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Mann und Weib



Salzland

Vierundfünfzigstes Kapitel - Der Platz

Im Anfang dieses Jahrhunderts war ein gewisser Ruben Limbrick nach der Ansicht seiner Nachbarn auf dem Wege, sich durch Salzhandel ein hübsches kleines Vermögen zu erwerben.

Sein Haus lag in Staffordshire, auf einem Stück ihm gehörigen freien Landes, welches passender Weise den Namen Salzland trug. Ohne gerade ein Geizhals zu sein, lebte er doch in der bescheidensten Weise, sah sehr wenig Gesellschaft, legte sein Geld sehr gut an und blieb unverheirathet.

Um das Jahr Eintausend achthundert und vierzig zeigten sich bei ihm die ersten Spuren der chronischen Krankheit, welche schließlich seinem Leben ein Ende machte. Nachdem er sich mit sehr geringem Erfolg von den Aerzten seines Orts hatte behandeln lassen, traf er zufällig einen in den westlichen Vorstädten Londons wohnenden Arzt, der sein Uebel vollständig erkannte. Nachdem er eine Zeitlang öfter hin- und hergereist war, um diesen zu consultiren, beschloß er, sich ganz von den Geschäften zurückzuziehen und sich in bequemer Nähe seines Arztes niederzulassen.

Er kaufte ein Stück freien Landes in der Nähe von Fulham und ließ sich auf demselben nach seinem eigenen Plan ein kleines Haus bauen. Als, ein jedes unbefugte Eindringen in seinen Ruheaufenthalt und jede Möglichkeit einer Beobachtung seiner Lebensgewohnheiten ängstlich fürchtender Mann, ließ er sein ganzes Grundstück mit einer hohen Mauer umgeben, die ihn eine bedeutende Summe Geldes kostete und die von den Nachbarn mit Recht als ein widerwärtiger und häßlicher Anblick betrachtet wurde.

Als sein neuer Aufenthaltsort völlig eingerichtet war, nannte er denselben nach dem Platz in Staffordshire, auf dem er sein Vermögen erworben und die glücklichste Zeit seines Lebens zugebracht hatte, Salzland. Seine Verwandten, welche die Gefühle, die ihn bei dieser Bezeichnung leiteten, nicht verstanden, stellten ihm vor, daß sich ja in der Nähe seiner neuen Wohnung gar keine Salzläger befanden. Ruben Limbrick antwortete, »desto schlimmer für die Gegend«, und beharrte dabei, sein Grundstück Salzland zu nennen.

Das Haus war so klein, daß es in dem großen dasselbe umgebenden Garten ganz verloren aussah. war nur ein Stockwerk hoch; zur ebenen Erde befanden sich zu beiden Seiten des Vorplatzes je zwei Räume. An der rechten Seite befand sich der Hausthür zunächst eine Küche mit den dazu gehörigen, an das Haus angebauten Räumen. Das der Küche zunächst gelegene Zimmer sah nach dem Garten hinaus. Zu Ruben Limbrick’s Zeit hatte es das Studirzimmer geheißen und enthielt eine kleine Sammlung von Büchern und einen großen Vorrath von Fischereigeräthschaften.

An der linken Seite des Hauses befanden sich zu ebener Erde gleichfalls zwei Zimmer, ein Wohnzimmer und ein durch Flügelthüren mit demselben verbundenes Speisezimmer. Das erste Stockwerk enthielt fünf Schlafzimmer; an der einen Seite zwei in ihrer Größe dem darunter befindlichen Speise- und Wohnzimmer entsprechend aber mit einander nicht in Verbindung stehend, an der andern Seite drei: ein größeres nach vorn und zwei kleinere nach hinten gelegen. Alle diese Zimmer waren auf das Vollständigste meublirt, das Geld war dabei nicht gespart worden; es war Alles höchst solide gearbeitet und oben und unten von gleicher Häßlichkeit. Die Lage des Salzlandes war höchst einsam. Die Ländereien von Gemüsegärtnern trennten es von den nächstgelegenen Häusern. Die hohe Mauer, mit der das Haus umgeben war, mußte bei Jedem die Vorstellung einer Heilanstalt oder eines Gefängnisses erwecken.

Ruben Limbricks Verwandte fanden, wenn sie ihn von Zeit zu Zeit besuchten, den Aufenthalt höchst trübselig und waren froh, wenn sie wieder fortgehen konnten, was ihnen aber auch Ruben Limbrick durchaus nicht schwer machte; er war ein ungeselliger und wenig gastfreier Mann. Er legte auf die Theilnahme der Menschen an seinen Krankheitsanfällen sehr wenig Werth und verbat sich ihre Glückwünsche wenn es ihm wieder besser ging. »Wenn ich nur fischen kann«, pflegte er zu sagen; »Mein Hund ist meine beste Gesellschaft und ich fühle mich ganz glücklich, so lange ich frei von Schmerzen bin.« Auf seinem Todtenbett vertheilte er sein Vermögen ganz gerecht unter seine Verwandten.

Die einzige Bestimmung seines Testaments, die bei dem größten Theil seiner Verwandten eine ungünstige Ausnahme fand, war eine Klausel, durch welche einer seiner Schwestern, einer Wittwe, die sich durch eine unstandesgemäße Heirath ihre Familie entfremdet hatte, ein Vermächtniß ausgesetzt wurde. Die übrigen Mitglieder der Familie waren einstimmig der Ansicht, daß diese unglückliche Person keine besondere Berücksichtigung verdiene. Sie hieß Hester Dethridge Ihre Verwandten betrachteten Alles, was sie sich nach ihrer Ansicht hatte zu Schulden kommen lassen, in einem noch viel ungünstigeren Licht, als sie erfuhren, daß ihr testamentarisch die Nutznießung von Salzland auf Lebenszeit und eine Jahresrente von zweihundert Pfund Sterling vermacht sei.

Hester, mit der die Überlebenden Mitglieder der Familie keinen Verkehr hatten und die im strengsten Sinne des Worts ganz allein auf der Welt stand, einschloß sich, obgleich sie von ihrer Jahresrente behaglich hätte leben können, doch einen Theil ihres neuen Hauses zu vermiethen. Die wahre Erklärung dieses sonderbaren Verfahrens lag in jener, auf eine Frage von Anne, auf ihre Tafel geschriebene Antwort: »Ich habe keinen Freund in der Welt, ich darf nicht allein wohnen.«

In dieser verzweifelten Lage, in dieser melancholischen Stimmung beauftragte sie einen Hausmakler mit der Vermiethung einiger Zimmer ihres Hauses.

Die erste Person, welche der Makler zu ihr schickte, um die Zimmer zu besehen, war der Trainer Perry, und Hester’s erster Miether war Geoffrey Delamayn.

Die Raume, welche die Wirthin sich vorbehielt, waren: die Küche, das daran stoßende Zimmer, ehedem das »Studirzimmer« ihres Bruders, und die beiden kleinen im ersten Stock nach hinten gelegenen Schlafzimmer, das eine für sich selbst, das andere für die Magd, die sie hielt. Der ganze übrige Theil des Hauses war zu vermiethen. Das war mehr als der Trainer brauchte, aber Hester Dethridge weigerte sich sowohl im Betreff der Anzahl der zu vermiethenden Zimmer, als der Miethszeit, auf andere als auf ihre eigenen Bedingungen einzugehen. Perry blieb keine Wahl als sich Hester’s Bedingungen zu fügen, wenn er sich nicht die vorteilhafteste Lage dieses Gartens als einer für das Trainiren vorzüglich geeigneten Privatrennbahn entgehen lassen wollte.

Die beiden Miether disponirten nun also über drei Schlafzimmer. Geoffrey wählte für sich das über dem Wohnzimmer nach hinten gelegene; Perry nahm sich das an der andern Seite des Hauses liegende Zimmer, das an die beiden kleinen Schlafstuben Hester’s und ihrer Magd stieß. So blieb das neben Geoffrey’s befindliche vordere Schlafzimmer leer und wurde einstweilen das Fremdenzimmer genannt. Zur ebenen Erde nahmen der Athlet und sein Trainer ihre Mahlzeiten in dem Speisezimmer ein und ließen das Wohnzimmer als einen für sie unnöthigen Luxus, unbenutzt.

Als das Wettrennen vorüber war, hatte auch Perry nichts mehr im Hause zu thun. Sein bisheriges Schlafzimmer wurde ein zweites Fremdenzimmer; die Zeit, für welche die Zimmer hatten gemiethet werden müssen, war noch nicht abgelaufen. An dem Tage nach dem Wettrennen hatte Geoffrey sich zu entscheiden, ob er unter Bezahlung der ganzen stipulirten Miethe ausziehen oder bleiben wolle, allein in einer Wohnung mit zwei Fremdenzimmern und einem Wohnzimmer zum Empfang seiner Freunde, die ihn mit der Pfeife im Munde besuchten und die ihr Ideal einer gastlichen Aufnahme erfüllt sahen, wenn ihr Wirth ihnen im Garten ein Glas Bier vorsetzte. Er war, wie er selbst sagte, »verstimmt.« Ein träger Widerwille, irgend eine Veränderung mit sich vorzunehmen, beherrschte ihn. Er beschloß auf Salzland zu bleiben, bis seine Heirath mit Mrs. Glenarm, die er damals noch als sicher bevorstehend betrachtete, ihn nöthigen würde, mit seinen bisherigen Lebensgewohnheiten ein für alle Mal zu brechen. Am nächsten Tage hatte er sich von Fulham nach Portland Place begeben, um der dort stattfinden den Conferenz beizuwohnen und kehrte erst nach Fulham zurück, als er die ihm aufgezwungene Frau nach Hause brachte.

Das war die Stellung des Miethers und das waren die Einrichtungen im Innern des Hauses an dem denkwürdigen Abend, wo Anne Silvester das Haus als Geoffrey’s Frau betrat.



Kapiteltrenner


Fünfundfünzigstes Kapitel - Die Nacht

Beim Hinaustreten aus Lady Lundie’s Hause rief Geoffrey den ersten vorüberfahrenden Fiaker an. Er öffnete die Wagenthür und bedeutete Anne hineinzusteigen. Sie gehorchte ihm mechanisch. Er setzte sich auf die Rückseite des Wagens und wies den Kutscher an, nach Fulham zu fahren.

Der Wagen setzte sich in Bewegung, während Mann und Frau sich beiderseits schweigend verhielten. Anne lehnte erschöpft den Kopf zurück und schloß die Augen. Jhre Kraft war unter der übermenschlichen Anstrengung zusammengebrochen, mit der sie sich vom Anfange bis zum Ende der Untersuchung aufrecht erhalten hatte. Sie vermochte nicht mehr zu denken; sie fühlte nichts, wußte von nichts, fürchtete nichts. Halb ohnmächtig, halb schläfrig, hatte sie, noch ehe fünf Minuten ihrer Fahrt nach Fulham verflossen waren, jede Empfindung für ihre fürchterliche Lage verloren.

Geoffrey, der ihr, ganz in seine schlechten Gedanken vertieft, gegenüber saß, raffte sich plötzlich auf. Durch sein träges Gehirn war eine Idee gefahren; er steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus und hieß den Kutscher umkehren und nach einem Hotel in der Nähe der großen Nordbahn fahren.

Als er sich wieder niedergesetzt hatte, warf er Anne einen verstohlenen Blick zu. Noch immer saß sie mit geschlossenen Augen da, ohne sich zu rühren sie hatte allem Anschein nach von dem eben Geschehenen gar nichts bemerkt. Er beobachtete sie aufmerksam. Sollte sie wirklich krank sein? War die Zeit nicht fern, wo er sich von ihr befreit sehen würde? Während er sie fortwährend scharf beobachtete, brütete er über diese Frage. Allmälig aber schwand die nichtswürdige Hoffnung wieder dahin, und trat ein nichtswürdiger Verdacht an ihre Stelle. Wie, wenn dieser Anschein von Krankheit nur gemacht war? Wie, wenn sie nur darauf wartete, daß er sie einen Augenblick außer Acht lasse, um ihm bei dieser ersten Gelegenheit zu entfliehen?

Er steckte den Kopf wieder zum Wagenfenster hinaus und gab dem Kutscher wieder eine andere Ordre.

Der Wagen lenkte von dem graden Wege ab und hielt vor einem unter einem angenommenen Namen von dem Trainer Perry gehaltenen Wirthshaus in Holborn.

Geoffrey schrieb mit Bleistift eine Zeile auf seine Karte und schickte den Kutscher damit in’s Haus. Nach einigen Minuten erschien ein Bursche am Wagen und legte die Hand an den Hut; Geoffrey steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus und sprach leise mit ihm; dann stieg der Bursche zum Kutscher hinauf. Der Wagen kehrte wieder um und fuhr jetzt nach dem an der Nordbahn gelegenen HoteL Hier stieg Geoffrey aus und postirte den Burschen vor die Wagenthür, indem er auf Anne deutete, die noch immer mit geschlossenen Augen zurückgelehnt dasaß, dem Anscheine nach noch immer zu erschöpft, um ihren Kopf zu erheben, und zu schwach, um von dem, was um sie her vorging, Notiz zu nehmen.

»Wenn sie den Versuch machen sollte auszusteigen, so halte sie zurück und laß mich rufen.«

Nach Ertheilung dieser Ordre trat Geoffrey in’s Hotel und fragte nach Mr. Moy.

Mr. Moy war eben von Portland Place zurückgekehrt. Er stand auf und verneigte sich kalt, als Geoffrey in sein Zimmer geführt wurde.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte er.

»Mir ist ein Gedanke durch den Kopf gefahren«, erwiderte Geoffrey, »Über den ich gern gleich mit Ihnen reden möchte.«

»Ich muß Sie bitten, sich an jemand Andern zu wenden, da ich mit Ihren Angelegenheiten ferner nichts mehr zu thun haben will.«

»Wie?« fragte Geoffrey. »Wollen Sie mich in der Patsche lassen?«

»Ich werde keinen Schritt mehr in irgend einer Ihrer Angelegenheiten thun«, erwiderte Mr. Moy mit festem Tone. »Ich kann in Zukunft nicht mehr Ihr Advoeat sein. Was die bisher für Sie geführte Angelegenheit betrifft, so werde ich die mir noch obliegenden formellen Pflichten Ihnen gegenüber gewissenhaft erfüllen. Mrs. Inchbare und Bishopriggs werden, wie verabredet, diesen Abend um sechs Uhr zu mir kommen, um vor ihrer Abreise das ihnen schuldige Geld in Empfang zu nehmen. Ich selbst werde mit dem Nachtzug nach Schottland zurückkehren Die Personen, auf deren Zeugniß Sir Patrick im Betreff der Angelegenheit des Heirathversprechens sich bezogen hat, befinden sich alle in Schottland. Ich werde die Aussagen derselben, sowohl bezüglich der Handschrift, als der Dauer des Aufenthalts in Schottland aufnehmen und Ihnen zuschicken. Damit wird meine geschäftliche Thätigkeit für Sie ein Ende erreicht haben; Ich muß es aber entschieden ablehnen, Ihnen bezüglich irgend eines ferneren Schrittes, den Sie zu ergreifen gemeint sein sollten, meinen Rath zu ertheilen.«

Geoffrey dachte einen Augenblick nach und that dann eine Frage. »Sie sagten, Bishopriggs und die Frau würden heute Abend um sechs Uhr herkommen, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Wo sind sie vorher zu finden?«

Mr. Moy schrieb die Adresse der beiden Zeugen auf ein Stück Papier und übergab dasselbe Geoffrey mit den Worten: »Da werden Sie sie finden.«

Geoffrey nahm die Adresse zu sich und ging fort. Der Advocat und der Client trennten sich, ohne daß einer von Beiden ein Wort sagte. Unten auf der Straße fand Geoffrey den Burschen auf seinem Posten Wache haltend.

»Ist irgend etwas passirt?«

»Die Dame hat sich nicht gerührt, Herr, seit Sie ausgestiegen sind.«

»Ist Perry im Wirthshaus?«

»Jetzt nicht, Herr.«

»Ich brauche einen Advocaten. Weißt Du, wer Perry’s Advocat ist?«

»Ja, Herr.«

»Und weißt Du seine Adresse?«

»Ja, Herr.«

»Setz’ Dich auf den Bock und bezeichne dem Kutscher, wohin er fahren soll.«

Der Wagen stzte sich wieder in Bewegung, fuhr durch Euston-Road nach einer Seitengasse und hielt hier vor einem Hause, das ein Messingschild an der Thür als die Wohnung eines Advocaten bezeichnete. Der Bursche stieg ab und kam an’s Wagenfenster. »Hier ist es, Herr.«

»Klopf’ an die Thür und sieh’ zu, ob er zu Hause ist.«

Er war zu Hause. Geoffrey trat hinein, nachdem er den Burschen zuvor wieder vor die Wagenthür postirt hatte. Der Bursche bemerkte, daß die Dame sich dieses mal bewegte. Sie schaudern, als ob es sie fröstele, öffnete ihre Augen einen Augenblick mit dem Ausdruck der Erschöpfung, blickte seufzend durch’s Fenster, und sank wieder in die Ecke des Wagens zurück.

Nach einer guten halben Stunde trat Geoffrey wieder aus dem Hause. Seine Conferenz mit Perry’s Advocat schien sein Gemüth von einer Sorge befreit zu haben, die auf demselben gelastet hatte. Er beorderte den Kutscher, wieder nach Fulham zu fahren, öffnete die Wagenthür, um einzusteigen schien sich aber dann plötzlich eines Andern zu besinnen und stieg, nachdem er den Burschen hatte herunterkommen lassen und ihm geheißen hatte, sich in den Wagen zu setzen, zum Kutscher auf den Bock.

Als der Wagen abfuhr, sah er sich nach Anne um. »Es ist immer einen Versuch werth«, dachte er bei sich. »So werden wir quitt und ich komme von ihr los.«

Endlich hielt der Wagen vor dem Salzland. Vielleicht, daß sich in Folge der Ruhe Anne’s Kräfte wieder gehoben hatten; vielleicht, daß der Anblick dieses Platzes endlich den Selbsterhaltungstrieb wieder in ihr erweckte; genug, sie stieg zu Geoffrey’s Ueberraschung ailein aus dem Wagen. Als er die hölzerne Eingangspforte mit einem eigenen Schlüssel öffnete, fuhr sie zurück und sah ihn zum ersten Mal an. Er wies auf die Eingangsthür hin und sagte: »Geh’ hinein!«

»Unter welchen Bedingungen?« fragte sie, ohne sich von der Stelle zu rühren. Geoffrey bezahlte den Kutscher und schickte den Burschen mit der Weisung in den Garten, dort fernere Ordres zu erwarten. Sobald er sich dann mit Anne allein sah, antwortete er ihr in einem lauten und brutalen Tone: »unter allen Bedingungen, die ich zu machen für gut finden werde.«

»Nichts«, erwiderte sie mit fester Stimme »wird mich vermögen, mit Dir als Deine Frau zu leben. »Du kannst mich umbringen aber dazu kannst Du mich nicht zwingen.«

Einen Schritt vortretend, öffnete er die Lippen, wie wenn er reden wollte, schien sich aber plötzlich wieder anders zu besinnen. Er wartete eine Weile, während welcher er sich offenbar etwas überlegte, und sagte dann mit auffallender Ruhe und Selbstbeherrschung und mit dem Ausdruck eines Menschen, der Worte wiederholt, die ihm in den Mund gelegt sind oder auf die er sich vorbereitet hat: »Ich habe Dir etwas in Gegenwart von Zeugen zu sagen. Ich verlange es nicht von Dir und wünsche auch nicht, daß Du im Hause mit mir allein bist.«

Die Veränderung in seinem Wesen und die Art wie er eben seine Worte auffallend vorsichtig gewählt hatte, erschreckte sie viel mehr, als die Rohheit, mit der er sich eben vorher ausdrücke.

Noch immer auf die Thür weisend, wartete er ab, was sie thun werde. Sie zitterte ein wenig, nahm sich dann wieder zusammen und trat ein. Der Bursche, der im Vordergarten gewartet hatte, folgte ihnen. Er öffnete die Thür des Wohnzimmers an der linken Seite des Vorplatzes. Sie trat in dasselbe ein. Zu dem gleich darauf erscheinenden Dienstmädchen sagte Geoffrey: »Rufen Sie Mrs. Dethridge und kommen Sie selbst wieder mit ihr her«; und trat dann gleichfalls in das Wohnzimmer in das ihm der Bursche folgen mußte und dessen Thür er weit offen stehen ließ.

Hester Dethridge kam aus der Küche, von dem Dienstmädchen gefolgt. Bei dem Anblick Anne’s schien die steinerne Ruhe ihres Gesichts einen Augenblick einem andern Ausdrucke Platz zu machen. Ein matter Glanz belebte ihre Augen. Sie nickte langsam mit dem Kopf. Ein Laut, der etwas wie Freude oder Erleichterung auszudrücken schien, entfuhr ihren Lippen.

Auf Anne zeigend, sagte Geoffrey indem er wieder mit auffallender Ueberlegung und Selbstbeherrschung und wieder mit dem Ausdruck eines Menschen, der Worte wiederholt, die ihm in den Mund gelegt sind, oder auf die er sich vorbereitet hat: »Diese Dame ist meine Frau. In Gegenwart von Euch Dreien als Zeugen erkläre ich ihr, daß ich ihr nicht verzeihe. Ich habe sie in Ermangelung eines andern zuverlässigen Platzes hierher gebracht, damit sie hier den Ausgang der Schritte abwarte, die ich zur Vertheidigung meiner Ehre und meines guten Namens unternommen habe. So lange sie hier ist, wird sie von mir getrennt in ihrem eigenen Zimmer wohnen. So oft ich es für nothwendig halten werde, mündlich mit ihr zu verkehren, werde ich es nur in Gegenwart einer dritten Person thun. Habt Ihr mich Alle verstanden?«

Hester Dethridge nickte mit dem Kopf, die andern Beiden antworteten mit »Ja« und wollten dann hinausgehen. Da stand Anne auf und das Dienstmädchen und der Bursche blieben auf ein von Geoffrey gegebenes Zeichen, um mit anzuhören, was sie zusagen habe. »Ich bin mir keiner Handlung bewußt«, sagte sie, zu Geoffrey gewandt, »die Dir das Recht gäbe, diesen Leuten zu erklären, daß Du mir nicht verzeihest. Diese Worte sind, von Dir gegen mich gebraucht, einer Beleidigung. Ebenso wenig weiß ich, was Du meinst, wenn Du von einer Vertheidigung Deines guten Namens sprichst. Alles, was ich von Deinen Worten verstehe, ist, daß wir in diesem Hause getrennt leben werden und daß ich mein eigenes Zimmer haben werde. Für diese Einrichtung bin ich Dir, gleichviel, welche Motive Dich dabei geleitet haben mögen dankbar. Weise eine von diesen beiden Frauen an, mir mein Zimmer zu zeigen.«

Geoffrey wandte sich an Hester Dethridge »Bringen Sie sie hinauf«, sagte er, »und lassen Sie sie unter den Zimmern wählen. Geben Sie ihr zu essen und zu trinken, was sie verlangt. Bringen Sie mir die Adresse des Hauses, wo sich ihr Gepäck befindet, mit herunter. Der Bursche hier soll mit der Eisenbahn in die Stadt fahren und es herausholen. Das ist Alles. Jetzt gehen Sie!«

Hester ging. Anne folgte ihr die Treppe hinauf. Auf dem Vorplatz des ersten Stocke; blieb Hester stehen. Wieder flackerte der matte Glanz in ihren Augen auf. Sie schrieb etwas auf ihre Tafel und hielt dieselbe dann Anne entgegen. »Ich wußte, daß Sie wieder kommen würden. Es ist zwischen ihm und Ihnen noch nicht vorbei.«

Anne erwiderte nichts. Hester fuhr mit einem schwachen Lächeln um die dünnen bleichen Lippen fort zu schreiben. »Ich verstehe mich auf schlechte Ehemänner. Ihrer ist einer der schlimmsten, die es je gegeben hat. Er wird Sie bös auf die Probe stellen.«

Anne versuchte es, ihr Einhalt zu thun. »Sehen Sie nicht, wie angegriffen ich bin?« sagte sie in sanftem Ton.

Hester ließ die Tafel wieder herabhängen, sah Anne fest und mit dem Ausdruck einer mitleidlosen Aufmerksamkeit in’s Gesicht, nickte mit dem Kopf, als wolle sie sagen: »Ich sehe es jetzt«, und ging ihr voran in eins der leeren Zimmer. Es war das nach vorn über dem Wohnzimmer liegende Schlafzimmer. Ein erster Blick auf dasselbe zeigte, daß es ebenso sauber gehalten, wie solide und geschmacklos möblirt war. Die häßlichen Tapeten an der Wand und der häßliche Teppich auf dem Fußboden waren beide von der besten Qualität.

Die große schwere Bettstelle von Mahagony mit ihren, von einem an der Decke befestigten Haken, herabhängenden Bettvorhängen und mit ihrem gleich hohen plump geschnitzten Kopf und Fußende, bot den sonderbaren Anblick eines französischen durch englische Ueberladung verunstalteten Musters. Das Auffallenste in dem Zimmer waren die außerordentlichen Vorrichtungen zur Sicherung der Thür. Außer dem gewöhnlichen Thürschloß waren an der inneren Seite derselben, oben und unten, noch zwei starke Riegel angebracht. Es war einer der exeentrischen Züge in dem Character Ruben Limbricks gewesen, daß er in beständiger Furcht vor nächtlichen Einbrüchen in sein Haus gelebt hatte.

Alle in’s Freie führenden Thüren und alle Fensterläden waren mit einer soliden Eisenbekleidung und mit nach einem neuen Princip construirten Allarmglocken versehen. Die Thüren aller Schlafzimmer hatten zwei Riegel an der innern Seite. Der ganze Complex dieser Vorsichtsmaßregeln gipselte in einem kleinen auf dem Dach des Hauses befindlichen Glockenthurm mit einer Glocke von so ausgiebigem Klang, daß sie auf der Polizeistation von Fulham gehört werden konnte. Zu Ruben Limbrick’s Zeiten hatte der Glockenstrang bis in sein Schlafzimmer gereicht. Jetzt hing derselbe auf dem äußern Vorplatz an der Wand herunter.

Als Anne sich im Zimmer umsah, blieben ihre Blicke auf der dasselbe vom Nebenzirnmer trennenden Scheidewand haften. Dieselbe hatte keine Verbindungsthür, nur ein Waschtisch und zwei Stüle standen daran.

»Wer schläft in dem Zimmer nebenan?« fragte Anne.

Hester Dethridge deutete auf das unter ihnen befindliche Wohnzimmer, in welchem sie Geoffrey verlassen hatten. Es war sein Schlafzimmer, Anne trat wieder auf den Vorplatz hinaus.

»Zeigen Sie mir das andere Zimmer«, sagte sie.

Auch dieses lag an der Vorderseite des Hauses. Es herrschte darin dieselbe Häßlichkeit der Tapeten und des Teppichs bei gleich guter Qualität. Auch hier stand eine schwere Bettstelle von Mahagony, die aber mit einem über dem Kopfende befestigten Baldachim der die Bettvorhänge trug, versehen war. Dieses Mal kam Hester Anne’s Frage zuvor und deutete, indem sie nach dem anstoßenden, nach hinten gelegenen Zimmer sah, auf sich selbst. Anne entschied sich sofort für dieses; es war das von Geoffrey’s Zimmer entfernteste.

Hester wartete, bis Anne die Adresse des Concertunternehmers, bei welchem sich ihr Gepäck befand, aufgeschrieben hatte, nahm dann Anne’s Weisung für ihr Abendessen entgegen, das sie hinaufschicken sollte, und verließ das Zimmer.

Sobald sie sich allein befand, schloß Anne die Thür und warf sich aufs Bett. Noch immer zu erschöpft, um zu denken, noch immer physisch unfähig, sich die Hilflosigkeit und Gefahr ihrer Lage deutlich zu vergegenwärtigen, öffnete sie ein an ihrem Hals hängendes Medaillon, küßte die an beiden Seiten desselben befindlichen Bilder ihrer Mutter und Blanche’s und versank dann in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Inzwischen wiederholte Geoffrey an der Eingangspforte dem Burschen seine letzten Ordres: »Wenn Du das Gepäck geholt hast, gehst Du zum Advocaten. Wenn er noch heute Abend herkommen kann, so zeigst Du ihm den Weg. Wenn er nicht kommen kann, wirst Du von ihm einen Brief für mich erhalten, den Du mir herbringst. Nimm Dich in Acht, daß Du meine Ordres genau ausführst, sonst geht’s Dir schlecht. Und nun pack Dich und versäume den Zug nicht.«

Der Bursche lief davon. Geoffrey sah ihm noch eine Weile nach und überdachte dabei, was bis jetzt geschehen war.

»Alles in Ordnung soweit«, sagte er zu sich; »ich habe im Wagen nicht bei ihr gesessen, ich habe ihr vor Zeugen erklärt, daß ich ihr nicht verzeihe und warum ich sie hier in’s Haus genommen habe, ich habe ihr ein besonderes Zimmer angewiesen und wenn ich sie sprechen muß, so spreche ich sie in Gegenwart von Hester Dethridge als Zeugin. Ich habe Alles gethan, was mir oblag, nun muß der Advocat noch das Seinige thun.«

Er schlenderte nach dem Hintergarten und zündete sich seine Pfeife an. Nach einer Weile, als die Nacht einzubrechen begann, sah er ein Licht in Hester’s Wohnzimmer zur ebenen Erde. Er trat an’s Fenster. Hester und die Magd waren beide bei der Arbeit.

»Nun«, sagte er, »wie steht es mit dem Frauenzimmer oben?« Hester’s Tafel und die Zunge der Magd berichteten ihm, was über Anne zu berichten war. Sie hatten ihr Thee und ein Omelette aufs Zimmer gebracht und hatten sie aus dem Schlaf wecken müssen. Sie hatte ein klein wenig von dem Omelette gegessen und sehr viel Thee getrunken. Dann waren sie wieder hinausgegangen, um das Geschirr herunter zu holen und hatten sie wieder im Bett, aber nicht schlafend, sondern nur matt und angegriffen gefunden; sie sagte kein Wort, sah ganz erschöpft aus, wir stellten ihr ein Licht hin und ließen sie allein.« So lautete der Bericht.

Nachdem er denselben angehört hatte, zündete er sich, ohne irgend eine Bemerkung zu machen, eine zweite Pfeife an und nahm seine Wanderung durch den Garten wieder auf. Die Zeit verging; es fing an, kühl zu werden. Der Wind strich hörbar über das offene Land, welches den Garten umgab; schwarze Wolken bedeckten die flimmernden Sterne und der ganze Himmel war in finstere Nacht gehüllt.

Geoffrey ging hinein. Im Speisezimmer brannte Licht; auf dem Tisch lag eine Abendzeitung. Er setzte sich und versuchte zu lesen; die Zeitung enthielt nichts, was ihn irgend interessirte. Die Zeit, wo er von dem Advocaten hören würde, rückte näher und näher. Er konnte nicht lesen, nicht still sitzen. Er ging wieder hinaus in den Vordergartem schlenderte nach der Eingangspforte, öffnete dieselbe, und sah gedankenlos den Weg hinunter und hinauf. Die über der Pforte befindliche Gaslaterne beleuchtete mit ihrem Schein nur ein einziges lebendes Wesen. Die Gestalt kam näher; es war der Postbote, der seine letzten Briefe ausbrachte Er kam mit eintritt Briefe in der Hand ans die Pforte zu.

»Wohnt hier Mr. Geoffrey Delamayn?«

»Jawohl!«

Geoffrey nahm dem Postboten den Brief ab und ging damit wieder in’s Speisezimmer. Als er bei dem Kerzenlicht die Adresse betrachtete, erkannte er Mrs. Glenarm’s Handschrift. »Ein Glückwunsch zu meiner Hochzeit!« murmelte er bitter vor sich hin und öffnete den Brief.

Das Glückwunschschreiben Mrs. Glenarm’s lautete wie folgt:

»Mein angebeteter Geoffrey!

Ich weiß Alles. Mein Geliebter! Mein Einziger! Du bist ein Opfer der nichtswürdigsten Spitzbübin, die je das Licht der Welt erblickt hat, und ich habe Dich verloren! Ich frage mich selbst, wie es möglich ist, daß ich noch lebe, nachdem ich das gehört habe, wie es möglich ist, daß ich mit glühendem Hirn und gebrochenem Herzen denken und schreiben kann. Aber, Du Engel, was mich aufrecht erhält, ist ein reines, schönes, unser Beider würdiges Ziel, das ich verfolge. Ich lebe, Geoffrey, ich lebe, um mich ganz dem Gedanken an Dich, mein Angebeteter hinzugeben. Du mein Held, Du meine erste und letzte Liebe! Ich werde keinen andern Mann heirathen. Ich werde, das gelobe ich feierlich, auf meinen Knieen, treu gegen Dich leben und sterben. Ich bin Deine Seelenbraut! Mein geliebter Geoffrey! Sie kann nicht zwischen uns treten, nein, sie kann Dich nimmermehr um die unerschütterliche Treue meines Herzens, um die unirdische Hingebung meines Selbst bringen. Ich bin Deine Seelenbraut! O, der unschuldigen Wollust, diese Worte zu schreiben! Antworte mir, Geliebter, und sage, daß Du ebenso empfindest. Gelobe, Du Jdol meines Herzens, wie ich gelobt habe, unerschütterliche Treue, unirdische Hingebung! Nie, nie werde ich das Weib eines Andern werden. Nie, nie werde ich der Person vergeben, die sich zwischen uns gedrängt hat. Ewig und einzig Dein, Dein mit einer fleckenlosen Leidenschaft, die auf dem Altare des Herzens brennt, Dein, Dein, Dein.

E. G.«

Dieser Erguß eines an und für sich einfach lächerlichen hysterischen Blödsinn’s war doch in seiner Wirkung auf Geoffrey von großer Bedeutung. Durch denselben gewann die Befriedigung seiner Rache gegen Anne zugleich ein sehr materielles Interesse für ihn. Da bot sich ihm in freier Hingebung ein jährliches Einkommen von zehntausend Pfund Sterling, und nichts hinderte ihn, die Hand nach dieser Einnahme auszustrecken, als das Weib, das ihn in seine Falle gelockt, das sich für Lebenszeit an seine Fersen gehängt hatte!

Er steckte den Brief in die Tasche. »Warte, bis Du von dem Advocaten gehört hast«, sagte er zu sich selbst. »Das wäre doch der einfachste Weg, aus der Sache herauszukommen, und ein völlig gesetzlicher Weg.« Er sah ungeduldig nach seiner Uhr. Als er sie eben wieder in die Tasche gesteckt hatte, erklang die Glocke an der Pforte. War es der Bursche, der das Gepäck brachte? Ja. Und er brachte auch den Bericht des Advocaten? Nein, sondern was noch besser war, den Advocaten selbst.

»Treten Sie näher!« rief Geoffrey dem Herrn, den er an der Thür traf, entgegen; der Advocat trat in’s Speisezimmer. Das Kerzenlicht beleuchtete einen corpulenten Mann mit aufgeworfenen Lippen und glänzenden Augen, mit einer gelben Hautfarbe, die einen Beisatz von Negerblut verrieth, dessen Ausdruck und ganze Haltung keinen Zweifel darüber ließen, das er sich mit den schmutzigsten Rechtsgeschäften zu befassen gewohnt war.

»Ich habe einen kleinen Besitz hier in der Nähe, und da dachte ich, ich wollte auf meinem Heimwege selbst bei Ihnen vorsprechen Mr. Delamayn.«

»Haben Sie die Zeugen gesprochen?«

»Ich habe sie Beide vernommen, Mr. Delamayn. Zuerst Mrs. Inchbare und Mr. Bishopriggs zusammen und dann Jeden von ihnen einzeln.«

»Nun?«

»Nun, Mr. Delanmyn, ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß das Ergebniß kein günstiges war.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Von keinem der beiden Zeugen ist eine Aussage, wie Sie sie brauchen, zu erlangen. Davon habe ich mich überzeugt.«

»Davon.haben Sie sich überzeugt? Sie haben verfluchten Unsinn gemacht! Sie verstehen den Fall nicht!«

Der Mulatten-Advocat lächelte. Die Grobheit seines Clienten schien ihn nur zu ergötzen. »So?« erwiderte er. »Ich verstehe den Fall nicht? Wie wäre es, wenn Sie mir sagtest, worin ich ihn mißverstanden habe? In Kürze liegt der Fall so: Am vierzehnten August dieses Jahres befand sich Ihre Frau, in einem Gasthof in Schottland. Ein Herr, Namens Arnold Brinkworth kam dort zu ihr. Er gab sich für ihren Mann aus und blieb bis zum nächsten Morgen bei ihr. Auf Grund dieser Thatsachen beabsichtigen Sie gegen Ihre Frau auf Scheidung zu klagen. Sie beschuldigen Mr. Arnold Brinkworth der Liebhaber Ihrer Frau gewesen zu sein und berufen sich dafür auf die Aussagen des Kellners und der Wirthin des Gasthofs. Sind meine Angaben soweit richtig, Mr. Delamayn?«

»Vollkommen richtig.« Der Plan, den Geoffrey als er auf dem Wege nach Fulham umgekehrt war, um Mr. Moy zu confultiren, ersonnen hatte, war nämlich kurz der, Anne mit einem einzigen feigen Streiche wieder von sich zu stoßen, und sich so wieder frei zu machen.

