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Die Blinde



Sechstes Kapitel - Auf dem Wege zum Ende

Der Leser wird von mir vielleicht eine Mittheilung darüber erwarten, wie Oscar die Entdeckung von dem Benehmen seines Bruders ertrug. Aber es wird mir durchaus nicht leicht, dieser Erwartung zu entsprechen. Oscar sprach anfänglich gar nicht über die Sache. Die erste Aeußerung von einigem Belang, die er that, geschah auf unserm Wege nach der Eisenbahn. Aus dem Nachdenken, in das er versunken schien, raffte er sich plötzlich auf und sagte in sehr dringendem Ton:

»Ich möchte wissen, welchen Schluß Sie aus Frau Finch’s Brief gezogen haben?«

Unter den obwaltenden Umständen war es gewiß sehr natürlich, daß ich einer Beantwortung seiner Frage aus dem Wege zu gehen suchte. Aber so ließ er sich nicht abspeisen.

»Sie thun mir einen Gefallen,« fuhr er fort, »wenn Sie meine Frage beantworten. Der Brief hat einen so furchtbaren Argwohn gegen meinen lieben guten Bruder, der mich noch nie in seinem Leben betrogen hat, erweckt, daß ich lieber glauben möchte, ich sei von Sinnen, als meine Auffassung sei richtig. Folgern Sie aus dem, was Frau Finch schreibt, daß sich Nugent Lucilla gegenüber für mich ausgegeben hat? Glauben Sie, daß er sich unter der Vorspiegelung, sie habe meinen Bitten nachgegeben und sich meiner Obhut anvertraut, überredet hat, ihre Familie zu verlassen?«

Da war kein Ausweichen möglich. Ich antwortete kurz und bündig: »Das hat Ihr Bruder gethan.«

»Das hat mein Bruder gethan,« wiederholte er, »nach Allem, was ich ihm geopfert, was ich seiner Ehre anvertraut habe, als ich England verließ!« Er hielt inne und dachte einen Augenblick nach. »Was verdient ein solcher Mensch?« fuhr er, mit sich selbst redend, in einem leisen drohenden Ton, der mich erschreckte, fort.

»Er verdient,« sagte ich, »was ihn, wenn wir nach England kommen, treffen wird. Sie brauchen sich nur zu zeigen, um ihn seine Nichtswürdigkeit bis an’s Ende seines Lebens bitter bereuen zu machen. Ist es nicht Strafe genug für einen Menschen wie Nugent, sich so bloßgestellt zu sehen und eine solche — Niederlage zu erleiden?« Ich hielt inne und wartete auf seine Antwort.

Er wandte sein Gesicht von mir ab und sagte nichts weiter, bis wir aus der Station ankamen. Hier nahm er mich einen Augenblick bei Seite, so daß Niemand uns hören konnte, und fragte mich plötzlich: »Warum soll ich Sie eigentlich Ihrem Vater entziehen. Mein Benehmen ist sehr egoistisch, das wird mir erst in diesem Augenblicke klar.«

»Beruhigen Sie sich,« sagte ich. »Wenn ich Sie heute nicht gefunden hätte, würde ich doch morgen um Lucilla’s willen nach England gegangen sein«

»Aber jetzt haben Sie mich ja gefunden«, fuhr er fort, »warum sollte ich Ihnen die Reise nicht ersparen? Ich könnte Ihnen Alles schriftlich mittheilen. ohne daß Sie sich die Anstrengung und die Kosten einer solchen Reise zu machen brauchten.«

»Wenn Sie noch ein Wort sagen,« antwortete ich, »so werde ich glauben, daß Sie aus besonderen Gründen wünschen, allein nach England zu gehen.«

Er warf mir einen raschen argwöhnischen Blick zu und kehrte dann mit mir nach dem Billetbüreau zurück, ohne ein Wort weiter zu sagen. Ich war durchaus nicht zufrieden mit ihm; ich fand sein Benehmen sehr sonderbar.

