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Mann und Weib



Nachspiel.

I - Ein Morgenbesuch

Die Zeitungen hatten die Rückkehr Lord und Lady Holchester’s nach London, nach einer mehr als sechs monatlichen Abwesenheit auf dem Continent, gemeldet.

Es war die Höhe der Saison. Den ganzen Tag über öffnete sich die Thür von Holchester House während der sanctionirten Stunden, um Besuche zu empfangen. Die überwiegende Mehrzahl der Besuchenden begnügte sich damit, ihre Karten abzugeben. Nur einige privilegirte Personen stiegen aus und traten in’s Haus.

Unter diesen letzteren, die sich zu einer früheren Zeit, als sonst üblich ist, einstellten, befand sich eine distinguirte Person, die entschlossen zu sein schien, den Herrn oder die Frau vom Hause zu sprechen und sich nicht abweisen zu lassen. Während diese Person mit dem Kellermeister parlamentirte, ging Lord Holchester zufällig gerade durch die Halle. Die fragliche Person stürzte sofort mit dem Ausruf: »Lieber Lord Holchester!« auf ihn los. Julius wandte sich um und sah vor sich —— Lady Lundie. Er war gefangen und fand sich mit bester Grazie in sein Schicksal. Während er Lady Lundie die Thür des nächsten Zimmers öffnete, warf er einen verstohlenen Blick auf seine Uhr und fragte sich innerlich: »Wie soll »ich sie nur los werden, bevor die Andern kommen?«

Lady Lundie in ihrer eleganten, von Seide und Spitzen strotzenden Toilette, etablirte sich auf dem Sopha und entwickelte den höchsten Grad der mit lhrer majestätischen Würde verträglichen Liebenswürdigkeit. Sie that die theilnehmensten Fragen im Betreff Lady Holchester’s, im Betreff der verwitweten Lady Holchester und im Betreff Julius selbst. Wo sie gewesen seien, was sie gesehen hätten, ob die Zeit und die Ortsveränderung ihnen dazu verholfen habe, sich von den Eindrücken jenes schrecklichen Ereignisses zu erholen, welches Lady Lundie nicht näher zu bezeichnen wagte.

Julius antwortete resignirt und ein wenig abwesend. Mit dem unbehaglichen Gedanken an den unerbittlichen Verlauf der Zeit und an gewisse Eventualitäten, welche dieser Verlaufs wahrscheinlich mit sich bringen würde, that er seinerseits höfliche Fragen, die Erlebnisse Lady Lundie’s betreffend. Sie erwiderte, sie habe sehr wenig über sich selbst zu sagen, sie sei nur auf einige Wochen nach London gekommen, und führe ein ganz zurückgezogenes Leben. »Die Erfüllung meines bescheidenen Kreises von Pflichten wird in Windygates nur bisweilen, wenn ich mich geistig allzu sehr angestrengt habe, durch den Besuch einiger ernstgesinnter Freunde unterbrochen, deren Ansichten mit den meinigen harmoniren. In dieser Weise bringe ich mein Leben, —— ich hoffe, sagen zu dürfen ——, nicht ganz nutzlos hin. Ich erfahre nichts Neues; ich sehe Nichts —— nur gestern blieb mir ein höchst trauriger Anblick nicht erspart.« Nach diesen Worten hielt sie inne. Julius begriff, daß sie über den erwähnten Anblick von ihm befragt zu werden erwarte und befragte sie also.

Lady Lundie zauderte und gab endlich zu verstehen, daß jener Anblick zu dem traurigen Ereignis dessen sie bereits gedacht habe, in Beziehung stehe. Endlich sprach sie sich deutlicher dahin aus, daß sie es für ihre Pflicht gehalten habe, ihren Aufenthalt in London nicht vorübergehen zu lassen, ohne sich in der Irrenanstalt, in welche Hester Dethridge für die Dauer ihres Lebens gebracht worden sei, nach derselben zu erkundige. Dann theilte sie noch bestimmter mit, daß sie sich nicht auf die Einziehung dieser Erkundigungen beschränkt, sondern die unglückliche Frau selbst gesehen, mit ihr gesprochen und gefunden habe, daß sie keine Ahnung von ihrer schrecklichen Lage habe, daß sie ihr Gedächtniß völlig verloren und sich in ihre jetzige Lebensweise, die sie nach der Ansicht des Directors der Anstalt noch einige Jahre werde fortführen können, ergeben habe. Nach der Mittheilung dieser Thatsachen stand Lady Lundie eben im Begriff, einige der Gelegenheit angepaßte Bemerkungen zu machen, in welchen sie excellirte, als sich die Thür öffnete und Lady Holchester, die ihren Gatten suchte, eintrat.



