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Die Blinde



Achtes Kapitel - Auf dem Wege zum Ende - Drittes Stadium.

Sonst war es immer Oscar’s Gewohnheit gewesen, in zweifelhaften und schwierigen Fällen den Ansichten Anderer zu folgen. Bei dieser Gelegenheit aber war er es, der zuerst sprach und eine eigene Ansicht entwickelte.

»Es scheint mir unnöthig daß wir hier unsere Zeit mit der Erörterung unserer verschiedenen Ansichten verlieren«, sagte er. »Hier kann nur eines geschehen. Ich bin der bei dieser Gelegenheit am meisten Interessierte. Warten Sie hier auf mich, während ich nach dem Hause gehe.«

Er sprach ohne jede Spur der ihm sonst eigenen Schüchternheit, und nahm seinen,Hut, ohne weder Herrn Finch noch mich anzusehen. Ich überzeugte mich immer mehr, daß Nugent’s nichtswürdiger Vertrauensbruch Oscar zu einem gefährlichen Menschen gemacht habe. Entschlossen, sein Fortgehen zu verhindern, bestand ich darauf, daß er seinen Platz wieder einnehme und mich anhöre.

In demselben Augenblick stand Herr Finch auf und stellte sich zwischen Oscar und die Thür. Als ich das sah, schien es mir gerathen, mir meine Einmischung vorzubehalten und den Pfarrer erst reden zu lassen.

Warten Sie einen Augenblick, Oscar«, sagte der Pfarrer feierlich, »Sie vergessen mich.«

Oscar wartete, den Hut in der Hand, mit verdrossener Miene.

Herr Finch hielt inne, offenbar in Ueberlegung, wie er das, was er jetzt sagen wollte, ausdrücken solle. Seine Hochachtung vor Oscar’s Vermögen war groß; aber seine Selbstachtung war, besonders im gegenwärtigen kritischen Augenblick womöglich noch größer. Die erstere Rücksicht ließ ihn so höflich und die zweite so positiv wie möglich die Worte, in welche er seine Vorstellungen faßte, wählen.

»Erlauben Sie mir, lieber Oscar, Sie daran zu erinnern, daß mein Recht, als Lucilla’s Vater einzuschreiten, mindestens so gut begründet ist, wie Ihr Recht!«, hob der Pfarrer an. »Wenn meine Tochter in Noth ist, so ist es meine Pflicht, ihr zu Hilfe zu eilen. Wenn Sie nach dem Hause Ihrer Cousine gehen, so erfordert meine Stellung gebieterisch, daß ich mit gehe.«

Die Art, wie Oscar diesen Vorschlag aufnahm, bestärkte mich nur in den schweren Besorgnissen, die sein Wesen bei mir erweckt hatte. Er lehnte es rund heraus ab, sich von Herrn Finch begleiten zu lassen.

»Entschuldigen Sie mich«, antwortete er kurz, »ich möchte allein hingehen.«

»Darf ich nach Ihren Gründen fragen?« sagte der Pfarrer noch in versöhnlichem Ton.

»Ich möchte meinen Bruder allein sprechen«, erwiderte Oscar, die Blicke zu Boden geheftet.

Herr Finch, der noch immer an sich hielt, aber nicht von seinem Platz an der Thür wich, sah mich an. Ich beeilte mich, mich in’s Mittel zu legen, bevor es zu einer Seene zwischen den beiden Männern käme.

»Ich wage zu behaupten«, sagte ich, »daß Sie beide Unrecht haben. Ob einer von Ihnen geht oder ob Sie beide gehen, wird ziemlich aus dasselbe hinauslaufen. Ich möchte Hundert gegen Eins wetten, daß Sie gar nicht in’s Haus gelassen werden.«

Beide zugleich wandten sich gegen mich und fragten, was ich damit sagen wolle.

