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Die Blinde



Sechstes Kapitel - Nugent bringt Madame Pratolungo in Verlegenheit

Ich war weit entfernt Lucilla’s Ansichten von Nugent Dubourg zu theilen. Sein ungeheures Selbstvertrauen war nach meiner Ansicht viel zu ergötzlich, als daß es im mindestens verletzend hätte sein können. Mir gefiel die Lebhaftigkeit und Munterkeit des jungen Menschen. Er kam meinem Ideal des Feuers und der Entschlossenheit wie sie einem Manne vor dem dreißigsten Jahre anstehen, viel näher als sein Bruder. Soweit ich beide kennen gelernt hatte, war Nugent was man einen guten Gesellschafter nennt und Oscar war das nicht. Meine Nationalität läßt mich großen Wert auf gesellige Eigenschaften legen. Die höheren Tugenden eines Mannes zeigen sich nur gelegentlich unter zwingenden Verhältnissen. Von seinen geselligen Vorzügen werden wir täglich berührt. Ich bin gern munter; ich lobe mir gesellige Vorzüge.

Nur etwas wollte in jenen ersten Tagen bei mir keine rechte Sympathie für Nugent aufkommen lassen. Ich vermochte mir den Eindruck, welchen Lucilla auf ihn hervorgebracht durchaus nicht zu erklären. Die zwingende Gewalt welche sie in so auffallender Weise bei ihrer ersten Begegnung auf ihn geübt hatte, hielt ihn auch, nachdem sie besser miteinander bekannt geworden waren, immer gefesselt. Nie war er in ihrer Gegenwart in heiterer Laune. Herr Finch konnte ihn mit Leichtigkeit in Grund und Boden reden, wenn Lucilla zugegen war. Selbst wenn er uns von den wunderbaren Dingen vorprahlte, die er zu malen gedenke, brauchte Lucilla nur in’s Zimmer zu treten, um ihn zum Schweigen zu bringen. Als er mir zum ersten Male seine amerikanischen Skizzen zeigte, die ich, wenn man mich im Vertrauen um meine Meinung fragt als die der wahren Kunst wenig entsprechenden Versuche eines kühnen Dilettanten bezeichnen möchte, strömte er von Herzensergießungen über; er schlug sich vor die Stirn und bezeichnete sich ganz ernsthaft als den »Mann der Zukunft« in der Landschaftsmalerei.

»Meine Mission, Madame Pratolungo, besteht darin, die Menschheit und die Natur wieder in Einklang zu bringen. Ich gedenke im großartigsten Maßstabe nachzuweisen, wie die Natur in ihren größten Scenen sich den geistigen Bedürfnissen der Menschheit anpassen kann. In unserer Freude wie in unserem Kummer können wir aus feine sympathetische Beziehungen der Natur zu uns rechnen, wenn wir nur wissen, wo wir sie zu suchen haben. Meine Bilder, nein, meine Gedichte in Farben werden das zeigen. Wenn meine Werke, wie es ohne Zweifel der Fall sein wird, durch Lithographieen und Stiche vervielfältigt werden, so wird die Kunst in meinen Händen zum Priesterthum. Und wie stehe ich dann dem Publicum gegenüber? Nur als Landschaftsmaler? Nein! sondern als Großtröster der Menschheit!«

Inmitten dieses Redestroms, — in seiner Aufregung beim Reden glich er Oscar ganz wunderbar — dieses Ergusses von Prophezeihungen seiner eigenen künftigen Größe, trat Lucilla ruhig in’s Zimmer. Der »Großtröster« klappte sofort seine Skizzenmappe zu, ließ das Gespräch über Malerei fallen, bat um etwas Musik und setzte sich wie ein Musterbild conventioneller Schicklichkeit in eine Ecke des Zimmers. Ich fragte ihn später, warum er sich unterbrochen habe, als Lucilla in’s Zimmer getreten sei.

