Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Salzland - Einundsechzigstes Kapitel - Das Manuscript (Fortzetzung aus vorigem K
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Mann und Weib



Einundsechzigstes Kapitel - Das Manuscript (Fortzetzung aus vorigem Kapitel)

9.

»Richter und Advocaten, Verwandte und Freunde, Erduldung schlechter Behandlung, Geduld, Hoffnung und rechtschaffene Arbeit, ——— mit Allem hatte ich es versucht, und es war Alles vergebens gewesen. Ich mochte blicken, wohin ich wollte, auf allen Seiten war mir jede Hoffnung abgeschnitten. Um diese Zeit hatte mein Mann etwas Beschäftigung gefunden. Eines Abends kam er wieder aufgeregt nach Hause, und ich warnte ihn: »Bringe mich nicht auf’s Aeußerste, Jael, um Deiner selbst willen«, das war Alles, was ich sagte. Es war einer seiner nüchternen Tage, und zum ersten Mal schien ein Wort von mir Eindruck auf ihn zu machen. Etwa eine Minute lang sah er mich scharf an. Dann setzte er sich in eine Ecke und schwieg. Das war an einem Dienstag abends. Am Sonnabend bekam er seinen Lohn und nun fing das Trinken wieder an. Am nächstfolgenden Freitag kam ich zufällig spät nach Hause, weil ich an dem Tage gerade viel zu thun gehabt hatte, denn ich hatte für einen Gastwirth, der mich kannte, ein großes« Mittagessen zu kochen gehabt. Ich fand meinen Mann nicht zu Hause und das Schlafzimmer von den Möbeln geräumt, die ich in dasselbe hatte setzen lassen. Zum zweiten Mal hatte er mir mein Eigenthum geraubt und es verkauft, um daß Geld zu vertrinken.«

»Ich sagte kein Wort. Ich sah mich in dem leeren Zimmer um. Was in jenem Augenblick in mir vorging, war mir selbst damals nicht klar, und ich kann es auch noch jetzt nicht beschreiben. Alles, dessen ich mich erinnere, ist, daß ich nach einer Weile wieder fortging. Ich kannte die Orte, wo mein Mann sich außer dem Hause aufzuhalten pflegte, und ich beschloß, wie vom Teufel besessen, ihn aufzusuchen. Als ich über den Vorplatz ging, kam die Hauswirthin heraus und versuchte es, mich zurückzuhalten. Sie war eine größere und stärkere Frau als ich, aber ich stieß sie von mir wie ein Kind. Wenn ich mir die Sache jetzt überlege, so glaube ich, daß sie sich bei meinem Anblick unfähig fühlte, ihre Kraft zu gebrauchen. Sie entsetzte sich vor mir. Ich fand meinen Mann. Ich sagte, nun ich sagte, was eine Frau, die vor Wuth außer sich ist, in solchen Fällen sagt. Ich brauche nicht zu erzählen, wie die Sache endete. Er schlug mich zu Boden.«

»Hier ist eine dunkle Stelle in meinem Gedächtniß. Das Nächste, dessen ich mich erinnern kann, ist, wie ich nach Verlauf einiger Tage wieder zur Besinnung kam. Er hatte mir drei Zähne ausgeschlagen, aber das war noch nicht das Schlimmste. Im Fallen war mein Kopf auf etwas aufgestoßen und etwas in meinem Körper, —— ich glaube, sie nannten es Nerven ——, war so verletzt, daß meine Sprache darunter gelitten hatte. Ich war nicht ganz stumm geworden, aber das Sprechen wurde mir schwer. Ein langes Wort auszusprechen war jetzt für mich eine so große Schwierigkeit, als wenn ich wieder ein Kind geworden wäre. Man brachte mich in’s Hospital.«

»Als die Aerzte von meinem Fall hörten, versammelten sie sich um mich. Sie schienen sich für mich zu interessiren, grade wie andere Leute sich für ein Geschichtenbuch interessiren. Das Resultat ihrer Berathungen war, daß ich vielleicht stumm werden, vielleicht aber auch meine Sprache wieder gewinnen würde, die Chancen seien ungefähr gleich. Nur zweierlei erklärten sie für nothwendig, ich müsse gute kräftige Nahrung zu mir nehmen und mich vor Gemüthsbewegung bewahren.«

»Was die Nahrung anbetraf, so hing diese davon ab, ob ich Geld haben würde, mir dieselbe zu verschaffen; meine Gemüthsverfassung aber war der Art, daß ich entschlossen war, meinen Mann, wenn er wieder zu mir kommen würde umzubringen.«

»Furchtbar, ich weiß es wohl, es ist furchtbar. Kein anderer Mensch an meiner Stelle würde zu einem so nichtswürdigen Entschluß gelangt sein. Alle andern Frauen in der Welt würden aus einer Prüfung, wie es die meinige war, besser hervorgegangen sein.«

10.