»Sie können doch nicht gewaltsam eindringen«, sagte ich. Wenn Sie dem Diener entweder beim Betreten des Hauses Ihre Namen nennen, wird Nugent daraus ersehen, was ihm bevorsteht, und er ist nicht der Mann, Sie unter diesen Umständen ins Haus zu lassen. Wenn Sie Ihre Namen verschweigen, so präsentiren Sie sich als Fremde. Halten Sie es für wahrscheinlich, daß Nugent für Fremde zugänglich sein wird? Würde Lucilla sich in ihrer jetzigen Lage dazu entschließen, zwei ihr unbekannte Männer zu empfangen? Glauben Sie mir, wenn Sie jetzt hingehen, werden Sie nicht nur nichts erreichen, sondern Sie werden es nur noch schwieriger machen, als es schon ist, mit Lucilla in Verbindung zu treten.«

Es entstand eine kurze Pause. Beide Männer fühlten, daß es nicht leicht sei, etwas auf meine Einwendungen zu erwidern. Oscar ergriff wieder zuerst das Wort.

»Wollen Sie denn hingehen?« fragte er.

»Nein antwortete ich. »Ich würde vorschlagen, Lucilla zu schreiben. Ein Brief wird in ihre Hände gelangen.«

Auch das schien ihnen nicht einzuleuchten. Oscar fragte, was denn dieser Brief enthalten solle. Ich erwiderte, ich würde sie bitten, sie allein sprechen zu dürfen, weiter nichts.

»Und wenn Lucilla Ihnen das verweigert?« fragte Herr Finch.

»Sie wird es nicht verweigern«, erwiderte ich. »Ich gebe zu, daß ein kleines Mißverständniß zwischen uns obwaltete, als ich ins Ausland reiste Ich werde dieses Mißverständniß offen als den Grund meines Schreibens bezeichnen. Ich werde es Ihrer Tochter zur Ehrensache machen, mir eine Gelegenheit zu geben, mich mit ihr zu verständigen. Ich werde von Lucilla einen Akt der Gerechtigkeit fordern, ich glaube, sie wird mir denselben nicht verweigern.«

Das war beiläufig bemerkt der Aktionsplan, wie ich ihn mir auf der Fahrt nach Sydenham ausgedacht hatte. Ich hatte mit seiner Erwähnung nur gewartet, bis ich zuvor gehört haben würde, was die beiden Männer proponirten.

Oscar, der noch immer mit dem Hut in der Hand stand, blickte nach Herrn Finch hinüber, der gleichfalls den Hut in der Hand hielt und beharrlich seinen Platz an der Thür behauptete. In dem Gesicht und dem ganzen Wesen des Pfarrers sprach sich neben der größten Höflichkeit die entschiedene Absicht aus, Oscar, wenn er dabei beharren sollte, seinen Plan, allein zu gehen, zur Ausführung zu bringen, zu begleiten. Oscar sah sich zwischen einen Geistlichen und eine Frau gestellt, die beide fest entschlossen waren, ihren Willen durchzusetzen. Unter diesen Umständen blieb ihm nichts übrig, als Einem oder dem Andern von uns wirklich oder scheinbar nachzugehen. Er entschied sich für meinen Vorschlag.

»Und wenn es Ihnen gelingen sollte, sie zu sehen«, fragte er, »was denken Sie dann zu thun?«

»Ich denke sie entweder hierher zu ihrem Vater und zu Ihnen zu bringen, oder eine Zeit mit ihr zu verabreden, wo sie Sie beide in ihrer jetzigen Wohnung empfangen will«, erwiderte ich.

Nach einem abermaligen Blick auf den unbeweglichen Pfarrer klingelte Oscar und beorderte Schreibmaterial.

»Noch eine Frage«, sagte er, »wenn Lucilla Sie in Ihrer Wohnung empfangen sollte, beabsichtigen Sie —?« Er hielt inne, seine Blicke wichen den meinigen aus. — »Beabsichtigen Sie, noch Jemand Andern zu sehen?« nahm er wieder auf, indem er es noch immer vermied, — den Namen seines Bruders auszusprechen.

»Ich beabsichtige Niemand zu sehen, als Lucilla«, sagte ich. »Es ist nicht meine Sache, mich in Ihre Angelegenheit mit Ihrem Bruder zu mischen.« Der Himmel mag es mir vergeben, daß ich so mit ihm sprach, während ich doch die ganze Zeit über fest entschlossen war, mich in ihre Angelegenheit zu mischen.