»Habe ich das gethan?« fragte er; »ich weiß nicht warum.«

Die Sache war wirklich unerklärlich, er bewunderte sie aufrichtig, man brauchte ihn nur zu beobachten, wenn er sie ansah, um sich davon zu überzeugen. Er hatte keine Ahnung von ihrer Abneigung gegen ihn; sie verbarg dieselbe sorgfältig um Oscar’s willen. Er empfand die echteste Sympathie für ihr Leiden; seine unsinnige Idee, daß ihre Sehkraft noch wieder hergestellt werden könne, war das natürliche Ergebniß seiner innigen Theilnahme an ihrem Loose. Er war der Heirath seines Bruders nicht zuwider, im Gegentheil, er beleidigte die Würde des Pfarrers, bei welchem er überhaupt fortwährend Anstoß erregte, durch den Vorschlag, die Heirath zu beschleunigen. Ich war selbst zugegen, als er sagte: »Die Kirche ist ja hier dicht beim Hause. Warum können Sie nicht morgen nach dem Frühstück Ihren Ornat anlegen und Oscar glücklich machen?«

Ja noch mehr, er äußerte das lebhafteste, mehr weibliche als männliche Verlangen, zu erfahren, wie die Liebe zwischen Oscar und Lucilla entstanden sei. Ich verwies ihn, soweit Oscar dabei in Betracht kam, auf seinen Bruder als die beste Quelle. Er lehnte es nicht ab, seinen Bruder darüber zu befragen und gestand mir auch nicht, daß das für ihn irgend eine Schwierigkeit habe; er ließ das Gespräch über Oscar einfach fallen und befragte mich in Betreff Lucilla’s. Wie war die Sache bei ihr entstanden? Ich erinnerte ihn an die romantische Einsiedelei Oscar’s in Browndown und forderte ihn auf, sich selbst den Eindruck zu vergegenwärtigen, den diese einsame Existenz auf die erregbare Phantasie eines jungen Mädchens habe hervorrufen müssen. Er wollte aber davon nichts hören, sondern bestand darauf, daß ich ihm das Nähere mittheilten möge. Als ich ihm daran die kleine Liebesgeschichte der beiden jungen Leute erzählte, schien ein Moment derselben einen besonders starken Eindruck auf ihn zu machen. Der erste Eindruck der Stimme seines Bruders auf Lucilla schien ihn merkwürdig zu frappiren. Er konnte die Sache nicht begreifen; er machte sich darüber lustig; er wollte es nicht glauben. Ich mußte ihn daran erinnern, daß Lucilla blind sei und daß die Liebe, welche sich sonst ihren Weg zum Herzen zuerst durch die Augen zu bahnen pflegt, in ihrem Falle den Weg nur durch das Gehör habe finden können. Diese Erklärung verfehlte ihre Wirkung nicht; sie machte ihn nachdenklich.

»Der Klang seiner Stimme«, sagte er zu sich selbst, indem er fortwährend über dem Problem zu brüten schien. »Die Leute sagen, meine Stimme gleiche genau der Oscar’s«, fügte er hinzu, indem er sich plötzlich an mich wandte: »Finden Sie das auch?«

Ich antwortete, daß darüber gar kein Zweifel bestehen könne. Er stand leicht zusammenschauernd, wie Jemand, den es fröstelt, von seinem Stuhle aus und brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Das nächste Mal, wo er mit Lucilla zusammentraf, hatte sein Benehmen, weit entfernt, vertraulicher zu sein, etwas noch Gezwungeneres als zuvor. Das Verhältniß beider zu einander schien so bleiben zu sollen, wie es sich gleich anfänglich gestaltete. In meiner Gesellschaft war er immer ganz à son aise. In Lucilla’s Gegenwart niemals!

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Welchen Schluß hätte eine Frau von meinen Erfahrungen aus alle dem ziehen müssen?

Jetzt sehe ich das klar genug ein; ich schwöre aber als rechtschaffene Frau, daß ich zur Zeit die Sache nicht begriff. Wir sind nicht immer consequent in unserm Wesen. Die gescheidesten Menschen lassen sich gelegentlich Dummheiten zu Schulden kommen, gerade wie dumme Menschen bisweilen lichte Augenblicke von Klugheit haben. Es kann Einer seine Angelegenheiten mit gewohnter Klugheit am Montag, Dienstag und Mittwoch wahrgenommen haben; daraus folgt noch keineswegs, daß er sich nicht am Donnerstag wie ein Narr benehmen wird. Man mag es sich erklären wie man will, Thatsache ist, daß ich während einer viel längeren Zeit, als einzugestehen meiner Selbstachtung schmeichelt, nichts argwöhnte und nichts entdeckte. Mir fiel sein Benehmen in Lucillas Gegenwart als sonderbar und unerklärlich auf; das war aber auch Alles.

