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Die Blinde



Viertes Kapitel - Er setzt uns Alle zurecht

Ich habe bisher unterlassen, einer der Haupttugenden den des Ehrwürdigen Finch Erwähnung zu thun. Er war ein vollendeter Meister in jener besonderen Art der Peinigung unserer Mitmenschen, genannt: »Vorlesen« und er wandte dieses Peinigungsmittel so oft er konnte bei seiner Familie an. Von dem, was wir bei diesen Gelegenheiten litten, will ich schweigen. Es genüge, wenn ich sage, daß es dem Pfarrer einen unaussprechlichen Genuß gewährte, seine eigene prächtige Stimme zu hören.

Wenn die Vorlese-Rage Herrn Finch befiel, gab es kein Mittel, ihm zu entrinnen. Bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande kam er mit seinem Buche in der Hand zu uns unglücklichen Frauen hinunter, ließ uns an dem einen Ende des Zimmers Platz nehmen, setzte sich an das andere Ende, öffnete seinen schrecklichen Mund und feuerte stundenlang seine Worte auf uns ab, wie Schüsse nach einer Zielscheibe. Bisweilen las er uns Shakespearesche oder Milton’sche Poesie, bisweilen parlamentarische Reden von Burke oder Sheridan vor. Er mochte aber lesen, was er wollte, er declamirte Alles in derselben lauten und prätentiösen Weise; immer stellte er sein eigenes Ich so durchaus in den Vordergrund und ließ die Dichter oder Redner, die er uns vorzuführen vorgab, so ganz zurücktreten, daß sie jede Spur ihres eigenthümlichen Gepräges verloren und alle nur zu unerträglichen Abbildern des Ehrwürdigen Finch wurden.

Ich datire meine ersten Zweifel an der unerreichbaren Vollendung der Shakespeare’schen Poesie von den Vorlesungen des Pfarrers her und schreibe derselben Veranlassung meinen unversöhnlichen Haß gegen Burke’s Abhandlungen über die politischen und anderen Fragen seiner Zeit zu.

An dem Abende, wo Nugent Dubourg in Browndown erwartet wurde und wo wir besonders wünschten, in Ruhe gelassen zu werden, um Toilette machen und über den erwarteten Besuch im Voraus plaudern zu können, bekam Herr Finch nach dem Thee wieder das Gelüste, seine Familie mit Worten zu beschießen. Dieses Mal wählte er Hamlet als Mittel zur Entfaltung seiner Stimme und erklärte, sein heutiges Leseexercitium vorzüglich zum Besten für meine arme Person unternehmen zu wollen.

»Mein liebes Kind, ich habe es zufällig neulich mit angehört, wie Sie Lucilla etwas vorlasen. Es war ganz artig in seiner Art — wirklich ganz artig. Aber sie werden mir als einem mit der Kunst des Vorlesens sehr vertrauten Manne gestatten, Ihnen zu bemerken, liebe Madame Pratolungo, daß Ihnen ein paar Winke von mir sehr förderlich sein würden. Ich will Ihnen einige Ideen an die Hand geben. Liebe Frau, ich beabsichtige, Madame Pratolungo einige Ideen an die Hand zu geben. Achten Sie gefälligst besonders genau auf meine Pausen und auf meine Behandlung der Stimme am Schluß der Zeilen. Lucilla, die Sache ist von Interesse für Dich, liebes Kind. Madame Pratolungo’s Vervollkommnung im Vorlesen ist eine für Dich wichtige Angelegenheit. Geh’ nicht fort.«

Lucilla und ich waren an jenem Abende gerade Gäste am Tische des Pfarrers. Es war einer der regelmäßig wiederkehrenden Tage, wo wir unsere Seite des Hauses verließen, um uns dem Familienkreise anzuschließen, oder wie Herr Finch es nannte, an der Abendmahlzeit des Seelenhirten Theil nahmen. Seine Zuhörerschaft bestand also aus seiner Frau, seiner ältesten Tochter und mir. Ein Lächeln entsetzlicher Freude überflog das Antlitz Seiner Ehrwürden, als er uns von dem anderen Ende des Zimmers aus mit seinen Blicken überflog und das Feuer seiner Stimme gegen uns eröffnete:

»Hamlet. Erster Art; erste Scene.