Kapiteltrenner


II.

Der Eintritt Lady Holchester’s veranlaßte einen neuen Ausbruch zärtlichen Ergußes von Seiten Lady Lundie’s, den die erstere höflich, aber nicht herzlich aufnahm. Julius’ Frau schien, wie er selbst, mit einer unbehaglichen Empfindung die Zeit vorrücken zu sehen. Gleich ihm, fragte sie sich innerlich, wie lang Lady Lundie wohl noch bleiben werde. Lady Lundie machte durchaus keine Anstalten, ihren Platz auf dem Sopha zu verlassen. Offenbar war sie mit der Absicht nach Holchester House gekommen, eine Erklärung abzugeben, hatte sich aber noch nicht ausgesprochen. Jetzt aber schien sie sich auf einem Umwege ihrem Ziele nähern zu wollen. Sie begann mit einer neuen, zärtlich theilnehmenden Frage. Sie bat um Erlaubniß, noch einmal auf die Reise Lord und Lady Holchester’s zurückkommen zu dürfen. Sie seien ja in Rom gewesen, ob sie die ihr mitgetheilte entsetzliche Nachricht von dem Uebertritt Mrs. Glenarm’s aus eigener Anschauung bestätigen könnten. Lady Holchester erwiderte, daß sie die Nachricht lediglich bestätigen könne. Mrs. Glenarm habe der Welt entsagt und habe im Schooße der römischen Kirche eine Zuflucht gesucht. Lady Holchester berichtete weiter, daß sie sie selbst in einem Kloster zu Rom gesehen habe. Sie sei jetzt noch Novize, sei aber entschlossen, nach Beendigung ihres Noviziats, den Schleier zu nehmen. Lady Lundie erhob als gute Protestantin die Hände mit Entsetzen, erklärte, der Gegenstand sei zu peinlich, um länger dabei zu verweilen; und gelangte unter dem Vorwande, von etwas Anderem reden zu wollen, endlich zu dem Punkt, der den eigentlichens Gegenstand ihres Besuchs bildete. Sie fragte, ob Lady Holchester im Laufe ihrer Reise auf dem Continent vielleicht mit Mrs. Arnold Brinkworth zusammengekommen sei oder von ihr gehört habe.

»Sie wissen«, erklärte Lady Lundie, »daß ich jeden Verkehr mit meinen Verwandten abgebrochen habe. Ihr Benehmen zur Zeit unserer Familien-Calamität, die Sympathie, die sie für eine Person empfanden, die ich genauer zu bezeichnen mich selbst jetzt noch nicht entschließen kann, haben uns einander entfremdet. Die Sache schmerzt mich tief, Lady Holchester, aber ich hege keinen Groll im Herzen. Und ich werde immer ein mütterliches Interesse an Blanche’s Wohlfahrt nehmen. Wie ich gehört habe, war sie mit ihrem Gatten zu derselben Zeit, wie Sie und Lord Holchester auf Reisen. Haben Sie sie irgendwo getroffen?«

Julius und seine Frau sahen einander an. Lord Holchester schwieg, Lady Holchester erwiderte: »Wir haben Mr. und Mrs. Brinkworth in Florenz und später in Neapel getroffen, Lady Lundie. Sie sind vor einer Woche nach England zurückgekehrt, und zwar in Rücksicht auf ein bevorstehendes freudiges Ereigniß, das hoffentlich die Mitglieder Ihrer Familie um eines vermehren wird. Sie sind augenblicklich in London, und wir erwarten sie eben jetzt zum Frühstück.«

