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Mann und Weib



London

Vierzehntes Kapitel - Geoffrey als Briefsteller

Lord Holchester’s Dienerschaft erwartete, den Kellermeister an der Spitze, die Ankunft des Herrn Julius Delamayn von Schottland. Das gleichzeitige Erscheinen der beiden Brüder war für die gesammte Dienerschaft eine Ueberraschung. Alle Fragen an den Kellermeister gingen von Julius aus, während Geoffrey bei Seite stand und der ganzen Scene nur als Zuhörer beiwohnte.

»Lebt mein Vater noch?«

»Seine Lordschaft befinden sich Gottlob zum Erstaunen der Aerzte besser, Mr. Delamayn; er hat sich vorige Nacht wunderbar erholt, wenn es achtundvierzig Stunden so fortgeht, so ist die Wiederherstellung seiner Lordschaft gewiß.«

»Was fehlt meinem Vater?«

»Ein Schlaganfall. Als MyLady Ihnen nach Schottland telegraphirte hatten die Aerzte seine Lordschaft aufgegeben.

»Ist meine Mutter zu Hause?«

»Mylady ist zu Hause für Sie.«

Der Kellermeister betonte das »für Sie« sehr scharf. Julius sah seinen Bruder an.

Die Besserung in Lord Holchesters Zustand machte Geoffrey’s Position in diesem Augenblick zu einer peinlichen. Das Haus war ihm ausdrücklich verboten worden.

Seine einzige Entschuldigung dafür, daß er dieses Verbot übertrat, war, daß sein Vater im Sterben liege. Wie die Dinge jetzt standen, blieb das Verbot in voller Kraft.

Die untergeordneten, in der Vorhalle versammelten Diener, denen die Aufrechthaltung dieses Verbotes bei Verlust ihrer Stellen vorgeschrieben war, sahen abwechselnd Geoffrey und den Kellermeister an; der Kellermeister seinerseits sah abwechselnd Geoffrey und Julius an und Julius sah wiederum seinen Bruder an. Es entstand eine peinliche Pause; der zweite Sohn des Hauses war in den Augen der Dienerschaft ein wildes Thier, dessen man sich auf alle Weise zu entledigen suchen mußte.

Die Frage war nur: wie?

Da erhob Geoffrey die Stimme und löste die Frage: »Oeffne Einer von Euch Kerls die Thür, ich gehe!«

»Warte einen Augenblick« rief ihm sein Bruder zu. »Es würde eine große Enttäuschung für unsere Mutter sein, wenn sie erfährt, daß Du hier gewesen und fortgegangen bist, ohne sie zu sehen.

Wir sind hier unter ganz ungewöhnlichen Umständen. Komm mit mir hinauf, ich übernehme die Verantwortlichkeit.«

»Ich für mein Theil übernehme aber die Verantwortlichkeit nicht; macht die Thür auf!« erwiderte Geoffrey.

»So warte doch, bis ich Dir eine Botschaft herunter schicken kann!«

»Schicke Deine Botschaft nach Nagel’s Hotel, ich wohne bei Nagel, nicht hier!«

In diesem Augenblick wurde die Debatte in der Halle durch das Erscheinen eines kleinen Hundes unterbrochen. Bei dem Anblick der Fremden fing der Hund an zu hellen. Die Aerzte hatten die vollständigste Ruhe im Hause strenge anbefohlen. Die Diener aber machten durch einen gemeinschaftlichen Versuch, das Thier zu fangen, den Lärm noch schlimmer. Auch dieses Problem wußte Geoffrey in seiner entschlossenen Weise zu lösen. In dem Augenblick, wo der Hund an ihm vorüber lief, drehte er sich rasch um und versetzte dem Thiere einen Stoß mit seinem schweren Stiefel. Das arme Geschöpf fiel winselnd zu Boden.

»Mylady’s Lieblingshund!« rief der Kellermeister, »Sie haben ihm die Rippen zerbrochen, Master!«

»Ich habe ihn im Bellen unterbrochen, meinen Sie«, erwiderte Geoffrey, »hol’ der Henker seine Rippen«, und fuhr dann zu seinem Bruder gewendet fort: »Mich dünkt, damit ist die Sache entschieden. Ich thue wohl besser, das Vergnügen, unsere gute Mutter zu sehen, bis zu einer anderen Gelegenheit zu verschieben. Adieu Julius, Du weißt, wo Du mich findest; komm zum Essen zu Nagel, da geben sie Dir ein Beafsteak, wie Du es noch nie gefunden hast.« Mit diesen Worten ging er fort.

Die Diener betrachteten den zweiten Sohn seiner Lordschaft mit unverhohlener Hochachtung. Sie hatten ihn bei der Jahresfeier des christlichen Faustkämpfervereins öffentlich mit Stulphandschuhen angethan gesehen. Er wäre im Stande gewesen den Stärksten unter ihnen in drei Minuten halbtodt zu schlagen.

