verlorene Erinnerung, die von ihm gewichen war, wie das Spiegelbild von einem Glase.

Hier und dort fragte er an. Niemand wußte von dem Namen Lime Tree Lodge. Bei einer Häuseragentur vorübergehend, trat er hinein und that zum letzten Male dieselbe Frage. Der Agent wies über die Straße hinweg auf ein häßliches Haus mit vielen Fenstern. Es mochte eine Manufactur gewesen sein, jetzt war es ein Gasthaus.

»Da hat Lime Tree Lodge vor zehn Jahren gestanden, Sir,« sagte der Mann.

Die zweite Station war erreicht und Wilding wußte wieder nicht aus noch ein!

Eine Hoffnung blieb noch. Der geistliche Auskunftgeber Mr. Harker konnte aufgefunden werden. Kunden des Agenten traten in diesem Augenblick ein und nahmen dessen Aufmerksamkeit in Anspruch; Wilding ging die Straße hinab und begab sich in den Laden eines Buchhändlers Er fragte. ob man ihm den gegenwärtigen Aufenthalt des Reverend John Harker nennen könne?

Der Buchhändler sah augenblicklich erschrocken und verwundert auf. Er antwortete nicht.

Wilding wiederholte seine Frage.

Der Buchhändler nahm von seinem Ladentisch ein zierliches kleines Buch in grauem Einband und hielt dem Frager das Titelblatt vor. Wilding las:

»Das Märtyrerthum des Reverend John Harker in Neu-Seeland. Erzählt von einem früheren Mitglied seiner Gemeinde.«

Wilding legte das Buch auf den Ladentisch zurück. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er, vielleicht, indem er es sagte, an sein eigenes Märthrerthum denkend. Der schweigsame Buchhändler gab seine Geneigtheit zu entschuldigen durch eine Verbeugung zu erkennen und Wilding verließ den Laden.

Dritte und letzte Station und nach dem dritten und letzten Versuch wieder nicht aus noch ein.

Es blieb nichts übrig, es war keine Wahl, er mußte völlig enttäuscht nach London zurückkehren.

Bei seiner Rückfahrt betrachtete der Weinhändler von Zeit zu Zeit die Abschrift der Notiz aus dem Register des Findelhauses Es giebt eine Art der Verzweiflung —— vielleicht die alle bemitleidenswerteste —— welche sich hartnäckig hinter Hoffnungen versteckt. Wilding behielt das nutzlose Stückchen Papier, welches er aus dem Wagenfenster schleudern wollte, in der Hand. »Es kann noch zu irgend etwas gut sein,« dachte er. »So lange ich lebe, will ich es aufbewahren, und wenn ich sterbe, sollen meine Willensvollstrecker es in meinem Testament versiegelt finden.«

Die Erinnerung an sein Testament lenkte die Gedanken des redlichen Weinhändlers in eine andere Bahn, ohne seine Seele von dem sie ganz erfüllenden Gegenstand abzubringen. Er mußte sofort seinen letzten Willen aufsetzen. Der Ausspruch: nicht aus noch ein! und seine Anwendung auf diesen Fall war von Mr. Bintrey ausgegangen. In der ersten langen Berathung, welche der Entdeckung gefolgt war, hatte der scharfsinnige Mann mit ausdrucksvollem Kopfschütteln mehr wie hundertmal wiederholt: »Nicht aus noch ein, Sir. Nicht aus noch ein! —— Nach meiner Üeberzeugung ist jetzt keine Ermittlung mehr möglich, und mein Rath ist, finden Sie sich so gut es geht darein.«

Im Verlauf der sich lang ausdehnenden Unterredung wurden eine Menge Flaschen des fünfundvierzigjährigen Portweins vorgehen, um Mr. Bintrey’s gesetzverkündende Kehle damit anzufeuchten, aber je sicherer er seinen Weg durch den Wein fand, je weniger fand er ihn durch den Fall in Rede und wiederholte, so oft er sein Glas niedersetzte: »Mr. Wilding, nicht aus noch ein! Lassen Sie die Sachen, wie sie sind, und seien Sie dankbar.«

