Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - London - Fünfzehntes Kapitel - Geoffrey als Heirathskandidat
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Mann und Weib



Fünfzehntes Kapitel - Geoffrey als Heirathskandidat

Die achtundvierzig Stunden vergingen, ohne daß irgend eine persönliche Begegnung zwischen den beiden Brüdern stattgefunden hätte. Julius schickte von dem Hause seines Vaters aus kurze geschriebene Bülletins über den Zustand Lord Holchester’s an seinen Bruder in’s HoteL Das erste lautete: »Es geht fortwährend gut; die Aerzte sind zufrieden.« Das zweite lautete noch zuversichtlicher: Es geht vortrefflich, die Aerzte haben die besten Hoffnungen.« Das dritte war das Ausführlichste von allen: »Ich soll unseren Vater in einer Stunde sprechen, die Aerzte stehen für seine Wiederherstellung ein; verlaß Dich darauf, daß ich ein gutes Wort für Dich einlegen werde und wenn möglich, warte auf weitere Nachrichten Von mir im Hotel.« Geoffrey’s Züge verfinsterten sich bei Lesung des dritten Bulletins. Jetzt verlangte er nochmals das verhaßte Schreibmaterial; denn nun schien es ihm doch unerläßlich, sich mit Anne in Verbindung zu setzen. Lord Holchester’s Wiederherstellung brachte ihn wieder in dieselbe kritische Lage, in der er sich in Windygates befunden hatte; jetzt war es wieder die einzige gesunde Politik, die Geoffrey beobachten konnte, Anne abzuhalten einen verzweifelten Entschluß zu fassen, der ihn in einen öffentlichen Scandal verwickeln und, soweit seine Erbschaft in Betracht kam, ihn ruiniren würde. Sein Brief umfaßte Alles in Allem zwanzig Worte: »Liebe Anne! ich höre eben, daß mein Vater noch nicht in’s Gras beißen will, bleibe wo Du bist, ich schreibe wieder.« Nachdem Geoffrey diese lakonische Botschaft durch die Post expedirt hatte, zündete er sich seine Pfeife an und wartete das Resultat der Zusammenkunft Lord Holchesters mit seinem ältesten Sohne ab.

Julius fand seinen Vater schrecklich verändert, aber, obgleich so schwach, daß er nicht im Stande war den Händedruck seines Sohnes zu erwidern oder sich ohne Hilfe im Bett umzudrehen, war er doch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, hatte sich der alte Advokat die ganze Klarheit seines scharfen Auges und die ganze Frische seines energischen Geistes bewahrt. Das Ziel seines Ehrgeizes war, Julius im Parlament zu sehen. Gerade jetzt hatte sich Julius auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters in Perthshire als Wahlcandidat präsentirt. Noch ehe sein ältester Sohn zwei Minuten an seinem Bette geweilt hatte, ging Lord Holchester eifrig aus die politischen Angelegenheiten des Landes ein. »Ich danke Dir, lieber Julius, für Deine Glückwünsche; Leute meines Schlages sterben nicht so leicht, sieh nur Brougham und Lyndhurst. Du kannst ja noch nicht in’s Oberhaus kommen und würdest zunächst in’s Unterhaus gewählt werden, gerade wie ich es wünsche. Wie sind Deine Aussichten bei den Wählern, erzähle mir doch wie Du mit ihnen stehst und wo und wie ich Dir nützen kann!«

»Aber lieber Vater, Du bist doch wahrlich noch zu schwach, um jetzt von Geschäften zu reden!«

»Ich fühle mich stark genug; ich brauche etwas, was meine Gedanken angenehm beschäftigt, mein Geist fängt an sich in vergessene Zeiten zu versenken, in Dinge die besser vergessen bleiben.« Plötzlich verzog sich sein bleiches Gesicht krampfhaft, er sah seinen Sohn scharf an und that ihm ganz unerwartet die Frage: »Julius, hast Du je von einem jungen Mädchen mit Namen Anne Silvester gehört?«

Julius verneinte die Frage. Seine Beziehungen zu Lady Lundie beschränkten sich darauf, daß er und seine Frau ihre Karten bei derselben abgegeben hatten; eine Einladung Lady Lundie’s zu ihrem Gartenfeste hatten sie dankend abgelehnt. Mit Ausnahme von Blanche kannten sie in dem Familienkreise in Windygates Niemanden. ——