Der Pförtner verneigte sich tief, als er die Thür öffnete. Das ganze Interesse der versammelten Dienerschaft concentrirte sich auf Geoffrey. Julius ging zu seiner Mutter hinauf ohne die mindeste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Es war im August, die Straßen waren leer, der abscheulichste Wind den es in London giebt, ein heißer Qstwind, wehte an jenem Tage. Selbst Geoffrey schien von dem Einfluß dieses Wetters nicht unberührt zu bleiben, als er sich vom Hause seines Vaters nach dem Hotel fahren ließ. Er nahm den Hut ab und knöpfte die Weste auf, zündete sich seine ewige Pfeife an und brummte und knurrte zwischen den Zähnen in den Rauchpausen. War es der heiße Wind allein, der ihm diese Aeußerung des Unbehagens entlockte, oder lastete eine geheime Sorge auf seinem Gemüth die der deprimierende Einfluß des Wetters verstärkte? Allerdings trug er sich mit einer geheimen Sorge und diese Sorge hieß »Anne.« Was sollte er, wie die Dinge jetzt standen, mit dem unglücklichen Frauenzimmer anfangen, die in dem schottischen Gasthofe auf einen Brief von ihm wartete? Schreiben oder nicht schreiben, das war für Geoffrey die Frage! Die erste Frage, unter welcher Adresse er den Brief an Anne Silvester zu befördern haben Winde, war bereits gelöst; sie hatte ja mit ihm verabredet, daß sie sich, falls es nothwendig werden sollte, bevor Geoffrey ihr folgen könnte, ihren Namen zu sagen, sich statt Miß Silvester, Mrs. Silvester nennen würde. Ein an Mrs. Silvester gerichteter Brief würde sie unfehlbar, ohne ihr eine Verlegenheit zu bereiten, erreichen. Nicht darin lag die Schwierigkeit, sondern wie gewöhnlich in der Nothwendigkeit sich zwischen den beiden Fällen einer Alternative zu entscheiden. Was war das richtige Verfahren, Anne noch heute zu benachrichtigen daß eine Zeit von achtundvierzig Stunden verfließen müsse, bevor die Wiederherstellung seines Vaters als gewiß betrachtet werden könne, oder abzuwarten, bis diese Zeit verflossen wäre und je nach dem Ergebniß zu handeln? Als er dieses auf dem Weg nach dem Hotel erwog, gelangte er zu dem Entschluß, daß es richtig sein würde, Anne dadurch hinzuhalten, daß er ihr mittheilte, wie die Dinge augenblicklich stünden. Im Hotel angekommen setzte er, sich hin, um den Brief zu schreiben, wurde unschlüssig und zerriß das Geschriebene, wurde wieder unschlüssig und fing von Neuem an, wurde zum dritten Male unschlüssig zerriß den Brief wieder, sprang auf und gestand sich in nicht wieder zu gebenden Ausdrücken, daß er, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, nicht zu einem Entschluß darüber gelangen könne, was das Richtige sei, zu schreiben oder zu warten. In diesem kritischen Augenblick gab ihm sein gesunder physischer Instinct physische Mittel als Erleichterung an die Hand. »Mir ist zu Muthe, als stecke ich in einem Sumpfe, ich will ein Bad nehmen.« Er ging in eine große, viele Räume umfassende und mit Einrichtungen zu allen möglichen Lagen und Körper-Manipulationen eingerichtete Badeanstalt. Er nahm ein Dampfbad, dazu ein Vollbad, dann ein Regenbad und ein gewaltiges Sturzbad. Er legte sich auf den Rückem dann auf den Bauch, die Badediener kneteten und rieben ihn voll Ehrerbietung vom Kopf bis zum Fuß mit wohlgeübten Händen. Nach diesen Proceduren sah er glatt, rein, rosig und schön aus. Er kehrte nun in’s Hotel zurück und fing an zu schreiben, aber siehe da, die unerträgliche Unentschlossenheit war nicht von ihm gewichen, hatte sich nicht wegbaden lassen wollen. Dieses Mal sollte Anne an Allem Schuld sein. »Die verfluchte Person wird mich noch ruiniren«, sagte Geoffrey, indem er seinen Hut ergriff, »ich will es noch einmal mit den Hanteln versuchen.« Um durch dieses neue Mittel sein träges Gehirn anzustacheln, mußte er in ein benachbartes Gasthaus gehen, dessen Wirth ein Läufer war, der die Ehre gehabt hatte, ihn verschiedene Male zu öffentlichen athletischen Wettkämpfen einzuüben, »Ein Zimmer für mich und die schwersten Hanteln, die Sie haben!« rief ihm Geoffrey entgegen.

Er zog sich Rock und Weste aus und ging mit den schweren Gewichten in jeder Hand an die Arbeit, indem er sie auf- und niederwärts, vorwärts und rückwärts nach jeder erdenklichen Richtung hinschwang, bis seine prachtvollen Muskeln so gespannt waren, daß die geschmeidige Haut bersten zu wollen schien. Allmälig fingen seine Lebensgeister an, wieder wach zu werden. Die starken Körperübungen wirkten berauschend auf den starken Mann. Seiner Aufregung gab er durch die heillosesten Flüche Ausdruck, indem er in Erwiderung der ihm reichlich gespendeten Beifallsbezeugungen des Gymnastikers und seines Sohnes abwechselnd Donner und Blitz, Pulver und Blei rief. »Dinte, Feder und Papier her!« schrie er, als er endlich von der Körperübung erschöpft war, »ich habe mich entschlossen, ich will schreiben und die Sache los sein!«

Wie gesagt, so gethan, er ging an’s Werk und beendigte den Brief auf der Stelle; im nächsten Augenblick hätte der Brief sicher im Postkasten gelegen. Aber gerade in diesem Augenblick ergriff ihn wieder seine krankhafte Unentschlossenheit. Er öffnete den Brief wieder, las ihn nochmals und zerriß ihn dann wieder. »Nun weiß ich doch noch nicht, was ich will! rief Geoffrey indem er seine großen, wilden, blauen Augen auf den Professor der Gymnastik heftete. »Donner und Blitz, Pulver und Blei! Lassen Sie Crouch kommen.« Crouch war überall da, wo englische Mannhaftigkeit respectirt wurde, ein bekannter und hochgeschätzter, in’s Privatleben zurückgetretener Preisfechter. Er erschien jetzt mit dem dritten und letzten Geoffrey Delamayn bekannten Mittel, seinen Geist frei zu machen, nämlich mit zwei Paar Boxhandschuhen in einem Reisesack. Geoffrey und der Preisfechter zogen die Handschuhe an und stellten sich in der klassisch correcten Stellung erprobter Faustkämpfer einander gegenüber. »Aber keine Spielerei»brummte Geoffrey; schlagen Sie ordentlich, Sie Schuft!« Als ob es wieder um Preise ginge.«

Kein Mensch auf der Welt wußte besser was wirkliches Schlagen heißt, und welche furchtbare Schläge selbst mit anscheinend so harmlosen Waffen, wie es wattirte Handschuhe sind, ausgetheilt werden können, als der große, schreckliche Crouch. Er that aber auch nur, als ob er sich den Wünschen Geoffrey’s füge. Dieser belohnte ihn für seine Höflichkeit und Rücksichtsnahme damit, daß er ihn zu Boden schlug. Der große Schreckliche erhob sich wieder ohne eine Miene zu verziehen.

»Gut getroffen, gut getroffen! Mr. Delamayn!« sagte er, »versuchen Sie es jetzt mit der andern Faust.«

Geoffrey war nicht so kaltblütig geblieben, indem er Tod und Verderben auf die schon oft genug braun und blau geschlagenen Augen Crouch’s herniederrief, drohte er ihm für immer seine Gunst und Protection zu entziehen, wenn er nicht seine verfluchte Höflichkeit aufgebe und auf der Stelle gewaltig zuschlüge.

Der Held von hundert Faustkämpfen verzagte vor der ihm gestellten Aussicht. »Ich habe eine Familie zu ernähren!« bemerkte Crouch, wenn Sie es aber durchaus wünschen, da haben Sie’s!«

Geoffrey stürzte mit solcher Gewalt zu Boden, daß das ganze Haus davon erdröhnte; aber im Augenblick stand er wieder auf den Beinen und war auch jetzt noch nicht befriedigt. »Ach was mit Ihrem Umwerfen, schlagen Sie ordentlich auf den Kopf, Donner und Blitz, Pulver und Blei! Schlagen Sie mir die Geschichte heraus, zielen Sie nach dem Kopfe.