Nach dieser unumwundenen Mittheilung sah Lady Holchester Lady Lundie an und dachte bei sich, wenn sie das nicht zum Aufbruch treibt, so wird sie nichts in der Welt dazu vermögen; Aber es war vergebens gewesen. Lady Lundie behauptete das Feld. Da sie in den letzten sechs Monaten absolut nichts von ihren Verwandten gehört hatte, so brannte sie vor Verlangen, mehr über dieselben zu erfahren. Den Namen eines andern Verwandten hatte sie bis jetzt noch nicht aus gesprochen. Jetzt endlich that sie sich Gewalt an und nannte auch diesen Namen. »Und Sir Patrick?« fragte Lady Lundie im Ton einer sanften Melancholie, der ihre Vergebung ihr widerfahrener Beleidigungen ausdrücken sollte. »Ich weiß nur, was das Gerücht erzählt. Haben Sie auch Str Patrick in Florenz und Neapel getroffen?«

Julius und seine Frau sahen sich wieder an. Die Uhr in der Halle schlug grade. Julius fuhr zusammen. Lady Holchester’s Geduld fing an ihr auszugehen. Es entstand eine unangenehme Pause. Einer mußte etwas sagen. Endlich entschloß sich Lady Holchester wieder zu antworten.

»Sir Patrick hat seine Nichte und ihren Gatten auf ihrer Reise begleitet, Lady Lundie, und ist mit ihnen zurückgekehrt.«

»Befindet er sich wohl?« fragte Lady Lundie.

»Er ist jünger als je«, entgegnete Lady Holchester.

Lady Lundie lächelte ironisch. Lady Holchester der dieses Lächeln nicht entging, fand, daß diese Frau keine Rücksicht verdiene und bemerkte zum Schrecken ihres Gatten, daß sie eine Nachricht im Betreff Sir Patrick’s mitzutheilen habe, die seine Schwägerin wahrscheinlich überraschen werde. Lady Lundie horchte begierig auf.

»Die Sache ist kein Geheimniß«, fuhr Lady Holchester fort, »obgleich sie bis jetzt nur einigen intimen Freunden bekannt ist. Sir Patrick hat sich zu einem wichtigen Schritt entschlossen.

Lady Lundie’s reizendes Lächeln schwand plötzlich von ihren Lippen.

»Sir Patrick«, nahm Lady Holchester ein wenig malitiös wieder auf, »ist nicht nur ein sehr geschickter und sehr angenehmer Mann, sondern ist auch, wie Sie wissen, in seinem ganzen Wesen jünger als seine Jahre und besitzt noch viele von den Eigenschaften, die ihre Anziehungskraft auf die Frauen selten verfehlen.«

Lady Lundie sprang entsetzt auf. »Sie wollen mir doch nicht sagen, Lady Holchester, daß Sir Patrick sich verheirathet hat?«

»Allerdings.«

Lady Lundie sank wieder auf das Sopha zurück, hilflos, wirklich und wahrhaftig hilflos unter dem doppelten Schlag, der sie getroffen hatte. Die Verheirathung Sir Patricks verdrängte sie nicht nur aus ihrer Stellung als das weibliche Oberhaupt der Familie, sondern bewirkte auch, daß sie, die noch nicht Vierzigjährige, für den Rest ihrer Tage gesellschaftlich zur »alten Lady Lundie« wurde.

»In seinem Alter!« rief sie aus, sobald sie die Sprache wiedergefunden hatte.

»Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern«, entgegnete Lady Holchester, »daß viele Männer sich erst in Sir Patricks Alter verheirathen. In seinem Fall muß man noch überdies gerechterweise anerkennen, daß das Motiv seiner Handlungsweise jeden Schein einer Lächerlichkeit oder Verkehrtheit ausschließt. Seine Heirath ist eine gute Handlung, im höchsten Sinne des Wortes. Sie macht ihm ebenso viel Ehre, wie der Dame, die er zu seiner Lebensgefährtin gewählt hat.«

»Natürlich ein junges Mädchen!« bemerkte Lady Lundie.

