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Die Blinde



Siebentes Kapitel - Sie lernt sehen

Der neue Morgen brachte für mich Reflectionen mit sich, die nicht der angenehmsten Art waren. In meiner Stellung Lucilla gegenüber war ein ernstes Element der Verlegenheit mir, als Nugent und ich uns an der Pforte des Pfarrhauses trennten, noch nicht ausgegangen.

Browndown war jetzt, nach der Abreise beider Brüder, leer. Was sollte ich Lucilla sagen, wenn der falsche Oscar ihr heute nicht seinen versprochenen Besuch machte.

In welches Labyrinth von Lügen hatte das erste Verschweigen der Wahrheit uns Alle verwickelt! Eine Täuschung nach der anderen war uns aufgezwungen worden, ein Unglück nach dem andern war unser Lohn dafür gewesen, und jetzt, wo ich allein mich mit den harten Nothwendigkeiten unserer Lage abzufinden hatte, schien mir keine andere Wahl übrig zu bleiben, als fortzufahren, Lucilla zu betrügen. Ich war der Täuschungen überdrüssig und schämte mich derselben.

Beim Frühstück ging ich, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß Lucilla ihren Besuch nicht vor dem Nachmittag erwarte, jeder weiteren Erörterung über den Gegenstand aus dem Wege. Nach dem Frühstück wußte ich sie eine Zeit lang am Clavier zu fesseln. Als sie der Musik überdrüssig war und wieder von Oscar zu sprechen anfing, setzte ich meinen Hut auf und unternahm eine häusliche Besorgung, welche gewöhnlich Zillah oblag, nur zu dem Zweck, um mich zu entfernen und die widerwärtige Nothwendigkeit, wieder Unwahrheiten zu sagen, bis zum letzten Augenblick zu verschieben. Das Wetter unterstützte mich. Es drohte zu regnen und Lucilla fand sich deshalb nicht veranlaßt, mich zu begleiten.

Meine Besorgung führte mich nach einem Pachthof auf dem nach Brighton führenden Wege. Nachdem mein Geschäft erledigt war, ging ich noch eine Strecke weiter, obgleich es bereits zu regnen anfing. An meinen Kleidern war mir nichts gelegen und in meiner Gemüthsverfassung wollte ich lieber naß werden als nach dem Pfarrhause zurückkehren. Nachdem ich etwa eine Weile weiter gegangen war, wurde die Einsamkeit des Weges plötzlich durch das Erscheinen eines offenen Wagens unterbrochen, der mir in der Richtung von Brighton her entgegen kam. Das Verdeck des Wagens war aufgeschlagen, um die im Wagen sitzende Person gegen den Regen zu schützen. Der Fahrgast sah, als ich vorüber ging, nach mir aus und rief dem Kutscher zu, anzuhalten, mit einer Stimme, die ich sofort als Grosse’s Stimme erkannte. Unser galanter Augenarzt bestand darauf, daß ich bei diesem Wetter sofort an seiner Seite Platz nehme und mit ihm nach Hause zurückfahre.

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen«, sagte ich, »ich glaubte, Sie hätten mit Lucilla verabredet, sie nicht vor Ende der Woche wieder zu besuchen.«

Grosse’s Augen glotzten mich durch seine Brillengläser mit einer Würde und einem Ernst an, deren sich der Ehrwürdige Finch selbst nicht zu schämen gehabt hätte.

»Soll ich Ihnen etwas sagen?« fragte er, »Sie sehen neben sich einen verlorenen Mann. Ich werde bald sterben. Lassen Sie doch, bitte, auf mein Grab die Worte setzen: die Krankheit, welche diesen deutschen Mann tödtete, war die liebliche Lucilla. Wenn ich von ihr getrennt bin, haben Sie Mitleid mit mir, ich bedarf desselben so sehr, bricht mir der Angstschweiß in dem Gedanken an das süße Kind aus. Ihre verwünschte Geschichte mit den beiden Brüdern ist eine Art von beständiger Spanischer Fliege für mein Gemüth. Anstatt wie sonst die ganze Nacht in meinem schönen großen englischen Bett ruhig zu schnarchen, wälze ich mich wachend in beständiger Aufregung wegen Lucilla auf meinem Kissen. Ich komme heute, früher als ich’s versprochen hatte, warum glauben Sie wohl? Etwa um nach ihren Augen zu sehen? — weit gefehlt, beste Frau! Nicht ihre Augen machen mir Sorge, mit denen wird es schon gehen. Sie und die Anderen in Ihrem Pfarrhause machen mir Sorge. Sie machen mich nervös und ängstlich für meine Patientin. Ich bin immer bange, daß einer von Ihnen ihr einmal die verfluchte Geschichte mit den beiden Zwillingsbrüdern hinterbringt und Sie in die schrecklichste Aufregung versetzt, wenn ich nicht in der Nähe bin, um bei Zeiten aufzupassen. Wollen Sie sie noch zwei Monate lang ganz in Ruhe lassen? Ach Gott! wenn ich dessen nur, ganz sicher sein könnte, so könnte ich die Heilung ihrer schwachen Augen getrost der Zeit überlassen und ruhig wieder nach London gehen.«

