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In der Dämmerstunde



Vorwort

Ich habe mich bemüht, die Verschiedenen Erzählungen, welche in diesem Buche enthalten sind, so aneinander zu reihen, dass sie das Interesse des Lesers fesseln müssen, denn sie sind neu, wahr Und überraschend! Die Blätter, welche von »Leah’s Tagebuch« handeln, bilden gleichsam den Rahmen der ganzen Sammlung dieser Erzählungen.

In diesem Teile des Buches, wie auch in den Einleitungen der einzelnen Geschichten, hatte ich die Absicht, den Leser einen Einblick in das Lebens der Künstler nehmen zu lassen; ich habe sorgfältige und gern gepflegte Studien zu diesem Zwecke gemacht und denselben auch schon im »Verstecken und Finden« einen Ausdruck gegeben.

Diesmal beabsichtigte ich nun, die Sympathie des Lesers für die Leiden und Freuden eines armen »reisenden Porträt-Malers« zu erregen; dargestellt von seiner Frau, unter dem Titel »Leah’s Tagebuch«, und auch teilweise in den Einleitungen zu den Erzählungen, von ihm selbst. Diese beiden Teile des Buches habe ich etwas scharf begrenzt. An »Leah’s Tagebuch« soll man erkennen, dass dasselbe nur in den Mußestunden, welche die Sorge für den Haushalt übrig ließ, geschrieben wurde; und in den Einleitungen, aus der Feder des Malers, ist auch nur soviel enthalten, wie ein bescheidener und zartfühlender Mann über sich selbst und über die Charaktere, die ihm auf seinen künstlerischen Reisen begegneten, sagen mag: Wenn es mir nun gelingt, durch diese einfache Art verständlich zu werden und daneben durch die verschiedenen Erzählungen ein vollständiges Ganze zu bilden, so werde ich ein mir seit langer Zeit vorgestecktes Ziel erreichen.

Über die einzelnen Erzählungen erlaube ich mir noch zu bemerken, dass die Lady von Glenwith Grange hier zum ersten Male gedruckt erscheint, dass jedoch die andern bereits in den Household Words gedruckt sind. Ich spreche hier gleich Mr. Charles Dickens meinen tiefgefühltesten Dank aus, dass er mir erlaubte, sie in den Rahmen dieses Buches mit einzufassen. Gleichzeitig spreche ich dem Künstler, Herrn W. S.Herrick, meinen Dank aus, für die Erzählungen: »das entsetzliche fremde Bett« und »die gelbe Maske«, zu denen ich durch seine Mitteilungen gelangt bin.

Obgleich diese Erklärungen Manchem, an dieser Stelle, überflüssig erscheinen mögen, der mich kennt, so möchte ich doch nicht den Schein auf mich laden, dass ich mich mit fremden Federn schmücken will.

Der Umstand, dass die Ereignisse in den hier vorliegenden Erzählungen schon in andern Blättern und die handelnden Personen ebenfalls schon bekannt sind, mag vielleicht den Verdacht erregen, dass die Erzählungen selbst nicht Originale sind. Aber der Leser, welcher mich mit seiner Aufmerksamkeit beehrt, kann sich darauf verlassen, dass er nur meine literarischen Nachkommen unter Händen hat. Die Kinder meiner Phantasie sind gewiss nicht immer frei von Schwächen und bedürfen zuweilen einer führenden Hand, die sie in die große Welt geleitet, aber sie sind meine eigenen Kinder im weitesten Umfange dieses Begriffs.

Die Mitglieder meiner literarischen Familie sind in der Tat so weit verbreitet, dass meine eigenen Vorstellungen wohl von erborgten zu unterscheiden sein werden; — denn ich habe nie irgend Etwas durch den Buchhandel veröffentlicht, das nicht auch mein bestimmtes Eigentum gewesen wäre.



Blätter aus Leah’s Tagebuch

Am 16. Februar 1827. — Der Doktor ist nun zum dritten Male gerufen worden, um die Augen meines Mannes zu untersuchen. Gott sei Dank, es ist nicht zu befürchten, dass mein armer William sein Augenlicht verlieren wird, vorausgesetzt dass er dasselbe, nach ärztlichem Ausspruch, nicht anstrengt. Der Arzt verlangt, dass mein Mann in den nächsten sechs Monaten nicht arbeite, das ist in unsern Verhältnissen sehr schwer zu befolgen. Es ist das unabänderliche Urteil zu Armut und Not! Doch wir müssen uns geduldig darin ergeben, denn nur diese Schonung seiner Augen wird meinen Mann vor dem trostlosen Zustande der Blindheit zu retten vermögen.

Ich werde mutig ausharren, das fühle ich, seitdem wir nun das Schlimmste wissen. Werde ich aber auch für meine Kinder sorgen können? Ja, ja ich hoffe es; denn es sind ja nur zwei. Zum ersten Male seit meiner Verheiratung, mache ich die traurige Bemerkung: ich bin froh, dass es nur zwei sind!

Am 17. Gestern Abend, nach dem ich William so gut als möglich über die Zukunft getröstet hatte, und nachdem er dann ruhig eingeschlafen war, ergriff mich der furchtbare Verdacht, dass der Arzt uns vielleicht das Schlimmste verschwiegen habe; denn es ist bekannt, dass die Ärzte ihre Patienten sehr oft über den wahren Zustand ihrer Leiden im Unklaren lassen. Ich finde, es ist dies eine falsche Herzensgüte.

Ich konnte meine Unruhe nicht überwinden und beschloss, heute heimlich den Doktor zu besuchen. Ich fand ihn auch glücklicher Weise zu Hause und in wenigen Worten hatte ich ihm die Ursache meines Besuchs mitgeteilt

Er lächelte, nachdem er mich angehört hatte, beruhigte mich und versicherte, dass er uns die volle Wahrheit gesagt habe.

Um aber noch mehr Gewissheit zu erlangen, fragte ich noch einmal, das Ärgste ist also überwunden, wenn mein Mann seine Augen sechs Monat schonen und ihnen vollkommene Ruhe gönnen wird?

»Ja,« so ist es,« erwiderte der Doktor. »Lassen Sie Ihren Mann nie zwei Stunden nach einander ohne den grünen Augenschirm, sonst nimmt die Entzündung zu, und ich wiederhole noch einmal, dass er seine Augen durchaus nicht gebrauchen darf! Er darf weder Bleistift noch Pinsel berühren, darf auch keine Bestellung auf Bilder für die nächsten sechs Monat annehmen. Erinnern Sie sich wohl daran, Mistreß Kerby, dass ich Ihren Mann warnte, die beiden angefangenen Portraits zu vollenden als seine Augen anfingen, schwach zu werden? Er folgte aber nicht, und dies ist die Ursache des Übels, welches wir jetzt bekämpfen wollen.«

»Ich erinnere mich wohl daran,« antwortete ich. »Doch was bleibt einem armen herumziehenden Porträtmaler, wie mein Mann einer ist, zu tun übrig?«

»Haben Sie keine anderen Hilfsquellen, kein anderes Geld, als was Herr Kerby mit der Malerei verdient?« fragte der Doktor teilnehmend

»Nein,« sagte ich niedergeschlagen und dachte dabei an die Rechnung für seinen ärztlichen Beistand.

»Verzeihen Sie, oder vielmehr schreiben Sie es meiner Teilnahme für Ihr Unglück zu, wenn ich mir nun die Frage erlaube, ob Mister Kerby ein reichliches Einkommen von der Ausübung seiner Kunst hat,« sagte der Doktor, indem er etwas beunruhigt auf mich blickte; und bevor ich noch antworten konnte, setzte er hinzu: »Sie nehmen doch gewiss nicht an, dass ich aus bloßer Neugierde frage?« Ich fühlte bestimmt, dass er nur edle Beweggründe zu der Frage habe und antwortete auch mit vollständiger Offenheit: »Mein Mann verdient nur wenig. Die berühmten Porträtmaler in London erzielen wohl enorme Preise, aber ein armer unbekannter Maler, der von einem Ort zum andern wandert und meist nur auf dem Lande Arbeit findet, muss schwer arbeiten und doch mit Wenigem zufrieden sein. Wenn wir hier unsere Schulden bezahlt haben werden, wird uns wenig übrig bleiben für einen noch billigeren Wohnort.«

»Ja diesem Falle,« sagte der gute Doktor, den ich, nebenbei gesagt, von dem ersten Augenblicke an wo ich ihn sah, lieb gewann, »machen Sie sich nur keine Sorgen um meine Rechnung, wenn Sie hier Ihre Schulden bezahlen. Ich warte gern bis Mister Kerbys Augen hergestellt sein werden und dann werde ich ihn bitten, mir meine kleine Tochter zu malen; so werden wir beide bezahlt und und zufrieden sein, hoffe ich.«

Dann gab er mir die Hand und verabschiedete sich schnell, bevor ich ihm noch meinen Dank aussprechen konnte. Nie, nie werde ich es vergessen, wie mich der gute Mann von zwei schweren Sorgen befreite und zwar in der bedrängtesten Zeit meines Lebens. Ich hätte niederknien und seine Fußstapfen küssen mögen, als ich nach Hause ging.

Am 18. Wäre ich nicht entschlossen nach dem was gestern vorgegangen ist, vertrauensvoller in die Zukunft zu blicken, so wäre der heutige Tag ganz dazu geeignet gewesen, mir meinen Mut vollständig zu nehmen. Zuerst kam das Einkassieren unserer Rechnungen und die Entdeckung, dass uns, nachdem wir dieselben bezahlt, nur noch höchstens zwei oder drei Pfund übrig bleiben würden; danach kam die traurige Beschäftigung den reichen Personen Briefe zu schreiben, welche meinem Manne Aufträge erteilt hatten; ich musste ihnen von dem Unglück Mitteilung machen, welches uns betroffen hat und von der Unmöglichkeit, dass ihre Bestellungen in der nächsten Zeit ausgeführt werden könnten. Dann kam das noch traurigere Geschäft der Kündigung, um so unangenehmer da wir uns bequem und gut in unserer Wohnung befanden. Hätte mein Gatte bei seiner Arbeit bleiben können, so würden wir wenigstens noch drei oder vier Monate in dieser Stadt und in dieser trockenen und freundlichen Wohnung geblieben sein. Wir haben früher nie ein so geräumiges Dachstübchen bewohnt, wo die Kinder einen so weiten Tummelplatz für ihre Spiele hatten; nie war eine Wirtin so freundlich daraus eingegangen, ihre Küche mit mir zu teilen und nun sind wir so plötzlich gezwungen, so viel Angenehmes zu verlassen und dem Zufalle anheim zu stellen, wohin er uns führen wird. William sagt in seinem Unmut, wir müssen ins Arbeitshaus; aber das soll nimmer mehr geschehen, so lange ich noch meine Kräfte verwerten kann! Jetzt wird es dunkel! Ich kann nicht mehr sehen zum Schreiben und Licht werde ich auch nicht anzünden, denn wir müssen die Kerzen sparen. Ach, ach, welch ein Tag war dies! Aber eine frohe Minute hatte ich doch seitdem er begann, das war in dem Augenblicke, als ich meiner kleinen Emilie die Perlenbörse für des Doktors Töchterchen zu arbeiten gab. Mein Kind ist so allerliebst, wenn es mit seinen kleinen geschickten Hündchen die Perlen aufreiht. Eine kleine, hübsche, leere Börse ist wohl das geeignetste Zeichen unserer Dankbarkeit.

Am 19. Ein Besuch von unserm einzigen und besten Freunde dem Doktor Nachdem er Williams Augen untersucht hatte und sie nicht verschlimmert gefunden, fragte er, wohin wir nun zu gehen gedachten Ich antwortete, zu der billigsten Stätte, die wir finden könnten, und setzte hinzu, dass ich mich in den Nebenstraßen der Stadt nach einer billigen Wohnung umsehen wollte.

»Lassen Sie das Wohnung suchen, bis Sie wieder von mir hören,« sagte der Doktor »Ich habe jetzt einen Kranken, fünf Meilen von hier, in einem Pächter hause, zu besuchen; es ist nichts Ansteckendes an der Krankheit. Ein unvorsichtiger Bursche bedarf meiner Hilfe, der bei einem Sturz von dem Pferde das Schlüsselbein gebrochen hat. Sie dürfen also Ihrer Kinder wegen außer Sorge sein, Mistreß Kerby. Jene Pächterleute dort, nehmen zuweilen Mieter in ihr Haus auf, und ich wüsste nicht, weshalb Sie dort nicht auch Wohnung finden könnten? Ich werde anfragen. Wenn Sie gut, billig und im Vereine mit rechtschaffenen und liebenswürdigen Menschen leben wollen, so ist Appletreewick der richtige Platz dazu. Danken Sie mir jedoch nicht früher, bis ich weiß, ob Sie die neue Wohnung haben können. In der Zeit, welche zwischen meiner Antwort liegt, können Sie vielleicht Ihre Geschäfte hier beendigen.«

Mit den letzten Worten empfahl sich der gute Mann. Der Himmel gebe ihm Erfolg im Pächter hause! Auch die Gesundheit der Kinder wird gesicherter sein, wenn wir auf dem Lande leben können. Da ich gerade von den Kindern rede, muss ich auch erwähnen, dass Emilie die Perlenbörse beinahe fertig hat.

20. Eine wichtige Nachricht von dem Doktor! Man will uns in Appletreewick aufnehmen. Wir erhalten zwei Zimmer und die Kost bei der Familie für siebzehn Schilling in der Woche. Nach meiner Berechnung werden wir drei Pfund und sechzehn Schilling übrig behalten, nachdem alle Schulden abgetragen sind, diese Summe wird also für vier Wochen zu dem Notwendigsten ausreichen und es bleichen noch acht Schilling übrig. Wenn ich fleißig sticke, so kann ich noch neun Schilling dazu verdienen und damit wäre dann noch die fünfte Woche bezahlt. In der Zeit von fünf Wochen kommt mir vielleicht ein guter Plan zum Erwerben. Das werde ich nun meinem Manne mitteilen und es ihm so oft wiederholen, bis ich selbst daran glauben werde. William ist nicht so leichtgläubig wie ich, er nimmt die Dinge ernster; ja, er ist oft über alle Begriffe mutlos und traurig. Ich suche ihn dadurch aufzumuntern, dass ich ihn an die Jahre erinnere, in denen er für mich und die Kinder arbeitete und mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Zeit wiederkehren wird, wie der Doktor versichert. Aber er seufzt und murmelt, dass er einer von den Unglücklichen sei, welche zur Last ihrer Frau zu leben bestimmt seien. Ich konnte nur antworten, was ich aufrichtig fühlte; nämlich, dass ich ihm am Altar schwor, ihm anzugehören in guten und bösen Tagen, dass ich die guten bis jetzt an seiner Seite genossen habe und dass es scheine, die bösen Tage wollten nur einmal erscheinen, um dann nie wiederzukehren. — Die Perlenbörse ist fast vollendet; sie ist hübsch, rot und blau in gestreiften Mustern.

Am 21. Ein geschäftiger Tag. Wir gehen morgen nach Appletreewick. Es gibt noch Rechnungen zu bezahlen und dann einzupacken. Des armen Williams Malergeräthschaften, Leinwand und noch andere Gegenstände kommen zusammen in eine Kiste. Er sieht so traurig aus und sitzt schweigend da, während sein Arbeitsgerät um ihn herum verschwindet Tränen kommen mir bei dem Gedanken in die Augen, dass er und diese, ihm so teuer gewordenen Dinge, sich vielleicht einander nicht mehr nahe kommen werden. — Dies geschieht mir, und ich gehöre doch nicht zu den Weichlichsten. Glücklicherweise hinderte ihn der Augenschirm, mich zu beobachten, denn ich wollte um keinen Preis, dass er mich weinen sehe.

Die Börse ist fertig. Aber wie werden wir nun noch zu den stählernen Ringen und Fransen kommen, die daran gehören? Aber ist es nicht der schönste Zweck, dem ich noch sechs Pence opfern will? —

Am 22. —

Am 23. In dem Pächter hause zu Appletreewick. — Zu müde nach unserer gestrigen Anstrengung, um noch ein Wort in mein Tagebuch zu schreiben über die Reise — nach diesem entzückenden Orte, tue ich dies heute, nachdem wir uns hier als Kolonisten niedergelassen haben.

Meine erste Beschäftigung an dem wichtigen Tage der Abreise war nicht der Reise gewidmet, sondern meiner Emilie. Ich kleidete das Kindchen sorgfältig an, damit es die Börse zu dem Doktor trage. — Ich bekleidete sie mit ihrem besten seidenen Röckchen, welches wohl an einigen Stellen geflickt war, doch sie gefiel mir darin! Ihr Strohhütchen erhielt schnell die Bänder von meiner Haube. Zum Schluss bekam sie noch ihres Vaters Halstuch, welches ein kleines Mäntelchen bildete, und so geschmückt trippelte mein kleiner Liebling, mit der Börse in der Hand, fort. Ach, diese lieben kleinen Händchen, sie sind so hübsch, dass ich es fast nicht bedauere, keine Handschuhe für sie zu besitzen. Sie werden sich über die Börse freuen, denn sie ist recht hübsch geworden; statt der stählernen Ringe und Fransen hat sie beides von weißen Perlen erhalten, die ich bei dem Zusammenpacken noch in einer Schachtel fand; sie harmonieren ausgezeichnet mit dem Roth und Blau der Börse. — Wie ich gedacht, der Doktor und sein Töchterchen waren über das Geschenk entzückt; sie beschenkten Emilie mit einem Arbeitskästchen und gaben ihr für ihre kleine Schwester noch eine Schachtel voll Bonbon mit. Das Kind kam mit vor Freude geröteten Wangen von dem Besuche zurück und erfreute ihren Vater mit der Erzählung ihrer kleinen Erlebnisse und besonders freute sie das Lob, welches die Börse erhalten hatte.

Am Nachmittage kam der Wagen, welcher uns und unsere kleine Habe nach Appletreewick bringen sollte. Es war ein schöner warmer Frühlingstag und doch schmerzte es mich tief, als ich sah, wie kränklich und traurig der arme William mit seinem Augenschirme in das wonnige Sonnenlicht blickte, nachdem man ihm in den Wagen geholfen hatte. »Gott mag wissen, Leah,« hub er dann an, »welche Folgen dies Alles für uns haben wird;« dann seufzte er tief und schwer und fiel wieder in seine frühere Schweigsamkeit zurück. Außerhalb der Stadt begegnete uns der Doktor »Glück mit Ihnen,« rief er uns zu, und dabei schwang er seinen Stock und schritt weiter. »Sobald Sie im Pächter hause heimisch geworden sind, werde ich Sie besuchen,« setzte er noch hinzu, und Emilie rief ihm ein Lebewohl nach, indem sie sich mit großer Anstrengung von dem Boden des Wagens aufzurichten suchte, wo sie einen Platz zwischen Bündeln bekommen hatte. Was mein Kind Alles vermag! Der Doktor stand still. Emilie ist sonst nicht sehr gesprächig, aber sie dankte ihm noch einmal für das Arbeitskästchen und für die Bonbon; er küsste dafür ihre Hündchen, reichte ihr mit dem Stock eine Blüte und ging dann erst weiter, und auch wir fuhren fort.

Wie würde mich diese Fahrt erfreut haben, wenn William sie hätte so sehen können wie ich. Freudig atmete Wärme über Feld und Flur, große Schatten flogen über die saftig grünen Wiesen und oben, an dem blauen Sommerhimmel, zogen zuweilen weiße Wolken, wie in feierlicher Prozession still vorüber.

Der Weg war hügelig, daher bat ich den Kutscher, die Pferde nicht so anzutreiben; wir fuhren sehr langsam und kamen auch erst nach einer Stunde bei dem Eingangsthor von Appletreewick an.

Vom 24. Februar bis zum 2. März. — Wir sind nun lange genug hier, um etwas über Ort und Menschen zu wissen. Zunächst von dem Orte: Wo jetzt das Pächterhaus steht, war früher eine berühmte Abtei. Der Turm steht noch, und das große Zimmer, wo die Mönche aßen und tranken, dient jetzt zu einem Kornspeicher. Das Haus scheint einige Zeit als Ruine dagestanden zu haben, denn nur zwei Zimmer sind von der früheren Einrichtung desselben geblieben. Die Kinder belustigen sich in den dunklen Gängen des Hauses und springen die Treppenstufen auf und ab, die zu den Schlafzimmern der Mönche geführt zu haben scheinen. Oft verirre ich mich in dem großen Hause, und der Pächter machte die lustige Bemerkung, er würde mir Wegweiser durch das Haus setzen lassen und zwar von dem Keller bis zu dem Boden. Im Erdgeschosse haben wir ein großes, zugfreies, still und ruhig liegendes Zimmer; es scheint der Einsamkeit gewidmet zu sein, ferner befindet sich darin eine große Halle mit einem Kantine, diese ist so groß, wie unsere beiden Zimmer in der Stadtwohnung. Hier halten wir uns gewöhnlich auf, speisen auch hier, und die Kinder tummeln sich lustig darin herum; auch die Hunde schnüffeln herein, wenn sie von der Kette befreit sind; hier wird der Arbeitslohn ausgezahlt, Besuch empfangen, Speck eingesalzen, hier rauchen die Männer ihre Pfeifchen und nicken auch zuweilen des Abends ein; kurz, diese weite Halle ist in der Tat den verschiedensten Zwecken dienstbar, denn sie ist der bestbesuchte Teil des ganzen Gebäudes und ich bin schon so vertraut mit ihr, als hätte ich meine halbe Lebenszeit in ihr zugebracht.

Von den Türmen aus blickt man auf den Blumengarten, auf Grasplätze, Hinterhof, Taubenhäuser und den Küchengarten. Das Haus ist umgeben von Grasplätzen, die wieder einzeln von Hecken eingefasst sind; hinter den grünen Feldern erheben sich Hügel, die den Horizont begrenzen; aber von dem Fenster unseres Schlafzimmers erblicken wir eine Öffnung in der Hügelreihe und es zeigt sich an der Stelle ein See, je nach dem Wetter gefärbt, zuweilen blau, dann wieder grau, bei Sonnenuntergang mit Feuer gemalt und bei regenreichen Tagen liegt er da, wie mit Silber gedeckt. —

Die Bewohner des Pächterhauses haben das große und seltene Verdienst, dass man geneigt ist, sie um ihre Freundschaft zu bitten, sobald man sie kennen gelernt hat. Sie empfingen uns bei unserer Ankunft, als wenn wir alte Freunde wären, die von einer langen Reise zurückgekehrt seien. Bevor wir zehn Minuten in der Halle verbracht hatten, saß William in dem bequemsten Stuhl und in der gemütlichsten Ecke. Die Kinder hatten Brot und Kuchen erhalten, welches sie, an dem Fenster sitzend, lustig verzehrten. Ich plauderte gemütlich mit der Pächterfrau und hielt dabei die alte Hauskatze auf meinen Knien, während sich Emilie mit den jungen Kätzchen beschäftigte.

Die Familie besteht aus sieben Mitgliedern. Zunächst also von dem Pächter und seiner Frau. Er ist ein großer starker Mann, spricht sehr laut und ist ein sehr tätiger Landwirt Sie ist die lustigste, dickste und beweglichste Sechzigerin, welche ich je kennen lernte. Außer Vater und Mutter sind noch drei Söhne und zwei Töchter im Hause; die beiden älteren Söhne beschäftigen sich mit der Landwirtschaft und der jüngere ist Seemann. Die beiden Töchter strahlen von Jugendfrische und Gesundheit; — doch ich habe mich über sie zu beklagen, denn sie werden mir die Kinder verziehen durch ihre Zärtlichkeit.

Hier an diesem ruhigen Orte, umgeben von guten und gebildeten Menschen, würde ich mich recht glücklich fühlen können, wäre ich nicht durch Williams Augenleiden so gedrückt und traurig, und dann auch durch die Sorge für unsere Zukunft. Nachdem wir den Tag angenehm verbracht haben, nachdem wir Umgang mit heiteren Menschen gepflegt, sagen wir uns oft des Abends, wenn William und ich allein sind: Werden wir die Mittel besitzen, um noch länger als einen Monat in dieser unserer neuen Heimat leben zu können?

Am 3. Es ist heute ein regenreicher Tag, die Kinder sind schwer zu zügeln. William ist in schlechter Gemütsstimmung; vielleicht beeinflusst er mich auch, oder fühle ich nur heute mehr die Mühe, die mir die Kinder verursachen. Wie kommt es? Ich bin heute gerade so traurig gestimmt als an dem Tage, wo mein Mann zum ersten Male den grünen Augenschirm trug. Ich habe heute das Gefühl gänzlicher Hoffnungslosigkeit; — aber warum schreibe ich dies nieder? Man soll ja immer auf den folgenden Tag blicken, wenn der gegenwärtige trübe ist. »Seid tragen und vergessen,« dieses Ausspruchs sollte ich eingedenk bleiben.

Am 4. Der heutige Tag hat die Hoffnung gerechtfertigt, welche ich auf ihn setzte; überall Sonnenschein, selbst in meinem Herzen ist es klarer als gestern. Oh, ich habe nur die Frist eines Monats in meiner Macht, was werden wir nach dem Ablaufe desselben anfangen?

Am 5. Gestern Abend vor der Teestunde überlegte ich, ob es nicht noch andere Mittel gebe, Geld zu verdienen, als durch Williams Augen allein, — und ich glaube, ich habe einen Weg entdeckt, der uns mit dem Nötigen versehen wird, vielleicht gelingt es mir, so viel zu erwerben, dass wir hier bleiben können, bis Williams Augen geheilt sein werden.

Der neue Plan, den ich für unsere Erhaltung entworfen habe, hat mich vor mir selbst um einige Zoll größer gemacht. Ich werde ihn dem Doktor morgen mitteilen, William ist schnell überredet, ich kenne ihn ja, und schließlich mag er sagen was ihm beliebt, ich werde meine Handlungen schon verantworten.

Doch ich teile mit, wie ich zu den neuen Ideen gelangt bin: — Wir hatten eben den Tee getrunken und mein Mann, in besserer Stimmung als gewöhnlich plauderte mit dem jungen Seemann, der hier den Spitznamen »schlechter Wetter Dick« führt. Der Pächter und seine beiden ältesten Söhne hielten ihr gewöhnliches Schläfchen unter der alten Eiche. Die alte Frau strickte und die beiden jungen Mädchen räumten den Teetisch ab; ich selbst war damit beschäftigt, die Strümpfe der Kinder zu stopfen. Allem Anscheine nach war die Situation eine zu alltägliche, um zu neuen Ideen zu beleben, und doch kamen sie mir ungesucht. Die Männer unterhielten sich von der Einrichtung der Seeschiffe und endlich gab der junge Seemann eine Beschreibung von seiner Hängematte, die er sehr zu lieben schien; obgleich er in ihr, in stürmischen Nächten, oft an die harten Schiffswände geschleudert werde.

Als ich dies Alles mit angehört hatte, fragte ich ihn, ob er es nicht doch verziehen würde, auf dem Lande in einem soliden Himmelbett, mit vier festen Füßen ausgestattet, zu schlafen, als in der schwankenden Hängematte. Doch zu meiner Überraschung erwiderte er. dass er niemals besser schlafe, als in seiner Hängematte und dass er in dem besten Bette auf dem Lande alle die Unannehmlichkeiten vermisse, welche Uneingeweihte seiner lieben Hängematte zuschreiben. Die sonderbare Vorliebe der Seeleute für die Hängematte erinnerte meinen Mann an eine Geschichte, welche ihm einst ein Herr mitgeteilt, dessen Portrait er gemalt hatte. Es war eine entsetzliche Geschichte, die sich in einem französischen Spielhaus zugetragen hatte.

»Sie lachen mich gewiss aus, über meine Neigung zu der Hängematte,« fragte der junge Matrose lächelnd zu William gewendet.

»O nein,« entgegnete mein Mann, »Ihre Abneigung für gewöhnliche Himmelbetten erinnert mich sogar daran, dass ich einen Herren kannte, der ganz Ihrer Ansicht über diese Art zu schlafen war.« »

Entschuldigen Sie mich,« sagte Dick, der junge Seemann, »können Sie mir dies nicht in gutem Englisch anschaulich machen, so dass ich es verstehe?«

»Gewiss,« erwiderte mein Mann lachend! »Ich meinte ganz einfach, dass jener Herr, wenn er in einem Himmelbett schlief, sich sehr unheimlich fühlte. Verstehen Sie mich nun?« — »Vollständig,« entgegnete Dick, »und ich bin sehr begierig zu hören, was jenem Herren geschehen ist.« Die alte Frau unterstützte die Bitte ihres Sohnes, die Töchter setzten sich auch zum Zuhören bereit nieder und der alte Pächter erschien auch mit den beiden andern Söhnen, um sich zu uns zu gesellen. Mein Mann sah nun wohl ein, dass er seine Geschichte mitteilen müsse und er begann denn auch bald.

William ist zwar ein vortrefflicher Erzählen ich hörte ihn oft und in vielen Teilen Englands erzählen, aber einen so aufmerksamen und dankbaren Zuhörerkreis, wie den hier zu Appletreewick, hatte er wohl früher nie gehabt; selbst die Leute des Hauses stahlen sich von ihrer Beschäftigung fort und hörten in der Nähe der Tür, unbehelligt von ihrer Herrschaft, aufmerksam zu. Indem ich auch schweigend zuhörte, kam mir plötzlich der Gedanke: Könnte William nicht noch einen größeren Zuhörerkreis für seine Erzählungen gewinnen? Man schreibt ja auch Erzählungen für Bücher, die dann gekauft werden. Wie wäre es denn, wenn wir Williams Erzählungen drucken ließen und sie dann ebenfalls verkauften? Von welch einer großen Angst würde uns eine solche Einnahme befreien! Wir werden so glücklich sein, hier leben zu können, bis Williams Augen geheilt sind. Ich war so freudig bewegt von dem Gedanken, dass ich von meinem Stuhle aufsprang, und ich dachte unwillkürlich daran, dass Newton wie Baron ihre großen Entdeckungen nur etwas Zufälligem zu verdanken gehabt hätten. Ich musste mich zu überwinden suchen, dass ich nicht sogleich William und unsern Freunden hier meine Zukunftspläne mitteilte, aber ich fand, dass es doch besser sei, damit zu warten, bis ich mit William allein sein würde und ich wartete auch.

Als wir gute Nacht gesagt hatten und in unserm Zimmer waren, sagte ich zu William: »ich hörte früher niemals das Abenteuer aus dem französischen Spielhaus so hübsch erzählen. Die Geschichte machte großen Eindruck auf unsere Freunde und zwar in allen ihren Teilen«

Er nahm keine weitere Notiz von dem, was ich sagte, sondern entgegnet mir: »So? schön!« Dann bereitete er das Bad für seine armen kranken Augen, es ist dies stets seine letzte Tagesarbeit.

»Es scheint, alle die Erzählungen sind interessant, die Du in Deiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Maler einsammeltest. Weißt Du vielleicht genau, wie viel Du gehört hast?« fragte ich. — »Nein,« sagte er in einem ganz gleichgültigen Tone und wusch dabei seine Augen mit dem kleinen Schwämmchen ruhig weiter. Ich nahm ihm das Schwämmchen ab und fuhr damit leise über die beiden theuern Augen und fragte: »Denkst Du, dass ich es verstehen würde, Deine hübschen Geschichten niederzuschreiben, wenn Du sie mir noch einmal erzählen würdest?« — »O ja,« erwiderte William, »doch warum diese Frage?« »Weil ich wünsche, dass sie nicht so schnell vergessen werden mögen,« sagte ich. »Ich werde jetzt Dein linkes Auge baden, weil dies des Nachts die meiste Hitze hat,« fügte ich hinzu und nachdem ich verschiedene Versuche gemacht hatte, ihn noch wach zu erhalten, sagte ich plötzlich: »William, ich habe einen Plan, der uns mit so vielem Geld versehen wird, als wir hier nötig haben werden.«

Er warf seinen Kopf plötzlich in die Höhe und sah mich an. »Welchen Plan?« fragte er. »Diesen,« erwiderte ich; »der Zustand Deiner Augen erlaubt es wahrscheinlich nicht, dass Du ferner Deine Malkunst ausübst, ist es nicht so? Was wirst Du nun tun in Deinen unbeschäftigten Stunden? Werde Schriftsteller, teurer Mann, und wir werden so viel Geld verdienen wie wir brauchen, wenn wir ein Buch veröffentlichen.«

»Aber ich bitte Dich, Leah, bist Du von Sinnen?« rief er aus.

Ich legte meinen Arm sanft um seinen Hals und setzte mich auf seinen Schoß, so mache ich es nämlich stets, wenn ich Etwas von ihm erbitten will. »Nun, William,« bat ich »höre mir aufmerksam zu. Ein Künstler unterliegt Zufällen; seine Kunst hängt von dem Gebrauche seiner Augen und Finger ab; ein Schriftsteller dagegen kann sich der Augen und Finger Anderer bedienen. Du bist jetzt in der Lage, solche Dienste annehmen zu müssen, so werde also Schriftsteller. Doch warte und höre weiter! Dein Buch soll alle die Geschichten enthalten, die Du hörtest und die Du so angenehm vorzutragen verstehst. Du wirst sie mir dictiren und ich werde sie niederschreiben; dann wird unser Manuskript gedruckt werden und wir werden das fertige Buch dem Publikum verkaufen, so werden wir Andere unterhalten und uns helfen.«

Mein Mann hatte aufmerksam zugehört und fragte ganz erstaunt: »Wie kommst Du denn zu diesem Plan, Leah?«

»Ich kam darauf, während Du unserm jungen Seemann von dem Abenteuer in dem Spielhaus erzähltest,« erwiderte ich.

»Es ist eine scharfsinnige und kühne Idee,« warf er gedankenvoll ein; »aber es ist ganz etwas Anderes in Freundeskreisen zu erzählen als für das große Publikum; bedenke doch, meine Liebe, dass wir nicht daran gewöhnt sind für die Öffentlichkeit zu schreiben.«

»Das ist wohl wahr,« sagte ich, »aber daran ist Niemand gewöhnt, der erst anfängt, zu schreiben, und gerade die zufällige Literatur hat oft den meisten Erfolg. Wir haben das fertige Material schon unter unsern Händen und wir werden gewiss einen guten Erfolg zu erwarten haben, denn wir werden nur Wahrheiten bieten.«

»Wo finden sich aber bei uns die lebhafte Beschreibung und die überraschenden Reflexionen und noch mehr dergleichen Eigenschaften?« sagte William, seinen Kopf schüttelnd.

»Nirgends!« rief ich aus. »Die Eigenschaften, welche Du als uns fehlend nanntest, besitzen gewöhnlich die Unterhaltungsbücher, die Niemand liest. Überlege nicht so ängstlich, lieber Mann,« sagte ich, als ich sah, dass er wieder seinen Kopf hin und her zu wiegen begann; »ich bin meines Erfolges fast sicher, wenn Du jedoch noch Zweifel hegst, so lass uns diese Angelegenheit einem andern Schiedsrichter vorlegen. — Der Doktor will Dich morgen besuchen. Ich werde ihm sagen, was ich für uns ersonnen habe, Du kannst dabei sein; sein Ausspruch soll dann maßgebend für mich sein.«

William gab lächelnd seine Erlaubnis dazu; »So ging ich denn in bester Stimmung zur Ruhe. Ich hätte den Doktor gewiss nicht zum Schiedsrichter erwählt, wenn ich nicht im voraus gewusst hätte, er würde auf meiner Seite sein.

Am 6. Der Schiedsrichter hat bewiesen. dass ich mich nicht in ihm geirrt habe. Er war schon ganz meiner Ansicht als ich ihm meinen Plan kaum halb mitgeteilt hatte. Von den Schwierigkeiten, welche mein guter Mann machte, wollte er gar nichts hören. »Keine lange Überlegung, Mister Kerby!« rief er lustig aus. »Schnell ans Werk! und das Glück wird folgen! Ich sagte es ja immer, Ihre Frau wiegt so schwer wie Gold, jetzt beweist sie es, darum schnell an die Arbeit!«

»Von ganzem Herzen gern,« sagte William, und es schien, als ergriff ihn unser Enthusiasmus nun schließlich auch; »aber,« setzte er hinzu, »wenn meine Frau und ich geschrieben haben werden, was sollen wir dann mit dem Produkt unserer Tätigkeit anfangen?«

»Das übernehme ich,« antwortete der Doktor, »beendigen Sie nur Ihr Werk und senden Sie mir es dann, ich werde es dem Herausgeber unserer Zeitung vorlegen; er hat mehrere literarische Freunde in London und ist außerdem ganz der Mann, Ihnen tätig beizustehen. Haben Sie schon einen Titel für Ihr neues Buch, Mistreß Kerby?«

Bei dieser Frage erinnerte ich mich dass ich noch nicht daran gedacht habe, dem Buch auch einen Titel zu geben.

»Ein ansprechender Titel ist von großer Wichtigkeit,« sagte der Doktor nachdenklich. »Wir müssen jetzt Alle daran denken! Nun, Mistreß, Kerby, wie wird er heißen?«

»Wir werden gewiss die Arbeit niemals vollenden können,« warf mein Mann ein; »denn, Leah, wie willst Du Zeit finden, die Arbeit die Dir Deine Mutterliebe auferlegt, mit den schriftstellerischen Arbeiten zu vereinen. Du wirst nicht Zeit finden, das niederzuschreiben, was ich Dir diktieren werde.«

»Daran habe ich diesen Morgen auch gedacht,« antwortete ich, »und da habe ich gefunden, dass ich während der Tagesstunden wenig Zeit für Deine Diktate finden werde, wo ich mit dem Waschen, Ankleiden, Unterricht und Spazierengehen der Kinder viel beschäftigt bin, und wo ich auch Nachmittags so gern mit der Pächterin und ihren Töchtern ein Wenig plaudere; aber wenn die Kinder in ihren Bettchen sind, wenn der Pächter und seine Familie lesen, werde ich fast täglich drei Stunden erübrigen können, dann werden wir an unsere schriftstellerische Arbeit gehen — so »nach der Dämmerstunde«.«

»Da ist der Titel!« rief der Doktor laut aus und sprang von dein Stuhle auf, als wäre er von einem Schuss getroffen worden.

»Wo?« rief ich aus und blickte so erstaunt um mich, als wenn ich erwartete, der Titel solle sich mit magischen Schriftzügen über die Wände des Zimmers ausbreiten.

»Er ist in Ihren letzten Worten enthalten,« sagte der Doktor, »Sie sagten ja soeben, dass Sie nur in der Dämmerstunde zu schreiben beginnen wollten; was können wir Besseres tun, als das Buch nach der Zeit benennen, in welcher es geschrieben ist?

»Nennen Sie es getrost: Nach der Dämmerstunde: doch still! Bevor noch Jemand ein Wort darüber verliert, lassen Sie uns sehen, wie dieser Titel auf dem Papier aussieht.«

Ich öffnete meine Schreibmappe in großer Hast. Der Doktor nahm das größte Stück Papier, welches er finden konnte, heraus, ergriff die schönste Feder, die vorhanden war und schrieb mit großen Buchstaben die zauberhaften Worte:

»Nach der Dämmerstunde.«

Wir neigten uns alle drei über das Papier und in atemloser Stille studierten wir den Effekt dieser Worte. William riss den grünen Augenschirm herab und wurde so dem Doktor trotz dessen Anwesenheit, ungehorsam. Nach einem langen Schweigen blickten wir uns einander an, und fanden, dass der Doktor wirklich, schnell und gut, den treffendsten Titel gefunden hatte.

»Ich habe das Titelblatt geschrieben,« sagte unser Freund und nahm seinen Hut, um sich zum Fortgehen zu rüsten, »ich überlasse es jetzt Ihnen, das Buch zu schreiben.« Seitdem habe ich mir nun vier Federn vorbereitet und ein Buch Papier aus dem Laden des Dorfkrämers gekauft.« William denkt über seine Geschichten nach, damit er bis zur Dämmerstunde bereit sei, mir zu diktieren; denn wir wollen diesen Abend unsere neue Tätigkeit beginnen. Mein Herz schlägt und meine Augen glänzen, wenn ich daran denke. Unsere teuersten Interessen sind ja an die Beschäftigung geknüpft, welche wir heute unternehmen wollen.



Die Erzählung des Reisenden von dem entsetzlichen fremden Bett

Einleitung

Bevor ich mit Hilfe meiner geduldigen, aufmerksamen und schreibe-fertigen Frau die Geschichten mitteile, welche ich zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen, deren Bilder ich aufnahm, hörte, will ich des Lesers Interesse für dieselben dadurch vermehren, dass ich ihm kurz mitteile, wie ich zu dem Stoff meiner Erzählungen gelangte.

Über mich selbst will ich nur bemerken, dass ich seit fünfzehn Jahren das Geschäft eines reisenden Porträtmalers ausgeübt habe. Ich bereiste jedoch nicht nur England, sondern ich wurde auch zweimal nach Schottland und einmal nach Irland berufen. Ich hatte in dieser Zeit fast nie einen festen Wohnsitz, sondern ich reiste je nach den Briefen, die ich von den Personen erhielt, die von mir gemalt sein wollten. Oft hörte ich auch von Gegenden, in denen kein Porträtmalerei lebte, dann reiste ich auf Spekulation dort hin; oft aber empfahlen mich auch die Gemäldehändler ihren reichen Kunden und öffneten mir in dieser Weise den Weg zu den größeren Städten; es geschah auch, dass mich wohl bestellte Kollegen zu Arbeiten empfahlen, die ihnen selbst zur Ausführung zu geringe erschienen, und so kam ich durch sie zuweilen auch in angenehme Landhäuser. So ging ich, stets Ort und Menschen wechselnd, durch das Leben, weder Vermögen noch Ruhm einerntend, dabei aber unabhängig und glücklicher als Mancher, der Beides erreichte. So dachte ich allerdings nur in der letzteren Zeit, denn in meiner Jugend schmachtete ich nach Ehre und Ruhm. Gott sei Dank, dass hier nicht der Ort ist von meiner Vergangenheit und von Enttäuschungen reden zu müssen; doch es kommt noch zuweilen der Schmerz aus vergangenen Zeiten über mich, wenn ich meiner Studienzeit gedenke.

