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Die Blinde



Drittes Kapitel - Lucilla versucht ihre Augen

Sie saß allein in der trüben Dunkelheit, mit verbundenen Augen, ihre niedlichen Hände geduldig im Schoße gefaltet. Das Herz schwoll mir bei ihrem Anblick; die schreckliche Entdeckung, die ich kurz zuvor gemacht hatte, drängte sich mir wieder mit ganzer Gewalt auf. »Verzeihen Sie mir, daß ich Sie verlassen habe, sagte ich mit so fester Stimme, wie es mir irgend möglich war, und küßte sie.

Auf der Stelle entdeckte sie meine Aufregung, so sorgfältig ich dieselbe auch zu verbergen bemüht war.

»Sie ängstigen sich auch!« rief sie, indem sie meine Hände ergriff.

»Aengstigen, liebes Kind«, wiederholte ich ganz verdutzt, ohne recht zu wissen, was ich sagen sollte.

»Ja, jetzt, wo die Zeit so nahe rückt, sinkt mir der Muth. Böse Ahnungen aller Art bedrängen mich. O, wann wird es vorüber sein? Wie wird mir Oscar erscheinen, wenn ich ihn sehe?«

Ich beantwortete die erste Frage Wer konnte die zweite beantworten?

»Herr Grosse kommt mit dem Morgenzug«, antwortete ich. »Es wird bald vorüber sein.«

»Wo ist Oscar?«

»Ohne Zweifel auf dem Wege hierher.«

»Beschreiben Sie ihn mir noch einmal«, sagte sie eifrig, »zum letzten Mal, bevor ich selbst sehe — seine Augen, seine Haare, seine Haarfarbe, Alles.

Wie ich die peinliche Ausgabe, die sie mir in ihrer Unschuld gestellt hatte, gelöst haben würde, wenn ich es hätte unternehmen müssen, daran mag ich kaum denken. Eine wahre Erlösung war es daher für mich, als sich, da ich eben das erste Wort gesprochen hatte, die Thür öffnete und eine Familien-Deputation eintrat.

Voran schritt langsam und feierlich, die eine Hand pathetisch auf seine geistliche Weste gelegt, der Ehrwürdige Finch; ihm zunächst folgte seine Frau, ohne alles ihr eigenthümliche Zubehör, mit Ausnahme des Baby, ohne ihren Roman, ihre Jacke, ihren Unterrock, ihren Shawl, ja selbst ohne ihre Schnupftuch, das sie immer zu verlieren pflegte. Zum ersten Mal, so lange ich sie kannte, war sie angethan in ein vollständiges Kleid; die feuchte Frau Finch war wie umgewandelt. Hätte sie nicht das Baby getragen, ich glaube, ich hätte sie in dem trüben Dämmerlicht für eine Fremde gehalten. Sie blieb, offenbar unsicher, welchen Empfang sie zu erwarten habe, zaudernd an der Schwelle stehen und verdeckte so ein drittes Mitglied der Deputation, welches die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine klägliche kleine Stimme, die mir wohl bekannt war, und durch eine Ausdrucksweise, die ich auch schon früher kennen gelernt hatte, auf sich zu lenken suchte.

»Jicks will herein kommen.«

Der Pfarrer erhob seine Hand zu einem schwachen Protest gegen das Eindringen des dritten Mitgliedes. Frau Finch rückte mechanisch in’s Zimmer vor.

Jicks hielt ihre sehr disreputirlich aussehende Puppe fest in die Arme geschlossen und trug die Spuren einer kürzlichen Wanderung durch weißen Sand, der von ihrem Kittel und ihren Schuhen auf den Teppich herabfiel, an sich und ging auf die Stelle zu, wo ich saß. Als sie dicht an mich herangetreten war, blickte sie mit einem verschmitzten Ausdruck durch das im Zimmer herrschende Dunkel zu mir auf, ergriff ihre Puppe bei den Beinen, versetzte mir mit dem Kopf derselben einen derben Schlag aufs Knie und sagte:

»Jicks will, da sitzen.«

Ich rieb mir das Knie und hob Jicks, wie mir geheißen war, auf den Thron. Gleichzeitig stolzirte Herr Finch feierlich auf seine Tochter zu, legte ihr die Hände aufs Haupt, erhob die Augen zur Zimmerdecke und sagte mit tiefen Baßtönen, welche von väterlicher Aufregung ertönten:

»Der Herr segne Dich, mein Kind!«

Bei dem Klang der prächtigen Stimme ihres Gatten wurde Frau Finch wieder ganz sie selbst. Im bescheiden demüthigem Tone sagte sie:

»Wie geht es Dir, Lucilla?« setzte sich in eine Ecke und gab ihrem Baby die Brust.«

Herr Finch setzte zu einer seiner Reden an.