Sicher ist, das des rechtschaffenen Weinhändlers Angst, ein Testament zu machen, einzig aus seiner großen Gewissenhaftigkeit entsprang, obgleich das nicht ausschließt und sich auch ganz gut mit seiner Gewissenhaftigkeit verträgt, daß er es zu gleicher Zeit und ihm selbst unbewußt auch in dem Gefühl betrieb, welche Erleichterung es ihm gewähren würde, die ihn niederdrückenden Schwierigkeiten auf andere Männer, welche ihn überleben würden, abzuwälzen Wie dem auch sei, er verfolgte diesen neuen Gedanken mit Eifer und ließ unverzüglich nach seiner Ankunft George Vendale und Mr. Bintrey zu einer vertrauten Unterredung nach Cripple Corner einladen. »Nun wir alle drei bei verschlossenen Thüren versammelt sind,« sagte Mr. Bintrey, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache an den neuen Compagnon richtend, »möchte ich mir, bevor unser Freund, und mein Client, uns seine weiteren Ansichten eröffnet, zu bemerken erlauben, daß ich Ihre Meinung, welche die jedes mitfühlenden Menschen sein muß, aus voller Seele theile, Mr. Vendale. Ich habe Mr. Wilding zu beherzigen gegeben, daß das Geheimniß durchaus zu bewahren sei. Ich habe mit Mrs. Goldstraw gesprochen in seiner Gegenwart und auch allein, und wenn Jemandem zu trauen ist [das Wenn ist freilich ein sehr deutungsreiches Wort], so glaube ich, daß ihr in diesem Fall getraut werden kann. Ich habe ferner unserm Freund, und meinem Clienten, zu bedenken gegeben, daß auf’s Gerathewohl angestellte Nachfragen nicht allein den Teufel in Gestalt von allen Schwindlern des Königreichs über uns heraufbeschwören müßte, sondern, daß es so viel heißen würde, als den Besitz verschleudern. Und sehen Sie. Mr. Vendale, unser Freund, und mein Client, will nichts weniger, als den Besitz verschleudern, im Gegentheil, er will damit genau haushalten zum Besten desjenigen, den er für den rechtmäßigen Eigenthümer hält —— ich habe nicht gesagt, daß ich einen andern dafür halte —— wenn nämlich dieser rechtmäßige Eigenthümer aufgefunden werden kann. Ich zweifle, daß er je aufgefunden werden kann —— aber das gehört nicht hierher. Mr. Wilding und ich komme schließlich darin überein, daß der Besitz nicht angegriffen werden darf. Ich habe Mr. Wildings Wünschen soweit nachgegeben, eine Annonce einzurücken, durch welche ich vorsichtig Diejenigen, die etwas über das dem Findelhause entnommene adoptierte Kind wissen, einlade, sich in meinem Büreau zu melden. Ich habe mich dazu verpflichtet, daß die Annouce regelmäßig wieder erscheint. Ich habe es von unserm Freund, und meinem Clienten gefordert, hier mit Ihnen zusammenzutreffen, nicht damit Sie ihm Rath geben sollen, sondern damit Sie seine Aufträge entgegen nehmen. Ich bin ebenfalls bereit, seine Aufträge auszuführen und seine Wünsche zu ehren, aber ich bitte bemerken zu wollen, daß ich mich deshalb nicht einverstanden erkläre mit seinen Maßnahmen, noch dieselben als Rechtskundiger billige.«

So sprach Mr. Bintrey und richtete seine Rede eben sowohl an Wilding wie an Vendale Ungeachtet der Sorgfalt für seinen Clienten belustigte ihn dessen Don Quiroterie so höchlich, daß er es nicht lassen konnte, ihn von Zeit zu Zeit mit blinzelnden Augen anzusehen, in so hochkomischem Lichte erschien er ihm.

»Nichts kann klarer sein,« bemerkte Wilding. »Ich wünschte nur, mein Kopf wäre eben so klar, als der Ihrige, Mr. Bintrey.«

»Wenn Sie das Sausen wieder fühlen,« sagte Mr. Bintrey, ihn erschrocken anblickend »so machen Sie ein Ende. Ich meine mit der Unterredung.«

»Durchaus nicht. Ich danke Ihnen,« sagte der Weinhändler.

»Was wollte ich doch« —— ——

»Regen Sie sich nicht auf, Mr. Wilding,« warnte der Advocat.