Eine Eigentümlichkeit meines Lebens ist, dass ich mit Menschen von den verschiedenartigsten Charakteren zusammen gekommen bin; oft kommt es mir vor, als ob ich berufen wäre, die Charakterverschiedenheiten der menschlichen Gesellschaft in Gemälden darzustellen.

Die verschiedenen Erfahrungen, welche ich in der Welt machte, bestimmten mich, etwas unfreundlich über meine Mitgeschöpfe zu denken.

Oft erfuhr ich von meinen Kunden eine Behandlung, welche ich nicht mitteilen kann, ohne in dem Leser Mitleid und Traurigkeit zu erregen; da ich jedoch nie lange an einem Ort verblieb, so hatte ich auch Gelegenheit, oft gute Menschen kennen zu lernen, derer ich mich gern und mit freundschaftlichen Gefühlen erinnere.

Die Erfahrungen, die ich im Allgemeinen in moralischer Beziehung machte, sind oft sonderbar; ich fand die Frauen z.B. weniger schwierig, was den künstlerischen Ausdruck ihres Gemäldes betrifft, aber auch nicht so großmütig im Bezahlen, wie die Männer; andererseits sind die Männer wieder viel ängstlicher besorgt, ob man ihrer persönlichen Anziehungskraft im Gemälde auch volles Genüge leistet. Im Allgemeinen habe ich gefunden, dass jüngere Menschen viel leichter zu befriedigen sind, als ältere. Den ungnädigsten Lohn für meine Mühen erhielt ich stets von den sogenannten Emporkömmlingen, reichen ungebildeten Bürgern u.s.w. Dagegen haben die wahrhaft vornehmen Leute, wie die ärmsten, also gerade die beiden grellsten Gegensätze, mich stets liebevoll behandelt, je nach ihren Verhältnissen; beide ließen mich bald in ihrem Hause heimisch sein.—

Das größte Hindernis für die Ausübung meiner Kunst besteht nicht darin, wie Manche glauben mögen, dass Diejenigen, welche mir zu ihrem Gemälde sitzen, sich still und ruhig verhalten, o nein, viel mehr darin, dass sie den gewöhnlichen Ausdruck ihres Gesichts beibehalten und die Eigentümlichkeit ihrer Art und Weise wie ihrer Kleidung. Aber gerade bei solchen Sitzungen wird so Vieles erzwungen, was nicht vorhanden ist. Das Haar wird anders geordnet, das Gesicht zu irgend einer schön gedachten Grimasse verzerrt und so geht der wahrhafte Charakter verloren. Wenn wir uns erlauben, eines Menschen Charakter nach seiner Handschrift zu beurteilen, so wünschen wir dieselbe nicht in zierlichster Weise und mit einer besonders gewählten Feder geschrieben, sondern wir verlangen die gewöhnliche Schrift, um so mehr muss die gewöhnliche Art und Weise beibehalten werden, wenn Jemand will, dass sein Gemälde ihm ähnlich sein soll, denn an einem Portrait wollen wir doch erst recht die Individualität des Originals studieren, erkennen. So hat mich denn die Erfahrung gelehrt, dass Diejenigen ihren wirklichen Gesichtsausdruck beibehalten, welche, während sie gemalt werden, mit Interesse über irgend einen Gegenstand plaudern. —

Oft war ich verurteilt, viel Dummes und Uninteressantes mit anhören zu müssen; z.B. wertlose Anekdoten, Stadtgeschichten und mehr dergleichen, aber ich hatte auch Gelegenheit seltene und merkwürdige Ereignisse zu hören, die ich oft und gern in Freundeskreisen wieder erzählte, und diese sind es nun, von denen ich hoffe, dass sie auch meinem Lesern gefallen werden. Sonderbarer Weise sind mir die besten Geschichten, die ich hörte, zufällig mitgeteilt worden. Ich erinnere mich, dass mir nur zweimal absichtlich erzählt worden ist, alle anderen Erzählungen hatte der Zufall herbei geführt; oft machte ich vergebliche Versuche, mir etwas erzählen zu lassen, oft aber war ich auch genötigt, in Folge meiner Aufforderung mich recht langweilen und ermüden zu lassen; intelligentere unter meinen Kunden überließen dem Zufall den Gang des Gesprächs. Oft fand sich der Gesprächsstoff in den vorhandenen Gegenständen im Zimmer, oder ich teilte etwas mit, was mir auf dem Wege Auffälliges begegnet war und dies wurde dann weiter besprochen oder andere Dinge und Ereignisse daran geknüpft. Eine der interessantesten Geschichten, die auch in diesem Buche mitgeteilt werden soll, hörte ich auf die Erkundigung nach einem ausgestopften Pudel.

Es geschieht nicht ohne Grund, dass ich die Art und Weise zunächst mitteile, wie ich zu den Geschichten gekommen bin. Mein Gedächtnis, ist, wie dies gewöhnlich bei melancholischen Menschen der Fall ist, sehr getreu; ich vergesse niemals was ich einmal gehört habe, und die Unterhaltungen, welche ich vor Jahren führte, stehen noch so vor meinem Gedächtnisse, als wären erst einige Wochen darüber hingegangen. Ich kann sogar noch die eigenen Worte des Erzählers wiedergeben, das kommt daher, weil man beidem Malen aufmerksam zuhören kann.

Soviel vorläufig als Einleitung zu den Geschichten, für welche ich die Aufmerksamkeit des Lesers interessieren möchte. Jetzt werde ich zu den Eigentümlichkeiten übergehen, welche mir zu der Geschichte verholfen haben, die ich zunächst mitteilen werde und die ich am meisten wiederholt habe. Wo ich mich auch befand, früher oder später erzählte ich dieselbe überall. Gestern Abend hörten sie die Bewohner des Pächterhauses von mir. Vor einigen Jahren von einer Vergnügungsreise zurückgekehrt, die ich zu einem Freunde, der in Paris lebte, gemacht hatte, fand ich zu Hause mehrere Briefe, die mich erwarteten, vor, der eine enthielt die Aufforderung, dass ich mich sogleich nach Liverpool begeben möchte. Ohne erst auszupacken wartete ich die nächste Gelegenheit ab, um mich nach dahin zu begeben; dort angelangt, fragte ich zunächst bei dem Gemäldehändler an, ob vielleicht Aufträge für mich angekommen seien. Zu meiner Freude erfuhr ich, dass auch hier Einladungen an mich ergangen wären.

Als ich seelenvergnügt den Laden des Gemäldehändlers verließ, wollte ich mich eben nach einem Quartier umsehen, als ich dem Gastwirt eines der größten Hotels in Liverpool begegnete. Er war eine alte Bekanntschaft von mir aus meinen Studententagen, wo er noch als Kellner in einem Londoner Hotel beschäftigt war.

»Mister Kerby,« rief er ganz erstaunt aus, »welch eine unerwartete Begegnung! Sie hätte ich wirklich nicht in dem Augenblicke erwartet, wo ich gerade Schritte tun wollte, mir einen Maler empfehlen zu lassen.«

»Was, noch mehr Bestellungen für mich?« rief ich vergnügt aus, »will sich denn ganz Liverpool von mir malen lassen?«

»Ich weiß nur von einem Portrait, erwiderte der Gastwirt »Ein Herr, welcher in meinem Hotel wohnt, wünscht eine Kreidezeichnung von sich zu haben; ich ging nun eben hier her, um den Gemäldehändler nach der Adresse eines Porträtmalers zu fragen; wie erfreut ich nun aber durch Ihre augenblickliche Anwesenheit bin, können Sie sich leicht vorstellen.«

»Er wünscht sein Portrait also sogleich?« fragte ich, indem ich mich der vielen Bestellungen erinnerte, die ich bereits angenommen hatte.

»Ja, sogleich, fast auf der Stelle, wenn es möglich ist.« sagte der Gastwirt »Mister Faulkner, so heißt der Herr, von dem ich spreche, wollte gestern nach Brasilien reisen; allein der Wind war ungünstig und er kam diesen Morgen wieder ans Land. Es ist möglich, er wird nun noch für einige Zeit hier aufgehalten, aber es kann auch sein, dass der Wind bald für die Abfahrt günstig wird; das ist der Grund, weshalb die Bestellung so schnell ausgeführt sein muss Unternehmen Sie nur diese Arbeit, Mister Faulkner ist ein freigebiger Mann und wird gern aus Ihre Bedingungen eingehen.«

Ich überlegte einige Minuten. Das Bild sollte ja nur in Kreide ausgeführt werden; ich kann es vielleicht am Abend fertig machen, dachte ich, wenn die andern Bestellungen vielleicht auch schnell verlangt werden sollten. Warum sollte ich nicht gleich ans Werk gehen? Richtig, so wird es gemacht! Ich ließ mein geringes Reisegepäck bei dem Gemäldehändler, nahm nur Kreide und Zeichenpapier mit und folgte meinem Bekannten — stehenden Fußes ins Hotel, wo Herr Faulkner auch sogleich zu einer Sitzung bereit war, die denn sofort ihren Anfang nahm. Ich fand in ihm einen jungen hübschen, intelligenten und lustigen Mann. Er war ein Freund des Reisens, hatte bereits die Wunder des Ostens kennen gelernt, und wollte nun auch die Wüsteneien Süd-Amerikas besuchen; das erzählte er mir, während ich meine Vorbereitungen zum Zeichnen traf.

Nachdem ich ihn nun in die rechte Position gebracht und mich an seine Seite gesetzt hatte, änderte er plötzlich das Thema und fragte mich, ob die Maler nicht zuweilen geneigt wären, die Gesichter ihrer Originale zu verschönern, so viel in ihrer Macht steht?

»Ja wohl,« erwiderte ich, »Sie haben da etwas ganz Richtiges bemerkt!«

»Nun,« bemerkte er, »so werde ich Sie höflichst ersuchen, bei mir diese Kunst nicht anwenden zu wollen, sondern mich mit allen meinen Mängeln zu zeichnen, so, wie ich eben aussehe, denn das Bild ist für meine Mutter bestimmt. Meine Reiselust beunruhigt sie sehr und sie trennte sich das letzte Mal recht traurig und ungern von mir. Ich weiß nicht, wie mir heute die Idee in den Kopf gekommen ist, dass ich diese Zeit hier nun nicht besser anwenden könnte, als wenn ich mich für meine Mutter malen ließe. Sie hat nur ein Gemälde von mir aus meiner Kinderzeit und ich weiß, dass sie kein anderes Geschenk so erfreuen würde als gerade ein Gemälde. Ich belästige Sie also nur deshalb mit diesen Erklärungen, weil ich möchte, dass die Zeichnung wahr sei und mich so wiedergebe, wie ich in der Tat aussehe.«

Ich bewunderte und respektierte seinen Wunsch und versprach ihm, dass ich ihn ganz so zeichnen wolle, wie er aussehe. Dann ging ich sofort an die Arbeit. Kaum hatte ich zehn Minuten gearbeitet als die Unterhaltung zu stocken begann. Mister Faulkner schloss seinen Mund, senkte seinen Kopf und zog seine Augenbrauen zusammen; wahrscheinlich dachte er, dass sein Bild ja doch ähnlich werden würde auch ohne sein Hinzutun; allein sein gewöhnlicher Gesichtsausdruck verschwand vollständig und wie er so nachlässig dasaß, war er einem Melancholiker sehr ähnlich.

So lange ich nur die Umrisse des Kopfes zeichnete, war es gleichgültig, welche Miene er annahm, aber nachdem ich mehr als eine Stunde so gearbeitet hatte, gab ich ihm einige Minuten zu freier Bewegung während ich meine Kreide aufs Neue spitzte.

Mister Faulkner spazierte im Zimmer auf und ab; dann bat er um mein Skizzenbuch und fragte, ob ich einige Entwürfe darin habe. Ich erwiderte ihm, dass nur die wenigen darin seien, welche ich während meiner Anwesenheit in Paris aufgenommen habe. »In Paris?« fragte er mit lebhaftem Interesse, »darf ich sie sehen?«

Ich erlaubte es ihm, und er setzte sich nieder, nahm das Portefeuille auf den Schoß und überflog die Zeichnungen darin; als er aber ungefähr das sechste Blatt in die Hand nahm, sprang er auf, lief damit zum Fenster und blickte wohl fünf Minuten auf dasselbe; dann wandte er sich zu mir und fragte, ob ich irgend eine Absicht mit dieser Zeichnung habe.

Es war die am wenigsten interessante aus der ganzen Sammlung, nur eine Ansicht von einer der Straßen, welche rückwärts der Häuser des Palais Royal entlang gehen. Vier oder fünf von diesen Häusern waren mit in die Skizze aufgenommen. Das Ganze hatte keinen besonderen Wert für mich und ich bat ihn, er möge das Blatt behalten. Er dankte herzlich dafür, und als er sah, dass ich etwas erstaunt auf seine Wahl blickte, die er unter meinen Skizzen getroffen hatte, fragte er lachend, ob ich wohl erraten könnte, warum er um den Besitz dieser Skizze gebeten habe.

»Wahrscheinlich knüpft sich an diese Straße irgend eine historische Erinnerung,« antwortete ich, »die mir unbekannt ist?«

»Nein,« sagte Mister Faulkner, »diese Erinnerung geht mich nur persönlich an. Sehen Sie mal dieses Haus auf Ihrer Zeichnung, an welchem die Wasserrinne von dem Dach bis zu dem Boden geht, darin verbrachte ich einst eine Nacht, die ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde. Ich habe mehrere Reiseabenteuer erlebt, aber keines derselben gleicht diesem; — aber anstatt dass Sie mich zeichnen, unterhalte ich Sie und bringe Sie um Ihre Zeit,« setzte er hinzu.

»Nein, nein,« sagte ich, »setzen Sie sich nur wieder; und erzählen Sie mir Ihr Abenteuer, dann wird Ihr Bild auch die gewünschte Ähnlichkeit erhalten;« danach versicherte ich ihm, dass ich außerdem auch ein großes Interesse an seinem Abenteuer nehme. Er zögerte noch ein wenig und begann dann. Er war so mit dem Gegenstande seiner Erzählung beschäftigt, dass er es ganz vergaß, dass ich da sei, um ihn zu zeichnen; sein Gesicht nahm den gewünschten Ausdruck an.

Bei jedem Strich, den ich machte, fühlte ich, dass ich ein sehr getreues Bild herstellen und dazu noch eine wahre Erzählung erhalten würde. Doch ich lasse die Geschichte nun hier folgen.



Das entsetzliche fremde Bett

Bald nachdem meine Universitätsbildung vollendet war, traf ich zufällig mit einem Freunde aus England in Paris zusammen; Beide jung und lebenslustig, genossen wir in vollen Zügen die Vergnügungen der Weltstadt. Eines Abends streiften wir in der Nähe vom Palais Royal umher, unentschlossen, welches Vergnügen wir aufsuchen sollten ; mein Freund schlug einen Besuch bei Frascati vor, allein ich hatte nicht Lust, dahin zu gehen; denn ich war es überdrüssig, diese übertünchten Menschen und unreellen Vergnügungen an mir vorüber gehen zu lassen; ich kannte ja Frascati in und auswendig und war ermüdet von diesem vornehmen Spielhaus

»Um des Himmelswillen,« sagte ich zu meinem Freunde, »lass uns doch einmal zu natürlicheren Menschen gehen, zu solchen, welche um des Vergnügens wegen spielen, nicht aber um leicht Geld zu gewinnen; zu einfachen Menschen; weit, weit fort von dem fashionablen Frascati!«

»Gut,« erwiderte mein Freund, »wir werden uns in die Nähe von Palais Royal begeben, dort wirst Du die gewünschte Gesellschaft finden. Hier dicht vor uns ist ein solcher Ort, welcher genau dem entspricht, wo Du Dich hin-sehnst« In einer Minute war die Tür erreicht und wir traten in das Haus, dessen Rückseite in Ihrer Skizze zu sehen ist.

Nachdem wir die Treppen erstiegen und dem Garderobier unsere Hüte und Stöcke gegeben hatten, wurden wir in den Spielsaal eingelassen. Es waren nicht viele Personen anwesend; aber diese wenigen waren die bemitleidenswertesten Typen aus ihrer Klasse. Wir hatten nur einfache Menschen aus der unteren Klasse sehen wollen, aber diese Menschen hier waren etwas Schlimmeres. —

Wir wollten komische Skizzen sammeln, aber hier spielte sich nur eine stumme, höchst traurige Tragödie ab. Die vollständige Stille in dem Zimmer war schrecklich. Jener hagere, langhaarige junge Mann mit den tief eingefallenen Augen, bewachte stumm das Umschlagen der Karten. Dieser schlaffe, fettwangige Falschspieler, welcher genau aufschrieb, wie oft schwarz verlor und rot gewann, sprach ebenfalls kein Wort. Dort, der alte schmutzige, runzliche Mann mit den Geieraugen und dem geflickten grünen Rock, welcher seinen letzten Sou verloren hatte und nun verzweiflungsvoll zusah, da er nicht mehr spielen konnte, schwieg auch. Nur die Stimme des Croupiers tönte durch den stillen Raum.

Ich hatte einen solchen Ort ausgesucht, um darin einmal froh zu lachen, aber das Schauspiel, welches sich nun hier vor meinen Augen entrollte, war eher geeignet, darüber zu weinen. Ich musste mich von der seltsamen Stimmung befreien, die mich ergriffen hatte; ich ging zum Tisch und fing an zu spielen.

Doch ich sollte noch andere Dinge erleben, denn ich gewann, gewann unaufhörlich; schon bildeten die Spieler eine dichte Gruppe um mich und stierten auf meinen Gewinn mit hungrigen, misstrauischen Blicken, und Einer wisperte dem Andern zu, dass der Engländer die Bank sprengen werde.

Das Spiel hieß Rot und Schwarz. Ich hatte es in vielen Städten Europas gespielt, jedoch ohne es genau zu kennen und man sagt doch, dieser Umstand sei der Glücksstern aller Spieler. Ein Spieler in des Wortes eigentlicher Bedeutung war ich bis dahin überhaupt nicht; mein Spiel war stets nur ein Zeitvertreib gewesen, ich habe es niemals aus Gewinnsucht ausgeübt, denn ich kannte nie den Wunsch, Geld zu besitzen. Kurz, ich hatte stets die Spielsäle so besucht, wie die Ballsäle und die Oper, nur um mich zu amüsieren in meinen Mußestunden. Aber durch diese Fülle des Gewinns änderte sich augenblicklich Etwas in mir; erst war ich erstaunt, dann aber berauscht von dem vorliegenden Gelde. Je sorgloser ich einsetzte, je mehr gewann ich. Zuerst wagten es einige Anwesenden auf meine Farbe zu setzen, aber ich vertrieb sie bald alle mit meinen enorm hohen Einsätzen, und zuletzt sahen sie nur noch in aller Stille meinem Spiele zu.

Meine Einsätze wurden immer größer und noch immer gewann ich unaufhörlich. Das tiefe Schweigen wurde dann und wann durch Ausrufe des Erstaunens in verschiedenen Sprachen unterbrochen, wenn sich die Flut des Goldes vor mir immer höher auftürmte und selbst der sonst so unerschütterliche Croupier blieb nicht gleichgültig bei meinen Erfolgen.

Nur mein Freund bewahrte seine Selbstbeherrschung er trat zu mir heran und flüsterte mir zu, ich möge mich mit dem gemachten Gewinn schnell zurückziehen; diese Warnung ließ er einige Male an mich ergehen; allein da er sah, dass ich ihm kein Gehör schenkte, verließ er den Saal und ging fort.

Kurz nachdem er sich entfernt hatte, rief eine heisere Stimme hinter mir. »Erlauben Sie mir, mein Herr, dass ich die beiden Goldstücke, welche Sie fallen ließen, zurück gebe. — Auf mein Ehrenwort, Herr! ich sah noch nie in meinem langen Leben, Jemand mit so viel Glück spielen. Tausend Sapperment! Machen Sie es noch bessert Sprengen Sie die Bank!« — Ich drehte mich um, und erblickte einen großen Mann mit einem Uniformrock bekleidet, der mir freundlich zunickte. Wäre ich meiner Sinne ganz mächtig gewesen, so hätte ich mich mehr mit seiner Persönlichkeit beschäftigt. Er hatte das Aussehen eines alten Soldaten; seine Augen waren gerötet, seine Nase zerquetscht, der Schnurrbart groß und militärisch geordnet, seine Stimme war ganz für den Kommandoton geschaffen, doch seine Hände waren vielleicht die unsaubersten in ganz Frankreich; diese sonderbare Persönlichkeit störte mich aber in diesen Augenblicken durchaus nicht, denn ich war in der Trunkenheit meines Glückes geneigt, die ganze Welt zu umarmen. Ich nahm die Dose an, welche der Soldat mir reichte und schnupfte daraus, klopfte ihm auf den Rücken und versicherte ihm, dass ich ihn für den ausgezeichnetsten Menschen der Welt halte, ja, für den ruhmreichsten Soldaten der großen Armee. Der Alte schnippte mit den Fingern und munterte mich noch einmal auf, die Bank zu sprengen.

Und ich befolgte seinen Rat und gewann so unerhört, dass der Croupier nach einer Viertelstunde ausrief: »Meine Herren, die Bank ist für heute aufgehoben!«

Alles Papiergeld und Gold der Bank lag in einem großen Haufen unter meinen Händen, das ganze Kapital des Spielhauses war also dazu bestimmt in meine Taschen zu wandern.

»Binden Sie doch das Geld in Ihr Taschentuch,« sagte mein militärischer Freund, als er sah, dass ich mit den Händen in dem Golde wühlte. »Machen Sie es nur mit dem Golde, wie wir es in der Armee mit den Resten des Mittagsmahles machten; Ihr Gewinn ist zu gewichtig für schwache Taschen.« — Ich breitete mein Taschentuch aus und brachte meinen Gewinn darin unter. »Ha, schon wieder ein Goldstück auf der Erde!« rief mein Ratgeber aus, und hob mit verschiedenen Scherzworten begleitet, den Napoleonsd’or von dem Fußboden auf. »So Herr, nun noch fest zugebunden und das Geld ist in Sicherheit,« fügte er hinzu. »Fühlen Sie nur, der ganze Ballen Geld ist fest und hart wie eine Kanonenkugel; ja, wenn man uns bei Austerlitz noch mit solchen Kugeln traktiert hätte.«

»Was werde ich aber jetzt unternehmen?«

»Nichts Einfacheres als meinen werten englischen Freund zu bitten, nun noch, nach seinem immensen Glück, eine Flasche Champagner mit mir zu trinken, um Fortuna hochleben zu lassen.«

Wir setzten uns zu Tische und ließen alle Welt hochleben, selbst Frau und Töchter des Croupiers, dann alle Frauen der Erde, Fortuna mit inbegriffen. Ich fühlte, dass der Wein wie Feuer durch meine Adern rann, mein Kopf brannte heftig, nie hatte der Wein solchen Einfluss auf mich ausgeübt, war ich unwohl oder war der Champagner wirklich so außerordentlich stark?

Doch ich rief trotzdem noch nach einer dritten Flasche, als zwei bereits leer vor uns standen. Der alte Soldat schüttelte jedoch den Kopf, legte seine schmutzigen Finger an seine zerquetschte Nase und empfahl feierlich: »Kaffee, mein Freund, Kaffee!« und stand auf, welchen zu verlangen.

Diese Worte des alten »Helden von Austerlitz« schienen eine zauberhafte Wirkung auf alle Anwesenden auszuüben, denn sie entfernten sich sogleich Einer nach dem Andern. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, ich würde mich in meiner Freude so betrinken, dass sie schließlich willkürlichen Anteil an meinem Gewinn nehmen konnten, da sie nun aber sahen, dass sich der Alte zu meinem Schutzgeist gemacht hatte, gaben sie ihre Hoffnung auf. Als der alte Soldat zurückkehrte, waren wir nur noch allein in dem Zimmer anwesend; doch ich bemerkte, dass der Croupier, in einem Vorzimmer saß und schweigend seine Abendmahlzeit hielt, sonst war Alles wieder still und ruhig geworden.

Mit einem Male begann mein Schutzgeist flüsternd: »Hören Sie, mein Freund, ich habe eben mit der Wirtin, die ein wahres Wunder der Kochkunst ist, gesprochen und sie beauftragt, uns einen vorzüglichen Kaffee zu bereiten. Sie müssen diesen Kaffee trinken, damit sich Ihr aufgeregter Kopf wieder ein Wenig sammele, denn es ist sehr gewagt, — mit so vielem Gelde in der Nacht nach Hause zu gehen. Es haben viele der hier anwesend Gewesenen Ihrem Glück im Spiel beigewohnt; — es waren zwar, wie ich glaube, alle gutmütige Menschen, aber — Jeder hat seine schwachen Seiten. Sie verstehen mich doch? Wenn Sie sich dann erfrischt haben, so, rate ich, schicken Sie um einen Wagen, setzen sich mit Ihrem Gelde hinein und befehlen dem Kutscher, dass er nur durch die hellerleuchteten Straßen fahre. Folgen Sie mir; denn nur in dieser Weise werden Sie mit Ihrem Gelde sicher in Ihre Wohnung anlangen und — morgen werden Sie dem alten Soldaten dankbar sein, dass er Ihnen diesen Rat gegeben hat.«

Als der Alte geendigt hatte, kam der Kaffee, schon sorgfältig in zwei Tassen eingegossen. — Ich hatte Durst und trank die Tasse mit einem Zuge leer. Doch kaum hatte ich sie niedergesetzt, als mir ganz sonderbar zu Mute ward. Ein heftiger Schwindel ergriff mich, ich stand aus und ergriff die Lehne meines Stuhles, doch das ganze Zimmer drehte sich kreisförmig, so schien es mir, und ich fühlte mich außerordentlich unwohl, so unwohl dass ich nicht wusste, wie ich nach Hause kommen würde.

»Mein teurer Freund,« hob mein Nachbar wieder an, »Sie können unmöglich in diesem Zustande nach Hause gehen; ich schlage vor, bleiben Sie hier. Ich bleibe auch hier. Man wird Ihnen hier ein prächtiges Bett überlassen und dann schlafen Sie ungestört aus und morgen, bei hellem Tageslicht, tragen Sie denn Ihren Schatz sicher heim.«

Ich hatte nur noch zwei Gedanken, erstlich, dass ich mein Taschentuch mit dem Gelde nicht aus den Händen lassen dürfe und zweitens, dass ich mich sofort niederlegen müsse. So nahm ich nun den Rat des Alten an, stützte mich auf seinen Arm und nahm mein Geld in die Hand; so brachen wir auf. Der Croupier ging, zufällig wahrscheinlich mit uns. Wir durchschritten Gänge und stiegen einige Treppen hinauf, bis wir endlich zu dem Zimmer gelangten, welches für mich bereitet war; der alte Soldat schüttelte mir noch warm die Hand, sagte, dass wir zusammen frühstücken würden und dann, nachdem er mir herzlich gute Nacht gewünscht hatte, verließ er mich. Der Croupier hatte uns ebenfalls begleitet und ging nun mit meinem neuen Freunde fort. Als ich allein war, begab ich mich zu dem Waschtisch und wusch mir das Gesicht, trank dann eine starke Portion frisches Wasser und setzte mich nieder; bald fühlte ich mich nun auch etwas wohler. Die dumpfe Luft in dem Spielzimmer, das grelle Gaslicht, die Aufregung, alles dies hatte mich in den Zustand versetzt. Jetzt aber hatte das erquickende Wasser, die bessere Luft und das milde Licht meiner Kerze so günstig aus mich eingewirkt, dass ich zu überlegen anfing und mir sagte, es sei wohl gewagt, die Nacht in einem Spielhaus zuzubringen, doch noch gewagter sei es, mit der Summe, die ich nun mein nannte, durch die Straßen von Paris zu gehen. Auf meinen Reisen hatte ich ja an noch schlechteren Orten geschlafen. Ich verrammelte dann meine Tür sorgfältig; danach blickte ich noch unter mein Bett und den Schrank, untersuchte die Festigkeit der Fenster und nachdem ich nun alle die Vorsichtsmaßregeln angewendet hatte, entledigte ich mich der Oberkleider, stellte das Licht in die Asche des Kamins und legte mich, mit meinem Gelde unter dem Kopfkissen nieder.

Bald fühlte ich, dass ich nicht einschlafen konnte, ja dass ich nicht einmal meine Augen schließen konnte, ich fühlte, dass ich eine Art Fieberanfall hatte. Meine Glieder zitterten und jeder meiner Sinne schien geschärft zu sein.

Ich warf mich hin und her, legte mich mit dem Kopfe an das Fußende des Bettes und versuchte alle nur möglichen Lagen, doch es blieb vergeblich und ich wusste, dass die Nacht eine schlaflose sein würde.

Wenn ich nur wenigstens ein Buch gehabt hätte, um die Zeit mit Lesen zu verbringen; aber es blieb mir nichts Anderes übrig, als mich mit dem üblen Zustande meiner Nerven zu beschäftigen.

Ich stützte mich auf den Ellenbogen und blickte im Zimmer herum, welches von dem Mondlichte sanft erleuchtet war und gestattete, dass ich die Bilder und die Gegenstände darin unterscheiden konnte. Als meine Blicke so von Wand zu Wand liefen, erinnerte ich mich an Le Maisrtes köstliches kleines Buch, betitelt: »Die Reise durch mein Zimmer.« Ich beschloss, dem französischen Schriftsteller nachzuahmen und die Gegenstände in meinem Zimmer einer Prüfung zu unterwerfen, um mich in dieser Weise während meiner Schlaflosigkeit zu beschäftigen. Aber bis zum Reflektieren vermochte ich mich bei dem Zustande meiner Nerven nicht zu erheben, ich betrachtete nur die Gegenstände und sonst nichts.

Da war nun zunächst das Bett, in welchem ich lag, mit seinen vier Pfosten, seinen Vorhängen und seinem hohen Giebel, ein echt englisches Bett. Dann der Waschtisch mit der Marmorplatte, von welchem das Wasser, welches ich vergessen hatte, noch immer langsam und langsamer hinunter tropfte; dann die beiden Stühle, auf welchen meine Kleider lagen; ferner ein mit schmutzigen weißen Bezügen versehener Armstuhl, über dessen Lehne mein Kragen und mein Halstuch lagen. Ferner erblickten meine umherschweifenden Blicke eine Art Kommode mit zwei oder drei Leuchtern darauf und einem zerbrochenen Schreibzeug von chinesischem Porzellan; dann sah ich den Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel und einem großen Nadelkissen. Das Fenster des Zimmers war außergewöhnlich breit, und das Mondlicht, welches durch dasselbe herein kam, zeigte mir ein altes dunkel gewordenes Gemälde an der Wand; es stellte einen jungen Mann dar, welcher einen hohen spanischen Hut auf hatte, der mit Federn geschmückt war. Der Mann hielt seine Hand über den Augen und blickte, als ob ihn etwas blendete, in die Höhe. Dieses Gemälde zwang mich, an ihm haften zu bleiben, es schien, als blicke das Gesicht nach der Spitze meines Bettes. — Ich zählte die Federn an dem Hut, drei weiße, zwei grüne; dann bewunderte ich wieder die Spitze an dem Hut, danach sein fortwährendes Hinaufblicken; er schien mir so gespannt hinauf zu blicken, als sehe er den Galgen und erwarte, in jedem Augenblick gehenkt zu werden. Erst hatte ich ihn für Jemand gehalten, der zum Firmament aufschaut, aber so verzweiflungsvoll konnte nur der aussehen, der gerichtet zu werden fürchtet. Gewiss wird der Henker den schönen Federhut bekommen, phantasierte ich weiter und zählte dann aufs Neue: zwei grüne, drei weiße Federn. — Meine Gedanken wurden durch das sanfte Mondlicht an eine längst vergangene Mondlichtnacht in England erinnert, an die ich fast nie wieder gedacht hatte, seitdem sie vorüber war; und nun hier in dem Spielhaus auf französischer Erde, vergegenwärtigte sich mir die vergangene Nacht so lebhaft, dass ich Ort, Personen und Unterhaltung so vor mir sah, als wie damals, wo dies an mir vorübergegangen war, und dies Alles brachte mir das schwache Mondlicht hervor, welches durch mein Fenster strömte.

Ich dachte daran, wie ich in lustiger Gesellschaft in jener Nacht von einem Picknick heimkehrte, und erinnerte mich auch noch der jungen sentimentalen Dame, welche durchaus Childe Harold anführen wollte, weil der Mond dazu einlud.

Was erblickte ich aber auf ein Mal!

Gott! Gott! der Mann auf dem Bilde hat seinen Federhut bis zu den Augenbrauen herab gezogen! Der Hut war hinunter gerutscht, wo waren die Spitzen, die Federn? An der Stelle des Hutes befand sich ein dunkler Gegenstand, waren es die Augen, die Stirn, oder die Hand, welche die Augen früher zu beschatten schien? Aber, bewegte sich denn mein Bett?

Ich drehte mich herum. Was hatte ich denn gemacht? Träumte ich? war ich betrunken? oder bewegte sich das Bett in der Tat? Die Bettdecke des Bettes sank, sanft, regelmäßig, lautlos, schrecklich auf mich herab. — Mein Blut schien erstarrt, eine furchtbare Kälte lähmte meine Glieder, ich ließ mein Haupt auf das Kissen zurückfallen und blickte nach dem Bilde.

Und, o Wunders Jetzt sehe ich nur noch die Weste von der Figur, aber auch diese verschwand, bis — bis ich endlich nichts mehr von ihr sehen konnte.

Ich bin nicht furchtsam, habe oft mein Leben Gefahren ausgesetzt, aber nie empfand ich etwas Ähnliches, als in den Augenblicken, wo ich sah, wie sich die Decke von dem schweren Bette auf mich senkte; ein panischer Schrecken hatte mich ergriffen, ich lag noch immer atemlos, sprachlos, bewegungslos da. Das Licht erlöschtes nun auch so eben, aber das Mondlicht glänzte noch hell. Die Decke, welche dazu bestimmt schien, mich unter ihrer Wucht zu begraben, kam langsam noch näher und immer fester schien ich auf der Stelle fest-gebannt, wo ich lag; schon spürte ich den Staub, der oben gelegen hatte, in meine Nasenlöcher dringen. Aber noch im letzten Moment kam die Selbstbeherrschung mir zurück und ich hatte die Macht, mich aus dem Bette gleiten zu lassen; als ich geräuschlos auf den Boden fiel, berührte schon die Kante der mörderischen Decke meine Schulter.

Kalter Schweiß drang aus allen meinen Poren, ich erhob mich ein wenig, aber wenn mir auch in diesem Augenblicke Mittel zu meiner Rettung geboten worden wären, ich hätte sie nicht annehmen können, denn ich war wie festgenagelt an der Stelle, mein ganzes Leben schien nur noch in meinen Augen zu liegen.

Die schwere Decke, samt ihrem ganzen Ausputz von Posamentierarbeiten, Fransen und mehr dergleichen war niedergelassen und zwar so dicht, dass nicht einmal soviel Raum zwischen ihr und dem Bett geblieben war, dass ein Finger hätte Raum finden können. Ich berührte das, was ich für eine gewöhnliche Decke eines Himmelbettes gehalten hatte und fand, dass es eine schwere Matratze war; die Bettpfosten standen nun grässlich kahl da. In der Mitte der Decke war eine außerordentlich große, hölzerne Schraube angebracht, die absichtlich los gedreht worden war. Der ganze schreckliche Mordapparat hatte sich geräuschlos niedergelassen. Ein solches Mordinstrument hätte viel eher in die Zeit der Inquisition, oder in die entlegenen Wirtshäuser der Gebirge gepasst, nicht aber für das neunzehnte Jahrhundert und in der lebhaftesten Stadt der Welt. Noch immer starrte ich das grässliche Mordwerkzeug an, aber die Macht des Denkens kam mir langsam zurück. Ich machte mir nun tausend Vorwürfe, dass ich mich so vertrauensvoll den beiden Fremden anvertraut hatte, die mich hier her geführt hatten, um mich zu töten und mir dann das gewonnene Geld und meine andere Habe abzunehmen. Ich dachte, wie mancher Unglückliche mag sich hier an dieser Stelle mit seinem Gewinn niedergelegt haben, um nicht wieder aufzustehen. Hier tötete man ihn und er war für die Welt auf immer verschwunden.

Nachdem die schwere Decke ungefähr zehn Minuten auf dem Bette gelegen hatte, begann sie sich wieder zu erheben. Die Grässlichen, welche sie herab gelassen hatten, glaubten ihr schlechtes Werk sei vollendet. Sie glaubten mich tot Geräuschlos hatte sich »der Himmel« des Bettes, wie er gekommen war, wieder gehoben und seine alte Stelle eingenommen; nachdem er auf den vier Pfosten war, war auch die Decke des Zimmers an der Stelle erreicht; — man sah weder Loch noch Schraube, das ganze hatte das Aussehen eines ganz soliden Gardinenbettes. Jetzt nun erhob ich mich, kleidete mich schnell an und spähte nach einem Rettungswege. Ich verrichtete Alles so leise als möglich, denn ich wusste wohl, hätte man gehört, dass ich nicht erstickt sei, so wäre ich gewiss dennoch ermordet worden. Ich lauschte, aber weder Fußtritte noch ein anderes Geräusch vernahm mein Ohr, überall herrschte Ruhe. Die Tür hatte ich mit einer hölzernen Kiste, die ich unter meinem Bette gefunden, am Abend verbarrikadiert, sollte ich sie fortnehmen? Nein, denn das würde Geräusch machen. Ich ging an das Fenster auf den Fußspitzen.

Mein Zimmer befand sich im ersten Stock und ging nach der Straße hinaus, welche Sie auf Ihrer Skizze so getreu wiedergaben. Ich öffnete das Fenster mit der Vorsicht eines Diebes, geräuschlos, langsam, höchst furchtsam. — Ich blickte auf die Straße hinab, an die Seiten des Hauses entlang; an der linken Seite entdeckte ich die dicke Wasserröhre, welche Sie ebenfalls zeichneten; sie lief dicht neben dem Fenster vorbei. — Ich atmete zum ersten Male, seitdem ich die Decke sich hatte herab senken sehen, frei auf, denn ich wusste, nun sei ich gerettet!

Mancher würde davor zurück gebebt sein, an der Rinne entlang zu rutschen, aber ich war allezeit ein guter Turner gewesen und wusste, dass Kopf, Hände und Füße mir auf dieser Wanderung gute Dienste leisten würden. Schon hatte ich den Fuß auf das Fensterbrett gesetzt, als ich mich meines Taschentuchs mit dem Golde unter meinem Kopfkissen erinnerte. Ich hätte es wohl zurücklassen können, aber ich wünschte rachevoll, dass die schlechten Bewohner des Spielhauses, sowohl ihr Opfer als auch ihren Raub verlieren sollten.

Ich ging noch einmal zu der grässlichen Lagerstätte und nahm mein Geld und hing es mir auf den Rücken, während meines Ritts an der Rinne entlang. Ich hörte, als ich eben das Taschentuch mit seinem schweren Inhalte befestigte, Geräusch im Zimmer, der Atem stockte mir wieder, aber es war nur die Nachtluft, welche durch das Zimmer blies. Mit einem Schwung war ich aus dem Fenster und ergriff die dicke Rinne mit Händen und Füßen. Ich gelangte, wie gehofft, unten an, und da ich ein Polizei-Bureau in der Nähe wusste, lief ich dahin und meldete den Vorfall, in meinem schlechten Französisch. Wahrscheinlich hielt mich der Polizist zuerst für einen betrunkenen Engländer, den man beraubt hatte, aber als er hörte, dass ich wirklich so Schreckliches erlebt hatte, schloss er seine Papiere in eine Schublade, nahm seinen Hut, lieh mir einen zweiten, denn ich war ohne Kopfbedeckung, beorderte etwas Militär und verschiedene Instrumente, Türen und Schlösser zu öffnen, reichte mir den Arm, und so gingen wir dem Spielhaus zu. Unterwegs fragte der Polizeibeamte noch nach den nähern Umständen, und als wir vor der Tür angelangt waren, wurde das Haus von allen Seiten mit Wachtposten umstellt und dann in wahrhaft erschrecklicher Weise angeklopft.

Ein Licht erschien am Fenster und es folgte nun der Ruf: »Öffnen, im Namen des Gesetzes!«

Nach diesem Befehl öffneten sich Schloss und Riegel und ein halb angekleideter, geisterbleicher Kellner erschien.

»Wir wünschen den Engländer zu sehen, der hier im Hause schläft,« sagte der Polizist; ich hielt mich versteckt hinter ihm.

»Er ging vor einigen Stunden fort.« lautete die Antwort.

»So ist es nicht! Nur sein Freund hat das Haus verlassen, er blieb hier; zeigen Sie uns sein Zimmer!«

»Ich schwöre es Ihnen aber, Herr Souspräfect, er ist nicht hier!«

»Und ich, mein Herr Garcon, schwöre Ihnen, dass er hier ist. Er schlief hier, fand Ihr Bett äußerst komfortable und kam zu uns, dies anzuzeigen. Er befindet sich hier unter denen, die mir gefolgt sind. Ich bin gekommen, um in seinem Bett nach Insekten zu suchen. Haben Sie mich nun verstanden?«

Der Ober-Polizeimann rief einen seiner Leute und befahl, den Kellner sofort zu arretieren Danach sagte er zu uns: »Nun, meine Herren, hinauf!«

Das ganze Haus war inzwischen wach geworden, Männer und Frauen kamen herbei gelaufen, darunter auch mein besorgter, verdächtiger Freund von gestern Abend. Ich bezeichnete Zimmer und Bett, wo ich geschlafen hatte und wir begaben uns unverzüglich nach dem Zimmer, welches über dem meinigen war.