»Soviel über den Fall«, nahm der Advorat wieder auf. »Nun hören Sie, was ich nach Empfang Ihrer Instruktion gethan habe. Ich habe die Zeugen vernommen und habe eine nicht sehr angenehme Conferenz mit Mr. Moy gehabt. Das Ergebniß dieser beiden Schritte ist kurz Folgendes. Erste Entdeckung: Als Mr. Brinkworth sich für den Mann der Dame ausgab, handelte er nach Ihren Instructionen, —— ein Umstand, der auf das Entschiedenste gegen Sie spricht. Zweite Entdeckung: Keiner von beiden Zeugen hat in dem Verkehr der Dame und des Herrn während ihres gemeinsamen Aufenthaltes im Gasthofe die geringste Unschicklichkeit oder auch nur etwas einer harmlosen Vertraulichkeit Nahekommendes bemerkt. Es läßt sich im strengsten Sinne des Wortes nichts Anderes gegen sie aussagen, als daß sie in zwei aneinanderstoßenden Zimmern im Gasthofe zusammen waren. Wie wollen Sie auf eine schuldvolle Absicht klagen, wenn Sie keine Spur einer schuldvollen Handlung beweisen können? Sie können einen solchen Fall so wenig zum Gegenstand einer gerichtlichen Verhandlung machten, wie Sie über das Dach dieses Hauses wegspringen können.«

Er sah seinem Clienten scharf in’s Gesicht und machte sich auf einen groben Ausfall gefaßt, fand sich aber in dieser Erwartung angenehm getäuscht.

Seine Worte schienen auf diesen sonst so gedankenlosen und halsstarrigen Menschen einen sehr eigenthümlichen Eindruck hervorgebracht zu haben. Geoffrey stand ruhig auf und sagte, äußerlich vollkommen gefaßt: »Halten Sie also den Fall für hoffnunglos?«

»Wie die Dinge jetzt stehen, kann von einem Fall gar nicht die Rede sein, Mr. Delamayn.«

»Ich muß also die Hoffnung aufgeben, mich von ihr scheiden zu lassen?«

»Warten Sie einen Augenblick. Sind Ihre Frau und Mr. Brinkworth, seit sie in dem Gasthof zusammen waren, nicht wieder zusammengetroffen?«

»Nein.«

»Wie sich die Dinge in Zukunft gestalten mögen, kann ich natürlich nicht sagen. Auf Grund der Vergangenheit dürfen Sie nicht hoffen, von ihr geschieden zu werden.«

»Danke Ihnen. Guten Abend.«

»Guten Abend, Mr. Delamayn.«

Also für das Leben an sie gefesselt, durch ein Band gefesselt, welches das Gesetz zu lösen außer Stande war.«

Geoffrey brütete über diesen Gedanken, bis er sich ihn in seiner ganzen Bedeutung klar gemacht und völlig davon durchdrungen war. Dann zog er Mrs. Glenarm’s Brief wieder aus der Tasche und las denselben noch einmal aufmerksam von Anfang bis zu Ende durch. Nichts hatte ihre treue Anhänglichkeit an ihn erschüttern können. Nichts konnte sie auch jetzt noch bewegen, einen andern Mann zu heirathen. Da stand es von ihrer eigenen Hand geschrieben, wie sie auch ferner ganz nur für ihn leben und mit ihrem Vermögen darauf warten wolle, bis sie sein Weib werden könne. Und da war andererseits sein Vater, der, soviel er wußte, nur darauf wartete, Mrs. Glenarm als Schwiegertochter zu bewillkommnen, und dem Sohn, der ihm diese Schwiegertochter zuführen würde, ein eigenes Einkommen auszusetzen. Also die schönsten Aussichten, die ein Mann nur wünschen konnte, und nichts, was ihn an der Verwirklichung derselben hinderte, als das verwünschte Weib da oben. Er ging in den Garten in die dunkle Nacht hinaus. Der Hintergarten stand mit dem Vordergarten auf allen Seiten in ungehinderter Verbindung. Sein Weg führte ihn wieder und wieder bald am Hause vorüber, wo ein, von einem Fenster ausgehender Lichtschein seine Gestalt beleuchtete, bald in die dunkeln Parthien des Garten’s. Der Wind strich ihm erfrischend über das entblößte Haupt. Einige Minuten lang ging er so ohne einen Augenblick still zu stehen, wie im Kreise herum, endlich blieb er vor dem Hause stehen. Er sah hinauf nach dem trüben Licht, das von Anne’s Zimmer her schien.

»Wie?« Das ist die Frage.

»Wie?«

Er trat wieder in’s Haus und klingelte Die Magd, die darauf erschien, fuhr bei seinem Anblick zusammen. Seine frische Gesichtsfarbe war verschwunden, seine Augen starrten sie an, ohne daß er sie zu sehen schien. Der Schweiß stand ihm in dicken Tropfen auf der Stirn.

»Sind Sie nicht wohl, Herr?« fragte die Magd.

Er hieß sie mit einem Fluch den Mund halten, und ihm Branntwein bringen. Als sie wieder eintrat, stand er, ihr den Rücken zukehrend, am Fenster und blickte in die Nacht hinaus, ohne Notiz davon zu nehmen, daß sie die Flasche auf den Tisch setzte. Sie hörte ihn etwas vor sich hinmurmeln, als wenn er mit sich selber spräche. Dieselbe Schwierigkeit, die ihm draußen unter Anne’s Fenster innerlich beschäftigt hatte, beschäftigte ihn noch immer.

Wie? Das war das zu lösende Problem.

Er nahm seine Zuflucht zum Branntwein.



Kapiteltrenner


Sechsundfünfzigstes Kapitel - Der Morgen

Wann quält uns der Kummer über unwiderbringlich Verlorenes am schreckIichsten? Wann erblicken wir die unsichere Zukunft in den schwärzesten Farben? Wann erscheint uns das Leben am werthlosesten, und wann wünschen wir den Tod am sehnlichsten herbei? In den schrecklichen Morgenstunden, wo die Sonne in ihrer ganzen Pracht aufgeht, wo die Vögel den neugebornen Tag mit ihrem Gesang begrüßen.

Anne erwachte in dem fremden Bette und schaute in dem von der Morgensonne beleuchteten fremden Zimmer umher.

Der Regen, der während der Nacht gefallen war, hatte nachgelassen. Die Sonne stand wieder unbewölkt an dem klaren Herbsthimmel. Anne stand auf und öffnete das Fenster; die frische Morgenluft drang mit ihrem erquickenden Hauch in das Zimmer. Nah und fern lag über der Gegend dieselbe freundliche Ruhe. Anne schaute zum Fenster hinaus. Ihr Geist war wieder klar, ihr Gemüth hatte seine Fassung wieder gewonnen, sie konnte wieder denken, wieder fühlen, sie konnte der einzigen noch übrigen Frage, welche der unbarmherzige Morgen ihr jetzt aufdrängte: »Wie wird das alles werden?« scharf in’s Gesicht sehen.

Morgen.

Gab es noch eine Hoffnung für sie, eine Hoffnung, daß sie selbst etwas für sich würde thun können? Was kann eine verheirathete Frau für sich thun? Sie kann ihr Unglück, vorausgesetzt, daß dasselbe von einer gewissen Beschaffenheit ist an die Oeffentlichkeit bringen und kann sich, wenn sie das gethan hat, allein mit der Gesellschaft abfinden. Weiter vermag sie nichts.

Gab es eine Hoffnung für sie, daß Andere noch etwas würden für sie thun können? Blanche konnte ihr schreiben, konnte vielleicht sogar, wenn Anne’s Mann es erlaubte, sie besuchen, das war aber auch Alles. Sir Patrick hatte ihr beim Abschied die Hand gedrückt und ihr zugeflüstert, sie möge auf ihn vertrauen. Er war der beste, zuverlässigste Freund, aber was konnte er thun? Gab es doch Dinge, die ihr Mann nach dem Gesetze zu thun berechtigt war, bei deren bloßen Gedanken ihr das Blut in den Adern erstarrte. Konnte Sir Patrick sie dagegen schützen? Lächerlicher Gedanke! Das Gesetz, und die Gesellschaft würden vielmehr ihren Gatten in seinen ehelichen Rechten schützen. Gesetz und Gesellschaft hatten nur eine Antwort für sie, wenn sie Schutz von ihnen verlangte: »Du bist sein Weib.«

Keine Hoffnung auf Rettung weder durch sich selbst noch durch Andere, auf der weiten Welt keine Rettung, keine! Ihr blieb nichts übrig, als im Vertrauen auf die göttliche Grube, im Vertrauen auf eine bessere Welt das Ende abzuwarten.

Sie nahm aus ihrem Koffer ein kleines, durch häufigen Gebrauch sehr abgegriffenes Gebet- und Andachtsbuch, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Sie setzte sich mit demselben an’s Fenster und las darin. Jetzt war die Aehnlichkeit ihrer Lage mit der ihrer Mutter noch frappanter geworden. Beide waren sie an Männer verheirathet, von welchen sie gehaßt wurden, an Männer, deren Interesse sie auf Geldheirathen mit anderen Frauen hinwies, an Männer, deren einziger Wunsch und einziger Zweck es war, sich von ihren Frauen loszumachen. Sonderbar! auf wie verschiedenen Wegen Mutter und Tochter beide demselben Schicksale entgegen geführt worden waren; nur die Frage, ob die Aehnlichkeit ihrer Schicksale sich auch bis auf den Ausgang erstrecken würde, war noch unentschieden. »Ob ich wohl«, fragte sie sich, an die letzten Augenblicke ihrer Mutter denkend, »in Blanche’s Armen sterben werde?«

Unter solchen Gedanken war ihr die Zeit vergangen, ohne daß sie des allmälig im Hause erwachten Lebens inne geworden wäre. Erst die vor ihrer Thür ertönende Stimme der Magd brachte sie wieder zu dem Bewußtsein der Gegenwart.

»Der Herr wünscht, daß Sie herunterkommen, Madame!«

Anne stand sofort auf und legte das kleine Andachtsbuch bei Seite.

»Ist das Alles, was Sie mir bestellen sollen?« fragte sie, indem sie die Thür öffnete.

»Ja, Madame.«

Sie folgte dem Mädchen hinunter, indem sie sich der sonderbaren Worte erinnerte, die Geoffrey am Abend zuvor in Gegenwart der Dienstboten an sie gerichtet hatte. Sollte sie jetzt erfahren, was mit diesen Worten eigentlich gemeint war? Dass mußte sich bald zeigen.

»Was immer für Prüfungen mir beschieden sein mögen«, dachte sie bei sich, »ich will sie tragen, wie weine Mutter sie getragen haben würde.«

Die Magd öffnete die Thür des Speisezimmers. Das Frühstück stand auf dem Tisch; Geoffrey stand am Fenster; Hester Dethridge hatte sich zum Aufwarten bereit an die Thür postirt.«

Als Anne eintrat, kam ihr Geoffrey mit einem freundlich lächelnden Ausdruck, wie sie ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatte, entgegen und bot ihr die Hand. Sie hatte, als sie das Zimmer betrat, auf Alles gefaßt zu sein geglaubt. Auf einen solchen Empfang aber war sie nicht gefaßt, sprachlos stand sie da und sah ihn an. Auch Hester sah ihm, nachdem sie auf Anne beim Eintreten einen raschen Blick geworfen hatte, fest in’s Gesicht und wandte, solange Anne im Zimmer blieb, das Auge nicht wieder von ihm ab.

Nach einer Pause brach er wieder das Schweigen, mit Worten, deren Ton wie der einer ihm fremden Stimme klang, und mit einer unheimlichen Zurückhaltung, wie sie früher nie an ihm beobachtet hatte.

»Willst Du Deinem Mann nicht die Hand geben«, fragte er, »wenn Dein Mann Dich darum bittet?«

Mechanisch legte sie ihre Hand in die seinige, aber er fuhr zusammen und ließ die Hand auf der Stelle wieder fahren.

»Gott, wie kalt!« rief er aus.

Seine eigene Hand glühte und zitterte fortwährend. Er wies auf einen Stuhl am oberen Ende des Tisches hin.

»Willst Du Thee machen?« fragte er.

Mechanisch hatte sie ihm die Hand gereicht, mechanisch trat sie jetzt einen Schritt vor, stand aber dann wieder still.

»Möchtest Du lieber allein frühstücken?« fragte er.

»Wenn Du nichts dagegen hast«, antwortete sie mit schwacher Stimme, »würde ich es vorziehen.«

»Warte einen Augenblick, ich habe Dir noch etwas zu sagen, bevor Du gehst.«

Sie wartete. Er besann sich offenbar auf Etwas, das er vorbereitet hatte, bevor er sprach. »Ich habe«, fing er an, »die ganze Nacht Zeit gehabt, mit mir zu Rathe zu gehen, Und die Nacht hat nun einen neuen Menschen aus mir gemacht. Ich bitte Dich wegen dessen, was ich gestern Abend gesagt habe, um Verzeihung. Ich war gestern meiner selbst nicht mächtig und sprach Unsinn. Bitte vergiß das und vergieb es mir. Ich will ein Anderer werden und mein bisheriges Betragen wieder gut machen. Ich will versuchen ein guter Ehemann zu werden. In Gegenwart von Mrs. Dethridge bitte ich Dich, mir diesen Versuch möglich zu machen, ich will Deiner Neigung keine Gewalt anthun. Wir sind einmal verheirathet, wozu nützt es, das zu beklagen? Bleibe hier, wie Du es gestern wolltest, unter Deinen eigenen Bedingungen. Jetzt will ich Dich nicht länger zurückhalten, ich bitte Dich nur, Dir die Sache zu überlegen. Guten Morgen.«

Er sprach diese merkwürdigen Worte wie ein Schuljunge, der eine schwere Lection aufsagt, die Augen auf den Boden geheftet und mit den Fingern fortwährend verlegen einen Knopf an seiner Weste auf- und zuknöpfend. Anne ging wieder hinaus. Auf dem Vorplatz mußte sie stehen bleiben und sich gegen die Wand lehnen. Seine unnatürliche Höflichkeit war ihr fürchterlich gewesen, seine wohütberlegte Versicherung seiner Reue hatte sie mit Entsetzen erfüllt. Noch nie, selbst in den Momenten seiner wildesten Wuthausbrüche, wo er sich der niedrigsten Ausdrücke gegen sie bedient, hatte sie einen solchen Schauder vor ihm empfunden, wie eben jetzt. Hester Dethridge folgte ihr und schloß die Thür hinter sich. Sie sah Anne scharf in’s Gesicht und hielt ihr die Tafel entgegen, nachdem sie auf dieselbe die Worte geschrieben hatte: »Glauben Sie ihm?«

Anne stieß die Tafel von sich und eilte die Treppe hinauf. Sie schloß die Thür und sank in einen Stuhl. »Er bereitet etwas gegen mich vor«, sagte sie sich, »was mag es sein?«

Ein ihr ganz neues Gefühl physischer Furcht ließ sie davor zurückschrecken, diese Frage weiter zu verfolgen. Es befiel sie eine Angst, die sie fast ohnmächtig machte; sie trat an’s offene Fenster. In demselben Augenblick erscholl die Glocke an der Pforte. Argwöhnisch gegen Jedermann und gegen Jedes, wie sie in diesem Augenblicke war, schien es ihr nicht gerathen, sich blicken zu lassen. Sie trat etwas vom Fenster zurück und blickte durch die Vorhänge hinaus. Ein Livreediener, der einen Brief in der Hand hielt, trat durch die Pforte. In dem Augenblick, wo er unter Anne’s Fenster vorüberging, sagte er zu der Magd, die ihm geöffnet hatte: »Ich komme von Lady Holchester, ich muß Mr. Delamayn auf der Stelle sprechen.« Sie gingen in’s Haus.

Kurz darauf ging der Diener wieder fort. Nach einer kleinen Weile wurde an Anne’s Thür geklopft Sie zauderte. Das Klopfen wiederholte sich, und das stumme Gemurmel Hester Dethridge’s wurde von draußen vernehmbar. Anne öffnete die Thür, Hester trat mit dem Frühstück ein und deutete auf einen Brief, der auf dem Frühstücksbret lag. Der Brief war von Geoffrey’s Hand an Anne adressirt und enthielt die folgenden Worte:

»Mein. Vater ist gestern gestorben. Bestelle Dir schriftlich Deine Trauerkleider, der Bursche soll das Billet besorgen. Du brauchst nicht selbst nach London zu gehen, sondern kannst Dir Jemanden aus dem Laden her beordern.«

Anne ließ den Brief, ohne aufzublicken in ihren Schooß fallen. Im demselben Augenblick hatte Dethridge verstohlen ihre Tafel zwischen das Billet und Anne’s Augen geschoben, darauf standen die Worte: »Seine Mutter kommt heute. Sein Bruder ist telegraphisch von Schottland herbeigerufen. Gestern Abend war er betrunken, jetzt trinkt er wieder. Ich weiß, was das zu bedeuten hat. Geben Sie Acht, Madame, geben Sie Acht.«

Anne machte ihr ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Hester ging hinaus und zog die Thür nach sich, ohne sie jedoch zu schließen. Wieder klingelte es an der Pforte. Wieder trat. Anne an’s Fenster. Diesmal war es nur der Bursche, der kam, seine Ordres für den Tag entgegen« zu nehmen. Kaum war er in den Garten getreten, als ihm der Postbote auf dem Fuße folgte; Eine Minute später vernahm sie Geoffrey’s Stimme auf dem Vorplatz und gleich darauf die schweren Tritte, mit denen er die Treppe hinaufstieg. Anne eilte an die Thür um die Riegel vorzuschieben, aber noch ehe sie die Thür hatte schließen können, stand Geoffrey vor ihr. »Hier ist ein Brief für Dich«, sagte er, indem er es ängstlich vermied, die Schwelle des Zimmers zu betreten. »Ich denke nicht daran, Deinen Neigungen Gewalt anzuthun, ich bitte Dich nur, mir zu sagen, von wem der Brief ist.«

Seine Haltung war dabei von derselben ergebenen Höflichkeit wie vorher, aber sein unaussgesprochenes Mißtrauen gegen sie verrieth sich in seinen Blicken. Sie warf einen Blick. auf die Adresse.

»Der Brief ist von Blanche«, antwortete sie.

Leise setzte er seinen Fuß zwischen Thür und Thürpfosten und wartete, bis sie Blanche’s Brief gelesen hatte.

»Darf ich den Brief sehen?« fragte er, und steckte dabei seine Hand durch die Thür.

Anne hatte ihre Widerstandskraft verloren. Sie reichte ihm das offene Schreiben. Der Brief war sehr kurz. Nach einigen herzlichen Worten beschränkte er sich geflissentlich darauf; den Zweck, zu welchem er geschrieben war, anzugeben. Blanche wünschte Anne am Nachmittage des heutigen Tages in Begleitung ihres Onkels zu besuchen; sie fragte vorher an, um sicher zu sein, Anne zu Hause zu finden. Das war Alles. Der Brief war ersichtlich unter Sir Patricks Aufsicht geschrieben.

Geoffrey gab ihn ihr zurück, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

»Nachdem mein Vater gestern gestorben ist«, sagte er, »kann meine Frau keine Besuche annehmen, bevor er begraben ist. Ich will Deinen Neigungen keine Gewalt anthun, ich sage nur, ich kann vor erfolgtem Begräbniß, außer Mitgliedern meiner Familie, keinen Besuchern den Zutritt zu uns gestatten. Sage Deiner Freundin das in einer Zeile, die der Bursche besorgen kann.«

Mit diesen Worten verließ er sie.

Eine Berufung auf die Schicklichkeit konnte in dem Munde Geoffrey Delamayn’s nur zweierlei bedeuten. Entweder war, was er gesagt hatte, ein roher Hohn gewesen, oder er hatte dabei einen Hintergedanken gehabt. Wollte er den Tod seines Vaters als Vorwand benutzen, seine Frau von allem Verkehr mit der Außenwelt abzuschneiden? Hatte er noch unausgesprochene Gründe, den Verkehr Anne’s mit ihren Freunden zu fürchten? Die Zeit verging und Hester Dethridge erschien wieder, um zu melden, daß der Bursche auf Anne’s Ordres im Betreff ihrer Trauertoilette und auf ihr Billet an Mr. Arnold Brinkworth warte. Anne schrieb die Ordres und das Billet. Als sie damit fertig war, drängte sich abermals die furchtbare Tafel zwischen ihr Schreibpapier und ihre Augen, mit den erbarmungslos warnenden Worten: »Er hat die Pforte abgeschlossen. Wenn geklingelt wird, sollen wir uns den Schlüssel von ihm holen. Er hat an eine Frau geschrieben die nach der Adresse Mrs. Glenarm heißt. Er hat wieder Branntwein getrunken. Grade wie mein Mann, nehmen Sie sich in Acht.«

So war also der einzige Ausgang aus den das Haus rings umgebenden Mauern verschlossen, war es ihren Freunden untersagt, sie zu besuchen, war sie gefangen in Einzelhaft und der Kerkermeister war ihr Mann. Noch waren nicht vierundzwanzig Stunden vergangen, seit sie das Haus betreten hatte, und schon war es dahin gekommen. Und was würde weiter geschehen?«

Mechanisch trat sie wieder an’s Fenster. Der Anblick der Außenwelt, das gelegentliche Vorüberfahren eines Wagens übte eine belebende Wirkung auf sie. In diesem Augenblick ging der Bursche durch den Vordergarten, im Begriff seine Besorgungen in London auszurichten. Geoffrey ging mit thut, um die Pforte zu öffnen und rief ihm, als er ihn hinausgelassen hatte, nach: »Vergiß die Bücher nicht.«

Die Bücher! Was für Bücher? Für wen? Die geringste Kleinigkeit erweckte jetzt Anne’s Verdacht. Noch Stunden lang verfolgte sie der Gedanke an diese Bücher. Geoffrey schloß die Pforte wieder ab und ging nach dem Haus zurück; unter Anne’s Fenster blieb er stehen und rief sie. Sie sah zum Fenster hinaus. »Wenn Du frische Luft und Bewegung wünschen solltest«, sagte er, »so steht der Hintergarten ganz zu Deiner Disposition.« Dann steckte er den Pfortenschlüssel in die Tasche und ging wieder in’s Haus.

Nach einigem Schwanken beschloß Anne von Geoffrey’s Erlaubniß Gebrauch zu machen. In ihrem Zustande banger Ungewißheit wurde ihr der Aufenthalt in ihren vier Mauern völlig unerträglich. Selbst wenn hinter dem anscheinend harmlosen Vorschlag, den Geoffrey ihr gemacht hatte, eine ihr gestellte Falle lauern sollte, so widerstrebte es ihr doch weniger, sich dieser Gefahr auszusetzen, als darüber brüten zu müssen. Sie setzte ihren Hut auf und ging in den Garten hinab. Es begegnete ihr durchaus nichts Bemerkenswerthes, Geoffrey ließ sich nicht blicken. Anne hielt sich auf- und abgehend, in dem Theile des Gartens, der von dem Fenster des Speisezimmers am weitesten ablag. Aus dem Garten zu entkommen war für eine Frau einfach unmöglich. Abgesehen von der Höhe der Mauer waren sie, ihrem ganzen Umfange nach, oben mit Glasscherben bedeckt. Eine kleine, wahrscheinlich für den Gärtner bestimmte Thür in der das äußerste Ende des Hintergartens abschließenden Mauer, war verriegelt und verschlossen. Kein Haus war in der Nähe. Ländereien von Gemüsegärtnern umgaben den Garten auf allen Seiten. Im neunzehnten Jahrhundert, und in der unmittelbaren Nähe einer großen Hauptstadt war Anne von jedem Verkehr mit der Außenwelt so vollständig abgesperrt, wie wenn sie todt gewesen wäre. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde die im Garten herrschende Stille durch das Geräusch rollender Wagenräder auf der Landstraße und ein Klingeln an der Pforte unterbrochen. Anne hielt sich dicht an der Rückseite des Hauses, entschlossen sich die Chance, mit dem Besuchenden, es mochte sein wer es wollte, zu sprechen, nicht entgehen zu lassen.

Bald darauf vernahm sie durch das offene Fenster Stimmen im Speisezimmer, die Stimme Geoffrey’s und die einer Frau: Wer mochte das sein? Doch nicht Mrs. Glenarm? Nach einer Weile wurde die Stimme der Besuchenden plötzlich lauter: »Wo ist sie?« rief sie, »ich wünsche sie zu sehen.« Anne ging sofort an die Hinterthür des Hauses, und fand sich hier einer Dame gegenüber, die ihr völlig fremd war:

»Sind Sie die Frau meines Sohnes?« fragte die Dame.

»Ich bin seine Gefangene«, antwortete Anne.

Lady Holchester’s bleiches Gesicht wurde noch bleicher. Es war klar, daß Anne’s Antwort einen Verdacht bei ihr bestätigt hatte, der bereits durch die Unterhaltung smit ihrem Sohne erweckt worden war.

»Was wollen Sie damit sagen?« flüsterte sie.

In diesem Augenblick ließen sich Geoffrey’s schwere Fußtritte im Speisezimmer vernehmen.

Es war keine Zeit mehr zu einer Erklärung, Anne flüsterte nur noch die Worte:

»Lassen Sie meine Freunde wissen, was ich Ihnen gesagt habe.«

Geoffrey erschien an der Thür des Speisezimmers.

»Nennen Sie mir einen Ihrer Freunde«, erwiderte Lady Holchester.

»Sir Patrick Lundie.«

Geoffrey hörte diese Antwort und fragte: »Was ist mit Sir Patrick Lundie?«

»Ich wünsche Sir Patrick Lundie zu sprechen«, antwortete seine Mutter, »und Deine Frau kann mir sagen, wo er zu finden ist.«

Anne verstand sofort, daß Lady Holchester gesonnen sei, ihren Auftrag an Sir Patrick Lundie auszurichten. Sie nannte seine Londoner Adresse. Lady Holchester schickte sich an fortzugehen; ihr Sohn hielt sie zurück.

»Laß uns die Sache in’s Reine bringen, bevor Du gehst«, sagte er. »Meine Mutter«, fuhr er gegen Anne gewandt fort, »meint, es sei nicht viel Aussicht vorhanden, daß wir Beiden gut mit einander leben. Bitte, sag Du ihr selbst, wie es damit steht. Was habe ich Dir beim Frühstück gesagt? Habe ich nicht gesagt, ich wolle versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein? Habe ich nicht in Mrs. Dethridges Gegenwart gesagt, ich wolle wieder gut machen, was ich gegen Dich gefehlt habe?«

Er wartete, bis Anne seine Fragen bejahend beantwortet hatte und wandte sich dann wieder an seine Mutter.

»Nun, was denkst Du jetzt?«

»Lady Holchester schien nicht geneigt diese Frage zu beantworten. »Noch diesen Abend«, sagte sie zu Anne, »sehen Sie mich wieder oder sollen von mir hören.«

Geoffrey versuchte es, seine unbeantwortet gebliebene Frage zu wiederholen. Als aber seine Mutter ihn scharf ansah, vermochte er ihren Blick nicht zu ertragen und senkte sofort die Augen. Mit ernster Miene grüßte sie Anne und zog ihren Schleier über das Gesicht. Schweigend begleitete ihr Sohn sie bis an die Ausgangspforte Anne kehrte, zum ersten Mal seit ihrem Erwachen an diesem Tage, etwas erleichtert auf ihr Zimmer zurück.

»Seine Mutter ist unruhig«, dachte sie bei sich, »es muß eine Veränderung eintreten. »Und diese Veränderung sollte noch an demselben Abend eintreten.



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Siebenundfünfzigstes Kapitel - Der Vorschlag

Gegen Abend fuhr Lady Holchester’s Wagen wieder vor. Drei Personen saßen darin, Lady Holchester, ihr ältester Sohn«, jetzt Lord Holchester und Sir Patrick Lundie.

»Wollen Sie im Wagen warten, Sir Patrick«, fragte Julius, »oder wollen Sie mit hineingehen?«

»Ich will warten. Wenn Sie finden sollten, daß ich ihr irgend nützen kann, schicken Sie, bitte, sofort nach mir. Inzwischen vergessen Sie nicht, den von mir angegebenen Vorschlag zu machen. Das ist der einzige sichere Weg, die wahre Gesinnung Ihres Bruders in dieser Angelegenheit zu ergründen.«

Der Diener hatte geklingelt, ohne daß etwas darauf erfolgt wäre. Während er zum zweiten Male klingelte, richtete Lady Holchester eine Frage an Sir Patrick.

»Haben Sie mir,« fragte sie, »für den Fall, daß ich Gelegenheit haben sollte, die Frau meines Sohnes allein zu sprechen, irgend etwas an sie aufzutragen?«

Sir Patrick zog ein kleines Billet aus der Tasche.

»Würden Sie die Güte haben, gnädige Frau, ihr das zu geben?«

In dem Augenblick, wo Lady Holchester das Billet zu sich nahm, wurde die Pforte von der Magd geöffnet.

»Vergessen Sie nicht ——«, wiederholte Sir Patrick sehr nachdrücklich, »wenn ich ihr irgendwie nützlich sein kann. Denken Sie nicht an mein Verhältniß zu Mr. Delamayn, sondern schicken Sie ohne Weiteres zu mir.«

Julius und seine Mutter wurden in das Wohnzimmer geführt. Die Magd berichten, daß der Herr hinausgegangen sei, um sich niederzulegen, aber sogleich herunterkommen werde. Beide, Mutter und Sohn, waren zu aufgeregt, um zu reden. Julius ging unruhig im Zimmer auf und ab. Einige Bücher, die auf einem Tisch in der Ecke lagen, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, vier schmutzige, fettige Bände, aus deren einem ein Papierstreifen hervorguckte, auf welchem die Worte standen »Ergebenst von Perry.« Julius öffnete den Band. Es war das unter dem Namen »The Nengate Calender« erscheinende abscheuliche Magazin von englischen Criminalgeschichten. Julius zeigte es seiner Mutter.

»Eine Probe von Geoffreys literarischem Geschmack«, sagte er mit einem traurigen Lächeln.

Lady Holchester machte ihm ein Zeichen, das Buch wieder an seinen Platz zu legen.

»Du hast Geoffretys Frau schon einmal gesehen, sticht wahr?« fragte sie.

Dieses Mal lag in ihrem Ton, als sie von Anne sprach, keine Spur von Geringschätzung. Der Eindruck, den ihr Besuch bei Geoffrey diesen Morgen auf sie hervorgebracht hatte, ließ ihr Geoffrey’s Frau mit schweren Familiensorgen eng verknüpft erscheinen. Vielleicht daß sie Anne noch immer um Mrs. Glenarm’s willen nicht gern hatte, aber verachten konnte sie dieselben nicht mehr.

»Ich habe sie in Swanhaven gesehen«, erwiderte Julius. »Ich muß Sir Patrick darin Recht geben, daß sie den Eindruck einer der Theilnahme sehr würdigen Person macht.«

»Was hat Dir Sir Patrick diesen Nachmittag bezüglich Geoffrey’s gesagt, als ich das Zimmer verlassen hatte?«

»Dasselbe was er Dir bereits gesagt hatte. Er erklärte, daß er die Lage Beider hier für eine sehr beklagenswerthe halte, und sprach die Ueberzeugung aus, daß sehr dringende Gründe für uns vorhanden seien, uns sofort in’s Mittel zu legen.«

»Julius, Sir Patrick denkt noch etwas anderes.«

»Das hat er meines Wissens nicht ausgesprochen.«

»Wie kann er es uns gegenüber aussprechen?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Geoffrey trat ein. Julius reichte ihm die Hand, und beobachtete ihn dabei scharf. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen, sein Gesicht hoch geröthet, seine Zunge schwer, seine ganze Erscheinung die eines Menschen, der zu viel getrunken hat.«

»Nun!« redete er seine Mutter an, »was führt Dich wieder her?«

»Julius hat. Dir einen»Vorschlag zu machen«, antwortete Lady Holchester. »Ich bin mit diesem Vorschlag einverstanden, und bin deshalb mit ihm hergekommen.«

Geoffrey wandte sich gegen Julius mit den Worten:

»Was kann ein reicher Mann wie Du, von einem armen Teufel wie ich es bin, wollen?«

»Ich möchte Dir Gerechtigkeit widerfahren lassen, Geoffrey, wenn Du es mir möglich machst, indem Du mir auf halbem Wege entgegen kommst. Hat unsere Mutter Dir von dem Testament unseres Vaters gesagt?«

»Ich weiß, daß für mich in dem Testament kein Heller ausgesetzt ist, und habe es nicht anders erwartet; fahre fort.«

»Du irrst Dich; das Testament setzt etwas für Dich ans. Ein Codicill zu dem Testament bedenkt Dich mit einer ansehnlichen Rente. Unglücklicherweise ist unser Vater gestorben ohne dieses Codicill zu unterzeichnen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich das Codicill als für mich bindend betrachte. Ich bin bereit für Dich zu thun, was mein Vater für Dich thun wollte, und verlange dafür nur eine Concession von Dir.«

»Und die wäre?«

»Du lebst hier sehr unglücklich mit Deiner Frau, Geoffrey?«

»Wer sagt das? Ich leugne es.«

Julius legte seine Hand sanft auf den Arm seines Bruders und sagte: »Nimm eine so ernste Angelegenheit nicht leicht, Geoffrey. Deine Heirath ist in jedem Sinne des Worts ein Unglück, nicht nur für Dich, sondern auch für Deine Frau. Ihr könnt unmöglich zusammen leben; ich bin hergekommen, Dich aufzufordern, in eine Trennung zu willigen. Wenn Du das thust, so erhältst Du die Dir in dem ununterzeichneten Codicill ausgesetzte Rente. Was sagst Du dazu?«

Geoffrey machte seinen Arm von der Hand seines Bruders los und antwortete:

»Ich sage: Nein!«

Zum ersten Mal mischte sich Lady Holchester in die Unterhaltung mit den Worten:

»Das großmüthige Anerbieten Deines Bruders hätte eine bessere Antwort verdient.«

»Meine Antwort«, wiederholte Geoffrey, »ist, Nein!«

Seine Hände geballt auf den Knieen haltend und vollkommen unzugänglich für Alles, was seine Mutter und sein Bruder ihm sagen konnten, saß er zwischen Beiden da.

»In Deiner Lage«, sagte Julius, »ist eine Ablehnung meines Anerbietens reine Tollheit; ich nehme sie nicht an.«

»Das kannst Du halten, wie Du willst. Mein Entschluß steht fest. Ich will nicht, daß meine Frau mich verläßt; sie bleibt hier.«

Der brutale Ton, in welchem er diese Worte sprach, beleidigte Lady Holchester.

»Nimm Dich in Acht«, sagte sie, »Dein Benehmen zeugt nicht nur von dem größten Undank gegen Deinen Bruder, sondern drängt mir einen Verdacht auf; Du hast für Deine Handlungsweise Motive, die Du vor uns verbirgst.«

Geoffrey wandte sich gegen seine Mutter, mit einer plötzlichen Wildheit im Ausdruck, die Julius veranlaßte aufzuspringen. Im nächsten Augenblick senkte Geoffrey die Blicke wieder zu Boden. Der böse Geist, von dem er besessen war, schien wieder gebannt.

»Ich verberge ein Motiv vor Euch?« wiederholte er mit gesenkten Blicken und schwerer Zunge. »Ihr könnt mein Motiv, wenn Ihr Lust habt, in den Straßen laut ausrufen lassen. Ich liebe sie.«

Bei diesen Worten blickte er auf. Lady Holchester wandte ihr Gesicht ab, es schauderte sie vor ihrem eigenen Sohn. Das Einsehen, das ihr Geoffrey’s Worte einflößten, war so überwältigend, daß selbst das eingewurzelte Vorurtheil gegen Anne, welches Mrs. Glenarm ihr beigebracht hatte, völlig davor wich. In diesem Augenblick fühlte sie sich ganz von der Empfindung des Mitleids für Anne beherrscht.

»Das arme Geschöpf« rief Lady Holchester.

