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Mann und Weib



Windygates

Siebzehntes Kapitel - Nahe daran

Die Bibliothek in Windygates war das schönste und größte Zimmer im Hause. Die beiden großen Abtheilungen, in welche die Literatur unserer Tage gewöhnlich eingetheilt wird, nahmen die üblichen Plätze in der Bibliothek ein. In den Repositorien, welche sich längs der Wände hinzogen, standen die Bücher, welche die Menschheit im Allgemeinen hochschätzt, aber nicht liest; auf den im Zimmer zerstreut stehenden Tischen lagen die Bücher, welche die Menschheit im Allgemeinen liest, aber nicht hochschätzt. Zu der ersten Klasse gehören die Werke der Weisen des Alterthums und die Geschichtswerke, Biographien und Aufsätze moderner Schriftsteller. Sie umfaßt Das, was wir gewöhnlich die ernste Literatur nennen; zu der zweiten Klasse gehören die Romane unserer Tage, gewöhnlich die leichte Literatur genannt. In Windygates, wie, anderswo, hielt man die Geschichte für einen hochstehenden Zweig der Literatur, weil sie sich auf Autoritäten beruft, von denen wir wenig wissen, und Romane für eine sehr niedrige Gattung der Literatur, weil sie es versucht, der Natur getreu zu sein, von der wir noch weniger wissen. In Windygates, wie anderswo, waren wir mehr oder weniger mit uns zufrieden, wenn man uns bei dem Durchblättern eines Geschichtswerkes fand, und schämten wir uns mehr oder weniger wenn man uns bei der Lectüre eines Romanes überraschte. Eine architektonische Eigenthümlichkeit in der Anlage der Bibliothek begünstigte die Entfaltung dieser ebenso gewöhnlichen wie merkwürdigen Form menschlicher Abgeschmacktheit. Während sehr bequeme, zu beiden Seiten der Bibliothek in einer Reihe aufgestellte Lehnsessel den Leser guter Literatur einluden, seinen guten Geschmack vor Aller Augen zu pflegen, setzte eine Reihe von kleinen behaglichen, mit Vorhängen versehenen Nischen, die in kleinen Zwischenräumen an verschiedenen Stellen in die Wände eingelassen waren, den Leser leichter Literatur in den Stand, im Verborgenen seiner lasterhaften Neigung zu fröhnen. Im Uebrigen waren alle sonstigen Einrichtungen dieser geräumigen und schönen Bibliothek so vortrefflich und so gewählt, wie das Herz es nur verlangen konnte. Gute und leichte Literatur, große und kleine Schriftsteller erhielten alle das gleiche, schöne und reichliche Licht durch die bis auf den Boden reichenden Fenster.

Es war der vierte Tag nach dem Gartenfest und etwa eine Stunde vor der Zeit, wo die Glocke zum zweiten Frühstück zu läuten pflegte. Die meisten Gäste waren im Garten und erfreuten sich der milden schönen Morgensonne, nachdem mehrere Tage lang Nebel und Regen geherrscht hatten. Eine Ausnahme von den Uebrigen bildetest zwei in der Bibliothek sitzende Herren. Es waren die beiden letzten Menschen in der Welt, von denen man hätte annehmen können, daß sie sich veranlaßt fühlen würden, in einem Bibliothekzimmer zusammen zu treffen. Der eine war Arnold Brinkworth und der andere Geoffrey Delamayn, Sie waren am Morgen zusammen in Windygates eingetroffen. Geoffrey war mit dem Nachtzuge in Gesellschaft seines Bruders von London gekommen. Arnold, der durch Feierlichkeiten denen er nicht hatte entgehen können, auf seinem Gute aufgehalten worden war, hatte den vorbei kommenden Zug am Morgen auf der seinem Gute zunächst liegenden Station benützt und war wieder in Windygates eintroffen, wie er es verlassen hatte, in Gesellschaft seines Freundes. Nach einer kurzen vorläufigen Begrüßung Blanches war Arnold wieder mit Geoffrey in der stillen Zurückgezogenheit der Bibliothek zusammen getroffen, um ihm den Rest seiner Mittheilungen über Anne zu erstatten. Nachdem er mit seinem Bericht über die Ereignisse in Craig-Fernie fertig war, verlangte ihn jetzt zu hören, was Geoffrey seinerseits zu sagen habe. Zu Arnold’s Erstaunen schickte sich Geoffrey an, die Bibliothek zu verlassen, ohne ein Wort zu äußern. Arnold hielt ihn ohne Umstände zurück.

»Nicht so rasch, Geoffrey!« sagte er, ich interessire mich für Miß Silvester ebenso gut, wie für Dich. Was denkst Du jetzt, wo Du wieder in Schottland bist, zu thun?«

Wenn Geoffrey die Wahrheit hätte sagen wollen, so hätte er ungefähr Folgendes mittheilen müssen: In dem Augenblicke wo er sich entschlossen hatte, die Rückreise in Gesellschaft seines Bruders anzutreten, hatte selbstverständlich auch der Entschluß, Anne zu verlassen, bei ihm festgestanden, aber weiter war er noch nicht gekommen. Wie er es anfangen sollte, das Mädchen, dass sich ihm hingegeben hatte, sitzen zu lassen, ohne sein schmachvolles Benehmen der Oeffentlichkeit preisgegeben zu sehen, darüber war er selbst noch völlig im Unklaren. Eine verworrene Vorstellung von einer Möglichkeit, Anne durch eine Heirath, die in der That gar keine Heirath sein sollte, zu beschwichtigen oder zu betrügen, war ihm während der Reise durch den Kopf gegangen. Er hatte gedacht, es müsse leicht sein in einem Lande, das wegen seiner lockeren Ehegesetze berüchtigt ist, eine solche Falle zu stellen, wenn er nur wüßte, wie! Und er hatte es für wahrscheinlich gehalten, daß sein wohlunterrichteter Bruder, der in Schottland lebte, leicht dahin zu bringen sein müßte, ihm ganz unschuldiger Weise mitzutheilen, was er zu wissen wünschte. Er hatte die Unterhaltung auf schottische Ehen im Allgemeinen gebracht, um das Terrain zu sondiren, aber Julius hatte sich mit der Frage nicht näher beschäftigt, wußte nichts davon und so hatte Geoffrey diesen Versuch wieder aufgeben müssen. Die nothwendige Folge dieses mißlungenen Versuches war, daß er jetzt in Schottland war, ohne irgend welche Aussicht zu seiner Erlösung zu haben, wenn ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe kam. —— So standen die Dinge und das hätte er Arnold antworten müssen, als dieser ihn fragte, was er jetzt zu thun gedenke. »Natürlich das, was sich gehört«, antwortete er ohne zu erröthen.

»Es freut mich, daß Du mit Dir selbst so im Reinen bist!« erwiderte Arnold, »an Deiner Stelle würde ich ganz rathlos sein. Ich dachte neulich bei mir, ob Du wohl, wie ich es unfehlbar gethan hätte, endlich auf den Ausweg verfallen würdest, Sir Patrick um Rath zu fragen.«

Geoffrey sah ihm scharf in’s Gesicht. »Sir Patrick um Rath fragen? Warum würdest Du das an meiner Stelle gethan haben?« »Weil ich nicht gewußt haben würde, wie ich es anfangen soll, mich mit ihr zu verheirathen, und da ich in Schottland bin, so würde ich mich, natürlich ohne Namen zu nennen, an Sir Patrick gewandt haben, weil er ohne Zweifel die Verhältnisse auf das Genaueste kennt.«

»Und wenn ich nun nicht so vollkommen mit mir im Reinen wäre, wie Du meinst«, sagte Geoffrey, »würdest Du mir rathen« . . . .

»Sir Patrick um Rath zu fragen? Ganz gewiß. Er hat sein Leben mit dem Studium und der Anwendung der schottischen Gesetze zugebracht«, sagte Arnold »hast Du das nicht gewußt?«

»Nein!«

»Dann lasse Dir von mir rathen und consultire ihn. Du brauchst ihm ja keinen Namen zu nennen. Du sagst es sei der Fall eines Freundes!«

Die Idee erschien Geoffrey ebenso neu wie gut. Mit verlangenden Blicken sah er nach der Thür. Begierig, Sir Patrick auf der Stelle zu seinem Mitschuldigen zu machen, versuchte er es zum zweiten Mal, die Bibliothek zu verlassen, aber wieder vergebens.

Arnold hatte noch andere unangenehme Fragen zu thun und noch mehr unerbetenen Rath zu ertheilen. »Wo willst Du Miß Silvester treffen? fuhr er fort. »Du kannst nicht als ihr Gatte im Hotel erscheinen, das habe ich unmöglich gemacht. Also, wo anders willst Du sie treffen, sie ist ganz allein. Das arme Mädchen muß es überdrüssig sein, noch länger auf Dich zu warten, kannst Du es nicht einrichten, noch heute mit ihr zusammen zu treffen?«

Geoffrey, der Arnold, so lange er sprach, angestarrt hatte, brach jetzt in Lachen aus. Eine uneigennützige Besorgniß für das Wohlergehen einer anderen Person war eine jener feinen Empfindungen, zu deren Verständniß ihn seine Muskelerziehung nicht befähigt hatte. —— »Höre einmal, mein alter Junge!« platzte er heraus, »Du scheinst Dich ja ganz außerordentlich für Miß Silvester zu interessiren. Du bist Doch nicht gar in sie verliebt?«

»Komm, komm«, sagte Arnold ernsthaft, »Weder sie noch ich haben es um Dich verdient, das Du Dich in dieser Weise über uns lustig machst. Sie und ich haben beide in Deinem Interesse ein Opfer gebracht.«

Geoffrey wurde wieder ernster. Sein Gelteimniß war in Arnold’s Händen und der Maßstab für seine Schätzung von Arnold’s Charakter war, ihm selbst unbewußt, sein eigener Charakter. »Schon gut, schon gut!« sagte er in einem einlenkenden und entschuldigenden Tone, »ich habe ja nur Spaß gemacht!«

»«ache so viel Spaß, wie Du willst, wenn Du sie erst geheirathet haben wirst, bis dahin scheint mir die Sache sehr ernst!« Er hielt inne, dachte einen Augenblick nach und legte die Hand feierlich auf Geoffrey’s Arm. »Vergiß nicht«, nahm er wieder auf, »Du darfst gegen keine Seele etwas davon verlauten lassen, daß ich im Gasthofe gewesen bin!«

»Ich habe Dir ja schon einmal versprochen zu schweigen, was willst Du noch mehr?«

»Ich bin besorgt, Geoffrey! Vergiß nicht, daß ich in Craig-Fernie war, als Blanche dahin kam. Das arme Mädchen hat mir Alles haarklein erzählt, was dort vorgefallen ist, in der festen Ueberzeugung, daß ich damals meilenweit von ihr entfernt gewesen sei. Ich schwöre Dir, ich konnte ihr nicht in’s Gesicht sehen; was würde sie denken, wenn sie die Wahrheit erführe. Ich bitte Dich dringend, nimm Dich in Acht!«

Geoffrey fing an ungeduldig zu werden. »Das haben wir ja schon Alles auf dem Wege hierher miteinander besprochen, wozu denn Alles noch einmal wiederkäuen?«

»Du hast ganz »Recht«, sagte Arnold gutmüthig, »aber mein Gemüth ist diesen Morgen umdüstert, ich habe böse Ahnungen, ich weiß selbst nicht warum!«

»Gemüth?« erwiderte Geoffrey im Tone tiefster Geringschätzung. Dein Fleisch ist es! Weiter nichts, Du bist vierzig Pfund zu schwer. Zum Teufel mit dem Gemüth; ein gesunder Mensch weiß gar nicht, daß er ein Gemüth hat. Mach’ Dir Bewegung mit den Hanteln oder laufe im Ueberrock bergauf; schwitze es ’raus, schwitze es ’raus!« —— Mit diesem vortrefflichen Rath drehte er sich um und machte zum dritten Male den Versuch, das Zimmer zu verlassen. Aber das Schicksal schien beschlossen zu haben, ihn diesen Morgen in der Bibliothek gefangen zu halten. Dieses Mal war es ein Diener, der ihm mit einem Brief in den Weg trat: der Bote warte auf Antwort. Geoffrey sah den Brief an, die Adresse war von seinem Bruder, den er vor etwa drei Stunden an der Station verlassen hatte, was konnte er ihm schon jetzt mitzutheilen haben? Er öffnete den Brief; Julius meldete ihm, daß das Schicksal sich bereits günstig für ihn zu gestalten anfange. Zu Hause angelangt, habe er sofort Nachrichten über Mrs. Glenarm vorgefunden. Während seiner Abwesenheit hatte Mrs. Glenarm seine Frau besucht, war von dieser zu einem längeren Besuche eingeladen worden und hatte versprochen, der Einladung nächster Tage Folge zu leisten. »Nächster Tage«, schrieb Julius, »kann morgen heißen. Entschuldige Dich bei Lady Lundie und sieh Dich vor, daß Du sie nicht verletzest. Sage ihr, daß Familienrücksichten, die Du ihr bald mittheilen zu können hofftest, Dich nöthigtem nochmals an ihre Nachsicht zu appelliren, sei morgen hier und hilf uns Mrs. Glenarm aufnehmen. »Geoffrey war betroffen, als er sich plötzlich der gebieterischen Nothwendigkeit gegenüber sah, einen definitiven Entschluß zu fassen. Anne kannte den Landsitz seines Bruders. Wie, wenn sie in der Unmöglichkeit ihn anderswo zu finden, plötzlich in dem Hause seines Bruders erschiene und ihre Rechte auf ihn in Gegenwart von Mrs. Glenarm geltend machte? Er gab Befehl, daß der Bote warten solle, bis er eine Antwort geschrieben haben werde.

»Von Craig-Fernie?« fragte Arnold, indem er auf den Brief seines Freundes hinwies.

Geoffrey sah ihn finster an. Er hatte eben die Lippen geöffnet, um diese unbequeme Frage nicht allzu freundlich zu beantworten, als eine, von draußen Arnald rufende Stimme, das Erscheinen einer dritten Person in der Bibliothek ankündigte und die beiden Herren mahnte, daß es mit ihrer vertraulichen Unterhaltung zu Ende sei.



Kapiteltrenner


Achtzehntes Kapitel - Noch näher dran!

Blanche trat durch eine der Balconthüren leise in die Bibliothek ein. »Was machen Sie hier?« fragte sie Arnold.

»Nichts! Ich wollte eben in den Garten gehen um nach Ihnen zu sehen!«

»Im Garten ist es heute Morgen unerträglich!« Bei diesen Worten fächelte sie sich mit dem Taschentuch und bemerkte Geoffrey’s Gegenwart im Zimmer mit einem Ausdruck sehr schlecht verhehlter Ungeduld. »Warte Du nur, bis ich seine Frau bin!« dachte sie, »wenn Du nicht viel schlauer bist, als ich es Dir zutraue, wirst Du dann nicht viel von Deinem Freunde zu sehen bekommen!«

»Es ist heute ein wenig gar zu warm, nicht war!« sagte Geoffrey, der ihre Blicke auf sich geheftet fühlte und doch etwas sagen zu müssen glaubte. Als er sich dieser Pflicht entledigt hatte, ging er ohne eine Antwort abzuwarten von dannen und setzte sich mit seinem Brief an einen der in der Bibliothek stehenden Schreibtische.

»Sir Patrick hat vollkommen Recht mit seinem Urtheil über die jungen Leute von heutzutage«, sagte Blanche zu Arnold gewandt. »Da fragt mich Der da etwas und wartet nicht einmal auf meine Antwort und da draußen im Garten sind drei Andere, die sich seit drei Stunden von nichts unterhalten, als von Pferde-Stammbäumen und von menschlichen Muskeln. Wenn wir erst verheirathet sein werden, lieber Arnold bitte, führen Sie nur keinen von Ihren Freunden bei uns ein, der nicht mindestens sechzig Jahre alt ist. Was wollen wir bis zum Frühstück anfangen? Hier bei den Büchern ist es schön kühl und ruhig, ich möchte etwas mild’ Anregendes vornehmen und habe absolut nichts zu thun. Lesen Sie mir doch etwas Poesie vor!«

»In seiner Gegenwart?« fragte Arnold, indem er auf den personificirten Gegensatz zu aller Poesie, mit andern Worten auf den am andern Ende des Zimmers sitzenden und ihm den Rücken zukehrenden Geoffrey hindeutete.

»Ach was! erwiderte Blanche, »wer wird sich an diesen Grobian kehren.«

»Ei, Ei!« sagte Arnold, »Sie sind ja diesen Morgen so scharf wie Sir Patrick; was wollen Sie erst von mir sagen, wenn wir verheirathet sind, wenn Sie so von meinem Freund sprechen!«

Blanche legte verstohlen ihre Hand in die Arnolds und drückte sie ausdrucksvoll »Gegen Sie werde ich immer freundlich sein«, flüsterte sie mit einem Blick, der eine Welt voll schöner Versprechungen in sich faßte.

Arnold gab den Blick zurück. Geoffrey war ihnen offenbar im Wege. Ihre zärtlichen Blicke begegneten sich; warum konnte auch dieser große unbequeme Mensch seine Briefe nicht anderswo schreiben, als hier? Mit einen: schwachen Seufzer sank Blanche resignirt in einen bequemen Lehnsessel und verlangte erröthend in einem sanften zitternden Tone nach »etwas Poesie.«

»Was für Poesie soll ich Ihnen vorlesen?« fragte Arnold.

»Was Sie wollen«, erwiderte Blanche, »ich muß durchaus etwas Poesie hören, ich weiß nich! warum!«

Arnold trat sofort an das nächste Bücherbret und nahm den ersten besten Band herunter, den seine Hand erfaßte; es war ein solider, in braunes Leder gebundener Quartband.

»Nun!« fragte Manche, »was haben Sie da?«

Arnold öffnete den Band und las den Titel genau so, wie er dastand: »Das verlorene Paradies. Ein Gedicht, von John Milton.«

»Ich habe noch nie etwas von Milton gelesen«, sagte Blanche, »Sie?«

»Nein!«

Wieder eine Sympathie zwischen uns; Jeder wohlerzogene Mensch sollte Milton kennen. Lassen Sie uns wohlerzogene Menschen sein und fangen Sie, bitte, an!«

»Von vorn?« .

»Natürlich! Aber warten Sie, Sie müssen nicht so weit von mir weg sitzen, Sie müssen so sitzen, daß ich Sie sehen kann. Ich kann nicht aufmerksam sein, wenn ich die Leute, die mir vorlesen, nicht ansehen kann.« Er setzte sich auf einen Schemel zu Blanche’s Füßen und öffnete das erste Buch des »Verlorenen Paradieses.« Seine Weise, Verse zu lesen war die kindlichste von der Welt. Beim Vorlesen von Versen denken ja die Meisten nur an den Klang und nur Wenige an den Sinn. Arnold gehörte zu den Ersteren. Am Ende eines jeden Verses machte er unerbittlich Halt und eilte diesem Halte unabänderlich mit so großer Geschwindigkeit zu, wie es die, doch nicht zu umgehenden Worte nur irgend zulassen wollten. Er fing an:

»Vom ersten Ungehorsam von der Fruncht ——
»Des untersagten Baum’s, von dem Genuß ——
»Der uns den Tod und jeglich Weh’ beschied ——
»Und Eden raubte, bis ein höh’rer Mensch ——
»Den Sitz des Segens wied’ rum uns gewinnt ——
»Sing’, o Du Himmelsmuse. —— ——«

»Wie schön!« sagte Blanche, ist es nicht eine wahre Schande, Milton in der Bibliothek stehen und nie etwas davon gelesen zu haben? Arnold, wir müssen ganze Vormittage Milton lesen! Es ist wahr, es wird zwar etwas lange dauern, aber wir sind Beide noch jung und, wer weiß, vielleicht leben wir lange genug, um ihn zu Ende zu bringen. Wissen Sie was, lieber Arnold? Wenn ich Sie recht ansehe, kommt es mir vor, als wären Sie nicht in der besten Laune nach Windygates zurückgekommen.«

»So? daß ich nicht wüßte.«

»Ich aber weiß; es ist Sympathie mit mir, ich bin auch ganz Verdrießlich!«

»Sie?«

»Ja! Seit ich Anne in Craig-Fernie gesehen habe, werde ich mehr und mehr besorgt um sie. Sie werden mich nach dem, was ich Jhnen heute Morgen gesagt habe, verstehen!«

Arnold heftete schleunigst den Blick wieder auf Milton. Er empfand diese abermalige Anspielung auf die Ereignisse in Craig-Fernie als einen neuen Vorwurf gegen sich wegen seines Benehmens im Gasthofe. Er versuchte es durch Hinweisen auf Geoffrey, Blanche zum Schweigen zu bringen: »Vergessen Sie nicht«, flüsterte er ihr zu, »daß noch Jemand hier im Zimmer ist!«

Blanche zuckte verächtlich die Achseln. »Was geht uns Der an! Was weiß Der von Anne! Was kümmert sie ihn?«

Jetzt gab es nur ein Mittel, Blanche von dem Gespräch über diesen delikaten Gegenstand abzubringen. Arnold fing in seiner überstürzenden Weise zu lesen an, zwei Zeilen weiter, als er eben vorher aufgehört hatte, diesmal noch ausschließlicher nach dem Klang und mit noch weniger Rücksicht aus den Sinn:

»Belehrt, wie aus dem Chaos im Beginne ——
Der Himmel und die Erde sich erhob,
Wenn Zion’s Hügel —— —— —— —— —— ——«

Bei »Zion’s Hügel« unterbrach ihn Blanche wieder. »Warten Sie einen Augenblick, Arnold; ich kann es wirklich nicht aushalten, Milton in dieser Weise hinunter zu schlingen, überdies habe ich Ihnen etwas zu sagen!

Habe ich Ihnen schon mittgetheilt, daß ich meinen Onkel wegen Anne consultirt habe!«

»Ich glaube nicht!«

»Vorhin im Zimmer bin ich seiner habhaft geworden und habe ihm Alles gesagt, was ich Ihnen erzählt habe; ich zeigte ihm Anne’s Brief und fragte ihn, was er dazu meine. Er ließ sich ziemlich viel Zeit und nahm viele Prisen Taback, ehe er sich entschloß, mir seine Meinung zu sagen, die dahin ging: »ich könne leicht mit meinem Verdacht, daß Anne’s Gatte ein abscheulicher Mensch sein müsse, Recht haben. Einmal sei schon sein Verstecken vor mir, gerade wie ich es aufgefaßt hatte, ein sehr verdächtiger Umstand, und dann gar das plötzliche Auslöschen der Lichter, als ich in’s Zimmer trat! —— Mrs. Inchbare und ich glaubten, es sei der Wind gewesen, aber Sir Patrick glaubt, der elende Mensch selbst habe das gethan, um mich zu verhindern, ihn, als ich in’s Zimmer trat, zu sehen und jetzt bin ich fest überzeugt, daß Sir Patrick Recht hat. Was meinen Sie dazu?«

»Ich glaube wir thäten besser, weiter zu lesen, sagte Arnold, den Kopf noch immer über das Buch gebeugt, »wir vergessen ja Milton ganz!«

»Ach! Sie sind langweilig mit Ihrem Milton. Die letzten Paar Verse waren nicht so schön wie die ersten; kommt etwas von Liebe im »verlorenen Paradies vor?«

»Vielleicht finden wir etwas der Art, wenn wir weiter lesen!«

»Dann fahren Sie fort, machen Sie aber rasch!«

Arnold machte so rasch, daß er es gar nicht bemerkte, daß er, anstatt weiter zu lesen, wieder zurückging und die schon gelesenen Verse noch einmal vorlas:

»Belehrt wie aus dem Chaos im Beginne ——
»Der Himmel und die Erde sich erhob ——
»Wenn Zion’s Hügel —— —— —— —— —— ——«

»Das haben Sie ja schon einmal gelesen!«

»Das glaube ich nicht!«

»Ach! ganz gewiß! Ich erinnere mich, als Sie »Zionshügel« lasen, sofort an Methodisten gedacht zu haben. Wie sollte ich an Methodisten gedacht haben, wenn Sie nicht »Zionshügel« gelesen hätten?«

»Ich will es mit der nächsten Seite versuchen, die kann ich noch nicht gelesen haben, denn ich habe noch gar nicht umgeschlagen.«

»Blanche warf sich in den Sessel zurück und bedeckte sich, voll Resignation, das Gesicht mit ihrem Taschentuch »Die dummen Fliegen!« sagte sie zur Entschuldigung. Ich will nicht schlafen, versuchen Sie es mit der nächsten Seite.«

Arnold fuhr fort:

»O sage mir zuerst (es birgt der Himmel ——
»Und auch die tiefste Hölle nichts vor Dir) ——
»Was unser erstes Aelternpaar, so glücklich ——
»Vom Himmel so beseeligt, einst bewog —— —— —— ——«

Da plötzlich riß sich Blanche das Schnupftuch vom Gesicht und setzte sich kerzengrade auf. »Bitte machen Sie das Buch zu, ich kann es nicht länger aushalten. Hören Sie auf, hören Sie auf!«

»Was ist Ihnen denn?«

»Dieser glückliche Zustand«, sagte Blanche, »was soll dieser glückliche Zustand bedeuten, natürlich heirathen! Und bei Heirathen muß ich wieder an Anne denken. Ich will Nichts weiter hören. Das verlorene Paradies ist traurig! Machen Sie das Buch zu. —— Also meine nächste Frage an Sir Patrick war natürlich, was er wohl glaube, daß Anne’s Mann gethan habe; der Elende müsse sich ja auf irgend eine Weise schlecht benommen haben; aber auf welche Weise? Hatte das etwas mit ihrer Heirath zu thun? —— Mein Onkel dachte wieder nach; er hielt das für durchaus möglich. Geheime Heirathen sagte er, seien etwas sehr Gefährliches namentlich in Schottland und er fragte mich, ob sie sich in Schottland geheirathet hätten. Das wußte ich nicht. Ich antwortete nur: »Und wenn Sie es hätten, was dann?« In diesem Fall, erwiderte Sir Patrick, wäre es sehr leicht möglich, daß Miß Silvester nicht ohne Besorgniß wegen ihrer Heirath wäre. Sie zweifelt vielleicht gar und möglicherweise mit Recht, ob ihre Heirath überall eine wirkliche Heirath ist!«

Arnold fuhr zusammen und sah sich nach Geoffrey um, der ihnen noch immer, am Schreibtisch sitzend, den Rücken zukehrte. Trotz ihrer irrthümlichen Auffassung von Anne’s Situation in Craig-Fernie, waren Blanche und Sir Patrick doch dahin gelangt über die Frage zu discutiren, bei welcher Geoffrey und Miß Silvester besonders interessirt waren: die Frage der Eheschließung in Schottland. Es war für Arnold unmöglich, Geoffrey in Blanche’s Gegenwart zu sagen, daß er gut thun würde, auf Sir Patricks Meinung selbst, in ihrer Vermittlung durch die zweite Hand zu hören. Vielleicht aber hatten die Worte ihren Weg bis zu ihm gefunden, vielleicht horchte er schon aus eigenem Antriebe.

In der That horchte Geoffrey. Blanche’s Worte waren in sein Ohr gedrungen, während er über seinem halbvollendeten Briefe an seinen Bruder brütete. Er wartete, die Feder in der Hand haltend, ohne sich zu rühren, ob sie nicht noch mehr sagen würde. Blanche fuhr fort, indem sie Arnold, der noch immer ihr zu Füßen saß, mit den Fingern durch die Haare fuhr. »Es war mir auf der Stelle klar, daß Sir Patrick das Richtige getroffen habe und das sagte ich ihm auch. Er lachte und meinte, ich dürfe nicht so vorschnelle, Schlüsse ziehen, wir tappten ja noch völlig im Dunkeln und alle die traurigen Dinge, die ich ihm aus dem Gasthofe mitgetheilt, konnten sich möglicherweise ganz anders erklären lassen. Er würde fortgefahren haben in seiner bekannten Manier, den ganzen Morgen haarsträubende Erklärungen zu machen, wenn ich ihm nicht Einhalt gethan hätte. Ich war vollkommen logisch; ich sagte ihm, ich hätte Anne gesehen und er nicht und das sei ein großer Unterschied und fügte hinzu: »Alles, was mich in dem Benehmen der armen Freundin irre führte und erschreckte, ist jetzt erklärt. —— Das Gesetz soll und muß diesen Menschen erreichen, Onkel, und wenn ich die Kosten tragen sollte.« Es war mir so ernst mit der Sache, daß ich wohl ein wenig bewegt ausgesehen haben mag und, was meinen Sie, daß der alte Mann that? Er nahm mich auf seinen Schooß und küßte mich und sagte im freundlichsten Tone, daß er sich, wenn ich ihm versprechen wolle, nicht mehr zu weinen, für den Augenblick zu meiner Ansicht bekennen und —— warten Sie, das Beste kommt noch, —— mir, sobald ich mich beruhigt haben werde, die Sache in einem ganz neuen Lichte darstellen wolle. Sie können sich denken, wie rasch ich meine Thränen trocknete und wie vollkommen beruhigt ich auf der Stelle aussah. »Nehmen wir es als ausgemacht an, fing Sir Patrick wieder an, daß dieser unbekannte Mann wirklich, wie Du und ich glauben, den Versuch gemacht hat, Miß Silvester zu hintergehen. Aber selbst wenn das der Fall, so ist es doch, wie ich Dich versichern kann, gar nicht unwahrscheinlich, daß er bei seinem Versuch, sie hinter’s Licht zu führen, ohne eine Ahnung davon zu haben, dahin gelangt ist, sich selber hinter’s Licht zu führen«

Geoffrey horchte scharf auf; die Feder entfiel seiner Hand: jetzt kam es! Das Licht, das sein Bruder über die Sache zu verbreiten nicht im Stande gewesen war, fing plötzlich an ihm aufzugehen.

Blanche fuhr fort: »Die Sache interessirte mich so und machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich kein Wort vergessen habe. »Ich darf Deinen armen kleinen Kopf«, fuhr mein Onkel fort, »nicht mit schottischem Recht quälen, ich will die Sache einfach machen. Es giebt in Schottland sogenannte unregelmäßige aber erlaubte Heirathen; eine abscheuliche Einrichtung, die aber in unserm Fall das Gute hat, daß es außerordentlich schwer für einen Mann in Schottland ist, sich das Ansehen zu geben, als ob er heirathen wolle, wenn er es nicht wirklich zu thun beabsichtigt. Auf der andern Seite kann es außerordentlich leicht in Schottland geschehen, daß ein Mann dazu kommt, verheirathet zu sein, ohne selbst die leiseste Ahnung davon zu haben.« Das waren genau seine Worte. Wir wollen uns nicht in Schottland verheirathen.«

Geoffrey erbleichte. Wenn das richtig war, so konnte er sich leicht selbst in der Falle gefangen haben, die er Anne gestellt hatte.

Blanche fuhr in ihrer Erzählung fort und Geoffrey horchte weiter zu.

»Mein Onkel fragte mich, ob ich ihn, verstanden habe. Die Sache war vollkommen klar; natürlich hatte ich ihn völlig verstanden.

»Nun gut«, fuhr Sir Patrick fort, »jetzt die Nutzanwendung »Nehmen wir also wieder an, daß wir auf der richtigen Fährte sind, so ist es sehr wohl denkbar, daß Miß Silvester sich, ohne wirklichen Grund, mit Besorgnissen wegen ihrer Heirath quält. Wenn der Unsichtbare Mann in Craig-Fernie so weit gegangen ist, ich sage nicht, sie zu heirathen, sondern nur sie glauben zu machen, daß er sie heirathen wolle —— und wenn er das in Schottland gethan hat, —— so sind die Chancen zehn gegen eins (wenn auch weder er noch sie eine Ahnung davon haben), daß er sie in der That bereits geheirathet hat. Wieder meines Onkels eigene Worte. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich eine halbe Stunde nach dieser Unterhaltung mit meinem Onkel, den Inhalt derselben Anne in einem Briefe nach Craig-Fernie übermittelt habe.«

Geoffrey’s dumpf starrende Augen fingen plötzlich an zu glänzen, ein höllisches Licht war ihm aufgegangen, ein teuflischer Gedanke war ihm durch den Kopf gefahren. Verstohlen blickte er nach dem Manne, dessen Leben er einst gerettet hatte und der ihm zum Dank dafür mit voller Ergebenheit in einer schwierigen Situation einen wichtigen Dienst leistete. Ein widerwärtiger Ausdruck von lauernder Schlauheit zuckte um seinen Mund und in seinen Augen. Arnold Brinkworth hatte sich im Gasthofe zu Craig-Fernie das Ansehen gegeben als ob er mit Anne verheirathet sei!

»Bei Gott im Himmel, das ist ein Ausweg, an den ich noch nicht gedacht habe!«

Mit diesem Gedanken machte er sich daran, seinen Brief an Julius zu vollenden.

Zum ersten Mal in seinem Leben war er heftig aufgeregt und das von seinen eigenen Gedanken. Er hatte an Julius unter dem Eindruck der gebieterischen Nothwendigkeit geschrieben, Zeit zu gewinnen, um Anne zu überreden, Schottland zu verlassen, bevor er es wagte, sich um Mrs. Glenarm’s Hand zu bewerben. Sein Brief enthielt eine Menge plumper Entschuldigungen, zu dem Zweck, es zu erklären, wenn sich seine Ankunft auf dem Gute seines Bruders noch verzögern sollte.

»Nein«, sagte er sich, als er das Geschriebene wieder überlas, »ich weiß noch nicht, was ich schreiben will, so geht es nicht!«

Er blickte sich wieder nach Arnold um und zerriß dabei leise den Brief.

Inzwischen war Blanche noch immer mit ihrer Erzählung nicht zu Ende. Als Arnold einen Gang in den Garten vorschlug, sagte sie: »Nein, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen und zwar etwas, das Sie persönlich interessirt.«

Arnold ergab sich darein weiter zuzuhören und was schlimmer war, wenn es durchaus nöthig werden sollte, ihr in der Eigenschaft eines ganz Unbetheiligten zu antworten, der den Gasthof zu Craig-Fernie niemals betreten hätte.

»Nun«, fuhr Blanche fort: »Und was glauben Sie, daß aus meinem Briefe an Anne geworden ist?«

»Nun was denn?«

»Ich habe nichts wieder darüber gehört.«

»Wirklich nicht?«

»Absolut nichts. Ich weiß, daß sie den Brief gestern bekommen hat und ich hätte diesen Morgen Antwort erhalten müssen.«

»Vielleicht hat sie keine Antwort für erforderlich gehalten.«

»Das ist mir aus bekannten Gründen unmöglich; überdies habe ich sie in meinem gestrigen Brief flehentlich gebeten, mir, wenn auch nur in einer Zeile zu sagen, ob Sir Patrick und ich mit unserer Vermuthung über den Grund ihres Kummers Recht haben oder nicht, und jetzt ist es gleich Mittag und ich bin noch ohne Antwort. Was soll ich daraus schließen?«

»Das weiß ich wahrhaftig nicht!«

»Halten Sie es für möglich, daß wir schließlich doch nicht auf der rechten Fährte sind? Sollte der Mann, der die Lichter ausgeblasen hat, nichtswürdiger sein, als wir glauben? Der Gedanke ist so fürchterlich daß ich fest entschlossen bin ihn nicht länger zu ertragen. Wenn ich bis morgen keine Antwort habe, so rechne ich auf Ihren Beistand.«

Arnold war sehr betroffen. Offenbar drohte ein Netz von neuen Verwicklungen sich über ihn auszuspannen. Ruhig und auf das Schlimmste gefaßt, wartete er das Weitere ab. Blanche beugte sich vorüber und flüsterte ihm zu: »Was ich Ihnen jetzt sage, ist ein Geheimniß. Wenn das Geschöpf da am Schreibtisch auch schwerlich für etwas Anderes in der Welt Sinn hat als für Ruderschläge und Pferdegetrappel, so darf er das doch nicht hören. Vielleicht kommt Anne im Geheimen heute zu mir während sie Alle beim Frühstück sind; wenn sie nicht kommt und ich nichts von ihr höre, so müssen wir das Geheimniß ihres Unglücks aufklären und Sie müssen mir helfen!«

»Ich?«

»Machen Sie keine Schwierigkeiten; wenn Sie den Weg nach Craig-Fernie nicht zu finden wissen, so kann ich Ihnen dabei behülflich sein. Was Anne betrifft, so wissen Sie, was für ein liebenswürdiges Mädchen sie ist und Sie können eines freundlichen Empfanges um meinetwillen gewiß sein. Ich muß und will Nachricht von ihr haben; ich darf die Hausordnung nicht zum zweiten Mal brechen. Sir Patrick hat zwar Sympathie für die Sache, will sich aber nicht mehr rühren. Lady Lundie ist Anne’s bittre Feindin; die Domestiken sind sämtlich mit dem Verlust ihrer Stellen bedroht, wenn Einer sich untersteht, sich zu Anne schicken zu lassen. Es bleibt also Niemand übrig als Sie und Sie müssen etwas von Anne sehen oder hören.«

Das Alles sagte sie dem Manne, der in Craig-Fernie für Anne’s Gatten gegolten hatte und dem die genaueste Kenntniß ihres traurigen Geheimnisses ohne sein Zuthun aufgedrängt worden war.

Arnold erhob sich mit der Ruhe der Verzweiflung um Milton wieder wegzustellen. Jedes andere Geheimniß hätte er schlimmsten Falls der Discretion einer dritten Person anvertrauen können, aber das Geheimniß eines Mädchens, dessen Ruf von der Bewahrung dieses Geheimnisses abhing, durfte er unter keinen Umständen irgend Jemandem anvertrauen. Wenn Geoffrey mir da nicht heraushilft« dachte er, »so bleibt mir nichts übrtig, als Windygates morgen zu verlassen.« Während er das Buch wieder an seine Stelle setzte, trat Lady Lundie aus dem Garten in die Bibliothek »Was machst Du hier? fragte sie ihre Stieftochter.

»Ich arbeite an meiner Bildung«, erwiderte Blanche »Herr Brinkworth und ich haben eben im Milton gelesen.«

»Ist es Dir nach dieser hohen literarischen Beschäftigung möglich, Dich soweit herabzulassen, mir bei den Einladungen zu dem Diner für nächste Woche zu helfen?«

»Wenn Sie sich dazu herbeilassen, Lady Lundie, nachdem Sie die Hühner den ganzen Morgen gefüttert haben, so muß ich ja die Demuth selbst sein, nachdem ich mich nur mit Milton beschäftigt habe.« Nach diesem kleinen Austausch bittersüßer weiblicher Reden setzten sich Stiefmutter und Stieftochter an einen Schreibtisch, um der Tugend der Gastfreundschaft gemeinschaftlich obzuliegen. Arnold ging nach dem andern Ende der Bibliothek auf seinen Freund zu.

Geoffrey saß, die Ellbogen auf den Schreibtisch stützend und seine geballten Fäuste in die Backen bohrend da; dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und die Fragmente eines Briefes lagen zerstreut um ihn her. Zum ersten Mal in seinem Leben zeigte er Spuren einer nervösen Reizbarkeit. Er fuhr zusammen, als Arnold ihn anredete: »Was giebt’s, Geoffrey?«

»Ich habe einen Brief zu beantworten und weiß nicht, was ich schreiben soll!«

»An Miß Silvester?« fragte Arnold, doch so leise, daß Niemand es am andern Ende des Zimmers hören konnte.

»Nein!« antwortete Geoffrey noch leiser.

»Hast Du gehört, was Miß Blanche mir eben von Miß Silvester erzählt hat?«

»Etwas davon!«

»Hast Du gehört, daß Blanche mir angekündigt hat, ich müsse, wenn sie heute keine Nachrichten von Miß Silvester bekäme, morgen nach Craig-Fernie?«

»Nein!"

»So sage ich es Dir jetzt!«

»Nun?«

»Es giebt eine Grenze, über die hinaus ein Mensch selbst von seinem besten Freunde nichts mehr verlangen kann. Ich hoffe, Du verlangst nicht, daß ich morgen Blanches Boten abgebe. Wie die Dinge jetzt stehen, kann und will ich nicht nach dem Gasthofe gehen!«

»Du hast genug davon gehabt? Wie?«

»Ich wünsche nicht, Miß Silvester noch unglücklicher zu machen, und noch weniger, Blanche noch ärger zu betrügen.«

»Was meinst Du damit Miß Silvester noch unglücklicher zu machen? Was willst Du damit sagen?«

»Sie nimmt es nicht so leicht, wie Du und ich, daß ich sie vor den Leuten im Wirthshaus für meine Frau ausgegeben habe.«

Geoffrey griff ganz in Gedanken nach seinem Federmesser. Mit gesenktem Kopf fing er an, ein vor ihm liegendes Stück Papier zu zerknittern.

Dann brach er plötzlich sein Schweigen mit den leise geflüsterten Worten: »Höre einmal!«

»Nun?«

»Wie hast Du Dich eigentlich dabei benommen, als Du sie für Deine Frau ausgabst?«

»Das habe ich Dir ja schon erzählt, als wir von der Station zusammen hierher fuhren.«

»Ach damals habe ich an etwas Anderes gedacht, erzähle es mir doch noch einmal!«

»Arnold erzählte ihm nun noch einmal die Vorgänge im Wirthshause. Geoffrey hörte, ohne ihn zu unterbrechen ruhig zu, und ließ dabei das Federmesser auf seinen Finger balanciren.

»Das ist nun Alles vorbei!« sagte Arnold, indem er Geoffrey an den Schultern faßte und schüttelte; »jetzt kommt es Dir zu, mich aus der fatalen Lage zu befreien, in der ich Blanche gegenüber gerathen bin. Die Sache mit Miß Silvester muß noch heute in Ordnung gebracht werden?

»Sie soll auch in Ordnung gebracht werden.«

»Soll?« »Weshalb wartest Du denn!«

»Ich warte, bis ich das gethan habe, wozu Du mir gerathen hast! Hast Du mir nicht gerathen Sir Patrick zu consultiren bevor ich sie heirathe?«

»Gewiß habe ich Das gethan.«

»Nun gut, ich warte eben aus eine Gelegenheit Sir Patrick zu sprechen.«

»Und dann?«—— ——

»Jetzt zum ersten Male sah er Arnold an: »Dann«, sagte er, »kannst Du darauf mehrten, daß die Sache in Ordnung kommt!«

»Wie, die Heirath?«

»Ja, die Heirath«, erwiderte Geoffrey, indem er plötzlich wieder den Blick auf den Tisch senkte, »ja, die Heirath!«

Arnold reichte ihm die Hand zum Glückwunsch. Geoffrey aber nahm keine Notiz davon. Er hatte die Augen wieder aufgeschlagen und sah zu dem Fenster, an dem er saß, hinaus.

»Höre ich da nicht Stimmen?« sagte er.

»Ich glaube unsere Freunde sind im Garten«, erwiderte Arnold. »Vielleicht ist Sir Patrick bei ihnen, ich will zusehen«.

Kaum hatte Arnold den Rücken gewandt, als Geoffrey nach einem Blatt Papier griff. »Ehe ich es vergesse«, sagte er zu sich selbst. Er schrieb: »Memorandum: Er fragte nach ihr bei seiner Ankunft als nach seiner Frau. Er sagte bei Tisch der Wirthin und dem Kellner: »ich miethe diese Zimmer für meine Frau; zu denselben Zeit veranlaßt: er sie zu sagen, daß rr ihr Mann sei; dann blieb er die ganze Nacht dort. —— Wie nennt man das nach schottischen Recht: »Eine Heirath?« Nachdem er das Papier zusammengefaltet hatte, zauderte er einen Augenblick. »Nein, dachte er, es genügt nicht, sich auf das zu Verlassen, was Fräulein Lundie erzählt hat, ich kann meiner Sache nicht gewiß sein, bis ich Sir Patrick selbst um Rath gefragt habet« Er steckte das Papier in die Tasche und wischte sich die hellen Schweißtropfen von der Stirn. Er sah auffallend bleich aus, als Arnold zurückkam.

»Ist Dir etwas begegnet, Geoffrey? Du siehst ja aschgrau aus?«

»Das kommt von der Hitze; wo ist Sir Patrick?«

»Du kannst ihn dort sehen« und dabei deutete Arnold auf das Fenster. Sir Patrick kam eben über den Rasen mit einem Zeitungsblatt in der Hand auf die Bibliothek zugegangen und die Gäste von Windygates begleiteten ihn.

Sir Patrick lächelte und sagte nichts. Die Gäste aber sprachen sehr laut und waren ersichtlich in großer Aufregung. Offenbar hatte ein Disput zwischen der alten und der neuen Schule stattgefunden.