»Ich habe schon gesagt, daß außer meinem Manne und meinen Verwandten die Menschen fast immer gut gegen mich waren. Der Besitzer des Hauses, das wir nach unserer Heirath zuerst bewohnt hatten, hörte von meinem traurigen Fall. Er ließ mich in eines seiner leeren Häuser einziehen und gab mir noch außer der Wohnung wöchentlich eine Kleinigkeit für Hütung des Hauses. In den oberen Zimmern standen noch einige Möbel, die der letzte Miether zurückgelassen hatte, um sie womöglich an den nächsten Miether zu verkaufen. Zwei unter dem Dach befindliche nebeneinander liegende Domestikenzimmer waren mit allem Nöthigen ausgestattet. So hatte ich doch ein Obdach, eine Auswahl von Betten und Geld genug, um mir Essen und Trinken dafür zu verschaffen. Das war Alles ganz gut, aber Alles zu spät. O, wenn das Haus reden könnte, was würde das von mir zu erzählen wissen!«

»Die Aerzte hatten mir empfohlen, mich im Sprechen zu üben. Da ich ganz allein war, und Niemanden hatte, mit dem ich sprechen konnte, außer wenn der Hauswirth einmal vorsprach, oder wenn das Mädchen mir aus dem anstoßenden Hause zurief: »Schön Wetter heute, nicht wahr?« oder »Sie sind wohl recht einsam?« oder dergleichen, so kaufte ich mir die Zeitung und las mir selbst laut vor, um so meine Sprache zu üben.«

»Eines Tages las ich in der Zeitung einen kleinen Artikel über die Frauen von Trunkenbolden. Es war ein Bericht über die Aussagen eines Londoner Leichenschauers, der oft die Leichen von todten Männern aus den niedern Ständen besichtigt, und vielfach Verdacht gegen die Frauen derselben geschöpft hatte. Die Untersuchungen der Leichen, hatte er erklärt, ergaben nichts und Zeugen seien nicht vorhanden, aber doch halte er es in einigen Fällen für sehr möglich, daß die Frau, um ihrer unerträglichen Lage ein Ende zu machen, ein nasses Handtuch genommen es dem in tiefem Schlaf liegenden, betrunkenen Mann auf Mund und Nase gehalten und ihn so erstickt habe, ohne daß ein Mensch etwas davon bemerkt habe.«

»Ich legte die Zeitung aus der Hand und fing an, nachzudenken. Ich war um diese Zeit in einer Prophetischen Stimmung. Ich sagte zu mir: »Das habe ich nicht umsonst zu lesen bekommen, das bedeutet, daß mein Mann noch wieder zu mir kommen wird.«

»Es war gerade nach Tische, um zwei Uhr. Denselben Abend hörte ich, in dem Augenblick, wo ich mein Licht ausgelöscht und mich in’s Bett gelegt hatte, ein Klopfen an der Hausthür. Noch ehe ich mein Licht wieder angezündet hatte, sagte ich mir: »Da ist er.« Nothdürftig gekleidet ging ich mit dem Licht die Treppe hinunter. Ich rief durch die Thür hinaus: »Wer ist da?« und die Stimme meines Mannes antwortete: »Laß mich hinein!«

»Am ganzen Leibe zitternd, als ob mich der Schlag gerührt habe, mußte ich mich auf einen auf dem Vorplatz stehenden Stuhle niederlassen. Es war nicht Furcht vor ihm, sondern meine prophetische Stimmung, die so auf mich wirkte. Ich wußte, daß die Zeit gekommen sei, wo ich endlich dazu getrieben würde. Ich mochte es versuchen wie ich wollte, mich des Gedankens zu entschlagen, mein Geist sagte, ich würde es jetzt thun. Zitternd saß ich eine Weile so auf dem Stuhl auf dem Vorplatz, ich an der einen Seite der Thür, er an der andern. Er klopfte wieder und wieder. Ich wußte, daß mein Versuch vergeblich sein würde, und doch beschloß ich den Versuch zu machen. Ich wollte ihn nicht einzulassen, bis man mich dazu zwingen würde; ich beschloß, ihn die Nachbarn alamiren zu lassen und abzuwarten, ob diese sich in’s Mittel legen würden. Ich ging hinauf und wartete oben an dem über der Thür befindlichen offenen Treppenfenster. Ein Constabler kam herbei und die Nachbarn sammelten sich vor der Thür. Sie drangen Alle auf seine Verhaftung. Schon hatte ihn der Constabler ergriffen, aber er brauchte nur oben nach dem Fenster auf mich hinzuweisen und zu erklären, daß ich seine Frau sei. Die Nachbarn gingen wieder in ihre Häuser, der Constabler ließ ihn los. Jetzt war ich es, die Unrecht hatte, und nicht er. Ich war verpflichtet, meinen Mann einzulassen, so ging ich wieder hinunter und öffnete ihm. Die Nacht verging ruhig. Ich hatte ihn in das neben meinem Zimmer befindliche Schlafzimmer gelassen und meine Thür verschlossen. Er hatte sich den ganzen Tag ohne einen Penny in der Tasche ans der Straße herumgetrieben und war todmüde. Ein Bett, auf dem er sich ausruhen konnte, war Alles, was er für diese Nacht verlangte.«