»Meinetwegen schreiben Sie Ihren Brief«, sagte er, »aber Sie müssen mir ihre Antwort zeigen.«

»Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich denselben Anspruch erhebe«, fügte der Pfarrer hinzu. »In meiner Eigenschaft als Vater —«

Ich beeilte mich, seine Eigenschaft als Vater anzuerkennen, noch ehe er ein Wort weiter sagen konnte. »Sie sollen beide die Antwort sehen«, sagte ich und setzte mich hin, um meinen Brief zu schreiben; ich schrieb nur, was ich schreiben zu wollen erklärt hatte.

»Liebe Lucilla, ich kehre soeben vom Continent zurück. Um der Gerechtigkeit willen und im Angedenken an vergangene glückliche Tage bitte ich Sie, mich sofort empfangen zu wollen, ohne unserer Verabredung gegen irgend Jemand Erwähnung zu thun. Ich verpfände mein Wort, daß ich Sie in fünf Minuten überzeugt haben werde, daß ich mich niemals Ihrer Liebe und Ihres Vertrauens unwürdig gemacht habe. Der Ueberbringer wartet auf Antwort.«

Ich gab den Brief den beiden Herren zum Lesen. Herr Finch machte keine Bemerkung; er war sichtlich unzufrieden mit der untergeordneten Stellung, die er hier einzunehmen verurtheilt war. Oscar sagte: »Ich habe nichts gegen den Brief einzuwenden und werde nichts thun, bis ich die Antwort gelesen habe.«

Darauf dictirte er mir die Adresse seiner Cousine Ich übergab den Brief selbst einem zum Hotel gehörenden Boten.

»Ist es weit von hier?« fragte ich.

»Kaum zehn Minuten zu gehen, Madame.«

»Sie haben mich verstanden, daß Sie auf Antwort warten sollen?«

»Ja wohl, Madame.«

Damit ging er fort.

Soviel ich mich erinnere, verfloß wenigstens eine halbe Stunde, bevor er zurück kam. Man wird sich eine Vorstellung von der schrecklichen Ungewißheit machen können, die jetzt auf uns allen Dreien lastete, wenn ich sage, daß keiner von uns, von dem Augenblick, wo der Bote fortging, bis zu dem Augenblick, wo er wiederkam, ein einziges Wort sprach.

Der Bote kam mit einem Brief in der Hand zurück.

Meine Finger zitterten so, daß ich den Brief kaum öffnen konnte. Noch bevor ich ein Wort gelesen hatte, erfüllte mich der Anblick der Handschrift mit Entsetzen. Der Brief selbst war von einer fremden Hand geschrieben und die Ueberschrift am Schluß war in jenen großen unruhigen Zügen geschrieben, deren ich mich von der Zeit her, wo Lucilla in ihrer Blindheit ihren ersten Brief an Oscar geschrieben hatte, so wohl erinnerte.

Der sonderbare Wortlaut des Schreibens war folgender:

»Ich kann Sie hier nicht empfangen, aber ich kann und will in Ihrem Hotel zu Ihnen kommen, wenn Sie mich erwarten wollen. Ich kann die Zeit nicht genau angeben. Ich kann nur versprechen, die erste sich mir darbietende Gelegenheit, um Ihrer und um meinetwillen wahrzunehmen.«

Eine solche Sprache ließ nur eine einzige Auslegung zu. Lucilla war nicht frei in ihren Handlungen. Beide, der Pfarrer und Oscar mußten jetzt zugeben, daß ich Recht gehabt hatte. Wenn es für mich unmöglich war, in dem Hause empfangen zu werden, wie doppelt unmöglich würde es nicht für die Männer gewesen sein, sich Zutritt zu verschaffen Oscar ging, nachdem er den Brief gelesen hatte, in den entferntesten Winkel des Zimmers, ohne sich weiter zu äußern. Herr Finch entschloß sich, seine untergeordnete Stellung aufzugeben, indem er sofort selbstständig zu agiren anfing.