Geoffrey that als fühle er sich durch diese Worte verletzt. »Kein Mensch soll meine Frau bemitleiden. Mit diesen Worten eilte er auf den Vorplatz hinaus und rief laut: »Anne, komm’ herunter!«

Sofort vernahm man ihre sanfte Stimme und ihre leichten Fußtritte auf der Treppe. Als sie in’s Zimmer trat, ging ihr Julius entgegen, ergriff ihre Hand und hielt sie mit sanftem Drucke fest. »Wir haben hier einen kleinen Familiendisput«, sagte er, indem er es versuchte ihr Muth einzuflößen »und Geoffrey ereifert sich dabei, wie gewöhnlich!«

Geoffrey wandte sich trotzig gegen seine Mutter und sagte: »Sieh’ sie an! Sieht sie aus, als ob sie Hunger litte? Ist sie schlecht gekleidet? Trägt sie die Spuren von Schlägen?« Dann fuhr er gegen Anne gewandt fort: »Sie sind hergekommen uns eine Trennung vorzuschlagen, sie glauben Beide, ich hasse Dich. Ich hasse Dich nicht. Ich bin ein guter Christ. Ich verdanke es Dir, daß ich in dem Testament meines Vaters übergangen bin; ich vergebe Dir das! Ich verdanke es Dir, daß mir die Chance entgangen ist, eine Frau mit einem jährlichen Einkommen von zehntausend Pfund zu heirathen; auch das vergebe ich Dir! Ich bin nicht der Mann, der eine Sache halb thut. Ich habe Dir gesagt, ich wolle es versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen. Nun, ich bin so gut wie mein Wort; und was geschieht? Man insultirt mich. Meine Mutter und mein Bruder kommen her und bieten mir Geld an, um mich zu bewegen, mich von Dir zu trennen. Hol’ der Henker das Geld. Ich will Niemandem verpflichtet sein, ich will mir selbst mein Brod verdienen. Pfui! über die Leute, die sich zwischen Mann und Weib eindrängen! Pfui! sage ich und nochmals Pfui!«

Anne, der diese Aeußerungen Geoffrey’s unerklärlich waren, sah ihre Schwiegermutter an und fragte:

»Haben Sie eine Trennung zwischen uns vorgeschlagen!«

»Allerdings; und zwar unter den vorteilhaftesten Bedingungen für meinen Sohn. Haben Sie irgend etwas dagegen einzuwenden?«

»O, Lady Holchester, bedarf es dieser Frage an mich? Was sagt er dazu?«

»Er lehnt es ab.«

»Lehnt es ab?«

»Jawohl", sagte Geoffrey, »und ich bleibe dabei. Ich beharre bei dem, was ich Dir diesen Morgen gesagt habe. Ich will es versuchen, Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen.«

Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann hinzu, was er als seinen letzten Grund angegeben hatte: »Ich liebe Dich.«

Während er diese Worte sprach, begegneten sich ihre Blicke Julius fühlte plötzlich, wie Anne’s Hand die seinige fest umschloß. Der verzweifelte Druck der zarten, kalten Finger, der flehende Ausdruck des Entsetzens, in den sich ihr sanftes, feines Gesicht ihm zuwandte, sprachen beredter als es Worte vermocht hätten: »Lassen Sie mich diesen Abend nicht einsam und freundlos hier.«

»Und wenn Ihr Beide hier bis zum jüngsten Tage bliebet«, sagte Geoffrey, »so würdet ihr doch nicht mehr aus mir herausbringen. Ich habe Euch mein letztes Wort gesagt.«

Mit diesen Worten setzte er sich mit verdrossener Miene in eine Ecke des Zimmers, und zeigte in seiner ganzen Haltung, wie sehnlich er den Moment erwarte, wo Mutter und Bruder ihn verlassen würden. Die Situation war höchst bedenklich. Jeder Versuch, diesen Abend noch weiter mit ihm über die Sache zu diskutiren, wäre ganz hoffnungslos gewesen. Eine Anrufung von Sir Patricks Vermittlung wäre für Geoffrey nur eine Veranlassung zu einem neuen leidenschaftlichen Ausbruch geworden. Andererseits erschien es als ein Gebot der einfachsten Humanität, die hilflose Frau, nach dem was vorgefallen war, nicht zu verlassen, ohne einen neuen Versuch gemacht zu haben, ihr beizustehen. Julius ergriff den einzig noch übrigen Ausweg aus dieser schwierigen Lage, den einzigen eines so ehrenwerthen und feinfühlenden Mannes würdigen Ausweg.

»Wir wollen die Sache heute Abend auf sich beruhen lassen, Geoffrey«, sagte er. »Aber ich bin, ungeachtet alles dessen, was Du gesagt hast, doch nicht weniger entschlossen, morgen auf den Gegenstand zurück zu kommen. Es würde mir viele Unbequemlichkeiten, eine zweite Fahrt aus der Stadt hierher und dann eine beschleunigte Rückfahrt, um meine Geschäfte nicht zu versäumen, ersparen, wenn ich heute Nacht hier bleiben könnte. Hast Du ein Bett für mich?«

Anne dankte ihm mit einem raschen Blick, der mehr sagte, als Worte es vermocht hätten.

»Ein Bett für Dich?« wiederholte Geoffrey, und stand im Begriff die Frage zu verneinen, als er sich noch eines Anderen besann. Seine Mutter und seine Frau beobachteten ihn scharf, und seine Frau wußte, daß das über ihnen befindliche Zimmer ein Fremdenzimmer war. »Jawohl«, fuhr er in einem anderen Tone und seine Mutter ansehend fort, »oben ist ein leeres Zimmer, das kannst Du bekommen, wenn Du willst. Du wirst finden, daß ich morgen noch ganz derselben Meinung bin, aber das ist Deine Sorge. Bleib hier, wenn es Dir Spaß macht; ich habe nichts dagegen, mir ist’s einerlei. Willst Du seine Lordschaft unter meinem Dach schlafen lassen«, fügte er gegen seine Mutter gewandt hinzu, »fürchtest Du nicht, daß ich dabei eine Absicht habe, die ich vor Dir verberge?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er gegen Anne gewandt fort: »,Sag’ der alten Stummen, daß sie das Bett macht. Sag’ ihr, wir hätten einen lebendigen Lord im Hause, sie solle uns was ausgesucht Feines zum Abendbrot schicken.«

Dabei brach er in ein gewaltiges, erzwungenes Lachen aus. In dem Augenblick; wo Anne hinausgehen wollte, erhob sich Lady Holchester und sagte:

»Ich werde nicht mehr hier sein, wenn Sie wieder herein kommen, lassen Sie mich Ihnen gute Nacht wünschen!« Dabei reichte sie Anne die Hand und gab ihr unbemerkt Sir Patricks Billet. Anne ging hinaus. Ohne ein Wort weiter mit Geoffrey zu reden, winkte Lady Holchester Julius, ihr seinen Arm zu geben. »Du hast edel gegen Deinen Bruder gehandelt«, sagte sie im Fortgehen zu ihm, »Julius, Du bist mein einziger Trost und meine einzige Hoffnung.« Geoffrey folgte ihnen, den Schlüssel in der Hand, bis zur Pforte.

»Sei nicht ängstlich«, flüsterte Julius seiner Mutter zu. »Ich will schon dafür sorgen, daß er heute Abend« nicht mehr trinkt, und werde Dir morgen bessere Nachrichten von ihm bringen. Du mußt Sir Patrick auf der Heimfahrt Alles erklären.« Er half seiner Mutter in den Wagen und kehrte mit Geoffrey in’s Haus zurück, nachdem dieser die Pforte wieder verschlossen« hatte. Schweigend gingen sie neben einander her.

Julius hatte es— seiner Mutter nicht eingestehen wollen, daß er sich in Wahrheit nichts weniger als ruhig fühlte. So sehr er von Natur dazu geneigt war, allen Dingen die beste Seite abzugewinnen, so wenig vermochte er doch, das, was Geoffrey an diesem Abend gesagt und gethan hatte, anders als mit besorgtem Gemüthe zu betrachten. Er war fest überzeugt, daß Geoffrey in seinem gegenwärtigen Verhältniß zu seiner Frau, zu einem uneingestandenen, verwerflichen Zweck eine wohl einstudirte Rolle spiele. Zum ersten Male erlebte er es, daß bei Geoffrey nicht das pekuniäre Interesse alle anderen Rücksichten überwog. Sie kehrten in’s Wohnzimmer zurück.

»Was willst Du trinken?« fragte Geoffrey.

»Nichts.«

»Was, Du willst nicht ein Glas Branntwein und Wasser mit mir trinken?«

»Nein, Du hast schon Branntwein und Wasser genug getrunken!«

Nachdem sich Geoffrey einen Augenblick mit zusammengezogenen Brauen in dem Spiegel betrachtet hatte; stimmte er plötzlich Julius bei.

»Ich sehe wirklich so aus«, sagte er; »das wollen wir bald wieder in Ordnung bringen.«

Er ging hinaus und erschien gleich darauf wieder, den Kopf mit einem nassen Handtuch umwickelt.

»Was willst Du anfangen, bis die Frauenzimmer Deine Schlafstube in Ordnung gebracht haben? Hier kann Jeder thun, wozu er Lust hat. Ich bin jetzt sehr darauf aus, an meiner Bildung zu arbeiten; ich bin ein ganz anderer Mensch geworden, seit ich verheirathet bin. Thu’ Du was Du magst —— ich werde lesen.«

Er trat an den Seitentisch, ergriff die Bände des Newgate-Kalender und reichte Julius einen davon; dieser gab ihm das Buch sofort mit den Worten zurück:

»Sind das« die Bücher, aus denen Du Deine Bildung schöpfst? Schlechte Handlungen in schlechtem Englisch erzählt, sind eine in jedem Sinne des Wortes schlechte Lectüre, Geoffrey.«

»Für mich gut genug. Was weiß ich von gutem Englisch?«

Mit diesem offenen Bekenntniß, welches die überwiegende Mehrzahl seiner Schul- und Universitätskameraden getrost hätten unterschreiben können, ohne dem gegenwärtigen Zustande der englischen Erziehung im Mindesten zu nahe zu treten, rückte Geoffrey seinen Stuhl an den Tisch und fing an, in einem der Bände seines Magazins von Criminalprocessen zu lesen. Auf dem Sopha lag eine Abendzeitung Julius nahm dieselbe zur Hand und setzte sich damit seinem Bruder gegenüber an den Tisch. Es fiel ihm auf, daß Geoffrey bei seiner Lectüre einen besonderen Zweck zu verfolgen schien. Anstatt von vorn anzufangen, durchblätterte er das« Buch und knickte einige Blätter ein, bevor er zu lesen begann. Wenn Julius, statt seinem Bruder gegenüber zu sitzen, ihm über die Schulter hätte blicken können, würde er gesehen haben, daß Geoffrey alle leichteren Criminalfälle unberücksichtigt ließ und sich für seine Lectüre nur die Fälle von schwerem Mord vermerkte.



Kapiteltrenner


Achtundfünfzigstes Kapitel - Die Erscheinung

Es war schon fast Mitternacht, als Anne die Stimme der Magd vernahm, die sie durch die Thür bat, sie einen Augenblick sprechen zu dürfen.

»Was giebt es?«

»Der Herr wünscht Sie zu sprechen, Madame.«

»Meinen Sie Mr. Delamayn’s Bruder?«

»Ja.«

»Wo ist Mr. Delamayn?«

»Draußen im Garten, Madame«

Anne ging hinunter und fand Julius allein im Wohnzimmer.

»Es thut mir leid«, sagte er, »Sie stören zu müssen. Aber ich fürchte, Geoffrey ist krank. Die Wirthin ist, wie ich höre, zu Bett gegangen, und ich weiß nicht wie ich einen Arzt bekommen soll. Wissen Sie hier in der Nähe einen Arzt?«

Anne war in der Gegend eben so fremd wie Julius. Sie schlug ihm vor die Magd zu fragen.

Diese wußte, daß in einer Entfernung von zehn Minuten ein Arzt wohne. Sie erklärte, sie könne seine Adresse genau bezeichnen, möchte aber zu dieser späten Nachtstunde in dieser einsamen Gegend nicht selbst hingehen.

»Ist er ernsthaft krank?« fragte Anne.

»Er ist in einem solchen Zustand nervöser Reizbarkeit«, erwiderte Julius, »daß er es nicht zwei Minuten lang an derselben Stelle aushalten kann. Schon als er hier las, bemerkte ich eine auffallende Ruhelosigkeit an ihm. Ich überredete ihn, zu Bett zu gehen. Aber auch im Bett litt es ihn nicht, er kam alsbald von Fieberhitze glühend und noch ruheloser als vorher, wieder herunter. All’ meines Abrathens ungeachtet, ist er in den Garten gegangen, um, wie er sagt, zu versuchen sich durch Laufen zu curiren. Kommen Sie und urtheilen Sie selbst.«

Er führte Anne in’s Speisezimmer, öffnete den Fensterladen und wies nach dem Garten hinaus.

Die Wolken hatten sich verzogen, die Nacht war klar und schön. Es war hell genug um deutlich sehen zu können, wie Geoffrey bis auf Hemd und Beinkleider entkleidet, fortwährend in dem Garten herum lief. Offenbar glaubte er bei dem Wettrennen in Fulham zu sein. Von Zeit zu Zeit rief er im Laufen »Hurrah für den Süden.«

Das Langsamwerden seines Laufs, sein immer schwerer werdender Athem deuteten auf eine Abnahme seiner Kräfte. Eine Erschöpfung derselben mußte ihn, wenn sie keine schlimmeren Folgen nach sich zog, doch bald nöthigen in’s Haus zurückzukehren. »Wer konnte einem solchen Zustand nervöser Aufgeregtheit gegenüber sagen, was daraus entstehen würde, wenn man nicht rasch ärztliche Hilfe herbeischaffte?

»Ich will selbst zu dem Arzt gehen«, sagte Julius, »wenn es Ihnen nichts ausmacht so lange allein zu bleiben.«

Anne fühlte die Unmöglichkeit, ihre persönlichen Besorgnisse gegen die dringende Notwendigkeit, Hilfe herbei zu schaffen, geltend zu machen.

Sie fanden den Schlüssel zur Pforte oben in Geoffrey’s Rocktasche. Anne begleitete Julius durch den Garten, um ihn hinaus zu lassen.

»Wie soll ich-Ihnen danken«, sagte sie. »Was hätte ich ohne Sie anfangen sollen!«

»Ich werde so rasch« wie möglich wiederkommen«, antwortete er, und ging fort.

Sie verschloß die Pforte wieder und ging in’s Haus zurück. An der Thür trat ihr die Magd entgegen und schlug ihr vor, Hefter Dethridge zu wecken.

»Wir können nicht wissen«, sagte die Magd, »was mit dem Herrn werden mag, während sein Bruder fort ist. Und wir sind zu Dreien nicht zu viel, wo wir doch nur Frauen im Hause sind.«

»Sie haben ganz Recht«, entgegnete Anne, »wecken Sie Ihre Herrin.«

Sie gingen wieder nach dem ersten Stock hinauf und sahen durch das Fenster auf dem Vorplatz in den Garten hinab.

Geoffrey lief noch immer unausgesetzt rund herum, aber sehr langsam, sein Schritt war fast nur noch der eines Gehenden.

Anne ging wieder auf ihr Zimmer und setzte sich wartend in die Nähe der geöffneten Thür, bereit, dieselbe sofort zu schließen und zu verriegeln, wenn irgend etwas sie beunruhigen sollte.

»Wie ich mich verändert habe«, dachte sie, »alles erschreckt mich jetzt.«

Dieser Schluß war sehr natürlich, aber doch nicht richtig. Nicht sie, sondern ihre Lage hatte sich verändert.

Bei der Untersuchung in Lady Lundie’s Hause war nur ihr moralischer Muth auf die Probe gestellt worden. Jene Verhandlungen hatten nur jene edle Selbstaufopferung von ihr gefordert, deren Frauen in so hohem Grade fähig sind. Jetzt aber wurde ihr physischer Muth auf die Probe gestellt, hier trat die Aufforderung an sie heran, sich einer im Dunkeln lauernden, drohenden, körperlichen Gefahr gewachsen zu zeigen. Hier unterlag die weibliche Natur, hier konnte ihr Muth keine Kraft aus dem Quell ihrer Liebe schöpfen, hier handelte es sich um thierische Triebe, was hier von ihr gefordert wurde, war eine« Festigkeit, die der animalische Instinct nur dem männlichen Organismus gewährt.

Im nächsten Augenblick öffnete sich Hester Dethridge’s Thür sie ging direct in Anne’s Zimmer. Die gelbe Thonfarbe ihres Gesichts hatte einen Anflug von Röthe, in die steinerne Ruhe mischten sich Spuren von bewegtem Ausdruck. Die Augen waren zwar starr wie immer, hatten aber doch einen unheimlich, trüben Glanz. Ihr sonst so sauber geordnetes graues Haar drängte sich unordentlich unter ihrer Haube hervor. Alle ihre Bewegungen waren rascher als gewöhnlich. Irgend etwas mußte bei diesem Weibe die sonst stagnirende Lebenskraft geweckt haben, es arbeitete in ihr und das zeigte sich in dem Ausdruck ihres Gesichts. Die Dienstboten in Windygates hatten schon vor Zeiten diese Erscheinung bei Hester gekannt, und wohl gewußt, daß dieselbe als eine Warnung zu betrachten sei, Hester sich selbst zu überlassen. Anne fragte sie, ob sie gehört habe, was vorgefallen sei. Sie nickte mit dem Kopf.

»Ich hoffe, Sie sind nicht böse, daß man sie geweckt hat?«

Sie schrieb aus ihre Tafel: »Es ist mir lieb, daß man mich geweckt hat; ich hatte böse Träume. Es ist besser für mich, daß ich wach bin, wenn der Schlaf mich wieder in mein vergangenes Leben zurückführt. Was fehlt Ihnen denn? Fürchten Sie sich?«

»Ja.«

Sie schrieb abermals etwas auf ihre Tafel und deutete dann mit der einen Hand nach dem Garten, während sie mit der anderen die Tafel in die Höhe hielt. »Fürchten Sie sich vor ihm?«

»Entsetzlich!«

Nun schrieb Hester zum dritten Mal und hielt Anne die Tafel mit einem unheimlichen Lächeln unter die Augen. »Ich habe das Alles durchgemacht. Ich kenne das. Für Sie fängt die Sache jetzt erst an. Er wird schon dafür sorgen, daß Sie graue Haare und Runzeln bekommen. Es wird die Zeit kommen, wo Sie wünschen werden, sie wären todt und begraben. Aber es wird Ihnen nicht so gut werden, man stirbt nicht davon; sehen Sie nur mich an.«

In dem Augenblicke, wo Anne die letzten Worte las, hörte sie die nach dem Garten führende Hausthür sich öffnen und wieder schließen. Sie ergriff Hesters Arm und horchte. Man hörte Geoffrey’s schwere Fußtritte vom Vorplatz aus sich der Treppe nähern. Er sprach mit sich selbst, offenbar noch immer in der Vorstellung befangen, daß er beim Wettrennen sei. »Fünf gegen vier auf Delamayn! Delamayn gewinnt! Hurrah, und nochmals Hurrah für den Süden! Ein verflucht langes Rennen! Es ist schon dunkel! Perry! Wo ist Perry?«

Von einer Seite nach der anderen schwankend, ging er über den Vorplatz und stieg die Treppe hinauf, deren Stufen unter seinen Fußtritten knarrten. Hester machte sich von Anne los, ging mit ihrem Licht in der Hand nach Geoffrey’s Schlafzimmer, riß die Thür desselben weit auf, trat dann an die Treppe und wartete hier starr und fest wie ein steinernes Bild auf ihn. Als er bei dem nächsten Schritt aufblickend, Hester’s, von dem Kerzenlicht hell beleuchtetes auf ihn niederschauendes Gesicht sah, blieb er wie angewurzelt auf der Stufe stehen. »Geist! Hexe! Teufel!« schrie er, »sieh mich nicht so an!« Fluchend drohte er ihr mit geballter Faust, stürzte dann die Treppe wieder hinunter und schloß sich, um vor ihrem Anblick sicher zu sein, im Zimmer ein. Das Entsetzen, das ihn schon einmal in dem Küchengarten in Windygates bei dem Anblick der stummen Köchin ergriffen hatte, war jetzt abermals über ihn gekommen. Er fürchtete sich, fürchtete sich geradezu vor Hester Dethridge! In diesem Augenblick erscholl die Glocke an der Gartenpforte; Julius kam mit dem Arzt.

Anne gab der Magd den Schlüssel, um die Klingelnden einzulassen. Hester aber schrieb, vollkommen ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, auf ihre Tafel: »Wenn Sie smich brauchen, ich bin in meiner Küche; ich gehe nicht wieder in meine Schlafstube, ich fürchte mich vor den bösen Träumen.« Dann ging sie hinunter, während Anne oben an der Treppe stehen blieb und nach dem Vorplatz hinuntersah. »Ihr Bruder ist im Wohnzimmer«, rief sie dem eben eintretenden Julius von oben zu. »Sie finden die Wirthin, wenn Sie ihrer bedürfen sollten, in der Küche.« Darauf ging sie wieder in ihr Zimmer, um dort abzuwarten, was weiter geschehen werde.

Nach einer Weile hörte sie, wie die Thür des Wohnzimmers geöffnet wurde und vernahm gleich darauf die Stimmen der Männer auf dem Vorplatz. Sie schienen Mühe zu haben, Geoffrey zu überreden, die Treppe hinauf zu gehen; er weigerte sich beharrlich, weil, wie er erklärte, Hester Dethridge oben an der Treppe auf ihn warte.

Nach einer Weile gelang es ihnen endlich, ihn zu überzeugen, daß die Treppe jetzt frei sei. Anne hörte sie die Treppe herauf kommen und die Thür seines Schlafzimmers schließen. Es dauerte lange bis die Thür wieder geöffnet wurde. Der Arzt ging fort und sagte auf dem Vorplatz zu Julius:

»Sehen Sie während der Nacht von Zeit zu Zeit nach ihm und geben Sie ihm eine zweite Dosis von der beruhigenden Mixtur, wenn er aufwacht. Seine Ruhelosigkeit und sein Fieber sind an und für sich nicht beunruhigend, sind aber die Symptome eines tiefer liegenden ernsten Leidens. Schicken Sie morgen zu dem Arzt, der ihn zuletzt behandelt hat; in diesem Falle ist die Bekanntschaft mit der Constitution des Patienten von besonderer Wichtigkeit.« Als Julius, der dem Arzt die Pforte wieder geöffnet hatte, zurückkam, traf er Anne unten auf dem Vorplatz. Sie wurde sofort von dem übermüdeten Ausdruck seines Auges, und der Erschöpfung, die sich in seiner ganzen Haltung aussprach, frappirt.

»Sie bedürfen der Ruhe«, sagte sie, »bitte gehen Sie zu Bett: Ich habe gehört, was der Arzt Ihnen gesagt hat: überlassen Sie es der Wirthin und mir, aufzubleiben.«

Julius gestand, daß er die ganze vorige Nacht von Schottland her durchgereist sei, weigerte sich aber doch jemand Anderem die Verantwortlichkeit zu überlassen bei seinem Bruder zu wachen.

»Sie sind nicht stark genug, um das für mich zu übernehmen«, sagte er freundlich. »Und gegen die Wirthin hat Geoffrey einen unbegreiflichen Widerwillen, der es sehr wünschenswerth erscheinen läßt, daß er sie in seinem gegenwärtigen Zustande nicht wieder zu Gesicht bekommt. Ich will auf mein Zimmer gehen, und mich aufs Bett legen; wenn Sie etwas hören, brauchen Sie nur an meine Thür zu klopfen und mich zu rufen.«

Eine Stunde verging, ohne daß die im Hause herrschende Ruhe durch irgend Etwas gestört worden wäre.

Anne ging an Geoffrey’s Thür und horchte. Er wälzte sich unruhig in seinem Bette hin und her und sprach mit sich selbst. Dann ging sie an die Thür des nächsten Zinuners, welche Julius angelehnt gelassen hatte. Die Müdigkeit hatte ihn überwältigt; sie hörte das ruhige Athmen eines in gesundem Schlafe liegenden Mannes. Anne trat, entschlossen ihn nicht zu stören, wieder zurück, schwankte aber, was sie jetzt beginnen solle.

Das Entsetzen, das sie bei dem Gedanken ergriff, Geoffrey’s Zimmer allein zu betreten, war unüberwindlich. Aber wer anders sollte es thun? Die Magd war zu Bett gegangen. Gegen den von Julius angeführten Grund, aus welchem er sich des Beistands Hester Dethridge’s nicht bedienen wolle, ließ sich nichts einwenden. Sie horchte wieder an Geoffrey’s Thür. Jetzt war von außen kein Laut mehr zu hören. Sollte es nicht richtig sein, hineinzugehen und sich zu vergewissern, daß er nur wieder eingeschlafen sei? Sie zauderte abermals, als Hester Dethridge aus der Küche hinauf kam. Als sie oben angekommen, Anne’s ansichtig wurde, sah sie ihr in’s Gesicht« und schrieb dann auf ihre Tafel: »Fürchten Sie sich hinein zu gehen? Ueberlassen Sie’s mir.«

Die jetzt in Geoffrey’s Zimmer herrschende Stille rechtfertigte den Schluß, daß er schlafe. Jetzt konnte es also nichts schaden, wenn Hester hineinging. Anne nahm daher Hester’s Anerbieten an.

»Wenn Sie etwas nicht in Ordnung finden.« sagte sie, »stören Sie seinen Bruder nicht, sondern kommen Sie erst zu mir.« Nach dieser Weisung zog sie sich zurück. Es war fast zwei Uhr Morgens. Wie Julius wurde sie von der Müdigkeit überwältigt; nachdem sie ein wenig gewartet und nichts gehört hatte, warf sie sich auf das Sopha in ihrem Zimmer. Sie sagte sich, daß wenn etwas vorfallen sollte, ein Klopfen an der Thür sie augenblicklich erwecken würde.

Inzwischen öffnete Hester Dethridge die Thür von Geoffrey’s Schlafzimmer und trat ein. Die Bewegungen und die Worte, die Anne gehört, hatte er im Schlafe gemacht und gesprochen. Der von dem Arzt verschriebene beruhigende Trank, der anfänglich nicht hatte anschlagen wollen, hatte endlich in erwünschter Weise auf sein Gehirns gewirkt. Geoffrey lag im tiefen und ruhigen Schlaf. Hester blieb in der Nähe der Thür stehen und sah ihn an. Sie wollte eben wieder hinaus gehen, als sie plötzlich stehen blieb und ihre Augen fest auf eine Ecke des Zimmers heftete. Dieselbe unheimliche Veränderung, die schon früher einmal in Geoffrey’s Gegenwart, als sie ihn damals im Küchengarten in Windygates getroffen hatte, mit ihr vorgegangen war, kam jetzt wieder über sie. Ihre festgeschlossenen Lippen öffneten sich; ihre Augen erweiterten sich langsam, verfolgten Zoll für Zoll etwas, von der Ecke des Zimmers über die leere Wand hin in der Richtung des Bettes, blieben an einer Stelle am Kopfende gerade über dem Kopf des schlafenden Geoffrey haften und starrten, in unheimlichem Glanz, als ob sie von Schauer über einen furchtbaren Anblick ergriffen wurden. Geoffrey seufzte leise im Schlaf. Dieser leise Ton löste den Zauber, der sie gebannt hielt. Langsam erhob sie ihre welken Hände und rang sie über ihrem Kopf, eilte dann auf den Vorplatz hinaus, stürzte in ihr Zimmer, und sank an ihrem Bett auf die Kniee.

Und hier begab sich im Dunkel der Nacht etwas Merkwürdiges.

Hier in nächtlicher Stille enthüllte sich ein schreckliches Geheimniß.

Während alle übrigen Bewohner des Hauses um sie her schliefen, warf Hester im Heiligthum ihres Zimmers die geheimnißvolle und schreckliche Maske ab, unter der sie sich in den Tagesstunden absichtlich von ihren Mitmenschen abschloß. Hester Dethridge sprach. In leisen, schweren, erstickten Lauten betete sie. Sie flehte die Barmherzigkeit Gottes an, sie von sich selbst, von dem Teufel, von dem sie besessen sei, zu befreien; sie betete, daß Blindheit sie befallen, daß der Tod sie treffen möge, damit sie nur nicht mehr das namenlos Furchtbare zu schauen brauche! Das Weib, das zu anderen Zeiten durch Nichts aus ihrer steinernen Ruhe zu bringen war, lag wie aufgelöst, schluchzend da; über ihre eiskalten Wangen rannen Thränen während die verzweifelten Worte ihres Gebets langsam, eines nach dem andern über ihre Lippen kamen.

Zuckungen der Angst und des Schauders durchfuhren ihren Körper. Endlich erhob sie sich wieder in dem dunkeln Zimmer. Licht! Licht! Licht! Das namenlos Furchtbare hatte hinter ihr in seinem Zimmer gestanden; das namenlos Furchtbare starrte ihr aus seiner geöffneten Thür entgegen. Sie fand die Zündholzdose und zündete das auf dem Tische stehende Licht, sowie die beiden anderen nur zum Zierrath auf dem Kaminsims stehenden Lichter an und sah sich in dem hell erleuchteten kleinen Zimmer um: »O«, sagte sie erleichtert, indem sie sich den kalten Angstschweiß von der Stirn wischte: »Es ist fort, es ist fort.« Darauf ergriff sie eines der Lichter, ging mit gesenktem Kopf über den Vorplatz, schloß Geoffrey’s Thür, der sie den Rücken zukehrte, mit rückwärts gewandter Hand, rasch und leise, und zog sich darauf wieder in ihr Zimmer zurück.

Nachdem sie die Thür geschlossen hatte, nahm sie ein Dintenfaß und eine Feder vom»Kaminsims, hängte dann nach einer kurzen Ueberlegung ein Taschentuch über das Schlüsselloch und legte einen alten Shawl der Länge nach unten vor die Thür, um so das Licht in ihrem Zimmer vor den Augen eines Jeden zu verbergen, der etwa im Hause wachen und an ihrer Thür vorübergehen möchte. Als sie das gethan hatte, öffnete sie ihr Oberkleid, ließ die Finger in eine an der inneren Seite ihrer Schnürbrust verborgenen Tasche gleiten und zog aus derselben einige zierlich gefaltete dünne Blätter Papier. Dann breitete sie die Blätter vor sich auf den Tisch aus; sie waren bis auf das letzte sämmtlich von ihrer eigenen Hand dicht beschrieben. Das erste Blatt trug die Ueberschrift:

»Mein Bekenntniß, das, wenn ich sterbe, in meinen Sarg gelegt und mit mir begraben werden soll.«

Die letzte Seite war fast ganz leer, nur oben auf derselben standen einige von dem Tage ihrer Entlassung in Windygates datirte Zeilen, welche so lauteten:

»Heute habe ich Es wieder gesehen, zum ersten Mal seit zwei Monaten. Es war im Küchengarten, da stand es hinter dem jungen Mr. Delamayn. »Leiste dem Teufel Widerstand und er wird von Dir fleuchen.« Ich habe ihm durch Beten, durch Nachdenken in stiller Zurückgezogenheit und durch Lesen von guten Büchern Widerstand geleistet. Ich habe meine Stelle verlassen, und damit den jungen Herren für immer aus dem Gesicht verloren. Hinter wem wird das nächste Mal stehen? Gott, habe Erbarmen mit mir! Christus, habe Erbarmen mit mir!«

Unter diese Zeilen schrieb sie nun, nachdem sie zuvor das Datum genau angegeben hatte, das Folgende:

»Heute Nacht habe ich wieder gesehen. Ich muß eines schrecklichen Umstandes gedenken. Es ist mir nun zwei Mal hinter derselben Person erschienen; das war früher noch nie der Fall gewesen. Das macht die Versuchung fürchterlicher als je. In Mr. Delamayn’s Schlafzimmer, zwischen dem Kopfende des Bettes und der Wand, habe ich Es hinter ihm heute Nacht wieder gesehen, den Kopf grade über seinem Gesicht und mit dem Finger auf seine Kehle deutend. Zum ersten Mal zweimal hinter demselben Mann. Wenn ich Es zum dritten Mal hinter ihm sehe, dann Herr sei mir gnädig! Christus sei mir gnädig! Ich darf nicht daran denken, er soll mein Haus schon morgen verlassen. Ich hätte gern den Handel schon damals rückgängig gemacht, als der Fremde das Logis für einen Freund gemiethet hatte und es sich nachher herausstellte, daß dieser Freund Mr. Delamayn sei; mir war die Sache schon damals unangenehm. Nach der Erscheinung von heute Nacht bin ich aber entschlossen, er soll fort. er kann sein Geld wiederbekommen, wenn er will, aber er soll fort. Die Versuchung und die Angst waren diesmal so fürchterlich, wie ich es nie empfunden habe; auch dieses Mal habe ich durch Gebet Widerstand geleistet, und jetzt will ich hinuntergehen um in stiller Einsamkeit darüber nachzudenken und mich durch gute Bcher zu stärken. Herr, habe Erbarmen mit mir armen Sünderin!«

Mit diesen Worten schloß sie ihre heutige Auszeichnung und steckte das Manuscript wieder in die geheime Tasche ihrer Schnürbrust. Darauf ging sie in das nach dem Garten hinausliegende kleine Zimmer hinunter, welches einst das Arbeitszimmer ihres Bruders gewesen war. Hier zündete sie eine Lampe an und nahm einige Bücher von einem an der Wand hängenden Gestell herab: die Bibel, eine Sammlung von methodistischen Predigten und ein Packet, welches»Memoiren methodistischer Glaubenshelden enthielt. Nachdem sie diese letzteren sorgfältig um sich her aufgestellt hatte, setzte sie sich mit der Bibel auf dem Schooß nieder, um die Nacht über zu wachen.



Kapiteltrenner


Sechster Band.

Neunundfünfzigstes Kapitel - Mondlicht auf dem Fußboden

Was war während der Nacht geschehen? Das war Anne’s erster Gedanke, als die Sonne am nächsten Morgen in ihr Zimmer schien und sie weckte. Sie erkundigte sich sofort bei der Magd, die aber nur über das berichten konnte, was sie selbst erlebt hatte. Es war aber nichts vorgefallen, was sie, nachdem sie zu Bett gegangen war, gestört hätte. Ihr Herr sei, wie sie glaube, noch in seinem Zimmer und Mrs. Dethridge sei in der Küche beschäftigt. Anne ging in die Küche hinunter.

Hester war, wie gewöhnlich um diese Zeit, damit beschäftigt, das Frühstück herzurichten. Die leisen Spuren von Erregung, welche Anne, als sie diese zuletzt gesehen, an ihr wahrgenommen hatte, waren verschwunden. Ihre starren Augen blickten wieder stumpf vor sich hin, ihre ganze Haltung war wieder von der gewöhnlichen, leblosen Unbeweglichkeit. Auf Anne’s Frage, ob während der Nacht irgend etwas vorgefallen sei, schüttelte sie langsam mit dem Kopf und machte mit der Hand langsam eine verneinende Bewegung.

Aus der Küche tretend, sah Anne Julius im Vordergarten und ging zu ihm.

»Ich glaube«, sagte er, »ich habe es Ihrer rücksichtsvollen Schonung zu verdanken, daß ich heute Nacht einige Stunden der Ruhe pflegen konnte.«

»Es war fünf Uhr heute Morgen, als ich erwachte. Ich hoffe, Sie haben keine Ursache gehabt, es zu bereuen, daß Sie mich haben schlafen lassen. Ich war in Geoffrey’s Zimmer und fand ihn unruhig; eine zweite Dosis der Medicin beruhigte ihn wieder, das Fieber hat ihn verlassen. Er sieht schwächer und blässer aus als gewöhnlich, im Uebrigen aber doch wieder wie er selbst. Ich komme aus Geoffrey’s Gesundheit gleich zurück, möchte aber zunächst über eine Veränderung mit Ihnen reden, welche vielleicht in Ihrem Leben hier eintreten wird.«

»Hat er sich mit der Trennung einverstanden erklärt?«

»Nein, er widersetzt sich derselben noch ebenso eigensinnig wie gestern; ich habe ihm die Sache aus allen denkbaren Gesichtspunkten plausibel zu machen gesucht. Er verweigert noch immer in ganz positiver Weise die Annahme einer Jahresrente, die ihn für seine Lebensdauer zu einem unabhängigen Manne machen würde.«

»Ist es die Jahresrente, Lord Holchester, die er erhalten haben würde, wenn ——?«

»Wenn er Mrs. Glenarm geheirathet hätte? Nein. Es ist mir, in Rücksicht auf meine Pflichten gegen meine Mutter, und gegen die Stellung, in die mich der Tod meines Vaters versetzt hat, unmöglich, ihm ein Vermögen wie das Mrs. Glenarm’s zu bieten. Gleichwohl ist es ein schönes Einkommen, welches er thöricht genug ist abzulehnen. Ich werde aber nicht müde werden es ihm aufzudrängen, er soll und muß es annehmen.«

Anne fühlte sich durch diese letzten Worte nicht zu neuen Hoffnungen berechtigt. Sie lenkte das Gespräch aus einen andern Gegenstand.