Arnold machte Geoffrey auf den Zustand der Dinge aus dem Rasen aufmerksam. »Wie willst Du es anfangen, ihn in Gegenwart aller dieser Leute um Rath zu fragen?«

»Ich will Sir Patrick um Rath fragen und wenn ich ihn am Genick packen und in die nächste Grafschaft schleppen müßte.«

Mit diesen Worten, denen er durch einen leise ausgestoßenen Fluch noch einen besonderen Nachdruck gab, sprang er auf.

Sir Patrick trat eben, von den Gästen begleitet, in die Bibliothek.



Kapiteltrenner


Neunzehntes Kapitel - Ganz nahe daran

Der Zweck des Eindringens der Gesellschaft in die Bibliothek schien ein zwiefacher zu sein. Sir Patrick war gekommen, um das Zeitungsblatt, das er in der Hand hielt, wieder auf den Tisch zu legen, von dem er es weggenommen hatte. Die Gäste, fünf an der Zahl, waren ihm gefolgt, um in corpore an Geoffrey Delamayn’s Entscheidung zu appelliren. Zwischen diesen anscheinend sehr verschiedenen Motiven bestand ein nicht sofort erkennbarer Zusammenhang, welcher sich aber jetzt offenbaren sollte. Von den fünf Gästen waren zwei in den besten Jahren und gehörten zu der großen aber ununterscheidbaren Classe der menschlichen Familie, welche die Hand der Natur zu vollkommen indifferenten Wesen gestaltet hat. Sie hatten, die Ideen ihrer Zeit eingesogen, soweit ihre soweit ihre Fähigkeiten es zuließen und sie nahmen in der Gesellschaft ungefähr dieselbe Stelle ein, welche dem Chor in der Oper awf der Bühne zukommt; sie gaben den vorherrschenden Gefühlen des Augenblicks Ausdruck, um dem Salon-Redner Zeit zu lassen, wieder Athem zu schöpfen. Die drei übrigen Gäste waren über dreißig Jahre alt, die vollkommen bewandert in den Künsten des Pferderennens der athletischen Spiele, des Tabackrauchens, Biertrinkens, Billardspielens und des Wettens, und Alle ohne eine Ahnung, daß es noch höhere Interessen in der Welt gebe. Alle von Geburt Gentleman und alle mit dem Stempel der Universitätserziehung versehen. Ihre Persönlichkeit ist hinreichend geschildert, wenn man sie als schwache Copien von Geoffrey bezeichnet und sie können in Ermangelung eines jeden unterscheidenden Merkmals als Nummer Eins, Zwei und Drei aufgeführt werden. —— Sir Patrick legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und setzte sich auf einen der bequemen Lehnsessel. Sofort wurde er als Haupt der Familie von seiner unverwüstlichen Schwägerin in Anspruch genommen. Lady Lundie sandte Blanche zu ihm mit der Liste ihrer Gäste für das nächste Diner. »Lege das Deinem Onkel als Haupt der Familie vor, mein Kind!« —— Während sich Sir Patrick die Liste ansah und während Arnold sich hinter dem Stuhl ihres Onkels zu Blanche schlich begaben sich Nummer Eins, Zwei und Drei in corpore zu Geoffrey an das andere Ende des Zimmers und appellirten in rasch auf einander folgenden Reden an seine Autorität, wie folgt: »Höre mal, Geoffrey Delamayn, wir brauchen Dich. Sir Patrick hat da eben einen fürchterlich mörderischen Angriff auf uns gemacht. Er nennt uns britische Autochthonen, sagt uns wir seien unerzogen, zweifelt ob wir würden lesen, schreiben und rechnen können, wenn er uns auf die Probe stellte, schwört, er habe es satt mit Menschen zu verkehren, die ihre Arme und Beine entblößen, um zu sehen wer von ihnen die härtesten Muskeln hat, sagt von uns jungen Leuten das Abscheulichste, was man nur sagen kann, behauptet, daß man einen Menschen, der ein gesundes Leben im Freien liebe, sich zum Rudern und Wettlaufen einüben lasse und Aehnliches treibe, und der keine Lust habe über den Büchern zu hocken, aller erdenklichen Verbrechen, Mord mit einbegriffen, für fähig halten kann. Er hat Deinen Namen als Wettrenner in der Zeitung gesehen und sagte, als wir ihn fragten, ob er aus Dich wetten wolle, er werde bereit sein, jede Wette gegen Dich einzugehen, wenn es sich um das andere Wettrennen, das auf der Universität handele, womit er Dein Examen meint, alter Junge.

—— »Eine häßliche Bemerkung, die über das Examen«, meinte Nummer Eins. —— »Schlechter Geschmack von Sir Patrick, das aufzurühren, was wir selbst niemals unter uns besprachen«, bemerkte Nummer Zwei. —— »Eines Engländers unwürdig, einen Menschen, so hinter seinem Rücken zu verhöhnen«, erklärte Nummer Drei.—— »Bring ihn zur Raison, Delamayn, Du stehst in der Zeitung, und er kann Dich nicht so en bagatelle behandeln.« Die beiden Choristen stimmen in einer Molltonart bei. »Sir Patricks Ansichten sind wirklich sehr extravagant Smith.« —— »Mir scheint es doch wünschenswerth auch Herrn Delamayn’s Ansichten zu hören, Johns.«

Geoffrey sah bald diesen, bald jenen seiner vor ihm stehenden Bewunderer mit einem Ausdruck an, der ihnen ganz neu an ihm war. »Ihr könnt selbst nicht mit Sir Patrick fertig werden«, sagte er, »und ich soll es für Euch thun!«

»Nummer Eins, Zwei, Drei und der Chor antworteten unisono: »Ja!«

»Ich will aber nicht!«

Nummer Eins, Zwei, Drei und der Chor fragten einstimmig »Warum?«

»Weil«, antwortete Geoffrey, »ihr Alle Unrecht habt und Sir Patrick Recht hat!«

Nicht bloßes Erstaunen, sondern vollständiges Erstarren ergriff die Gartens-Deputation bei diesen Worten Geoffrey’s und machte sie sprachlos.

Ohne die vor ihm stehende Versammlung eines weiteren Wortes zu würdigen, ging Geoffrey gerade auf Sir Patricks Lehnstuhl zu und redete ihn an. Seine Trabanten folgten ihm und hörten ihm mit gerechtem Erstaunen zu. »Sie haben erklärt, Sir Patrick, daß Sie jede Wette gegen mich in Betreff meines Examens eingehen wollen. Sie haben vollkommen Recht, ich würde ein Examen nicht bestehen. Sie zweifeln, ob ich oder einer dieser Burschen correct würde lesen, schreiben oder rechnen können, wenn Sie uns auf die Probe stellen. Auch darin haben Sie Recht, wir würden die Probe nicht bestehen. Sie erklären, Sie sähen nicht ein, warum Leute, wie ich und diese da, die mit Rudern, und Wettrennen angefangen haben, nicht mit allen erdenklichen Verbrechen, Mord mit inbegriffen, endigen sollten. Auch darin können Sie Recht haben, wer kann sagen, was aus ihm noch werden kann, was er noch vielleicht vor seinem Tode begehen wird; das kann Niemand wissen, ich so wenig wie ein Anderer.« Plötzlich wandte er sich nach seinen Freunden um, die wie vom Donner gerührt hinter ihm standen: »Wenn Ihr wissen wollt, was ich denke, da habt Ihr es in klaren Worten« —— Es lag nicht nur in der Schamlosigkeit der Erklärung selbst, sondern auch in der wilden Freude, die der Sprecher dabei zu empfinden schien, etwas, was die Zuhörer, Sir Patrick mit einbegriffen, momentan geradezu unheimlich berührte. Es entstand ein peinliches Schweigen, während dessen ein sechster Gast vom Rasen her in die Bibliothek trat. Ein schweigsamer, anspruchslos aber entschlossen aussehender alter Herr, der Tags zuvor in Windygates zum Besuch eingetroffen war. Er war in und außerhalb Londons als einer der ersten Aerzte seiner Zeit bekannt. »Sind Sie hier in einer Disscussion begriffen, in der ich störe?« fragte er. »Durchaus in keiner Diskussion, wir sind Alle einer Meinung«, schrie Geoffrey, indem er lärmend die Antwort für die Andern übernahm. »Je mehr Zuhörer desto besser!« —— Nach einem raschen Blick auf Geoffrey blieb der Arzt, der eben im Begriff gewesen war, die Schwelle der Bibliothek zu überschreiten, an derselben stehen.

»Bitte um Vergebung«, sagte Sir Patrick zu Geoffrey gewandt, mit dem Ausdrucke einer ernsten Würde, die Arnold noch nicht an ihm beobachtet hatte, »wir sind nicht Alle einer Meinung; ich muß mich entschieden dagegen verwahren, Mr. Delamayn, daß Sie die Gesinnungen, denen Sie so eben Ausdruck verliehen haben, als die meinigen bezeichnen. Nach der Sprache, der Sie sich bedient haben, bleibt mir nichts Anderes übrig, als, Ihrer Angabe gegenüber, dessen was ich behauptet haben soll, zu wiederholen, was ich wirklich behauptet habe. Es ist nicht meine, sondern Ihre Schuld, wenn unsere im Garten geführte Discussion hier vor anderen Zuhörern wieder aufgenommen worden ist.« Bei diesen Worten blickte er zuerst Arnold und Blanche und dann den an der Thür stehenden Arzt an. Dieser war in eine Beschäftigung vertieft, die ihn von der übrigen Gesellschaft vollkommen isolirte. Selbst ganz im Schatten stehend, ließ er es sich angelegen sein, Geoffrey’s von der Sonne voll beleuchtetes Gesicht mit einer gespannten Aufmerksamkeit zu beobachten, welche allgemein hätte ausfallen müssen, wenn nicht alle Aufmerksamkeit auf Sir Patrick gerichtet gewesen wäre. —— Geoffrey’s Gesichtszüge waren in diesem Augenblick nicht leicht zu enträthseln. Während Sir Patrick sprach, hatte er sich in die Nähe des Fensters gesetzt und schien vollkommen unempfänglich für den Verweis, den er eben erhalten hatte. In der Ungeduld seines Verlangens, den Mann zu consultiren, der allein competent war, über Arnold’s Beziehungen zu Anne eine maßgebende Meinung auszusprechen, hatte er sich zu Sir Patricks Ansicht bekannt, um sich so seiner unwillkommenen Freunde zu entledigen, und hatte doch Dank seiner brutalen Unfähigkeit, sich bei dem Ausdruck seiner Zustimmung zu beherrschen, seinen Zweck verfehlt. Ob er darüber jetzt verdrießlich war oder ob er nur ruhig seine Zeit abwartete, war schwer zu sagen. Mit herabgezogenen Mundwinkeln stumpfsinnig vor sich hinstarrend, saß er da, in seiner unerschütterlichen Gleichgültigkeit anscheinend gegen jeden Versuch, ihn in einen Meinungsstreit zu vermitteln, gewaffnet.

Sir Patrick nahm das Zeitungsblatt, welches er aus dem Garten hereingebracht hatte, zur Hand und warf dabei wieder einen Blick nach dem Arzte hin, um zu sehen, ob derselbe ihm zuhöre. Aber dieser war noch immer ganz in die Betrachtung Geoffrey’s versenkt und beobachtete mit der gespanntesten Aufmerksamkeit etwas an demselben, was ihn ungemein zu interessiren schien. Dieser Mensch, dachte er bei sich, ist diesen Morgen hierher gekommen, nachdem er die ganze Nacht hindurch auf der Eisenbahn gefahren war; aber ich frage mich, ob eine solche Ermüdung hinreichend erklärt, was ich in seinem Gesichte lese und muß die Frage verneinen.

»Unsere kleine Discussion im Garten, liebes Kind«, nahm Sir Patrick wieder auf, indem er den fragenden Blicken Blanche’s, die sich über ihn neigte, antwortete, »knüpfte sich an einen Artikel dieses Blattes, des Mr. Delamayn’s bevorstehende Theilnahme an einem Wettlaufe in der Nähe von London ankündigt. Ich habe sehr unpopulüre Ansichten im Betreff der athletischen Schaustellungen die in diesem Augenblicke in England so sehr en vogue sind, und vielleicht habe ich diese Ansichten in der Hitze des Gefechts den Herren gegenüber, welche mir, unzweifelhaft in aufrichtiger Ueberzeugung, entgegengetreten, etwas zu scharf ausgesprochen.«

Nummer Eins,Zwei, Drei ließen ein leises Grunzen der Abwehr als Erwiderung auf das kleine Contpliment, das Sir Patrick ihnen gemacht, vernehmen. »Wie steht es denn damit, daß Rudern und Wettlaufen zu Schuldgefängniß und Galgen führten? Denn daß Sie das behauptet haben, Sir Patrick, können Sie doch nicht leugnen.«

Die beiden Choristen sahen einander an und gaben ihre Zustimmung zu erkennen. —— »So war« es doch, Smith, nicht wahr?« —— »Gewiß, Jones, so war es.«

Die beiden Einzigen unter den Anwesenden, die noch immer keine Meinung äußerten, waren Geoffrey und der Arzt. Jener saß noch immer in stumpfer Gleichgültigkeit sowohl gegen die Angriffe wie gegen die Vertheidigung da. Dieser stand noch immer in seine psychologische Untersuchung vertieft und verfolgte dieselbe in dem Bewußtsein, endlich auf richtiger Fährte zu sein, mit steigendem Interesse.

»Hier ist Rechtfertigung«, fuhr Sir Patrick so höflich wie immer fort. »Vergessen Sie nicht, daß Sie einer Nation angehören, welche eine besondere Ehre darin setzt, in allen Dingen mit unparteiischer Gerechtigkeit auch gegen den Gegner zu verfahren. Rufen Sie sich gefälligst ins Gedächtniß zurück, was ich im Garten gesagt habe; ich ging von einem Zugeständniß aus; ich fing damit an, zuzugebem wie Jedermann bei gesundem Menschenverstand es zugeben muß, daß in den meisten Fällen ein Mann um so geschickter zu geistiger Thätigkeit sein wird, je mehr er in verständiger Weise die Entwickelung seiner körperlichen Kräfte mit der Thätigkeit seines Geistes zu verbinden weiß; streitig ist nur die nach dem richtigen Verhältniß beider Thätigkeiten, und was ich unserer Zeit vorwerfe ist, daß sie für dass richtige Verhältniß eben keinen Sinn hat. Die öffentliche Meinung in England scheint mir auf dem Wege, die Entwicklung der Muskelkraft der Ausbildung des Geistes nicht gleich zu achten, sondern sich praktisch, wenn nicht theoretisch, zu der absurden Uebertreibung zu versteigen, daß sie körperliche Uebungen als das Wichtigste und Ausbildung des Geistes als das weniger Wichtige betrachtet. Nehmen wir einen bestimmten Fall an. Ich finde in der Nation keinen Enthusiasmus, der an Intensität und Allgemeinheit, entfernt dem durch Ihre Universitäts-Wettruder-Kämpfe angeregten gleichkäme und weiter, ich finde, daß Ihre athletische Erziehung zu einem Gegenstande öffentlicher Feste in Schulen und Collegien gemacht wird; und nun frage ich jeden unbefangenen, was den öffentlichen Enthusiasmus am meisten anregt und was den hervorragendsten Platz in den öffentlichen Blättern einnimmt: Die in den Schulen an Prämientagen stattfindende Schaustellung dessen, was die Schüler mit ihrem Geiste vermögen, oder die an Wetttagen stattfindende Schaustellung dessen, was die Schüler mit ihrem Körper zu leisten im Stande sind? Sie wissen sehr gut, welche die öffentlichen Blätter am meisten beschäftigt und welche als natürliche Consequenz dem Helden des Tages die höchsten gesellschaftlichen Ehren einbringt.«

Nummer Eins, Zwei, Drei ließen abermals ein Gemurmel vernehmen. »Dagegen haben wir nichts einzuwenden, Sir Patrick, soweit sollen Sie Recht behalten!« Smith und Jones gaben abermals ihr Einverständnis; mit diesem Ausspruch zu erkennen. »Sehr gut«, fuhr Sir Patrick fort, »in Betreff der Richtung der öffentlichen Meinung sind wir Alle einer Ansicht. Wenn Sie nun behaupten, daß diese Richtung Ermuthigung verdient, so bitte ich Sie, mir die Vorteile aufzuweisen, die aus derselben für die Nation erwachsen sind. Wo ist der Einfluß dieses modernen Aufbruches der männlichen Begeisterung auf die ernsten Angelegenheiten des Lebens, und in welcher Beziehung hat er aus den Charakter des Volkes im Allgemeinen günstig gewirkt? Sind wir mehr bereit, unsere eigenen kleinen Privatinteressen dem öffentlichen Wohle zu opfern, als es unsere Vorfahren waren? Behandeln wir die ernsten socialen Fragen unserer Zeit in einer redlicheren und entschiedeneren Weise? Haben sich unsere sittlichen Begriffe von dem, was im Handel und Wandel zulässig oder nicht zulässig ist, geläutert? Herrscht in den öffentlichen Belustigungen welche überall und in allen Ländern ein getreues Abbild des öffentlichen Geschmackes sind, ein besserer und feinerer Ton? Geben Sie mir auf diese Fragen unter Beibringung überzeugender Beweise bejahende Antworten und ich will zugeben, daß der gegenwärtig herrschende Fanatismus für athletische Spiele etwas Besseres ist, als eine neue Form unserer alten insularen Prahlsucht und Barbarei!«

»Die Frage, Die Frage!« riefen Nummer Eins, Zwei, Drei wie aus einem Munde und wiederholten Smith und Jones als Echo.

»Da ist ja eben die Frage«, erwiderte Sir Patrick.

»Sie geben die Richtung der öffentlichen Meinung zu und ich frage Sie, was bewirkt diese Richtnng?«

»Was schadet sie?« riefen Nummer Eins, Zwei, Drei. »Hört, hört!« fügten Smith und Jones hinzu.

»Diese Gegenfrage muß ich mir gefallen lassen«, erwiderte Sir Patrick; »auf dieses neue Gebiet muß ich Ihnen schon folgen. Ich will Ihre Frage nicht damit beantworten, daß ich auf die Rohheit, die sieh mehr und mehr in unseren nationalen Sitten einbürgert und auf die Verschlechterung des Geschmackes hinweise, die sich, wie ich sehe, über immer weitere Kreise verbreitet. Sie könnten mir mit vollkommenem Recht erwidern, daß ich zu alt bin, um Sitten und Neigungen, die einer andern Zeit angehören, richtig zu beurtheilen. Wir wollen die Entscheidung über die jetzt zwischen uns obschwebende Streitfrage auf rein theoretischem Wege zu finden suchen. Ich behaupte, daß ein Zustand der Dinge, bei welchem die herrschenden Anschauungen dazu führen, die Entwickelung der Körperkraft praktisch über geistige und moralische Ausbildung zu setzen, ein positiv schlechter und gefährlicher ist, weil er das angeborene Widerstreben des Menschen, sich den Forderungen, welche sittliche und geistige Ausbildung nothwendig an ihn stellen, zu widersetzen ermuthigt. Was thut ein Knabe am liebsten? Versucht er lieber wie hoch er springen oder wieviel er lernen kann? Mit welcher Art von Uebungen beschäftigen sich junge Leute am liebsten? Mit der Uebung im Handhaben eines Ruders oder mit der Uebung in der Befolgung der Lehren, die uns vorschreiben, Böses mit Gutem zu vergelten und unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben? Welchen von diesen beiden Versuchen, welche von diesen beiden Uebungen mußte die englische Gesellschaft am eifrigsten befördern und welcher Versuch und welche Uebung befördert sie in der That am eifrigsten?«

Nummer Eins, Zwei, Drei fragten: »Was haben Sie eben selbst gesagt?« —— Sehr gut bemerkt«, riefen Smith und Jones.

»Ich« habe gesagt«, gab Sir Patrick zu, »daß ein Mann nur um so geschickter sein werde, sich mit geistigen Dingen zu beschäftigen, je mehr er seine Körperkräfte entwickelt habe und ich sage das noch einmal, vorausgesetzt, daß die Entwickelung der Körperkraft in gehörigen Schranken bleibt. Aber wenn die herrschenden Anschauungen dazu führen, die Entwickelung der Körperkraft geradezu über die Ausbildung des Geistes zu setzen, so behaupte ich, daß sich diese Anschauungen zu einem gefährlichen Extrem versteigen. Dann wird die Körperkraft den ersten Platz in den Gedanken der jungen« Leute einnehmen, Ihr Interesse am meisten fesseln, den Löwenantheil ihrer Zeit in Anspruch nehmen und auf diese Weise, abgesehen von den wenigen rein exceptionellen Fällen, langsam und sicher dahin führen, die jungen Leute für alle guten, sittlichen und geistigen Zwecke unempfänglich, und zu ungebildeten, vielleicht gar gefährlichen Menschen zu machen.«

»Also darauf will er hinaus«, riefen die Gegner einstimmig. »Ein Mensch, der ein Leben im Freien führt und sich der ihm von Gott verliehenen Kräfte bedient, ist ein gefährlicher Mensch! Hat man je so etwas gehört!« Die beiden lebenden Echos variierten die Frage etwas und fügten hinzu: »Nein, noch nie hat man so etwas gehört!«

»Lassen Sie doch diese nichtssagenden Redensarten bei Seite, meine Herren!« antwortete Sir Patrick. »Der Bauer führt ein Leben im Freien und bedient sich der Kräfte, die Gott ihm verliehen hat, der Matrose auf der Handelsmarine thut dasselbe, beides sind besonders ungebildete Classen der Gesellschaft, und nun betrachten Sie die Folgen, sehen Sie sich die Tabellen der Criminal-Statistik an und Sie werden die abscheulichsten Verbrechen nicht in den Städten begangen finden, wo durchschnittlich der Mensch kein Leben im Freien führt, sich in der Regel seiner physischen Kraft nicht in ihrem vollen Umfange bedient und in der Regel leidlich gebildet ist, nicht in den Stadien, sondern in den Ackerbaudistricten. Was aber das Wesen des englischen Matrosen anlangt, wie er ist, wenn ihn nicht die königliche Marine einfängt und bändigt —— so fragen Sie doch Herrn Brinkworth, der in der Handelsmarine gedient hat, welchen Beleg für den Einfluß eines Lebens im Freien und einer vorwiegenden Entwickelung der Muskelkräfte der englische Matrose liefert.«

»In neun Fällen unter zehn«, bemerkte Arnold zustimmend, »ist er der faulste und lasterhafteste Schurke auf Gottes Erdboden.«

Die Gegner erhoben einen neuen Einwand. »Sind wir Bauern? Sind wir Matrosen in der Handelsmarine?« Die lebendigen Echos lächelten schlau zustimmend Smith, bin ich ein Bauer?« »Jones, bin ich ein Matrose?«

»Bitte, lassen Sie uns nicht persönlich werden, meine Herren!« sagte Sir Patrick, »ich rede ganz im Allgemeinen und ich kann extremen Einwendungen nur dadurch begegnen, daß ich meine Argumente bis in ihre letzten Consequenzen verfolge. Der Bauer und der Matrose haben jetzt für mich ihren Zweck erfüllt. Wenn der Bauer und der Matrose Sie beleidigen, so lassen Sie sie doch in Gottes Namen bei Seite. Aber meine eben aufgestellte Behauptung halte ich aufrecht. Ein Mann kann von guter Familie, in guten Verhältnissen, gut gekleidet und gut genährt sein, aber wenn er ungebildet ist, so ist er aller dieser socialen Vorteile ungeachtet, bei seinem Mangel an Bildung, ein zum Bösen besonders geneigter Mensch. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich bin weit entfernt zu behaupten, daß die gegenwärtig herrschende Leidenschaft für ausschließlich körperliche Ausbildung unvermeidlich zur tiefsten Verderbniß führen muß. Zum Glück für die Gesellschaft, ist mehr oder weniger alle Schlechtigkeit der Individuen, vor Allein das Resultat einer besonderen Versuchung. Die überwiegende Mehrzahl aller Menschen geht, Gott sei Dank! durch’s Leben ohne anderen, als den gewöhnlichen Versuchungen ausgesetzt zu sein. Tausende der jungen Männer, die sich der Lieblingsbeschäftigung unserer Zeit hingeben, gehen durch’s Leben, ohne schlimmere Folgen für sich davonzutragen, als einen Ton, ein rohes Benehmen und eine beklagenswerte Unempfänglichkeit für die, höheren und milderen Gefühle, welche das Leben gebildeter Menschen reinigen und erfreuen. Nehmen, Sie aber den andern Fall, der Jedem von uns begegnen kann, den Fall einer besonderen Versuchung, die an einen jungen Mann unserer gesellschaftlichen Stellung herantritt, und lassen Sie, mich Mr. Delamayn bitten, dem, was, ich jetzt zu sagen habe, ein geneigtes Ohr zu leihen, weil es eben das ist, was ich wirklich ursprünglich ausgesprochen habe und was wesentlich von dem verschieden ist, womit er einverstanden zu sein sich das Ansehen giebt und was ich in der That nie behauptet habe.«

Geoffrey schien nicht geneigt, sich aus seiner gleichgültigen Haltung aufscheuchen zu lassen. »Fahren Sie fort«, sagte er und blieb mit seinen starren, ausdruckslosen Augen unbeweglich dasitzen.

»Nehmen wir also den Fall, von dem ich eben rede«, fuhr Sir Patrick fort, »den Fall eines jungen Mannes unserer Zeit, der sieh aller Vorteile einer körperlichen Ausbildung erfreut. Nehmen wir an, daß an einen solchen jungen Mann eine Versuchung herantritt, welche es ihm nahe legt, in seinem eigenen Interesse die wilden Instincte welche in jeder Menschenbrust schlummern, die Instincte der Selbsthülfe und der Grausamkeit, welche allen Verbrechen zu Grunde liegen, zur Anwendung zu bringen. Nehmen wir weiter an, daß dieser junge Mann einer anderen Person, die ihm nichts zu Leide gethan hat, in einem Verhältniß gegenüber steht, welches ihn vor die Alternative stellt, entweder diese andere Person oder seine eigenen Wünsche und Interessen zu opfern. Nehmen wir an, daß das Glück und das Leben seines Nebenmenschen ihm bei Erreichung seiner Wünsche im Wege steht, daß er das Glück und das Leben dieses Menschen vernichten kann, ohne sich einer erkennbaren Gefahr auszusetzen. Was kann ihn bei der Erziehung, die ihm zu Theil geworden ist, abhalten, unter gänzlicher Nichtachtung seines Nebenmenschen gerade auf sein Ziel loszugehen? Glauben Sie, daß die Geschicklichkeit im Rudern, die Schnelligkeit im Wettlaufen, die bewunderungswürdige Ausdauer in anderen körperlichen Uebungen, welche er sich durch anhaltende Pflege seiner Körperkräfte unter Ausschluß der Ausbildung seines Geistes angeeignet hat, glauben Sie, daß diese körperlichen Fähigkeiten ihm dazu nützen werden, einen rein sittlichen Sieg über seine Selbstsucht und Grausamkeit davon zu tragen? Sie werden nicht einmal hinreichen, ihn erkennen zu lassen, daß er aus Selbstsucht und Grausamkeit handelt. Das leitende Princip bei seinen Ruder- und Wettkämpfen besteht gerade darin, sich jedes Vorteils über seinen Nebenmenschen zu bedienen, den er mit seiner überlegenen Kraft und überlegenen List erringen kann. In seiner Erziehung hat nichts gelegen, was seine barbarische Herzenshärte hätte mildern und die barbarische Finsterniß seines Geistes hätte klären können. Wenn die Versuchung an einen solchen Menschen herantritt, so findet sie ihn wehrlos, gleichviel wer er ist und wie hoch er zufällig auf der socialen Stufenleiter steht; er ist in jeder sittlichen Beziehung ein Thier und weiter nichts. Wenn mein Glück ihm im Wege steht, so wird er, wenn er es ungestraft zu thun hoffen kann, dieses Glück mit Füßen treten und wenn ihm demnächst mein Leben im Wege ist, so wird er, wenn er es ungestraft thun kann, auch dieses vernichten, und zwar wird er das, mein werther Mr. Delamayn, nicht thun als ein Opfer eines unabwendbaren Verhängnisses oder eines blinden Zufalles, sondern als ein Mann, der erntet, was er gesäet hat. Das, Mr. Delamayn, ist der Fall, den ich als einen äußersten im Beginn der Discussion aufgestellt habe. Nur als einen solchen äußersten aber zugleich vollkommen möglichen Fall stelle ich ihn jetzt abermals auf!«

Noch ehe die Gegner ihre Lippen zu einer Antwort öffnen konnten, raffte Geoffrey sich plötzlich aus seiner Lethargie empor und sprang auf. »Schweigt!« rief er mit wilder Ungeduld das Wort an sich reißend, mit geballter Faust und drohender Geberde den Andern zu. »Wer ist«, sagte er dann zu Sir Patrick gewandt, mit einem Blick, als ob dieser ihn persönlich beleidigt hätte, »wer ist dieser anonyme Jemand, der ohne Mitleid und Scheu sein Ziel verfolgt? Geben Sie diesem Jemand einen Namen!«

»Ich habe nur ein Beispiel aufgestellt«, antwortete Sir Patrick. »Ich habe keinen bestimmten Menschen angreifen wollen!«

»Was haben Sie für ein Recht«, rief Geoffrey, der in der leidenschaftlichen Erbitterung, die sich seiner plötzlich bemächtigt hatte, ganz vergaß, wie sehr es in seinem Interesse lag, sich vor Sir Patrick zu beherrschen, »was für ein Recht haben Sie für Ihr Beispiel einen Ruderer zu wählen, der ein infamer Schurke ist, da doch eben so wahrscheinlich ein Ruderer ein guter Kerl sein kann! Wie? Und ein besserer Kerl, wenn es daraus ankommt, als je in Ihren Schuhen gestanden hat?«

»Wenn der eine Fall ganz so möglich ist wie der andere, was ich bereitwillig zugebe«, erwiderte Sir Patrick, »so habe ich doch sicherlich das Recht, mir zur Erläuterung meiner Behauptung den Fall auszusuchen, der mir zur Unterstützung derselben am Besten dient. Einen Augenblick, Mr. Delamayn, ich habe noch ein letztes Wort zu sagen. —— Ich habe nicht, wie Sie behaupten, das Beispiel eines mit besonders schlechten Anlagen ausgestatteten, sondern eines gewöhnlichen Menschen angenommmen, der die Durchschnittsanlage zu schlechten und gefährlichen Eigenschaften hat, die nun einmal das Erbtheil der ungebildeten Menschen sind, wie Ihre Religion sie lehrt und wie Sie sich jeden Augenblick zeugen können, wenn Sie irgendwo einen Blick auf Ihre ununterrichteten Nebenmenschen werfen wollen. Ich nehme an, daß diesem Durchschnittsmenschen eine ungewöhnliche Versuchung entgegentritt und ich zeige, so gut es vermag, wie völlig die moralische und geistige Vernachlässigung seiner selbst, welche die gegenwärtig in England herrschende materielle Tendenz so sehr befördert, ihn allen schlimmsten Instincten seiner Natur widerstandslos preis giebt und wie sicher er unter diesen Umständen, ungeachtet seiner socialen Stellung, Schritt für Schritt von der Unwissenheit bis zum Verbrechen fortschreiten muß, wie der elendeste Strolch auf der Straße der an ihn herantretenden Versuchung unterliegt. Wenn Sie mir das Recht bestreiten, ein solches Beispiel zur Illustration meiner Ansicht zu wählen, so müssen Sie entweder leugnen, daß eine Versuchung zur Schlechtigkeit einem Manne in einer guten socialen Stellung nahe treten kann, oder Sie müssen behaupten, daß nur Leute, die von Natur über jede Versuchung erhaben sind, sich athletischen Uebungen hingeben können; das ist meine Vertheidigung. —— Bei der Aufstellung meines Falles hat mich meine aufrichtige Hochachtung für sittliche Reinheit und Bildung und meine aufrichtige Bewunderung für diejenigen jungen Leute unter uns geleitet, welche der ansteckenden Wirkung der um sie her herrschenden Barbarei Widerstand leisten. Auf ihrer Zukunft ruhet die Hoffnung für die Zukunft Englands. Ich bin zu Ende!«

Geoffrey, der eben im Begriff war, eine heftige persönliche Antwort zu geben, fand sich seinerseits durch eine andere Person daran verhindert, die gerade in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte und fest entschlossen war, es zu sagen.



Kapiteltrenner


Zwanzigstes Kapitel - Berührt

Seit einigen Minuten hatte der Arzt sein unausgesetztes Studium von Geoffrey’s Physiognomie eingestellt und hatte der Discussion mit dem Ausdruck eines Menschen, der mit einer sich selbst auferlegten Aufgabe zu Ende gekommen ist, mit voller Aufmerksamkeit zugehört. Eben als Sir Patrick seine letzten Worte gesprochen hatte, kam er Geoffrey so rasch und so geschickt mit einer Bemerkung zuvor, daß dieser selbst ganz überrascht war. »Es fehlt noch etwas!« fing er an, »um Sir Patricks Behauptung erschöpfend zu machen. Ich glaube, ich kann das Fehlende aus meinen eigenen Berufserfahrungen ergänzen. Bevor ich fortsahre, möchte ich mir erlauben an Mr. Delamayn die Bitte zu richten, sich etwas zu beherrschen!«

»Wollen Sie auch einen verzweifelten Angriff auf mich machen?« fragte Geoffrey.

»Ich wollte Ihnen nur empfehlen ruhig zu bleiben, weiter nichts. Es giebt Leute, die sich einer leidenschaftlichen Aufregung ohne Gefahr überlassen können. Zu diesen Leuten gehören Sie aber nicht!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich halte den Zustand Ihrer Gesundheit nicht für so ganz befriedigend, wie Sie selbst vielleicht zu glauben geneigt sind, Herr Delamayn!«

Geoffrey wandte sich gegen seine Bewunderer und Anhänger mit einem schallenden, Hohngelächter, das bei diesen ein lautes Echo fand. Blanche und Arnold blickten einander verwundert an; selbst Sir Patrick sah aus, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. Da stand der moderne Herkules, der sich allen auf ihn gerichteten Blicken gegenüber völlig gewachsen fühlte, und da stand ihm gegenüber ein kleiner Mann, den er mit einem Faustschlag hätte zu Boden werfen können, und sagte ihm im vollkommenen Ernst, daß er nicht ganz gesund sei. »Sie sind ein wunderlicher Mensch«, sagte Geoffrey, halb scherzend halb erzürnt, »was fehlt mir?«

»Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine, wie ich glaube, nothwendige Warnung zu ertheilen«, erwiderte der Arzt, »ich habe aber nicht die Absicht, Ihnen zu sagen, was Ihnen fehlt. Das ist eine Frage, die sich später finden kann; inzwischen möchte ich; mich der Richtigkeit des Eindrucks den Ihr Erscheinen auf mich macht, vergewissern. Haben Sie etwas dagegen mir eine Frage zu, beantworten, die Sie zwar betrifft, aber nicht besonders wichtig für Sie sein kann?«

Stellen Sie erst die Frage!«

»Ich habe, während Sir Patrick sprach, etwas in Ihrem Benehmen, beobachtet. Sie waren ebenso lebhaft dabei interessirt, seinen Ansichten zu opponiren, wie einer der Herren; ich; verstehe nicht, warum Sie schweigend dagesessen und es den Anderen überlassen haben, Ihre Sache zu vertreten, bis Sir Patrick etwas sagte, was Sie zu reizen schien. Hatten Sie bis zu diesem, Augenblick keine Antwort bereit?«

»Ich hatte so gute, Antworten bereit, als irgend eine, die heute hier gegeben, worden ist.«

»Und doch. gaben Sie sie, nicht?«

»Nein!«

»Vielleicht fanden, Sie, obgleich Sie von der Güte Ihrer Einwendungen überzeugt waren, daß es kaum der Mühe werth sei, denselben Worte zu geben. Kurz, Sie zogen es vor, Ihre Freunde für sich antworten zu lassen.«

Geoffrey sah seinen ärztlichen Rathgeber plötzlich mit einem Ausdruck von Neugierde und Mißtrauen an. Hören Sie!« sagte er, »wie kommen Sie dazu, zu wissen, was in mir vorgeht, ohne daß ich Ihnen etwas davon gesagt habe!«

»Es gehört zu meinem Beruf herauszufinden, was im Körper der Leute vorgeht und zu diesem Zweck ist es bisweilen nothwendig für mich, herauszufinden, was in derem Geiste vorgeht. Wenn ich richtig ausgelegt habe, was in Ihnen vorging, so habe ich keine Veranlassung weiter auf der Beantwortung meiner Frage zu bestehen, Sie haben Sie bereits beantwortet. —— Die Frage«, fuhr er dann zu Sir Patrick gewandt fort, »bietet eine Seite dar, die Sie bis jetzt noch nicht berührt haben. Es giebt einen, physischen Gründen entnommenen Einwand gegen die herrschende Leidenschaft für Muskelübungen aller Art, der ganz so schwer wiegt, wie Ihre moralischen Einwände. Sie haben die Folgen bezeichnet, welche daraus für den Geist erwachsen können. Ich kann die Folgen bezeichnen, die daraus unzweifelhaft für den Körper erwachsen.«

»Aus eigener Erfahrung?«

»Allerdings! Ich kann Sie als Arzt versichern, daß ein keineswegs kleiner Theil der jungen Leute, die es sich zur Aufgabe machen, ihre körperliche Kraft und Ausdauer durch gewaltsame athletische Exercitien auf die äußerste Probe zu stellen, dies unter ernster und dauernder Beschädigung ihrer Gesundheit thut. Das Publikum, welches dem Wettrudern, Wettlaufen und ähnlichen Schaustellungen beiwohnt, sieht nichts als die erfolgreichen Resultate der Muskelübung, aber Vater und Mutter sehen nachher zu Hause die üblen Folgen. Es giebt mehr als eine unglückliche Familie in England, Sir Patrick, in der sich junge Leute befinden, welche es dem gewaltsamen Aufgebot ihrer Körperkräfte zum Zweck einer populären Schaustellung zu verdanken haben, daß sie für den Rest ihrer Tage kränkliche und gebrochene Menschen sind.«

»Haben Sie das gehört?« fragte Sir Patrick Geoffrey.

Geoffrey nickte gleichgültig mit dem Kopf. Seine Aufregung hatte sich wieder gelegt, er war wieder in die frühere stumpfe Apathie versunken. Er hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt und starrte, die Beine ausgestreckt, das Muster auf dem Teppich an. Was geht das mich an, war die Antwort, die sein ganzes Wesen auszusprechen schien.

Der Arzt fuhr fort: »Ich sehe keine Abhülfe gegen diesen traurigen Zustand der Dinge, so lange die öffentliche Meinung in ihrer gegenwärtigen Richtung verharrt. Ein schöner, gesund aussehender junger Mann mit entwickelter Muskelkraft hat ein sehr natürliches Verlangen, es den Anderen gleich zu thun. Die für das Einüben solcher junger Leute maßgebenden Autoritäten auf der Universität oder anderswo bemächtigen sich seiner, wiederum sehr begreiflicher Weise, auf Grund seiner äußeren Erscheinung. Und ob sie Recht oder Unrecht gethan haben ihn zu wählen, zeigt sieh erst, wenn das Experiment gemacht und der oft unheilbare Schaden angerichtet ist. Wie viele von ihnen wissen etwas von der wichtigen physiologischen Wahrheit, daß die Muskelkraft eines Menschen durchaus keine Garantie für seine Lebenskraft bietet. Wie viele von ihnen wisseu, daß wir Alle nach dem Ausspruch eines großen französischen Gelehrten zwei Leben in uns tragen, das äußere auf der Oberfläche erscheinende Leben der Muskeln und das innere. Leben des Herzens, der Lungen und des Gehirns. Selbst wenn sie es wüßten, selbst wenn sie Aerzte zu Rathe zögert, würde es doch in den meisten Fällen im höchsten Grade zweifelhaft sein, ob irgend eine vorgängige Untersuchung zu irgend einem sicheren Resultate in Betreff der Fähigkeit eines Menschen die ihm zugemuthete Anstrengung seiner Muskeln zu ertragen, führen könne. Wenden Sie sich an irgend einen meiner Collegen und er wird Ihnen als Ergebniß seiner Beobachtungen bestätigen, daß ich in keiner Weise das vorhandene Uebel oder die beklagenswerthen und gefährlichen Folgen, zu decken dasselbe führt, übertreibe. Ich habe in diesem Augenblick einen Patienten, einen jungen Mann von zwanzig Jahren, der den schönsten Muskelbau hat, den ich je gesehen habe. Wenn dieser Mann mich consultirt hätte, bevor er das Beispiel der ihn umgebenden jungen Leute befolgte, so kann ich ehrlicher Weise nicht behaupten, daß ich das Resultat vorausgesehen haben würde. Dieses Resultat aber ist, daß er nach einer längeren Uebung seiner Muskelkräfte und nach Ablegung verschiedener Proben der erlangten Fertigkeit, eines Tages plötzlich zum Erstaunen seiner Familie und seiner Freunde ohnmächtig wurde. Ich wurde gerufen und habe den Fall seitdem genau beobachtet. Er wird wahrscheinlich am Leben bleiben, aber niemals ganz wieder hergestellt werden. Ich bin bei diesem jungen Menschen von zwanzig Jahren genöthigt ein Regime vorzuschreiben, das ich sonst nur bei einem achtzigjährigen Greise anwenden würde. Er ist stark und muskulös genug, um einem Maler als Modell zu einen Simson zu dienen, und doch habe ich es noch vor wenigen Tagen mit angesehen, wie er gleich einem schwachen Mädchen seiner Mutter ohnmächtig in die Arme sank.«

»Nennen Sie ihn!« riefen Geoffrey’s Bewunderer, die, obgleich Geoffrey sie keines ermunternden Wortes würdigte, den Kampf noch nicht aufgeben wollten.

»Ich habe nicht die Gewohnheit, meine Patienten zu nennen«, erwiderte der Arzt; »aber wenn Sie darauf bestehen, daß ich Ihnen einen Menschen zeigen soll, der sich durch athletische Uebungen ruinirt hat, so will ich es thun.«

»Thun Sie es, wer ist es?«

»Sie kennen ihn Alle sehr gut!«

»Ist er in den Händen der Aerzte?«

»Nein, noch nicht.«

»Wo ist er?«

»Hier?«

Es entstand eine Pause athemlosen Schweigens, während aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Arzt gerichtet waren, der jetzt die Hand erhob und auf Geoffrey Delamayn wies.

Sobald sich das allgemeine Staunen etwas gelegt hatte, gab sich natürlich die allgemeine Ungläubigkeit kund. Wer zuerst die Behauptung aufgestellt hat, daß sehen glauben sei, hat damit bewußt oder unbewußt einer der gründlichsten Thorheiten der Menschheit, Ausdruck gegeben. Der denkbar am leichtesten zu erbringende Beweis ist derjenige, der zu seiner Herstellung keines andern Urtheils als des durch das Auge gefällten bedarf, und aus diesem Grunde wird dieser Beweis immer und ewig derjenige sein, dem die Menschheit am Meisten zu vertrauen geneigt sein wird.

Aller Augen richteten sich aus Geoffrey und das Urtheil Aller entschied sich aus den hier erkennbaren Beweis hin, daß der Arzt Unrecht haben müsse. Lady Lundie selbst ließ sich in ihrer Beschäftigung mit den Einladungen zum Diner stören und erhob zuerst im Namen Aller Protest. »Mr. Delamayn ein kränklicher Mann?« rief sie aus, indem sie an das bessere Urtheil ihres berühmten Gastes mit den Worten appellirte; »Sie können doch nicht im Ernst verlangen, daß wir das glauben sollen!«

Durch die befremdliche Behauptung, deren Gegenstand er gewesen war, zum zweiten Mal zum Handeln aufgeregt, erhob sich Geoffrey, sah dem Arzt mit einem frechen und festen Blick in’s Auge und fragte ihn: »Glauben Sie das wirklich, was Sie gesagt haben?«

»Ja!«

»Sie weisen vor allen Leuten hier auf mich als Beispiel . . . . ——«

»Einen Augenblick, Mr. Delamayn. Ich gebe zu, daß ich vielleicht Unrecht gehabt habe, die Aufmerksamkeit auf Sie zu lenken, Sie haben ein Recht sich darüber zu beklagen, daß ich der von Ihren Freunden öffentlich an mich gerichteten Aufforderung zu öffentlich entsprochen habe. Ich bitte Sie dafür um Entschuldigung; aber von Dem, was ich in Betreff Ihrer Gesundheit gesagt habe, nehme ich nicht ein einziges Wort zurück!«

»Sie bleiben bei Ihrer Behauptung, daß meine Gesundheit erschüttert ist?«

»Jawohl!«

»Ich wollte Sie wären zwanzig Jahre jünger Herr Doctor!«

»Warum das?«

»Dann würde ich Sie auffordern, mit mir auf den Rasen hinauszugehen und ich wollte Ihnen zeigen, ob ich ein kranker Mann bin oder nicht!«

Lady Lundie sah ihren Schwager an. Sir Patrick legte sich sofort in? Mittel. »Mr. Delamayn,« sagte er, »Sie sind als ein Gentleman hierher eingeladen und befinden sich als Gast in dem Hause einer Dame!«

»O, nicht doch, nicht doch!« bemerkte der Arzt begütigend. »Mr. Delamayn bedient sich starker Argumente, das ist Alles. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre,« fuhr er fort, indem er sich an Geoffrey wandte, »und wenn ich mit Ihnen auf den Rasen hinausträte, so würde das Ergebniß unseres Rencontre, die zwischen uns streitige Frage, einer Entscheidung um nichts näher bringen. Ich habe nicht behauptet, daß die gewaltsamen Körperübungen, in denen Sie excelliren, Ihre Muskelkaft beeinträchtigt, sondern daß sie Ihre Lebenskraft geschädigt haben. Worin dieser Schaden speciell besteht, Ihnen das zu sagen halte ich mich nicht für verpflichtet. Ich beschränke mich darauf, Ihnen aus rein humanen Rücksichten eine Warnung zu ertheilen. Sie werden gut thun, sich mit dem Erfolge zu begnügen, den Sie auf dem Felde athletischer Kämpfe bereits erlangt haben und Ihre Lebensart für die Zukunft zu ändern; nochmals, ich bitte um Entschuldigung, daß ich Ihnen das öffentlich, statt privatim erklärt habe, und lassen Sie sich meine Warnung gesagt sein« Er schickte sich an, nach dem andern Ende des Zimmers zu gehen, aber Geoffrey zwang ihn, wieder auf den Gegenstand zurückzukommen.