Ich hatte mir vorgenommen, ihn gehörig dafür zur Rede zu stellen, daß er Lucilla nach Browndown gebracht habe. Nach dem, was er eben gesagt hatte, erschien es nutzlos, etwas der Art zu versuchen und doppelt unnütz, zu hoffen, daß er mir gestatten würde, mir aus meiner verwickelten Lage dadurch herauszuhelfen, daß ich ihr die Wahrheit sage.

»Das müssen Sie natürlich am besten beurtheilen können», sagte ich; »Sie haben gar keine Ahnung davon, was es uns unglückliche Menschen kostet, Ihre Vorsichtsmaßregeln zur Ausführung zu bringen.«

Bei diesen Worten fuhr er heftig auf.

»Ihr sollt selbst sagen«, erwiderte er, »ob es Ihnen die Kosten nicht werth ist. Wenn ich mit Lucilla’s Augen zufrieden bin, so soll sie noch heute lernen damit zu sehen. Ihr sollt dabei stehen, Ihr eigensinnigen Weiber und selbst urtheilen, ob es gut ist, noch Schreck und Aufregung zu der Erschöpfung, Reizbarkeit und aller Art Teufeleien hinzuzufügen, wie sie unser armes Kind erdulden muß, wenn sie nach lebenslänglicher Blindheit sehen lernt. Jetzt nichts mehr davon, bis wir nach dem Pfarrhause kommen.« Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, that er mir eine Frage, die ich mit einiger Vorsicht zu beantworten für nöthig hielt. »Wie geht es meinem netten Jungen? — meinem munteren gescheidten Nugent?« fragte er.

»Sehr gut.«

Mehr sagte ich nicht, da ich mich des Bodens unter meinen Füßen durchaus nicht sicher fühlte.

»Merken Sie wohl!« fuhr Grosse fort, »mein munterer Junge Nugent versteht es, sie in einer behaglichen Stimmung zu halten. Mein munterer Junge Nugent ist mehr werth, als Ihr Uebrigen alle zusammen. Ich bestehe darauf, daß er unsere kleine Lucilla im Pfarrhause besucht, trotz des windigen, geschwätzigen Patrons, ihres Vaters. Ich sage positiv: Nugent, soll in’s Haus kommen.«

Da half nun nichts mehr. Ich mußte ihm sagen, daß Nugent Browndown verlassen habe und daß ich es gewesen sei, die ihn fortgeschickt habe.

Einen Augenblick war es mir wirklich zweifelhaft, ob der große Augenarzt seine geschickte Hand nicht dazu mißbrauchen werde, mir eine Ohrfeige zu geben. Es wäre ein vergebliches Bemühen, das fabelhafte Deutsch-Englisch wiederzugeben, in welchem seine Wuth sich auf mein demüthiges Haupt ergoß. Es genüge, zu sagen, daß er erklärte, Nugent’s abscheuliche Verstellung, sich für seinen Bruder auszugeben, sei, so lange Oscar abwesend, von der höchsten Wichtigkeit für eine erfolgreiche Behandlung der reizbaren und fein organisirten Patientin, die wir unter seine Obhut gestellt hätten. Vergebens versicherte ich ihm, daß Nugent’s Zweck bei seiner Entfernung von Dimchurch sei, seinen Bruder zurückzuführen und so Alles wieder in Ordnung zu bringen. Grosse lehnte es rund ab, sich durch irgend welche Rücksichten dieser Art beeinflussen zu lassen. Er sagte, und fluchte dabei, daß meine Einmischung ihm ein schweres Hindernis, in den Weg gelegt habe und daß nur seine zärtliche Sorge für Lucilla ihn davon abhalten könne, den Kutscher auf der Stelle umkehren und uns von nun an für uns selbst sorgen zu lassen.