»Sie wollten mit mir noch über etwas reden«, sagte sie, »Sie sprachen von einer Veränderung.«

»Jawohl! Die Wirthin hier ist eine höchst sonderbare Person und thut höchst sonderbare Dinge. Sie hat Geoffrey geschrieben, er müsse die Wohnung hier räumen.«

»Geschrieben, er müsse die Wohnung räumen?« wiederholte Anne erstaunt.

»Ja. In einem ganz formellen Brief; sie überreichte mir denselben diesen Morgen, als ich eben aufgestanden war, offen. Es war mir unmöglich irgend eine nähere Erklärung von ihr zu erlangen. Alles, was aus der armen stummen Person heraus zu bringen war, waren die auf ihre Tafel geschriebenen Worte: »Er kann sein Geld wieder bekommen, wenn er will, aber er muß fort.« Zu meiner großen Ueberraschung weigert sich Geoffrey, trotz seines entschiedenen Widerwillens gegen die Frau, die Wohnung zu verlassen, bis seine Miethezeit abgelaufen sein wird. Vorläufig habe ich für heute Frieden zwischen ihnen hergestellt. Mrs. Dethridge hat sich sehr ungern dazu verstanden, ihm noch vier und zwanzig Stunden zuzugestehen, und so steht die Sache für den Augenblick.«

»Was kann sie nur für Gründe haben?« sagte Anne.

»Es ist vergebens, sie danach zu fragen, es ist offenbar nicht recht richtig mit ihr; soviel aber ist klar. Geoffrey kann Sie nicht lange mehr hier behalten. Die bevorstehende Veränderung wird es Ihnen möglich machen, diesen trübseligen Aufenthalt zu verlassen. Damit ist immer schon etwas gewonnen, und ich halte es für ganz möglich, daß eine andere Umgebung und neue Eindrücke einen guten Einfluß auf Geoffrey üben. Sein sonst ganz unerklärliches Benehmen ist vielleicht die Folge einer Störung seines Nervensystems der vielleicht durch ärztliche Hülfe abzuhelfen ist. Ich kann es weder mir selbst noch Ihnen verhehlen, daß mir Ihre Lage hier höchst beklagenswerth erscheint. Aber bevor wir an der Zukunft verzweifeln, lassen Sie uns doch wenigstens sehen, ob nicht die Gesundheit meines Bruders eine Erklärung für sein Benehmen bietet. Ich habe über das nachgedacht, was der Arzt mir gestern Nacht gesagt hat. Das erste, was wir zu thun haben, ist, uns den besten ärztlichen Rath für Geoffrey’s Fall, der irgend zu erlangen ist, zu verschaffen. Was denken Sie davon?«

»Ich darf nicht sagen was ich denke, Lord Holchester. Ich will es versuchen, meine Lage mit Ihren und nicht mit meinen Augen anzusehen. Der beste ärztliche Rath, den Sie erlangen können, ist der des Herrn Speedwell. Er war es, der zuerst die Entdeckung machte, daß die Gesundheit Ihres Bruders erschüttert sei.«

»Das ist also gerade der Mann, den wir brauchen, ich werde ihn veranlassen, heute oder spätestens morgen her zu kommen. Kann ich sonst irgend etwas für Sie thun? Ich werde Sir Patrick sehens sobald ich zur Stadt komme. Haben Sie mir irgend etwas an ihn aufzutragen?«

Anne zauderte. Julius, der sie scharf beobachtete, bemerkte, daß sie bei der Erwähnung von Sir Patrick’s Namen erröthete.

»Wollen Sie«, erwiderte sie, »die Güte haben, ihm zu sagen, daß ich ihm für den Brief, welchen Lady Holchester gestern Abend die Freundlichkeit hatte, mir von ihm zu bringen, herzlich danke, und wollen Sie ihn dringend von mir bitten, sich nicht um Meinetwillen dem auszusetzen, was« —— sie zauderte wieder und sagte die folgenden Worte mit zu Boden gesenkten Blicken —— »was geschehen möchte, wenn er herkäme und darauf bestände, mich zu sehen.«

»Schlägt er Ihnen vor, das zu thun?«

Sie zauderte abermals. Das leichte nervöse Zucken ihres einen Mundwinkels machte sich mehr als gewöhnlich bemerklich.

»Er schreibt mir«, antwortete sie leise, »daß ihn eine entsetzliche Angst für mich verfolge und daß er entschlossen sei, mich zu sehen.«

»Er ist, glaube ich, der Mann, seine Entschlüsse auszuführen«, erwiderte Julius. »Als ich Sir Patrick gestern sah, sprach er von Ihnen in Ausdrücken der Bewunderung.«

Er hielt inne. Die hellen Thränen rannen Anne über die Wangen. Eine ihrer Hände spielte krampfhaft mit etwas unter ihrem Kleide Verborgenem, vielleicht Sir Patricks Brief.

»Ich bin ihm unendlich dankbar«, sagte sie mit leiser zitternder Stimme, »aber es ist besser wenn er nicht herkommt.«

»Möchten Sie ihm nicht schreiben?«

»Es wäre mir lieber, wenn Sie die Güte haben wollten, ihm meinen Auftrag mündlich auszurichten.«

Julius begriff, daß er bei diesem Gegenstande nicht länger verweilen dürfe. Sir Patricks Brief hatte ersichtlich einen Eindruck auf Anne hervorgebracht, den sich ihre feine Natur nicht eingestehen wollte. Beide traten wieder in’s Haus. An der Thür trafen sie, zu ihrer Ueberraschung, Hester Dethridge im Begriff, zu dieser ungewohnten Morgenstunde auszugehen.

»Wollen Sie jetzt schon nach dem Markt?« fragte Anne.

Hester schüttelte den Kopf.

»Wann kommen Sie wieder?«

Hester schrieb auf ihre Tafel: »Nicht vor Abend.«

Ohne ein Wort weiter zur Erklärung ihres Ausgehens hinzuzufügen, zog sie ihren Schleier über das Gesicht und ging durch den Garten nach der Pforte. Den Schlüssel hatte Julius, nachdem er den Arzt hinausgelassen hatte, in’s Speisezimmer gelegt. Jetzt hatte Hester denselben in der Hand, öffnete die Pforte damit und ließ den SchlüsseL nachdem sie die Thür hinter sich geschlossen hatte, im Schlüsselloch stecken. In dem Augenblicke, wo die Pforte Zuschlag, erschien Geoffrey auf dem Vorplatz.

»Wo ist der Schlüssel?« fragte er, »wer ist da fortgegangen?«

Sein Bruder beantwortete seine Frage. Geoffrey ließ seine Blicke argwöhnisch zwischen Julius und Anne hin und her schweifen. »Was hat sie um diese Tageszeit auszugehen?« fragte er. »Hat sie das Haus verlassen, um mich zu meiden?«

Julius erklärte das für das Wahrscheinlichste. Geoffrey ging verdrossen nach der Pforte, schloß sie, zog den Schlüssel ab, steckte denselben in die Tasche und kehrte wieder zu Julius und Anne zurück.

»Ich muß gut auf die Pforte Acht geben«, sagte er. »Es wimmelt hier in der Gegend von Bettlern und Herumtreibern. Wenn Du auszugehen wünschest«, fügte er zu Anne gewandt in einem sehr absichtlich klingenden Tone hinzu, »so stehe ich Dir, wie es einen guten Ehemann zukommt, ganz zu Diensten.«

Nach einem eilig eingenommenen Frühstück machte sich Julius auf. »Ich nehme Deine Ablehnung meines Anerbietens nicht an«, sagte er vor dem Fortgehen in Anne’s Gegenwart zu Geoffrey. »Ich werde wieder herkommen!«

Geoffrey beharrte eigensinnig auf seiner Ablehnung und erwiderte: »Du kannst gern alle Tage herkommen, ich bleibe doch dabei« Darauf ging Julius.

Anne zog sich wieder auf ihr einsames Zimmer zurück.

Geoffrey ging in’s Wohnzimmer, legte die Bande des Newgate-Kalender auf den Tisch vor sich hin und nahm die Lectüre, die er am Abend zuvor fortzusetzen unfähig gewesen war, wieder auf. Stundenlang arbeitete er sich beharrlich durch eine Reihe von Mordfällen durch. Er hatte über die Hälfte dieses abscheulichen Magazin’s von Criminalprocessen durchgelesen, bevor seine Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zu concentriren nachließ. Da zündete er seine Pfeife an und ging in den Garten, um weiter über das Gelesene nachzudenken. Wie sehr die Verbrechen, von denen er gelesen hatte auch in andere Beziehungen von einander abweichen mochten, in einem schrecklichen Punkt, an den er nicht gedacht hatte, glichen sie sich alle.

Früher oder später, immer hatte der Körper des Gemordeten durch Spuren von Gift und Gewaltthätigkeit sein stummes Zeugniß gegen das an ihm begangene Verbrechen abgelegt. Geoffrey ging langsam auf und ab, immer noch über das Problem brütend, das sich ihm zuerst aufgedrängt hatte, als er damals im Vordergarten stillstehend nach Anne’s Fenster aufgeblickt hatte.

»Wie?« das war die Frage gewesen, die ihn von dem Augenblicke an beschäftigt hatte, wo der Advocat durch seinen Ausspruch seine Hoffnung auf eine Scheidung vereitelt hatte. Und diese Frage blieb auch jetzt noch zu lösen. Weder in seinem eigenen Kopfe, noch in dem Buche, das er zu Rathe gezogen hatte, fand sich eine Antwort auf diese Frage. Alles lag günstig für ihn, wenn er nur gewußt hätte »wie?« Dank seiner Weigerung das ihm von Julius angebotene Geld anzunehmem war das verhaßte Weib da oben ganz in seiner Hand! Dank seinem Entschluß, selbst nach dem beleidigenden Räumungsbefehl seiner Wirthin in dem Hause zu bleiben, war sein Aufenthalt ein nach allen Seiten hin gegen jede Beobachtung von außen völlig abgeschlossener Platz! Alles hatte er für den einen Zweck vorbereitet, Alles dafür geopfert und doch war die Möglichkeit, diesen Zweck zu erreichen, noch immer in dasselbe undurchdringliche Dunkel für ihn gehüllt! Was waren seine Aussichten, wenn er auf seinen Zweck verzichtete? Er mußte das Anerbieten, das ihm Julius gemacht hatte, annehmen, mit anderen Worten der Befriedigung seiner Rache an Anne und der glänzenden Zukunft, welche ihm Mrs. Glenarm’ treue Ergebenheit noch immer verhieß, für immer entsagen.

Nimmermehr wollte Er seine Zuflucht noch einmal zu den Büchern nehmen. Er hatte sie ja noch nicht ganz durchgelesen. Der leiseste Wink, den ihm die noch nicht gelesenen Blätter vielleicht zu geben vermochten, konnte ja seinem trägen Hirn einen Anstoß geben, die rechte Fährte weiter zu verfolgen. Vielleicht, daß er darin noch einen Weg fand, sich ihrer zu entledigen, ohne daß irgend ein lebendes Wesen in oder außer dem Hause Verdacht schöpfen könnte.

Aber, fragen wir uns, war es denkbar, daß ein Mann in Geoffrey’s Lebensstellung in so brutaler Weise so erbarmungslos handeln konnte? Mußte sich nicht bei dem Gedanken an das, was er jetzt vorhatte, sein Gewissen regen? Halten wir einen Augenblick inne und werfen eine Blick auf seine Vergangenheit.

Hatte sich sein Gewissen auch nur im Mindesten geregt, als er in dem Garten in Windygates auf den an Arnold betrübten Verrath sann? Die Empfänglichkeit für Gewissensregungen war ihm fern. Seine jetzige Denkart war nur die natürliche Consequenz seiner ursprünglichen Sinnesweise. Der ganze Unterschied bestand darin, daß er sich jetzt durch eine viel ernstere Versuchung gedrängt fand, ein viel ernsteres Verbrechen zu begehen. Woher sollte er die Widerstand-Kraft nehmen? Konnte ihm, wie Sir Patrick es einmal ausgedrückt hatte, seine Geschicklichkeit im Rudern, seine Schnelligkeit im Rennen, seine bewunderungswürdige Fähigkeit und Ausdauer in anderen körperlichen Uebungen dazu helfen, einen rein moralischen Sieg über seine Selbstsucht und seine Grausamkeit zu erringen?

Nein!

Die von der materiellen Richtung seiner ganzen Umgebung beförderte sittliche und geistige Vernachlässigung seiner selbst, gab ihn den schlechtesten Instincten seiner Natur, den niedrigsten und gefährlichsten Trieben des natürlichen Menschen widerstandslos preis. Wenn diese Geistes- und Gemüthsverfassung bei der Mehrzahl seiner Genossen keine ungewöhnlich verderblichen Folgen herbeigeführt hatte, so lag das daran, daß keine ungewöhnliche Versuchung an sie herangetreten war. Mit ihm aber stand es anders, an ihn war eine ungewöhnliche Versuchung herangetreten. Und wie fand dieselbe ihn vorbereitet, ihr zu widerstehen?

Sie fand ihn, wozu ihn seine Erziehung und seine ausschließliche Beschäftigung mit körperlichen Uebungen gemacht hatte, als einen gegen jede kleine oder große Versuchung völlig ungewaffneten Menschen.

Geoffrey kehrte in’s Haus zurück. Auf dem Vorplatz fragte ihn die Magd, um welche Zeit er zu Mittag zu essen wünsche Anstatt ihr zu antworten, fragte er ärgerlich nach Mrs. Dethridge; die Magd erwiderte, daß Mrs. Dethridge noch nicht wieder nach Hause gekommen sei. Es war bereits spät am Nachmittage, und sie war schon früh Morgens ausgegangen. Das war noch nie vorgekommen. Ein vager Argwohn nach dem andern, einer immer ungeheuerlicher als der andere, fing an sich in Geoffrey gegen Hester Dethridge zu regen. Er wußte von Julius, daß er während der Nacht phantasirt habe. Hatte er in seinen Phantasien etwas verrathen? Hatte Hester es gehört und war das etwa der eigentliche Grund ihrer langen Abwesenheit und ihrer Räumungsordre? Er beschloß, ohne Hester merken zu lassen, daß er Verdacht gegen sie hege, sich darüber Gewißheit zu verschaffen sobald sie nach Hause zurückgekehrt sein würde.

Es wurde Abend; es war nach neun Uhr, als sich wieder ein Klingeln an der Pfortenglocke vernehmen ließ. Die Magd kam zu Geoffrey, ihn um den Schlüssel zu bitten. Geoffrey stand auf, um selbst nach der Pforte zu gehen, besann sich aber, noch ehe er das Zimmer verlassen hatte, wieder anders. Wenn es Hester war, die draußen auf Einlaß wartete, so konnte es ihren Verdacht rege machen, wenn er ihr selbst die Pforte öffnete, während doch die Magd da war, um es zu thun. Er gab der Magd den Schlüssel und hielt sich so, daß Hester beim Eintritt in’s Haus seiner nicht ansichtig werden konnte.

»Todtmatt!« dachte die Magd, als sie ihre Herrin bei dem Schein der Lampe an der Pforte erblickte.

»Todtmatt!« murmelte Geoffrey vor sich hin, als er Hester auf ihrem Gange über den Vorplatz nach ihrem Zimmer durch die angelehnte Thiir des Wohnzimmers argwöhnisch beobachtete.

»Todtmatt!« dachte auch Anne, als sie Hester auf dem oberen Vorplatz traf, und einen von Blanche adressirten Brief, den der Postbote der Herrin des Hauses an der Pforte übergeben hatte, aus ihren Händen entgegennahm.

Hester zog sich in ihr Schlafzimmer zurück.

Geoffrey schloß die Thür des Wohnzimmers, in welchem die Kerzen angezündet waren, und ging in das völlig dunkle Speisezimmer. Er ließ die Thür angelehnt, um Hester, wenn sie zu ihrem Abendessen in die Küche hinuntergehen werde, abzufassen.

Matt und müde schloß Hester ihre Thür, zündete ihre Lichter an und stellte Feder und Tinte auf den Tisch. Dann mußte sie sich einige Minuten lang niedersetzen, um ihre Kräfte zu sammeln und wieder zu Athem zu kommen. Erst nach einer Weile fühlte sie sich im Stande, Hut und Shawl abzulegen. Sie zog aus der geheimen Tasche ihrer Schnürbrust das »Mein Bekenntniß« überschriebene Manuskript, schlug wieder die letzte Seite auf und schrieb unter die am vorigen Abend gemachte Auszeichnung Folgendes:

»Heute Morgen habe ich ihm angezeigt, daß er das Haus räumen müsse und habe ihm angeboten, ihm, wenn er es haben wolle, sein Geld wiederzugeben. Er weigert sich zu gehen. Morgen muß er gehen, oder ich stecke ihm das Haus über dem Kopf an. Den ganzen Tag über bin ich außer dem Hause gewesen, um ihm aus dem Wege zu gehen. Ich finde keinen Schlaf und keine Ruhe. Ich trage mein Kreuz demüthig, so lange mir meine Kraft nicht versagt.«

Als sie diese Worte geschrieben hatte, entsank die Feder ihrer Hand. Ihr Kopf fiel auf die Brust herab.

Plötzlich aber raffte sie sich wieder auf. Sie fürchtete den Schlaf wie einen Feind, denn der Schlaf brachte ihr Träume. Sie öffnete die Fensterladen und sah in die Nacht hinaus. Friedlich leuchtete der Mond über dem Garten. Der klare Nachthimmel war schön anzusehen und wirkte besänftigend auf ihre Seele. Wie! Ging der Mond schon wieder unter? Zogen Wolken an ihm vorüber und verdunkelten ihn? Nein! Sie war schon wieder beinahe eingeschlafen.

Abermals raffte sie sich auf. Unbewölkt stand der Mond noch immer am Himmel und beleuchtete den Garten so hell wie vorher. Aber jetzt vermochte sie den Schlaf, der sie überwältigte, nicht länger zu bekämpfen.

Sie schloß die Fensterladen wieder, ging nach ihrem Bett und legte ihr »Bekenntniß« an seinen gewöhnlichen Platz während der Nacht, unter ihr Kopfkissen. Sie blickte im Zimmer umher und schauderte. Jeder Winkel desselben war mit den fürchterlichen Erinnerungen der vorigen Nacht angefüllt. Sie mußte fürchten, daß, wenn sie von quälenden Träumen erwachte, die Erscheinung an ihrem Bette vor ihr stehen würde. Gab es denn kein Mittel dagegen? Keinen heiligen Schutz, unter dem sie sich ruhig dem Schlafe überlassen könnte? Plötzlich fuhr es ihr durch den Kopf. Es gab ein solches Mittel: Das gute Buch, die Bibel. Wenn sie mit der Bibel unter dem Kopfkissen schlief, so durfte sie auf einen ruhigen Schlaf hoffen. war nicht der Mühe Werth, das Kleid und die Schnürbrust, die sie bereits ausgezogen hatte, wieder anzuziehen Sie konnte sich ja mit ihrem Shawl hinreichend bedecken. Auch das Licht brauchte sie nicht mitzunehmen. Unten würden die Fensterladen noch nicht geschlossen sein, und wenn sie es wären, so konnte sie die Bibel an ihrem Platz auf dem Büchergestell, im Dunkeln finden Sie zog das »Bekenntniß« wieder unter dem Kopfkissen hervor. Auch nicht für einen Augenblick konnte sie sich entschließen, dasselbe in einem Zimmer zu lassen, das sie selbst verließ. Das zusammengefaltete Manuscript in der Hand verbergend, ging sie langsam wieder die Treppe hinunter. Ihre Kniee wankten Sie mußte sich mit der freien Hand am Treppengeländer festhalten.

Geoffrey beobachtete sie vom Speisezimmer aus, als sie die Treppe hinunterkam. Er wartete, was sie thun würde, bevor er sich ihr zeigte und mit ihr spräche. Anstatt nach der Küche zu gehen, trat sie gleich von der Treppe in das kleine Wohnzimmer. Das war wieder verdächtig! Was konnte sie zu dieser späten Stunde ohne Licht in diesem Zimmer wollen? Sie trat an das Büchergestell, in ihrer dunklen Gestalt in dem Mondlicht, das in das kleine Zimmer schien, für Geoffrey vollkommen sichtbar. Sie strauchelte und fuhr sich mit der Hand nach dem Kopf, allem Anschein nach hatte sie ein durch gänzliche Erschöpfung bewirkter Schwindel befallen. Darauf erholte sie sich wieder und nahm ein Buch aus dem Gestell; mit demselben in der Hand lehnte sie sich dann aber gegen die Wand, wahrscheinlich weil sie zu ermattet war, um ohne eine kleine Rast die Treppe wieder hinaufzusteigen. Dicht neben ihr stand ihr Lehnstuhl; wenn sie sich einen Augenblick auf denselben niederließ, konnte sie sich doch besser ausruhen, als wenn sie sich stehend an die Wand lehnte. Mit schweren Gliedern setzte sie sich auf den Lehnstuhl und legte das Buch auf ihren Schooß. Die Hand des einen Armes, den sie über die Lehne hängen ließ, war geschlossen, augenscheinlich weil sie etwas hielt. Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken, raffte sich wieder einen Augenblick auf und lehnte sich dann sanft an das an der Rücklehne befestigte Kissen. War sie eingeschlafen? Fest eingeschlafen. Nach wenigen Augenblicken wurden die Muskeln der über die Lehne hängenden geschlossenen Hand schlaff und es glitt, vom Mondschein beleuchtet, etwas Weißes auf den Boden.

Geoffrey zog seine schweren Schuhe aus und ging auf seinen Strümpfen leise in das Zimmer, er hob das am Boden liegende weiße Ding auf und fand, das es eine Lage von mehreren dünnen, zierlich zusammengefalteten und eng beschriebenen Bogen Papier war. Etwas Geschriebenes, daß sie, so lange sie wachend war, in der Hand versteckt gehalten hatte.

Warum versteckt?

Hatte er in der vorigen Nacht in seinen Fieberphantasien etwas ihn Compromittirendes verrathen? Und hatte sie das etwa niedergeschrieben um es gegen ihn zu benutzen?

Für Geoffrey’s schuldbewußtes Gemüth konnte selbst ein so ungeheuerlicher Gedanke etwas Wahrscheinliches haben. Geräuschlos, wie er gekommen war, verließ er das Zimmer wieder und ging nach dem erleuchteten großen Wohnzimmer, entschlossen, das Manuscript, das er in der Hand hielt, näher zu untersuchen.

Nachdem er die gefalteten Blätter zuvor sorgfältig auf dem Tisch geglättet hatte, nahm er die erste Seite zur Hand und las was folgt.



Kapiteltrenner


Sechzigstes Kapitel - Das Manuscript

»Mein Bekenntniß, das, wenn ich sterbe, in meinen Sarg gelegt und mit mir begraben werden soll.«

1.

»Folgendes ist die Geschichte dessen, was ich als verheirathete Frau begangen habe. Es ist die Wahrheit, die ich nur vor meinem Schöpfer bekenne, und von der außer mir kein Sterblicher etwas weiß.«

»Am jüngsten Tage werden wir alle in unseren Leibern, wie wir gelebt haben, auferstehen. Wenn ich vor den Richterstuhl berufen werde, werde ich diese Blätter in der Hand halten und sagen:

»O gerechter, barmherziger Richter, Du weißt, was ich gelitten habe, auf Dich vertraue ich.«

2.

»Ich bin die Aelteste einer großen Anzahl von Geschwistern, von frommen Eltern geboren. Wir gehören zu der Gemeinde der ältesten Methodisten. Meine Schwestern verheiratheten sich alle vor mir. Einige Jahre lang war ich allein zu Hause. In der letzten Zeit wurde meine Mutter kränklich und ich führte den Hausstand für sie. Unser geistlicher Hirt, der gute Mr. Bapchild, pflegte Sonntags zwischen den beiden Tagesgottesdiensten bei uns zu Mittag zu essen. Er lobte meine Haushaltung und besonders mein Kochen. Das erregte die Eifersucht meiner Mutter, die es nicht gerne sah, daß ich ihr gewissermaßen vorgezogen wurde. Dadurch fing ich an, mich zu Hause unglücklich zu fühlen. In dem Grade, wie sich der Gesundheitszustand meiner Mutter verschlimmerte, wurde auch ihre Laune schlechter. Mein Vater war viel vom Hause weg auf Geschäftsreisen; ich hatte für Alles aufzukommen. Um diese Zeit fing ich an zu denken, es würde gut für mich sein, wenn ich mich, wie es meine Schwestern vor mir gethan hatten, verheirathen und den guten Mr. Bapchild in meinem eigenen Hause zu Tische haben könnte. In dieser Stimmung machte ich die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der den Gottesdienst in unserer Kapelle regelmäßig besuchte. Er hieß Jael Dethridge. Er hatte eine schöne Stimme und pflegte, wenn er Hymnen sang, aus demselben Buch mit mir zu singen. Von Gewerbe war er ein Tapezierer. Wir unterhielten uns, wenn wir Sonntags mit einander aus der Kirche gingen, oft über ernste Gegenstände. Er war reichlich zehn Jahre jünger als ich, und da er nur ein Arbeiter war, so stand er gesellschaftlich unter mir. Meine Mutter kam dem Verhältniß, das sich zwischen uns entsponnen hatte, auf die Spur. Sie sprach davon mit meinem Vater, sobald er von einer Reise zurückgekehrt war, dann auch mit meinen verheiratheten Schwestern und mit meinen Brüdern. Sie vereinigten sich Alle dahin, daß meinem Verhältnisse zu Jael Dethridge, ehe es noch intimer würde, Einhalt gethan werden müsse. Das war eine schwere Zeit für mich. Mr. Bapchild sprach sein lebhaftes Bedauern über diese Wendung der Dinge aus. Er brachte meinen Fall in einer Predigt vor, ohne mich zu nennen, ich wußte aber sehr wohl, wer gemeint sei. Vielleicht hätte ich nachgegeben, wenn sie nicht Erkundigungen bei den Feinden meines jungen Freundes über ihn eingezogen und hinter seinem Rücken gegen mich schlecht von ihm gesprochen hätten. Das war, nachdem wir aus demselben Hymnenbuch gesungen hatten, zusammen spazieren gegangen waren und unsere Gedanken über religiöse Gegenstände mit einander ausgetauscht hatten, zu viel für mich. Ich war alt genug, um für mich selbst zu urtheilen und ich heirathete Jael Dethridge.«

3.

»Alle meine Verwandten zogen sich von mir zurück. Kein einziger von ihnen war bei meiner Hochzeit zugegen, und sie erklärten, insbesondere mein Bruder Ruben, dem sie alle folgten, daß sie von nun an nichts mehr mit mir zu thun haben wollten. Mr. Bapchild war sehr ergriffen, er vergoß Thränen und sagte, er wolle für mich beten.«

»Ich wurde in London von einem fremden Prediger getraut und wir ließen uns in der Hauptstadt mit guten Aussichten nieder. Ich hatte ein kleines eigenes Vermögen, meinen Antheil an einer Summe, die meine Tante Hester, nach der ich genannt bin, uns Mädchen hinterlassen hatte. Es betrug dreihundert Pfund. Beinahe hundert Pfund davon gab ich für Mobilien aus, die ich kaufte, um ein kleines Haus, das wir gemiethet hatten, damit auszustatten. Das Uebrige gab ich meinem Manne, um es in einer Bank zu deponiren, bis er es zu seiner eigenen geschäftlichen Etablirung brauchen werde.«

»Ungefähr drei Monate lang kamen wir, bis auf einen Punkt gut mit einander aus. Mein Mann that nie den geringsten Schritt dazu, sich geschäftlich selbständig zu machen. Ein paar Mal wurde er verdrießlich, wenn ich sagte, es sei doch schade, das in der Bank deponirte Geld, das wir später nöthig haben würden, jetzt auszugeben, anstatt ein Geschäft anzufangen und mehr zu verdienen. Der gute Mr. Bapchild, um diese Zeit gerade in London war, blieb den Sonntag über dort und kam zwischen den Gottesdiensten zum Mittagessen zu uns. Er hatte sich bemüht, meine Verwandten mit mir auszusöhnen, es war ihm aber nicht gelungen.«

»Auf meine Bitte sprach er mit meinem Manne über die Notwendigkeit, sich anzustrengen. Das nahm mein Mann übel; zum ersten Mal sah ich ihn ernsthaft aufgebracht. Der gute Mr. Bapchild sagte nichts weiter. Der Vorfall schien ihn zu beunruhigen und er verließ uns zeitig.«

»Bald darauf ging mein Mann aus. Ich hielt den Thee für ihn bereit, er kam aber nicht zurück; dann hielt ich das Abendessen für ihn bereit, aber auch dazu erschien er nicht. Es war nach Winternacht, als er in einem Zustand wieder nach Hause kam, der mich sehr erschreckte. Sein Blick und seine Sprache waren wie fremd, er schien mich nicht zu kennen, redete irre und fiel wie ein lebloser Klumpen auf unser Bett. Ich lief davon und holte den Arzt.«

»Der Doctor zog ihn an’s Licht, betrachtete ihn, roch seinen Athem, warf ihn wieder auf? Bett, drehte sich um und sah mich groß an. »Nun, wie steht es, Herr Doctor?« fragte ich. »Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie das nicht wissen?« antwortete er. »Ich weiß es in der That nicht«, erwiderte ich. »Was für eine sonderbare Person sind Sie denn«, entgegnete er, »daß Sie nicht wissen, wenn einer betrunken ist!« Mit diesen Worten ging er fort und ließ mich, am ganzen Leibe zitternd, am Bette stehen. So kam ich zum ersten Mal dahinter, daß ich die Frau eines Trunkenboldes sei.«

4.

»Ich habe bisher noch nichts von der Familie meines Mannes gesagt.«

»Vor unserer Hochzeit hatte er mir erzählt, daß er eine Waise sei, einen Onkel und eine Tante in Canada und einen einzigen Bruder in Schottland habe. Noch vor unserer Hochzeit gab er mir einen Brief seines Bruders, in welchem derselbe mir sein Bedauern darüber ausdrückte, daß er nicht im Stande sei, nach England zu kommen und meiner Hochzeit beizuwohnen, mir gratulirte und so weiter. Der gute Mr. Bapchild, dem ich in meiner Betrübnis; vertraulich das Vorgefallene mittheilte, antwortete mir, ich möge noch eine Weile warten und sehen, ob mein Mann sich wieder betrinke.«

»Ich brauchte nicht lange zu warten. Schon am nächsten und am nächstfolgenden Tage war er wieder betrunken. Als ich das Mr. Bapchild mittheilte, schrieb er mir, ich möge ihm den Brief des Bruders meines Mannes schicken. Er erinnerte mich an die schon vor meiner Heirath über meinen Mann circulirenden Gerüchte, an die ich damals nicht hatte glauben wollen, und erklärte, es möge doch wohl gut sein, jetzt noch nähere Erkundigungen einzuziehen.«

»Das Ergebniß dieser Erkundigungen war Folgendes: Der Bruder war gerade um diese Zeit auf sein eigenes Verlangen unter die specielle Obhut eines Arztes gestellt, um sich des Trinkens zu entwöhnen. Die Neigung zu starken Getränken, hatte der Arzt geschrieben, scheine in der Familie erblich zu sein. Sie wären bisweilen monatelang mäßig und tränken nichts als Thee. Dann aber käme es auf einmal über sie und sie müßten sich, wie rechte, elende Trunkenbolde tagelang betrinken.«

»An einen solchen Mann war ich also gerathen und hatte um seinetwillen meine ganze Familie erzürnt und mir entfremdet. Das war gewiß eine traurige Aussicht für eine erst seit wenigen Monaten verheirathete Frau.«

»Nach Verlauf eines Jahres war das in der Bank deponirte Geld verbraucht und mein Mann außer Arbeit. So oft er nüchtern war, fand er leicht Beschäftigung da er ein ausgezeichneter Arbeiter war, so bald er aber dann seine Trunkanfälle bekam, verlor er regelmäßig wieder seine Beschäftigung. Es schmerzte mich, unser nettes kleines Haus verlassen und meine hübschen Möbel aufgeben zu müssen und ich schlug ihm vor, ich wolle mich tageweise als Köchin verdingen und so für unser Auskommen sorgen, bis er wieder Arbeit gefunden haben würde. Er war eben nüchtern und reuig und nahm meinen Vorschlag an. Noch mehr, er gelobte völlige Enthaltsamkeit und versprach ein neues Leben anzufangen. Die Dinge schienen sich mir wieder freundlich zu gestalten. Wir hatten für Niemand als für uns Beide zu sorgen, denn ich hatte kein Kind und keine Aussicht, eins zu bekommen. Ungleich den meisten Frauen betrachtete ich das nicht wie ein Unglück, sondern wie eine Gnade. In meiner Lage würde es, wie ich mich bald genug überzeugen mußte, mein hartes Loos nur noch härter gemacht haben, wenn ich Mutter geworden wäre.«

»Die Art der Beschäftigung, die ich suchte, war nicht sofort zu finden. Der gute Mr. Bapchild stellte mir ein Zeugniß aus und unser Hauswirth, ein braver Mann, der leider zur katholischen Kirche gehörte, sprach für mich mit dem Oeconomen eines Clubs, aber es brauchte doch Zeit, die Leute zu überzeugen, daß ich wirklich die perfecte Köchin sei, für die ich mich ausgab.«

»Es vergingen fast vierzehn Tage, bis ich eine Stelle, wie ich sie suchte, fand. Guter Dinge ging ich nach Hause, meinem Manne von meinem Engagement zu berichten, als ich einen Auctionator mit seinen Leuten im Hause fand, der im Begriff war, die Möbel, die ich für mein Geld angeschafft hatte, fortbringen zu lassen, um sie zu verauctioniren Ich fragte sie, wie sie sich unterstehen könnten, ohne meine Erlaubniß meine Sachen anzurühren. Sie antworteten mir ganz höflich, sie handelten nach einer Weisung meines Mannes und fuhren fort, die Sachen vor meinen Augen wegzutragen und auf den vor der Thür stehenden Wagen zu laden.«

»Ich lief die Treppe hinauf und fand meinen Mann oben auf dem Vorplatz. Er war wieder betrunken. Ich brauche nicht zu sagen, was zwischen uns vorging, ich will nur bemerken, daß es das erste Mal war, wo er seine Faust gegen mich erhob und mich schlug.«

5.

»Ich hatte meinen eigenen Kopf und war entschlossen, diesen Zustand nicht länger zu dulden. Ich lief nach dem nahe bei uns gelegenen Polizeigericht.«

»Mit meinem Gelde war nicht nur das Mobiliar gekauft, sondern auch der Haushalt bestritten worden; mit meinem Gelde waren die Steuern bezahlt, die die Königin und das Parlament verlangen. Ich lief jetzt zum Richter und wollte doch einmal sehen, was die Königin und das Parlament für die von mir bezahlten Steuern für mich thun würden.

»Ist Ihr Mobiliar Ihnen verschrieben?« fragte mich der Richter, als ich ihm erzählt hatte, was vorgefallen war.«

»Ich verstand ihn nicht. Er wandte sich an Jemanden, der neben ihm auf der Richterbank saß und sagte: »Das ist ein böser Fall. Die armen Leute in diesen Ständen wissen nicht einmal, was eine Eheverschreibung ist. Und wenn sie es wüßten, so könnten doch die wenigsten die Kosten für einen Advocaten bezahlen.«

»Darauf wandte er sich wieder zu mir und sagte: »Ihr Fall ist ein sehr gewöhnlicher. Bei dem gegenwärtigen Zustand der Gesetze kann ich nichts für Sie thun.«

Das konnte ich nicht glauben. Was ging es mich an, ob mein Fall gewöhnlich war oder nicht, ich legte ihm denselben noch einmal vor. »Ich habe die Möbel mit meinem eigenen Gelde gekauft, Herr Richter«, sagte ich, »sie gehören mir, ich habe sie redlich erworben, wie ich durch eine quittirte Rechnung beweisen kann. Und jetzt nehmen mir die Leute die Möbel mit Gewalt weg, um sie gegen meinen Willen zu verkaufen. Sagen Sie nicht, daß das gesetzlich ist, wir leben ja in einem christlichen Lande. Das kann nicht sein!«

»Mein liebes Kind«, antwortete er mir, »Sie sind eine verheirathete Frau und dass Gesetz gestattet keiner verheiratheten Frau, irgend etwas ihr eigen zu nennen, wenn sie nicht vor der Heirath unter Zuziehung eines Advocaten ein desfallsiges Abkommen mit ihrem Manne getroffen hat. Sie haben kein solches Abkommen getreffen und daher hat Ihr Mann das Recht, wenn er will, Ihre Mobilien zu verkaufen. Es thut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen.«

Ich wollte mich noch immer nicht zufrieden geben. »Bitte, sagen Sie mir doch, Herr Richter«, sagte ich wieder, klügere Leute, als ich bin, haben mir erzählt, daß wir Alle unsere Steuern bezahlen, um die Königin und das Parlament zu erhalten, und daß die Königin und das Parlament uns zum Dank dafür Gesetze geben. Ich habe meine Steuern bezahlt. Warum giebt es denn, wenn ich fragen darf, kein Gesetz, mich zu schützen?«

»Darauf kann ich Ihnen nicht antworten«, erwiderte er, »ich muß das Gesetz nehmen, wie ich es finde, und das müssen Sie auch. Sie haben ja da eine angeschwollene Backe! Hat Ihr Mann Sie geschlagen? Wenn das der Fall ist, lassen Sie ihn hercitiren, dafür kann ich ihn bestrafen.«

»Womit können Sie ihn bestrafen, Herr Richter?« fragte ich.