»Warten Sie einen Augenblicks« sagte er; Sie haben gesprochen, jetzt ist die Reihe an mir. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken wie Sie, aber ich kann sagen, worauf es ankommt, und bei Gott im Himmel, das sollen Sie anhören. In zehn oder vierzehn Tagen werde ich anfangen, mich für den Wettlauf in Fulham vorbereiten zu lassen. Wollen Sie behaupten, daß ich mich dabei ruiniren werde?«

»Sie werden die Vorbereitung vermuthlich glücklich überstehen.«

»Und den Wettlauf?«

»Möglicher Weise auch den Wettlauf; aber wenn Sie auch dabei glücklich durchkommen ——«

»Nun! Wenn ich durchkomme?«

»So werden Sie doch nicht wieder an solchem Wettlauf Theil nehmen können«

»Und auch nicht wieder an einem Wettrudern?«

»Niemals!«

»Ich bin aufgefordert, nächstes Frühjahr an einem Wettrudern Theil zu nehmen und habe zugesagt. Erklären Sie mir bestimmt, daß ich dazu nicht im Stande sein werde?«

»Ja, ganz bestimmt!«

»Ganz positiv?«

»Ganz positiv!«

»Geben Sie Ihrer Behauptung Nachdruck!« rief Geoffrey, indem er sein Wettbuch aus der Tasche zog; »ich biete Ihnen die Wette an, daß ich vollkommen im Stande sein werde, nächstes Frühjahr an dem Universitäts-Wettfahren Theil zu nehmen.«

»Ich wette nicht, Mr. Delamayn!«

Mit seinem letzten Worte wandte sich der Arzt ab und ging nach dem anderen Ende der Bibliothek Lady Lundie nahm Blanche unter ihre Flügel und zog sich zurück, um sich der ernsten Beschäftigung mit ihren Einladungen zum Diner wieder hinzugeben. Geoffrey wandte sich mit herausfordernder Miene, sein Wettbuch in der Hand, an seine Universitätsfreunde Das britische Blut war in Aufruhr versetzt und mit der britischen Leidenschaft für das Wetten, welche von einem Ende des Landes bis zum andern die gute Sitte und das gute Recht erfolgreich mit Füßen tritt, war nicht zu spaßen.

»Hört einmal, Einer von Euch muß auf die Behauptung des Doctors mit mir wetten!«

Sir Patrick erhob sich mit unverhohlenem Widerwillen und folgte dem Arzt.

Nummer Eins, Zwei, Drei schüttelten, von ihrem ausgezeichneten Freunde zur Uebernahme dieses Geschäfts aufgefordert, mit verständnißinnigem Ausdruck ihre dicken Köpfe und antworteten wie aus einem Munde mit dem einen beredten Worte: »Unsinn!«

»Einer von Euch muß für ihn wetten,« beharrte Geoffrey, dessen Aufregung sich fieberhaft zu steigern begann, indem er sich an die beiden im Hintergrunde stehenden Choristen wandte.

Die beiden Choristen tauschten wie gewöhnlich ihre Gedanken aus. »Wir sind doch nicht von gestern, Smith?« — »Nicht daß ich wüßte, Jones.«

»Smith!« sagte Geoffrey mit einer plötzlichen Anwandlung von Höflichkeit, die nichts Gutes zu verkünden schien.

»Ich?« fragte Smith lächelnd.

»Jones!«

»Ich?« wiederholte dieser mit einem ähnlichen Lächeln.

»Ihr seid ein Paar verfluchte Lumpen, die nicht einmal über hundert Pfund verfügen können.«

»Komm, komm! Geoffrey,« sagte Arnold, der sich zum ersten Mal in die Sache mischte, »das ist unwürdig!«

»Warum wollen die . . . . Kerle die Wette nicht annehmen?«

»Wenn Du durchaus ein Narr sein mußt,« erwiderte Arnold seinerseits etwas gereizt, »und wenn nichts anderes Dich zur Ruhe bringen kann, so will ich die Wette übernehmen!«

»Du wettest also runde hundert Pfund auf die Behauptung des Doctors? Gut!«

Geoffrey war endlich zufrieden, seine Aufregung legte sich wieder, er trug die Wette in sein Buch ein und entschuldigte sich bei Smith und Jones in der herzlichsten Weise. »Nichts für ungut, alte Jungen, gebt mir die Hände.«

Die beiden Choristen waren entzückt. »Das ist echt englischer Adel, was, Smith?« —- »Race und Zucht, was, Jones?«

Kaum hatte Arnold sich zu der Wette erboten, als er Gewissensbisse fühlte, nicht weil er gewettet hatte, —— wer sollte sich in England dieser Art des Hazardspiels schämen? sondern weil er auf die Behauptung des Doctors gewettet hatte. In der besten Absicht für seinen Freund speculirte er doch durch seine Wette auf die schlechte Gesundheit desselben. Eifrigst versicherte er Geoffrey, daß kein im Zimmer Anwesender fester davon überzeugt sein könne, daß der Doctor Unrecht habe, als er. »Ich sage dies nicht, um mich von der Wette loszumachen,« fuhr er fort, »aber ich bitte Dich, lieber Freund, sei überzeugt, daß ich die Wette nur um Deinetwillen übernommen habe!«

»Ach was,« erwiderte Geoffrey in dem ruhig geschäftlichen Tone, über welchen jeden Augenblick gebieten zu können, eine der hervorstechendsten Seiten seines Characters war. »Eine Wette ist eine Wette, hole der Henker Deine sentimentalen Redensarten!« Damit zog er Arnold am Arm bei Seite, so daß die Anderen ihr Gespräch nicht mehr hören konnten. »Höre mal,« sagte er in besorgtem Tone, »glaubst Du, daß ich den alten Fuchs gereizt habe?«

»Meinst Du Sir Patrick?«

Geoffrey nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: »Ich habe ihm die Sache noch nicht vorgelegt, Du weißt ja, wegen des Heirathens in Schottland. Wie, wenn er mir nun zeigt, daß er mit mir nichts zu thun haben will, wenn ich ihn jetzt darum befrage?« Sein Blick schweifte, während er diese Frage that, schlau nach dem anderen Ende des Zimmers hinüber. Der Arzt war damit beschäftigt, ein großes illustrirtes Werk zu betrachten; die Damen waren noch von ihren Einladungskarten in Anspruch genommen. Sir Patrick saß allein vor einem Büchergestell, in die Lectüre eines Buches, das er eben heruntergenommen hatte, vertieft.

»Entschuldige Dich bei ihm,« sagte Arnold. »Sir Patrick ist vielleicht ein wenig reizbar und bitter, aber er ist im Grunde ein gerechter und gütiger Mann. Sage ihm, es sei nicht entfernt Deine Absicht gewesen, Dich einer Mißachtung gegen ihn schuldig zu machen und das wird genügen!«

»Gut.«

Sir Patrick las eben in einer alten Venetianischen Ausgabe des »Decamerone,« als er sich plötzlich aus dem mittelalterlichen Italien in das moderne England durch Niemand anders als Geoffrey Delamayn zurück versetzt fand. »Was wünschen Sie von mir?« fragte er kalt.

»Ich wünsche mich bei Ihnen zu entschuldigen, Sir Patrick,« sagte Geoffrey. —— »Lassen Sie Vergangenes vergangen sein. Es war nicht entfernt meine Absicht, mich einer Mißachtung gegen Sie schuldig zu machen. Vergehen und vergessen Sie die Sache. Das ist kein schlechtes Wort, wie, Sir Patrick?«

So plump auch die Worte herausgekommen waren, sie enthielten doch immer eine Entschuldigung. Selbst ein Mensch wie Geoffrey appellirte nicht umsonst an die Höflichkeit und die Rücksicht Sir Patrick’s.

»Bitte, reden Sie nicht weiter davon,« sagte der höfliche, alte Herr, nehmen Sie meine Entschuldigung für Alles, was ich etwa meinerseits zu Hartes gesagt habe und lassen Sie alles Uebrige vergessen sein.«

Nachdem er die Entschuldigung Geoffrey’s in dieser Weise aufgenommen hatte, hielt er in der Erwartung inne, daß Geoffrey ihn nun wieder zu seinem Decamerone werde zurückkehren lassen. Zu seinem unaussprechlichen Erstaunen aber beugte sich Geoffrey plötzlich zu ihm herab und flüsterte ihm in’s Ohr: »Ich möchte ein Wort unter vier Augen mit Ihnen reden!«

Sir Patrick fuhr zurück, als ob Geoffrey ihn hätte beißen wollen. »Ich bitte um Vergebung, Herr Delamayn, was sagen Sie?«

»Würden Sie einen Augenblick Zeit zu einem Worte unter vier Augen für mich haben?«

Sir Patrick stellte den Decamerone wieder an seinen Platz und verneigte sich in starrem Schweigen. Es reizte den alten Herrn durchaus nicht, in das Vertrauen des ehrenwerthen Geoffrey Delamayn gezogen zu werden. »Deshalb also die Entschuldigung,« dachte er bei sich. »Was in aller Welt kann dieser Mensch von mir wollen.«

»Die Sache betrifft einen meiner Freunde,« fuhr Geoffrey fort, indem er nach einem der Fenster voranging; »er ist in einer unangenehmen Lage, mein Freund, und ich möchte mir Ihren Rath für ihn erbitten, die Sache muß aber streng unter uns bleiben.« Bei diesen Worten hielt er inne und sah Sir Patrick darauf an, was er wohl für einen Eindruck aus ihn hervorgebracht haben möchte. Sir Patrick aber hütete sich wohl, durch irgend eine Aeußerung durch ein Wort oder eine Bewegung, den leisesten Wunsch, noch mehr zu hören, zu erkennen zu geben.

»Haben Sie etwas»dagegen einen Gang mit mir durch den Garten zu machen?«

Sir Patrick wies auf seinen lahmen Fuß hin. »Ich habe das mir gestattete Maaß von Bewegung diesen Morgen schon erschöpft,« sagte er, »lassen Sie mein Gebrechen mir zur Entschuldigung dienen.«

Geoffrey sah sich nach einem Ersatz für den Garten um und lenkte seine Schritte einer der behaglichen, mit Vorhängen versehenen, in die Wand eingelassenen Nischen zu. »Hier würden wir völlig ungestört sein,« sagte er.

Sir Patrick machte einen letzten und zwar dieses Mal ganz offenen Versuch, sich dieser vertraulichen Besprechung zu entziehen. »Verzeihen Sie mir, Mr. Delamayn, sind Sie fest überzeugt, daß Sie sich bei mir an die rechte Person gewandt haben?«

»Sie sind doch ein schottischer Advocat?«

»Ja, das bin ich.«

»Und Sie verstehen sich auf das schottische Eherecht, nicht wahr?«

Plötzlich trat in Sir Patrick’s Benehmen eine Veränderung ein. »Ist das der Gegenstand, über den Sie mich um Rath zu fragen wünschen?«

»Nicht ich, sondern mein Freund?«

»Also Ihr Freund?«

»Ja, es betrifft eine unangenehme Geschichte mit einem Frauenzimmer hier in Schottland. Mein Freund weiß nicht, ob er mit ihr verheirathet ist oder nicht!«

»Ich stehe Ihnen zu Diensten, Mr. Delamayn.«

Zu Geoffrey’s großer Befriedigung und nicht geringer Ueberraschung leistete Sir Patrick nicht nur keinen Widerstand mehr, sich von ihm um Rath fragen zu lassen, sondern ging sofort thatsächlich daran, seinen Wünschen zu entsprechen, indem er selbst in eine der ihm nächstgelegenen Nischen trat. Der rasch combinirende alte Advocat hatte auf der Stelle Geoffrey’s Bitte um Rath, mit der von Blanche in Verbindung gebracht und hatte aus diesem Zusammentreffen bereits seine Schlüsse gezogen. Sollte etwa ein Zusammenhang zwischen der augenblicklichen Situation von Blanche’s Gouvernante und derjenigen von Mr. Delamayn’s Freund bestehen? dachte Sir Patrick. Ich habe schon eigenthümlichere Gegensätze als diese in einem geheimen Zusammenhang stehen sehen; die Sache kann möglicherweise zu etwas führen. Die beiden wenig zu einander passenden Männer setzten sich an einen kleinen Tisch in einer der Nischen. Arnold und die übrigen Gäste waren wieder auf den Rasen hinausgegangen. Der Arzt und die Damen saßen noch immer in dem entferntesten Winkel der Bibliothek und waren, jener durch die Betrachtung des illustrirten Werkes, diese durch ihre Einladungskarten hinlänglich beschäftigt. Die Conferenz zwischen den beiden Männern, welche, scheinbar von so geringer Bedeutung, in ihrer künftigen Wirkung nicht allein auf Anne’s sondern auch auf Blanche’s und Arnold’s Schicksal so furchtbar werden sollte, war einer Conferenz bei verschlossenen Thüren gleich zuhalten.



Kapiteltrenner


Einundzwanzigstes Kapitel - Windygates

»Nun also,« fing Sir Patrick an, »um was handelt es sich?«

»Es handelt sich darum,« erwiderte Geoffrey, »ob mein Freund mit ihr verheirathet ist oder nicht?«

»War es seine Absicht, sie zu heirathen?«

»Nein!«

»Er war unverheirathet und sie war unverheirathet und beide in Schottland?«

»!Ja«

»Gut, nun erzählen Sie mir die näheren Umstände.«

Geoffrey zauderte. Die Kunst, Umstände mitzutheilen, setzt die Pflege einer sehr seltenen Gabe, der Gabe, Ideen zu ordnen, voraus. Das ist eine Wahrheit, von der Niemand mehr durchdrungen war, als Sir Patrick. Absichtlich fing er gleich damit an, Geoffrey in Verwirrung zu sehen, in der festen Ueberzeugung, daß sein Client etwas vor ihm verbergen wolle. Das einzige Mittel, das ihm unter diesen Umständen dazu verhelfen konnte, die Wahrheit heraus zu bringen, bestand im Frage-Verfahren. Wenn er aber gleich mit Fragen anfing, so konnte Geoffrey bei seiner Schlauheit dadurch beunruhigt werden. Sir Patricks Zweck war daher, Geoffrey dahin zu bringen, ihn gewissermaßen zum Fragen aufzufordern.

Eine solche indirecte Aufforderung ergab sich alsbald, als Geoffrey bei dem Versuch, die Umstände mitzutheilen, sofort in Verwirrung gerieth. Sir Patrick wartete bis Geoffrey den Faden seiner Erzählung völlig verloren hatte und fing dann das Spiel an, das ihn zum Ziele führen sollte.

»Würde es Ihnen vielleicht leichter sein, wenn ich einige Fragen an Sie richtete?« fragte er in ganz harmlosem Tone.

»Viel leichter!«

»Das werde ich mit Vergnügen thun. Erleichtern wir uns die Sache durch eine vorgängige Verständigung über einige Punkte. Dürfen Sie Namen nennen?«

»Nein!«

»Orte?«

»Nein!«

»Zeitpunkt?«

»Muß ich damit genau sein?«

»So genau Sie können.«

»Ist es genug, wenn ich sage, daß es in diesem Jahre war?«

»Ja!«

»Sind Ihr Freund und die Dame zu irgend einer Zeit dieses Jahres in Schottland zusammen gereift?«

»Nein!«

»Haben sie zusammen in Schottland gelebt?«

»Nein!«

»Was haben sie denn zusammen in Schottland gethan?«

»Sie sind in einem Gasthofe zusammengetroffen.«

»O, in einem Gasthofe zusammengetroffen. Wer war denn der erste im Gasthofe?«

»Die Dame war die erste! Warten Sie einen Augenblick —— jetzt kommen wir der Sache schon näher.« Er zog die schriftlichen Notizen über Arnold’s Erlebnisse in Craig-Fernie, welche er sich unmittelbar, nachdem ihm Arnold berichtet, gemacht hatte, aus der Tasche »Ich habe einige Notizen hier,« fuhr er fort, »vielleicht würden Sie dieselben gern einsehen!«

Sir Patrick nahm die Notizen in die Hand, las sie rasch durch und las sie dann noch einmal Satz für Satz Geoffrey vor, indem er einen jeden derselben als Text für seine ferneren Fragen benutzte. »Er fragte nach ihr als nach seiner Frau beim Eintritt,« las Sir Patrick. »Das soll wohl heißen bei dem Eintritt in den Gasthof? —— Hatte die Dame sich vorher gegen die Leute im Gasthof für eine verheirathete Frau ausgegeben?«

»Wie lange war sie im Gasthofe, bevor der Herr mit ihr dort zusammentraf?«

»Etwa eine Stunde.«

»Nannte sie ihren Namen?«

»Ich weiß es nicht genau, ich glaube aber nicht!«

»Nannte der Herr sich?«

»Nein, das weiß ich ganz gewiß.«

Sir Patrick richtete den Blick wieder auf die Notizen. »Er erklärte bei Tisch vor der Wirthin und dem Kellner, »Ich nehme diese Zimmer für meine Frau, und veranlaßte die Dame gleichzeitig zu sagen, daß er ihr Mann sei« — Geschah das von Seiten der Dame oder des Herrn vielleicht im Scherz, Mr. Delamayn?«

»Nein, es geschah im vollen Ernst.«

»Sie wollen sagen, es geschah mit der Absicht für Ernst gehalten zu werden, um so die Wirthin und den Kellner zu täuschen?«

»Ja.«

Sir Patrick sah wieder auf die Notizen: »Darauf blieb er die ganze Nacht. —— »Blieb er in den Zimmern, die er für sich und seine Frau genommen hatte?«

»Ja.«

»Und was geschah am nächsten Tage?«

Er ging fort und sagte zu seiner Entschuldigung, er habe Geschäfte.«

»Das heißt, er hielt die gegen die Leute im Gasthofe vorgenommene Täuschung aufrecht und ließ die Dame als seine Frau zurück?«

»Grade so ist es.«

»Kam er wieder zurück nach dem Gasthofe?«

»Nein!«

»Wie lange blieb die Dame noch dort, nachdem er fortgegangen war?«

»Sie blieb dort —— noch einige Tage.«

»Und Ihr Freund hat sie seitdem nicht wieder gesehen?«

»Nein!«

»Sind die Dame und Ihr Freund Engländer oder Schotten?«

»Beide Engländer!«

»War einer von ihnen in dem Augenblick, wo sie sich in dem Gasthofe trafen, seit weniger als einundzwanzig Tagen in Schottland?«

Geoffrey zauderte; in Betreff Anne’s konnte er die Frage leicht beantworten. Lady Lundie und ihr Hauspersonal hatten seit viel länger als drei Wochen vor dem Gartenfeste in Windygates gelebt! Nur in Betreff Arnold’s bedurfte die Antwort einigen Nachdenkens. Nachdem er sich der Einzelheiten der Unterhaltung, die er mit Arnold bei dem Gartenfeste gehabt, zu erinnern gesucht, fiel ihm ein Wort seines Freundes über eine Ausführung in einem Edinburgher Theater ein, welches die Zeitfrage sofort entschied. Arnold war durch Geschäfte, die mit seiner Erbschaft zusammenhingen, in Edinburgh aufgehalten worden, bevor er nach Windygates kommen konnte und war, wie Arme, unzweifelhaft drei Wochen in Schottland gewesen, ehe er im Gasthofe zu Craig-Fernie erschien. Demgemäß theilte er Sir Patrick mit, das sowohl die Dame als der Herr seit länger als einundzwanzig Tagen in Schottland gewesen seien und fügte dann seinerseits eine Frage hinzu:

»Ich will Sie gewiß nicht drängen, Sir Patrick, aber find sie bald zu Ende?«

»Ich habe Ihnen noch zwei Fragen vorzulegen und dann bin ich fertig. —— Soll ich Sie dahin verstehen, daß die Dame auf Grund der Umstände, die Sie mir mitgetheilt haben, den Anspruch erhebt, die Frau Ihres Freundes zu sein?«

Geoffrey bejahte die Frage. Das beste Mittel, Sir Patricks Ansicht zu erfahren, war in diesem Falle »ja« zu sagen, mit anderen Worten, die Sache so darzustellen, als ob Anne (die Dame, von der er sprach) den Anspruch erhebe, Arnold’s (den er als seinen Freund eingeführt hatte) Frau zu sein. Nachdem er den Umständen nach diese Concession gemacht, war er doch schlau genug, zu begreifen, daß es für seinen Zweck von der höchsten Wichtigkeit sei, sich auf diese eine Fälschung der Wahrheit zu beschränken. Offenbar konnte die Ansicht des Advokaten für ihn nur dann von Werth sein, wenn sie auf der genauesten Kenntniß der Thatsachen, wie sie sich im Gasthofe zugetragen hatten, beruhte. Und die Thatsachen hatte er bis jetzt richtig angegeben; er beschloß, dieselben, mit der einen unerläßlichen Abweichung, die ihm eben aufgedrungen war, auch bis an’s Ende richtig anzugeben.

»Wurden keine Briefe zwischen dem Herrn und der Dame gewechselt?« fuhr Sir Patrick fort.

Nicht, daß ich wüßte«, antwortete Geoffrey wieder wahrheitsgemäß.

»Ich bin zu Ende, Mr. Delamayn!«

»Nun? Und was ist Ihre Ansicht?«

»Bevor ich Ihnen meine Ansicht mittheile, finde ich mich zu einer persönlichen Bemerkung veranlaßt, die Sie gefälligst nicht mit einer juristischen Auskunft verwechseln wollen. Sie fordern mich auf, Ihnen auf Grund der Thatsachen, die Sie mir mitgetheilt haben, meine Ansicht darüber zu sagen, ob Ihr Freund nach schottischem Recht verheirathet ist oder nicht?«

Geoffrey nickte! »So ist es«, rief er eifrig.

»Nach meiner Erfahrung, Mr. Delamayn, kann in Schottland jeder unverheirathete Mann, jedes unverheirathete Frauenzimmer zu jeder Zeit und unter irgend welchen Umständen heirathen. Kurz, nach einer dreißigjährigen Praxis als Advokat weiß ich nicht zu sagen, was eigentlich in Schottland keine Heirath ist.«

Deutlich gesprochen«, sagte Geoffrey. »Ihre Ansicht ist, daß sie seine Frau ist.«

Trotz seiner Schlauheit und trotz seiner Selbstbeherrschung funkelten seine Augen bei diesen Worten, und war der Ton, in dem er sprach, obgleich zu vorsichtig gehalten, als daß er wie ein Ausruf des Triumphs hätte erscheinen können, doch für ein feines Ohr ein unzweideutiger Ton der Erlösung. Weder Blick noch Ton entgingen Sir Patrick Sein erster Gedanke, als er die Conferenz eröffnet hatte, war der naheliegende Verdacht gewesen, daß Geoffrey mit dem Freunde von dem er sprach, sich selber meine. Aber wie alle Juristen, hatte er sich gewöhnt, dem ersten Eindruck zu mißtrauen und der Zweck seines bisherigen Verfahrens war gewesen, die wahre Situation und die wahren Motive Geoffrey’s zu ermitteln. Demgemäß hatte er seine Schlingen aufgestellt und hatte seinen Vogel darinnen gefangen. Es war ihm jetzt klar, erstens, daß dieser Mann, der ihn um Rath fragte, aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich von dem Fall einer andern Person sprach. Zweitens, daß er ein dringendes Bedürfniß habe, —— welches, war für jetzt noch unmöglich zu sagen, —— sich die Ueberzeugung zu verschaffen, daß sein Freund nach schottischem Recht unbestreitbar verheirathet sei. Nachdem er soweit hinter das Geheimnis das Geoffrey vor ihm zu verbergen suchte, gekommen war, gab er die Hoffnung auf, bei dieser gegenwärtigen Conferenz noch mehr aus Geoffrey herauszubringen. Die nächste für ihn aufzuklärende Frage war, wer wohl die ungenannte Dame sein möchte und ob sie mit Anne Silvester identisch sei oder nicht. Während des unvermeidlichen Aufschubs bis zur Aufklärung dieses Punktes war der beste Weg, den Sir Patrick bei der obwaltenden Unsicherheit einschlagen konnte, der gerade Weg der Darlegung der schottischen Gesetze. Ohne Weiteres ging er auf die Sache ein, ohne seinen Clienten irgend einen für das Recht in Betracht kommenden Umstand vor zu enthalten. »Hüten Sie sich, voreilige Schlüsse zu ziehen«, sagte er, »ich habe Ihnen bis jetzt nur meine eigenen Erfahrungen mitgetheilt. Meine juristische Ansicht über den speciellen Fall Ihres Freundes habe ich Ihnen noch nicht dargelegt.«

Geoffrey’s Züge verdüsterten sich wieder. Auch dieser Wechsel seines Gesichtsausdruckes entging Sir Patrick nicht.

»Das schottische Recht ist«, fuhr er fort, »soweit es sich auf unregelmäßige Heirathen bezieht, eine schmachvolle Verhöhnung der guten Sitte und des gesunden Menschenverstandes. Wenn Sie meine Ausdrücke für zu stark halten sollten, so kann ich mich auf die Sprache einer richterlichen Autorität berufen. Lord Deas gab kürzlich in einem, eine schottische Heirath betreffenden Fall ein Erkenntniß beider Parteien zum Abschluß einer gültigen Heirath. Keine kirchliche oder civile Formalität oder Ceremonie, keine vorhergehende oder nachfolgende Bekanntmachung, keine Cohabitation, nichts Schriftliches, selbst keine Zeugen, sind zum Abschluß des wichtigsten Contractes, den zwei Menschen mit einander abschließen können, erforderlich.« —— Da haben Sie die eigene Angabe eines schottischen Richters über das Recht, das er zur Anwendung zu bringen hat. Dabei bemerke ich, daß wir die aller ausführlichsten Bestimmungen in Schottland über Contracte in Betreff des Kaufs von Häusern und Länderein, Pferden und Hunden haben. Der einzige Contract, den wir ohne jede schützende Sicherungsmaßregel lassen, ist der Contract, der einen Mann und ein Frauenzimmer auf Lebenszeit verbindet. Weder aus die Autorität der Eltern, noch auf das kindliche Alter der Verheiratheten nimmt das Gesetz die mindeste Rücksicht. Ein Mädchen von zwölf und ein Junge von vierzehn Jahren brauchen nur über die Grenze zu gehen, um mit einander verheirathet zu sein, ohne daß das Gesetz die Erfüllung irgend einer Formalität oder auch nur eine vorgängige Mittheilung an ihre Eltern von ihnen verlangte. Selbst das Einverständniß, welches, wie Sie soeben gehört haben, zur Herstellung einer gültigen Ehe genügt, bedarf keines direkten Beweises, sondern kann durch Schlußfolgerungen bewiesen werden. Ja, noch mehr. Selbst das Wenige, was das Gesetz in dieser Beziehung verlangt, wird in der Praxis ganz außer Acht gelassen und Paare werden in Schottland in Fällen als verheirathet betrachtet, wo ein Einverständniß gar nicht stattgefunden hat und wo die Betreffenden selbst keine Ahnung davon haben, daß das geltende Recht sie als verheirathet betrachtet. Sind Ihre Begriffe von dem in Betreff unregelmäßiger Heirathen in Schottland geltenden Recht jetzt hinreichend verwirrt, Herr Delamayn? Und habe ich genug gesagt, um die starken Ausdrücke zu rechtfertigen, deren ich mich im Beginn meiner Darlegung bedient habe?«

»Wer ist die juristische Autorität, deren Sie vorhin Erwähnung thaten? Könnte ich mich nicht direct an diese Autorität wenden?«

»Es könnte Ihnen begegnen, daß eine andere von Ihnen consultirte ebenso gelehrte und ebenso bedeutende Autorität ganz das Gegentheil von dem aussagte, was die vorhin von mir erwähnte Autorität behauptet«, antwortete Sir Patrick. »Ich scherze nicht, ich constatire nur Thatsachen Haben Sie von der königlichen Commission gehört?«

»Nein!«

»So lassen Sie sich Folgendes erzählen: Im März 1865 setzte die Königin eine Commission zu dem Zwecke nieder, die im vereinigten Königreiche geltenden Ehegesetze zu untersuchen. Der Bericht dieser Commission ist in London veröffentlicht worden und ist Jedermann für den Preis von zwei oder drei Schillingen zugänglich. Eines der Ergebnisse dieser Untersuchung war die Entdeckung, daß bedeutende Autoritäten völlig entgegengesetzter Ansicht über eine der Lebensfragen des schottischen Eherechts seien und die Commission fügte bei der Mittheilung dieser Thatsache hinzu, daß die Frage, welche dieser Ansichten die richtige sei, noch streitig und noch niemals zum Gegenstande einer gesetzlichen Entscheidung gemacht worden sei. Die Autoritäten sind, wie der Bericht auf jeder Seite zeigt, über jeden Punkt verschiedener Ansicht. Die Bedingungen der Gültigkeit des mächtigsten im bürgerlichen Leben vorkommenden Contracts sind in Schottland in einen dichten Nebel von Zweifel und Ungewißheit gehüllt. Wenn es keinen andern Grund gäbe, die schottischen Ehegesetze zu reformiren, so würde diese eine Thatsache ein hinreichender Grund sein. Ein unsicheres Ehegesetz ist ein nationales Unglück!«

»Aber Sie haben doch Ihre eigenen Ansichten über den Fall meines Freundes?« sagte Geoffrey, noch immer beharrlich sein Ziel im Auge haltend.«

»Ganz gewiß! Jetzt, nachdem ich Sie gebührendermaßen vor den Gefahren gewarnt habe, die mit dem Vertrauen auf die Ansichten irgend eines Einzelnen verknüpft sind, kann ich Ihnen ruhig meine eigene Ansicht sagen. Ich erkläre, daß man in diesem Fall nicht positiv behaupten kann, daß eine Heirath stattgefunden hat. Es sind Indicien vorhanden, die möglicherweise zur Herstellung des Beweises einer stattgehabten Heirath benutzt werden können, nicht mehr!«

Die in dieser Antwort liegende Erklärung war viel zu fein, als daß Geoffrey sie hätte verstehen können. Verwirrt und unzufrieden runzelte er die Stirn und rief unwillig aus: »Nicht verheirathet! Wenn sie doch vor Zeugen erklärt haben, sie seien Mann und Frau.«

»Das ist ein sehr verbreiteter Irrthum«, antwortete Sir Patrick »Wie ich Ihnen bereits bemerkt habe, bedarf es nach dem Gesetze gar keiner Zeugen um eine Ehe in Schottland zu Stande zu bringen, sie können nur, wie in diesem Falle, dazu dienen, künftig einmal eine streitige Ehe zu beweisen.«

An diese letzten Worte hielt sich Geoffrey. »Also die Wirthin und der Kellner könnten doch vielleicht den Beweis vorbringen, daß eine Ehe stattgefunden hat?«

»Ja, und merken Sie wohl, falls Sie sich an einen meiner Collegen wenden sollten, so wird er Ihnen vielleicht sagen, daß das Paar nach seiner Ansicht bereits verheirathet ist. Ein gesetzlicher Zustand, der es gestattet, die gegenseitige Einwilligung zum Abschluß einer Ehe, durch Schlüsse zu beweisen, öffnet Muthmaßungen Thür und Thor. Ihr Freund erklärt in bestimmten Worten, daß eine gewisse Dame seine Frau sei; die Dame erklärt ebenso bestimmt, daß Ihr Freund ihr Mann sei, sie bleiben in den Zimmern, die sie gemiethet haben, als Mann und Frau bis zum nächsten Morgen. Ihr Freund verläßt das Haus, ohne irgend Jemand aufzuklären, die Dame aber ist noch einige Tage als seine Frau im Gasthofe und alle diese Umstände finden in Gegenwart competenter Zeugen statt. Hier ist also unfehlbar der logische wenn nicht juristische Schluß gestattet, daß in diesem Falle eine gegenseitige Einwilligung zum Abschluß einer Ehe stattgefunden hat. Ich bleibe nichtsdestoweniger bei meiner Meinung: es sind Indicien, die vielleicht zur Herstellung des Beweises einer Ehe behilflich sein können, weiter nichts!«

Während der letzten Worte Sir Patricks war Geoffrey mit sich zu Rathe gegangen und war mit großer Anstrengung dahin gelangt, seinerseits eine entscheidende Frage zu stellen.

»Hören Sie mal«, rief er, indem er seine schwere Hand auf den Tisch fallen ließ, »darauf werden Sie mir doch eine bestimmte Antwort geben können: »angenommen, mein Freund hätte es auf eine andere Dame abgesehen?«

»Nun?«

»Würden Sie ihm unter den obwaltenden Umständen rathen, diese Dame zu heirathen?«

»Unter den obwaltenden Umständen, sicherlich nicht!«

Geofftey sprang rasch auf und machte der Conferenz ein Ende. »Das genügt«, sagte er »für ihn und für mich!«

Mit diesen Worten ging er ohne alle Förmlichkeit in den mittleren Raum der Bibliothek.

»Ich weiß nicht, wer Dein Freund ist«, dachte Sir Patrick bei sich, »aber wenn Dein Interesse an der Frage seiner Verheirathung ein rechtschaffenes und harmloses ist, so verstehe ich mich auf die menschliche Natur nicht besser als ein neugebornes Kind.«

Unmittelbar, nachdem er Sir Patrick verlassen hatte, stieß Geoffrey auf einen Diener, der ihn eben aufsuchte. »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Delamayn«, fing der Mann an, »der Stallknecht des Mr. Julius Delamayn —— ——«

»Der Bursche, der mir diesen Morgen ein Billet von meinem Bruder brachte.«

»Er wird zurückerwartet, und glaubt, er dürfe nicht länger verweilen.«

»Kommen Sie her, ich will Ihnen gleich eine Antwort für ihn mitgeben!«

Er trat an den Schreibtisch und sah sich den Brief seines Bruders Julius noch einmal an. Achtlos überflog er ihn, bis ihm die Schlußzeile in die Augen fiel, »komm morgen her und hilf uns Mrs. Glenarm zu empfangen.« Er hielt, die Augen auf diesen Satz geheftet, einen Moment inne, —— einen Moment, während dessen er über das Glück dreier Menschen, Annes, die ihn geliebt, Arnold’s, der ihm einen wahren Freundesdienst geleistet, und Blanche’s, die ihm nie etwas zu Leide gethan hatte, verfügen sollte. Nach dem, was diesen Morgen zwischen Arnold und Blanche verabredet worden war, blieb ihm, wenn er in Lady Limdie’s Haus noch länger verweilte, keine andere Wahl, als sein Versprechen gegen Anne zu erfüllen. Wenn er nach seines Bruders Haus zurückkehrte, so blieb ihm nichts übrig, als Anne unter dem niederträchtigen Vorwande, daß sie Arnold’s Weib sei, zu verlassen. Plötzlich schob er den vor ihm auf dem Tisch liegenden Brief bei Seite und nahm ein Blatt Papier ans dem Schreibkasten. »Die Losung heißt Mrs. Glenarm!« sagte er zu sich selbst, und schrieb an seinen Bruder die kurzen Worte: »Lieber Julius erwarte mich morgen.«

Der Diener stand, während Geoffrey schrieb, in die Betrachtung seines prachtvollen Brustkastens versanken, unbeweglich da und dachte bei sich: Mit einer solchen Brust wird der schon beim nächsten Wettlauf bis zum letzten Augenblick ausharren!

»Hier, mein Freund»sagte Geoffrey und überreichte dem Diener das Billet.

»Alles in Ordnung?« fragte eine freundliche Stimme hinter ihm.

»Er wandte sich um und sah Arnold, der begierig war, etwas über das Ergebniß der Cousultation mit Sir Patrick zu hören.

»Ja«, antwortete er, »Alles in Ordnung!«



Kapiteltrenner


Zweiundzwanzigstes Kapitel - Erschreckt

Arnold war von der kurzen Antwort Geoffrey’s auf seine Frage etwas frappirt »Hat Sir Patrick Dir etwas Unangenehmes gesagt?« fragte er.

»Sir Patrick hat gerade das gesagt, was ich zu hören wünschte!«

»Hat es keine Schwierigkeiten mit Deiner Heirath?«

»Durchaus nicht!«

»Brauche ich nicht zu fürchten, daß Blanche ——«

»Sie wird Dich nicht mehr bitten, nach Craig-Fernie zu gehen, dafür stehe ich Dir.« Er sprach diese Worte mit sehr scharfer Betonung, nahm den Brief seines Bruders vom Tische, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Seine auf dem Rasen umherschlendernden Freunde begrüßten ihn; er ging rasch an ihnen vorüber, ohne ihren Gruß zu erwidern und ohne sie eines Blickes zu würdigen, und begab sich nach dem Rosengarten, wo er seine Pfeife aus der Tasche zog, sich dann aber wieder anders besann und auf einem andern Wege wieder zurückkehrte. Er konnte zu dieser Tagesstunde nicht darauf rechnen, im Rosengarten allein zu bleiben und empfand doch ein dringendes Verlangen nach Einsamkeit. Ihm war zu Muthe, als könnte er Jeden, der ihm in diesem Augenblicke in den Weg träte und ihn anredete, umbringen. Mit gesenktem Kopfe und finsterer Miene verfolgte er den Fußweg, um zu sehen, wohin derselbe führe. Er endete an dem hölzernen Gitterthor eines Küchengartens. Hier hatte er keine Störung zu befürchten. Der Küchengarten enthielt nichts, was einen Besucher hätte anziehen können. Er ging hinein bis zu einem in der Mitte des Gartens stehenden Wallnußbaum der von einer hölzernen Bank und einem breiten Rasenstreifen umgeben war. Nachdem er sich vorsichtig umgesehen, setzte er sich auf die Bank und zündete seine Pfeife an. »Ich wollte, es wäre vorüber!« sagte er vor sich hin. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, saß er rauchend und nachdenkend da. Aber nach kurzer Zeit trieb ihn die Ruhelosigkeit, die sich seiner bemächtigt hatte, wieder fort, er stand auf und ging um den Rasenstreifen wieder und wieder im Kreise herum, wie ein wildes Thier in seinem Käfig. Was bedeutete diese Störung des geistigen Gleichgewichts in diesem Menschen? Waren es Gewissensbisse die ihn jetzt plagten, nachdem er sich zu dem Verrath des Freundes entschlossen, der ihm sein Vertrauen geschenkt und ihm gedient hatte? Gewissensbisse plagten ihn so wenig, wie meine Leser in dem Augenblick, wo sie diese Worte lesen. Was ihn bewegte war einfach eine fieberhafte Ungeduld, glücklich an das Ziel, das er im Auge hatte, zu gelangen. Warum sollte er sich von Gewissensbissen plagen lassen? Jeder Gewissensbiß wird mehr oder weniger durch die Wirkung zweier Gefühle hervorgebracht, von denen keines dem natürlichen Menschen eingeboren ist. Das eine dieser Gefühle ist das Product der Selbstachtung, die wir gegen uns zu hegen lernen; das zweite Gefühl ist das Product der Achtung, die wir gegen Andere zu hegen gelehrt werden. In ihren höchsten Manifestationen steigern sich diese Gefühle, bis das erste zur Liebe Gottes und das zweite zur Nächstenliebe wird. Ich habe Dir etwas zu Leide gethan und bereue es; aber warum soll ich bereuen, wenn ich dadurch, daß ich Dir etwas zu Leide gethan habe, einen Vorteil für mich erziele? Ich bereue, weil eine innere Stimme mir sagt, daß ich gegen mich selbst und gegen Dich gesündigt habe. Der Instinct des natürlichen Menschen weiß nichts von den Kundgebungen einer solchen inneren Stimme und keines dieser Gefühle beunruhigte Geoffrey Delamayn, denn Geoffrey Delamayn war ein natürlicher Mensch.

Als die Idee seines Planes zuerst in ihm aufgetaucht war, hatte ihn die Neuheit desselben aufgeregt, das ungeheure Wagniß, dessen Tragweite ihm plötzlich offenbar wurde, hatte ihn überwältigt; die Zeichen der Aufregung, die er an dem Schreibtisch in der Bibliothek verrathen hatte, waren nur Zeichen einer geistigen Verwirrung, weiter durchaus nichts.

