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Die Blinde



Fünftes Kapitel - Der Mann bei Kerzenlicht

Es war dunkel geworden, daß ich kaum noch lesen konnte. Zillah zündete die Kerzen an und zog die Fenstervorhänge zu. Tiefes Schweigen, welches einer gründlichen Enttäuschung zu folgen pflegt, herrschte im Zimmer.

»Wer mag er nur sein?« wiederholte Lucilla nun wohl zum hundertsten Male. »Und wieso kann Ihr Blick ihn betrübt haben? Sinnen Sie doch nach, Madame Pratolungo!«

Der letzte Satz in dem Artikel,,Exeter« präoccupirte mich ein wenig wegen des darin enthaltenen Wortes »Assisen«. Als Lucilla ihre Aufforderung, meine Devinitionsgabe anzustrengen, an mich richtete, hatte ich wieder eine andere Inspiration. Ich rieth auf der Stelle, der Fremde sei ein interessanter Verbrechen der entflohen sei, um der Verurtheilung durch die Assisen zu entgehen.

Die würdige alte Zillah sprang auf, überzeugt, daß ich mit meiner Annahme den Nagel aus den Kopf getroffen habe. »Gott steh’ uns bei!« rief die Alte. »Ich habe die Gartenthiir nicht zugeriegelt!«

Sie rannte zum Zimmer hinaus, um uns, ehe es zu spät wäre, vor Raub und Mord zu schützen. Ich sah Lucilla an. Sie saß in ihrem Stuhle zurück gelehnt, mit einem verächtlichen Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. »Madame Pratolungo«, sagte sie, »eben haben Sie zum ersten Male, seit Sie hier sind etwas Thörichtes gesprochen.«

»Nicht so rasch, wenn ich bitten darf, liebes Fräulein«, erwiderte ich. »Sie haben erklärt, daß nichts über diesen Mann bekannt sei. Nun, damit meinen Sie, nichts, was Sie befriedigt. Er ist doch vermuthlich nicht vom Himmel gefallen? Der Zeitpunkt, in welchem er hierher gekommen ist, muß doch bekannt sein. Und ebenso, ob er allein oder in Gesellschaft hergekommen ist. Ferner, wie und wo er eine Wohnung im Dorfe gefunden hat. Bevor ich zugeben kann, daß ich mit meiner Vermuthung auf ganz falscher Fährte bin, muß ich hören, was die Leute in Dimchurch bis jetzt über diesen Mann in Erfahrung gebracht haben. Wie lange ist er schon hier?«

Lucilla schien sich anfänglich wenig für die rein praktische Auffassung der Frage, wie ich sie eben entwickelt hatte, zu interessiren.

»Er ist jetzt seit einer Woche hier«, warf sie nach lässig hin.

»Kam er, wie ich, über die Hügel her?«

»Ja.«

»Natürlich mit einem Führer?«

Bei dieser Frage richtete sich Lucilla plötzlich in ihrem Stuhle auf. »Mit seinem Bruder« antwortete sie. »Mit seinem Zwillingsbruder, Madame Pratolungo.

Jetzt richtete auch ich mich in meinem Stuhle auf .

Das Auftreten feines Zwillingsbruders in der Geschichte war schon an und für sich eine Verwickelung. Da waren also zwei entwichene Verbrecher statt eines!

»Wie fanden sie den Weg hierher? war meine nächste Frage.

»Das weiß niemand.«

»Wohin gingen sie zunächst, als sie herkamen?«

»In die »Gute Hand«, das kleine Wirthshaus im Dorfe. Der Wirth erzählte Zillah, die beiden Herren sähen sich merkwürdig ähnlich. Es sei unmöglich, sie von einander zu unterscheiden, die Aehnlichkeit sei selbst für Zwillinge erstaunlich. Sie kamen früh Morgens an, als die Schenkstube noch leer war und hatten eine lange vertrauliche Unterhaltung mit einander. Als diese vorüber war, klingelten sie dem Wirth und fragten ihn, ob er ein Schlafzimmer im Hause übrig habe. Sie werden selbst gesehen haben, daß die »Gute Hand« nur eine Bierschenke ist. Der Wirth hatte ein Zimmer übrig, ein elendes Stübchen, das kein Schlafzimmer für einen Gentleman war. Einer der Brüder miethete gleichwohl das Zimmer.«

»Und was wurde aus dem anderen Bruder?«

»Der ging noch an demselben Tage sehr ungern fort. Sie nahmen den zärtlichsten Abschied von einander. Der Bruder, welcher heute Abend mit uns gesprochen hat, bestand auf der Abreise des Anderen, sonft würde ihn dieser nicht verlassen haben. Sie vergossen beide Thränen —«.