»Nein, ich wollte nichts« sagte Wilding. Mr. Bintrey und George Vendale, würde einer von Ihnen ein Bedenken oder eine Abneigung dagegen haben, wenn ich Sie gemeinsam zu meinen Bevollmächtigten und Willensvollstreckern ernennen würde, oder willigen Sie beide in mein Begehren?«

»Ich willige ein,« erwiderte Vendale sogleich.

»Ich willige ein,« sagte Bintrey nicht ganz so schnell.

»Ich denke Ihnen. Mr. Bintrey, der Inhalt meines letzten Willens und meines Testamentes wird kurz und bestimmt sein. Vielleicht haben Sie die Güte, ihn nieder zuschreiben. Ich vermache mein ganzes unbewegliches und bewegliches Eigenthum, ohne irgend welche Ausnahme oder irgend welchen Vorbehalt, Ihnen beiden, meinen Bevollmächtigten und Willensvollstreckern, in dem Vertrauen, daß Sie das Ganze dem wirklichen Walter Wilding ausliefern, wenn er während zweier Jahre, von dem Tag meines Todes ab gerechnet, aufgefunden und für den richtigen erkannt werden sollte. Träte der Fall nicht ein, so verlange ich von Ihnen beiden, daß Sie die ganze Masse als Vermächtniß und Unterstützung dem Findelhause überantworten.«

»Ist das Alles, was Sie begehren, Mr. Wilding?« fragte Bintrey, das tiefe Schweigen unterbrechend, in dem keiner den anderen angesehen hatte.

»Alles.«

»Und Sie sind fest entschlossen, das Ausgesprochene für Ihren letzten Willen zu erklären?«

»Durchaus, fest und unwiderruflich.«

»So bleibt nur noch übrig« sagte der Mann des Rechtes mit Achselzucken, »es in die übliche bindende Form zu bringen, dieselbe auszuführen und zu unterschreiben. Hat das so große Eile? Ist es nöthig, die Sache so schnell zu betreiben? Sie denken noch nicht an Sterben, Sir.«

»Mr. Bintrey,« antwortete Wilding ernst, »wann es Zeit zum Sterben sein wird, weiß ein Höherer besser als Sie oder ich. Ich werde beruhigter sein, wenn Sie nichts dagegen haben, sobald das Geschäft von der Seele herunter ist.«

»Wir sind wieder Geschäftsführer und Client,« erwiderte Bintrey, der für Wildings Entschluß volle Theilnahme empfand. »Wenn es Ihnen selbst und Mr. Vendale recht ist, heute über acht Tage an demselben Ort und um dieselbe Zeit, wieder zusammenzukommen, so will ich es in meinem Tagebuch anmerken, daß ich Sie demgemäß hier zu erwarten habe.«

Die Verabredung wurde getroffen und richtig eingehalten. Der letzte Wille war in aller Form unterschrieben, untersiegelt, den Zeugen eingehändigt, von denselben ebenfalls unterzeichnet und endlich von Mr. Bintrey fortgetragen, um sicher unter den aufgespeicherten Papieren seiner Clienten aufbewahrt zu werden. Ein jeder Client besaß seinen respectiven Eisenkasten mit dem Namen des respectiven Eigenthümers an der Außenseite. Die eisernen Kasten waren auf eisernen Regalen in Bintreys Amtszimmer aneinandergereiht und gaben dem Letzteren das Ansehen einer einzigen großen Familiengruft von Clienten.

Mit mehr Theilnahme, als er in der letzten Zeit für seine früheren Interessen gezeigt hatte, machte sich Wilding an die Vervollständigung seines patriarchalischen Haushaltes, bei welchem Geschäfte er nicht allein von Mrs. Goldstraw, sondern auch von Mr. Vendale lebhaft unterstützt wurde, der vielleicht im Sinn hatte, so eilig wie möglich den Obenreizers ein Diner zu geben. Dem mag sein, wie ihm wolle, so bald der Haushalt von rühriger Thätigkeit wiederhallte, wurden die Obenreizers, Vormund und Mündel, zum Diner eingeladen und Madame Dor in die Einladung mitbegriffen. Wenn Vendale schon vorher bis über die Ohren verliebt gewesen war —— ein Satz, der nicht so aufzufassen ist, als ob die Thatsache im geringsten bezweifelt werden solle —— so stürzte ihn das Diner um zehntausend Faden tiefer in die Liebe hinein. Aber wenn er auch sein Leben darum gegeben hätte, er erreichte es nicht, ein Wort mit der reizvollen Marguerite zu sprechen. Sobald ein glücklicher Augenblick gekommen zu sein schien, stellte sich ganz gewiß Obenreizer mit dem Schatten auf seinem Antlitz hart an Vendales Ellenbogen, oder Madame Dor’s breiter Rücken pflanzte sich vor seine Augen. Die ganz stumme Matrone sah man von dem Augenblick ihrer Ankunft an bis zu dem ihres Scheidens niemals von vorn —— ausgenommen bei Tische. Sobald sie sich in das Drawingroom zurückzog (sie hatte kräftig zu dem Verzehren der Speisen beigetragen) verharrte sie, wie gewöhnlich, mit dem Gesicht gegen die Wand.