Helsingör. Eine Terrasse vor dem Schlosse. Francisco auf dem Posten. Bernardo tritt auf.

Bernardo. »Wer da?«

Francisco. »Nein, antwortet mir, steht und gebt euch kund.«

(Frau Finch schlägt ihren Shawl auseinander, giebt dem Baby die Brust und versucht auszusehen, als erfreue sie sich eines großen geistigen Genusses.)

Folgt eine in tiefem Baß geführte Unterhaltung zwischen Francisco und Bernardo. Bum, bum bum.

»Horatio und Marcellus treten auf«

»He, halt; wer da?«

»Freund dieses Bodens.«

»Und Vasall des Dänen.«

Madame Pratolungo fängt an, den erklärenden Vortrag Shakespeares wie immer in ihren Beinen zu fühlen; sie versucht es, auf ihrem Stuhle zu sitzen. Vergebens! Sie leidet an der ihr aus bitterer Erfahrung schon zur Genüge bekannten Krankheit »Hamletzuckungen.« Bernardo und Francisco, Horatio und Marcellus unterhalten sich. Bumb, bum, bum. »Der Geist von Hamlet’s Vater tritt auf.« Herr Finch macht eine furchtbare Pause. In der unheimlichen Stille hören wir das Saugen des Baby. Frau Finch erfreut sich ihres geistigen Genusses. Madame Pratolungo leidet an nervösen Zuckungen. Lucilla wird von ihr angesteckt und bekommt gleichfalls Zuckungen. Marcellus-Finch fährt fort: »Du bist gelehrt; sprich Du mit ihm, Horatio.« Bernardo-Finch: »Sieht’s nicht dem Könige gleich? Schau’s an, Horatio.«

Lucilla Finch (unterbricht den Dialog): »Papa, es thut mir sehr leid, aber ich habe den ganzen Tag nervöse Kopfschmerzen gehabt; bitte, entschuldige mich, wenn ich einen Gang durch den Garten mache. (Der Pfarrer macht wieder eine Pause und starrt seine Tochter an. Lucilla geht ab.) Horatio sieht den Geist an und nimmt den Dialog wieder auf: »Ganz gleich; es macht mich starr.« Bum, bum, bum.

(Das Baby ist satt; Frau Finch sucht ihr Tuch, Herr Finch hält inne, starrt umher, fährt wieder fort und gelangt zur zweiten Scene.)

Der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes, Veltunand, Cornelius, Herren vom Hofe und Gefolge.« (Lauter Ehrwürdige Finche.) O, meine Beine, meine Beine! Bum, bum, bum.

Dritte Scene.

Laertes und Ophelia treten auf.

.

Beide sind Pfarrer von Dimchurch, beide haben tiefe Baßstimmen, beide sind kaum fünf Fuß hoch, blatternarbig und tragen nicht ganz saubere weiße Cravatten. Herr Finch liest weiter und weiter und immer weiter. Frau Finch und Baby schließen gemeinschaftlich die Augen und schlummern; Madame Pratolungo leidet an so furchtbarer nervöser Unruhe in ihren unteren Extremitäten, daß sie nach einem geschickten Chirurgus Verlangen trägt, der sie mit seinem Messer von ihren Beinen befreien könnte.

Herr Finch gelangt in immer tieferen Baßtönen und immer größerer Begeisterung zur

Vierten Scene.

»Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf.«

Gerechter Himmel, was höre ich! Kommt uns Hilfe von außen? Höre ich nicht Fußtritte auf dem Vorplatz? Ja! Frau Finch schlägt die Augen auf; sie hat wie ich die Fußtritte gehört und freut sich gleich mir über dieselben. Der Ehrwürdige Hamlet aber hört nichts als seine eigene Stimme. Er beginnt die vierte Scene:

»Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.«

Die Thür öffnet sich. Der Pfarrer fühlt gerade im rechten Augenblick einen für die Scene passenden Luftzug. Er sieht sich um. Wehe dem Eintretendem wenn er dienende Person ist! Aber nein, es sind Gäste! Dem Himmel sei Dankt Gäste. Willkommen, meine Herren, willkommen! Dank Ihnen ist es für heute mit dem Hamlet vorbei. Es treten zwei Personen auf, die sofort berücksichtigt sein wollen, Herr Oscar Dubourg, der seinen von Amerika kommenden Zwillingsbruder, Herrn Nugent Dubourg einführt.

Erstaunen über die außerordentliche Aehnlichkeit Beider war das erste Gefühl, das uns alle Dreie bei ihrem Eintritt ergriff.

Sie waren sich vollkommen ähnlich in Wuchs, Gang, Gesichtsbildung und Stimme. Beide hatten dieselbe Haarfarbe und vollkommen bartlose Gesichter. Oscar’s Lächeln umspielte Nugent’s Lippen. Nugent hatte genau dieselben kleinen, etwas fremdländischen Handbewegungen wie Oscar. Und endlich zeigten Nugent’s Wangen gerade die Hautfarbe, vielleicht eine Nuance dunkler, welche Oscar für immer verloren hatte. Der einzige Unterschied, welcher es möglich machte, sie in dem Augenblicke, wo sie zuerst das Zimmer betraten, von einander zu unterscheiden, der schreckliche Contrast der Hautfarbe zwischen dem Bruder, den die Arznei blau gefärbt hatte, und dem, der noch so war wie ihn die Natur geschaffen hatte, diesen Unterschied war Lucilla zu entdecken unfähig.

»Es freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen, Frau Finch, ich habe mich lange nach diesem Vergnügen gesehnt; Ihnen, Herr Finch, sage ich meinen besten Dank für alles Freundliche, das Sie meinem Bruder erwiesen haben. Vermuthlich, Madame Pratolungo, erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu reichen. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, daß ich von Ihrem berühmten Gatten gehört habe. O, da ist ein Baby, das Ihrige, Frau Finch? Ist es ein Mädchen oder ein Knabe? Ein schönes Kind, wenn ein Junggeselle sich ein Urtheil darüber erlauben darf. Twi, twi, twi!«

Er zirpte dem Kinde etwas vor, als wäre er der Papa und schnalzte vergnüglich dazu mit den Fingern. Der arme entstellte Oscar blickte mich mit triumphirenden Augen an, die mich zu fragen schienen: »Was habe ich Ihnen gesagt? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Nugent alle Menschen bei der ersten Begegnung bezaubert?« Das war sehr wahr. Nugent hatte wirklich etwas Unwiderstehliches In seinem Wesen so ganz von Oscar verschieden, glich er ihm nur, wenn er sich ruhig verhielt und war ihm doch in anderer Beziehung wieder so ähnlich. Ich kann ihn nur als ein vervollkommnetes Exemplar seines Bruders bezeichnen. Er hatte die anmuthige Lebhaftigkeit des Geistes und das behagliche gewinnende Selbstvertrauen, welche Oscar fehlten. Und einen wie vortrefflichen Geschmack zeigte er. Er liebte Kinder! Er ehrte das Andenken meines herrlichen Pratolungo! Nugent Dubourg war noch keine halbe Minute im Zimmer, als er schon Frau Finch’s und mein Herz gewonnen hatte.

Von dem Baby wandte er sich zu Herrn Finch und deutete auf den offen auf dem Tisch liegenden Shakespeare.

»Haben Sie den Damen vorgelesen?« fragte er, »ich fürchte wir haben Sie unterbrochen.«

»Bitte recht sehr«, sagte der Pfarrer mit dem Ausdruck der selbstbewußtesten Höflichkeit. »Wir können das ein andermal fortsetzen. Es ist meine Gewohnheit, Herr Nugent, im Familienkreise laut vorzulesen. Als Geistlicher und als Freund von Poesie habe ich seit langer Zeit vielfache Veranlassung gehabt, die Kunst der Declamation zu cultiviren.