Während der ersten vierzehn Tage von Nugent’s Anwesenheit kam der Londoner Doctor, um Oscar zu besuchen und fand den Zustand desselben vollkommen befriedigend. Die schrecklichen epileptischen Zufälle würden, erklärte er, den Patienten fortan nicht mehr seinigen und seine Freunde nicht mehr in Angst und Sorge versetzen, die Heirath könne ruhig zur festgesetzten Zeit geschlossen werden; Oscar sei geheilt.

Durch den Besuch des Doctors wurden wir sehr natürlich veranlaßt, nicht nur mit erneuertem Interesse die Wirkungen der Medicin auf Oscar zu beobachten, sondern auch unsere Aufmerksamkeit wieder seiner falschen Stellung Lucilla gegenüber zuzuwenden. Nugent und ich hatten darüber eine Discussion. Ich eröffnete die Unterhaltung mit dem Vorschlage, mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß sein Bruder sich zu einem männlich offenen Verfahren entschließe. Nugent sagte zu diesem Vorschläge anfänglich weder Ja noch Nein. Er, der sonst bei jeder Gelegenheit sofort mit sich im Reinen war, brauchte in diesem Falle Zeit.

»Ich muß«, sagte er, »zuvor noch etwas fragen. Ich möchte diese sonderbare Antipathie Lucilla’s, vor der mein Bruder sich so sehr fürchtet, gern verstehen. Können Sie mir dieselbe erklären?«

»Hat Oscar versucht, sie Ihnen zu erklären?« fragte ich meinerseits.

»Er hatte derselben in einem Briefe an mich Erwähnung gethan und versucht, sie mir zu erklären, als ich ihn bei meiner Ankunft in Browndown fragte, ob Lucilla die Veränderung seiner Hautfarbe entdeckt habe. Es gelang ihm aber durchaus nicht, mir die Sache begreiflich zu machen.«

»Was finden Sie denn so schwer begreiflich?«

»Folgendes: Soweit ich sehen kann, hat sie kein Gefühl für die Gegenwart dunkler Menschen in einem Zimmer, oder für das Vorhandensein dunkler Farben in der Decoration eines Zimmers. Nur wenn man ihr sagt, daß solche Personen oder solche Dinge da sind, macht sich ihr Vorurtheil geltend. Aus welcher Geistesverfassung soll man sich eine so sonderbare Idiosynkrasie erwachsen denken? Es ist undenkbar, daß sie irgendeine bewußte Erinnerung von heiteren oder trüben Farben haben könne, wenn es wahr ist, daß sie schon ein Jahr nach ihrer Geburt erblindet ist. Wie erklären Sie sich das? Kann es eine rein instinctive Antipathie geben, die schlummert, bis sie durch äußere Einflüsse geweckt wird und die sich auf keine praktische Erfahrung irgendwelcher Art stützt?«

»Ich kann mir denken, daß es so etwas giebt«, erwiderte ich. »Wie erklären Sie es, daß ich als Kind, das eben laufen konnte, vor dem ersten Hunde, der mir zu Gesicht kam und mich anbellte, zurückschreckte? Ich konnte doch in diesem Alter weder durch Erfahrung noch durch Mittheilung Anderer wissen, daß das Bellen eines Hundes bisweilen der Vorläufer eines Bisses ist. Mein Schreck bei jener Gelegenheit war doch wohl auch rein instinctiver Natur, nicht wahr?«

»Ihr Vergleich ist ganz scharfsinnig«, sagte er, »aber ich bin doch noch nicht befriedigt.«

»Sie müssen auch in Betracht ziehen,« fuhr ich fort, »daß sie eine positiv unangenehme Vorstellung mit dunklen Farben verbindet. Dieselben bringen bisweilen vermittelst ihres Tastsinnes einen unangenehmen Eindruck auf ihre Nerven hervor. Sie fand aus diese Weise am ersten Tage meiner Ankunft hier heraus, daß ich ein dunkles Kleid trug.«

»Und doch berührt sie das Gesicht meines Bruders, ohne eine Veränderung daran zu entdecken.«

Ich begegnete auch diesem Einwande befriedigend für mich, aber nicht für ihn.

»Ich halte es für sehr möglich«, sagte ich, »daß sie auch diese Entdeckung gemacht haben würde, wenn sie ihn nach der Entstellung seines Gesichts zum ersten Male berührt hätte. Aber sie untersucht ihn jetzt mit einer vorgefaßten Vorstellung, die von ihren früheren Eindrücken bei Berührung seiner Haut herrührt. Wenn man dem modificirenden Einflusse dieses Eindruckes auf ihren Tastsinn gebührende Rechnung trägt, wenn man ferner bedenkt, daß es sich hier um eine Veränderung der Farbe und nicht der Textur der Haut handelt, so muß, wie mir scheint, die Nichtentdeckung der dunkeln Hautfarbe Ihres Bruders von Seiten Lucilla’s erklärlich erscheinen.«

Er schüttelte den Kopf; er gab zu, daß er die Richtigkeit meiner Ansicht nicht bestreiten könne; aber er war doch nicht befriedigt.