»Man hat meinen Rath in den Wind geschlagen, Lucilla, meinen väterlichen Einfluß nicht zur Geltung kommen lassen. Mein moralisches Gewicht ist so zu sagen bei Seite gesetzt worden. Ich beklage mich nicht. Verstehe mich wohl, ich constatire nur traurige Thatsachen.« (Bei diesen Worten wurde er mich gewahr.) »Guten Morgen, Madame Pratolungo, ich hoffe, Sie befinden sich wohl. Es hat eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestanden, Lucilla. Ich komme, mein Kind und bringe Heilung auf meinen Flügeln (Heilung sollte hier so viel heißen wie Versöhnung), ich komme und bringe meine Frau mit — rede nicht Frau! — um meine innigsten Wünsche, meine heißen Gebete an diesem wichtigsten Tage im Leben meiner Tochter darzubringen. Nicht gemeine Neugierde hat meine Schritts hierher gelenkt. Keine Andeutung einer bösen Ahnung, welche ich vielleicht noch dieser rein weltlichen Einmischung in die Wege einer unerforschlichen Vorsehung gegenüber hege, soll über meine Lippen kommen. Ich bin hier als Vater und Friedensstifter. Meine Frau begleitet mich, — rede nicht, Frau! — als Stiefmutter und Friedensstifterin. Sie verstehen meine Distinktion, Madame Pratolungo. Danke, gute Frau. Sollte ich wohl von der Kanzel herab Verzeihung empfangenen. Unrechtspredigen und diese Verzeihung nicht in meinem Hause üben? Kann ich bei dieser wichtigen Gelegenheit mit meinem Kinde uneinig sein? Lucilla! Ich verzeihe Dir, aus vollem Herzen und mit thränenvollen Blicken verzeihe ich Dir. Sie haben, glaube ich, nie Kinder gehabt, Madame Pratolungo? Dann können Sie diesen Moment unmöglich begreifen, gute Frau, das ist aber nicht Ihre Schuld. Laß Dir den Friedenskuß geben, mein Kind, den Friedenskuß.« Feierlich beugte er sein borstiges Haupt über Lucilla hin und drückte ihr den Friedensfuß auf die Stirn. Er seufzte majestätisch und reichte dann in überströmender Großherzigkeit mir die Hand. »Hier haben Sie meine Hand, Madame Pratolungo. Beruhigen Sie sich, weinen Sie nicht, Gott segne Sie.« Frau Finch war von dem edlen Benehmen ihres Gatten so tief erregt, daß sie von einem Weinkrampf befallen wurde. Das Baby, das sich durch die Aufregung seiner Mutter in seinen Funktionen gestört fand, hub ein sympathetisches Geschrei an, Herr Finch ging mitten durch das Zimmer auf sie zu, um ihnen auf seinen Flügeln häusliche Heilung zu bringen. »Das macht Dir Ehre, Frau; aber unter den obwaltenden Umständen mußt Du der Sache ein Ende machen. Denk’ an das Kind und nimm Dich zusammen. Geheimnißvoller Mechanismus der Natur!« rief der Pfarrer, indem er mit seiner Stentorstimme das immer lauter werdende Geschrei des Baby übertönte. »Wunderbare und schöne Sympathie, welche die mütterliche Nahrung gewissermaßen zum leitenden Medium der Störung zwischen Mutter und Kind macht! Welche Probleme stehen uns gegenüber, welche Kräfte umgeben uns selbst in diesem irdischen Leben! Natur! Maternität! Unerforschliche Vorsehung.«

»Unerforschliche Vorsehung« war für den Pfarrer eine verhängnißvolle Phrase, sie zog für ihn immer eine Unterbrechung nach sich; so war es auch dieses Mal. Noch ehe Herr Finch seiner Ueberfülle pathetischer Apostrophen durch weitere Exclamationen Luft machen konnte, öffnete sich die Thür und Oscar trat ein.

Lucilla erkannte sofort seine Tritte. »Ist noch nichts von Herrn Grosse zu sehen, Oscar?« fragte sie.

»Ja, man hat seinen Wagen schon auf der Landstraße gesehen; er wird gleich hier sein.«

Während er diese Antwort gab und an meinem Stuhl vorüberging, um sich an Lucilla’s andere Seite zu setzen, warf mir Oscar einen flehenden Blick zu, einen Blick, der deutlich sagte: »Verlassen Sie mich nicht im entscheidenden Augenblick.«

Ich nickte mit dem Kopfe, um ihm zu zeigen, daß ich ihn verstehe und mit ihm sympathisire. Er setzte sich auf den leeren Stuhl und ergriff schweigend ihre Hand. Es wäre schwer zu sagen gewesen, wem von Beiden in jenem verhängnißvollen Augenblick seine Situation peinlicher erschien. Nie, glaube ich, hatte mich etwas so unwiderstehlich gerührt, wie der Anblick dieser beiden armen jungen Leute, wie sie Hand in Hand dasaßen und des Ereignisses harrten, welches das Glück oder Unglück ihres künftigen Lebens ausmachen sollte.

»Haben Sie etwas von Ihrem Bruder gesehen?« fragte ich, indem ich die Frage in einem so sorglosen Tone hinwarf, wie es die angstvolle Sorge, die mich verzehrte, nur irgend gestatten wollte.

»Nugent ist Herrn Grosse entgegen gegangen.«

Während er mir diese Antwort gab, sah mich Oscar wieder mit einem flehenden Blicke an. Es war ihm so klar wie mir, daß Nugent dem deutschen Arzte entgegen gegangen sei, nur um sich desselben als des unschuldigen Mittels zu bedienem in das Haus zu gelangen.

Noch ehe ich wieder reden konnte, ersah Herr Finch, der sich von der Unterbrechung, die ihn zum Schweigen gebracht, wieder erholt hatte, seine Gelegenheit, um zu einer zweiten Rede anzusetzen. Frau Finch hatte aufgehört, zu schluchzen, das Baby hatte aufgehört, zu schreien und wir Uebrigen waren nervös aufgeregt und schwiegen. Mit einem Wort, die häusliche Gemeinde des Herrn Finch war ganz in seiner Hand. Er stolzirte auf Oscar zu. Wollte er ihm eine Vorlesung des Hamlet proportiren? Nein! Er wollte nur den Segen des Himmels auf Oscar’s Haupt herabrufen.

»Ist diesem wichtigen Moment«, fing der Pfarrer in seinem Kanzelton an, »jetzt, wo wir uns Alle in demselben Raume vereinigt finden, wo wir Alle von derselben Hoffnung beseelt sind, erscheint wohl mein Wunsch als Seelsorger und Vater (Gott segne Dich, Oscar; ich betrachte Dich als einen Sohn), einige fromme und tröstende Worte zu sagen, gerechtfertigt —«

Die Thür, die freundliche, bewundernswürdig gescheidte Thür öffnete sich wieder und that damit der drohenden Predigt noch eben zur rechten Zeit Einhalt. Die gedrungene Gestalt und die Eulenaugen des Herrn Grosse erschienen auf der Schwelle. Und hinter ihm stand, gerade wie ich es erwartet hatte, Herr Nugent Dubourg.

