Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Windygates - Einunddreißigstes Kapitel - Erstickt
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Mann und Weib



Einunddreißigstes Kapitel - Erstickt

Es ist die Natur der Wahrheit, darnach zu streben, an’s Licht zu dringen. In mehr als einer Richtung rang die Wahrheit in der Zeit zwischen dem Tage; des Triumph? Sir Patricks und dem Hochzeitstage danach, durch das sie verhüllende Dunkel hindurch an’s Licht zu dringen und sich zu offenbaren. Es fehlte im Laufe dieser Zeit nicht an Zeichen einer im Geheimen wirkenden, verderblichen Thätigkeit. Es fehlte in Windygates-House nur an der prophetischen Gabe, diese Zeichen richtig zu deuten. An demselben Tage, an welchem Sir Patrick’s geschickte Behandlung seiner Schwägerin den Weg für die Beschleunigung der Hochzeit gebahnt hatte, erhoben sich Schwierigkeiten gegen dieses neue Arrangement von Seiten keiner geringeren Person, als Blanche selbst. Gegen Mittag hatte sie sich hinreichend erholt um Arnold in ihrem kleinen Wohnzimmer empfangen zu können; die Zusammenkunft war aber nur eine sehr kurze. Eine viertel Stunde später erschien Arnold mit einer Miene, in der sich die höchste Verzweiflung malte, vor Sir Patrick, der sich eben im Garten sonnte. Blanche hatte die Zumuthung, in einem Augenblick, wo Anne’s Verschwinden ihr das Herz gebrochen hatte, an ihre, Hochzeit auch nur zu denken, mit Entrüstung zurückgewiesen. »Sie haben mir doch erlaubt, davon zu sprechen, nicht wahr, Sir Patrick?« sagte Arnold.

Sir Patrick drehte sich ein wenig um, so daß die Sonne ihm noch besser auf den Rücken scheinen konnte und erwiderte dann Arnold, daß er allerdings nach seinem Siege über Lady Lundie, dazu seine Erlaubniß gegeben habe.

»Wenn ich das vorhergesehen hätte, würde ich mir lieber die Zunge ausgerissen haben, als der Hochzeit auch nur mit einer Sylbe zu gedenken! Was glauben Sie, daß sie that, als ich davon sprach? Sie brach in Thränen aus und hieß mich das Zimmer verlassen.«

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Es war ein lieblicher Morgen, ein kühler Wind milderte die Hitze des Tages, die Vögel sangen, der Garten bot den reizendsten Anblick dar. Sir Patrick fühlte sich äußerst behaglich. Die kleinen ermüdenden Quälereien dieses irdischen Daseins waren ihm in eine angenehme Ferne gerückt und er war fest entschlossen, sie sich in diesem Augenblicke nicht nahe kommen zu lassen.

»In einer Welt«, sagte der alte Herr, indem er sich die Sonne noch ein wenig mehr auf den Rücken scheinen ließ, »in einer Welt, die ein gütiger Schöpfer mit lieblichen Bildern, harmonischen Tönen und köstlichen Düften erfüllt hat, wissen die Menschen, welche ausdrücklich dazu geschaffen sind, sich dieser Genüsse zu erfreuen, nichts besseres zu thun, als sich selbstquälerisch zu Martern, sich allen Lebensgenuß zu verleiden, sich einander zu hassen und harte Worte zu sagen, bittere Thränen zu vergießen und sich schlaflos auf ihrem Lager zu wälzen. —— Was soll das bedeuten, Arnold, und wie lange soll das noch so fortgehen?«

Der feine Zusammenhang zwischen Blanche’s Verblendung, mit der sie den Gedanken an ihre Hochzeit von sich wies, und der Verblendung der Menschheit gegen die Vorteile ihres Daseins, den der ehrwürdige Philosoph, der sich hier behaglich sonnte, so klar empfand, war für Arnold vollkommen unerfindlich. Er ließ daher Sir Patrick’s philosophische Expectorationen ganz auf sich beruhen und fragte, indem er wieder aus Blanche zurückkam, was er nun thun solle.