»Sie haben noch etwas Schlimmeres gethan«, sagte die alte Zillah, die in diesem Augenblicke wieder ins Zimmer trat. »Ich habe unten alle Thüren und Fenster festgeschlossen. Er kann jetzt nicht hinein, liebes Kind, wenn er es auch versucht..

»Wieso haben sie denn noch etwas Schlimmeres gethan?« fragte ich.

»Sie haben sich geküßt«, sagte Zillah mit dem Ausdruck des tiefsten Widerwillens.

»Vielleicht sind es Fremde?« schlug ich vor. »Haben sie ihre Namen genannt?«

»Der Wirth fragte den Zurückbleibenden nach seinem Namen«, erwiderte Lucilla. »Er nannte sich »Dubourg«.

Diese Antwort bestärkte mich in meiner Vermuthung »Dubourg« ist in Frankreich ein so gewöhnlicher Name wie »Jones« oder »Thompson« in England. Gerade so ein Name, wie ihn ein Mann, der nicht gekannt sein will, sich bei uns beilegen würde. Sollte dieser Verbrecher ein Landsmann von mir sein? Nein, er hatte durchaus nicht mit fremdem Aceent, sondern das reinste Englisch gesprochen; darüber konnte kein Zweifel obwalten. Und doch hatte er sich einen französischen Namen gegeben. Sollte er sich damit absichtlich einer Insulte gegen meine Nation schuldig gemacht haben? Ja, nicht damit zufrieden, sich mit unzähligen Verbrechen befleckt zu haben, hatte er dem Register seiner Scheußlichkeiten noch eine Insulte gegen meine Nation hinzugefügt?

»Nun?« nahm ich wieder auf. »Wir haben diesen unentdeckten Spitzbuben allein im Wirthshaus gelassen, ist er noch dort?«

»Wo denken Sie hin!« rief die alte Amme. »Er hat sich hier in der Gegend häuslich niedergelassen; er hat Browndown gemiethet!«

Ich wandte mich gegen Lucilla. »Browndown gehört doch jemandem«, sagte ich, indem ich es wagte, wieder eine Vermuthung auszusprechen. »Halt es denn jemand vermiethet, ohne sich nach dem Miether zu erkundigen?«

»Browndown gehört einem Herrn in Brighton«, antwortete Lucilla. »Und der Herr wurde wegen Auskunft über den Miether an ein wohlbekanntes Haus in London, eine der großen kaufmännischen Firmen in der City verwiesen. Daran knüpft sich der unerklärlichste Punkt des ganzen Geheimnisses. Der Chef des Londoner Hauses erklärte: »Ich kenne Herrn Dubourg seit meiner Kindheit. Er hat seine Gründe, zu wünschen, in der größten Zurückgezogenheit zu leben. Ich stehe dafür, daß er ein ehrenwerther Mann ist, dem Sie ruhig Ihr Haus vermiethen können. Mehr darf ich Ihnen nicht mittheilen.« Mein Vater kennt den Eigenthümer von Browndown und dieser hat ihm die erhaltene Auskunft wörtlich so mitgetheilt. Ist das nicht eigenthümlich? Am nächsten Tage wurde ihm das Haus auf sechs Monate vermiethet. Es ist elend meublirt. Herr Dubourg hat sich verschiedene Sachen von Brighton kommen lassen. Außer dem Mobiliar ist heute noch eine Kiste aus London in dem Hause angekommen die so fest vernagelt war, daß nach dem Zimmermann geschickt werden mußte, um sie zu öffnen. Der Zimmermann berichtete, daß die Kiste mit dünnen goldenen und silbernen Platten angefüllt sei und daß sich dabei noch ein Kasten mit eigenthümlichen Werkzeugen befände, deren Gebrauch dem Zimmermann völlig unbekannt sei. Herr Dubourg verschloß diese Dinge in ein an der Rückseite des Hauses gelegenes Zimmer und steckte den Schlüssel in die Tasche; Er schien vergnügt; er pfiff ein Lied und sagte: »Nun wird die Sache gehen!« Das wissen wir von der Wirthin in der »Guten Hand«. Sie kocht ihm das Essen und ihre Tochter hält ihm das Haus in Ordnung. Sie gehen Morgens zu ihm und kehren Abends wieder nach ihrem Hause zurück. Er hat weiter keine Bedienung bei sich. Nachts ist er ganz allein. Ist das nicht interessant? Ein Geheimmniß mitten im alltäglichen Leben, es intriguirt Jedermann.«