Schweigend nahmen wir unsere Billete und schweigend stiegen wir in den Waggon. Ich versuchte etwas Ermuthigendes zu sagen, als wir abfuhren.

»Nehmen Sie keine Notiz von mir,« war Alles was er erwiderte. »Sie werden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie mich mein Schicksal allein tragen lassen wollen.«

Früher hatte er sich immer bei jeder ihm widerfahrenen Unannehmlichkeit rückhaltlos ausgesprochen, hatte immer ungestüm den Ausdruck meiner Sympathie für ihn verlangt. Jetzt, bei dem größten ihm in seinem Leben widerfahrenen Ungemach war er wie umgewandelt. Ich erkannte ihn kaum wieder. Waren die verborgenen Kräfte seines Wesens durch einen erneuerten Appel an sie abermals aufgeregt und machten sie sich wieder geltend, wie sie sich schon einmal an jenem verhängnißvollen Tage geltend gemacht hatten, wo Lucilla zum ersten Mal ihre Sehkraft erprobt hatte? In dieser Weise hatte ich mir damals die rein äußerliche Veränderung seines Wesens erklärt. Was jetzt unter der Oberfläche in ihm vorging, war selbst meinem Scharfsinne zu errathen unmöglich. Ich kann die unbestimmte Furcht, die er durch sein Benehmen auf der Station in mir erweckte, wohl nicht besser bezeichnen, als wenn ich sage, daß ich ihn um Alles nicht allein England hätte reisen lassen mögen.

So meinen eigenen Gedanken überlassen, beschäftigte ich mich während der ersten Stunden unserer Reise damit, nur zu überlegen, was das Sicherste und Beste sei, das wir nach unserer Ankunft in England zu thun haben würden.

Ich entschied mich anfänglich dafür, daß wir direct nach Dimchurch gehen müßten. Wenn überhaupt Nachrichten vorhanden seien, so würde man sie sicherlich im Pfarrhause erfahren haben. Wir müßten unsern Weg daher von Paris aus über Dieppe nehmen; von hier über den Canal nach Newhaven, in der Nähe von Brighton, und so nach Dimchurch gehen.

Dann aber überlegte ich mir, daß wir doch möglicherweise Lucilla im Pfarrhause treffen könnten und daß es für diesen Fall sehr gewagt sein würde, ihr den wahren Oscar in leibhaftiger Gestalt plötzlich vor die Augen zu führen. Um uns dieser Verantwortlichkeit zu entheben, schien es mir räthlich, Grosse von unserer bevorstehenden Ankunft zu benachrichtigen und ihn so in den Stand zu setzen, wenn er es im Interesse von Lucilla’s Gesundheit für nothwendig halten sollte, anwesend zu sein. Ich legte diese meine Ansicht, sowie meinen Plan, über Dieppe zu reisen, Oscar vor. Er erklärte sich kurz mit Allem einverstanden, und überließ mir in wenig verbindlicher Weise, alles zu bestimmen, was mir gut scheine.

Demgemäß telegraphirte ich in Lyon, wo wir etwas längern Aufenthalt hatten, an Herrn Finch im Pfarrhause und an Grosse in London, daß wir, Oscar und ich, nach meiner Berechnung, wenn wir keinen Zug und kein Dampfschiff verfehltem zeitig am nächsten Abend, des d.h. am Abend des Achtzehnten, in Dimchurch eintreffen würden. Auf alle Fälle sollten sie uns so früh, wie wir möglicherweise ankommen könnten, erwarten.