In dem ganzen Raume war nichts Verdächtiges zu sehen. — Der Polizist stampfte einige Male auf den Fußboden, beleuchtete dann alle Stellen sorgfältig und befahl schließlich, dass an einer Stelle, die er näher bezeichnete, die Dielen aufgehoben würden; dies geschah ohne große Mühe in kurzer Zeit, und wir erblickten eine große Öffnung zwischen dem Fußboden und der Decke des unteren Zimmers die stark eingeölt war und die Schraube umfasste, welche mit der fürchterlichen Decke des Gardinenbettes in dem unteren Raume zusammen hing. Hier befanden sich auch noch andere frisch geölte Schrauben, Hebel mit Filz überzogen, um sie unhörbar zu machen; kurz, alle Werkzeuge einer sehr schweren Presse. Alles war mit einer höllischen Grausamkeit darauf berechnet, die Opfer, in jenem Marterbette, sicher zu töten Die ganze Maschinerie wurde mit einigen Schwierigkeiten zusammengesetzt, dann begaben wir uns, der Anführer und ich, in das untere Zimmer, und die entsetzliche Maschinerie wurde durch die Polizisten, welche oben waren, in Bewegung gesetzt, und der Betthimmel ließ sich auch sehr geräuschvoll herab. Der Präfekt bemerkte: »Meine Leute sind noch Neulinge bei dieser Maschine, die Leute, deren Geld Sie gewannen, besitzen mehr Praxis.« —

Zwei Polizei-Agenten blieben in dem Hause mit dem Befehl zurück, Jeden auf der Stelle zu arretieren, der sich hinaus begeben wollte.

Der Souspräfect hatte die ganze Angelegenheit zu Protokoll genommen und begab sich dann mit mir in mein Hotel um meinen Pass nachzusehen.

»Glauben Sie in der Tat,mein Herr, dass wirklich schon Menschen in dem Bett erstickt worden sind?« fragte ich den Oberpolizisten unterwegs.

»Ich habe Dutzende von toten Menschen gesehen, die in ihrer Tasche Briefe hatten, welche benachrichtigten, dass sie sich in die Seine gestürzt, weil sie ihr Geld in einem Spielhaus verloren hätten. Wer kann wissen, ob diese Menschen nicht ihr Geld an derselben Stelle gewannen, wo Sie gewannen? Ob sie nicht erstickt wurden, wo Sie den Tod finden sollten? Vielleicht steckte man ihnen, bevor man sie in die Seine warf, erst einen Brief, voll von Lebensüberdruss, in das Portefeuille? Niemand kann wissen, wie viel Menschen unter der schrecklichen Maschinerie erstickt worden sind, denn der Tod schloss ja den Gepeinigten den Mund. Doch jetzt, gute Nacht! mein Herr,« sagte mein Begleiter, »oder vielmehr, guten Morgen! Mein Dienst beginnt um neun Uhr, und um dieselbe Zeit bitte ich Sie, wieder zu mir kommen zu wollen.«

Der Rest meiner Geschichte ist nun bald erzählt. Ich wurde oft verhört, das Spielhaus von dem Boden bis zu dem Keller genau durchforscht, die Gefangenen wurden einzeln verhört, und zwei von ihnen legten auch ein offenes Geständnis ab. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass der alte Soldat, der sich meiner an jenem Abend so freundschaftlich angenommen hatte, der Eigentümer des Spielhauses sei, der vor einigen Jahren als Vagabund aus der Armee gestoßen worden war, dass er nun auch als Diebeshehler verdächtig sei, weil er im Besitze vieler gestohlener Waren befunden wurde.

Sein treuer Beistand in allem Schlechten war der Croupier und außerdem noch das Weib, welches mir den Kaffee bereitet hatte. Diese Drei allein kannten auch nur das Geheimnis des schrecklichen Bettes. Die beiden Männer kamen auf die Galeeren und das Weib für einige Jahre ins Zuchthaus. Die Stammgäste des Hauses wurden als verdächtig erklärt und unter die Aufsicht der Polizei gestellt. Ich selbst aber wurde für einige Zeit der »Löwe des Tages« in Paris. Mein Abenteuer wurde sogar dreimal dramatisiert, erblickte aber nie das Lampenlicht, weil die Polizei nicht erlaubte, dass das schreckliche Bett des Spielhauses auf der Bühne kopiert werde, und darin lag doch gerade der Haupteffekt. Ich aber war für immer von dem Spiele Roth und Schwarz geheilt; denn so oft ich einen grünen Tisch mit Karten und Bergen Geldes erblickte, stellte sich stets das mörderische Bett daneben und die Angst, welche ich damals erlitt.

Als Mister Faulkner das letzte Wort ausgesprochen hatte, fuhr er von seinem Sitze auf und rief aus: »Um des Himmelswillen, bei meiner Erzählung vergaß ich ganz, dass ich hier her gekommen bin, um mich zeichnen zu lassen; jetzt habe ich Sie um die Zeit gebracht und mich um das Portrait!«

»Im Gegenteil!«" erwiderte ich lachend, »Sie hätten nichts Besseres tun können, denn während Sie mir erzählen, ließen Sie mich Ihr Gesicht in natürlicher Ausdrucksweise sehen. Das Bild ist gelungen!«

Anmerkung von Mistreß Kerby.

Ich muss der Geschichte noch hinzufügen, dass unser junger Seemann gestern Abend während des Erzählens bemerkte, dass er nie in einem Himmelbett schlafen könnte, ohne zu fürchten, die Decke würde herabstürzen und ihn ersticken. William sagte mir zwar, es würde diese Bemerkung unsres jungen Freundes den Lesern gleichgültig sein, doch ich kann mich nicht entschließen, sie fortzulassen.

Mögen sie auch nur mit kleinen Buchstaben gedruckt in einer Ecke des Buches ihren Platz finden.



Die Erzählung des Rechtsanwalts von dem gestohlenen Brief

Einleitung

Als ich mich einst in dem berühmten Kurorte Tidbury an der Marsy befand, erhielt ich den ehrenvollen Auftrag, den berühmtesten und geschäftigsten Rechtsanwalt der Stadt, Mister Boxsious, in Lebensgröße zu malen.

Es sollte das Bild auf Kosten des Magistrats und der Bürger der Stadt gemalt und, nachdem es vollendet, Mister Boxsious als ein Beweis der Liebe und Hochachtung übergeben werden, für die Verdienste, welche der vielbeschäftigte Mann der Stadt und ihren Bewohnern geleistet hatte. Auf die Empfehlung eines meiner Freunde hatte ich das Glück gehabt, diese Arbeit zu erhalten und es wurde mir ein Tag bestimmt, an welchem ich Mister Boxsious in seiner Wohnung zu einer Sitzung für das Gemälde bereit finden würde. Ich stellte mich auch pünktlich an dem bezeichneten Tage mit meinem Malerwerkzeug bei ihm ein, und wurde auch sofort in ein gut möbliertes Zimmer geführt, von welchem ich die Aussicht auf einen hübschen viereckigen Grasplatz hatte, hinter welchem sich ein neues Hotel der Stadt erhob; weiter die Straße entlang, sah ich das Haus des Doktors mit einer farbigen Laterne daran, und nicht weit davon, das des Bankiers mit einfacher Laterne, außerdem erblickte ich noch einige Privatgebäude und die Wohnungen der verschiedenen Handwerker des Ortes. Als ich eben über die verschiedenen Häuser Betrachtungen anstellen wollte, hörte ich eine kreischende unangenehme Stimme hinter mir, welche rief: »Nun, mein Herr Maler, nennen Sie das an die Arbeit gehen? Wo sind die Pinsel, der Farbendkasten und alles Übrige, was Sie zum Malen benötigen? Mein Name ist Boxsious und ich bin hier um Ihnen die Sitzung zu meinem Bilde zu gewähren!« —

Ich drehte mich um und erblickte einen kleinen krummbeinigen Mann, der die Hände in den Hosentaschen hielt. Er hatte hellgraue Augen mit geröteten Lidern und sein Haar war bereits ergraut, sein Gesicht war außergewöhnlich rot, sein Blick zeigte Unverschämtheit und Klugheit.

Als ich ihn betrachtet hatte, sagte ich mir, erstlich dass dieses kleine Männchen kein besonders günstiger Gegenstand für die Begeisterung eines Malers sei und zweitens, wie unverschämt er auch immer sein würde, wollte ich meiner Würde doch nichts vergeben.

»Ich werde gleich bereit sein!« erwiderte ich kurz.

»Fertig? — gleich?« — wiederholte mein Kunde, »wie meinen Sie das, Herr Maler? Ich bin nun bereit! Welchen Contract haben Sie mit dem Rat der Stadt abgeschlossen? Wer hat subscribirt für das Bild? Und, wo ist denn nun mein Contract? Da soll ich mich nun so ohne Weiteres malen lassen, ohne Contract, ohne irgend eine Garantie, ohne alle Logik des Gesetzes. Doch halt! Lassen Sie mich Ihre Farben sehen! Sind es auch die besten, die es gibt? Ich warne Sie, Herr, es wäre als Contractbruch zu betrachten! Und Ihre Pinsel? Nun, warum denn alte? Die Stadt bezahlt Ihnen doch die Arbeit gut, warum nehmen Sie keine neuen Pinsel? So, Sie malen besser mit alten Pinseln? Das verstehe ich nicht! meine Magd reinigt die Zimmer mit neuen Besen viel besser als mit alten, und meine Schreiber schreiben besser mit neuen Federn als mit alten. Nun, Sie sehen ja aus, als wenn Sie böse auf mich wären? Sie können es ruhig sein, das ist mir ganz gleichgültig und wenn Sie auch noch böser werden, mir ist das Alles eins! Ich bin kein Jüngling, mich rührt das nicht! Ich bin Boxsious, der Rechtsanwalt, der einzige Mann in der Welt den man beschimpfen darf, versuchen Sie nur, wenn’s beliebt!«

Dann schüttelte sich der kleine Mann und ging ans Fenster. Ich wusste nicht, was ich von diesen sonderbaren Äußerungen halten sollte. Waren sie Scherz oder Ernst? Ich nahm einen etwas strengen Blick an und bereitete mich zum Malen vor.

»Kommen Sie nur her!« rief mein Männchen von dem Fenster aus, »sehen Sie dort den dicken Mann mit der Schnupftabacksnase auf der Straße schlendern? Das ist mein Lieblings-Feind Dunball. Er hat zehn Jahre hindurch mit mir gestritten und er hat mich doch nicht aus meiner Langmut und meinem Wohlwollen für ihn heraus bringen können. Sehen Sie nur wie finster er mich ansieht; ich aber lache und nicke ihm freundlich zu: »Guten Morgen, guten Morgen, Mister Dunball!« rief der Kleine, und zu mir gewendet sagte er dann: »sehen Sie nur wie er den Kopf zurück wirft, er bläht sich stolz auf als wäre er noch viermal so dick als er wirklich ist. Ärgerlich und stolz geht er weiter! Dieser Mensch kämpft nun schon wie gesagt, zehn Jahre gegen meine Liebenswürdigkeit und reibt sich dabei auf; sollte er einmal plötzlich sterben, so werde ich die unschuldige Ursache seines Todes sein.«

Mister Boxsious unterstützte seine fatale Prophezeiung mit fortwährendem Nicken und Lachen aus dem Fenster, während das unglückliche Opfer seiner Bosheit so schnell als möglich vorüber schritt. Als er seinen Lieblingsfeind aus dem Gesichte verloren hatte, lief er einige Male das Zimmer auf und ab, während ich meine Leinwand auf der Staffelei befestigte und gerade als ich ihn bitten wollte, sich nun zur Sitzung zu bequemen, schrie er: »Nun, nun, mein Herr Maler, im Interesse Ihrer Arbeitgeber, des Rates der Stadt, frage ich Sie, wann werden Sie sich endlich an die Arbeit machen?«

»Sie erlauben mir wohl, Mister Boxsious,« hob ich an, »Sie im Interesse des Rates der Stadt zu fragen, wann Sie Ihre Spaziergänge durch das Zimmer « aufgeben und sich niedersetzen werden, damit ich Sie malen kann?«

»Ah gut gegeben, verteufelt gut!« erwiderte Mister Boxsious, »das ist das erste vernünftige Wort, welches Sie seit Ihrer Ankunft gesprochen haben, ich fange schon an Sie zu lieben!« Dann nickte er mir freundlich zu und ging zu dem hohen Sessel, welchen ich ihm zu der Sitzung hingestellt hatte.

Nachdem ich ihn so gesetzt, wie ich ihn aufnehmen wollte, bestand er darauf en face gemalt zu werden, weil der Magistrat auf diese Weise mehr für sein Geld haben würde. Dann fragte er mich, ob ich mehr so gute Aufträge habe als diesen. »Ach nein,« erwiderte ich, »ich würde bald ein armer Mann sein, wenn ich alle Gemälde in Lebensgröße ausführen müsste«

»Sie arm?« entgegnete er, »nun, das sieht man Ihnen gerade nicht an! Ihr Rock ist nicht zerrissen, Ihr Hemd ist rein und Ihr Kinn ist glatt und sorgfältig rasiert Sie haben das Aussehen eines Menschen, der in einem ordentlichen Bette schläft und nicht hungert. — Mir dürfen Sie keine Possen von Ihrer Armut aufbinden wollen. Ich weiß, wie die Armut beschaffen ist; arme Menschen haben das Aussehen einer Vogelscheuche, fühlen wie eine Vogelscheuche und wünschen behandelt zu sein wie eine Vogelscheuche. Ich kann von Armut mitsprechen, denn, ich war in Ihrem Alter arm wie eine Kirchenmaus, mein Herr Künstler!«

Mit diesen Worten warf er sich so unruhig in seinem Stuhle hin und her, dass ich ihn bitten musste, still sitzen zu bleiben.

»Es muss eine sehr angenehme Rückerinnerung für Sie sein,« sagte ich, »wenn Sie an das stufenweise Fortschreiten von der Armut zu Ihrem gegenwärtigen Wohlstand denken.«

»Stufenweise? sagen Sie,« rief Mister Boxsious aus, »ich machte diesen Sprung schnell, verdammt schnell, denn ich gewann fünfhundert Pfund an einem Tage bei meinem ersten Rechtsfall.«

»Das war allerdings eine außergewöhnliche Stufe des Fortschritts! Hätten Sie nicht Lust mir etwas aus Ihrem interessanten Leben mitzuteilen, ich würde Ihnen sehr dankbar dafür sein.«

»Ja, sehr gern, aber da müsste ich Sie doch erst im Interesse des Rates der Stadt fragen, ob Sie auch eben so ungestört malen können, wenn ich spreche, damit das Gemälde darunter keinen Schaden erleide,« fragte er.

»Im Gegenteil,« versicherte ich ihm, »ich kann viel besser malen, wenn Sie mir eine interessante Geschichte erzählen.«

»Was,« rief er aus, »ich soll Ihnen eine Geschichte erzählen? Das verstehe ich nicht, aber einen Bericht will ich Ihnen erstatten, wenn es gefällig ist!

Ich war glücklich als ich sah, wie sich der kleine Mann ruhig in seinen Stuhl zurecht setzte, bevor er zu erzählen anfing. Seine sonderbare Art und Weise machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich mich noch genau fast jedes seiner Worte erinnere, und ich werde ihn nun selbst seine Geschichte dem Leser erzählen lassen.



Der gestohlene Brief

Ich bin während meines ganzen Lebens in keines Menschen Diensten gewesen, denn ich etablierte mich gleich, nachdem ich das Recht hatte zu praktizieren in einer Provinzialstadt. Ich besaß ein kleines Kapital meine Bekannte dagegen waren nur arme Leute; der eine von ihnen machte jedoch eine Ausnahme davon, dieser war der Sohn eines Mister Gatliffe, welcher der stolzeste und reichste Mann in jener Gegend war. —

»Doch, hören Sie auf mit dem Malen, denn Sie werden etwas an mir verderben; Malen und Zuhören, das geht nicht gut!« »Ja, ja!« versicherte ich.

»Nun, Sie müssen nicht etwa glauben,« fuhr mein Nachbar fort, »dass ich Ihnen den wahren Namen jenes Mannes sagte; nein, so bloß stelle ich Niemand! Ich nannte Ihnen den ersten besten Namen, der mir über die Lippen kam. Mein Freund, der Sohn dieses Mannes, hieß Frank Gatliffe, war sehr intim mit mir und empfahl mich, wo er nur konnte. Dafür lieh ich ihm zuweilen kleine Summen — gegen geringe Zinsen — damit er nicht in die Hände der Juden fallen sollte. Dieses Geld lieh ich Mister Frank, während er auf dem College war. Als er nach Hause zurückkehrte, hatte er das Unglück sich in die Gouvernante seiner Schwester zu verlieben und er beabsichtigte auch, sie zu heiraten, so erzählte man wenigstens in der Nachbarschaft. — Sie wünschen den Namen der Dame zu wissen, nicht wahr, Herr Künstler? Nun, gefällt Ihnen »Schmidt?« —

Ich suchte Mister Frank auf er erzählte mir, dass er wirklich die Absicht habe seinen »teuren Liebling« zu heiraten, wie er das Mädchen nannte. Als der Sohn dem Vater die Absichten mitteilte, die er vor hatte, nahm die Sache den gewöhnlichen Verlauf, der Vater sagte »Nein«, wo der Sohn ein »Ja« verlangte. Die Gouvernante wurde mit einem Geschenk verabschiedet und es trat nun die Frage auf, was jetzt mit dem Sohn zu tun sei. Der junge Mann suchte seine Geliebte in London auf, die dort bei einer Tante Wohnung genommen hatte; allein diese Verwandte wollte es nicht erlauben, dass der junge Mann ohne die Erlaubnis seines Vaters bei ihr erscheine.

Darauf schrieb Frank seinem Vater, dass er ihn entweder das Mädchen heiraten lasse oder er würde sich eine Kugel durch den Kopf jagen.

Da wurde denn Familienrat gehalten und Vater, Mutter und Schwester erschienen schleunigst in London und — statt des noch fest beabsichtigten »Nein«, sagte der Alte endlich doch »Ja.«

Die Gouvernante war übrigens aus guter Familie; ihr Vater in der Armee, wurde dann Weinhändler, wurde bankrott und starb; seine Frau folgte ihm bald ins Grab nach. Es war also Niemand weiter um Erlaubnis zu fragen, als jene alte Tante, die in berechneter Vorsicht dem jungen Liebhaber die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Man einigte sich bald und der Hochzeitstag wurde festgesetzt und in den Zeitungen las man die Anzeige, mit einer umständlichen Biographie des Vaters der Braut; dass er zuletzt, nachdem er den Militärdienst verlassen hatte, Weinhändler gewesen, davon stand kein Wort darin. —

Eines Tages begegnete mir Frank und führte mich bei seiner zukünftigen Frau ein. Unterwegs fragte er mich, ob ich ihn nicht für einen sehr glücklichen Menschen halte. Ich bejahte die Frage natürlich und bestätigte dieselbe noch mehr, nachdem ich das bildhübsche junge Mädchen gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosenrot, ihre Lippen frisch, kurz, sie war sehr hübsch! Jetzt hat sie eine ziemlich große Familie, ihre Wangen sind fetter geworden, ihr Teint dunkler, seit jener Zeit, das versteht sich von selbst! —

Die Hochzeit fand an einem Mittwoch statt. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an das Jahr und den Monat. Am Montage zuvor saß ich des Morgens früh in meinem Arbeitszimmer, als Mister Frank, bleich wie der Tod, zu mir ins Zimmer stürzte und sagte, dass er unverzüglich meiner Dienste bedürfe.

»Es ist dies also ein Geschäftsbesuch, Mister Frank?« fragte ich. »Ja oder nein, Mister?« fragte ich und nahm mein Federmesser zur Hand und spielte mit demselben.

»Ja, mein Lieber,« antwortete er, »ich bedarf Deiner Freundschaft jetzt in einer geschäftlichen Angelegenheit.«

»Nun, sage mir doch in kurzen Worten, was Du eigentlich von mir willst?« drängte ich ihn. »Wenn Du Dich übrigens am Mittwoch verheiraten willst, so begreife ich nicht recht, wo Du jetzt so viel überflüssige Zeit her nimmst,« setzte ich noch hinzu. Er nickte mir stumm zu, und ich stach ihn ein wenig mit dem Messer, um ihn von seiner Sentimentalität aufzurütteln.

»So höre denn,« sagte er. »Meine Braut hat mir Etwas aus dem Leben ihres Vaters anvertraut; weil sie vor ihrem künftigen Mann kein Geheimnis haben will.« Dann schwieg Frank wieder, und ich fing wieder an, ihn mit meinem Federmesser zum Fortfahren zu ermuntern.

»Meine Braut,« sagte Frank, »behauptet, ihres Vaters Unglück hat mit dem Austritt aus der Armee begonnen; denn er hatte keine Geschäftskenntnisse, sein Buchhalter betrog ihn, und gleich vom Anfange an ging das Geschäft rückwärts.«

»Wie hieß der Buchhalter?« fragte ich. — »Davager,« lautete die Antwort, die ich gleich notierte — »Das Geschäft ging immer schlechter; Entehrung und Bankrott standen vor der Tür, und in diesen verzweiflungsvollen Verhältnissen —« Mister Frank zögerte.

Das Gesetz hat zwei Hilfsmittel die Zögernden zum Sprechen zu bewegen, den Schreck und den Scherz, ich wendete hier den letzteren an.

»Ah,« sagte ich, »ich weiß, was der Mann tat! Er sollte irgend Etwas unterschreiben, und — wie es uns in zerstreuten Tagen ergeht — er schrieb einen andern Namen als den seinigen unter irgend ein geschäftliches Etwas!«

»Ja,« sagte Frank, »es war ein Wechsel. Sein bedeutendster Gläubiger wollte warten, bis er das Geld austreiben würde, natürlich vergrößerte sich die Schuldsumme enorm dadurch.«

»Die Fälschung wurde also entdeckt?« fragte ich einen Gedankensprung machend.

»Noch bevor der Wechsel in den Verkehr gelangte; er hatte in seiner Unschuld einen ganz verkehrten Weg zur Fälschung eingeschlagen

»Die Person, deren Namen er unterschrieben hatte, war intim befreundet mit ihm und seiner Frau, dabei sehr reich und gut, außerdem hatte sie auch großen Einfluss auf den Hauptgläubiger und wendete denselben auch an. Diese Person hatte eine ganz besondere Neigung zu der Frau meines Schwiegervaters.« — »Aber komme doch nur zur Sache! Was tat er denn in der Geschäftsangelegenheit?«

»Er steckte den falschen Wechsel ins Feuer und stellte einen richtigen auf seinen Namen aus — und dann — so erzählt meine teure Braut — waren Alle recht glücklich.«

»Nun,« entgegnete ich in meinem Geschäftston, »dümmer kann Keiner handeln! Und der Vater? Was geschah denn nun nachdem?«

»Er war krank,« fuhr Frank fort, »aber er sammelte seine Kräfte und schrieb noch denselben Tag einen dank-vollen Brief an den Mann und versprach ihm, dass er Alles verkaufen wolle, um ihm sein Geld zurück zu geben. Er verkaufte auch seine ganze Habe, von den Familiengemälden angefangen, bis auf den letzten Stuhl im Zimmer. Aber es war vergeblich, denn es war schon zu spät. Das Verbrechen, ausgeübt in jenem bedrängten Augenblick, verfolgte ihn täglich, stündlich, wie ein böser Geist; er glaubte für immer die Achtung seiner Frau und Tochter verloren zu haben, und —

»Starb,« ergänzte ich und stach wieder mit meinem Federmesser zu. »Lass uns noch einmal auf den Brief zurückkommen, den er damals im Gefühle der Dankbarkeit geschrieben hat. Weißt Du nicht, Frank, ob der Brief auch des Betruges erwähnte?«

»Ja,« antwortete Frank, »wir konnte er von seiner Dankbarkeit reden, ohne die Ursache zu erwähnen?«

»Sehr gut! wenn er Jurist gewesen wäre,« sagte ich. »Aber ich errate jetzt; Jener Brief wurde gestohlen und zwar von dem betrügerischen Buchhalter, Mister Davager!«

»Richtig, so ist es!« rief Frank verwundert aus, »das ist es nun, was ich Dir mitteilen wollte.«

»Wie setzte er Euch denn von seinem Diebstahl in Kenntnis?« fragte ich.

»Oh, in meiner Gegenwart wagte er es nicht,« fuhr Frank fort, »aber als meine Braut heute allein ausging, nahte er sich ihr und sagte, dass er ihr eine Mitteilung aus früheren Tagen zu machen habe und zeigte ihr dann den unglückseligen Brief von der Hand ihres Vaters und übergab ihr einen zweiten an mich gerichteten; dann verbeugte er sich, ging davon und ließ das arme Mädchen, halb tot vor Schreck, allein. O, wäre ich nur dabei gewesen,« rief Frank, seine Fäuste, ballend, »ich hätte ihn getötet!« «

»Es ist das größte Glück, dass Du nicht dabei gewesen bist,« erwiderte ich. »Hast Du den andern Brief?«

Er händigte ihn mir ein; derselbe war so humoristisch und kurz, dass ich ihn nicht vergessen habe.

Er lautete:

»Mein Herr! ich habe eine außerordentlich merkwürdige Handschrift zu verkaufen. Der Preis ist eine 500 Pfund Note. Die junge Dame, welche Sie am Mittwoch heiraten wollen, wird Ihnen Näheres über den Wert des Briefes mitteilen Sollten Sie den Brief nicht kaufen wollen, so werde ich eine Kopie desselben der hiesigen Zeitung zum Druck übergeben und werde diese Merkwürdigkeit, am Dienstag Nachmittag, Ihrem Herr Vater übersenden. Da ich in Familienangelegenheiten kam, so habe ich meine Wohnung im Hotel Gatliffe Arm.

Ihr gehorsamer Diener

Alfred Davager.«

»Das ist ein geschickter Kerl,« sagte ich und legte den Brief in eine besondere Schublade.

»Geschickt?« rief Frank aus. »Ein Betrüger ist er und zwar vom Kopf bis zur Zehe! Ich hätte die Angelegenheit selbst geordnet, aber mein Mädchen bat mich, dass ich sie zuvor mit Dir überlege.«

»Das war gut,« sagte ich, »aber glaubst Du, dass Dein Vater, wenn er diesen gestohlenen Brief erhält, Deine Heirat rückgängig machen wird?«

»Ach,« entgegnete Frank, »was mein Vater tun würde, daran habe ich noch gar nicht gedacht; aber das gute, ehrliche, großmütige Mädchen will mich durchaus meines Versprechens entbinden, wenn der Vater auch nichts einwendet, sie will lieber sterben als heiraten, wenn der Brief in der Zeitung erscheint.« Dabei fing Frank an zu weinen, und ich stach ihn so heftig mit meinem Messerchen, dass er aufhörte. Ich stellte dann die zwei Fragen an ihn: »Weiß das junge Mädchen vielleicht, ob dieser höllische Brief das einzige Schreiben aus jener trüben Zeit ist? Und zweitens, bist Du geneigt, Mister Davager die verlangte Summe zu bewilligen?«

»Ja,« sagte Frank, »ich will ihm das Geld geben.« Der junge Mann fragte eben nicht viel nach dem Wert des Geldes.

»Frank,« sagte ich, »Du kamst hier her um meine Hilfe zu beanspruchen, und bist doch schon entschieden zu tun, was Dir beliebt? Ich mache Dir also folgenden Vorschlag; ich gehe hin und suche von Mister Davager den Brief zu Erlisten, gelingt es mir nicht, so gib ihm morgen Nachmittag das verlangte Geld, mir aber bist Du dann nichts schuldig; erlange ich aber den Brief, so gibst Du mir das Geld.

Bist Du damit einverstanden?«

»Höre doch mit dieser Frage auf, Herzensjunge,« schrie Frank laut aus.

»Ich sage tausend Mal ja dazu! Geh’ nur und verdiene Dir schnell das Geld! — und —

»Du wirst es mir geben,« setzte ich hinzu! »Jetzt aber mache, dass Du nach Hause kommst; tröste Deine Braut und freue Dich des Gedankens, dass am Mittwoch nach der Trauung alle Briefe der Welt Dir nicht mehr zu schaden vermögen an Deinem Liebesglück.« Mit diesen Worten schob ich ihn zur Tür hinaus und fing nun an zu überlegen, wie ich am leichtesten zu meinem Ziele gelangen könnte.

Zunächst schrieb ich Mister Davager, dass ich beauftragt sei, die Angelegenheit des Briefes zu ordnen und dass ich ihn um eine Unterredung bitten lasse. Die Antwort lautete, dass er zwischen 6—7 Uhr Abends bei mir sein würde. Er ließ mich also noch Zeit verlieren zu seinen Gunsten. Ich erwartete Herrn Davager, beauftragte aber meinen ehrlichen Tom vorher noch mit seinigen Verhaltungsmaßregeln.

Mein Tom war ein gescheiter Bursche von vierzehn Jahren. Ich versteckte den Burschen bevor Mister Davager erschien und sagte ihm, dass er nicht früher zum Vorschein kommen möge, bis ich klingeln würde, wenn ich einmal klingeln würde, so hätte er nur den Herrn hinaus zu begleiten, klingelte ich jedoch zwei Mal, so hätte er den Herrn zu verfolgen bis in sein Hotel. Dies war Alles, was ich vorläufig anordnen konnte. Ich wusste, dass Tom der schlaueste aller Burschen war.

Punkt ein Viertel nach Sechs Uhr kam mein Mister Davager.

In unsern Beschäftigungen müssen wir mit den verschiedensten Menschen verkehren, mit Reichen und Armen, mit Reinlichen und Schmutzigen, aber einen so unsauberen gemeinen Menschen, wie Davager, hatte ich denn doch noch nicht vor mir gesehen. Er hatte weißes Haar und ein Gesicht voll Pockennarben; eine niedrige Stirn, und einen fetten Unterleib; der Körper stand auf schwächlichen Füßen. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen; er hatte Spirituosen genossen, das roch man von weitem, und kaute Tabak als er eintrat. — »Wie geht es?« fragte er, »ich habe eben gespeist,« setzte er hinzu und zündete sich eine Zigarre an, setzte sich nieder und kreuzte die Füße über einander. Ich wollte erst einen vertraulichen Ton mit ihm anschlagen, aber ich besann mich und fragte, wie er zu dem Briefe gekommen sei. — »Ich besaß das Vertrauen des Schreibers,« erwiderte er mir. —

»Außerdem,« setzte er hinzu. »wusste ich, seit meiner Kindheit überall meine Interessen im Auge zu behalten. « —

Ich machte ihm einige Komplimente, aber sie schienen keinen besonderen Eindruck auf ihn auszuüben. Dann suchte ich ihn für die Angelegenheit nachsichtiger zu machen, aber das war unnütze Mühe; endlich nahm ich zu dem letzten Mittel Zuflucht, ich fing an, ihm zu drohen.

»Bevor wir von dem Auszahlen des Geldes sprechen, muss ich mir doch erlauben, die ganze Angelegenheit vor Ihnen als Rechtsanwalt zu beleuchten. Sie wollen zunächst verhindern, dass die Hochzeit am Mittwoch stattfinde? Nun, ich setzte den Fall, ich hätte eine Magistrats-Vollmacht in meiner Tasche, Sie verhaften zu lassen? Ich setze den Fall, hier, im Nebenzimmer befände sich schon der Beamte, der Sie festnehmen sollte? Ich setzte den Feuer, ich ließe Sie nur einen Tag, nämlich den, an, welchem die Hochzeit stattfindet, des Verdachts der Gelderpressung schuldig, in Haft? Ich setze den Fall, ich bezeichnete Sie als einen verdächtigen Fremden? Wer würde für Sie hier Bürgschaft leisten? Ich setze —

»Halten Sie ein,« rief Davager. »Ich setze den Fall, ich wäre nicht der geriebene Davager der ich wirklich bin! Ich setze den Fall, ich hätte den Brief nicht bei mir, sondern hätte ihn einem Bekannten hier übergeben, mit der Weisung, wenn ich diesen Brief nicht vor Abend selbst zurück verlange, so möge er die Kopie desselben der Zeitung übergeben, eine zweite dem alten Gatliffe! Kurz, mein Verehrten ich setze den Fall, Sie sind noch ein großer Neuling auf diesem Gebiete!« Mit diesen Worten nickte er mir, maliziös lächelnd, zu.

Wir besprachen unsere Angelegenheit weiter und schließlich kamen wir dahin überein, dass ich ihm ein Dokument ausstellte. So klug er auch war, ließ er sich hierbei doch durch mich, den Neuling, überlisten. Denn es war nicht die Anweisung auf Geld, sondern nur auf Zeit. — Es lautete nur darüber, dass das Geld erst Dienstag Nachmittag nach 3 Uhr ausgezahlt werden sollte.

In dem Falle werde ich den Vormittag damit zubringen, sagte Davager, mir die Sehenswürdigkeiten hier in dieser Gegend zu betrachten. Er fragte mich dann nach den Merkwürdigkeiten und ich gab ihm auch genaue Auskunft über alles Sehenswerte Dann warf er seinen Kautabak in meinen Kamin, gähnte und ging auf und davon. Nachdem er am Fenster vorüber war, klingelte ich zwei Mal. Tom, mein gewandter Bursche, hatte mich verstanden und war bereits auf der andern Seite der Straße, und ich sah, wie er Mister Davager folgte.

In einer Viertelstunde kam er zurück mit dem Resultat seiner Forschungen. Mister Davager war bis zur Stadt hinausgegangen; in der Nähe seines Wirtshauses ging er auf einen Mann zu, der dort rauchend auf einer Bank saß. Dieser fragte: »Ist Alles in Ordnung?« und gab Mister Davager einen Brief. Davager antwortete kurz: »Es ist Alles in Ordnung!« Dann gingen beide ins Wirtshaus

Tom folgte ihnen auch noch bis zu dem Saal, wo er hörte, dass Davager Grog, Zigarren und seine Hausschuhe auf sein Wohnzimmer zu bringen befahl, auch verlangte er, dass eingeheizt werde, dann begab er sich die Treppe hinauf und Tom ging nach Hause. Jetzt hatte ich meinen Entschluss gefasst, da ich wusste, dass der wertvolle Brief im Gasthofe zum Gatliffe Arm in Sicherheit war.

Ich schickte Tom wieder zu dem Gasthofe zurück und befahl ihm, dort zu wachen ob Mister Davager noch einmal ausgehen werde. Ich gab ihm sogar die Erlaubnis, zu dem Totenbäcker zu gehen und sich in seinem Laden gütlich zu tun, nur müsse er stets aus dem Laden die Tür des Wirtshauses im Auge behalten.

Auch hatte ich ihm ein Briefchen für das erste Stubenmädchen des Gasthofes, die eine alte Bekanntschaft von mir war, mitgegeben, worin ich sie bat, mich gegen Abend zu erwarten, da ich mit ihr eine Kleinigkeit besprechen wollte. — Nachdem ich alle diese Dinge besorgt hatte, stärkte ich mich noch durch etwas Speise und Trank und fühlte mich durch und durch behaglich. Das Stubenmädchen kam, wie ich gewünscht hatte, und auf gut Glück fing ich, nach einigen andern Scherzen an, sie mit Mister Davager zu necken. Ich fragte sie, ob der schöne Mister sie nicht um ein Küsschen gebracht habe? Sie erging sich, ganz entrüstet in Scheltworten über den hässlichen, gemein aussehenden Davager, und als ich ihr nun sagte, dass dieser Mensch eine schöne, junge und liebenswürdige Dame, deren Namen ich ihr natürlich verschwieg, in ihrem Liebesglück, durch schändliche Verrätherei stören wolle, war das Mädchen gleich bereit, hilfreiche Hand zu leisten, wenn es möglich wäre. Ich sagte ihr, der einzige Weg wäre, sich das Dokument, womit der Verrat bestätigt werden sollte, anzueignen, und schlug vor, dass wir morgen die Kleidertaschen von Mister Davager untersuchen wollten, wenn dieselben zum Reinigen gegeben würden, vorausgesetzt, dass die Taschen früher nicht schon geleert wären; Boots, der Hausknecht, konnte sich ja damit entschuldigen, er habe die Taschen vor dem Ausbürsten der Kleider auszuleeren vergessen. Boots war nämlich der Liebhaber des Stubenmädchens und lag so in ihren Fesseln, dass er blindlings folgte. Sollte nun aber Mister Davager seine Taschen früher schon selbst geleert haben, so mussten wir Gelegenheit suchen, das Dokument aus seinem Zimmer zu nehmen.

Später kam mein Tom nach Hause und berichtete dass das Wirtshaus bereits geschlossen sei. Mister Davager Niemand mehr empfangen habe und dass er ziemlich betrunken zu Bette gegangen sei. Der Bursche schlief die halbe Nacht nicht; ich hörte ihn fortwährend in seinem Zimmer umherlaufen, das kommt davon, wenn man sich den Magen mit Torten überladet.

Am nächsten Morgen um halb Acht ging ich zu dem Wirtshaus und schlich mich in das Kämmerchen, wo Boots die Kleider reinigen musste

Die Kleider kamen, aber die Hosen waren ganz ohne Taschen. Die Westentaschen leer. Die Rocktaschen enthielten das Schnupftuch, ein Schlüsselbund, Zigarren und ein Notizbuch. Das Buch öffnete ich natürlich heftig. In demselben fanden sich jedoch nur einige Zeitungsnotizen und eine alte Haarlocke, einige Geschäftsbriefe und andere unbedeutende Dinge. Auf den Blättern des Buches standen verschiedene Adressen, eine quer und mit roter Tinte geschrieben: fünf der Länge nach, vier Kreuzweise.

Ich verstand alles Übrige, nur diese Worte waren mir unklar, deshalb notierte ich sie mir. Dann trug Boots die Kleider hinauf und ich wartete noch, um zu hören, was Mister Davager heute schon tat Boots kam wieder zurück und berichtete, dass Herr Davager sich nach dem Wetter erkundigt habe, dann hatte er für neun Uhr den Kaffee und für um zehn Uhr ein gesatteltes Pferd bestellt, welches ihn nach Grimwith Abtey bringen sollte. Es ist dies einer der schönsten Punkte unserer Umgegend und eine der Stellen, welche ich ihn am Abende zuvor als besuchenswerth empfohlen hatte. »Ich werde um halb Elf hier zurückkommen,« sagte ich zu dem Stubenmädchen und ging nach Hause.

»Warum?« fragte sie.

»Ich werde heute an Ihrer Stelle das Bett von Mister Davager machen,« sagte ich lachend, und fügte hinzu, »dann bestellen Sie wohl auch, dass der flinke Sam gesattelt werde; denn Tom bedarf der Erholung nach seinen Arbeiten bei dem Totenbäcker; er wird auch ein Wenig nach Grimwith Abtey reiten; auch bitte ich noch, dass Sie meinen braven Tom, hier von diesem Fenster aus die Treppen beobachten lassen, bis Mister Davager fort ist, er wird Boots bei dem Stiefel putzen helfen —.«

»Das soll Alles pünktlich ausgeführt werden,« sagte das Haupt-Stubenmädchen des Hauses, »denn ich hasse diesen abscheulichen Davager und bin Ihnen dankbar, dass ich helfen darf, seine schlechten Pläne zu zerstören.«

Mit dem Brief konnte, meiner Ansicht nach, folgendes geschehen erstlich konnte Davager ihn seinem Freunde übergeben, diesen sah dann Tom von seinem Beobachtungsposten aus. Sollte er ihn dem Freunde nach zehn Uhr übergeben wollen, so war ihm ja Tom wieder auf den Fersen, sollte er ihn aber ja zu Hause lassen, so würde ich ihn selbst, mit Hilfe meiner Bundesgenossin sicher finden. Es störten mich nur die Kürze der Zeit, welche mir zu meinen Operationen blieb und dann die beiden Notizen, welche ich aus dem Taschenbuch Davagers genommen hatte. »Fünf der Länge nach, vier Kreuzweise,« das wollte mir nicht aus dem Kopfe. Ich stellte noch lange Reflexionen über diese sonderbare Notiz an, ohne zu einem Resultat zu gelangen; später als ich, kam Tom mit der Nachricht nach Hause, dass Niemand zu Davager gekommen sei. Ich schickte den Burschen wieder fort, den Ritt zu unternehmen; schrieb dann noch einen flüchtigen Brief an Frank, dass er hoffen möge, und ging dann wieder in den Gasthof, wo das Nest auch schon leer war. Ich begab mich, ohne gesehen zu werden, in Davagers Zimmer und riegelte schnell hinter mir zu.

Ich war nur besorgt, dass er den Brief mitgenommen haben würde, denn alle Schränke und Kasten standen offen; hier war also wenig zu hoffen.

Mister Davager hatte eines der besten Zimmer des Hotels genommen.

Der Fußboden war mit Teppichen belegt, die Wände schön tapeziert, das Meublement war sehr elegant und ein hübsches Gardinenbett machte den Raum recht behaglich aussehend. »Fünf lang, vier kreuzweise,« sagte ich, und durchmaß das Zimmer. Eine ganze Stunde suchte ich vergeblich in dem Zimmer umher; ich ließ kein Stück unberührt, aber ich fand weder den Brief, noch Etwas was sich auf die Notiz: »fünf der Länge nach und vier kreuzweise« beziehen konnte.

Ich hatte Alles! Alles! untersucht und Nichts gefunden! Hatte die Vorhänge des Bettes, die Tapeten, wie gesagt, Alles untersucht! Verzweiflungsvoll starrten meine Augen auf den einst gewiss sehr hübsch gewesenen Teppich, den hatte ich noch nicht untersucht, doch was sollte der verbergen? Wie der arme Teppich stufenweise herabgekommen sein mochte? Erst lag er gewiss in einem hübschen Empfangssalon, dann in einem Speisezimmer und nun bedeckte er den Fußboden eines Schlafzimmers in einem Gasthofe. Ich kniete nieder zu dem alten Teppich und ließ meine prüfenden Finger über die verblichenen Rosen und Blätter streifen, und berührte auch die braune Grundfarbe; da bemerkte ich mit einem Male einen etwa zolllangen Schlitz in dem Teppiche, an welchem ein brauner Faden hing, von derselben Farbe wie der Grund des Teppichs; gerade als ich diese Entdeckung machte, hörte ich draußen Fußtritte.

Es war das Stubenmädchen.

»Haben Sie noch nicht Ihre Untersuchungen beendet?« fragte sie ängstlich.