»Nein. Eine Frau, die schwere Prüfungen zu bestehen gehabt und ihr hartes Loos mit edler Ergebung getragen hat. Eine Frau, die das ruhigere und glücklichere Leben, das sich ihr jetzt eröffnet, verdient hat.«

»Darf ich fragen, wer diese Dame ist?«

Noch bevor Lady Holchester diese Frage beantworten konnte, kündigte ein Klopfen an der Hausthür die Ankunft Besuchender an. Zum dritten Mal sahen sich Julius und seine Frau an. Diesesmal legte sich Julius in’s Mittel.

»Meine Frau hat Ihnen bereits gesagt, Lady Lundie, daß wir Mr. und Mrs. Brinkworth zum Frühstück erwarten. Sir Patrick und die neue Lady Lundie werden dieselben begleiten. Wenn ich mich in der Annahme täuschen sollte, daß es Ihnen vielleicht nicht ganz angenehm sein würde, mit denselben zusammenzutreffen, so bitte ich recht sehr um Verzeihung. Wenn ich richtig vermuthe, so darf ich es wohl Lady Holchester überlassen, unsere Freunde zu empfangen und mir die Ehre geben, Sie in ein anderes Zimmer zu führen.«

Mit diesen Worten bot er, indem er auf die Thür eines anstoßenden Zimmers zuging, Lady Lundie seinen Arm. Lady Lundie aber blieb regungslos auf ihrem Platz stehen und war entschlossen, die Frau zu sehen, von der sie verdrängt wurde.

Im nächsten Augenblick wurde die nach der Halle führende Thür weit geöffnet, und der Diener meldete:

»Sir Patrick und Lady Lundie Mr. und Mrs. Arnold Brinkworth.«

Lady Lundie sah die Frau an, die ihre Stelle als Haupt der Familie eingenommen hatte und erblickte —- Anne Silvester!

Ende.

Nachwort.

Die hier dem Leser dargebotene Erzählung unterscheidet sich in einem Punkte von denen, welche früher dieselbe Feder veröffentlicht hat. Diesmal ist die Faction auf Thatsachen gegründet und hat den Zweck, die möglichste Hülfe beizutragen zur Beschleunigung der Reform von Mißständen, die man nur zu lange ungestört geduldet hat.

Ueber den gegenwärtigen scandalösen Zustand der Ehegesetze des vereinigten Königreichs ist alle Welt einverstanden. Der Bericht der zur Prüfung des Einflusses jener Gesetze niedergesetzten Königlichen Commission hat mir die feste Grundlage für mein Buch gegeben. Specielle Bezugnahme auf so hohe Autorität wie sie nöthig sein dürften, um den Leser zu überzeugen, daß ich ihn keineswegs in der Irre herumführe, sind im Anhang zusammengestellt, und ich habe nur noch hinzuzufügen, daß gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, das Parlament selbst damit beschäftigt ist die entsetzlichen Mißbräuche zu beseitigen, welche hier in der Geschichte von »Hester Dethridge« erzählt sind. Es ist jetzt wenigstens die Aussicht vorhanden, daß man ein Gesetz schaffe, welches einer verheiratheten Frau in England ein Recht auf den Besitz und den Nießbrauch ihres eigenen Vermögens gewähre. Außerdem hat die Gesetzgebung, so viel ich weiß, nichts gethan, um die Fäulniß in den Ehegesetzen Großbritanniens und Irlands wegzuräumen. Die Königlichen Bevollmächtigten haben die Vermittlung des Staates in nicht mißzuverstehender Weise angerufen allerdings ohne das Parlament zu einer Erwiderung zu vermögen.

Was die andere in diesen Blättern zur Sprache gekommene sociale Frage betrifft, die Frage nach dem Einfluß der jetzt unter den Engländern herrschenden Sucht, durch Muskelkräftigung auf ihre Gesundheit und Moralität hinzuwirken so verhehle ich mir nicht, damit ein sehr delicates Gebiet betreten zu haben, und mancher dürfte sich heftig abgestoßen fühlen von dem, was ich in dieser Hinsicht gesagt habe.