Nachdem ich das besorgt und einen kleinen Vorrath von Erfrischungen für die Nacht in meine Reisetasche gesteckt hatte, bestiegen wir wieder den Wagen, um die lange Fahrt nach Paris anzutreten. Unter den neuen Passagieren, die in Lyon eingestiegen waren, befand sich ein Herr, der nach seiner Physiognomie ein Engländer und nach seiner Tracht ein Geistlicher sein mußte. Zum ersten Male in meinem Leben begrüßte, ich die Erscheinung eines Geistlichen mit einem freudigen Gefühl und zwar aus folgendem Grunde. Von dem Augenblicke an, wo ich Frau Finch’s Brief gelesen hatte, lastete mit seiner ganzen Schwere auf meinem, und ich glaube sicher, auch auf Oscar’s Gemüth ein furchtbarer Zweifel, den zu lösen der Geistliche gerade der rechte Mann war. War die Zeit, seit Lucilla Ramsgate verlassen hatte, lang genug gewesen« um es gesetzlich möglich zu machen, daß Nugent sie geheirathet habe?

Als der Zug sich in Bewegung setzte, fing ich, die Feindin der Pfaffen, an, mich, diesem Pfaffen angenehm zu machen. Er war jung und schüchtern« aber ich wußte ihn zu gewinnen. Gerade in dem Augenblick, wo die andern Reisenden, mit Ausnahme Oscar’s, anfingen, es sich für die Nacht bequem zu machen, legte ich dem Geistlichen meinen Fall vor:

»A und B, ein Herr und eine Dame, Beide mündig, haben am fünften dieses Monats eine englische Stadt verlassen und sich nach einer anderen begeben; dürfte ich Sie bitten, mir zu sagen, wie bald nach diesem Tage das Paar rechtmäßig getraut werden kann?«

»Sie reden doch von einer kirchlichen Trauung?« bemerkte der junge Geistliche.

»Gewiß!« erwiderte ich, überzeugt, daß ich in dieser Beziehung für Lucilla einstehen könne.

»Sie können, vorausgesetzt, daß Einer von Beiden seinen dauernden Aufenthalt in der Stadt hat, nach welcher sie sich am fünften begeben haben, am einundzwanzigsten oder möglicherweise schon am zwanzigsten d. M. getraut werden.

»Nicht früher?«

»Ganz gewiß nicht früher.«

Es war eben der Abend des siebzehnten. Ich stieß Oscar im Dunklen an. Das war doch ein Hoffnungsstrahl, der uns während der Reise aufrecht erhalten konnte. Bevor die Trauung möglicherweise stattfinden konnte, würden wir in England sein. »Wir haben Zeit«, flüsterte ich Oscar zu. »Wir werden Lucilla noch retten.«

»Werden wir Lucilla finden?« war, was er mir leise erwiderte.

Diesen bedenklichen Umstand hatte ich ganz vergessen. Unmöglich konnte ich vor unserer Ankunft im Pfarrhause Oscar’s Frage beantworten. Bis dahin blieb nichts übrig, als geduldig abzuwarten und zu hoffen. Ich lasse hier alle die kleinen, bald glücklichen, bald unglücklichen Streitigkeiten weiche unsere Reise? abwechselnd beschleunigten oder verzögerten, unerwähnt. Ich erzähle nur, daß Oscar und ich am achtzehnten vor Mitternacht vor dem Pfarrhause anlangten.

Herr Finch selbst kam uns mit einer Lampe in der Hand entgegen. Mit dem Ausdruck frommer Ergebung erhob er seine Blicke und seine Lampe zum Himmel, als er Oscar’s ansichtig wurde. Seine beiden ersten Worte lauteten:

»Unerforschliche Vorsehung.«

»Haben Sie Lucilla gefunden?« fragte ich.

Herr Finch drückte mir, während er Oscar mit gespanntester Aufmerksamkeit beobachtete, die Hand, sagte, ich sei ein »gutes Geschöpf« etwa in einem Ton, wie er einen in Oscar’s Gesellschaft angetroffenen Hund geliebkost haben würde. Ich hätte in jenem Augenblick fast gewünscht, ein solcher Hund zu sein, dann hätte ich doch das Recht gehabt, Herrn Finch zu beißen. Oscar wiederholte ungeduldig meine Frage, während der Pfarrer ihm sehr beflissen behilflich war, aus dem Wagen zu steigen und es mir überließ, allein herauszukommen so gut ich konnte.