Der gehorsame Crouch zielte nach dem Kopfe. Die Beiden gaben und empfingen Schläge, die jedes civilisirte Mitglied der menschlichen Gesellschaft auf der Stelle bewußtlos gemacht, vielleicht getödtet haben würde. Der Handschuh des Preisfechters fiel jetzt wie ein Hammer abwechselnd aus die eine und dann auf die andere Seite des eisernen Schädels seines vornehmen Gegners, Schlag auf Schlag, gräßlich anzuhören, bis endlich Geoffrey selbst sich für befriedigt erklärte. »Ich danke Ihnen Crouch«, sagte er zum ersten Male in einem höflichen Tone. »Nun ist es gut! Jetzt fühle ich mich frisch und klar«, er schüttelte drei bis vier Mal den Kopf, trank ein mächtiges Glas Bier und fand seine gute Laune wie durch einen Zauber wieder.

»Wünschen Sie wieder Feder und Dinte?« fragte sein gymnastischer Wirth.

»Nein!« antwortete Geoffrey, »jetzt bin ich die Geschichte los, hole der Teufel Feder und Dinte. Ich will einige meiner Kameraden aufsuchen und mit ihnen in’s Theater gehen.« Er verließ das Wirthshaus in der glücklichsten und heitersten Stimmung. Durch die stimulirende Wirkung von Crouche’s Handschuhen begeistert, hatte er die lähmende Schläfrigkeit seines Hirns abgeworfen und fühlte sich wieder ganz im Besitz seiner natürlichen Schlauheit. »An Anne schreiben? welcher vernünftige Mensch würde das ohne die äußerste Noth thun. Wir wollen ruhig abwarten und sehen, was die nächsten achtundvierzig Stunden bringen, und dann schreiben oder sie im Stich lassen, je nachdem die Dinge sich gestalten werden.« Das war ja so klar wie der Tag für Jeden, der sehen konnte, und Dank dem großen Crouch konnte er jetzt sehen und so ging er fort in der richtigen Stimmung für ein munteres Diner und einen Abend im Theater mit seinen Universitätsfreunden.



Kapiteltrenner


Fünfzehntes Kapitel - Geoffrey als Heirathskandidat

Die achtundvierzig Stunden vergingen, ohne daß irgend eine persönliche Begegnung zwischen den beiden Brüdern stattgefunden hätte. Julius schickte von dem Hause seines Vaters aus kurze geschriebene Bülletins über den Zustand Lord Holchester’s an seinen Bruder in’s HoteL Das erste lautete: »Es geht fortwährend gut; die Aerzte sind zufrieden.« Das zweite lautete noch zuversichtlicher: Es geht vortrefflich, die Aerzte haben die besten Hoffnungen.« Das dritte war das Ausführlichste von allen: »Ich soll unseren Vater in einer Stunde sprechen, die Aerzte stehen für seine Wiederherstellung ein; verlaß Dich darauf, daß ich ein gutes Wort für Dich einlegen werde und wenn möglich, warte auf weitere Nachrichten Von mir im Hotel.« Geoffrey’s Züge verfinsterten sich bei Lesung des dritten Bulletins. Jetzt verlangte er nochmals das verhaßte Schreibmaterial; denn nun schien es ihm doch unerläßlich, sich mit Anne in Verbindung zu setzen. Lord Holchester’s Wiederherstellung brachte ihn wieder in dieselbe kritische Lage, in der er sich in Windygates befunden hatte; jetzt war es wieder die einzige gesunde Politik, die Geoffrey beobachten konnte, Anne abzuhalten einen verzweifelten Entschluß zu fassen, der ihn in einen öffentlichen Scandal verwickeln und, soweit seine Erbschaft in Betracht kam, ihn ruiniren würde. Sein Brief umfaßte Alles in Allem zwanzig Worte: »Liebe Anne! ich höre eben, daß mein Vater noch nicht in’s Gras beißen will, bleibe wo Du bist, ich schreibe wieder.« Nachdem Geoffrey diese lakonische Botschaft durch die Post expedirt hatte, zündete er sich seine Pfeife an und wartete das Resultat der Zusammenkunft Lord Holchesters mit seinem ältesten Sohne ab.

Julius fand seinen Vater schrecklich verändert, aber, obgleich so schwach, daß er nicht im Stande war den Händedruck seines Sohnes zu erwidern oder sich ohne Hilfe im Bett umzudrehen, war er doch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, hatte sich der alte Advokat die ganze Klarheit seines scharfen Auges und die ganze Frische seines energischen Geistes bewahrt. Das Ziel seines Ehrgeizes war, Julius im Parlament zu sehen. Gerade jetzt hatte sich Julius auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters in Perthshire als Wahlcandidat präsentirt. Noch ehe sein ältester Sohn zwei Minuten an seinem Bette geweilt hatte, ging Lord Holchester eifrig aus die politischen Angelegenheiten des Landes ein. »Ich danke Dir, lieber Julius, für Deine Glückwünsche; Leute meines Schlages sterben nicht so leicht, sieh nur Brougham und Lyndhurst. Du kannst ja noch nicht in’s Oberhaus kommen und würdest zunächst in’s Unterhaus gewählt werden, gerade wie ich es wünsche. Wie sind Deine Aussichten bei den Wählern, erzähle mir doch wie Du mit ihnen stehst und wo und wie ich Dir nützen kann!«

»Aber lieber Vater, Du bist doch wahrlich noch zu schwach, um jetzt von Geschäften zu reden!«

»Ich fühle mich stark genug; ich brauche etwas, was meine Gedanken angenehm beschäftigt, mein Geist fängt an sich in vergessene Zeiten zu versenken, in Dinge die besser vergessen bleiben.« Plötzlich verzog sich sein bleiches Gesicht krampfhaft, er sah seinen Sohn scharf an und that ihm ganz unerwartet die Frage: »Julius, hast Du je von einem jungen Mädchen mit Namen Anne Silvester gehört?«

Julius verneinte die Frage. Seine Beziehungen zu Lady Lundie beschränkten sich darauf, daß er und seine Frau ihre Karten bei derselben abgegeben hatten; eine Einladung Lady Lundie’s zu ihrem Gartenfeste hatten sie dankend abgelehnt. Mit Ausnahme von Blanche kannten sie in dem Familienkreise in Windygates Niemanden. ——