Obwohl ich in diesem Punkte mich nicht auf eine Königliche Commission berufen kann, so versichere ich doch, daß es sich um einfache und nachweisbare Thatsachen handelt. Was die physischen Resultate der in den letzten Jahren unter den Engländern eingerissenen Sucht der Muskelpflege anbetrifft, so sind in diesem Buche aber die allgemeinen Ansichten unserer Aerzte, vor Allem des Mr. Skey, niedergelegt. Und wenn man die ärztlichen Gutachten nur als auf Theorie beruhend ansehen sollte, so werden dieselben durch die Erfahrungen der Väter in allen Theilen Englands betreffs ihrer Söhne nur zu sehr praktisch bestätigt. Diese letzte neueste Form unserer »nationalen Ezientricität« hat bereits manches Opfer gekostet, und zwar Opfer für Zeitlebens.

Bezüglich der moralischen Ergebnisse habe ich vielleicht recht, vielleicht auch nicht, wenn ich einen Zusammenhang zu erkennen glaube, zwischen der jetzigen zügellosen Entwickelung der physischen Ausbildung in England und der jetzt herrschenden Verbreitung von Gemeinheit und Brutalität unter gewissen Classen der englischen Bevölkerung. Aber kann man diese Gemeinheit und Brutalität hinwegleugnen? und haben sie nicht in den letzten Jahren furchtbare Dimensionen angenommen? Wir sind so schamlos vertraut mit Gewaltthätigkeit und Ehrenkränkung geworden, daß wir sie fast als einen unentbehrlichen Bestandtheil unseres socialen Systems ansehen und unsere Wilden als einen wesentlichen Theil unserer Bevölkerung classificiren, für die wir neuerdings den Namen »Roughs« erfunden haben. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist schon durch hunderte von Schriftstellern auf die schmutzigen Roughs im Barchentkittel gelenkt worden. Wenn wir uns innerhalb dieser Gränzen beschränkt hätten, so würden wir die Leser alle auf unserer Seite haben. Aber wir sind so kühn die Aufmerksamkeit auf den gewaschenen Rough im feinen Tuchrock zu lenken, und er soll sich Lesern gegenüber vertheidigen, welche diese Spielart entweder gar nicht kennen oder es vorziehen sie zu ignoren, obwohl sie dieselbe kennen.

Der Rough mit sauberer Haut und im feinen Rock ist leicht in allen Abstufungen der englischen Gesellschaft zu finden, in den mittlen wie in den höheren Classen. Ich will nur wenig Beispiele anführen. Der Rough als Arzt gefiel sich vor Kurzem noch, wenn er von einem öffentlichen Vergnügen heimkam, Hauseigenthum zu zerstören, Straßenlaternen auszulöschen und die anständigen Bewohner einer Vorstadt Londons zu erschrecken. Der Rough als Soldat beging auch bis vor nicht langer Zeit (in einigen Regimentern) Scheußlichkeiten, welche die reitende Leibwache aufforderte ihre Autorität zu gebrauchen. Der Rough als Kaufmann beschimpfte, drängte weg und vertrieb erst kürzlich noch von der Fondsbörse einen bedeutenden fremden Banquier, der von einem der ältesten und achtungswerthesten Mitgliede mitgebracht worden war, den Ort kennen zu lernen. Der Universitäts-Rough trommelte bei der Commemoration 1869 in Oxford den Vicekanzler, die Decane und die fremden Gäste aus, und stürzte sich selbst in die Christchurch- Bibliothek und verbrannte Büsten und Werke der Sculptur. Es ist Factum, daß solche Dinge geschehen sind. Es ist Factum, daß man die bei diesen Schändlichkeiten betheiligten Personen als die Beschützer, ja selbst als die Helden des athletischen Sports hingestellt hat. Ist hier nicht Grund genug zu einem Charakter wie »Geoffrey Delamayn?« Ist nur ein Erzeugniß meiner Phantasie die Scene im Versammlungslocal der Athleten im »Hahnenkampf« in Putney? Müssen wir nicht im Interesse der Civilisation unsern Protest erheben gegen das Wiederaufleben einer Barbarei unter uns, die sich als Mannestugend ausgiebt und Dumme genug findet, welche diesen Anspruch gelten lassen?