»Am nächsten Morgen versuchte ich es wieder, umzukehren aus dem Wege, den ich zu wandeln verdammt war, obgleich ich voraus wußte, daß es umsonst sein würde. Ich bot ihm drei Viertheile meines armseligen Wochenlohnes, die ihm regelmäßig auf dem Comptoir des Hauswirths ausgezahlt werden sollten, wenn er nur mich und das Haus meiden wolle. Er lachte mir in’s Gesicht. Da er mein Mann war, konnte er Alles, was ich verdiente, zu sich nehmen wenn er wollte, und hatte Anspruch auf freies Quartier im Hause, so lange ich engagirt war in demselben einzuhüten. Der Hauswirth hatte kein Recht, Mann und Weib zu trennen. Ich sagte nichts weiter. Im Lauf des Tages erschien der Hauswirth. Er erklärte, wenn wir ruhig zusammen leben könnten, so habe er weder Recht noch den Wunsch, sich in unsere Angelegenheiten mischen, wenn es aber Auftritte zwischen uns gäbe, so würde er genöthigt sein, eine andere Frau zum Einhüten zu engagiren. Ich konnte nirgends anderswo hingehen und wußte keine andere Beschäftigung zu finden. Wenn ich trotzdem ausgegangen wäre, so würde mein Mann mir gefolgt sein. Und alle anständigen Leute würden ihm auf die Schulter geklopft und gesagt haben: »Recht so, lieber Mann, recht so!« So war er also nach seinem eigenen Willen und mit Zustimmung aller andern Leute in demselben Hause mit mir. Ich sagte nichts, weder zu ihm, noch zu dem Hauswirth. Mich konnte jetzt nichts mehr aufregen Ich wußte, was kommen mußte und wartete ruhig das Ende ab.«

»Es mußte, eine Veränderung mit mir vorgegangen sein, von der ich selbst nichts wußte, die aber für Andere sichtbar zu sein schien und die meinen Mann zuerst überraschte und dann erschreckte. Am nächsten Abend hörte ich ihn die Thür in seinem Zimmer leise verschließen; mir war das gleichgültig. Ich wußte, daß wenn die Zeit kommen würde, zehntausend Schlösser das nicht würden verhindern können, was kommen mußte.«

»Der nächste Tag, an dem ich meinen Wochenlohn bekam, brachte mich dem Ende um einen Schritt näher. Das Geld konnte er wieder vertrinken. Dieses Mal fing er vorsichtig an, mit andern Worten, er trank anfänglich wenig. Der Hauswirth ein braver Mann, der gern den Frieden zwischen uns aufrecht erhalten wollte, hatte meinem Mann allerhand Reparaturen im Hause zu machen gegeben.«

»Ich thue das«, sagte er zu ihm, »aus Mitleid mit Ihrer armen Frau. Ich möchte Ihnen um ihretwillen helfen. Versuchen Sie es, sich meiner Hilfe würdig zu erweisen.«

»Er erwiderte wie gewöhnlich»er wolle ein neues Leben anfangen. Es war zu spät, die Zeit war vorüber. Er war verdammt und ich war verdammt. Es war mir gleichgültig, was er jetzt sagte, war mir gleichgültig, daß er abends vor dem Schlafengehen seine Thür verschloß.«

»Der nächste Tag war ein Sonntag; es ereignete sich nichts, ich ging aus reiner Gewohnheit zur Kirche, aber es that mir nicht gut. Allmälig trank er etwas mehr, aber noch immer vorsichtig und verhältnismäßig wenig zur Zeit. Ich wußte aus Erfahrung, daß das der Anfang eines langen und schweren Anfalls sei.«

»Am Montag sollte mit den verschiedenen Reparaturen im Hause der Anfang gemacht werden. Er war noch gerade nüchtern genug, um seine Arbeit zu thun und schon betrunken genug, sich ein boshaftes Vergnügen daraus zu machen, seine Frau zu quälen. Er ging aus, sich die Sachen zu holen, die er zur Arbeit brauchte, kam wieder und rief mich. Ein geschickter Arbeiter, wie er, sagte er, brauche einen Tagelöhner, ihm zu helfen. Es gäbe bei der Arbeit Dinge zu thun, die unter der Würde eines so geschickten Arbeiters, wie er, seien. Er wolle dazu nicht erst einen Mann oder einen Jungen nehmen, die er bezahlen müsse, er könne sich das ja umsonst verschaffen und mich zum Tagelöhner nehmen.

»Halb betrunken und halb nüchtern fuhr er fort solche Reden zu führen, während er seine Sachen ganz gehörig, wie er sie brauchte, um sich her zurecht legte. Als er damit fertig war, richtete er sich auf und wies mich an, was ich zu thun habe. Ich that, was er mich thun hieß, so gut ich konnte. Was er auch sagen und thun mochte, ich wußte, daß er geradewegs seinem Tode durch meine Hand entgegen gehe.«

»Die Ratten und Mäuse hatten schon lange ungehindert in den Zimmern gehaust und das ganze Haus bedurfte der Reparatur. Mein Mann hatte mit dem Fußboden in der Küche anfangen müssen, aber es stand geschrieben, daß er mit den leeren Wohnzimmern zur ebenen Erde beginnen sollte. Diese Zimmer waren durch eine aus Latten und Gips bestehende, sogenannte Scheerwand getrennt. Die Ratten hatten die Scheerwand beschädigt. An einer Stelle hatten sie dieselbe durchnagt und die Tapete verdorben, an einer andern Stelle waren sie nicht so weit gekommen. Die Ordre des Hauswirths ging dahin, die Tapete zu schonen, weil er noch Stücke davon habe. Mein Mann fing an einer Stelle an, wo die Tapete noch unversehrt war. Nach seiner Weisung mischte ich etwas, was ich nicht näher beschreiben werde.«