Ja, während vier oder fünf köstlicher wenn auch quälender Stunden durfte er Marguerite anblicken, Marguerites Stimme hören, Marguerite einmal sogar anrühren. Als man die Runde durch die alten finsteren Kellergewölbe machte, führte sie Vendale an der Hand, als sie Abends in dem hellerleuchteten Zimmer sang, stand Vendale dicht neben ihr, um die von ihr abgestreiften Handschuhe zu halten, für die er gern jeden Tropfen des oft erwähnten Fünfundvierziger eingetauscht hätte und wenn er fünfundvierzigmal fünfundvierzig Jahr älter gewesen, und sein Werth fünfundvierzigmal fünfundvierzig Pfund höher gestiegen wäre. Und als sie fort war und mit einem Schlage in Cripple Corner eine große Leere entstand, quälte er sich mit der Frage, ob sie wohl wüßte, wie er sie bewunderte! Ob sie wüßte, daß er sie anbetete! Ob sie eine Ahnung davon hätte, daß sie ihn mit Herz und Seele gewonnen habe! Ob sie überhaupt an ihn zurückdächte! Ob sie und ob sie nicht? so ging es »die Tonleiter ab und auf, über und unter der Linie, Himmel! Himmel!

Armes ruheloses Menschenherz! Zu denken, daß die Menschen, die schon vor Tausenden von Jahren Mumien waren es ebenso machten und nach dem Tode erst die Ruhe fanden.

»George,« fragte Wilding am andern Tage, »Wie finden Sie Mr. Obenreizer?« ( »Wie Sie Miß Obenreizer finden, lasse ich ungefragt!«)

»Ich weiß nicht,« sagte Vendale, »und habe nie recht gewußt wie ich ihn finde?«

»Er ist klug und wohl unterrichtet,« sagte Wilding.

»Gewiß ist er klug.«

»Und musikalisch.« (Er hatte gestern Abend sehr gut gespielt und sehr gut gesungen.)

»Unzweifelhaft sehr musikalisch.«

»Und erzählt gut.«

»Ja,« sagte George Vendale überlegend, »er erzählt gut.«

»Wissen Sie Wilding, nun ich über ihn nachdenke betreffe ich mich darauf, daß ich ihn nicht für verschwiegen halte.«

»Wie meinen Sie das? Er ist nicht zudringlich geschwätzig.«

»Nein. Das mein ich auch nicht. Beobachten Sie ihn einmal, wenn er still ist, so können Sie, wenn auch vielleicht ungerechterweise, nicht umhin ihm zu mißtrauen. Nehmen wir zum Beispiel Jemand, den Sie kennen und lieben. Nennen Sie einen, den Sie kennen und lieben.«

»Das ist bald gethan, mein Freund.« sagte Wilding. »Ich nenne Sie.«

»Darum habe ich es freilich nicht gesagt und das habe ich nicht vorausgesehen,« erwiderte Vendale lachend. »Aber immerhin, nehmen Sie mich. Denken Sie einen Augenblick nach. Ist der Ausdruck, den Sie aus meinem interessanten Gesicht kennen und lieben (alle augenblicklichen Eindrücke, durch die er wechselt, mit eingeschlossen) vollständig darin, auch wenn ich schweige?«

»Ja, ich glaube,« sagte Wilding.