Als wir vor der Pforte des Pfarrhauses anlangten, hatte er sich ein wenig abgekühlt. Als wir durch den Garten gingen, erinnerte er mich, daß ich versprochen habe, zugegen zu sein, wenn Lucilla die Binde abgenommen werde.

»Nun merken Sie wohl auf!« sagte er, »Sie werden sehen, ob es gut oder schlimm ist, ihr zu sagen, daß sie mit ihren schönen weißen Armen den falschen Bruder umschlungen gehalten hat. Sie sollen mir nachher selbst sagen, ob Sie finden, daß Sie ihr in deutlichen Worten sagen dürfen: »Blau-Gesicht ist der Rechte.«

Wir fanden Lucilla in ihrem Wohnzimmer.

Grosse theilte ihr kurz mit, daß er nichts Besonderes in London zu thun und daß er deshalb seinen Besuch früher gemacht habe, als er es ursprünglich beabsichtigt habe. »Sie wollen an diesem trübseligen, regnichten Tage gern etwas unternehmen, liebes Kind; zeigen Sie doch Papa Grosse einmal, was Sie jetzt, wo Sie Ihre Augen wieder haben. damit anfangen können. Mit diesen Worten band er die Binde los, faßte sie dann ans Kinn und untersuchte ihre Augen, zuerst ohne seine Vergrößerungslinse und dann mit derselben.

»Sind Sie zufrieden mit meinen Augen?« fragte sie ängstlich.

»Ganz famos geht es mit Ihren Augen! Per Dampfwagen erster Classe, wie meine Freunde in Amerika sagen. Jetzt gebrauchen Sie einmal Ihre Augen. Zuerst erfreuen Sie Grosse durch einen Liebesblick. »Und dann sehen Sie mit Ihren Augen.«

Es war unmöglich, seinen Ton zu mißdeuten.

Er war nicht nur mit Ihren Augen zufrieden, er triumphirte. »So«, brummte er zu mir gewandt, »warum ist Herr Sebright nicht hier, um das zu sehen?«

Ich näherte mich begierig Lucilla, um ihre Augen genauer anzusehen. Sie sahen noch etwas trübe aus; auch bemerkte ich, daß sie sich unruhig und manchmal wild hin und her bewegten. Aber wie belebend und verschönernd wirkte doch schon das neue Augenlicht auf ihre ganze Erscheinung .Ihr immer reizendes Lächeln schien jetzt durch das Augenlicht wie verklärt und verbreitete einen Zauber über ihr sanftes Gesicht. Es war unmöglich, nicht nach einem Kuß von ihr zu verlangen. Ich trat auf Lucilla zu, um sie zu beglückwünschen, sie zu umarmen. Aber Grosse trat dazwischen und hielt mich zurück.

»Nein«, sagte er, »gehen Sie an das andere Ende des Zimmers und lassen Sie uns sehen, ob sie zu Ihnen kommen kann.«

Wie Alle, die nicht mehr von der Sache wissen, als ich, hatte ich keine Ahnung, wie jammervoll hilflos Menschen, die ihr Leben lang blind gewesen sind, sich, wenn sie das Augenlicht wieder erlangt haben, zuerst benehmen. In solchen Fällen ist die Anstrengung der Augen, die erst sehen lernen sollen, der Anstrengung der Glieder eines Kindes vergleichbar, das gehen lernt. Wenn Grosse der Sache nicht eine komische Seite abzugewinnen gewußt hätte, so würde die Scene, deren Zeuge ich jetzt sein sollte, höchst peinlich für mich gewesen sein. Meine arme Lucilla würde mich, anstatt mir, wie ich gehofft hatte, die größte Freude zu bereiten, wahrhaftig, glaube ich, das Herz gebrochen und mich in Thränen ausbrechen gemacht haben«

»Also jetzt«, sagte Grosse, indem er eine Hand auf Lucilla’s Arm legte, während er mit der anderen auf mich deutete. »Da steht sie. Können Sie zu ihr hingehen.«

»Natürlich kann ich das!«

»Ich wette mit Ihnen, daß Sie es nicht können. Zehntausend Pfund gegen sechs Pence. Abgemacht. Jetzt versuchen Sie einmal!«

Sie antwortete mit einer kleinen herausfordernden Geberde und that drei hastige Schritte vorwärts. Fassungslos und erschrocken blieb sie nach dem dritten Schritt, noch ehe sie den halben Weg von einem Ende des Zimmers bis zum anderen zurückgelegt hatte, plötzlich stehen.

