Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Glasgow - Dreiunddreißigstes Kapitel - Anne in den Zeitungen
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Mann und Weib



Dreiunddreißigstes Kapitel - Anne in den Zeitungen

Mrs. Karnegie war eine Frau von schwacher Intelligenz und heftigem Temperament, leicht beleidigt und meistens nicht leicht wieder zu beschwichtigen, aber ihr Charakter war, wie es bei uns Allen mehr oder weniger der Fall ist, aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt und sie hatte neben ihren mancherlei Fehlern auch ihre guten Eigenschaften. Saamenkörner guter Gefühle waren in den entferntesten Winkeln ihres Herzens verstreut und harrten nur der befruchtenden Gelegenheit, um aufzukeimen. Die Gelegenheit bot sich und übte ihren wohlthuenden Einfluß, als der Wagen Mr. Crum Clientin nach dem Hotel zurückbrachte. Das Aussehen der erschöpften und tief betrübten Frau, als sie langsam über den Vorplatz schritt, brachte alle besseren Seiten in Mrs. Karnegie’s Natur zur Entfaltung und sprach vornehmlich zu ihr: Eifersüchtig auf dieses gebrochene Geschöpf? Bist Du nicht auch Weib und Mutter und hörst Du hier nicht einen Aufruf an Eure gemeinschaftliche Weiblichkeit?

»Ich fürchte, Sie haben sich zu sehr angestrengt, Madame, soll ich Ihnen nicht eine Erfrischung hinaufschicken?«

»Schicken Sie mir Feder, Tinte und Papier, ich habe einen Brief zu schreiben und zwar sofort!«

Mrs. Karnegie’s Vorstellungen dagegen waren vergeblich. Mrs. Graham war bereit, Alles anzunehmen, was man ihr vorschlug, wenn man sie nur zuerst mit den Schreibmaterialien versehen wolle.

Mrs. Karnegie schickte dieselben hinauf und braute dann mit eigenen Händen ein Getränk aus Eiern und heißem Wein, für weiches das »Schöpfen-Hotel« berühmt war. In fünf Minuten war dasselbe bereitet und Miß Karnegie wurde von ihrer Mutter, die im Augenblick etwas: Anderes zu thun hatte, damit hinauf geschickt. Nach Verlauf einiger Minuten hörte man von dem oberen Vorplatz her einen« beunruhigenden Schrei. Mrs. Karnegie erkannte die Stimme ihrer Tochter und eilte nach dem Schlafzimmer.

»O Mama, sieh’ sie an, sieh sie an;« der Brief, von dem die ersten Zeilen geschrieben waren, lag auf dem Tisch, die Frau lag auf dem Sopha, das Taschentuch zwischen die Zähne geklemmt, mit schrecklich anzusehendem verzerrten Gesicht.

Mrs. Karnegie richtete sie ein wenig auf, untersuchte sie genau, wechselte dann plötzlich die Farbe und schickte ihre Tochter mit der Weisung hinaus, sofort einen Boten nach einem Arzte abzusenden.

Sobald sich Mrs. Karnegie mit der Leidenden allein befand, trug sie diese in ihr Bett. Als sie sie hinlegte, sank Anne’s linke Hand hilflos über das Bett herab. Mrs. Karnegie hielt das Wort der Theilnahme, das ihr auf den Lippen schwebte, plötzlich zurück, erfaßte die Hand und betrachtete mit einem streng forschenden Blick den dritten Finger derselben. An dem Finger steckte ein Ring. Mrs. Karnegie’s Gesicht nahm sofort wieder einen milderen Ausdruck an; das Wort des Mitleids, das sie noch eben zurückgehalten hatte, sprach sie nun aus. »Armes Kind»sagte die respektable Wirthin, indem sie sich an dem Schein genügen ließ. »Wo ist Ihr Mann, liebes Kind? Versuchen Sie, es mir zu sagen.«

In diesem Augenblick erschien der Arzt.