»Ich kann ihn zu einer Geldstrafe verurtheilen oder ihn in? Gefängniß schicken.«

»Die Geldstrafe«, bemerkte ich, »kann er dem von Gelde bezahlen, das er für meine Mobilien bekommt. Und wenn er in’s Gefängniß geschickt wird, was soll dann so lange aus mir werden, nachdem er mein Geld ausgegeben und mir meine Sachen weggenommen hat? Und wenn er wieder herauskommt, was soll dann aus mir werden mit einem Mann, den ich in Strafe gebracht habe, und der das weiß und wieder zu mir nach Hause kommt? Es ist schlimm genug so, Herr Richter«, sagte ich. »Ich habe schon Schlimmeres erleiden müssen, als was Sie da in meinem Gesicht sehen. Guten Morgen.«

6.

»Als ich wieder nach Hause kam, waren meine Möbel fort und auch mein Mann war fortgegangen. In dem leeren Hause war kein Mensch außer dem Hauswirth. Er sprach sehr freundlich mit mir. Nachdem er mich verlassen hatte, verschloß ich meinen Koffer, fuhr nach Dunkelwerden in einer Droschke fort und suchte mir ein Logis, wo ich übernachten könnte. Wenn es je ein verlassenes, unglückliches Wesen gegeben hatte, so war ich es in dieser Nacht. Es gab nur eine Aussicht für mich, mein Brod zu verdienen, ich mußte die mir in einem Club angebotene Stelle als Unterköchin eines Koches annehmen. Und meine einzige Hoffnung war, daß ich meinen Mann nie wieder zu sehen bekommen würde.«

Ich trat meine Stelle an, kam darin fort und verdiente meinen ersten Vierteljahrlohn. Aber es taugt nichts für eine Frau, so dazustehen, wie ich dastand; ich war einsam und ohne Freunde, und man hatte mir meine Sachen, die mein Stolz gewesen waren, weggenommen und verkauft, und ich hatte nichts, worauf ich in der Zukunft hoffen konnte. Ich ging regelmäßig zur Kirche; aber ich glaube, mein Herz fing um diese Zeit an, hart zu werden und mein Gemüth fing an, unter der Last seines geheimen Kummers zu erliegen. Mir stand wieder eine Veränderung meiner Lage bevor.«

»Zwei oder drei Tage, nachdem ich, wie eben erwähnt, meinen Vierteljahrslohn erhalten hatte, fand mein Mann mich wieder auf. Das für die Möbel gelöste Geld hatte er bereits Alles wieder ausgegeben. Er machte mir eine Scene im Club und ich konnte ihn nur dadurch beruhigen, daß ich ihm alles Geld gab, was ich irgend entbehren konnte. Der Auftritt wurde dem Comité des Clubs gemeldet. »Die Herren erklärten mir, sie würden, wenn sich ein solcher Vorfall wiederholen sollte, genöthigt sein, mich zu entlassen.«

»Nach Verlauf von vierzehn Tagen wiederholte sich der Auftritt. Es wäre unnütz, hier länger dabei zu verweilen. Die Herren erklärten mir alle, es thue ihnen sehr leid um mich, aber ich verlor meine Stelle. Mein Mann kehrte mit mir in meine Wohnung zurück. Am nächsten Morgen betraf ich ihn dabei, wie er meine Börse mit den wenigen darin befindlichen Schillingen aus meinem Koffer nahm, den er erbrochen hatte. Darüber geriethen wir in Streit und er schlug mich wieder, diesmal so, daß ich zu Boden fiel.«

»Ich ging zum zweiten Mal nach dem Polizeigericht und erzählte meine Geschichte dieses Mal einem andern Richter. Mein einziges Gesuch ging dahin, daß man mich von meinem Mann befreie »Ich möchte Niemandem zur Last fallen«, sagte ich, »und nichts Unrechtes thun. Ich will mich nicht einmal darüber beklagen, daß ich sehr arg mißhandelt worden bin. Alles, um was ich bitte, ist, daß man mir die Möglichkeit gewährt, mein Brod redlich zu verdienen. Kann ich auf den Schutz des Gesetzes»dabei rechnen?«

»Die Antwort lautete im Wesentlichen dahin, daß das Gesetz mich vielleicht schützen würde, wenn ich Geld genug hätte, um bei einem höheren Gerichtshof eine Trennung nachzusuchen. Nachdem das Gesetz also meinem Manne gestattet hatte, mich ohne Weiteres meines einzigen Eigenthums, nämlich meiner Möbel, zu herauben, kehrte es sich jetzt, wo ich mich in meinem Elende um Hülfe an dasselbe wandte, gegen mich und hielt mir seine Hand entgegen, um Geld von mir zu bekommen.«

»Ich besaß gerade noch drei Shilling sechs Pence, mit der Aussicht, daß wenn ich mehr verdienen sollte, mein Mann wieder mit Erlaubniß des Gesetzes kommen und es mir wegnehmen würde. Es gab nur eine Hoffnung für mich, nämlich Zeit zu gewinnen, ihm wieder zu entkommen.«

»Einen Monat schaffte ich ihn mir dadurch vom Halse, daß ich ihn verklagte, mich zu Boden geschlagen zu haben. Der Richter, der ein junger Mann und neu in seinem Beruf war, schickte ihn in’s Gefängniß, anstatt ihn in eine Geldstrafe zu verurtheilen. Dadurch gewann ich Zeit, mir Zeugnisse, eines vom Club und eines von dem guten Mr. Bapchild, zu verschaffen. Mit Hilfe dieser Zeugnisse erlangte ich eine Stelle in einem Privathause, dieses Mal auf dem Lande.«

»Hier glaubte ich mich jetzt in den Hafen der Ruhe eingelaufen. Ich war bei braven, freundlichen Leuten, die an meiner traurigen Lage Antheil nahmen und mich sehr nachsichtig behandelten. In all’ meinem Unglück habe ich, wie ich bekennen muß, doch immer Eines gefunden, was tröstlich ist. Nach all’ meinen Erfahrungen sind die Menschen im Ganzen sehr bereit, Mitleid mit dem Elend Anderer zu empfinden, und sehen meistens sehr gut ein, was die Gesetze des Landes, zu deren Aufrechterhaltung sie beitragen, Herbes Grausames und Ungerechtes enthalten. Aber man fordere sie nur einmal auf, nicht mehr ruhig dazusitzen und darüber zu raisonniren sondern sich dagegen zu erheben, —— und was wird man erleben? daß sie so hülflos wie eine Heerde Schafe sind.

7.

»Mehr als sechs Monate verflossen und ich konnte mir wieder etwas Geld ersparen, als eines Abends, als wir eben zu Bett gehen wollten, laut an der Hausthür geklingelt wurde. Der Diener öffnete die Thüre und ich hörte die Stimme meines Mannes auf dem Vorplatz.«

»Mit Hilfe eines ihm bekannten Polizeibeamten hatte er meine Spur aufgefunden und war gekommen, seine Rechte geltend zu machen. Ich bot ihm all’ das bischen Geld, was ich mir erspart hatte, wenn ser mich nur in Ruhe lassen wolle. Mein guter Herr sprach mit ihm, aber Alles vergebens, er war verstockt und wild.«

»Wenn ich nicht von ihm, sondern er von mir weggelaufen wäre, so hätte, so viel ich verstanden habe, vielleicht etwas zu meinem Schutz geschehen können; aber er wollte, so lange ich noch einen Pfennig verdienen konnte, nicht von seiner Frau lassen. Da ich mit ihm verheirathet war, so hatte ich kein Recht, ihn zu verlassen; ich war verpflichtet, meinem Mann zu folgen, es gab keine Rettung für mich. Ich sagte meiner Herrschaft Lebewohl und habe ihre Güte gegen mich bis auf den heutigen Tag nie vergessen. Mein Mann nahm mich mit sich zurück nach London. So lange mein Geld verhielt, trank er fortwährend; als das Geld ausgegeben war, fing er wieder an, mich zu schlagen.«

»Was konnte ich dagegen thun? Nichts, als versuchen, ihm wieder zu entkommen. Ich hätte ihn in’s Gefängniß setzen lassen können, aber was hätte ich davon gehabt? Nach wenigen Wochen würde er wieder frei gewesen sei und nüchtern und reuig Besserung versprochen haben, um dann, wenn ihn die Leidenschaft wieder ergriffen hätte, in dieselbe wüthende Wildheit auszubrechen, die ihn nun schon so oft besessen hatte. Mein Herz wurde bei dieser Hoffnungslosigkeit meiner Lage immer härter und finstere Gedanken beschlichen mich, besonders des Nachts. Um diese Zeit war es, wo ich mir zu sagen anfing: Es giebt keine andere Befreiung aus diesem Elend als durch den Tod, seinen Tod oder deinen Tod.«

»Ein paar Mal ging ich Abends auf die Brücken hinunter und sah in den Fluß hinab. Nein. Ich war nicht dazu gemacht, mein Elend auf diese Weise zu beendigen. Dazu muß das Blut fieberhaft aufgeregt, muß der Kopf glühend heiß sein, —— wenigstens denke ich es mir so, —— dazu muß man sich wie von einem bösen Geiste getrieben fühlen, sich selbst aus der Welt zu schaffen.«

»Das war aber nie die Wirkung, die mein Kummer auf mich übte. Ich wurde immer kalt dabei, aber nicht heiß. Das war gewiß sehr schlinnn für mich, aber wie man einmal ist, so ist man. Kann der Neger seine Haut, oder der Leopard sein Fell verändern?«

»Noch einmal gelang es mir, meinem Mann zu entkommen und es kommt hier nicht darauf an, wie und wo, eine gute Stelle zu finden. Meine Geschichte nimmt immer und immer wieder denselben Verlauf. Ich will daher so rasch wie möglich damit zu Ende zu kommen suchen. Nur Eines war dieses Mal anders.«

»Meine Stelle war nicht in einem Privathause, und ich hatte Erlaubniß, in meinen freien Stunden jungen Frauen das Kochen zu lehren. Dank diesem Umstand und der längeren Zeit, die dieses Mal verging, ehe mein Mann mich wieder auffand, fühlte ich mich so behaglich, wie es in meiner Lage nur möglich war. Abends, wenn meine Arbeit gethan war, ging ich zum Schlafen in eine eigene Wohnung, die ich mir gemiethet hatte. Es war nur ein Schlafzimmer, das ich mir selbst meublirte, theils aus Oeconomie, da die Miethe für unmeublirte Wohnungen nicht halb so hoch ist, wie für meublirte, theils aus Reinlichkeit. In all’ meinem Elend habe ich immer darauf gehalten, mich mit saubern, netten und soliden Möbeln zu umgeben.

»Nun, ich brauche nicht zu sagen, wie es auch dieses Mal wieder kam. Er fand mich wieder auf, dieses Mal in Folge einer zufälligen Begegnung mit mir auf der Straße. Er war zerlumpt und halb verhungert. Aber das schadete ihm ja nichts, er brauchte nur die Hand in meine Tasche zu stecken und herauszunehmen, was er brauchte. Es giebt in England kaum eine Grenze für das, was einem schlechten Ehemanne zu thun erlaubt ist, so lange er nicht von seiner Frau lassen will.«

In diesem Falle war er klug genug, einzusehen, daß es sein eigener Schaden sein würde, wenn er mich zwänge, meine Stelle zu verlassen. Eine Zeitlang ging es so fort. Unter der Angabe, daß ich jetzt mehr zu thun habe als früher, erbat ich mir, offen gestanden, nur um meinen Mann nicht mehr sehen zu müssen, die Erlaubniß, in dem Hause, wo ich meine Stelle hatte, zu schlafen, und erhielt dieselbe; aber das sollte nicht lange dauern. Nach einer Weile bekam er wieder seine gewöhnlichen Trunkanfälle, kam in’s Haus und machte mir einen Auftritt. Wie noch jedes Mal, so ging es auch jetzt; anständige Leute konnten sich so etwas nicht gefallen lassen. Wie jedes Mal erklärte auch jetzt meine Herrschaft, es thue ihr leid, mich entlassen zu müssen, und ich verlor auch dieses Mal wieder meine Stelle.«

»Andere Frauen würden dabei verrückt geworden sein. Ich glaube, um ein Haar wäre auch ich verrückt geworden.«

Als ich ihn in der nächsten Nacht anblickte, wie er betrunken, schlafend dalag, mußte ich an Jael und Sissera denken, wie es im Buch der Richter im vierten Capitel Vers einundzwanzig heißt: »Da nahm Jael, das Weib Heber’s, einen Nagel von der Hütte und einen Hammer in ihre Hand und ging leise zu ihm hinein, und schlug ihm den Nagel durch seinen Schlaf, daß er zur Erde sank. Er aber entschlummerte, ward ohnmächtig und starb.« Jael that das, um ihr Volk von Sissera zu befreien.«

»Ich glaube, wenn ich in jener Nacht einen Nagel und einen Hammer zur Hand gehabt hätte, ich hätte es gemacht wie Jael, nur mit dem Unterschiede, daß ich es zu meiner eigenen Befreiung gethan hätte. Mit dem Anbruch des Morgens verließen mich für diesesmal solche Gedanken. Ich ging, mir bei einem Advocaten Raths zu erholen. Die meisten Menschen würden es an meiner Stelle wohl schon satt gehabt haben, es mit dem Recht zu versuchen, aber ich gehörte zu den Menschen, die den Becher bis auf die Hefe leeren.«

»Was ich dem Advokaten sagte, war in der Kürze Folgendes: »Ich möchte Ihren Rath im Betreff eines Verrückten haben. Verrückt sind, wie ich es verstehe, Menschen die die Herrschaft über sich verloren haben. Das führt sie bisweilen dazu, Andere zu täuschen bisweilen aber auch, Handlungen zu begehen, durch die sie Andere oder sich beschädigen. Mein Mann hat alle Herrschaft über seine Leidenschaft für geistige Getränke verloren. Er muß vor geistigen Getränken gehütet werden, wie andere Verrückte davor gehütet werden müssen, sich selbst oder Andern nach dem Leben zu trachten. Es ist bei ihm so gut wie Wahnsinn, über den er nichts vermag, wie es bei diesen ein Wahnsinn ist, über den sie nichts vermögen. Es giebt im ganzen Lande viele Irrenanstalten, die dem Publikum unter gewissen Bedingungen zu Gebote stehen. Wird das Gesetz, wenn ich diese Bedingungen erfülle, mich von dem Elend befreien, an einen Verrücktem dessen Verrücktheit in Trunksucht besteht, verheirathet zu sein?« »Nein«, erwiderte der Advocat »Das englische Gesetz betrachtet einen unheilbaren Trunkenbold nicht als ein zur Einschließung geeignetes Individuum; das englische Gesetz überläßt es den Männern und Frauen solcher Trunkenbolde mit ihrem Elend so gut fertig zu werden, wie sie können«. Ich bezahlte den Herrn für seinen Rath und ging meine Wege. Das war meine letzte Hoffnung gewesen, und auch die war mir jetzt vereitelt.«

8.

»Der Gedanke, der mich schon einmal beschlichen hatte, überkam mich jetzt wieder, um mich von nun an nie wieder ganz zu verlassen. Es gab keine Befreiung als durch den Tod, seinen oder meinen Tod. Dieser Gedanke verfolgte mich Nacht und Tag, in der Kirche, überall. Ich las die Geschichte von Jael und Sissera so oft, daß die Bibel sich, wenn ich sie anfaßte, von selbst an der Stelle öffnete. Die Gesetze meines eigenen Landes, die mir als einer rechtschaffenen Frau hätten beistehen müssen, ließen mich hilflos. Auch hatte ich keine Freunde, denen ich mein Herz hätte erschließen können. Ich war ganz auf mich selbst angewiesen, und ich war an diesen Menschen gekettet. Bedenkt, daß ich ein menschliches Wesen bin und sagt, ob meine Lage nicht eine schwere Prüfung für mich war.«

»Ich schrieb wieder an den guten Mr. Bapchild, ohne mich auf Einzelheiten einzulassen, nur daß ich von Versuchungen heimgesucht sei, und bat ihn, zu mir zu kommen und mir zu helfen. Er war durch Krankheit an’s Bett gefesselt und konnte mir nur schriftlich guten Rath geben. Damit Einem aber guter Rath etwas nütze, muß man noch einen Rest von Hoffnung auf ein Glück haben, auf das man als Lohn seiner Anstrengung hoffen darf. Selbst die Religion muß eine Belohnung in Aussicht stellen und zu uns armen Menschen sagen: »Seid tugendhaft und Ihr werdet in den Himmel kommen.« Für mich aber gab es keine Hoffnung auf Glück mehr. Ich empfand eine Art von stumpfer Dankbarkeit gegen den guten Mr. Bapchild, aber das war auch Alles.«

»Es hatte eine Zeit gegeben, wo ein Wort meines guten Pastors mich wieder auf den rechten Weg würde zurückgeführt haben. Ich fing an, einen Schauder vor mir selbst zu empfinden. Es stand fest bei mir, daß wenn ich bis zu der nächsten Mißhandlung, die mir von meinem Manne widerfahren würde, nicht andern Sinnes geworden sein würde, ich aller Wahrscheinlichkeit nach mich mit eigener Hand von ihm befreien würde. Die Furcht vor einem solchen Ausgang brachte mich dazu, mich zum ersten Mal vor meinen Verwandten zu demüthigen. Ich schrieb ihnen, bat sie um Verzeihung, bekannte, daß sie in ihrer Ansicht über meinen Mann Recht gehabt hätten und bat sie, sich soweit wieder mit mir auszusöhnen, daß sie mir gestatteten, sie von Zeit zu Zeit zu besuchen. Ich dachte, es könnte mein Herz milder stimmen, wenn ich die alten Plätze wiedersehen, die alte Sprache wieder sprechen, die alten wohlbekannten Gesichter wiedersehen könnte. Ich schäme mich fast, es zu gestehen, aber ich hätte gern Alles darum gegeben, einmal wieder in die Küche meiner Mutter gehen und noch einmal das Sonntags-Mittagessen für die Familie kochen zu dürfen. Aber das sollte nicht sein. Kurz ehe mein Brief ankam, war meine Mutter gestorben und ihren Tod hatten sie mir allein Schuld gegeben. Sie war zwar jahrelang kränklich gewesen, und die Aerzte hatten ihren Zustand von Anfang an für hoffnungslos erklärt, aber doch gaben sie es mir allein Schuld. Eine meine Schwestern erklärte mir das schriftlich in so wenigen Worten, wie es nur irgend gesagt werden konnte. Mein Vater antwortete gar nicht auf meinen Brief.



Kapiteltrenner


Einundsechzigstes Kapitel - Das Manuscript (Fortzetzung aus vorigem Kapitel)

9.

»Richter und Advocaten, Verwandte und Freunde, Erduldung schlechter Behandlung, Geduld, Hoffnung und rechtschaffene Arbeit, ——— mit Allem hatte ich es versucht, und es war Alles vergebens gewesen. Ich mochte blicken, wohin ich wollte, auf allen Seiten war mir jede Hoffnung abgeschnitten. Um diese Zeit hatte mein Mann etwas Beschäftigung gefunden. Eines Abends kam er wieder aufgeregt nach Hause, und ich warnte ihn: »Bringe mich nicht auf’s Aeußerste, Jael, um Deiner selbst willen«, das war Alles, was ich sagte. Es war einer seiner nüchternen Tage, und zum ersten Mal schien ein Wort von mir Eindruck auf ihn zu machen. Etwa eine Minute lang sah er mich scharf an. Dann setzte er sich in eine Ecke und schwieg. Das war an einem Dienstag abends. Am Sonnabend bekam er seinen Lohn und nun fing das Trinken wieder an. Am nächstfolgenden Freitag kam ich zufällig spät nach Hause, weil ich an dem Tage gerade viel zu thun gehabt hatte, denn ich hatte für einen Gastwirth, der mich kannte, ein großes« Mittagessen zu kochen gehabt. Ich fand meinen Mann nicht zu Hause und das Schlafzimmer von den Möbeln geräumt, die ich in dasselbe hatte setzen lassen. Zum zweiten Mal hatte er mir mein Eigenthum geraubt und es verkauft, um daß Geld zu vertrinken.«

»Ich sagte kein Wort. Ich sah mich in dem leeren Zimmer um. Was in jenem Augenblick in mir vorging, war mir selbst damals nicht klar, und ich kann es auch noch jetzt nicht beschreiben. Alles, dessen ich mich erinnere, ist, daß ich nach einer Weile wieder fortging. Ich kannte die Orte, wo mein Mann sich außer dem Hause aufzuhalten pflegte, und ich beschloß, wie vom Teufel besessen, ihn aufzusuchen. Als ich über den Vorplatz ging, kam die Hauswirthin heraus und versuchte es, mich zurückzuhalten. Sie war eine größere und stärkere Frau als ich, aber ich stieß sie von mir wie ein Kind. Wenn ich mir die Sache jetzt überlege, so glaube ich, daß sie sich bei meinem Anblick unfähig fühlte, ihre Kraft zu gebrauchen. Sie entsetzte sich vor mir. Ich fand meinen Mann. Ich sagte, nun ich sagte, was eine Frau, die vor Wuth außer sich ist, in solchen Fällen sagt. Ich brauche nicht zu erzählen, wie die Sache endete. Er schlug mich zu Boden.«

»Hier ist eine dunkle Stelle in meinem Gedächtniß. Das Nächste, dessen ich mich erinnern kann, ist, wie ich nach Verlauf einiger Tage wieder zur Besinnung kam. Er hatte mir drei Zähne ausgeschlagen, aber das war noch nicht das Schlimmste. Im Fallen war mein Kopf auf etwas aufgestoßen und etwas in meinem Körper, —— ich glaube, sie nannten es Nerven ——, war so verletzt, daß meine Sprache darunter gelitten hatte. Ich war nicht ganz stumm geworden, aber das Sprechen wurde mir schwer. Ein langes Wort auszusprechen war jetzt für mich eine so große Schwierigkeit, als wenn ich wieder ein Kind geworden wäre. Man brachte mich in’s Hospital.«

»Als die Aerzte von meinem Fall hörten, versammelten sie sich um mich. Sie schienen sich für mich zu interessiren, grade wie andere Leute sich für ein Geschichtenbuch interessiren. Das Resultat ihrer Berathungen war, daß ich vielleicht stumm werden, vielleicht aber auch meine Sprache wieder gewinnen würde, die Chancen seien ungefähr gleich. Nur zweierlei erklärten sie für nothwendig, ich müsse gute kräftige Nahrung zu mir nehmen und mich vor Gemüthsbewegung bewahren.«

»Was die Nahrung anbetraf, so hing diese davon ab, ob ich Geld haben würde, mir dieselbe zu verschaffen; meine Gemüthsverfassung aber war der Art, daß ich entschlossen war, meinen Mann, wenn er wieder zu mir kommen würde umzubringen.«

»Furchtbar, ich weiß es wohl, es ist furchtbar. Kein anderer Mensch an meiner Stelle würde zu einem so nichtswürdigen Entschluß gelangt sein. Alle andern Frauen in der Welt würden aus einer Prüfung, wie es die meinige war, besser hervorgegangen sein.«

10.

»Ich habe schon gesagt, daß außer meinem Manne und meinen Verwandten die Menschen fast immer gut gegen mich waren. Der Besitzer des Hauses, das wir nach unserer Heirath zuerst bewohnt hatten, hörte von meinem traurigen Fall. Er ließ mich in eines seiner leeren Häuser einziehen und gab mir noch außer der Wohnung wöchentlich eine Kleinigkeit für Hütung des Hauses. In den oberen Zimmern standen noch einige Möbel, die der letzte Miether zurückgelassen hatte, um sie womöglich an den nächsten Miether zu verkaufen. Zwei unter dem Dach befindliche nebeneinander liegende Domestikenzimmer waren mit allem Nöthigen ausgestattet. So hatte ich doch ein Obdach, eine Auswahl von Betten und Geld genug, um mir Essen und Trinken dafür zu verschaffen. Das war Alles ganz gut, aber Alles zu spät. O, wenn das Haus reden könnte, was würde das von mir zu erzählen wissen!«

»Die Aerzte hatten mir empfohlen, mich im Sprechen zu üben. Da ich ganz allein war, und Niemanden hatte, mit dem ich sprechen konnte, außer wenn der Hauswirth einmal vorsprach, oder wenn das Mädchen mir aus dem anstoßenden Hause zurief: »Schön Wetter heute, nicht wahr?« oder »Sie sind wohl recht einsam?« oder dergleichen, so kaufte ich mir die Zeitung und las mir selbst laut vor, um so meine Sprache zu üben.«

»Eines Tages las ich in der Zeitung einen kleinen Artikel über die Frauen von Trunkenbolden. Es war ein Bericht über die Aussagen eines Londoner Leichenschauers, der oft die Leichen von todten Männern aus den niedern Ständen besichtigt, und vielfach Verdacht gegen die Frauen derselben geschöpft hatte. Die Untersuchungen der Leichen, hatte er erklärt, ergaben nichts und Zeugen seien nicht vorhanden, aber doch halte er es in einigen Fällen für sehr möglich, daß die Frau, um ihrer unerträglichen Lage ein Ende zu machen, ein nasses Handtuch genommen es dem in tiefem Schlaf liegenden, betrunkenen Mann auf Mund und Nase gehalten und ihn so erstickt habe, ohne daß ein Mensch etwas davon bemerkt habe.«

»Ich legte die Zeitung aus der Hand und fing an, nachzudenken. Ich war um diese Zeit in einer Prophetischen Stimmung. Ich sagte zu mir: »Das habe ich nicht umsonst zu lesen bekommen, das bedeutet, daß mein Mann noch wieder zu mir kommen wird.«

»Es war gerade nach Tische, um zwei Uhr. Denselben Abend hörte ich, in dem Augenblick, wo ich mein Licht ausgelöscht und mich in’s Bett gelegt hatte, ein Klopfen an der Hausthür. Noch ehe ich mein Licht wieder angezündet hatte, sagte ich mir: »Da ist er.« Nothdürftig gekleidet ging ich mit dem Licht die Treppe hinunter. Ich rief durch die Thür hinaus: »Wer ist da?« und die Stimme meines Mannes antwortete: »Laß mich hinein!«

»Am ganzen Leibe zitternd, als ob mich der Schlag gerührt habe, mußte ich mich auf einen auf dem Vorplatz stehenden Stuhle niederlassen. Es war nicht Furcht vor ihm, sondern meine prophetische Stimmung, die so auf mich wirkte. Ich wußte, daß die Zeit gekommen sei, wo ich endlich dazu getrieben würde. Ich mochte es versuchen wie ich wollte, mich des Gedankens zu entschlagen, mein Geist sagte, ich würde es jetzt thun. Zitternd saß ich eine Weile so auf dem Stuhl auf dem Vorplatz, ich an der einen Seite der Thür, er an der andern. Er klopfte wieder und wieder. Ich wußte, daß mein Versuch vergeblich sein würde, und doch beschloß ich den Versuch zu machen. Ich wollte ihn nicht einzulassen, bis man mich dazu zwingen würde; ich beschloß, ihn die Nachbarn alamiren zu lassen und abzuwarten, ob diese sich in’s Mittel legen würden. Ich ging hinauf und wartete oben an dem über der Thür befindlichen offenen Treppenfenster. Ein Constabler kam herbei und die Nachbarn sammelten sich vor der Thür. Sie drangen Alle auf seine Verhaftung. Schon hatte ihn der Constabler ergriffen, aber er brauchte nur oben nach dem Fenster auf mich hinzuweisen und zu erklären, daß ich seine Frau sei. Die Nachbarn gingen wieder in ihre Häuser, der Constabler ließ ihn los. Jetzt war ich es, die Unrecht hatte, und nicht er. Ich war verpflichtet, meinen Mann einzulassen, so ging ich wieder hinunter und öffnete ihm. Die Nacht verging ruhig. Ich hatte ihn in das neben meinem Zimmer befindliche Schlafzimmer gelassen und meine Thür verschlossen. Er hatte sich den ganzen Tag ohne einen Penny in der Tasche ans der Straße herumgetrieben und war todmüde. Ein Bett, auf dem er sich ausruhen konnte, war Alles, was er für diese Nacht verlangte.«

»Am nächsten Morgen versuchte ich es wieder, umzukehren aus dem Wege, den ich zu wandeln verdammt war, obgleich ich voraus wußte, daß es umsonst sein würde. Ich bot ihm drei Viertheile meines armseligen Wochenlohnes, die ihm regelmäßig auf dem Comptoir des Hauswirths ausgezahlt werden sollten, wenn er nur mich und das Haus meiden wolle. Er lachte mir in’s Gesicht. Da er mein Mann war, konnte er Alles, was ich verdiente, zu sich nehmen wenn er wollte, und hatte Anspruch auf freies Quartier im Hause, so lange ich engagirt war in demselben einzuhüten. Der Hauswirth hatte kein Recht, Mann und Weib zu trennen. Ich sagte nichts weiter. Im Lauf des Tages erschien der Hauswirth. Er erklärte, wenn wir ruhig zusammen leben könnten, so habe er weder Recht noch den Wunsch, sich in unsere Angelegenheiten mischen, wenn es aber Auftritte zwischen uns gäbe, so würde er genöthigt sein, eine andere Frau zum Einhüten zu engagiren. Ich konnte nirgends anderswo hingehen und wußte keine andere Beschäftigung zu finden. Wenn ich trotzdem ausgegangen wäre, so würde mein Mann mir gefolgt sein. Und alle anständigen Leute würden ihm auf die Schulter geklopft und gesagt haben: »Recht so, lieber Mann, recht so!« So war er also nach seinem eigenen Willen und mit Zustimmung aller andern Leute in demselben Hause mit mir. Ich sagte nichts, weder zu ihm, noch zu dem Hauswirth. Mich konnte jetzt nichts mehr aufregen Ich wußte, was kommen mußte und wartete ruhig das Ende ab.«

»Es mußte, eine Veränderung mit mir vorgegangen sein, von der ich selbst nichts wußte, die aber für Andere sichtbar zu sein schien und die meinen Mann zuerst überraschte und dann erschreckte. Am nächsten Abend hörte ich ihn die Thür in seinem Zimmer leise verschließen; mir war das gleichgültig. Ich wußte, daß wenn die Zeit kommen würde, zehntausend Schlösser das nicht würden verhindern können, was kommen mußte.«

»Der nächste Tag, an dem ich meinen Wochenlohn bekam, brachte mich dem Ende um einen Schritt näher. Das Geld konnte er wieder vertrinken. Dieses Mal fing er vorsichtig an, mit andern Worten, er trank anfänglich wenig. Der Hauswirth ein braver Mann, der gern den Frieden zwischen uns aufrecht erhalten wollte, hatte meinem Mann allerhand Reparaturen im Hause zu machen gegeben.«

»Ich thue das«, sagte er zu ihm, »aus Mitleid mit Ihrer armen Frau. Ich möchte Ihnen um ihretwillen helfen. Versuchen Sie es, sich meiner Hilfe würdig zu erweisen.«

»Er erwiderte wie gewöhnlich»er wolle ein neues Leben anfangen. Es war zu spät, die Zeit war vorüber. Er war verdammt und ich war verdammt. Es war mir gleichgültig, was er jetzt sagte, war mir gleichgültig, daß er abends vor dem Schlafengehen seine Thür verschloß.«

»Der nächste Tag war ein Sonntag; es ereignete sich nichts, ich ging aus reiner Gewohnheit zur Kirche, aber es that mir nicht gut. Allmälig trank er etwas mehr, aber noch immer vorsichtig und verhältnismäßig wenig zur Zeit. Ich wußte aus Erfahrung, daß das der Anfang eines langen und schweren Anfalls sei.«

»Am Montag sollte mit den verschiedenen Reparaturen im Hause der Anfang gemacht werden. Er war noch gerade nüchtern genug, um seine Arbeit zu thun und schon betrunken genug, sich ein boshaftes Vergnügen daraus zu machen, seine Frau zu quälen. Er ging aus, sich die Sachen zu holen, die er zur Arbeit brauchte, kam wieder und rief mich. Ein geschickter Arbeiter, wie er, sagte er, brauche einen Tagelöhner, ihm zu helfen. Es gäbe bei der Arbeit Dinge zu thun, die unter der Würde eines so geschickten Arbeiters, wie er, seien. Er wolle dazu nicht erst einen Mann oder einen Jungen nehmen, die er bezahlen müsse, er könne sich das ja umsonst verschaffen und mich zum Tagelöhner nehmen.

»Halb betrunken und halb nüchtern fuhr er fort solche Reden zu führen, während er seine Sachen ganz gehörig, wie er sie brauchte, um sich her zurecht legte. Als er damit fertig war, richtete er sich auf und wies mich an, was ich zu thun habe. Ich that, was er mich thun hieß, so gut ich konnte. Was er auch sagen und thun mochte, ich wußte, daß er geradewegs seinem Tode durch meine Hand entgegen gehe.«

»Die Ratten und Mäuse hatten schon lange ungehindert in den Zimmern gehaust und das ganze Haus bedurfte der Reparatur. Mein Mann hatte mit dem Fußboden in der Küche anfangen müssen, aber es stand geschrieben, daß er mit den leeren Wohnzimmern zur ebenen Erde beginnen sollte. Diese Zimmer waren durch eine aus Latten und Gips bestehende, sogenannte Scheerwand getrennt. Die Ratten hatten die Scheerwand beschädigt. An einer Stelle hatten sie dieselbe durchnagt und die Tapete verdorben, an einer andern Stelle waren sie nicht so weit gekommen. Die Ordre des Hauswirths ging dahin, die Tapete zu schonen, weil er noch Stücke davon habe. Mein Mann fing an einer Stelle an, wo die Tapete noch unversehrt war. Nach seiner Weisung mischte ich etwas, was ich nicht näher beschreiben werde.«

»Unter Anwendung dieser Mischung löste er die Tapete, ohne sie im Mindesten zu beschädigen, in einem langen Streifen von der Wand ab. Darunter lagen die Latten und der Gips, welche die Ratten an einigen Stellen ganz weggenagt hatten. Obgleich mein Mann seinem Gewerbe nach eigentlich nur Tapezierer war, so verstand er sich doch auch auf’s Gipsen. Ich sah zu, wie er die verrotteten Latten herausschnitt und den Gips wegräumte, machte wieder nach seiner Weisung, den neuen Gips für ihn zurecht, reichte ihm die neuen Latten und sah, wie er sie einsetzte. Auch darüber, wie er das machte, will ich kein Wort sagen. Ich habe einen schrecklichen Grund, davon hier zu schweigen. Bei Allem, was mein Mann mich an diesem Tage thun ließ, zeigte er mir in seiner Verblendung die beste Art, ihn umzubringen, so daß kein lebendes Wesen, weder Polizei noch andere Menschen, Verdacht gegen mich würden schöpfen können. Gerade vor Dunkelwerden wurden wir mit der Arbeit an der Wand fertig. Wir gingen, ich meinen Thee und er seinen Branntwein zu trinken. Während er noch der Flasche tüchtig zusprach, ging ich, unsere Schlafzimmer für die Nacht in Ordnung zu bringen. Die Stellung seines Bettes, auf die ich früher nie besondere Acht gegeben hatte, drängte sich mir, so zu sagen, jetzt auf. Das Kopfende der Bettstelle stand an der Wand, die sein Zimmer von dem meinigen trennte.«

»Nachdem ich mir das Bett angesehen hatte, betrachtete ich mir auch die Wand näher und suchte, indem ich mit den Knöcheln darauf klopfte, heraus zu bringen, woraus sie bestehe. Der Klang belehrte mich, daß auch hier unter der Tapete nichts sein könne als Latten und Gips. Unten, wo die Wand von derselben Beschaffenheit war, waren wir an gewissen Stellen, die der Reparatur am bedürftigsten waren, so weit in die Latten und den Gips vorgedrungen, daß wir uns hatten in Acht nehmen müssen, die Tapete an der anderen Seite der Wand nicht zu verletzen. Ich erinnerte mich genau der Worte, mit denen mein Mann mich, als wir bei dieser Arbeit beschäftigt gewesen waren, gewarnt hatte: Nimm Dich in Acht, daß Du mit Deinen Händen nicht in die andere Stube hinein kommst. Die Augen fest auf den Schlüssel geheftet, den er an seiner Seite in’s Schlüsselloch gesteckt hatte, um sich Nachts einzuschließen, wiederholte ich mir jene Worte fortwährend, bis mir ihr wahrer Sinn plötzlich wie ein Blitz aufging. Ich sah das Bett an, dann die Wand, dann meine eigenen Hände und mich durchschauerte, wie an einem kalten Wintertage. Stunden müssen an jenem Abende vergangen sein, während ich oben war. Ich verlor völlig das Bewußtsein der Zeit. Als mein Mann mit seiner Branntweinflasche fertig war und hinauf kam, fand er mich oben in seinem Zimmer.«

11.