»Haben Sie über die Periode ihrer Kindheit, bevor sie erblindete, nähere Erkundigungen eingezogen?« fragte er. »Vielleicht daß sie doch unbewußt die Nachwirkung einer in der Zeit, wo sie noch sehen konnte, erlittenen Erschütterung des Nervensystems empfindet.«

»Ich habe nie daran gedacht, mich darnach noch näher zu erkundigen.«

Giebt es eine für uns erreichbare Person, welche sie während ihres ersten Lebensjahres fortwährend genau zu beobachten Gelegenheit hatte? Ich fürchte, darauf ist nach einer so langen Zeit nicht zu hoffen.«

»Es ist eine solche Person hier im Hause«, sagte ich. »Ihre alte Amme lebt noch.«

»Schicken Sie doch gleich nach ihr.«

Zillah erschien. Nachdem er ihr erklärt hatte, was er von ihr zu wissen wünsche, begann Nugent sofort sein Verhör.

»Ist Ihr Fräulein als kleines Kind jemals durch eine plötzlich vor ihr auftauchende dunkle Gestalt oder einen dunkeln Gegenstand erschreckt worden?«

»Niemals, Herr! Ich habe immer gut aufgepaßt, daß nichts in ihre Nähe kam, was sie hätte erschrecken können, so lange das arme Kind noch sehen konnte.«

»Können Sie sich ganz fest auf Ihr Gedächtniß verlassen?«

»Ganz fest, Herr, wenn von alten Zeiten die Rede ist.«

Zillah wurde wieder fortgeschickt.

Nugent, der bis dahin ungewöhnlich ernst und präoccupirt gewesen war, wandte sich zu mir mit dem Ausdruck der Befreiung.

»Als Sie mir vorschlugen, sagte er, »mich mit Ihnen zu vereinigen, um Oscar zu einer offenen Erklärung gegen Lucilla zu bewegen, fühlte ich mich wegen der möglichen Folgen dieses Schrittes etwas unruhig. Nach dem, was ich eben gehört habe, ist diese Besorgniß beseitigt.«

»Welche Besorgniß?« fragte ich.

»Die Besorgniß, daß Oscar’s Bekenntniß eine Entfremdung zwischen ihnen bewirken und einen Anfschub der Heirath zur Folge haben könnte. Ich bin gegen jeden Aufschub. Es liegt mir besonders daran, daß Oscar’s Heirath nicht aufgeschoben werde. Ich bekenne Ihnen, daß ich beim Beginn unserer Unterhaltung Oscar’s Ansicht war, daß er Recht thun würde, sich ihrer dauernden Neigung durch eine Heirat versichern, bevor er es wage, ihr die Wahrheit zu gestehen. Jetzt, nach dem was die Amme uns mitgetheilt hat, sehe ich in einem sofortigen Geständniß keine denkbare Gefahr.«

»Kurz«, erwiderte ich, »Sie erklären sich mit mir einverstanden?«

»Ich erkläre mich mit Ihnen einverstanden, obgleich ich der eigensinnigste Mensch von der Welt bin. Die Chancen scheinen jetzt Oscar durchaus günstig zu sein. Lucillais Antipathie ist nicht, wie ich fürchtete, eine in einem krankhaften Zustande des Organismus wurzelnde. Sie ist nichts weiter, sagte Nugent mit der Miene eines Gelehrten, der eine physiologische Frage ein für alle Mal zum Abschluß bringt, »sie ist nichts weiter, als ein grillenhafter Ausfluß, eine krankhafte Beigabe ihrer Blindheit. Eine solche Antipathie kann sie noch überwinden, sie würde sie, glaube ich, sicher überwinden, wenn sie sehen könnte. Um es kurz zu sagen, nach dem, was ich soeben erfahren habe, sage ich mit Ihnen: Oscar macht aus einer Mücke einen Elephanten. Er hätte sich längst mit Lucilla verständigen sollen. Ich habe einen unbegrenzten Einfluß auf ihn und will damit Ihren Einfluß unterstützen Oscar soll sein Bekenntniß abgelegt haben, ehe die Woche zu Ende geht.«

Wir bekräftigten dieses Abkommen durch einen Händedruck. Als ich ihn so heiter, kühn und entschlossen vor mir sah, ganz Oscar, wie ich mir diesen immer gewünscht hatte, da, ich gestehe es zu meiner Schande, bedauerte ich es in meinem Herzen, daß wir nicht an jenem Abend in der Dämmerstunde, welche Lucilla die Pforten eines neuen Lebens eröffnet hatte, Nugent begegnet waren.