Die Zeit verfloß und Mr. Karnegie und seine Tochter, welche die Hotelgeschäfte weiter besorgt hatten, erhielten nach einiger Zeit eine Botschaft Von oben, die ein ungewöhnliches Ereigniß zu verkündigen schien.

Die Botschaft lautete dahin, Mr. Karnegie möge die Güte haben, sofort zu einer erfahrenen Wärterin, deren Namen und Adresse angegeben wurden, mit einer Empfehlung des Doktors zu schicken.

Die Wärterin wurde geholt und hinauf geschickt.

Wieder verfloß die Zeit, die Geschäfte des Hotels nahmen ihren Fortgang und es war bereits spät geworden, als Mrs. Karnegie endlich wieder hinter dem Schenktisch erschien.

Das Gesicht der Wirthin trug einen feierlich ernsten Ausdruck, ihr ganzes Wesen schien gedämpft. »Sehr, sehr krank,« lautete die einzige Antwort, die sie aus die Fragen ihrer Tochter gab.

Etwas später, als sie mit ihrem Gatten allein war, erzählte sie demselben genauer, was oben vorgegangen war.

»Ein todtgebornes Kind,« sagte Mrs. Karnegie in einem sanfteren Ton, als er ihr sonst geläufig war. »Und die arme Mutter liegt, so viel ich sehen kann, im Sterben.«

Etwas später kam der Doctor herunter.

»Ist sie todt?«

»Nein.«

»Wird sie am Leben bleiben?«

»Das kann ich unmöglich sagen.«

»Der Doctor kam noch zweimal im Laufe der Nacht. Beide Male hatte er auf alle Fragen nur die eine Antwort: »Wir müssen bis morgen warten.«

Am folgenden Tage erholte sich die Kranke ein wenig. Nachmittags fing sie an zu reden. Der Anblick fremder Gesichter an ihrem Bett schien sie nicht zu überraschen; sie phantasirte, verfiel dann wieder in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit und dann wieder in Fieberphantasien.

Der Doctor erklärte: »Dieser Zustand kann noch Wochen dauern, kann aber auch rasch mit einem plötzlichen Tode enden; es ist Zeit, daß Sie Schritte thun, um ihre Angehörigen zu ermitteln.«

Man erholte sich Raths bei Mr. Camp. Das erste, was er zu sehen verlangte, war der unvollendete Brief.

Der Brief war mit Tintenflecken bedeckt und von den wenigen geschriebenen Worten war mehr als eines unleserlich. Mit Mühe und Anstrengung brachte man die Anrede und hie und da einige Fragmente der auf dieselbe folgenden Zeilen heraus.

Der Brief begann: »Lieber Mr. Brinkworth.« Dann wurde die Handschrift allmählich immer schlechter, nur schwer konnte man die folgenden Worte entziffern. »Ich würde....schlecht vergelten ... Blanche’s Interessen . . . . Um Gotteswillen! . . . . denken Sie nicht an mich....« Dann folgten noch einige völlig unleserliche Zeilen. Mit den in dem Brief vorkommenden Namen beschäftigte sich die Kranke, wie der Doctor und die Wärterin berichteten, auch in ihren Fieberphantasien. »Mr. Brinkworth« und »Blanche« —— bei diesen beiden« Personen verweilten ihre Gedanken fortwährend. Das einzige, außer diesen Namen, von ihren Phantasien Verständliche, war der Brief, dessen sie beständig in Verbindung mit jenen beiden Personen gedachte. Sie versuchte es unablässig, den unvollendeten Brief auf die Post zu bringen, konnte aber nie hingelangen. Bisweilen lag die Post jenseits des Meeres, bisweilen auf dem Gipfel eines unersteiglichen Berges, ein anderes Mal war sie von riesigen Mauern rings umgeben; dann wieder hielt ein Mann sie grausam in dem Augenblick zurück, wo sie die Post erreicht hatte, und schleppte sie Tausende von Meilen weit weg; ein- oder zweimal nannte sie diesen Mann beim Namen. Die Umstehenden brachten heraus, daß der Name »Geoffrey«, war.