»Notire Dir doch den Namen!« fuhr Lord Holchester fort. »Anne Silvester! Ihre Eltern sind beide todt; ich kannte ihren Vater. In früheren Zeiten wurde ihrer Mutter bös mitgespielt, es war eine häßliche Geschichte. Seit vielen Jahren habe ich zum ersten Male wieder an die Sache gedacht. Wenn das Mädchen noch lebt und in England ist, so erinnert sie sich vielleicht unseres Familiennamens. Sollte sie sich jemals um Unterstützung an Dich wenden, so stehe ihr mit Rath und That bei, Julius« —— Wieder zuckte es krampfhaft in dem Gesicht des Alten. Hatten seine Erinnerungen ihn an jenen denkwürdigen Sommerabend nach Hampstead-Villa zurückgeführt, sah er wieder, wie die verlassene Frau zu seinen Füßen ohnmächtig niedersank? . . . . . »Aber ich wollte etwas von Deiner Wahl wissen«, fing er ungeduldig wieder an, »mein Geist ist nicht gewohnt, müßig zu sein, gieb ihm Beschäftigung.«

Julius machte über seine Chancen eine kurze und bündige Mittheilung. Der Vater fand gegen den Bericht nichts einzuwenden, als die Abwesenheit des Sohnes vom Wahlfelde; er schalt auf Lady Holchester, daß sie Julius nach London habe rufen lassen. Er war verdrießlich darüber, daß sein Sohn in einem Augenblicke an seinem Bette saß, wo er die Wähler hätte aranguiren sollen. »Das ist unpassend«, sagte er ungestüm, »siehst Du das nicht selbst ein?«

Julius, der mit seiner Mutter übereingekommen war, die erste sich darbietende Gelegenheit zu einer Erwähnung Geoffrey’s zu benutzen, beschloß eine Erklärung für seine Anwesenheit zu geben, auf die sein Vater durchaus nicht gefaßt war. Die Gelegenheit bot sich jetzt dar und er ergriff sie auf der Stelle. »Es ist nicht unpassend lieber Vater! Weder für mich noch für meinen Bruder Geoffrey. Geoffrey war auch um Deinetwillen besorgt und ist mit nach London gekommen.« —— — Lord Holchester sah seinen ältesten Sohn mit einem höhnisch satyrischen Ausdruck der Ueberraschung an. »Habe ich Dir nicht schon gesagt«, erwiderte er, »daß mein Geist durch meine Krankheit nicht afficirt ist? Ist Geoffrey um mich besorgt? Besorgniß ist eine civilisirte Gemüthsbewegung, in dem Zustand der Wildheit, in dem er sich befindet, ist der Mensch dieser Empfindung ganz unfähig!«

»Geoffrey ist aber kein Wilder, lieber Vater!«

»Er ist gut gesättigt und sein Körper mit Leinen und Wollstoffen anstatt mit rother Farbe und Oel bedeckt, soweit ist Dein Bruder gewiß zu den civilisirten Menschen zu rechnen, in jeder andern Hinsicht aber ist er ein Wilder, Du weißt das so gut wie ich.«

»Aber, lieber Vater! Es läßt sich doch Manches zu Geoffrey’s Entschuldigung anführen. Er übt seinen Muth durch Entwickelung seiner Körperkräfte, und Muth und Körperkraft sind doch ganz gewiß nicht zu verachtende Eigenschaften!«

»Vortreffliche Eigenschaften so weit sie reichen. Wenn Du wissen willst, wie weit sie reichen, so fordere doch Geoffrey einmal auf, einen Satz in anständigem Englisch zu schreiben, und sieh, ob sein Muth ihn da nicht verläßt. Gieb ihm seine Bücher, um sich auf sein Examen vorzubereiten, und trotz aller Körperstärke wird er schwach werden. Du wünschest, daß ich Deinen Bruder sehe? Nichts wird mich dazu bewegen, bis er sein Leben ganz und gar geändert hat, und ich glaube, es ist nur eine Möglichkeit vorhanden, ihn dazu zu bringen. Es ist denkbar, daß der Einfluß einer verständigen, mit so eminenten Vorzügen der Geburt und des Vermögens ausgestatteten Frau, daß selbst ein Wilder davor Respect haben müßte, auch Geoffrey nicht ganz unberührt lassen würde. Wenn er wieder Zutritt in diesem Hause erlangen will, so laß ihn sich erst wieder Zutritt zur guten Gesellschaft verschaffen und mir eine Schwiegertochter bringen, die seine Mutter und ich respectiren und empfangen können und die bei mir plaidiren kann für ihn. Wenn das einmal geschehen wird, werde ich anfangen, wieder an Geoffrey zu glauben; bis dahin bitte ich Dich, Deinen Bruder bei keiner Unterhaltung mit mir wieder zu erwähnen. Um auf Deine Wahl zurückzukommen ehe Du wieder fortgehst, habe ich Dir noch einen Rath zu geben; Du thust gut schon heute Abend wieder abzureisen. Richte mein Kissen auf, ich werde besser reden können, wenn ich sitze.« Der Sohn that wie ihm geheißen wurde und bat den Vater abermals, sich zu schonen. Es war vergebens, keine Vorstellung vermochte die eiserne Entschlossenheit des Mannes zu erschüttern, der sich den Weg durch die Ränke und Schliche des politischen Lebens zu der hervorragenden Stellung, die er jetzt einnahm, gebahnt hatte. Schwach, geisterhaft, kaum den Klauen des Todes entronnen, lag er da und war damit beschäftigt, seinem Sohne die Lehren des klaren, gesunden Menschenverstandes einzuschärfen, welcher ihm seine hohe Stellung eingetragen hatte. Da fehlte auch kein feiner Wink, keine Vorsichtsmaßregel, die Julius sicher auf der schlüpferigen politischen Bahn leiten konnte, auf der er selbst so sicher und geschickt an’s Ziel gelangt war. Es dauerte noch eine ganze Stunde, ehe der Greis seine müden Augen schloß; seine letzten, in Folge der körperlichen Erschöpfung kaum verständlichen Worte priesen noch die richtigen Parteimanöver im politischen Kampfe. »Es ist eine große Laufbahn, Julius. Ich entbehre nichts so sehr auf der Welt, wie das Unterhaus!«

Als Julius sich endlich wieder seinen Gedanken überlassen und gehen konnte, wohin er wollte, begab er sich direct vom Krankenzimmer seines Vaters in das Boudoir seiner Mutter.

»Hat Dein Vater irgend etwas von Geoffrey gesagt?« lautete die erste Frage Lady Holchester’s, als Julius in’s Zimmer trat.