»Was nun folgte, lasse ich unerwähnt, und gehe absichtlich zu dem über, was»am nächsten Morgen geschah. Keine sterblichen Augen außer meinen eigenen, werden diese Zeilen je zu sehen bekommen. Und doch giebt es Dinge, die eine Frau auch für sich selbst nicht nieder schreiben kann. Ich will nur so viel sagen. Gerade in dem Augenblick, wo ich mir zum ersten Mal über die Art klar geworden war, wie ich meinem Mann das Leben nehmen könne, mußte ich von ihm noch das Schlimmste erdulden, was einer Frau von einem verhaßten Mann widerfahren kann. Um Mittag ging er aus, um die Runde durch die Kneipen zu machen, ich war um diese Zeit noch fester als vorher entschlossen, mich ein für allemal von ihm zu befreien, wenn er abends wieder nach Hause kommen würde. Die Sachen, die wir am vorigen Tage bei den Reparaturen gebraucht hatten, waren unten im Wohnzimmer geblieben. Ich war ganz allein im Hause, und konnte mir die Unterweisung, die ich von ihm erhalten hatte, zu Nutze machen. Ich erwies mich als eine geschickte Schülerin. Noch ehe die Laternen auf der Straße angezündet waren, hatte ich in meinem und seinem Zimmer alles darauf vorbereitet, nachts, wenn er sich eingeschlossen haben würde, Hand an ihn zu legen. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich während all’ jener Stunden etwas von Furcht oder Zweifel angewandelt hätte. Ich verzehrte mein bischen Abendbrod mit nicht mehr und nicht weniger Appetit als gewöhnlich. Die einzige Veränderung in meinem Wesen, deren ich mich erinnern kann, war die, daß ich ein eigenthümliches Verlangen empfand, Jemanden bei mir zu haben, der mir hätte Gesellschaft leisten können. Da ich keine Freunde hatte. die ich zu mir bitten konnte, ging ich hinunter, stellte mich vor die Hausthür und sah mir die Vorübergehenden an. Ein herumschlüpfender Hund kam zu mir heran. Im Allgemeinen mag ich weder Hunde noch Thiere überhaupt leiden; aber diesen Hund lockte ich hinein und gab ihm zu essen. Er war vermuthlich dazu abgerichtet, sich auf die Hinterbeine zu setzen und so um Futter zu bitten, wenigstens drückte er bei mir sein Verlangen nach mehr so aus. Ich lachte, —— es scheint mir jetzt kaum glaublich, wenn ich daran zurückdenke, aber es ist doch wahr, ich lachte, bis mir die Thränen über die Backen liefen, über das kleine Thier, wie es da aus seinen Hinterbeinen saß, mit gespitzten Ohren, den Kopf auf die eine Seite geneigt und ihm der Mund nach den Nahrungsmitteln wässerte. Ich möchte wohl wissen, ob ich damals recht bei Sinnen war; ich glaube es beinahe nicht. Nachdem der Hund die Ueberreste meines Abendbrots ganz verzehrt hatte, fing er an zu winseln, um wieder auf die Straße hinausgelassen zu werden. Als ich die Hausthür öffnete, um das Thier hinaus zu lassen, sah ich meinen Mann gerade über die Straße auf das Haus zukommen. »Bleibe fort«, rief ich ihm zu, »nur diese Nacht bleibe fort« Er war zu betrunken, um meine Worte zu hören, ging an mir vorüber und stolperte die Treppe hinauf. Ich folgte ihm und horchte auf der Treppe, und hörte, wie er seine Thür öffnete, wieder zuschlug und verschloß. Ich wartete ein wenig und ging dann ein Paar Stufen weiter hinauf. Jetzt hörte ich, wie er auf’s Bett fiel. Eine Minute später war er fest eingeschlafen und schnarchte laut. So war Alles gekommen, wie es kommen mußte. Nach Verlauf von zwei Minuten hätte ich ihn, ohne das Mindeste zu thun, was geeignet gewesen wäre, einen Verdacht gegen mich rege zu machen, ersticken können. Ich ging auf mein Zimmer und nahm das Tuch, das ich bereit gelegt hatte, zur Hand. Im Begriff, es zu thun, überkam mich plötzlich etwas, ich kann nicht deutlich sagen, was es eigentlich war, das Entsetzen packte mich und trieb mich fort zum Hause hinaus. Ich setzte meinen Hut auf, verschloß die Hausthür von Außen und nahm den Schlüssel zu mir.«

»Es war noch nicht zehn Uhr. Wenn irgend etwas in meinem verwirrten Kopf klar war, so war es der Wunsch, fortzulaufen und dieses Haus und meinen Mann nie wieder«zu sehen. Ich ging nach rechts hin bis an’s Ende der Straße und kehrte wieder um; ich machte einen zweiten Versuch, Straße auf, Straße ab, aber zuletzt trieb es mich doch wieder nach dem Hause zurück. Ich sollte nicht fort, das Haus hielt mich an sich gefesselt, wie ein Hundehaus den an dasselbe geketteten Hund. Und wenn es mein Leben gekostet hätte, ich hätte nicht fort gekonnt.«

»In dem Augenblick, wo ich wieder in’s Haus treten wollte, ging gerade eine Gesellschaft von lustigen jungen Männern und Frauen an mir vorüber. Sie hatten es sehr eilig.«

»Beeilt Euch,« sagte einer der Männer, »das Theater ist hier ganz in der Nähe, und wir können gerade noch die Posse sehen.«

»Ich kehrte wieder um und folgte ihnen. Ich war sehr fromm erzogen worden und noch nie in meinem Leben in einem Theater gewesen. Der Gedanke fuhr mir durch den Kopf, daß es mich vielleicht, so zu sagen, aus mir selbst herausreißen könnte, wenn ich etwas zu sehen bekäme, was mir ganz neu wäre, und was mich auf andere Gedanken bringen könnte. Die jungen Leute gingen in’s Parterre und ich folgte ihnen dahin. Das Ding, was sie Posse nannten, hatte eben angefangen. Männer und Frauen kamen auf die Bühne liefen hin und her, sprachen und gingen wieder weg. Es dauerte nicht lange und alle Leute im Parterre um mich her lachten aus vollem Halse und klatschten in die Hände. Der Lärm, den sie machten, ärgerte mich. Ich weiß nicht, wie ich den Zustand, indem ich mich befand, schildern soll.«

»Meine Augen und meine Ohren versagten mir ihren Dienst zu sehen und zu hören, was die anderen Leute sahen und hörten. Es muß wohl etwas in meinem Gemüth gewesen sein, was sich zwischen mich und das auf der Scene Vorgehende drängte. Das Stück schien ganz lustig, aber dahinter steckte doch Gefahr und Tod. Die Schauspieler schwatzten und lachten, um die Leute zu betrügen und ihre Mordgedanken zu verbergen.«

»Und das merkte Keiner außer mir, und meine Zunge war gefesselt, als ich versuchen wollte es den Andern zu sagen.«

»Ich stand auf und lief hinaus. Kaum war ich auf der Straße, als mich meine Füße unwillkürlich nach dem Hause zurückbrachten. Ich rief eine Fiacre an, und hieß den Kutscher, mich soweit, wie er es für einen Schilling könne, in der entgegengesetzten Richtung zu fahren.«

»Er setzte mich, ich weiß selbst nicht wo, ab. An der anderen Seite der Straße sah ich über einer offenen Thür eine illuminirte Inschrift. Auf meine Frage antwortete der Kutscher, es sei ein Tanzlokal. Tanzen war für mich etwas eben so Neues wie Theater. Ich hatte gerade noch einen Schilling bei mir, und gab ihn für das Entree aus, um zu sehen, was mir das Tanzen für einen Eindruck machen würde. Die Lichter eines Kronleuchters machten den Saal so hell als wenn er in Flammen gestanden hätte. Die Musik machte einen fürchterlichen Lärm. Das Herumwirbeln von Männern und Weibern, die einander in den Armen lagen, war ein Anblick zum Tollwerden. Ich weiß nicht, was hier in mir vorging. Das Licht das sich vom Kronleuchter her über den Saal ergoß, erschien mir plötzlich blutroth. Der Mann, der vor den Musikanten stand, und einen Stock in der Luft hin und her schwenkte, sah für mich aus wie der Satan, wie er auf einem Bilde in unserer Familienbibel zu Hause zu sehen war.«

»Die Männer und Weiber, die fort und fort im Saal herumwirbelten, hatten todtenbleiche Gesichter und waren in Leichentücher gehüllt. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Da ergriff mich Jemand am Arm und führte mich zur Thür hinaus. Die Dunkelheit der Straße that mir wohl, sie war mir behaglich und erquickend wie wenn sich eine kalte Hand aus eine heiße Stirn legt.«

»Ich ging im Dunkeln durch die Straßen ohne zu wissen wohin, in dem tröstlichen Glauben, daß ich meinen Weg verloren habe und daß ich mich bei Tagesanbruch meilenweit vom Hause entfernt finden würde.«

»Nach einer Weile fühlte ich mich zu erschöpft, um weiter zu gehen, und setzte mich auf eine Haustreppe nieder, um mich aufzurichten. Ich schlummerte ein wenig und erwachte wieder. Als ich aufstand, um wieder weiter zu gehen, sah ich zufällig die Hausthür an. Sie trug dieselbe Hausnummer wie unser Haus. Ich sah genauer darauf und siehe da, ich hatte mich auf meiner eigenen Haustreppe ausgeruht. Alle meine Bedenken und alle meine inneren Kämpfe waren wie mit einem Schlage beseitigt, als ich diese Entdeckung machte. Ich konnte mich nicht länger darüber täuschen, was dieses beständige Zurückkehren nach dem Hause zu bedeuten habe; was ich auch zu thun versuchte, es sollte sein.«

»Ich öffnete die Hausthür, ging hinauf und hörte ihn laut schnarchen, gerade wie er geschnarcht hatte, als ich fortgegangen war. Mich auf mein Bett, setzend, nahm ich meinen Hut ab und fühlte mich völlig ruhig, weil ich wußte, es müsse geschehen. Ich feuchtete das Handtuch an, legte es in Bereitschaft und ging im Zimmer auf und ab.«

»Der Tag brach eben an. Die Sperlinge in den Bäumen auf dem naheliegenden Square fingen an zu zwitschern. Ich zog das Rouleau auf. Die Morgendämmerung schien zu mir zu sprechen: »Thue es jetzt, bevor das Tageslicht Dein Thun so hell bescheint.«

»Auch aus dem tiefen Schweigen, das rings um mich her herrschte, sprach eine freundliche Stimme zu mir: »Thue es jetzt und vertraue mir Dein Geheimniß an.« Ich wartete, bis die ersten Schläge der Kirchenuhr erklangen. Mit dem ersten Schlage legte ich ihm, ohne das Schloß an seiner Thür zu berühren, ohne einen Fuß in sein Zimmer zu setzen das Handtuch aufs Gesicht. Und ehe die Glocke den letzten Schlag gethan, hatte er aufgehört zu athmen. Als die Glocke schwieg und es wieder todtenstill geworden war, lag auch er todtenstill auf seinem Bette.«

»Der Rest meiner Geschichte ist für mich durch vier Tage bezeichnet; Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonnabend; denn nachher wird es in meinem Gedächtniß trübe, und die folgenden Jahre, mit denen ein neues Leben für mich beginnt, erscheinen mir in einem ganz anderen Lichte. Hier will ich zuerst niederschreiben, was noch von meinem alten Leben zu sagen ist. Was empfand ich in der fürchterlichen Stille des Morgens, als ich es gethan hatte? Ich weiß es selbst nicht mehr, oder ich kann es nicht sagen. Ich kann nur sagen, was sich an jenen vier Tagen begab.«

Mittwoch. »Gegen Mittag schlug ich Lärm im Hause. Lange vorher hatte ich Alles in die beste Ordnung gebracht. Ich brauchte nur nach Hilfe zu rufen und den Leuten zu überlassen, zu thun, was sie für gut fänden.«

»Zuerst kamen die Nachbarn und dann die Polizei. Vergebens klopften sie an seine Thür. Dann erbrachen sie die Thür und fanden ihn todt in seinem Bette. Nicht der leiseste Verdacht gegen mich wurde bei irgend Jemandem rege. Ich brauchte die menschliche Gerechtigkeit nicht zu fürchten; was mich aber mit unaussprechlicher Furcht erfüllte, das war die rächende Vorsehung. In der folgenden Nacht schlief ich wenig und hatte einen Traum, in welchem ich die That noch einmal beging. Eine Zeitlang dachte ich daran, mich selbst anzugeben, und würde es gethan haben, wenn ich nicht einer respectablen Familie angehört hätte. Generationen hindurch hatte sich der gute Name unserer Familie unbefleckt erhalten. Es wäre für meinen Vater der Tod, und für meine ganze Familie eine Schmach gewesen, wenn ich meine That bekannt und dafür am Galgen gebüßt hätte. Ich betete zu Gott um seine Führung und hatte gegen Morgen eine Offenbarung. Mir wurde in einer Vision geheißen, die Bibel zu öffnen, und aus dieselbe zu geloben, von diesem Tage an mich mit meiner Schuld von meinen unschuldigen Mitmenschen abzusondern, fortan still für mich unter ihnen einher zu gehen und meine Sprache nur zum Gebet in meinem einsamen Zimmer, wo Niemand mich würde hören können, zu gebrauchen. Ich gelobte es.«

»Kein menschliches Ohr hat mich seit diesem Tage reden gehört; und kein menschliches Ohr soll mich auch ferner reden hören.«

Donnerstag. »Die Leute wollten wie gewöhnlich mit mir reden, aber sie fanden mich stumm. Der Stoß, den ich früher am Kopf erlitten und der nachtheilige Einfluß, den dieser Unfall auf meine Sprache gehabt hatte, machten die jetzt bei mir eingetretene Stummheit wahrscheinlicher, als es bei einer anderen Person der Fall gewesen sein würde. Man brachte mich wieder in’s Hospital. Hier waren die Aerzte in ihren Ansichten getheilt. Einige meinten, die Erschütterung des neuesten Vorfalls, zusammen mit der früheren Erschütterung, könnte wohl das Uebel verursacht haben. Andere dagegen sagten: »Sie hat nach dem damaligen Unfall ihre Sprache wieder bekommen, sie hat seitdem keine neue Verletzung erfahren; die Frau stellt sich nur aus besonderen Gründen stumm. Ich ließ sie ruhig hin und her disputiren so viel sie wollten. Alles was die Menschen sagten, war mir jetzt vollkommen gleichgültig. Ich hatte mich von meinen Mitmenschen abgesondert; ich hatte mein einsames, stummes Leben begonnen. Während dieser ganzen Zeit verließ mich der Gedanke an eine mir drohende Strafe keinen Augenblick. Von der menschlichen Gerechtigkeit hatte ich nichts zu fürchten. Was ich erwartete, war das Gericht einer rächenden Vorsehung.«

Freitag. »An diesem Tage fand die Leichenschau statt. Er war seit Jahren als ein unverbesserlicher Trunkenbold bekannt gewesen, man hatte ihn endlich in seinem von Innen verschlossenen Zimmer und bei geschlossenen Fenstern todt gefunden. Ein Kamin war in dieser Bodenstube nicht vorhanden, nichts in dem Zimmer war vom Platze gerückt oder in Unordnung gebracht, kein Mensch konnte in das Zimmer eingedrungen sein. Der Bericht des Arztes ging dahin, daß er an einem Lungenschlag gestorben sei, und das Verdict der Jury lautete dem entsprechend.«

Sonnabend. »Dieser Tag muß vor allen hier als denkwürdig eingezeichnet werden, weil an ihm das Gericht über mich erging war drei Uhr Nachmittags, im hellsten Sonnenschein, unter einem wolkenlosen Himmel, inmitten von Hunderten unschuldiger Geschöpfe, als ich, Hester Dethridge, zum ersten Mal die Erscheinung, die mich bis zu meinem Tode verfolgen sollte, sah. Ich hatte eine schreckliche Nacht verbracht. Mir war ähnlich zu Muthe, wie an dem Abende, wo ich in’s Theater gegangen war. Ich ging aus und wollte versuchen, was Luft und Sonnenschein und das frische Grün des Rasens und der Bäume über mich vermöchten. Der nächste Ort, wo ich dies Alles finden konnte, war Regent’s Pakt. Nach einem der ruhigen Wege in der Mitte des Parks gehend, der für Wagen und Pferde verschlossen ist und wo alle Leute sich sonnen und Kinder gefahrlos spielen können, setzte ich mich ans eine Bank, um auszuruhen. Unter den Kindern um mich her war ein schöner, kleiner Knabe, der mit einem nagelneuen Spielzeug, Pferde und Wagen spielte. Während ich ihn beobachtete, wie er geschäftig die Grashalme abpflückte und auf seinen Wagen lud, empfand ich zum ersten Male, was ich seitdem zu wiederholten Malen empfunden habe, einen Schauer, der mich langsam kalt überlief, eine Furcht vor etwas dicht neben mir Verstecktem, das aus seinem Versteck hervortreten und sich zeigen werde, wenn ich meinen Blick dahin richtete. Dicht neben mir stand ein großer Baum. Ich sah nach dem Baum und erwartete, daß das dahinter Versteckte hervortreten werde; und siehe da, die Erscheinung kam, dunkel und schattenhaft im hellen Sonnenschein. Zuerst unterschied ich nur die ungewissen Umrisse einer Frauengestalt. Nach einer kleinen Weile fing es an deutlicher zu werden, erhellte sich von Innen nach Außen, wurde heller und heller, bis ich mein eigenes Ich klar vor mir sah, wie wenn ich vor einem Spiegel stände, meine Doppelgängerin, die mich mit meinen eigenen Augen ansah. Ich sah, wie die Gestalt über das Gras hinwandelte, sah, wie sie hinter dem schönen Knaben stehen blieb, sah, wie sie stand und horchte, wie ich gestanden und auf die Schläge der Glocke gehorcht hatte. Dann schien sie den entscheidenden Schlag zu vernehmen, deutete mit meiner eigenen Hand auf den vor ihr stehenden Knaben hinunter, und rief mir mit meiner eigenen Stimme zu: »Tödte ihn.« Die Zeit verging. Ich weiß nicht ob es eine Minute oder eine Stunde dauerte. Himmel und Erde waren für mich nicht mehr vorhanden. Ich sah nichts als meine Doppelgängerin mit der ausgestreckten Hand; ich fühlte nichts, als das Verlangen das Kind zu tödten. Dann plötzlich tauchte das Bewußtsein von Himmel und Erde wieder in mir auf; jetzt sah ich, daß die Leute, um mich her mich anstarrten, als ob ich nicht recht bei Sinnen sei. Mit großer Anstrengung stand ich auf und gewann es, mit noch größerer Anstrengung über mich, von dem Knaben weg zu sehen; ich riß mich gewaltsam von dem Anblick der Erscheinung los und eilte wieder auf die Straße. Ich kann die überwältigende Macht der Versuchung nur auf diese Art beschreiben; die Anstrengung, die es mich kostete, davon abzustehen, das Kind umzubringen, war so furchtbar, als ob mir das Leben genommen werden sollte. Und so, wie diese Versuchung das erste Mal gewirkt hatte, hat sie seitdem immer aus mich gewirkt.

Es giebt kein Mittel dagegen, als diese furchtbar marternde Anstrengung, und kein anderes Mittel, die Qualen die ich noch nachher erdulde, zu lindern, als durch einsames Gebet. Das Bewußtsein einer kommenden Strafe hatte mich verfolgt und die Strafe war gekommen. Ich hatte das Urtheil der rächenden Vorsehung erwartet, und das Urtheil war gesprochen. Mit König David konnte ich jetzt sagen: »Ich bin elend und ohnmächtig, daß ich so verstoßen bin; ich leide Dein Schrecken daß ich schier verzage.« ——

Bei dieser Stelle des Manuskripts sah Geoffrey zum ersten Mal wieder von demselben auf. Ein Ton außerhalb des Zimmers hatte ihn aufgeschreckt. Kam der Ton vom Vorplatz her? Er horchte. Jetzt war wieder Alles still. Er blickte wieder auf das »Bekenntniß« und ließ die letzten Blätter durch die Finger gleiten, um zu sehen wie viel noch davon bis zum Schluß übrig sei. Nachdem die Schreiberin die Umstände mitgetheilt, unter denen sie wieder in Dienst getreten war, setzte sie die Erzählung ihrer Lebensgeschichte nicht weiter fort. Die wenigen noch übrigen Seiten waren mit dem Fragment eines Tagebuches ausgefüllt. Die kurzen Aufzeichnungen desselben bezogen sich alle auf die verschiedenen Gelegenheiten, bei welchem Hester Dethridge wieder und wieder die schreckliche Erscheinung von sich selbst gesehen und wieder und wieder der wahnwitzigen Mordlust widerstanden hatte, welche das grausige Geschöpf ihres eigenen wirren Gehirns in ihr erzeugte. Die Anstrengung, welche dieser Widerstand sie kostete, war der Schlüssel zu ihrem zeitweiligen, hartnäckigen Bestehen auf dem Verlangen, Stunden und Tage von der Erfüllung ihrer Dienstpflichten entbunden zu werden; diese Anstrengung erklärte es auch, daß sie es beim Antritt eines neuen Dienstes jedes Mal zur ausdrücklichen Bedingung gemacht hatte, ein eigenes Schlafzimmer für sich zu haben. Nachdem Geoffrey die mit diesen Aufzeichnungen angefüllten Seiten gezählt hatte, nahm er die Lectüre des Manuscripts an der Stelle, wo er sie unterbrochen hatte, wieder auf. Eben hatte er die erste Zeile gelesen, als das Geräusch auf dem Vorplatz, das einen Augenblick aufgehört hatte, ihn wieder störte. Dieses Mal war es ihm sofort klar, was der Ton zu bedeuten habe. Er hörte deutlich Hester’s eilige Fußtritte, er hörte sie einen furchtbaren Schrei ausstoßen. Sie war aus ihrem Schlaf auf dem Lehnstuhl im kleinen Wohnzimmer wieder erwacht und hatte ihr »Bekenntniß« vermißt. Geoffrey steckte das Manuscript in seine Brusttasche Dieses Mal sollte ihm seine Lectüre ihre Dienste leisten. Er brauchte nicht weiter zu lesen, brauchte auch den Newgate Kalender nicht mehr. Als er aufstand, spielte um seine hängenden Lippen ein furchtbares Lächeln. So lange das Bekenntniß des Weibes in seiner Tasche steckte, war das Weib selbst in seiner Gewalt. »Wenn sie es von mir wieder haben will«, sagte er zu sich, »muß sie erst meine Bedingungen erfüllen.« Mit diesem Entschluß öffnete er die Thür und stand Hester Dethridge gegenüber auf dem Vorplatz.



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Zweiundsechzigstes Kapitel - Die Anzeichen des nahenden Endes

Als die Magd am nächsten Morgen das Frühstück auf Anne’s Zimmer brachte, schloß sie mit einer geheimnißvollen Miene die Thür hinter sich und meldete, es gingen sonderbare Dinge im Hause vor.

»Haben Sie gestern Abend nichts von unten her gehört, Madame?« fragte sie.

»Es kam mir vor«, erwiderte Anne, »als ob ich Stimmen draußen vor meiner Thür flüstert: hörte. Ist etwas vorgefallen?«

Der sehr confuse Bericht des Mädchens lief im Wesentlichen auf Folgendes hinaus.

Zu ihrem Schrecken war ihre Herrin plötzlich auf dem Vorplatz erschienen und hatte wild um sich geblickt, als ob sie den Verstand verloren hätte. Gleich darauf habe der Herr die Thür des Wohnzimmers aufgerissen, habe Mrs. Dethridge am Arm ergriffen, sie in’s Zimmer hineingezogen und die Thür wieder geschlossen.

Nachdem die Beiden länger als eine halbe Stunde zusammen eingeschlossen gewesen seien, sei Mrs. Dethridge todtenbleich wieder herausgekommen, und sei zitternd, wie Jemand, der sich entsetzlich ängstige, die Treppe hinauf gegangen. Etwas später, berichtete das Mädchen weiter, als sie schon im Bett gelegen, aber noch nicht geschlafen, habe sie einen Lichtschimmer, unter ihrer Thür, in dem kleinen hölzernen Gang gesehen, welcher sich zwischen Anne’s und Hester’s Schlafzimmer befand, und von dem aus sie in ihr neben Hester’s gelegenes kleines Schlafzimmer gelangte. Sie sei ausgestanden und habe durch’s Schlüsselloch gesehen, wie der Herr und Mrs. Dethridge zusammen die Wände des kleinen Ganges untersucht hätten. Der Herr habe die Hand auf die Wand an der Seite von Anne’s Schlafzimmer gelegt und habe Mrs. Dethridge dabei angesehen diese habe ihn wieder angesehen und mit dem Kopf geschüttelt. Dann habe er einen Augenblick nachgedacht, und dann wieder geflüstert: »Aber in dem anderen Zimmer wird’s gehen?« Da habe Mrs. Dethridge mit dem Kopf genickt, und darauf seien sie fortgegangen. So lautete der Bericht über die Vorgänge des gestrigen Abends und der Nacht. In der Frühe seien dann noch andere sonderbare Dinge geschehen. Der Herr sei mit einem großen, versiegelten mit vielen Postmarken versehenen Packet ausgegangen, habe dasselbe also wohl selbst zur Post getragen, anstatt es wie gewöhnlich durch sie, die Magd, besorgen zu lassen. Als er wieder nach Hause gekommen, sei Mrs. Dethridge ausgegangen.

Kurz nachher habe ein Arbeiter ein Bündel Latten und etwas Mörtel und Gyps gebracht, und seien diese Sachen vorsichtig in eine Ecke der Aufwaschküche gestellt worden.

Endlich und das sei das Merkwürdigste von Allem, habe sie Erlaubniß erhalten, an dem heutigen Tage nach Hause zu gehen und ihre Verwandten auf dem Lande zu besuchen; während Mrs. Dethridge ihr, als sie engagirt wurde erklärt habe, daß sie vor Weihnachten nicht darauf rechnen dürfe, einen freien Tag zu bekommen. Das waren die sonderbaren Vorfälle, die sich seit gestern Abend im Hause begeben hatten. Wie waren diese Dinge zu erklären?

Das war nicht leicht.

Einige der Vorfälle deuteten augenscheinlich darauf hin, daß Reparaturen oder Veränderungen im Hause vorgenommen werden sollten. Aber was Geoffrey, dem die Wohnung bereits gekündigt war, damit zu thun hatte, und was Hester Dethridge in so leidenschaftliche Aufregung versetzt haben könnte, —— das blieb völlig räthselhaft.

Anne entließ das Mädchen mit einigen freundlichen Worten und einem kleinen Geschenke. Unter anderen Umständen würden die unbegreiflichen Vorgänge im Hause sie vielleicht ernstlich beunruhigt haben; aber jetzt war ihr Gemüth von dringenderen Sorgen in Anspruch genommen.

Blanche’s zweiter Brief, den sie am gestrigen Abend durch Hester erhalten hatte, theilte ihr mit, daß Sir Patrick auf seinem Entschluß beharre, und, möge daraus entstehen was da wolle, noch heute in Begleitung seiner Nichte hinauskommen werde. Anne nahm den Brief wieder zur Hand und durchlas ihn zum zweiten Male. Die Stellen, die sich auf Sir Patrick bezogen, lauteten so:

»Du kannst Dir keinen Begriff davon machen, mein lieber Engel wie lebhaft sich mein Onkel für Dich interessirt. Obgleich er sich nicht, wie ich mir, vorzuwerfen hat, die unglückliche Ursache des von Dir gebrachten Opfers zu sein, macht ihn doch Deine Lage ganz so elend wie mich. Wir sprechen von nichts Anderem als von Dir. Gestern Abend noch sagte er, er glaube nicht, daß es auf der Welt Deines Gleichen gäbe. Und das sagt ein Mann, der so furchtbar scharfe Augen für die Fehler der Frauen im Allgemeinen und eine so furchtbar scharfe Zunge bei der Beurtheilung derselben hat. Ich habe zwar Verschwiegenheit gelobt, ich muß Dir aber im Vertrauen noch etwas erzählen. Lord Holchester’s Mittheilung, daß sein Bruder sich weigert, in eine Trennung von Dir zu willigem brachte meinen Onkel ganz außer sich. Wenn sich nicht in wenigen Tagen Deine Lage wesentlich bessert, so ist Sir Patrick entschlossen, einen, gleichviel ob gesetzlichen oder ungesetzlichen Weg ausfindig zu machen, Dich aus Deiner schrecklichen Lage zu befreien, und Arnold wird ihm mit meiner vollen Zustimmung dabei behilflich sein. Aus Allem, was wir erfahren, müssen wir schließen, daß Du Dich in einer förmlichen Gefangenschaft befindest. Sir Patrick hat sich schon einen Observationsposten in Deiner Nähe gesichert; gestern Abend ist er mit Arnold und einem Schlosser um die ganze Euer Grundstück umgebende Mauer herumgegangen und hat die hintere Gartenthür untersucht. Du wirst das Nähere darüber bald von Sir Patrick selbst hören. Bitte, laß ihn nicht merken, daß Du schon etwas davon weißt, wenn Du ihn siehst. Er hat mich nicht zu seinem Vertrauten gemacht, aber Arnold Alles mitgetheilt, und das kommt natürlich ganz auf dasselbe hinaus. Der Bestie zum Trotz, die Dich hinter Schloß und Riegel hält, wirst Du uns, ich meine meinen Onkel und mich, morgen sehen. Arnold kommt nicht mit, weil er selbst fürchtet, daß er seine Entrüstung nicht würde zurückhalten können. Muth, liebste Freundin! Es giebt zwei Personen auf der Welt, denen Du unaussprechlich werth bist und die entschlossen sind, Dich nicht zu Grunde gehen zu lassen. Die eine dieser Personen bin ich, und, um’s Himmel willen, behalte auch das für Dich, die andere ist Sir Patrick.«

In die Lectüre des Briefes und in den Conflict der Empfindungen, die derselbe rege machte, vertieft, erröthend, wenn ihre Gedanken auf sich selbst gelenkt wurden und wieder erbleichend, wenn sie des bevorstehenden Besuches gedenken mußte, wurde Anne zum Bewußtsein der Gegenwart erst durch das Wiedererscheinen der Magd zurückgerufen die ihr eine Botschaft zu bringen hatte. Mr. Speedwell war längere Zeit im Hause gewesen und wünschte nun, Anne unten zu sprechen.

Anne fand den Arzt allein im Wohnzimmer. Er entschuldigte sich, daß er sie zu so früher Stunde störe. »Es war mir unmöglich«, sagte er, »gestern herzukommen, und ich konnte Lord Holchester’s Wunsch nur mit Sicherheit entsprechen, wenn ich mich entschloß, vor der Stunde, wo ich Patienten in meinem Hause empfange, herzukommen Ich habe Mr. Delamayn gesehen und bitte um die Erlaubniß, Ihnen ein Wort in Betreff seiner Gesundheit zu sagen.«

Anne blickte zum Fenster hinaus und sah Geoffrey, der seine Pfeife nicht wie gewöhnlich im Hintergarten, sondern im Vordergarten rauchte, wo er die Pforte im Auge behalten konnte.

»Ist er krank?« fragte sie.

»Bedenklich krank«, antwortete Mr. Speedwell, »sonst würde ich Sie nicht mit dieser Unterhaltung incommodirt haben. Es ist meine Berufspflicht, Sie, als seine Frau darauf aufmerksam zu machen, daß er sich in Gefahr befindet. Er kann jeden Augenblick vom Schlage gerührt werden. Die einzige und wie ich mich zu erklären verpflichtet fühle, sehr schwache Möglichkeit einer Rettung für ihn liegt darin, daß man ihn ohne Zeitverlust dahin bringt, seine jetzige Lebensweise zu ändern.«

»In einer Beziehung«, bemerkte Anne, »wird er sofort genöthigt sein, seine Lebensweise zu ändern. Die Wirthin hat ihm angezeigt, daß er das Haus verlassen müsse.«

Mr. Speedwell schien überrascht. »Die Wirthin«, erwiderte er, »scheint ihre Ansicht wieder geändert zu haben. Ich kann Sie nur versichern, daß Mr. Delamayn, als ich ihm eine Luftveränderung anrieth, mir bestimmt erklärte, er sei aus besonderen Gründen entschlossen, hierzubleiben.«

Das war also wieder ein neuer Beitrag zu der Reihe unerklärlicher, häuslicher Ereignisse. Hester Dethridge, sonst die hartnäckigste Person auf der Welt, hatte ihre Meinung geändert.

»Davon abgesehen«, fuhr der Arzt fort, »halte ich mich für verpflichtet, zwei Vorsichtsmaßregeln zu empfehlen. Mr. Delamayn leidet ersichtlich, obgleich er es nicht zugeben will, an Verängstigungen. Die Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens kann sich nur verwirklichen, wenn diese Beängstigungen beseitigt werden. Steht es in Ihrer Macht, ihn davon zu befreien?«

»Es steht nicht einmal in meiner Macht, Ihnen über diese Beängstigungen nähere Auskunft zu geben, Mr. Speedwell.«

Der Arzt verneigte sich und fuhr fort: »Die zweite Vorsichtsmaßregel, die ich Ihnen anzuempfehlen habe, ist, geistige Getränke von ihm fern zu halten. Er giebt zu, vorgestern Abend einen Exceß im Trinken begangen zu haben. Bei seinem Gesundheitszustand bedeutet Trinken soviel wie unvermeidlicher Tod. Wenn er wieder nach der Branntweinflasche greift, —— verzeihen Sie, daß ich die Sache beim rechten Namen nenne, der Fall ist zu ernst, um ihn leicht zu nehmen —— wenn er wieder nach der Branntweinflasche greift, so stehe ich nicht fünf Minuten für sein Leben ein. Sind Sie im, Stande, geistige Getränke von ihm fern zu halten?«

Anne antwortete traurig und bestimmt: »Ich habe keinen Einfluß auf ihn. Der Fuß, auf dem wir hier leben ——«

Mr. Speedwell unterbrach sie. absichtlich mit den Worten: »Ich verstehe. Ich werde auf dem Heimwege bei seinem Bruder vorsprechen.« Er sah Anne einen Augenblick an und nahm dann wieder auf: »Sie selbst sind auch nichts weniger als wohl, kann ich etwas für Sie thun?«

»So lange ich mein jetziges Leben führen muß, Mr. Speedwell, kann selbst Ihre Kunst mir nicht helfen.«

Der Arzt verabschiedete sich. Anne eilte die Treppe hinauf, ehe Geoffrey wieder in’s Haus treten konnte. Ihre feine Natur sträubte sich dagegen, dem Manne, der ihr Leben verwüstet hatte, mit seinen tückisch, rachsüchtigen Blicken in einem Augenblick zu begegnen, wo das Todesurtheil über ihn gesprochen worden war.

Die Morgenstunden vergingen, ohne daß er einen Versuch gemacht hätte, mit ihr zu verkehren, und was noch auffallender war, auch Hester ließ sich nicht blicken. Die Magd kam hinauf, um Anne Adieu zu sagen, ehe sie aufs Land ging. Kurz darauf drangen eigenthümliche Töne von der entgegengesetzten Seite des Vorplatzes an Anne’s Ohr. Sie hörte Hammerschläge und dann ein Geräusch, wie wenn ein schweres Möbel von der Stelle gerückt würde. Offenbar hatte man mit den geheimnißvollen Reparaturen in dem Fremdenzimmer den Anfang gemacht. Anne trat an’s Fenster. Die Stunde nahte sich, wo sie erwarten konnte, daß Sir Patrick und Blanche den Versuch machen würden, sie zu sehen.

Zum drittenmal nahm sie Blanches Brief zur Hand.

Dieses mal gab ihr derselbe eine neue Erwägung an die Hand. Bedeuteten die Maßregeln, welche Sir Patrick im Geheimen ergriffen hatte vielleicht eben sowohl Besorgniß als Theilnahme für Anne? War er vielleicht der Meinung, daß sie sich in einer Lage befinde, in welcher das Gesetz ohnmächtig sei, sie zu schützen?

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Das schien ihr jetzt durchaus möglich. Angenommen, es wäre ihr möglich gewesen, einen Richter zu consultiren und ihm, wenn sie es in Worten vermöchte, die unbestimmte Furcht vor Gefahren auszusprechen, die sie beherrschte, —— welche Beweise hätte sie beibringen können, um einen Fremden zu überzeugen?