»Nein, Teuerste,« entgegnete ich, »schenken Sie mir nur noch zwei Minuten und lassen Sie Niemand hier herein.«

Ich nahm den Faden und zog daran, da hörte ich Etwas rascheln, ich zog weiter und es kam ein zusammengerolltes Stückchen Papier zum Vorschein. Ich entrollte es. Heiliger Himmel, es war der Brief!

Es war der Originalbrief, die gelb gewordene Tinte zeigte es klar und deutlich. Dieser Brief wog für mich 500 Pfund! Ich war so lustig, dass ich meinen Hut hätte in die Luft werfen und laut aufschreien mögen, und ich hatte einige Minuten nötig, um meine Selbstbeherrschung wieder zu finden.

Ich riss ein Blatt Papier aus meinem Notizbuch und schrieb mit meinem Bleistifte darauf: »Gewechselt gegen eine Note von 500 Pfund!« Dann rollte ich das Blatt zusammen, band es an den braunen Faden und schob es, boshaft lachend, wieder in die Spalte des Teppichs. Jetzt machte ich mich auf zu Mister Frank, übergab ihm den Brief, und dieser lief damit zu seiner Braut; die junge Dame bestätigte zuerst seine Echtheit und warf ihn dann in das Feuer. Sie versicherte ihrem Geliebten, dass nun erst ihr Glück beginne, dann stürzte sie in seine Arme und drückte ihn an ihr Herz mit dem Gefühle wahrhafter Ruhe und Freude; so erzählte mir Mister Frank. Am Mittwoch wohnte ich der Hochzeit bei und dann ging das junge Paar auf Reisen und ich legte mein erstes Geld in der öffentlichen Bank an, nämlich die leicht verdienten 500 Pfund. Von Mister Davager weiß ich nichts mehr zu berichten, als dass seine Anwesenheit hier gewiss nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Mein ehrenwerter Tom hatte auf seinem Ritt nichts Verdächtiges an Mister Davager bemerkt. Bei dem Wirtshaus hatte er dann jenen Freund gesprochen und ihm etwas eingehändigt, es war dies wahrscheinlich die Anweisung wo der Brief zu finden sei, falls Davager unangenehmen Zwischenfällen in meinem Hause ausgesetzt sein sollte. Um zwei Uhr war er vor dem Wirtshaus abgestiegen. Um ein Halb drei Uhr verriegelte ich meine Tür und nagelte eine Karte mit der Aufschrift an: »Vor morgen nicht zu Hause.« Dann begab ich mich zu meinem Freunde, der eine Meile von hier entfernt wohnte und verlebte dort einen angenehmen Tag.

Mister Davager verließ die Stadt noch denselben Abend. Ich weiß nicht, ob er den Wechsel ausgab, den ich ihm in komischer Weise ausgestellt hatte. Ich sah den werten Mann nie wieder, seitdem ich ihn so ärgerte. Run, Mister Maler, jetzt ist mein Bericht zu Ende. Sie werden doch nicht noch behaupten wollen, dass es eine Erzählung war?« schloss der kleine boshafte Rechtsanwalt. »Jetzt lassen Sie mich sehen,« wie weit Sie mit meinem Bilde sind! Doch nehmen Sie sich in Acht! dass nichts daran verdorben ist, während Sie zuhörten, sonst bekommen Sie es mit dem Magistrat zu tun!«

Ich blieb ziemlich lange in dem Hause des Rechtsanwalts. Zuletzt wurde er unzufrieden damit, dass es nicht schneller ging. Die Stadt und ihr Rat waren jedoch sehr zufrieden gestellt mit meiner Arbeit, als sie vollendet war, nur Mister Boxsious meinte, das sei eine leichte Aufgabe, um zu gefallen! Er bestritt zwar nicht die Ähnlichkeit des Bildes, doch fand er, dass die Leinwand nicht genug bemalt sei für die Menge Geld, welches ich für die Arbeit erhalten hatte. Noch heutigen Tages bezeichnet er mich gewiss seinen Freunden als den Maler, welcher den Rat der Stadt betrogen hat, d.h. wenn er noch lebt! —



Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose

Einleitung

Es war ein trüber Tag für mich als ich erfuhr, das Mister Lanfray von Rockleigh, der Gesundheit seiner jüngsten Tochter wegen, von England nach dem Süden Frankreichs reisen wollte. Wer, wie ich, von Ort zu Ort zu reisen genötigt ist, macht wohl viel Bekanntschaften, erwirbt aber dabei wenig Freunde.

Mister Lanfray machte eine Ausnahme von der Regel, dass man Menschen steht und vergisst Ich habe in seinen Briefen an mich Beweise seiner freundlichen Erinnerung. Der letzte derselben erhielt eine Einladung für mich nach dem Süden Frankreichs zu kommen. Es wäre wohl eine angenehme Abwechselung für mich, wenn ich dort hin könnte, allein ich begnüge mich damit, seine Briefe zu lesen und versetze mich dadurch in die glücklicheren kommenden Tage meines Lebens, wo es mir doch vielleicht noch vergönnt sein möchte, dieser Einladung zu folgen.

Meine Einführung in das Haus des Edelmanns versprach keine besonders große Einnahme; ich war gebeten, das Bild der französischen Gouvernante, in Wasserfarben zu malen. Ich dachte, die Gouvernante verlässt gewiss die Familie, und ihre Zöglinge wollen ihr Bild zum Andenken behalten. Allein ich erfuhr, dass die älteste verheiratete Tochter mit ihrem Gemahl nach Indien gehen wollte, und dorthin beabsichtigte sie das Bildnis ihrer besten und teuersten Freundin mitzunehmen.

Die Gouvernante war eine alte Dame, welche Mister Lanfray, nach dem Tode seiner Gattin, aus Frankreich mit in sein Haus gebracht hatte. Die Kinder betrachteten die Dame wie ihre zweite Mutter, seit langen Jahren.

Ich begab mich also nach Rockleigh, oder an den »Platz«, wie die Bewohner rings umher Rockleigh nannten, und fand einen so freundlichen Empfang, als wäre ich ein Familienmitglied gewesen. Meine Ankunft fand Abends statt, aber trotzdem wurde ich doch noch den Töchtern des Hauses vorgestellt. Diese waren nicht nur drei elegante anziehende Frauen, sondern sie waren auch die schönsten Sujets zum Malen, besonders die junge Frau.

Ihr Gemahl fesselte mich nicht gleich, er erschien mir still und schweigsam.

Ich blickte mich nach der Gouvernante »Mademoiselle Clairfait« um, aber sie war nicht anwesend und ich erfuhr, dass sie die Abende gewöhnlich in ihrem eigenen Zimmer zuzubringen pflege.

Bei dem Kaffee suchte ich wieder vergeblich nach dem Original meines Zukunft-Bildes, aber die jungen Damen versicherten: »Mama wird schon erscheinen, denn sie macht besondere Toilette zu der Sitzung für Sie.« Dann kam auch bald die Nachricht, dass Mademoiselle bereit sei.

Niemals sah ich soviel Übereinstimmung des Alters mit der Toilette Mademoiselle war klein und mager. Der Teint weiß, die Haut voller Falten, ihre großen dunklen Augen glänzten jedoch noch mit jugendlichem Feuer. Die Augen überflogen alle Gegenstände mit einer solchen Schnelligkeit, dass man kaum anzunehmen geneigt war, das völlig ergraute Haar sei Eigentum des Kopfes; man hielt die ganze Erscheinung vielmehr für eine junge Dame die sich absichtlich für einen Maskenball kostümiert hatte. Sie trug ein silbergraues, glänzendes Seidenkleid, welches bei jeder Bewegung rauschte. Ihr Kopf, Hals und Brust waren mit einer zarten Spitze geschmückt, die hier und dort höchst malerisch befestigt war. An ihrem rechten Arm trug sie drei kleine Armbänder aus den Haaren ihrer Zöglinge, und an dem linken ein breites goldenes mit einem Miniaturgemälde darauf, in einer Kapsel. Ein dunkelrotes, mit Gold durchwirktes Flortuch war kokett über ihre Schultern geworfen; in der Hand hielt sie einen allerliebsten Fächer aus Federn.

Sie stellte sich mit einem freundlichen Lächeln selbst vor, dabei öffnete sie graziös den Fächer und füllte den Raum mit Wohlgerüchen an. Ich verlor vollständig den Mut, dass ich sie würde getreu malen können. Die schönsten Farben in meiner Schachtel waren nicht warm für das Gemälde, und ich fühlte mich selbst ihr gegenüber, ein ungewaschener, ungebürsteter Repräsentant meiner Kunst.

»Sagt mir, meine Engel,« hob sie in ihrem hübschen gebrochenen Englisch an, »bin ich nicht sehr hübsch eingerahmt? Verstehe ich es nicht, meine sechzig Jahre würdig zu repräsentieren? Was werden die Wilden in Indien zu meinem Bilde sagen, wenn mein Liebhaber das Gemälde präsentiert?«

»Und die Herren? Und die Künstler?«

»Ach! Das wird Sensation erregen!« .

»Finden Sie mich nicht hübsch von der Sohle bis zum Scheitel?«

Dann setzte sie sich in den Sessel und glich vollkommen einer jener Schönen aus Geßner’schen Idyllen.

Die jungen Damen lachten laut auf, und Mademoiselle stimmte lustig mit ein in die allgemeine Fröhlichkeit. Selten hat mich Jemand zum Malen so befriedigt durch Kleidung und Haltung, als jene alte prächtige Dame.

Als ich kaum begonnen hatte, sprang sie wieder von dem Stuhle auf und sagte: »O Himmel, was habe ich vergessen! Ich habe heute noch nicht daran gedacht, meine Engel zu umarmen;« damit ging sie zu den jungen Damen, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste sie schnell auf beide Wangen, viel schneller, als wenn eine englische Gouvernante bloß gesagt hätte: »Guten Morgen, meine Lieben, ich hoffe, Sie haben die Nacht gut geruht?« —

Dann ging sie zurück; aber als ich eben anfangen wollte, sprang sie noch ein Mal aus, ging zum Spiegel und sah, ob auch an ihrer hübschen Toilette nichts in Unordnung geraten sei.

Noch zweimal erhob sie sich, nachdem ich kaum angefangen hatte, zuletzt summte sie eine französische Melodie und spazierte dabei das Zimmer auf und ab.

Ich war mit meiner Weisheit zu Ende, wenn das so fortging, so war ans Malen nicht zu denken. Die jungen Damen schienen zu denken wie ich. — Sie umgaben die alte Dame und baten sie, sich nun ruhig zu verhalten. Sie schien überrascht, dass man sie für unruhig hielt, denn sie streckte ihre Hände aus und sagte: »Aber warum reden Sie mich denn an? Ich bin hier, ich bin bereit, ich bin ganz und gar zu Diensten des geschickten Künstlers? Warum reden Sie mich an?«

Um sie auf andere Gedanken zu bringen« fragte ich sie, ob sie ganz gemalt sein wollte, oder nur als Brustbild?

»Wenn ich Sie für den geübten Maler halten soll, für den man Sie hier empfahl,« sagte sie, »so können Sie doch nicht einen Zoll von meiner ganzen Gestalt fortlassen wollen?« Die Toilette war ihre Leidenschaft! Wenn ich also wollte, dass sie mit meinem Gemälde zufrieden sei, so durfte ich weder ihr Kleid, noch ihre Spitzen, nicht Fächer, Ringe, Juwelen, besonders aber nicht ihre Armbänder fortlassen. Ich war böse auf die Fülle der Arbeit, aber in der besten Absicht, denn ich hatte nur den Wunsch, das Original getreu zu copiren. Dann machte sie mich besonders auf das Miniaturbild aus dem Armbande aufmerksam, und sagte mir, dass dies das Gesicht ihres einzigen und besten Freundes darstelle, ich möge doch dieses schöne, ihr so teure Gesicht, getreu auf ihr eigenes Bild aufnehmen, wenn das möglich wäre.

Ich war etwas unwillig, dass sich meine Arbeit noch vergrößern sollte und dachte, das ist gewiss einer ihrer Liebhaber, der sie in ihrer Jugend täuschte und dann sitzen ließ. — Ich näherte mich ihr, um das Miniaturbild genau zu betrachten, war aber nicht wenig erstaunt, als ich ein sehr sorgfältig ausgeführtes Gemälde erblickte, welches das milde Gesicht einer schönen jungen blonden Frau zeigte, das an Lieblichkeit den Rafael’schen Madonnen glich.

Die alte Dame beobachtete den Eindruck, welchen das Bild aus mich machte und ich sagte: Welch ein schönes unschuldiges Gesicht!« Mademoiselle fuhr mit dem Taschentuch über das Bild und sprach: »Ich habe noch drei Engel, das tröstet mich über den Verlust des vierten, der nicht mehr ist.« Dann befühlte sie das Bildchen sanft und sagte wie zu sich selbst: »Schwester Rosa! Ich möchte das Bild deshalb mit auf meinem Gemälde haben, weil ich es stets trug, seit meiner Jugend, der Schwester Rosa wegen.«

Bei der alten Dame hatte ein so plötzlicher Übergang von Lustigkeit zur Traurigkeit stattgefunden, dass man es bei einer Dame einer andern Nation für theatralisch hätte halten können, aber bei ihr war dies ein ganz natürlicher Übergang Ich kehrte zu meiner Staffelei zurück und fragte mich: »Wer mag Schwester Rosa sein?« Eine Schwester der jungen Damen hier ist sie nicht, das sieht man an jedem Zuge des Gesichts.

Mademoiselle Clairfait saß eine halbe Stunde vollkommen ruhig, mit in einander geschlagenen Händen da, ihre Augen fest auf das Miniaturbild gerichtet. Diesen glücklichen Umstand benutzte ich nun, um die Umrisse des Kopfes zu zeichnen und die der ganzen Figur. Während ich nun recht fleißig im besten Zeichnen war, klopfte eine Dienerin an die Tür und meldete, dass das Frühstück aufgetragen sei.

Mademoiselle sprang auf und sagte: »Wie materiell sind wir doch, der Geist ist dem Magen dienstpflichtig. Meine Seele weilte bei zärtlichen Erinnerungen. Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Frühstück. Kommt, meine Kinder, gehen wir in den Garten!«

Die alte Dame verließ das Zimmer und ihre ehemaligen Zöglinge folgten ihr. Die älteste Schwester blieb etwas zurück und erinnerte mich, dass das Frühstück bereit stehe.

»Sie werden gewiss entsetzt sein,« sagte die junge Dame, »dass Mademoiselle so unruhig ist,« indem sie auf meinen Entwurf blickte; »aber in der letzten halben Stunde verhielt sie sich doch schon etwas ruhiger?«

»Ich glaube, dass das Miniaturbild mit seinen Erinnerungen das Wunder hervorgebracht hat,« antwortete ich lächelnd.

»Ja, so wie man sie an das Bild erinnert, ist sie gleich verändert: sie lässt dann die vergangene Zeit an sich vorübergehen, spricht von Schwester Rosa und von den Ereignissen der französischen Revolution, die sie mit erlebte. Es ist das Alles sehr interessant,« setzte die junge Dame hinzu.

»Schwester Rosa war sicher eine Freundin von Mademoiselle?« fragte ich.

»Ja, eine sehr heißgeliebte Freundin,« erhielt ich zur Antwort. »Mademoiselle Clairfait ist die Tochter eines Seidenhändlers, der einst zu Chalons-sur-Marne etabliert war. Ihr Vater gab einem alten Manne eine Wohnung, der der Schwester Rosa und ihrem Bruder während der Revolutionszeit viel Gutes erzeigt hatte, und dieser Umstand führte die Bekanntschaft zwischen Schwester Rosa und Mademoiselle herbei. Nachdem der Vater unserer guten alten Gouvernante Bankrott gemacht hatte und lange zuvor, ehe wir ihre Zöglinge wurden, lebten Rose, deren Bruder und Mademoiselle zusammen. Damals muss sie alle die interessanten Dinge gehört haben, welche sie mir und meinen Schwestern so oft erzählt hat.«

»Würden Sie vielleicht Mademoiselle dazu bewegen können, mir, während ich male, etwas über das Gemälde oder was mit ihm im Zusammenhang ist, zu erzählen?« fragte ich; »Denn nur so habe ich, wie ich bemerkte, Gelegenheit, das Fräulein zu fesseln.«

»O, das ist das Leichteste, wozu sie sich durch uns bewegen lässt,« sagte die junge Dame, »sie weilt so gern bei ihren Jugenderinnerungen. Ich freue mich, dass Sie auf die Idee gekommen sind. Doch jetzt gestatten Sie mir wohl auch, dass ich Ihnen den Weg zum Frühstückszimmer zeige?«

Die Aufforderung hatte den besten Erfolg. Ich teile auf den nächsten Seiten mit, was ich von Mademoiselle Clairfait vernahm.

Die beiden früheren Erzählungen gab ich mit den Worten des Erzählers wieder; allein bei den Eigentümlichkeiten des Fräuleins und mit Rücksicht auf die verschiedene Zeit, wo mir die Geschichte von Schwester Rosa mitgeteilt wurde, ziehe ich es vor, die Dame nicht selbstredend vorzuführen; ich werde die Geschichte in meiner Weise erzählen, ohne Etwas hinzuzufügen noch abzukürzen, nur will ich das Ganze verständlicher aneinander reihen, um den Leser noch mehr zu interessieren



Erster Teil

Erstes Kapitel

»Guten Abend, Wilhelm, was gibt es Neues?«

»Ich weiß weiter nichts, als dass Fräulein Rosa sich morgen verheiraten wird!«

»Ich bin in der Lage, diese Neuigkeit gerade so genau zu wissen, wie Sie, mein alter Freund, da ich der Diener des Bräutigams bin, der Morgen eine der beiden Hauptrollen in der Heiratscomödie übernehmen wird. Das war also nichts Neues! Da, schnupfen Sie einmal! Ich fragte nach öffentlichen Neuigkeiten, nicht aber nach denen der beiden Familien, deren Wohl wir zu fördern haben.«

»Ich verstehe Sie nicht, Justin, was Sie mit der Phrase »Wohl zu fördern« meinen? Ich bin nicht der Diener Ihrer Herrschaft, sondern diene allein Herrn Trudaine, der hier mit seiner Schwester, der Braut, lebt. Ihre alte Dame hat zwar die Heirat zwischen ihrem Sohne und meiner jungen Herrin zusammengebracht, aber deshalb interessiere ich mich doch nicht für sie. — Mit den öffentlichen Neuigkeiten befasse ich mich gar nicht, denn ich bin noch ein Bedienter aus der alten Schule, der sich an der Haushaltungs-Politik genügen lässt! Sagt Ihnen das nicht zu, Justin, so bedauere ich es, und wünsche »gute Nacht!«

»Verzeihen Sie, aber ich habe nicht den geringsten Respekt vor der alten Schule, in diesem Sinne, ich interessiere mich für das jetzt so bewegte öffentliche Leben. Sie, mein lieber Wilhelm, werden sich sicher auch bald ändern und zu unserer Fahne schwören! Doch, gute Nacht!«

Dieses Gespräch fand an einem warmen Sommerabende des Jahres 1789 statt. Die beiden Diener die es führten, standen vor der Hintertür eines kleinen Hauses, welches drei Meilen westlich von Rouen, an den Ufern der Seine, stand.

Der eine war ein alter, magerer, mürrisch aussehender Mann; der andere, ein wohlgenährter junger Mann, der in einer reichen Livree steckte. Die Tage der alten Epoche nahten sich schnell ihrem Ende, wie aus der Jahreszahl ersichtlich ist, aber Frau Danville liebte es, ihren Diener noch so gekleidet zu sehen, wie zur Zeit Louis XV.

Nachdem der alte Mann fortgegangen war, betrachtete Justin das kleine Häuschen, vor dem er stand, genauer. Nach den Fenstern zu urteilen, mochte es höchstens sechs bis acht Zimmer enthalten. Anstatt Stellungen und Nebengebäude zu finden, erblickte Justin nur ein Gewächshaus und an diesem war ein langer Raum von Holz gebaut. Eines der Fenster dieses saalartigen Raumes war offen, und Justin sah neugierig hinein und betrachtete mit etwas verächtlichen Blicken die verschiedenen Flaschen, Büchsen, farbige Flüssigkeiten und alle die Gerätschaften, welche in ein Laboratorium gehören; denn ein solches war es.

»Ich kann nicht begreifen, wie sich der Bruder »unser er Braut« hier unter diesen Tiegeln, Töpfen, Flaschen und Säften gefallen kann!« sagte Justin kopfschüttelnd. »Pfui!« setzte er hinzu, »ich rieche den Inhalt dieses Zimmers bis hier draußen heraus. Ich wünschte, »wir« wären nicht mit einem Apotheker verwandt geworden!«

Mit diesen Worten kehrte Justin dem Laboratorium verächtlich den Rücken und schlenderte zu dem Garten hinaus und einen Weg, der zu einer Anhöhe führte, weiter.

Oben angelangt, breitete sich die Seine mit ihren lieblichen grünen Inseln, die Ufer mit Bäumen und Häuschen besetzt, und kleine Boote, die auf der Seine schaukelten, vor seinen Blicken aus. Westlich von ihm waren alle Gegenstände mit dem Lichte der untergehenden Sonne bemalt, östlich lagerten sich lange Schatten, und er konnte die Türme und Häuser der Stadt Rouen von weitem sehen. Allein der schöne Sommerabend mit aller seiner Pracht, übte keinen Eindruck auf Justin aus; denn er stand da und hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und gähnte fort und fort. Endlich gewahrte er, dicht an dem Ufer der Seine, eine Bank, auf welcher eine ältere, eine jüngere Dame und ein Herr saßen, die den Sonnenuntergang zu betrachten schienen; nahe der Bank standen noch zwei andere Herren. Alle blickten dem scheidenden Tagesgestirn nach. Sie konnten Justin nicht bemerken, denn dieser stand weit hinter ihnen.

»Da sind sie wirklich noch Alle zusammen!« sagte der Diener unzufrieden. »Madame Danville sitzt noch an derselben Stelle, mein Herr, der Bräutigam, pflichtschuldig an ihrer Seite. Fräulein Rosa, die Braut, verschämt neben ihm, Herr Trudaine, der Apotheker, und Herr Lomaque, der wunderliche Verwalter, stehen daneben. Da sitzen sie nun und verbringen ihre Zeit mit Nichtstun!« Dann blickte er nach rechts und links, als wollte er Etwas erspähen, was die Aufmerksamkeit der Herrschaften wohl fesseln mochte, und setzte dann hinzu: »Hier gibt es doch wirklich rein Nichts zu sehen!«

Justin gähnte noch wiederholt und ging dann unbefriedigt nach dem Garten zurück, wo er auch bald seine Schlafstätte aufsuchte.

Hätte sich der Diener den fünf Personen genähert, oder hätte er sich die Mühe gegeben, sie mehr zu beobachten, so würde er bald bemerkt haben, dass sie nicht so unbefangen da saßen und standen, wie er anzunehmen geneigt war. Es schien sich ein drückendes Etwas über sie gelagert zu haben, welches sich in ihren Worten und Mienen ausdrückte.

Madame Danville, eine hübsche, reich gekleidete, alte Dame mit glänzenden Augen, sah nur so lange zufrieden aus, wie ihre Augen auf ihrem Sohne ruhten, wenn sie sich jedoch zur Braut wandte, so sah ihr Gesicht weniger freundlich aus, sprach sie aber zu dem Bruder der Braut, so wurde sie entschieden düster. Ihr Sohn schien ganz in Glück aufzugehen wenn er mit seiner Braut sprach; allein deren Bruder schien auf ihn denselben Eindruck zu machen, den seine Mutter empfand. Herr Lomaque, der Gutsverwalter, schien in seiner Ergebenheit für die Familie Danville, den Bruder der Braut fast gar nicht zu beachten, und sprach er ja einmal zu ihm, so sah er ihn nicht etwa an, sondern stach dabei mit seinem Stock in das Gras und blickte auf die Wirkungen der scharfen Spitze desselben.

Die Braut war ein hübsches, unschuldiges Wesen mit kindlichen Manieren. Sie sah fast traurig aus und zitterte ein Wenig, wenn ihr Bräutigam ihre Hand ergriff; ängstlich und oft streiften ihre Augen über das Gesicht ihres Bruders. Trotz des Zwanges der Alle ergriffen zu haben schien, bemerkte man doch nicht, wodurch derselbe eigentlich hervorgerufen war.

Louis Trudaine war ein sehr hübscher junger Mann, sein Gesichtsausdruck war ein sehr freundlicher, sein Wesen anziehend aber auch entschlossen. Gewöhnlich sprach er nur wenn er dazu aufgefordert wurde oder wenn er zu antworten hatte. Seine Stimme zeugte von großer Schwermut, und wenn er seine Schwester betrachtete, so lagerte sich tiefe Traurigkeit über sein hübsches Gesicht.

Die Sonne sank tiefer und tiefer, und die Unterhaltung dieser fünf Personen schien mit der Sonne aufhören zu wollen. — Nach längerem Schweigen war es der Bräutigam, der wieder zu sprechen begann:

»Meine liebe Rosa,« sagte er, »sieh’, ich halte diesen prächtig schönen Sonnenuntergang für ein gutes Omen zu unserer Hochzeit; wir werden morgen gutes Wetter haben!«

Die Braut lächelte und errötete

»Glaubst Du in der Tat an Vorbedeutungen, Charles?« fragte sie.

»Meine Liebe,« sagte die alte Dame, bevor noch ihr Sohn Zeit zum Antworten fand, »es ist dabei nichts zu lachen, wenn Charles an Vorbedeutungen glaubt. Du wirst das von ihm selbst hören, wenn Du erst seine Frau sein wirst, und wenn ihr mit einander vertraulicher plaudern werdet. Alles was er ausspricht, ist so wohl begründet, dass ich auch sofort sogar an Vorbedeutungen glauben würde, wenn er den Ausspruch tun würde, dass man daran glauben darf.«

»Ich bitte um Verzeihung, Madame,« sagte Rose, »ich meinte nur —«

»Mein liebes Kind, kennst Du mich so wenig, dass Du annimmst, ich sei beleidigt?«

»Lass Rosa sprechen!« sagte der junge Mann und wandte sich mit diesen Worten zu seiner Mutter, wie ein schmollendes Kind. Die Mutter hatte ihren Sohn bis dahin sehr zärtlich betrachtet, aber jetzt kehrte sie sich unzufrieden ab, zögerte einen Augenblick und flüsterte ihm dann zu: »Tadelst Du mich, dass ich möchte, Du sollst ihr noch werter werden?«

Der Sohn schien aber wenig Notiz von ihren Worten zu nehmen und wiederholte nur: »Lass Rosa sprechen!«

»Ich habe wirklich nichts zu sagen!« entgegnete das junge Mädchen verwirrt.

»O ja, Du wolltest sprechen!«

Während ihr Bräutigam die letzten Worte aussprach, klang feine Stimme so schneidend, dass seine Mutter leise seinen Arm berührte und flüsterte: »Still!«

Die beiden andern Herren sahen unwillkürlich die Braut an, als ihr Bräutigam in diesem Tone sprach. Sie schien erschrocken, aber nicht erzürnt zu sein. Über die Lippen des Verwalters glitt ein seltsames Lächeln, und er bohrte abermals ein großes Loch mit seinem spitzen Stock in die Erde.

Trudaine, der Bruder der Braut seufzte und ging dabei einige Schritte auf und ab, dann schien er sprechen zu wollen; aber Danville unterbrach ihn.

»Verzeihe, meine liebe Rosa,« sagte er, »ich bin so eifersüchtig auf jede Aufmerksamkeit, die auf Dich gerichtet ist, dass ich oft um Kleinigkeiten erzürnt erscheine.«

Dabei küsste er ihre Hand mit großer Zärtlichkeit, aber in seinen Augen lag doch Etwas, was mit seinen Worten in direktem Widerspruch stand. Diese Gegensätze bemerkte jedoch nur Lomaque, der mit einem besonderen Lächeln den Stock noch tiefer in die Erde grub.

»Ich glaube, Herr Trudaine wollte sprechen,« sagte Frau Danville, »vielleicht teilt er uns jetzt mit, was er vorhin sagen wollte.«

»Nein, Madame,« entgegnete Trudaine höflich. »Ich wollte weiter nichts sagen, als dass ich es war, der Rosa gelehrt hat, über Leute zu lachen, die an Vorbedeutungen glauben.«

»Sie verlachen den Aberglauben?« fragte Danville und kehrte sich nach Trudaine um, »Sie, welcher den Kultus der Chemie ausübt? Sie, der Sie sich ein Laboratorium erbaut, um nach dem Wasser des Lebens zu suchen? Auf mein Ehrenwort, Sie setzen mich durch Ihre Ungläubigkeit in Erstaunen!«

Es lag eine höfliche Ironie in Danville’s Worten.

Der Verwalter wie seine Mutter schienen ihn unterbrechen zu wollen. Die Mutter bat leise: »Sei vorsichtig!« Und der Verwalter ließ plötzlich die Grube im Stich, die er mit seinem Stocke gemacht hatte.

Rosa hatte nichts von dem Allen bemerkt, sie blickte nach ihrem Bruder und schien auf seine Antwort gespannt zu sein. Er nickte ihr freundlich zu, bevor er sich zu Herrn Danville wandte.

»Sie haben gewiss keine richtigen Ideen von der Chemie?« fragte er, »haben wenig Gelegenheit gehabt, die geheimen Künste, wie Sie sie bezeichnen, näher kennen zu lernen. Es gibt kein anderes Lebens-Elexir, als ein gesundes Herz und ein zufriedener Geist. Beides habe ich bereits seit Jahren gefunden, und zwar seitdem ich mit meiner Schwester Rosa in jenes kleine Häuschen dort unten einzog.«

Er sprach mit einer so traurigen Stimme, die seine Schwester sehr wohl verstand. — Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie ging zu ihrem Bruder, ergriff seine Hand und sagte: »Louis, Du sprichst ja, als solltest Du Deine Schwester verlieren?« dann hielt sie plötzlich ein, denn ihre Lippen fingen an zu zittern. —

»Er ist eifersüchtiger denn je, dass Du ihm die Schwester nimmst,« sagte Frau Danville leise zu ihrem Sohne.

»Sei still und tue, als ob Du es nicht bemerkst,« setzte sie hinzu, als sie sah, dass er aufstand und Trudaine mit unverhehltem Ärger ins Gesicht blickte. Bevor er zu Trudaine ein Wort sagen konnte, kam der alte Wilhelm und meldete, dass der Kaffee bereitet sei. — Madame Danville nahm den Arm ihres Sohnes, der Rosa den andern freundlich bot, diese sagte: »Ich bin erstaunt darüber, Charles, wie Dein Arm zittert und Dein Gesicht glüht?« — Er lächelte und antwortete: »Rosa, kannst Du nicht erraten warum? — Ich denke an morgen!«

Gerade als er diese Worte aussprach, ging er bei dem Verwalter vorüber, der seinen Stock noch immer als Erdbohrer gebrauchte und der wieder eigentümlich lachte, als er Danville’s Worte vernahm.

»Wollen Sie nicht auch mit uns gehen und Kaffee trinken?« fragte Trudaine den Verwalter, indem er dessen Arm berührte.

Herr Lomaque blickte empor, ließ seinen Stock in der Erde und sagte: »Tausend Dank, mein Herr! Ist es erlaubt, mit zu gehen?«

»Sie denken wohl wie ich? Die Schönheit des Abends ladet Vielmehr ein, hier draußen zu bleiben.«

»Ja, die Schönheiten der Natur entzücken mich auch,« sagte Lomaque und legte dabei die linke Hand auf die Brust, während die rechte wieder den Stock zu drehen begann und ihn aus dem Grase zog. — Aber Lomaque hatte sich, trotz seiner Beteuerung, gerade so wenig um die schöne Abendlandschaft bekümmert, wie Justin. —

Sie setzten sich beide auf die leer gewordene Bank und dann folgte eine Pause in der Unterhaltung. Der stets den Untergebenen spielende Verwalter war viel zu artig und demütig, um ein Gespräch zu beginnen. Trudaine dagegen war mit seinen eigenen Gedanken vollkommen beschäftigt. Allein für lange Zeit konnte man doch nicht so stumm neben einander sitzen, und so sagte denn Trudaine endlich: »Ich bedauere recht, dass wir nicht mehr Gelegenheit haben werden, die hier begonnene Bekanntschaft fortzusetzen.«

»Ja,« erwiderte Lomaque, »und ich bin Madame Danville sehr verbunden, dass sie mich von ihres Sohnes Landsitz, bei Lyon, hier her mitnahm und mir dadurch die Ehre bereitete, mich hier eingeführt zu sehen.«

Lomaque’s Augen zwinkerten freundlich bei dieser höflichen Phrase. Seine Feinde behaupteten zwar, dass er stets mit den Augen zwinkere, wenn er am unaufrichtigsten sei.

»Ich war erfreut, als ich heute hörte, wie Sie bei dem Mittagsessen den Namen meines Vaters nannten, kannten Sie ihn vielleicht?« fragte Trudaine.

»Ich bin Ihrem Herrn Vater, indirekt, sehr verpflichtet,« antwortete der Gutsverwalter, »für meine gegenwärtige Stellung. Ich war einst in der Lage, Fürsprache zu gebrauchen, als ich am Rande zu Armut und Untergang stand, diese Fürsprache hat Ihr Vater für mich getan — Dann bin ich meinen eigenen Weg gegangen, bis ich endlich das Glück hatte, bei Herrn Danville als Verwalter angestellt zu werden.«

»Entschuldigen Sie,« fragte Trudaine, »mich wundert, dass Sie Ihre gegenwärtige Lage so ehrenvoll finden; mich dünkt, Ihr Herr Vater war ein Kaufmann, wie der des Herrn Danville, nur mit dem Unterschiede, dass der Ihrige zu Grunde ging, während der andere sich Reichtümer erwarb?«

»So ist es! Aber haben Sie denn nie gehört, dass Madame Danville von einer sehr hohen Familie abstammt?« fragte Lamaque ängstlich. »Hat Sie es Ihnen denn niemals erzählt, dass sie den Titel ihm Familie, der in der männlichen Linie erloschen ist, auf ihren Sohn übertragen möchte?«

»Ja,« antwortete Trudaine, »aber ich lege auf solche Dinge keinen Wert, darum vergaß ich es auch fast. Sie leben schon seit vielen Jahren in den Diensten Danville’s; bitte, sagen Sie mir doch, haben Sie einen gütigen Herrn an ihm?«

Lomaque’s Lippen schlossen sich mit einem Male so fest, als wenn er die Absicht habe, sie nie mehr zu öffnen. Er bückte sich tief nach vorn über, — «

Trudaine wartete, aber Lomaque bückte sich noch tiefer mit dem Gesicht, als suche er Etwas, dann sah er seinen Gastfreund an und zwinkerte wieder heftig mit den Augen, danach sagte er: »Es scheint, Sie haben ein ganz besonderes Interesse dabei, diese Frage aufrichtig beantwortet zu haben?«

»Gewiss,« entgegnete Trudaine, »das heiligste Interesse, denn es betrifft ja auch das zukünftige Glück meiner Schwester, ob Herr Danville ein guter freundlicher Mensch ist. Ich muss gestehen, als ich hörte, dass die Bewerbungen Danville’s von meiner Schwester gern entgegengenommen wurden, wagte ich es nicht, viel dagegen zu sprechen, obgleich mein Herz nicht ganz für Danville war; ja, ich war sogar recht ängstlich besorgt für ihre Zukunft.«

Lomaque hatte bisher sehr aufmerksam zugehört, dann aber schlug er seine Hände zusammen und sagte: »Sie waren ängstlich? Ängstlich, dass ein außerordentlich hübscher und gebildeter junger Mann von Ihrem Fräulein Schwester geliebt wird? Ängstlich, dass ein solcher Tänzer, Sänger, kurz, ein so mit allen Vorzügen des gesellschaftlichen Lebens ausgestatteter feiner Salonheld das Herz Ihres Schwesterchens eroberte? O Herr Trudaine, verehrter Herr Trudaine, wie können Sie dabei nur einen Augenblick ängstlich sein?«

Mit diesen Worten figurierte Lomaque so stark mit seinen Händen, als erwarte er, das ganze Universum sollte ihm für sein Lob Beifall spenden.

»Nun,« entgegnete Trudaine, »so wünsche ich nur, dass meine arme Rosa sich nicht getäuscht haben mag! Ich will mich gern geirrt haben und will die Bemerkungen, welche ich machte, zu vergessen suchen.«

»Ach,« sagte Lomaque, »ein junger Mann, der, wie Danville, reich und verwöhnt ist von Jugend auf, der hat wohl zuweilen Launen, das ist ganz richtig!«

»Ich bin es mir selbst nicht recht bewusst,« sagte Trudaine, »aber ich habe seit dem Anfange der Bekanntschaft Ihres Herren mit meiner Schwester stets einen seltsamen Eindruck empfunden, wenn ich mit ihm zusammen war. Es war mir, als seien seine Gefühle für meine Schwester nicht aufrichtig, und heute, am Vorabende der Hochzeit, ergreift mich dieses Gefühl mehr denn je. Lange geheime Zweifel, Leiden und Verdacht entringen mir fest unwillkürlich dies Geständnis Sie, Herr Lomaque, haben lange Zeit mit dem zukünftigen Gemahl meiner Schwester unter einem Dach gelebt, Sie haben Gelegenheit gehabt, ihn in bewachten und unbewachten Stunden zu beobachten, ich bitte Sie flehentlich, sagen Sie mir, dass ich mich in Ihrem Herren getäuscht habe, sagen Sie mir, wenn Sie es können, dass meine Schwester durch ihre Heirat mit diesem Manne, soweit voraussichtlich, glücklich werden wird! Hier haben Sie meine Hand, betrachten Sie mich als Ihren Freund!«

Merkwürdiger Weise war Herr Lomaque so in seine Naturbetrachtung versunken, dass er die dargebotene Hand nicht einmal bemerkte, aber er sagte: »Wirklich, Herr Trudaine, wirklich, Ihre Frage setzt mich derartig in Erstaunen, dass —« er stockte und schwieg.

»Als wir uns hier niedersetzten,« sagte Trudaine, »hatte ich auch durchaus nicht die Absicht, Sie so zu fragen, wies ich dies jetzt tat, meine Fragen sind mir fast unwillkürlich entschlüpft und ich sprach fast gedankenlos. Entschuldigen Sie! Ich bin daran gewöhnt, offen zu sprechen, seitdem ich hier mit meiner Schwester lebe. Vater, Mutter und Geschwister sind uns genommen, meine Schwester und ich lebten hier ziemlich ruhig und glücklich zusammen; ich betrachtete mich eher als den Vater wie als Bruder meiner Schwester, da ich so viel älter bin als sie. Mein ganzes Leben, meine teuersten Hoffnungen, meine höchsten Erwartungen waren mit den ihrigen eng verbunden. Kaum war ich den Knabenjahren entwachsen, als meine Mutter die Hand meiner kleinen Schwester in die meinige legte und sagte: »Louis, sei Deiner kleinen Schwester Alles, was ich ihr war, sie hat nur noch Dich auf Erden!« Dann starb die Gute.

»Seitdem habe ich nur meiner Schwester gelebt. Schwester Rosa, wie ich sie stets nannte und nennen werde, war das einzige Glück meines Lebens, sie war mein Trost in Leid; kurz, mein einziger kostbarer Schatz. Ich lebte in diesem kleinen stillen Hause, wie in einem Paradiese, weil meine unschuldige, liebe und gute Schwester Rosa in meiner Nähe war. Nun kommt der Gemahl ihrer Wahl und entzieht sie mir. Ah, man muss fühlen, wie ich fühle, fürchten, wie ich fürchte, nur dann kann man beurteilen, was ich am Vorabende ihrer Verheiratung empfinde. Nachdem ich Ihnen dies nun Alles mitgeteilt, mein Herr, werden Sie sich vielleicht nicht mehr über meine Frage wundern. Sprechen Sie nun, wenn Sie wollen, ich habe nichts mehr hinzuzufügen.« Er seufzte bitterlich, ließ seinen Kopf auf die Brust sinken und die Hand, welche er Lomaque hingereicht hatte, fiel schlaff an seine Seite nieder.

Der Gutsverwalter war kein Mann des Zögerns, aber hier zögerte er doch; dann sagte er: »Nehmen wir an, dass Sie ihm Unrecht tun, würde das Zeugnis, welches ich abgeben könnte, wirklich stark genug sein. Ihre Annahme zu erschüttern, da sich der Verdacht gegen meinen Herren bei Ihnen nach und nach noch mehr befestigt hat? Nehmen wir an, mein Herr hätte wirklich — Lomaque zögerte — hätte wirklich seine kleinen Schwächen, das heißt, vergessen Sie nicht, ich stelle nur Hypothesen auf, und nehmen wir an, ich beobachtete dieselben und wäre geneigt, sie Ihnen mitzuteilen, welchen Zweck könnte das jetzt in den letzten Stunden vor der Hochzeit haben? Nun —«

Trudaine blickte plötzlich auf und sagte, »Sie haben Recht, Herr Lomaque, es ist zu spät, sich auf Andere zu verlassen, zu spät, um die Angelegenheit zu ändern. Meine Schwester hat gewählt und über den Gegenstand ihrer Wahl werden meine Lippen fortan schweigen. Die Zukunft mag Gott schützen. Was auch immer kommen mag, ich werde es männlich zu tragen wissen. Ich bitte Sie nun um Verzeihung! Herr Lomaque, denn ich fühle, ich hatte kein Recht zu fragen. Kommen Sie mit mir zu dem Hause zurück; ich werde Ihnen den Weg dahin zeigen.«

Lomaque’s Lippen öffneten sich zum Sprechen, allein er besann sich, verneigte sich und stand auf, um der Einladung zu folgen.