Nachdem aber die erste Aufregung vorüber war, befreundete er sich immer mehr mit dem Gedanken; er war jetzt ruhig genug, um die Schwierigkeiten und die möglichen Folgen seines Planes zu würdigen. Diese Schwierigkeiten und die Folgen waren es gewesen, die ihn anfänglich beunruhigt hatten, denn für diese hatte er einen sehr entwickelten Sinn. Was aber die Grausamkeit und den Verrath des Planes betraf, so regte sich auch nicht einmal der Gedanke an die Abscheulichkeit desselben in ihm. Die That, durch die er sich früher einmal den Dank Arnold’s verdient hatte, war nur die Handlung eines Hundes gewesen. Das »edle Thier«, das einen Menschen nur vor dem Ertrinken gerettet hat, wird zehn Minuten später den selben Menschen unter Umständen an der Kehle packen. Nehmen wir zu dem unvernünftigen Instincte des Hundes die berechnende Schlauheit eines Menschen, und vergegenwärtigen wir uns die Stimmung, in der man findet, daß ein geringfügiger Gegenstand, den man zufällig einmal vom Boden aufgelesen hat, Einem von Nutzen sein kann, so würden wir uns eine Vorstellung von den Empfindungen machen können, die Geoffrey seinem Freunde gegenüber erfüllten, wenn er sich der Vergangenheit erinnerte und in die Zukunft blickte. Arnold hatte ihn, als er ihn in dem kritischen Moment anredete, heftig gereizt und das war Alles. Diese unerschütterliche Unempfindlichkeit, derselbe primitive Zustand des sittlichen Menschen, ließ auch nicht die leiseste Spur von Mitleid für Anne in ihm aufkommen. »Jetzt bin ich sie los. Sie ist, ohne daß ich im Mindesten davon incommodirt wäre, versorgt!« war sein erster Gedanke. Nicht die geringste Besorgniß regte sich in ihm, keine Art von Bedenken tauchte in ihm auf, ob sie nicht, wenn sie sich einmal ihrer Situation klar bewußt werden, wenn sie sich vor die Alternative gestellt sehen werde, entweder einem sicheren Verderben entgegen zu gehen oder als letztes Hilfsmittel einen Anspruch auf Arnold zu erheben, das letztere thun werde. »Natürlich«, sagte er sich, »würde sie es thun«, denn er an ihrer Stelle würde es gethan haben. Aber er wollte die Sache um jeden Preis los sein. Es drängte ihn mit furchtbarer leidenschaftlicher Gewalt, während er so wieder und wieder um den Wallnußbaum im Kreise herumging, die Krisis zu beschleunigen und mit ihr zu Ende zu kommen. »Ich will meine Freiheit haben, damit ich mich um die Andere bewerben und mich für den Wettlauf einüben lassen kann. Den Beiden wehe gethan? Hole sie Beide der Teufel! Sie haben mir wehe gethan, sie sind meine schlimmsten Feinde, sie stehen nur im Wege.« Aber wie sie los werden, das war die Schwierigkeit. Er hatte den Entschluß gefaßt, sie heute los zu werden, aber wie sollte er das beginnen. Einen Streit mit Arnold vom Zaune zu brechen, war unthunlich. Ein solches Verfahren würde bei Artiold’s Verhältnis; zu Blanche ein Aufsehen erregen, das ihn bei Mrs. Glenarm in ein schlechtes Licht setzen mußte. Mit dem einsamen und freundlosen Weibe, deren Geschlecht und Stellung gleichermaßen gegen sie sprechen würden, wenn sie es versuchen sollte, einen Scandal aus der Sache zu machen, mußte er beginnen. Die Sache mußte sein für alle Mal mit Anne abgemacht werden und Arnold es mußte es überlassen bleiben, davon zu hören und früher oder später seine Rolle dabei zu spielen. Aber wie sollte er ihr noch heute die Sache beibringen? Sollte er direct nach dem Gasthofe gehen und sie grade in’s Gesicht als Mrs. Arnold Brinkworth anreden? Nein! Von Begegnungen von Angesicht zu Angesicht hatte er mehr als genug gehabt. Der bequemere Weg war, ihr zu schreiben und den Brief mit dem ersten Boten, den er austreiben konnte, nach dem Gasthof abzusenden. Mochte sie dann später in Windygates erscheinen, ihn bis zu seinem Bruder verfolgen, an seinen Vater appelliren, das war ihm Alles einerlei; für den Augenblick hatte er sie in seiner Gewalt. »Sie sind eine verheirathete Frau!« Das war eine Antwort, die ihn gegen alle Angriffe schützen und ihn in den Stand setzen würde, sich auf nichts einzulassen. Er entwarf in Gedanken den Brief, »Ich könnte etwa so schreiben«, dachte er, während er noch immer um den Wallnußbaum herumging: »Sie habe sich vielleicht gewunden« mich noch nicht zu sehen, aber das haben Sie sich lediglich selbst zu verdanken; ich weiß, was zwischen Ihnen und ihm im Gasthofe vorgefallen ist. Ich habe einen Advocaten consultirt. Sie sind Arnold Brinkworth’s Frau. Ich gratulire Ihnen und sage Ihnen auf ewig Lebewohl.« Er brauchte nur diese Zeilen an Mrs. Arnold Brinkworth zu adressiren, den Boten zu instruiren, den Brief spät Abends ohne auf eine Antwort zu warten, abzugeben, am nächsten Morgen in aller Frühe nach seines Bruders Haus aufzubrechen —— und die Sache war gethan. Aber selbst hier bot sich noch eine Schwierigkeit, ein letztes ärgerliches Hindernis, das noch im Wege stand. Wenn sie überhaupt unter irgend einem Namen im Gasthofe bekannt war, so war es unter dem Namen Mrs. Silvester. Ein an Mrs. Brinkworth adressirter Brief würde wahrscheinlich im Gasthofe gar nicht angenommen werden, oder würde, wenn angegenommen und ihr abgegeben, vielleicht von ihr als ein nicht an sie adressirter Brief nicht geöffnet werden. Ein etwas scharfsinniger Mensch würde sofort gefunden haben, daß auf den Namen der Adresse des Briefes wenig oder nichts ankam, sobald nur der Inhalt von der Person, an die er gerichtet war, gelesen wurde. Aber Geoffrey’s Geist gehörte zu denen, die durch die geringfügigsten Umstände aus der Fassung gebracht werden. Er legte einen ganz unverständigen Werth darauf, daß eine vollständige Uebereinstimmung zwischen dem Innern und Aeußern seines Briefes bestehen müsse. Wenn er erkläre, daß sie Arnold’s Frau sei, so müsse er auch den Brief an sie als an Arnold Brinkworth’s Frau adressiren oder das Gesetz würde Gott weiß was daran auszusetzen haben und er sich vielleicht durch die paar Federzüge in Gott weiß welche Schlinge verwickeln. Je mehr er über die Sache nachdachte, desto scharfsinniger erschien ihm sein Bedenken und desto leidenschaftlicher aufgeregt wurde er. Es giebt ein Mittel aus jeder Sache herauszukommen und es mußte auch ein Mittel aus dieser Verlegenheit geben, wenn er es nur finden konnte, aber er konnte es nicht finden. Nachdem er alle die großen Schwierigkeiten überwunden hatte, war er außer Stande, über diese kleine hinweg zu kommen und es fiel ihm ein, daß er vielleicht schon zu lange darüber zugebracht habe, da er doch nicht gewohnt sei über irgend etwas lange nachzudenken; überdies fing er an durch das fortwährende, mechanische in die Runde gehen, schwindlich zu werden. Verdrießlich kehrte er dem Baum den Rücken und ging nach einem andern Theil des Gartens, entschlossen, an etwas anderes zu denken und dann zu dieser Schwierigkeit zurückzukehren und dieselbe mit neuen Augen zu betrachten. Seine Gedanken denen er jetzt freien Lauf ließ, wandten sich sehr natürlich dem für ihn nächst wichtigen Gegenstand, dem bevorstehenden Wettlauf zu.

In einer Woche sollte er seine Arrangements getroffen haben. Wie sollte er es zunächst mit dem Einüben halten? Er einschloß sich diesmal, zwei Lehrmeister zu engagiren, einen den er nach Schottland kommen lassen und der ihn in seines Bruders Haus einüben sollte, und einen zweiten, der ihn bei seiner Rückkehr nach London mit frischen Augen betrachten und weiter ausbilden sollte. Er ließ sich die Siege seines furchtbaren Rivalen, dem er gegenüber treten sollte, durch den Kopf gehen. Jener war unfehlbar der raschere Läufer. Die Wetten zu Gunsten Geoffrey’s waren auf die noch nie dagewesene Länge des Laufes und auf Geoffrey’s unerhörte Ausdauer berechnet. Wie lange er seinen Gegner den Vorsprung lassen solle? In« welchem Moment es richtig sein würde, denselben einzuholen und wie nahe dem Ziel er auf die Erschöpfung des Gegners würde rechnen und ihn überholen können? Das waren feine, schwer zu entscheidende Fragen, zu deren Lösung ihm ein Wettlaufs-Geheimer-Rath würde behülflich sein müssen, um ihm die schwere Verantwortlichkeit zu erleichtern.

Wem konnte er wohl in dieser Beziehung Vertrauen schenken? Er konnte A. und B. zwei Autoritäten, vertrauen. Aber wie stand es mit C.? Als Autorität unanfechtbar, als Character zweifelhaft. Das Problem in Betreff C.’s ließ ihn in seinen Bewegungen inne halten und von der Lösung desselben in diesem Augenblick abstehen. Einerlei! Er konnte sich doch immer bei A. und B. Raths erholen; inzwischen mochte C. zum Teufel gehen und er konnte wieder versuchen an etwas Anderes zu denken. An was anderes? An Mrs. Glenarm! O, hole der Henker die Weiber, eine ist wie die andere, sie watscheln alle. wenn sie laufen und füllen sich alle vor Tisch den Magen mit dünnem Thee. Das ist der einzige Unterschied zwischen Frauen und Männern, im Uebrigen sind sie nichts als eine schwache Nachahmung von uns. Hole der Teufel die Weiber und ich will versuchen an etwas Anderes zu denken. Woran dieses Mal? An etwas, woran zu denken der Mühe werth ist: mir meine Pfeife wieder zu stopfen. Er zog seinen Tabacksbeutel ans der Tasche, hielt aber in dem Augenblick, wo er ihn öffnen wollte, plötzlich inne. Was war das, was er am andern Ende einer Allee von Zwerg-Birnbäumen zu seiner Rechten sah? Ein Frauenzimmer, seiner Kleidung nach offenbar ein Dienstbote, das ihm den Rücken zukehrend, vorüber gebeugt etwas aufsammelte; wie es ihm schien Kräuter. Und was war das Ding, das an einem Bindfaden an dem Gürtel des Frauenzimmers hing? »Eine Schiefertafel?« Ja. »Was zum Teufel wollte sie mit der Schiefertafel an der Seite?« Er suchte ja gerade etwas, was ihn auf andere Gedanken bringen könnte und er hatte es gefunden. »Mir ist alles Recht«, dachte er, »ich will doch die Person ein Bischen wegen ihrer Schiefertafel hänseln! Er rief durch die Birnbaumallee nach dem Frauenzimmer: »Halloh!« Das Frauenzimmer richtete sich auf, kam langsamen Schrittes auf ihn zu, und vor ihm stand, den Blick auf ihn gerichtet, Hester Dethridge mit ihren eingesunkenen Augen, ihrem von Sorgen durchfurchten Gesicht und ihrer eisernen Ruhe. Geoffrey ward stutzig! Er war nicht darauf gefaßt gewesen, das, was er und seine Kameraden unter Hänseln verstanden, an einem Frauenzimmer wie Dieses da zu versuchen. »Wozu braucht Ihr die Schiefertafel?« fragte er, um das Gespräch einzuleiten.

Hester legte die Hand an die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Stumm?«

Hester nickte bejahend.

»Wer seid Ihr?«

Hester schrieb etwas auf ihre Tafel und reichte ihm dieselbe über die Birnbäume hinweg: »Ich bin die Köchin!«

»Nun Köchin! Seid Ihr stumm geboren?«

Sie schüttelte mit dem Kopf.

»Was hat Euch denn stumm gemacht?«

Sie schrieb auf ihre Tafel: »Ein Schreck.«

»Wer hat Euch diesen Schrecken bereitet?«

Sie schüttelte wieder mit dem Kopf.

»Wollt Ihr mir das nicht sagen?«

Sie schüttelte abermals mit dem Kopf. Ihre Augen waren, während er sie befragte, starr, kalt, stumpf und ausdruckslos wie die Augen einer Leiche auf ihn gerichtet. Fest wie seine Nerven waren, gewaffnet wie er unter gewöhnlichen Umständen gegen jede Wirkung der Einbildungskraft war, erfüllte ihn der langsam durchbohrende Blick der stummen Köchin mit einem unheimlich, fröstelnden Gefühl. Es überlief ihn eiskalt. Es drängte ihn aus einmal von ihr loszukommen; auch war das einfach genug, er brauchte nur guten Morgen zu sagen und hinweg zu gehen. Er sagte guten Morgen, ging aber nicht seiner Wege. Er steckte die Hand in die Tasche und bot Hester ein Stück Geld an, um sie dadurch zum Fortgehen zu bewegen. Sie streckte durch die Birnbäume hindurch ihre Hand aus, um das Geld zu nehmen, hielt aber plötzlich mit emporgehobenem Arm inne. Eine furchtbare Veränderung ging in ihrem, bis dahin todtenähnlich ruhigen Gesicht vor, ihre dicht geschlossenen Lippen öffneten sich langsam, ihre stumpfen Augen erweiterten sich und blickten, sich von ihm abwendend, nach einer seitwärts von ihm befindlichen Stelle, wandten sich dann wieder von dieser Stelle ab und starrten unheimlich glänzend über seine Schultern hinweg, als ob eine Schreckensgestalt hinter ihm stehe. »Wonach seht Ihr in’s Teufels Namen?« fragte er und wandte sich rasch um, aber hinter ihm war absolut Nichts zu sehen. Er wandte sich wieder nach dem Weibe um, aber unter dem Einfluß irgend eines plötzlichen Entsetzens war sie trotz ihres Alters spornstreichs davongelaufen, seinen Anblick fliehend, als wäre er die Pest. »Die ist verrückt!« dachte er und kehrte ihr den Rücken.

Er fand sich, er wußte kaum wie, auf einmal wieder vor dem Wallnußbaum. In wenigen Minuten hatten sich seine stählernen Nerven völlig erholt. Jetzt konnte er über den sonderbaren Eindruck, den das Weib auf ihn hervorgebracht hatte, wieder lachen. »Zum ersten Mal in meinem Leben erschrocken!« dachte er bei sich, »und das vor einem alten Weibe; es wird Zeit, daß ich anfange mich wieder einüben zu lassen, wenn es schon so weit mit mir gekommen ist.« Er sah nach der Uhr. Es war beinahe schon die Zeit des zweiten Frühstücks und er war noch immer nicht mit sich einig geworden, was er in Betreff des Briefes an Anne thun solle; jetzt aber entschloß er sich auf der Stelle einen Entschluß fassen. Das Weib, das stumme Weib mit dem steinernen Gesicht und den fürchterlichen Augen erschien ihm wieder und störte ihn in seiner Entschließung.

»Pah! eine verrückte alte Person, die vielleicht einmal Köchin gewesen ist und jetzt das Gnadenbrot ißt, weiter nichts. Ich will mich davon nicht weiter incommodiren lassen.« Er legte sich in’s Gras und richtete seine Gedanken ganz auf die ernste Frage: wie er es möglich machen könne, den Brief an Anne mit Mrs. Arnold Brinkworth zu bezeichnen und ihn doch sicher in Anne’s Hände gelangen zu lassen. Da trat ihm wieder das Bild des stummen, alten Weibes in den Weg. Ungeduldig schloß er die Augen und versuchte die Erscheinung auf diese Weise los zu werden. Aber das Schließen der Augen schützte ihn nicht gegen die Erscheinung des Weibes. Er sah sie vor sich, als ob er eben eine Frage an sie gethan habe, auf ihrer Schiefertafel schreibend. Was sie schrieb war er nicht im Stande zu entziffern, im Augenblick war die Erscheinung in Nichts zerflossen. Er sprang mit einem unbehaglichen Gefühl der Verwunderung über sich selbst wieder auf und in demselben Augenblicke durchfuhr ihn ein Gedanke mit der Schnelligkeit des Blitzes. Ohne sich einer besonderen Anstrengung bewußt zu sein, sah er auf einmal sicher seinen Weg durch die Schwierigkeiten, die ihn bisher beirrt hatten. Natürlich zwei Couverte, ein inneres unversiegeltes an Mrs. Brinkworth adressirt und ein äußers versiegeltes mit der Adresse an Miß Silvester.

So. war das Problem gelöst; gewiß das einfachste Problem, das je einen Kopf in Verlegenheit gesetzt hatte. Warum war ihm diese Lösung nicht früher eingefallen? Darüber wußte er sich keine Rechenschaft zu geben, und warum fiel sie ihm jetzt ein? Wieder erschien ihm das stumme, alte Weib, als ob die Antwort auf diese Frage etwa mit ihrer Person in Verbindung stehe. Zum ersten Mal in seinem Leben beunruhigte ihn sein eigener Zustand. Hatte der beharrliche Eindruck, den ein verrücktes, altes Weib auf ihn hervorbrachte, vielleicht etwas mit dem erschütterten Gesundheitszustand zu thun, von dem der Arzt gesprochen hatte? War er von einem Schwindel ergriffen oder hatte er mit nüchternem Magen zu viel getaucht und hatte er nach einer durchreisten Nacht zu lange sein gewöhnliches Getränk, das Ale entbehrt? Sofort verließ er den Garten, um die Richtigkeit dieser letzteren Vermuthung zu prüfen. Das Publicum würde unbedingt gegen ihn gewettet haben, wenn es ihn in diesem Augenblicke gesehen hätte; Er sah verstört und bekümmert aus und das aus guten Gründen.

Urplötzlich und ohne die mindeste Vorbereitung war ihm der Zustand seines Nervensystems zum Bewußtsein gekommen und hatte ihm in einer ihm bis dahin unbekannten Sprache zugerufen: »Da bin ich!«

In den Blumengarten zurückgekehrt, begegnete Geoffrey einem Diener, der eben einem der Gärtner einen Auftrag ertheilte. Er fragte denselben nach dem Kellermeister, als der einzigen sicheren Autorität, an die er sich in seiner augenblicklichen Verlegenheit wenden konnte.

In des Kellermeister’s Zimmer geführt, bat Geoffrey diesen hohen Hausbeamten, ihm eine Kanne seines ältesten Ale und dazu etwas Consistentes in der Gestalt einer gehörigen Scheibe Brod und Käse zu bringen. Der Kellermeister sah ihn erstaunt an. Diese Art der Herablassung von Seiten eines Mitgliedes der vornehmen Gesellschaft war ihm ganz neu. »Das zweite Frühstück wird gleich bereit sein, Mr. Delamayn.«

»Was giebt es zum Frühstück?«

Der Kellermeister zählte ihm eine Reihe sehr einladender Gerichte und alter feiner Weine auf.

»Hole der Teufel Ihre feinen Geschichten!« sagte Geoffrey. »Geben Sie mir eine Kanne altes Ale und ein gehöriges Stück Brod mit Käse.«

»Wo wünschen Sie das zu genießen, Mr. Delamayn.«

»Natürlich hier, und je eher desto besser.«

Der Kellermeister gab die nöthigen Ordres mit aller dienstfertigen Bereitwilligkeit und stellte alsbald die einfache von dem Herrn verlangte Erfrischung ganz fassungslos vor ihn hin. Der Sohn eines Edelmannes und noch dazu ein berühmter, öffentlicher Character, der Brod, Käse und Ale zugleich in der anspruchslosesten und gierigsten Weise an seinem, des Kellermeisters Tisch zu sich nahm, —— das war ihm noch nicht vorgekommen. Der Kellermeister wagte eine kleine, verbindliche Vertraulichkeit. Lächelnd berührte er das Wettbuch in seiner Brusttasche »Ich habe auch sechs Pfund auf Sie gewettet, Mr. Delamayn!«

»Ganz gut mein alter Junge, Sie sollen auch Ihr Geld gewinnen!« Mit diesen edlen Worten klopfte der »ehrenwerthe Geoffrey« ihm auf den Rücken und hielt ihm sein Glas entgegen, auf daß er es ihm zum zweiten Male füllte. Beim Füllen des Glases mit dem schäumenden Ale fühlte sich der Kellermeister dreifach stolz als Engländer: »O, dachte er, fremde Nationen können ihre Revolutionen haben. Bei ihnen mag die Aristokratie zusammenbrechen, die britische Aristokratie lebt in dem Herzen des Volkes und auf ewig!«

»Noch eins«, sagte Geoffrey, indem er ihm sein leeres Glas hinhielt, »auf gutes Glück.« Er leerte das Glas auf einen Zug, nickte dem Kellermeister zu und ging hinaus. Hatte dieses Experiment sich erfolgreich erwiesen, war jetzt der Beweis der Richtigkeit seiner Vermuthung erbracht? Ganz gewiß! Ein leerer Magen und die Wirkung zu vielen Rauchens auf den Kopf, das waren die wirklichen Ursachen des»sonderbaren Geisteszustandes, in den er in dem Kuchengarten verfallen war. Jetzt verschwand das stumme Weib mit dem steinernen Gesicht wie ein Nebel, jetzt fühlte er nichts mehr als ein angenehmes Summen im Kopfe, eine sehr behagliche Wärme im ganzen Körper und eine unbegrenzte Fähigkeit, jede Verantwortlichkeit, die menschlichen Schultern aufgebürdet werden konnte, zu tragen. Geoffrey war wieder er selbst. Er ging in die Bibliothek, um endlich seinen Brief an Anne zu schreiben, um sich das erst einmal vom Halse zu schaffen. Die Gesellschaft war in der Bibliothek in Erwartung der Frühstücksglocke versammelt; alle vertrieben sich die Zeit mit müßigem Geplauder und unfehlbar würden einige, sobald Geoffrey sich gezeigt hätte, sich an ihn gemacht haben. Er zog es daher vor, an der Schwelle wieder umzukehren. Das einzige Mittel, in ungestörter Ruhe seinen Brief zu schreiben, war zu warten, bis sie alle beim Frühstück sein würden und dann in die Bibliothek zurückzukehren. Dieselbe Gelegenheit würde er benützen können, einen Boten für seinen Brief zu finden, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und nachher unbemerkt fortzugehen und einen langen Spaziergang zu machen. Eine Abwesenheit von drei oder vier Stunden würde hinreichen, um Arnold den nöthigen Sand in die Augen zu streuen, denn unfehlbar würde dieser die Abwesenheit, als durcb einen Besuch bei Anne veranlaßt, erklären. Müssig schlenderte er durch den Garten und entfernte sich immer weiter und weiter vom Hause.



Kapiteltrenner


Dreiundzwanzigstes Kapitel - Geschehen

Die Unterhaltung in der Bibliothek war überwiegend leer und oberflächlich. Nur in einem Winkel des Raums, in welchem Sir Patrick und Blanche zusammensaßen, wurde ein ernsthaftes Gespräch geführt.

»Onkel! Seit ein paar Minuten habe ich Dich scharf beobachtet.«

»Bei meinem Alter, liebe Blanche, machst Du mir damit ein sehr verbindliches Compliment!«

»Weißt Du auch, was ich gesehen habe?«

»Du hast einen alten Herrn gesehen, der sich nach dem Frühstück sehnt.«

»Ich habe einen alten Herrn gesehen, der in Gedanken versunken war, und ich möchte wissen warum?«

»Wegen zurückgetretener Gicht.«

»Nein, damit laß’ ich mich nicht abspeisen, Onkel, ich will wissen« ——

»Nicht weiter Blanche, ein junges Mädchen, welches sagt: »ich will wissen,« ist in sehr gefährlicher Gemüthsverfassung. »Du weißt, auch Eva sagte: »ich will wissen,« und sieh’ nur wohin das geführt hat; auch Faust sagte »ich will wissen,« und die Folge davon war, daß er in schlechte Gesellschaft gerieth.«

»Du bist über etwas besorgt,« erwiderte Blanche, »und was mehr sagen will, Sir Patrick, Sie haben sich vorhin sehr auffallend benommen!«

»Wann denn?«

»Als Du Dich mit Mr. Delamayn in die gemüthliche Nische da einsperrtest; ich habe wohl gesehen, daß Du vorangingst, während ich, mit den langweiligen Einladungen zum Diner für Lady Lundie beschäftigt war!«

»Das nennst Du beschäftigt? Ich möchte wohl wissen, ob es jemals ein weibliches Wesen gegeben hat, das sich mit ungetheilter Aufmerksamkeit irgend einer irdischen Beschäftigung zugewendet hätte!«

»Laß doch die Frauen aus dem Spiel, lieber Onkel; was kann der Gegenstand Deiner Unterhaltung mit Mr. Delamayn gewesen sein und warum sehe ich jetzt, nachdem die Unterhaltung vorüber ist, eine Falte zwischen Deinen Augenbrauen, die ganz gewiß nicht da war, ehe Du die vertrauliche Unterhaltung mit Mr. Delamayn hattest!«

Bevor Sir Patrick antwortete, überlegte er, ob er Blanche in’s Vertrauen ziehen solle oder nicht. Der Versuch, sich über die Persönlichkeit der ungenannten Dame Geoffrey’s zu vergewissern, den er zu machen entschlossen war, mußte ihn nach Craig-Fernie führen und würde ihn unzweifelhaft nöthigen, sich schließlich an Anne zu wenden. Unter diesen Umständen konnte Blanches vertraute Bekanntschaft mit ihrer Freundin unstreitig für ihn von Nutzen sein, und auf Blanches Discretion konnte er sich in einer Angelegenheit, bei der es sich um Miß Silvester’s Interessen handelte, unbedingt verlassen. Andererseits erheischte die Unvollständigkeit seiner Kunde gebieterisch die größte Vorsicht. Die Vorsicht trug für dieses Mal bei Sir Patrick den Sieg davon. Er beschloß erst abzuwarten, was seine Nachforschungen in dem Gasthofe ergeben würden.

»Mr. Delamayn hat mich über eine trockene Rechtsfrage consultirt, die für einen seiner Freunde Interesse hat«, sagte Sir Patrick. »Du siehst, liebes Kind, Du hast Deine Neugierde und Deine Aufmerksamkeit verschwendet!«

Blanches Scharfsinn war aber nicht so leichten Kaufs abzufinden.«

»Warum sagst Du nicht geradezu, daß ich die Wahrheit nicht von Dir erfahren soll«, erwiderte sie. »Du solltest Dich mit Mr. Delamayn einsperren, um über Rechtsfragen mit ihm zu reden und solltest nach einem solchen Gespräch ärgerlich und verdrießlich aussehen? O, ich unglückliches Mädchen!« fügte sie mit einem bittern Seufzer hinzu, »ich muß etwas an mir haben, was die Menschen die ich liebe, abstößt. Kein vertrautes Wort kann ich von Anne erlangen und kein vertrautes Wort von Dir und ich habe ein so liebebedürftiges Herz; das ist wahrhaftig sehr hart. Ich glaube, ich will zu Arnold gehen.«

Sir Patrick ergriff die Hand seiner Nichte.

»Warte einmal, Blanche! Apropos von Miß Silvester. Hast Du heute etwas über sie gehört?«

»O nein, ich fühle mich ihretwegen unglücklicher, als ich es sagen kann.«

»Was meinst Du dazu, wenn Jemand nach Craig-Fernie ginge und die Ursache ihres Schweigens herauszufinden suchte, würdest Du dann glauben, daß doch Jemand ein Herz für Dich hat?«

Blanches Gesicht strahlte vor Ueberraschung und Freude. Sie führte Sir Patricks Hand dankbar an ihre Lippen und rief: »O, das wolltest Du doch nicht selbst thun?«

»Ich bin gewiß der Letzte, der es thun sollte, in Betracht, daß Du in offener Auflehnung gegen meinen ausdrücklichen Befehl nach dem Gasthof gefahren bist und daß ich Dir nur gegen ein reuiges Bekenntniß und ein feierliches Gelöbnis; der Besserung verziehen habe. Es steht dem Haupt einer Familie sehr schlecht an und ist ein schwächliches und verwerfliches Verfahren, wenn er seinen eigenen Principien in’s Gesicht schlägt, nur weil es seiner Nichte beliebt, besorgt und unglücklich zu sein; aber doch, wenn Du mir Deinen kleinen Wagen leihen wolltest, so könnte ich mich vielleicht, wenn auch widerwillig, zu einer einsamen Fahrt nach Craig-Fernie entschließen und da könnte ich ja möglicherweise Miß Silvester begegnen und falls Du ihr etwas auszurichten haben solltest ——«

»Etwas?« wiederholte Blanche. Sie umschlang seinen Hals mit ihren Armen und flüsterte ihm eine endlose Botschaft für Anne in’s Ohr.

Während Sir Patrick zuhörte, steigerte sich sein Interesse an der Nachforschung, die ihn im Geheimen beschäftigte. Jenes Mädchen muß edle Eigenschaften haben, dachte er, wie könnte sie sonst eine solche Neigung einflößen.«

Während Blanche ihrem Onkel noch in’s Ohr flüsterte, fand eine andere vertrauliche Conferenz diesmal aber nur über eine rein häusliche Angelegenheit zwischen Lady Lundie und dem Kellermeister, in der Halle vor der Thür der Bibliothek statt.

»Ich habe leider zu melden, Mylady, daß Hester Dethridge wieder einen Anfall bekommen hat.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie war ganz ordentlich, Mylady, als sie vorhin in den Küchengarten ging. Seit sie aus demselben zurückgekommen, ist sie wieder sonderbar, verlangt den ganzen Tag für sich, Mylady, sagt, die viele Gesellschaft im Hause sei ihr lästig und sieht, wie ich bekennen muß, in der That wie eine Person aus, die an Körper und Geist erschöpft und angegriffen ist.«

»Sprechen Sie doch nicht so dummes Zeug, Roberts, die Person ist eigensinnig, träge und unverschämt. Sie wissen, ich habe ihr für nächsten Monat gekündigt; wenn sie während dieses Monats ihre Pflicht nicht thun will, so werde ich ihr kein Zeugniß geben. Wer soll denn heute das Mittagessen kochen, wenn ich Hester Erlaubniß gebe, auszugehen?«

»Wie die Sachen stehen, fürchte ich, Mylady, wird das Küchenmädchen heute ihr Bestes thun müssen.

Hester ist, wie Mylady sagen, sehr eigensinnig wenn sie ihren Anfall bekommt!«

»Wenn Hester Dethridge es dem Küchenmädchen überläßt, das Essen zu kochen, Roberts, so muß sie noch heute meinen Dienst verlassen. Ich will nichts weiter über die Sache hören. Wenn sie bei ihrem Ungehorsam beharrt, so lassen Sie ihr Ausgabenbuch in die Bibliothek bringen, während wir beim Frühstück sind und es dort auf meinen Schreibtisch legen. Nach dem Frühstück komme ich zurück und wenn ich das Ausgabenbuch dort finde, so werde ich wissen, was es bedeutet. in dem Fall werde ich Sie instruiren, sie abzulohnen. Jetzt läuten Sie zum Frühstück!«

Die Glocke zum Frühstück erschallte, die Gäste gingen Alle in’s Eßzimmer. Sir Patrick mit Blanche am Arm folgte ihnen von dem entferntesten Ende der Bibliothek nach. An der Schwelle des Eßzimmers blieb Blanche stehen und bat ihren Onkel es zu entschuldigen, wenn sie ihn allein hineingehen lasse. »Ich komme gleich wieder!« sagte sie, »ich habe noch etwas vergessen.«

Sir Patrick trat ein, die Thür des Eßzimmers schloß sich hinter ihm und Blanche ging allein wieder in die Bibliothek.

Bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande, hatte sie die drei letzten Tage das in Craig-Fernie gegebene Versprechen, zehn Minuten während des Frühstücks in der Bibliothek auf Anne zu warten, treulich erfüllt. Heute, als am vierten Tage setzte sich das treue Mädchen wieder allein in das große Zimmer und wartete ruhig, die Augen auf den Rasen geheftet. Fünf Minuten vergingen, ohne daß ein anderes lebendes Wesen erschienen wäre, als die auf dem Rasen hüpfenden Vögel. Einige Minuten später aber vernahm Blanches scharfes Ohr das schwache Geräusch eines über den Rasen hinstreifenden Frauenkleides. Sie eilte an das nächste Fenster, blickte hinaus und klatschte mit einem Ausruf des Entzückens in die Hände. Da war die wohlbekannte Gestalt, die sich ihr raschen Schrittes näherte. Anne bewährte sich als treue Freundin und hatte ihr Versprechen endlich gehalten.«

Blanche eilte hinaus und zog sie triumphirend in die Bibliothek hinein.

»Das macht Alles wieder gut, Du Engel! Du giebst mir die erwünschte Antwort auf meinen Brief, Du bringst mir das Liebste, Dich selbst.« Sie veranlaßte Anne, sich zu setzen, lüftete ihren Schleier und sah ihr nun beim hellsten Sonnenlicht gerade in’s Gesicht. Die Veränderung, die mit der ganzen Erscheinung Anne’s vorgegangen war, erschien den liebenden Augen, die jetzt auf ihr ruhten, furchtbar. Anne sah, um viele Jahre älter aus, als sie wirklich war. Der Ausdruck ihres Gesichts hatte etwas unheimlich Ruhiges. Eine stumpfe Resignation, eine Ergebung in Alles, was kommen mochte und konnte, waren ihrem Gesichte aufgedrängt. Drei Tage und Nächte kummervoller Einsamkeit, drei Tage und Nächte ruheloser Ungewißheit hatten diese fein organisirte Natur zerrüttet, hatten dieses warme Herz erkaltet; ihre Lebensgeister waren entflohen, nur ihr Schatten war es, der noch lebte und sich bewegte, ein Hohn auf ihr früheres Selbst.

»O, Anne, Anne, was ist, was kann Dir begegnet sein, bist Du erschrocken? Du brauchst durchaus nicht zu fürchten, daß irgend Jemand hier uns stört. Die ganze Gesellschaft ist beim Frühstück und die Dienstboten sind beim Mittagessen. Wir können ganz über das Zimmer verfügen. Mein Engel, Du siehst so angegriffen aus, laß mich Dir eine Erfrischung geben.«

Anne zog Blanche’s Kopf an sich und küßte sie matt und langsam ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Thräne zu vergießen, ohne einen Seufzer auszustoßen.

»Du siehst so angegriffen und verweint aus. Bist Du zu Fuß hergekommen? Du darfst aber nicht wieder zu Fuß fortgehen, dafür will ich sorgen!«

Bei diesen Worten raffte sich Anne auf und ergriff zum ersten Male das Wort in einem leiseren und traurigeren Tone als ihr sonst eigen war, während der Reiz, die natürliche Weiche und Schönheit ihrer Stimme den Untergang ihres ganzen übrigens Wesens überdauert zu haben schien. »Ich gehe nicht wieder zurück, Blanche, ich habe den Gasthof verlassen!

»Den Gasthof verlassen, mit Deinem Manne?«

Anne beantwortete nur die erste Frage, nicht die zweite. »Ich kann nicht zurückgehen, der Gasthof ist kein Aufenthalt für mich. Ein Fluch scheint sich an meine Fersen zu heften, wohin ich auch meine Schritte wende. Ich bin, Gott weiß es, ohne mein Zuthun, die Ursache von Streit und Elend. Der alte Mann, welcher Oberkellner im Gasthofe war, ist auf seine Art freundlich gegen mich gewesen, hat sich darüber mit der Wirthin nach einem heftigen Wortwechsel veruneinigt und that in Folge dessen seine Stelle verloren. Die Wirthin legt mir die ganze Sache zur Last, sie ist eine hartherzige Person und war, nachdem sie Bishopriggs fortgeschickt hatte, noch unfreundlicher gegen mich, als zuvor. Ich vermißte einen Brief im Gasthofe, ich muß ihn wohl weggeworfen und vergessen haben; ich weiß nur, daß ich mich gestern Abend dieses Briefes erinnerte und ihn nicht finden konnte. Ich erzählte das der Wirthin und sie benutzte den Anlaß, sich, noch fast ehe ich ein Wort gesagt hatte, mit mir zu streiten. Sie fragte mich, ob ich sie beschuldigen wolle, mir meinen Brief gestohlen zu haben und sagte mir Dinge, die ich nicht wiederholen kann. Ich bin nicht sehr wohl und fühle mich völlig außer Stande, mit Leuten dieser Art zu verkehren. Ich habe es daher für das»Beste gehalten, Craig-Fernie diesen Morgen zu verlassen. Ich wünsche und hoffe von ganzem Herzen, daß ich Craig-Fernie nicht wieder sehen werde.« —— Sie hatte ihre kleine Geschichte ohne das mindeste Zeichen irgend einer Gemüthsbewegung erzählt und lehnte, als sie zu Ende war, ihren Kopf wieder ermüdet in den Sessel zurück.

Blanche’s Augen füllten sich bei ihrem Anblick mit Thränen. »Ich will Dich nicht mit Fragen quälen«, sagte sie sanft, »komm mit mir hinauf und ruhe Dich auf meinem Zimmer aus, Du bist nicht im Stande zu reisen, liebes Kind, ich will schon dafür sorgen, daß Niemand zu uns kommt.« Die Stallglocke schlug ein Viertel auf zwei Uhr.

Anne fuhr zusammen und sprang auf. »Was, hat die Uhr geschlagen?«

Blanche sagte es ihr.

»Dann darf ich nicht länger bleiben, ich bin hergekommen, um etwas ausfindig zu machen. Du wirst mich nicht näher darüber fragen; thue es nicht, um unserer Freundschaft willen, thue es nicht?«

Blanche wandte sich mit schwerem Herzen ab. »Ich will nichts thun, Geliebte, was Dir peinlich sein könnte.« Sie ergriff Anne’s Hand und verbarg die Thränen, die ihr über die Wangen zu rollen begannen.

»Ich möchte etwas wissen, Blanche! Willst Du es mir sagen?«

»Ja, was ist es?«

»Wer sind die Herren, die jetzt hier zum Besuch sind?«

Blanche sah sie plötzlich wieder mit ängstlicher Ueberraschung an. Eine unbestimmte Besorgniß ergriff sie, daß Anne’s Geist der schweren Bürde der auf ihr lastenden Sorgen erlegen sein könnte.

Aber Anne beharrte auf ihrer sonderbaren Bitte. »Sage mir ihre Namen, Blanche, ich habe meine Gründe, warum ich wissen möchte, wer die Herren sind, die jetzt hier im Hause zum Besuch verweilen.«

Blanche zählte jetzt die Namen der Gäste Lady Lundies auf und schloß: »Dann sind noch zwei diesen Morgen angekommen, Arnold Brinkworth und sein abscheulicher Freund, Mr. Delamayn!«

Annes Kopf sank wieder in den Sessel zurück. Es war ihr ohne Argwohn zu erregen gelungen, die Entdeckung zu machen, um derentwillen sie nach Windygates gekommen war. Er war also wieder in Schottland und erst diesen Morgen von London zurückgekehrt, hatte demnach kaum Zeit gehabt, sich, noch bevor sie den Gasthof verlassen hatte, mit Craig-Fernie in Verbindung zu setzen, namentlich da er ja das Briefschreiben haßte. Die Umstände sprachen zu seinen Gunsten. Es war wirklich und wahrhaftig kein Grund vorhanden, bis jetzt zu glauben, daß er sie verlassen habe. Das Herz des unglücklichen Weibes hüpfte ihr im Busen unter dem ersten Strahl der Hoffnung, der es seit einem Monat erwärmte. Bei diesem plötzlichen Aufruhr ihrer Empfindung wurde ihr schwacher Körper tief erschüttert. Ihr Gesicht wurde einen Augenblick dunkelroth, dann wieder todtenbleich.

Blanche, die sie ängstlich beobachtete, fand es jetzt unerläßlich, ihr augenblicklich eine Erfrischung zu verschaffen. »Ich will etwas Wein für Dich holen, Du wirst ohnmächtig werden, wenn Du nicht etwas zu Dir nimmst. »Ich bin gleich wieder bei Dir und ich will es schon einrichten, daß Niemand etwas davon merkt!« sie schob Anne’s Stuhl an das nächste offene Fenster am obern Ende der Bibliothek und lief hinaus.

Kaum hatte Blanche das Zimmer durch die nach der Vorhalle führende Thür verlassen, als Goffrey durch eine der nach dem Garten führenden Glasthüren eintrat. Ganz in dem Gedanken an den Brief, den er zu schreiben im Begriff war, vertieft, ging er langsamen Schrittes durch’s Zimmer auf den nächsten Tisch zu.

Als Anne Fußtritte vernahm, fuhr sie zusammen. Und sah sich um Ihre erschöpften Kräfte hoben sich augenblicklich bei seinem Anblick; sie erhob sich und ging raschen Schrittes mit schwach errötheten Gesicht auf ihn zu.

Er blickte auf. Da standen sich die Beiden wieder gegenüber von Angesicht zu Angesicht, ohne Zeugen.

»Geoffrey!« sagte sie.

Er sah sie an, ohne ihr eien Schritt entgegen zu treten. In seinen Augen zuckte es unheimlich. Sein Schweigen war das Schweigen eines wilden Thieres, das stumm droht. »Er heitre seinen Entschluß gefaßt, sie nie wieder zu sehen und jetzt hatte sie ihn in die Falle einer Zusammenkunft gelockt. Er war entschlossen, ihr zu schreiben und jetzt stand sie vor ihm und zwang ihn zu reden. Das Maaß ihres Unrechts gegen ihn war jetzt voll. Wenn jemals der leiseste Funke von Mitleid sich in seinem Herzen geregt hätte, so würde dieser Funke doch jetzt völlig erloschen sein.

Sie begriff die ganze Bedeutung seines Schweigens. Sie entschuldigte sich bei ihm, daß sie es wagte, wieder nach Windygates zu kommen; entschuldigte sich bei dem Mann, dessen bewußte Absicht es in diesem Augenblick war, sie hülflos in die weite Welt hinauszustoßen. »Verzeih’ mir, bitte, daß ich hergekommen bin, ich habe nichts gethan, was Dich compromittiren könnte, Niemand als Blanche weiß, daß ich in Windygates bin und ich habe meine Fragen über Dich so zu stellen gewußt, daß sie keine Ahnung von unserm Verhältnisse haben kann.« Dann hielt sie inne und fing an zu zittern. Jetzt entdeckte sie in seinem Gesicht etwas, was ihr anfänglich entgangen war. »Ich habe Deinen Brief erhalten,« fuhr sie fort, indem sie ihre sinkenden Kräfte zusammennahm, »ich beklage mich nicht, daß er so kurz war, ich weiß, Du bist kein Freund vom Briefschreiben, aber Du hast versprochen, von Dir hören zu lassen und ich habe nichts von Dir gehört und es war so einsam in dem Gasthof.« Wieder hielt sie inne und stützte sich wankend auf den Tisch. Die Schwäche bemächtigte sich ihrer wieder; sie versuchte fortzufahren, es war vergeblich, sie konnte ihn nur noch ansehen.

»Was wollen Sie?« fragte er in einem Tone, als ob er eine ganz unwichtige Frage an einen Fremden richte. Ein letzter Strahl ihrer früheren Energie flackerte wie eine verlöschende Flamme in ihrem Gesichte auf. »Ich bin von dem, was ich habe ertragen müssen, gebrochen,« sagte sie, »beleidige mich nicht, indem Du mich zwingst Dich an Dein Versprechen zu erinnern!«

»Welches Versprechen?«

»Schäme Dich, Geoffrey! schäme Dich, Du hast versprochen, mich zu heirathen.«

»Sie erinnern mich an mein Versprechen, nach dem, was Sie in dem Gasthofe gethan haben?«

Sie stützte sich mit der einen Hand auf den Tisch und legte sich die andere Hand an den Kopf. Es schwindelte ihr, sie konnte nicht mehr denken; sie sagte fast bewußtlos vor sich hin. »Im Gasthofe, was habe ich im Gasthofe gethan?«

Lassen Sie sich gesagt sein, daß ich einen Advocaten consultirt habe; ich weiß, was ich sage.«

Sie schien diese Worte nicht gehört »zu haben.

Sie wiederholte: »Was habe ich im Gasthofe gethan?« und schien es in Verzweiflung aufzugeben, noch weiter darüber nachzudenken. Noch immer auf den Tisch gestützt, trat sie dicht an ihn heran. Und legte ihm die Hand auf seinen Arm. »Weigerst Du Dich, mich zu heirathen?«

Er ersah die günstige Gelegenheit und sprach die schmachvollen Worte: »Sie sind ja schon mit Arnold Brinkworth verheirathet!«

Ohne einen Schrei auszustoßen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, sich aufrecht zu erhalten, sank sie bewußtlos dicht vor ihm zu Boden, wie einst ihre Mutter vor seinem Vater zu Boden gesunken war.

Er befreite sich von den Falten ihres Kleides und sagte: »Das wäre geschehen.«

In dem Augenblick, wo er diese Worte aussprach, erschreckte ihn ein Geräusch im Innern des Hauses, eine der Bibliotheksthüren war nicht ganz geschlossen; man vernahm leichte FUßttitte, die von der Vorhalle sich näherten. Rasch drehte er sich um und entfloh, wie er gekommen wer, durch die offene Glasthür am untern Ende des Zimmers.



Kapiteltrenner


Dritter Band.

Vierundzwanzigstes Kapitel - Fort

Blanche trat mit einem Glase Wein in der Hand ein und ihr Blick fiel auf die ohnmächtig am Boden liegende Arme. Sie war beunruhigt, aber nicht überrascht, als Sie neben Anne niederkniete und ihren Kopf in die Hand nahm. Der Eindruck, den Anne’s Zustand auf sie vorhin schon gemacht hatte, ließ ihr diese Ohnmacht nur zu erklärlich erscheinen. Die unvermeidliche Verzögerung in der Herbeischaffung des Weines war nach ihrer Meinung die einzige Ursache dieses Zufalls. Wäre sie weniger klar über die Ursache gewesen, so wäre sie vielleicht an’s Fenster getreten, um nachzusehen, ob dort irgend etwas sei, was Anne habe erschrecken können, und würde vielleicht Geoffrey’s, bevor er Zeit hatte, um die Ecke des Hauses zu biegen, ansichtig geworden sein, und durch diese eine Entdeckung vielleicht den ganzen Lauf der Ereignisse nicht nur in ihrem eigenen, sondern auch in dem künftigen Leben Anderer geändert haben. —— So geben wir unser Bisschen Glück den Händen des launischen Zufalls preis. Es ist gewiß eine segensreiche Täuschung in welcher befangen, wir glauben, daß wir das höchste Erzeugnis; des großen Schöpfungsactes sind und zweifeln, ob andere Planeten von lebenden Wesen bewohnt werden, weil andere Planeten nicht von einer Atmosphäre umgeben sind, in der wir würden athmen können! ——

Nachdem Blanche anfänglich sorglos die einfachen Mittel zur Anwendung gebracht hatte, die ihr zur Hand waren, fing sie bald an, durch Anne’s Zustand ernsthaft beunruhigt zu werden; allem Anscheine nach lag Anne todt in ihren Arme. Blanche war im Begriff, ohne Rücksicht auf die Folgen der Entdeckung, nach Hülfe zu rufen, als sich die von der Vorhalle hereinführende Thür abermals öffnete und Hester Dethridge in’s Zimmer trat. Die Köchin hatte sich durch die Alternative, welche ihr die Botschaft ihrer Herrin für den Fall gestellt hatte, daß sie darauf bestehen würde, den Rest des Tages für sich zu haben, in ihrem Entschluß nicht wankend machen lassen. Genau wie Lady Lundie es gewünscht hatte, gab sie diesen ihren Entschluß dadurch zu erkennen, daß sie ihr Ausgabenbuch auf den Schreibtisch in der Bibliothek niederlegte. Erst nachdem sie das gethan, nahm sie von Blanches dringenden Bitten um Hülfe Notiz. Langsam und ruhig ging Hester Dethridge auf die Stelle zu, wo Blanche, Anne’s Kopf in ihren Armen haltend, kniete, und betrachtete die beiden Mädchen ohne eine Spur menschlicher Regung; in ihrem finstern und steinernen Gesicht.