Alles, was sie zum Beweise hätte vorbringen können, sprach zu Gunsten ihres Mannes. Zeugen konnten die versöhnlichen Worte bestätigen, die er in ihrer Gegenwart zu ihr gesagt hatte. Die Aussagen seiner Mutter und seines Bruders würden ergeben, daß er es vorgezogen habe, seine pecuniären Interessen zum Opfer zu bringen, statt sich von ihr zu trennen. Sie war nicht im Stande, das Geringste beizubringen, was der Dazwischenkunft eines Dritten zwischen Mann und Weib zur Entschuldigung hätte dienen können. War Sir Patrick vielleicht davon durchdrungen und deutete das, was Blanche über seine und Arnold’s Schritte berichtete, vielleicht darauf hin, daß sie, an jeder Rechtshilfe verzweifelnd, sich selbst zu helfen im Begriff ständen?

Je mehr sie über die Sache nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr das.

Sie war noch mit diesen Gedanken beschäftigt, als die Pfortenglocke ertönte. Plötzlich verstummte das Geräusch im Fremdenzimmer. Anne sah zum Fenster hinaus. Ueber die Mauer hinweg sah sie auf ein Wagendach.

Sir Patrick und Blanche waren gekommen. Nach einer Weile erschien Hester Dethridge im Garten und trat an das Gitter in der Pforte. Anne vernahm Sir Patricks klare und entschlossene Stimme und konnte durch das geöffnete Fenster jedes Wort, was er sprach, verstehen.

»Seien Sie so gut, Mr. Delamayn meine Karte zu geben. Sagen Sie ihm, daß ich ihm eine Botschaft von Holchester House zu überbringen habe, und daß ich mich derselben nur gegen ihn selbst entledigen könne.«

Hester Dethridge ging wieder in’s Haus. Wieder dauerte es eine Weile, dieses mal etwas länger. Endlich erschien Geoffrey selbst im Vordergarten, mit dem Schlüssel zur Pforte in der Hand. Anne’s Herz klopfte stärker, als sie ihn die Pforte aufschließen sah und sie fragte sich, was nun noch folgen werde. Zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen ließ Geoffrey Sir Patrick, ohne einen Augenblick zu zaudern, ein, und was noch auffälliger war, forderte auch Blanche auf, den Wagen zu verlassen und einzutreten.

»Lassen wir Vergangenes vergangen sein«, hörte Anne ihn zu Sir Patrick sagen, »ich möchte jetzt nur das Rechte thun. Wenn es recht ist, daß Besuchende so bald nach dem Tode meines Vaters hierher kommen, so kommen Sie, und seien Sie willkommen. Mir schien es, als Sie uns früher zu besuchen wünschten, nicht recht, aber ich verstehe nicht viel von solchen Dingen und überlasse Ihnen die Entscheidung.«

»Jemandem, der Ihnen Botschaften von Ihrer Mutter und Ihrem Bruder bringt«, entgegnete Sir Patrick mit feierlichem Ernst, »sind Sie unter allen Umständen zu empfangen verpflichtet.«

»Und«, fügte Blanche hinzu, »ein solcher Bote sollte Ihnen nur um so willkommener sein, wenn er in Begleitung der ältesten und liebsten Freundin Ihrer Frau erscheint.«

Geoffrey sah Sir Patrick und Blanche mit dem Ausdruck stumpfer Ergebung an. »Ich verstehe nicht viel von solchen Dingen«, wiederholte er. »Wie gesagt, ich überlasse es Ihnen.«

In diesem Augenblick standen sie unter Anne’s Fenster. Sie zeigte sich. Sir Patrick zog den Hut vor ihr ab. Blanche warf ihr mit einem Freudenschrei eine Kußhand zu und wollte in’s Haus gehen, aber Geoffrey hielt sie zurück und rief seiner Frau zu, hinunter zu kommen.

»Nein, nein!« sagte Blanche. »Lassen Sie mich zu ihr auf ihr Zimmer gehen.«

Sie machte einen zweiten Versuch, in’s Haus zu gelangen, aber zum zweiten Mal hielt Geoffrey sie zurück. »Bemühen Sie sich nicht«, sagte er, »sie kommt herunter.«

Anne erschien im Vordergarten und trat zu ihnen. Blanche flog in ihre Arme und küßte sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Sir Patrick ergriff schweigend ihre Hand. Zum ersten Mal, so lange Aune ihn kannte, wußte der entschlossene, klare, selbstgewisse alte Herr einen Augenblick lang nicht, was er sagen und thun sollte. Seine Augen, die mit dem Ausdruck stummer Theilnahme auf ihr ruhten, sprachen deutlich: »In Gegenwart Ihres Mannes getraue ich mir nicht, mit Ihnen zu reden!«

Geoffrey brach das Schweigen mit den Worten: »Wollen Sie nicht in’s Wohnzimmer gehen?« Dabei sah er seine Frau und Blanche scharf an. Geoffrey’s Stimme schien Sir Patrick seine gewöhnliche Energie wieder zu geben. Er erhob sein Haupt und war wieder der Alte.

»Warum«, sagte er, »sollen wir bei diesem schönen Wetter in’s Haus gehen? Was meinen Sie zu einem Gang durch den Garten?«

Blanche drückte Anne’s Hand bedeutungsvoll. Sir Patrick hatte den Vorschlag offenbar mit einem besonderen Zweck im Auge gemacht. Sie gingen um das Haus herum in den großen Hintergarten; die beiden Damen Arm in Arm voran, Sir Patrick und Geoffrey hinter ihnen. Allmälig fing Blanche an ihre Schritte zu beschleunigen, indem sie Anne zuflüsterte: »Ich habe meine Instructionen, laß uns so rasch gehen, daß er uns nicht hören kann.«

Aber das war leichter gesagt als gethan. Geoffrey hielt sich dicht hinter ihnen.

»Nehmen Sie ein wenig Rücksicht auf meine Lahmheit, Mr. Delamayn«, sagte Sir Patrick »Nicht ganz so rasch wenn ich bitten darf.«

Die Sache war gut angelegt, aber Geoffrey’s Schlauheit witterte, daß hier etwas nicht ganz geheuer sei. Anstatt mit Sir Patrick zurück zu bleiben, rief er seiner Frau zu:

»Nimm ein wenig Rücksicht aus Sir Patricks Lahmheit; nicht ganz so rasch.«

Sir Patrick parirte diesen Hieb mit einer für ihn characteristischen Geschicklichkeit. Als Anne, der Aufforderung ihres Mannes entsprechend, jetzt wieder langsamer ging, blieb Sir Patrick absichtlich mitten auf dem Wege stehen und sagte zu Geoffrey:

»Erlauben Sie mir, daß ich jetzt meinen mir in Holchester House ertheilten Auftrag an Sie ausrichte.«

Die beiden Damen gingen inzwischen langsam weiter. Geoffrey mußte sich entscheiden, ob er ihnen folgen und Sir Patrick stehen lassen, oder bei Sir Patrick bleiben, und die Frauen allein lassen wolle. Wohlüberlegter Weise entschied er sich für das Erstere, aber Sir Patrick rief ihn zurück.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich mit Ihnen zu sprechen habe«, sagte er in scharfem Ton.

So zum Aeußersten getrieben, bekannte Geoffrey offen seinen Entschluß, Blanche eine Gelegenheit zu geben, vertraulich mit Anne zu reden. Er rief Anne zu, sie möge still stehen.

»Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Frau«, sagte er, »und ich erwarte von meiner Frau, daß sie keine Geheimnisse vor mir habe. Richten Sie gefälligst Ihren Auftrag in ihrer Gegenwart aus.

Sir Patricks Augen funkelten vor Entrüstung. Er beherrschte sich jedoch, sah, indem er Geoffrey anredete, seine Nichte einen Augenblick bedeutungsvoll an, und sagte dann:

»Wie es Ihnen gefällig ist. Ihr Bruder ersucht mich, Ihnen mitzutheilen daß die Pflichten seiner neuen Stellung seine Zeit völlig in Anspruch nehmen und ihn in den nächsten Tagen verhindern werden, nach Fulham zu kommen, wie er es sich vorgenommen hatte. Als Lady Holchester hörte, daß ich Sie wahrscheinlich sehen würde, beauftragte sie mich ferner, Ihnen in ihrem Namen zu sagen, sie sei nicht wohl genug um das Haus zu verlassen, und bitte Sie, sich morgen, und zwar, wie Lady Holchester speciell wünscht, in Begleitung Ihrer Frau in Holchester House einzustellen.«

Indem er diese beiden Aufträge ausrichtete, erhob Sir Patrick seine Stimme allmälig lauter und lauter. Während er sprach, sagte Blanche, welcher der Blick ihres Onkels geheißen hatte, ihren Instructionen zu folgen, mit gedämpfter Stimme zu Anne:

»So lange er Dich hier hat, wird er nicht in die Trennung willigen. Er will bessere Bedingungen erzwingen. Wenn Du von hier fort kannst, so muß er sich fügen. Stelle von heute an in der ersten Nacht, in welcher es Dir möglich sein wird hinunter zu kommen, ein Licht vor Dein Fenster. Wenn Du dann unten bist, eile an die hintere Gartenpforte Sir Patrick und Arnold werden dann für das Uebrige sorgen.«

Sie flüsterte Anne diese Worte zu, während sie ihren Sonnenschirm hin und herschwang, und eine Miene machte, als ob sie die gewöhnlichsten Dinge der Welt bespräche, alles das mit einer Geschicklichkeit, die den Frauen selten fehlt, wenn es sich für sie darum handelt, bei einer Täuschung behilflich zu sein, bei welcher sie selbst interessirt sind. Wie geschickt sie es auch gemacht hatte, so war Geoffrey’s tiefgewurzeltes Mißtrauen doch dadurch wieder rege geworden. Blanche war schon bei ihren letzten Worten angelangt, bevor Geoffrey durch die Aufträge Sir Patricks in Anspruch genommen im Stande war, dem, was sie sagte, seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ein Mann von rascherer Fassungskraft würde vielleicht mehr gehört haben, aber Geoffrey hatte nur die erste Hälfte des letzten Satztheils gehört.

»Was«, fragte er, »sagen Sie da von Sir Patrick und Arnold?«

»Nichts, was Sie interessiren könnte«, antwortete Blanche rasch; »soll ich es wiederholen? Ich habe Anne erzählt, daß meine Stiefmutter Lady Lundie, nach jener Conferenz in Portland Platze, Sir Patrick und Arnold ersucht hat, sich von jetzt an, ihr gegenüber als völlig Fremde zu betrachten. Das ist das Ganze.

»So«, sagte Geoffrey, sie scharf in’s Auge fassend, »weiter nichts?«

»Fragen Sie meinen Onkel«, entgegnete Blanche »wenn Sie nicht glauben, daß ich genau berichtet habe. Sie hat uns in ihrer pomphaftesten Manier und genau mit den von mir wiederholten Worten entlassen. Nicht wahr Sir Patrick?«

»Die Sache war vollkommen wahr. Blanche’s Geistesgegenwart hatte ihr über die Verlegenheit des Moments dadurch hinweg geholfen, daß sie ihr an die Hand gegeben hatte, etwas auf Sir Patrick und Arnold Bezügliches mitzutheilen, was sich wirklich so verhielt. Von dieser Seite her also zum Schweigen gebracht, sah sich Geoffrey in demselben Augenblick von der anderen Seite gedrängt, eine Antwort auf die Botschaft seiner Mutter zu geben.

»Ich muß Lady Holchester eine Antwort von Ihnen bringen«, sagte Sir Patrick »was soll ich sagen?«

Geoffrey sah ihm, ohne ein Wort zu erwidern, scharf in’s Auge.

Sir Patrick wiederholte seinen Auftrag mit sehr hervorgehobener Betonung dessen, was sich darin auf Anne bezog. Diese Emphase machte Geoffrey ungeduldig.

»Sie und meine Mutter platzte er heraus, »haben diesen Auftrag mit einander abgekartet, um mich auf die Probe zu stellen. Hol’ der Teufel alles heimlich abgekartete Spiel«

»Ich warte auf Ihre Antwort«, wiederholte Sir Patrick, ohne die geringste Notiz von dem zu nehmen, was Geoffrey eben gesagt hatte.

Geoffrey warf Anne einen raschen Blick zu, nahm sich dann plötzlich wieder zusammen und sagte:

»Grüßen Sie meine Mutter bestens und sagen Sie ihr, ich würde morgen zu ihr kommen und mit dem größten Vergnügen, merken Sie wohl, mit dem größten Vergnügen meine Frau mitbringen« Er hielt inne, um die Wirkung dieser Antwort zu beobachten. Sir Patrick wartete ganz ruhig, ob Geoffrey noch etwas Weiteres zu sagen habe. »Es thut mir leid, daß ich mich vorhin zu einer heftigen Aeußerung habe hinreißen lassen. Aber man geht schlecht mit mir um; man mißtraut mir ohne jede Veranlassung. Ich fordere Sie auf, Zeugniß dafür abzulegen«, fügte er hinzu, indem er die Stimme wieder erhob und seine Augen unruhig zwischen Sir Patrick und Anne hin und her schweifen ließ, »daß ich meine Frau behandle, wie es einer Dame zukommt. Ihre Freundin besucht sie, und sie kann ihre Freundin ungehindert empfangen. Meine Mutter wünscht sie zu sehen und ich erkläre mich bereit, sie zu meiner Mutter zu bringen. Worin bin ich also zu tadeln? Warum antworten Sie mir nicht, worin bin ich zu tadeln?«

»Wenn das eigene Gewissen eines Menschen ihn freispricht«, erwiderte Sir Patrick, »so kommt sehr wenig darauf an, was andere von ihm denken. Der Zweck meines Besuchs ist erreicht!«

Als er sich bei diesen Worten unwandte, um sich von Anne zu verabschieden, vermochte er den Ausdruck der Besorgniß, die ihn für sie erfüllte, nicht zurückzuhalten; er wurde blaß und seine Hand zitterte, als er die ihrige ergriff und zärtlich drückte. »Ich werde Sie also morgen in Holchester House sehen«, sagte er, indem er Blanche seinen Arm zum Fortgehen reichte. Er empfahl sich Geoffrey ohne ihn wieder anzusehen und ohne seine dargebotene Hand sehen zu wollen, und ging mit Blanche fort.



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Dreiundsechzigstes Kapitel - Vorbereitungen

Anne wartete auf dem unteren Vorplatz, während Geoffrey die Pforte wieder verschloß. Es sollte nach der Antwort, die er auf die Botschaft seiner Mutter gegeben hatte, nicht scheinen, als wolle sie ihm ans dem Wege gehen. Er kam langsam bis in die Mitte des Vorgartens zurück, blickte nach dem Vorplatz, auf dem sie stand, ging dann an der Thür vorüber, bog um die Ecke des Hauses und verschwand im Hintergarten. Was dieses Verschwinden zu bedeuten hatte, konnte nicht zweifelhaft sein; es war Geoffrey, der Anne aus dem Wege ging. Hatte er Sir Patrick die Unwahrheit gesagt? Würde er am nächsten Tage sich unter irgend einem Vorwande weigern, sie mit nach Holchester House zu nehmen?

Sie ging wieder hinauf. In demselben Augenblicke öffnete Hester Dethridge die Thür ihres Schlafzimmers, um dasselbe zu verlassen. Als sie Anne gewahr wurde, schloß sie ihre Thür wieder, blieb in ihrem Zimmer und ließ sich nicht blicken. Auch die Bedeutung dieses Rückzugs konnte nicht zweifelhaft sein. Auch Hester Dethridge hatte ihre Gründe, Anne aus dem Wege zu gehen.

Aber was hatte dieses aus dem Wegegehen zu bedeuten? Welchen gemeinsamen Zweck konnten Hester und Geoffrey haben? Es war unmöglich, das zu ergründen. Annes Gedanken wandten sich wieder der Mittheilung zu, welche Blanche ihr im Vertrauen gemacht hatte.

Anne hätte kein Weib sein müssen, um gegen eine Ergebenheit, wie sie sich in Sir Patricks Benehmen kund gab, unempfindlich zu bleiben. Schrecklich, wie ihre Lage in ihrer immer steigenden Unsicherheit, in ihrer ewigen Ungewißheit war, wich doch das Bewußtsein derselben für den Augenblick den Gefühlen des Stolzes und der Dankbarkeit, welche bei dem Gedanken an die für sie gebrachten Opfer und an die, nur um ihretwillen noch zu bestehenden Gefahren, ihr Herz erwärmten. Es erschien ihr als eine zwiefache Pflicht gegen Sir Patrick und gegen sich selbst, die Zeit der Ungewißheit möglichst abzukürzen. Warum sollte sie in ihrer Lage abwarten, was der nächste Tag bringen möchte?

Sie beschloß schon diese Nacht, wenn sich die Gelegenheit darbieten sollte, das verabredete Zeichen vor ihr Fenster zu stellen.

Gegen Abend vernahm sie abermals das Geräusch, welches auf die Vornahme gewisser Reparaturen im Hause schließen ließ. Diesmal waren die Töne schwächer und kamen, wie es schien, nicht wie das erste Mal aus dem Fremdenzimmer, sondern aus dem anstoßenden Zimmer Geoffrey’s.

Das Mittagsessen war heute später als gewöhnlich fertig. Hester Dethridge brachte Anne das Essen erst in der Dämmerung auf ihr Zimmer. Anne redete sie an und erhielt zur Antwort nur ein stummes Zeichen. Entschlossen, Hester’s Gesicht deutlich zusehen, that sie ihr eine Frage, die eine schriftliche Antwort auf der Tafel erforderte, hieß sie warten und trat an den Kaminaufsatz, um eine Kerze anzuzünden. Als sie sich aber mit der angezündeten Kerze wieder umdrehte, war Hester bereits fortgegangen.

Es wurde völlig dunkel. Anne klingelte, um das Eßgeschirr fortnehmen zu lassen. Unbekannte Fußtritte, die sich darauf ihrer Thür näherten, fielen ihr auf. Sie rief hinaus: »Wer ist das« Die Stimme des»Burschen, den Geoffrey zu seinen Besorgungen benutzte, antwortete ihr.

»Was»wollen Sie hier?« fragte sie durch die Thür.

»Mr. Delamayn schickt mich herauf, Madame, er möchte Sie gern gleich sprechen.«

Anne ging hinunter und fand Geoffrey im Speisezimmer. Der Zweck, um dessentwillen er sie zu sprechen gewünscht hatte, war anscheinend geringfügig genug. Er wollte wissen, wie sie am nächsten Tage nach Holchester House zu fahren wünsche, mit der Eisenbahn oder in einem Wagen. »Wenn Du vorziehst zu fahren«, sagte er, »der Bursche ist hier, um meine Ordres entgegen zu nehmen und kann auf dem Heimwege einen Miethwagen bestellen.«

»Die Eisenbahn ist mir ganz recht«, erwiderte Anne.

Anstatt sich an dieser Antwort zu genügen und den Gegenstand fallen zu lassen, bat er sie, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Es lag etwas unheimlich Abwesendes in dem Ausdruck seines Blickes, als er sie bat, nicht an Ersparnis zu denken, wo es sich um ihre Bequemlichkeit handle. Es schien, als ob ihm besonders daran gelegen sei, sie zu verhindern, das Zimmer wieder zu verlassen. »Setz’ Dich einen Augenblick«, sagte er, »und überlege Dir die Sache noch einmal, ehe Du Dich entschließest.« Nachdem er sie gezwungen hatte, sich zu sehen, steckte er seinen Kopf zur Thür hinaus und hieß den draußen wartenden Burschen hinaufgehen und zusehen, ob er etwa seine Pfeife in seinem Schlafzimmer habe liegen lassen. »Ich, möchte, daß Du auf bequeme Weise hingelangtest, wie es einer Dame zukommt«, wiederholte er mit demselben, jetzt noch auffallenderen unheimlichen Blick. Noch bevor Anne antworten konnte, vernahmen sie von oben her die ängstlich kreischende Stimme des Burschen, der »Feuer!« schrie.

Geoffrey eilte hinauf und Anne folgte ihm. Oben an der Treppe trafen sie den Burschen, der auf die geöffnete Thür von Anne’s Zimmer wies. Sie war vollkommen gewiß, daß sie ihre angezündete Kerze, als sie zu Geoffrey hinunter gegangen war, in einer ganz ungefährlichen Entfernung vom Bettvorhang hatte stehen lassen und doch standen jetzt die Bettvorhänge in hellen Flammen.

Oben auf dem Vorplatz befand sich ein Hahn der Wasserleitung. Die zum Schlafzimmer gehörigen Krüge und Kannen, die sich am Tage gewöhnlich auf und unter dem Waschtisch befanden, standen diesen Abend unter dem Wasserhahn; neben ihnen ein leerer Eimer. Geoffrey befahl dem Burschen, ihn diese Gefäße mit Wasser gefüllt hereinzubringen, riß die brennenden Vorhänge herunter und warf sie zum Theil auf’s Bett, zum Theil auf das danebenstehende Sopha. Dann goß er abwechselnd eine Kanne und den Eimer, wie sie ihm der Bursche gefüllt brachte, auf das brennende Zeug aus und durchnäßte Bett und Sopha. In wenigen Augenblicken war das Feuer gelöscht. Das Hans war gerettet. Aber die Möbel des Schlafzimmers waren ruinirt, und dieses selbst natürlich, wenn nicht auf längere Zeit, mindestens für diese Nacht unbewohnbar.

Geoffrey wandte sich, indem er den Eimer auf die Erde setzte, zu Anne und deutete auf das an der anderen Seite des Vorplatzes liegende Fremdenzimmer.

»Du wirst durch diesen Vorfall nicht sehr incommodirt werden«, sagte er. »Du brauchst nur nach dem Fremdenzimmer hinüberzuziehen.«

Mit Hilfe des Burschen brachte er Anne’s Kisten und die unbeschädigt gebliebene Commode nach dem gegenüberliegenden Zimmer. Dann warnte er sie, in Zukunft vorsichtig mit Licht umzugehen und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten, wieder hinunter. Der Bursche folgte ihm und wurde für diesen Abend entlassen.«

Selbst in der Verwirrung, welche bei dem Löschen des Feuers geherrscht hatte, war das höchst auffallende Benehmen Hester Dethridge’s Anne nicht entgangen.

Als der Junge Lärm geschlagen hatte, war sie aus ihrem Schlafzimmer getreten, hatte die brennenden Vorhänge angesehen und hatte sich dann mit dem Ausdruck stumpfer Ergebung in eine Ecke gestellt, um den Ausgang abzuwarten. Da hatte sie, allem Anscheine nach, vollkommen gleichgültig gegen die Möglichkeit der Zerstörung ihres eigenen Hauses gestanden. Als das Feuer gelöscht war, wartete sie noch immer unbeweglich in ihrer Ecke, während die Commode und die Kisten nach dem andern Zinnner hinüber geschafft wurden, verschloß dann, ohne den verräucherten Plafond und die verbrannten Möbel auch nur eines Blickes zu würdigen, das Zimmer, steckte den Schlüssel in ihre Tasche und ging wieder auf ihr Zimmer.

Anne hatte bis jetzt die Ansicht der meisten Menschen, die mit Hester Dethridge in Berührung kamen, daß dieselbe an Geistesstörung leide, nicht getheilt. Nach dem jedoch, was sie eben mit angesehen hatte, konnte sie sich der Ueberzeugung, daß jene Ansicht die richtige sei, nicht länger verschließen. Sie hatte daran gedacht, einige Fragen im Betreff der Entstehung des Feuers an Hester, sobald sie mit ihr allein sein würde, zu richten. Bei näherer Ueberlegung aber beschloß sie jetzt, wenigstens diesen Abend nicht mehr mit ihr darüber zu reden. Anne ging über den Vorplatz und trat in das Fremdenzimmer, dasselbe Zimmer, das sie bei ihrer Ankunft im Hause zu bewohnen abgelehnt hatte und in welchem sie jetzt zu schlafen genöthigt war.

Sofort bei ihrem Eintritt in das Zimmer frappirte sie eine mit der Aufstellung der Möbel im Zimmer vorgenommene Veränderung. Das Bett war von der Stelle gerückt. Das Kopfende, welches, als sie zum letzten Mal in dem Zimmer gewesen, an der Seitenwand gestanden hatte, war jetzt an die Scheidewand geschoben, welche das Zimmer von Geoffrey’s Schlafzimmer trennte. Diese neue Anordnung war ersichtlich zu irgend einem bestimmten Zwecke getroffen worden. Der Haken an der Decke, an welchem die Bettvorhänge hier, wo das Bett keinen eigentlichen Baldachin hatte, befestigt waren, war, der veränderten Stellung des Bettes entsprechend, an einer andern Stelle der Decke angebracht worden. Die Stühle und der Waschtisch die früher an der Scheidewand gestanden hatten, waren jetzt an die leer gewordene Stelle der Seitenwand geschoben worden. Im Uebrigen war keine weitere Veränderung im Zimmer bemerklich. In Anne’s Lage mußte sie jedes nicht sofort für sie verständliche Vorkommniß mit Mißtrauen erfüllen. Hatte die veränderte Stellung des Bettes einen bestimmten Grund? Und stand dieser Grund in irgend welchem Zusammenhang mit ihrer Person?

Kaum hatte sie sich diese Frage vorgelegt, als sich ihr auch schon ein beunruhigender Argwohn aufdrängte. War es vielleicht auch ein geheimer Grund, aus welchem man sie veranlaßte, in dem Fremdenzimmer zu schlafen?

Hatte die Frage, welche die Magd zuvor Geoffrey an Hester richten gehört hatte, etwas damit zu thun? War es denkbar, daß das Feuer, welches so unerklärlicher Weise die Vorhänge in ihrem Zimmer ergriffen hatte, absichtlich angezündet war, um sie zum Verlassen des Zimmers zu zwingen? Ein Schauder ergriff sie, als sich ihr diese drei Fragen Schlag auf Schlag aufdrängten und erschöpft sank sie auf den nächsten Stuhl.

Nach einer Weile hatte sie sich hinreichend wieder gefaßt, um es als nothwendig zu erkennen, sich von der Begründung ihres Verdachts zu überzeugen. Es war ja doch möglich, daß ihre aufgeregte Phantasie sie mit rein eingebildeten Besorgnißen erfüllt hatte. So wenig sie es begreifen konnte, so war es doch möglich, daß ein triftiger Grund für die veränderte Stellung des Bettes vorhanden war.

Sie ging über den Vorplatz und klopfte an Hester Dethridge’s Thür.

»Ich muß Sie spreche,n« rief sie hinein.

Hester kam heraus. Anne deutete auf das Fremdenzimmer ging Hester voran wieder in dasselbe hinein und fragte sie hier:

»Warum haben Sie das Bett von jener Wand an diese rücken lassen?«

Mit demselben Ausdruck stumpfer Ergebenheit, mit welchem sie das Feuer mit angesehen hatte, schrieb Hester die Antwort aus ihre Tafel. Sonst hatte sie immer die Gewohnheit gehabt, den Personen, denen sie ihre Tafel zum Lesen hinhielt, grade in’s Gesicht zu sehen, jetzt zum erstenmal reichte sie Anne ihre Tafel mit zu Boden gesenkten Blicken.

Die von ihr niedergeschriebenen Worte enthielten keine directe Antwort auf Anne’s Frage.

Sie lauteten: »Ich hatte schon seit längerer Zeit die Absicht, das Bett von der Stelle rücken zu lassen.«

»Ich frage Sie, warum Sie es haben von der Stelle rücken lassen?«

Darauf schrieb Hester auf ihre Tafel die vier Worte: »Die Wand ist feucht.«

Anne blickte nach der Wand. Auf der Tapete war keine Spur von Feuchtigkeit sichtbar. Sie fühlte mit der Hand darüber hin, vermochte aber auch so nicht die mindeste Feuchtigkeit zu entdecken und sagte zu Hester:

»Das ist nicht Ihr wahrer Grund.«

Hester stand unbeweglich da.

»Die Wand ist nicht feucht.«

Hester deutete beharrlich, den Blick noch immer zu Boden gesenkt, mit ihrem Griffel auf die vier Worte, ließ Anne einen Augenblick Zeit, dieselben noch einmal zu lesen und verließ dann das Zimmer. Es wäre vergeblich gewesen, sie zurückzurufen. Anne’s erster Gedanke, als sie sich wieder allein befand, war, ihre Thür so fest wie möglich zu verschließen. Sie verschloß sie nicht nur, sondern schob auch die beiden an der inneren Thür befestigten Riegel oben und unten vor. Das Schloß und die Riegelhaken erwiesen sich beim Versuch als fest. Wo immer also auch der Verrath ihr auflauern mochte, hier an dem Thürverschluß war er nicht zu suchen. Sie untersuchte das ganze Zimmer, den Kamin, das Fenster und seine Laden, das Innere der Garderobe, sie blickte sogar unter das Bett. Aber nirgends war das Geringste zu entdecken, was auch der furchtsamsten Person zu einer Besorgniß oder zu einem Argwohn hätte Veranlassung geben können. So sehr auch der Schein gegen ihre Besorgnisse sprach, Anne konnte sich doch nicht von ihrer Grundlosigkeit überzeugen. Das Vorgefühl eines ihr im Geheimen auflauernden und immer mehr herannahenden Verraths hatte so feste Wurzeln in ihrem Gemüthe gefaßt, daß sie sich desselben nicht mehr zu erwehren vermochte. Sie setzte sich nieder und vergegenwärtigte sich noch einmal die Vorkommnisse des heutigen Tages, um zu sehen, ob sie nicht in ihnen vielleicht den gesuchten Schlüssel zu dem Räthsel finden könnte. Aber der Versuch war vergeblich; kein entscheidender Moment, nichts Faßbares wollte sich ihr darbieten. Weit entfernt, daß ihre Besorgnisse dadurch geschwunden wären, fand sie sich durch eine neue Erwägung noch in denselben bestärkt, sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß der von Blanche angegebene Grund für den Entschluß Sir Patrick’s, ihr zu helfen, nicht sein wahres Motiv sei. Sollte er wirklich glauben, daß Geoffrey bei seinem Benehmen von keinem schlimmeren Zweck als dem der Erreichung möglichst vorteilhafter pecuniärer Bedingungen geleitet werde? Und sollte Sir Partrick bei seinem Plane, sie aus dem Bereiche ihres Mannes zu bringen, wirklich keine andere Absicht verfolgen als die, Geoffreys Zustimmung zu ihrer Trennung unter den von Julius proponirten Bedingungen zu erzwingen? Sollte das wirklich sein einziger Zweck sein? Oder war er nach seiner Kenntniß von Anne’s Lage im Geheimen überzeugt, daß sie sich in Hester Dethridgeks Hause in persönlicher Gefahr befinde? Und hatte er diese Ueberzeugung aus Furcht, sie zu beunruhigen absichtlich vor ihr geheim gehalten? Sie sah sich in der Stille des Abends in dem sonderbaren Zimmer um, und fand, daß die letztere Auffassung die wahrscheinliche sei. Das Geräusch der Thüren und Fenster, die eben unten geschlossen wurden, drang zu ihr. Was sollte sie thun? Es war ihr unmöglich, Sir Patrick und Arnold das verabredete Zeichen zu geben. Das Fenster, an welches sie der Abrede gemäß das Licht stellen sollte, war das Fenster des Zimmers, in welchem das Feuer ausgebrochen war, und welches Hester für diese Nacht verschlossen hatte. Ebenso hoffnungslos war es, auf das Vorübergehen des patrouillirenden Polizeiofficianten zu rechnen, um nach Hilfe zu rufen. Selbst wenn sie es über sich vermocht haben würde, dieses offene Bekenntniß ihres Mißtrauens unter dem Dache ihres Gatten abzulegen, und selbst wenn Hilfe nahe gewesen wäre, welchen triftigen Grund für ihr Benehmen hätte sie angehen können? Es lag absolut nichts vor, was irgend Jemandem auch nur den Schatten einer Berechtigung hätte verleihen können, sie unter den Schutz des Gesetzes zu stellen. Das Letzte, was ihr unvertilgbares Mißtrauen gegen die veränderte Stellung des Bettes an die Hand gab, war der Versuch, dasselbe vom Platze zu rücken, aber auch mit dem Aufgebot der äußersten Anstrengung vermochte sie das schwere Möbel nicht um eine Linie von der Stelle zu schieben. Ihr blieb nichts übrig, als sich im Vertrauen auf die verschlossene und verriegelte Thür, und in der Gewißheit, daß Sir Patrick und Arnold ihrerseits in der Nähe des Hauses Wache halten würden, die Nacht hindurch wach zu erhalten. Sie nahm ihre Arbeit und ihre Bücher zur Hand und setzte sich wieder auf ihren Stuhl, nachdem sie denselben in die Mitte des Zimmers nahe an den Tisch gerückt hatte. Die letzten Geräusche, die noch Leben und Bewegung um sie her verkündeten, verklangen. Die tiefe Stille der Nacht lagerte sich um sie.



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Vierundsechzigstes Kapitel - Das Mittel

Der neue Tag brach an, die Sonne ging auf, im Hause fing es an, lebendig zu werden. Weder innerhalb noch außerhalb des Fremdenzimmers war irgend etwas Bemerkenswerthes vorgefallen Um die Zeit, wo verabredeter maßen der Besuch in Holchester House gemacht werden sollte, waren Geoffrey und Hester Dethridge allein in dem Schlafzimmer, in welchem Anne die Nacht zugebracht hatte.

»Sie ist schon zum Ausgehen angekleidet und wartet auf mich im Vordergarten«, sagte Geoffrey. »Sie wollten mich hier allein sprechen. Was wünschen Sie?«

Hester wies auf das Bett hin.

»Wollen Sie es von der Wand abgerückt haben?«

Hester nickte mit dem Kopf. Sie rückten zusammen das Bett einige Fuß von der Scheidewand ab. Nach einer kurzen Weile sagte Geossrey wieder: »Es muß heute Nacht geschehen. Ihre Freunde können sich in’s Mittel legen, die Magd kann wieder kommen. Es muß heute geschehen.«

Hester verneigte sich langsam.

»Wie lange verlangen Sie im Hause allein gelassen zu werden?«

Sie hielt drei Finger in die Höhe.

»Meinen Sie damit drei Stunden?«

Sie nickte mit dem Kopfe.

»Werden Sie in dieser Zeit damit fertig werden?«

Sie nickte abermals. Sie sah ihm nie, wenn er mit ihr sprach, in die Augen. In ihrer Art, ihm zuzuhören, in jeder kleinsten Bewegung, die sie zu machen gezwungen war, drückte sich immer dieselbe stumpfe Ergebenheit gegen ihn aus, derselbe stumme Schauder vor seiner Person. Er hatte das schon lange unangenehm empfunden, aber bisher schweigend ertragen. In dem Augenblick, wo er das Zimmer verlassen wollte, wurde er über den Zwang, den er sich bis dahin angethan hatte, ungeduldig. Zum ersten Mal gab er seiner Empfindung Ausdruck. »Zum Teufel, warum können Sie mir nicht in’s Gesicht sehen?«

Sie nahm von feiner Frage nicht die mindeste Notiz. Zornig wiederholte er dieselbe. Nun erst schrieb sie etwas auf ihre Tafel und hielt ihm noch immer, ohne ihn anzusehen, dieselbe entgegen.

»Ich weiß ja, daß Sie sprechen können«, sagte er. »Sie wissen ja, daß ich dahinter gekommen bin. Wozu denn also die alberne Posse mit mir spielen?«

Unverwandt hielt sie ihm die Tafel entgegen. Er warf den Blick darauf und las: »Ich bin stumm für Sie und blind für Sie, lassen Sie mich.«

»Sie lassen!« wiederholte er. »Es ist ein bischen spät, so zimperlich zu thun nach dem, was Sie begangen haben. Wollen Sie Ihr Bekenntuiß wieder haben oder nicht?«

Bei dem Wort »Bekenntniß« erhob sie zum ersten Mal ihren Kopf. Ein leichtes Roth überflog ihre fahlen Wangen, ein krampfhafter Ausdruck des Schmerzes zuckte einen Augenblick durch ihr todtenähnliches Gesicht. Das einzige Interesse welches diese Frau jetzt noch an das Leben knüpfte, war der Wunsch, das Manuscript, das man ihr weggenommen hatte, wieder zu erhalten. Das war das Einzige, für das ihr stumpf gewordener Verstand noch eine schwache Empfänglichkeit bewahrt hatte.