Trudaine legte den Weg schweigend zurück und der Verwalter folgte ihm in der Entfernung von einigen Schritten und flüsterte zu sich selbst: »Sein Vater war mein Erretter! — Hier bin ich nun? — Doch es ist zu spät zum Sprechen, zu spät zum Handeln, zu spät für jede Unternehmung in dieser Angelegenheit!« —

Nahe bei dem Hause begegneten sie dem alten Bedienten, welcher sagte, dass seine junge Herrin ihn eben nach den beiden Herren ausgeschickt habe, sie zum Kaffee zu holen, »und,« setzte er hinzu: »Fräulein Rosa hat den beiden Herren ihren Kaffee warm gestellt.« —

»Was?« sagte der Gutsverwalten »Fräulein Rosa hat sich die Mühe genommen, auch an mich zu denken?« Der alte Bediente blickte ihn verwundert an und selbst Trudaine blieb stehen, sah sich um und sagte: »Was ist denn da zu verwundern, meine Schwester ist stets aufmerksam auf die Bequemlichkeit und Genüsse Anderer.«

»Entschuldigen Sie mich, Herr Trudaine,« erwiderte Lomaque, »Sie haben ein ganz anderes Leben geführt als ich, sind nicht ein überall übersehener und vergessenen alter Mann, man hat Sie in der Welt aufmerksam behandelt, so ging es mir nicht! Es ist das erste Mal, dass eine junge feine Dame an mich denkt, dies erklärt wohl meine Überraschung!«

Trudaine machte keine weiteren Bemerkungen zu dieser Erklärung. Er wunderte sich nur ein Wenig, wunderte sich aber nach mehr, als er sah, wie Lomaque, als sie in das Zimmer traten, auf seine Schwester zu ging und sich für den aufgehobenen Kaffee bedankte, während Danville bei der Harfe beschäftigt war, ein Lied zu intonieren Rosa schien überrascht und hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht für feinen Dank, so natürlich fand sie das, was sie getan hatte. Madame Danville saß an ihrer Seite und berührte den Arm des Verwalters mit ihrem Fächer.

»Schweigen Sie doch, mein Sohn wird singen!« sagte sie.

Lomaque machte eine tiefe Verbeugung, zog sich in eine Ecke zurück und fing an, die Zeitung zu lesen. Wenn Madame Danville das Gesicht Lomaque’s beobachtet hätte, als er sie verließ, mochte sie wohl in ihrem aristokratischen Stolze stark gekränkt gewesen sein.—

Danville hatte den Gesang beendet und stand nun neben seiner Braut und flüsterte mit ihr; Madame Danville warf dann und wann ein Wort dazwischen; Trudaine saß und las in einem Briefe, welchen er aus seiner Tasche gezogen hatte, als Lomaque, der noch immer über den Zeitungen saß, einen Ausruf der Verwunderung hören ließ.

Aller Augen richteten sich auf ihn. »Was gibt es?« fragte Danville ungeduldig.

»Werde ich Sie vielleicht stören, wenn ich erkläre?« fragte Lomaque, zu der alten Dame gewendet.

»Sie haben uns schon gestört,« antwortete diese, »Was haben Sie also?«

»Es ist eine Stelle über eine Wissenschaft, die mir stets ein reges Interesse verursachte,« sagte Lomaque »und die noch besonders dazu geeignet ist, Jeden der hier Anwesenden zu interessieren « Und er las:

»Akademie der Wissenschaften zu Paris.

»Die unbesetzt gewesene Stelle eines Professors der Chemie ist zu unserer Freude einem Manne zu Teil geworden, dessen bescheidene Zurückgezogenheit daran Schuld ist, dass die Welt seine Verdienste noch nicht allgemeiner kennt. Den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften ist er indes schon lange als der Verbesserer der merkwürdigsten Erzeugnisse der Chemie vorteilhaft bekannt. Kein Mann ist mehr geeignet, alles Dasjenige zu erfüllen, was eine so hervorragende und bedeutende Stellung wie diese, erfordert als der ernannte Herr — Louis Trudaine.«

Bevor Lomaque beobachten konnte, welchen Eindruck die Zeitungsnachricht auf die Anwesenden hervorgebracht hatte, war Rosa ausgestanden und küsste ihren Bruder herzlich ab.

»Teurer Louis,« rief sie aus, »lass mich die Erste sein, die Dir zu diesem Posten gratuliert! Wie stolz und erfreut bin ich über diese Nachricht! Du nimmst doch die Professur an?«

Trudaine hatte den Brief, den er gerade las, schnell in seine Tasche gesteckt und indem er die Hand seiner Schwester in die seinige nahm sagte er: »Ich habe es mir noch nicht überlegt, Schwester Rosa, frage mich jetzt noch nicht danach.« Und eine plötzliche Traurigkeit zog über sein Gesicht, als er seine Schwester wieder zu ihrem Stuhl zurück geführt hatte.

»Bitte, ist eine Professor-stelle geeignet, gut davon zu leben, z.B. wie ein Edelmann?« fragte Madame Danville, ohne ein besonderes Interesse für diese Nachricht an den Tag zu legen.

»Gut nicht,« erwiderte ihr Sohn, sarkastisch lachend. »Ein solcher Professor muss arbeiten und sich nützlich zu machen suchen, welcher Edelmann gibt sich dazu her?«

»Charles,« rief die alte Dame verweisend aus.

»Bah!« antwortete ihr Sohn und drehte ihr den Rücken. »Doch genug von der Chemie! Da Sie einmal angefangen haben zu lesen, Lomaque, was gibt es denn Neues von Paris? Sind keine Nachrichten über die Revolution darin?«

Lomaque wendete das Zeitungsblatt um. »Schlechte, sehr schlechte Nachrichten sind darin! Man kann die Ruhe nicht wieder herstellen,« sagte er. »Necker, der Volksminister ist abgesetzt. An allen Ecken von Paris sind Plakate, welche die Volksversammlungen verbieten. Die Schweizergarde ist mit vier Stück Geschütz nach den Champs Elysées beordert. Mehr ist noch nicht bekannt, aber man fürchtet das Schlimmste. Der Bruch zwischen Aristokratie und Volk wird von Stunde zu Stunde größer.«

Nun hielt er an und legte die Zeitung nieder. Trudaine nahm das Blatt und überflog die eben gelesenen Sätze noch ein Mal.

»Bah,« rief Madame Danville aus, »wenn die Schweizergarde ihre Geschütze auf das Volk feuert, so ist es tot und man hört nie wieder ein Wort darüber!«

»Ich glaube, Du irrst Dich Mutter,« sagte der Sohn.

»Es gibt mehr Volk in Paris, als wie die 158 Schweizergarde zusammenzuschießen vermag. Die Aristokraten mögen nur ihre stolzen Köpfe steif halten, denn man weiß eigentlich noch nicht, woher der Wind weht. Wer weiß, ob ich mich nicht in diesen Tagen vor dem König »Volk« so verbeuge, wie einst vor Louis XV.«

Er lachte als er geendet hatte und öffnete seine Schnupftabacksdose, um eine Priese zu nehmen; aber seine Mutter sprang ganz entrüstet von ihrem Sitze auf und sagte: »Ich kann Dich nicht hören! Du bringst mich in Verzweiflung mit Deinem Hohn! Wie kann mein Sohn, den ich erzogen habe und den ich liebe, eine solche Sprache führen? Ist das der Lohn dafür, dass ich gegen alle Regeln der Etiquette einen Tag vor der Hochzeit hier her gekommen bin? Doch jetzt breche ich auf, ich bleibe nicht hier! Die Hochzeit muss bei uns stattfinden, so gehört es sich, bei der Familie des Bräutigams! Du stehst mich nicht wieder, bis Du zur Kirche gehst. Justin, den Wagen! Lomaque, meine Kopfbedeckung! Dank für Ihre Gastfreundschaft! Fräulein, kleiden Sie sich morgen hübsch; Bedenken Sie, dass Sie die Braut meines Sohnes sind! Justin, Du Vagabund, wo ist mein Wagen? Du abscheulicher Dummkopf, wo ist die Kutsche? Ich will nach Ruoen zurück!« So tobte die Alte.

»Meine Mutter sieht gut aus, wenn sie in Wut kommt, Rosa, nicht wahr?« fragte Danville, und schnupfte ruhig weiter, während die alte Dame aus dem Zimmer segelte.

»Warum bist Du so erschrocken, meine Liebe?« fragte er und nahm ihre Hand. »Meine Mutter hat die schwache Seite, stolz zu sein; so lange man diese nicht verletzt, ist sie sanft wie eine Taube. Mache mir doch ein freundliches Gesicht, Rosa! Sende mich nicht diese Nacht so von Dir!« Dann bückte er sich und flüsterte seiner Braut Etwas zu, was ihr das Blut in die Wangen trieb.

»Ah, wie sie ihn liebt! Wie heiß sie ihn liebt,« sagte ihr Bruder, der sie von einer Ecke des Zimmers aus beobachtete, als er sah, wie ihre Augen glänzten, als Danville ihre Hand küsste

Lomaque hatte die Zornausbrüche der alten Frau ruhig mit angehört und die Szene zwischen Mutter und Sohn mit sarkastischem Lächeln begleitet.

Nachdem er sich erhoben, grüßte er Rosa mit einer Art Grazie, die seltsam zu seinem faltigen sarkastischen Gesicht passte, und reichte ihrem Bruder die Hand mit den Worten: »Als wir heute zusammen auf der Bank saßen, nahm ich Ihre Hand nicht an, jetzt biete ich Ihnen aber die meinige!« — Trudaine nahm sie schweigend, aber der alte Lomaque setzte hinzu: »In einigen Tagen werden Sie Ihre Ansicht über mich ändern!« Dann verneigte er sich noch einmal vor der Braut und ging hinaus. Nachdem Alle fort, und Bruder und Schwester allein waren, mochten beide wohl denken: »Dies ist die letzte Nacht, die wir unter einem Dach allein verleben!«

Rosa brach das Schweigen zuerst und sagte: »Ich bin recht besorgt, wie es dem armen Charles gehen wird, glaubst Du, dass seine Mutter ihm sehr böse sein wird?«

»Ich finde, dass seine Mutter Recht hat, mit seiner Unart und Rücksichtslosigkeit für sie, unzufrieden zu sein!« erwiderte der Bruder.

»Ach Louis,« sagte die Braut, »könnte ich Dich doch lehren, meinen Charles mit meinen Augen zu betrachten. Ich fühle, Du liebst ihn nicht.«

»Du wirst es mich lehren, Rosa, Du wirst es!« antwortete Louis Trudaine, dabei legte er seinen Arm um die Schwester und führte sie zu einem Stuhl, denn er sah, dass ihre Augen mit Tränen gefüllt waren.

»Meine nicht, süße Rosa,« setzte er hinzu. »Morgen ist Dein Hochzeitstag und Du sollst nicht mit vermeinten Augen Deinen Ehrentag feiern.« — Es wurde an die Tür geklopft und die Dienerin erschien, um sich noch Befehle für den bedeutungsvollen Tag zu holen. Es war eine sehr geeignete Unterbrechung, denn jetzt war das junge Mädchen reichlich beschäftigt mit dem Anordnen, und ihr Bruder zog sich nun auch in sein Studierzimmer zurück.

Er setzte sich recht gedrückten Herzens an sein Schreibpult und breitete den Brief der Akademie der Wissenschaften vor sich aus.

Nachdem er Alles noch einmal überlesen hatte, blieben seine Augen an einer Stelle haften, die lautete: »Während der ersten drei Jahre Ihrer Anstellung sind Sie jedoch verpflichtet, neun Monate in oder nahe bei Paris zu leben, um die Arbeiten des Laboratoriums nicht aus den Augen zu verlieren.«

Immer hatte er es sich gewünscht, seine Forschungen mit größeren Mitteln unterstützen zu können, jetzt war ihm durch dieses Anerbieten das ganze große pariser Laboratorium mit allen seinen Apparaten erschlossen und — er zögerte doch die Stelle anzunehmen, weil er gezwungen war, seiner Schwester, während neun Monate des Jahres, fern zu sein. — Und doch war er ihres Glückes und ihrer Ruhe so sehr unsicher, nach dem was er für ihren Verlobten fühlte.

Er zögerte noch fünf Minuten unentschlossen, ob er die Stellung annehmen oder ablehnen sollte. — Immer aber trat das leidenschaftliche Weib, die nun die Schwiegermutter seiner Schwester werden sollte, und der junge Mann, der ihr natürlicher Beschützer fortan sein würde, vor seine Augen. — Er nahm ein leeres Blatt Papier aus dem Tischkasten, tauchte die Feder ein und sagte: »Nein, ich nehme die Professur nicht an! Eingedenk der letzten Worte meiner Mutter will ich lieber meinen Lieblingsstudien diese schöne Aussicht versagen und nur meiner Schwester leben.« Er schrieb, siegelte den Brief und steckte ihn dann gleich in den Postbeutel, der in der Nähe des Tisches lag. Bei der letzten Handlung zögerte er indes doch ein wenig und er zog den Brief wieder heraus mit den Worten: »Guter Rat kommt über Nacht! Ich will mit der Absendung des Briefes doch bis morgen warten,« dann steckte er ihn in seine Tasche und verließ schnell das Laboratorium. «



Zweites Kapitel

Der Morgen kam und mit ihm der wichtige Tag, an welchem Rosa Trudaine und Charles Danville das Ehegelübde aussprechen sollten. Und es wurde ausgesprochen! — Rosa war nun das Weib Danville’s.

Der Tag war köstlich und Madame Danville, die Mutter, war zufrieden mit Allem, selbst die Braut hatte ihr gefallen; denn sie führte sie nach der Zeremonie in eine Ecke des Zimmers und sagte ihr: »Du bist ein gutes Mädchen, und hast meinem Sohn Ehre gemacht, ja, Du hast mir gefallen! Jetzt gehe aber und kleide Dich für die Reise um, und rechne so lange auf meine Zuneigung für Dich, wie Du Dich bemühst, meinen Sohn glücklich zu machen.«

Es war nämlich beschlossen, dass das junge Paar zunächst nach der Bretagne reisen, dort einige Wochen bleiben und dann auf dem Landsitz Danville’s, bei Lyon, Wohnung nehmen sollte. Das Abschiednehmen ging auch vorüber und nachdem der Wagen fort war und Trudaine ihm noch lange nachgeblickt hatte, ging er schnell seinem kleinen Hause zu.

Der Staub des Reisewagens war lange fortgewirbelt, als Herr Lomaque noch immer an dem Gitter vor dem Hause stand und dem Paar nachzusehen schien; Dann nickte er mit dem Kopfe, rieb eine Handfläche mit der andern und sagte traurig: »Armes Mädchen, armes Mädchen!« Aber er kehrte sich bei diesen Worten um, denn es kam Jemand aus dem Hause. Es war der Postbote mit einem Briefe in der Hand und dem Postbeutel unter dem Arm.

»Keine Neuigkeiten von Paris, Freund?« fragte Lomaque.

»Seht schlechte, Herr,« lautete die Antwort. »Desmoulins hat in dem Palais Royal zu dem Volke gesprochen. Man fürchtet einen Aufstand.«

»Nur einen Aufstand,« wiederholte Lomaque sarkastisch »Wie gutmütig die Regierung ist, dass sie nichts Schlimmeres fürchtet! Haben Sie Briefe?«

»Nein,« antwortete der Postbote, »keine für das Haus nur einen, den ich abzugeben habe, erhielt ich eben hier.«

Lomaque sah nach dem Briefe, den der Bote in der Hand hielt und las die Adresse, die an die Akademie der Wissenschaften zu Paris gerichtet war. —

»Ich bin neugierig ob er die Stelle annimmt, oder ablehnt?« sagte der Gutsverwalter, nickte dem Postboten zu und ging ins Haus.

An der Tür begegnete ihm Trudaine, welcher ihn fragte, ob er mit Madame Danville nach Lyon zurückzukehren gedachte

»Ja,« entgegnete Lomaque, »noch heute.«

»Würden Sie mir vielleicht in oder bei Lyon eine sogenannte Junggesellen-Wohnung mieten, Herr Lomaque?« fragte Trudaine.

Bevor der alte Mann Etwas entgegnen konnte, war Trudaine schnell in das Haus zurückgegangen.

»Ah, Herr Trudaine, jetzt weiß ich, woran ich bin, die Professur ist nicht angenommen! Er will in der Nähe seiner Schwester bleiben,« sagte Lomaque zu sich selbst, dann machte er eine Pause, biss sich in die Lippen und fuhr fort: »Der Himmel ist zwar heute am Hochzeitstage klar und heiter gewesen, aber die Wolken an dem Ehestandshimmel werden nicht ausbleiben; kann ich, so werde ich sorgfältig das Wetter beobachten.«



Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Fünf Jahre sind seitdem vorüber gegangen, dass Herr Lomaque vor dem Hochzeitshaus seine Betrachtungen anstellte. Große Veränderungen waren in der Welt vorgegangen, die größten an dem politischen Himmel Frankreichs.

Was vor fünf Jahren nur ein Ausstand war, war nun zur Revolution herangewachsen, die mächtig Throne, Ansehen und Reichtümer erschüttert hatte. Der Resident jener Zeit hieß Schrecken; sein blutigstes Kleid trug er im Jahre 1794.

Herr Lomaque war auch nicht mehr Gutsverwalter, sondern er war öffentlicher Beamter geworden und saß eben in seinem Dienstzimmer. Es war gerade wieder so ein prächtiger Sommerabend als damals an den Ufern der Seine. Die Fenster des Zimmers standen offen und der Abendwind wehte sanft in das Zimmer. Jedoch Lomaque atmete so schwer, als drücke die Mittags-schwüle auf ihn, sein Gesicht blickte zuweilen ängstlich durch das Fenster auf die Straße.

Die Zeit war zwar ernst genug, eines Mannes Gesicht traurig zu machen. Denn wer konnte in jener Schreckenszeit wohl sicher sein, dass ihm nicht jeder neue Morgen Verrat, Gefangenschaft, Tod bringen würde? Doch Lomaque hatte andere Sorgen. Vor ihm auf dem alten Schreibtische lagen große Stöße Papier; eben hatte er einige Bogen aufgenommen und gelesen, was er las führte seine Gedanken nach dem Landhaus an dem Ufer der Seine zurück.

Schneller als Jedermann es erwartet, hatten sich die politischen Verhältnisse umgestaltet, aber noch schneller waren die Veränderungen für die Privatverhältnisse unserer Bekannten aus dem ersten Teile dieser Erzählung umgestaltet worden. Der Gemahl Rosa’s bemühte sich nicht lange, seiner jungen Frau seinen wahren Charakter zu verbergen. Erst wurde er rücksichtslosen dann vernachlässigte er sie, dann folgten kleine Beleidigungen, die schließlich in Grobheiten übergingen. Die Arme wäre ohne ihres Bruders selbstverleugnende Liebe sicher elend und hilflos geworden.

Als die öffentliche Sicherheit gefährdet war, fand Danville noch andere Beschäftigungen, als sein junges Weib zu quälen, denn er fürchtete, dass er durch die Ansichten seiner Mutter den Revolutionsmännern in die Hände fallen würde. Die alte Dame war ihren Ansichten treu geblieben und durch alle Schrecken der Tage war sie überzeugt, dass die Zeit des alten Regiments wiederkehren würde.

Jahre gingen so vorüber und Danville sah besorgt in die Zukunft. Es war dies eine Zeit, wo der Bruder den Bruder fürchtete. Da man Danville als ränkevoll kannte, so war er als verdächtig bezeichnet; er hätte dies zwar nur den unbedachten und hochmütigen Äußerungen seiner Mutter zuschreiben sollen, allein er glaubte, dass Lomaque es sei, der ihn verdächtigte, und der Gutsverwalter wurde entlassen.

In früheren Zeiten würde ein solches Opfer des Zornes ruiniert gewesen sein, jetzt aber nahm die Commune freudig die entlassenen Diener der großen Herren in ihren Dienst. Lomaque war arm, verschwiegen, nicht zu gewissenhaft, ein sehr guter Patriot, besaß Ehrgeiz und den Heldenmut der Katze; mit diesen Eigenschaften ausgerüstet, ging er nach Paris und hatte auch das Glück, bald einen Posten bei der geheimen Polizei zu finden. Inzwischen mäßigte sich der Ärger und der Zorn Danville’s und er beschloss, seinen alten Verwalter zurückzurufen; allein es war zu spät. Lomaque war nun schon in der Lage, dass er seines Herrn Misstrauen damit vergelten konnte, dessen Haupt unter die Guillotine zu bringen. Danville erhielt anonyme Briefe, welche ihn warnten, keine Zeit zu verlieren, um seinen Patriotismus an den Tag zu legen; ferner möge er seiner unvorsichtigen Mutter Schweigen gebieten, wenn sie nicht ihr Leben verlieren wollte.

Danville wusste sehr gut, dass es zu seiner eigenen Rettung, wie für die seiner Mutter, nur den einzigen Weg gebe, sie aus Frankreich zu schicken.

Wahrscheinlich hätte die Alte ihr Leben eher zehn Mal hingegeben, als auszuwandern, aber ihren Sohn liebte sie doch viel zu sehr, als dass sie den Mut gehabt hätte, ihn auch in Gefahr zu bringen und sie beschloss auf seinen Vorschlag, zu emigrieren, einzugehen; allein sie wollte wissen, was ihr Sohn nun über sich beschlossen habe.

Er zeigte ihr einen Brief, aus welchem sie ersah, dass er Robespierre seine Dienste anbot, um sich als Patriot zu dokumentieren Dies genügte der alten Frau und sie reiste nun getröstet, über Marseille in Begleitung einer Dienerin ins Ausland.

Die Absendung dieses Briefes nach Paris war eigentlich nur ein Art der Großprahlerei Danville’s und es traf ihn wie ein Donnerschlag als die Antwort eintraf, er werde in Folge seines Anerbietens nach Paris gerufen, um seinen Dienst unter der gegenwärtigen Regierung anzutreten. Da galt es nun zu gehorchen, denn es war kein anderer Ausweg mehr möglich. Er ging also nach der Hauptstadt und nahm seine Frau mit sich an den Hauptherd der Gefahren.

Mit Louis Trudaine war er in offener Feindschaft und je mehr jener sich um seine Schwester beunruhigte, je mehr belustigte Danville sich. Treu seiner Liebe und Freundschaft, folgte ihr aber auch ihr Bruder nach Paris. Die Tage der Schreckenszeit halfen denn aber auch den Geschwistern wieder zur Vereinigung. Danville trat seinen neuen Posten sehr ängstlich an, umso mehr da er bald erfuhr, dass es eine Beamtenstelle der geheimen Polizei sei, wo auch Lomaque als Chef-Agent angestellt war. Robespierre kannte seine Leute, er wusste, Danville hatte Geld und Platzkenntnisse, und so musste er sich sehr nützlich machen können, wenn er wirklich ein so guter Patriot war, wie er zu sein vorgab. Außerdem wurden gewöhnlich entlassene Privatbeamte im Dienste der Regierung über ihre ehemaligen Prinzipale gesetzt, denn wer konnte sie wohl besser kontrollieren, als die, welche Gelegenheit gehabt hatten, die Schwächen ihrer Brotherren zu studieren? —

Immer dunkler und trüber wurde das Gesicht Lomaque’s, den wir vor seinem Schreibpulte in der Amtsstube verließen, als er über die fünf vergangenen Jahre nachdachte.—

Der benachbarte Kirchturm zeigte die siebente Abendstunde an und entriss ihn seinem Nachdenken. Er ordnete die Papiere vor sich, blickte dann nach der Tür, als erwarte er, dass Jemand eintrete; da aber alles still bliebe nahm er dasselbe Papier noch einmal in die Hand, welches er vorhin schon so lange geblickt hatte. Die wenigen Zeilen waren in Ziffern geschrieben und lauteten:

»Sie sind benachrichtigt, dass Ihr Oberaufseher Danville die Erlaubnis erhielt, in Lyon einige Geschäfte zu ordnen und dass er erst in ein oder zwei Tagen zurückerwartet wird. Während seiner Abwesenheit beschleunigen Sie die Angelegenheit Trudaine’s und halten Sie sich in Bereitschaft, zu handeln. Jetzt lassen Sie Alles, bis Sie wieder Etwas von mir gehört hoben. Sollten Sie etwas Besonderes über Danville wissen, so senden Sie es mir in meine Wohnung. Ihren Original-Brief habe ich verbrannt.« —

Hier endigte die Schrift. Lomaque steckte das Papier in seine Tasche und seufzte. Das war ein seltenes Zeichen bei ihm.

Plötzlich hörte er Jemand an der Tür und es erschienen acht bis zehn Mann von der »Neuen französischen Inquisition«, die sich längs der Mauer aufstellten.

Lomaque winkte Zweien von ihnen und sagte: »Picard, und Magloire setzen Sie sich an das Schreibpult. Ich bedarf Ihrer, wenn die Anderen abgefertigt sein werden.« Dann händigte er den anderen Männern Pakete, Briefe und verschiedene Papiere ein, die diese schweigend nahmen und sich dann empfahlen. Uneingeweihte hätten vielleicht angenommen, dass es Rechnungen seien, die zum Einkassieren übergeben wurden. Wer konnte auch glauben, dass diese Stückchen Papier Arrest-Befehle, Denunziationen, Todeswarnungen und ähnliche schreckliche Dinge enthielten?

»Nun,« sagte Lomaque, indem er sich zu den zwei Männern wandte, »haben Sie die bewussten Notizen erhalten?« die Männer bejahten »Sie, Picard, sind mit Trudaine’s Privatangelegenheiten betraut. Lesen Sie zuerst.«

Picard zog ein Blatt aus seiner Tasche und las: »Einzelnes über Louis Trudaine, verdächtigt durch den öffentlichen Beamten Danville der Feindschaft der heiligen Sache der Freiheit und der Verachtung der Volkssouveränität. 1. Die verdächtigte Person ist nun überwacht und ihre Handlungen werden aufgezeichnet Louis Trudaine ist zwei Mal in der Nacht gesehen worden, wie er von seinem eigenen Hause nach einem Hause in der Rue der Cléry ging. In der ersten Nacht hatte er Geld bei sich, in der zweiten Papiere. — Er kehrte stets ohne das Mitgebrachte nach Hause zurück. Diese Handlungen sind von einem Manne beobachtet worden, der im Haushalte Trudaine’s angestellt ist, ein Diener aus der Zeit der Tyrannen. Wir können uns dieses Menschen bedienen, die Handlungen Trudaine’s zu überwachen, denn er ist ein guter Patriot. 2. Das Haus in der Rue de Cléry ist zahlreich bewohnt, die Bewohner sind jedoch nicht genug kontrolliert Man kann die Personen, welche Trudaine besucht, nicht so leicht ermitteln, wenn man nicht einer Arrest-Befehl zur Seite hat. 3. Ein solcher Befehl schüchtert die Bewohner jenes Hauses ein und macht sie aufmerksam auf ihre Nachbarn. 4. Der Bürger Danville verlässt Paris für einige Zeit und der Dienst, Trudaine zu überwachen, ist nun von dem Unterzeichneten in die Hände Magloire’s, seines Kameraden gelegt.«

Die Unterschrift lautete: »Picard. Unterschrieben und beglaubigt. Lomaque.«

Nachdem er dieses gelesen, legte der Polizei-Agent das Papier auf den Tisch vor sich. Da er keine weiteren Befehle erhielt, stand er auf und ging hinaus. Lomaque wechselte dabei nicht einen Zug in seinem Gesicht; ja, er klopfte noch immer gleichmäßig mit seinen Fingern leise auf den Schreibtisch vor sich, als er fast mechanisch dem andern Agenten zu lesen befahl. Dieser trug mit trockenem Geschäftston das Folgende vor:

»Einzelnes in der Angelegenheit Trudaine’s. Der Bürger Agent ist beauftragt, Trudaine zu überwachen und meldet 1., dass Trudaine noch einen dritten geheimnisvollen Besuch in der Rue de Cléry machte. Die Maßregeln, welche getroffen wurden, setzten uns in den Stand, noch eine zweite Person zu verdächtigem es ist dies die Schwester Trudaine’s, die Gattin des Bürger-Beamten Danville’s.«

»Armes verlorenes Geschöpf!« seufzte Lomaque und lehnte sich in seinen Armsessel zurück. Magloire war nicht daran gewöhnt, dass seine Berichte von Seufzern begleitet wurden, und er blickte höchst erstaunt in die Höhe. »Gehen Sie weiter, Magloire!« rief Lomaque plötzlich erzürnt. »Wer, zum Teufel! hieß Sie inne halten?« »Ich lese, Bürger!« entgegnete der Polizei-Agent und fuhr fort: .

»Es ist bei Trudaine, wo die Gattin Danville’s geheime Unterredungen mit ihrem Bruder hat. Dieselben geschehen in flüsterndem Tone, man kann also Einiges überhören. Die Schwester muss indes gewarnt sein, denn die Zusammenkünfte finden erst in neuerer Zeit in der Rue de Cléry statt, sie geht stets erst nach ihrem Bruder in ihre eigene Wohnung zurück. 3. Während die sorgfältigsten Maßregeln genommen sind, das Haus in der Rue de Cléry zu überwachen, haben wir in Erfahrung gebracht, dass sein Besuch zu einem Gastwirte Namens Dubois, der in jener Straße in dem bezeichneten Hause im vierten Stocke wohnt, geht. Als Trudaine dort anwesend war, konnte man nicht durch irgend einen Vorwand in das Zimmer der Eheleute eindringen. Ein Polizei-Agent ist beordert, den Platz zu bewachen. 4. Der Gastwirt ist arretiert Er behauptet, nichts über seine Mieter zu wissen. Jedoch ist es verdächtig, dass Bürger und Bürgerin Dubois falsche Reisepässe haben. Wahrscheinlich wollten sie aus Frankreich entfliehen. 5. Trudaine und seine Schwester stehen unter fortwährender Polizeiaufsicht. Der Unterzeichnete erwartet weitere Befehle.

Magloire.

Unterzeichnet: Lomaque.«

Nachdem der Beamte gelesen, legte er das Schriftstück auf den Tisch nieder; da er aber auch vergeblich auf weitere Befehle gewartet hatte, wie sein Vorgänger, stand er ebenfalls schweigend von dem Stuhle auf. »Wenn Bürger Danville nach Paris zurückkommt, wird er sehr überrascht sein, dass er durch die Denunziation seines Schwagers auch gleichzeitig seine eigene Frau in Gefahr brachte?« bemerkte Magloire, noch an der Tür

»Freund Magloire, Ihre Bemerkung klingt wie eine Frage,« sagte Lomaque; »aber merken Sie sich, ich beantworte niemals solche Fragen. Wenn Sie genau wissen wollen, warum Bürger Danville seinen Schwager und somit auch sein Weib anzeigte, so gibt dies eine vortreffliche Beschäftigung für Sie, Bürger, nach Ihren Dienststunden.«

»Ist sonst noch Etwas zu befehlen?« fragte der Beamte.

»Nein, dienstlich nichts mehr, aber ich habe doch Etwas für Sie in Bereitschaft. Setzen Sie sich an das andere Schreibpult Ich habe Sie recht gern, nur fragen Sie nicht!«

Während der Bürger Beamte dieser Aufforderung Folge leistete, zog Lomaque sein Notizbuch hervor und las darin mit Aufmerksamkeit.

Es trug die Überschrift: »Privat-Instruktionen bezüglich Danville’s«, und lautete:

»Der Unterzeichnete lebte lange in dem Hause Danville’s und gibt die Beweggründe an, welche Danville zu der Denunziation seines Schwagers und seiner eigenen Frau geleitet haben mögen. Tatsachen sind: Louis Trudaine widersetzte sich erst, dass Danville seine Schwester heirate; die Hochzeit fand indes doch statt. Danach machte es sich der Bruder zur Aufgabe, das Glück seiner Schwester zu bewachen; er blieb stets in ihrer Nähe. Er ist ein Mann von seltener Entschlossenheit, Geduld und Langmut Er gab seinem Schwager nie Gelegenheit zur Unzufriedenheit oder zum Streite. Er legte ihm im Allgemeinen nie Etwas in den Weg, noch war er ihm bei Unternehmungen hinderlich: deshalb ist also uns begreiflich, weshalb Danville seinen Schwager anklagte. Die Angelegenheit ist also sehr geheimnisvoll«

Lomaque las diese Zeilen bis zu seiner eigenen Unterschrift. Sie waren der Inhalt jenes Papiers, welches er fortlegte, als die Beamten eingetreten waren. Er hatte das Ganze auf ein neues Stück Papier übertragen und wollte es eben siegeln, als an die Tür geklopft wurde. »Herein!« rief er erzürnt, und es nahte sich ihm ein Mann im Arbeiterkleide, welcher ganz und gar mit Staub bedeckt war. Er sagte Lomaque einige Worte leise ins Ohr und ging wieder. Lomaque öffnete noch einmal das Geschriebene und schrieb unter die Unterschrift: »Ich erfahre soeben, dass Danville schon in dieser Nacht hierher zurückkehrt.«

Dann siegelte er den Brief und übergab ihn Magloire. Der Polizei-Agent sah auf die Adresse und verließ das Zimmer. Sie war an »Robespierre, Rue Saint-Honore.«

Als Lomaque allein war, ging er auf und ab und biss sich an den Fingernägeln, dann sagte er: »Danville kommt diese Nacht zurück und die Krisis mit ihm! Trudaine und seine Schwester sind als Verschwörer bezeichnet. Alles was man sieht und hört, soll als schädlich verdächtigt sein.« — Wieder ging er ein paar Mal das Zimmer auf und ab, endlich blieb er an dem offenen Fenster stehen und hielt folgendes Selbstgespräch: »Jetzt sind es gerade fünf Jahre, dass ich mit Trudaine auf jener Bank an den Ufern der Seine saß und dass Schwester Rose dem alten Lomaque Kaffee warm stellte. — Nein, die Beiden kann ich nicht verdächtigen, vielleicht muss ich sie gerade festnehmen lassen? Ach, ich wünschte, diese Geschichte wäre in eine andere Hand als in die meinige gekommen, ich möchte Einiges darum geben.«

Dann kehrte er wieder zu seinem Schreibtisch zurück und begrub sich unter seine Schriften, bald lesend, bald denkend, wie Jemand, der seine eigenen Gedanken los sein möchte, so trieb er es eine Stunde und biss dabei von Zeit zu Zeit in ein Stück trockenes Brot: endlich wurde es dunkler in dem Zimmer.

»Vielleicht haben wir diese Nacht wieder keine Ruhe,« sagte der alte Mann und klingelte nach Licht. Es wurde gebracht. Magloire kehrte auch zurück und hielt ein dreieckiges Briefchen, welches eher einem Liebesbrief glich, als einem Verhaftsbefehl, und ein kleines versiegeltes Päckchen in seiner Hand. Lomaque öffnete; es war mit Robespierres Unterschrift versehen und enthielt in Ziffernschrift die Worte:

»Verhaften Sie Trudaine und seine Schwester diesen Abend und bewachen Sie Danville, wenn er zurück kommt. Ich fürchte, er ist ein lasterhafter Mensch und von allen Übeln hasse ich das Laster am meisten,« »Noch Etwas zu tun für diese Nacht?« fragte Magloire.

»Nur eine Arretierung! Versammeln Sie Ihre Leute, und wenn Sie bereit sind, so lassen Sie einen Wagen vorfahren,« antwortete Lomaque.

»Kaum sind wir nun eben einen Augenblick ruhig bei dem Abendessen, da kommt schon wieder Etwas! Der Teufel hole die Aristokraten! Sie sind so sehr auf die Guillotine bedacht, dass sie nicht einmal einen ehrlichen Menschen seine Mahlzeit einnehmen lassen,« murmelte der Polizei-Agent.

Lomaque machte für sich die Bemerkung: »Jetzt bleibt keine Wahl übrig: Sein Vater rettete den meinigen; er selbst behandelte mich stets als seinesgleichen, und seine Schwester erzeigte mir die Aufmerksamkeit, als wäre ich ein Edelmann gewesen.« —

Er ging zu dem Schreibpulte, zog eine Flasche Ligueur hervor und stärkte sich.

»Ich werde mit dem Alter weichherziger, das merke ich,« sagte er, »Mut! Was sein muss, muss sein! Und wenn ich meinen Kopf wagen sollte, ich kann sie nicht arretieren!«

»Die Kutsche ist bereit!« hieß es.

»Nun, ich gehe!« so tröstete sich der Chef der heimlichen Polizei-Agenten von Paris selbst; blies sein Licht aus und verließ das Zimmer.



Zweites Kapitel

Da Rosa nicht wusste, dass ihr Gatte früher nach Paris zurückkommen würde, als er bestimmt hatte, war sie von ihrer einsamen Wohnung zu ihrem Bruder gegangen, um den Abend mit ihm zuzubringen. Sie saßen noch lange eng bei einander, über Familienangelegenheiten plaudernd, als die Sonne schon lange untergegangen war und in dem Augenblick, als Lomaque sein Licht in dem Dienstzimmer auslöschte, zündete Rosa erst die Lampe in dem Zimmer ihres Bruders an. —

Die fünf traurigen Jahre, die an Rosa vorübergegangen waren, hatten ihr Äußeres stark verändert.« Ihr Gesicht hatte nicht mehr jene rundliche Form, die den Kinderwangen eigen ist, es war dünner und länger geworden und selbst die zarte Röte war geschwunden. Ihr Gang hatte die ehemalige Elastizität verloren und wenn sie ging, machte sich eine gewisse Schwäche sichtbar, die sie nötigte, oft stehen zu bleiben, um auszuruhen. Ihre mädchenhafte Schüchternheit war in unnatürliche Ängstlichkeit übergegangen. Von alle dem entschwundenen Zauber ihrer Persönlichkeit war nur ihre süße, zu Herzen dringende Stimme übrig geblieben, nur schien auch diese von einer gewissen Traurigkeit behaftet zu sein.

Ihren Bruder hatte die Zeit viel weniger verändert, wenngleich sein Gesicht auch Spuren des Grams trug.

Wir wissen es ja aus Erfahrung, die Schönheit, das Ideal der Welt, verweilt nicht lange in ein und demselben Tempel. — Als Rosa die Lampe nieder stellte und sie mit dem Schirme bedeckt hatte, fragte sie ihren Bruder: »Du glaubst also, mein guter Louis, dass unsere gefährliche Unternehmung einen guten Ausgang haben wird? Welche Erleichterung ist es für mich, wenn Du sagst, wir werden zu unserem Ziele gelangen!«

»Ich sagte nur, ich hoffe!« erwiderte ihr Bruder.

»Eben, Hoffnung ist ein großes Wort, von Dir ausgesprochen, in dieser entsetzlichen Zeit und dieser schrecklichen Stadt,« erwiderte Rosa. Sie hielt plötzlich inne, denn ihr Bruder hatte seine Hand warnend erhoben. Sie lauschten Beide mit verhaltenem Atem. Die Töne der Fußtritte, welche sie durch das geöffnete Fenster gehört hatten, waren nun schon vorüber; Alles war still und ruhig, ähnlich der Stille des Todes, der seine Fackel nun schon seit Monaten über das unglückliche Paris schwang. Es war ein Zeichen der Zeit, dass sogar das Hören von Fußtritten dazu geeignet schien, die Menschen in ihren friedlichen Familienunterhaltungen zu stören.

»Wann glaubst Du, Louis, dass ich meinem Mann unser Vorhaben mitteilen kann?« fragte Rosa mit flüsternder Stimme.

»Nicht jetzt, jetzt keine Silbe!« warnte Trudaine ernstlich, »sage ihm nichts früher davon, bis ich es Dir erlauben werde.«

»Ich werde unser Geheimnis heilig halten, mein Bruder,« antwortete die junge Frau.

»Wenn Du es mir sagst, so glaube ich Dir,« sagte Trudaine, »aber ich bitte Dich, sprechen wir jetzt von etwas Anderem. Diese Mauern könnten Ohren haben und die verschlossene Tür dort unten schützt uns vielleicht auch nicht vor Verrat« Bei diesen Worten blickte er scheu um sich. »Nach und nach komme ich aus Deine Idee, Rosa; ich glaube, dass mein neuer Diener ein sehr falsches Gesicht hat. Ich wünschte, ich wäre so vorsichtig gewesen, wie Du es mir geraten hast.«

»Hast Du bemerkt, dass er Deine Handlungen belauscht? Hat er überhaupt etwas Verdächtiges getan? « Ich bitte Dich, sage es mir, Louis!« bat Rosa.

»Still, still, meine Liebe, sprich nicht so laut, rege Dich nicht so auf! Nein, er hat nichts Verdächtiges sehen lassen.«

»Entferne ihn! Ich bitte Dich, entferne ihn, bevor es zu spät ist!« bat die Schwester.

»Um von ihm sofort denunziert zu sein!« ergänzte Louis Trudaine. »Du vergisst, dass Diener und Herren jetzt gleich sind. Ich darf nicht einmal sagen, dass er mein Diener ist; ich habe nur einen Bürger, den ich für seine Mühen und Arbeiten bezahle. — Alles was ich tun kann, ist, dass ich ihn abfasse, wenn er mir Warnungen überbringt. Doch, da haben wir wieder einen recht unangenehmen Gesprächsstoff, wechseln wir ihn wieder! Bitte, öffne dort einmal den Schubkasten! es liegt ein Buch darin, über welches ich Deine Ansicht hören möchte.«

Rosa nahm es heraus, es war eine Kopie von Corneille’s Cid, in blaues Leder gebunden. Rosa war entzückt, als sie hörte, ihr Bruder habe das Buch für sie gekauft, weil Corneille einer der Schriftsteller sei, der Niemand, selbst in dieser schrecklichen Zeit, kompromittieren könnte. »Du äußertest neulich, Rosa, dass Du nur wenig von unserem größten Dramatiker weißt,« sagte ihr Bruder. Ein frohes Lächeln, wie in früheren Tagen, zog Über das Gesicht der Schwester.

»Sieh nur,« fuhr Trudaine fort, »am Anfange eines jeden Actes sind hübsche Kupferstiche!« Als er seine Schwester so beschäftigt hatte, stand er auf, ging zum Fenster und hab den Vorhang in die Höhe. Er blickte auf die Straße. »Es ist nichts zu sehen, ich muss mich doch geirrt haben,« sagte er zu sich selbst und ging dann wieder zu dem Tische.

»Ich bin neugierig, ob mein Mann mich wird ins Theater gehen lassen, wenn der Cid gegeben wird?« sagte Rosa, noch immer in das Buch blickend.