Wenn ich, ehe ich dieses Nachwort schließe, noch für einen Augenblick den Kunststandpunkt ins Auge fasse, so wird der Leser, wie ich hoffe, finden, daß der Zweck der Erzählung immer ein integrirender Theil der Erzählung selbst ist. Die hauptsächlichste Bedingung des Erfolgs beruht darin, daß Thatsache und Erfindung niemals von einander getrennt sein dürfen. Ich habe mit aller Kraft nach diesem Ziele gestrebt, ich hoffe nicht vergeblich gestrebt zu haben.

Juni 1870. W. C.



Kapiteltrenner


Anhang.

Anmerkung. A.

Ich habe nicht die Absicht, die letzten Seiten dieses Buches mit nutzlosen Zeitungsnachrichten zu überladen, die Jedermann zugänglich sind. Aber der Scandal bei der Oxforder »Commenmoration« 1869 und die Plünderung der Christchurch-Bibliothek sind so merkwürdig in ihren Beziehungen von Ursache und Wirkung, daß man mir einen kurzen Bericht über beide Vorgänge hier erlauben wird, da sie eine Episode in der socialen Geschichte Englands unserer Tage bilden. Zur Instruction der Leser bemerke ich, daß die »Commemoration« in Oxford eine jährlich stattfindende Versammlung der Spitzen der Universität, der Studenten und von Gästen ist und den Gegenstand der Festlichkeit in der Ertheilung von akademischen Ehrengraden und im Anhören der Vorlesung von Preisarbeiten in Prosa und Versen besteht. Noch ist zu bemerken, daß schon seit vielen Jahren solche scandalöse Auftritte in den Studentengalerien gewöhnlich und geduldet waren. Die Zerstörung der Kunstwerke in der Christchurch-Bibliothek unparteiisch betrachtet, wird sich als die nothwendige Folge des scblechten bei der Verwaltung der Universität befolgten Systems ergeben, das glücklicherweise in der civilisirten Welt seines Gleichen nicht hat.

Sitten und Gebränche junger englischer Herren.
Erster Bericht.

(Kurzer Bericht über die Vorgänge bei der Oxforder »Commemoration« 1869. (Times, Donnerstag 10. Juni 1869)

». . . . Der Sturm begann mit Geheul, als man sah, daß einige Fremde, die eben in den Raum getreten waren, die Hüte aufbehalten hatten; aber dieses»Geheul wurde bald überboten durch den wüthenden Angriff auf einen unglücklichen Baccalaureus, der unachtsamer Weise ein etwas auffälliges Halstuch trug. Da schrie man: »grüne Binde«, und so ging es drei Viertel Stunden fort. Man bat den Baccalaureus sich zu entfernen; die in der Nähe Stehenden wollten ihn hinausdrängeln; man verlangte, daß er seine Binde wechseln oder ganz weglegen sollte. Eine Stunde lang schien alles Bitten umsonst; aber Drängen half; unter einer wahren Fluth von Beifallrufen verließ der Arme das Haus, und die akademische Jugend konnte ihre Thätigkeit auf andere Dinge richten.

». . . . Der Vicekanzler eröffnete bei friedlicher Ruhe die feierliche Handlung, aber die Vorlesung der Crew’schen Rede durch den öffentlichen Redner war das Zeichen für erneuerten Ausbruch. des Lärms Der Redner wurde dnrch ein wahres Lauffeuer von Fragen und Bemerkungen unterbrochen, die mehr witzig als anständig waren, und nur wenige Worte der Rede konnten von den Zuhörern verstanden werden. Als der Redner sich endlich setzte, erhob sich der Vicekanzler und erklärte, nachdem er mit großer Mühe Ruhe erzielt hatte, daß, wenn man die Handlung abermals unterbräche, er die Encänien sofort schließen würde. Hierauf begann die Bekanntmachung der Preise (akademische Grade wurden nicht vertheilt), aber man konnte nicht viel verstehen; nur beim Newdigater-Preis war ziemliche Ruhe und weniger Unterbrechung als sonst. Als diese Vorlefung beendigt war, wurde unglücklicherweise die Aufmerksamkeit von einem Hute in Anspruch genommen, den ein Herr in der Area, wenn auch nicht auf dem Kopfe, so doch im Arme hatte.