»Berzeihen Sie, mein verehrter Herr, Sie haben aber diese Kunst in ganz falscher Weise cultivirt.«

Herr Finch verstummte, wie vom Donner gerührt. In seiner Gegenwart wagte es Jemand, eine eigene Meinung zu haben? Im Wohnzimmer des Pfarrhauses nahm es sich Jemand heraus, den Pfarrer mitten in einem Satze zu unterbrechen? Machte sich der wahnsinnigen Verwegenheit schuldig, ihm als Vorleser mit dem offenen Shakespeare vor sich zu sagen, daß er falsch gelesen habe? »O, wir haben Sie noch gehört, als wir eintraten«, fuhr Nugent mit unerschüttertem Selbstvertrauen in der verbindlichsten Form fort. »Sie haben so gelesen.«

Er nahm den Hamlet zur Hand und las die erste Zeile der vierten Scene: »Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt!« mit einer unwiderstehlich komischen genauen Wiedergabe der Deklamation des Herrn Finch.

»So würde Hamlet nicht sprechen. Kein Mann in jener Lage würde die Bemerkung, daß es entsetzlich kalt sei; in bellendem Tone machen. Shakespeare ist vor allen Dingen naturwahr. In welcher Verfassung befindet sich Hamlet in dem Augenblick, wo er sich darauf gefaßt macht, den Geist zu sehen. Er ist nervös und empfindlich gegen die Kälte. Lassen Sie ihn das natürlich äußern, lassen Sie ihn reden wie jeder andere Mensch unter gleichen Umständen. Hören Sie doch einmal, das muß rasch und ruhig gelesen werden: »Die Luft geht scharf«, hier hält Hamlet inne und schauert vor Kälte, prrr! »es ist entsetzlich kalt.« Sehen Sie, so muß man Shakespeare lesen.«

Herr Finch hob den Kopf so hoch, wie es ihm irgend möglich war und schlug mit der flachen Hand auf das offene Buch, daß es einen lauten feierlichen Klang gab.

»Erlauben Sie mir zu sagen, mein Herr«, fing er an.

Nugent unterbrach ihn wieder in der heiterten Laune.

»Sie sind nicht meiner Meinung? Gut. Darüber zu disputiren wäre ganz nutzlos. Ich weiß nicht, wie Sie in dieser Beziehung sind. Ich bin der eigensinnigste, auf seiner Meinung beharrendste Mensch, den es geben kann. Es ist verlorene Zeit, mein verehrter Herr, mich überzeugen zu wollen. Jetzt sehen Sie Einmal das Kind an.« Plötzlich mußte das Kind Nugent’s Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben; er drehte sich auf den Fersen herum und wandte sich an Frau Finch. »Ich nehme mir die Freiheit, zu behaupten Madame, daß es keine unsinnigere Kleidung geben kann, als die man in diesem Lande den kleinen Kindern anzieht. Die drei Hauptfunktionen welche ihr reizendes Kind da verrichtet: Saugen, Schlafen und Wachsen, werden gehemmt. Im gegenwärtigen Augenblick saugt es nicht und schläft nicht, sondern es wächst aus allen Kräften. Und so ist es ihm unter diesen Umständen dringendstes Bedürfniß, seine Glieder nach jeder Richtung hin so frei wie möglich bewegen zu können. Sie lassen es seine Arme nach Herzenslust regen und benehmen ihm die Möglichkeit, mit den Beinen zu stoßen. Sie ziehen ihm ein Kleid an, daß dreimal so lang ist, wie es selbst. Es versucht es wohl, mit den Beinen zu zappeln wie mit den Armen, aber es kann nicht, denn es verwickelt sich mit seinen Zehen in das unglückliche lange Kleid, und was die Natur zu einer Lust für das Kind machen wollte, wird ihm zur Anstrengung. Kann es etwas Absurderes geben? Was geht denn in den Müttern vor? Warum denken sie nicht selbst nach? Lassen Sie sich von mir rathen, Frau Finch, Freiheit herrliche Freiheit für die Beine meines jungen Freundes; Raum, freien Raum für die Füße dieses gepeinigten Säuglings!«