»Was thun Sie mit dem Feuer, wenn Sie es nicht löschen können!« fragte Sir Patrick, »Sie lassen es brennen, bis es ausgeht. Was thun Sie mit einem Weibe, das Sie nicht beschwichtigen können? Lassen Sie es auch brennen, bis es ausgeht.«

Arnold vermochte die in diesem vortrefflichen Rathe enthaltene Weisheit wiederum nicht zu erkennen. »Ich habe gehofft, Sie würden mir helfen, die Sache mit Blanche in Ordnung zu bringen?«

»Ich helfe Ihnen ja; lassen Sie Blanche in Ruhe, reden Sie das nächste Mal, wenn Sie sie sehen, nicht von der Heirath mit ihr. Wenn sie der Sache Erwähnung thut, so bitten Sie sie um Verzeihung und sagen ihr, Sie wollten sie mit der Frage durchaus nicht weiter drängen. Ich werde sie in ein paar Stunden sehen und werde genau denselben Ton anschlagen. Sie haben ihr die Idee mitgetheilt, lassen Sie dieser Idee nun Zeit, bei ihr zu reifen, geben Sie ihrem Kummer in Betreff Miß Silvester’s keine Nahrung, reizen Sie denselben nicht durch Widerspruch, und hüten Sie sich davor, Blanche in die Lage zu bringen, ihre Freundin zu verteidigen, überlassen Sie es der Zeit, sie dem Gatten, der ihrer harrt, allgemach näher und näher zu führen und nehmen Sie mein Wort darauf, die Zeit wird das Ihrige gethan haben, noch bevor die Ehecontracte ausgefertigt sein werden.«

Um die Zeit des zweiten Frühstücks sah Sir Patrick Blanche und brachte die Principien, die er vorhin aufgestellt hatte, nun selbst zur Anwendung. Noch ehe ihr Onkel sie verlassen, hatte sich ihre Aufregung wieder gelegt, ein wenig später hatte sie Arnold Alles verziehen und noch ein wenig später war sie, wie der alte Herr mit Genugthuung beobachtete, ungewöhnlich nachdenklich geworden rund sah Arnold von Zeit zu Zeit mit einem ganz neuen Interesse an, das sie scheu vor Arnold zu verbergen suchte.

Sir Patrick ging auf sein Zimmer, um sich zu Tisch anzukleiden in der behaglichen Ueberzeugung, daß endlich die Schwierigkeiten mit denen er sich zu plagen gehabt, beseitigt seien. Niemals in seinem Leben hatte sich Sir Patrick schwerer getäuscht. Das Geschäft der, Toilette war schon weit vorgeschritten, Duncan hatten eben den Spiegel in das rechte Licht gerückt und Duncan’s Herr war eben bei dem täglich wiederkehrenden kritischen Moment angelangt, in welchem es sich um die Erreichung der höchstmöglichen Vollkommenheit in dem Binden der weißen Cravattenschleife handelte, als ein Barbar der keine Ahnung von der hohen Bedeutung der Halsbekleidung eines Gentleman hatte, sich herausnahm, an die Stubenthür zu klopfen. Weder Herr noch Diener rührten sich, bis die Vollkommenheit der Cravattenschleife über jeden Unglückgsfall erhaben war. Dann warf Sir Patrick den letzten kritischen Blick in den Spiegel und athmete wieder freier, als er sah, daß die Schleife gelungen sei. »Ein wenig steif in der Ausführung, Duncan, aber in Betracht der Unterbrechung nicht übel!«

»Gewiß nicht, Sir Patrick!«

»Jetzt sieh’ zu, wer an der Thür ist.«

Duncan ging an die Thür und kehrte mit einem Telegramm in der Hand zu seinem Herrn zurück.