»Er giebt Geoffrey eine letzte Chance, wenn er sie nur ergreifen wollte.«

Lady Holchester’s Miene verfinsterte. sich. »Ich weiß«, sagte sie mit einem Ausdruck der Enttäuschung, »seine letzte Chance ist, sich auf sein Examen vorzubereiten, das ist ganz hoffnungslos, wenn es nur etwas Leichteres als Das wäre, etwas, wobei ich ihm helfen könnte!«

»Du kannst ihm helfen, liebe Mutter«, schaltete Julius ein. »Geoffrey’s letzte Chance heißt mit einem Worte: »heirathen«!«

»O, Julius! das kann ich nicht glauben.«

Julius wiederholte die eigenen Worte des Vaters. Lady Holchester erschien beim Anhören derselben um zwanzig Jahre jünger.

Als er ausgesprochen hatte, klingelte sie »Ich bin für Niemand zu Hause!« rief sie dem eintretenden Diener entgegen.

Dann wandte sie sich wieder an Julius, umarmte ihn und wies ihm einen Platz neben sich auf dem Sopha an.

»Diese Chance soll Geoffrey ergreifen«, sagte sie vergnügt, dafür stehe ich Dir.«

»Ich weiß drei Partien, von denen jede für ihn passen würde!«

»Setze Dich her, lieber Julius! und lasse uns ruhig überlegen, welche von den dreien wohl die meiste Aussicht hätte, Geoffrey zu gefallen und den Anforderungen seines Vaters in Betreff seiner Schwiegertochter zu entsprechen. Wenn wir einig geworden sind, darfst Du das Ergebniß keinem Schreiben anvertrauen; Du mußt selbst in’s Hotel gehen und Geoffrey sprechen.«

Mutter und Sohn berathschlagten nun und säeten harmlosen Sinnes eine Saat, der eine furchtbare Ernte entsprießen sollte.



Kapiteltrenner


Sechzehntes Kapitel - Geoffrey als öffentlicher Charakter

Es war Nachmittag geworden, bevor sich Lady Holchester und ihr Sohn über Geoffrey’s Zukunft geeinigt hatten und bevor die Instructionen für Julius so verständlich ausgearbeitet waren, daß die Unterhandlungen über die Heirath, in Nagel’s Hotel eröffnet werden konnten. »Verlaß ihn nicht, bis Du seine Zusage hast!« waren Lady Holchester’s letzte Worte, als Julius seine Mission antrat. »Wenn Geoffrey nicht auf mein freundliches Anerbieten eingeht«, lautete die Antwort des Sohnes, »so werde ich mich zu unseres Vaters Ansicht bekennen, daß sein Fall hoffnungslos ist, und werde ihn schließlich auch aufgeben müssen!« —— Das war in Julius Munde eine starke Sprache. Es war nicht leicht, das wohlgeschulte und gleichmäßige Temperament des ältesten Sohnes Lord Holchesters aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nie hatte es zwei so verschiedene Menschen gegeben, wie diese beiden Brüder. So traurig es ist, es von dem Bruder eines preisgekrönten Wettruderers aussprechen zu müssen, so zwingt uns doch die Wahrheit zu dem Bekenntniß, daß Julius sich mit der Bildung seines Geistes beschäftigte. Dieser entartete Brite konnte Bücher verdauen aber kein Bier vertragen, konnte fremde Sprachen sprechen aber nicht rudern lernen, fröhnte dem ausländischen Laster, sich in der Kunst, ein musikalisches Instrument zu spielen, zu vervollkommnen, und war nicht im Stande, sich die englische Tugend anzueignen, die Vorzüge eines Pferdes auf der Stelle zu erkennen. Er ging, Gott weiß wie durchs Leben ohne Biceps oder Wettbuch, hatte sich nie gescheut in einer englischen Gesellschaft auszusprechen, daß er das Gebell einer Meute von Hunden nicht für die schönste Musik halte, und konnte es über sich gewinnen, auf dem Continent zu reisen und Berge vor sich zu sehen, die noch Niemand bestiegen hatte, ohne auf der Stelle seine Ehre als Engländer dabei aus das Spiel zu setzen und diese Besteigung selbst vorzunehmen. Solche Leute. mögen unter den untergeordneten Racen des Continents existiren, danken wir Gott, daß England niemals der rechte Boden für sie gewesen ist und sein wird! ——

Als Julius in Nagel’s Hotel angekommen war und Niemand in der Vorhalle fand den er hätte befragen können, wandte er sich an das junge Frauenzimmer, das vor dem Schenktisch am Fenster saß. Die junge Frau war so in die Lectüre eines Abendblattes vertieft, daß sie gar keine Notiz von ihm nahm. Julius ging in’s Gastzimmer. Der Kellner saß in einer Ecke in die Lectüre eines zweiten Blattes vertieft; drei Herren an drei verschiedenen Tischen waren von einem dritten, vierten und fünften Blatte in Anspruch genommen. Keiner von ihnen ließ sich in seiner Lectüre stören und nahm von dem Eintritt des Fremden die geringste Notiz. Julius wagte es den Kellner durch die Frage zu stören, wo er wohl Herrn Geoffrey Delamayn finden könne. Bei dem Klange des berühmten Namens fuhr der Kellner zusammen und sah überrascht auf.

»Sind Sie vielleicht Mr. Delamayn’s Bruder?«

»Ja!»

Die drei Herren an den drei Tischen fuhren gleichfalls aus. Der Glanz von Geoffrey warf seine Strahlen auf Geoffrey’s Bruder und machte auch ihn zu einem öffentlichen Charakter.

»Sie werden«, erwiderte der Kellner in freudig erregtem Tone, »Mr. Geoffrey in Putney im »Hotel zum Hahnenkampf« finden.«

»Ich hoffte ihn hier zu finden, ich hatte mit ihm hier ein Zusammentreffen verabredet!«

Der Kellner sah Julius Delamayn mit einem Ausdruck tiefsten Erstaunens an. »Wissen Sie es denn noch nicht!«

»Was denn?«

»Gerechter Himmel!« rief der Kellner und überreichte ihm das Blatt.

»Gerechter Himmel!« riefen auch die drei Herren und boten ihm ihre drei Blätter an.

»Was giebt es denn?« fragte Julius.