»Unter Anwendung dieser Mischung löste er die Tapete, ohne sie im Mindesten zu beschädigen, in einem langen Streifen von der Wand ab. Darunter lagen die Latten und der Gips, welche die Ratten an einigen Stellen ganz weggenagt hatten. Obgleich mein Mann seinem Gewerbe nach eigentlich nur Tapezierer war, so verstand er sich doch auch auf’s Gipsen. Ich sah zu, wie er die verrotteten Latten herausschnitt und den Gips wegräumte, machte wieder nach seiner Weisung, den neuen Gips für ihn zurecht, reichte ihm die neuen Latten und sah, wie er sie einsetzte. Auch darüber, wie er das machte, will ich kein Wort sagen. Ich habe einen schrecklichen Grund, davon hier zu schweigen. Bei Allem, was mein Mann mich an diesem Tage thun ließ, zeigte er mir in seiner Verblendung die beste Art, ihn umzubringen, so daß kein lebendes Wesen, weder Polizei noch andere Menschen, Verdacht gegen mich würden schöpfen können. Gerade vor Dunkelwerden wurden wir mit der Arbeit an der Wand fertig. Wir gingen, ich meinen Thee und er seinen Branntwein zu trinken. Während er noch der Flasche tüchtig zusprach, ging ich, unsere Schlafzimmer für die Nacht in Ordnung zu bringen. Die Stellung seines Bettes, auf die ich früher nie besondere Acht gegeben hatte, drängte sich mir, so zu sagen, jetzt auf. Das Kopfende der Bettstelle stand an der Wand, die sein Zimmer von dem meinigen trennte.«

»Nachdem ich mir das Bett angesehen hatte, betrachtete ich mir auch die Wand näher und suchte, indem ich mit den Knöcheln darauf klopfte, heraus zu bringen, woraus sie bestehe. Der Klang belehrte mich, daß auch hier unter der Tapete nichts sein könne als Latten und Gips. Unten, wo die Wand von derselben Beschaffenheit war, waren wir an gewissen Stellen, die der Reparatur am bedürftigsten waren, so weit in die Latten und den Gips vorgedrungen, daß wir uns hatten in Acht nehmen müssen, die Tapete an der anderen Seite der Wand nicht zu verletzen. Ich erinnerte mich genau der Worte, mit denen mein Mann mich, als wir bei dieser Arbeit beschäftigt gewesen waren, gewarnt hatte: Nimm Dich in Acht, daß Du mit Deinen Händen nicht in die andere Stube hinein kommst. Die Augen fest auf den Schlüssel geheftet, den er an seiner Seite in’s Schlüsselloch gesteckt hatte, um sich Nachts einzuschließen, wiederholte ich mir jene Worte fortwährend, bis mir ihr wahrer Sinn plötzlich wie ein Blitz aufging. Ich sah das Bett an, dann die Wand, dann meine eigenen Hände und mich durchschauerte, wie an einem kalten Wintertage. Stunden müssen an jenem Abende vergangen sein, während ich oben war. Ich verlor völlig das Bewußtsein der Zeit. Als mein Mann mit seiner Branntweinflasche fertig war und hinauf kam, fand er mich oben in seinem Zimmer.«

11.