Lucilla wurde todtenbleich; sie hatte die Thür sich öffnen gehört, ihr Instinkt sagte ihr, daß der Arzt gekommen sei. Oscar stand auf, schlich sich hinter meinen Stuhl und flüsterte mir zu: »Ums Himmelswillen, schaffen Sie Nugent zum Zimmer hinaus!« · .

Ich beruhigte ihn durch einen ausdrucksvollen Händedruck, setzte dann Jicks auf den Boden und stand auf, um unsern guten Grosse zu bewillkommnen.

Aber das Kind sollte mir noch zuvor kommen. Sie und unser berühmter Augenarzt waren sich bei Gelegenheit eines der vielen ärztlichen Besuche, welche Grosse Lucilla machte, im Garten begegnet und hatten einen ungemeinen Geschmack an einander gefunden. Seitdem erschien Herr Grosse nie im Pfarrhause, ohne irgend eine ungesunde Nascherei in der Tasche für Jicks mitzubringen, die ihm zum Dank dafür so viele Küsse gab, wie er nur irgend verlangte und ihm ferner die Auszeichnung zu Theil werden ließ, daß sie ihm allein von allen Menschen gestattete, die disreputirliche Puppe zu liebkosen. Jetzt packte Jicks die Puppe mit beiden Händen, bediente sich derselben, mit dem Kopfe voraus, als eineArt von Sturmbock, stürzte an mir vorüber und stieß sie Herrn Grosse mit aller Macht in seine schiefen Beine, indem sie auf diese Weise ein Monopol auf seine erste Begrüßung geltend machte. Während er sie in die Höhe hob und in seiner eigenthümlichen Redeweise mit ihr sprach und während der Pfarrer und seine Frau die nothwendigen Entschuldigungen für das Benehmen des Kindes machten, kam Nugent hinter Herrn Grösse hervor auf mich zu und zog mich geheimnißvoll in eine Ecke des Zimmers. Während ich ihm folgte, beobachtete ich den Ausdruck stummer Qual auf dem Gesichte Oscar’s, der noch immer neben Lucilla’s Stuhl stand. Das that mir gut; es gab mir die ganze Spannkraft des Entschlusses und gab mir das Gefühl, Nugent Dubourg mehr als gewachsen zu sein.

»Ich fürchte, ich habe mich sehr sonderbar benommen, als wir uns vorhin im Dorfe trafen?« sagte er, »ich befinde mich gar nicht wohl. Ich leide seit Kurzem an einem sonderbaren, fieberhaft aufgeregten Zustand. Ich glaube, die Luft hier bekommt mir nicht.« Hier hielt er, die Augen fest auf die meinigen geheftet, inne, als ob er meine Gedanken in meinem Gesichte lesen wolle.

»Das überrascht mich nicht«, antwortete ich, »ich habe bemerkt, daß Sie seit einiger Zeit nicht wohl aussehen.«

Mein Ton und mein Wesen, die übrigens vollkommen ruhig waren, gaben meiner höflichen Theilnahme Ausdruck, aber weiter auch nichts. Ich sah, daß meine Art und Weise ihn betroffen machte. Er versuchte es noch ein Mal.

»Ich hoffe nichts Unartiges gethan oder gesagt zu haben«, fuhr er fort.

»O, nein!«

»Ich war aufgeregt, schmerzlich aufgeregt. Es ist gütig von Ihnen, das nicht zugeben zu wollen, aber ich muß mich bei Ihnen entschuldigen.«

»Nein, wirklich nicht! Gewiß waren Sie aufgeregt, wie Sie sagen, aber das sind wir Alle heute. Der Moment ist eine genügende Entschuldigung für Sie, Herr Nugent.«

Sein fortwährend forschend auf mich gerichtetes Auge vermochte auch nicht die leiseste Spur eines Argwohns in dem Ausdruck meines Gesichts zu entdecken. Sein verblüffter Ausdruck bot mir die sicherste Gewähr dafür, daß es mir gelungen war, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er machte eine letzte Anstrengung, mich dahin zu bringen, ihm zu zeigen, daß ich sein Geheimniß argwöhne, er versuchte es, mich zu reizen und mir dadurch eine unvorsichtige Aeußerung zu entlocken.

»Sie sind ohne Zweifel erstaunt, mich hier zu sehen«, nahm er wieder auf. »Ich habe nicht vergessen, daß ich versprochen hatte, in Browndown zu bleiben, anstatt hierher zu kommen. Zürnen Sie mir deßhalb nicht; ich bin durch die Ausführung ärztlicher Verordnungen verhindert, mein Versprechen zu halten.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich in unverändertem, kühlen Tone.

»Ich will mich näher erklären«, erwiderte er. »Erinnern Sie sich, daß wir schon vor längerer Zeit Grosse in Betreff Oscar’s Stellung Lucilla gegenüber in’s Vertrauen zogen?«

»Wie sollte ich das wohl vergessen haben«, antwortete ich, »da ja ich es war, die Ihren Bruder zuerst darauf aufmerksam machte, daß Herr Grosse durch ein unschuldiges Verrathen der Wahrheit entsetzliches Unheil anrichten könne.«

»Erinnern Sie sich, wie Grosse diese Warnung aufnahm?« .