»Sie müssen hier sonderbare Leute sein, mein liebes Kind,« erwiderte ich, »in einem so einfachen Fall, wie diesem, etwas Geheimnißvolles zu finden«

»Einfach?« erwiderte Lucilla außer sich vor Erstaunen.

»Unzweifelhaft führt Alles, die Gold: und Silber Platten die eigenthümlichen Werkzeuge, das zurückge zogene Leben und das Nachhauseschicken der Dienstboten am Abend, zu demselben Scshlnß Meine Vermuthung zist richtig; der Mann ist ein entlaufen er Verbrecher kund sein Verbrechen besteht in Falschmünzerei. Man ist ihm in Exeter auf die Spur gekommen er hat sich dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen gewußt und er will hier wieder von Frischem anfangen. Sie können ja thun, was Ihnen gefällt. Wenn ich einmal kleine Münze brauchen sollte, so würde ich mich hüten sie mir hier in der Gegend zu verschaffen«

Lucilla lehnte sich wieder in ihren Stuhl zurück Es war klar, daß sie mich in Betreff f des Herrn Dubourg für ebenso böswillig, wie unversserlich auf falscher Fährte wähnte.

»Ein Falschmünzer, den der Chef eines der ersten Handlungshäuser in London für seinen ehrenwerthen Mann erklärt«, rief sie aus. »Wir Engländer sind gelegentlich sehr excentrisch, aber unsere nationale Verrücktheit hat doch ihre Grenzen, Madame Pratolungo, und Sie haben mit Ihrer Annahme diese Grenzen bereits überschritten. Wollen wir ein wenig musiciren?«

Sie sagte das in einem etwas empfindlichen Tone. Herr Dubourg war der Held ihres Romans Jeder von mir gemachte Versuch, ihn in ihrer Achtung herab zusetzen war ihr empfindlich. Gleichwohl beharrte ich bei meiner ungünstigen Meinung von ihm. Bei unserer Meinungsverschiedenheit handelte es sich, wie ich es ihr hätte sagen können, um die Frage, ob der Londoner Kaufmann Glauben verdiene oder nicht. Nach ihrer Ansicht bot sein Reichthum eine genügende Gewähr für seine Redlichkeit. Nach meiner gut socialistischen Ansicht sprach gerade dieser Umstand entschieden gegen ihn. Kapitalist und Falschmünzer, beide sind jeder in seiner Art Räuber. Ob der Kapitalist den Falschmünzer oder der Falschmünzer den Kapitalisten empfiehlt, gilt mir ganz gleich. In beiden Fällen sind, wie es in einem englischen Stück vortrefflich heißt, die Ehrlichen das weiche behagliche Kissen, auf welchem diese Spitzbuben sich ausruhen und mästen. Ich stand im Begriff, Lucilla diese meine weitere und liberalere Auffassung des Gegenstandes mitzutheilen. Aber ach! Es war nur zu klar, daß das arme Kind von den beschränkten Vorurtheilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, angesteckt war. Wie sollte ich mich am ersten Tage unseres Beisammenseins der Gefahr einer Veruneinignng aussetzen? Nein, das durfte nicht geschehen! Ich gab dem allerliebsten hübschen, blinden Mädchen einen Kuß; wir gingen zusammen nach dem Klavier und ich verschob den Versuch, aus Lucilla eine gute Socialistin zu machen, auf eine passendere Gelegenheit. Wir hätten das Klavier ebenso gut uneröffnet lassen können. Es wollte mit der Musik durch aus nicht gehen. Ich spielte so gut ich konnte, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin. Sie hörte mir mit dem besten Willen, Vergnügen daran zu finden, zu; sie dankte mir zu wiederholten Malen; sie versuchte es, auf meine Bitte selbst zu spielen und wählte die ihr vertrauten Compositionen, welche sie auswendig wußte. Vergebens! Der abscheuliche Dubourg, der ihr ganzes Interesse in Anspruch genommen hatte, war nicht zu verdrängen. Sie versuchte und versuchte, aber es wollte nicht gehen. Seine Stimme klang ihr noch in den Ohren und das war die einzige Musik, für welche sie diesen Abend Sinn hatte. Ich setzte mich wieder ans Klavier und fing noch einmal an zu spielen. Plötzlich schlug sie mir die Hände von den Tasten und sagte flüsternd: »Ist Zillah hier?« Ich sagte ihr, daß Zillah das Zimmer verlassen habe. Da legte sie ihr reizendes Köpfchen auf meine Schulter, seufzte krampfhaft und brach in die Worte aus: »Ich kann nicht anders, ich muß fortwährend an ihn denken. Zum ersten Male in meinem Leben fühle ich mich unglücklich! nein — glücklich! O, was müssen Sie von mir denken! Ich weiß nicht, was ich rede. Warum ermuthigten Sie ihn, mit uns zu sprechen? Ohne Sie hätte ich vielleicht nie seine Stimme gehört.« Sie richtete sich mit einem kleinen Schauer wieder auf und beruhigte sich. Mit der einen Hand fuhr sie über die Tasten hin und spielte leise. »Seine reizende Stimme«, flüsterte sie träumerisch, während sie spielte, »o, seine reizende Stimme!« Dann hielt sie wieder inne und sagte, indem sie ihre Hand von den Tasten herab sinken ließ und meine Hand erfaßte, halb zu sich selbst, halb zu mir: »Ist das Liebe?«