»Ich habe sie hier stehen gesehen« sagte sie, indem sie auf die Stelle deutete, wo sie stand, und Grosse mit einem kläglichen Blick ansah. »Ich sehe sie auch jetzt noch — aber ich weiß nicht, wo sie ist! Ich fühle sie mir so nahe, als wenn sie meine Augen berührte, und doch —«, bei diesen Worten trat sie wieder einen Schritt vor und griff mit ihren Händen nun sicher nach der leeren Luft — »und doch kann ich ihr nicht nahe genug kommen, um sie zu fassen. O, was bedeutet das! was bedeutet das!«

»Es bedeutet, daß Sie mir meine sechs Pence bezahlen müssen«, sagte Grosse, »ich habe die Wette gewonnen!«

Sie gab ihren Unwillen darüber, daß er sie auslachte, durch ein eigensinniges Kopfschütteln und ein zorniges Zusammenziehen ihrer hübschen Augenbrauen zu erkennen.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte sie, »so leicht sollen Sie Ihre Wette nicht gewinnen; ich will wohl noch zu ihr kommen!« Und damit kam sie in einem Augenblick so leicht, wie ich nur zu ihr hätte gehen können, gerade auf mich zu.

»Ich wette noch einmal«, rief Grosse, der noch hinter ihr stand, mir zu. »Dieses Mal wette ich zwanzigtausend Pfund gegen lumpige vier Pence. — Sie hat ihre Augen geschlossen, um zu Ihnen zu gelangen. Wie?«

Es war wirklich so —sie hatte sich absichtlich wieder blind gemacht. Mit geschlossenen Augen konnte sie auf ein Haar die Entfernung ermessen, die sie mit offenen Augen zu berechnen völlig außer Stande war. Als sie fand, daß wir Beide sie ausgefunden hatten, setzte sich das arme Kind mit einem Seufzer der Verzweiflung nieder. »War das der Mühe werth«, sagte sie traurig zu mir, »mich der Operation zu unterziehen.«

Grosse trat zu uns an unserm Ende des Zimmers.

»Alles zu rechter Zeit«, sagte er, »nur Geduld, und Ihre hilflosen Augen werden schon sehen lernen. So! Jetzt wollen wir einmal mit dem Lernen anfangen. Sie haben eigene Vorstellungen — was — von dieser und jener Farbe? Dachten Sie sich, als sie blind waren, was Ihre Lieblingsfarbe sein würde, wenn Sie sehen könnten? Sie dachten es sich? Und welche Farbe war das? Kommen Sie, sagen Sie es mir.«

»Vorallem Weiß«, antwortete sie, »und dann Scharlachroth.«

Grosse hielt inne und dachte nach.

»Weiß begreife ich«, sagte er. »Weiß ist die Lieblingsfarbe junger Mädchen. Aber warum Scharlachroth? Konnten Sie Scharlachroth sehen, als Sie blind waren?«

»Beinahe«, antwortete sie, »wenn es hell genug war. Ich pflegte zu fühlen, daß etwas an meinen Augen vorüberziehe, wenn mir Scharlachroth gezeigt wurde.«

»Die Staarblinden sehen fast immer Scharlachroth«, murmelte Grosse vor sich hin. »Es muß seinen Grund haben und ich muß ihn herausfinden.« Er fuhr fort, Lucilla zu befragen.

»Und welche Farbe ist Ihnen am verhaßtesten?«

»Schwarz.«

Grosse nickte zustimmend mit dem Kopf. »Das dachte ich mir wohl«, sagte er. »Schwarz hassen sie immer. Das muß auch seinen Grund haben und den muß ich auch herausfinden.«

Darauf trat er an den Schreibtisch, und nahm ein Stück Papier aus dem Schreibkasten und einen runden Federwischer von scharlachrothem Tuch vom Rande des Tintenfasses. Dann sah er sich um, wackelte nach dem anderen Ende des Zimmers zurück und holte sich den schwarzen Filzhut, den er auf der Reise von London her getragen hatte. Er stellte den Hut, das Papier und den Federwischer in einer Reihe neben einander auf. Noch ehe er die nächste Frage thun konnte, deutete sie auf den Hut mit einer Geberde des Widerwillens.