Der Untergraduirte (so nennt man die Oxforder Studenten) leidet an einer eigenthümlichen Krankheit, die wir aus Mangel an einem bessern Namen »Pileoalbo phobia« (Weißehutschau) nennen wollen. Kaum sahen die Studenten den Hut mit der verbrecherischen Farbe, so schäumen sie auf vor Wuth, sie quieken und kreischen und wissen nicht mehr was sie thun. Der Vicekanzler hatte die feierliche Warnung gegeben, diese Warnung konnte von einer Abschaffung der Commemoration für künftige Zeiten verstanden werden —— eine schreckliche Folge, welche die Anwesenden in ihrem ganzen Umfange zu schätzen wissen möchten. Aber alles war vergeblich. So lange die wüthende Schaar der Untergraduirten den weißen Hut sah, konnte sie nichts als rasen und toben, und der Vicekanzler, außer Stande, Aufmerksamkeit zu erlangen, stand auf von seinem Sitze und verließ mit den Doctoren das Haus.«

Zweiter Bericht.

Unterhaltungen der Studenten in ihren Mußstunden. Brennmaterial zu einem Universitätsfreudenfeuer aus einer Universitätsbibliothek. Bemerkungen zu den Vorgängen in Christchurch in Oxford. (Times. 18. Mai 1870,

». . .. Der brutalste und unvernünftigste Akt des Scandalismus unserer Zeit ist von Mitgliedern der Christchurch-Universität begangen worden, von jungen Männern, die den höheren Classen Englands angehören, die in der rafinirtesten Civilisation ausgewachsen sind und den ausgewähltesten Unterricht genießen, den das Land nur gewähren kann. In der Dinstagnacht der vorigen Woche drangen die Untergraduirten in die Christchurch-Bibliothek und schleppten mehrere Büsten, darunter eine Marmorstatue der Venus von hohem Werthe hinaus. Im Laufe der Nacht errichtete man einen Scheiterhaufen von Holzbündeln und Matten, warf die Sculpturen darauf, zündete Feuer an, und die Kunstwerke wurden total zerstört. Bis jetzt ist noch kein officieller Bericht über Verbrecher und ihre Schandthat erschienen, aber in den Kreisen der Untergraduirten ziemlich verbreitet. Es sollen zwei Abtheilungen dabei betheiligt gewesen sein. Die einen nahmen sie aus der Bibliothek und stellten sie zum Spaß in Peckwater (einem der hauptsächlichsten viereckigen Räume) auf; die andern fanden sie in Peckwater nahmen sie herab, machten das Freudenfeuer und zerstörten sie.

». . .. Ganz von selbst drängt sich hierbei der Gedanke auf, daß es Fehler in der Disciplin sein müssen, welche dem Uebermuth der Untergraduirten solche verbrecherische Unthaten begehen lassen. Wenn man nicht annehmen darf, daß jemand ganz auf einmal so schlecht wird, so kann die Gesellschaft eine solche Schaar von Verbrechern nur dann hervorbringen, wenn bereits in früheren Jahren dergleichen wenn auch vielleicht in weniger gefährlicher und ernster Weise, geduldet worden sind. Wenn dies so ist, so müssen wir es als die Pflicht der Vorgesetzten ansehen, es den Untergraduirten einzuschärfen, daß künftig bei Excessen solcher Art weit ernster verfahren werden soll. Diese Vorkommnisse sind nichts weiter als einfältige Tradition, die von einem Jahr in das andere mit hinübergeschleppt werden. Männer können kein Vergnügen an solchen sogenannten Witzen finden, und finden auch keines daran. Es ist eben Mode, und die Mode macht man mit. In der Armee war es vor nicht langen Jahren noch schlimmer; ein unbeliebter neuer Ankömmling war zum Beispiel an Person und Eigenthum den unglaublichsten Verfolgungen ausgesetzt, bis endlich in einem besondern Falle der öffentliche Unwille die berittene Leibwache veranlaßte, einzugreifen und mit dem muthwilligen Zerstören von Möbeln u. s. w. war es auf einmal vorbei. Dasselbe energische Auftreten würde von der Universität die gleiche wohlthätige Wirkung haben.«

Wir wollen übrigens hoffen, daß die bei der erzählten Schandthat betheiligt gewesenen Individuen die höchste Strafe erhalten haben, welche die Universitätsbehörde zu ertheilen die Macht hat. Was diese Behörden, nach solcher unangenehmen Erfahrung thun werden, um die Disciplin an der Universität zu verbessern und die Segnungen der Civilisation unter ihren Untergraduirten zu verbreiten, bleibt abzuwarten.