»Was nun folgte, lasse ich unerwähnt, und gehe absichtlich zu dem über, was»am nächsten Morgen geschah. Keine sterblichen Augen außer meinen eigenen, werden diese Zeilen je zu sehen bekommen. Und doch giebt es Dinge, die eine Frau auch für sich selbst nicht nieder schreiben kann. Ich will nur so viel sagen. Gerade in dem Augenblick, wo ich mir zum ersten Mal über die Art klar geworden war, wie ich meinem Mann das Leben nehmen könne, mußte ich von ihm noch das Schlimmste erdulden, was einer Frau von einem verhaßten Mann widerfahren kann. Um Mittag ging er aus, um die Runde durch die Kneipen zu machen, ich war um diese Zeit noch fester als vorher entschlossen, mich ein für allemal von ihm zu befreien, wenn er abends wieder nach Hause kommen würde. Die Sachen, die wir am vorigen Tage bei den Reparaturen gebraucht hatten, waren unten im Wohnzimmer geblieben. Ich war ganz allein im Hause, und konnte mir die Unterweisung, die ich von ihm erhalten hatte, zu Nutze machen. Ich erwies mich als eine geschickte Schülerin. Noch ehe die Laternen auf der Straße angezündet waren, hatte ich in meinem und seinem Zimmer alles darauf vorbereitet, nachts, wenn er sich eingeschlossen haben würde, Hand an ihn zu legen. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich während all’ jener Stunden etwas von Furcht oder Zweifel angewandelt hätte. Ich verzehrte mein bischen Abendbrod mit nicht mehr und nicht weniger Appetit als gewöhnlich. Die einzige Veränderung in meinem Wesen, deren ich mich erinnern kann, war die, daß ich ein eigenthümliches Verlangen empfand, Jemanden bei mir zu haben, der mir hätte Gesellschaft leisten können. Da ich keine Freunde hatte. die ich zu mir bitten konnte, ging ich hinunter, stellte mich vor die Hausthür und sah mir die Vorübergehenden an. Ein herumschlüpfender Hund kam zu mir heran. Im Allgemeinen mag ich weder Hunde noch Thiere überhaupt leiden; aber diesen Hund lockte ich hinein und gab ihm zu essen. Er war vermuthlich dazu abgerichtet, sich auf die Hinterbeine zu setzen und so um Futter zu bitten, wenigstens drückte er bei mir sein Verlangen nach mehr so aus. Ich lachte, —— es scheint mir jetzt kaum glaublich, wenn ich daran zurückdenke, aber es ist doch wahr, ich lachte, bis mir die Thränen über die Backen liefen, über das kleine Thier, wie es da aus seinen Hinterbeinen saß, mit gespitzten Ohren, den Kopf auf die eine Seite geneigt und ihm der Mund nach den Nahrungsmitteln wässerte. Ich möchte wohl wissen, ob ich damals recht bei Sinnen war; ich glaube es beinahe nicht. Nachdem der Hund die Ueberreste meines Abendbrots ganz verzehrt hatte, fing er an zu winseln, um wieder auf die Straße hinausgelassen zu werden. Als ich die Hausthür öffnete, um das Thier hinaus zu lassen, sah ich meinen Mann gerade über die Straße auf das Haus zukommen. »Bleibe fort«, rief ich ihm zu, »nur diese Nacht bleibe fort« Er war zu betrunken, um meine Worte zu hören, ging an mir vorüber und stolperte die Treppe hinauf. Ich folgte ihm und horchte auf der Treppe, und hörte, wie er seine Thür öffnete, wieder zuschlug und verschloß. Ich wartete ein wenig und ging dann ein Paar Stufen weiter hinauf. Jetzt hörte ich, wie er auf’s Bett fiel. Eine Minute später war er fest eingeschlafen und schnarchte laut. So war Alles gekommen, wie es kommen mußte. Nach Verlauf von zwei Minuten hätte ich ihn, ohne das Mindeste zu thun, was geeignet gewesen wäre, einen Verdacht gegen mich rege zu machen, ersticken können. Ich ging auf mein Zimmer und nahm das Tuch, das ich bereit gelegt hatte, zur Hand. Im Begriff, es zu thun, überkam mich plötzlich etwas, ich kann nicht deutlich sagen, was es eigentlich war, das Entsetzen packte mich und trieb mich fort zum Hause hinaus. Ich setzte meinen Hut auf, verschloß die Hausthür von Außen und nahm den Schlüssel zu mir.«

»Es war noch nicht zehn Uhr. Wenn irgend etwas in meinem verwirrten Kopf klar war, so war es der Wunsch, fortzulaufen und dieses Haus und meinen Mann nie wieder«zu sehen. Ich ging nach rechts hin bis an’s Ende der Straße und kehrte wieder um; ich machte einen zweiten Versuch, Straße auf, Straße ab, aber zuletzt trieb es mich doch wieder nach dem Hause zurück. Ich sollte nicht fort, das Haus hielt mich an sich gefesselt, wie ein Hundehaus den an dasselbe geketteten Hund. Und wenn es mein Leben gekostet hätte, ich hätte nicht fort gekonnt.«

»In dem Augenblick, wo ich wieder in’s Haus treten wollte, ging gerade eine Gesellschaft von lustigen jungen Männern und Frauen an mir vorüber. Sie hatten es sehr eilig.«

»Beeilt Euch,« sagte einer der Männer, »das Theater ist hier ganz in der Nähe, und wir können gerade noch die Posse sehen.«

»Ich kehrte wieder um und folgte ihnen. Ich war sehr fromm erzogen worden und noch nie in meinem Leben in einem Theater gewesen. Der Gedanke fuhr mir durch den Kopf, daß es mich vielleicht, so zu sagen, aus mir selbst herausreißen könnte, wenn ich etwas zu sehen bekäme, was mir ganz neu wäre, und was mich auf andere Gedanken bringen könnte. Die jungen Leute gingen in’s Parterre und ich folgte ihnen dahin. Das Ding, was sie Posse nannten, hatte eben angefangen. Männer und Frauen kamen auf die Bühne liefen hin und her, sprachen und gingen wieder weg. Es dauerte nicht lange und alle Leute im Parterre um mich her lachten aus vollem Halse und klatschten in die Hände. Der Lärm, den sie machten, ärgerte mich. Ich weiß nicht, wie ich den Zustand, indem ich mich befand, schildern soll.«

»Meine Augen und meine Ohren versagten mir ihren Dienst zu sehen und zu hören, was die anderen Leute sahen und hörten. Es muß wohl etwas in meinem Gemüth gewesen sein, was sich zwischen mich und das auf der Scene Vorgehende drängte. Das Stück schien ganz lustig, aber dahinter steckte doch Gefahr und Tod. Die Schauspieler schwatzten und lachten, um die Leute zu betrügen und ihre Mordgedanken zu verbergen.«

»Und das merkte Keiner außer mir, und meine Zunge war gefesselt, als ich versuchen wollte es den Andern zu sagen.«

»Ich stand auf und lief hinaus. Kaum war ich auf der Straße, als mich meine Füße unwillkürlich nach dem Hause zurückbrachten. Ich rief eine Fiacre an, und hieß den Kutscher, mich soweit, wie er es für einen Schilling könne, in der entgegengesetzten Richtung zu fahren.«