»Nehmen Sie das weg«, sagte sie, »das mag ich nicht sehen.«

Grosse hielt mich zurück, noch ehe ich etwas sagen konnte.

»Warten Sie ein wenig«, flüsterte er mir zu, »es ist nicht ganz so merkwürdig wie Sie denken. Diese Blinden haben Alle, wenn sie zum ersten Mal wieder sehen können, denselben Haß gegen Alles, was dunkel ist.« Er wandte sich zu Lucilla.

»Sagen Sie mir«, fragte er, »ob eine von diesen Sachen Ihre Lieblingsfarbe hat?«

Sie ging mit verächtlicher Miene an dem Hut vorüber, sah sich den Federwischer an und setzte ihn wieder hin, sah sich das Blatt Papier an und legte es wieder hin, zauderte und schloß wieder ihre Augen.

»Nein«, rief Grosse, »das leide ich nicht, wie können Sie sich in meiner Gegenwart wieder blind machen? Was, ich gebe Ihnen Ihr Gesicht wieder und Sie schließen Ihre Augen. Gleich machen Sie sie wieder auf, oder ich stelle sie in die Ecke wie ein unartiges Kind. Ihre Lieblingsfarbe, jetzt heraus damit.

Sie öffnete ihre Augen sehr widerwillig und sah sich abermals den Federwischer und das Papier an.

»Ich sehe nichts, was so hell wäre, wie meine Lieblingsfarbe«, sagte sie.

Grosse hielt das Blatt Papier in die Höhe und fuhr mit seinen Fragen erbarmungslos fort.

»Was! ist Weiß weißer als das?«

»Tausendmal weißer als das.«

»Gut. Jetzt merken Sie auf. Dieses Papier ist weiß, — dieses Schnupftuch (und dabei riß er ihr das Schnupftuch aus der Schürzentasche) ist auch weiß, beides vom weißesten Weiß! Da haben Sie die erste Lection, liebes Kind. Hier in der Hand halte ich Gegenstände von der Farbe, die, als Sie blind waren, Ihre Lieblingsfarbe war.«

»Diese beiden Sachen?« rief sie, auf das Papier und das Schnupftuch deutend, als er sie wieder auf den Tisch warf, mit dem Ausdruck der bittersten Enttäuschung. Sie drehte den Federwischer und den Hut hin und her und blickte zu mir hinüber. Grosse, der es eben mit einem andern Experimente versuchen wollte, überließ es mir, ihr zu antworten. Das Resultat war in beiden Fallen dasselbe, wie bei dem Papier und dem Schnupftuch. Scharlachroth war nicht halb so roth, schwarz nicht den hundertsten Theil so schwarz, wie ihre Einbildungskraft es ihr in den Tagen ihrer Blindheit vorgespiegelt hatte. Und doch konnte sie sich in Betreff dieser letzteren Farbe, in Betreff des Schwarz ein wenig ermuthigt fühlen. Es hatte sie unangenehm berührt, gerade wie das Gesicht des armen Oscar sie berührt hatte, obgleich sie damals nicht gewußt hatte, daß es die ihr verhaßte Farbe trage. Das arme Kind machte einen verzweifelten Versuch, sich gegen ihren erbarmungslosen ärztlichen Lehrer zu behaupten. »Ich wußte nicht, das es Schwarz sei«, sagte sie, »aber der Anblick war mir trotzdem verhaßt.«

Sie versuchte es, während sie sprach, den Hut gegen einen dicht neben ihr stehenden Stuhl zu schleudern und warf ihn statt dessen hoch über der Stuhllehne gegen die Mauer, wenigstens sechs Fuß von dem Gegenstande, nach welchem sie gezielt hatte, entfernt. »Ich bin eine hilflose Närrin«, rief sie leidenschaftlich aus und wurde dabei feuerroth vor Verdruß. »Lassen Sie Oscar mich nicht sehen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mich vor ihm lächerlich zu machen. Er wird herkommen«, fügte sie hinzu, indem sie sich mit einem flehenden Blick zu mir wandte. »Suchen Sie doch mich bei ihm zu entschuldigen, wenn er mich erst später am Tage zu sehen bekommt.«

Ich versprach ihr um so bereitwilligen eine Entschuldigung zu finden, als ich jetzt eine unerwartete Chance sah, sie, so lange sie Sehen lernte, bis zu einem gewissen Punkte mit der durch Oscar’s Abwesenheit in ihrem Leben bewirkten Lücke auszusöhnen.