Frau Finch hörte Nugent wie hilflos zu, hob die langen Röcke des Baby empor und sah sie sich an, · starrte Nugent Dubourg mit kläglicher Miene an, öffnete die Lippen um zu reden, besann sich aber dann eines Besseren und heftete ihre wässerigen Augen auf ihren Gatten. Herr Finch machte einen neuen Versuch, seine Würde zur Geltung zu bringen und wollte dieses Mal eine gewaltig satyrische Antwort loslassen.

»Sie müssen mir in Betreff Ihres meiner Frau ertheilten Rathes zu bemerken erlauben, Herr Nugent, daß derselbe von größerem praktischem Gewichte sein würde, wenn er der Rath eines verheiratethen Mannes wäre. Ich möchte Sie daran erinnern.«

»Sie möchten mich daran erinnern, daß mein Rath der eines Junggesellen ist? O, gehen Sie, damit dürfen Sie mir jetzt nicht mehr kommen. Den Einwand hat Doctor Johnson schon vor einem Jahrhundert ein für alle Mal beseitigt. »Mein Herr« sagte er zu Jemand, der so dachte wie Sie, »Sie können einen Tischler, der Ihnen einen schlechten Tisch gemacht hat, schelten, wenn Sie auch selbst keinen Tisch machen können.« Und ich sage zu Ihnen, Herr Finch, ich darf einen Fehler in den Röcken eines Baby tadeln, wenn ich auch selbst kein Baby habe! Finden Sie das nicht überzeugend? Nicht? Nun wohl, nehmen Sie ein anderes Beispiel. Sehen Sie sich Ihr Zimmer hier an. Ich sehe ans den ersten Blick, daß es schlechtes Licht hat. Es hat nur ein Fenster und müßte zwei haben. Braucht man ein praktischer Baumeister zu sein, um das zu entdecken? Dies wäre doch eine absurde Forderung. Sind Sie jetzt überzeugt? Nein? Nehmen Sie ein anderes Beispiel: Was für bedrucktes Papier liegt da auf dem Kaminsims? Luxussteuer? Aha, das geht, das können wir als Beispiel brauchen. Sie sind nicht Mitglied des Unterhauses, Sie sind auch nicht Schatzkanzler. Haben Sie aber darum nicht doch Ihre eigene Meinung? Müssen Sie und ich im Parlamente sitzen, um zu sehen, daß die altersschwache englische Verfassung in den letzten Zügen liegt?«

»Und die junge kräftige Republik ihre ersten Athemzüge thut!« platzte ich nach meiner Gewohnheit, bei jeder möglichen Gelegenheit das Pratolungo-Programm zu verkünden, heraus.

Sofort drehte sich Nugent Dubourg wieder auf den Fersen herum, wandte sich an mich und sagte mir seine Meinung über meine Ansichten, gerade wie er dem Pfarrer seine Meinung über die richtige Art, den Hamlet vorzulesen, und Frau Finch über die zweckmäßigste Art, Baby’s zu kleiden, gesagt hatte.

»Durchaus nicht«, rief er in höchst positivem Tone. »Die junge Republik ist in der politischen Familie das Kind mit dem doppelten Gliedern; geben Sie das Kind auf, Madame, Sie werden es nie zum Manne erziehen.«

Ich versuchte es mit genau demselben Erfolge wie vorher der Pfarrer, meine Ansicht zur Geltung zu bringen und berief mich entrüstet auf die Autorität meines berühmten Gatten.

»Doctor Pratolungo« — fing ich an.