»Er setzte mich, ich weiß selbst nicht wo, ab. An der anderen Seite der Straße sah ich über einer offenen Thür eine illuminirte Inschrift. Auf meine Frage antwortete der Kutscher, es sei ein Tanzlokal. Tanzen war für mich etwas eben so Neues wie Theater. Ich hatte gerade noch einen Schilling bei mir, und gab ihn für das Entree aus, um zu sehen, was mir das Tanzen für einen Eindruck machen würde. Die Lichter eines Kronleuchters machten den Saal so hell als wenn er in Flammen gestanden hätte. Die Musik machte einen fürchterlichen Lärm. Das Herumwirbeln von Männern und Weibern, die einander in den Armen lagen, war ein Anblick zum Tollwerden. Ich weiß nicht, was hier in mir vorging. Das Licht das sich vom Kronleuchter her über den Saal ergoß, erschien mir plötzlich blutroth. Der Mann, der vor den Musikanten stand, und einen Stock in der Luft hin und her schwenkte, sah für mich aus wie der Satan, wie er auf einem Bilde in unserer Familienbibel zu Hause zu sehen war.«

»Die Männer und Weiber, die fort und fort im Saal herumwirbelten, hatten todtenbleiche Gesichter und waren in Leichentücher gehüllt. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Da ergriff mich Jemand am Arm und führte mich zur Thür hinaus. Die Dunkelheit der Straße that mir wohl, sie war mir behaglich und erquickend wie wenn sich eine kalte Hand aus eine heiße Stirn legt.«

»Ich ging im Dunkeln durch die Straßen ohne zu wissen wohin, in dem tröstlichen Glauben, daß ich meinen Weg verloren habe und daß ich mich bei Tagesanbruch meilenweit vom Hause entfernt finden würde.«

»Nach einer Weile fühlte ich mich zu erschöpft, um weiter zu gehen, und setzte mich auf eine Haustreppe nieder, um mich aufzurichten. Ich schlummerte ein wenig und erwachte wieder. Als ich aufstand, um wieder weiter zu gehen, sah ich zufällig die Hausthür an. Sie trug dieselbe Hausnummer wie unser Haus. Ich sah genauer darauf und siehe da, ich hatte mich auf meiner eigenen Haustreppe ausgeruht. Alle meine Bedenken und alle meine inneren Kämpfe waren wie mit einem Schlage beseitigt, als ich diese Entdeckung machte. Ich konnte mich nicht länger darüber täuschen, was dieses beständige Zurückkehren nach dem Hause zu bedeuten habe; was ich auch zu thun versuchte, es sollte sein.«

»Ich öffnete die Hausthür, ging hinauf und hörte ihn laut schnarchen, gerade wie er geschnarcht hatte, als ich fortgegangen war. Mich auf mein Bett, setzend, nahm ich meinen Hut ab und fühlte mich völlig ruhig, weil ich wußte, es müsse geschehen. Ich feuchtete das Handtuch an, legte es in Bereitschaft und ging im Zimmer auf und ab.«

»Der Tag brach eben an. Die Sperlinge in den Bäumen auf dem naheliegenden Square fingen an zu zwitschern. Ich zog das Rouleau auf. Die Morgendämmerung schien zu mir zu sprechen: »Thue es jetzt, bevor das Tageslicht Dein Thun so hell bescheint.«

»Auch aus dem tiefen Schweigen, das rings um mich her herrschte, sprach eine freundliche Stimme zu mir: »Thue es jetzt und vertraue mir Dein Geheimniß an.« Ich wartete, bis die ersten Schläge der Kirchenuhr erklangen. Mit dem ersten Schlage legte ich ihm, ohne das Schloß an seiner Thür zu berühren, ohne einen Fuß in sein Zimmer zu setzen das Handtuch aufs Gesicht. Und ehe die Glocke den letzten Schlag gethan, hatte er aufgehört zu athmen. Als die Glocke schwieg und es wieder todtenstill geworden war, lag auch er todtenstill auf seinem Bette.«

»Der Rest meiner Geschichte ist für mich durch vier Tage bezeichnet; Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonnabend; denn nachher wird es in meinem Gedächtniß trübe, und die folgenden Jahre, mit denen ein neues Leben für mich beginnt, erscheinen mir in einem ganz anderen Lichte. Hier will ich zuerst niederschreiben, was noch von meinem alten Leben zu sagen ist. Was empfand ich in der fürchterlichen Stille des Morgens, als ich es gethan hatte? Ich weiß es selbst nicht mehr, oder ich kann es nicht sagen. Ich kann nur sagen, was sich an jenen vier Tagen begab.«

Mittwoch. »Gegen Mittag schlug ich Lärm im Hause. Lange vorher hatte ich Alles in die beste Ordnung gebracht. Ich brauchte nur nach Hilfe zu rufen und den Leuten zu überlassen, zu thun, was sie für gut fänden.«