»Haben Sie Madame Pratolungo’s Frage nicht gehört?« fragte Oscar. »Ist Lucilla gefunden?«

»Lieber Oscar, jetzt wo Sie wieder da sind, hoffen wir sie zu finden.«

Diese Antwort erklärte mir Herrn Finch’s außerordentliche Höflichkeit gegen seinen jungen Freund. Oscar’s Ankunft in England vor Lucilla’s Trauung bot, wie die Dinge lagen, die einzige noch mögliche Aussicht, ihre Verheirathung mit einem Manne zu verhindern, der sein Vermögen bis auf den letzten Heller durchgebracht hatte. Oscar’s Vermögen war jetzt in buchstäblicherem Sinn als je zuvor das Maß für die Werthschätzung Oscars von Seiten des Herrn Finch.

Während wir in’s Haus gingen, fragte ich nach Nachrichten von Grosse. Der Pfarrer gab seinem maßlosen Erstaunen über meine Kühnheit, ihn anzureden, durch einige hohe Töne seiner riesigen Stimme Ausdruck.

»O, du lieber Himmel l« rief Herr Finch, indem er mir ungeduldig während eines kostbaren Augenblickes seine Aufmerksamkeit zuwandte. »Quälen Sie mich nicht mit Grosse, Grosse liegt krank in London. Da ist ein Billet für Sie von Grosse. Nehmen Sie sich in Acht mit den Stufen vor der Thür, lieber Oscar«, fuhr er in seinen tiefsten und feierlichsten Baßtönen fort. »Meine Frau freut sich so sehr darauf, Sie wiederzusehen. Wir haben Beide Ihre Ankunft mit so sehnsüchtiger Hoffnung, wenn ich so sagen darf, mit zärtlicher Ungeduld entgegengesehen. Geben Sie mir doch Ihren Hut. O, wie Sie gelitten haben müssen. Theilen Sie meine Zuversicht auf eine allweise Vorsehung und nehmen Sie diese Prüfung, wie ich es thue, mit heiterer Ergebung auf. Es ist noch nicht Alles verloren. Seien Sie guten Muths!« mit diesen Worten riß er die Thür des Wohnzimmers auf. »Liebe Frau, beruhige Dich. Hier ist unser lieber Adoptivsohn, unser armer Oscar!«

Brauche ich zu sagen, womit Frau Finch beschäftigt war und wie sie aussah?

Da waren noch immer die drei unerschütterlich festen Institutionen: Der Roman, das Baby und das verlorene Schnupftuch. Noch immer trug sie die bunte Jacke über dem langen schleppenden Schlafrock und war selbst feucht wie immer. Nachdem sie Oscar mit herabgezogenen Mundwinkeln und melancholischem Kopfschütteln empfangen hatte, veränderte sich ihr Gesicht plötzlich ganz wunderbar, als sie sich nach mir umwandte. Zu meiner Ueberraschung funkelten ihre sonst so matten Augen, und an die Stelle des trübseligen Ausdrucks, mit welchem sie Oscar begrüßt hatte, trat jetzt mir gegenüber ein heiteres Lächeln vollster Zufriedenheit. Triumphirend hielt sie das Baby in die Höhe und flüsterte mir ins Ohr:

»Was glauben Sie wohl« was er gethan hat, seit Sie fort sind?«

»Das weiß ich wirklich nicht«, antwortete ich.

»Er hat zwei Zähne bekommen, fühlen Sie ihm doch selbst einmal mit dem Finger in den Mund.«

Mochten doch Andere das Familienunglück beweinen. Frau Finch’s Seele erfüllte das Familienglück so ganz, daß darin für andere irdische Erwägungen kein Raum mehr übrig blieb. Ich steckte den Finger in den Mund, wie mir geheißen war, und wurde auch sofort von dem wüthenden Baby gebissen. Hätte nicht ein neuer Ausbruch des Pfarrers sie daran verhindert, Frau Finch würde, — oder ich müßte mich schlecht auf Physiognomien verstehen —, ihrem Entzücken durch einen Schrei Ausdruck gegeben haben. Jetzt öffnete sie nur den Mund und zog sich, da sie, wie bereits gemeldet, ihr Schnupftuch verloren hatte, in eine Ecke zurück und machte sich mit dem Baby zu schaffen.