Nachdem wir uns so gegen einander ausgesprochen hatten, während unser Liebespärchen einen Spaziergang über die Hügel machte, trennten wir uns, um uns, wie ich glaubte, an diesem Tage nicht wieder zu sehen.

Nugent ging nach dem Gasthof, um sich einen Stall anzusehen, welchen er zu einem Atelier umzuwandeln gedachte, da kein Zimmer in Browndown halb groß genug war, um das erste riesige Bild, mit welchem der »Großtröster« der Kunst die Welt in Erstaunen setzen wollte, darin zu malen. Ich versuchte es, da ich nichts Besonderes zu thun hatte, Oscar und Lucilla entgegenzugehen. Da ich sie aber verfehlte, schlenderte ich über Browndown zurück. Nugent saß, eine Cigarre rauchend, allein auf der niedrigen Gartenmauer an der Vorderseite des Hauses. Er stand auf und trat, indem er den Finger geheimnißvoll auf den Mund legte, auf mich zu.

»Sie dürfen nicht in’s Haus gehen«, sagte er, »und nicht so laut reden, daß man Sie hören kann.« Er deutete um die Ecke des Hauses nach dem kleinen, an der Seite desselben gelegenen, dem Leser bereits bekannten Zimmer. »Oscar und Lucilla sind da zusammen eingeschlossen und er macht ihr in diesem Augenblicke sein Geständniß.«

Ich gab durch Blick und Geberden mein Erstaunen zu erkennen und Nugent fuhr fort:

»Ich sehe, Sie möchten wissen, wie das gekommen ist. Sie sollen Alles erfahren. Während ich mir den Stall ansah, der beiläufig nicht halb groß genug für ein Atelier wie ich es gebrauche ist, brachte mir Oscar’s Diener ein kleines mit Bleistift geschriebenes Billet, in welchem mich Oscar dringend bat, sofort zu ihm nach Browndown zu kommen. Ich fand ihn hier draußen in furchtbarer Aufregung auf mich wartend. Er warnte mich, gerade wie ich Sie eben gewarnt habe, nicht laut zu reden und zwar aus demselben Grunde: Lucilla war im Hause.«

»Ich dachte, sie wären spazieren gegangen» unterbrach ich ihn.

»Sie waren auch spazieren gegangen. Aber Lucilla klagte über Ermüdung und Oscar brachte sie hierher, damit sie sich ausruhe. Ich erkundigte mich nun, was es denn gegeben habe und erfuhr von Oscar, daß das Geheimniß seiner Hautfarbe Lucilla zum zweiten Male zu Ohren gekommen sei.

»Gewiß wieder Jicks!« rief ich aus.

»Nein« dieses Mal nicht Jicks, sondern Oscar’s eigener Diener.«

»Und wie das?«

»Die Veranlassung gab ein kleiner Junge im Dorfe. Oscar und Lucilla fanden den kleinen Knirps vor dem Hause heulend. Sie fragten ihn nach der Ursache. Der Knirps erzählte ihnen, der Diener in Browndown habe ihn geschlagen. Lucilla war empört; sie bestand darauf, daß die Sache näher untersucht werde. Oscar ließ sie im Wohnzimmer, unglücklicherweise, wie sich nachher ergab, ohne die Thür hinter sich zu schließen, rief den Diener nach dem Vorplatz und fragte ihn, warum er den Jungen geschlagen habe. Der Diener antwortete: »Ich habe dem Jungen ein paar Ohrfeigen gegeben, um ein Exempel für alle Uebrigen zu statuiren.« »Und was hat er verbrochen?« »Er hat mit einem Stock an die Thür geklopft, Herr, und er war nicht der erste, der das während Ihrer Abwesenheit gethan, und hat gefragt, ob der blaue Mann zu Hause sei.« Lucilla hatte durch die offene Thür jedes Wort mit angehört. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, was nun erfolgte.«

In der That brauchte er mir diesen Theil des Vorgangs nicht zu erzählen. Ich erinnerte mich nur zu gut, wie es das erste Mal bei der ähnlichen Veranlassung in unserem Garten zugegangen war und ich begriff, daß Lucilla in ihren Gedanken diesen und den eben erwähnten früheren Vorfall combiniren und ihr stets wacher Argwohn hier auf eine bündige Erklärung dringen und Oscar zu raschem Handeln zwingen mußte.