»Sehr gut. Er versprach, sich in Acht zu nehmen» verbat es sich aber gleichzeitig sehr verdrießlich, noch irgend weiter mit unseren Familienangelegenheiten behelligt zu werden. Er erklärte, er sei entschlossen, sich seine berufsmäßige Freiheit des Handelns zu bewahren, ohne sich durch häusliche Schwierigkeiten behindert zu sehen, die uns und nicht ihn angingen. Habe ich den Sachverhalt nicht treu in meinem Gedächiniß verwahrt?«

»Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Sie werden mich jetzt verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß Grosse seine berufsmäßige Freiheit des Handelns bei dieser Gelegenheit geltend macht. Er hat mir das auf dem Wege hierher erklärt. Er hält es für sehr wichtig, daß Lucilla in dem Augenblick, wo sie zuerst wieder sieht, durch nichts erschreckt werde. Oscar’s Gesicht würde sie sicher erschrecken, wenn es das erste wäre, dessen sie ansichtig würde. Grosse hat mich daher gebeten als der einzige andere junge Mann im Zimmer zugegen zu sein und mich so zu postieren, das; ich die erste Person sein muß, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fragen Sie ihn selbst, Madame Pratolungo, wenn Sie mir nicht glauben wollen.«

»Natürlich glaube ich Ihnen«» antwortete ich, »es wäre unnütz, die Vorschriften des Arztes in einem solchen Augenblick, wie es der gegenwärtige ist, anfechten zu wollen.«

Mit diesen Worten verließ ich ihn mit den Anzeichen eines Verdrusses, wie ihn eine nichts argwöhnende Frau in meiner Stellung geäußert haben möchte. Da ich wußte, was hier zu Grunde lag, begriff ich nur zu gut, was vorgefallen war. Nugent hatte die sich ihm darbietende Gelegenheit benutzt, den Arzt als ein unschuldiges Mittel zu gebrauchen, um Lucilla im ersten Augenblick irre zu leiten und möglicherweise später diesen Irrthums zu schlechten Zwecken auszubeuten. Ich zitterte innerlich vor Wuth und Furcht, als ich ihm den Rücken kehrte. Unsere einzige Chance war noch, etwas ausfindig zu machen, wie er im kritischen Moment sicher aus dem Zimmer zu bringen wäre! aber ich mochte mein Gehirn zermartern wie ich wollte, dieses Etwas ausfindig zu machen, wollte mir nicht gelingen.

Als ich mich wieder zu den Uebrigen wandte, nahmen Oscar und Lucilla noch immer dieselbe Stellung ein. Herr Finch hatte sich selbst Herrn Grosse vorgestellt. Und Jicks hatte sich auf einem Schemel in einer Ecke des Zimmers niedergelassen und war damit beschäftigt, ein aus deutschem Pfefferkuchen geknetetes Pferd mit gefräßigem Behagen zu verzehren.

»O, meine verehrte Madame Pratolungo!« sagte Herr Grosse, der eben zu Lucilla gehen wollte, mir aber zuvor noch die Hand reichte. »Haben Sie wieder eine so köstliche Mayonnaise bereitet? Ich komme absichtlich mit einem leeren Magen und einem wahren Wolfshunger. Sehen Sie doch einmal den kleinen Gnom da an!« fuhr er fort, indem er aus Jicks deutete. »Ach, Gott! Ich glaube wahrhaftig, ich bin in das Kind verliebt. Ich habe nach allen Orten in Deutschland geschickt, um Pfefferkuchen für Jicks kommen zu lassen. Nun, Jicks, ist Dir etwas davon in die Zähne gekommen? Ist es hübsch süß und klebrig?« Dabei glotzte er das Kind mit wohlwollenden Blicken durch seine Brillengläser an und drückte meine Hand ganz sentimental an seine Brust. »Versprechen Sie mir ein Kind wie diese anbetungswürdige Jicks«, sagte er feierlich, »und ich will die erste beste Frau, die Sie mir verschaffen, heirathen — hübsch oder häßlich, mir ganz gleich. So, da haben Sie ein offenes Bekenntniß meiner Seele. Genug davon. Nun zu meiner allerliebsten Lucilla! Kommen Sie, lassen Sie uns anfangen.«

Er ging quer durchis Zimmer auf Lucilla zu und hieß Nugent ihm folgen.

»Oeffnen Sie die Läden«, sagte er, »Licht, Licht, Licht, eine Fülle von Licht für mein liebliches Kind Lucilla!«

Nugent öffnete die Laden, indem er mit den Fenstern am unteren Ende des Zimmers anfing und zuletzt an das Fenster gelangte, an welchem Lucilla saß. Auf diese Weise brauchte er nur zu bleiben, wo er jetzt war und sich dicht neben Lucilla zu stellen, um der erste Gegenstand zu sein, den sie sehen würde. Und das that er, das that der Schurke. Ich legte mich fest entschlossen in’s Mittel, that einige Schritte vorwärts, blieb aber plötzlich wieder stehen, weil ich nicht wußte, was ich thun oder sagen sollte. Ich hätte mein stumpfes Hirn gegen die Wand schleudern mögen. Da stand Nugent gerade vor ihr, während Grosse sie dem Fenster zukehrte, und auch nicht die leiseste Spur eines Einfalls wollte mir kommen!

Grosse streckte seine haarigen Hände aus und ergriff den Knoten der Binde, um ihn zu lösen.

Lucilla zitterte am ganzen Leibe.

Grosse zauderte, sah sie an, ließ die Binde wieder los und ergriff ihre Hand und legte seinen Finger lauf ihren Puls.

Im nächsten Augenblicke hatte ich eine meiner Eingebungen. Endlich stieg der so heiß ersehnte Einfall in meinem Gehirn auf.