»Muß ich schließen«, fing er an, »daß es vergeblich wäre, wenn ich versuchen wollte, mein eigenes Kind zu sehen?«

»Ihr Brief spricht für sich selbst«, erwiderte ich. »Wenn Sie den Versuch machen, sie in Ihrer Wohnung zu sehen, so werden Sie wahrscheinlich damit nur Ihre Tochter verhindern, herzukommen.«

»Ja meiner Eigenschaft als Vater«, fuhr Herr Finch fort, »ist es mir unmöglich, passiv zu bleiben. Als geistlicher Bruder habe ich, denke ich, ein begründetes Recht auf den Beistand des Pfarrers dieses Kirchspiels. Sehr wahrscheinlich ist diese betrügerische Heirath bereits angemeldet worden. In diesem Fall ist es meine Pflicht, nicht nur gegen mich selbst und mein Kind, sondern auch gegen die Kirche, mit meinem ehrwürdigen Collegen zu conferiren. Ich will mich zu diesem Zweck zu ihm begeben.« Er stolzirte aus die Thür zu und fuhr fort. »Sollte Lucilla in meiner Abwesenheit erscheinen, so autorisire ich Sie, Madame Pratolungo, sie bis zu meiner Rückkehr zurückzuhalten.« Mit diesem Abschiedsauftrag verließ er das Zimmer.

Ich sah Oscar an. Er kam langsam vom anderen Ende des Zimmers her auf mich zu.

»Sie werden doch natürlich hier warten?« sagte er.

»Natürlich. Und Sie?«

»Ich werde etwas ausgehen.«

»Haben Sie einen besonderen Zweck dabei?«

»Nein, keinen anderen, als die Zeit hinzubringen. Ich habe das Warten satt.«

Nach der Art, wie er mir antwortete, war ich· fest überzeugt, daß er jetzt, nachdem er Herrn Finch losgeworden war, direct nach dem Hause seiner Cousine gehen werde.

»Sie vergessen, sagte ich, »daß Lucilla herkommen kann, während Sie fort sind. Ihre Anwesenheit in diesem oder dem anstoßenden Zimmer kann, wenn ich ihr mittheile, was Ihr Bruder gethan hat, von der größten Wichtigkeit sein. Wie, wenn sie mir nicht glaubt? Was soll ich dann anfangen, wenn ich mich dann nicht auf Sie berufen kann? Ich bitte Sie in Ihrem eigenen und in Lucilla’s Interesse, hier bei mir zu bleiben, bis sie kommt.«

Ich gab vorläufig nur diesen Grund an und wartete ab, was er thun werde. Nach einigem Zaudern antwortete er im Tone verdrossener Gleichgültigkeit, »Sie wünschen«, und ging wieder nach dem andern Ende des Zimmers. Als er mir den Rücken kehrte, hörte ich ihn für sich hin murmeln. »So muß ich noch ein bischen länger warten.«

»Auf was?« fragte ich.

Er wandte den Kopf nach mir um.

»Für jetzt muß ich Geduld haben. Sie werden bald genug von mir hören.«

Im Augenblick sagte ich nichts weiter zu ihm. Der Ton, in welchem er mir geantwortet hatte, zeigte mir, daß es nutzlos sein werde. Nach einiger Zeit, ich kann nicht sagen wie lange, hörte ich das Geräusch weiblicher Kleider draußen auf dem Vorplatz.

Im nächsten Augenblick wurde an die Thür geklopft.

« Ich gab Oscar ein Zeichen, eine andere dicht neben ihm am andern Ende des Zimmers befindliche Thür zu öffnen und sich wenigstens für den Augenblick dahin zurückzuziehen. Dann antwortete ich mit möglichst fester Stimme: »Herein.«.

Ein mir unbekanntes, als respektables Dienstmädchen gekleidetes Frauenzimmer trat ein. Sie führte Lucilla an der Hand. Mein erster Blick auf das geliebte Kind offenbarte mir die schreckliche Wahrheit. Gerade so, wie ich sie auf dem Corridor im Pfarrhause am ersten Tage gesehen hatte, sah ich sie jetzt wieder. Wieder wandte sie sich mit ihren blinden Augen, die das Licht das auf sie fiel, unempfindlich widerspiegelten, nach mir und blind! o Gott, nach wenigen Wochen, während deren sie sich des Augenlichts erfreut hatte, wieder blind!