»War ein rechtschaffener Mann«, unterbrach mich Nugent. »Ich bin selbst ein liberaler Fortschrittsmann; ich achte ihn hoch; aber alle aufrichtigen Republikaner haben denselben Mißgriff gemacht, sie glauben an das Vorhandensein eines Gemeinsinnes in Europa. Täuschung! Der Gemeinsinn ist todt in Europa. Gemeinsinn ist eine edle Regung junger Nationen, neuer Völker. In dem selbstsüchtigen alten Europa ist das Privatinteresse an die Stelle des Gemeinsinnes getreten. Ihr Gatte ging, als er die Republik predigte, von der Voraussetzung aus, daß die Republik die Nation erheben werde. Pah! Wenn Sie von mir verlangen, daß ich die Republik annehmen soll, so müssen Sie mir beweisen, daß ich mich dabei selbst erheben kann, dann will ich Sie anhören. Das ist die einzige Kraft, durch welche Sie je hoffen können, republikanische Institutionen in der alten Welt einzuführen.«

Ich war entrüstet über solche Gesinnungen. »Mein berühmter Gatte«, fing ich wieder an.

»Würde lieber gestorben sein, ehe er an die niedrigsten Instincte seiner Mitmenschen appellirt hätte. Vollkommen richtig das war gerade sein Fehler. Darum hat er auch nie etwas aus der Republik machen können. Darum eben ist die Republik in der politischen Familie das Kind mit doppelten Gliedern. Quot erat demonstrandum«, schloß Nugent Dubourg, in dem er mich mit einem liebenswürdigen Lächeln und mit einer leichten ausdrucksvollen Handbewegung abthat, wie wenn er sagen wollte: »Jetzt bin ich mit diesen drei Leuten nach der Reihe fertig geworden; ich bin ebenso zufrieden mit mir wie mit ihnen!«

Sein Lächeln war unwiderstehlich. So sehr ich wünschte, die entwürdigenden Schlüsse, zu denen er gelangt war, zu bestreiten, so hatte ich doch im Augenblick nicht Feuer genug in mir, meine eigene Entrüstung zu nähren. Der Ehrwürdigte Finch saß ingrimmig in einer Ecke und war damit beschäftigt, so gut er konnte, die neue Entdeckung zu verdauen, daß es noch außer dem Pfarrer von Dimchurch einen Mann gäbe, der eine außerordentlich hohe Meinung von sich selbst habe und diese Meinung mit beredtester Zuversicht kund gäbe. Die kurze Pause, die nun entstand, benutzte Oscar, um zum ersten Male das Wort zu er greifen. Bisher hatte es ihm völlig genügt, seinen geistreichen Bruder zu bewundern. Jetzt trat er an mich heran und fragte mich, was aus Lucilla geworden sei.

»Die Magd sagte mir, sie sei hier«, sagte er, »ich möchte ihr Nugent gerne vorstellen.«

Nugent schlang seinen Arm zärtlich um den Hals seines Bruders und drückte ihn an’s Herz.

»Du lieber alter Junge, ich möchte es gerade so gern wie Du.«

»Lucilla hat vorhin das Zimmer verlassen, um einen Gang durch den Garten zu machen«, antwortete ich.

»Ich will sie suchen«, sagte Oscar. »Warte Du hier auf mich, Nugent, ich bringe sie her.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Noch bevor er die Thür geschlossen hatte, erschien eine der Mägde, um Frau Finch eine vertrauliche Mittheilung über ein häusliches Ereigniß zu machen. Nugent bat diese, als sie an ihm vorüberging, mit komischem Ernst flehentlich, sich doch von Vorurtheilen loszumachen und die Frage der Bahy-Kleidung gründlich zu prüfen. Herr Finch nahm diese zweite Bezugnahme auf den Gegenstand übel. Er erhob sich, um seiner Frau zu folgen:

»Wenn Sie erst einmal verheirathet sind, Herr Nugent«, sagte der Pfarrer in strengem Ton, »werden sie wohl lernen, die Behandlung eines Säuglings der eigenen Mutter zu überlassen.«

»Da sind Sie wieder im Irrthum«, bemerkte Nugent, indem er Herrn Finch mit unveränderter guter Laune bis an die Thür folgte. »Die Vorstellung, die sich ein verheiratheter Mann von einem andern Manne als Ehemann macht, reducirt sich immer auf die Vorstellung, die er von sich selbst hat.«