»Was es giebt?« wiederholte der Kellner mit hohler Stimme, »das Furchtbarste was ich je erlebt habe. Mit dem großen Fußwettrennen zu Fulham ist es für immer vorbei; Tinkler ist unbrauchbar geworden!«

Die drei Herren sanken wie aus einen Schlag in ihre Sessel zurück und wiederholten die schreckliche Kunde im Chor: »Tinkler ist unbrauchbar geworden!«

Wer Angesichts eines großen nationalen Unglücks die Bedeutung desselben zu fassen vermag, thut klug zu schweigen und zu versuchen sich zu orientiren ohne fremde Hilfe dabei in Anspruch zu nehmen. Julius nahm das ihm von dem Kellner angebotene Blatt und setzte sich damit in eine Ecke, um womöglich zwei Dinge zu entdecken; erstens, ob »Tinkler« einen Menschen bedeute oder was sonst; zweitens, welche Art von Unglück damit bezeichnet werden solle, wenn gesagt werde, daß Tinkler unbrauchbar geworden sei! Er fand die betreffende Neuigkeit leicht genug, sie stand mit großen Lettern gedruckt und auf sie folgten zwei aus verschiedenen Gesichtspunkten geschriebene Artikel über den Sachverhalt; weitere Einzelheiten und noch genauere Nachrichten wurden für spätere Ausgaben versprochen. Wie mit feierlichen Salutschüssen verkündete der britische Journalismus einem vor dem nationalen Wettlauf im Staube liegenden Volke die Nachricht von Tinkler’s Unbrauchbarkeit. Jedes stilistischen Schmuckes entkleidet, war die Thatsache einfach folgende: Eine berühmte athletische Gesellschaft des Nordens hatte eine berühmte athletische Gesellschaft des Südens zum Wettkampf herausgefordert. Es sollten da gymnastische Spiele wie Laufen, Springen, Werfen mit Cricketbällen und Aehnliches stattfinden und das Ganze sollte mit einem Wettrennen von noch nie dagewesener Länge und Schwierigkeit zwischen den beiden besten Läufern von jeder Seite schließen. Tinkler war der beste Mann des Südens, auf Tinkler waren unzählige Wetten eingegangen und Tinkler’s Lunge war in Folge übergroßer Anstrengung plötzlich schwach geworden. Die Aussicht, einem wunderbar schönen Wettrennen beizuwohnen, und was noch wichtiger war, große Summen Geldes zu gewinnen und zu verlieren, war dem britischen Volke plötzlich zu Wasser geworden. Der Süden hatte unter seinen eigenen Mitgliedern keinen zweiten würdigen Gegner dem Norden entgegenzustellen. Bei einer Durchmusterung der gesamten athletischen Welt fand sich nur ein einziger Mann, der Tinkler ersetzen konnte, und es war im höchsten Grade zweifelhaft, ob dieser Mann unter den obwaltenden Umständen sich bereit finden lassen würde. Der Name dieses Mannes war —— Julius las es mit Entsetzen —— Geoffrey Delamayn! Tiefes Schweigen herrschte im Caffeezimmern Julius legte die Zeitung vor sich hin und sah umher. Der Kellner lehnte in seiner Ecke, ein Wettbuch in der einen und einen Bleistift in der andern. Ebenso saßen die drei Herren an ihren Tischen, das Wettbuch in der einen und den Bleistift in der andern Hand.

»Suchen Sie ihn doch zu überreden, mein Herr!« sagte der Kellner in kläglichem Tone, als sich der Bruder Delamayn’s erhob, um das Zimmer zu verlassen.

»Sucheii Sie ihn doch zu überreden« hallte es aus dem Munde der drei Herren wieder, als Delamayn’s Bruder die Thür öffnete und fortging.

Julius rief ein Cab herbei und hieß dem Kutscher, der emsig beschäftigt war, sich Notizen in sein Wettbuch zu machen, nach dem Gasthof zum Hahnenkampf in Putney zu fahren. Der Kutscher strahlte vor Freude bei dieser Aussicht. Julius brauchte ihn nicht anzutreiben; er fuhr so schnell sein Pferd laufen konnte.