Ueber dieser jammervollen Entdeckung vergaß ich alles Andere. Ich flog ihr entgegen und umschlang sie mit meinen Armen. Nach einem einzigen Blick auf ihr bleiches abgezehrtes Gesicht sank ich weinend an ihre Brust.

Sie stützte meinen Kopf sanft mit der Hand und wartete mit Engelsgeduld, bis dieser erste Ausbruch meines Kummers sich gelegt hatte. »Weinen Sie nicht über meine Blindheit«, sagte sie mit ihrer mir so wohlbekannten, sanften, weichen Stimme. Die Tage, wo ich sehen konnte, waren die unglücklichsten meines Lebens. Wenn ich aussehe, als hätte ich mich gegrämt, denken Sie nicht, es sei über meine Augen.« Sie hielt inne und seufzte tief auf. »Ihnen kann ich es ja sagen«, fuhr sie flüsternd fort, — »es ist mir eine wahre Erleichterung, ein Trost, es Ihnen zu sagen. — Ich gräme mich über meine Heirath.«

Diese Worte brachten mich wieder zu mir. Ich richtete mich auf und küßte sie. »Ich bin hergekommen, Sie zu trösten«, sagte ich, »und ich benehme mich wie eine Thörin.«

Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Diese Aeußerung sieht Ihnen recht ähnlich«, sagte sie. Sie klopfte mir in der alten vertraulichen Weise mit der Hand auf die Wange. Diese kleine Vertraulichkeit brach mir mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften, fast das Herz. Ich erstickte fast an der Anstrengung, die dummen, unnützen, feigen Thränen, die sich wieder Luft machen wollten, zurückzudrängen. »Kommen Sieh sagte sie, »weinen Sie nicht mehr. Lassen Sie uns niedersetzen und miteinander plaudern, als waren wir in Dimchurch.«

Ich führte sie nach dem Sopha, auf dem wir nebeneinander Platz nahmen. Sie schlang ihren Arm um mich und legte ihren Kopf an meine Schulter. Wieder flatterte das schwache Lächeln wie ein verlöschendes Licht auf ihrem lieblichen Gesichte auf; auf diesem Gesicht, das jetzt bleich und abgezehrt, aber doch noch immer schön war, noch immer dem Antlitz der Sixtinischen Madonna glich. »Wir sind ein sonderbares Paar«, sagte sie in Einem momentanen Ausbruch ihres alten unwiderstehlichen Humors. »Sie sind meine bitterste Feindin und Sie brechen in dein Augenblick, wo wir uns wiedersehen, in Thränen aus. Sie haben mich abscheulich behandelt und ich halte Sie umschlungen und lehne meinen Kopf an Ihre Schulter und möchte Sie um Alles in der Welt nicht von mir lassen!« Ihr Gesicht nahm wieder einen traurigen Ausdruck an, der Ton ihrer Stimme veränderte sich plötzlich. »Sagen Sie mir«, fuhr sie fort, »wir kommt es, daß der Schein so entsetzlich gegen Sie sprach? Oscar überzeugte mich in Ramsgate, daß ich Sie aufgeben, daß ich Sie nie wiedersehen müßte. Ich theilte seine Auffassung, das kann ich nicht leugnen, liebste Frau; eine Zeitlang verabscheute ich Sie ebenso sehr wie er. Aber als ich wieder blind wurde, konnte ich es nicht länger ertragen. Ganz allmählig, in dem Maße wie mein Augenlicht verlosch, wandte sich mein Herz mit unwiderstehlicher Gewalt wieder Ihnen zu. Als man mir Ihren Brief vorlas, als ich erfuhr, daß Sie in meiner Nähe seien, da war es wieder ganz wie in der alten Zeit, ich konnte es vor Sehnsucht nach Ihnen nicht länger aushalten. Und da bin ich, noch ehe Sie mir eine Erklärung gegeben haben, überzeugt, daß ein trauriges Mißverständniß zwischen uns sein Wesen trieb.«

Ich wollte es in dankbarer Erkenntlichkeit für diese großmüthigen Worte versuchen, mich auf der Stelle zu rechtfertigen; aber es war mir unmöglich; ich konnte an nichts denken, von nichts reden, als von der schrecklichen Wiederkehr ihrer Blindheit.