»Notire Dir doch den Namen!« fuhr Lord Holchester fort. »Anne Silvester! Ihre Eltern sind beide todt; ich kannte ihren Vater. In früheren Zeiten wurde ihrer Mutter bös mitgespielt, es war eine häßliche Geschichte. Seit vielen Jahren habe ich zum ersten Male wieder an die Sache gedacht. Wenn das Mädchen noch lebt und in England ist, so erinnert sie sich vielleicht unseres Familiennamens. Sollte sie sich jemals um Unterstützung an Dich wenden, so stehe ihr mit Rath und That bei, Julius« —— Wieder zuckte es krampfhaft in dem Gesicht des Alten. Hatten seine Erinnerungen ihn an jenen denkwürdigen Sommerabend nach Hampstead-Villa zurückgeführt, sah er wieder, wie die verlassene Frau zu seinen Füßen ohnmächtig niedersank? . . . . . »Aber ich wollte etwas von Deiner Wahl wissen«, fing er ungeduldig wieder an, »mein Geist ist nicht gewohnt, müßig zu sein, gieb ihm Beschäftigung.«

Julius machte über seine Chancen eine kurze und bündige Mittheilung. Der Vater fand gegen den Bericht nichts einzuwenden, als die Abwesenheit des Sohnes vom Wahlfelde; er schalt auf Lady Holchester, daß sie Julius nach London habe rufen lassen. Er war verdrießlich darüber, daß sein Sohn in einem Augenblicke an seinem Bette saß, wo er die Wähler hätte aranguiren sollen. »Das ist unpassend«, sagte er ungestüm, »siehst Du das nicht selbst ein?«

Julius, der mit seiner Mutter übereingekommen war, die erste sich darbietende Gelegenheit zu einer Erwähnung Geoffrey’s zu benutzen, beschloß eine Erklärung für seine Anwesenheit zu geben, auf die sein Vater durchaus nicht gefaßt war. Die Gelegenheit bot sich jetzt dar und er ergriff sie auf der Stelle. »Es ist nicht unpassend lieber Vater! Weder für mich noch für meinen Bruder Geoffrey. Geoffrey war auch um Deinetwillen besorgt und ist mit nach London gekommen.« —— — Lord Holchester sah seinen ältesten Sohn mit einem höhnisch satyrischen Ausdruck der Ueberraschung an. »Habe ich Dir nicht schon gesagt«, erwiderte er, »daß mein Geist durch meine Krankheit nicht afficirt ist? Ist Geoffrey um mich besorgt? Besorgniß ist eine civilisirte Gemüthsbewegung, in dem Zustand der Wildheit, in dem er sich befindet, ist der Mensch dieser Empfindung ganz unfähig!«

»Geoffrey ist aber kein Wilder, lieber Vater!«

»Er ist gut gesättigt und sein Körper mit Leinen und Wollstoffen anstatt mit rother Farbe und Oel bedeckt, soweit ist Dein Bruder gewiß zu den civilisirten Menschen zu rechnen, in jeder andern Hinsicht aber ist er ein Wilder, Du weißt das so gut wie ich.«

»Aber, lieber Vater! Es läßt sich doch Manches zu Geoffrey’s Entschuldigung anführen. Er übt seinen Muth durch Entwickelung seiner Körperkräfte, und Muth und Körperkraft sind doch ganz gewiß nicht zu verachtende Eigenschaften!«