»Nein!« schrie eine raue Stimme an der Tür, »nicht einmal, wenn Du mich auf den Knien darum bätest?«

Rosa blickte sich erschrocken um und sah ihren Mann auf der Türschwelle, welcher sie mit finsteren Blicken ansah. Er hatte seinen Hut aufbehalten und hielt seine Hände in den Taschen.

Der Diener Trudaine’s meldete ihn mit einem tückischen Lächeln und den Worten: »Bürger Danville besucht seine Frau, die Bürgerin Danville.«

Rosa sah ihren Bruder an, der einige Schritte zur Türe getan hatte. »Das ist wirklich eine Überraschung!« sagte sie. »Ist denn Etwas geschehen? Wir erwarteten Dich später.«

»Wie darfst Du es wagen, hierher zu gehen, nach dem was ich Dir gesagt habe?« fragte Danville in strengem Tone. Die arme Frau war so erschrocken, als wenn ihr Mann sie geschlagen hätte. — Trudaine war bleich geworden bei der Szene und ergriff fast unwillkürlich den Arm feiner zitternden Schwester, um sie zu einem Stuhl zu führen.

»Ich verbiete es Dir, Dich hier in diesem Hause aufzuhalten! Ich befehle, dass Du mit mir gehst! Hörst Du? Ich befehle es!«

Er näherte sich ihr, als er aber sah, mit welchen Blicken Trudaine ihn ansah, blieb er stehen. Rosa stellte sich schnell zwischen beide Männer.

»O Charles, Charles, ich bitte Dich, sei freundlich mit meinem Bruder, sei freundlich gegen mich! Ich habe Dir so Vieles mitzuteilen,« bat Rosa. Er wandte sich höhnisch lachend ab. — Als Rosa noch einmal zu sprechen versuchte, gab ihr der Bruder ein Zeichen, dass sie schweigen möge.

Danville hatte es gesehen und rief wütend: »Was, Ihr verständigt Euch in meiner Gegenwart durch Signale?« Mit diesen Worten blickte er sein unglückliches Weib wütend an, und als er das Buch in ihrer Hand erblickte, fragte er in demselben Tone: »Was ist das für ein Buch?«

» Eines der Corneille’schen Dramen,« antwortete Rosa, »Louis hat es mir geschenkt.«

»Gib es ihm zurück!« schrie er wütend, »Du darfst kein Geschenk von ihm annehmen. Das Gift des Spions dieses Hauses haftet daran! Gib es ihm zurück!« Da sie zögerte, riss er ihr das Buch aus der Hand, warf es an den Boden und trat mit den Füßen darauf.

»O Louis, Louis! bedenke doch!« bat Rosa. Trudaine war auf Danville zugeschritten, als dieser das Buch auf die Erde geworfen hatte, aber die junge Frau hielt ihn mit ihren Armen zurück. Sie hatte die brennende Röte auf dem Gesicht ihres Bruders richtig gedeutet.

»Nein, nein,« sagte sie und umfasste ihn enger,»tue jetzt nichts, nach den fünf Jahren ruhigen Ausharrens!«

Er machte sich sanft von ihr los.

»Du hast Recht, Liebe, ich habe mich wieder gefunden,« antwortete Trudaine und hob das Buch von dem Boden auf.

»Du hast einen sonderbaren Charakter,« sagte Danville mit nichtswürdigem Lächeln; »jeder andere Mann würde mich nach einer solchen Behandlung gefordert haben.«

Trudaine reinigte das Buch mit seinem Taschentuche und antwortete mit furchtbarem Ernst: »Wenn ich Dein Blut so leicht von meinem Gewissen tilgen könnte, wie die Flecke von diesem Buche, so solltest Du die nächste Stunde nicht mehr erleben! Rosa, Dir werde ich das Buch aufheben bis zu einer anderen Zeit,« setzte er hinzu.

»Ha! hat« lachte Danville, »sehr nicht so mutig Hoffnung auf die Zukunft, — und hüte Deine Zunge in meiner Gegenwart. Es wird eine Zeit kommen, wo Du mich um Hilfe bitten wirst. Verstehst Du mich?«

»Der Mann, welcher mir in diesen Tagen auf Tritt und Schritt folgte, war gewiss Danville’s Spion,« sagte sich Trudaine traurig, dann lauschte er, es ließen sich schnelle Schritte hören, die unter dem Fenster anhielten.

Danville blickte ängstlich um sich und dachte: »ich habe meine Rückkehr absichtlich beschleunigt, denn diese Verhaftung hätte ich um keinen Preis versäumen mögen,« und er blickte auf die Straße hinunter.

Die Sterne waren am Firmament, aber das Mondlicht fehlte, und so konnte er die Personen, die untere standen, nicht unterscheiden, und er zog den Kopf in das Zimmer zurück. Seine Frau saß auf einem Stuhle, noch von dem Schreck gefesselt; Trudaine trug eben das Buch in ein anderes Zimmer. Tiefstes Schweigen herrschte, als man Personen auf der Treppe hörte. Die Tür wurde leise geöffnet.

Lomaque erschien mit seinen Agenten in der Tür

»Gesundheit und Brüderlichkeit, Bürger Danville,« sagte Lomaque. »Wo ist Bürger Louis Trudaine?«

Rosa wollte sprechen, aber Trudaine’s Hand schloss ihr den Mund.

»Mein Name ist Trudaine,« antwortete er.

»Charles,« rief Rosa, »wer ist der Mann? Was will er?«

Er gab ihr keine Antwort.

»Louis Trudaine,« sagte Lomaque und zog dabei ein Papier aus seiner Tasche, »im Namen der Republik verhafte ich Sie!«

»Rette meinen Bruder, Charles,« rief Rosa, »rette ihn! Du bist der Vorgesetzte dieses Mannes hier, befehle ihm, das Zimmer zu verlassen.«

Danville machte ihre Hand lieblos von seinem Arme los.

»Lomaque tut nur seine Pflicht,« sagte er mit boshaftem Lächeln zu Trudaine gewendet. »Ja, er erfüllt nur seine Pflicht, nichts weiter! Sieh mich nur an, Trudaine, Du denkst, ich denunzierte Dich, ja, ich tat es, und ich bin stolz darauf, ich habe mich selbst von einem Feinde, den Staat aber von einem schlechten Bürger befreit. Du erinnerst Dich doch der geheimen Besuche in der Straße von Clery?«

Sein Weib war vor Entsetzen fast erstarrt, aber sie sagte doch: »komm, ich muss Dich sprechen,« und mit fast männlicher Kraft zog sie ihren Mann in die Ecke des Zimmers und mit totenbleichen Wangen hob sie sich auf die Fußspitzen und wollte ihm eben Etwas zuflüstern, als Trudaine rief: »Rosa, wenn Du ein Wort sprichst, bin ich verloren!« Sie verließ ihren Mann und blickte ihren Bruder entsetzt an.

»Rosa,« fuhr Trudaine fort, »wenn Du mich liebst, so schweige.«

Sie warf sich an den Hals ihres Bruders und weinte laut.

Danville wandte sich kalt zu dem Polizei-Agenten und sagte: »Führen Sie den Gefangenen ab! Sie haben Ihre Schuldigkeit getan«

»Nur erst halb,« entgegnete Lomaque, ihn aufmerksam ansehend. »Rosa Danville ——«

»Mein Weib? Was wollen Sie mit ihr?« rief Danville.

»Rosa Danville,« fuhr Lomaque höchst kaltblütig fort, »Sie sind mit Louis Trudaine gleichzeitig verhaftet!«

Rosa hob ihren Kopf von der Brust ihres Bruders empor und dieser flüsterte ihr zu:

»Auch Du, Rosa, o mein Gott, darauf war ich nicht vorbereitet.«

»Sie hörte diese Worte, trocknete ihre Tränen, küsste ihn und sagte:

»Ich bin erfreut darüber, Louis, wir bleiben zusammen. Ich bin erfreut!«

Danville sah Lomaque ungläubig an und sagte: »Unmöglich! Hier muss ein Missverständnis obwalten, denn ich habe ja mein Weib nicht denunziert?«

»Still,« antwortete Lomaque, »still, Bürger, achtet die Gesetze der Republik!« —

»Sie gemeiner Kerl! zeigen Sie mir doch erst den Verhaftbefehl,« sagte Danville. »Wer hat es gewagt, mein eigenes Weib zu denunzieren?«

»Sie selbst,« entgegnete Lomaque, »Sie, dem ich den gemeinen Kerl zurückgebe. Sie verdächtigten Ihren Schwager, aber auch mit ihm gleichzeitig Ihre eigene Frau. Ist Trudaine schuldig, so ist Ihre Frau es ebenfalls. Wir wissen das, darum wird sie verhaftet.«

»Ich widersetze mich diesem Befehl,« sagte Danville, »denn ich bin hier der Vorgesetzte! Wer wagt es, mir zu widersprechen?«

Der Chef der Agenten antwortete nicht, sondern ging an das Fenster, wo sich neues Geräusch Vernehmen ließ.

»Hören Sie?« rief Lomaque aus und zeigte auf die Straße.

Viele menschliche Tritte ließen sich hören und man vernahm den Gesang der Marseillaise, dann nahten sich Fackeln.

»Hören und sehen Sie dies Alles?« fragte Lomaque, »nun, so Respektieren Sie auch die Befehle des Mannes, der das Schicksal von ganz Frankreich in seinen mächtigen Händen hält. Hut ab, Bürger Danville! Robespierre ist auf der Straße, man leuchtet ihm bis zu dem Jakobiner-Club voran! Sie fragen, wer sich Ihnen zu widersetzen wagt? Ihr Vorgesetzter und der meinige, der Mann, von dem ein Federzug genügt, um unsere beiden Köpfe unter die Guillotine zu bringen. Soll ich ihn rufen, wenn er hier vorüber kommt? Soll ich ihm sagen, der Oberaufseher Danville widersetze sich seinen Befehlen? Soll ich? Soll ich?« Mit diesen Worten breitete Lomaque den Verhaftbefehl vor den Augen Danville’s aus und zeigte ihm die Unterschrift mit dem Knopf seines Stockes. Die Erinnerung an die Guillotine hatte Danville bescheidener gemacht. — Er sah die Unterschrift an, während Trudaine mit verschränkten Armen zugehört hatte und seiner Schwester fortwährend Mut einflößte. Dann sagte er zu Lomaque: »Bürger, wir sind bereit, tut Eure Pflicht!«

Die Musik auf der Straße wurde immer lauter, das Fackellicht immer heller, die Menschenmenge war gerade unter den Fenstern des Hauses. Diesen Lärm benutzte Lomaque und flüsterte Trudaine zu: »Ich habe den Hochzeitabend und die Bank am Seine-Ufer nicht vergessen!« Noch ehe Trudaine antworten konnte, hatte der alte Mann Rosa’s Hut und Mantel genommen, um es ihr zu geben.

Danville stand stumm und zitternd da, als er die Zurüstungen zu dem Abführen sah; er hatte nur ein oder zwei Worte leise, sehr leise zu seiner Frau gesprochen.

»Die Möbel und Bettstücke sind alle fest versiegelt,« meldete Magloire an Lomaque, welcher ihm zuwinkte und befahl, dass die Agenten sich in Bereitschaft halten möchten.

»Alles in Ordnung!« meldete der Agent zum zweiten Male; diesmal musste er fast schreien, sonst wäre er nicht verstanden worden, so tobte die Menge, welche Robespierre begleitete, und die nun gerade an dem Hause vorüberzog. Das Fackellicht erleuchtete hell das Zimmer, als Lomaque eben den Befehl aussprach:

»In das Gefängnis von Sankt Lazarus!«



Drittes Kapitel

Zwei Tage nachdem Trudaine und seine Schwester verhaftet worden waren, stand der Hauptkerkermeister von Sankt Lazarus vor seiner Tür und rauchte sein Morgenpfeifchen, als er sah, dass Lomaque, der Chef der zweiten Sektion der geheimen Polizei, durch das Gitter in den Hof trat.

»Guten Morgen, Herr Lomaque,« rief der Hauptkerkermeister, »was führt Sie denn schon so früh zu mir? Vergnügen oder Geschäfte?«

»Heute fand ich gerade eine unbeschäftigte Stunde,« entgegnete Lomaque, »da ging ich denn ein Wenig aus, und da mich der Zufall bis vor das Gefängnis von Sankt Lazarus führte, so wollte ich gleich mal hören, wie Sie sich befinden, mein Freund?«

»Ach, wie glücklich sind Sie, doch noch einige müßige Stunden zu finden,« entgegnete der Hauptkerkermeister, »ich bin leider überladen mit Arbeit, denn die Guillotine arbeitet für uns noch zu langsam.«

»Müsst Ihr Euch auch schon mit den Gefangenen bei dem Frühstück beschäftigen?« fragte Lomaque sehr unbefangen.

»Ja doch, ja! Von früh bis spät! Kommen Sie, Freund Lomaque, besehen Sie sich doch einmal die Gesellschaft,« sagte der Kerkermeister, der von seinen Gefangenen wie von einer Gemälde-Sammlung sprach.

Lomaque nickte zustimmend und sah dabei ungemein gleichgültig aus. Der Kerkermeister führte ihn in das Innere einer Halle und zeigte mit seiner Pfeifenspitze auf die Gefangen. »Seht, das ist unser Morgenimbiss, Bürger, gerade bereit zum Einnehmen!«

In einer Ecke der Halle standen und saßen mehr denn dreißig Personen von verschiedenem Geschlecht und Alter. Die einen starrten stumm vor sich hin, andere lachten und plauderten. Nahe bei ihnen befanden sich die beaufsichtigenden Bürger-Wachen; zwischen der Wache und den Gefangenen saß der zweite Kerkermeister eben mit seinem Frühstück beschäftigt. — Lomaque’s scharfes Auge fand bald das, was er heimlich suchte; Trudaine und seine Schwester. — Beide standen außerhalb der eigentlichen Gruppe und sprachen mit einander.

»Nun, Apollo,« redete der Hauptkerkermeister den zweiten Kerkermeister mit seinem Spitznamen an, »ermüdet Dich dieses furchtbare Geschwätz hier nicht?«

»Ich bitte Dich, tue mir den Gefallen und lies heute Nachmittag während meiner Abwesenheit die Liste der Guillotine und bezeichne die Türen der Gefangenen, die morgen sterben werden, mit Kreide, bevor der Karren kommt, der sie abholen wird.«

»Doch trinke heute nicht so viel, Apollo, hörst Du, dass keine Verwechselung mit der Totenliste geschieht.«

»Na, nu,« sagte Lomaque, wir haben jetzt den heißen Juli, da ist man durstig,« mit diesen Worten klopfte er seinem Freunde auf die Schultern und setzte hinzu: »Warum haben Sie sich denn so mit dem Frühstück beeilt? Ich habe heute Zeit, kann ich Ihnen vielleicht helfen, jene Leute dort in den Gang zu setzen?«

»Ja, helfen Sie nur, Freund Lomaque,« sagte der Hauptkerkermeister, und der Chef der geheimen Polizei fing nun auch an, die Gefangenen in Reihe und Glied zu bringen.

Er suchte sich Trudaine zu nahen und machte ihm ein Zeichen des Einverständnisses, dann nahm er ihn ziemlich unsanft bei den Schultern und sagte: »so, Sie werden hier mit Ihrer jungen Frau den Schluss decken!«

Trudaine fühlte ein Stück Papier zwischen Nacken und Halstuch. — »Mut!« flüsterte er seiner Schwester zu, die bei Lomaque’s Scherzen heftig zitterte.

So setzte sich nun der Zug zu dem Verhör nach dem Tribunal-Gericht in Bewegung. Die Wache und der bucklige zweite Kerkermeister begleiteten die Gefangenen. Lomaque wollte sie auch begleiten, aber der gastfreundliche Hauptkerkermeister sagte: »Ach, lassen Sie nur den Kollegen allein bei den Gefangenen und kommen Sie zu einem Glas Wein herein!«

»Ich danke,« entgegnete Lomaque, »ich ziehe es vor dieses Geschwätz noch weiter mit anzuhören. Vielleicht komme ich am Nachmittag. Wann gehen Sie denn zu Ihrer Sitzung? Um zwei Uhr? Gut, ich werde gleich nach ein Uhr hier sein.« Mit diesen Worten nickte er seinem Freunde zu und entfernte sich.

Als Lomaque zu dem Tribunal kam, sollte eben das Verhör beginnen. Das vorzüglichste Meublement des Gerichtssaales war ein großer, mit grünem Stoffe bedeckter Tisch. An diesem saßen der Präsident und andere Herren des Tribunals mit bedeckten Häuptern. Dem Tische gegenüber befanden sich Bänke für das Publikum, die meist von Frauen besetzt waren, die sich hier mit ihren verschiedenen Beschäftigungen niedergelassen hatten. Einige strickten, andere nähten, kurz, sie schienen ganz heimisch zu sein an der Gerichtsstätte. Zwischen Tisch und Publikum war ein von einem Gitter eingefasster Raum für die Angeklagten und ihre Wächter.

Die Sonne schien hell und freundlich durch ein hohes Fenster und ein heiteres Sprechen hallte durch den Raum, als Lomaque eintrat.

Er war hier als Polizist eine begünstigte Persönlichkeit, darum trat er auch durch eine besondere Tür in den Saal, umschritt erst den Raum, wo die Gefangenen standen, und dann erst begab er sich auf einen Sitz hinter dem Stuhle des Präsidenten. Trudaine stand mit seiner Schwester wieder außerhalb der Andern, und er machte Lomaque ein Zeichen; denn er hatte schon Gelegenheit gefunden, den zugesteckten Zettel zu lesen. Sein Inhalt hieß: .

»Ich habe eben entdeckt, wo Bürger und Bürgerin Dubois sich aufhalten. Gestehen Sie nichts. So nur werden Sie Ihr eigenes Leben und das Ihrer Schwester retten können!«

Danville. Magloire und Picard waren auch in dem Saale anwesend.

Danville konnte man die Angst von dem Gesicht ablesen.

Von Zeit zu Zeit nahm er sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ruhe!« rief jetzt der Thürsicherer mit heiserer Stimme. »Ruhe!« Mit diesen Worten schlug er mit einem dicken Knüttel auf den Tisch. »Ruhe! der Präsident wird sprechen!«

Der Präsident erklärte nur, dass die Sitzung nun eröffnet sei. Aber man hörte in diesem Augenblick einen dumpfen Fall unter den Gefangenen und man bemerkte eine lebhafte Bewegung. Zwei ihrer Wächter geboten Ruhe; dann folgte tiefes Schweigen, welches aber durch das Hinzutreten eines Mannes abermals unterbrochen wurde. Er hielt ein mit Blut gefärbtes Messer in der Hand, das er auf den Tisch niederlegte und sagte: »Bürger, ich habe zu berichten, dass sich soeben der eine der Gefangenen selbst gemordet hat!t« — Ein Murmeln lief durch den weiten Saal. — »Ist das Alles? Wie ist sein Name?« fragte der Präsident.

»Martigné,« antwortete der bucklige Kerkermeister und ging zu dem Tisch, um weitere Notizen aufschreiben zu lassen.

»Nähere Beschreibung?«

»Hoflieferant und Wagenfabrikant des Tyrannen Capet.«

»Angeklagt?«

»Der Verschwörung im Gefängnis«

Der Präsident schrieb das Alles auf und schloss seine Notizen mit den Worten: »Griff dem Gesetze vor und tötete sich selbst; eine Handlung, die dazu berechtigt, seine Güter und sein Vermögen einzuziehen. 1. Termidor, zweites Jahr der Republik.«

»Ruhe!« gebot der Mann mit dem Knüttel von Neuem, als der Präsident seine Notizen mit Sand bestreute. »Bringen Sie den Toten fort,« sagte er und schlug sein Buch mit den Notizen zu.

»Ist noch etwas Besonderes für heute?« fragte der Präsident und blickte nach den Leuten hinter sich.

»Ja, Etwas,« sagte Lomaque und ging zu dem Stuhle des Präsidenten. »Wollen Sie, so verhören Sie Louis Trudaine und Rosa Danville zuerst. Zwei von meinen Leuten sind hier in diesem Falle als Zeugen vorgeladen, und da die Republik ihrer Dienste bedarf, so möchte ich, dass sie bald verhört werden.«

Der Präsident überflog die vor ihm liegende Liste und beauftragte den Aufrufer die Namen zu verlesen und die Angeklagten vor die Schranken zu bringen.

Wie Lomaque zurückging, näherte sich ihm Danville und flüsterte ihm zu: »Es geht ein Gerücht, dass Sie wissen sollen, wo sich Bürger und Bürgerin Dubois aufhalten, ist es so?«

»Ja,« antwortete Lomaque, »aber ich habe den Befehl, das Geheimnis für mich zu behalten.«

Danville ärgerte sich über den Ton, in welchem sein Unterbeamter ihm diese Frage beantwortet hatte.

»Louis Trudaine! Rosa Danville« rief die Stimme des Beamten.

Beide Gerufenen erschienen vor dem Tisch. Der erste Blick auf ihre Richter, der andere aus die hier versammelte Menge schienen Rosa niederschmettern zu wollen. Sie wurde bleich und rot Dann lehnte sie sich an die Schulter ihres Bruders, dessen Herz sie schlagen fühlte, und weinte leise.

»Nun!« sagte der Präsident und schrieb ihre Namen auf. »Angeklagt durch wen?«

Magloire und Picard traten zu dem Tisch, und der erstere antwortete: »Durch den Bürger Danville.«

Diese Antwort erregte großes Aufsehen unter Gefangenen und Publikum.

»Wessen angeklagt?« fragte der Präsident weiter.

»Der männliche Gefangene der Verrätherei gegen die Republik; der weibliche der Mitwissenschaft dieser Verrätherei.«

»Die Beweise?« fuhr der Präsident ordnungsmäßig fort.

Picard und Magloire legten ihre Entwürfe vor, die sie an jenem Abende in dem Dienstzimmer vorgelesen hatten.

»Gut!« sagte der Präsident, nachdem dieselben laut verlesen waren. »Haben Sie Ihre Anklage vernommen?« fragte er zu den beiden Gefangenen gewendet. »Haben Sie noch Etwas hinzuzufügen? Ist dies der Fall, so fassen Sie sich sehr kurz, denn unsere Zeit ist kostbar!«

»Ich wünsche für meine Schwester und für mich zu sprechen,« antwortete Trudaine, »so werde ich die Zeit des Tribunals am wenigsten beanspruchen; denn ich werde sogleich ein Geständnis ablegen.

Eine außerordentliche Stille herrschte im Saale als Trudaine das Folgende aussagte:

»Ich gestehe, dass ich mich heimlich nach dem Hause in der Rue Cléry begab. Ich gebe zu, dass die Person, welche ich dort sprach, die in der Anklage erwähnte ist. Und ich bekenne, dass wir die Wege besprachen, auf welchen wir Frankreich verlassen könnten. Aber wir haben nie daran gedacht, die gegenwärtige politische Regierung mit in unser Gespräch zu ziehen; folglich bin ich auch nicht eines Vergehens gegen die Republik schuldig. Die Person, mit welcher ich dort sprach, hat keinen Einfluss auf die Politik, noch hat sie Bekanntschaft mit Personen, die in der Politik eine Rolle spielen, deshalb bin ich nun auch kein Verräter des Vaterlandes.«

»Sind Sie bereit, dem Gerichtshofe hier mitzuteilen, wo sich das Ehepaar Dubois jetzt aufhält?« fragte der Präsident.

»Ja, ich bin dazu bereit,« antwortete Trudaine, »doch zunächst erlauben Sie mir ein Wort über meine Schwester zu sagen, die mit mir hier vor Ihnen steht.« Seine Stimme zitterte, als er bemerkte, wie Rosa ihre Augen zu ihm erhob. »Ich bitte das Tribunal meine Schwester von Allem frei zu sprechen, woraus mir ein Verbrechen gemacht wird. Sie konnte mir in nichts beistehen, noch stand sie mir bei. Ist Jemand zu tadeln, so kann ich es nur allein sein.«

Er wurde plötzlich verwirrt und hielt ein, denn Rosa wisperte ihm zu: »Nein, mein Louis, kein Opfer!« Dann machte sie sich von ihm los und richtete sich auf, kräftig, kühn, das Auge auf die Richter geheftet.

»Still! stillt« tönte es durch den Saal, »sie will sprechen!«

Und sie sprach mit ihrer schönen silberhellen Stimme: »Mein Herr Präsident.« Ein verwirrtes Murmeln lief durch die Versammlung:

»Sie ist eine Aristokratin! Eine Aristokratin!« hörte man die Weiber murren.

»Bürger-Präsident,« rief ihr Bruder. »Meine Schwester ist verwirrt, sie kann nicht sprechen. Ich flehe das Tribunal an, kein Gewicht auf das zu legen, was meine Schwester aussagen wird. Die Angst dieser Tage hat ihren Geist verwirrt gemacht. Sie ist nicht verantwortlich für ihre Worte. Ich erkläre dies feierlich vor den Anwesenden.«

»Sie soll sprechen! Sie muss sprechen!« riefen die Weiber auf der Tribüne.

»Ruhig, Ihr Weiber hier!« rief der Mann mit dem Knüttel. »Der Herr Präsident hat das Wort.«

»Der Angeklagte hat das Wort,« erklärte der Präsident; »wünscht die weibliche Angeklagte zu sprechen, so wird ihr später das Wort erteilt werden. Nun fahren Sie fort mit Ihrem Bekenntnis, Gefangener Trudaine,« sagte der Präsident, »aber sprechen Sie nur von sich, nicht mehr von Ihrer Schwester. Sprechen Sie zunächst über Dubois, doch fassen Sie sich kurz!«

»Ich bin bereit,« entgegnete Trudaine.

»Der Bürger Dubois ist ein Diener. Die Bürgerin Dubois ist die Mutter von dem Manne, der mich hier anklagte, die Mutter des Oberaufsehers der Geheimen Polizei, die Mutter Danville’s!«

Ein lautes Murmeln von mehr als hundert Stimmen ließ sich hören. Dass Trudaine die Wahrheit gesagt, ließ sich nicht einen Augenblick bezweifeln, denn der Mann, der so teilnahmslos und sorglos hinter dem Sessel des Präsidenten gesessen hatte, war plötzlich ohnmächtig geworden und man rief: »Macht Platz! Der Ober-Aufseher Danville ist krank geworden!«

Die unbeschreibliche Szene, welche sich vor dem Tribunale abspielte, veranlasste den Präsidenten, die Aussagen Trudaine’s so lange aufzuheben, bis Bürger Danville durch die frische Luft gestärkt, in die man ihn hinaus begleitet hatte, zurückgekehrt sei. Dann befahl er, dass Rosa jetzt sprechen möge.

»Der Hof wünscht Ihre Aussagen zu hören, Rosa Danville,« hob der Präsident wieder an.

Obgleich bleich wie der Tod und mit zitternder Stimme begann die junge Frau:

»Ich werde dem Beispiele meines Bruders folgen und mein Geständnis so offen ablegen, wie er das seinige ablegte. Ich wünsche keine Rettung, wenn für ihn keine zu erwarten ist. Wohin er geht, wenn er diese Stelle hinterlässt, dahin werde ich ihm folgen; was er leidet, will ich erleiden; stirbt er, so wird Gott mir verzeihen, wenn ich mutig mit ihm sterbe.« Sie hielt einen Augenblick im Sprechen ein und wandte sich halb zu ihrem Bruder, dann fuhr sie fort: »Er teilte mir eines Tages mit, dass er die Mutter meines Mannes als arme Frau verkleidet, in Paris gesehen habe. Wir glaubten, sie habe Paris lange verlassen und zwar schon früher, bevor wir hierher kamen. Sie erzählte jedoch meinem Gatten, dass sie mit der, Hilfe eines treuen Dieners nur bis Marseille gekommen sei; als sich ihr dann Hindernisse in den Weg gestellt hätten, sei sie hierher zurückgekehrt, dieses Hindernis als eine Warnung des Himmels betrachtend, dass sie ihren Sohn nicht verlassen möge und so nahm sie den Namen ihres Dieners an, und lebte hier in strengster Zurückgezogenheit, ohne dass ihr Sohn von ihrem Aufenthalte Kenntnis hatte. Mein Bruder warnte sie, aber sie hörte nicht auf ihn. Ich bat, dass mein Bruder sie noch einmal auf das Gefährliche ihrer Lage aufmerksam machen möchte. Ich hoffte mir dadurch meines Mannes Liebe wieder zu erobern, und gleichzeitig meinen Mann und meinen Bruder zu versöhnen, wenn letzterer die Mutter aus Paris zu gehen bereden könnte.

»Mein Bruder hat Alles für mich und mein Interesse gewagt, gönnen Sie mir nun auch, dass ich wenigstens seine Strafe teilen darf,« schloss die junge Frau mit tränenden Augen.

Das Publikum hatte Rosa schweigend zugehört und schwieg auch noch still als sie geendigt hatte.

Der Präsident sah seine Kollegen an und schüttelte dann sein Haupt nachdenklich.

Die Aussage der weiblichen Gefangenen vervollständigt die Angelegenheit sehr ernst, sagte der Präsident.

»Ist Jemand hier anwesend, der zusagen weiß, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen?« fragte er.

Lomaque trat zu dem Präsidententisch und sagte: »Ich habe einen Bericht erhalten, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen.«

»Wo sind sie?« fragte der Präsident.

»Sie und ihr Diener sind bei Köln gesehen worden, aber seitdem sie in Deutschland sind, ist es unmöglich ihnen weiter nachzuforschen.«

»Wissen Sie etwas Näheres über die Ausführung des alten Dieners während seiner Anwesenheit hier?« fragte der Präsident.

»Ja, er war kein Mensch, der verdächtig erschien. Er scheint seine Anhänglichkeit und Arbeit nur der einen Person, der er diente, zu widmen.«

»Haben Sie Grund anzunehmen, dass Bürger Danville Mitwisser der Abreise seiner Mutter von Paris ist?«

»Das weiß ich nicht! Aber es kann ermittelt werden, wenn ich Zeit erhalte, mich mit Persönlichkeiten in Lyon und Marseille darüber zu verständigen.«

In diesem Augenblick kam Danville ins Zimmer zurück und schritt auf den Tisch zu. Chef und Ober-Aufseher blickten sich einen Moment fest einander an.

»Er hat seine Geistesgegenwart wieder gefunden, die bei der Aussage Trudaine’s von ihm gewichen war,« sagte Lomaque zu sich selbst.

»Bürger-Präsident,« fragte Danville, »ich erlaube mir die Frage, ob Jemand während meiner Abwesenheit meine Ehre anzugreifen wagte?«

Er sprach vollkommen ruhig, wagte aber Niemand anzusehen, sondern blickte auf die grüne Tischdecke vor sich hin.

»Die weibliche Gefangene hat Geständnisse gemacht, die sich hauptsächlich auf ihren Bruder und sie selbst beziehen,« antwortete der Präsident, »hat aber auch zufällig erwähnt, dass Ihre Mutter, gegen das Gesetz der Republik, aus Frankreich ausgewandert ist. Dieser Teil der Aussage dürfte Sie nun auch wohl ernst verdächtigen.«

»Sie sollen mich nicht länger verdächtigem und auf meine eigene Gefahr bekenne ich, dass ich es gewusst habe, als meine Mutter Paris zum ersten Male verließ.« Diese Worte begleitete Danville mit theatralischen Gebärden seiner Arme.

Zischen und Geschrei aus der Menge folgte diesem Geständnis Erst blickte er verwirrt um sich, dann aber sagte er: »Bürger, Ihr habt das Geständnis meines Fehlers vernommen, jetzt hört aber auch von dem Opfer, welches ich dafür auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt habe.«

Er wartete mit der weiteren Aussage bis der Secretair des Tribunals seine Worte niedergeschrieben hatte.

»Schreiben Sie sorgfältig jedes meiner Worte auf, Bürger,« fuhr er fort; »denn Leben und Tod hängt an meiner Aussage.«

Der Secretair nickte, dass er zum Schreiben bereit sei, tauchte seine Feder ein und wartete.

»In dieser Zeit des Ruhmes und der Prüfungen für Frankreich,« hob Danville feierlich an, »hat fast jeder gute Bürger sein Privatwohl und seine Familieninteressen, denen des Vaterlandes untergeordnet.

»Bei dem ersten Versuche den meine Mutter, Frankreich zu verlassen, machte, brachte ich dem Vaterland das herrische Opfer, welches der wahre Patriotismus erfordert. Meine Lage war noch fürchterlichen als die des Brutus, der seinen eigenen Sohn aus Vaterlandsliebe verurteilte — Ich hatte nicht die Kraft und den Mut des alten Römers, um ein Gleiches zu tun Ich fehlte, Bürger, fehlte wie Coriolan, als dessen erhabene Mutter ihn um die Errettung Rom’s anflehte. Dafür hätte ich verdient, dass die Commune mich von sich ausgestoßen hätte, aber ich entschlüpfte dieser Strafe, und, um zu sühnen, worin ich gefehlt, bot ich dem Vaterland meine Dienste an. So verging einige Zeit, und meine Mutter machte zum zweiten Male einen Versuch, sich aus Frankreich zu entfernen, und zum zweiten Male kam meine Bürgertugend in Versuchung. Aber wie befreite ich mich von meiner Schwäche? — Bürger, seht, dort steht der Verräter! Der Vaterlandsfeind, den ich selbst dem Tribunal anzeigte, weil er es war, der meiner Mutter zur Flucht verhelfen wollte!« Mit diesen Worten zeigte er auf Trudaine, »so wusch ich mich rein von, allen Sünden gegen Frankreich! Hier stehe ich nun, der patriotische Sohn, der die Mutter aufgab um des Vaterlandes willen.« Mit diesen Worten schlug sich Danville vor die Brust und blickte sich nach Beifall um. —

Der Präsident warf die Frage auf: »Wussten Sie zu der Zeit als Sie Trudaine anzeigten, dass er sich mit der Flucht Ihrer Mutter beschäftige?«

»Ja!« entgegnete Danville.

Die Feder des Präsidenten fiel aus seiner Hand; die andern Beamten blickten düster schweigend vor sich nieder.

Man hörte die Worte: »Ungeheuer! Ungeheuer!« sich von Mund zu Mund verbreiten. Die Mütter, welche sich im Auditorium befanden, schienen am meisten durch den kecken Sprecher vor den Schranken verletzt. —

Lomaque’s Antlitz war bei Danville’s Aussagen totenbleich geworden und der alte Mann murmelte still vor sich hin: »Jetzt sind sie verloren!«

Rosa’s Gesicht lehnte sich wieder gegen die Schulter ihres Bruders und an den Arm, den er, um sie zu stützen, um sie gelegt hatte. Eine der weiblichen Gefangenen versuchte Rosa ebenfalls zu ermutigen; die Aussagen ihres Mannes schienen ihr Herz brechen zu wollen. Endlich flüsterte sie ihrem Bruder zu: »Louis, ich bin zum Sterben bereit, denn ich kann nicht länger mit dem Gefühle leben, dass ich jenen Mann einst heiß geliebt habe!«

Dann schloss sie ihre Augen, als wollte sie sich der Gegenwart entziehen; sie sprach nicht weiter.

»Noch eine andere Frage,« sagte der Präsident, »wussten Sie, dass Ihre Frau von der Verrätherei ihres Bruders Kenntnis hatte?«

Danville überlegte einige Augenblicke, dann sagte er: »Ich wusste nichts davon; denn ich war nicht in Paris anwesend, als meine Frau denunziert wurde.«

Selbstsüchtig und klug sprach er nun so leise, dass das gespannt lauschende Publikum, welches seine früheren Aussagen so unfreundlich aufgenommen hatte, nichts verstehen konnte. Er beugte sich über den grünen Tisch und drehte dem Publikum den Rücken. Der Präsident richtete sich mit der Frage an die Gefangenen: »Haben Sie Etwas zu den Aussagen des Bürger Danville zu sagen?«

»Er hat sich durch seine Falschheit selbst schon gerichtet,« sagte Trudaine, »wenn seine Mutter hier erscheinen könnte, so würde sie dies sogleich beweisen können.«

»Können Sie keine andern Beweise bringen?« fragte der Präsident.

»Ich kann es nicht!« antwortete Trudaine.

»Bürger und Oberaufseher Danville,« ließ sich der Präsident vernehmen, »Sie können sich zurückziehen, Sie haben hier nichts mehr zu tun! Ihrer Römertugend gebührt die Bürgerkrone. — Gehen Sie jetzt, wenn Sie wollen!«

Danville verließ das Haus durch die öffentliche Tür Die Weiber murrten ihm laut nach; schwiegen aber, als der Präsident zu seinen Kollegen gewendet sprach: »Das Urteil!«

»Das Urteil!« rannte sich die Menge zu, »still, das Urteil!«

Nach einer Beratung von wenigen Minuten erhob sich der Präsident und sprach die verhängnisvollen Worte:

»Louis Trudaine und Rosa Danville! Nachdem das Tribunal die Anklage wider Euch gehört und Eure eigenen Aussagen erwogen hat, findet es Euch des Verrats gegen das Vaterland und somit des Todes schuldig!«

Nachdem er dieses Urteil gesprochen, setzte er sich wieder nieder, bezeichnete die Namen der Verurteilten in der Liste, und ließ einen andern Gefangenen aufrufen, dem das Publikum auch sogleich seine Aufmerksamkeit schenkte.



Viertes Kapitel

Das Wartezimmer des Tribunal-Gerichts war ein großer Raum, mit gepflastertem Fußboden und Bänke zogen sich längs der Wände hin. Das Fenster war sehr hoch und vergittert. An der Ausgangstür, welche unmittelbar auf die Straße führte, standen zwei Schildwachen. Als Lomaque aus dem Gerichtssaale kam, fand er den Raum ganz leer von Menschen. Da ihm Einsamkeit jetzt lieb war, blieb er in dem Wartezimmer und ging darin langsam auf und ab.

Nach einer Weile öffnete sich die Tür des Gerichtssaales wieder, und der bucklige Unterkerkermeister kam heraus mit Trudaine und Rosa.

»Ihr habt hier zu warten,« sagte der kleine Mann, »bis die Andern verhört sind, dann führe ich Euch Alle mit einem Male ins Gefängnis zurück!«

Dann erblickte er Lomaque an dem andern Ende des großen Zimmers und rief: »Ach Bürger, sind Sie noch hier? Wenn Sie noch etwas Zeit übrig haben, möchte ich Sie um eine Gefälligkeit ersuchen?«

»Ich habe Zeit,« erwiderte Lomaque gleichgültig.

»Gut,« entgegnete der Kleine, »ich habe Verteufelten Durst und möchte einen Schluck Wein trinken gehen. Möchten Sie wohl die Zwei dort etwas bewachen? »Fort können sie nicht, denn das Fenster ist vergittert, draußen an der Tür ist die Schildwache und drinnen der Gerichtshof. Es ist also Nichts zu wagen, wenn Sie mir helfen wollen.«

»Ja, ja, ich werde hier bleiben,« entgegnete Lomaque.

»Ich denke,« sagte der bucklige Kleine. »Sollte ich gerufen werden, so sagen Sie nur, dass ich auf einige Minuten hinausgehen musste« Mit diesen Worten humpelte er fort.

Kaum war der Kerkermeister hinaus, so ergriff Trudaine den Arm Lomaque’s und flüsterte: »Um Gotteswillen, rettet sie! Hier ist Gelegenheit dazu, rettet sie!« Sein Gesicht glühte, seine Brust wogte und der Chef-Agent fühlte seinen heißen Atem an seinem eigenen Halse. »Erinnern Sie sich an meinen Vater und retten Sie mir die Schwester! Denken Sie an die Worte, die Sie mir bei dem Verhaften zuflüsterten. Kann ich allein sterben, so will ich meinen männlichen Mut bis zum letzten Augenblick bewahren, ist sie aber an meiner Seite auf dem Wege zum Schaffen so werde ich den Tod eines Feiglings sterben. Ich habe bisher nur für sie gelebt, lasst mich nun für sie sterben und ich werde glücklich sterben.« Er konnte nicht weiter sprechen, seine Kraft schien gebrochen; er zeigte nur noch auf die Bank, wo Rosa gesenkten Hauptes saß.

»Draußen sind zwei Wachtposten, das Fenster ist Vergittert, Sie sind ohne Waffen, es ist unmöglich von hier zu entkommen,« antwortete Lomaque.

»Unmöglich!« wiederholte Trudaine wütend »Sie Feigling! Sie Verräter! Können Sie sich ansehen in ihrer unschuldigen Trübsal und mir dann noch so kühl sagen, Flucht sei hier unmöglich?« Mit diesen Worten erhob er in seiner Wut und Angst die Hand gegen Lomaque. —

»Sie sind von Sinnen,« sagte der Chef der geheimen Polizei, »stören Sie nicht die kostbaren Minuten durch sinnlose Pläne, ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen«

Trudaine ließ seine ausgestreckte Hand sinken und seine Züge veränderten sich vollständig. »Ich höre,« sagte er und legte seinen heißen Kopf an die Wand.

Lomaque sprach im Flüsterton: »Ich will Ihnen jetzt eine Mitteilung machen, die Sie aber Ihre Schwester nicht früher wissen lassen dürfen, bis ich Ihnen die Erlaubnis dazu gebe. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf! Wenn Ihre Schwester in dieser Nacht von dem nahen Tode spricht, geben Sie ihr keine Hoffnung, hören Sie; denn es ist möglich, dass ich Sie nicht werde retten können. — Ich schmiede Rettungspläne.« — Mit diesen Worten zog er sein Notizbuch hervor und sagte: »Beantworten Sie jetzt, was ich frage: Sie sind Chemiker, wissen Sie irgend einen Saft, der Geschriebenes von dem Papier zu verlöschen im Stande ist, so schreiben Sie ihn hier auf?«

»Gewiss!« entgegnete Trudaine, »ist das Alles?«

»Nein,« sagte Lomaque. »Schreiben Sie jetzt hier den Namen und die Anwendung der Flüssigkeit genau auf.«

Trudaine gehorchte.

»Das ist der erste Schritt,« sagte Lomaque und steckte das Buch wieder ein.