Sie wandte sich wieder an Grosse.

»Fahren Sie fort«, sagte sie ungeduldig.

»Lehren Sie mich, mich nicht wie eine Blödsinnige geberden, oder legen Sie mir die Binde wieder um und machen mich wieder blind. Meine Augen nützen mir nichts. Hören Sie?« rief sie wiithend, indem sie ihn bei seinen breiten Schultern faßte und mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kraft schüttelte, »meine Augen nützen mir nichts.«

»Gemach, gemacht!« rief Grosse »Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, Sie kleiner Feuerkopf, so werde ich Sie gar nichts lehren. Er nahm das Blatt Papier und den Federwischer und legte ihr beide Gegenstände, nachdem er sie gezwungen hatte, sich zu setzen, auf den Schooß.

»Wissen Sie«, fuhr er fort, »was man unter einem viereckigen und was man unter einem runden Gegenstand versteht?«

Statt ihm zu antworten, appellierte sie entrüstet an mich.

»Ist es nicht ungeheuerlich«, fragte sie mich, »daß er mir solche Fragen thut? O, wie grausam demüthigend! Lassen Sie nur Oscar das nicht hören.«

»Wenn Sie es wissen«, beharrte Grosse, »so können Sie es mir ja sagen. Sehen Sie sich die beiden Gegenstände auf Ihrem Schooß an. Sie sind beide rund oder beide viereckig? Oder ist der eine rund und der andere viereckig? Sehen Sie sie sich an und antworten Sie mir«

Sie sah ihn an und sagte nichts.

»Nun?« fuhr Grosse fort.

»Sie bringen mich außer Fassung, wenn Sie so dastehen und mich durch Ihre schrecklichen Brillengläser ansehen«, sagte sie gereizt.

»Sehen Sie mich nicht an und ich werde Ihnen gleich antworten.«

Grosse drehte sich mit seinem teuflischen Grinsen nach mir um und gab mir ein Zeichen, sie statt seiner genau zu beobachten. Kaum hatte er ihr den Rücken gekehrt, als sie die Augen schloß und mit den Fingerspitzen über das Papier und den Federwischer hinfuhr.

»Der eine Gegenstand ist rund, der andere viereckig«, antwortete sie, indem sie schlau die Augen gerade zu rechter Zeit wieder öffnete, um eine kritische Inspection bestehen zu können, als Grosse sich wieder nach ihr umwandte.

Er nahm ihr das Papier und den Federwischer aus den Händen und vertauschte diese Gegenstände, da er den Streich, den sie ihm gespielt, sehr wohl gemerkt hatte, mit einer kleinen Schale von Bronze und einem Buch.

»Welcher von diesen Gegenständen ist rund und welcher viereckig?« fragte er, indem er dieselben vor ihr in die Höhe hielt.

Sie sah erst das eine und dann das andere an, offenbar unfähig, die Frage nur mit Hilfe ihrer Augen zu beantworten. »Ich bringe Sie außer Fassung, nicht wahr?« sagte Grosse. »Sie können Ihre Augen« nicht schließen wenn ich Sie ansehe, meine kleine Lucilla, nicht wahr?«

Sie wurde abwechselnd roth und blaß. Ich fing an zu fürchten sie würde in Thränen ausbrechen. Grosse verstand es meisterlich, mit ihr umzugehen Dieser rauhe, häßliche, excentrische, alte Mann hatte den feinsten Takt, der mir je vorgekommen war.

»Schließen Sie nur Ihre Augen«, sagte er beschwichtigend, »das ist der erste Weg zum Lernen. Schließen Sie Ihre Augen, nehmen Sie die Gegenstände in die Hand und sagen mir erst einmal so, welcher rund und welcher viereckig ist.«

Sie sagte es ihm sofort.