Inzwischen hatte Herr Finch aus einem in der Nähe des Kamins stehenden Schrank zwei Briefe genommen, den einen warf er ungeduldig auf den Tisch. »O, du lieber Gott! wozu brauchen Einem noch die Briefe andrer Leute in die Quere zu kommen;« den anderen aber handhabte er mit äußerster Sorgfalt und reichte denselben Oscar mit einem tiefen Seufzer und indem er die Blicke wie ein Märtyrer zur Decke aufschlug. »Raffen Sie sich auf und lesen Sie«, sagte Herr Finch in seinem pathetischen Kanzelton.

»Ich würde Ihnen das gerne erspart haben, Oscar, wenn ich es gekannt hätte. Alle unsere Hoffnungen hängen von dem ab, was Sie, mein theurer Sohn, nachdem Sie diese Zeilen gelesen haben, zu unserer Führung werden sagen können.«

Oscar nahm den Brief aus dem Couvert, überflog die ersten Zeiten, warf einen Blick auf die Unterschrift und warf den, Brief mit einem Blick, in welchem sich Wuth und Schrecken spiegelten, zu Boden.

»Verlangen Sie nicht von mir, daß ich den Brief lesen soll!« rief er, zum ersten Mal leidenschaftlich ausbrechend. »Wenn ich den Brief lese, so muß ich ihn umbringen, sobald wir uns begegnen.« Er sank in seinen Stuhl und verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen. »O, Nugent! Nugent! Nugent!« murmelte er in einem wehklagenden Ton, der schrecklich anzuhören war.

Es war keine Zeit, Umstände zu machen. Ich nahm den Brief vom Boden auf und sah hinein, ohne um Erlaubniß zu bitten. Es war der bereits am Schluß von Lucilla’s Tagebuch mitgetheilte, »Oscar« unterzeichnete Brief Nugent’s, in welchem er Fräulein Batchford die Flucht ihrer Nichte aus Ramsgate anzeigt. Die einzigen Worte, die hier zu wiederholen nöthig, sind folgende:

»Sie begleitet mich auf meine ausdrückliche Bitte nach dem Hause einer Verwandten von mir, einer verheiratheten Frau, unter deren Obhut sie bis zu unserer Verheirathung bleiben wird.«

Diese Zeilen befreiten mich auf der Stelle von der schweren Sorge, die mich während der Reise gequält hatte. Nugent’s verheirathete Verwandte war ja auch Oscar’s Verwandte. Oscar brauchte uns nur zu sagen, wo diese Dame wohne und wir würden Lucilla finden!

Ich fiel Herrn Finch, der eben im Begriff war, Oscar durch seinen geistlichen Trost zur Verzweiflung zu bringen, in die Rede.

»Ueberlassen Sie es mir sagte ich, indem ich ihm den Brief zeigte, »ich weiß was Sie wollen.«

Der Pfarrer starrte mich entrüstet an. Ich aber fuhr, zu Frau Finch gewandt, fort:

»Wir haben eine sehr anstrengende Reise gehabt. Oscar ist nicht so an Reisen gewöhnt, wie ich. Wo ist sein Zimmer?«

Frau Finch stand auf, um uns nach Oscar’s Zimmer zu führen. Jhr·Gatte öffnete die Lippen, um sich in’s Mittel zu legen. Aber ich wiederholte: »Ueberlassen Sie es mir; ich kenne ihn besser, als Sie.«

Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der Papst von Dimchurch zum Schweigen verdammt. Sein Erstaunen über meine Kühnheit machte selbst ihn sprachlos. Ich ergriff Oscar’s Arm und sagte: »Sie sind erschöpft. Gehen Sie auf Ihr Zimmer. Ich will Ihnen etwas Warmes bereiten und es Ihnen selbst in einigen Minuten hinaufbringen.«