»Lassen Sie mir ein paar Minuten Zeit«, sagte ich, »und Sie sollen Alles hören. Ich kann noch nicht von mir reden, ich kann nur von Ihnen reden. O, Lucilla, warum haben Sie sich von Grosse fern gehalten? Kommen Sie noch heute mit mir zu ihm. Lassen Sie ihn versuchen, was er für Sie thun kann, und zwar gleich, mein geliebtes Kind, ehe es zu spat ist.«

»Es ist zu spät«, sagte sie. »Ich bin bei einem anderen Augenarzt gewesen, einem Fremden. Er sagte dasselbe, was Herr Sebright gesagt hatte: er zweifelte, daß jemals die Möglichkeit meiner Heilung vorhanden gewesen sei; nach seiner Ansicht hätte die Operation nie vorgenommen werden müssen.«

»Warum sind Sie zu einem Fremden gegangen?« fragte ich, »warum haben Sie Grosse ausgegeben?«

»Darnach müssen Sie Oscar fragen«, antwortete sie, »auf seinen Wunsch habe ich mich von Grosse ferngehalten.«

Als ich das hörte, errieth ich alsbald das Motiv, welches Nugent dabei geleitet hatte, wie ich es später in dem Tagebuch bestätigt fand. Wenn er Lucilla zu Grosse hätte gehen lassen, so würde unser guter Deutscher Vielleicht bemerkt haben, daß ihr Verhältniß zu Nugent ihr Gemüth bedrücke, und würde es vielleicht für nöthig gehalten haben, ihr den Betrug Nugent’s zu entdecken. Uebrigens aber beharrte ich noch dabei, Lucilla dringend zu bitten, mit mir wieder zu unserem alten Freunde zu gehen.

»Erinnern Sie sich unserer Unterhaltung über diesen Gegenstand«, erwiderte sie mit entschiedenem Kopfschütteln. »Ich meine jene Unterhaltung, als die Operation nahe bevorstand. Ich sagte Ihnen, ich habe mich an meine Blindheit gewöhnt, ich wolle meine Sehkraft nur wieder erlangen, um Oscar sehen zu können. Und als ich ihn wiedersah, was geschah da? Meine Enttäuschung war so furchtbar, daß ich wieder blind zu werden wünschte. Fuhren Sie nicht auf, schreien Sie nicht, als wollten Sie ersticken. Ich meine, was ich sage. Ihr sehenden Menschen legt einen so albernen Werth auf Eure Augen. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen das schon sagte, als wir uns zuletzt darüber unterhielten?«

Ich erinnerte mich dessen ganz genau. Sie hatte das wirklich gesagt. Sie hatte gesagt, daß sie niemals einen von uns ernstlich um seine Augen beneidet habe.Sie hatte unsere Augen geschmäht, hatte dieselben geringschätzig mit ihrem Tastsinn verglichen und sie als Betrüger, die uns beständig irreleiteten, lächerlich zu machen gesucht. Ich gab das Alles zu, ohne mich jedoch dadurch im Mindesten mit der eingetretenen Katastrophe ausgesöhnt zu fühlen. Wenn sie mir nur hätte zuhören wollen, würde ich sie noch weiter zu überreden gesucht haben. Aber sie weigerte sich rundheraus.

»Wir haben sehr wenig Zeit«, sagte sie. »Lassen Sie uns von etwas Interessanterem reden, ehe ich wieder fort muß.«

»Wieder fort muß?« wiederholte ich. »Sind Sie nicht Ihre eigene Herrin?«

Ihr Gesicht verdüsterte sich, ihr Wesen wurde verlegen.