»Gut. Nun öffnen Sie Ihre Augen und sehen Sie selbst, in der rechten Hand halten Sie die Schaale und in der linken das Buch. Sehen Sie es? Auch gut. Jetzt legen Sie die Sachen wieder auf den Tisch. Was wollen wir nun thun?«

»Darf ich einmal versuchen, ob ich schreiben kann«, fragte sie eifrig. »Ich bin so begierig, zu sehen, ob ich mit meinen Augen statt mit meinen Fingern schreiben kann.«

»Nein tausendmal nein! Ich verbiete Ihnen jetzt noch das Lesen und das Schreiben. Kommen Sie an’s Fenster. Wie verhalten sich Ihre Augen beim Sehen in die Ferne?«

Während wir unsere Experimente mit Lucilla gemacht hatten, hatte sich das Wetter wieder aufgeklärt. Die Wolken zerrissen die Sonne brach durch, die hellen blauen Stellen am Himmel erweiterten sich jeden Augenblick, riesige Schatten fuhren über die lustigen Abhänge der Hügel dahin. Lucilla erhob die Hände in sprachloser Verwunderung, als Grosse das Fenster öffnete und sie dieser Aussicht gegenüber stellte.

»Ob« rief sie aus. Reden Sie nicht mit mir! Berühren Sie mich nichts — Lassen Sie mich genießen! Hier erfahre ich keine Enttäuschung. Etwas so Schönes habe ich mir nie gedacht, nie geträumt!«

Grosse sah mich an und deutete schweigend auf sie. Sie war blaß geworden sie zitterte am ganzen Leibe, überwältigt von ihrer eigenen Ekstase über die Herrlichkeit des Himmels und die Schönheit der Erde, wie sie sich jetzt zum ersten Male ihren Blicken darbot. Ich erriet, warum Grosse meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. »Seheu Sie«, wollte er sagen »mit einem wie zart organisierten Wesen wir es zu thun haben. Kann man wohl zu behutsam sein bei der Behandlung eines so sensitiven Temperaments?« Ich verstand ihn nur zu gut und zitterte auch bei dem Gedanken an die Zukunft. Alles hing jetzt von Nugent ab. Und Nugent hatte mir selbst gesagt, daß er sich selbst nicht aus sich verlassen könne!

Ich fühlte mich erleichtert, als Grosse sie unterbrach. Sie bat ihn dringend, sie noch eine Weile am Fenster stehen zu lassen Aber er schlug es ihr ab. Gleich verfiel sie wieder in das entgegengesetzte Extrem.

»Ich bin in meinem eigenen Zimmer und bin meine eigene Herrin«, sagte sie zornig. »Ich will thun, was ich Lust habe.« Grosse war um eine Antwort nicht verlegen.«

»Thun Sie, was Sie Lust haben; strengen Sie Ihre schwachen Augen an und Sie werden morgen wenn Sie es versuchen zum Fenster hinauszuschauen gar nichts sehen.«

Diese Antwort erschreckte sie so, daß sie sich auf der Stelle wieder fügte. Sie bestand darauf, sich die Binde selbst wieder umzulegen.

»Darf ich jetzt nach meiner Schlafstube gehen?« fragte sie in einem einfach kindlichen Ton. »Ich habe so schone Dinge gesehen und mochte so gern quasi darüber nachdenken.«

Grosse gewährte sofort ihre Bitte, Alles was zu ihrer Beruhigung beitragen konnte, war ihm Recht.

»Wenn Oscar kommt«, flüsterte sie mir zu, als sie im Hinausgehen an mir vorüberkam »lassen Sie mich es ja wissen und sagen Sie ihm nichts von meinen Ungeschicklichkeiten.« Sie hielt einen Augenblick nachdenklich inne. »Ich verstehe mich selbst nicht«, sagte sie. »Ich habe mich noch nie so glücklich gefühlt. Und doch möchte ich beinahe weinen!« Sie wandte sich zu Grosse. »Kommen Sie her, Papa. Sie sind heute sehr gütig gegen mich gewesen, ich will Ihnen einen Kuß geben.« Sie legte ihre Hände leicht auf seine Schulter; gab ihm einen Kuß auf seine runzlige Wange, schlang ihren Arm um mich und ging hinaus. Grosse trat rasch ans Fenster und bediente sich seines riesigen seidenen Schnupftuchs zu einem Zweck, zu dem er es wohl seit Jahren nicht gebraucht hatte.


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