Sir Patrick fuhr bei dem Anblick dieser unwillkommenen Botschaft zusammen. »Unterzeichne den Empfangschein, Duncan, und öffne das Couvert.«

Ja, genau wie er erwartet hatte, Nachricht von Miß Silvester, eben an demselben Tage, wo er beschlossen hatte, jeden ferneren Versuch, ihre Spur zu verfolgen, aufzugeben. Das Telegramm lautete:

»Diesen Morgen Botschaft von Falkirk erhalten. Dame wie beschrieben verließ den Zug in Falkirk gestern Abend, ging diesen Morgen mit erstem Zuge weiter nach Glasgow. Ich erwarte weitere Instructionen.«

»Soll der Bote auf eine Antwort warten, Sir Patrick?«

»Nein, ich muß mir überlegen, was ich thun will; wenn ich es nothwendig finde, werde ich nach der Station schicken. Hier sind Nachrichten von Miß Silvester, Duncan«, fuhr Sir Patrick fort, nachdem der Bote sich entfernt hatte, »man hat ihre Spur bis Glasgow verfolgt.«

»Glasgow ist eine große Stadt, Sir Patrick.«

»Selbst toenn man von Edinburgh aus weiter telegraphirt und sie weiter beobachtet —— was bisher nicht geschehen zu sein scheint —— so kann sie uns doch in Glasgow wieder entgehen. Ich glaube, ich darf sagen, daß Niemand in der Welt weniger als ich davor zurückschreckt, eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, aber ich gestehe, daß ich etwas darum gegeben hätte, wenn ich dieses Telegramm von uns hätte fernhalten können; es zwingt mich zu einer Entscheidung in der unangenehmsten Frage, die mir seit langer Zeit vorgelegen hat. Hilf mir meinen Rock anziehen, Duncun, ich muß nachdenken, ich muß nachdenken!«

Die Mittags-Gesellschaft, die sich an diesem Tage pünktlich bei dem Klange der Tischglocke versammelt hatte, mußte eine viertel Stunde auf das Erscheinen der Wirthin warten. Lady Lundie entschuldigte sich bei ihren Gästen, als sie endlich in die Bibliothek eintrat, damit, daß sie durch den Besuch von Nachbarn, die zu einer ungewöhnlich späten Stunde bei ihr vorgesprochen hätten, zurückgehalten worden sei. Mr. und Mrs. Julius Delamayn hatten sie, da sie gerade in der Nähe von Windygates waren, auf ihrem Heimwege mit einem Besuche beehrt und hatten Einladungskarten zu einem bevorstehenden Gartenfeste überbracht. Lady Lundie war entzückt von der neuen Bekanntschaft, sie hatten alle in Windygates anwesenden Gäste mit eingeladen; sie waren so angenehm und bequem gewesen, wie alte Freunde. Mrs. Dclamayn hatte von einer Dame, die augenblicklich ihr Gast war, Mrs. Glenarm, eine sehr freundliche Botschaft des Inhalts gebracht, daß sie sich ihrer Begegnung mit Lady Lundie in London, bei Lebzeiten des verstorbenen Sir Thomas erinnere und sich nach einer Erneuerung der Bekanntschaft sehne. Mr. Julius Delamayn hatte dann sehr amüsante Berichte von dem Treiben seines Bruders gegeben, der sich einen Lehrer von London habe konnnen lassen. Das ganze Haus sei nun fieberhaft gespannt auf das herrliche Schauspiel eines Athleten, der sich zu einem Wettlaufe vorbereite. Die Damen, Mrs. Glenarm an ihrer Spitze, seien emsig damit beschäftigt, die schwere und verwickelte Frage des menschlichen Rennens, die dabei in Betracht kommenden Muskeln, die dazu erforderlichen Vorbereitungen und die Geschichte der berühmtesten Helden des Wettlaufs zu studiren. Die sämmtlichen Gutsleute seien Geoffrey diesen Morgen behülflich gewesen, in einem entfernten Theile des Parkes —— wo sich ein leeres Häuschen befinde, das mit allem, für die Aufnahme Geoffrey’s und seines Lehrers Erforderlichen, ausgestattet werden solle —— eine englische Meile zum Behuf seiner Uebungen abzustecken. »Sie werden meinen Bruder«, hatte Julius gesagt, »bei dem Gartenfeste zum letzten Male sehen, nachher zieht er sich in athletische Einsamkeit zurück, um sich ausschließlich der Beobachtung des Schwindens seines für das Rennen überflüssigen Fleisches hinzugeben.« Während des ganzen Diners gab Lady Lundie ihrer vortrefflichen Laune durch überschwängliches Lob ihrer neuen Freunde einen für die Gäste etwas lästigen Ausdruck.