»Ich kann nicht gerade sagen, daß ich eine Gefangene bin«, antwortete sie. »Ich kann nur sagen: ich werde beobachtet. Sobald Oscar fort ist, weiß es Oscar’s Consine, eine lauernde, argwöhnische, falsche Person, immer so einzurichten, daß sie bei mir ist. Ich habe sie zu ihrem Manne sagen gehört, sie glaube, ich würde mein Heirathsversprechen brechen; wenn man mir nicht scharf aufpasse. Ich weiß nicht, was ich anfangen sollte, wenn nicht eines der Dienstmädchen da wäre, eine vortreffliche Person, die sich für mich interessirt und mir beisteht.« Sie hielt inne und richtete den Kopf forschend auf. »Wo ist das Mädchen?«

Ich hatte das Mädchen, das sie in’s Zimmer gebracht hatte, ganz vergessen. Sie mußte uns taktvoller Weise ganz allein gelassen haben, nachdem sie Lucilla hereingeführt hatte. Als ich mich nach ihr umsah, war sie nicht da.

»Das Mädchen wartet ohne Zweifel unten sagte ich, »fahren Sie fort.«

»Ohne diese gute Person«, nahm Lucilla das Gespräch wieder auf; »wäre ich nie hergekommen Sie brachte mir Ihren Brief, las ihn mir vor und schrieb meine Antwort. Ich verabredete mit ihr, daß sie bei der ersten Gelegenheit mit mir davon schlüpfen solle. Die Chancen standen in einer Beziehung günstig für uns, außer der Cousine war Niemand da, der auf uns aufpaßte. Oscar war nicht im Hause.«

Bei dem letzten Wort hielt sie plötzlich inne. Ein leises Geräusch am andern Ende des Zimmers, welches ich gar nicht bemerkt hatte, war ihrem Ohr nicht entgangen. »Was ist das für ein Geräusch?« fragte sie. »Ist noch Jemand im Zimmer?«

Ich sah wieder auf.

Während sie von dem falschen Oscar sprach, stand der echte Oscar am andern Ende des Zimmers und hörte zu. Als er bemerkte, daß ich ihn sehe, bat er mich mit einer flehenden Geberde, seine Anwesenheit nicht zu verrathen. Er hatte offenbar, noch ehe ich ihn bemerkt hatte, gehört, was wir miteinander gesprochen hatten; denn er berührte seine Augen und erhob seine Hände mit dem Ausdruck tiefen Mitleids. Was er auch im Schilde führen mochte, diese traurige Entdeckung mußte ihn tief ergriffen haben. Lucilla’s Einfluß konnte jetzt nicht anders als gut auf ihn wirken. gab ihm ein Zeichen, sich ruhig zu verhalten und sagte Lucilla daß keine Veranlassung für sie sei, sich zu beunruhigen. Sie fuhr fort:

»Qscar ist diesen Morgen nach London gegangen. Können Sie rathen, zu welchem Zweck? Er will sich die Heirathserlaubniß für uns erwirken, er hat unsere Heirath bei der Kirche angemeldet. Ich setze meine letzte Hoffnung in Sie: Trotz Allem, was ich dagegen einwandte, hat er unsere Hochzeit auf den Einundzwanzigsten festgesetzt, auf übermorgen! Ich habe Alles aufgeboten um einen Aufschub zu erwirken. O, wenn Sie wüßten!« — Ihre wachsende Aufregung machte sie für den Augenblick sprachlos. Dann aber, als sie sich wieder etwas erholt hatte, fuhr sie fort: »Ich darf die kostbaren Minuten nicht vergeuden, ich muß zurück sein, bevor, Oscar wiederkommt. O, meine alte Freundin, Sie sind ja nie um eine Auskunft verlegen; Sie wissen ja immer was zu thun ist. Ersinnen Sie etwas, wie ich meine Heirath aufschieben kann. Rathen Sie mir etwas, womit ich sie überraschen und · sie zwingen kann, mir Zeit zu lassen!«

Ich blickte wieder zu Oscar hinüber. In athemloser Spannung zuhörend, war Oscar geräuschlos bis in die Mitte des Zimmers vorgeschritten. Auf ein Zeichen von mir blieb er stehen und ging nicht weiter.