»Vergessen Sie nicht, was Sie bei unserem Handel zu thun übernommen haben, und ich werde auch meine Verpflichtungen erfüllen«, fuhr Geoffrey fort. »Sie wissen ja, wie die Sache steht. Ich habe Ihr Bekenntniß gelesen und finde, daß etwas darin fehlt. Sie sagen darin nicht, wie Sie es gethan haben. Ich weiß, Sie haben ihn erstickt, aber ich weiß nicht wie, und ich muß es wissen. Sie sind stumm und können es mir nicht sagen. Sie müssen also an der Wand hier dasselbe vornehmen, was Sie damals an der Wand in Ihrem Hause gethan haben. Sie riskiren nichts dabei; keine Seele kann Sie sehen, Sie sind ganz allein im Hause. Wenn ich wiederkomme, lassen Sie mich diese Wand genau so finden, wie jene andere Wand damals in dem Augenblick bei Anbruch des Tages war, wissen Sie, als Sie, das Handtuch in der Hand, auf den ersten Schlag der Kirchenglocke warteten. Lassen Sie mich die Wand so finden und Sie sollen Ihr »Bekenntniß« morgen zurückhaben.«

Als er zum zweiten Mal des Bekenntnisses gedachte, regte sich die fast erloschene Energie in dem Weibe noch einmal. Rasch griff sie nach der Tafel an ihrer Seite, schrieb mit eiligen Zügen etwas auf dieselbe und hielt sie ihm mit beiden Händen unter die Augen. Er las die Worte: »Ich will nicht warten, ich muß es noch heute Abend haben.«

»Denken Sie, ich trage Ihr Bekenntniß mit mir herum?« sagte Geoffrey. »Ich habe es nicht einmal im Hause.«

Sie schwankte nach rückwärts und sah zum ersten Male auf.

»Beunruhigen Sie sich nicht«, fuhr er fort, »es ist versiegelt mit meinem Petschaft und liegt sicher im Gewahrsam meines Banquiers. Ich habe es selbst auf die Post gebracht. Vor Kleinigkeiten schrecken Sie nicht zurück, Mrs. Dethridge. Wenn ich es im Hause irgendwo verschlossen hätte, so würden Sie vielleicht das Schloß erbrochen haben, sobald ich den Rücken gekehrt hätte, und wenn ich es gar bei mir trüge, so hätte ich vielleicht in einem kurzen Augenblick bei Anbruch des Tages das Handtuch über’s Gesicht bekommen. Der Banquier wird Ihnen, sobald Sie eine von mir unterzeichnete Ordre dazu vorweisen, Ihr Bekenntniß genau so wiedergeben, wie er es von mir bekommen hat. Thun Sie, was ich Ihnen gesagt habe und Sie sollen die Ordre noch heute Abend haben.«

Sie athmete tief auf. Geoffrey wandte sich der Thür zu und sagte: »Ich bin diesen Abend um sechs Uhr wieder hier. Wird es bis dahin fertig sein?«

Sie nickte mit dem Kopfe.

Nachdem sie so auf seine erste Bedingung eingegangen war, trat er mit der zweiten hervor. »Nach meiner Rückkunft«, nahm er wieder auf, »werde ich, wenn sich eine Gelegenheit dazu darbietet, auf mein Zimmer gehen, zuvor aber im Speisezimmer klingen. Sobald Sie klingeln hören, müssen Sie hinaufgehen, um mir dann oben zu zeigen, wie Sie die Sache damals in dem leeren Hause gemacht haben.«

Sie nickte abermals mit dem Kopfe.

In demselben Augenblick wurde die Hausthür unten geöffnet und wieder geschlossen Geoffrey ging nun sofort hinunter. Es war möglich, daß Anne etwas vergessen hatte, und sie mußte um jeden Preis verhindert werden, jetzt wieder auf ihr Zimmer zu gehen. Er traf sie auf dem Vorplatz. »Bist Du’s überdrüssig, im Garten zu warten?« fragte er kurz.

Sie wies nach dem Speisezimmer hin und sagte: »Der Postbote hat mir eben durch das Pfortengitter hindurch einen Brief für Dich gegeben, ich habe ihn im Speisezimmer auf den Tisch gelegt.«

Geoffrey trat ein. Die Adresse des Briefes war von Mrs. Glenarm’s Hand. Er steckte den Brief ungelesen in die Tasche, kehrte zu Anne zurück und sagte: »Wir müssen rasch gehen, sonst versäumen wir den Zug.« So machten sie sich nach Holchester House auf den Weg.



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Fünfundsechzigstes Kapitel - Das Ende

Wenige Minuten vor sechs Uhr abends langten Geoffrey und Anne in Lord Holchester’s Wagen wieder vor dem Hause an. Geoffrey verhinderte den Diener zu klingelnz er hatte beim Verlassen des Hauses den Schlüssel der Pforte mit sich genommen. Nachdem er Anne eingelassen und die Pforte wieder geschlossen hatte, ging er ihr voraus nach dem Küchenfenster und rief Hester Dethridge.

»Bringen Sie etwas kaltes Wasser in’s Wohnzimmer«, sagte er, »und füllen Sie die Blumenvase auf dem Kaminaufsatz. Je eher Du die Blumen in’s Wasser stellst«, fügte er zu seiner Frau gewandt hinzu, »desto länger werden sie dauern«. Er deutete dabei auf ein Bouquet, welches Anne in der Hand hielt, und welches Julius in dem Treibhaus in Holchester House für sie gepflückt hatte. Dann überließ er es ihr, die Blumen in der Vase zu arrangiren und ging hinauf. Nachdem er einen Augenblick gewartet hatte, folgte ihm Hester Dethridge.

»Fertig?« fragte er flüsternd.

Hester nickte mit dem Kopfe. Geoffrey zog seine Stiefeln aus und ging Hester voran in das Fremdenzimmer. Geräuschlos rückten sie das Bett wieder an seine Stelle an der Scheidewand und verließen darauf das Zimmer wieder. Als Anne einige Minuten später das Zimmer betrat, war für sie, seit sie dasselbe um Mittag verlassen hatte, nicht das Mindeste in demselben verändert.

Sie legte Hut und Ueberwurf ab und setzte sich nieder, um auszuruhen.

Alle Vorgänge seit dem vorigen Abend waren nur dazu geeignet gewesen, ihre Besorgnisse zur zerstreuen. Sie konnte sich unmöglich der Ueberzeugung verschließen, daß sie sich ohne den geringsten Grund durch den Schein hatte täuschen und sich von einem eingebildeten Verdacht unnöthigerweise hatte beunruhigen lassen. In dem sichern Glauben, daß sie in Gefahr sei, hatte sie die ganze Nacht durchwacht, und es war nichts vorgefallen.

In der festen Annahme, daß Geoffrey entschlossen sei, sein Versprechen nicht zu erfüllen, hatte sie abgewartet, unter welchem Vorwande er sie im Hause zurückhalten würde. Zur verabredeten Zeit des Besuchs hatte sie ihn durchaus bereit gefunden, sein Versprechen zu erfüllen. In Holchester House hatte er auch nicht den leisesten Versuch gemacht, sie in der Freiheit ihrer Bewegungen und ihrer Sprache zu beschränken. Entschlossen, Sir Patrick mitzutheilen, daß sie ihr Zimmer habe wechseln müssen, hatte sie ihm in Geoffrey’s Gegenwart den Feuerlärm und was sich in Folge dessen zugetragen hatte, mit allen Einzelheiten geschildert, ohne auch nur ein einziges Mal von Geoffrey unterbrochen worden zu sein. Sie hatte sich vertraulich mit Blanche unterhalten und war auch daran nicht gehindert worden.

Bei einem Gang durch das Treibhaus hatte sie, ohne daß Geoffrey sich gerührt hätte, mit Sir Patrick zurückbleiben können, um ihm ein Wort des Dankes zu sagen und ihn zu fragen, ob er das Benehmen Geoffrey’s wirklich so auffasse, wie Blanche es ihr gesagt hatte.

Sie hatten sich wohl zehn Minuten allein mit einander unterhalten. Sir Patrick hatte sie versichert, daß Blanche seine Auffassung ganz wiedergegeben habe. Er hatte es als seine Ueberzeugung ausgesprochen, daß ein rücksichtslos rasches Handeln in ihrem Falle am Platz sei und daß sie gut thun würde, unter seinem Beistand ihrerseits den ersten Schritt zur Trennung zu thun. »So lange er Sie unter demselben Dach bei sich festhalten kann«, hatte Sir Patrick gesagt, »so lange wird er auf unser ängstliches Verlangen speculiren, Sie aus Ihrer jetzigen unglücklichen Lage zu befreien, und so lange wird er seinem Bruder gegenüber die Rolle des reuigen Gatten fortspielen und bessere Bedingungen zu erwirken suchen. Setzen Sie das Licht vor’s Fenster, und unternehmen Sie die Sache diese Nacht. Wenn Sie nur erst einmal bis an die Gartenpforte gelangt sind, so unternehme ich es, Sie für ihn unerreichbar zu machen, bis er sich durch seine Unterschrift verpflichtet hat, in die Trennung zu willigen.«

Mit diesen Worten hatte er Anne zu einem raschen Handeln gedrängt, und sie hatte ihm versprochen, sich von seinem Rathe leiten zu lassen.

Als sie dann wieder in den Salon zurückgekehrt war, hatte Geoffrey keinerlei Bemerkung über ihr Ausbleiben gemacht; auch bei ihrer Rückfahrt, die sie mit ihm allein in dem Wagen seines Bruders machte, hatte er sie nichts gefragt. Was mußte sie nach den ihr zur Beurtheilung vorliegenden Thatsachen aus allen Diesem schließen? Konnte sie Sir Patrick in’s Herz schauen und darin lesen, daß er ihr absichtlich seine wahre Ueberzeugung verberge, aus Furcht, ihre Energie zu lähmen, wenn er ihr die Besorgniß, die er für sie empfand, wirklich eingestände? Nein, sie konnte Nichts thun, als dem falschen Schein, der sie in der Gestalt der Wahrheit umgab, trauen. Sie konnte sich nur in gutem Glauben Sir Patricks angebliche Auffassung der Sachlage aneignen und unter Zuhülfenahme ihrer eigenen Beobachtungen diese Auffassung für richtig halten.

Gegen Abend fing Anne an, die Erschöpfung zu fühlen, welche die natürliche Folge einer schlaflosen Nacht ist. Sie klingelte und verlangte Thee. Hester Dethridge erschien, statt aber das gewöhnliche Zeichen zu machen, stand sie eine Weile nachdenklich da und schrieb dann die folgenden Worte auf ihre Tafel: »Ich muß jetzt, so lange das Mädchen fort ist, alle Arbeit allein thun, wenn Sie Ihren Thee unten im Wohnzimmer nehmen wollten, würden Sie mir eine Treppe sparen.

Anne war sofort bereit, dieser Bitte zu willfahren.

»Sind Sie krank Z« fragte sie, indem sie trotz der Dämmerung eine sonderbare Veränderung in Hester’s Wesen bemerkte.

Ohne aufzusehen, schüttelte Hester den Kopf.

»Ist Ihnen etwas Unangenehmes begegnet?«

Hester schüttelte abermals den Kopf.

»Habe ich Sie beleidigt?«

Hester trat plötzlich einen Schritt vor, sah Anne in’s Gesicht, ließ dann wie ein Schmerzenslaut klingendes, dumpfes Stöhnen vernehmen und eilte zum Zimmer hinaus.

Anne glaubte annehmen zu müssen, daß sie unabsichtlich etwas gesagt oder gethan habe, wodurch sich Hester verletzt fühle und beschloß, bei erster passender Gelegenheit auf diesen Gegenstand zurückzukommen. Einstweilen ging sie hinunter. Durch die weitgeöffnete Thür des Speisezimmers sah sie Geoffrey am Tische, aus welchem vor ihm die verhängnißvolle Branntweinflasche stand, sitzen und einen Brief schreiben. Nach dem, was Mr. Speedwell ihr gesagt hatte, hielt sie es für ihre Pflicht, Geoffrey zu warnen, und erfüllte diese Pflicht, ohne einen Augenblick zu zaudern.

»Verzeih’, wenn ich Dich unterbreche«, sagte sie. »Du hast wohl vergessen, was Dir Mr. Speedwell gesagt hat.«

Dabei deutete sie auf die Branntweinflasche. Geoffrey warf einen Blick auf die Flasche, sah dann wieder auf seinen Brief und schüttelte ungeduldig den Kopf. Sie versuchte es zum zweiten Mal, ihm Vorstellungen zu machen, aber mit nicht besserem Erfolge. Er sagte nur mit leiserer Stimme als gewöhnlich: »Schon gut!« und fuhr fort, sich mit seinem Brief zu beschäftigen. Anne, der es völlig nutzlos erschien, sich zum dritten Mal abweisen zu lassen, ging in’s Wohnzimmer.

Der Brief, den Geoffrey schrieb, war an Mrs. Glenarm gerichtet und eine Antwort auf ihre Mittheilung, daß sie im Begriff sei, London zu verlassen. Er war grade mit seinen beiden Schlußsätzen fertig gewesen, als Anne ihn angeredet hatte. Dieselben lauteten wie folgt: »Vielleicht werde ich Dir binnen Kurzem eine Nachricht zu bringen haben, die Du nicht erwartest. Bleib bis morgen, wo Du bist, und warte, bis Du von mir hörst.«

Nachdem er den Brief gesiegelt hatte, leerte er sein vor ihm stehendes Glas mit Branntwein und Wasser und blieb dann, durch die offene Thür blickend und wie auf Etwas wartend, sitzen.

Als Hester mit dem Theebret über den Vorplatz in’s Wohnzimmer ging, gab er das zwischen ihnen verabredete Zeichen. Er klingelte Hester kam wieder aus dem Wohnzimmer und schloß die Thür desselben hinter sich.

»Trinkt sie jetzt ihren Thee und sind wir sicher vor ihr?« fragte er, indem er seine schweren Stiefel auszog und in die für ihn bereitstehenden Pantoffeln schlüpfte.

Hester nickte mit dem Kopf.

Er deutete nach oben. »Gehen Sie voran«, flüsterte er. »Machen Sie keine Geschichten und kein Geräusch!«

Sie gings hinauf und er folgte ihr langsamen Schritts. Obgleich er nun ein Glas Branntwein und Wasser getrunken hatte, war doch sein Gang bereits unsicher geworden. Die eine Hand gegen die Mauer, die andere auf das Treppengeländer gestützt, ging er die Treppe hinauf.

Oben angelangt, stand er einen Augenblick still, folgte dann Hester in sein Schlafzimmer und verschloß leise die Thür.

»Nun?« sagte er.

Regungslos stand sie in der Mitte des Zimmers, nicht wie ein lebendes Wesen, sondern wie eine Maschine, die der Hand harrt, die sie in Bewegung setzen soll.

Da er sie vergebens angeredet hatte, berührte er sie mit einem eigenthümlichen Widerwillen und deutete auf die Scheidewand. Die Berührung erweckte sie aus ihrer Erstarrung. Langsamen Schritts und mit stieren Augen, wie wenn sie nachtwandle, trat sie an die mit einer Tapete bekleidete Scheidewand heran, kniete an der Fußleiste nieder und zog zwei kleine scharfe Nägel, mit denen die Tapete an dieser Fußleiste befestigt war, heraus; hierauf einen langen Tapetenstreifen, der von der darunter befindlichen Gypswand abgelöst war, in die Höhe hebend, stieg sie auf einen Stuhl, und befestigte ihn oben mit den beiden Nägeln.

Bei dem letzten Schein der Abenddämmerung betrachtete Geoffrey mit stieren Blicken die Wand.

Sein Auge fiel auf einen leeren Raum. In einer Höhe von etwa drei Fuß vom Boden waren die Latten so weg gesägt und der Gyps so entfernt, daß ein Loch entstand, das hoch und weit genug war, um dem hindurchgesteckten Arm eines Mannes die freieste Bewegung nach allen Richtungen hin zu gestatten. Nur die an der anderen Seite des Loches befindliche Tapete hinderte noch Augen und Hände, von dieser Seite aus in das nächste Zimmer zu dringen.

Hester stieg wieder von dem Stuhl herab und deutete durch Zeichen an, daß sie ein Licht brauche.

Geoffrey nahm ein Zündholz aus einer kleinen Dose. Dieselbe sonderbare Unsicherheit, die sich vorher schon an seinem Gang bemerklich gemacht hatte, schien sich jetzt auch seiner Hände bemächtigt zu haben.

Er strich das Zündholz so heftig gegen das Sandpapier, daß es zerbrach. Er versuchte es mit einem zweiten, strich aber dieses Mal zu leise, um eine Flamme zu entzünden. Hester nahm ihm die Dose aus der Hand, zündete selbst das Licht an und deutete aus die Fußleiste. In der Nähe des Theiles der Wand, von welchem der Tapetenstreifen abgelöst war, waren zwei kleine Haken in den Fußboden befestigt. Zwei Stücke feinen starken Bindfadens waren um die Haken gewickelt.

Die losen unteren Enden des Bindfadens, die ziemlich weit herabhingen, waren wieder zierlich zusammengewickelt auf die Fußleiste gelegt. Die oberen Enden waren straff durch zwei kleine Löcher hindurchgezogen, die etwa einen Fuß hoch vom Boden in die Wand gebohrt waren.

Nachdem sie zuvor die Bindfaden von den Haken abgewickelt hatte, stand Hester auf und hielt das Licht so, daß das Loch in der Wand davon beleuchtet wurde. Hier lagen noch zwei Stücke feinen Bindfadens lose auf der unebenen Oberfläche, welche das Loch nach unten hin begrenzte. An diesen Bindfaden zog Hester den auch im Nebenzimmer von der Wand gelösten Tapetenstreifen in die Höhe, indem die unteren Bindfäden, welche bis dahin den Streifen an dem unversehrt gebliebenen Theil der Wand festgehalten hatten, in ihren Löchern nachgaben und die Tapete unbehindert in die Höhe gehen ließen. Während die Tapete so höher und höher gezogen wurde, bemerkte Geoffrey, daß auf die Rückseite derselben in gewissen Zwischenräumen dünne Streifen Watte geklebt waren, um so ein kratzendes Geräusch beim Aufziehen der Tapete zu vermeiden.

Langsam ging der Tapetenstreifen in die Höhe, bis derselbe durch die Höhlung gezogen und seitwärts festgesteckt werden konnte, wie es vorher mit dem diesseitigen Streifen geschehen war.

Hester trat bei Seite, um Geoffrey Platz zu machen, damit er bequem durch die Höhlung blicken könne. Da lag Anne’s Zimmer vor ihm. Leise nahm er die leichten Vorhänge, die über dem Bett hingen auseinander. Da lag das Kissen, auf welchem ihr Haupt in wenig Stunden ruhen sollte, für seine Hände erreichbar.

Die fürchterliche Geschicklichkeit, mit der diese Vorrichtung hergestellt war, machte, daß es ihm eiskalt überlief. Seine Nerven waren der Sache nicht gewachsen. Von schuldbewußter Angst ergriffen, fuhr er zurück und blickte im Zimmer umher. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett lag ein Branntweinfläschchen. Er griff danach, leerte es auf einen Zug und fühlte sich wieder so kräftig wir zuvor.

Er winkte Hester zu ihm zu treten.

»Ehe wir weiter vorgehen«, sagte er. »muß ich noch Eins wissen. Wie bringen wir das Alles wieder in Ordnung? Wie, wenn dieses Zimmer untersucht würde? Diese Bindfaden würden gegen mich aussagen.«

Hester öffnete einen Schrank, holte einen verkorkten Krug aus demselben hervor und nahm den Pfropfen ab. In dem Krug befand sich eine dicke klebrige Flüssigkeit, die wie Leim aussah. Theils durch Zeichen, theils mit Hilfe ihrer Tafel, zeigte Hester Geoffrey, wie die Flüssigkeit auf die Rückseite des Tapetenstreifens im nächsten Zimmer gebracht, wie die Tapete durch Anziehen der Bindfaden auf den unteren unversehrten Theil der Wand festgeklebt und wie die Bindfaden, nachdem sie ihre Dienste geleistet, sicher entfernt werden könnten. Sie zeigte ihm, wie endlich dasselbe Verfahren in Geoffrey’s Zimmer beobachtet werden könne, nachdem zuvor die Höhlung mit den in der Aufwaschküche bereitliegenden Materialien wieder ausgefüllt sein würde oder auch zur Noth, falls es an Zeit fehlen sollte, ohne Wiederauffüllung derselben. In beiden Fällen würde die wieder an die Wand befestigte Tapete Alles verbergen und die Wand würde nichts verrathen.

Geoffrey war befriedigt. Jetzt deutete er auf die im Zimmer hängenden Handtücher.

»Nehmen Sie einmal eines davon«, sagte er, »und zeigen Sie mir mit Ihren eigenen Händen, wie Sie es gemacht haben.«

Während er diese Worte sprach, erklang Anne’s Stimme von unten, die nach Mrs. Dethridge rief.

Das war schlimm! Man mußte auf Alles gefaßt sein. Im nächsten Augenblick konnte Anne möglicherweise auf ihr Zimmer gehen und Alles entdecken. Geoffrey deutete auf die Wand und sagte. »Bringen Sie das wieder in Ordnung, auf der Stelle!«

Das war bald geschehen. Alles, was zu thun nöthig war, die beiden Tapetenstreifen wieder herabfallen zu lassen, den Streifen in Anne’s Zimmer durch Anziehen der untern Bindfaden wieder zu befestigen und dann die Nägel, mit welchen der abgelöste Streifen in Geoffrey’s Zimmer seitwärts befestigt war, wieder an ihre Stelle zu bringen. In einer Minute sah die Wand wieder aus, als ob nichts mit derselben vorgenommen wäre.

Hester und Geoffrey schlichen sich hinaus und blickten über das Treppengeländer auf den Vorplatz hinunter.

Nachdem sie zum zweiten Mal vergebens gerufen hatte, trat Anne auf den Vorplatz hinaus ging nach der Küche, kam mit dem Kessel in der Hand zurück, ging wieder in’s Wohnzimmer und schloß die Thür hinter sich.

Hester wartete in stumpfer Ruhe auf Geoffrey’s weitere Ordres. Aber er hatte keine weitere Ordres zugeben. Die scheußliche Vorstellung des von Hester begangenen Verbrechens, die Geoffrey verlangt hatte, war durchaus nicht mehr nothwendig; die Mittel zur Vollführung des Verbrechens lagen alle bereit und die Art ihrer Benutzung ergab sich von selbst. Es fehlte nichts mehr zur Ausführung als die Gelegenheit und der Entschluß, sich ihrer zu bedienen. Geoffrey gab Hester ein Zeichen, hinunter zu gehen, und sagte: »Gehen Sie wieder in die Küche, bevor sie nochmals herauskommt. Ich werde mich im Garten aufhalten. Sobald sie auf ihr Zimmer geht, um sich zu Bett zu legen, zeigen Sie sich an der Hinterthür und ich weiß Bescheid.«

Hester setzte ihren Fuß auf die erste Stufe, stand dann wieder still, wandte sich um, ließ ihre Blicke langsam längs der beiden Wände des Vorplatzes von einem Ende bis zum andern schaudernd hingleiten, schüttelte den Kopf und ging dann langsam die Treppe hinunter.

»Wonach haben Sie gesehen?« flüsterte er ihr zu.

Aber sie antwortete nicht, wandte sich auch nicht nach ihm um, sondern ging, ohne sich weiter aufzuhalten, hinunter und in die Küche. Er wartete einige Augenblicke und folgte ihr dann. Auf seinem Wege nach dem Garten trat er in’s Speisezimmer. Der Mond war aufgegangen und die Fensterläden noch nicht geschlossen. Es war ihm daher leicht, den Branntwein und die Wasserflasche auf dem Tisch zu finden. Er mischte sich ein Glas Branntwein und Wasser und leerte es aus einen Zug. »Mir ist sonderbar zu Muthe«, murmelte er vor sich hin, fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht und sagte: »Wie höllisch heiß es heute Abend ist!« Dann ging er nach der Thür, die offen stand und im Mondschein deutlich erkennbar war; gleichwohl verfehlte er sie und machte zwei Mal zu beiden Seiten der Thür den vergeblichen Versuch, durch die Wand zu gehen. Erst das dritte Mal gelang es ihm, hinauszukommen und den Garten zu erreichen. Ein sonderbares Gefühl bemächtigte sich seiner, während er im Garten unausgesetzt in die Runde ging. Er hatte nicht so viel getrunken, daß er davon hätte berauscht sein Können. Sein Geist war, wenn schon stumpf und matt, doch so frei wie immer, aber seine körperlichen Empfindungen waren die eines Betrunkenen.

Der Abend verging, die Thurmuhr schlug zehn. Anne trat wieder aus dem Wohnzimmer ihren Bettleuchter in der Hand. »Löschen Sie die Lichter aus«, rief sie Hester durch die Küchenthür zu, »ich gehe hinauf.«

Mit diesen Worten ging sie auf ihr Zimmer. Die durch die Schlaflosigkeit der vorigen Nacht hervorgebrachte Müdigkeit lastete mit unendlicher Schwere auf ihr. Sie verschloß ihre Thür unterließ es aber dieses mal, die Riegel vorzuschieben. Die Furcht vor einer unbekannten Gefahr beherrschte sie nicht mehr; während dagegen das Vorschieben der Riegel das geräuschlose Verlassen des Zimmers während der Nacht erschwert haben würde. Sie entkleidete sich, strich sich das Haar von den Schläfen zurück und ging erschöpft und nachdenklich im Zimmer auf und ab. Geoffrey war in seinen Lebensgewohnheiten sehr unregelmäßig, Hester ging selten früh zu Bett. Wenigstens zwei, vielleicht drei Stunden mußte Anne noch vergehen lassen, bevor sie gefahrlos das mit Sir Patrick verabredete Zeichen an’s Fenster stellen konnte, ihre Kräfte versagten ihr.

Wenn sie noch zwei bis drei Stunden der Ruhe entbehrte, deren sie so sehr bedurfte, so mußte sie befürchten, daß ihr in dem Augenblick, wo es gelten würde, der Gefahr in’s Angesicht zu sehen und den Versuch zu machen, zu entkommen, aus reiner Erschöpfung der Muth fehlen würde. Schon jetzt konnte sie sich des Schlafes kaum mehr erwehren, und doch war er ihr unentbehrlich. Daß sie den rechten Augenblick verschlafen würde, brauchte sie nicht zu fürchten Anne konnte sich, wie die meisten fein organisirten Menschen, fest darauf verlassen, daß sie, wenn sie mit dem Bewußtsein einschlief, zu einer bestimmten Zeit wieder erwachen zu müssen, instinctiv um jene Zeit aufwachen würde.

Sie stellte ihr brennendes Licht an eine ungefährliche Stelle und legte sich aufs Bett. In wenigen Minuten war sie fest eingeschlafen.

Die Uhr schlug ein Viertel vor elf. Hester Dethridge erschien an der zum Garten führenden Hinterthür des Hauses. Geoffrey kam über den Rasen her auf sie zu. Das Licht der auf dem Vorplatz brennenden Lampe fiel auf sein Gesicht. Sie fuhr bei seinem Anblick zurück.

»Was ist Ihnen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und deutete durch die geöffnete Thür des Speisezimmers auf die Branntweinflasche hin.

»Ich bin so nüchtern wie Sie, Sie Närrin!« sagte er. »Ich weiß nicht, was ich habe, aber das ist es nicht.«

Hester sah ihn wieder an. Er hatte Recht, wie unsicher auch sein Gang war, seine Sprache und seine Augen waren nicht die eines Betrunkenen.

»Ist sie zu Bett gegangen?«

Hester nickte.

Geoffrey ging, hin und her schwankend, die Treppe hinauf. Oben blieb er stehen und winkte Hester, ihm zu folgen. Darauf ging er in sein Zimmer und schloß, nachdem sie auf ein von ihm gegebenes Zeichen mit ihm hineingegangen war, die Thür. Hier blickte er auf die Scheidewand, ohne an dieselbe heranzutreten. Hester stand wartend hinter ihm.

Schläft sie?« fragte er.

Hester trat dicht an die Wand heran, horchte und nickte mit dem Kopf.

Er setzte sich nieder und sagte: »Mir ist sonderbar zu Ruthe, geben Sie mir ein Glas Wasser.« Er trank ein paar Schluck und goß sich den Rest über den Kopf. Hester ging nach der Thür, um das Zimmer zu verlassen aber er hielt sie zurück. »Ich kann die Bindfaden nicht abwickeln und die Tapete nicht aufziehen. Thun Sie das!« Aber sie weigerte sich dessen entschieden und öffnete entschlossen die Thür, um hinauszugehen.

»Wollen Sie Ihr Bekenntniß wiederhaben?« fragte er. Auf der Stelle schloß sie wieder die Thür mit einer stumpfergebenen Miene und ging aus die Scheidewand zu. Sie nahm die losen Tapetenstreifen auf beiden Seiten der Wand in die Höhe, deutete durch die Höhlung auf Anne’s Zimmer und trat dann wieder an das andere Ende des Zimmers zurück.

Er stand auf und ging unsicheren Schritts von seinem Stuhl an das Fußende seines Bettes, hielt sich hier an dem Bettpfosten fest und wartete ein wenig. Während dieser Zeit wurde er sich einer Veränderung in den eigenthümlichen Empfindungen die ihn beherrschten bewußt. Es war ihm, als ob ein kalter Luftzug die rechte Seite seines Kopfes anwehe. Sein Schritt wurde wieder sicher, er konnte die Entfernungen wieder berechnen, konnte seine Hände durch die Höhlung stecken, um die leichten Vorhänge, die von dem an der Decke befindlichen Haken auf das Kopfende von Anne’s Bett herabhingen, auseinanderziehen. Er konnte bei dem Schein des am andern Ende von Annes Zimmer brennenden Lichtes die Züge seines schlafenden Weibes erkennen. Der Ausdruck der Erschöpfung war von demselben verschwunden. Der tiefe Schlaf, der sie umfangen hielt, schien die reinsten und lieblichsten Züge, die ihr Antlitz in vergangenen Tagen getragen hatte, wie auf dasselbe gezaubert zu haben.

Bei dein trüben Schein des Lichtes sah sie in der friedlichen Ruhe, die sich über sie ergossen hatte, wieder jung und schön aus. Ihr Kopf ruhte gerade auf dem Kissen. Ihr Gesicht war in Folge dessen so nach aufwärts gewandt, daß sie ganz dem Manne preisgegeben war, der jetzt ihr schlafendes Antlitz mit dem erbarmungslosen Entschluß betrachtete, ihr das Leben zu nehmen.

Nach einer Weile trat er wieder zurück. »Sie sieht heute Abend mehr wie ein Kind, als wie eine Frau aus«, murmelte er vor sich hin. Dann warf er Hester Dethridge einen Blick zu. Das Licht, das sie mit hinaufgebracht hatte, brannte dicht neben ihr.

»Blasen Sie es aus!« flüsterte er.

Sie rührte sich nicht. Er wiederholte seine Weisung, aber sie schien taub für seine Worte zu sein. Ihre starren Blicke waren auf eine Ecke des Zimmers geheftet.

Er wandte sich abermals nach der Höhlung in der Wand um und blickte wieder auf das friedliche, auf dem Kopfkissen ruhende Gesicht. Geflissentlich hielt er sich die Schuld der Rache vor, die er an sie abzutragen habe.

»Wenn Du nicht wärst«, flüsterte er vor sich hin, »hätte ich das Wettrennen gewonnen; wenn Du nicht wärst, hätte ich mich mit meinem Vater ausgesöhnt; wenn Du nicht wärst, könnte ich Mrs. Glenarm heirathen.« Mit dem gesteigerten Gefühl seines Rachebedürfnisses trat er wieder von der Wand zurück, blickte im Zimmer nach allen Seiten umher, ergriff ein Handtuch, ging einen Augenblick mit sich zu Rathe und warf es wieder hin.

Ein neuer Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Mit einem Schritt stand er an seinem Bett, ergriff eines der Kopfkissen und blickte plötzlich wieder nach Hester hin. »Dieses Mal«, sagte er, »haben wir es nicht mit einer betrunkenen Bestie, sondern mit einem Weibe zu thun, das ihr Leben bis auf’s Aeußerste vertheidigen wird. Das Kissen ist sicherer als das Handtuch.«

Hester erwiderte weder seinen Blick noch seine Anrede. Wieder ging er auf die Höhlung in der Wand zu, blieb aber in der Mitte des Weges zwischen seinem Bett und der Höhlung stehen und blickte rückwärts über seine Schulter.

Jetzt endlich rührte sich Hester. Obgleich sich keine dritte Person im Zimmer befand, waren ihre Bewegungen und ihre Blicke doch durchaus so, als ob sie von der Ecke an, einer Person längs der Wand hin folge. Ihre Lippen waren wie von Entsetzen gelähmt, weit geöffnet, ihre unheimlich glänzenden Augen stierten nach der leeren Wand. Schritt für Schritt schlich sie sich, anscheinend noch immer einem Phantome folgend, näher und näher an Geoffrey heran. Er fragte sich, was das zu bedeuten haben könne? War das Weib von dem Entsetzen über die That, die er zu thun im Begriff stand, überwältigt? Mußte er fürchten, daß sie laut aufschreien und sein Weib wecken würde?

Er eilte rasch an die Höhlung in der Wand, um den Augenblick zu benutzen, so lange er noch sein war. Er ergriff das Kissen, bückte sich, um es durch die Oeffnung in der Wand hindurchzuschieben und hielt es über Anne’s schlafendes Gesicht. Aber in demselben Augenblick fühlte er, wie sich Hester Dethridge’s Hand von hinten her auf ihn legte. Bei der Berührung durchzuckte es ihn vom Kopf bis Fuß eiskalt. Erschreckt fuhr er zurück und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen stierten fortwährend über seine Schultern weg, wie nach etwas hinter ihm Befindlichen, gerade wie sie damals in dem Garten von Windygates gestiert hatten.

Noch ehe er den Mund zum Reden öffnen konnte, fühlte er ihren Blick in seinen Augen. Zum dritten Mal hatte sie die Erscheinung hinter Ihm gesehen. Der Mordwahnsinn hatte sich ihrer wieder bemächtigt. Wie sein wildes Thier flog sie ihm an die Kehle, das schwache alte Weib griff den Athleten an!

Er warf das Kissen hin und erhob seinen gewaltigen rechten Arm, um sie wie ein lästiges Insect abzuschütteln. Aber in dem Moment, wo er seinen Arm erhob verzerrte sich plötzlich sein Gesicht in gräßlicher Weise, wie wenn eine unsichtbare Gewalt die Augenbrauen, das Augenlid und den Mund an der rechten Seite gewaltsam herabzöge. Der erhobene Arm sank hilflos nieder, die ganze rechte Seite des Körpers schien zusammenzubrechen und er sank zu Boden wie ein von einer Kugel zu Tode getroffener Mensch. Hester Dethridge stürzte sich auf den am Boden liegenden Körper, drückte die Kniee fest auf seine breite Brust und packte ihn mit den ausgespreizten Fingern beider Hände an der Gurgel. —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— ——

Das Geräusch des zu Boden fallenden Körpers erweckte Anne auf der Stelle. Sie fuhr auf, blickte umher und sah das Loch in der Wand über dem Kopfende ihres Bettes, und durch dasselbe den Schimmer des im nächsten Zimmer brennenden Lichtes. Vom Entsetzen ergriffen, einen Augenblick zweifelhaft, ob sie wache oder träume, fuhr sie wieder zurück und horchte scharf beobachtend. Sie sah nichts als das matt brennende Licht im andern Zimmer; sie hörte nichts als ein heiseres Keuchen, wie wenn Jemand nach Lust schnappe. Eine Weile war es ganz still; dann aber wurde der Kopf Hester Dethridge’s, die sich mit dem Ausdruck des Wahnsinns langsam erhob und Anne mit irren Blicken anstierte, durch die Höhlung sichtbar.

Anne stürzte an das Fenster, riß es auf und rief nach Hilfe.

Sir Patricks Stimme antwortete ihr von der an der Vorderseite des Gartens vorüberführenden Landstraße her.

»Warten Sie auf mich, um Gottes Willen!" rief sie.

Sie eilte zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab. Im nächsten Augenblick war sie im Vordergarten. Während sie nach der Pforte lief, hörte sie die Stimme eines Fremden von Außen her. Sir Patrick rief ihr ermuthigende Worte zu. »Wir haben einen Polizeiofficianten bei uns«, sagte er, »der nächtliche Patrouille hier hat und einen Schlüssel zum Garten bei sich führt.«

Bei diesen Worten wurde die Pforte von Außen geöffnet und vor derselben standen Sir Patrick, Arnold und der Polizeiofficiant.

Anne schwankte ihnen entgegen, als sie in die Pforte eintraten, sie hatte gerade noch Kraft genug um zu sagen: »Oben!« Dann sank sie in Ohnmacht. Sir Patrick fing sie mit seinen Armen auf, legte sie auf die im Garten stehende Bank und blieb bei ihr, während Arnold und der Polizeiofficiant in das Haus eilten.

»Wohin sollen wir zuerst gehen?« fragte Arnold.

»In das Zimmer, von dem aus die Dame uns gerufen hat«, erwiderte der Polizeiofficiant.

Sie gingen die Treppe hinauf nach Anne’s Zimmer. Beide bemerkten auf der Stelle die Höhlung in der Wand. Sie saghen durch dieselbe hindurch. Da lag Geoffrey Delaman’s Leiche am Boden, während Hester Dethridge neben seinem Kopfe kniete und betete.



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