Anmerkung. B.

Quellen über den Stand der Ehegesetze in Irland und Schottland.

Manche Leser sind geneigt Thatsachen in Zweifel zu ziehen, die sie in einer erdichteten Erzählung finden. Diese verweise ich auf dasjenige Buch, welches mir zuerst den Gedanken für Veröffentlichung gegenwärtiger Novelle gab. Dieses Buch ist der »Bericht der Königlichen Commission über die Ehegesetze.« Veröffentlicht in der Buchdruckerei der Königin. Für Ihrer Majestät Stationery Officce (London 1868.) Was Sir Patrick in seiner Stellung von den schottischen Ehen sagt ist dieser hohen Autorität entnommen. Was der Advocat (im Prolog) in seiner Stellung von der irischen Ehre sagt, stammt aus der nämlichen Quelle. Als Hilfsmittel, auf die sie sich verlassen können will ich meinen Lesern eine ausführliche Liste aus dem Bericht der Ehecommission angeben, damit sie meine Angaben prüfen können.

Irische Ehen (im Prolog) — S. Bericht S. XII. XIII. XXIV. Ungesetzmäßige Ehen in Schottland. —— Gesetzentwurf von Lord Deas. Bericht S. XVI. —— Ehen von Kindern im zarten Alter. Prüfung Mr. Muirhead’s von Lord Chelmsford (Quästion 689 ——) Gegenseitige Einwilligung aus Schlußfolgerung entnommen. Prüfung Mr. Muirhead’s durch den Lord Justice Clerk (Quästion 654). —— Ehe ohne gegenseitige Einwilligung Bemerkungen von Lord Deas. Bericht S. XIX. —— Widerspruch in den Ansichten der Autoritäten. Bericht S. XIX —— XX. —— Gesetzliche Verfügungen im Pferde- und Hundehandel Keine gesetzliche Verfügungen betreffs der Ehe zwischen Männern und Frauen. Mr. Seeton’s Bemerkungen. Bericht S. XXX. —— Beschluß der Commission. Trotz der ihnen entgegengehaltenen Gründe zu Gunsten der Nichtintervention in die ungesetzlichen Ehen in Schottland, gibt die Commission ihre Meinung dahin, daß solche Ehen nicht fortdauern dürfen. (Bericht S. XXXIV.)

Unter den Gründen zur Erlaubniß der Fortdauer des gegenwärtigen traurigen Zustandes stützt man sich namentlich auf folgende: In Schottland darf England nicht interveniren (!); (unregelmäßige Ehen kosten nichts (!! ); sie werden immer weniger an Zahl, und man darf hoffen, daß sie im Laufe der Zeit von selbst aufhören (!!!); sie sind in manchen Fällen eine moralische Falle um einen liederlichen Mann zufangen (!!!!). Das ist der Gesichtspunkt, von dem aus die Institution der Ehe von einigen der frömmsten und gelehrtesten Gönner Schottlands betrachtet wird. Eine gesetzliche Verfügung, welche erlaubt, daß der Mann seine Frau verkaufen dürfe, namentlich wenn er mit ihr zu thun gehabt hat, oder eine Frau ihren Mann wenn sie wirklich nicht länger mit ihm auskommen kann, scheint alles zu sein, was noch fehlt, um die nordbritische Würdigung des Ehestandes praktisch zu vervollständigen. Es ist nur gut, daß von denen, welche mündlich oder schriftlich vor der Commission ihr Zeugniß ablegten die volle Hälfte die ungesetzlichen Ehen in Schottland vom Standpunkte des Christenthums und der Civilisation betrachtet und vollständig mit dem schon victirten Beschluß der Behörde übereinstimmt, daß solche Ehen abgeschafft werden müssen.



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