»Ich glaube es auch. Jetzt, geben Sie Acht. Wenn Obenreizer spricht —— oder mit anderen Worten, wenn er Gelegenheit hat aus sich herauszugehen —— so sieht er redlich aus, aber wenn ihm die Gelegenheit aus sich herauszugehen nicht geboten wird, so sieht er unredlich aus. Darum sage ich, er ist nicht verschwiegen. Und indem ich die Gesichter, die ich kenne und denen ich mißtraue, schnell an mir vorübergehen lasse, überzeuge ich mich, daß keines von allen verschwiegen ist.«

Diese Ansicht über Physiognomik war Wilding neu. Sie wollte ihm anfänglich nicht in den Sinn, bis er sich selbst die Frage that, ob wohl Mrs. Goldstraw verschwiegen wäre? Wie er sich erinnerte, daß ihr Antlitz gerade wenn es in Ruhe blieb, Zutrauen erweckte, war er so befriedigt, wie der Mensch gewöhnlich ist, wenn er glauben darf, was er zu glauben wünscht.

Es verstrich eine lange Zeit bis Wilding seine Launen und seine Gesundheit wiedererlangte und seine Gefährte erinnerte ihn, als einen Versuch ihn aufzurichten —— vielleicht auch weil die Obenreizers Vendale hartnäckig im Kopfe lagen —— an seine musikalischen Pläne, die er in der Familie zur Ausführung bringen wolle und an das Einrichten einer Singeklasse im Hause und eines Chorgesangs in der benachbarten Kirche. Die Klasse wurde so schnell wie möglich ins Leben gerufen und da zwei oder drei der Leute schon musikalische Kenntnisse mitbrachten und Erträgliches leisteten, so begann auch der Chorgesang sehr bald. Letzterer wurde von Wilding selbst geleitet, welcher die Hoffnung hegte, seine Untergebenen zu lauter Findelkindern umzuformen, was die Fähigkeit anbelangt, geistliche Musik zu singen.

Da die Obenreizers musikalisch gebildet und begabt waren, so war es leicht dahin zu bringen, daß sie aufgefordert wurden, Theil an den Versammlungen zu nehmen. Vormund und Mündel sagten zu oder vielmehr der Vormund sagte für beide zu, wodurch nothwendig eintrat, daß Vendale ein Leben des absolutesten Sichgefangengebens und Verrückseins führte. Denn, Sonntags in der dumpfigen Christopher-Wren Kirche, mit ihrer Gemeinde der lieben Brüder, fünfundzwanzig an der Zahl, war es nicht ihre Stimme, die wie Licht in den dunkelsten Winkel drang, von den Mauern und Pfeilern wiederhallend, als ob sie Stücke von seinem Herzen wären! In dieser Zeit befand sich noch dazu Madame Dor in einer Ecke des hohen Kirchenstuhles ihren Rücken jedermann und jedem Dinge zugekehrt; auch konnte es nicht ausbleiben, daß sie in manchen Augenblicken von den Gebräuchen des Gottesdienstes völlig in Anspruch genommen war. Er gebärdete sich wie der Mann, dem die Aerzte verordnet hatten, sich einmal in jeden Monat zu betrinken und der, um die Vorschrift nicht zu versäumen, sich alle Tage betrank.

Aber diese köstlichen Sonntage wurden noch durch die Concerte übertroffen, Welche alle Mittwoch in der patriarchalischen Familie zur Ausführung gelangten. In diesen Concerten setzte sie sich an den Flügel und sang in ihrer Muttersprache Lieder ihres Volkes, Lieder, die von den Berghöhen Vendale zuzurufen schienen: Hebe dich empor aus dem grünen ebnen Lande, weit über die Menge hinweg; folge mir nach wie ich höher, höher, höher steige und mich in dem fernen Himmel Verliere. Hebe dich zur höchsten Höhe und liebe mich!« In solchen Augenblicken erschien es ihm, als erhalte das zierliche Mieder, der Zwickelstrumpf und die mit silbernen Schnallen besetzten Schuhe, wie die klare Stirn und die glänzenden Augen die Elasticistät der Gemse, bis der Sang vorüber gerauscht war.