»Ist es Ihre wahre Meinung, Lucilla, daß Sie ihn nicht mehr lieben?« fragte ich.

»Ich kann Ihnen nichts darüber sagen«, antwortete sie »außer daß eine schreckliche Veränderung mit mir vorgegangen ist. So lange ich sehen konnte, glaubte ich mir die Sache theilweise erklären zu können; ich glaubte der neue Sinn habe ein neues Wesen aus mir gemacht. Aber jetzt, nachdem ich meine Sehkraft wieder verloren habe, jetzt wo ich wieder bin, was ich mein ganzes Leben gewesen war, will die schreckliche Unempfindlichkeit noch immer nicht von mir weichen. Ich empfinde so wenig für ihn, daß es mir bisweilen schwer wird, mich zu überreden, daß er wirklich Oscar ist. Sie wissen, wie ich ihn anzubeten pflegte. Sie wissen, mit welchem Entzücken ich ihn einst geheirathet haben würde. Und nun stellen Sie sich vor, was ich bei der Art, wie ich jetzt für ihn fühle, leiden muß!

Ich sah wieder auf. Oscar hatte sich näher herangeschlichen; ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Der gute Einfluß Lucilla’s fing an, sich bei ihm geltend zu machen. Ich sah, wie die Thränen ihm in die Augen traten; ich sah Liebe und Mitleid an die Stelle von Haß und Rache treten. Der alte Oscar, wie er in meiner Erinnerung lebte, stand wieder vor mir.

»Ich will ihn ja nicht verlassen, fuhr Lucilla fort; »Alles, was ich verlange, ist, daß er mir etwas Zeit läßt. Die Zeit muß mir helfen, mir mein altes Selbst wiederzugewinnen. Ich bin ja mein Lebelang blind gewesen. Können die wenigen Wochen, wo ich sehen konnte, mich der Gefühle beraubt haben, die sich jahrelang in mir entwickelt haben? Ich kann es nicht glauben. Ich kann mich im Hause wieder zurechtfinden, kann die Dinge nach der Berührung erkennen; kurz, ich kann jetzt, wo ich wieder blind bin, wieder alles das, was ich früher im Zustande meiner Blindheit konnte, das Gefühl für ihn wird sich also auch, wie alles Uebrige, wieder einstellen, nur muß man mir Zeit lassen!«

Bei den letzten Worten sprang sie plötzlich unruhig auf. »Es ist doch Jemand hier im Zimmer«, sagte sie, »Jemand, der da weint. Wer ist es?«

Oscar stand dicht bei uns. Die Thränen rannen ihm über die Wangen. Auch ich hatte, wie Lucilla, den einen schwachen schluchzenden Athemzug der ihm entfahren war, gehört.

Ich ergriff seine Hand mit meiner einen und Lucilla’s mit meiner anderen Hand. Ob es zum Guten oder zum Schlimmen war, das stand in Gottes Hand. Die Zeit war gekommen.

»Wer ist das?« wiederholte Lucilla ungeduldig.

»Versuchen Sie es doch, bestes Kind, ob Sie es nicht sagen können, ohne mich zu fragen.« Mit diesen Worten legte ich ihre in Oscar’s Hand und beobachtete dabei ihr Gesicht scharf.

Im ersten Augenblick, als sie die ihr vertraute Berührung wieder fühlte, wurde sie todtenbleich. Ihre blinden Augen erweiterten sich schrecklich. Wie versteinert stand sie da. Dann aber stieß sie einen langen, leisen Schrei aus, einen Schrei athemlosen Entzückens, und umschlang ihn leidenschaftlich mit ihren Armen. Das Leben kehrte auf ihre Wangen zurück; ihr liebliches Lächeln umspielte zitternd ihre geöffneten Lippen; ihr Busen wallte von raschen, schwachen Athemzügen unruhig hin und her. In sanften Tönen des Entzückens murmelte sie mit den Lippen auf seiner Wange glückselig:

»O, Oscar, ich kenne Dich wieder!«


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