»Zuerst kamen die Nachbarn und dann die Polizei. Vergebens klopften sie an seine Thür. Dann erbrachen sie die Thür und fanden ihn todt in seinem Bette. Nicht der leiseste Verdacht gegen mich wurde bei irgend Jemandem rege. Ich brauchte die menschliche Gerechtigkeit nicht zu fürchten; was mich aber mit unaussprechlicher Furcht erfüllte, das war die rächende Vorsehung. In der folgenden Nacht schlief ich wenig und hatte einen Traum, in welchem ich die That noch einmal beging. Eine Zeitlang dachte ich daran, mich selbst anzugeben, und würde es gethan haben, wenn ich nicht einer respectablen Familie angehört hätte. Generationen hindurch hatte sich der gute Name unserer Familie unbefleckt erhalten. Es wäre für meinen Vater der Tod, und für meine ganze Familie eine Schmach gewesen, wenn ich meine That bekannt und dafür am Galgen gebüßt hätte. Ich betete zu Gott um seine Führung und hatte gegen Morgen eine Offenbarung. Mir wurde in einer Vision geheißen, die Bibel zu öffnen, und aus dieselbe zu geloben, von diesem Tage an mich mit meiner Schuld von meinen unschuldigen Mitmenschen abzusondern, fortan still für mich unter ihnen einher zu gehen und meine Sprache nur zum Gebet in meinem einsamen Zimmer, wo Niemand mich würde hören können, zu gebrauchen. Ich gelobte es.«

»Kein menschliches Ohr hat mich seit diesem Tage reden gehört; und kein menschliches Ohr soll mich auch ferner reden hören.«

Donnerstag. »Die Leute wollten wie gewöhnlich mit mir reden, aber sie fanden mich stumm. Der Stoß, den ich früher am Kopf erlitten und der nachtheilige Einfluß, den dieser Unfall auf meine Sprache gehabt hatte, machten die jetzt bei mir eingetretene Stummheit wahrscheinlicher, als es bei einer anderen Person der Fall gewesen sein würde. Man brachte mich wieder in’s Hospital. Hier waren die Aerzte in ihren Ansichten getheilt. Einige meinten, die Erschütterung des neuesten Vorfalls, zusammen mit der früheren Erschütterung, könnte wohl das Uebel verursacht haben. Andere dagegen sagten: »Sie hat nach dem damaligen Unfall ihre Sprache wieder bekommen, sie hat seitdem keine neue Verletzung erfahren; die Frau stellt sich nur aus besonderen Gründen stumm. Ich ließ sie ruhig hin und her disputiren so viel sie wollten. Alles was die Menschen sagten, war mir jetzt vollkommen gleichgültig. Ich hatte mich von meinen Mitmenschen abgesondert; ich hatte mein einsames, stummes Leben begonnen. Während dieser ganzen Zeit verließ mich der Gedanke an eine mir drohende Strafe keinen Augenblick. Von der menschlichen Gerechtigkeit hatte ich nichts zu fürchten. Was ich erwartete, war das Gericht einer rächenden Vorsehung.«

Freitag. »An diesem Tage fand die Leichenschau statt. Er war seit Jahren als ein unverbesserlicher Trunkenbold bekannt gewesen, man hatte ihn endlich in seinem von Innen verschlossenen Zimmer und bei geschlossenen Fenstern todt gefunden. Ein Kamin war in dieser Bodenstube nicht vorhanden, nichts in dem Zimmer war vom Platze gerückt oder in Unordnung gebracht, kein Mensch konnte in das Zimmer eingedrungen sein. Der Bericht des Arztes ging dahin, daß er an einem Lungenschlag gestorben sei, und das Verdict der Jury lautete dem entsprechend.«

Sonnabend. »Dieser Tag muß vor allen hier als denkwürdig eingezeichnet werden, weil an ihm das Gericht über mich erging war drei Uhr Nachmittags, im hellsten Sonnenschein, unter einem wolkenlosen Himmel, inmitten von Hunderten unschuldiger Geschöpfe, als ich, Hester Dethridge, zum ersten Mal die Erscheinung, die mich bis zu meinem Tode verfolgen sollte, sah. Ich hatte eine schreckliche Nacht verbracht. Mir war ähnlich zu Muthe, wie an dem Abende, wo ich in’s Theater gegangen war. Ich ging aus und wollte versuchen, was Luft und Sonnenschein und das frische Grün des Rasens und der Bäume über mich vermöchten. Der nächste Ort, wo ich dies Alles finden konnte, war Regent’s Pakt. Nach einem der ruhigen Wege in der Mitte des Parks gehend, der für Wagen und Pferde verschlossen ist und wo alle Leute sich sonnen und Kinder gefahrlos spielen können, setzte ich mich ans eine Bank, um auszuruhen. Unter den Kindern um mich her war ein schöner, kleiner Knabe, der mit einem nagelneuen Spielzeug, Pferde und Wagen spielte. Während ich ihn beobachtete, wie er geschäftig die Grashalme abpflückte und auf seinen Wagen lud, empfand ich zum ersten Male, was ich seitdem zu wiederholten Malen empfunden habe, einen Schauer, der mich langsam kalt überlief, eine Furcht vor etwas dicht neben mir Verstecktem, das aus seinem Versteck hervortreten und sich zeigen werde, wenn ich meinen Blick dahin richtete. Dicht neben mir stand ein großer Baum. Ich sah nach dem Baum und erwartete, daß das dahinter Versteckte hervortreten werde; und siehe da, die Erscheinung kam, dunkel und schattenhaft im hellen Sonnenschein. Zuerst unterschied ich nur die ungewissen Umrisse einer Frauengestalt. Nach einer kleinen Weile fing es an deutlicher zu werden, erhellte sich von Innen nach Außen, wurde heller und heller, bis ich mein eigenes Ich klar vor mir sah, wie wenn ich vor einem Spiegel stände, meine Doppelgängerin, die mich mit meinen eigenen Augen ansah. Ich sah, wie die Gestalt über das Gras hinwandelte, sah, wie sie hinter dem schönen Knaben stehen blieb, sah, wie sie stand und horchte, wie ich gestanden und auf die Schläge der Glocke gehorcht hatte. Dann schien sie den entscheidenden Schlag zu vernehmen, deutete mit meiner eigenen Hand auf den vor ihr stehenden Knaben hinunter, und rief mir mit meiner eigenen Stimme zu: »Tödte ihn.« Die Zeit verging. Ich weiß nicht ob es eine Minute oder eine Stunde dauerte. Himmel und Erde waren für mich nicht mehr vorhanden. Ich sah nichts als meine Doppelgängerin mit der ausgestreckten Hand; ich fühlte nichts, als das Verlangen das Kind zu tödten. Dann plötzlich tauchte das Bewußtsein von Himmel und Erde wieder in mir auf; jetzt sah ich, daß die Leute, um mich her mich anstarrten, als ob ich nicht recht bei Sinnen sei. Mit großer Anstrengung stand ich auf und gewann es, mit noch größerer Anstrengung über mich, von dem Knaben weg zu sehen; ich riß mich gewaltsam von dem Anblick der Erscheinung los und eilte wieder auf die Straße. Ich kann die überwältigende Macht der Versuchung nur auf diese Art beschreiben; die Anstrengung, die es mich kostete, davon abzustehen, das Kind umzubringen, war so furchtbar, als ob mir das Leben genommen werden sollte. Und so, wie diese Versuchung das erste Mal gewirkt hatte, hat sie seitdem immer aus mich gewirkt.