»So«, rief Herr Grosse, indem er ihre Hand mit einem plötzlichen Ausdruck von Verdruß und Erstaunen wieder losließ. »Was hat meine allerliebste Lucilla erschreckt? Warum zittert sie so und ist so kalt? Warum ist ihr Puls so schwach? Sage mir doch einer von Ihnen, was das zu bedeuten hat?«

Das kam mir gelegen! Sofort erprobte ich nun meinen Einfall.

»Es hat zu bedeuten«, sagte ich »daß zu viele Menschen im Zimmer sind. Wir machen sie verwirrt und erschrecken sie. Führen Sie sie in ihr Schlafzimmer, Herr Grosse und lassen Sie uns Uebrige einen nach dem andern erst hinein, wenn Sie es recht finden.«

Unser vortrefflicher Grosse ergriff sofort diese Idee und eignete sie sich an.

»Sie sind ein Phönix unter den Frauen«, sagte er, indem er mir väterlich auf die Schulter klopfte. »Ich weiß wahrhaftig nicht, was perfekter ist, Ihr Rath oder Ihre Mayonnaise.« Er wandte sich zu Lucilla und nöthigte sie sanft, von ihrem Stuhle aufzustehen.

»Kommen Sie mit mir in Ihr Schlafzimmer, meine arme kleine Lucilla. Da will ich sehen, ob ich Ihnen noch heute die Binde abnehmen kann.«

Lucilla faltete die Hände mit einer flehenden Geberde.

»Sie haben mir versprochen, o, Herr Grosse, Sie haben mir versprochen, daß ich noch heute sehen solle.«

»Antworten Sie mir«, erwiderte Grosse, »habe ich gewußt, als ich das Ihnen versprach, daß ich Sie Alle todtenbleich und weiß wie ein frisch gewaschenes Hemd finden würde?«

»Ich habe meine Fassung völlig wiedergewonnen«, bat sie in schwachem Ton, »Sie können mir die Binde getrost abnehmen.«

»Was? verstehen Sie es besser als ich? Wer von uns Beiden ist der Augenarzt, Sie oder ich? Nichts mehr davon. Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Arm und gehen Sie mit mir auf Ihr Zimmer!«

Er gab ihr den Arm und ging mit ihr nach der Thür. Hier wechselte plötzlich wieder ihre wankelmüthige Laune. Sie erholte sich augenblicklich. Ein dunkles Roth überflog ihr Gesicht; sie hatte wieder Muth gefaßt. Zu meinem Entsetzen riß sie sich von Grosse los und weigerte sich, das Zimmer zu verlassen.

»Nein«, sagte sie, »ich bin wieder ganz ruhig; ich dringe auf die Erfüllung Ihres Versprechens, Untersuchen Sie mich hier. Ich muß und will Oscar zuerst in diesem Zimmer sehen.«

Ich fürchtete mich, fürchtete mich buchstäblich Oscar anzusehen. Ich warf statt dessen einen Blick auf Nugent. Seine Lippen umspielte ein teuflisches Lächeln, das mich fast toll machte.

»Sie müssen und wollen?« wiederholte Herr Grosse. »Merken Sie wohl auf.« Er zog seine Uhr aus der Tasche und sagte: »Ich gebe Ihnen eine kleine Minute zum Ueberlegen. Wenn Sie sich nach Verlauf dieser Minute nicht entschließen, mit mir zu kommen, so werden Sie finden, daß ich es bin, der muß und will. Also!«

»Warum weigern Sie sich, auf Ihr Zimmer zu gehen, Lucilla?« fragte ich.

»Weil ich will, daß Ihr mich Alle sehen sollt«, antwortete sie. »Wie viele seid Ihr Eurer ’hier?«

»Wir sind unser fünf. Herr und Frau Finch, Herr Nugent Dubourg, Oscar und ich.«

»Ich wollte, Ihr währet Eurer fünfhundert, anstatt fünf.« brach sie aus.

»Und warum das?«

»Weil Ihr sehen würdet, wie ich in dem Augenblick, wo mir die Binde von den Augen genommen wird, Oscar unter Euch Allen herausfinden würde«, sagte sie, indem sie noch immer an ihrer verhängnißvollen Ueberzeugung festhielt, daß das Bild, welches sie von Oscar in der Seele trage, das richtige sei! Abermals drängte es mich, Oscar anzusehen und abermals konnte ich mich nicht dazu entschließen.

Grosse steckte seine Uhr wieder in die Tasche.

»Die Minute ist vorüber«, sagte er. »Wollen Sie mit mir in’s andere Zimmer gehen? Wollen Sie begreifen, daß ich Sie vor allen diesen Leuten nicht ordentlich untersuchen kann? Reden Sie, meine liebe Lucilla, ja oder nein?«

»Nein!« rief sie eigensinnig und stampfte dabei kindisch mit dem Fuß auf den Boden. »Ich bestehe darauf, Allen zu zeigen, daß ich in dem Augenblick, wo ich meine Augen öffnen darf, Oscar unter Allen herausfinden kann.»

Grosse knöpfte sich den Rock zu, rückte feine Eulenbrillengläser auf seiner Nase zurecht, setzte seinen Hut auf und sagte:»Guten Morgen. Ich habe nichts mehr mit Ihnen oder Ihren Augen zu thun. Curiren Sie sich selbst, Sie kleiner Feuerkopf; ich gehe wieder nach London.«

Mit diesen Worten öffnete er die Thür. Selbst Lucilla mußte wohl nachgeben wenn der sie behandelnde Arzt ihr drohte, seine Hand von ihr abzuziehen.

»Sie Ungeheuer!« rief sie entrüstet und nahm wieder seinen Arm.

Grosse grinste vergnügt: »Wenn Sie erst sehen können, mein liebes Kind, so werden Sie finden, daß ich kein solches Ungeheuer bin, wie ich erscheine.« Mit diesen Worten ging er mit ihr hinaus.