»Vergessen Sie nicht,« fügte er hinzu, »dass ich meinen eigenen Kopf in Gefahr bringe, indem ich Sie und Ihre Schwester zu retten suche. Ich werde die Totenliste verlesen, und da wird es mir möglich sein, den Einen oder den Andern zu retten. Sagen Sie mir noch keinen Dankt Hören Sie nur, denn unsere Zeit ist streng gemessen.

»Der Präsident hat ein Zeichen bei Ihren Namen gemacht, welches Ihr Todesurteil bedeutet. — Ist dies Sitzung vorüber, so wird diese Liste Robespierre zugeschickt, der Abschriften davon machen lässt und diese dann seinen Kollegen zur Durchsicht vorlegt. Ich bin derjenige Beamte, der zuerst die Kopien dieser Listen zu bearbeiten hat, dann wird das Original mit den Kopien entweder durch Robespierre oder einen seiner Vertrauten geprüft und danach erst nimmt die Original-Liste durch meine Hand ihren Weg ins Gefängnis zurück. — Dann wird sie öffentlich im Gefängnis vorgelesen und dann erst erhält sie der Kerkermeister, der jedes mal des Abends die Türen außerhalb mit Kreide bezeichnet, hinter denen die Gefangenen sitzen, die am nächsten Morgen sterben müssen. Diese Pflicht hat heute der Unterkerkermeister übernommen, der ein Säufer ist; ich gedenke ihn nun heute so betrunken zu machen, dass ich ihm die Liste mit den Namen derer, die morgen sterben sollen, aus der Tasche nehmen kann, d.h. nachdem sie bereits öffentlich verlesen worden ist, doch — bevor er die Türen mit Kreide bezeichnet. Ich werde dann Ihren Namen mit der chemischen Flüssigkeit auslöschen und — ist mir dies gelungen, so wird Ihre Kerkertür unbezeichnet bleiben und Ihre Namen werden nicht verlesen werden, wenn morgen früh der Henkerskarren kommen wird. Da jeden Tag neue Gefangene vor dem Tribunal erscheinen, so wird sich schon eine Gelegenheit finden, für weitere Rettung in acht oder zehn Tagen.«

»Nun!« rief Trudaine schnell aus. —

Lomaque blickte zur Tür des Saales und fuhr in leisestem Tone fort: »In nächster Zeit wird vielleicht Robespierres eigener Kopf gefallen sein! — Frankreich ist der Schreckenszeit müde! Es finden schon geheime Zusammenkünfte in der Nachtzeit statt. Es gibt einen schnellen Wechsel in der Regierung Robespierre hat es seit Wochen nicht gewagt, vor dem Comité der Konvention zu erscheinen. Er hält seine Reden nur vor seinen Freunden im Jakobinerklub. Man spricht von entsetzlichen Entdeckungen durch Carnot und von riesigen Entschlüssen, die Tallien gefasst haben soll. Die wachsamen Männer unserer Tage sehen, dass die Tage des Schreckens zu Ende gehen.

»Geht Robespierre unter, so sind Sie und Ihre Schwester gerettet. Bleibt er am Ruder, so können Sie nach der Entdeckung, dass Sie noch leben, auch nur das tun, wozu Sie heute bestimmt sind. — Ich lege meinen Kopf dann auch unter das Beil! — So, das ist Alles, was ich für Sie tun kann!«

Trudaine wollte danken, aber Lomaque gestattete es nicht, denn er sagte, »ich tue es im Andenken an Ihren Vater, im Andenken an die Ereignisse vor fünf Jahren, im Andenken an die Tasse Kaffee, die mir Ihre Schwester warm stellte. Danken Sie mir nicht; ich habe nach einem wechselvollen Leben das Bedürfnis nach einer guten Tat, außerdem bin ich lebensmüde, habe wenig Freuden erfahren, war ein steter Ball der Launen Anderer. Ich habe nichts von diesen elenden Lebensstunden als Plage und Not —

»Ihre Schwester reichte mir freundlich eine Tasse Kaffee, ich bin so artig, ihr ein elendes Leben dafür zu Füßen zu legen, das ist Alles! Es wäre also töricht, mir dafür zu danken!« —

Dabei schnippte der alte Mann mit den Fingern und stand auf, den buckligen Kerkermeister zu empfangen, der eben mit den Worten eintrat:

»Hat Jemand nach mir gefragt?«

»Nein, keine Seele!« antwortete Lomaque. »Welche Sorte tranken Sie denn?«

»Na, eine so ziemlich erträgliche, Freund,« lautete die Antwort.«

»Ah, ich werde Ihnen heute noch ein besonderes Weinchen vorsetzen,« sagte Lomaque, »denn ich komme noch nach Sankt Lazarus. Ich werde dann nach Ihnen fragen,« mit diesen Worten ging er fort.

Rosa saß still auf der Bank, sie sah weder ihren Bruder an, noch kümmerte sie sich um die Dinge um sie her. Sie war vollkommen gleichgültig gegen Alles.

Als ihr Bruder sich zu ihr setzte, nahm sie seine Hand und sagte freundlich: »Louis, lass uns recht beisammen bleiben, bis die Stunde kommt. Ich bin nicht furchtsam, denn ich habe nur Dich, der mir das Leben lieb macht und Du sollst ja auch sterben! — Erinnerst Du Dich, dass ich einst bedauerte, kein Kind zu besitzen? Ich dachte eben daran, wie schrecklich es jetzt wäre, wenn mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Es ist jetzt ein Segen für mich, dass ich kinderlos bin. Lass uns von alten vergangenen Tagen sprechen, Bruder, nicht von meinem Mann, sondern von der Zeit wo wir noch eng bei einander lebten.



Fünftes Kapitel

Der Tag schritt vor. Nach und nach kamen die Gefangenen aus dem Saale in das Wartezimmer; um zwei Uhr Mittags war Alles beendet, selbst die Totenliste gelesen und dem Beamten zur weiteren Besorgung übergeben. Der Gefängniswärter führte seine Truppe nach Sankt-Lazarus zurück.

Der Abend kam. Das Abendessen wurde von den Gefangenen eingenommen und die Totenliste noch einmal innerhalb des Hofraumes vorgelesen. Die Türen erhielten wie gewöhnlich die Kreidezeichnung. Louis Trudaine und seine Schwester bewohnten zusammen eine Zelle, es war dies auch eine Vermittlung durch Lomaque’s Schlauheit; beide erwarteten zusammen den grauenvollen Morgen. Rosa’s Gedanken waren nur mit dem wahren Tode beschäftigt, ihr Herz schlug so leise, als wenn der Todesengel schon seine Hand nach ihr ausgestreckt hielt. — Still und in sich versunken saß sie mit dem Kopfe an des Bruders Schulter gelehnt, ein Bild des Mitleids und der Ergebung.

Der Morgen kam und die strahlende Sonne tauchte im Osten glühend auf. — Es nahte schon die Stunde, die den Unglücklichen als eine ihrer letzten bezeichnet war. Trudaine lauschte, es nahten sich Schritte seiner Zelle. Der Schlüssel wurde umgedreht und die Tür geöffnet und er stand dem buckligen Kerkermeister und einem andern Beamten gegenüber.

»Siehst Du, da sind sie frisch und gesund in ihrer Zelle, wie ich es sagte und ich wiederhole Dir noch einmal, dass sie nicht mit auf der Totenliste gestanden haben. Du wirst mich doch nicht meine Pflichten kennen lehren, sieh Du nur danach; die Deinigen zu erfüllen, und betrinke Dich nicht! Ich weiß selbst, was ich zu tun habe,« sagte er zu dem Buckligen.

»Sei ruhig! Und lass mich lieber noch einmal auf die Liste sehen,« sagte der Andere. Zog dann seinen Kollegen von der Zelle fort und sah die Liste noch einmal durch.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich das begreife,« sagte der Mann, »nur kommt vor, als hätte ich die Namen gestern unten vorgelesen. Gib mir eine Priese! Wache ich denn oder schlafe ich noch, oder bin ich schon am Morgen besoffen!«

»Nüchtern!« sagte eine Stimme und stieß den Sprecher an, »denn ich sah Sie gestern Abend in ganz anderer Verfassung!«

»Ah, Sie sind es, Bürger Lomaque! Denken Sie nur, mir kommt vor, als hätte ich gestern hier die Namen der beiden Gefangenen auf der Totenliste selbst gelesen und jetzt finde ich sie nicht mehr darauf. Was sagen Sie dazu?«

»Ja,« sagte der andere Beamte. »denken Sie nur, Bürger, da er selbst betrunken war, ließ er mich die Türen bezeichnen, die heute unter die Guillotine kommen und da er seine rechte Hand nicht mehr von seiner linken unterscheiden konnte, ließ er mich eine falsche Tür bezeichnen. — Wäre er nicht ein so guter Kerl, so zeigte ich ihn an.«

»Sie haben ganz Recht,« sagte Lomaque, »er ist zwar gut, aber er hätte Sie auch nicht in solche Verlegenheit bringen sollen. — Sie können die Namen nicht in der Liste gelesen haben, weil sie eben nicht darauf gestanden haben! Doch machen Sie nicht so viel Lärm um solche Dinge. Heute zu Tage dürfen keine Zweifel im Dienste laut werden. Vernichten Sie lieber die Liste.«

»Lassen Sie mich doch sehen,« sagte Lomaque, »sind denn das wirklich die Gefangenen, bei denen ich im Wartezimmer blieb?« Der Kerkermeister schloss die Zelle noch einmal auf und Lomaque sah die Geschwister vor sich. Er wisperte schnell: »Die Vorsicht hat gewirkt! Sie sind für einige Tage gerettet.« Der Kerkermeister war nämlich nach einigen andern Türen gegangen. Danville ist gestern Abend auf ausdrücklichen Befehl Robespierres verhaftet. Er sitzt im Temple. Still! Der Kerkermeister kommt. Hoffen Sie! Doch nur von dem Wechsel der Politik. Teilen Sie Ihrer Schwester nur das Alles mit; trösten Sie sich jedoch nur mit dem Gedanken, dass die Rettung für einige Tage gesichert ist.«

»Und morgen?« fragte Trudaine.

»Denken Sie nur an heute, und lassen Sie den Morgen für den Morgen sorgen!«



Dritter Teil

Erstes Kapitel

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1798 hielt die Postkutsche, welche stets die Tour zwischen Chalons-sur-Marne und Paris machte, vor der Tür der ersten Poststation jenseits Meaux still. Ein alter Mann stieg aus und begab sich in das kleine Wirtshaus in der Nähe der Post, welches einer Witwe Duval gehörte, die in dem Rufe stand, die beste Köchin und die redseligste Frau in der Umgegend zu sein. Der Reisende wurde nicht mit neugierigen Blicken von den ländlichen Müßiggängern betrachtet und ohne besondere Komplimente von der Gastwirtin empfangen, denn er hatte eben kein besonderes Aussehen. Hätten die guten Leute auf der Dorfstraße und besonders Madame Duval gewusst, dass der Reisende eine merkwürdige Persönlichkeit aus der Schreckenszeit, der Chef der geheimen Polizei von Paris unter Robespierre gewesen, er würde ihnen nicht so uninteressant erschienen sein,

Drei bis vier Jahre waren vorübergegangen, seitdem Lomaque aufgehört hatte, sein Polizei-Amt zu verwalten. Seine Gestalt war seit dieser Zeit gebeugter, sein Haar dünner geworden, aber sein Aussehen war doch im Allgemeinen ein gesünderes; auch seine Kleidung, wenngleich nicht elegant, war netter und reinlicher geworden, als die, die er früher zu tragen pflegte.

Er setzte sich nieder im Zimmer des Gasthauses und während die Wirtin Speise und Trank für ihn besorgte, zog er unter verschiedenen Papieren eine Karte hervor, auf welcher stand:

»Wenn die Verwirrungen vorüber sind, vergessen Sie die Personen nicht, die Ihnen ewig dankbar sein werden. Kommen Sie zur ersten Poststation hinter Meaux und fragen Sie dort in dem Wirtshaus nach dem Bürger Maurice, wenn Sie uns wiederzusehen wünschen.«

Frau Duval brachte den Wein und Lomaque fragte sie: »Können Sie mir vielleicht sagen, ob hier in der Nachbarschaft Jemand wohnt, der Maurice heißt?«

»Ob ich das weiß!« rief die Wirtin aus, »Bürger Maurice und seine liebenswürdige Schwester, Bürgerin Maurice, wohnen kaum zehn Minuten von hier entfernt. In einem reizenden Häuschen, in einer reizenden Gegend können Sie das reizende Geschwisterpaar finden,« erklärte die geschwätzige Frau. »Sie sind meine beste Kundschaft,« fuhr sie fort, »ich versehe sie mit Geflügel, Eiern, Brot, Butter, Gemüse, kurz mit Allem, was sie in ihrer kleinen Einsiedelei benötigen Die armen Leute haben ihre liebe Not gehabt! Sie sprachen zwar in der ersten Zeit wenig davon —«

»Ich bitte Sie, liebe Bürgerin, würden Sie wohl so gütig sein, mich gleich dorthin —«

»Warten Sie nur, ich muss doch erst aussprechen,« sagte die Wirtin und fuhr fort: »Vor drei bis vier Jahren, gerade zu der Zeit, als man dem Satan Robespierre den Kopf abgeschlagen hatte, sagte ich zu meinem Mann: sie wird sterben! Ich meinte die Bürgerin Rosa, denn sie waren elend und arm und wir gaben ihnen dann Kredit und borgten ihnen Nahrungsmittel, Brot, Butter, Geflügel, ich meine, den Leuten dort unten in dem kleinen Häuschen.«

»Liebe Frau, wo, wohnen sie denn?«

Das Geschwätz der Wirtin ging so weiter bis Lomaque noch einmal fragte: »Bürgerin, ich bitte, zeigen Sie mir den Weg, wo ich zu der Hütte gelange.«

»Sie schnurriger kleiner Mann, warum fragten Sie mich denn nicht früher?« sagte die dicke Wirtin »Trinken Sie nur den Wein aus und kommen Sie vor die Tür So, da haben Sie Ihr Geld gewechselt, nun kommen Sie und unterbrechen Sie mich nicht! Sie sind ein alter Mann, können Sie 40 Ellen vor sich sehen? So! Nun sehen Sie, wohin ich zeige! Dort liegt ein Haufen Steine, dann kommt ein kleiner Fußsteig dann kommen Sie zu einer Brücke, aber werden Sie das auch Alles behalten können? Dann kommt eine alte Wassermühle; — ich sage Ihnen, das ist eine prächtige alte Mühle! — Ach, Sie werden schon ungeduldig! Nun, Ihre Frau möchte ich wirklich nicht sein! Also wir sind an der Brücke —« doch Lomaque war schon weit von ihr, er hatte schon den Fußpfad erreicht, die Brücke überschritten und da sah er auch ein altes Häuschen mit weißen Vorhängen an den Fenstern; der Garten vor dem Hause enthielt sorgfältig gepflegte Blumenbeete. »Hier muss es sein,« sagte er sich, »denn ich sehe ihr Walten, bevor ich sie selbst erblicke,« und er klopfte mit seinem Stock an die Tür

Die Tür wurde geöffnet. »Bitte, wohnt hier Bürger Maurice?« — Lomaque sah aus einen dunklen Gang; — bevor er noch ausgesprochen, wurde seine Hand ergriffen, sein Reisegepäck ihm abgenommen und eine frohe Stimme rief: »Willkommen! Willkommen und tausend Mal willkommen!« tönte es noch ein Mal.

»Bürger Maurice ist nicht zu Hause, aber Louis Trudaine ist entzückt, seinen besten und einzigen Freund zu empfangen!«

»Ich erkenne Sie kaum wieder.« sagte Lomaque, »ich finde Sie sehr günstig verändert,« setzte er hinzu, als sie in das Wohnzimmer traten.

»Ja,« antwortete Trudaine, »hier lebe ich friedlich und glücklich und fürchte nicht jeden Abend den kommenden Morgen.« Dann lief er auf den Gang zurück und rief: »Rosa! Rosa! komm herunter, der Freund, nach dem Du Dich so oft gesehnt, ist erschienen!«

Rosa erschien mit schnellen Schritten und sie empfing den alten Mann mit großer Liebe und Freundlichkeit, dass es ihm noch einmal recht warm um das alte Herz wurde. Er dankte ihr herzlich für ihre Freundlichkeit und als er sie näher betrachtete, fand er zwar, dass sie nicht mehr den Zauber ihrer ersten Jugend an sich trüge, aber sie war frisch und fröhlich und hatte jene Traurigkeit gänzlich abgestreift, die sich unausgesetzt in der Zeit ihrer Ehe mit Danville auf ihrem Gesicht und in ihrem Wesen anzeigte.

Dann setzten sich alle Drei nahe an einander und als Trudaine fragte, »bringen Sie Neuigkeiten von Paris mit?« verneinte es Lomaque, »aber von Rouen,« setzte er hinzu, »denn Ihr altes Haus am Seine-Ufer ist zu vermieten.«

Rosa sprang von ihrem Stuhle auf und rief: »O Louis, wenn wir dort wieder leben könnten! Wie mag es denn in meinem Blumengarten aussehen, Bürger Lomaque?«

»Er ist von dem letzten Bewohner gut kultiviert,« antwortete der Gefragte.

»Und mein Laboratorium?«

»Auch zu vermieten! Doch hier ist ein Schema über die Einzelheiten, der Schreiber desselben ist beauftragt, das Haus zu vermieten,« antwortete Lomaque.

Trudaine überflog das Papier.

»Der Preis steht nicht dabei, wir können uns jetzt schon Einiges auszugeben erlauben, nachdem wir hier drei Jahre ökonomisch lebten,« sagte er.

»O welch ein Tag des Glücks wird das für uns sein, wenn wir wieder dorthin könnten!« rief Rosa aus.« »Ach, schreiben Sie doch ja Ihrem Freunde, dass wir das Haus nehmen, bevor uns Jemand zuvorkommt,« setzte sie hinzu.

Er nickte bejahend, faltete das Papier zusammen und machte eine Notiz in seiner Beamten-Weise.

Trudaine fragte, »ist das wirklich Alles, mithin nur Gutes, was Sie uns mitteilen?«

»Nein,« sagte der alte Mann und wiegte sich auf seinem Stuhle hin und her. »Ich muss Sie jedoch fragen, erinnern Sie sich noch der Zeit, als wir uns zuletzt sahen?«

Rosa wandte sich bei der Erinnerung an die entsetzliche Vergangenheit ab und ihr Bruder sagte zu Lomaque, »wir sprechen so wenig als möglich von jener furchtbaren Zeit. Wir fanden Sie nicht mehr, nachdem Sie uns gerettet, und wir konnten Ihnen bis heute unsern Dank nicht aussprechen,« setzte er hinzu.

»Das ist leicht erklärlich,« entgegnete Lomaque.

»Der plötzliche Übergang der Regierung, die Sie Beide rettete, war mein Verderben. Jeder, der Robespierre gedient hatte, wurde eingezogen, natürlich auch ich. Ich wurde zum Tode verurteilt. Ich hätte zu sterben gewünscht, doch nur für Sie; als ich Sie gerettet wusste, kam auch meine Lust zum Leben wieder. Zehn Tage verbarg ich mich in Paris, dann entfloh ich in die Schweiz. Der Rest meiner Geschichte ist sehr kurz. Mein einziger Verwandter war ein Seidenhändler in Bern, ich bot ihm meine Dienste an und wurde Schreiber bei ihm, und gewann auch bald sein Vertrauen. Nun bin ich auf den Wunsch meines früheren Herrn seit einigen Monaten bei dessen Bruder zu Chalons-sur-Marne; dort habe ich eine Anstellung als Korrespondent Jetzt bin ich nur zu dem Zweck hierhergekommen, Sie Beide einmal wiederzusehen. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, denn sie ist ein ehrlicheres Gewerbe als meine frühere, wo ich täglich Verrat, Arrest, Tod und alle möglichen Unannehmlichkeiten vor mir sah. Kurz, ich fühle mich jetzt viel zufriedener und glücklicher als früher. Jetzt ist meine Geschichte erzählt.«

»Alles?« fragte Trudaine. »O mein guter Freund, ich glaube, Sie haben doch Etwas vergessen!«

Lomaque zögerte.

»Ah, er will erst sprechen, wenn wir allein sein werden,« dachte Trudaine.

»Sie werden jetzt unsere Geschichte hören wollen? Doch, Rosa, was werden wir zu essen haben?« fragte Trudaine.

»Ich verstehe Dich, Bruder, Du willst mich entfernen, bevor Du unsere Schicksale mitteilst — Fürchte Nichts, ich bin stark genug, die Vergangenheit noch ein — mal an mir vorüberziehen zu lassen. Ich bleibe und höre zu,« schloss Rosa.

»Sie wissen,« fing Trudaine an, »wir viel wir in den ersten Tagen, nachdem wir durch Sie vom Tode errettet waren, litten. An dem Abende, als wir Sie zum letzten Male sahen, drang schon das Gerücht bis hinter unsere Kerkerwände, dass ein Wechsel in der Regierung stattfinden werde. Die nächsten Tage machten das Gerücht zur Gewissheit Noch ehe wir uns der Hoffnung auf gänzliche Befreiung überlassen konnten, erfuhren wir, dass Robespierre verurteilt und geköpft sei. Die Verwirrung, die dadurch im Gefängnisse entstand, war über jede Beschreibung. Die bereits Verhörten und die noch Unverhörten wurden zusammen gesteckt; es kamen keine Totenlisten, keine neuen Angeklagten hinzu. Die Gefängniswärter wussten nicht, wonach sie sich richten sollten. Sie vernachlässigten ihre Pflichten. Es war überall eine grenzenlose Unordnung. Einige der Gefangenen litten sogar Hunger. Dann stellte sich wieder heraus, dass Papiere über die Anzahl der Gefangenen verloren gegangen seien, kurz, es war ein vollständig ungeordnetes Treiben. Wir Alle, die wir im Gefängnisse saßen, waren durch den Tyrannen Robespierre festgenommen, wir Alle begrüßten auch die neue Regierung als das Institut unserer Errettung. Wir hatten aus Tallien und die Männer vom neunten Thermidor nicht vergeblich gehofft. Das Verhör meiner Schwester samt dem meinigen dauerte kaum fünf Minuten. Es war so oberflächlich, dass ich es selbst wagte, unsere Namen vor dem Verhörsrichter zu wechseln, ich nannte uns Maurice, es ist dies der Familienname unserer Mutter, und unter diesem Namen haben wir uns auch hier angesiedelt, denn ich fürchtete, dass das über uns bereits ausgesprochene Todesurteil nicht ohne Nachtheil für uns sein könnte. Louis Trudaine und Rosa Danville werden zu den Opfern Robespierre’s gezählt, die während seines schrecklichen Regiments den Tod erlitten.«

Trudaine lächelte bei s einen letzten Worten und blickte aus seine Schwester, die ihre Hände gefaltet auf ihren Knien hielt, ihr Gesicht drückte wieder die Traurigkeit früherer Tage aus.

Louis Trudaine stand auf und gab Rosa ihre Kopfbedeckung, die auf dem Fensterbrett lag, und sagte: »Komm, Rosa, hinaus ins Freie! Es ist eine Sünde, bei dem schönen Frühlingswetter im Zimmer zu bleiben. Wir werden an das Ufer gehen und dort einen Spaziergang machen. Wir werden unserm Freunde nun auch die Außenseite unseres kleinen Landhauses und die Gegend hier ringsum zeigen. Kommt, kommt, meine Freunde! Es ist ein Verrat an Königin Natur, wenn wir noch länger im Zimmer bleiben an diesem köstlichen Morgen!.«

Alle drei begaben sich hinaus. Lomaque sagte zu sich selbst: »Ich gab ihr nur die Lichtseite meiner Neuigkeiten, die Schattenseite will ich ihren Bruder allein sehen lassen. Die Arme könnte darunter leiden.—«

Sie promenierten eine Zeit lang an dem Ufer, da es aber wärmer zu werden anfing, kehrten sie zu dem Häuschen zurück. Rosa war wieder lustig geworden und hörte mit Vergnügen die komischen Bemerkungen an, die Lomaque über seine gegenwärtige Schreiber-Stellung machte.

Nachdem sie Alle noch einige Zeit vor der Tür des Häuschens gesessen hatten, ging Rosa hinauf nach ihrem Stübchen, und die beiden Männer setzten ihren Spaziergang allein weiter fort.

Nach einem Weilchen begann Trudaine: »Ich danke Ihnen, dass Sie nicht in der Gegenwart meiner Schwester Alles sagten, was Sie mir vielleicht allein mitteilen wollen!«

»Sie vermuten also, dass ich auch der Überbringer unangenehmer Nachrichten bin?« sagte Lomaque.

»Ja, ich vermute es, denn ich sah Ihre prüfenden Blicke auf Rosa fallen. Ich vermute sogar, dass diese Nachrichten Danville betreffen,« sagte Trudaine.

»Sie haben Recht,« rief Lomaque überrascht aus, »meine schlechten Nachrichten betreffen Danville.«

»Hat er etwa entdeckt, dass wir der Guillotine entkamen?«

»Nein, im Gegenteil, er und seine Mutter glauben, dass Sie starben.«

»Lomaque, Sie sprechen so bestimmt, woher wissen Sie das so genau?«

»Sie wollen es also wissen? Nun, ich weiß es aus den Handlungen Danville’s genau! — Sie sollen Alles mit wenig Worten hören: Danville ist auf dem Punkte sich wieder zu verheiraten«

Es entstand eine lange Pause. Die beiden Männer sahen sich einander wie ratlos an.

»Ah,« sagte Louis Trudaine, »ich war wohl auf schlechte Nachrichten gefasst, doch nicht auf diese. Sagen Sie mir, woher wissen Sie das? Ist es denn auch sicher?«

»So sicher und wahr, wie dieses Flüsschen hier an unserer Seite fließt!« entgegnete Lomaque. »Ich wusste über Danville bis in letzt vergangener Woche gar nichts! Ich wusste nur, dass der Regierungswechsel in Paris ihn, sowie Sie und so viele Andere aus dem Gefängnisse befreit hat, dann hörte ich nichts mehr von ihm. Nun hören Sie aber: In voriger Woche stehe ich im Verkaufsgewölbe meines gegenwärtigen Prinzipals, des Bürgers Clairfait und warte auf Papier für die Schreibstube; da kommt ein alter Mann herein und übergibt dem Kommiss ein versiegeltes Päckchen mit den Worten: »Geben Sie dies dem Bürger Clairfait!«

»Auf welchen Namen?« fragt der Kommiss

»Der Name ist Nebensache.« sagt der alte Mann, »ich werde Ihnen den meinigen nennen: Dubois!«

Ich fragte nun den Kommiss: »Lebt denn dieser Alte auch hier in Chalons?«

»Nein,« entgegnet dieser, »er ist in den Diensten einer alten aristokratischen Kundin von uns, bei der alten Danville, die sich jetzt hier zum Besuche aufhält. « —

Ich sagte weiter nichts, denn ich war sehr überrascht. Nach einigen Tagen war ich nun bei meinem Prinzipal zum Mittagessen eingeladen; als ich ins Zimmer trat, war die Tochter des Hauses gerade damit beschäftigt, ein farbiges seidenes Tuch mit einem Wappen zu sticken.

Sie lächelte und sagte, »nun Bürger, Sie dürfen meine Arbeit wohl sehen, denn Sie besitzen ja das Vertrauen meines Vaters. Ich sticke das Wappen hier ein für eine alte adelige Kundin unseres Geschäfts.«

»Das ist freilich eine gewagte Arbeit in dieser demokratischen Zeit,« sagte ich lachend.

»Die alte Dame ist sehr stolz,« sagte das junge Mädchen, »aber sie wagt es doch nicht, ihr Wappen von gewöhnlichen Handarbeiterinnen sticken zu lassen, ohne die Furcht vor großen Unannehmlichkeiten; darum bat sie meinen Vater um die Besorgung im Geheimen.«

»Bitte, wie heißt denn die alte Dame?« fragte ich.

»Danville,« entgegnete das junge Mädchen; »Das prächtige Tuch, welches ich sticke, ist zu der Hochzeit ihres Sohnes bestellt,« setzte sie hinzu.

»Zur Hochzeit!« rief ich, wie vom Donner gerührt, aus.

»Ja,« antwortete sie, »was ist denn so Wunderbares daran? Der arme junge Mann verdient es, wieder glücklich zu werden, denn seine erste Frau fiel unter der Guillotine.«

»Wen heiratet er denn jetzt?« fragte ich.

»Die Tochter des Generals Berthelie, eine Aristokratin,« lautete die Antwort. »Der alte General hat zwar sehr republikanische Manieren, er ist ein lustiger Trinker, lauter Sprecher, kurz ein derber Soldat, der nicht viel aus seine Vorfahren hält, sondern behauptet, wir sind alle gleich, da wir einen gemeinschaftlichen Stammvater haben, nämlich Adam, den ersten Sansculotte der Welt.«

In dieser Weise plauderte die Bürgerin Clairfait weiter, machte aber sonst keine wichtige Bemerkung mehr über die Familie. Ich beschloss in den nächsten Tagen selbst Nachforschungen anzustellen. Das Resultat dieser Forschungen teile ich Ihnen nun mit: »Die Mutter Danvilles, die Braut und deren Vater, halten sich jetzt in Chalons auf und erwarten Danville jeden Tag, der dann alle drei nach Paris begleiten soll, wo selbst der Heiraths-Contract in dem Hause des Generals unterzeichnet werden soll.«

Nach diesen Entdeckungen nahm ich Urlaub und begab mich hierher, um Ihnen dies schleunigst mitzuteilen Auf meinem Wege hierher begegnete mir ein Reisewagen, worauf der Diener Dubois saß; wer im Innern des Wagens war, konnte ich bei den ungeheuren Staubwolken, die der Wagen aufwirbelte, nicht erkennen. Nur so viel empfinde ich jetzt, dass keine Zeit zu verlieren ist, wenn gehandelt werden soll.

Als ich meine Schwester vor drei Jahren aus dem Gefängnisse führte, sagte ich mir: Wir wollen uns nicht rächen an dem Verräter Gott sei seine Bestrafung überlassen, oder der Zeit, die Gott für die Bestrafung jenes bösen Mannes bestimmen wird. — »Mir scheint, diese Zeit ist jetzt erschienen,« sagte Trudaine, nur wünschte ich, dass ich allein handeln könnte, und meine Schwester möchte nichts von dem Allen erfahren.«

»Ich glaube, es wird auch gehen!« antwortete Lomaque. »Wir gehen zunächst nach Paris und nehmen Ihre Schwester mit. Wir reisen morgen früh. Erst Abends pflegt man die Ehe-Contracte zu unterschreiben, wir kommen noch vor der Zeit in Paris an. Überlassen Sie mir die Sorge für Ihre Schwester in Paris. Dann begeben Sie sich in das Haus des Generals und sprechen mit Danville, bevor die Zeugen erscheinen. Die Dienerschaft wird uns von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzen. Sie zeigen sich ihm dann als der von den Toten Auferstandene, warnen ihn, und lassen ihn dann mit seinen Gewissensbissen und seiner Angst zu der wichtigen Handlung schreiten. Sagen Sie ihm nur wenig Worte und dann kehren Sie zu Ihrer Schwester zurück und machen die Reise hierher nach Belieben.«

»Aber bedenken Sie doch diese plötzliche Abreise nach Paris! Meine Schwester wird sicher Verdacht schöpfen!« warf Trudaine ein.

»Überlassen Sie mir das,« sagte Lomque. »Aber Ihr Gesicht sieht jetzt so verzweifelt aus, dass ich Sie bitte, nicht gleich mit mir zurückzukehren; machen Sie noch einen Spaziergang. Ich werde allein zu Ihrer Schwester gehen.«

Trudaine folgte seinem Rate und es verging wohl eine Stunde, ehe er zurückkehrte.

Seine Schwester erwartete ihn schon vor der Tür und sie rief ihm entgegen: »Komm nur Louis, ich habe Dir Etwas mitzuteilen! Denke nur, unser alter Freund Lomaque hat, trotz seiner Müdigkeit, schon den Brief an seinen Bekannten geschrieben und darin gesagt, dass wir unser Häuschen am Seine-Ufer wieder kaufen wollen. Als er mit dem Schreiben fertig war, sagte er zu mir: ich möchte wohl dabei sein, wenn Sie Ihr altes Besitztum wiedersehen! Und ich bat ihn, er möge mit uns kommen. Ja, antwortete er, aber ich bin nicht unabhängig, doch bald werde ich es sein, dann zögerte er. Louis, es fiel mir da erst ein, wie unendlich viel wir dem guten Manne schulden! Und ich bat ihn, er möge doch fortan mit uns in unserm Häuschen dort leben. Ich weiß ja, Du nimmst ihn eben so gern dort auf, wie ich! »Ich kann nicht sogleich meine Stellung aufgeben,« sagte er, »und Sie können ja hier auch nicht so schnell fort und doch sprechen Sie schon, als wären wir bereit, abzureisen.« »O,« entgegnete ich ihm, »das ist bald besorgt, wir geben der Wirtin des Gasthauses drüben die gemieteten Möbelstücke zurück, lassen den Schlüssel und einen Brief für den Eigentümer des Hauses hier und — reisen. Louis, tadelst Du mich?«

Bevor Trudaine antworten konnte, fragte Lomaque von dem offenen Fenster aus:

»Nun, die Antwort?«

»Unser Leben ist Ihr Werk, unsere Zeit gehört Ihnen, bester Freund,« antwortete Trudaine, »folgen Sie uns?«

»Es ist also Alles abgemacht?« fragte Lomaque Trudaine mit einem Blicke des Einverständnisses.

»Alles!« erwiderte dieser entschlossen.



Zweites Kapitel

Zwei Tage, nachdem Lomaque die Reisekutsche an sich vorüberfahren sah, saß Madame Danville reich gekleidet, in ihrem Zimmer, in der Straße Grenelle zu Paris. Sie blickte auf die Uhr an ihrer Seite und klingelte. Die Magd, welche erschien, erhielt den Auftrag, sie möge Dubois mit Schokolade herein schicken. —

Nachdem der alte Diener die befohlene Speise gebracht, wagte er es, seiner Dame ein Kompliment über ihr blühendes Aussehen, und ihre gewählte Toilette zu machen.

Die alte Aristokratin nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte, »ich habe gute Ursache dazu an dem Hochzeitstage meines Sohnes. Ha, Dubois, Sie werden sehen, mein Sohn wird doch endlich das Adelsdiplom erhalten; denn er ist schon adelig von der Seite seiner Mutter, und wird jetzt adeliger durch diese Heirat: Le Vicomte d’Anville! Wie hübsch das klingt, Dubois? Nicht?«

»Wunderschön! ausgezeichnet!« sagte der alte Mann. »Meines jungen Herrn zweite Hochzeit beginnt auch gleich unter ganz andern Verhältnissen als die erste.«

Das war ein unglücklicher Übergang, denn Madame Danville sprang sehr ärgerlich von dem Stuhle auf und rief: »Warum erwähnen Sie das auch nur? Sie spielen so oft auf die zwei guillotinierten Personen an, als wenn ich ihnen hätte ihr Leben retten können. — Sie waren ja dabei, als mein Sohn mich zum ersten mal nach jener Schreckenszeit wieder sah, haben ja gehört, als ich zu ihm sprach: »Charles, ich liebe Dich zwar, aber wenn ich wüsste, dass Du nicht mit aller Deiner Macht, Dein eigenes Leben einsetztest, um sie zu retten, die für mich starben, weil sie mir zur Flucht verhalfen, so würde ich Dich nimmer mehr wiedersehen wollen! Sagte ich das nicht? Und Sie waren auch dabei, als er mir antwortete: »Mutter, ich wagte mein Leben für sie, ich ließ mich für sie verhaften, mehr vermochte ich nicht!« Wissen Sie nicht, dass er im Tempel saß? Sie wissen das Alles, Dubois, und doch,« —

»Bitte, bitte, Madame, ich alter Mann war wieder einmal recht gedankenlos!«

»Still, mein Wagen fährt vor! Machen Sie sich bereit, mich zu begleiten! Mein Sohn und ich begegnen uns erst bei dem General, er hat nicht Zeit, mich hinabzuholen. Ist viel Volk auf der Straße?«

»Die Straße ist fast leer, Madame.« erwiderte Dubois, mit einem Blicke durch das Fenster, »nur ein Herr und eine Dame stehen unten, und scheinen Ihren Wagen zu bewundern. Doch sie gehören wohl den bessern Ständen an, soviel ich durch meine Brille erkennen kann.«

»Gut, kommen Sie mit, nehmen Sie etwas kleines Geld mit zum Verteilen, und befehlen Sie dem Kutscher, nach dem Hause des Generals zu fahren.«

Die Gesellschaft, welche in dem Hause des Generals als Zeugen figurieren sollten, bestand aus einigen jungen Freundinnen der Braut und aus mehreren Offizieren, die ehemaligen Kameraden des alten Generals.

Die Gäste hatten sich in zwei Zimmer verteilt, das eine war das Wohnzimmer, das andere die Bibliothek. In dem Wohnzimmer befand sich der Notar, mit dem bereit gelegten Contract, die Braut, ihre Freundinnen und mehrere Offiziere. Im Bibliothekszimmer spielten einige Herrn Billard, und Danville und sein Schwiegervater schritten auf und ab darin; der alte General sprach noch von den Klauseln des Contractes, als es eben zwei Uhr schlug.

Danville langweilte die umständliche Besprechung des Contractes und er sagte: »es ist schon zwei Uhr, ich begreife nicht, dass meine Mutter nicht schon hier ist!«

»Sie wundern sich darüber? Haben Sie schon gehört, dass Weiber pünktlich sind? Doch Ihre Mutter ist eine so eingefleischte Aristokratin, dass sie es uns nie verzeihen würde, wenn wir den Contract ohne sie unterzeichneten; warten wir also noch eine halbe Stunde! Teufel! wo war ich denn stehen geblieben, als die verdammte Uhr da zwei zu schlagen anfing?« tobte der alte Soldat. »Was gibt es denn, Schwarzauge?« rief er der Braut zu, die eben hastig in die Bibliothek trat.

Die Braut war eine etwas männlich aussehende Dame mit prächtigen schwarzen Augen und dunklem Haar, welches ihr tief in die Stirn gewachsen war. In ihrem Wesen hatte sie etwas von der Art ihres Vaters.

»Es ist ein fremder Herr in dem andern Zimmer, sagte sie, »der Dich, Papa, zu sprechen wünscht. Die Diener glaubten gewiss, er gehöre zu den Gästen. Soll ich ihn wieder fortschicken?«

»Eine schöne Frage! Kenne ich ihn denn? Warte, bis ich ihn gesehen habe und dann frage!« Mit diesen Worten ging der General ins andere Zimmer.

Seine Tochter wäre ihm gefolgt, aber Danville ergriff ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Können Sie so hartherzig sein und mich hier allein lassen?«

»Was soll aus meinen Freundinnen in dem andern Zimmer werden, wenn ich hier bei Ihnen bleibe? Sie Egoist!« sagte die Dame lächelnd und machte sich los, aber Danville bemächtigte sich der andern Hand, und erwiderte: »Rufen Sie die Freundinnen nur hier herein.«

Lachend und scherzend zog sie ihren Verlobten mit sich in das andere Zimmer und rief: »Alle die Damen und Herren sollen sehen, was für einen Tyrannen ich heute heiraten soll!«

Ihre Stimme brach plötzlich ab, denn Danville’s Hand war in einem Moment zu Eis erstarrt. —

Sie blickte zu ihrem Verlobten auf und sah in das Antlitz eines totenbleich gewordenen Mannes; ehe sie noch eine Frage aussprechen konnte, hatte ihr Vater sie in die Bibliothek geschoben und dann nahm er Danville bei dem Arm. »Meine Damen,« sagte der alte General »ich bitte, treten Sie gefälligst dort in sie Bibliothek ein! und Sie, Herr Notar, begleiten die Damen vielleicht?«

Als Alle dieser Aufforderung Folge geleistet hatten, schloss der Vater der Braut die Tür, welche beide Zimmer trennte.

»Jetzt sagen Sie, wer Sie sind und was Sie eigentlich wollen!« rief der alte Mann. »Jacques Berthelie hat niemals Etwas getan, was seine Freunde und Kriegskameraden nicht auch wissen dürfen. Sprechen Sie vor diesen Männern!«

Der General hielt noch immer den Arm Danvilles und ging so mit ihm das Zimmer auf und ab und sagte zu diesem:

»Sie kamen in mein Haus, mein Herr, und verlangten die Hand meiner Tochter, Sie sagten, dass Ihre Frau in der Schreckenszeit gestorben sei, ich glaubte Ihnen; Nun? Betrachten Sie diesen Mann hier, er behauptet, der Bruder Ihres Weibes zu sein und teilt mit, dass seine Schwester bis diesen Augenblick noch lebe. Was ist das?« schloss der General.

Danville versuchte zu sprechen, aber es kam kein Wort über seine Lippen, auch versuchte er vergeblich seinen Arm von dem des alten Soldaten los zu machen.

»Sie sind erschrocken? Sind Sie ein Feigling! Können Sie denn dem Manne nicht ins Gesicht sagen, dass er lügt?«

»Gebt ihm doch Zeit,« sagte einer der alten Offiziere »Ein solcher Zwischenfall kann einen Jeden fassungslos machen,« und zu Trudaine gewendet sprach er: »Sie sind ein Fremder, Herr, geben Sie uns Beweise, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben!«

»Da ist ja der Beweis!« rief Trudaine aus, und zeigte auf Danvilles entstelltes Gesicht.

»Ja, das ist wohl wahr! Aber ich bin doch dafür, dass wir ihm noch Zeit gönnen sollen; die Anklage ist zu sonderbar und schrecklich.«

Danville machte mit seinem Arme Bewegungen, als wollte er sprechen, aber die Zunge versagte ihm noch immer den Dienst.