Je mehr sich der Wagen seinem Bestimmungsorte näherte, desto sichtbarer wurden die Anzeichen einer großen nationalen Aufregung. Von allen Lippen erklang der Name »Tinkler«. Die Gemüther des zumeist in den Wirthshäusern versammelten Volkes bewegte nur der eine Gedanke, ob es möglich sein werde oder nicht, Tinkler zu ersetzen. Höchst merkwürdig war die Scene vor dem Wirthshaus in Putney. Selbst die Londoner Strolche standen dem nationalen Unglück gegenüber schweigend und in respectvoller Haltung da. Selbst der unvermeidliche Mann mit der weißen Schürze, der bei jeder Volksversammlung seine Nüsse und sein Zuckerwerk laut aufbietet, trieb heute seinen Handel schweigsam, und fand —— zur Ehre der Nation sei es gesagt —— auch nur Wenige, die aufgelegt gewesen wären, in einer solchen Zeit Nüsse zu knacken. Die Polizei war durch zahlreiche Officianten vertreten, die sich, wie die Uebrigen, stumm verhielten und in ihrer ganzen Haltung eine rührende Sympathie mit den Gefühlen der Menge zu erkennen gaben. Als Julius an der Thür angehalten, seinen Namen nannte, wurde er ehrfurchtsvoll begrüßt. Sein Bruder! o Himmel, sein Bruder! Die Volksmenge drängte sich um ihn, schüttelte ihm die Hände und rief den Segen des Himmels auf sein Haupt herab. Julius war in Gefahr zu ersticken und es bedurfte der Hilfe der Polizei, ihn zu befreien und ihn in den sicheren, nur für Bevorzugte zugänglichen Hafen des Gasthofes zu geleiten. Als er eintrat, schallte ihm ein betäubender Lärm Von oben her entgegen. Eine entfernte Stimme schrie: »Paßt auf!« Ein Mann ohne Hut stürzte unter die auf der Treppe harrende Menge mit dem Ruf: »Hurrah! hurraht Er hat? versprochen! Er will den Wettlauf mitmachen!« Hunderte von Stimmen trugen den Ruf weiter, bis er von dem Jubelgeschrei der draußen Versammelten erstickt wurde. Zeitungsberichterstatter stürzten in wahnsinniger Eile aus dem Gasthof und warfen sich in die Cabs, um der Welt die Freudenbotschaft durch ihre Zeitungen zu verkünden. Die Hand des Wirthes, der Julius vorsichtig am Arm die Treppe hinaufführte, zitterte vor Aufregung. »Sein Bruder, meine Herren, sein Bruder!« Bei diesen Zauberworten trat die dichtgedrängte Menge zu beiden Seiten zurück, um den Bruder durchpassiren zu lassen. Durch dieselben Zauberworte wurde auch die verschlossene Thür des Berathungszimmers weit ausgerissen und Julius befand sich mitten unter den vollzählig versammelten Athleten seines Heimathlandes. Der Mühe einer näheren Beschreibung derselben überhebt uns die früher gegebene Schilderung Geoffrey’s, die auf sie Alle paßt. Die Repräsentanten der Mannhaftigkeit und Muskelkraft Englands sind einer Heerde Hammel darin sehr ähnlich, daß unter einer Schaar von Athleten ungefähr dieselbe Mannigfaltigkeit besteht, wie unter einer Heerde Hammel. Julius sah, wohin er blickte, dieselbe Gestalt, dieselbe Kleidung, dieselbe Gesundheit, Kraft, Stimme und Bewegung. Der Lärm der Unterhaltung war betäubend und der herrschende Enthusiasmus hatte etwas für einen uneingeweihten Fremden zugleich Widerwärtiges und Erschreckendes. Sie hatten Geoffrey mit sammt seinem Stuhl auf den Tisch gehoben, so daß er die ganze Versammlung überragte und von jedem Winkel des Zimmers aus gesehen werden konnte. Sie sangen, tanzten, jubelten und fluchten um ihn herum. Dankbare und bis zu Thränen gerührte Riesen überschütteten ihn mit den zärtlichsten Zurufen. »Der liebe Kerl!« »Der prächtige, noble, herrliche, schöne Junge!« Sie umarmten ihn, klopften ihn auf die Wangen und drückten ihm die Hände; sie betasteten seine Muskeln, sie umarmten die schönen Beine, die den beispiellosen Wettlauf unternehmen wollten. An der entgegengesetzten Seite des Zimmers, von wo es physisch unmöglich war, an den gefeierten Helden heranzukommen, machte sich der Enthusiasmus durch Kraftübungen und Acte der Zerstörung Luft. Hercules I schaffte sich mit seinen Ellenbogen den nöthigen Platz, um sich auf den Boden zu legen —— und Hereules II hob ihn mit den Zähnen in die Höhe. Hercules III nahm das Schüreisen vom Kamin und zerbrach es auf seinem Arm. Hercules IV ergriff die Zange und zerbrach sie auf seinem Nacken. Unfehlbar würde es bald zum Zerschmettern der Möbel und zum Niederreißen des Hauses gekommen sein, wenn nicht Geoffrey, dessen Auge eben jetzt zufällig auf Julius fiel, denselben mit gewaltiger Stimme zu sich gerufen, dadurch die wilde Versammlung zum Schweigen gebracht und ihren feurigen Enthusiasmus in eine andere Bahn geleitet hätte. »Hurrah, sein Bruder! Eins, zwei, drei —— nehmen wir den Bruder auf unsere Schultern! Vier, fünf, sechs —— und befördern wir den Bruder über unsere Köpfe nach dem anderen Ende des Zimmers! Seht, Jungens, seht! Unser Held hat ihn am Kragen gefaßt! Jetzt hat er ihn auf den Tisch gehoben!« Der von seinem eigenem Triumphe trunkene Held begrüßte nun das arme kleine Kerlchen lustig mit einer Ladung von Flüchen. »Donner und Blitz! Pulver und Blei! Was ist los, Julius, was ist los?«

Julius suchte zu Athem zu kommen und seine derangirte Toilette wieder etwas in Ordnung zu bringen. Der ruhige kleine Mann, der gerade Kraft genug besaß, ein Wörterbuch vom Bücherbret zu nehmen und seinen Arm hinreichend geschult hatte, um Violine damit zu spielen, war doch von dem Eindruck des ihm zu Theil gewordenen tumultuarischen Empfanges so wenig eingeschüchtert, daß er nur die gründlichste Verachtung dafür zu empfinden schien.

»Sie haben Dich doch nicht erschreckt?« sagte Geoffrey. »Die Jungens sind ein derbes Volk, aber sie meinen’s gut.«

»Sie haben mich durchaus nicht erschreckt«, antwortete Julius. »Ich frage mich nur, wie lange die Schulen und Universitäten, aus denen solche wüste Raufbolde, wie diese« da, hervorgehen, noch bestehen werden.«

»Nimm Dich in Acht, Julius! Sie werfen Dich zum Fenster hinaus, wenn sie das hören.

»Das würde mich in meiner Ansicht über sie nur bestärken.«

Die Versammlung, die der Unterhaltung der beiden Brüder nur mit den Augen zu folgen vermochte, fing an, wegen des bevorstehenden Wettlaufs unruhig zu werden. Mit lautem Geschrei forderten sie Geoffrey auf, wenn ihm etwas in die Quere gekommen sei, es ihnen mitzutheilen. Geoffrey beruhigte sie und wandte sich dann in einer nichts weniger als freundlichen Stimmung an seinen Bruder mit der Frage: »Was zum Teufel willst Du hier?«

»Ich habe Dir etwas mitzutheilen, bevor ich nach Schottland zurückkehre,« antwortete Julius. »Unser Vater ist bereit, Dir eine letzte Chance zu geben; wenn Du sie nicht ergreifst, so ist Dir von heute an nicht nur sein Haus, sondern auch meines verschlossen.«

Nichts ist frappanter als das besonnene klare Urtheil und die bewundernswürdige Selbstbeherrschung welche die jungen Leute unserer Zeit an den Tag legen, sobald es sich um eine Angelegenheit handelt, bei welcher ihr persönliches Interesse im Spiel ist. Anstatt über den Ton, den sein Bruder gegen ihn angeschlagen hatte, empfindlich zu sein, stieg Geoffrey sofort von dem Piedestal des Ruhms, auf dem er stand, herab und gab sich ohne Widerstreben in die Hände, welche vertretungsweise über sein Schicksal verfügten, mit andern Worten, welche vertretungsweise den Geldbeutel in Händen hielten. Nach Verlauf von weiteren fünf Minuten war die Versammlung, nachdem ihr Geoffrey alle erforderlichen Zusicherungen im Betreff seiner Betheiligung an dem bevorstehenden Wettlauf gegeben hatte, von ihm entlassen und saßen die beiden Brüder in einem der Privatzimmer des Gasthofs bei einander.