Es giebt kein Mittel dagegen, als diese furchtbar marternde Anstrengung, und kein anderes Mittel, die Qualen die ich noch nachher erdulde, zu lindern, als durch einsames Gebet. Das Bewußtsein einer kommenden Strafe hatte mich verfolgt und die Strafe war gekommen. Ich hatte das Urtheil der rächenden Vorsehung erwartet, und das Urtheil war gesprochen. Mit König David konnte ich jetzt sagen: »Ich bin elend und ohnmächtig, daß ich so verstoßen bin; ich leide Dein Schrecken daß ich schier verzage.« ——

Bei dieser Stelle des Manuskripts sah Geoffrey zum ersten Mal wieder von demselben auf. Ein Ton außerhalb des Zimmers hatte ihn aufgeschreckt. Kam der Ton vom Vorplatz her? Er horchte. Jetzt war wieder Alles still. Er blickte wieder auf das »Bekenntniß« und ließ die letzten Blätter durch die Finger gleiten, um zu sehen wie viel noch davon bis zum Schluß übrig sei. Nachdem die Schreiberin die Umstände mitgetheilt, unter denen sie wieder in Dienst getreten war, setzte sie die Erzählung ihrer Lebensgeschichte nicht weiter fort. Die wenigen noch übrigen Seiten waren mit dem Fragment eines Tagebuches ausgefüllt. Die kurzen Aufzeichnungen desselben bezogen sich alle auf die verschiedenen Gelegenheiten, bei welchem Hester Dethridge wieder und wieder die schreckliche Erscheinung von sich selbst gesehen und wieder und wieder der wahnwitzigen Mordlust widerstanden hatte, welche das grausige Geschöpf ihres eigenen wirren Gehirns in ihr erzeugte. Die Anstrengung, welche dieser Widerstand sie kostete, war der Schlüssel zu ihrem zeitweiligen, hartnäckigen Bestehen auf dem Verlangen, Stunden und Tage von der Erfüllung ihrer Dienstpflichten entbunden zu werden; diese Anstrengung erklärte es auch, daß sie es beim Antritt eines neuen Dienstes jedes Mal zur ausdrücklichen Bedingung gemacht hatte, ein eigenes Schlafzimmer für sich zu haben. Nachdem Geoffrey die mit diesen Aufzeichnungen angefüllten Seiten gezählt hatte, nahm er die Lectüre des Manuscripts an der Stelle, wo er sie unterbrochen hatte, wieder auf. Eben hatte er die erste Zeile gelesen, als das Geräusch auf dem Vorplatz, das einen Augenblick aufgehört hatte, ihn wieder störte. Dieses Mal war es ihm sofort klar, was der Ton zu bedeuten habe. Er hörte deutlich Hester’s eilige Fußtritte, er hörte sie einen furchtbaren Schrei ausstoßen. Sie war aus ihrem Schlaf auf dem Lehnstuhl im kleinen Wohnzimmer wieder erwacht und hatte ihr »Bekenntniß« vermißt. Geoffrey steckte das Manuscript in seine Brusttasche Dieses Mal sollte ihm seine Lectüre ihre Dienste leisten. Er brauchte nicht weiter zu lesen, brauchte auch den Newgate Kalender nicht mehr. Als er aufstand, spielte um seine hängenden Lippen ein furchtbares Lächeln. So lange das Bekenntniß des Weibes in seiner Tasche steckte, war das Weib selbst in seiner Gewalt. »Wenn sie es von mir wieder haben will«, sagte er zu sich, »muß sie erst meine Bedingungen erfüllen.« Mit diesem Entschluß öffnete er die Thür und stand Hester Dethridge gegenüber auf dem Vorplatz.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte