Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Swanhaven Lodge - Vierunddreißigstes Kapitel - Die Saat der Zukunft. Erste Aussaat
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Mann und Weib



Swanhaven Lodge.

Vierunddreißigstes Kapitel - Die Saat der Zukunft. Erste Aussaat

»Nicht so groß wie Windygates, aber behaglich, was Jones?«

»Und gemüthlich, Smith, ich bin ganz Ihrer Meinung.«

So lautete das von den beiden Herren Choristen ausgesprochene Urtheil über Mr. Julius Delamayn’s schottisches Landhaus Das Urtheil, das Smith und Jones hier fällten, war unstreitig richtig. Swanhaven Lodge war nicht halb so groß wie Windygates, aber es war zu der Zeit, wo der Grundstein von Windygates gelegt wurde, schon seit zweihundert Jahren bewohnt gewesen und hatte die Vorzüge ohne die Nachtheile seines Alters. Alte Häuser pflegen sich dem Character ihrer Bewohner anzupassen, wie sich alte Hüte den menschlichen Köpfen anpassen. Der Besucher von Swanhaven Lodge hatte beim Fortgehen eine Empfindung, als ob er seine Heimath verließe. Es gehörte zu den wenigen Häusern, die uns, außer unserem eigenen, sympathisch anmuthen. Der Garten war weder an Größe noch an Pracht entfernt mit dem von Windygates zu vergleichen. Aber der Park war schön, weniger sorgfältig angelegt, aber auch weniger monoton als ein gewöhnlicher englischer Park. Der See an der nördlichen Grenze des Gutes war berühmt wegen seiner Schwanenzucht und gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Gegend, und die Geschichte des Hauses, die es mit mehr als einem berühmten schottischen Namen verknüpfte, hatte Julius Delamayn selbst geschrieben und illustrirt. Besucher von Swanhaven Lodge erhielten regelmäßig ein Exemplar des Buches, das der Verfasser für seine Freunde hatte drucken lassen. Einer unter zwanzig las es, die Uebrigen erklärten es für höchst »unterhaltend« und begnügten sich damit, die Bilder anzusehen.

Es war der letzte August und in Swanhaven Godge fand das von Mr. und Mrs Delamayn gegebene Gartenfest statt. Smith und Jones, die mit den übrigen Gästen von Windygates in Lady Lundie’s Gefolge erschienen waren, tauschten ihre Ansichten über die Vorzüge des Hauses auf einer Terrasse hinter dem Hause aus. Sie bildeten die Avantgarde der Besucher, die, zu Zweien und Dreien aus dem Empfangszimmer tretend, alle die Schwäne sehen wollten, bevor das Gartenfest seinen Anfang nähme. Julius Delamayn erschien mit dem ersten Detachement, rekrutirte unterwegs Smith und Jones und andere im Garten zerstreute Junggesellen und begab sich nach dem See. Ein Paar Minuten lang blieb die Terrasse leer. Dann erschienen an der Spitze eines zweiten Detachements der Gäste, zwei Damen unter dem alten steinernen Portal, welches dem Eingange an dieser Seite des Hauses zum Schutz diente. Die eine der beiden Dame war eine kleine, bescheidene, angenehme, sehr einfach gekleidete Frau; die andere gehörte zu dem großen und imponirenden Geschlecht der »schönen Frauen« und war prachtvoll gekleidet. Die erste war Mrs. Julius Delamayn, die zweite Lady Lundie.

»Herrlich, herrlich!« rief Lady Lundie, indem sie die alten von Schlingpflanzen umrahmten gothischen Fenster und die in Zwischenräumen aus der Mauer vorspringenden großartigen steinernen Strebepfeiler betrachtete, deren jeder an seiner Basis von einem Kranz von Blumen umgeben war. »Wie schade, daß dieser Genuß Sir Patrick entgeht.«

»Sagen Sie nicht, Lady Lundie, daß Sir Patrick durch Familienangelegenheiten veranlaßt worden sei, nach Edinburgh zu geben?«

»Ja wohl, Geschäfte, Mrs. Delamahn, die mir nichts weniger als angenehm sind. Alle meine Arrangements für den Herbst werden dadurch über den Haufen geworfen; meine Stieftochter wird sich schon nächste Woche verheirathen.«

»So bald schon? Und wer ist der glückliche Bräutigam, wenn ich fragen darf?«

»Mr. Arnold Brinkworth.«

»Der Name kommt mir bekannt vor.«

»Sie haben vermuthlich von ihm als den Erben des schottischen Gutes des verstorbenen Miß Brinkworth gehört?«

»Allerdings! Haben Sie Mr. Brinkworth auch mitgebracht?«

»Ich muß ihn, wie Sir Patrick bei Ihnen entschuldigen, beide sind vorgestern zusammen nach Editiburgh gereist. Die Advocaten haben sich verpflichtet, die Ehecontracte in drei bis vier Tagen in Ordnung zu bringen, wenn eine persönliche Conferenz vorher ermöglicht werden könnte; es betrifft einige formelle Fragen, glaube ich, die sich auf Besitztitel beziehen. Sir Patrick hielt es für den sichersten und raschesten Weg, Mr. Brinkworth mit sich uach Edinburgh zu nehmen, die Geschäfte heute zu erledigen und mit ihrer Rückreise zu warten, bis wir sie morgen auf unserm Wege nach Süden treffen.«

»Sie wollen Windygates bei diesem reisenden Wetter verlassen?«

»Seht ungern. Die Wahrheit ist, Mrs. Delamayn, daß ich durchaus von dem Willen meiner Stieftochter abhänge. Ihr Onkel hat als ihr Vormund volle Autorität über sie und der Gebrauch, den er davon macht, besteht darin, daß er ihr ganz ihren Willen läßt. Erst vorigen Freitag hat sie in die Festsetzung des Tages gewilligt und noch dazu diese späte Einwilligung an die Bedingung geknüpft, daß die Hochzeit in England stattzufinden habe. Reiner Eigensinn, aber was kann ich dabei thun? Sir Patrick fügt sich, Mr. Brinkworth fügt sich, und wenn ich bei der Hochzeit zugegen sein will, muß ich ihrem Beispiele folgen und mich gleichfalls fügen. Ich halte es für meine Pflicht zugegen zu sein und so bleibt mir nichts übrig, als mich zu opfern. Wir reisen morgen nach London.«

»Soll denn Miß Lundie’s Hochzeit in dieser Jahreszeit in London stattfinden?«

»Nein, wir gehen nur über London nach Sir Patrick’s Gut in Kent, das Gut, das zugleich mit dem Titel in seinen Besitz gelangte. An den Platz knüpft sich für mich die Erinnerung an die letzten Tage meines geliebten Gatten. Auch eine schwere Prüfung für mich. Die Hochzeit soll auf dem Schauplatz meines schmerzlichsten Verlustes gefeiert werden. Meine alte Wunde wird am nächsten Montag wieder frisch bluten müssen und das nur deshalb, weil meine Stieftochter eine Abneigung gegen Windygates gefaßt hat.«

»Heute über acht Tage wird also die Hochzeit sein?«

»Jawohl, heute über acht Tage, es waren Gründe vorhanden, die Sache zu beschleunigen, mit denen ich Sie nicht behelligen will. Keine Worte vermögen es auszudrücken, wie sehr ich wünsche, es wäre vorüber. Aber meine liebe Mrs. Delamayn, wie rücksichtsslos von mir, Sie mit meinen Familiensorgen zu belästigen, Sie sind so liebenswürdig und flößen mir so viel Vertrauen ein, das ist meine einzige Entschuldigung. Bitte, lassen Sie mich Sie nun aber nicht länger von Ihren Gästen zurückhalten, so schwer es mir auch wird, mich von diesem reizenden Punkt zu trennen.«

Wo ist Mrs. Glenarm?«

»Ich weiß es wirklich nicht, ich vermißte sie schon, als wir auf die Terrasse traten, Sie wird höchst wahrscheinlich nach dem See gegangen»sein.«

»Haben Sie Lust, sich auch den See anzusehen, Lady Lundie?«

»Ich« schwärme für die Schönheiten der Natur, Mrs Delamayn, besonders für See’n!«

»Wir haben Ihnen überdies etwas zu zeigen, wir haben eine eigenthümliche Schwanenzucht auf dem See; mein Mann ist mit einigen unserer Gäste vorangegangen und ich glaube man erwartet auch uns, sobald die übrigen Gäste unter der Führung meiner Schwester das Haus gesehen haben werden.«

»Und was für ein Haus, Mrs. Delamayn, historische Erinnerungen in jedem Winkel desselben. Nichts gewährt mir so großen Trost, als mich in die Vergangenheit zu flüchten. Wenn ich wieder weit entfernt von diesem lieblichen Orte bin, werde ich Swanhaven Lodge mit seinen verstorbenen Bewohnern bevölkern und mich in die Freuden und Sorgen vergangener Jahrhunderte versenken.«

Während Lady Lundie in dieser Weise ihre Absicht zu erkennen gab, die Bevölkerung vergangener Jahrhunderte zu vermehren, erschienen die letzten von den Gästen, die das alte Haus durchstöbert hatten, unter dem Portal. Unter diesen Nachzüglern befanden sich Blanche und eine Freundin ihres Alters, die sie in Swanhaven Lodge getroffen hatte. Die beiden Mädchen schlenderten Arm in Arm hinter den Uebrigen her und unterhielten sich vertraulich mit einander. Den Gegenstand ihrer Unterhaltung bildete, wie wir wohl kaum zu sagen brauchen, Blanche’s bevorstehende Hochzeit.

»Aber liebe Blanche, warum willst Du Dich nicht in Windygates verheirathen?«

»Ich hasse Windygates, Janet, es knüpfen sich für mich die traurigsten Erinnerungen an diesen Ort, frage mich nicht, worin sie bestehen. Ich lasse es mir auf’s Aeußerste angelegen sein, nicht an dieselben zu denken, ich sehne mich darnach, nichts mehr von Windygates zu sehen. Was meine Hochzeit anlangt, so habe ich es zur ausdrücklichen Bedingung gemacht, daß sie überhaupt nicht in Schottland stattfinden soll.«

»Was hat denn das arme Schottland gethan, um Deine gute Meinung zu verwirken, liebe Blanche?«

»Das arme Schottland, liebe Janet, ist ein Land, wo die Leute nicht wissen, ob sie verheirathet sind oder nicht. Ich weiß das Alles von meinem Onkel und ich kenne Jemand, der das unschuldige Opfer einer schottischen Heirath geworden ist.«

»Ach dummes Zeug, Blanche, Du denkst an weggelaufene Paare und machst Schottland verantwortlich für die Verlegenheiten von Leuten, die die Wahrheit nicht eingestehen dürfen.«

»Ich rede gar kein dummes Zeug, ich rede von der theuersten Freundin, die ich habe; ach wenn Du nur wüßtest!«

»Liebes Kind, vergiß nicht, daß ich eine Schottin bin; ich bleibe dabei, Du kannst Dich gerade so gut in Schottland wie in England verheirathen.«

»Ich hasse Schottland!«

Blanche?«

»Ich bin nie in meinem Leben so unglücklich gewesen wie in Schottland und ich habe kein Verlangen, es je wieder zu sehen. Ich bin entschlossen meine Hochzeit in England in dem lieben alten Hause zu feiern, wo ich meine ersten Mädchenjahre verlebt habe. Mein Onkel ist ganz einverstanden, er versteht mich und weiß meine Gefühle zu würdigen.«

»Willst Du damit sagen, daß ich Dich nicht verstehe und Deine Gefühle nicht zu würdigen weiß? Dann wäre es wohl besser, Blanche, daß ich Dich von meiner Gesellschaft befreite.«

»Wenn Du iu diesem Tone mit mir reden willst, ja!«

»Soll ich mein Vaterland verunglimpfen hören und kein Wort zu seiner Vertheidigung sagen?«

»Ach, Ihr Schotten macht so viel Aufhebens von Eurem Vaterlande.«

»Wir Schotten? Du bist ja selbst von schottischer Abkunft und Du solltest Dich schämen, so zu reden. Guten Morgen, Blanche! Ich wünsche Dir bessere Laune.«

Noch vor einer Minute waren die beiden jungen Damen wie Zwillingsrosen auf einem Stamm gewesen und jetzt trennten sie sich mit gerötheten Wangen, feindseligen Gefühlen und scharfen Worten; wie heiß ist die Gluth der Jugend und wie unendlich zerbrechlich sind weibliche Freundschaften!

Die Schaar der Gäste folgte Mrs. Delamayn an die Ufer des Sees. Einige Minuten später war die Terrasse völlig öde und leer. Dann trat ein einzelner Herr mit einer Blume im Munde, die Hände in den Taschen, langsam in’s Portal hinaus. Es war Geoffrey Delamayn.

Einen Augenblick später erschien eine Dame hinter ihm mit leisen Schritten, so daß er sie nicht hören konnte. Sie war prachtvoll nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, auf ihrer Brust prangte als Broche ein großer Diamant von wundervoller Reinheit, der Fächer in ihrer Hand war ein Meisterstück der feinsten, indischen Arbeit. Sie sah aus wie das, was sie war, wie eine Person im Besitz von sehr vielem überflüssigen Gelde, der es aber an einem entsprechenden Ueberfluß an Geist mangelte war die kinderlose junge Wittwe des großen Eisenwerkbesitzers, Mrs. Glenarm. Die reiche Frau klopfte dem starken Mann kokett mit ihrem Fächer auf die Schulter. »O, Sie böser Junge«, sagte sie mit einer etwas gezierten Schalkhaftigkeit in Blick und Wesen, »finde ich Sie endlich hier?«

Geoffrey schlenderte, während die Dame ihm folgte, mit einer barbarischen Geringschätzung aller civilisirten Unterordnung unter das schöne Geschlecht, auf die Terrasse hinaus und sah auf seine Uhr. »Ich hatte ja gesagt, daß ich hierher kommen würde, wenn ich eine halbe Stunde für mich gehabt hätte«, murmelte er, indem er die Blume achtlos zwischen den Zähnen herumdrehte, »ich habe die halbe Stunde gehabt und da bin ich!«

»Kommen Sie denn, um die Gäste zu sehen oder um mich zu sehen?«

Geoffrey lächelte gnädig und drehte die Blume wieder zwischen den Zähnen herum: »natürlich um Sie zu sehen.«

Die Wittwe des Eisenwerkbesitzers ergriff seinen Arm und schaute zu ihm hinauf, wie nur eine junge Frau aufzublicken wagen kann, während das helle Sonnenlicht voll auf ihrem Gesicht spielte.

Die Durchschnittsansicht der Engländer über weibliche Schönheit kann, auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt, in die drei Worte, Jugend, Gesundheit und angenehme Fülle zusammengefaßt werden. Die feineren Reize eines intelligenten Ausdrucks klassischer Linien und anmuthiger Formen üben wenig Anziehungskraft auf die überwiegende Mehrheit der Männer in England. Nur dadurch kann man sich die erstaunliche Blindheit erklären, welche, um nur ein Beispiel anzuführen, von zehn Engländern, die Frankreich besuchen, neun bei ihrer Rückkehr behaupten läßt, daß sie weder in noch außerhalb Paris ein hübsches Frauenzimmer gesehn haben. Unser populärer Schönheitstypus entfaltet sich in seiner vollsten materiellen Erscheinung in dem Schaufenster jedes Ladens, in welchem eine illustrirte Zeitung verkauft wird. Dasselbe vollwangige Gesicht, mit demselben faden Lächeln ohne sonstigen Ausdruck, kehrt in allen Arten von Illustrationen Tag für Tag wieder. Wer zu wissen wünschte, wie Mrs. Glenarm aussah, brauchte nur auszugehen und vor irgend einem Buch- oder Zeitungsladen still zu stehen, um sie in der ersten besten Illustration, auf der eine junge Frau figurirt, zu sehen. Die einzige bemerkenswerthe Besonderheit in Mrs Glenarm’s gewöhnlicher und ganz materieller Schönheit, welche einen fein gebildeten Beobachter frappirt haben würde, war die vollkommene Mädchenhaftigkeit ihres Blickes und Wesens. Kein Fremder, der sich mit dieser vierundzwanzigjährigen Wittwe unterhalten hätte, würde es sich haben einfallen lassen, sie anders als »Mein Fräulein« anzureden.

»Gehen Sie so mit einer Blume um, die ich Ihnen gegeben habe? Sie zermalmen sie zwischen den Zähnen, wie ein Pferd! Sie Nichtsnutz!«

»Was das betrifft«, erwiderte Geoffrey, »bin ich ja wirklich mehr Pferd, als Mensch, ich werde bei einem Wettlauf rennen und das Publicum wettet schon auf mich, ganz wie auf ein Pferd.«

»Da hör’ nur Einer, er hat nichts im Kopf als Wetten. Sie große, schwere Maschine ich kann Sie nicht von der Stelle bringen, merken Sie nicht, daß ich wie alle übrigen Gäste nach dem See gehen möchte? Nein, ich lasse Sie nicht los, Sie sollen mich hin bringen!«

»Kann ich unmöglich, muß in einer halben Stunde wieder bei Perry sein.« Perry war der von London verschriebene Lehrer, der früher, als erwartet, eingetroffen und bereits seit drei Tagen in Funktion getreten war.

»Sprechen Sie mir nicht von Perry, diesem ordinären kleinen Patron, schicken Sie ihn weg. Sie wollen nicht? Sind Sie wirklich ein solcher Unmensch daß Sie lieber bei Perry als bei mir sein wollen?«

»Die Weiten stehen fünf gegen vier, liebes Kind, und das Wettlaufen nimmt in einem Monat seinen Anfang.«

»Nun, so gehen Sie in Gottes Namen zu Ihrem geliebten Perry, ich hasse Sie, ich hoffe nur, Sie verlieren beim Wettrennen. Bleiben Sie nur in Ihrem Häuschen und lassen Sie sich gar nicht wieder im Hause blicken und wohlgemerkt, lassen Sie es sich nicht einfallen, wieder zu mir »liebes Kind« zu sagen.

»Nicht einfallen lassen? Ich werde mir noch ganz andere Dinge einfallen lassen. Warten Sie nur noch eine Weile, bis das Wettrennen vorüber ist; dann werde ich es mir einfallen lassen, Sie zu heirathen!«

»Sie? Sie können so alt werden wie Methusalem, wenn Sie darauf warten wollen, daß ich Ihre Frau werde. Sollte Perry nicht eine Schwester haben? Fragen Sie ihn doch einmal, das wäre gerade die rechte Frau für Sie!«

Geoffrey drehte die Blume zwischen den Zähnen herum und sah aus, als ob er diesen Gedanken der Ueberlegung für werth halte.

»Gut!« sagte er, »wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thue, will ich gehen und Perry fragen,« und damit ging er, als ob er seinen Vorsatz sogleich ausführen wolle.

Mrs. Glenarm erhob ihre reizende, kleine, von einem rosafarbenen Glacéhandschuh eng umschlossene Hand, legte dieselbe auf den wuchtigen Arm des Athleten und kniff seine eisernen Muskeln, den Stolz und Ruhm Englands, mit Zärtlichkeit. »Was Sie für ein Mann sind!« sagte sie, »in meinem Leben habe ich keinen solchen Mann wie Sie gesehen!« —— Das ganze Geheimniß der Gewalt, die Geoffrey über sie übte, lag in diesen Worten. Sie waren wenig länger als zehn Tage in Swanhaven Lodge zusammen gewesen und in dieser kurzen Zeit hatte er Mrs. Glenarm’s Herz erobert. Am Tage vor dem Gartenfeste hatte er sie, in einem der wenigen müßigen Augenblicke, die Perry ihm gestatten, allein abgefaßt, ihren Arm ergriffen und sie gerade heraus gefragt, ob sie ihn heirathen wolle. Es fehlt nicht an Beispielen von Frauen —— mit allem Respect sei es gesagt —— die sich in zehn Tagen haben werben und gewinnen lassen, aber ein Beispiel von einer Frau, die das bereitwillig eingesteht, soll noch gefunden werden. Auch die Frau des Eisenwerkbesitzers verlangte die strengste Geheimhaltung, bevor sie ihr Jawort gab. Nachdem Geoffrey ihr sein Wort darauf gegeben hatte, zu schweigen, bis sie ihm erlaubt haben werde, zu reden, gab Mrs. Glenarm ihm ohne längeres Zaudern ihr Jawort, die sie —— was wir nicht unerwähnt lassen wollen —— im Laufe der letzten zwei Jahre wenigstens einem halben Dutzend Männern, die sämmtlich Geoffrey in Allem, außer in Schönheit und Körperkraft, überlegen waren, einen Korb gegeben hatte. Alles in der Welt hat seinen Grund und auch dieses hatte seinen guten Grund.

Wie entschieden auch moderne Philosophen in ihren Erörterungen, über das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander, es leugnen mögen, so ist es darum doch nicht weniger eine durch die ganze Geschichte des Menschengeschlechts bestätigte Wahrheit, daß es die natürliche Neigung jeder Frau ist, in ihrem Mann ihren Herrn zu finden. Seht Euch irgend eine Frau an, die nicht von einem Manne abhängt, und so gewiß Ihr die Sonne an einem wolkenlosen Himmel seht, so gewiß seht Ihr in das Gesicht einer nicht glücklichen Frau. Das Verlangen nach einem Herrn ist das beständige ihr selbst unbewußte Verlangen des Weibes, in dem Besitze eines Herrn findet es allein seine vollständige Ergänzung. In neunundneunzig unter hundert Fällen liegt dieser natürliche Trieb dem sonst unerklärlichen Opfer zu Grunde, das wir so oft von Frauen gebracht sehen, die sich aus freien Stücken an einen ihrer unwürdigen Mann wegwerfen und dieser natürliche Instinct lag auch der sonst unerklärlichen Leichtigkeit zu Grunde, mit welcher Mrs. Glenarm sich Geoffrey hingab. Bis zu der Zeit ihrer Begegnung mit diesem, hatte die junge Wittwe in ihrem Verkehr mit der Welt sich nur als einen privilegirten Tyrannen betrachtet und behandelt gesehen. In den kurzen sechs Monaten ihrer Ehe mit einem Manne, dessen Enkelin sie hätte sein können, brauchte sie nur den Finger auszustrecken, um den bereitwilligsten Gehorsam zu finden. Der verliebte, alte Mann war der willige Sclave jeder Laune seiner begehrlichen jungen Frau. Später, als die Gesellschaft die junge Wittwe ihrer Geburt, ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen dreifach willkommen hieß, war sie, wo sie auch immer erscheinen mochte, der Gegenstand derselben unterwürfigen Bewunderung der zahlreichen Freier, die sich wetteifernd um ihre Hand bewarben. Zum ersten Male in ihrem Leben begegnete sie in Geoffrey Delamayn einem Manne mit eignem Willen. Geoffrey’s augenblickliche Beschäftigung war besonders geeignet, die Frau in die Lage zu bringen, Einfluß auf den Willen des Mannes zu erproben. Während der Zeit, die seit seiner Rückkehr in seines Bruders Haus bis zu der Ankunft des Lehrers verflossen war, hatte Geoffrey schon angefangen, sich der physischen Disciplin, die zu seiner Vorbereitung auf den bevorstehenden Wettlauf erforderlich war, zu unterziehen. Er wußte aus eigener Erfahrung, welche Uebungen er vorzunehmen, welche Stunden er einzuhalten, welchen Versuchungen der Tafel er zu widerstehen habe. Wieder und wieder versuchte es Mrs. Glenarm ihn zu Uebertretungen seiner selbst vorgeschriebenen Disciplin zu verlocken, und wieder und wieder erwies sich der Einfluß, den sie bisher auf Männer auszuüben gewohnt war, unwirksam. Sie mochte sagen und thun was sie wollte, so vermochte sie diesen Mann nicht in seinen Entschlüssen wankend, zu machen. Als dann Perry eintraf, wurde Geoffrey’s trotziger Widerstand gegen jeden Versuch der reizenden, weiblichen Thränen der sich Jedermann sonst gebeugt hatte, unerschütterlicher als je. Mrs Glenarm wurde so eifersüchtig auf Perry als ob Perry ein Weib wäre. Sie wurde wüthend, brach in Thränen aus, ließ sich von andern Männern die Cour machen und drohte das Haus zu verlassen. Alles vergebens. Nicht ein einziges Mal versäumte Geoffrey eine mit Perry getroffene Verabredung, nicht ein einziges Mal trank oder aß er etwas, was sie ihm anbot, wenn Perry es verboten hatte. Es giebt keine menschliche Thätigkeit, die dem Einfluß des weiblichen Geschlechts so feindlich wäre, als die auf athletische Kraftausübung verwandte; es giebt keine Männer, die dem weiblichen Einfluß so völlig unzugänglich wären, als die Männer die ihr Leben mit der Ausbildung ihrer eigenen Körperkraft zubringen. Es kostete Geoffrey nicht die geringste Ueberwindung, Mrs. Glenarm Widerstand zu leisten, und eben dadurch nöthigte er ihr gelegentlich Bewunderung ab und errang sich, ohne darauf auszugehen, ihre Achtung. Sie hing an ihm wie an einem Helden, sie schreckte vor ihm zurück wie vor einer wilden Bestie, sie rang mit ihm, fügte sich ihm, verachtete und bewunderte ihn, Alles in einem Athem, und der Schlüssel zu dem Allen, verwirrt und widersprechend wie es schien, lag in einer einzigen, einfachen Thatsache. Mrs. Glenarm hatte ihren Herrn gefunden.

»Bringen Sie mich nach dem See«, sagte sie, mit einem kleinen bittenden Druck ihrer rosafarbenen Hand.

Geoffrey sah nach seiner Uhr. »Perry,« sagte er, »erwartet mich in zwanzig Minuten!«

»Wieder Perry?«

»Ja!«

Mrs. Glenarm schwang ihren Fächer mit einem plötzlichen Ausbruch der Wuth und zerbrach ihn, indem sie Geoffrey einen empfindlichen Schlag in’s Gesicht versetzte.«

»Da!« rief sie, mit dem Fuße stampfend, »mein armer Fächer zerbrochen, Sie Ungeheuer, Alles um Ihretwillen!«

Geoffrey sammelte ruhig die Bruchstücke des Fächers auf und steckte sie in die Tasche.

»Ich will nach London schreiben und Ihnen einen andern kommen lassen. Kommen Sie, kommen Sie, geben Sie mir einen Kuß und lassen Sie uns wieder gute Freunde sein!«

Er sah sich über die Schulter um, ob sie allein seien, dann hob er sie mit beiden Händen in die Höhe, obgleich sie nichts weniger als leicht war, hielt sie wie ein Kind hoch empor und gab ihr einen lauten, derben Kuß aus beide Wangen.

»Mit bestem Gruße von ihrem treu Ergebenen,« sagte er, brach in lautes Lachen aus und stellte sie wieder auf den Boden.

»Wie dürfen Sie sich so etwas unterstehen!« rief Mrs. Glenarm, »ich werde Mrs. Delamayn um ihren Schutz, bitten, wenn Sie mich aus diese Weise insultiren, und werde es Ihnen nicht vergeben, mein Herr.«

Während sie diese Worte der Entrüstung sprach, warf sie ihm einen Blick zu, der ihre Worte geradezu Lügen strafte. Im nächsten Augenblick lehnte sie sich an seinen Arm und betrachtete ihn zum tausendsten Male mit bewundernden Blicken, als eine, in ihrer Erfahrung von Männern, ganz neue Erscheinung.

»Wie roh Sie sind, Geoffrey,« sagte sie sanft.

Er lächelte über die unabsichtliche Anerkennung seiner Männlichkeit.

Sie sah das Lächeln und machte sofort einen neuen Versuch, die verhaßte Suprematie Perry’s zu bekämpfen.

»Lassen Sie ihn warten« flüsterte die Tochter Evas, entschlossen, Adam zu einem Bisse in den Apfel zu verlocken.

»Kommen Sie, Geoffrey, und lassen Sie dieses eine Mal Perr Perry sein, bringen Sie mich nach dem See.«

Geoffrey sah nach der Uhr. »Perry erwartet mich in einer Viertelstunde,« erwiderte er.

Mrs. Glenarm’s Entrüstung nahm eine neue Gestalt an, sie brach in Thränen aus.

Geoffrey sah sie einen Augenblick mit unverhohlenem Erstaunen an, faßte sie dann bei beiden Armen und schüttelte sie. »Hören Sie doch einmal«, sagte er ungeduldig, »können Sie mich einüben?«

»Ich würde es« gern thun, wenn ich es könnte.«

»Das kann mir nichts helfen. Können Sie mich soweit bringen, daß ich am Tage des Wettlaufs gerüstet bin, Ja oder nein?«

»Nein!«

»Dann trocknen Sie Ihre Thränen und lassen Sie Perry gewähren.«

»Mrs. Glenarm trocknete ihre Thränen und machte einen letzten Versuch, Geoffrey zurückzuhalten. »Ich kann mich so nicht blicken lassen«, sagte sie, »ich bin so aufgeregt, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, kommen Sie mit in’s Haus und lassen Sie uns eine Tasse Thee trinken.«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Perry«, sagte er, »verbietet mir am Tage Thee zu trinken.«

»Sie hartherziges Ungeheuer«, rief Miß Glenarm.

»Soll ich den Wettlauf verlieren?« erwiderte Geoffrey.

»Ja!« Mit dieser Antwort verließ sie ihn endlich und eilte in das Haus»zurück.

Geoffrey ging auf der Terrasse auf und ab, überlegte einen Augenblick, stand dann still und blickte durch das Portal, durch welches sich die erzürnte Wittwe seinen Blicken entzogen hatte.

»Zehntausend Pfund jährlich« sagte er, indem er an seine Heirathsaussichten dachte, die er zu gefährden im Begriff stand, »und verflucht leicht verdient«, fügte er hinzu, indem er in’s Haus trat, um Glenarm zu beschwichtigen.

Die beleidigte Wittwe saß auf einem Sopha in einein einsamen Salon. Geoffrey setzte sich neben sie. Sie that, als wolle sie ihn nicht ansehen. »Seien Sie keine Närrin,« sagte er in einem einschmeichelnden Tone. Mrs. Glenarm hielt sich das Taschentuch vor die Augen. Geoffrey zog dasselbe ohne Umstände wieder weg. Mrs. Glenarm stand auf, um aus dem Zimmer zu gehen. Geoffrey hielt sie mit Gewalt zurück. Mrs. Glenarm drohte, die Dienstboten herbeizurufen. Geoffrey entgegnete: »Meinetwegen, ich mache mir nichts daraus, wenn das ganze Haus erfährt, daß ich Sie gern habe.« Mrs. Glenarm sah nach der Thür und flüsterte: »Still um Gottes willen!« Geoffrey legte ihren Arm in den seinigen und sagte: »Kommen Sie mit mir, ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Mrs. Glenarm trat zurück und schüttelte den Kopf. Geoffrey legte seinen Arm um ihre Taille und schleppte sie mit sich zum Zimmer und zum Hause hinaus, nicht auf die Terrasse, sondern in der Richtung einer Tannenanpflanzung an der andern Seite des Hauses. Bei der Tannenanpflanzung angelangt, stand er still und hielt der beleidigten Wittwe einen warnenden Finger entgegen. »Sie sind grade die Art von Frau, die mir gefällt,« sagte er, »und es giebt keinen Mann, der so verliebt in Sie wäre, wie ich. Geben Sie es auf, mich mit Perry zu quälen und ich will Ihnen sagen, was ich für Sie thun will. Sie sollen sehen, wie ich einen Sprint mache.« Er trat einen Schritt zurück und heftete seine großen blauen Augen fest auf sie mit einem Blick, der sagte: »Ich gewähre Ihnen eine Gunst, die noch nie einer Frau zu Theil geworden ist.« Sofort gewann die Neugierde bei Mrs. Glenarm die Oberhand.

»Was ist ein Sprint?« fragte sie.

»Ein kurzes Rennen, um zu versuchen, wie rasch ich laufen kann. Es giebt keine lebende Seele in ganz England, außer Ihnen, der ich das sehen lassen würde! Bin ich noch ein Ungeheuer?«

Mrs. Glenarm war zum hundertsten Male wieder gewonnen. Sie sagte sanft: »O Geoffrey, wenn Sie doch immer so sein wollten wie jetzt.« Ihre Augen erhoben sich bewundernd zu den seinigen; aus freien Stücken ergriff sie wieder seinen Arm und drückte ihn sanft.

Geoffrey glaubte schon die zehntausend Pfund in seiner Tasche zu fühlen.

»Lieben Sie mich wieder?« flüsterte Mrs. Glenarm.

»Ob ich sie liebe!« antwortete der Held.

Der Friede war wieder hergestellt und die Beiden gingen mit einander weiter. Sie überschritten die Tannenanpflanzung und gelangten auf ein offenes, sanft gewelltes Terrain. Die letzte Erhöhung senkte sich allmälig in eine an der andern Seite von schützenden Bäumen begrenzte Ebene hinab. Unter den Bäumen befand sich ein freundliches, kleines, steinernes Haus, vor welchem ein geschniegeltes Männchen, die Hände auf dem Rücken, auf- und abging. Diese Ebene war das Uebungsfeld, das Haus der Aufenthaltsort und der geschniegelte kleine Mann, der Lehrer des Helden.

Wenn Mrs. Glenarm Perry haßte, war er allem Anschein nach in keiner Gefahr, sich in Mrs. Glenarm zu verlieben. Als Geoffrey sich mit seiner Begleiterin näherte, blieb der Lehrer stehen und starrte die Dame schweigend an. Die Dame ihrerseits nahm von dem Vorhandensein des Lehrers nicht die mindeste Notiz.

»Wie viel Uhr ist es?« fragte Geoffrey.

Perry sah nach einer Uhr, welche fünftel Secunden angab und antwortete Geoffrey, während er seinen Blick fortwährend fest auf Mrs. Glenarm gerichtet hielt: »Sie haben noch fünf Minuten!«

»Zeigen Sie mir, wo Sie laufen werden, ich bin voll Begierde es mit anzusehen«, sagte die Wittwe eifrig, indem sie Geoffrey’s Arm mit beiden Händen ergriff.

Geoffrey führte sie an einen in geringer Entfernung von dem Häuschen befindlichen Baum, an dem eine kleine Fahne befestigt war. Sie schlüpfte an seiner Seite in leichten Wellenbewegung hin, welche Perry’s Erbitterung auf ihren Höhepunkt zu bringen schienen.

»Stellen Sie sich dahin«, sagte Geoffrey, indem er sie an den kleinen Baum führte, »wenn ich an Ihnen vorüber komme« —— er hielt inne und betrachtete sie mit dem Ausdruck gutmüthigen Mitleids. »Wie, zum Teufel, soll ich Ihnen die Sache begreiflich machen?« fuhr er fort. »Sehen Sie mal, wenn ich an Ihnen vorüber komme, so wird das in einer Bewegung sein, die Sie, wenn ich ein Pferd wäre, Galopp nennen würden. Schweigen Sie, ich bin noch nicht fertig. Sie müssen mir, wenn ich an Ihnen vorbeilaufe, nachsehen, bis dahin, wo die Ecke der Mauer des Häuschens sich mit den Bäumen schneidet. Wenn ich hinter der Mauer Ihren Blicken entrückt bin, so haben Sie mich meine tausend Fuß, von der Fahne an, durchlaufen sehen. Sie können sich glücklich preisen, Perry läßt mich heute einen langen Sprint machen. Sie haben verstanden, daß Sie hier stehen bleiben sollen? Gut, jetzt lassen Sie mich gehen und mein Renncostüm anziehen.«

»Werde ich Sie denn nicht wiedersehen, Geoffrey?«

»Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, daß Sie mich laufen sehen werden?«

»Ja!«

»Aber nachher werde ich mit einem Schwamm abgewaschen, gerieben und muß in dem Häuschen ausruhen.«

»Aber Sie kommen doch heute Abend zu uns?«

Er nickte bejahend und ging von dannen.

Perry’s Gesicht trug einen unheilverkündenden Ausdruck, als Geoffrey an der Thür des Häuschen zu ihm trat.

»Ich habe Ihnen eine Frage zu stellen, Mr. Geoffrey« sagte der Lehrer, »wollen Sie mich haben oder nicht?«

»Gewiß will ich Sie haben.«

»Was habe ich Ihnen gesagt, als ich zuerst herkam?« fuhr Perry in strengem Tone fort. »Ich sagte Ihnen, ich wolle es nicht haben, daß irgend Jemand den Uebungen des von mir eingeübten Mannes zusähe. Vielleicht haben alle die Damen und Herren hier beschlossen, Sie zu sehen, ich aber habe beschlossen keinen Zuschauer zu dulden, ich will nicht, daß jemand Anders Ihnen bei Ihrer Arbeit aufpaßt, als ich, ich will nicht, daß jeder Fußbreit gesegneter Erde, die Sie durchlaufen, in den Zeitungen erscheint; kein Mensch außer uns Beiden soll wissen, was Sie vermögen und was Sie nicht vermögen. Habe ich Ihnen das gesagt, Mr. Delamaym oder nicht?«

»Gewiß, gewiß!«

»Habe ich Ihnen das gesagt?«

»Gewiß haben Sie mir das gesagt.«

»Nun, dann bringen Sie mir keine Frauenzimmer hierher, das ist entschieden gegen unsere Abrede und ich will es nicht dulden.«

Jedes andere lebende Wesen, das sich diesen Ton des Vorwurfes gegen Geoffrey erlaubt hätte, würde denselben wahrscheinlich zu bereuen gehabt haben. Aber in Perry#s Gegenwart fürchtete selbst Geoffrey seiner Laune freien Lauf zu lassen. Angesichts des bevorstehenden Wettlaufes durfte selbst der erste und ausgezeichnetste englische Athlet sich nicht einfallen lassen, mit dem ersten und ausgezeichnetsten Lehrer zu spaßen.

»Sie soll nicht wiederkommen,« sagte Geoffrey begütigend, »sie verläßt Swanhaven-odge in zwei Tagen.«

»Ich habe jeden Shilling, den ich besitze, auf Sie gewettet,« fuhr Perry fort, indem er wieder einen zärtlichen Ton annahm, »und ich kann Ihnen sagen, es war mir ein Stich in’s Herz, als ich Sie mit einem Frauenzimmer herkommen sah. Damit betrügt er die Leute, die auf ihn gewettet habest, sagte ich mir«

»Hören Sie auf,« erwiderte Geoffrey, »und helfen Sie mir, Ihr Geld zu gewinnen.« Er stieß die Thür des Häuschens auf, und der Athlet und der Lehrer verschwanden von der Scene.

Nachdem Mrs. Glenarm ein paar Minuten gewartet hatte, sah sie die beiden Männer sich ihr, von dem Häuschen her, wieder nähern. In dem enganliegenden, leichten, elastischem jeder Bewegung nachgehenden Costüm in dass Geoffrey jetzt gekleidet war, und das der gymnastischen Uebung, die er vorzunehmen im Begriff stand, völlig angemessen schien, zeigten sich seine körperlichen Vorzüge von der vorteilhaftesten Seite. Sein Kopf saß stolz und leicht auf seinem festen, weißen, entblößten Hals, die Bewegung seiner gewaltigen Brust, während er die frische Sommerluft in vollen Zügen einathmete, das Spiel seiner leichten feinen Hüften, der elastische Gang seiner starken, wohlgestalteten Beine, gewährten den Anblick des vollendetsten Typus männlicher Schönheit.

Mrs. Glenarm’s Augen verschlangen ihn in schweigender Bewunderung, er sah aus wie ein junger Gott, wie eine belebte Statue »O, Geoffrey!« rief sie sanft aus, während er an ihr vorüberkam.

Er gab ihr keine Antwort und sah sie nicht einmal an; er hatte etwas Anderes zu thun, als auf weibliches Geschwätz zu horchen. Er sammelte sich für die bevorstehende Anstrengung, seine Lippen waren geschlossen, seine Fäuste leicht geballt Perry stellte sich an seinen Posten, finster und schweigend mit der Uhr in der Hand. Geoffrey trat einige Schritte hinter die Fahne zurück, um einen hinreichenden Anlauf zu gewinnen, und wenn er an der Fahne vorbei käme, schon im vollsten Laufe zu sein.

»Also!« rief Perry.

Im nächsten Augenblick flog Geoffrey zu Mrs. Glenarm’s größten Erstaunen vorüber, wie ein von einem Bogen abgeschossener Pfeil. Seine Haltung war tadellos, sein Lauf bewahrte bei der größten Eile die unerläßlichen Bedingungen der Stärke und Festigkeit.

Weiter und weiter entfernte er sich von den Blicken, die seinem Laufe folgten, noch immer leicht über den Boden dahin fliegend, sich noch immer in gerader Linie haltend. Dann aber verschwand der Läufer plötzlich hinter der Mauer des Häuschens und die Uhr des Lehrers wanderte wieder in seine Tasche zurück.

In ihrem Eifer, das Resultat zu erfahren, vergaß Mrs. Glenarm ihre Eifersucht auf Perry »Wie lange hat er gebraucht?« fragte sie.

»Das möchte wohl Mancher noch außer Ihnen gern wissen,« antwortete Perry.

»O, Mr. Delamayn wird es mir schon sagen, Sie grober Mensch!«

»Das hängt davon ab, Madame, ob ich es ihm sage.« Mit diesen Worten eilte Perry in’s Häuschen zurück.

Kein Wort wurde zwischen Beiden gewechselt, während Perry den erschöpften Renner pflegte, bis dieser wieder zu Athem kam. Nachdem Geoffrey sorgfältig abgerieben und wieder mit seinen gewöhnlichen Kleidern angethan war, zog Perry einen bequemen Lehnstuhl aus einer Ecke herbei, in den Geoffrey mehr fiel, als daß er sich hineingesetzt hätte.

Perry fuhr zusammen und sah ihn aufmerksam an.

»Nun?« sagte Geoffrey »wie ist es damit, lang, kurz oder mittelmäßig?«

»Seht: gut!« sagte Perrh.

»Wie lange denn?«

»Wann, sagten Sie, daß die Dame abreisen würde, Mr. Delamayn?«

»In zwei Tagen.«

»Gut, ich werde Ihnen sagen, wie lange Sie gelaufen sind, wenn die Dame fort ist.«

Geoffrey machte keinen Versuch, auf eine sofortige Antwort zu dringen, sondern lächelte nur schwach. Nach einer Pause von weniger als zehn Minuten streckte er die Beine aus und schloß die Augen.

»Wollen Sie schlafen?« fragte Perry.

Geoffrey öffnete die Augen mit einiger Anstrengung wieder. »Nein,« sagte er. Kaum war die Antwort seinen Lippen entschlüpft, als er die Augen wieder schloß.

»Halloh!« sagte Perry vor sich hin, »das gefällt mir nicht,« und trat näher an den Stuhl heran. Geoffrey war eingeschlafen. Perry ließ einen langen, leisen Pfiff ertönen, beugte sich vorüber und legte zwei Finger sanft auf Geoffrey’s Puls. Der Schlag war langsam und schwach, unzweifelhaft der Puls eines erschöpften Menschen. Der Lehrer wechselte die Farbe und ging im Zimmer auf und ab. Er öffnete einen Schrank und nahm aus demselben sein Tagebuch über die Vorkommnisse der vergangenen Jahre. Die Notizen in Betrefs des letzten Males, wo er Geoffrey zu einem Wettlaufen vorbereitet hatte, waren von der genauesten Vollständigkeit. Er schlug den Bericht über die ersten Versuche, »eine Strecke von tausend Fuß zurückzulegen« auf. Die Zeitdauer war kaum ein bis zwei Secunden länger als heute, aber der Zustand nach dem Laufen war äußerst verschieden. Da stand es mir Perrh’s eigenen Worten: »Puls gut, der Mann vortrefflich gelaunt, bereit, wenn ich es zugelassen hätte, die Strecke noch einmal zu durchlaufen.« —— Perry betrachtete sich denselben Mann, wie er heute, ein Jahr später, vor ihm saß, gänzlich erschöpft und auf seinem Stuhl fest eingeschlafen. Er nahm Feder, Tinte und Papier aus dem Schrank und schrieb zwei Briefe, deren beider Adressen er das Wort »vertraulich« hinzufügte. Der erste Brief war an einen Arzt, eine große Autorität bei den Renn-Lehrern der zweite an Perrys Agenten in London, den er als eine vertrauenswürdige Person kannte, gerichtet. Der Brief beauftragte den Agenten, indem er ihm die strengste Geheimhaltung zur Pflicht tauchte, auf Geoffrey’s Gegner beim Wettrennen eine gleich hohe Summe zu wetten, wie Perry aus Geoffrey selbst gewettet hatte. »Wenn Sie irgend etwas auf ihn gewettet haben,« schloß der Brief, »so machen Sie es wie ich, nehmen Sie sich in Acht und schweigen Sie. Da ist wieder Einer unbrauchbar geworden.« Und mit einem Blick auf den schlafenden Mann sagte er bei sich »Er wird den Wettlauf verlieren.«


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