»Siehst Du denn nicht, was»hier geschehen ist?« rief Blanche, »was stehst Du so leblos da? Hester, ich kann sie nicht wieder zu sich bringen, sieh sie doch nur an und steh uns bei«

Hester Dethridge sah sie an und schüttelte den Kopf, sah sie wieder an, dachte einen Augenblick nach und schrieb etwas auf ihre Tafel, hielt diese über Anne’s Körper hin und zeigte Blanche, was sie geschrieben hatte.

»Wer hat das gethan?«

»Welche einfältige Frage?« erwiderte Blanche »Wer es gethan hat? Niemand hat es gethan!«

Hester Dethridge’s Augen richteten sich fest auf das erschöpfte bleiche Antlitz, auf welchem der Kummer deutlich zu lesen war. Hester versenkte sich in die Erinnerung ihres eigenen jammervollen, ehelichen Lebens. Sie nahm ihre Tafel wieder zur Hand, schrieb abermals etwas auf dieselbe und zeigte das Geschriebene wieder an Blanche »Ein Mann hat sie dahin gebracht! Lassen Sie sie in Ruhe und Gott wird sie zu sich nehmen."

»Du abscheuliche Person, wie kannst Du Dich unterstehen, so etwas zu schreiben!« Mit diesem natürlichen Ausbruch der Entrüstung blickte Blanche wieder auf Anne und appellirte, als sie die todtenähnliche Ohnmacht noch immer unverändert fortdauern sah, abermals an das Erbarmen der unbeweglichen Hester, die regungslos vor ihr stand.

»O, Hester, um Himmelswillen hilf mir!«

Die Köchin ließ die Tafel an ihrer Seite herabsinken und nickte feierlich mit dem Kopf, zum Zeichen, daß sie sich füge. Sie trat näher heran, um Anne’s Kleid zu öffnen und legte sie dabei, während sie sich auf das eine Knie niederließ, auf ihr anderes Knie. In dem Moment, wo Hester Dethridge sie berührte, gab die Ohnmächtige ein Lebenszeichen von sich. Ein leiser Schauer durchzuckte sie von Kopf bis zu Fuß, ihre Augenlider öffneten sich ein wenig; Hester legte sie wieder in Blanche’s Arme, dachte einen Augenblick nach, nahm wieder ihre Schreibtafel zur Hand, schrieb abermals etwas darauf und zeigte das Geschriebene an Blanche, »sie hat gezittert, als ich sie berührte, das bedeutet, daß ich über ihr Grab gegangen bin!«

Blanche wandte sich mit Entsetzen von dem Weibe und ihrer Tafel ab. »Du ängstigst mich!« rief sie, »und Dein Anblick wird sie ängstigen, wenn sie erwacht! Ich will Dich nicht kränken, aber geh’ fort, bitte, geh’ fort!«

Hester nahm ihre Entlassung auf, wie sie Alles aufnahm. Sie nickte mit dem Kopf zum Zeichen, daß sie verstanden habe, warf einen letzten Blick auf Anne, verneigte sich sehr feierlich gegen ihre junge Herrin und verließ das Zimmer. —— Eine Stunde später hatte der Kellermeister ihr ihren Lohn ausgezahlt und sie hatte das Haus verlassen.

Blanche athmete auf, als sie sich wieder allein befand. Jetzt kam zu ihrer großen Freude Anne wieder zu sich. »Hörst Du mich, lieber Engel?« flüsterte sie, »kann ich Dich einen Augenblick wieder verlassen?«

Anne’s Augen öffneten sich langsam und blickten umher mit jenem Ausdruck qualvollen Entsetzens, über das wieder erwachende Leben, welcher den furchtbaren Protest des Menschen gegen seine Wiederbelebung bezeichnet, wenn er sich von der Macht des Todes gnädig umfangen geglaubt hat.

Blanche legte Anne’s Kopf gegen den nächsten Stuhl und eilte auf den Tisch zu, auf den sie beim Betreten des »Zimmers den Wein gestellt hatte. Nachdem Anne wenige Tropfen davon geschlürft hatte, fing die Wirkung des belebenden Mittels an sich geltend zu machen. Blanche bestand darauf, daß sie das Glas leeren solle und enthielt sich aller Fragen, bis sie sah, daß Anne sich durch den Wein wieder hinreichend gestärkt hatte.

»Du hast Dich diesen Morgen zu sehr angestrengt«, sagte sie, sobald es ihr gerathen schien, das Schweigen zu brechen. »Kein Mensch hat Dich gesehen, lieber Engel, nichts ist vorgefallen, fühlst Du Dich jetzt wieder besser?«

Anne machte einen Versuch sich zu erheben, um das Zimmer zu verlassen.

Blanche drückte sie sanft in den Sessel nieder und fuhr fort: »Du hast durchaus keine Veranlassung fortzueilen, wir haben noch eine volle Viertelstunde für uns, ehe irgend Jemand daran denken wird, uns zu stören. Ich habe Dir etwas zu sagen Anne, Dir einen kleinen Vorschlag zu machen, willst Du mich anhören?«

Anne ergriff Blanche’s Hand und führte sie mit dem Ausdruck gerührter Dankbarkeit an ihre Lippen. Das war ihre ganze Antwort.

Blanche fuhr fort: »Ich will Dich nicht mit Fragen belästigen, liebe Anne, ich will nicht versuchen, Dich gegen Deinen Willen hier zu halten, ich will Dich nicht einmal an meinen gestrigen Brief erinnern, aber ich kann Dich nicht verlassen, ohne mein Herz in etwas erleichtert zu haben. Du wirst mich von aller meiner Angst befreien, wenn Du mir etwas, eine Kleinigkeit zu Gefallen thun willst!«

»Und das wäre, Blanche?« Sie that diese Frage, während ihr Geist sich mit ganz anderen Dingen beschäftigte.

Blanche war zu eifrig in der Verfolgung ihres Zweckes, um den abwesenden Ton, die rein mechanische Art, wie Anne ihre Frage gethan hatte, zu bemerken, »Ich möchte«, erwiderte sie, »daß Du meinen Onkel um Rath fragtest. Sir Patrick interessirt sich für Dich. Noch heute hat Sir Patrick mir angeboten, selbst nach dem Gasthof zu gehen, um Dich aufzusuchen. Er ist der klügste, beste, freundlichste alte Herr auf der Welt und Du kannst ihm, wie keinem Menschen auf der Welt, vertrauen. Willst Du meinem Onkel Dein Vertrauen schenken und Dich von seinem Rathe leiten lassen?«

Anne, deren Geist noch immer in ganz anderen Regionen verweilte, sah mit einem abwesenden Blick nach dem Rasen hinaus und antwortete nicht.

»Komm’«, sagte Blanche, »sage das eine Wort: Ja oder Nein!«

Den Blick noch immer auf den Rasen geheftet, noch immer an andere Dinge denkend, gab Anne nach und sagte: »Ja!«

Blanche war entzückt. »Wie gut ich meine Sache gemacht haben muß«, dachte sie. »Das nennt mein Onkel, eine Sache energisch angreifen.«

Sie beugte sich über Anne hin und klopfte ihr erfreut auf die Schulter. »Das ist das klügste Ja, mein Engel, das Du je im Leben gesagt hast. Warte hier, ich will jetzt rasch zum Frühstück hineingehen, sonst, fürchte ich, schicken sie nach mir. Sir Patrick hat mir neben sich einen Platz reservirt, ich will es schon möglich machen, ihm meine Wünsche mitzutheilen und er wird es möglich machen —— o, welches Glück, mit einem klugen Mann zu thun zu haben, es giebt ihrer so wenige —— er wird es möglich machen, den Frühstückstisch, ohne daß irgend Jemand Verdacht schöpft, vor den übrigen Gästen zu verlassen. Wenn er kommt, gehe gleich mit ihm hinaus nach dem Garten-Pavillon. Wir sind Alle den ganzen Morgen im Garten-Pavillon gewesen, und kein Mensch wird daran denken wieder hinzugehen. Ich komme Euch dorthin nach, sobald ich, um bei Lady Lundie keinen Verdacht zu erregen, ein wenig gefrühstückt haben werde. Kein Mensch, außer uns Dreien, soll Etwas von der Sache erfahren, in höchstens fünf Minuten kannst Du Sir Patrick erwarten. Jetzt lass’ mich gehen, wir haben keinen Moment zu verlieren.«

Anne hielt sie zurück. In diesem Augenblick war ihre ganze Aufmerksamkeit aus Blanche gerichtet.

»Was willst Du noch, liebes Kind?« fragte Blanche.

»Bist Du glücklich mit Arnold, Blanche?«

»Arnold ist liebenswürdiger gegen mich als je!«

»Ist der Tag Eurer Hochzeit schon bestimmt?«

»Der Tag ist noch weit entfernt. Wir werden nicht eher Hochzeit machen, bis wir im Herbste nach London zurückgehen! Bitte, laß’ mich fort, Anne!«

»Blanche, küsse mich!«

Blanche küßte sie und versuchte es, ihre Hand loszumachen.

Anne aber hielt sie so fest, als ob sie in Gefahr wäre zu ertrinken, als ob sie sich an diese Hand anklammere, um ihr Leben zu retten.

»Du wirst mich immer lieben, wie Du mich jetzt liebst, Blanche, nicht wahr?«

»Wie kannst Du mich nur so fragen?«

»Ich habe Ja zu Dir gesagt, sage auch Du jetzt Ja zu mir!«

Blanche that, wie Anne sie bat. Anne’s Augen hefteten sich auf sie mit einen! letzten sehnsüchtigen Blick, und dann ließ sie Blanche’s Hand plötzlich los. Blanche lief in einem Zustand unbehaglicher Aufregung, den sie sich selbst nicht eingestehen mochte, eilig zum Zimmer hinaus. Noch nie hatte sie so dringend das Bedürfnis; gefühlt, Sir Patricks Rath einzuholen, wie sie es in diesem Augenblick empfand.

Die Gäste saßen ruhig am Frühstückstisch, als Blanche in’s Zimmer trat. Lady Lundie verfehlte nicht ihrer Ueberraschung über die Unpünktlichkeit ihrer Stieftochter, in einem sich steigernden, vorwurfsvollen Ton den unerläßlichen Ausdruck zu geben. Blanche entschuldigte sich mit einer ganz exemplarischen Demuth. Sie schlüpfte auf ihren Platz an der Seite ihres Onkels und nahm von der ersten Schüssel, die ihr gereicht wurde. —« Sir Patrick sah seine Nichte an und fragte sich, was diese bescheidene Demuth in Blanche’s Wesen wohl zu bedeuten haben möge.

Die einen Augenblick unterbrochene Unterhaltung, die sich um Politik und Wettkämpfe, und wenn man das Bedürfniß einer Abwechslung fühlte, um Wettkämpfe und Politik gedreht hatte, wurde alsbald am ganzen Tisch wieder aufgenommen. Unter dem Schutz der allgemeinen Unterhaltung und in den Pausen, die ihr die Artigkeiten der Herren übrig ließen, flüsterte Blanche Sir Patrick zu: »Erschrick nicht Onkel, Anne ist in der Bibliothek!« Der höfliche Herr Smith bot ihr etwas gekochten Schinken an. Sie dankte höflichst. »Bitte, bitte! Geh’ zu ihr hinaus, sie wartet auf Dich, sie ist in der schrecklichsten Sorge.«

Der artige Herr Jones offerirte Früchte, Torte und Sterne. Sie nahm das Angebotene dankbar an.

»Bringe sie nach dem Garten-Pavillon, ich folge Euch dahin, sobald ich kann. O, thu’ es gleich, lieber Onkel! wenn Du mich lieb hast, sonst kommst Du zu spät!«

Noch ehe Sir Patrick ein Wort erwidern konnte, verkündigte Lady Lundie, daß ein sehr gewürzten fetter schottischer Kuchen, den sie eben anschnitt, ihr eigenes Werk sei und bot ihrem Schwager ein Stück davon an. Der Kuchen bestand aus in Fett schwimmenden Pflaumen mit Zuckerwerk. Wir haben bereits früher gesagt, daß Sir Patrick die Siebenzig bereits überschritten hatte, wir brauchen daher wohl kaum hinzuzufügen, daß er es ablehnte, seinem Magen, ohne daß sich derselbe etwas gegen ihn hatte zu Schulden kommen lassen, eine solche Beleidigung anzuthun.

»Mein Kuchen?- fuhr Lady Lundie fort, indem sie die schreckliche Composition auf eine Gabel gesteckt in die Höhe hielt. »Reizt Sie der nicht?«

Sir Patrick ersah seine Gelegenheit, unter dem Vorwande eines Compliments für seine Schwägerin, aus dem Zimmer zu schlüpfen. Er bot sein verbindlichstes Lächeln auf und legte seine Hand an’s Herz. »An einen schwachen Sterblichen«, sagte er, »tritt eine Versuchung heran, der er unmöglich widerstehen kann. Was wird der schwache Sterbliche, wenn er klug ist, thun?«

»Er wird etwas vom meinen! Kuchen essen«, erwiderte die prosaische Lady Lundie.

»Nein«, entgegnete Sir Patrick mit einem Blick unaussprechlicher Ergebenheit gegen seine Schwägerin, »er wird der Versuchung entfliehen, theure Schwägerin, wie ich es in diesem Augenblick thue!« Er verneigte sich und entkam unbeargwohnt aus dem Zimmer.

Lady Lundie senkte die Blicke mit einem Ausdruck tugendhafter Nachsicht für menschliche Schwächen und nahm bescheidener Weise einen gleichen Antheil an Sir Patricks Compliment für sich und ihren Kuchen in Anspruch.

Sir Patrick, der wohl wußte, daß die Frau vom Hause in wenigen Minuten dem Beispiel seines Aufbruches folgen würde, eilte, so rasch es ihm sein lahmer Fuß gestatten, in die Bibliothek. Jetzt, wo er allein war, nahm sein ganzes Wesen das Gepräge ängstlicher Besorgniß und sein Gesicht einen ernst bekümmerten Ausdruck an. Er trat in die Bibliothek. Nirgends eine Spur von Anne Silvester, die Bibliothek war vollkommen leer. »Fort!« sagte Sir Patrick, »das sieht schlimm aus!« Nach einem Moment der Ueberraschung trat er wieder in die Vorhalle, um seinen Hut zu holen. Vielleicht, daß sie sich vor einer Entdeckung gefürchtet hatte, falls sie noch länger in der Bibliothek blieb, vielleicht, daß sie allein im Garten-Pavillon war. Wenn sie auch in diesem nicht zu finden war, so mußte, um Blanche zu beruhigen, alles aufgeboten werden, den Platz ausfindig zu machen, wohin Anne sich geflüchtet hatte. In diesem Fall kam es darauf an, die Zeit rasch und gut anzuwenden. Dies begreifen und an der Glocke ziehen, welche von der Vorhalle nach dein Dienstbotenzimmer führte, war für Sir Patrick das Werk eines Augenblicks. Das Klingeln galt seinem eigenen Diener, einem Mann von erprobter Discretion und Treue, der fast ebenso alt war, wie er selbst. »Hole Deinen Hut, Duncan«, sagte Sir Patrick, als der Kammerdiener erschien »und komm mit mir hinaus.« Schweigend gingen Herr und Diener in den Garten.

Vor dem Garten-Pavillon angelangt, befahl Sir Patrick Duncan zu warten und ging allein weiter. Leider war nicht die geringste Veranlassung zu der von ihm beobachteten Vorsicht. Der Garten-Pavillon war ebenso leer wie die Bibliothek. Er trat hinaus und sah wieder umher. Kein lebendes Wesen war sichtbar, Sir Patrick rief seinen Diener herbei. »Geh’ nach dem Stall, Duncan«, sagte er, und sage, »Miß Lundie leihe mir für heute ihren Pony-Wagen, sie sollen ihn sofort für mich in Bereitschaft setzen, ich wünsche die Aufmerksamkeit so wenig wie möglich aus mich zu lenken. Nur Du sollst mit mir kommen. Nimm einen Eisenbahn-Fahrplan mit. Hast Du Geld bei Dir?«

»Ja, Sir Patrick!«

»Hast Du vielleicht die Gouvernante Miß Silvester an dem Tage, wo wir hergekommen sind, dem Tage des Gartenfestes, gesehen?«

»Ja wohl, Sir Patrick!«

»Würdest Du sie wieder erkennen?«

»Sie machte auf mich den Eindruck einer sehr distinguirten Persönlichkeit. Gewiß würde ich sie wieder erkennen.«

»Hast Du Ursache zu glauben, daß sie Dich bemerkt hat?«

»Sie hat mich auch nicht eines Blickes gewürdigt.«

»Gut! Thue etwas reine Wäsche in Deinen Reisesack,Duncan, vielleicht mußt Du eine Reise mit der Eisenbahn machen. Warte auf mich in dem Hofe bei den Ställen. Es handelt sich hier um eine Angelegenheit, bei der Alles auf Deine und meine Discretion ankommt!«

»Ich danke Ihnen Sir Patrick!«

Mit dieser Anerkennung des Compliments, das Sir Pakrick ihm mit den letzten Worten gemacht hatte, ging Duncan seines Weges nach dem Stall und Duncan’s Herr kehrte in den Gartenpavillon zurück, um dort auf Blanche zu warten. Während der Pause der Erwartung, zu der er jetzt verurtheilt war, schien Sir Patrick die Geduld reißen zu wollen. Er nahm beständig seine Zuflucht zu der in dem Knopfe seines Spazierstocks befindlichen Schnupftabacksdose. In nervöser Aufgeregtheit ging er beständig in den Garten-Pavillon und wieder hinaus. Anne’s Verschwinden hatte ferneren Entdeckungen ein großes Hinderniß in den Weg gelegt und nun verlor er auch noch kostbare Zeit durch das Warten auf Blanche.

Endlich wurde Sir Patrick von den Stufen des Garten-Pavillons aus ihrer ansichtig. Athemlos und voll Verlangen eilte sie nach dem Ort der Zusammenkunft, so rasch ihre Füße sie nur tragen wollten. Sir Patrick ging ihr absichtlich entgegen, um ihr den Schreck der unvermeidlichen Entdeckung zu ersparen. »Blanche«, sagte er, »mache Dich auf eine Enttäuschung gefaßt, ich bin allein!«

»Du hast sie doch nicht fortgelassen?«

»Mein armes Kind, ich habe sie gar nicht gesehen!«

Blanche schlüpfte an ihm vorüber in,den Garten-Pavillon. Sir Patrick folgte ihr, aber schon kam sie ihm mit dem Ausdruck völliger Verzweiflung entgegen. »O, Onkel, ich hatte solches Mitleid mit ihr, und sieh’, wie wenig Mitleid sie mit mir hat!«

Sir Patrick schlang seinen Arm um seine Nichte und küßte den lieblichen, jungen Kopf, der an seine Schulter lehnte »Laß uns sie nicht zu vorschnell verurtheilen, mein liebes Kind, wir können nicht wissen, welche gebieterische Nothwendigkeit ihr vielleicht als Entschuldigung zur Seite steht; offenbar konnte sie sich Niemandem anvertrauen und willigte nur deshalb ein mich zu sprechen, um Dich auf diese Weise aus dem Zimmer zu bringen und Dir den Schmerz, des Abschiedes zu ersparen. Beruhige Dich Blanche, ich verzweifle nicht daran zu entdecken, wohin sie gegangen ist, wenn Du mir beistehen willst!«

Blanche erhob ihren Kopf und trocknete ihre Thränen. »Mein Vater konnte nicht gütiger gegen mich sein, als Du es bist, lieber, bester Onkel!« sagte sie, »sage mir nur was ich thun kann!«

»Erzähle mir ganz genau, was in der Bibliothek vorgefallen ist«, erwiderte Sir Patrick, »vergiß nichts, liebes Kind, so geringfügig es Dir auch erscheinen mag. Die geringfügigsten Umstände sind uns jetzt wichtig und vor Allem sind die Minuten kostbar für uns.«

Blanche befolgte die Vorschrift buchstäblich, während ihr Onkel ihr mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte. Als sie ihre Erzählung beendigt hatte, schlug ihr Sir Patrick vor, den Garten-Pavillon wieder zu verlassen. »Ich habe Deinen Wagen beordert«, sagte er, »und ich kann Dir auf dem Wege zum Stallhof erzählen, was ich zu thun beabsichtige!«

»Laß mich Dich begleiten!«

»Verzeih’ mir mein Kind, wenn ich es Dir abschlage. Der Verdacht Deiner Stiefmutter ist sehr leicht erregt und es ist besser, wenn man Dich nicht bei mir sieht, falls meine Erkundigungen mich vielleicht nach dem Gasthof von Craig-Fernie führen sollten. Ich verspreche Dir, wenn Du hierbleibst, Dir bei meiner Rückkehr Alles zu erzählen. Schließe Dich den übrigen Gästen an, gleichviel was sie heute Nachmittag unternehmen, und Du wirst es so am besten verhindern, daß meine Abwesenheit mehr als eine vorübergehende Bemerkung veranlaßt. Willst Du thun, was ich Dir sage? So ist es recht, mein gutes Kind! Jetzt sollst Du hören, wie ich das arme Mädchen zu suchen gedenke und wie mir Deine kleine Erzählung dabei zu Statten gekommen ist.«

Er hielt inne und überlegte bei sich, ob er damit anfangen solle, Blanche von seiner Consultation mit Geoffrey zu erzählen. Abermals entschied er diese Frage verneinend.

Es erschien ihm richtiger, sie noch nicht in sein volles Vertrauen zu ziehen, bevor er die Nachforschungsreife, die er jetzt anzutreten im Begriff war, gemacht haben würde.

»Was Du mir erzählt hast, Blanche, zerfällt nach meiner Auffassung in zwei Kapitel«, fing Sir Patrick an. »Das eine umfaßt das, was vor Deinen Augen in der Bibliothek vorgefallen ist und das andere umfaßt, was Dir Miß Silvester über die Vergangenheit im Gasthofe erzählt hat. Was zunächst die Ereignisse in der Bibliothek anlangt, so ist es zu spät zu untersuchen, ob die Ohnmacht, wie Du glaubst, das bloße Ergebniß der Erschöpfung war, oder ob sie die Folge von etwas gewesen, was sich zutrug, während Du das Zimmer verlassen hattest.«

»Was kann sich. zugetragen haben, während ich das« Zimmer verlassen hatte?«

»Darüber weiß ich nicht mehr als Du! Liebes Kind, es ist eine bloße Möglichkeit und als solche erwähne ich sie, um zu der praktischen Seite der Sache überzugehen. Wenn Miß Silvester nicht so kräftig ist, so kann sie unmöglich allein zu Fuß einen von Windygates weit entfernten Ort erreichen. Vielleicht hat sie in einem der Bauernhäuser in unserer unmittelbaren Nachbarschaft eine Zuflucht gesucht, oder sie ist einem vorüberfahrenden Wagen von einem der Pachthöfe begegnet und hat den Fuhrmann gebeten, ihr einen Platz auf demselben einzuräumen. Oder sie ist gegangen, soweit ihre Füße sie tragen wollten und hat vielleicht einen geschützten Platz, unter den südwärts von hier gelegenen Hecken gesucht!«

»Ich will mich in den Bauernhäusern erkundigen, Onkel, während Du fort bist!«

»Liebes Kind! Es giebt wenigstens zwölf Bauernhäuser im Umkreise einer Meile von Windygates. Deine Erkundigungen würden wahrscheinlich den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen. Ich will nicht davon reden, was Lady Lundie davon denken würde, wenn Du den ganzen Nachmittag allein fort bliebest, sondern Dich nur an zweierlei erinnern. Du würdest aus einer Erkundigung, die so geheim wie möglich zu halten von der größten Wichtigkeit ist, eine öffentliche Angelegenheit machen, und selbst wenn Dir gelänge, das richtige Bauernhaus aufzufinden, so würde Deine Erkundigung doch zu gar nichts führen!«

»Warum denn das nicht?«

»Ich kenne den schottischen Bauer besser als Du, Blanche! Hinsichtlich seiner Intelligenz und seiner Selbstachtung ist er von dem englischen Bauer sehr verschieden. Er würde Dich höflich aufnehmen, weil Du eine junge Dame bist, würde Dich aber zu gleicher Zeit merken lassen, daß Du nach seiner Meinung Deine Vorzüge in der gesellschaftlichen Stellung dazu mißbraucht habest, aus eine ungebührliche Weise bei ihm einzudringen. Und wenn Miß Silvester vertrauensvoll um seine Gastfreundschaft gebeten und er ihr dieselbe gewährt hat, so würde keine Gewalt der Erde ihn dahin bringen, einem lebenden Wesen ohne ihre ausdrückliche Erlaubniß zu sagen, daß sie unter seinem Dache weilt!«

»Aber, lieber Onkel, wenn es vergebens ist, bei Jemand Erkundigungen einzuziehen, wie wollen wir sie finden!«

»Ich behaupte nicht, daß Niemand aus unsere Erkundigungen antworten wird, liebes Kind, ich behaupte nur, die Bauern würden nicht antworten, falls Deine Freundin sich ihrem Schutze anvertraut hätte. Das Mittel, sie zu finden, ist über das, was Miß Silvester vielleicht im gegenwärtigen Augenblick thut, hinaus an das zu denken, was sie, bevor der Tag zu Ende geht, zu thun beabsichtigt. Wir sind, glaube ich, nach dem was geschehen ist, zu der Annahme berechtigt, daß sie, sobald sie die Gegend hier verlassen kann, es zuversichtlich thun wird. Bist Du darin meiner Ansicht?«

»Ja, ja, fahre fort!«

»Gut! Sie ist ein Weib und noch dazu ein schwaches Weib. Sie kann die Gegend hier nicht anders verlassen, als, indem sie einen Wagen miethet oder mit der Eisenbahn fährt. Ich beabsichtige zunächst nach der Eisenbahn-Station zu gehen. Bei der Schnelligkeit mit der Dein Pony den Weg durch die Haide zurücklegt, ist eine gute Chance für uns vorhanden, daß ich trotz der verlorenen Zeit eben so früh dahin kommen werde, wie sie, wenn sie auch mit dem ersten von Norden oder Süden her vorüberkommenden Zuge weiter fahren sollte.«

»Es geht ein Zug in einer halben Stunde, Onkel, sie kann unmöglich bis dahin dort sein.«

»Vielleicht ist sie weniger erschöpft, als wir glauben, oder sie findet Gelegenheit zum Fahren, vielleicht ist sie auch nicht allein. Wir können ja nicht wissen, ob nicht Jemand in dem Heckenweg auf sie gewartet hat, —— vielleicht ihr Mann, wenn sie einen hat, um ihr behülflich zu sein. Nein, ich nehme an, daß sie jetzt auf dem Wege nach der Station ist, und ich will so rasch wie möglich dahin eilen . . . .«

»Und sie aufhalten, wenn Du sie dort findest?«

»Was ich dann thue, Blanche, muß mir überlassen bleiben. Wenn ich sie dort finde, werde ich nach bestem Wissen und Gewissen handeln; wenn ich sie nicht finde, so werde ich Duncan, der mit mir geht, dort lassen, um die übrigen im Laufe des Tages noch eintreffenden Züge zu überwachen. Er kennt Miß Silvester von Ansehen und ist überzeugt, daß sie ihn nie beachtet hat. Ich habe Duncan gemessene Ordre gegeben, ihr, gleichviel ob sie früh oder spät eintrifft, oder ob sie nord- oder südwärts reist, zu folgen. Er ist ein durchaus zuverlässiger Mensch. Wenn sie mit der Eisenbahn fährt, so stehe ich dafür, daß wir erfahren, wohin sie reist.«

»Wie klug von Dir, an Duncan zu denken!«

»Nicht im Mindesten, liebes Kind, Duncan ist mein Factotum, und das von mir eingeschlagene Verfahren liegt so nahe, daß wohl Jeder an meiner Stelle darauf gekommen wäre. Jetzt kommen wir zu dem wirklich schwierigen Punkt unserer Sache. Nehmen wir an, sie verschaffte sich einen Wagen.«

»Es giebt keine Wagen hier hemmt, außer an der Station.«

»Aber es giebt Pächter hier herum und Pächter haben leichte Wagen. ist im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß sie ihr einen leihen würden, indessen überwinden Frauen Schwierigkeiten, vor denen Männer zurückschrecken, und Deine Freundin ist klug, Blanche. Verlaß Dich darauf, sie wird Alles aufbieten, Dich zu verhindern, ihrer Spur zu folgen. Ich gestehe, es wäre mir lieb, wenn wir Jemanden hätten, aus den wir uns verlassen könnten und der bereit wäre, an der Stelle, wo die beiden Wege sich von der nach der Eisenbahn führenden Straße abzweigen, herumzuschlendern. Ich muß nach einer anderen Richtung gehen, ich kann es daher nicht!«

»Arnold kann es thun!«

Sir Patrick sah etwas zweifelhaft aus. »Arnold ist ein vortrefflicher Junge«, sagte er, »aber können wir uns auf seine Discretion verlassen?«

»Er ist nächst Dir der discreteste Mensch, den ich kenne«, erwiderte Blanche zuversichtlich, »und was mehr ist, ich habe ihm, bis auf das, was heute vorgefallen, Alles über Anne erzählt und fürchte, ich werde ihm auch das erzählen, wenn ich mich, nachdem Du fort bist, einsam und elend fühle. Arnold hat etwas, ich kann nicht sagen was, das mich tröstet und beruhigt. Und wenn Du glaubst, daß er ein Geheimniß verrathen könnte, das ich ihm anvertraut habe, so weißt Du nicht, wie ergeben er mir ist!«

»Mein liebes Kind, ich bin nicht der bevorzugte Gegenstand seiner Verehrung, also kann ich das nicht wissen; darüber zu urtheilen bist Du allein competent —— —— —— Ich füge mich! Laß uns Arnold in’s Vertrauen ziehen! Ermahne ihn zur Vorsicht und laß ihn allein dahingehen, wo die Wege sich trennen! Jetzt giebt es nur noch einen Ort, wo sich möglicherweise eine Spur von ihr finden könnte, das ist der Gasthof von Craig-Fernie und dort die nothwendigen Erkundigungen einzuziehen, übernehme ich selbst.«

»In dem Gasthofe zu Craig-Fernie? Onkel, hast Du vergessen, was ich Dir erzählt habe?«

»Warte einen Augenblick, liebes Kind. Miß Silvester selbst hat den Gasthof verlassen, dafür stehe ich Dir, aber wenn uns unglücklicherweise alle unsere andern Mittel fehlschlagen sollten, so hat doch Miß Silvester in Craig-Fernie eine Spur zurückgelassen, diese Spur müssen wir für den Fall, daß Alles scheitern sollte, sofort verfolgen. Du scheinst mich nicht zu verstehen! Ich fahre, so rasch der Pony laufen kann, über die Haide. —— Jetzt bin ich bei dem zweiten der beiden Artikel angelangt, in welche Deine Geschichte nach, meiner Auffassung zerfällt. Was hat Dir Miß Silvester von dem, was sich im Gasthofe zugetragen hat, erzählt?«

»Sie verlor einen Brief im Gasthof?«

»Ganz richtig, sie verlor einen Brief, das ist ein Ereigniß.«

»Und der Kellner Bishopriggs hat sich mit Mrs. Inchbare gezankt und hat seine Stelle verloren.«

»Das ist ein zweites Ereigniß. Reden wir zuerst von dem Brief. Entweder sie hat ihn wirklich verloren oder er ist ihr gestohlen, und wenn wir, gleichviel welches von Beiden der Fall ist, des Briefes habhaft werden können, so ist wenigstens eine Chance vorhanden, daß er uns zu einer Entdeckung führt. Was demnächst Bishopriggs anlangt.« ——

»Du meinst doch nicht »den Kellner?«

»Allerdings! Bishopriggs besitzt zwei wichtige Eigenschaften. Er ist ein Ring in der Kette meiner Schlüsse und er gehört zu meinen alten Freunden.«

»Zu Deinen Freunden?«

»Wir leben in einer Zeit liebes Kind, wo ein Arbeiter von dem Andern, als »dem Herrn da« spricht. Ich halte mit meinem Zeitalter Schritt und fühle mich verpflichtet, meinen ehemaligen Schreiber meinen Freund zu nennen. Vor einigen Jahren bekleidete Bishopriggs die Stelle eines Schreibers auf meinem Bureau. Er ist einer der gescheitesten und gewissenlosesten alten Vagabunden in Schottland, vollkommen ehrlich bei gewöhnlichen Dingen, wo es sich um Geld handelt, aber vollkommen grundsatzlos in der Verfolgung seiner eigenen Interessen, wo es sich um einen an der feinen Grenzlinie des Strafgesetzes liegenden Vertrauensbruch handelt. Während er bei mir arbeitete, habe ich zwei unangenehme Entdeckungen gemacht. Ich fand, daß er sich ein Duplicat meines Siegels zu verschaffen gewußt und war zu dem stärksten Verdachte berechtigt, daß er mit den Papieren von zweien meiner Clienten Mißbrauch getrieben. Er hatte in beiden Fällen noch kein wirkliches Unheil angestiftet und ich hatte keine Zeit, die Sache weiter zu untersuchen. Ich entließ ihn als einen Menschen, zu dem man nicht das Vertrauen haben konnte, daß er irgend welche Papiere oder Briefe die durch seine Hand gehen, respectiren würde.«

»Ich begreife, lieber Onkel, ich begreife.«

»Jetzt ist Dir die Sache klar, nicht wahr? Wenn der von Miß Silvester vermißte Brief von keiner Wichtigkeit ist, so bin ich geneigt zu glauben, daß er in der That verloren ist und wiedergefunden werden kann, wenn aber in demselben irgend etwas enthalten ist, was der Person, die sich in seinem Besitz befindet, auch nur den entferntesten Vorteil in Aussicht stellen könnte, dann will ich, um mich der unleidlichen Ausdrucksweise unserer Tage zu bedienen, jede Wette eingehen, daß Bishopriggs den Brief in Händen hat!«

»Und nun hat er das Wirthshaus verlassen, wie unglücklich trifft sich das!«

»Unglücklich, insofern es einen Aufschub mit sich bringt, sonst nicht. Wenn ich mich nicht sehr irre, so wird Bishopriggs wieder in das Wirthshaus zurückkehren; der alte Spitzbube ist nämlich unbestreitbar ein höchst amüsanter Kerl. Ich erinnere mich auch noch sehr wohl, daß damals, als er aus meinem Bureau entlassen wurde, eine große Lücke auf demselben entstand. Glaube mir, alte Besucher von Craig-Fernie, namentlich englische, werden den Verlust Bishopriggs als den eines der Hauptanziehungspunkte des Gasthofes, beklagen. Mrs. Inchbare ist nicht die Frau, die aus Rücksichten auf ihre Würde ihrem Geschäfte zu nahe tritt. Sie und Bishopriggs werden früher oder später zusammenkommen und wieder gute Freunde werden. Nachdem ich ihr einige Fragen gestellt haben werde, die vielleicht zu sehr wichtigen Resultaten führen können, werde ich einen Brief für Bishopriggs in ihren Händen zurücklassen und ihm in diesem Briefe sagen, daß ich etwas für ihn zu thun habe. Ich werde ihm auch eine Adresse angeben, unter der er an mich schreiben kann. Und, verlaß Tich darauf, Blanche, ich werde von ihm hören, und wenn der Brief in seinem Besitz ist, denselben von ihm wieder erlangen.«

»Glaubst Du nicht, daß er, wenn er den Brief gestohlen hat, Anstand nehmen wird, es Dir zu gestehen?«

»Eine sehr richtige Frage, liebes Kind. Bei andern Leuten würde er vielleicht zaudern, aber ich habe meine eigene Art, mit ihm fertig zu werden, und ich weiß,wie ich ihn dahin bringen kann, mir die Sache zu gestehen. Nun genug von Bishopriggs, bis seine Zeit gekommen ist. Es kommt aber noch ein anderer Punkt in Bezug auf Miß Silvester in Betracht; vielleicht komme ich in den Fall, sie beschreiben zu müssen. Wie war sie gekleidet, als sie hier war? Vergiß nicht, daß ich ein Mann bin und wenn es einer Dame möglich ist, die Toilette in einer für einen Herrn verständlichen Sprache zu schildern, so sage mir, wie sie angezogen war.«

»Sie trug einen Strohhut mit Kornblumen und einem weißen Schleier. Kornblumen an der Seite, Onkel, was feiner ist, als in der Mitte. Ferner hatte sie einen leichten grauen Shawl und ein Piqué. . .«

»Laß mich mit Deinem Französisch in Ruhe! Kein Wort mehr! Ein Strohhut mit einem weißen Schleier und mit Kornblumen an der einen Seite des Hutes und ein leichter grauer Shawl. Mehr kann ein gewöhnlicher männlicher Geist nicht in sich aufnehmen und das ist genug. Jetzt bin ich orientirt und werde dadurch viel kostbare Zeit sparen können, soweit ist Alles in Ordnung. Jetzt sind wir am Ende unserer Conferenz, mit anderen Worten an der Thür des Stallhofes. Du weißt, was Du zu thun hast, während ich fort bin?«

»Ich habe Arnold nach dem Kreuzwege zu schicken und ich muß mich, wenn es mir möglich ist, benehmen, als wenn nichts vorgefallen wäre!«

»So ist es recht, mein Kind. Du verstehst auf ein halbes Wort und das ist eine unschätzbare Eigenschaft; Du wirst Dein künftiges häusliches Königreich zu regieren verstehen. Arnold wird nichts als ein constitutioneller Gemahl sein und das sind die einzigen Ehemänner, die wirklich glücklich sind. Wenn ich wiederkomme, erzähle ich Dir Alles, liebes Kind!

»Duncan, ist Dein Reisesack gepackt? Gut! Hast Du auch die Eisenbahntabelle? Gut! Nimm Du die Zügel, ich will nicht fahren, ich muß nachdenken und Fahren verträgt sich nicht mit geistiger Thätigkeit. Ein Mann der kutschirt, versetzt sich in den Geist seines Pferdes und muß, wenn er sein Ziel, ohne Gefahr umzuwerfen erreichen will, zu dem Niveau dieses nützlichen Hausthiers hinabsteigen. Gott segne Dich, Blanche! Duncan! Nach der Eisenbahn-Station!«



Kapiteltrenner


Fünfundzwanzigstes Kapitel - Verloren

Der Wagen rollte zum Thore hinaus. Die Hunde bellten wüthend Sir Patrick wandte sich um und winkte mit der Hand, als der Wagen um die Ecke fuhr. Blanche blieb allein im Hofe zurück. Das Herz war ihr schwer und wie abwesend liebkoste sie die Hunde, die einen ganz besonderen Anspruch auf ihre Sympathie hatten. Denn auch sie fanden es in diesem Augenblick offenbar sehr hart, allein im Hause zurückbleiben zu müssen. Nach einer Weile raffte sie sich auf, Sir Patrick hatte ihr die Verantwortlichkeit der Ueberwachung am Kreuzwege überlassen. Es mußte noch etwas geschehen, bevor die Anstalten zur Verfolgung der Spur Anne’s vollständig waren. Blanche verließ den Hof, um das Erforderliche in’s Werk zu setzen. Auf ihrem Wege nach dem Hause begegnete sie Arnold, der eben von Lady Lundie abgesandt worden war, um sie aufzusuchen.

Während Blanche’s Abwesenheit war ein Plan für die Unterhaltung am Nachmittag entworfen worden. Ein böser Dämon hatte Lady Lundie den Gedanken eingegeben, den Geschmack für mittelalterliche Ruinen in sich zu pflegen und Alles aufzubieten, diesen Geschmack auch unter ihren Gästen zu verbreiten. Sie hatte demgemäß einen Ausflug nach einem alten Grafenschloß in den Bergen vorgeschlagen, das zum Glück für Sir Patrick weit westlich von Craig-Fernie gelegen war. Einige Gäste sollten die Partie zu Pferde machen, andere mit der Wirthin in einem offenen Wagen fahren. Als sich Lady Lundie rechts und links nach Theilnehmern für ihre Partie umsah, hatte ihr nothwendiger Weise das Verschwinden einiger Mitglieder ihres Kreises auffallen müssen. Mr. Delamayn war verschwunden, Niemand wußte wohin. Sir Patrick und Blanche waren seinem Beispiele gefolgt. Bei dieser Entdeckung hatte Lady Lundie nicht ohne Bitterkeit die Bemerkung gemacht, daß, wenn alle Bewohner des Hauses in dieser formlosen Weise mit einander verkehren wollten, man, um Windygates zu einem für seine Bewohner geeigneten Aufenthalt zu machen, nichts Besseres thun könne, als es baldmöglichst in ein Zellengefängniß zu verwandeln. Unter diesen Umständen gab Arnold Blanche zu verstehen, daß sie gut thun würde, sich sobald wie möglich im Hauptquartier zu entschuldigen und den Sitz im Wagen, den ihre Schwiegermutter ihr zugedacht hatte, anzunehmen.

»Wir müssen uns zu den mittelalterlichen Ruinen bequemen, Blanche, und müssen einander beistehen, so gut es gehen will. Wenn Sie im Wagen fahren wollen, thue ich es auch!«

Blanche schüttelte mit dem Kopfe. »Ich habe allerdings triftige Gründe«, sagte sie, »keinen Anstoß zu erregen; ich werde im Wagen fahren, Sie aber dürfen gar nicht mit!«

Arnold sah begreiflicher Weise etwas überrascht aus. Er bat um eine Erklärung.

Blanche ergriff seinen Arm und schmiegte sich an ihn an. Jetzt, wo Anne für sie verloren, war ihr Arnold theurer als je. Sie dürstete förmlich danach, aus seinem eigenen Munde zu hören, wie sehr er sie liebe. Es machte keinen Unterschied, daß sie in diesem Punkt ihrer Sache schon vollkommen gewiß sein konnte. Es war doch gar zu angenehm, wenn er, nachdem er es schon tausend Mal gesagt hatte, es noch einmal sagte. »Und wenn ich nun keine Erklärung hätte«, sagte sie, »würden Sie nicht schon allein mir zu Gefallen zurückbleiben?«

»Ihnen zu Gefallen würde ich Alles thun!«

»Haben Sie mich wirklich so gern?« Sie waren noch im Hofe und die einzigen Zeugen ihres»Gespräches waren die Hunde.

Arnold antwortete ihr in der wortlosen Sprache, die gleichsam die beredteste Sprache der beiden Geschlechter ist.

»Das sollte ich eigentlich nicht erlauben»«, sagte Blanche bußfertig, »aber Arnold ich bin so voll Sorgen und so unglücklich, und es ist ein solcher Trost für mich, zu wissen, »daß Sie sich nicht auch von mir abwenden.«

Nach dieser Einleitung erzählte sie ihm, was in der Bibliothek vorgefallen war. Selbst Blanches Erwartung von der sympathischen Theilnahme ihres Liebhabers wurde noch übertroffen durch die Wirkung, die ihre Erzählung auf Arnold hervorbrachte. Er war nicht nur überrascht und besorgt, sein Gesicht zeigte deutlich, daß er wahrhaft theilnehmend und betrübt war. Noch niemals hatte er so hoch in Blanche’s Achtung gestanden wie in diesem Augenblick.

»Was ist da zu thun«, fragte er, »welche Mittel, sie zu finden, schlägt Sir Patrick vor?«

Blanche wiederholte Sir Patricks Instruction im Betreff des Kreuzwegs, sowie die dringende Nothwendigkeit, die Nachforschung ganz geheim zu halten.

Arnold, der nun von aller Besorgniß, nach Craig-Fernie geschickt zu werden, befreit war, erklärte sich bereit, Alles zu thun, was man von ihm verlange, und versprach das Geheimnis; streng zu bewahren. Sie gingen zusammen in’s Haus und fanden bei Lady Lundie eine eisige Ausnahme.