Wir Anderen mußten im Wohnzimmer die Entscheidung Grosse’s abwarten, ob er Lucilla heute ihre Sehkraft versuchen lassen wolle oder nicht.

Während die Uebrigen, jeder in seiner Weise, aber alle in ängstlich gespannter Erwartung dasaßen fühlte ich mich so ruhig wie das Baby, das jetzt in den Armen seiner Mutter ruhte. Dank Grosse’s Entschluß, meinem Wink gemäß zu handeln, hatte ich Nugent unmöglich gemacht, selbst wenn die Binde noch heute abgenommen wurde, die ersten Blicke Lucilla’s, wenn sie die Augen öffnete, auf sich zu ziehen. Gewiß konnte dem Verlobten bei einer so besonderen Gelegenheit, wie dieser, in meiner oder des Vaters Begleitung der Zutritt zu dem Schlafzimmer seiner Braut gestattet werden. Aber die einfachste Schicklichkeit mußte Nugent das Betreten dieses Zimmers verwehren. Im Wohnzimmer mußte er, wenn er darauf beharrte, im Pfarrhause zu bleiben, abwarten, bis es ihr erlaubt werden würde, ihn dort wieder aufzusuchen.

Ich nahm mir fest vor, jetzt, wo es in meiner Hand lag, dafür zu sorgen, daß Lucilla das Wohnzimmer nicht wieder betreten solle, bis sie wissen würde, welcher von den Zwillingsbrüdern Nugent und welcher Oscar sei. Das Gefühl des Triumphes durchdrang mich mit einer entzückenden inneren Wärme. Ich widerstand der starken Versuchung, mich davon zu überzeugen, wie Nugent seine Niederlage ertrage. Wenn ich dieser Versuchung nachgegeben hätte, würde er es mir angesehen haben, wie stolz ich darauf war, ihn überlistet zu haben. Ich setzte mich wie ein Bild der Unschuld auf den nächsten Stuhl und faltete die Hände in den Schooß, gefaßt und würdevoll, wie es einer Dame aus der Gesellschaft wohl ansteht, ein wahrhaft erbaulicher Anblick.

Träge Verfloß eine Minute nach der anderen, und noch immer harrten wir schweigend des entscheidenden Augenblicks. Selbst die sonst so beredte Zunge des Herrn Finch vermochte bei dieser feierlichen Gelegenheit kein Wort hervorzubringen. Er saß neben seiner Frau in einer Ecke des Zimmers. Oscar und ich saßen in der entgegengesetzten Ecke und Nugent stand allein an einem der Fenster, in den Gedanken vertieft und darüber brütend, wie er sich an mir rächen könne.

Oscar war der Erste, der das allgemeine Schweigen brach. Nachdem er seine Blicke über das ganze Zimmer hatte schweifen lassen, wandte er sich an mich.

»Madame Pratolungo!« rief er, »wo ist Jicks geblieben?«

Ich hatte dae Kind ganz vergessen. Jetzt sah ich mich auch im Zimmer um und überzeugte mich, daß es wirklich verschwunden sei. Frau Finch, die unser Staunen bemerkte, klärte uns schüchtern auf, das mütterliche Auge hatte das Kind hinter Herrn Grosse heraus aus dem Zimmer schlüpfen sehen. Was es gewollt war klar genug. So lange noch eine Wahrscheinlichkeit vorhanden war, noch mehr Pfefferkuchen in Grosse’s Tasche zu finden, wich das wandernde Zigeunerkind der Familie, schlau und behende wie eine Katze, nicht von ihrem Freunde. Wer sie kannte, konnte keinen Augenblick zweifeln, daß sie unter dem Schutz von Grosses großen Rockschößen mit in Lucilla’s Schlafzimmer geschlüpft sei.

Eben hatten wir uns auf diese Weise die Abwesenheit von Jicks erklärt, als wir die Thür des Schlafzimmers sich öffnen und Grosse nach Zillah rufen hörten.

Gleich darauf erschien die Amme mit einer Bestellung aus dem anstoßenden Zimmer.

Wir bestürmten sie Alle mit derselben Frage. Wofür hatte Herr Grosse sich entschieden? Die Antwort lautete, daß er sich dahin entschieden habe, Lucilla für heute noch den Gebrauch ihrer Augen zu verbieten.

»Ist Lucilla sehr unglücklich darüber?« fragte Oscar ängstlich.

»Das wüßte ich kaum zu sagen, Herr Dubourg Sie ist ganz anders wie sonst. Ich habe Fräulein Lucilla noch nie so ruhig gesehen, wenn etwas nicht nach ihrem Wunsch ging.« Als der Doktor mich hineinrief, sagte sie: »Geh’ ins andere Zimmer, Zillah, und sage ihnen Bescheid.« Das war Alles, was sie sagte, Herr Dubourg.«

»Hat sie nicht den Wunsch ausgesprochen mich zu sehen?« fragte ich.

»Nein, Madame, ich nahm mir die Freiheit, sie zu fragen, ob sie Sie zu sehen wünsche, aber Fräulein Lucilla schüttelte den Kopf, setzte sich aust Sopha und forderte den Doctor auf, sich zu ihr zu setzen. »Laß uns allein.« Das waren die letzten Worte, die sie zu mir sagte, ehe ich hier herein kam.«

Die nächste Frage that der ehrwürdige Finch. Der Papst von Dimchurch war wieder ganz er selbst; der Mann der schönen Reden ersah wieder seine Gelegenheit, eine Rede zu halten.