»Heraus damit!« sagte Geoffrey, »und mach’s kurz.«

»Es soll keine fünf Minuten dauern«, erwiderte Julius, »ich reife heute Abend mit dem Courierzuge ab und habe vorher noch viel zu besorgen. Was ich Dir zu sagen habe ist kurz. Folgendes: Unser Vater erklärt sich bereit, Dich wieder bei sich aufzunehmen, wenn Du Dich entschließt, Dir eine ihm genehme Lebensstellung zu verschaffen. Unsere Mutter hat schon eine Frau für Dich gefunden. Sie ist von guter Familie, schön und reich. Nimm sie —— und Du schaffst Dir eine für den Sohn Lord Holchesters angemessene Stellung. Weigerst Du Dich aber —— so hast Du Dir Dein Verderben selbst zuzuschreiben.«

Die Art, wie Geoffrey diese Mittheilung aufnahm, hatte nichts besonders Beruhigendes. Statt zu antworten, schlug er mit der Faust wüthend auf den Tisch und fluchte aus tiefstem Herzensgrund einem Weibe, dessen Namen er aber wohlweislich verschwieg.

»Deine unnennbaren Liaisons »Alles was mir obliegt, ist, Dir die Sache, genau wie sie steht, vorzulegen und Dir die Entscheidung anheim zu geben. Die Dir zugedachte Dame war früher ein Fräulein Newenden, aus einer der ältesten englischen Familien. Sie heißt jetzt Mrs. Glenarm und ist die junge und kinderlose Wittwe des großen Eisenwerkbesitzers dieses Namens. Sie vereinigt also Geburt und Vermögen in sich. Ihr Einkommen beträgt rund zehntausend Pfund jährlich. Unser Vater ist bereit, dieses Einkommen auf fünfzehntausend Pfund zu erhöhen, wenn es Dir gelingt, Dir ihr Jawort zu verschaffen. Unsere Mutter steht für ihre persönlichen Eigenschaften ein. Und meine Frau hat sie in London bei sich gesehen. Sie ist jetzt, wie ich höre, zum Besuch bei Freunden in Schottland, sobald ich nach Hause komme, will ich dafür sorgen, daß sie eine Einladung bekommt, demnächst einen längeren Besuch bei uns zu machen. Es muß sich natürlich finden, ob es Dir gelingt, ihr zu gefallen. Das mußt Du versuchen und leistest damit Alles, was unser Vater von Dir verlangen kann.«

Geoffrey wehrte jedes nähere Eingehen auf diese Seite der Frage ungeduldig von sich ab.

»Wenn sie keine Lust zu einem Manne hat, der bei dem großem Wettlauf in Fulham mitlaufen soll«, sagte er, »so giebt es genug Andere, die ebenso gut sind, wie sie und die mit tausend Freuden zugreifen werden! Das macht mir keine Sorge, wenn nur nicht die andere verfluchte Geschichte wäre.«

»Ich wiederhole Dir, daß mich Deine geheimen Angelegenheiten nichts angehen«, nahm Julius wieder auf. »Benutze den Rest des Tages, Dir die Sache zu überlegen. Wenn Du Dich entschließest, auf meinen Vorschlag einzugehen, so erwarte ich Dich zum Beweis, daß es Dir Ernst damit ist, heute Abend auf dem Bahnhof. Wir reisen dann zusammen wieder nach Schottland. Du beendigst zuerst Deinen unterbrochenen Vesuch bei Lady Lundie; es ist wichtig für mich, daß Du eine in der Grafschaft so angesehene Frau mit dem gehörigen Respect behandelst, —— und meine Frau wird, bis Du dann wieder zu uns kommst, schon bei Mrs. Glenarm für Dich vorgearbeitet haben. Weiter habe ich Dir nichts zu sagen und ich brauche mich nun nicht länger aufzuhalten. Wenn Du heute Abend kommst, werden meine Frau und ich Alles was in unsern Kräften steht, thun, um Dir behülflich zu sein. Wenn ich ohne Dich nach Schottland reisen muß, so kannst Du Dir die Mühe, mir dahin zu folgen, sparen, wir sind dann geschiedene Leute.«

Mit diesen Worten gab er seinem Bruder die Hand und ging fort.

Als Geoffrey wieder allein war, zündete er sich seine Pfeife an und ließ den Wirth kommen. »Schaffen Sie mir ein Boot, ich muß mir flußauf- und abwärts eine Stunde Bewegung machen, legen Sie mir auch ein Paar Handtücher in’s Boot, vielleicht nehme ich ein Bad!«

Der Wirth erlaubte sich nach Empfang der Ordre eine Warnung gegen seinen ausgezeichneten Gast auszusprechen. »Lassen Sie sich nicht vor dem Hause sehen, Mr. Delamayn, wenn die Leute Ihrer ansichtig werden, so wäre die Polizei nicht im Stande, sie im Zaum zu halten, so aufgeregt sind sie.«

»Gut ich werde durch die Hinterthür hinausgehen.«

Er ging ein paar Mal im Zimmer aus und ab. Worin bestand die Schwierigkeit, die er zu überwinden hatte, bevor er sich der herrlichen Aussicht, die sein Bruder ihm eröffnet hatte, erfreuen konnte. Der Wettlauf? Nein! Das Comité hatte ihm versprochen, den Tag des Rennens zu verschieben, wenn er es wünschen sollte, und ein Monat Vorbereitung würde bei seiner körperlichen Beschaffenheit vollkommen hinreichen; von einer persönlichen Abneigung, sein Glück bei Mrs. Glenarm zu versuchen, konnte keine Rede sein. Ihm war jede Frau recht, wenn nur seine Wahl seinen Vater befriedigte und die Vermögensumstände nach Wunsch waren. Das einzige wirkliche Hinderniß war das Mädchen das er unglücklich gemacht hatte, Anne; die einzige unüberwindliche Schwierigkeit bestand darin, wie ein Mittel zu finden, mit Anne fertig zu werden.

»Ich will erst einmal eine Stunde rudern und mir die Sache dann wieder überlegen«, sagte er zu sich selbst. Der Wirth und der Polizei-Inspector schafften ihn unbemerkt zu der Hinterthür, von deren Vorhandensein die vor dem Hause harrende Menge nichts wußte, hinaus. Beide Männer blieben noch eine Weile stehen und sahen ihm bewundernd nach, als er sein Boot mit langen, mächtigen, schönen Ruderschlägen in Bewegung setzte. »Das nenne ich den Stolz und die Blüthe Englands!« sagte der Polizei-Inspector. Hat man schon angefangen auf ihn zu wetten?«

»Sechs gegen eins haben sie angeboten und Niemand gefunden der darauf eingehen will«, entgegnete der Wirth.

Julius traf Abends zeitig auf dem Bahnhof ein; seine Mutter hatte ihn fortgetrieben. »Gieb Geoffrey kein schlechtes Beispiel dadurch, daß Du zu spät kommst!« sagte sie. Der erste Mensch, den Julius beim Aussteigen ans dem Wagen sah, war Geoffrey, der sein Billet bereits genommen und seinen Koffer dem Schaffner übergeben hatte.



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