»Vortreffliche Eigenschaften so weit sie reichen. Wenn Du wissen willst, wie weit sie reichen, so fordere doch Geoffrey einmal auf, einen Satz in anständigem Englisch zu schreiben, und sieh, ob sein Muth ihn da nicht verläßt. Gieb ihm seine Bücher, um sich auf sein Examen vorzubereiten, und trotz aller Körperstärke wird er schwach werden. Du wünschest, daß ich Deinen Bruder sehe? Nichts wird mich dazu bewegen, bis er sein Leben ganz und gar geändert hat, und ich glaube, es ist nur eine Möglichkeit vorhanden, ihn dazu zu bringen. Es ist denkbar, daß der Einfluß einer verständigen, mit so eminenten Vorzügen der Geburt und des Vermögens ausgestatteten Frau, daß selbst ein Wilder davor Respect haben müßte, auch Geoffrey nicht ganz unberührt lassen würde. Wenn er wieder Zutritt in diesem Hause erlangen will, so laß ihn sich erst wieder Zutritt zur guten Gesellschaft verschaffen und mir eine Schwiegertochter bringen, die seine Mutter und ich respectiren und empfangen können und die bei mir plaidiren kann für ihn. Wenn das einmal geschehen wird, werde ich anfangen, wieder an Geoffrey zu glauben; bis dahin bitte ich Dich, Deinen Bruder bei keiner Unterhaltung mit mir wieder zu erwähnen. Um auf Deine Wahl zurückzukommen ehe Du wieder fortgehst, habe ich Dir noch einen Rath zu geben; Du thust gut schon heute Abend wieder abzureisen. Richte mein Kissen auf, ich werde besser reden können, wenn ich sitze.« Der Sohn that wie ihm geheißen wurde und bat den Vater abermals, sich zu schonen. Es war vergebens, keine Vorstellung vermochte die eiserne Entschlossenheit des Mannes zu erschüttern, der sich den Weg durch die Ränke und Schliche des politischen Lebens zu der hervorragenden Stellung, die er jetzt einnahm, gebahnt hatte. Schwach, geisterhaft, kaum den Klauen des Todes entronnen, lag er da und war damit beschäftigt, seinem Sohne die Lehren des klaren, gesunden Menschenverstandes einzuschärfen, welcher ihm seine hohe Stellung eingetragen hatte. Da fehlte auch kein feiner Wink, keine Vorsichtsmaßregel, die Julius sicher auf der schlüpferigen politischen Bahn leiten konnte, auf der er selbst so sicher und geschickt an’s Ziel gelangt war. Es dauerte noch eine ganze Stunde, ehe der Greis seine müden Augen schloß; seine letzten, in Folge der körperlichen Erschöpfung kaum verständlichen Worte priesen noch die richtigen Parteimanöver im politischen Kampfe. »Es ist eine große Laufbahn, Julius. Ich entbehre nichts so sehr auf der Welt, wie das Unterhaus!«

Als Julius sich endlich wieder seinen Gedanken überlassen und gehen konnte, wohin er wollte, begab er sich direct vom Krankenzimmer seines Vaters in das Boudoir seiner Mutter.

»Hat Dein Vater irgend etwas von Geoffrey gesagt?« lautete die erste Frage Lady Holchester’s, als Julius in’s Zimmer trat.

»Er giebt Geoffrey eine letzte Chance, wenn er sie nur ergreifen wollte.«

Lady Holchester’s Miene verfinsterte. sich. »Ich weiß«, sagte sie mit einem Ausdruck der Enttäuschung, »seine letzte Chance ist, sich auf sein Examen vorzubereiten, das ist ganz hoffnungslos, wenn es nur etwas Leichteres als Das wäre, etwas, wobei ich ihm helfen könnte!«

»Du kannst ihm helfen, liebe Mutter«, schaltete Julius ein. »Geoffrey’s letzte Chance heißt mit einem Worte: »heirathen«!«

»O, Julius! das kann ich nicht glauben.«

Julius wiederholte die eigenen Worte des Vaters. Lady Holchester erschien beim Anhören derselben um zwanzig Jahre jünger.

Als er ausgesprochen hatte, klingelte sie »Ich bin für Niemand zu Hause!« rief sie dem eintretenden Diener entgegen.

Dann wandte sie sich wieder an Julius, umarmte ihn und wies ihm einen Platz neben sich auf dem Sopha an.

»Diese Chance soll Geoffrey ergreifen«, sagte sie vergnügt, dafür stehe ich Dir.«

»Ich weiß drei Partien, von denen jede für ihn passen würde!«

»Setze Dich her, lieber Julius! und lasse uns ruhig überlegen, welche von den dreien wohl die meiste Aussicht hätte, Geoffrey zu gefallen und den Anforderungen seines Vaters in Betreff seiner Schwiegertochter zu entsprechen. Wenn wir einig geworden sind, darfst Du das Ergebniß keinem Schreiben anvertrauen; Du mußt selbst in’s Hotel gehen und Geoffrey sprechen.«

Mutter und Sohn berathschlagten nun und säeten harmlosen Sinnes eine Saat, der eine furchtbare Ernte entsprießen sollte.


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