»Ich verstehe«, sagte ich. »Natürlich bestand sie auf eine Erklärung; natürlich stellte er sich durch eine plumpe Entschuldigung blos und rief Sie dann zur Hilfe. Was haben Sie gethan?«

»Was ich thun zu wollen Ihnen diesen Morgen erklärt habe. Er hatte zuversichtlich darauf gerechnet, daß ich ihm beistehen werde, es war ein Jammer, den armen Menschen anzusehen. Aber um seiner selbst willen weigerte ich mich, ihm nachzugehen. Ich ließ ihn die Wahl, ihr selbst die Wahrheit zu gestehen oder mir zu überlassen, es zu thun. Da war kein Augenblick zu verlieren; sie war in einer Laune, mit der nicht zu spaßen war, das kann ich Ihnen versichern. Oscar benahm sich sehr gut, wie er es immer thut, wenn ich ihn in die Enge treibe. Mit einem Wort, er war Mann genug, zu fühlen, daß es an ihm selbst sei, die Wahrheit zu enthüllen und nicht an mir. Ich umarmte den armen, alten Jungen nur um ihn zu ermuthigen, schob ihn in’s Zimmer, schloß die Thür hinter ihm und ging hierher. Er muß jetzt damit fertig sein. Und er ist damit fertig! Da kommt er her!«

Oscar kam mit entblößtem Kopfe aus dem Hause gelaufen. Seine Erscheinung trug die Spuren einer Aufregung, die mir sagten, daß etwas Unerwartetes ihn Verhindert haben müsse, sich gegen Lucilla auszusprechen.

Nugent redete ihn an.

»Nun, was giebt’s«, fragte er. »Hast Du ihr die Wahrheit gesagt?«

»Ich habe es Versucht.«

»Versucht? Was willst Du damit sagen?«

Oscar schlang seinen Arm um den Hals seines Bruders und lehnte seinen Kopf an seine Schulter, ohne ein Wort zu antworten.

Jetzt richtete ich meinerseits eine Frage an ihn.

»Hm Lucilla sich geweigert Sie anzuhören?« fragte ich.

»Nein.«

»Hat sie irgendetwas gesagt oder gethan —«.

Er hob den Kopf von der Schulter seines Bruders und unterbrach mich, noch ehe ich meine Frage beenden konnte, mit den Worten:

»Sie brauchen sich wegen Lucilla’s keine Sorge zu machen; ihre Neugierde ist befriedigt.«

»Ist sie auch in Bezug aus Sie befriedigt?« Er ließ seinen Kopf wieder auf seines Bruders Schulter sinken und antwortete mit schwacher Stimme: »Vollkommen befriedigt.«

Nugent und ich sahen einander fassungslos an. Lucilla hätte alles gehört, ohne daß ihr Verhältniß zu ihm dadurch im Mindesten gelitten hätte? Dieses unglaublich glückliche Resultat hätte er uns mitzutheilen und er thäte es mit der Miene eines Gedemüthigten, in einem verzweifelten Ton? Nugent riß die Geduld.

»Mache ein Ende mit dieser Mystification«, sagte er, indem er Oscar unsanft von sich stieß. »Ich Verlange eine klare Antwort auf eine klare Frage. Sie weiß, daß der Junge an die Thür geklopft und gefragt hat, ob der blaue Mann zu Hause sei. Weiß sie, was der unverschämte Bengel damit gemeint hat? Ja oder Nein?«

»Ja.«

»Weiß sie, daß Du der »blaue Mann« bist?«

»Nein.«

»Nein!!! Wer meint sie denn, daß es sei?«

In dem Augenblick, wo er diese Frage that, erschien Lucilla an der Hausthür. Mit einem suchenden Ausdruck ließ sie ihre blinden Augen umherschweifen und rief laut: »Oscar! Warum hast Du mich allein gelassen? Wo bist Du?«

Oscar wandte sich zitternd nach seinem Bruder um.

»Um Gotteswillen! Verzeih’ mir, Nugent!« sagte er, »sie meint, Du seiest es.«


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