Meine Pflicht als respectable Frau war mir klar vorgezeichnet; ich mußte ihr eine Lüge sagen. »Es ist nichts weiter, liebes Kind«, sagte ich, »als zu große Aufregung und zu große Ermüdung. Morgen sollen Sie wieder mein junges Fräulein sein, heute Abend müssen Sie nur mein Kind sein. Kommen Sie, lassen Sie mich Sie zu Bett bringen«

Sie fügte sich mit einem müden Seufzer. O, wie lieblich sie aussah, das unschuldige bekümmerte Wesen, als sie in ihrer reizenden Nachttoilette vor ihrem Bette kniete und ihr Nachtgebet sprach. Ich bekenne es offen, ebenso rasch im Lieben wie im Hassen zu sein. Als ich ihr gute Nacht gesagt und sie verlassen hatte, fühlte ich, daß ich sie nicht zärtlicher hätte lieben können, wenn sie mein eigenes Kind gewesen wäre. Jeder meiner Leser ist, wenn er nicht ein äußerst zurückhaltendes Wesen hat, wohl einmal Leuten von meiner Art begegnet, die ihm bei einer Fahrt auf der Eisenbahn oder als Nachbarn an der table d’hôte sofort die vertraulichsten Mittheilungen über alle ihre Privatangelegenheiten gemacht haben. Ich glaube, ich werde es bis an mein Ende nicht aufgeben, bei einer vorüber gehenden Begegnung mit Fremden alsbald Freundschaft mit ihnen zu schließen. Der niederträchtige Dubourg! Wenn ich an jenem Abende nach Browndown hätte gelangen können, hätte ich gern an ihm gethan, was eine mexikanische Magd, die ich in der centralamerikanischen Periode hatte, mit ihrem betrunkenen Manne that, der eine Art von Hausirer war und mit Peitschen und Stöcken handelte. Eines Abends nähte sie ihn als er, seinen Rausch verschlafend, auf dem Bette lag, fest in sein Betttuch ein, holte dann seinen ganzen Waarenvorrath aus der Ecke des Zimmers hervor und schlug denselben auf ihm kurz und klein, bis er von Kopf bis zu Fuß zu einer gallertartigen Masse zusammengeprütgelt war. Da mir dieses Hilfsmittel nicht zu Gebote stand, setzte ich mich in meinem Schlafzimmer hin und überlegte, was ich, wenn die Angelegenheit mit Dubourg sich noch weiter fortspinnen sollte, zunächst zu thun haben würde.

Ich habe bereits erwähnt, daß Lucilla und ich den ganzen Nachmittag recht nach Frauenart damit zugebracht hatten, über uns selbst zu plaudern. Zum; besseren Verständniß des Gedankenganges, den ich bei meinen Erzählungen verfolgte, will ich hier der Hauptsache nach das erzählen, was mir Lucilla über ihre eigenthümliche Stellung in dem Hause ihres Vaters mitgetheilt hatte.


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