»Gute Frau«, sagte der Pfarrer mit gewichtiger Höflichkeit; »kommen Sie hierher. Ich möchte eine Frage an Sie richten. Hat Fräulein Finch in Ihrer Gegenwart eine Bemerkung gemacht, aus welcher sich ihr Wunsch schließen ließe, sich des Trostes meines Zuspruchs in meiner doppelten Eigenschaft als Geistlicher und Vater zu erfreuen?«

»Ich habe Fräulein Lucilla nichts derart sagen gehört? Herr.«

Herr Finch machte eine verächtliche Handbewegung mit der er zu verstehen gab, daß Zillah entlassen sei. Daraus trat Nugent vor und hielt die Amme, als sie im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, zurück.

»Haben Sie uns weiter nichts mitzutheilen?« fragte er.

»Nein, Herr.«

»Warum kommen sie nicht wieder hier herein? Was thun sie da im Nebenzimmer?«

»Sie thaten, was ich eben schon berichtet habe, Herr, sie saßen nebeneinander auf dem Sopha. Fräulein Lucilla sprach und der Doctor hörte ihr zu. Und Jicks«, fügte Zillah hinzu, indem sie sich vertraulich an mich wandte, »stand hinter ihnen und plünderte die Taschen des Doctors.«

Hier schaltete Oscar in einer keineswegs graciösen Weise ein Wort ein.

»Was sagte Fräulein Lucilla zu dem Arzt?«

»Das weiß ich nicht, Herr.«

»Das wissen Sie nicht?«

»Das konnte ich nicht hören, Herr, Fräulein Lucilla sprach leise mit ihm.«

Damit war alles erschöpft Zillah, die sich in ihren häuslichen Beschäftigungen gestört gesehen hatte und ein lebhaftes Verlangen empfand, nach ihrer Küche zurückzukehren, ergriff die erste Gelegenheit, das Zimmer zn verlassen und machte sich so rasch aus dem Staube, daß sie vergaß, die Thür hinter sich zu schließen. Wir sahen Alle einander an. Welchen Schluß sollten wir aus der sonderbaren Antwort der Amme ziehen? Es war offenbar unmöglich für Oscar, bei all’ seiner Reizbarkeit, eifersüchtig auf einen Mann von Grosse’s Alter und persönlicher Erscheinung zu sein. Und doch hatte das fortdauernde Zusammensein der Patientin mit ihrem Arzt, nachdem die Entscheidung einmal getroffen und die Sehr rohe definitiv auf einen späteren Tag verschoben worden war, gelinde gesagt, etwas Auffallendes.

Nugent kehrte betroffen, argwöhnisch und in Gedanken vertieft auf seinen Platz am Fenster zurück. Der Ehrwürdige Finch stand, übervoll von ungehaltenen Reden, majestätisch von seinem Sitz an der Seite seiner Frau auf. Hatte er ein Mittel gefunden, uns mit seiner Beredtsamkeit zu strafen? Es war leider nur zu offenbar, daß das der Fall war. Er sah uns an mit seinem ominösen Lächeln und redete uns dann mit seiner gewaltigen Stimme an.

»Meine Freunde in Christo« — Nugent, dem mit Beredtsamkeit nicht beizukommen war, beharrte dabei, zum Fenster hinaus zu sehen. Oscar, der in diesem Augenblicke für alles, was nicht Lucilla direct betraf, unempfänglich war, nahm mich ohne alle Umstände und so, daß uns der Pfarrer nicht hören konnte, bei Seite. Herr Finch nahm wieder auf:

»Meine Freunde in Christo, ich wünschte einige passende Worte an Euch zu richten!«

»Gehen Sie zu Lucilla!« flüsterte mir Oscar zu, indem er mit flehender Geberde meine beiden Hände ergriff, »Sie brauchen keine Umstände mit ihr zu machen. Bitte, thun Sie es, sehen Sie zu, was im Nebenzimmer vorgeht.«

Herr Finch nahm wieder auf. »Die Umstände legen es einem Manne in meiner Stellung nahe, einige aufrichtend berathende Worte über christliche Pflichten, ich meine über die Pflicht, zu sagen, bei Enttäuschungen heiter zu bleiben.«

Osrar beharrte. »Sie thun mir den größten Gefallen, bitte finden Sie heraus, was Lucilla da drinnen mit dem fremden Manne zurückhält!«

Herr Finch räusperte sich und erhob die rechte Hand zu einer Geberde der Ueberredung wie um damit seinen nächsten Satz einzuleiten.

Ich antwortete Oscar flüsternd: »Ich möchte nicht gerne zudringlich erscheinen, Lucilla hat der Amme gesagt, man solle sie allein lassen.«

Gerade als ich das sagte, fühlte ich einen mir von rückwärts her versetzten Stoß. Ich drehte mich um und sah, wie Jicks mit ihrer Puppe zu einem zweiten, Angriff auf mich ausholte. Sie hielt inne, als sie sah, daß es ihr gelungen war, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ergriff mein Kleid Und versuchte es, mich an demselben zum Zimmer hinaus zu ziehen.

»Bringen Sie das Kind fort«, rief der Pfarrer, durch diese neue Unterbrechung erbittert.

Das Kind zog immer fester und fester an meinem Kleide. Offenbar hatte sich außerhalb des Zimmers etwas zugetragen, was einen starken Eindruck auf sie gemacht hatte. Ihr kleines rundes Gesicht war hochroth, ihre hellen blauen Augen waren weit geöffnet und blickten starr.

»Jicks muß Dich sprechen«, sagte sie und zog ungeduldig und heftiger an meinem Kleide.

Ich bückte mich zu dem Zweck, den Befehlen des Herrn Finch zu gehorchen und dem Einfall des Kindes zu willfahren, indem ich Jicks zum Zimmer hinaustrug, als ich durch einen Ton aus dem Schlafzimmer, den lauten und peremptortschen Ton von Lucilla’s Stimme erschreckt wurde. »Lassen Sie mich los!« rief sie. »Ich hin ein erwachsenes Mädchen, ich will mich nicht behandeln lassen wie ein Kind.«

Dann entstand eine Pause und dann ließ sich das Rauschen ihres Kleides vom Corridor her vernehmen.