Aber selbst über Vendale übten diese National-Lieder nicht eine solche Gewalt aus als über Joey Ladle, wenn auch in andrer Art. Hartnäckig verweigernd den Klang dunstig zu machen, indem er an den Uebungen Theil nahm, und die tiefste Verachtung gegen alle Skalen und sonstigen Anfangsgründen der Musik im Herzen, weche, das ist sicher den bloßen Zuhörer selten entzücken —— erklärte Joey anfangs das Unternehmen für ein schlechtes Stück Arbeit und die Ausübenden für eine Rotte heulender Derwische. Eines Tages aber entdeckte er Spuren reiner harmonischer Klänge in irgend einem Stück und erweckte dadurch in den beiden unter ihm stehenden Kellermeistern schwache Hoffnungen, daß er im Laufe der Zeit Geschmack an den Uebungen bekommen werde. Sein Urtheil über einen Wechselgesang von Händel berechtigte zu noch höheren Erwartungen; obgleich Joey einwandte, daß der berühmte Musiker sich sehr viel in fremdländischen Kellergewölben aufgehalten haben müsse, weil er ein und dieselbe Sache immer und immer wiederhole. Verstehe man das, wie man wolle, er nahm es für gewiß an, daß man seinen Ausspruch verstehen könne.

Ein drittes Mal erstaunte ihn das Erscheinen des Mr. Jarvis mit einer Flöte und eines andern wunderlichen Mannes mit einer Violine und ein Duett, welches beide ausführten dergestalt, daß er ans eignem Antrieb und eigener Bewegung wie inspiriert die Watte »Am Koar!« [Soll encore bedeuten. Der Ruf »Am Koar« ist in England in Stelle unsres Dacapo-Rufs gebräuchlich. Anm. d. >Uebs.] wiederholentlich ausstieß, als ob er in vertraulicher Weise den Namen einer Dame riefe, welche sich durch ihre Leistung ausgezeichnet habe. Aber dies war die letzte Beifallsbezeugung für die Verdienste seiner Gefährten, denn, als das Duo der Instrumente im ersten Mittwochs-Concert vorüber war, und ein Gesangsstück von Marguerite Obenreizers lieblicher Stimme ausgeführt, folgte, saß er mit weit offenem Munde ganz verzückt, bis sie geendet hatte. Darauf stand er ganz feierlich auf und das, was er sagen wollte, mit einer Verbeugung einleitend, die auch Mr. Wilding inbegriff, äußerte er die befriedigte Stimmung, die ihn durchdrang mit folgenden Worten: »Sie sind Künstlerin, die Andern können sich alle begraben lassen.«

Und von da ab verweigerte er in jeder Weise den musikalischen Leistungen der Familie, seine Anerkennung zu bezeugen.

Auf diese Art entstand die persönliche Bekanntschaft zwischen Marguerite Obenreizer und Joey Ladle. Sie lachte herzlich über die Schmeichelei, die er ihr gesagt hatte, und war fast beschämt, als Joey, nachdem das Concert darüber war, sich ein Herz faßte und sie fragte, er hoffe, sein Kopf sei nicht dergestalt vom Dunste eingenommen gewesen, daß er sich zu die Freiheit herausgenommen habe. Sie gab ihm eine anmuthige Antwort, und Joey bückte sich höflich.

»Sie werden das Glück wieder zurückbringen, Miß,« sagte Joey mit einem zweiten höflichen Blicken. »So eine wie Sie im Haus, und das Glück muß wieder zurück ins Haus.«

»Kann ich das? Glück bringen?« fragte sie mit ihrem niedlichen Englisch und ihrer niedlichen verwunderten Miene. »Ich fürchte, ich habe nicht recht verstanden. Ich bin so einfältig.«

»Der junge Muster Wilding, Miß,« erklärte Joey zutraulich, wenn er durch seine Erklärung auch nichts zum Klarwerden der Sache beitrug, hat das Glück verscheucht, ehe er den jungen Muster George in das Geschäft nahm. So sage ich und so wird es kommen. Herr! Wenn Sie herkämen und nur einige Mal sängen, das Glück könnte nicht widerstehen, es kehrte zurück.«

Damit und mit einer Fülle von Verbeugungen verließ Joey die Versammlung. Aber Joey blieb eine bevorzugte Person, denn ein unverhoffter Sieg erfreut die Jugend und Schönheit. Das nächste Mal sah Marguerite sich vergnügt nach Joey um. »Bitte, wo ist Mr. Joey?« fragte sie Vendale.