Lady Lundie wiederholte zum Besten Blanche’s ihre Bemerkung bezüglich der Verwandlung Windygates in ein Zellengefängniß. Sie nahm Arnold’s Bitte, ihn zu entschuldigen, wenn er an der Parthie nach dem Schlosse keinen Theil nehme, mit der steifesten Höflichkeit auf. »O, bitte, machen Sie Ihren Spaziergang, geniren Sie sich durchaus nicht, vielleicht treffen Sie Ihren Freund, Mr. Delamayn der eine solche Leidenschaft für Spaziergänge zu haben scheint, daß er nicht einmal das Ende des zweiten Frühstücks abwarten kann. Was Sir Patrick anlangt —— —— So? Sir Patrick hat sich den Ponywagen anspannen lassen und ist allein spazieren gefahren? Ich hatte wahrhaftig nicht die Absicht, meinen Schwager zu beleidigen, als ich ihm ein Stück von meinem bescheidenen Kuchen anbot. Ich möchte wahrhaftig Niemand beleidigen. Bitte, Blanche, verfüge auch Du über Deinen Nachmittag, ohne Dich im Mindesten um mich zu bekümmern. Es scheint ja Niemand Lust zu haben, nach den Ruinen zu fahren, obgleich sie zu den interessantesten Ueberresten des Mittelalters in Perthshire gehören. Aber gleichviel. Du lieber Gott, Mr. Brinkworth es ist ja ganz einerlei, ich kann ja meine Gäste nicht zwingen, ein vernünftiges Interesse an schottischen Alterthümern zu nehmen. Nein, nein, liebe Blanche! Es ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein, daß ich allein ausfahre. Ich bin sehr gern allein. »Mein Geist ist mir mein Königreich«, wie der Dichter sagt!«

Auf diese Weise machte sich Lady Lundies gekränktes Selbstgefühl Luft, bis ihr berühmter ärztlicher Gast erschien und ihre Aufregung einigermaßen beschwichtigte.

Der Arzt, der innerlich einen wahren Abscheu vor Ruinen hatte, bat um die Erlaubniß, Lady Lundie begleiten zu dürfen. Blanche schloß sich ihm an. Smith und Jones sagten, sie nähmen das lebhafteste Interesse an mittelalterlichen Ruinen und erklärten, sie wollten lieber aus dem Dienersitz ihren Platz nehmen, als von diesem unerwarteten Vergnügen ausgeschlossen bleiben. Nummer Eins, Zwei, Drei wurden angesteckt und erklärten sich bereit, die Escorte zu Pferde zu bilden.

Lady Lundie’s berühmtes Lächeln, dessen stundenlange Dauer »garantirt« war, erschien wieder auf ihrem Antlitz und sie gab ihre Ordres mit vollendeter Liebenswürdigkeit »Wir wollen aber den Fremdenführer mitnehmen«, bemerkte sie und hatte dabei eine erbärmliche kleine Sparsamkeit im Auge, wie man sie nur bei sehr reichen Leuten findet ——, »und sparen damit den Schilling für den Mann, der uns die Ruinen zeigt«. Mit diesen Worten ging sie hinauf, um ihre Toilette für die Ausfahrt zu machen. In ihrem Spiegel sah sie eine vollkommen tugendhafte, bezaubernde und vollendete Frau, die ihr in einem neuen französischen Hute ganz unwiderstehlich entgegenlächelte.

Auf ein ihm von Blanche gegebenes Zeichen schlüpfte Arnold hinaus und begab sich auf seinen Posten: die Stelle, wo sich verschiedene Wege von der nach der Eisenbahnstation führenden Straße abzweigten. An der einen Seite befand sich hier die offene Haide, an der andern die steinerne Mauer und das Eingangsthor eines Pachthofes. Arnold setzte sich auf das weiche Haidekraut nieder zündete sich eine Cigarre an und versuchte es, in das Dunkel des zwiefachen Geheimnisses von Anne’s Erscheinen und Anne’s Flucht Licht zu bringen. Er hatte sich die Abwesenheit seines Freundes so erklärt, wie sein Freund es vorrausgesehen und sich nur denken, daß Geoffrey fortgegangen sei, um eine mit Anne getroffene Verabredung einzuhalten. Miß Silvester’s Erscheinen in Windygates und ihr dringendes Verlangen, die Namen der Herren, die zum Besuch im Hause waren, zu erfahren, schien unter diesen Umständen auf einen einfachen Schluß zu führen, den nämlich, daß die Beiden sich unglücklicherweise verfehlt haben mußten. Aber wie ließ sich Anne’s Flucht erklären? Ob ihr nun ein anderer Ort bekannt war, wo sie Geoffrey vielleicht finden konnte, oder ob sie nach dem Gasthofe zurückgekehrt war, oder ob sie in Folge eines plötzlichen verzweifelten Entschlusses gehandelt hatte, das waren Fragen, die Arnold zu lösen ganz außer Stande war. Es blieb ihm nichts übrig, als zu warten, bis sich eine Gelegenheit bieten würde, das Vorgefallene Geoffrey selbst mitzutheilen. Nach Verlauf einer halben Stunde lenkte das Geräusch eines herannahenden Wagens, das erste geräusch dieser Art, das er vernahm, Arnold’s Aufmerksamkeit auf sich. Er sprang auf und sah den Ponywagen auf dem Wege von der Station her herankommen. Dieses Mal war Sir Patrick genöthigt, selbst zu fahren. Duncan war nicht bei ihm. Als er Arnold gewahr wurde, hielt er an.

»So, so«, sagte der alte Herr, »Sie wissen also vollkommen Bescheid, wie ich sehe. Sie wissen doch, daß die Sache bis auf Weiteres geheim bleiben muß! —— Gut! —— Ist irgend etwas vorgefallen, seit Sie hier sind?«

»Nein, haben Sie eine Entdeckung gemacht, Sir Patrick?«

»Keine! Ich bin vor dem Zuge an der Station angekommen; ich habe Duncan mit dem Auftrage aufzupassen und nicht von der Stelle z gehen, bis der letzte Zug diesen Abend die Station passirt haben würde, zurückgelassen.«

»Ich glaube nicht, daß sie sich auf der Station blicken lassen wird, ich denke mir, sie ist Craig-Fernie zurückgegangen.«

»Sehr möglich! ich bin jetzt auf dem Wege nach Craig-Fernie, um Erkundigungen über sie einzuziehen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort aufgehalten werde oder zu was meine Nachforschungen führen mögen. Sollten Sie Blanche eher wiedersehen, als ich, sagen Sie ihr, daß ich den Bahnhofs-Inspector instruirt habe, falls Miß Silvester sich der Eisenbahn bedienen sollte, mich es wissen zu lassen, wohin sie ihr Billet genommen hat. in Folge dieser Anordnung werden wir nicht darauf zu warten haben, daß Duncan uns, nachdem er sie bis an’s Ziel ihrer Reise verfolgt hat, telegraphirt; inzwischen wissen Sie, was Sie hier zu thun haben?«

»Blanche hat mir alles erklärt.«

»Bleiben Sie auf Ihrem Posten und machen Sie guten Gebrauch von Ihren Augen, daran müssen Sie als Seemann gewöhnt sein. Es ist auch nicht schlimm, ein paar Stunden in dieser köstlichen Sommerluft zuzubringen. Ich sehe, Sie haben sich auch die abscheuliche moderne Gewohnheit des Rauchens angeeignet und das wird sie ohne Zweifel hinreichend unterhalten. Beobachten Sie die Wagen scharf und wenn Miß Silvester auf einem derselben vorüber kommt, machen Sie keinen Versuch sie zurückzuhalten, das dürfen Sie nicht, reden Sie sie an, aber wohlgemerkt in einer ganz harmlosen Weise, um dadurch Zeit zu gewinnen, sich das Gesicht des Mannes, der sie fährt und den etwa auf seinem Wgen stehenden Namen zu merken. Wenn Ihnen das gelingt, haben Sie genug gethan. Pfui! wie Ihre Cigarre die Luft verpestet, wie wird es in Ihrem Magen aussehen, wenn Sie erst einmal so alt sind wie ich.«

»Ich werde allerdings sehr froh sein, wenn ich dann noch einem Diner so viele Ehre erweisen kann wie Sie, Sir Patrick!«

»Dabei fällt mir ein, ich habe eine Bekannte auf der Station getroffen, Hester Dethridge, die ihre Stelle bei uns aufgegeben hat und mit dem Zuge nach London gefahren ist. Jetzt können wir uns darauf gefaßt machen in Windygates nur noch unsern Hunger zu stillen, mit den »Diners« wird es vorbei sein. Jetzt ist es ein für allemal zwischen Herrin und der Köchin vorbei. Ich habe Hester meine Adresse in london aufgegeben und sie gebeten, mich, bevor sie eine andere Stelle annimmt, davon in Kenntniß zu setzen. Ein Frauenzimmer, das nicht redet und das kochen kann, ist ein vollendetes Wesen. Solch’ einen Schatz soll der Familie nicht verloren gehen, wenn ich es verhindern kann. Haben Sie on der Bechamel Sauce beim Frühstück Notitz genommen? Freilich, ein junger Mensch, der Cigarren raucht, weiß keinen Unterschied zwischen einer Bechanel Sauce und geschmolzener Butter zu machen. Guten Abend! Guten Abend!«

Er gab dem Pferde die Peitsche und setzte seine Fahrt nach Craig-Fernie fort.

Langsam verfloß eine ferne Stunde, ohne daß Arnold auf dem Kreuzwege etwas anderes bemerkt hätte als ein paar Fußgänger, einen schweren Lastwagen und in von einem alten Weibe geführtes Wägelchen. Der Unthätigkeit überdrüssig stand er wieder auf und beschloß zur Veränderung einmal im Bereich seines Postens auf- und abzugehen.

Nachdem er dies einige Male wiederholt hatte, gewahrte er bei einem Blick auf die offene Haide einen noch ziemlich weit entfernten, aber ersichtlich auf ihn zukommenden Fußgänger. Einige Augenblicke später glaubte er die Gestalt zu erkennen, noch einen Augenblick, und er war seiner Sache gewiß. Es war unmöglich, sich über die stattliche Erscheinung und die Leichtigkeit der Bewegung dieses Mannes zu täuschen. Es war der Held des bevorstehenden Wettlaufes, es war Geoffrey auf dem Rückwege nach Windygates. Arnold eilte ihm entgegen. Geoffrey blieb stehen, stützte sich auf seinen Stock und ließ Arnold an sich herankommen.

»Hast Du gehört, was im Hause passirt ist?« fragte Arnold. Er wollte noch eine zweite Frage hinzufügen, hielt aber noch zur rechten zeit inne.

Geoffrey’s Gesicht hatte einen entschieden herausfordernden Ausdruck, den Arnold sich durchaus nicht zu erklären wußte. Er sah aus wie Jemand, der jeden Augenblick auf einen Angriff gefaßt und entschlossen ist, denselben mit aller Entschiedenheit von sich abzuwehren.

»Dir scheint etwas Unangenehmes begegnet zu sein.«

»Was ist im Hause los?« fragte Geoffrey in seinem barschesten Tone und mit seinem häßlichsten Blick.

»Miß Silvester ist im Hause gewesen?«

»Wer. hat sie gesehen?«

»Niemand als Blanche.«

»Nun?«

»Sie war entsetzlich schwach und elend, so elend, daß das arme Mädchen in der Bibliothek in Ohnmacht gefallen ist. Blanche brachte sie wieder zu sich..«

»Und was weiter?«

»Wir waren gerade Alle beim Frühstück. Blanche verließ die Bibliothek, um insgeheim mit ihrem Onkel zu reden. Als sie wiederkam, war Miß Silvester fort und keine Spur mehr von ihr zu sehen.«

»War darüber Scandal im Hause?«

»Es weiß Niemand etwas davon außer Blanche —— ——«

»Und Du und viele noch außer Euch?«

»Und Sir Patrick, sonst Niemand.«

»Weiter Niemand? Sonst noch etwas?«

Arnold erinnerte sich seines Versprechens, die augenblicklich in’s Werk gesetzte Nachforschung vor Jedermann geheim zu halten. Geoffrey’s Art und Weise machten ihn geneigter, als er es sonst wohl gewesen wäre, ihn in das allgemeine Verbot mit einzuschließen. »Weder nichts«, antwortete er.

Geoffrey bohrte die Spitze seines Stockes in den weichen Sandboden, heftete seinen Blick auf den Stock, riß denselben dann plötzlich aus dem Boden und sah Arnold scharf in’s Gesicht. »Guten Abend!« sagte er und setzte seinen Weg allein fort.

Arnold aber folgte ihm und hielt ihn zurück. Einen Augenblick sahen sich die beiden Männer, ohne ein Wort zu reden, in die Augen. Arnold begann zuerst wieder:

»Du bist verstimmt, Geoffrey, was hat Dich so aufgeregt? Hast Du Miß Silvester verfehlt?«

Geoffrey schwieg.

»Hast »Du sie gesehen, seit sie Windygates verlassen hat?«

Keine Antwort.

»Weißt Du, wo Miß Silvester jetzt ist?«

Noch immer keine Antwort. Noch immer die stumme herausfordernde Insolenz in Blick und Wesen.

Arnold’s dunkle Gesichtsfarbe fing an, noch dunkler zu werden. »Warum antwortest Du mir nicht?«

»Weil ich genug davon habe!«

»Genug, wovon?«

»Genug davon, mit Miß Silvester gelangweilt zu werden. Miß Silvester ist meine Sache und nicht die Deinige«, sagte Geoffrey.

»Gemach Geoffrey, vergiß nicht, daß ich ohne mein Zuthun in die Sache verwickelt worden bin!«

»Sei nicht bange, daß ich das vergessen habe, Du hast es mir oft genug unter die Nase gerieben!«

»Unter die Nase gerieben?«

»Ja! Wann wirst Du einmal aufhören mir von meinen Verpflichtungen gegen Dich zu reden? Hole der Henker die Verpflichtungen, ich mag nichts mehr davon hören!«

In Arnold schlummerte etwas, was nicht leicht durch die Einfachheit und Gutmüthigkeit seines Wesens hindurch an die Oberfläche trat, war er aber einmal gereizt, nicht leicht wieder zu beschwichtigen war. Dieses Etwas hatte Geoffrey jetzt rege gemacht. »Wenn Du einmal wieder bei Sinnen bist«, sagte er, »so will ich Dich an alte Zeiten erinnert: und Deine Entschuldigungen entgegennehmen. Bis Du aber wieder bei Sinnen bist, gehe Deiner Wege, weiter habe ich Dir nichts zu sagen.«

Geoffrey knirschte mit den Zähnen und trat einen Schritt näher.

Arnold sah ihn mit einem Blick an, in dem die Aufforderung an Geoffrey deutlich und fest ausgesprochen lag, den Streit, wenn er es wagen wolle, obgleich er der Stärkere sei, noch einen Schritt weiter zu führen; die einzige menschliche Tugend, welche Geoffrey respektirte und verstand, war die Tugend des Muthes und diese Tugend stand ihm jetzt gegenüber. Der harte Schurke fand sich an dem einzigen empfindlichen Punkt seines ganzen Wesens getroffen, drehte sich um und ging seines Weges schweigend weiter. Als Arnold sich wieder allein sah, ließ er seinen Kopf auf die Brust sinken. Der Freund, der ihm sein Leben gerettet hatte, der einzige Freund, den er besaß, er, der mit seinen theuersten fröhlichsten und glücklichsten Erinnerungen verknüpft war, hatte ihn gröblich insultirt und hatte ihn mit ruhiger Ueberlegung, ohne den leisesten Ausdruck des Bedauerns zurückgestoßen. Arnold fühlte sich in tiefster Seele gekränkt. Geoffrey’s rasch verschwindende Gestalt wurde bald undeutlich und nebelhaft. Er bedeckte seine Augen mit der Hand, und verbarg mit knabenhafter Scham die heißen Thränen, die seinen Schmerz bezeugten und dem Mann, der sie vergoß, zur Ehre gereichten. Er kämpfte noch mit der Gemüthsbewegung, die ihn überwältigt hatte, als sich auf der Stelle, wo die Wege sich kreuzten, etwas begab. Die vier Wege gingen so genau wie möglich nach den vier Himmelsgegenden auseinander. Arnold befand sich auf dem nach Osten gehenden Wege, da er in dieser Richtung Geoffrey entgegen gegangen war, etwa fünfhundert Schritt von dem Pachthofe entfernt, vor dem er bis dahin Wache gestanden hatte. Der nach Westen führende Weg, der sich hinter dem Pachthofe hinzog, war der Weg nach dem nächsten Flecken. Der nach Süden führende war der nach der Station. Der Weg nach Norden führte nach Windygates zurück. Während Geoffrey noch etwa hundert Schritt von der Biegung entfernt war, die ihn nach Windygates zurückführte und Arnold noch die heißen Thränen in den Auge standen, öffnete sich das Thor des Pachthauses und eine leichte vierräderige Chaise fuhr, von einem Manne gefahren, neben dem ein Frauenzimmer saß, heraus. Dieses Frauenzimmer war Anne Silvester und der Mann war der Eigenthümer des Pachthofes. Statt den Weg einzuschlagen, der nach der Station führte, verfolgte die Chaise den nach dem Marktflecken führenden westlichen Weg. Bei der Verfolgung dieser Richtung mußte der Rücken der fahrenden Personen nothwendigerweise Geoffrey zugekehrt sein, der hinter ihnen von Osten herkam. Er warf einen flüchtigen Blick auf den vor ihm hinfahrenden unansehnlichen kleinen Wagen und bog dann nordwärts in den Weg nach Windygates ab. In dem Augenblick, wo Arnold hinreichend Fassung gefunden hatte, um sich wieder umschauen zu können, war die Chaise gerade in die Biegung eingelenkt, die der Weg hinter dem Pachthofe machte. Seiner übernommenen Verpflichtung vor dem Pachthofe Wache zu halten, getreu, kehrte er um, aber die Chaise war schon zu weit entfernt, sie erschien ihm nur noch wie ein dunkler Fleck und war im nächsten Moment seinem Auge ganz entrückt.

So hatte ein Weib, um uns der Worte Sir Patricks zu bedienen, Schwierigkeiten überwunden, vor denen ein Mann zurückgeschreckt sein würde. So hatte Anne Silvester in ihrer traurigen Lage die Sympathie eines Mannes zu gewinnen gewußt, der ihr an seiner Seite einen Platz in dem Wagen eingeräumt hatte, in welchem er in eigenen Geschäften nach dem Marktflecken fuhr, und so entging sie um eines Haares Breite der sie von drei Seiten bedrohenden Gefahr der Entdeckung, —— von Geoffrey auf seinem Rückwege, von Arnold auf seinem Posten und von dem Kammerdiener auf der Station.



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Sechsundzwanzigstes Kapitel - Auf der Spur

Der Nachmittag verging. Die Dienerschaft in Windygates, die sich in Abwesenheit ihrer Herrin und deren Gesellschaft im Garten sonnte, wurde in dieser Beschäftigung für den Augenblick durch die unerwartete Rückkehr eines der Gäste gestört. Mr. Geoffrey Delamayn erschien allein wieder im Hause, ging direct in’s Rauchzimmer, ließ sich, nachdem er sich wieder eine Portion Ale hatte bringen lassen, in einem Lehnsessel nieder, nahm die Zeitung zur Hand und fing an zu rauchen. Bald war er des Lesens überdrüssig und überließ sich dem Nachdenken über das, was ihm während des letzten Theiles seines Spazierganges begegnet war.

Seine Aussichten hatten sich günstiger gestaltet, als er es sich in seinen kühnsten Erwartungen hatte träumen lassen. Er hatte sich gewappnet, nach dem, was in der Bibliothek vorgefallen war, dem Ausbruche eines ernstlichen Scandals im Hause entgegen zu treten und nun, da er zurückkam, war gar nichts vorhanden, was ihn hätte dazu veranlassen können. Die drei Personen —— Sir Patrick, Arnold und Blanche ——, die zum mindesten wissen mußten, daß Anne sich in einer ernsthaften Verlegenheit befand, bewahrten alle Drei das Geheimniß so sorgfältig, als ob sie fühlten, daß sein Interesse auf dem Spiel stehe und was noch merkwürdiger war, Anne selbst, weit entfernt davon einen Auftritt herbeizuführen, hatte sich vielmehr geflüchtet, ohne ein Wort zu äußern, das ihn bei irgend einem Menschen hätte compromittiren können. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Er gab sich alle erdenkliche Mühe, sich die Sache in irgendeiner Weise zu erklären und fand wirklich eine Erklärung für das Schweigen Blanche’s, ihres Onkels und Arnold’s. Es war ziemlich klar, daß sie alle Drei übereingekommen sein mußten, Lady Lundie nichts davon wissen zu lassen, daß ihre weggelaufene Gouvernante wieder in’s Haus zurückgekehrt sei, aber Anne’s eigenes Schweigen war ihm völlig räthselhaft.

Er war ganz unfähig, sich eine Vorstellung davon zu machen, daß das Entsetzen darüber, sich als ein Hinderniß für Blanche’s Heirath betrachten zu müssen, bei Anne stark genug gewesen sein konnte, um das Gefühl des ihr selbst angethanen Unrechts in den Hintergrund zu drängen und sie, da sie sich nicht anders zu helfen wußte, mit dem Entschlusse fortzutreiben, nicht wieder zurückzukehren und niemals Jemanden Veranlassung zu bieten, sie als Arnold’s Weib zu betrachten. »Die Sache ist mir absolut unerklärlich!«

Das war das Endergebniß von Geoffrey’s Nachdenken. »Aber gleichviel, wenn es in ihrem Interesse liegt, zu schweigen, so liegt es nicht minder in dem meinigen und damit mag die Sache für jetzt ihr Bewenden haben.« Er legte seine Füße auf einen Stuhl und brannte sich, höchst zufrieden mit sich selbst, eine zweite Pfeife an. Keine Dazwischenkunft Anne’s, keine unangenehmen Fragen über sein Verhältniß zu ihr hatte er also von Arnold mehr zu befürchten. Er dachte an den Wortwechsel auf der Haide mit einer gewissen Befriedigung zurück und ließ seinem Freunde, obgleich er sich mit ihm veruneinigt hatte, Gerechtigkeit widerfahren. Wer hätte dem Burschen so viel Courage zugetraut, dachte er bei sich, als er sich seine zweite Pfeife anzündete.«

Nach Verlauf einer Stunde kehrte Sir Patrick von seiner Expedition zurück. Er war nachdenklich, aber durchaus nicht niedergeschlagen, allem Anscheine nach konnte seine Fahrt nach Craig-Fernie nicht erfolglos gewesen sein. Der alte Herr pfiff, vielleicht etwas abwesend, sein schottisches Lieblingslied und nahm seine Prise aus der Krücke seines elfenbeinenen Stockes wie gewöhnlich. Er ging in die Bibliothek und klingelte »Hat Jemand nach mir gefragt?« redete er den eintretenden Diener an.

»Nein, Sir Patrick!«

»Sind Briefe für mich gekommen?«

»Nein, Sir Patrick!«

»Gut!«

»Komm mit mir hinauf und hilf mir meinen Schlafrock und meine Pantoffeln anziehen.«

Nachdem der alte Herr anf seinem Zimmer mit Hülfe des Dieners diesen Toilettenwechsel bewerkstelligt hatte, fragte er weiter:

»Ist Miß Lundie zu Hause?«

»Nein, Sir Patrick! Die Herrschaften sind Alle mit Lady Lundie ausgefahren.«

»Gut! Bringe mir eine Tasse Caffee und wecke mich eine Stunde vor dem Mittagsessen, falls ich einschlafen sollte!«

Der Diener ging hinaus. Sir Patrick legte sich aufs Sopha.

»Ja, ja, ohne ein wenig Rückenschmerz und Steifheit in den Beinen, geht so etwas in unserem Alter nicht mehr ab, dem Pony wird wohl eben so zu Muthe sein, wie mir! Nun, versuchen wir es im Herzen jung zu bleiben!« Resignirt fing er wieder an, sein schottisches Lieblingslied zu pfeifen.

Da trat der Diener mit dem Caffee ein und dann herrschte im Zimmer eine Stille, die nur durch das leise Rauschen des Epheus am Fenster unterbrochen wurde.

Ein paar Minuten brachte Sir Patrick damit zu, seinen Caffee zu schlürfen und über seine letzten Erlebnisse nachzudenken, bis er in einen sanften Schlummer versank!

Kurze Zeit darauf kehrte die Gesellschaft von ihrer Ausfahrt nach den Ruinen zurück. Mit einziger Ausnahme der Frau vom Hause war die ganze Gesellschaft in einer gedrückten Stimmung. Smith und Jones waren völlig sprachlos. Nur Lady Lundie hatten die mittelalterlichen Ruinen heiter gestimmt. Sie hatte den Mann, der die Ruinen zeigte, um einen Schilling betrogen und war sehr zufrieden mit sich. Ihr Stimme war von einem melodischen Flötenton und ihr berühmtes Lächeln spielte huldvoller als je um ihre Lippen.

»Höchst interessant,« sagte Lady Lundie, indem sie mit anmuthiger Würde aus dem Wagen stieg, zu Geoffrey gewandt, der unter dem Porticus des Hauses auf- und abschlenderte. »Sie haben sehr viel verloren. Das nächste Mal, wenn Sie einen Spaziergang machen wollen, lassen Sie es mich wissen und Sie werden es nicht bereuen!«

Blanche, die sehr erschöpft und besorgt aussah, fragte, sobald sie in’s Haus»getreten war, den Diener nach Arnold und ihrem Onkel. Sir Patrick, lautete die Antwort, sei oben auf seinem Zimmer, Mr. Brinkworth sei noch nicht zurückgekehrt.

Es waren nur noch zwanzig Minuten bis zur Tischzeit und die Damen hatten in Windygates in voller Abendtoilette bei der Tafel zu erscheinen. Nichtsdestoweniger verweilte Blanche in der Vorhalle, in der Hoffnung, Arnold, noch ehe sie hinaufging, zusprechen. Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Gerade als es ein Viertel vor sieben schlug, trat Arnold in ebenso gedrückter Stimmung wie die Uebrigen ein.

»Haben Sie sie gefunden?« fragte Blanche.

»Nein,« antwortete Arnold, in vollkommen gutem Glauben. »Sie ist auf keinem der Kreuzwege davon gekommen, dafür stehe ich ein.«

Sie trennten sich, um Toilette zu machen. »Als die Gesellschaft sich vor Tische wieder in der Bibliothek versammelte, ging Blanche, sobald Sir Patrick in’s Zimmer trat, auf ihn zu. »Nachrichten, Onkel? Ich sterbe vor Verlangen nach Nachrichten.

»Ganz gute Nachrichten liebes Kind!«

»Hast Du Anne gefunden?«

»Das gerade nicht!«

»Hast Du in Craig-Fernie von ihr gehört?«

»Ich habe eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht.! Hier kommt Deine Stiefmutter, warte bis nach Tisch und Du sollst mehr hören als ich Dir jetzt sagen kann, bis dahin haben wir Vielleicht Nachrichten von der Station.«

Das Mittagessen war außer für Blanche noch für mindestens zwei Personen eine harte Geduldsprobe. Arnold, der Geoffrey gegenüber saß, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, empfand das veränderte Verhältniß zwischen sich und seinem bisherigen Freunde sehr peinlich. Sir Patrick, der die geschickte Hand Hester Dethridges bei jedem Gerichte vermißte, betrachtete das Mittagessen als eine verlorene Stunde in seinem Leben und war verdrießlich über die Heiterkeit seiner Schwägerin, die ihm unter den obwaltenden Umständen ganz unfaßbar war. Blanche folgt Lady Lundie in den Salon in ungeduldiger Erwartung des Augenblicks, wo die Herren sich von ihrem Wein trennen würden. Ihre Stiefmutter, die, als sie einen neuen Plan zu einer archäologischen Excursion für einen der nächsten Tage entwarf und Blanche’s Ohren taub fand, für ihre gelegentlichen Bemerkungen über, das alte Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war, jammerte mit satyrischer Emphase über die Abwesenheit einer intelligenten weiblichen Gesellschaft und streckte dann ihre majestätische Gestalt auf das Sopha aus, des Augenblicks harrend, wo eine ihrer würdigere Zuhörerschaft aus dem Eßzimmer kommen würde. Es dauerte nicht lange —— so besänftigend wirkt auf uns nach einem guten Diner die Betrachtung mittelalterlicher Antiquitäten, unter dem Einfluß eines guten Gewissens —— und Lady Lundie’s Augen schlossen sich und Lady Lundies Naslöchern entwand sich von Zeit zu Zeit ein Klang, tief wie das gelehrte Wissen Lady Lundie’s, regelmäßig wie ihre Lebensgewohnheiten, ein Klang, der die Vorstellung von Nachtmützen und Schlafzimmern zu erwecken pflegt, den die keines Rangunterschiedes achtende Natur, hoch- wie niedriggebornen Nasen gleichmäßig entlockt, der Klang —— o Wahrheit, welche Ungeheuerlichkeiten zwingst Du uns auszusprechen ——, der Klang des Schnarchens! —— Als Blanche sah, daß sie endlich frei über sich verfügen könne, entfloh sie den melodischen Klängen, die jetzt im Salon ertönten, in unverhohlener Freude über den hörbaren Schlummer, den Lady Lundie genoß. Sie ging in die Bibliothek und blätterte in den dort aufliegenden Romanen ging wieder hinaus und sah von der Vorhalle aus in’s Eßzimmer hinein, ob denn die Herren niemals aufhören würden von Politik zu reden und Wein zu trinken; sie ging auf ihr Zimmer, wechselte ihre Ohrringe und schalt ihre Kammerjungfer, ging wieder hinunter und machte eine beunruhigende Entdeckung. In einem dunkeln Winkel der Vorhalle standen zwei Männer, die, den Hut in der Hand, mit dem Kellermeister flüsterten. Der Kellermeister ließ sie stehen und ging in’s Eßzimmer, kam wieder mit Sir Patrick heraus und winkte die beiden Männer heran. Sie traten aus der Dunkelheit hervor. Es waren der Bahnhof-Inspector Murdoch und der Kammerdiener Duncan. Nachrichten von Anne!

»O, Onkel, laß mich hier bleiben,« bat Blanche.

Sir Patrick zauderte. Es war bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge unmöglich vorauszusagen welch’ betrübende Nachrichten die beiden Männer vielleicht von dem vermißten Mädchen bringen konnten. Duncan’s Rückkehr in Begleitung des Bahnhof-Inspectors sah schlimm aus.

Blanche begriff sofort den Grund des Zauderns ihres Onkels, sie wurde bleich und Umfaßte seinen Arm. »Schick’ mich nicht fort,« flüsterte sie, »ich kann Alles ertragen, nur keinen Aufschub.«

»Heraus damit!« sagte Sir Patrick, indem er die Hände seiner Nichte festhielt »Habt ihr sie gefunden oder nicht?«

»Sie ist mit dem Zuge nach Norden gereist,« erwiderte der Bahnhofs-Inspector, »und wir wissen wohin!«

Sir Patrick athmete auf. Blanche’s Wangen rötheten sich wieder. Aus verschiedenen Gründen fühlten sich Beide gleich sehr erleichtert.

»Ich hatte Dir doch aufgetragen, ihr zu folgen?« sagte Sir Patrick zu Duncan, »Warum kommst Du wieder?«

»Ihr Diener ist nicht zu tadeln«, bemerkte der Bahnhofs-Inspector. »Die Dame ist in Kirkandrew eingestiegen!«

Sir Patrick war überrascht und sah den Bahnhofs-Inspector an. »Ja, ja, die nächste Station, der Marktflecken, unbegreiflich dumm von mir, das ist mir gar nicht eingefallen.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihre Beschreibung der Dame nach Kirkandrew zu telegraphiren.«

»Mr. Murdoch, ich bekenne, daß Sie in diesem Falle der Umsichtigere gewesen sind. Nun?«

»Hier ist die Antwort, Sir Patrick.«

Sir Patrick und Blanche lasen zusammen das Telegramm.

Kirkandrew Zug nach Norden. Sieben Uhr vierzig Minuten Abends. Dame wie die Beschriebene kam. Reisesack in der Hand. Reiste allein zweiter Classe nach Edinburgh.«

»Edinburgh?« wiederholte Blanche, »o, Onkel in einer großen Stadt wie Edinburgh werden wir ihre Spur verlieren.«

»Wir werden sie finden, liebes Kind und Du sollst sehen, wie. Duncan schaffe mir Feder, Dinte und Papier. Mr. Murdoch, Sie gehen nach der Station zurück?

«

»Ja, Sir Patrick!«

»Ich werde Ihnen ein Telegramm mitgeben, das ich Sie sofort nach Edinburgh zu befördern bitte.«

Er schrieb eine sorgfältig überlegte, telegraphische Depesche auf und adressirte dieselbe an den Sheriff von Mid-Lothian. »Der Sheriff ist mein Freund«, erklärte er seiner Nichte, »und ist eben jetzt in Edinburgh. Lange bevor der Zug dort anlangt, wird er diese Beschreibung der Person Miß Silvester’s mit meiner Bitte erhalten, alle ihre Bewegungen sorgfältig überwachen zu lassen. Er verfügt ganz und gar über die Polizei und wird die besten Leute mit der Sache beauftragen. Ich habe ihn um eine telesgraphische Antwort gebeten und bitte Sie, Herr Murdoch, einen besonderen Boten zur Beförderung dieser Antwort an der Station bereit zu halten.«

»Ich danke Ihnen, guten Abend!«

»Duncan, iß zu Abend und mache es Dir bequem; Blanche, liebes Kind, geh’ wieder nach dem Salon und erwarte uns gleich zum Thee, Du sollst noch heute Abend, ehe Du zu Bett gehst, wissen, wo Deine Freundin ist!«

Mit diesen tröstenden Worten kehrte er zu den Herren zurück. Zehn Minuten später erschienen sie im Salon und Lady Lundie, fest überzeugt, daß sie ihre Augen keinen Moment geschlossen habe, weilte mit ihren Gedanken wieder in Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war. Blanche ersah ihre Gelegenheit und nahm ihren Onkel bei Seite.

»Nun halte Dein Versprechen,« sagte sie, »Du hast also eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht, worin besteht sie?«

Sir Patricks Augen wandten sich nach Geoffrey um, der in einem Winkel des Zimmers, in einem Armsessel schlummerte; er schien nicht abgeneigt, mit der Neugierde seiner Nichte zu seinerzeit. »Kannst Du nach der Entdeckung, die wir schon gemeinschaftlich gemacht haben,« sagte er, »nicht warten, liebes Kind, bis wir das Telegramm bekommen?«

»Das ist mir vollkommen unmöglich Das Telegramm kann ja auch erst in ein Paar Stunden hier sein; inzwischen muß ich etwas haben, worüber ich nachdenken kann!« Sie setzte sich auf ein Sopha in dem Geoffrey’s Sessel gegenüberliegenden Winkel und wies auf den leeren Platz neben sich hin. Sir Patrick hatte sein Versprechen gegeben und mußte nun halten. Nach einem zweiten Blick aus Geoffrey nahm er den leeren Platz an der Seite seiner Nichte ein.



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Siebenundzwanzigstes Kapitel - Rückwärts

»Nun!« flüsterte Blanche, indem sie ihre Hand zutraulich auf den Arm ihres Onkels legte.

»Nun?« sagte Sir Patrick mit einem Blick, in welchem ein Funke seines satyrischen Humors erglänzte, »ich stehe im Begriff etwas sehr Unüberlegtes zu thun, einem Mädchen von achtzehn Jahren in einer sehr ernsten Angelegenheit mein Vertrauen zu schenken.«

»Das Mädchen wird sich Deines Vertrauens würdig zeigen, obgleich es erst achtzehn Jahre alt ist!«

»Ich muß die Gefahr laufen, liebes Kind! Deine genaue Bekanntschaft mit Miß Silvester kann mir bei dem nächsten Schritt, den ich zu thun gedenke, von größtem Nutzen sein, aber ich muß Dich vorher auf etwas aufmerksam machen, ich kann Dir nur um den Preis einer großen Ueberraschung für Dich mein Vertrauen schenken. Verstehst Du mich?«

»Ja, ja!«

»Wenn Du Dich nicht völlig beherrschen kannst, so machst Du es mir selbst vielleicht unmöglich, Miß Silvester in Zukunft von Nutzen zu sein. Vergiß das nicht und jetzt bereite Dich auf die Ueberraschung vor. Was habe ich Dir vor Tisch gesagt?«

»Du sagtest, Du habest eine Entdeckung in Craig-Fernie gemacht. Und was hast Du gefunden?«

»Ich habe herausgefunden, daß es eine Person giebt, die alles das, was Miß Silvester Dir und mir vorenthalten hat, weiß und diese Person befindet sich in unserer Nähe, befindet sich in diesem Zimmer.« Er ergriff Blanches Hand, die auf seinem Arm ruhte und drückte sie bedeutungsvoll.

Sie sah ihn an, indem sie einen Ausruf der Ueberraschung mühsam zurückhielt, zögerte, die Augen fest auf Sir Patricks Gesicht geheftet, einen Augenblick, und, entschlossen mit sich kämpfe und faßte sie sich wieder. »Zeige mir die Person!« Sie sprach diese Worte mit einer Selbstbeherrschung die ihr den völligen Beifall ihres Onkels sicherte. Blanche hatte für ein Mädchen ihres Alters Wunder gethan.

»Sieh’ Dich um!« sagte Sir Patrick, »und sage mir, was Du siehst.«

»Ich sehe Lady Lundie am andern Ende des Zimmers mit einer Karte von Perthshire und den schottischen Alterthümern vor sich auf dem Tisch und sehe, daß Alle außer Dir und mir ihr zuhören müssen!«

»Alle?«

Blanche sah sich sorgfältig im Zimmer um und bemerkte in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers Geoffrey, der in diesem Augenblick in seinem Armsessel fest eingeschlafen war. »Onkel, Du meinst doch nicht ——?«

»Das ist der Mann!«

»Mr. Delamayn?«

»Mr. Delamayn weiß Alles!«

Blanche hielt ihres Onkels Arm mechanisch fest und betrachtete den Schlafenden, als ob ihre Augen sich nicht an ihm satt sehen könnten.

»Du erinnerst Dich«, nahm Sir Patrick wieder auf, »daß ich mit Mr. Delamayn damals eine Consultation in der Bibliothek hatte. Ich muß bekennen, liebes Kind, daß Du vollkommen recht hattest, als Du darin etwas Verdächtiges erblicktest, und ich muß mich jetzt vor Dir darüber rechtfertigen, daß ich Dich bis zu diesem Augenblick absichtlich völlig im Dunkeln gelassen habe.«

Nach diesen einleitenden Worten wiederholte er kurz die Begebenheiten des Tages und fügte dann in Gestalt eines Commentars die Schlüsse hinzu, zu welchen ihn diese Begebenheiten geführt hatten. Sir Patrick entschuldigte sich, daß er dieses Alles seiner Nichte vorenthalten habe, damit, daß er davor zurückgeschreckt sei, sie aufzuregen, bis er würde nachweisen können, daß sein Verdacht gegründet sei. Diesen Beweis könne er jetzt erbringen und er habe nun ohne Vorbehalt Blanche sein Vertrauen geschenkt. »So viel, liebes Kind«, fuhr Sir Patrick fort, »zu meiner Rechtfertigung. Jetzt weißt Du so viel wie ich wußte, als ich in Craig-Fernie ankam, und Du bist nun in der Lage den Werth der Entdeckungen, die ich im Gasthofe gemacht, zu würdigen! Hast Du mich bis hierher vollkommen verstanden?«

»Vollkommen!«

»Seht gut, ich fuhr also nach dem Wirthshaus und stelle Dir mich vor, wie ich mit Mrs. Inchbare in ihrem Wohnzimmer eingeschlossen conferirte. Ob mein Ruf darunter leiden wird vermag ich nicht zu sagen, aber auch Mrs. Inchbare’s Erscheinung schützt sie gegen jeden Verdacht. Das war ein schweres Geschäft, liebe Blanche. In meiner ganzen gerichtlichen Praxis ist mir nie ein so sauertöpfischer, schlauer und mißtrauischer Zeuge vorgekommen wie Mrs. Inchbare. Sie würde jeden Menschen, außer einen Advokaten aus der Fassung gebracht haben, aber wir Advokaten haben einen so klassischen Gleichmuth und können die Leute, wenn wir wollen, so herrlich quälen! Kurz mein Kind, Mrs. Inchbare war eine Katze und ich war ein Kater und wußte doch zuletzt mit meinen Klauen die Wahrheit aus ihr herausbringen. Das Ergebniß war wohl der Mühe werth, wie Du siehst. Mr. Delamayn hatte mir einige merkwürdige Umstände beschrieben, die sich in einem Gasthofe zwischen einer Dame und einem Herrn an eben jenem Tage, wo Miß Silvester aus dem Hause verschwand begeben. Und nun merke auf, der Name, den die Dame, nachdem der Herr sie allein in dem Gasthofe zurückgelassen hatte, auf das Drängen der Wirthin, sich ihr zu nennen, angab, war: Mrs. Silvester. Was sagst Du dazu?«

»Sagen? Ich bin außer mir, ich kann es nicht glauben!«

»Eine sehr überraschende Entdeckung, liebes Kind, das läßt sich nicht leugnen. Soll ich mit der Fortsetzung meines Berichts ein wenig warten, bis Du Dich wieder gefaßt hast?«

»Nein, nein, fahre fort, der Mr., der mit Anne war, wer ist er, doch nicht Mr. Delamayn?«

»Nicht Mr. Delamayn!« sagte Sir Patrick. »Wenn über nichts anderes, so habe ich doch darüber völlige Gewißheit erlangt!«

»Gewißheit? Das konnte ja gar nicht zweifelhaft sein. Mr. Delamayn fuhr ja am Tage des Gartenfestes nach London und Arnold begleitete ihn bis zur zweiten Station von hier.«

»Ganz richtig. Aber wie konnte ich wissen, was Mr. Delamayn gethan, nachdem Arnold ihn verlassen hatte? Gewißheit darüber, daß er nicht im Geheimen nach dem Gasthofe zurückgekehrt sei, konnte ich mir nur von Mrs. Inchbare verschaffen!«

»Und wie hast Du Dir diese Gewißheit verschafft?«

»Ich bat Mrs. Inchbare, mir den Herrn, der mit Miß Silvester im Gasthofe gewesen sei, zu beschreiben, und Mrs. Inchbare’s Beschreibung, unbestimmt wie sie ist, reicht doch, wie Du gleich hören sollst, hin, den Mann da, und dabei deutete Sir Patrick auf Geoffrey, der noch immer in seinem Lehnsessel schlafend da saß, von jedem Verdacht zu reinigen. »Er ist nicht der Mann, der Miß Silvester in Craig-Fernie für seine Frau ausgegeben hat. Er hat die Wahrheit gesagt, als er mir den Fall als den eines Freundes bezeichnete.«

»Aber wer ist der Freund«, wiederholte Blanche, »das möchte ich wissen.«

»Ich auch.«

»Erzähle mir genau, lieber Onkel, was Mrs. Inchbare sagte, ich habe mein ganzes Leben mit Anne zugebracht, es muß ein Mann sein, den ich schon einmal irgendwo gesehen habe!«

»Wenn Du herausfinden kannst, auf wen Mrs. Inchbare’s Beschreibung paßt, so bist Du viel klüger als ich. Höre, wie die Wirthin den Mann geschildert hat. Jung, von mittlerer Größe, dunkle Haare, Augen und Teint, angenehmes Temperament, angenehme Art zu reden. Mit Ausnahme des einen Epitheton »jung« paßt keine der erwähnten Bezeichnungen auf die Person des Mr. Delamayn. Soweit haben wir also an Mrs. Inchbare einen sichern Halt, aber wie wollen wir die Person herausfinden auf die die Beschreibung paßt? Es giebt doch mindestens fünfmalhunderttausend Männer in England, die jung, von mitteler Größe, dunkel, von angenehmen Temperament und angenehmer Art zu reden sind. So paßt die Beschreibung vollkommen auf einen der Diener hier.«

»Und auch auf Arnold paßt sie!« sagte Blanche, um noch schärfer zu betonen, wie unbestimmt die Beschreibung sei.

»Jawohl, auch auf Arnold«, wiederholte Sir Patrick der ihrer Meinung war.

Kaum hatten sie diese Worte gesprochen, als Arnold selbst erschien und, sich Sir Patrick mit einem Spiel Karten näherte.

In dem Moment, wo sie Beide die Wahrheit errathen hatten, ohne eine Ahnung davon zu haben, stand vor ihren Augen, die unfähig waren ihn zu erkennen, der Mann, der Anne Silvester im Gasthofe zu Craig-Fernie für seine Frau ausgegeben hatte. O, der unberechenbaren Laune des Zufalles, der unbarmherzigen Ironie des Schicksals. Alle Drei standen in diesem Augenblicke am Rande eines Abgrundes, Zwei von ihnen lächelnd über einen komischen Zufall, der Dritte ein Spiel Karten mischend.

»Wir sind endlich mit den schottischen Alterthümern fertig«, sagte Arnold, »und wir wollen Whist spielen, Sir Patrick, nehmen Sie eine Karte?«

»Zu bald nach Tisch für mich, lieber Junge, spielt den ersten Robber ohne mich und dann fordert mich wieder auf.« Beiläufig fügte er hinzu: »Bis nach Kirkandrew hat man Miß Silvester’s Spur verfolgt. Wie kommt es, daß Sie sie nicht haben vorüber kommen sehen?«

»Sie kann nicht bei mir vorüber gekommen sein, sonst hätte ich sie gesehen!« —— Nachdem er sich so gerechtfertigt hatte, wurde er von den Whistspielern am andern Ende des Zimmers, die ungeduldig auf seine Karten warteten, zurückgerufen.