Da man weder in dem unvollendenten Briefe, noch in den verworrenen Reden, die ihr von Zeit zu Zeit entfuhren einen Aufschluß über ihre Person fand, so beschloß man, ihr Gepäck zu durchsuchen und die Kleider, die sie bei ihrem Eintreffen im Hotel getragen hatte, genau zu besichtigen. Ihr schwarzlederner Reisekoffer trug seine Neuheit an der Stirn. Beim Oeffnen desselben fand man darin die Adresse eines Glasgower Sattlers. Auch ihr Leinenzeug war neu und ungezeichnet; man fand noch die quittirte Rechnung über dasselbe. Die betreffenden Ladeninhaber, an die man sich in beiden Fällen wandte, sahen in ihren Büchern nach. Es ergab sich, daß die Dame sowohl den Koffer wie das Leinenzeug erst am Tage ihres Eintreffens im Hotel, gekauft hatte.

Demnächst öffnete man die schwarze Reisetasche. Man fand darin eine Summe von achzig bis neunzig Pfund in Banknoten, einige Toilettengegenstände, Nähmaterial und die Photographie einer jungen Dame, auf der die Worte standen: »Anne, von Blanche«, aber keine Briefe und Nichts, was auch nur entfernt auf die Spur der Person der Eigenthümerin hätte führen können. Dann untersuchte man die Tasche ihre Kleides; dieselbe enthielt eine Börse, eine leere Visitenkartentasche, und ein neues, ungezeichnetes Taschentuch.

Mr. Camp schüttelte den Kopf.

»Das Gepäck einer Dame«, sagte er, »das keine Briefe enthält, erweckt in mir die Vermuthung, daß die Dame ihre besonderen Gründe hat, ihre Bewegungen geheim zu halten. Ich argwöhnt, daß sie zu diesem Zweck ihre Briefe vernichtet und ihre Visitenkartentasche geleert hat.«

Der Bericht, den Mrs. Karnegie erstatten, nachdem sie das Leinenzeug, daß die sogenannte Mrs. Graham bei ihrem Eintreffen im Hotel getragen, untersucht hatte, bestätigte die Richtigkeit der Ansicht des Abdocaten. Aus jedem einzelnen Stück war das Namenzeichen ausgeschnitten. Mrs. Karnegie fing an zu zweifeln, ob der Ring, den sie an dem dritten Finger der linken Hand der Dame gesehen hatte, mit der Sanction des Gesetzes aufgesteckt sei.

Es blieb nur noch eine Möglichkeit, ihre Angehörigen aufzufinden, übrig. Herr Camp entwarf eine Anzeige, die man in die Glasgower Zeitungen einrücken lassen wollte. Wenn diese Zeitungen zufällig einem Mitglied ihrer Familie zu Gesicht kommen sollten, so würde die Familie sich höchst wahrscheinlich melden. Im entgegengesetzten Fall würde nichts zu thun übrig bleiben, als ihre Wiederherstellung oder ihren Tod abzuwarten und inzwischen ihr Geld zu versiegeln und in dem Geldschrank des Wirths zu verschließen.

Die Anzeige erschien. Man wartete drei Tage, aber es erfolgte nichts. Auch in dem Befinden der Kranken trat während dieser Zeit keine bemerkenswerthe Veränderung ein. Am Abend des dritten Tages erschien Mr. Camp und sagte: »Wir haben unser Bestes gethan, es bleibt uns jetzt nichts übrig, als zu warten.«

An demselben Abend herrschte in weiter Ferne, in Perthshire in Windygates-House, laute Freude. Blanche hatte endlich Arnold’s Bitten ein williges Ohr geliehen und hatte sich damit einverstanden erklärt, daß man ihr Hochzeitskleid in London bestelle.


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