Joey wurde gerufen, und die Hände wurden geschüttelt, und das war nun einmal eingeführt und blieb so.

Und noch etwas wurde in ähnlicher Weise eingeführt. Joey hörte schwer. Er selbst meinte, es käme vom Weindunst, und das kann sein; kurz und gut, was auch die Ursache gewesen sein mag, die Wirkung war da. Bei der ersten Versammlung sah man ihn an der Wand entlang schleichen, die linke Hand an das linke Ohr gelegt, und sich in einen Sessel dicht vor der Sängerin hineinschwindeln. Diesen Platz behauptete er, bis er seinen Freunden, den Kunstliebhabern, jene Schmeichelrede zu halten begann, die wir vorher angeführt halten. Joey’s Bewegungen, die ihm das Ansehen einer Bückemaschine verliehen, waren bemerkt worden, und man belustigte sich am nächsten Mittwoch bei Tische darüber, Das Geflüster ging um die Tafel herum, daß seine Manieren erklärlich wären, durch die hochgespannte Erwartung aus Miß Obenreizers Gesang und seine Furcht, keinen Platz zu erhalten, von dem aus er jede Note und jede Silbe vernehmen könnte. Das Gerede drang auch zu Wildings Ohren; gutmüthig, wie er war, rief er Joey Abends, ehe Marguerite zu singen anfing, nach vorn hin. Und auch das wurde zu einer Sitte erhoben. Joey saß alle folgen den Musikabende an demselben Platze. Marguerita wenn sie die Finger über die Tasten gleiten ließ, ehe sie zu singen anfing, fragte jedes Mal Vendalee. »Bitte, wo ist Mr. Joey?« Und Vendale holte ihn jedes Mal nach vorn und setzte ihn dicht an den Flügel. Während Aller Augen auf ihn gerichtet waren, drückten seine Züge das größte Mißtrauen, gegen die Leistungen seiner Freunde aus, und das größte Vertrauen zu denen Margueriten’s in deren Anschauen er tief versenkt war und sich dabei ausnahm, wie das Rhinozeros im Buchstabir-Buch, was abgerichtet worden, auf seinen Hinterfüßen zu stehen. Wenn er nach dem Singen in den höchsten Grad von Entzückung gerieth, fragte jedes Mal eine neckende Stimme hinter ihm: »Wie gefällt Ihnen das, Joey?« Er, von der Frage angestachelt, erwiderte jedes Mal, als ob er den Gedanken erst eben faßte: Sie ist eine Künstlerin, die Andern können sich alle begraben lassen. Das gehörte Alles zu der fest eingeführten Sitte. Aber die einfachen Freuden und kleinen Vergnügungen in Cripple Corner waren nicht von langer Dauer. Sie wurden eines ernsten Grundes wegen eingestellt, welchen jedes Mitglied der patriarchalischen Familie kannte, obgleich Niemand, wie durch ein schweigendes übereinkommen, desselben Erwähnung that. Mit Mr. Wildings Gesundheit stand es schlecht.

»Er würde den Schlag, der ihn im innersten Gemüth getroffen hatte, überwunden, er würde auch vielleicht das quälende Gefühl bemeistert haben, an eines Andern Besitz sich gütlich zu thun, aber beides zu ertragen, ging über sein Vermögen. Er sah in sich einen Menschen, der von zwei Dämonen verfolgt wurde, und es ergriff ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Die unzertrennlichen Quälgeister setzten sich mit ihm zu Tisch, aßen don seiner Schüssel, tranken aus seinem Becher und standen Nachts an seinem Lager. Wenn er an die Liebe derjenigen dachte, die er für seine Mutter gehalten, durchdrang ihn das Bewußtsein, daß er die Liebe gestohlen habe. Wenn er sich über die Achtung und Anhänglichkeit seiner Untergebenen freuen wollte, erschien ihm sein Trachten, dieselben glücklich zu machen, wie ein Betrug, denn das zu thun, wäre des unbekannten Pflicht und Lohn gewesen.