In demselben Augenblick erschallte Grosse’s offenbar zornige und aufgeregte Stimme. »Nein, kommen Sie wieder! kommen Sie wieder!«

Das Rauschen des Kleides kam näher.

Nugent und Herr Finch gingen zusammen an die Thür. Oscar ergriff mich am Arm. Er und ich standen an der linken, Nugent und der Pfarrer an der rechten Seite der Thür. Das Alles ging rasch wie der Blitz vor sich. Mein Herz stockte. Ich konnte nicht reden, mich nicht rühren.

Die halbgeschlossene Thür des Wohnzimmers wurde weit aufgestoßen, heftig, gewaltsam, wie wenn ein Mann, nicht ein Mädchen vor derselben gestanden hätte. Der Pfarrer trat zurück, Nugent blieb stehen. Mit ausgestreckten Armen, ungestüm tappend, wie ich sie während der Zeit ihrer Blindheit nie hatte tappen sehen, stolperte Lucilla ins Zimmer hinein. Gnädiger Gott! Die Binde war fort. In ihren Augen war Leben, neues Leben. Es verklärte ihr Gesicht, es ließ ihre Schönheit wie in einem wunderbaren unirdischen Lichte erstrahlen — sie sah! sie sah!

Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle stehen, hin und her schwankend, von dem gewaltigen Eindringen des Tageslichts schwindlich gemacht.

Sie sah zuerst den Pfarrer und dann Frau Finch an, die sich neben ihren Gatten gestellt hatte. Sie its stand fassungslos da und hielt sich die Hände vor die Augen. Sie veränderte ihre Stellung ein wenig, gab ihrem Kopfe eine Wendung als wollte sie mich ansehen, wandte denselben dann wieder scharf nach der rechten Seite der Thür und hob die Arme mit einem Ausbruch von hysterischem Lachen empor. Das Lachen endete mit einem Triumphgeschrei, von dem das Haus erdröhnte. Sie stürzte sich auf Nugent Dubourg, war aber noch so unfähig, sich eine richtige Vorstellung von Entfernungen zu machen, daß sie heftig gegen ihn anprallte und ihn beinahe zu Boden geworfen hätte. »Ich kenne ihn, ich kenne ihn!« rief sie und schlang ihre Arme um seinen Hals. »O, Oscar, Oscar!« Bei diesem Ausruf seines Namens drückte sie Nugent mit aller Kraft an sich und ließ in ihrem freudigen Entzücken ihren Kopf an seine Brust sinken.

Es war geschehen, bevor noch irgend einer von uns wieder zur Besinnung gekommen war. Die ganze schreckliche Scene war das Werk eines Augenblicks. Grosse, der ihr mit leeren Händen nachgelaufen war, kehrte plötzlich wieder um, um gleich darauf mit der im Schlafzimmer vergessenen Binde zurückzukehren. Grosse war der Erste, der seine Fassung wieder gewann. Schweigend trat er auf sie zu. Aber sie hörte ihn kommen, bevor er sie überraschen und ihr die Binde um die Augen legen konnte. In demselben Augenblick, wo ich mich starr vor Schrecken nach Oscar umsah, hob auch Lucilla ihren Kopf wieder von Nugent’s Brust, um sich nach Grosse umzusehen. Ihre Augen folgten der Richtung der meinigen. Sie begegneten Oscar’s Gesicht. Sie sah die schwarzblaue Hautfarbe desselben in voller Beleuchtung.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihrer Brust, schaudernd fuhr sie zurück und ergriff Nugent’s Arm. Grosse gab ihm mit entschiedener Miene ein Zeichen, ihr Gesicht vom Fenster abzukehren und hielt die Binde hoch. Aber mit fieberhafter Heftigkeit packte sie dieselbe.

»Legen Sie mir sie wieder um«, sagte sie, indem sie sich mit der einen Hand an Nugent festhielt und die andere erhob, um mit einer Geberde des Widerwillens auf Oscar zu deuten.

»Legen Sie mir die Binde wieder um, ich habe bereits zu viel gesehen.«

Grosse band ihr die Binde fest um die Augen und wartete ein wenig. Sie hielt noch immer Nugent’s Arm fest. Meine Entrüstung bei diesem Anblick trieb mich, etwas zu thun. Ich trat vor, um sie zu trennen. Grosse hielt mich zurück.

»Nein!« sagte er, »machen Sie die Sache nicht zisch schlimmer.«

Ich sah Oscar zum zweiten Male an; da stand er noch, wie er von dem Augenblick an gestanden hatte, wo sie an der Thür erschienen war, mit wild vor sich hinstarrenden Augen und am ganzen Leibe erstarrt. Ich ging auf ihn zu und berührte ihn. Er schien es nicht zu fühlen. Ich redete ihn an, aber eben so gut hätte man eine steinerne Figur anreden können.

Einen Augenblick lenkte Grosses Stimme meine Aufmerksamkeit ab.

,»Kommen Sie«, sagte er, indem er es versuchte, Lucilla in ihr Schlafzimmer zurückzubringen.«

Sie schüttelte den Kopf, und klammerte sich nur, noch fester an Nugent’s Arm.

.»Bringe Du mich bis an die Thür«, flüsterte sie..

Ich versuchte es abermals, der Sache Einhalt zu thun, aber wieder hielt mich Grosse zurück.

»Heute nicht«, sagte er tm strengen Ton, gab dann Nugent ein Zeichen und stellte sich an die andere Seite neben Lucilla. Schweigend führten die beiden Männer sie zum Zimmer hinaus. Die Thür schloß sich hinter ihnen. Es war vorbei.


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