»Wovon sprachen wir noch, als er uns unterbrach?« fragte Sir Patrick.

»Von dem Mann, Onkel, der mit Miß Silvester im Gasthofe war.«

»Es ist unnütz, dem weiter nachzuforschen liebes Kind, so lange wir dafür keinen bessern Anhalt haben, als Mrs. Inchbare’s Beschreibung.«

Blanche sah wieder nach dem schlafenden Geoffrey hinüber. »Und er weiß es!« sagte sie, »es ist zum Tollwerden, dies Unthier zu sehen, wie es im Lehnstuhl da schnarcht.«

Sir Patrick warnte sie mit erhobenem Finger.

Ehe sie ein Wort weiter hatten wechseln können, wurden sie durch eine neue Unterbrechung zum Schweigen gebracht. Die Whist-Partie bestand aus Lady Lundie und dem Arzt die als Partner gegen Smith und Jones spielten. Arnold saß hinter dem Arzt und ließ sich eine Lection im Spiel geben. Nummer Eins, Zwei, Drei, die so für ihre Unterhaltung auf sich selbst angewiesen waren, dachten sehr natürlich an’s Billard und näherten sich, als sie entdeckten, daß Geoffrey in der Ecke eingeschlafen sei, seinem Sessel, um ihn mit der vollkommen hinreichenden Entschuldigung einer »Poule« in seinem Schlafe zu stören.

Geoffrey ermunterte sich, rieb sich die Augen und sagte noch schlaftrunken »Gut ich komme.« Im Aufstehen warf er einen Blick nach der gegenüberligenden Ecke, wo Sir Patrick und seine Nichte saßen. Blanche’s Selbstbeherrschung war, so sehr sie sich bemühte, dieselbe zu behaupten, doch nicht stark genug, sie zu verhindern, ihre Augen mit einem Ausdruck auf Geoffrey zu richten, der das peinliche Interesse, das sie an ihm nahm, verrieth. Er war von Etwas in dem Blick, mit dem das junge Mädchen ihn ansah, von Neuem frappirt und stand still. »Ich bitte um Verzeihung, wünschen Sie mich zu sprechen?«

Blanche athmete tief, ihr Onkel kam ihr zu Hülfe. »Miß Lundie und ich hoffen, daß Sie gut geschlafen haben«, sagte Sir Patrick scherzend, das ist Alles!«

»So?! Weiter nichts«, erwiderte Geoffrey, noch immer Blanche ansehend, »ich bitte nochmals um Verzeihung, verwünscht lange Spaziergänge und verwünscht langes Mittagessen —— und die Folgen davon: —— ein Nachmittagsschlaf!«

Sir Patrick faßte ihn scharf in’s Auge. Es war klar, daß es ihn wirklich in Verwirrung versetzt hatte, sich mit besonderer Aufmerksamkeit von Blanche betrachtet zu sehen.

»Ich komme mit Euch in’s Billardzimmer«, sagte er leichthin und folgte seinen Kameraden zum Zimmer hinaus, wie gewöhnlich, ohne auf eine Antwort zu warten.

»Nimm Dich in Acht!« sagte Sir Patrick zu seiner Nichte, »der Mensch ist scharfsichtiger als er aussieht, wir machen einen groben Fehler, wenn wir ihm gleich im Beginn Veranlassung geben, auf seiner Huth zu sein.«

»Es soll nicht wieder geschehen«, erwiderte Blanche, »aber zu denken, daß dieser Mensch Anne’s Vertrauen besitzt und daß ich es nicht besitze!«

»Seines Freundes Vertrauen wolltest Du sagen, liebes Kind, und wenn wir es nur vermeiden, seinen Argwohn zu erregen, wer weiß was er noch thun und sagen wird, um uns über die Person seines Freundes aufzuklären.«

»Aber er geht morgen wieder zu seinem Bruder zurück! Das hat er selbst bei Tische gesagt.«

»Um so besser, so kommt er nicht wieder in den Fall, sonderbare Dinge in dem Gesichte einer jungen Dame zu lesen. Seines Bruders Haus ist nicht weit von hier und ich bin sein juristischer Rathgeber. Nach meinen Erfahrungen ist er mit seinen Consultationen mit mir noch nicht zu Ende und wird mich das nächste Mal etwas mehr wissen iassen. Soviel über unsere Chance, durch Mr. Delamayn auf die rechte Spur geführt zu werden, wenn wir auf keine andere Weise dahin gelangen können. Das ist aber nicht unsre einzige Chance, das vergiß nicht, ich habe Dir noch etwas über Bishopriggs und den verlorenen Brief zu erzählen.«

»Ist der Brief gefunden?«

»Nein, davon habe ich mich überzeugt, ich habe unter meinen Augen darnach suchen lassen, der Brief ist gestohlen, Blanche, und Bishopriggs hat ihn. Ich habe Mrs. Inchbare ein Billet an ihn übergeben. Der alte Spitzbube wird schon jetzt von den Besuchern des Gasthofes vermißt, grade wie ich Dir vorhergesagt habe; seine Prinzipalin empfindet es schwer, daß sie so thöricht gewesen ist, ihre schlechte Laune an ihrem Oberkellner auszulassen, sie giebt natürlich Miß Silvester die ganze Schuld an dem Streite. Bishopriggs vernachlässigte alle Gäste, um Miß Silvester zu bedienen. Bishopriggs wurde unverschämt, als ihm darüber Vorstellungen gemacht wurden, und Miß Silvester ermunterte ihn und so weiter. Die Sache wird so verlaufen, daß jetzt, wo Miß Silvester fort ist, Bishopriggs vor Ende des Herbstes wieder nach Craig-Fernie zurückkommt. Wir segeln mit der Fluth und gutem Winde, liebes Kind, komm und lerne Whist spielen.« Er stand auf, um nach den Kartentisch zu gehen. Blanche hielt ihn zurück.

»Du hast mir Eines noch nicht gesagt«, bemerkte sie, wer der Mann auch gewesen sein mag, ist Anne verheirathet?«

»Wer der Mann auch sein mag, jedenfalls thäte er besser, keinen Versuch zu machen, eine Andere zu heirathen!«

So that die Nichte unbewußt die Frage und so gab der Onkel unbewußt die Antwort, die das ganze künftige Glück oder Weh Blanches in sich faßte. »Der Mann«, in wie leichtern Tone sie Beide von dem Manne sprachen! Wird sich denn nichts ereignen, um den leisesten Argwohn in ihrem oder in Arnold’s Gemüth zu erwecken, daß Arnold selbst der Mann war?

»Du willst also damit sagen, daß sie verheirathet ist?« fragte Blanche!«

»Ich gehe nicht so weit.«

»Also meinst Du, daß sie nicht verheirathet ist?«

»So weit gehe ich auch nicht!«

»O, Ihr Juristen!«

»Es ist zum Toll werden, nicht wahr, liebes Kind? Ich kann Dir als Jurist sagen, daß sie nach meiner Ansicht gute Gründe hat, dabei zu beharren, wenn sie ihre Rechte als Frau jenes Mannes geltend machen will. Das wollte ich mit meiner Antwort sagen und bevor wir mehr wissen, ist das Alles, was ich sagen kann.«

»Und wann sollen wir mehr erfahren, wann bekommen wir das Telegramm?«

»Erst in einigen Stunden. Nun komm und lerne Whist spielen.«

»Ich möchte lieber mit Arnold sprechen, Onkel, wenn Du nichts dagegen hast.«

»Durchaus nicht, aber sprich nicht mit ihm von Dem, was ich Dir heute Abend gesagt habe, vergiß nicht, daß er und Mr. Delamayn alte Kameraden sind; er möchte seinem Freunde erzählen, was sein Freund besser nicht weiß. Ist es nicht traurig, daß ich Deinem jungen Gemüthe solche Lehren der Doppelzüngigkeit einimpfen muß? Ein weiser Mann hat einmal gesagt, je älter Jemand wird, desto schlechter wird er. Der weise Mann, liebes Kind, hatte mich dabei im Sinne und hatte vollkommen Recht.«

Er milderte den Schmerz über dieses Bekenntniß durch eine Prise und trat an den Whisttisch, um zu warten, bis der Robber zu Ende sei und er seinen Platz am Spieltisch würde einnehmen können.



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Achtundzwanzigstes Kapitel - Vorwärts

Blanche fand ihren Verlobten so aufmerksam wie immer gegen ihre leisesten Wünsche, aber nicht so gut aufgelegt wie gewöhnlich. Er entschuldigte seine Niederschlagenheit mit Ermüdung durch langes Auf- und Abgehen auf den Kreuzwegen. So lange noch irgend eine Hoffnung für eine Versöhnung mit Geoffrey vorhanden war, wollte er Blanche von Dem, was am Nachmittage vorgefallen war, nichts erzählen. Die Hoffnung wurde schwächer und schwächer, je weiter der Abend vorrückte Arnold schlug absichtlich einen Besuch im Billardzimmer vor und betheiligte sich mit Blanche an dem Spiel, um Geoffrey eine Gelegenheit zu geben, die wenigen freundlichen Worte zu sagen, deren es bedurft hätte, um sie wieder zu Freunden zu machen. Aber Geoffey sprach diese Worte nicht, er ignorirte beharrlich Arnold’s Anwesenheit im Zimmer. Am Spieltisch schien die Whistpartie kein Ende nehmen zu wollen Lady Lundie, Sir Patrick und der Arzt, waren alle alte, geübte, einander gewachsene Spieler.

Smith und Jones wurden abwechselnd als vierter Mann mit zum Spiel hingezogen, wie sie sonst anch den vierten Mann bei der Unterhaltung abzugeben pflegten; dieselbe sichere und bescheidene Mittelmäßigkeit characterisirte das Auftreten dieser beiden Herren in allen Angelegenheiten des Lebens.

Es wurde beinahe Mitternacht. In Windygates ging man spät zu Bett und stand spät auf. Unter diesem gastlichen Dache trieben keine zudringlichen Winke in Gestalt von Bettleuchtern, die mit tugendhafter Ostentation auf einem Seitentische prangten, den Gast aus sein Zimmer, keine widerwärtige Glocke läutete ihn am nächsten Morgen rücksichtslos aus seinem Schlafe und bestand darauf, daß er zu einer bestimmten Stunde frühstückte. Das Leben ist wahrhaftig schon ohnehin schwer genug, man braucht es nicht unnöthiger Weise durch die Grausamkeit des absoluten Regiments einer Glocke noch schwerer zu machen.

Es war ein Viertel nach zwölf Uhr, als Lady Lundie sich mit freundlicher Miene und der Bemerkung vom Whisttisch erhob: »Einer müsse wohl mit dem guten Beispiele des zu Bettgehens vorangehen.«

Sir Patrick und Smith, der Arzt und Jones beschlossen, noch einen Robber zu machen. Blanche zog sich zurück noch während Lady Lundie im Zimmer war, erschien aber wieder, sobald sie ihre Stiefmutter sicher in den Händen ihrer Kammerfrau wußte. Niemand folgte dem Beispiel der Frau vom Hause als Arnold; er verließ das Billardzimmer mit der traurigen Gewißheit, daß es zwischen ihm und Geoffrey vollkommen aus sei. Selbst Blanche’s Anziehungskraft war an diesem Abend nicht stark genug, ihn noch länger zurückzuhalten, er ging auf sein Zimmer.

Es war nach ein Uhr, als der letzte Robber zu Ende war; die Herren rechneten mit einander ab, der Arzt schlenderte in’s Billardzimmer und Smith und Jones folgten ihm dahin. Da endlich erschien Duncan mit dem Telegramm in der Hand. Blanche wandte das Auge von dem schönen, stillen Herbst-Mondlichte, das sie an’s Fenster gelockt hatte ab, und sah ihrem Onkel über die Schulter, während er das Telegramm öffnete. Sie las die erste Zeile und das war genug. Das ganze Gebäude von Hoffnungen, das sie auf dieses Stück Papier gebaut hatte, fiel in einem Moment zusammen.

Der Zug war von Kirkandrew zur gewöhnlichen Zeit in Edinburgh eingetroffen, jeder ankommende Passagier war von der Polizei beobachtet worden, aber es war keine Person unter ihnen gewesen, die der von Anne gegebenen Beschreibung entsprochen hätte. Sir Patrick wies auf die beiden letzten Sätze des Telegramms hin: »Erkundigungen sind nach Falkirk telegraphirt, wenn mit Erfolg, werden Sie benachrichtigt.« »Wir müssen das Beste hoffen, Blanche, offenbar vermuthen sie, daß sie an der Verbindungsstation der beiden Eisenbahnen ausgestiegen ist, um der Verfolgung durch den Telegraphen zu entgehen. Da hilft nun nichts, geh’ zu Bett liebes Kind, geh’ zu Bett!«

Blanche küßte ihren Onkel schweigend und ging fort, das fröhliche junge Gesicht hatte bei dieser Nachricht einen Ausdruck von hoffnungsloser Trauer angenommen, den der alte Herr noch nie an ihr beobachtet hatte. Der Abschiedsblick seiner Nichte lastete noch peinlich auf ihn« als er schon auf seinem Zimmer war und mit Hülfe des treuen Dieners seine Nachttoilette machte.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Duncan, ich mag es Miß Lundie nicht sagen, aber ich fürchte sehr, die Gouvernante hat uns getäuscht!«

»Sehr wahrscheinlich, Sir Patrick, das arme junge Fräulein sieht ganz betrübt darüber aus!«

»Das hast Du auch bemerkt, nicht wahr? Siehst Du, sie hat ihr ganzes Leben mit Miß Silvester zugebracht und sie sind immer die zärtlichsten Freundinnen gewesen; mich quält die Sache wegen meiner Nichte, Duncan, ich fürchte, diese Enttäuschung wird einen schlimmen Einfluß aus sie ausüben!«

»Sie ist ja jung, Sir Patrick!«

»Ja mein Freund, sie ist jung, aber junge Menschen haben, wenn etwas an ihnen ist, warme Herzen, die winterliche Kälte ist bei ihnen, noch nicht eingekehrt, Duncan, und sie empfinden leidenschaftlich.«

»Ich glaube, es sind doch gute Gründe zu der Hoffnung vorhanden, daß Miß Lundie die Sache leichter verwinden wird, als Sie glauben.«

»Was für Gründe?«

»Ein Mann in meiner Stellung darf kaum wagen über eine so delikate Sache, wie diese, seine Meinung grade heraus zu sagen, Sir Patrick.«

Sir Patrick brauste auf und erwiderte halb im Ernst, halb im Scherz: »Soll das ein Hieb gegen mich sein altes Brummeisen? Bin-ich nicht so gut Dein Freund wie Dein Herr? Bin ich der Mann, der irgend einen seiner Mitmenschen von sich entfernt hält? Ich verachte das Geschwätz des modernen Liberalismus, und dennoch habe ich mein Leben lang gegen die inhumane Trennung der Stände in England protestirt. Wir sind in dieser Beziehung, so sehr wir auch mit unseren nationalen Tugenden prahlen, das unchristlichste Volk der civilisirten Welt.«

»Wie belieben Sir Patrick?«

»Gott steh« mir bei, ich glaube gar, ich rede mitten in der Nacht Politik, das ist Deine Schuld, Duncan, warum wirfst Du mir meinen Stand vor? Weil ich meine Nachtmütze nicht bequem aufsetzen kann, ehe Du mir das Haar gebürstet hast? Ich habe nicht übel Lust über Dich herzufallen und Dir auch einmal das Haar zu bürsten. Ja, ja, ich bin besorgt wegen meiner Nichte, und das macht mich nervös und reizbar, das ist das Ganze. Nun lasse mich einmal hören, was Du in Betreff von Miß Lundie zu sagen hast, bürste mir aber das Haar dabei weiter und schwatze kein dummes Zeug!«

»Ich wollte mir erlauben Sie daran zu erinnern, Sir Patrick, daß Miß Lundie noch ein anderes Interesse im Leben hat, dem sie sich widmen könnte. Wenn diese Angelegenheit mit Miß Silvester ein schlechtes Ende nimmt —— und ich muß bekennen, es fängt an auszusehen, als ob es das wolle —— so würde ich an Ihrer Stelle die Heirath meiner Nichte beschleunigen und sehen, ob sie das nicht trösten würde.«

Sir Patrick zuckte unter der sanften Zucht der Haarbürste Duncan’s. Das ist sehr verständig gesprochen«, sagte der alte Herr. »Duncan, Du bist, was ich einen hellen Kopf nenne. Gut, wenn das Schlimmste zum Schlimmen kommt, ist Dein Rath wohl der Ueberlegung Werth, Du alter treuer Freund!«

Es war nicht das erste Mal, daß Duncan’s schlichter, guter Verstand seinem Herrn einen neuen Gedanken eingegeben hatte, aber noch nie im Leben hatte er solches Unheil angerichtet, unbewußt und unschuldiger Weise wie eben in diesem Augenblick. Es wurde die Veranlassung daß Sir Patrick mit der verhängnißvollen Idee zu Bett ging, die Heirath Blanche’s mit Arnold zu beschleunigen.

Die Situation in Windygates fing jetzt, wo allem Anschein nach jede Spur von Anne verloren war, an, kritisch zu werden. Die einzige Chance für eine Entdeckung von Arnold’s Lage beruhte aus der Möglichkeit, daß ein Zufall im Verlauf der Zeit die Wahrheit enthüllen möchte.

So standen die Dinge als Sir Patrick beschloß, wenn im Laufe der Woche nichts vorfallen sollte, was geeignet wäre Blanche#s Besorgnisse zu heben, die Hochzeit, die ursprünglich auf das Ende des Herbstes festgesetzt war, in der ersten Hälfte des kommenden Monats feiern zu lassen.

Der nächste Morgen wurde denkwürdig dadurch, daß Blanche an demselben eine unvorsichtige Handlung beging, welche noch eine von den Chancen der Entdeckung, die vor dem Eintreffen der Edinburgher Depesche vorhanden gewesen war, vernichtete. Sie hatte eine schlaflose Nacht gehabt, sie war körperlich und geistig fieberhaft erregt gewesen und hatte die ganze Nacht an nichts als an Anne denken können. Bei Tagesanbruch vermochte sie diese innere Unruhe nicht länger zu ertragen, sie hatte die Herrschaft über sich verloren, ihre natürlichen Impulse leiteten sie widerstandslos; sie stand mit dem Entschluß auf, Geoffrey nicht aus dem Hause zu lassen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, aus ihm herauszubringen, was er über Anne wußte. Sie beging nichts Geringeres, als einen offenen Verrath an Sir Patrick, wenn sie auf diese Weise auf ihre eigene Verantwortlichkeit handelte; sie wußte, daß es Unrecht sei, sie schämte sich ihres Thuns, aber der Dämon der die Frauen gerade in den kritischen Momenten ihres Lebens beherrscht, hatte von ihr Besitz ergriffen und sie that es.

Geoffrey hatte seine Arrangements so getroffen, daß er in der Frühe allein frühstücken, die wenigen Meilen nach seines Bruders Haus zu Fuß zurücklegen und sein Gepäck im Laufe des Tages von einem Diener abholen lassen wollte; er hatte bereits seinen Hut aufgesetzt und stand in der Vorhalle, in seiner Tasche nach seinem zweiten Ich, seiner Tabackspfeife, suchend, als Blanche plötzlich aus idem Morgenzimmer trat und sich zwischen ihn und die Hausthür stellte.

»Schon so früh auf — wie?« sagte Geoffrey. »Ich bin im Begriff zu meinem Bruder zu gehen!«

Sie antwortete nichts. »Er sah ihr schärfer in’s Gesicht; die Augen des Mädchens suchten in den seinigen zu lesen und sie ging dabei mit einer Offenheit zu Werke, welche es selbst für seine Denkungsart unmöglich machte, ihrem Versuche ihn zurückzuhalten, schlechte Motive unterzulegen.

»Haben Sie einen Auftrag für mich?« fragte er.

Jetzt antwortete sie. »Nein, ich habe Sie etwas zu fragen.«

Er lächelte freundlich und öffnete seinen Tabacksbeutel; er war nach seiner Nachtruhe frisch und stark, gesund und schön und in der besten Laune.

»Nun»sagte er, »was steht zu Ihren Diensten?«

»Sie legte ihm absichtlich, um ihn zu überraschen, ihre Frage ohne ein einleitendes Wort vor. »Mr. Delamayn«, sagte sie, »wissen Sie, wo Anne Silvester sich in diesem Augenblick befindet?«

Er war eben im Begriff seine Pfeife zu stopfen und verschüttete dabei etwas Taback auf den Boden. Anstatt sofort zu antworten, las er erst den verschütteten Taback auf und erwiderte dann mit verdrossener Sicherheit kurz: »Nein!«

»Wissen Sie nichts von ihr?«

Er beschäftigte sich beharrlich mit dem Stopfen seiner Pfeife. »Nein, nichts!«

»Auf Ihr Ehrenwort als Gentleman?«

»Auf mein Ehrenwort als Gentleman.« Er steckte seinen Tabacksbeutel wieder in die Tasche, der Ausdruck seines schönen Gesichtes war so hart wie Stein, seine klaren blauen Augen schienen eine Welt von Mädchen herausfordern zu wollen, in seinen Gedanken zu lesen. »Sind Sie zu Ende, Miß Lundie?« fragte er, indem er plötzlich in den Ton und die Manieren einer scherzhaften Höflichkeit überging.

Blanche sah, daß die Sache hoffnungslos sei und daß sie durch ihr unüberlegtes Handeln ihr eigenes Interesse gefährdet habe. Vorwurfsvoll traten ihr jetzt, wo es zu spät war, die warnenden Worte Sir Patricks vor die Seele: »Wir begehen einen großen Fehler, wenn wir ihn gleich im Beginn in die Lage setzen, auf feiner Huth zu sein.« Es blieb ihr nichts übrig, als zu antworten: »Ja, ich bin zu Ende.«

»Jetzt ist die Reihe an mir«, sagte Geoffrey, »Sie wünschen zu wissen, wo Miß Silvester ist, warum fragen Sie mich das?«

Blanche that Alles, was sie konnte, um den von ihr begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie hielt Geoffrey soweit entfernt von der Wahrheit, wie er sie davon entfernt gehalten hatte. »Ich habe zufällig erfahren«, erwiderte sie, »das Miß Silvester den Ort, an dem sie sich bisher aufgehalten hatte, ungefähr um die Zeit, als Sie gestern spazieren gingen, verlassen hat und ich dachte, Sie wären ihr vielleicht begegnet!«

»O, deshalb fragen Sie mich —— deshalb?« erwiderte Geoffrey lächelnd.

Dieses Lächeln war Blanche ein Stich in’s Herz. Sie machte eine letzte Anstrengung, sich zu beherrschen, bevor ihre Entrüstung die Oberhand gewann. »Ich habe nichts mehr zu sagen, Mr. Delamayn!« Mit diesen Worten kehrte sie ihm den Rücken und ging wieder in’s Morgenzimmer.

Geoffrey stieg die Haustreppe hinunter, indem er sich seine Pfeife anzündete. Er war nicht im Mindesten um eine Erklärung des Vorgefallenen verlegen, er nahm ohne Weiteres an, daß Arnold eine niedrige Rache für sein Benehmen vom vorigen Tage an ihm geübt und das ganze Geheimniß seiner Sendung nach Craig-Fernie an Blanche verrathen habe. Die Sache würde demnächst ohne Zweifel Sir Patrick zu Ohren kommen und Sir Patrick würde dann die erste Person sein, die Arnold über seine Stellung zu Anne aufklären würde; desto besser! Sir Patrick würde ein vortrefflicher Zeuge sein, auf den man sich berufen könne, wenn der Scandal ausbrechen sollte und wenn die Zeit gekommen sein würde, Anne’s Ansprüche an ihn, als die einer unverschämten Betrügerin, die bereits mit einem andern Manne verheirathet sei, zurückzuweisen. Er rauchte ruhig weiter und ging leichten und festen Schrittes seines Weges zu seinem Bruder.

Blanche blieb allein in dem Morgenzimmer zurück. Die Aussicht, durch das, was Geoffrey bei seiner nächsten Consultation Sir Patricks demselben vielleicht mittheilen würde, hinter die Wahrheit zu kommen, hatte sie in diesem Augenblick selbst vernichtet. In der Verzweiflung setzte sie sich an’s Fenster; von hier aus schweifte ihr Blick über die kleine Seitenterrasse, die Annes Lieblingsspaziergang in Windygates gewesen war. Mit müden Augen und wundem Herzen blickte das arme Kind auf den traulichen Platz und fragte sich mit einer bittern Reue, die zu spät kam, ob sie nicht selbst die letzte Chance, Anne zu finden, vernichtet habe. Ruhig blieb sie am Fenster sitzen, bis die Morgenstunden verflossen waren und der Postbote kam. Noch bevor der Diener den Briefbeutel in Empfang nehmen konnte, war sie schon in der Halle, um denselben entgegen zu nehmen; durfte sie hoffen, daß der Beutel Nachrichten von Anne enthielt?« »Sie durchsuchte die Briefe und ihr Blick fiel plötzlich auf einen an sie adressirten Brief, er trug das Postzeichen von Kirkandrew und war von Anne’s Hand adressirt. Sie riß den Brief auf und las wie folgt: »Ich habe Dich für immer verlassen, Blanche, Gott segne und belohne Dich, und Gott mache Dich zu einer glücklichen Frau. So grausam ich Dir auch erscheinen mag, geliebte Freundin, bin ich Dir doch nie eine so treue Schwester gewesen, wie in diesem Augenblick. Ich kann Dir nur so viel und darf Dir nicht mehr sagen; vergieb mir und vergiß mich, von heute an scheiden sich unsere Lebenswege für immer! —— —— ——«

Sir Patrick, der zur gewöhnlichen Stunde zum Frühstück gekommen war, hatte Blanche, die sonst um diese Zeit am Frühstückstische erschien, um ihm Gesellschaft zu leisten, vermißt; das Zimmer war leer, die übrigen Gäste des Hauses waren mit ihrem Frühstück bereits fertig. Sir Patrick liebte es nicht, dasselbe allein einzunehmen; er schickte Duncan mit einer Botschaft an Blanche’s Kammerjungfer. Die Kammerjungfer erschien: »Miß Blanche sei nicht im Stande, ihr Zimmer zu verlassen, sie lasse ihren Onkel bestens grüßen und ihn bitten, den beifolgenden Brief zu lesen.« —— Sir Patrick öffnete den Brief und las, was Anne an Blanche geschrieben hatte. Er wartete ein wenig und dachte mit offenbar peinlichen Empfindungen über das nach, was er eben gelesen hatte, dann öffnete er seine eigenen Briefe und überflog rasch die Unterschriften. Es war kein Brief darunter von seinem Freunde, dem Sheriff von Edingburgh und keine Mittheilung von der Eisenbahn in Gestalt eines Telegrammes. Er hatte sich in der Nacht entschlossen, bis zu Ende der Woche zu warten, bevor er in der Angelegenheit von Blanche’s Heirath einen Schritt thäte. Die Ereignisse des Morgens bestimmten ihn, keinen Tag länger zu säumen. Duncan kam und blieb im Frühstückszimmer, um seinem Herrn den Kaffee zu serviren. Sir Patrick schickte ihn mit einer zweiten Botschaft fort. »Weißt Du, wo Lady Lundie ist?«

»Ja, Sir Patrick!«

»Meine Empfehlung an Lady Lundie, wenn sie nicht anderweitig beschäftigt wäre, würde es mir angenehm sein, sie in einer Stunde allein sprechen zu können.«



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Neunundzwanzigstes Kapitel - Aufgegeben

Sir Patrick verbrachte eine unbehagliche Frühstücksstunde, Blanche’s Abwesenheit war ihm verdrießlich und Anne Silvester’s Brief gab ihm zu denken. Er las die kurzen Zeilen wieder und wieder. Der wahre Sinn des Briefes konnte nur der sein, daß Anne entschlossen war, sich durch ihre Flucht für das Glück Blanches zu Opfern. Um demselben nicht im Wege zu stehen, hatte sie sich für immer von Blanche getrennt. Was bedeutete das und wie ließ es sich mit Anne’s Lage vereinigen, wie Mrs. Inchbare während seines Besuches in Craig-Fernie sie ihm geschildert hatte? Der ganze Scharfsinn und die ganze Erfahrung Sir Patrick’s reichten nicht hin, ihm auch nur den Schatten einer Antwort auf diese Frage« an die Hand zu geben. Während er noch über den Brief nachdachte, traten der Arzt und Arnold zusammen in’s Frühstückszimmer.

»Haben Sie schon von Blanche gehört?« fragte Arnold aufgeregt.

»Sie ist in keiner Gefahr, Sir Patrick, das Schlimmste ist vorüber«, fiel der Arzt ein, noch bevor Sir Patrick sich an ihn wenden konnte. »Das Interesse, das Herr Brinkworth an der jungen Dame nimmt läßt ihn die Sache ein wenig übertreiben. Ich habe auf Lady Lundies Bitte Miß Blanche besucht und ich kann Sie versichern, daß augenblicklich nicht die geringste Ursache zur Besorgniß vorhanden ist; Miß Lundie hat einen nervösen Anfall gehabt, der dem einfachsten Hausmittel gewichen ist. Die einzige Sorge, die Ihnen aus diesem Zustande erwächst, betrifft ihre künftige Behandlung, ihr Gemüth ist offenbar von einem Schmerz afficirt, den zu lindern und zu beseitigen nicht meine, sondern die Sache ihrer Freunde ist. Wenn Sie ihre Gedanken von dem peinlichen Gegenstand, der sie beschäftigt, welcher Art er auch immer sein möge, ablenken, so thun Sie Alles was nöthig ist.«

Mit diesen Worten ergriff der Arzt eins auf dem Tisch liegendes Zeitungsblatt und schlenderte damit in den Garten, indem er Sir Patrick und Arnold allein zurückließ.

»Haben Sie das gehört?« sagte Sir Patrick.

»Glauben Sie, daß er Recht hat?« fragte Arnold.

»Recht? Glauben Sie, daß Jemand durch falsche Diagnosen seine Berühmtheit erlangen könnte? Sie gehören der neuen Generation an, mein lieber Arnold. Ihr könnt alle einen berühmten Mann anstarren, ohne einen Schatten von Ehrfurcht vor seinem Ruhm zu haben. Wenn Shakespeare heute wieder erstünde und sich in einer Unterhaltung über dramatische Poesie ausspräche, so würde der erste Beste, der ihm bei Tische gegenüber säße, mit seiner abweichenden Ansicht so wenig zurückhalten, als wenn er mir oder Ihnen gegenüber säße, von Ehrfurcht ist bei uns keine Rede mehr, die gegenwärtige Generation hat sie zu Grabe getragen, ohne einen Gedenkstein auf das Grab zu setzen. Soviel davon, jetzt lassen Sie uns wieder auf Blanche zurückkommen. Ich vermuthen Sie wissen, was der peinliche Gegenstand ist, der auf ihrem Gemüthe lastet. Miß Silvester hat unsere Bemühungen ihre Spur zu verfolgen, zu Schanden gemacht Blanche hat gestern Abend aus einer Depesche der Edinburgher Polizei erfahren, daß wir unsern Zweck verfehlt haben und hat heute Morgen diesen Brief erhalten,« dabei schob er Arnold Anne’s Brief über den Frühstückstisch zu.

Arnold las den Brief und gab ihn ohne ein Wort zu sagen Sir Patrick zurück.

Mit dem Streit, den Arnold auf der Haide mit Geoffrey gehabt hatte, zusammengehalten ließ der Brief keine andere Erklärung für ihn zu, als daß Geoffrey Anne verlassen habe.

»Nun?« fragte Sir Patrick, »verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich begreife jetzt Blanche’s Verzweiflung«, lautete Arnold’s ganze Antwort. Es war klar, daß ein weiterer Aufschluß, den er hätte geben können, selbst wenn er sich dazu für berechtigt gehalten hätte, Sir Patrick unter den gegenwärtigen Umständen für die Verfolgung Anne’s doch nicht von dem geringsten Nutzen gewesen sein würde. Unglücklicher Weise lag keine Versuchung für Arnold vor, das Schweigen, das er bis jetzt beobachtet hatte, zu brechen und selbst wenn eine solche Versuchung an ihn herangetreten wäre, würde er ihr unfehlbar widerstanden haben, denn niemals war seine Widerstandsfähigkeit so stark gewesen, wie eben jetzt. Zu den beiden wichtigen Motiven, die bis jetzt seine Zunge gefesselt hatten, der Achtung für Anne’s Ruf und dem Widerstreben, Blanche etwas über die Täuschung mitzutheilen, die er in dem Wirthshaus gegen sie zu üben genöthigt gewesen war, zu diesen beiden gewichtigen Motiven kam jetzt noch ein drittes hinzu. Ein Vertrauensbruch gegen Geoffrey mußte jetzt, nachdem ihn dieser persönlich beleidigt hatte, nur um so nichtswürdiger erscheinen. Der gemeinen Rache, deren sich dieser falsche Freund von ihm versah, war eine so edle Natur wie Arnold völlig unfähig. Niemals waren seine Lippen fester geschlossen; als in diesem Augenblick, wo seine ganze Zukunft davon abhing, daß Sir Patrick erfuhr, welche Rolle Arnold bei den früheren Ereignissen in Craig-Fernie gespielt hatte.

»Ja, ja«, nahm Sir Patrick wieder auf, »Blanche’s Trauer ist begreiflich genug, aber nach diesem Bericht scheint es fast, als wenn meine Nichte das Verschwinden des unglücklichen Mädchens zu verantworten hätte. Können Sie mir erklären, was Blanche damit zu thun hat?«

»Ich? Blanche selbst ist ganz außer Stande, sich die Sache zu erklären, wie sollte ich es können!«

Diese seine Antwort war vollkommen aufrichtig gemeint. Arnold hatte die, unbestimmte Besorgniß, die Anne über die Lage empfunden, in die sie und Arnold sich unschuldiger Weise im Gasthof versetzt fanden, seinerseits nicht getheilt. Er hatte nicht Acht darauf gegeben, ihre Bedenken nicht einmal verstanden. Die ganz natürliche Folge davon war, daß nicht der leiseste Verdacht des Beweggrundes, von welchem geleitet Anne handelte, jetzt in ihm aufstieg.

Sir Patrick steckte den Brief in seine Brieftasche und gab jeden ferneren Versuch, sich denselben zu erklären verzweifelt auf. »Genug und mehr als zuviel, im Dunkeln getappt«, sagte er, »nur Eines ist mir nachdem was mir diesen Morgen mit Blanche erlebt haben, klar: wir müssen uns die Situation, in die Miß Silvester uns gebracht hat, gefallen lassen. Von diesem Augenblicke an werde ich jeden weiteren Versuch ihre Spur zu verfolgen, aufgeben.«

»Das wird eine schreckliche Enttäuschung für Blanche sein, Sir Patrick.«

»Das leugne ich nicht, wir müssen das eben ertragen.«

»Wenn Sie überzeugt sind, daß nichts weiter geschehen kann, so müssen wir das allerdings.«

»Ich bin nichts weniger als fest überzeugt, lieber Arnold. Es giebt noch zwei Chancen, Aufschluß über die Sache zu erlangen, die ganz unabhängig von Allem sind, was Miß Silvester thun kann, uns im Dunkeln zu halten.«

»Warum wollen wir denn diese Chancen nicht versuchen, Sir Patrick? Es ist doch hart, Miß Silvester jetzt, wo sie sich in einer so traurigen Lage befindet, fallen zu lassen.«

»Wir können ihr nicht gegen ihren eigenen Willen helfen«, antwortete Sir Patrick, »und wir dürfen nach dem nervösen Anfall, den Blanche diesen Morgen gehabt hat, nicht die Gefahr laufen, sie der Aufregung einer ferneren Ungewißheit auszusetzen. Bei dieser ganzen Angelegenheit habe ich das Interesse meiner Nichte im Auge gehabt, und wenn ich jetzt meinen Plan ändere und es ablehne, Blanche durch neue Versuche, die möglicherweise wieder fehlschlagen können, noch mehr aufzuregen, so findet dies seinen Grund darin, daß ich auch jetzt nur ihr Interesse im Auge habe; das ist mein einziges Motiv. Wie viele Schwächen ich auch haben mag, die Ambition, mich als geheimer Polizei-Agent auszuzeichnen, gehört nicht dazu. Vom Standpunkt der Polizei aus ist der Fall durchaus kein verzweifelter, aber ich gebe ihn nichtsdestoweniger um Blanche’s willen auf. Anstatt sie zu ermuntern, diesem melancholischen Gegenstande noch weiter nachzuhängen, müssen wir die, uns von unserem ärztlichen Freund an die Hand gegebenen Mittel, zur Anwendung zu bringen suchen.«

»Wie wolle« wir das anfangen?« fragte Arnold.

Ein leiser Anflug von Humor zeigte sich bei diesen Worten wieder auf Sir Patricks Gesicht. »Bietet sich ihr bei dem Gedanken an die Zukunft nichts, was sie angenehmer beschäftigen könnte, als der Verlust ihrer Freundin?« fragte er. »Sie, mein junger Freund, sind bei dem Mittel, mit dem wir Blanche heilen wollen, persönlich interessirt, Sie sind eine der Medicinen die wir ihr verschreiben müssen; können Sie nicht errathen, was ich meine?«

Arnold sprang auf und strahlte vor Freude.

»Vielleicht haben Sie etwas dagegen, daß die Sache so eilig betrieben wird«, bemerkte Sir Patrick.

»Ich etwas dagegen? Wenn Blanche nur will, ich bin bereit, sie gleich jetzt, sobald sie herunter kommt, in die Kirche zu führen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Arnold Brinkworth«, erwiderte Sir Patrick trocken, »mögen Sie immer so bereit sein die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen. Setzen Sie sich wieder und seien Sie vernünftig. Das äußerst Mögliche, wenn Blanche will, wie Sie es nennen, und wenn wir die Advokaten dahin bringen können, das Nöthige zu besorgen, wäre, daß Sie sich in drei Wochen oder in einem Monate verheirathen!«

»Was haben denn die Advocaten dabei zu thun?«

»Mein lieber Freund, wir haben es hier nicht mit einer Romanheirath, sondern mit der unromantischsten Angelegenheit von der Welt zu thun. handelt sich hier um einen jungen Mann und eine junge Dame, die beide reich sind, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Charakter zu einander passen, und von denen der Eine mündig ist und die Andere sich mit der vollen Zustimmung ihres Vormundes verheirathet. Was folgt aus diesem ganz prosaischen Zustand der Dinge? Natürlich Advocaten und Contracte.«

»Lassen Sie uns in die Bibliothek gehen, Sir Patrick, und ich will den Contract bald genug aufsetzen. Ich brauche nur ein Stückchen Papier und einen Tropfen Dinte:

»Hiemit vermache ich mein ganzes Vermögen bis auf den letzten Heller meiner lieben Blanche.«

»Ich unterschreibe das, klebe eine Oblate auf den Bogen und drücke mit dem Finger auf die Oblate, schreibe noch darunter: »»Ich erkläre das Vorstehende für meinen letzten Willen««, und die Sache ist gethan.«

»Glauben Sie wirklich? Sie sind ein geborener Gesetzgeber, Sie schaffen und codificiren Ihr eigenes System in einem Athem. Moses-Justinjan-Mahomed, geben Sie mir Ihren Arm. Es ist doch in dem, was Sie eben gesagt haben, ein Atom von Verstand. Ihre Aufforderung, mit Ihnen in die Bibliothek zu gehen, ist ein der Erwägung werther Vorschlag. Haben Sie zufällig unter anderen Ueberflüssigkeiten des Lebens auch so etwas wie einen Advokaten an der Hand?«

»Ich habe deren zwei, einen in London und einen in Edinburgh.«

»Wir wollen den Nächstwohnenden nehmen, weil wir eilig sind. Wer ist Ihr Advokat in Edinburgh? Pringle in Pittstreet? Sie können keinen besseren haben. Setzen Sie sich hin und schreiben Sie ihm. Sie haben mir das Resüme Ihres Heirathscontracts, mit der Kürze eines alten Römers gegeben. Ich werde mich doch wahrhaftig nicht von einem Dilettanten in der Abdovokatur überflügeln lassen. Hören Sie nun auch mein Resümé: Sie sind gerecht und großmüthig gegen Blanche, Blanche ist gerecht und großmüthig gegen Sie, und Sie Beide vereinigen sich, gerecht und großmüthig gegen Ihre Kinder zu sein. Das ist das Muster eines Ehecontractes und so müssen Ihre Instructionen an Pringle in Pittstreet lauten. Können Sie allein mit dem Brief zu Stande kommen? Nein, natürlich nicht; nun, strengen Sie sich ein wenig an, legen Sie sich die in Betracht kommenden Punkte der Reihe nach zurecht! Sie wollen sich verheirathen. Sie sagen mit wem, Sie fügen hinzu, daß ich der Vormund der Dame bin, Sie nennen den Namen und die Adresse meines Advocaten in Edinburg, Sie schreiben Ihre Instructionen klar und in möglichster Kürze nieder und überlassen die Details Ihrem juristischen Rathgeber, Sie verweisen die Advokaten auf einander, Sie bitten, daß die Entwürfe der Contracte so rasch wie möglich ausgefertigt werden und geben als Ihre Adresse Windygates-House an. Das sind die Hauptpunkte. Können Sie damit zu Stande kommen? O, über die junge Generation, o, über die Fortschritte, die wir in diesem erleuchteten Zeitalter machen! Sehen Sie, Sie können Blanche heirathen und sie glücklich machen und die Bevölkerung vermehren und das Alles, ohne einen guten Brief schreiben zu können. Da kann man wirklich nur wie der Gelehrte Bevoriskius, als er zum Fenster hinaus sah und sich die Zärtlichkeit der Sperlinge betrachtete, sagen: Wie gnädig ist der Himmel gegen seine Geschöpfe. —— Nehmen Sie nur die Feder zur Hand, ich will Ihnen dictiren.«

Das geschah, und Sir Patrick überlas den Brief, genehmigte ihn und warf ihn selbst in den Briefkasten. Hierauf verbot er Arnold auf das Strengste, ohne seine ausdrückliche Genehmigung, mit seiner Nichte von der Heirath zu sprechen.

»Es muß noch Jemand anders, außer Blanche und mir seine Zustimmung geben«, sagte er.

»Lady Lundie?«

»Allerdings. Genau genommen bin ich der Einzige, der gefragt zu werden braucht, aber meine Schwägerin ist Blanche’s Stiefmutter, sie ist für den Fall meines Todes zur Vormünderin ernannt und hat ein Recht der Conrtoisie, wenn nicht ein gesetzliches Recht befragt zu werden. Möchten Sie es selbst thun?«

Arnold machte ein klägliches Gesicht und sah Sir Patrick in trübseliger Verzweiflung an.

»Was, Sie können nicht einmal mit einer so nachgiebigen Dame, wie Lady Lundie, reden? Sie sind vielleicht ein sehr brauchbarer Mensch zur See gewesen, aber auf dem Lande ist mir nie ein hülfloseres Wesen vorgekommen; machen Sie, daß Sie in den Garten zu den anderen Sperlingen hinauskommen; Jemand muß Lady Lundie gegenübertreten und wenn Sie es nicht wollen, muß ich es schon für Sie thun.«

Er schob Arnold zur Thür hinaus und stützte sich nachdenklich auf die Krücke seines Stockes. Jetzt wo er allein war, schwand der Ausdruck der Munterkeit von seinem Gesicht. Seine Kenntniß von Lady Lundies Character ließ ihn voraussehen, daß es keine leichte Sache sein werde, ihre Genehmigung zu einer Beschleunigung von Blanchcks Heirath zu erlangen.

»Ich denke mir«, murmelte Sir Patrick vor sich hin, »mein armer Bruder Tom muß wohl gewußt haben, wie sie zu nehmen ist, aber ich möchte wohl wissen, wie er es angefangen hat. Ja, wenn sie die Frau eines Maurers gewesen wäre, sie ist gerade eine von den Frauen, die nur durch eine regelmäßige und kräftige Application der Fäuste ihrer Männer, vollkommen in Ordnung gehalten werden können, aber Tom war kein Maurer und ich begreife nicht recht, wie er es angefangen hat.« Nach einer Weile ernsten Nachdenkens über diese Sache gab Sir Patrick die Lösung des Problems als über menschliche Kräfte gehend, auf. »Es muß gethan sein«, schloß er, »und mein Mutterwitz muß mir dabei durchhelfen.« In dieser resignirten Gemüthsverfassung humpelte er zur Bibliothek hinaus und klopfte an die Thür von Lady Lundie’s Boudoir.