Nach und nach, unter dem Druck, den das ewige Brüten auf Geist und Körper ausübte, beugte sich die Gestalt, seine Schritte verloren ihre Elasticität, seine Augen blieben am Boden haften. Er wußte, er konnte dem beklagenswerthen Irrthum, der stattgefunden hatte, nicht abhelfen, er wußte, er konnte ihn nicht ungeschehen machen; denn Tage und Wochen vergingen, und keine Stunde erschien, in der ihm sein Name und sein Besitzthum abverlangt wurde. Langsam begann ihn das dunkle Bewußtsein von einer oft wiederkehrenden Unklarheit im Kopf zu beschleichen. Sie kam mitunter eine ganze Stunde, mitunter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht über ihn. Einmal versagte ihm die Erinnerung, als er zu Häupten der Tafel saß, und kehrte nicht vor Tagesanbruch wieder. Ein andermal versagte sie gerade als die Gesangsübungen beginnen sollten und fand sich erst wieder ein, als er und sein Conrpagrron die halbe Nacht über im Mondschein auf dem Hof spazieren gegangen waren. Er fragte Vendale, der immer rücksichtsvoll, thätig und hilfsbereit war, was das gewesen sei. Vendale anwortete nur: »Nichts weiter, als daß Sie sich nicht wohl befanden.« Er beobachtete die Gesichtszüge seiner Leute, ob er aus ihnen die Wahrheit herauslesen könne; aber sie speisten ihn ab mit: »Seht erfreut, Sie wieder besser zu sehen, Sir;« oder: »Ich hoffe, es geht Ihnen wieder gut, Sir,« und daraus war er nicht im Stande, seinen Zustand zu beurtheilen.

Endlich, als sein Theilhaber fünf Monat lang im Geschäft war, blieb Wilding im Bett, und Mrs. Goldstraw wurde seine Pflegerin.

»Nun ich so krank daliege, nehmen Sie es vielleicht nicht übel, wenn ich Sie Sally nenne, Mrs. Goldstraw?« sagte der arme Weinhändler.

»Er klingt mir natürlicher, wie jeder andre Name, und ich höre ihn am liebsten.«

»Ich danke Ihnen, Sally. Ich glaube, Sally, daß ich kürzlich Anfällen von Bewußtlosigkeit unterworfen gewesen bin. Ist das wahr, Sally? —— Fürchten Sie sich nicht, es mir zu sagen.«

»Es ist vorgekommen, Sir.«

»So! also das ist es gewesen,« bemerkte er ruhig. »Mr. Obenreizer sagt, Sally, die Welt sei so eng, daß es nicht zu verwundern wäre, wenn man immer mit denselben Menschen wieder zusammenträfe, an verschiedenen Orten zusammenträfe, und sollte man auch von verschiedener Lebensstellung sein. Ist es nicht seltsam, Sally, daß ich, nun es zum Sterben geht, wieder —— wie soll ich sagen? —— wieder zurück in das Findelhaus komme?«

Er streckte seine Hand nach ihr aus, sie nahm sie sanft in die ihre.

»Sie werden noch nicht sterben, lieber Mr. Wilding.«

»Mr. Bintrey sagt das auch, aber ich glaube, er hat Unrecht. Das alte Kindheitsgefühl überkommt mich wieder, Sally. Die Stille und Ruhe, die sich früher über mich verbreitete, ehe ich einschlief.«

Nach einer Pause sagte er sanft: »Bitte, küsse mich, Sally, und es war augenscheinlich, daß er in dem großen Schlafsaal des Findelhauses zu liegen glaubte. Wie sie gewohnt gewesen war, sich über die vater und mutterlosen Kinder zu beugen, beugte sich Sally auf den vater- und mutterlosen Mann hinab und berührte mit ihren Lippen seine Stirn, indem sie flüsterte:

»Gott segne Dich!«

»Gott segne Dich!« erwiderte er in demselben Ton.

Nach einer zweiten Pause öffnete er mit vollem Bewußtsein seine Augen und sagte: »Laß mich deswegen, was ich Dir jetzt sagen werde, ruhig in meiner Stellung verharren, ich liege sehr behaglich. Ich glaube, meine Zeit ist da. Ich weiß nicht, wie es Dir erscheinen mag, Sally aber ——«

Für einige Minuten überfiel ihn Bewußtlosigkeit; doch rang er sich noch einmal von ihr los.

»Ich weiß nicht, Sally, wie es Dir erscheinen mag, aber so erscheint es mir.«

Als er bedächtig seine Lieblingssentenz ausgesprochen hatte, war seine Zeit gekommen und er starb.



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