Er antwortete mir nicht und sah mich auch nicht an, aber er that schweigend, wozu ich ihn aufforderte und folgte Frau Finch. Ich nahm von dem Buffet, auf welchem das Abendessen bereit stand, was ich brauchte, machte kochendes Wasser, bereitete meinen belebenden Trank und ging damit nach der Thür, vom ersten bis zum letzten Augenblick bei jeder meiner Bewegungen von den starren entrüsteten Blicken des Pfarrers verfolgt. Erst in dem Augenblick, wo ich die Thür öffnete, gewann er seine Fassung wieder.

»Erlauben Sie mir die Frage, Madame Pratolungo«, sagte er mit seinem gewaltigsten Pathos; »in welcher Eigenschaft sind Sie hier?«

»In der Eigenschaft von Oscars Freundin«, antwortete ich, »Sie werden uns Beide morgen los werden.«

Ich schlug die Thür hinter mir zu und ging die Treppe hinauf. Ich glaube, wenn ich seine Frau gewesen wåre, es wäre mir am Ende gelungen, einen ganz angenehmen Mann ans dem Ehrwürdigen Finch zu machen.

Frau Finch kam mir ans dem Vorplatz des ersten Stockes entgegen und zeigte mir Oscar’s Zimmer. Ich fand ihn ruhelos auf- und abgehen. Gleich seine ersten Worte bezogen sich auf den Brief seines Bruders. Ich hatte mir vorgenommen, dieses peinlichen und aufregenden Gegenstandes vor dem nächsten Morgen keine Erwähnung zu thun und ich versuchte es auch jetzt noch, einen andern Gegenstand aufs Tapet zu bringen. Umsonst. Ihn erfüllte eine Angst, die sich nicht beliebig abschütteln ließ. Er bestand daraus, daß ich ihn auf der Stelle von dieser Angst befreie.

»Ich will den Brief gar nicht sehen«, sagte er. »Aber ich will Alles wissen, was er über Lucilla sagt.«

»Alles, was er enthält, läßt sich in die Worte zusammenfassen: Lucilla ist vollkommen gut aufgehoben.«

Er ergriff meinen Arm und sah mich mit einem forschenden Blick an.

»Wo?« fragte er. »Bei ihm?«

»Bei einer verheiratheten Dame, die mit ihm verwandt ist.«

Er ließ meinen Arm wieder los und dachte einen Augenblick nach.

»Meine Cousine in Sydenham!«

»Kennen Sie das Haus?«

»Ja wohl.«

»Wir wollen uns morgen dahin begeben. Lassen Sie sich für heute genügen und jetzt begeben Sie sich zur Ruhe.«

Ich reichte ihm meine Hand, die er in Gedanken vertieft mechanisch ergriff; dann fragte er ganz plötzlich, indem er mich mit einem sonderbar argwöhnischen Blick ansah:

»Habe ich nicht vorhin unten eine sehr thörichte Aenßerung gethan?«

»Sie waren ja ganz erschöpft«, sagte ich in einem beschwichtigenden Ton, »Niemand hat davon Notiz genommen«

»Sind Sie dessen gewiß?«

»Vollkommen gewiß. Gute Nacht.«

Als ich das Zimmer verließ, war mir ähnlich zu Muthe, wie auf dem Bahnhof in Marseille. Ich war nicht zufrieden mit ihm. Ich fand sein Benehmen sehr sonderbar.

Als ich in’s Wohnzimmer zurückkehrte, fand ich dort Niemand als Frau Finch. Dem Pfarrer war in seiner verletzten Würde nichts übrig geblieben, als sich auf sein Zimmer zurückzuziehen. In ungestörter Ruhe verzehrte ich mein Abendbrot und Frau Finch schwatzte, während sie mit dem Fuß die Wiege schaukelte, nach Herzenslust über Alles, was sich während meiner Abwesenheit zugetragen hatte.