Als sich die Thür hinter Herrn Finch schloß, wandte er sich zu mir und sagte: »Jetzt sind wir allein, Madame Pratolungo, ich möchte mit Ihnen über Fräulein Finch reden. Wir müssen die Augenblicke, bis sie wieder hereinkommt, benutzen. Oscar hat mir nur geschrieben, daß sie blind sei. Ich interessire mich natürlich für Alles, was die künftige Frau meines Bruders angeht und ganz besonders für das Leiden, mit dem sie unglücklicher Weise behaftet ist. Darf ich fragen, seit wann sie blind ist?«

»Seit ihrem zweiten Lebensjahre«, antwortete ich.

»In Folge eines Unglücksfalls?«

»Nein.«

»Also wohl in Folge eines hitzigen Fiebers oder einer anderen schweren Krankheit?«

Dieses Eingehen auf medizinische Einzelheiten von seiner Seite fing an, mich ein wenig zu befremden.

»Ich habe nie gehört, daß ihre Blindheit die Folge eines hitzigen Fiebers oder einer anderen Krankheit gewesen sei«, erwiderte ich. »Soviel ich weiß, erblindete sie, ohne daß eine für ihre Umgebung erkennbare Ursache vorgelegen hätte.«

Zutraulich rückte er seinen Stuhl etwas näher an mich heran und fragte mich: »Wie alt ist sie?«

Diese Frage kam mir noch befremdlicher vor; er mochte es wohl merken, als ich ihm Lucilla’s Alter sagte. »Unter den obwaltenden Umständen«, erklärte er mir, »habe ich besondere Gründe, welche mich davon zurückhalten, mich mit meinem Bruder oder irgend einem Mitglied der Familie über die Blindheit näher zu unterhalten. Ich muß damit warten, bis ich mit meiner Unterhaltung einen guten praktischen Zweck verbinden kann. Mit Ihnen aber kann ich getrost auf den Gegenstand eingehen. Als sie damals erblindete, hat man doch natürlich kein Mittel zu ihrer Wiederherstellung unversucht gelassen?«

»So wird es wohl sein«, entgegnete ich. »Es ist so lange her, ich habe nie darnach gefragt.«

»So lange her«, wiederholte er und dachte dann einen Augenblick nach.

Seine Reflectionen veranlaßten ihn zu der schließlichen Frage.

»Sie selbst und auch ihre Umgebung haben sich vermuthlich ganz in den Gedanken ergeben, daß sie für Lebenszeit hoffnungslos erblindet sei?«

Anstatt ihm zu antworten stellte ich ihm meinerseits eine Frage. Mein Herz fing an rascher zu schlagen, ohne daß ich wußte warum.

»Herr Nugent Dubourg«, sagte ich, »was bedeuten Ihre Fragen in Betreff Lucilla’s?«

»Madame Pratolungo«, erwiderte er, »sie bedeuten, daß ich etwas erwäge, woran ein Freund von mir mich in Amerika aufmerksam machte.«

»Ist das der Freund, dessen Sie in Ihrem Briefe an Ihren Bruder Erwähnung thaten?«

»Derselbe.«

»Der deutsche Herr, den Sie mit Oscar und Lucilla bekannt machen wollten?«

»Ja.«

»Darf ich fragen, wer er ist?«

Nugent Dubourg fixirte mich scharf, dachte wieder einige Augenblicke nach und antwortete dann: »Es ist der größte lebende Augenarzt.

Im Nu war mir klar, was allen seinen Fragen zu Grunde gelegen hatte.

»Gerechter Gott!« rief ich aus, »Sie werden doch nicht so wahnsinnig sein, zu glauben, daß Lucilla’s Blindheit, nachdem sie einundzwanzig Jahre lang gedauert hat, geheilt werden könne?«

Plötzlich bedeutete er mich durch ein Zeichen zu schweigen. In diesem Augenblick nämlich öffnete sich die Thür und Lucilla trat, gefolgt von Oscar, in’s Zimmer.


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