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Dreißigstes Kapitel - Überlistet

Sir Patrick fand seine Schwägerin tief in häusliche Geschäfte versunken. Lady Lundie’s Correspondenz- und Besuchsliste, ihre Haushaltungsrechnungen und Bücher, ihre in scharlachrothes Leder gebundenen Tage- und Notizbücher, ihr Schreibtisch, Couvertkasten, Zündholzdöschen, Schreibleuchter, alles von Ebenholz und Silber, und vor Allem Lady Lundie selbst, die, in einem eleganten Morgencostüm, ein Bild der Gesundheit und ein Muster aller Tugenden, eben mit der selbstständigen Wahrnehmung ihrer Angelegenheiten beschäftigt dasaß, —— boten für jedes wohlorganisirte Gemüth das imposanteste Schauspiel dar, welches menschliche Augen erblicken können, —— die englische Matrone in ihrer ganzen Majestät, die den Schöpfer der Welten fragt: Wann wirst Du meines Gleichen wieder hervorbringen?

»Ich fürchte, ich störe«, begann Sik Panier, »ich bin ein Müssiggänger, und kann später wiederkommen, wenn es Ihnen jetzt nicht paßt.«

Lady Lundie legte mit einem schwachen Lächeln die Hand an die Stirn: »ich habe einen kleinen Schmerz hier! Sir Patrick, bitte nehmen Sie Platz, die Pflicht, findet mich immer bereit, immer heiter, immer zugänglich, mehr darf die Pflicht von einem armen, schwachen Weibe nicht erwarten; nun, was steht zu Ihren Diensten?«

Lady Lundie zog ihr scharlachrothes Notizbuch zu Rathe: »ich habe es hier in einer besonders mit Anfangsbuchstaben bezeichneten Rubrik: A. Die Armen? Nein! H. M. Heiden-Missionen? Nein! Z. E. B. Zu erwartender Besuch? Nein! V. B. P. Das ist es, vertrauliche Besprechung mit Patrick! Verzeihen Sie die kleine harmlose Vertraulichkeit, die ich mir mit der Weglassung Ihres Titels erlaubt habe. Ich danke Ihnen, Sie sind immer so liebenswürdig. Ich stehe vollkommen zu Diensten; wenn es etwas Peinliches ist, zögern Sie nicht, ich bin auf Alles gefaßt.« Nach dieser Erklärung lehnte sich Lady Lundie in ihren Sessel zurück, indem sie die Arme auf die Lehnen stützte, und ihre Fingerspitzen an einander legte, als ob sie eine Deputation empfinge. »Nun?« sagte sie in fragendem Tone.

Sir Patrick widmete dem Andenken seines verstorbenen Bruders einen Moment des Mitleidens und ging dann auf den Gegenstand dieser Zusammenkunft mit den Worten ein: »Ich möchte es nicht etwas Peinliches nennen; sagen wir lieber eine Angelegenheit häuslicher Besorgnisse —— Blanche ——«

Lady Lundie stieß einen leisen Schrei aus und bedeckte ihre Augen mit der Hand. »Ist es unerläßlich?« unterbrach sie ihn in einem rührend, vorwurfsvollen Ton, »o, Sir Patrick, ist es unerläßlich?«

»Ja, es ist unerläßlich!«

Lady Lundie’s herrliche Augen blickten zu jenem verborgenen Appellhofe auf, den wir gewöhnlich als Zimmerdecke bezeichnen. Der verborgene Appellhof blickte wieder auf Lady Lundie herab und sah in ihr die Personification der treuesten Pflichterfüllung. »Fahren Sie fort, Sir Patrick, das Losungswort der Frauen ist Selbstaufopferung Sie sollen nicht sehen, wie tief Sie mich betrüben. Fahren Sie fort.«

Sir Patrick fuhr mit unerschütterlicher Ruhe, ohne durch das leiseste Zeichen weder Sympathie noch Ueberraschung zu verrathen, fort: »Ich wollte von dem nervösen Anfall reden, von dem Blanche diesen Morgen befallen worden ist; darf ich fragen, ob Sie von der Ursache, der diesem Anfall zuzuschreiben ist, unterrichtet sind?«

»Da haben wirs!« tief Lady Lundie mit einem plötzlichen Ruck des Körpers in ihrem Sessel und einer plötzlichen entsprechenden Erhebung der Stimme: »die einzige Sache, vor deren Besprechung ich mich gefürchtet habe, das abscheuliche, abscheuliche, abscheuliche Benehmen, das ich mit Stillschweigen übergehen zu können gehofft hatte, und Sir Patrick berührt es unschuldiger Weise —— ich will Ihnen gewiß nicht zu nahe treten, unschuldiger Weise.«

»Berührt. Was theure Schwägerin?«

»Blanche’s Benehmen gegen mich diesen Morgen, Blanche’s herzlose Heimlichkeit, Blanche’s pflichtwidriges Schweigen, ich wiederhole die Worte herzlose Heimlichkeit, pflichtwidriges Schweigen ——«

»Erlauben Sie mir, einen Augenblick.«

»Erlauben Sie mir Sir Patrick; der Himmel weiß, wie ungern ich davon rede, der Himmel weiß, daß meinen Lippen keine Sylbe in Beziehung auf diesen Gegenstand entfahren ist; aber Sie lassen mir keine Wahl. Erlauben Sie mir als der Frau vom Hause, als einer christlichen Frau, als der Wittwe Ihres theuren Bruders, als Mutter dieses mißleiteten Mädchens, die Thatsachen wie sie sich Verhalten, zu constatiren, ich weiß, daß Sie es gut meinen, ich weiß, daß Sie mich schonen möchten«.

Sir Patrick verneigte sich, in Ergebung. Wenn er nur ein Maurer gewesen und wenn Lady Lundie nur nicht, was doch unzweifelhaft der Fall war, die Stärkere von Beiden gewesen wäre.

»Erlauben Sie mir«, sagte Lady Lundie, »einen Schleier um Ihretwillen, einen Schleier über die Gräuel zu decken, ich kann es, mit dem besten Willen Sie zu schonen, gewissenhafter Weise nicht anders bezeichnen, über die Gräuel die sich diesen Morgen hier im Hause ereignet haben. In dem Augenblick, wo ich hörte, daß Blanche unwohl sei, war ich auf meinem Posten. Die Pflicht wird mich. stets bereit finden, Sir Patrick, bis zur Stunde meines Todes. —— Erschütternd wie die Sache war, so hörte ich doch das Schreien und die Seufzer meiner Stieftochter ruhig an. Ich verschloß meine Ohren gegen die profane Heftigkeit ihrer Ausdrücke. Ich gabs ihr das nothwendige Beispiel eines würdigen Benehmens. Erst als ich deutlich den Namen einer Person, die niemals in meinem Familienkreise wieder genannt werden darf aus Blanche’s Munde, wenn ich so sagen darf, hervorgehen hörte, fing ich an, wirklich beunruhigt zu werden. Ich sagte zu meiner Kammerfrau Hopkins, das ist kein hysterischer Anfall, das ist eine Heimsuchung des Teufels, holen Sie das Chloroform.«

Chloroform als Exorcismus war für Sir Patrick etwas ganz Neues; nicht ohne Mühe behauptete er seine ernsthafte Haltung. Lady Lundie fuhr fort. »Hopkins ist eine Vortreffliche Person, aber Hopkins hat eine geschwätzige Zunge. Sie begegnete unserm ausgezeichneten ärztlichen Gast auf dem Corridor und erzählte ihm die Sache, und er war so gut nach Blanche zu sehen. Es war mir unangenehm, ihn zu veranlassen, in seiner ärztlichen Eigenschaft thätig zu sein, während er ein geehrter Gast in meinem Hause ist, außerdem schien mir der Fall mehr für einen Geistlichen, als für einen Arzt geeignet; aber nachdem Hopkins einmal geschwatzt hatte, half nichts mehr. Ich ersuchte unsern ausgezeichneten Freund uns gütigst seine, —— ich glaube der genaue wissenschaftliche Ausdruck ist: Prognose —— zu geben. Er faßte die Sache aus einem rein materiellen Gesichtspunkte auf, was auch von einem Manne seines Berufes nicht anders zu erwarten war, —— er prognostirte —— ist es richtig, heißt es prognosticiren oder diagnosticiren? Es kommt so viel auf den richtigen Gebrauch der Ausdrücke an, Sir Patrick und ich möchte Sie so ungern falsch berichten.«

»O bitte, Lady Lundie, ich habe die Meinung des Arztes bereits gehört, bemühen Sie sich nicht mit einer Wiederholung derselben.«

»Mich nicht mit einer Wiederholung bemühen?« entgegnete Lady Lundie in tiefer Entrüstung über die bloße Möglichkeit, sich ihre Bemerkungen abgeschnitten zu sehen. »O, lieber Sir Patrick, Ihre bekannte angeborne Ungeduld! Du lieber Gott, wie oft müssen Sie in jüngeren Jahren sich von dieser Ungeduld haben hinreißen lassen und wie oft müssen Sie dieselbe zu bedauern Veranlassung gehabt haben!«

»Theure Frau, wenn Sie die Erklärung des Arztes zu wiederholen wünschen, warum sagen Sie es mir nicht? Ich will Sie durchaus nicht übereilen, bitte, theilen Sie mir doch ja die Prognose mit.«

Lady Lundie schüttelte mitleidig den Kopf und lächelte mit einem engelgleichen Ausdruck der Trauer. »Unsere kleinen Gewohnheitssünden! Was sind wir doch für Sklaven unserer kleinen Gewohnheitssünden. Gehen Sie ein paar Mal im Zimmer auf und ab, thun Sie es, bitte!«

Jeder andere Mensch würde bei dieser Zumuthung die Geduld verloren haben, aber Juristen haben, wie Sir Patrick seiner Nichte gesagt hatte, ihr ganz eigenes Temperament. Ohne eine Spur von Gereiztheit zu erkennen zu geben, kehrte Sir Patrick geschickter Weise den von seiner Schwägerin gegen ihn gerichteten Spieß ums, indem er nun seinerseits ihre Neugierde zu reizen suchte.

»Was Sie für ein Auge haben,« sagte er; »ich war wirklich ungeduldig und sterbe vor Verlangen, zu erfahren, was Blanche zu Ihnen sagte, als sie sich wieder erholte.«

Die britische Matrone erstarrte zu einem Mamorbild.

»Nichts!« antwortete Lady Lundie, die Zähne zusammenbeißend, als habe sie das Wort, bevor sie es aussprach, zerbeißen wollen.

»Nichts?« rief Sir Patrick.

»Nichts!« wiederholte Lady Lundies mit emphatischem Ausdruck in Blick und Ton.- »Ich brachte alle nöthigen Mittel, die ich zur Hand hatte, zur Anwendung; ich schnitt ihr die Schnürbänder mit meiner eigenen Scheere auf, ich legte ihr fortwährend kalte Umschläge auf den Kopf, ich blieb bei ihr bis sie völlig erschöpft war, ich nahm sie in in meine Arme und legte sie an meinen Busen; ich schickte Alle zum Zimmer hinaus und sagte: Liebes Kind, vertraue Dich mir an, und wie wurde meine mütterliche Liebe aufgenommen? Ich habe es Ihnen schon —— gesagt: mit herzloser Heimlichkeit, mit pflichtwidrigem Schweigen.«

Sir Patrick ging jetzt seinem Opfer mit seinem Spieß noch ein wenig schärfer zu Leibe. »Sie fürchtete sich wahrscheinlich, zu reden!«

»Sie fürchtete sich? O!« rief Lady Lundie, ihren Ohren mißtrauend, »das können Sie nicht gesagt haben, ich muß Sie mißverstanden haben; haben Sie wirklich gesagt: sie fürchtete sich?«

»Ich sagte: sie fürchtete sich wahrscheinlich!«

»Halt! Ich kann mir nicht in’s Gesicht sagen lassen, daß ich an meiner Pflicht gefehlt habe, Sir Patrick, ich kann vieles vertragen, aber das nicht! Nachdem ich dem Kinde Ihres theuren Bruders mehr als eine Mutter gewesen bin, nachdem ich wie eine ältere Schwester an Blanche gehandelt, nachdem ich daran gearbeitet, ich sage gearbeitet habe —— Sir Patrick, ihren Geist zu bilden, wobei mir stets die, schönen Worte der unglücklichen Dichterin vorschwebten: »»Geh’ fleißig um mit Deinen Kindern . . . und liebe sie . . .«« —- nachdem ich alles das und noch viel mehr gethan, nachdem ich ihr noch erst gestern einen Platz in meinem Wagen eingeräumt und ihr den Anblick der interessantesten mittelalterlichen Ruine in Perthshire verschafft, —— nachdem ich alle diese Opfer gebracht habe, mir sagen lassen zu müssen, daß ich Blanche Furcht eingeflößt habe, als ich sie bat, mir zu vertrauen, das ist ein Bischen zu viel. Ich habe eine sehr empfindliche, eine übertrieben empfindliche Natur, Sir Patrick. Verzeihen Sie mir, daß ich zusammenfahre wenn ich verletzt werde, verzeihen Sie mir, daß ich das doppelt schmerzlich empfinde, wenn mir eine Wunde von einer Person beigebracht wird, die ich verehre.«

Lady Lundie hielt ihr Taschentuch vor die Augen. Jeder Andere würde jetzt den Spieß zurückgezogen haben, Sir Patrick rückte seinem Opfer nur noch näher auf den Leib.

»Sie mißverstehen mich völlig,« erwiderte er, »ich wollte sagen, daß Blanche sich gefürchtet habe, Ihnen die wahre Ursache ihrer Krankheit zu sagen. Die wahre Ursache ist Besorgniß wegen Miß Silvester.«

Lady Lundie stieß wieder einen Schrei aus und schloß ihre Augen vor Entsetzen.

»Ich kann zum Hause hinauslaufen,« rief sie wild, »ich kann bis in die entferntesten Winkel der Erde flüchten, aber ich kann den Namen dieser Person nicht nennen hören: nein, Sir Patrick nicht in meiner Gegenwart, nicht in meinem Zimmer, so lange ich die Herrin von Windygate-House bin.«

»Es thut mir leid, wenn ich irgend etwas gesagt habe, was Ihnen unangenehm ist, Lady Lundie, aber die Wichtigkeit des Gegenstandes nöthigt mich, wenn auch nur sehr leise, etwas zu berühren, was sich ohne Ihr Wissen in Ihrem Hause zugetragen hat.«

Lady Lundie öffnete plötzlich die Augen weit und wurde sehr aufmerksam. Ein zufälliger Beobachter würde vielleicht auf den Gedanken gekommen sein, daß Lady Lundie für die gemeine Regung der Neugierde nicht ganz unempfänglich sei.

»Währeiid wir gestern Alle beim Frühstück waren, kam ein Besuch nach Windygates,« fuhr Sir Patrick fort. »Sie ——«

Lady Lundie ergriff ihr scharlachrothes Notizbuch und verhinderte ihren Schwager fortzufahren, indem sie die folgenden Worte stoßweise und von krampfhaften Zuckungen unterbrochen, hervorbrachte. »Ich will mir als eine an Selbstbeherrschung gewöhnte Frau, Gewalt anthun, aber unter der einen Bedingung, daß ich weder den Namen noch das Geschlecht zu hören brauche, sagen Sie, bitte »die Person.« Die »Person,« fuhr Lady Lundie fort, indem sie ihr Notizbuch öffnete und die Feder zur Hand nahm, »ist gestern auf freche Weise in mein Haus eingedrungen?«

Sir Patrick verneigte sich, Lady Lundie machte eine Notiz, deren Schärfe das Papier zerkratzte und fuhr dann mit dem Verhör ihres Schwagers fort.

»Welchen Raum meines Hauses hat die Person betreten? Seien Sie sehr vorsichtig, Sir Patrick, ich habe die Absicht, mich unter den Schutz eines Friedensrichters zu stellen und mache mir hier Notizen über die Angaben, welche ich demselben zu machen haben werde. Habe ich recht verstanden, daß Sie sagten die Bibliothek? —— Also die Bibliothek.«

»Vollkommen richtig, die Bibliothek. Fügen Sie hinzu,« sagte Sir Patrick indem er seinen Spieß noch drohender schwang, »daß die Person« eine Zusammenkunft mit Blanche in der Bibliothek hatte.«

Lady Lundies Feder stach plötzlich in das Papier, so daß die Tinte rund herum ausspritzte »Die Bibliothek?« wiederholte Lady Lundie mit einer Stimme, die einen Erstickungsanfall befürchten ließ. »Ich will mich beherrschen, Sir Patrick! Fehlt etwas in der Bibliothek?«

»Nichts! Lady Lundie, außer der Person selbst. Sie ——«

»Nein, Sir Patrick, das ist gegen die Abrede, im Namen meines Geschlechtes, bleiben Sie bei »der Person.«

»Verzeihen Sie, ich vergaß, daß »sie« in diesem Augenblick ein verbotenes Pronomen ist. Die Person hat einen Abschiedsbrief an Blanche geschrieben und hat sich, kein Mensch weiß wohin, begeben. Die durch dieses Ereigniß hervorgerufene Trauer ist die einzige Ursache dessen, was sich diesen Morgen mit Blanche zugetragen hat. Wenn Sie sich das gefälligst Vergegenwärtigen und sich erinnern wollen, wie Sie selbst über Miß Silvester denken, werden Sie begreifen, warum Blanche zögerte, Sie in ihr Vertrauen zu ziehen.« Hier hielt er inne und wartete auf eine Antwort, aber Lady Lundie war zu tief in die Vervollständigung ihrer Notizen versunken, als daß sie in diesem Augenblick an Sir Patricks Gegenwart im Zimmer gedacht hätte. »Den Wagen halb drei vor der Thür,« sagte Lady Lundie, indem sie die letzten Worte, während sie sie niederschrieb, wiederholte. »Erkundigung nach dem nächsten Friedensrichter, um die Sicherheit von Windygates unter den Schutz des Gesetzes zu stellen. Ich bitte Sie um Verzeihung,« rief Lady Lundie, als sie Sir Patricks Gegenwart wieder gewahr wurde, »ist mir etwas besonders Peinliches entgangen, bitte, in diesem Falle erwähnen Sie es noch einmal!«

»Es ist Ihnen nichts von Wichtigkeit entgangen,« erwiderte Sir Patrick, »ich habe Sie in den Besitz von Thatsachen gesetzt, die Sie zu wissen ein Recht hatten und wir können jetzt auf den Bericht unseres ärztlichen Freundes über Blanche’s Gesundheitszustand zurückkommem Sie wollten nur, glaube ich, die Prognose gütigst mittheilen.«

»Diagnose,« sagte Lady Lundie trotzig, »ich habe mich vorhin versehen, »Prognose« ist ganz falsch.«

»Ich bescheide mich, Lady Lundie! Diagnose.«

»Sie sagten mir vorhin, Sir Patrick, daß Sie bereits von der Diagnose unterrichtet seien, ich brauchte sie also nicht zu wiederholen.«

»Ich wollte meine eigene Auffassung mit der Ihrigen vergleichen, theure Schwägern.«

»Sie sind sehr gütig, aber Sie sind ja ein gelehrter Mann und ich bin nur ein armes Unwissendes Weib, Ihre Auffassung bedarf keiner Correctur durch die meinige.«

»Mein Eindruck war der, Lady Lundie, daß unser Freund mehr eine moralische als eine medicinische Behandlung für Blanche empfahl. Wenn wir ihr Gemüth von den Gedanken, denen sie jetzt nachhängt ablenken können, so werden wir Alles thun, was nöthig ist! Das waren seine eigenen Worte, wie ich mich recht erinnere. Stimmt das mit Ihrer Auffassung überein?«

»Wie darf ich mir herausnehmen, mit Ihnen zu discutiren, Sir Patrick? Sie sind ja bekanntlich ein Meister in der Kunst der feinen Ironie, aber ich fürchte, bei mir ist alle Ihre Kunst verloren«

Der Advocat behauptete seinen wunderbaren Gleichmuth und begegnete der Frau, die seine Geduld auf eine so unerhörte Probe stellte, mit einer äußerst geschickten Wendung, indem er sagte: »Ich fasse Ihre Worte als eine Bestätigung meines Eindrucks auf, Lady Lundie, ich danke Ihnen. Und was nun die Ausführung des Rathes unseres Freundes betrifft, so scheint mir die anzuwendende Methode einfach zu sein. Alles, was wir thun können, um Blanches Gedanken abzulenken, ist, Blanches Aufmerksamkeit auf einen andern, auf einen weniger peinlichen Gegenstand, als den, der sie bis jetzt beschäftigt hat, zu lenken. Sind Sie soweit mit mir einverstanden?«

»Warum wollen Sie mir die ganze Verantwortlichkeit aufbürden?« fragte Lady Lundie.

»Aus tiefster Ehrfurcht vor Ihrem Urtheil«, antwortete Sir Patrick »Genau genommen ruht ohne Zweifel jede ernste Verantwortlichkeit auf mir, als Blanche’s Vormund.«

»Dem Himmel sei Dank»rief Lady Lundie, mit einem Ausdruck frommer Inbrunst.

»Ich höre einen Ausspruch demüthiger Dankbarkeit«, bemerkte Sir Patrick; »darf ich dies als den Ausdruck, soll ich sagen, eines kleinen Zweifels an Ihrer Fähigkeit betrachten, Blanche unter den gegenwärtigen Umständen mit Erfolg zu behandeln«?«

Lady Lundie’s gereizte Stimmung fing wieder an, die Oberhand zu gewinnen, gerade wie Ihr Schwager es vorausgesehen hatte. »Sie haben es aufzufassen«, sagte sie, »als einen Ausdruck meiner Ueberzeugung, daß ich mir die Last eines unverbesserlichen herzlosen eigensinnigen und verderbten Mädchens aufbürdete, als ich die Sorge für Blanche übernahm.«

»Sagtei1 Sie unverbesserlich?«

»Ich sagte unverbesserlich!«

»Wenn der Fall so hoffnungslos ist, theure Schwägerin, so liegt es mir als Blanche’s Vormund wohl ob, Sie von der Last, die Ihnen Blanche verursacht, zu befreien.«

»Niemand soll mich von einer Last befreien, die ich mir einmal aufgebürdet habe,« antwortete Lady Lundie, »und wenn ich auf meinem Posten sterben sollte.«

»Wenn aber die Befreiung sich mit Ihrer Pflicht vertrüge?" fuhr Sir Patrick fort, »wenn sie mit jener Selbstaufopferung der Frauen verträglich wäre, die das Losungswort der Frauen ist?«

»Ich verstehe Sie nicht, Sir Patrick, haben Sie die Güte, sich näher zu erklären!«

Sir Patrick hielt es für gerathen, jetzt die Rolle des schüchtern Zögernden zu spielen. Er warf seiner Schwägerin einen ehrfurchtsvoll fragenden Blick zu, seufzte und schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er, »das hieße doch zu viel von Ihnen erbitten, selbst Ihrem so hohen Begriff von Pflichtgefühl gegenüber.«

»Nichts, was Sie im Namen der Pflicht von mir erbitten können, ist zu viel für mich.«

»Nein, nein, lassen Sie mich es wiederholen, die menschliche Natur hat ihre Grenzen!«

»Das Pflichtgefühl einer christlichen Frau kennt keine Grenzen.«

»O doch, o doch!«

»Sir Patrick nach dem was ich eben gesagt habe, kommt die Beharrlichkeit Ihres Zweifels an mir einer Beleidigung nahe.«

»O, sagen Sie das nicht; lassen Sie mich einen Fall sehen, nehmen wir an, die Zukunft einer anderen Person hinge von Ihrem Jawort ab, während alle Ihre Lieblingswünsche und Ansichten Sie dahin drängen nein zu sagen, behaupten Sie da wirklich, daß sie in einem solchen Falle Ihre eigene Ueberzeugung zum Opfer bringen könnten, wenn man Ihnen bewiese, daß eine rein abstracte Betrachtung der Pflicht ein solches Opfer von Ihnen erheische?«

»Ja«, rief Lady Lundie, indem sie sich ohne Weiteres auf das Piedestal ihrer Tugend stellte, »ja, ohne mich einen Augenblick zu besinnen.«

»Ich bekenne meinen Irrthum, Lady Lundie, Sie geben mir Muth, fortzufahren. Erlauben Sie mir, Sie nach dem, was ich eben gehört habe, zu fragen, ob es nicht Ihre Pflicht ist, einen Rath zu befolgen, den eine der ersten ärztlichen Autoritäten Englands zu Blanche’s Besten gegeben hat!«

Lady Lundie gab zu, daß das ihre Pflicht sei, indem Sie eine günstigere Gelegenheit, ihren Schwager zu widersprechen, abwartete.

»Sehr gut!« fuhr Sir Patrick fort, »wenn wir nun annehmen, daß Blanche beschaffen ist wie die meisten menschlichen Wesen und sich mit glücklichen Aussichten würde beschäftigen können, wenn man sie ihr nur eröffnete, ist es da nicht dem ärztlichen Rathe gemäß unsere Pflicht, ihr solche Aussichten zu eröffnen?« Bei diesen Worten warf er Lady Lundie einen höflich überredenden Blick zu und hielt in der unschuldigsten Weise inne, um eine Antwort abzuwarten.

Wenn Lady Lundie nicht, Dank der von ihrem Schwager bei ihr hervorgerufenen Gereiztheit, darauf bedacht gewesen wäre, ihm den Boden Zoll für Zoll streitig zu machen, so hätte sie jetzt wenigstens zu ahnen anfangen müssen daß ihr seine Falle gestellt wurde.

In der That aber war Lady Lundie nur auf die Ausbeutung der Gelegenheit bedacht, Blanche schlecht zu machen und Sir Patrick zu widersprechen.

»Wenn meine Stieftochter irgend eine solche Aussicht hätte, wie Sie sie andeuten, Sir Patrick«, antwortete sie, »so würde ich natürlich ja sagen, aber Blanche’s Wesen ist unberechenbar und ein unberechenbares Wesen hat gar keine Aussicht auf Glück!«

»Verzeihen Sie mir,« sagte Sir Patrick, »Blanche hat allerdings eine Aussicht auf Glück, mit andern Worten, Blanche hat Aussicht sich zu verheirathen und was mehr ist, Arnold Brinkworth ist bereit, sie zu heirathen, sobald die Ehecontracte in Ordnung gebracht werden können.«

Lady Lundie erhob sich in ihrem Sessel, wurde scharlachroth vor Wuth und öffnete die Lippen, um zu reden. Sir Patrick seinerseits stand auf und fuhr, ehe sie noch ein Wort hervorbringen konnte, fort: »Ich möchte Sie durch ein Mittel, dessen Anwendung Sie als durch Ihre Pflicht geboten anerkannt haben, von der Last des unverbesserlichen Mädchens für immer befreien. Als Blanche’s Vormund erlaube ich mir zu vorzuschlagen, ihre Hochzeit zu beschleunigen, so daß sie an einem näher zu bestimmenden Tage, in der letzten Hälfte des nächsten Monats stattfinden könnte.« Mit diesen Worten schlug er die Falle zu, in der er seine Schwägerin gefangen hatte und wartete dann das Weitere ab.

Ein boshaftes und auf’s höchste gereiztes Weib ist im Stande, der einen gebieterischen Nothwendigkeit, ihrer Bosheit Genüge zu thun, jede andere Rücksicht unterzuordnen. Hier gab es nur ein Mittel für Lady Lundie, den gegen sie gelehrten Spieß nun ihrerseits wieder umzukehren und sie ergriff es. Sie haßte Sir Patrick in diesem Augenblick wieder so gründlich, daß selbst die Behauptung ihres eigensinnigen Willens, ihr nur eine geringe Genugthuung im Vergleich zu dem unaussprechlichen Genuß gewährt haben würde, ihren Schwager mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

»Mein lieber Sir Patrick«, sagte sie mit einem holdseligen Lächeln, »Sie haben viel kostbare Zeit und viele beredte Worte an das Bemühen verschwendet, mir meine Zustimmung abzulocken, um die Sie mich nur einfach zu fragen nöthig gehabt hätten, um sie ohne Weiteres zu erlangen. Ich halte die Idee, Blanches Hochzeit zu beschleunigen, für vortrefflich, mich entzückt der Gedanke, meine Last auf die Schultern des unglücklichen jungen Mannes, der bereit ist, meine Stieftochter zu heirathen, abzuwälzen, je weniger Gelegenheit er hat, Blanches Charakter kennen zu lernen, desto besser, um so weniger werde ich zu fürchten haben, daß er sein gegebenes Wort wieder zurücknimmt. Bitte, veranlassen Sie die Advocaten zu größter Beschleunigung des Geschäfts und wenn Sie mir gefällig sein wollen, Sir Patrick, so lassen Sie die Hochzeit womöglich noch eine Woche früher sein.«

Bei diesen Worten erhob sich Lady Lundie in ihrer ganzen Majestät und machte einen Knix, der nicht weniger bedeuten sollte, als den pantomimischen Ausdruck ihres Triumphs.

Sir Patrick erwiderte den Knix mit einer tiefen Verbeugung und einem Lächeln, das beredt genug sagte: »Ich glaube jedes Wort dieser reizenden Antwort, bewundernswürdige Frau, leben Sie wohl!«

So war also die einzige Person in der Familie, deren Widerspruch Sir Patrick hätte nöthigen können, die Sache noch eine Weile aufzuschieben durch eine geschickte Behandlung ihrer Schwächen, zum Schweigen gebracht und Lady Lundie gegen ihren eigenen Willen für das Project gewonnen, die Verheirathung Arnold’s mit Blanche zu beschleunigen.



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Einunddreißigstes Kapitel - Erstickt

Es ist die Natur der Wahrheit, darnach zu streben, an’s Licht zu dringen. In mehr als einer Richtung rang die Wahrheit in der Zeit zwischen dem Tage; des Triumph? Sir Patricks und dem Hochzeitstage danach, durch das sie verhüllende Dunkel hindurch an’s Licht zu dringen und sich zu offenbaren. Es fehlte im Laufe dieser Zeit nicht an Zeichen einer im Geheimen wirkenden, verderblichen Thätigkeit. Es fehlte in Windygates-House nur an der prophetischen Gabe, diese Zeichen richtig zu deuten. An demselben Tage, an welchem Sir Patrick’s geschickte Behandlung seiner Schwägerin den Weg für die Beschleunigung der Hochzeit gebahnt hatte, erhoben sich Schwierigkeiten gegen dieses neue Arrangement von Seiten keiner geringeren Person, als Blanche selbst. Gegen Mittag hatte sie sich hinreichend erholt um Arnold in ihrem kleinen Wohnzimmer empfangen zu können; die Zusammenkunft war aber nur eine sehr kurze. Eine viertel Stunde später erschien Arnold mit einer Miene, in der sich die höchste Verzweiflung malte, vor Sir Patrick, der sich eben im Garten sonnte. Blanche hatte die Zumuthung, in einem Augenblick, wo Anne’s Verschwinden ihr das Herz gebrochen hatte, an ihre, Hochzeit auch nur zu denken, mit Entrüstung zurückgewiesen. »Sie haben mir doch erlaubt, davon zu sprechen, nicht wahr, Sir Patrick?« sagte Arnold.

Sir Patrick drehte sich ein wenig um, so daß die Sonne ihm noch besser auf den Rücken scheinen konnte und erwiderte dann Arnold, daß er allerdings nach seinem Siege über Lady Lundie, dazu seine Erlaubniß gegeben habe.

»Wenn ich das vorhergesehen hätte, würde ich mir lieber die Zunge ausgerissen haben, als der Hochzeit auch nur mit einer Sylbe zu gedenken! Was glauben Sie, daß sie that, als ich davon sprach? Sie brach in Thränen aus und hieß mich das Zimmer verlassen.«

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Es war ein lieblicher Morgen, ein kühler Wind milderte die Hitze des Tages, die Vögel sangen, der Garten bot den reizendsten Anblick dar. Sir Patrick fühlte sich äußerst behaglich. Die kleinen ermüdenden Quälereien dieses irdischen Daseins waren ihm in eine angenehme Ferne gerückt und er war fest entschlossen, sie sich in diesem Augenblicke nicht nahe kommen zu lassen.

»In einer Welt«, sagte der alte Herr, indem er sich die Sonne noch ein wenig mehr auf den Rücken scheinen ließ, »in einer Welt, die ein gütiger Schöpfer mit lieblichen Bildern, harmonischen Tönen und köstlichen Düften erfüllt hat, wissen die Menschen, welche ausdrücklich dazu geschaffen sind, sich dieser Genüsse zu erfreuen, nichts besseres zu thun, als sich selbstquälerisch zu Martern, sich allen Lebensgenuß zu verleiden, sich einander zu hassen und harte Worte zu sagen, bittere Thränen zu vergießen und sich schlaflos auf ihrem Lager zu wälzen. —— Was soll das bedeuten, Arnold, und wie lange soll das noch so fortgehen?«

Der feine Zusammenhang zwischen Blanche’s Verblendung, mit der sie den Gedanken an ihre Hochzeit von sich wies, und der Verblendung der Menschheit gegen die Vorteile ihres Daseins, den der ehrwürdige Philosoph, der sich hier behaglich sonnte, so klar empfand, war für Arnold vollkommen unerfindlich. Er ließ daher Sir Patrick’s philosophische Expectorationen ganz auf sich beruhen und fragte, indem er wieder aus Blanche zurückkam, was er nun thun solle.

»Was thun Sie mit dem Feuer, wenn Sie es nicht löschen können!« fragte Sir Patrick, »Sie lassen es brennen, bis es ausgeht. Was thun Sie mit einem Weibe, das Sie nicht beschwichtigen können? Lassen Sie es auch brennen, bis es ausgeht.«

Arnold vermochte die in diesem vortrefflichen Rathe enthaltene Weisheit wiederum nicht zu erkennen. »Ich habe gehofft, Sie würden mir helfen, die Sache mit Blanche in Ordnung zu bringen?«

»Ich helfe Ihnen ja; lassen Sie Blanche in Ruhe, reden Sie das nächste Mal, wenn Sie sie sehen, nicht von der Heirath mit ihr. Wenn sie der Sache Erwähnung thut, so bitten Sie sie um Verzeihung und sagen ihr, Sie wollten sie mit der Frage durchaus nicht weiter drängen. Ich werde sie in ein paar Stunden sehen und werde genau denselben Ton anschlagen. Sie haben ihr die Idee mitgetheilt, lassen Sie dieser Idee nun Zeit, bei ihr zu reifen, geben Sie ihrem Kummer in Betreff Miß Silvester’s keine Nahrung, reizen Sie denselben nicht durch Widerspruch, und hüten Sie sich davor, Blanche in die Lage zu bringen, ihre Freundin zu verteidigen, überlassen Sie es der Zeit, sie dem Gatten, der ihrer harrt, allgemach näher und näher zu führen und nehmen Sie mein Wort darauf, die Zeit wird das Ihrige gethan haben, noch bevor die Ehecontracte ausgefertigt sein werden.«

Um die Zeit des zweiten Frühstücks sah Sir Patrick Blanche und brachte die Principien, die er vorhin aufgestellt hatte, nun selbst zur Anwendung. Noch ehe ihr Onkel sie verlassen, hatte sich ihre Aufregung wieder gelegt, ein wenig später hatte sie Arnold Alles verziehen und noch ein wenig später war sie, wie der alte Herr mit Genugthuung beobachtete, ungewöhnlich nachdenklich geworden rund sah Arnold von Zeit zu Zeit mit einem ganz neuen Interesse an, das sie scheu vor Arnold zu verbergen suchte.

Sir Patrick ging auf sein Zimmer, um sich zu Tisch anzukleiden in der behaglichen Ueberzeugung, daß endlich die Schwierigkeiten mit denen er sich zu plagen gehabt, beseitigt seien. Niemals in seinem Leben hatte sich Sir Patrick schwerer getäuscht. Das Geschäft der, Toilette war schon weit vorgeschritten, Duncan hatten eben den Spiegel in das rechte Licht gerückt und Duncan’s Herr war eben bei dem täglich wiederkehrenden kritischen Moment angelangt, in welchem es sich um die Erreichung der höchstmöglichen Vollkommenheit in dem Binden der weißen Cravattenschleife handelte, als ein Barbar der keine Ahnung von der hohen Bedeutung der Halsbekleidung eines Gentleman hatte, sich herausnahm, an die Stubenthür zu klopfen. Weder Herr noch Diener rührten sich, bis die Vollkommenheit der Cravattenschleife über jeden Unglückgsfall erhaben war. Dann warf Sir Patrick den letzten kritischen Blick in den Spiegel und athmete wieder freier, als er sah, daß die Schleife gelungen sei. »Ein wenig steif in der Ausführung, Duncan, aber in Betracht der Unterbrechung nicht übel!«

»Gewiß nicht, Sir Patrick!«

»Jetzt sieh’ zu, wer an der Thür ist.«

Duncan ging an die Thür und kehrte mit einem Telegramm in der Hand zu seinem Herrn zurück.

Sir Patrick fuhr bei dem Anblick dieser unwillkommenen Botschaft zusammen. »Unterzeichne den Empfangschein, Duncan, und öffne das Couvert.«

Ja, genau wie er erwartet hatte, Nachricht von Miß Silvester, eben an demselben Tage, wo er beschlossen hatte, jeden ferneren Versuch, ihre Spur zu verfolgen, aufzugeben. Das Telegramm lautete:

»Diesen Morgen Botschaft von Falkirk erhalten. Dame wie beschrieben verließ den Zug in Falkirk gestern Abend, ging diesen Morgen mit erstem Zuge weiter nach Glasgow. Ich erwarte weitere Instructionen.«

»Soll der Bote auf eine Antwort warten, Sir Patrick?«

»Nein, ich muß mir überlegen, was ich thun will; wenn ich es nothwendig finde, werde ich nach der Station schicken. Hier sind Nachrichten von Miß Silvester, Duncan«, fuhr Sir Patrick fort, nachdem der Bote sich entfernt hatte, »man hat ihre Spur bis Glasgow verfolgt.«

»Glasgow ist eine große Stadt, Sir Patrick.«

»Selbst toenn man von Edinburgh aus weiter telegraphirt und sie weiter beobachtet —— was bisher nicht geschehen zu sein scheint —— so kann sie uns doch in Glasgow wieder entgehen. Ich glaube, ich darf sagen, daß Niemand in der Welt weniger als ich davor zurückschreckt, eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, aber ich gestehe, daß ich etwas darum gegeben hätte, wenn ich dieses Telegramm von uns hätte fernhalten können; es zwingt mich zu einer Entscheidung in der unangenehmsten Frage, die mir seit langer Zeit vorgelegen hat. Hilf mir meinen Rock anziehen, Duncun, ich muß nachdenken, ich muß nachdenken!«

Die Mittags-Gesellschaft, die sich an diesem Tage pünktlich bei dem Klange der Tischglocke versammelt hatte, mußte eine viertel Stunde auf das Erscheinen der Wirthin warten. Lady Lundie entschuldigte sich bei ihren Gästen, als sie endlich in die Bibliothek eintrat, damit, daß sie durch den Besuch von Nachbarn, die zu einer ungewöhnlich späten Stunde bei ihr vorgesprochen hätten, zurückgehalten worden sei. Mr. und Mrs. Julius Delamayn hatten sie, da sie gerade in der Nähe von Windygates waren, auf ihrem Heimwege mit einem Besuche beehrt und hatten Einladungskarten zu einem bevorstehenden Gartenfeste überbracht. Lady Lundie war entzückt von der neuen Bekanntschaft, sie hatten alle in Windygates anwesenden Gäste mit eingeladen; sie waren so angenehm und bequem gewesen, wie alte Freunde. Mrs. Dclamayn hatte von einer Dame, die augenblicklich ihr Gast war, Mrs. Glenarm, eine sehr freundliche Botschaft des Inhalts gebracht, daß sie sich ihrer Begegnung mit Lady Lundie in London, bei Lebzeiten des verstorbenen Sir Thomas erinnere und sich nach einer Erneuerung der Bekanntschaft sehne. Mr. Julius Delamayn hatte dann sehr amüsante Berichte von dem Treiben seines Bruders gegeben, der sich einen Lehrer von London habe konnnen lassen. Das ganze Haus sei nun fieberhaft gespannt auf das herrliche Schauspiel eines Athleten, der sich zu einem Wettlaufe vorbereite. Die Damen, Mrs. Glenarm an ihrer Spitze, seien emsig damit beschäftigt, die schwere und verwickelte Frage des menschlichen Rennens, die dabei in Betracht kommenden Muskeln, die dazu erforderlichen Vorbereitungen und die Geschichte der berühmtesten Helden des Wettlaufs zu studiren. Die sämmtlichen Gutsleute seien Geoffrey diesen Morgen behülflich gewesen, in einem entfernten Theile des Parkes —— wo sich ein leeres Häuschen befinde, das mit allem, für die Aufnahme Geoffrey’s und seines Lehrers Erforderlichen, ausgestattet werden solle —— eine englische Meile zum Behuf seiner Uebungen abzustecken. »Sie werden meinen Bruder«, hatte Julius gesagt, »bei dem Gartenfeste zum letzten Male sehen, nachher zieht er sich in athletische Einsamkeit zurück, um sich ausschließlich der Beobachtung des Schwindens seines für das Rennen überflüssigen Fleisches hinzugeben.« Während des ganzen Diners gab Lady Lundie ihrer vortrefflichen Laune durch überschwängliches Lob ihrer neuen Freunde einen für die Gäste etwas lästigen Ausdruck.

Sir Patrick seinerseits war seit Menschengedenken nicht so schweigsam gewesen, er sprach mit Anstrengung und hörte mit noch größerer Anstrengung zu, Ob er das in seiner Tasche befindliche Telegramm beantworten, ob er aus seinem Beschluß, Miß Silvester sich selbst zu überlassen, beharren solle oder nicht, das waren die Fragen, die mit derselben Regelmäßigkeit an ihn herantraten, wie die aus einander folgenden Gerichte.

Blanche, die sich nicht stark genug gefühlt hatte bei Tische zu erscheinen, kam nach Tisch in den Salon. Als sich auch Sir Patrick später mit den übrigen Herren zum Thee dort einfand, war er noch immer über den von ihm einzuschlagenden Weg in Betreff des Telegramms unschlüssig. Ein Blick auf Blanche’s betrübtes Gesicht und Blanche’s verändertes Wesen gab den Ausschlag. Was würde die Folge sein, wenn er durch Wiederaufnahme einer Verfolgung der Spur Miß Silvesters neue Hoffnungen bei Blanche erweckte und wenn er Anne’s Spur dann zum zweiten Mal verlöre? Er brauchte nur seine Nichte anzusehen, um sich diese Frage zu beantworten; gab es eine Erwägung, die es rechtfertigen konnte, wenn er Blanche’s Aufmerksamkeit wieder auf die Erinnerung an die Freundin, die sie verlassen hatte, lenkte, und das in einem Augenblick wo sie eben im Begriff stand, sich dem anziehenden Gedanken an ihre Hochzeit zuzuwenden? Nichts hätte das rechtfertigen können und nichts solle ihn bewegen, das zu thun. Auf Grund dieses von seinem Standpunkte gewiß verständigen Raisonnemens beschloß Sir Patrich keine weiteren Instructionen an seinen Freund in Edinburgh ergehen zu lassen. Darnach befahl er Duncan, das strengste Schweigen in Betreff der Ankunft des Telegramms zu beobachten und verbrannte es, um jede Gefahr zu beseitigen, mit eigener Hand auf seinem Zimmer.

Als Sir Patrick am nächsten Morgen zum Fenster hinaus blickte, sah er, wie die beiden jungen Leute, die ihren Morgenspaziergang machten, eben über den offenen Rasen zwischen den beiden mit Gebüsch bestandenen Wegen dahinschritten. Arnold hielt Blanche umschlungen und sie unterhielten sich vertraulich. »Sie fängt schon an sich zu fügen«, dachtes der alte Herr, als sich die Beiden wieder in den zweiten Gebüschweg verloren und sich so seinen Blicken entzogen. »Dem Himmel sei Dank! Endlich fangen die Dinge an glatt zu gehen!«

Unter den Bildern, mit denen Sir Patricks Schlafzimmer geschmückt war, befand sich eine von der Höhe aus aufgenommene Ansicht eines Wasserfalles in den Hochlanden. Wenn er in diesem Augenblick, wo er vom Fenster zurücktrat, einen Blick auf die Landschaft geworfen hätte, so würde er gesehen haben, daß ein Fluß, der in einem Augenblick sanft und glatt dahinfließt, im nächsten Augenblicke im wildesten Laufe daher brausen kann, und würde sich vielleicht nicht ohne böse Ahnungen erinnert haben, daß man von Alters her den Lauf eines Stromes treffend mit dem Laufe des menschlichen Lebens verglichen hat!



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