Sir Patrick seinerseits war seit Menschengedenken nicht so schweigsam gewesen, er sprach mit Anstrengung und hörte mit noch größerer Anstrengung zu, Ob er das in seiner Tasche befindliche Telegramm beantworten, ob er aus seinem Beschluß, Miß Silvester sich selbst zu überlassen, beharren solle oder nicht, das waren die Fragen, die mit derselben Regelmäßigkeit an ihn herantraten, wie die aus einander folgenden Gerichte.

Blanche, die sich nicht stark genug gefühlt hatte bei Tische zu erscheinen, kam nach Tisch in den Salon. Als sich auch Sir Patrick später mit den übrigen Herren zum Thee dort einfand, war er noch immer über den von ihm einzuschlagenden Weg in Betreff des Telegramms unschlüssig. Ein Blick auf Blanche’s betrübtes Gesicht und Blanche’s verändertes Wesen gab den Ausschlag. Was würde die Folge sein, wenn er durch Wiederaufnahme einer Verfolgung der Spur Miß Silvesters neue Hoffnungen bei Blanche erweckte und wenn er Anne’s Spur dann zum zweiten Mal verlöre? Er brauchte nur seine Nichte anzusehen, um sich diese Frage zu beantworten; gab es eine Erwägung, die es rechtfertigen konnte, wenn er Blanche’s Aufmerksamkeit wieder auf die Erinnerung an die Freundin, die sie verlassen hatte, lenkte, und das in einem Augenblick wo sie eben im Begriff stand, sich dem anziehenden Gedanken an ihre Hochzeit zuzuwenden? Nichts hätte das rechtfertigen können und nichts solle ihn bewegen, das zu thun. Auf Grund dieses von seinem Standpunkte gewiß verständigen Raisonnemens beschloß Sir Patrich keine weiteren Instructionen an seinen Freund in Edinburgh ergehen zu lassen. Darnach befahl er Duncan, das strengste Schweigen in Betreff der Ankunft des Telegramms zu beobachten und verbrannte es, um jede Gefahr zu beseitigen, mit eigener Hand auf seinem Zimmer.

Als Sir Patrick am nächsten Morgen zum Fenster hinaus blickte, sah er, wie die beiden jungen Leute, die ihren Morgenspaziergang machten, eben über den offenen Rasen zwischen den beiden mit Gebüsch bestandenen Wegen dahinschritten. Arnold hielt Blanche umschlungen und sie unterhielten sich vertraulich. »Sie fängt schon an sich zu fügen«, dachtes der alte Herr, als sich die Beiden wieder in den zweiten Gebüschweg verloren und sich so seinen Blicken entzogen. »Dem Himmel sei Dank! Endlich fangen die Dinge an glatt zu gehen!«

Unter den Bildern, mit denen Sir Patricks Schlafzimmer geschmückt war, befand sich eine von der Höhe aus aufgenommene Ansicht eines Wasserfalles in den Hochlanden. Wenn er in diesem Augenblick, wo er vom Fenster zurücktrat, einen Blick auf die Landschaft geworfen hätte, so würde er gesehen haben, daß ein Fluß, der in einem Augenblick sanft und glatt dahinfließt, im nächsten Augenblicke im wildesten Laufe daher brausen kann, und würde sich vielleicht nicht ohne böse Ahnungen erinnert haben, daß man von Alters her den Lauf eines Stromes treffend mit dem Laufe des menschlichen Lebens verglichen hat!


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