Unter dem Vielerlei fand sich hier und da etwas, das erwähnt zu werden verdient. Die Veranlassung des neuen Zerwürfnisses zwischen Herrn Finch und Fräulein Batchford, welches die alte Dame, nachdem sie kaum das Pfarrhaus betreten, alsbald wieder aus demselben vertrieben hatte, war die empörende Ruhe gewesen, mit welcher Herr Finch die Nachricht von der Flucht seiner Tochter aufgenommen hatte. Er glaubte natürlich, Lucilla habe Ramsgate mit Oscar verlassen, dessen Verschreibung einer beträchtlichen Summe für seine künftige Frau Herr Finch sicher in Händen hatte. Erst nachdem Fräulein Batchford sich mit Grosse in Verbindung gesetzt hatte und nachdem es herausgekommen war, daß der blutarme Nugent mit Lucilla davongelaufen sei, war die väterliche Sorge des Ehrwürdigen Finch, der hier keinerlei Aussicht auf Geld erblickte, rege geworden und hatte ihn zum Handeln getrieben. Er, Fräulein Batchford und Grosse hatten ein Jeder auf seine Weise Alles aufgeboten, den Flüchtigen auf die Spur zu kommen und waren alle mit ihren Bemühungen an der Unmöglichkeit, die Wohnung der in Nugent’s Brief erwähnten Dame aufzufinden, gescheitert.

Mein Telegramm, in welchem ich meine Rückkehr mach England in Begleitung von Oscar meldete, hatte ihnen die erste Hoffnung gegeben, daß es doch noch möglich sein könnte, einzuschreiten, bevor es zu spät sein möchte, Einhalt zu thun.

Das Vorkommen von Grosse’s Namen in Frau Finchs abgerissenen Mittheilungen erinnerte mich an das, was mir der Pfarrer an der Gartenpforte gesagt hatte. Ich hatte mir den Brief noch nicht geben lassen, den Grosse für mich nach Dimchurch geschickt hatte. Nach kurzem Suchen fanden wir denselben, wo der »Ehrwürdige« Finch ihn verächtlich hingeworfen hatte, auf dem Tisch des Wohnzimmers.

Der ganze Brief bestand aus wenigen Zeilen, Grosse benachrichtigte mich, daß sein Gram über Lucilla ihm einen Gichtanfall zugezogen habe. Er könne die Füße nicht bewegen, ohne sofort wahrhaft höllische Schmerzen zu bekommen.

»Wenn Sie, meine Liebe, es unternehmen sollten, sie aufzusuchen«, schloß er, »so sprechen Sie doch vorher bei mir in London vor. Ich habe Ihnen etwas, höchst Trauriges in Betreff der Augen unserer kleinen Finch mitzutheilen.«

Keine Worte vermögen auszudrücken, wie mich diese letzte Aeußerung erschreckte und betrübte. Frau Finch vermehrte nur noch meine Angst und Sorge durch die Wiederholung dessen, was sie Fräulein Batchford während ihres kurzen Aufenthalts im Pfarrhause über Lucillais Augen sagen gehört hatte. Grosse war, als er Lucilla am vierten dieses Monats besuchte, mit dem Zustande ihrer Augen sehr unzufrieden und am Morgen des nächsten Tages hatte das Kammermädchen berichtet, daß Lucilla kaum im Stande sei, die vom Fenster ihres Zimmers aus sichtbaren Gegenstände zu unterscheiden. Im Laufe desselben Tages hatte sie Ramsgate verlassen und Grosse’s Brief bewies, daß sie seitdem nicht bei ihrem Augenarzt gewesen sei.

Trotz meiner Erschöpfung von der Reise hielt mich diese traurige Nachricht noch lange, nachdem ich mich zur Ruhe begeben hatte, wach. Am nächsten Morgen stand ich zugleich mit den Dienstboten auf, um mit dem nächsten Zuge nach London zu gehen.


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