»Schon Sie,« sagte der Sprecher, »er verleugnet den Mann!«

»Hören Sie,« rief der General, »Sie werden nicht anerkannt! Haben Sie noch andere Beweise, sich zu legitimieren?«

Noch ehe die Antwort gegeben war, öffnete sich die Tür und Madame Danville kam mit zerrauften Haaren und gestörten Blicken ins Zimmer gestürzt, gefolgt von Dubois und der neugierigen Dienerschar

»Um Gotteswillen, um Gotteswillen, komm fort von hier! Ich habe Deine Frau gesehen! Im Fleische oder im Geiste, ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass sie es war! Charles, Charles! So wahr ein Gott im Himmel ist, ich sah sie!

»Sie sahen sie lebendig, so lebendig und wirklich, wie Sie jetzt Ihren Bruder vor sich sehen!« sagte ein Mann, der hinter den Dienern stand.

»Lasst den Mann hier eintreten!« rief der General. Lomaque ging an Madame Danville vorüber.

Als der alte Mann im Zimmer stand, wurde es totenstill, und man hörte nur das Rauschen der seidenen Kleider im Nebenzimmer.

»Warum täuschten Sie meinen Sohn, Herr?« fing Madame Danville zu Trudaine gewendet an, »warum ließen Sie ihn nicht wissen, dass Sie es vielleicht waren, der sein Weib von der Guillotine befreien half, Sie, dem wir so Vieles schuldig sind, denn ohne Ihre Hilfe hätte ich niemals aus Paris entfliehen können? Mit welchem Recht haben Sie uns nun aber in eine so unangenehme Lage zu dem Herrn dieses Hauses gebracht?«

Über Trudaine’s Antlitz lagerte sich Schwermut und er trat einige Schritte zurück.

»Madame, das würde ich Ihnen am besten erklären können,« sagte Lomaque, »aber Sie sollten nicht auf eine öffentliche Beantwortung aller dieser Fragen bestehen, das wollte ich Ihnen raten«

»Wer sind Sie? Ich verlange weiter nichts als die Beantwortung meiner Fragen.«

»Wer ist dieser Mann?« fragte der General zu Trudaine gewendet.

»Ein Mann,« schrie Danville plötzlich, »dem man auch nicht ein Wort glauben darf! Er war Polizei-Agent unter Robespierre!«

»Und in dieser Eigenschaft gewiss fähig, die hier gestellten Fragen richtig zu beantworten!« entgegnete Lomaque mit seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung.

»Ja,« sagte der General, »der Mann hat Recht, er soll gehört werden!«

Er begann: »Ich war bei dem Verhör des Bürgers Trudaine und seiner Schwester gegenwärtig. Sie wurden auf die Denunziation des Bürgers Danville dort verhaftet, weil sie seiner eigenen Mutter, die ja auch hier anwesend ist, zur Flucht aus Paris verholfen hatten.«

»Meinen Sie etwa,« unterbrach ihn der General, dass Danville, dieser Danville hier, wusste, dass es seine Mutter war, der die Geschwister Trudaine zur Flucht verhalfen?«

»So meine ich es,« entgegnete Lomaque trocken. Ein Murmeln des Abscheus ging durch die Versammlung.

»Die Arten der Polizei können heute noch meine Aussage bestätigen. Wie nun die Geschwister dem Tode der Guillotine entgingen, gehört hier nicht her; eben so wenig wie sie sich durch sehr vorsichtige Maßregeln bis heute verborgen hielten. Welcher Mann von Gefühl würde seine Schwester wohl einem solchen Ehemanne länger ausgesetzt sehen? Louis Trudaine lebte darum bis jetzt in stiller Zurückgezogenheit mit Danville’s Gattin, seiner Schwester.«

Plötzlich rief der alte Diener: »Meine Dame, meine gute Dame!«

Aller Augen richteten sich auf Madame Danville, denn sie hatte bis jetzt ruhig zugehört; plötzlich aber raffte sie sich auf und sprach:

»Meine Herren! Ich bin die Tochter eines Edelmannes und die Witwe eines Ehrenmannes. Ich sage hier vor Ihnen Allen, dass ich fortan keinen Sohn mehr habe, denn er ist ein Verräter der schlechtesten Art, von dem sich jeder bessere Mensch entfernt halten mag!«

Dann drehte sie ihrem Sohn den Rücken, verbeugte sich vor den Übrigen und schritt der Tür zu, geführt von dem Arm ihres alten treuen Dieners.

Aber der eben vorübergegangene Moment hatte die Kräfte der alten Frau doch so erschüttert, dass sie ohnmächtig wurde.

»Stehen Sie ihr bei,« rief der General, »bringen Sie sie in das andere Zimmer!«

»Nein.« sagte der alte Dubois, »nach Hause! Ich werde meine teure Herrin pflegen, denn jetzt hat sie nur noch mich!« und man half ihm, seine Herrin in den Wagen tragen.

Trudaine stand noch an derselben Stelle, wo er sich zuerst hingestellt hatte. Der General ging auf ihn zu und bat ihn um Verzeihung, doch bedauerte er, dass er ihm nicht früher als in dem letzten Moment diese Nachrichten habe zukommen lassen.

Während er noch zu Trudaine sprach, klopfte ihm einer seiner Freunde auf die Schulter und fragte: »Ist dem Schurken erlaubt, sich jetzt von hier zu entfernen?«

Der General drehte sich bei dieser Frage um und zeigte Danville den Weg zur Tür, aber er folgte ihm dahin und sagte ganz leise:

»Ihr Schwager hat Sie hier als einen abscheulichen Verräter bezeichnet, Ihre Mutter hat Sie verstoßen, jetzt werde ich noch meine Pflicht erfüllen. Wenn sich sein Mann unter Lügen und falschen Vorspiegelungen in das Haus eines Ehrenmannes einführt, so pflegen wir Männer von der Armee ihn dafür zu bestrafen! Jetzt ist es drei Uhr, um fünf Uhr werden Sie mich und meine Freunde finden.«

Er nannte Danville den Ort des Rendezvous sehr leise; dann zeigte er mit dem Finger auf die Treppe.

»Unsere Arbeit ist hier verrichtet,« sagte Lomaque und legte seine Hand auf Trudaine’s Arm. »Wir wollen Danville erst hinaus lassen und dann wollen wir auch gehen.«

»Wo ist meine Schwester?« fragte Trudaine bestürzt.

»Seien Sie unbesorgt, sie ist in Sicherheit,« antwortete Lomaque, »ich werde es Ihnen draußen sagen, wo sie ist.«

»Sie werden mich entschuldigen,« sagte der General zu allen Anwesenden, »ich habe meiner Tochter einige unangenehme Nachrichten mitzuteilen, und dann habe ich noch ein Privatgeschäft mit einem Freunde abzumachen.«

Dann begab er sich in das Bibliothek-Zimmer. Trudaine und Lomaque verließen das Haus.

»Ihre Schwester wartet im Hotel,« sagte Lomaque, »sie weiß nichts, absolut nichts von dem, was vorgegangen ist!«

»Aber sie hat doch die Mutter Danville’s gesehen?«

»Nein,« entgegnete Lomaque, »ich hatte sie so gestellt, dass sie gesehen wurde, ohne dass sie die einsteigende Dame genau sehen konnte. Doch genug davon! Gehen Sie jetzt nur zu Ihrer Schwester.

Am Abend werden Sie nach Rouen fahren, ich habe schon zwei Plätze im Postwagen für Sie bestellt. Gehen Sie nur ohne mich, ich habe hier noch Geschäfte und möchte auch erst wissen, wie die Angelegenheit zwischen Danville und seiner Mutter ablaufen wird. Bald werde ich zum Besuche in Rouen eintreffen. Geben Sie mir nun Ihre Hand! Leben Sie wohl! Keinen Dankt Lassen Sie mich ruhig meine Geschäfte beenden, hier ist mein Weg, dort der Ihrige! Leben Sie wohl! Ich komme bald nach Rouen!«



Drittes Kapitel.

Seit den letzten Ereignissen waren mehrere Tage verflossen. Es ist Abend. Rosa, Trudaine und Lomaque sitzen zusammen auf der bekannten Bank in der Nähe ihres Häuschens an dem Ufer der Seine. Die Umgebung war dieselbe geblieben, trotz allen Wechsels in der Politik und in den Familienverhältnissen, die Natur war unveränderlich!

Da saßen sie nun zusammen und plauderten so vertraulich! Bald führte der Eine, bald der Andere die Unterhaltung; der allgemeine Inhalt war aber die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft! Es wurde dunkler und Rosa erhob sich zuerst von der Bank. Sie wechselte mit ihrem Bruder einen Blick des Einverständnisses, dann sagte sie zu Lomaque:

»Wollen Sie mir erst ein wenig später in das Haus folgen? Dann werde ich Ihnen auch Etwas zeigen!« —

Nachdem Rosa fort war, fragte Louis Trudaine schnell: »Was ist in Paris vorgefallen?«

»Ihre Schwester ist jetzt frei!« antwortete Lomaque.

»Das Duell fand also richtig statt?«

»An demselben Tage! Beide feuerten zu gleicher Zeit. Die Sekundanten seines Gegners sagten aus, dass er wie gelähmt gewesen sei. Sein eigener Sekundant erklärte, dass er nicht zu sterben gewünscht habe, bis er den Mann getötet haben würde, der ihn so öffentlich beschimpft hatte. Ob das nun wahr ist, weiß ich natürlich nicht. Er fiel, ohne die Fähigkeit zu besitzen, ein Wort hervorbringen zu können.«

»Und seine Mutter?«

»Von ihr weiß man wenig. Ihre Tür ist verschlossen und der alte Diener pflegt sie wohl mit Liebe und Sorgfalt. Der Arzt hat den Ausspruch getan, dass ihr Geist leidender ist, als ihr Körper.«

Danach erhoben sich die beiden Männer auch von der Bank und schritten schweigend dem Hause zu.

»Haben Sie Ihre Schwester auf alles Dasjenige vorbereitet, was vorgefallen ist?« fragte Lomaque, als er das Lampenlicht in dem Wohnzimmer angezündet sah.

»Ich werde damit warten, bis wir wieder hier zusammen sein werden.«sagte Trudaine. —

Sie traten jetzt in das Häuschen.

Rosa bat Lomaque, dass er sich zu ihr setzen möge, und legte dann Feder und Papier auf den Tisch. Das Tintenfass stand schon geöffnet da.

»Ich habe Sie um Etwas zu bitten,« sagte sie freundlich zu Lomaque.

»Ich hoffe, es wird noch heute zu bewilligen sein, denn morgen früh, bevor Sie aufstehen, muss ich schon auf dem Wege sein.«

»Sie sollen nur diesen Brief unterzeichnen,« fuhr die junge Dame lächelnd fort. »Er ist von mir geschrieben, und Louis hat ihn diktiert«

»Ich darf ihn doch zuvor lesen?« fragte er.

Sie nickte und Lomaque las: —

»Bürger! Ich begrüße Sie respektvoll in diesem Briefe und bitte um die Erlaubnis, mich von meiner Stellung in Ihrem Hause zu entbinden. Die Freundlichkeit, welche Sie, wie auch Ihr Bruder mir stets erzeigten, lässt mich glauben, dass Sie es mir gönnen, dass ich fortan meine Tage in ruhiger Zurückgezogenheit bei meinen Freunden verbringen werde, die mir so zugetan sind, als gehörte ich mit zu ihrer Familie. Ich bedarf der Ruhe mehr, als mancher andere Mann meines Alters, nach dem bewegten Leben, welches ich geführt habe. Meine Freunde wünschen es durchaus, dass ich bei ihnen bleibe, und ich kann ihnen ihr Anerbieten nicht gut ablehnen. Genehmigen Sie, dass ich mich stets als Ihren ergebenen Diener betrachte. An den Seidenhändler Clairfait, Chalons sur Marne.«

Nach dem Lesen dieser Zeilen kehrte sich Lomaque nach Trudaine um und versuchte zu sprechen, aber die Lippen versagten ihm den Dienst. Er blickte Rosa an und lächelte, aber seine Lippen zitterten. Er tauchte die Feder ein und neigte sich über das Papier. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, aber man sah, dass er noch nicht schrieb. — Rosa legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Schreiben Sie doch!« Er zögerte noch einen Augenblick, dann schrieb er.

Rosa nahm das Papier; es lagen zwei feuchte Tropfen darauf. Sie trocknete sie mit ihrem Taschentuche fort und sagte leise zu ihrem Bruder:

»Es sollen die letzten Tränen sein, Louis, die aus diesen Augen fließen, Du und ich werden dafür sorgen!«



Schluss

Die drei Freunde lebten ferner glücklich in dem bekannten Häuschen an dem Ufer der Seine, und ich habe weiter nichts hinzuzufügen, als dass die französische Gouvernante sie noch kennen lernte, bevor der Tod die Freunde trennte, Lomaque war der erste von ihnen, der sich für immer zur Ruhe bettete. — Mademoiselle Clairfait schildert ihn, in ihrem gebrochenen Englisch, als einen gutmütigen, liebenswürdigen alten Mann, der sonst frei von den Launen seiner Altersgenossen, nur die eine besaß, dass er sich von keiner andern Hand, als der der Schwester Rosa seinen Kaffee reichen ließ.—

Vielleicht hatten die Personen und die Ereignisse in dieser Geschichte nur für mich ein so lebhaftes Interesse, weil ich mich so lange Zeit mit ihnen beschäftigt habe; aber ich kehre nun auch nach englischen Fluren zurück, wenn ich Ihnen die nächste Erzählung bringen werde.

Es fiel mir mir die Wahl schwer, welche ich aus der Sammlung meiner Erzählungen treffen sollte. Meine Frau ist nun der Ansicht, dass ich Ihnen die Geschichte von der

Lady von Glenwith Grange

zunächst mitteilen soll, und ich folge auch gern diesem Vorschlage.



Die Erzählung des Anglers von der Lady von Glenwith Grange

Einleitung

Meine Maler Tätigkeit war nicht immer mit menschlichen Bildnissen beschäftigt, sondern man überließ mir auch das Malen von Pferden, Hunden, Gebäuden u.s.w. Einmal hatte ich sogar den Auftrag, einen Stier, der der Ruhm, aber auch oft der Schrecken seines — Dorfes war, zu malen, der, nebenbei bemerkt, mein unruhigster Kunde war. Das Tier hatte den treffenden Namen: »Donner und Blitz.« Sein Eigentümer war ein entfernter Verwandter von meiner Frau; ein gebildeter Pächter, namens Garthwaite. Dass der Stier mich nicht auf seine Hörner nahm und tötete, bevor ich noch sein Bild vollendet hatte, ist mir bis heute unerklärlich. Als »Donner und Blitz« mich und meine Malergeräthschaften erblickte, wurde er so wütend, dass zwei Männer ihn halten mussten, während ihm ein dritter einen Ring durch die Nasenlöcher zog; nun erst konnte ich zu malen anfangen. Aber das Tier machte fortwährend Anstrengung, sich zu befreien. Er schüttelte sein riesiges Haupt und rollte die großen Augen wild vor Verdruss, dass er mich nicht aufspießen konnte, da ich mir erlaubte, ihn fortwährend fest anzublicken.

Als ich das Bild von meinem unruhigen Kunden kaum halb vollendet hatte, ging ich eines Morgens mit meinem Freunde zu dem Stall des Tieres; es kam uns aber schon auf dem halben Wege einer der Gutsarbeiter entgegen und meldete, dass »Donner und Blitz« heute in einer so außerordentlich wilden Laune sei, dass es unmöglich sein würde, an seinem Bilde zu arbeiten.

Ich blickte fragend auf meinen Freund, den Gutsherren, dieser lächelte und bemerkte: Nun, wenn es heute nicht geht, so wird es morgen gehen! — Hätten Sie nicht Lust, Mister Kerby, heute mit mir eine Angelpartie zu unternehmen, da der Stier Ihnen Ferien gibt?

Ich gestand aufrichtig, dass ich nichts von der Fischerei verstünde; aber Mister Garthwaite war ein so eifriger Angler, dass ihn mein Geständnis durchaus nicht störte: »Daran ist nichts zu lernen,« entgegnete er, »ich werde Sie in kurzer Zeit zu dem geübtesten Angler machen, wenn Sie meinen Anweisungen folgen.«

Es war unmöglich, noch länger zu widerstreben und ich nahm mit geheimem Widerwillen die erste Angelrute in meine Hand.

»Wir werden jetzt aufbrechen!« sagte Mister Garthwaite; »ich werde Sie nun zu dem besten Mühlbach führen, der hier in der ganzen Nachbarschaft ist.«

Mir war das ziemlich gleichgültig, ob wir früher oder später gingen, ob der Mühlbach gut oder schlecht sei. Ich ging geduldig und etwas missvergnügt mit.

Nachdem wir eine Weile gegangen waren, hörte ich schon deutlich das Rauschen des Wassers.

Garthwaite bezeichnete nun eine recht tiefe Stelle des Wassers als die geeignetste für den Fischfang, und bevor ich noch meine Angelschnur abgewickelt hatte, ließ er die seinige schon ruhig auf dem Wasser schwimmen.—

Das Losmachen war nicht die einzige Schwierigkeit bei meiner neuen Beschäftigung, denn nachdem ich die Schnur glücklich von der Rute gelöst hatte, griff der Angelhaken in meine Kleidungsstücke, und ich fing, statt der Fische, meinen Hut, mein Jaquet, meine Weste, Hosen und schließlich meinen Daumen. Ein böser Geist musste in den Angelhaken gefahren sein, denn nun ward auch gar mein Hemd von ihm gefangen, kurz, ich hatte mich selbst gefesselt und konnte nicht von der Stelle. Mein Freund sprang helfend herbei und mit der Hilfe meines Taschenmessers gelang es ihm auch bald, mich von dem Haken zu befreien. Nachdem diese Unannehmlichkeit beseitigt war, fingen wir ernstlich an zu angeln.

Wir fingen wohl einige kleine Fische, die indes nicht viel wert waren. Ich wunderte mich, dass wir bei unserer langweiligen Beschäftigung noch einen Zuschauer fanden.

Der Müllergeselle hatte sich auf das Gitter eines kleines Gärtchens gestützt und blickte unaufhörlich, und wie es schien, mit großer Aufmerksamkeit auf unsere Angeln. —

Nachdem wir ungefähr zwei Stunden vergeblich nach größeren Fischen geangelt hatten, erklärte Mister Garthwaite, es müsse in der Nacht ein Fischdieb dagewesen sein, der die großen Bewohner des Baches weggefangen habe. — Dann forderte er mich auf, mit ihm noch weiter zu gehen, er wolle mir ergiebigere Stellen für die Angel zeigen. Die kleinen Weißfischchen, die bei uns angebissen hatten, wurden verächtlich in die feuchte Tiefe zurückgeschleudert und ihnen das Leben bis zu einem andern Besuche geschenkt.

Wir gingen; aber der unermüdliche Müllers blieb noch immer wie festgenagelt auf seinem Beobachtungsposten.

»Warten Sie ein wenig!« sagte Mister Garthwaite, nachdem wir ein Weilchen schweigend neben einander gegangen waren, »ich habe eine glückliche Idee! Da wir doch diesen Tag zum Angeln bestimmt haben, so will ich Sie wohin führen, wo wir nicht wieder vergeblich unsere Angeln auswerfen werden; außerdem kann ich Sie da gleich einer Dame vorstellen, welche Sie sehr interessieren wird, denn sie hat eine höchst merkwürdige Lebensgeschichte, die ich Ihnen ja gelegentlich einmal erzählen kann.«

»Wirklich?« fragte ich. »In welcher Beziehung ist denn ihre Geschichte merkwürdig?«

»Sie steht im Zusammenhang mit den Verhältnissen ihrer Familie, die hier in einem alten Hause in unserer Nachbarschaft auch lebte. Die Dame heißt eigentlich Miss Welwym aber die armen Leute hier in unsrer Gegend, die sie vergöttern, nennen sie die Lady von Glenwith Grange. Fragen Sie mich nicht weiter nach ihr, bis Sie sie gesehen haben! Sie lebt in strenger Zurückgezogenheit und ich bin fast der einzige Besuch, den sie empfängt; auch darf ich wohl einen Freund mitbringen, weil die Dame weiß, dass ich nie Missbrauch von ihrer Erlaubnis gemacht habe,« sagte Garthwaite.

»Die Lady wohnt kaum zwei Meilen von hier und in der Nähe ihres Hauses ist das fischreiche Glenwith-Becken, wie die Leute es hier nennen, dort werden wir unsere Angeln auswerfen.«

Während wir gingen, wurde Mister Garthwaite schweigsam und gedankenvoll, was mir umso mehr auffiel, da es seine gewöhnliche Art nicht war. Die Erinnerung an Miss Welwyn musste also diese Veränderung in ihm hervorgebracht haben. Ich schritt schweigend neben ihm einher und spähte, ob sich Glenwith Grange noch immer nicht erblicken ließe.

Wir hielten endlich bei einer kleinen Kirche an, welche an dem äußersten Ende eines hübschen Dörfchens stand. Die niedrige Kirchhofmauer war von einer Seite von Bäumen begrenzt, es befand sich hinter den Bäumen ein kleines Gitter, dessen Tür Mister Garthwaite öffnete, wir gingen durch und traten in ein Gebüsch, welches zu dem bezeichneten Wohnhaus führte.

Wir kamen an der Rückseite des Gebäudes an, weil wir einen Privatweg eingeschlagen hatten. Ich blickte zu dem Hause hinauf und gewahrte an einem der Fenster ein ungefähr neunjähriges Mädchen, welches uns kommen sah. Ich musste sie einen Augenblick betrachten, denn ihr dunkles Haar und ihr reiner Teint harmonierten so schön zusammen. Ihr Gesicht hatte eine unaussprechliche Anziehungskraft und ich mochte mein Auge nicht von ihr wenden. —

Mister Garthwaite sah meine Aufmerksamkeit für das hübsche Gesichtchen; er ergriff meinen Arm und flüsterte mir zu: »sagen Sie nicht, dass Sie das arme Kind gesehen haben! Ich werde Ihnen später mitteilen warum.« Dann führte er mich schnell nach der Vorderfront des Hauses.

Es war ein traurig aussehendes altes Gebäude mit einem großen Grasplatz davor. Schlingpflanzen umzogen die großen Steine, die hier und dort zerstreut lagen und rankten auch angeordnet bis zu den niedrigen Fenstern hinauf.

Eine Grabesstille hing über das Haus und seine nächste Umgebung; — sie schien mich auch ergriffen zu haben, denn als mein Gefährte die Hausglocke zog, wollte es mir wie ein Unrecht erscheinen, dass diese heilige Ruhe so plötzlich gestört werden sollte. Als die alte Dienerin die Tür öffnete, dachte ich es mir noch immer unwahrscheinlich, dass wir diese Schwelle überschreiten würden; doch wir traten in das Haus. Das Innere des Hauses zeigte dieselbe Stille als seine äußere Umgebung; kein Hundegebell ließ sich hören, es knarrten weder Türen noch steckten neugierige Dienstleute die Köpfe hervor. Wir traten in ein großes saalartiges Zimmer, welches halb wie ein Bibliothek-Zimmer, halb wie ein Frühstückszimmer erschien. Auf einem Stuhle lag zusammen gekauert eine Angora-Katze und schlief und in einem großen Käfig saß stumm und ernst ein alter grauer Papagei. Mister Garthwaite sprach nicht; er hatte sich an das Fenster gestellt und blickte nach außen. Ich unterbrach die allgemeine Schweigsamkeit nicht, sondern blickte neugierig im Zimmer umher; denn ich wollte von seiner Ausstattung auf den Charakter der Eigentümerin schließen.

Zuerst fesselten meine Aufmerksamkeit zwei mit Büchern bedeckte Tische. Sonderbar! Die moderne Literatur, die in unseren Tagen von Millionen verschlungen wird, war auch nicht durch ein Exemplar hier vertreten. Jedes Werk, welches ich ansah, hatte schon vor fünfzehn oder zwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt. Die Noten waren auch alle aus der Zeit Haydn’s und Mozarts. Man sah, die Besitzerin liebte es, sich in frühere Zeiten zu versetzen; denn alle geistigen Werke, die hier vorhanden waren, hatten ein viertel Jahrhundert hinter sich. Als ich mich noch mit diesen Bemerkungen beschäftigte, öffnete sich die Tür und die Dame des Hauses erschien selbst.

Man sah es ihr an, dass der Frühling des Lebens längst hinter ihr lag; aber trotzdem hatte ich doch früher nie ein Gesicht gesehen, welches so viel von seiner ehemaligen Schönheit bewahrt hatte. Wahrscheinlich waren schwere Sorgen an dieser Dame vorübergegangen, aber sie hatten ihr Antlitz nicht entstellt, sondern ihm nur den Ausdruck der Entschlossenheit verliehen. Ihr Gesichtsausdruck war jugendlich geblieben, aber das Haar fing an zu ergrauen, und um den Mund zogen einige seine Fältchen und der Ernst in ihrem Auge zeugte von beginnendem Alter. An dem Ton ihrer Stimme konnte man leicht erkennen, dass sie viel gelitten habe; aber diesen Leiden war es doch nicht gelungen, das Äußere dieser Erscheinung zu Grunde zu richten. Mister Garthwaite und die Dame begrüßten sich wie Verwandte, denn 59 ihre Freundschaft war schon eine seit langer Zeit bestehende.

Unser Besuch war ein kurzer. Die Unterhaltung bewegte sich in ganz gewöhnlicher Weise, ich hatte also nur Gelegenheit, die Dame nach der Ausstattung ihres Zimmers zu beurteilen, und doch hatte sie mich so gefesselt, dass ich es sehr ungern sah, als wir uns so schnell wieder entfernten. Ich bedauerte, dass ich ihr nie näher treten konnte, denn ich fühlte deutlich, dass sie weder geneigt sei, neue Bekanntschaften anzuknüpfen, noch konnte ich, ein Fremder hoffen, ihre Sympathie für mich erweckt zu haben.

Sobald wir uns von Miss Welwyn verabschiedet hatten und auf dem Wege zu dem Bach waren, drückte ich meinem Begleiter meinen Dank für diese interessante Bekanntschaft aus und bat ihn, mir doch etwas über die Dame oder das Kind mitteilen zu wollen; allein er entgegnete, dass er mir dann erst die Geschichte der Lady erzählen wolle, wenn wir bei dem Angeln sein würden. Nach fünf Minuten war auch das Bächlein erreicht dessen Wasser anmutig von den Bäumen gefärbt erschien; es floss leise murmelnd dahin. Wir setzten uns nahe nebeneinander unter die Bäume, deren Zweige über dem Wasser hingen, und nachdem Garthwaite seine und meine Angel in das Wasser gesenkt, begann er die folgende Geschichte.



Die Lady von Glenwith Grange

Ich kenne Miss Welwyn lange genug, um von der Wahrheit der Begebenheiten überzeugt zu sein, die ich Ihnen nun mitteilen werde,« begann der Angler neben mir. »Ich habe sowohl ihren Vater, wie ihre jüngere Schwester Rosamunde gekannt und auch den Franzosen, den Rosamunde heiratete. Diese vier Personen bilden die hervorragenden Charaktere in der Geschichte der Lady.

Der Vater der Miss Welwyn starb vor Jahren, aber ich erinnere mich seiner noch sehr gut, obgleich er weder mir noch andern Personen ein besonderes Interesse einflößte. Er war der Erbe eines großen Vermögens, welches sein Vater durch glückliche Spekulationen, die nicht immer ganz rechtschaffener Art waren, an sich gebracht hatte. Er kaufte diesen Landsitz hier und machte sich dadurch zu einem Mitglied unserer ländlichen Aristokratie.

Jetzt glaube ich Ihnen über ihn Alles mitgeteilt zu haben, was notwendig ist. Er war ein ganz gewöhnlicher Mensch ohne bedeutende Tugenden aber auch ohne hervorragende Laster; außerdem hatte er ein hübsches Gesicht, eine stattliche Gestalt, keinen besonders großen Geist aber ein liebenswürdiges Benehmen. Seine Gattin habe ich oft gesehen, als ich noch Kind war, aber ich erinnere mich nur, dass sie schlank und hübsch war, und besonders gütig und freundlich gegen mich. Sie war von besserer Herkunft als ihr Gatte und überragte ihn geistig auch bedeutend. Sie las in allen Sprachen und war eine so ausgezeichnete Klavierspielerin, dass die Leute hier rings umher sich heute noch ihres wunderbar schönen Spieles erinnern. Alle ihre Freunde sollen außer sich gewesen sein, als sie erfuhren, dass die talentvolle Dame Mister Welwyn heiraten wollte, und waren nicht wenig erstaunt, als sie im Laufe der Zeit sahen, dass Mistreß Welwyn vollkommen ruhig und glücklich an der Seite dieses so tief unter ihr stehenden Gemahls war.

Man sagt, sie fand ihr größtes Glück in ihrer kleinen Tochter Ida. (Es ist dies die Dame, die wir eben besuchten.) Das Kind glich der Mutter vollkommen Ida liebte die Musik, Bücher, besaß die Herzensgüte der Mutter, ihre Geduld und deren Gemütsstimmung. Die Mutter leitete die Erziehung ihrer Tochter ganz allein; man sah nie die Eine ohne die Andere.

Dadurch wurde sie den Kindern ihres Alters nicht zugänglich und Ida entwickelte sich auch demnach in außergewöhnlicher Weise.

Als Ida elf Jahr alt war, wurde ihre Schwester Rosamunde geboren, und da Mister Welwyn sich einen Sohn gewünscht hatte, so war keine besondere Freude über die Geburt der zweiten Tochter in dem alten Hause, aber es sollte sich sogar bald tiefe Traurigkeit über dasselbe ausbreiten, denn Mistreß Welwyn starb wenige Monate nach der Geburt des Kindes.

Die Krankheit war auf dem Wochenbett entstanden und man hörte hier, dass ihr Krankenlager ein sehr schmerzvolles gewesen war.

Mister Welwyn hatte selbst viel gelitten und in der letzten Zeit, als Mistreß Welwyn zuweilen von ihrem nahen Ende sprach, brach ihr Gatte oft in ihrer Gegenwart in lautes Weinen aus. Allein die letzten Worte, welche die sterbende, Mutter sprach, waren nicht an ihren Gatten gerichtet, sondern sie flüsterte sie in das Ohr ihrer tief betrübten Tochter. Ida hatte das Krankenzimmer nie verlassen, von dem Anfange der Krankheit bis zu dem traurigen Ende derselben: nur manchmal schlich sie sich aus dem Zimmer und weinte draußen ihre Kindertränen, und wenn sie dann wieder an das Bett ihrer Mutter trat, schien sie ruhig und gefasst.

Ihre Mutter war ihr Spielkamerad, ihr steter Begleiter, ihre teuerste und beste Freundin gewesen und doch hatte sie den Mut, diese geliebte Mutter ihren Schmerz nicht sehen zu lassen.

Als die Trennung von der teuren Toten vorüber war, konnte Mister Welwyn sich nicht entschließen, im Trauerhaus zu bleiben und er beschloss, eine Reise zu unternehmen Ida bat ihren Vater, dass er sie allein zu Hause lassen möge, denn sie habe ihrer Mutter versprochen, über ihre kleine Schwester wachen zu wollen, sagte sie.

Eine Verwandte von Mistreß Welwyn und eine alte Magd redeten jedoch dem Vater Idas zu, dass er sie mit sich nehmen solle, weil sie sahen, dass das Kind furchtbar litt, aber sie blieb in Glenwith Grange.

Nach diesem Ereignis, sah ich Ida das erste Mal.

Ich machte mit meiner Mutter eines Tages einen Besuch in dem alten Hause, es war an einem warmen Sommertage, wir fanden aber Niemand im Innern des Hauses und gingen in den Garten. Wir schlugen den Weg ein, der zum Kirchhofe führt und erblickten dort eine Magd, und ein, in Trauer gekleidetes, junges Mädchen, welches ein kleines Kind vor sich hatte, welches sie das Gehen zu lehren schien.

Sie schien mir noch zu jung als Wärterin eines Kindes; außerdem blickte sie so ernst in den kostbaren Sonnenschein, dass ich meine Mutter überrascht fragte, wer sie sei. Meine Mutter teilte mir die traurige Familiengeschichte mit, soweit ich sie Ihnen eben erzählt habe.

Ich beschreibe Ihnen diese unbedeutend scheinende Szene deshalb, damit sie wissen sollen, wie sich die ältere Schwester der jüngeren seit deren zartester Kindheit angenommen hat.

Es wurde wohl nie der Wunsch eines Sterbenden so pünktlich erfüllt, wie der, den Mistreß Welwyn gegen ihre Tochter Ida aussprach. Die ganze fernere Zukunft dieses jüngeren Kindes wurde glücklich beeinflusst, durch die Erfüllung der Pflichten, welche die sterbende Mutter ihrer Tochter Ida aufgetragen hatte.

Die Zeit verging. Ich verließ die Schule; besuchte die Universität, machte Reisen nach Deutschland und lernte die deutsche Sprache; aber wenn ich von Zeit zu Zeit nach Hause zurückkehrte und mich dann nach den Angelegenheiten der Familie Welwyn erkundigte, so hörte ich stets, dass sich nichts geändert habe. Mister Welwyn gab seine gewöhnlichen Diners, erfüllte seine öffentlichen Pflichten und war nach wie vor ein leidenschaftlicher Sportsmann geblieben. Seine beiden Töchter lebten eng beieinander, und Ida war der stete Schutzgeist ihrer kleineren Schwester; ja, sie verwöhnte das junge Mädchen sogar, wie dies zärtliche Mütter auch oft zu tun pflegen.

Ich besuchte Grange sehr oft an Feiertagen, oder in den Ferien und hatte dann Gelegenheit, die Schwestern zu beobachten. Ruhig und geduldig gab Ida ihrer Schwester den verschiedenen Unterricht, als diese älter geworden war; sie war stolz darauf, wenn man das Kind hübsch fand und war, kurz gesagt, bei ihrem jugendlichen Alter wie eine liebende Mutter für das Kind besorgt.

Als Rosamunde erwachsen war, kam nun auch die Zeit, wo sie den Winter in London zubringen und bei Hofe vorgestellt werden sollte. Sie war sehr schön geworden, viel schöner, als Ida je gewesen war, und daneben wurde von ihrer vollkommenen Ausbildung in den verschiedenen Lehrgegenständen mit Bewunderung in unsern ländlichen Kreisen gesprochen; sie sang, spielte gut Klavier, malte in Aquarell, sprach fertig französisch, las gut deutsch und besaß noch viele andere Fertigkeiten; alles dies hatte sie nur von ihrer Schwester erlernt. Für so viele Güte und Aufopferung war Rosamunde zwar nicht undankbar, aber sie hatte doch etwas von dem gewöhnlichen Charakter ihres Vaters ererbt, denn sie betrachtetet Alles, was ihre Schwester für sie schon getan hatte und noch tat, als Etwas, das sich so gehöre; sie war eben nicht zartfühlend genug, um den ganzen Wert der großen Opfer begreifen zu können, die ihre Schwester ihr brachte. Als Ida zwei ausgezeichnete Heiratsanträge, die ihr gemacht wurden, zurückwies, konnte Rosamunde nicht einmal begreifen, dass dies nur ihretwegen geschähe. —

Als die Saison in London begann, in der Rosamunde zum ersten Male öffentliche Unterhaltungen besuchen sollte, begleitete Ida ihren Vater und ihre Schwester, trotzdem sie lieber in ihrer ländlichen Zurückgezogenheit geblieben wäre, weil Rosamunde erklärt hatte, sie würde sich ohne ihre Schwester zu hilflos in der großen Stadt erscheinen und diese stündlich vermissen. Ida ging also mit; denn sie erfüllte alle kleinen Launen ihrer jüngeren Schwester eben so gern, wie sie deren Fehler zu entschuldigen wusste.

Sie bereute es auch nicht, mitgegangen zu sein, denn — sie erquickte sich an den Triumphen, welche ihre geliebte Rosamunde feierte und wurde nie müde, das Lob ihrer Schwester von deren Bewunderern mit anzuhören.

Nach dem Ende der Saison kehrte Mister Welwyn mit seinen Töchtern nach Grange zurück, hielt sich aber nicht lange auf dem Lande auf, sondern beschloss mit seiner Familie den Herbst und den Anfang des Winters in Paris zu zubringen.

Die Familie hatte vorzügliche Empfehlungsschreiben und mit ihnen versehen wurden sie in die besten Zirkeln der französischen Hauptstadt aufgenommen. An einem der ersten Abende, als sie die Pariser Gesellschaft besuchten, war der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung die Rückkehr eines französischen Edelmannes, des Baron Franval, der sehr lange von seinem Vaterland abwesend gewesen war. Es wurde Franval’s von allen Gästen lobend gedacht. Die Familie Welwyn erfuhr ungefähr das Folgende über ihn:

Der Baron erbte von seinen Vorfahren nur den hohen Rang und Namen, aber sehr wenig irdische Besitztümer

Als sein Vater starb, hatten Franval und seine beiden unverheirateten Schwestern nichts weiter, als ein unbedeutendes Landgut in der Normandie, kaum ergiebig genug, um die drei Geschwister mit dem Notwendigsten zu versehen. Der Baron war zu jener Zeit 23 Jahre alt und suchte Militär-Dienste zu nehmen, aber, obgleich die Bourbons wieder den Thron Frankreichs einnahmen, gelang es ihm doch nicht, eine, seinem Rang angemessene Stellung zu erlangen, da geheime Feinde gegen seine Anstellung wirkten. So beschloss er endlich sein Vaterland zu verlassen. Er ließ seine Schwestern unter dem Schutze eines alten, männlichen Verwandten auf dem Familiensitze zurück und schiffte sich nach West-Indien ein; später ging er nach Süd-Amerika.

Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit und nachdem er schon einige Male für tot gehalten worden, kehrte er mit dem bedeutenden Ertrage seiner überseeischen Tätigkeit nach Frankreich zurück. Man sagte, er sei nur gekommen, um die verschuldeten Güter seiner Ahnen wieder an die Familie zu bringen. — Des Barons aufopfernde Fürsorge unterhielt für einige Zeit die gesellschaftlichen Zirkel von Paris. Man erwartete den Baron täglich in der Hauptstadt; natürlich musste sein Empfang in der Gesellschaft ein ausgezeichnet angenehmer sein, und er war es auch.—

Mister Welwyn hatte die Nachrichten über den Fremden mit großem Interesse vernommen; Rosamunde erklärte jedoch, mit einem Anflug von Romantik, ihrem Vetter und ihrer Schwester, dass sie danach schmachte, diesen interessanten Mann kennen zu lernen. Diesem Wunsche wurde bald genügt. Franval kam nach Paris und wurde auch den Welwyns vorgestellt: aber er hatte nicht das Glück, Ida zu gefallen, umso mehr jedoch deren Schwester Rosamunde. Als Franval den Wunsch aussprach, England kennen zu lernen, lud ihn der alte Welwyn ein, die Jagd-Saison in Glenwith Grange mitzumachen.

Ich kam gerade von Deutschland zurück, als die Welwyns von Paris kamen, und besuchte die Familie. Ich gestehe Ihnen, ich verliebte mich vollständig in Ida, aber diese Neigung hatte keine Folgen und ich erwähne diesen Umstand nur nebenbei. Die Jagd-Saison kam heran, und mit ihr Franval. Er machte merkwürdiger Weise auf mich denselben ungünstigen Eindruck, den er auf Ida hervorgebracht hatte.

Ich konnte mir eigentlich keine Rechenschaft geben, warum er mir so missfiel, denn ich begriff, dass sein Äußeres doch das Herz eines jungen Mädchens zu fesseln vermochte, weil sein Gesicht hübsch, und seine Manieren sehr angenehm waren; besonders war er interessant, wenn er mit Damen sprach, auch sang er so sehr innig, dass man unwillkürlich lauschen musste; diese Eigenschaften waren genügend, um Rosamunde zu fesseln.

Dem alten Welwyn gefiel er schon deshalb, weil er ein guter Jäger und ein tüchtiger Reiter war; außerdem sprach er ausgezeichnet englisch und kennzeichnete sich in Toilette,wie in seiner ganzen Außenseite mehr, wie ein Engländer als Franzose, kurz, Mister Welwyn hielt den Baron für das Muster aller französischen Edelleute. Gegen mich war Franval äußerst artig und zuvorkommend, aber ich konnte mich doch nicht an ihn gewöhnen, obgleich wir oft mit einander auf die Jagd gingen oder bei Tische Nachbarn waren. Mir wollte es oft so erscheinen, als erwäge er jedes seiner Worte zu sorgfältig. Er hatte etwas in seinem Wesen, was mir ihn stets fremd bleiben ließ.

Ida sah äußerst besorgt auf die täglich wachsende Neigung für Franval; ja, sie wurde so melancholisch, dass die Veränderung ihres Wesens sogar ihrem Vater auffiel, und er machte die unzarte Bemerkung, Ida sei eifersüchtig, wenn Rosamunde irgend einem Andern Aufmerksamkeit erzeige.

Der Frühling wich dem Sommer. Franval ging nach London, kehrte aber bald nach Glenwith Grange zurück verlangte die Hand Rosamundes und erhielt sie auch, zum Erstaunen aller Derjenigen, die die Welwyns kannten, sogleich.

Er händigte dem Vater seiner Braut alle die Papiere ein, die bei Heiraten von der Ortsbehörde und der Kirche verlangt zu werden pflegen; alle waren in bester Ordnung. Er schrieb seinen Schwestern von seiner bevorstehenden Hochzeit und erhielt auch bald eine zärtliche Antwort mit dem Bedauern, dass ihr Gesundheitszustand ihnen zwar der Hochzeit beizuwohnen nicht gestatte, dass sie aber dass junge Paar, wie die neue Familie bitte, sie auf ihrem Schloss in der Normandie zu besuchen.

Die Bewohner von Glenwith Grange waren in angenehmster Aufregung bei dem Gedanken an die nahe Hochzeit, nur Idas Herz blieb freudenleer und ihr Gesicht zeigte Spuren von Kummer. Ja, der Gedanke, dass ihre geliebte Schwester nun bald diesem Manne ganz angehören werde, erfüllte sie mit unbeschreiblicher Angst.

Doch es tröstete sie der Gedanke, dass Rosamunde in Glenwith Grange wohnen bleiben würde. — Sie wusste, der Baron liebte sie gerade so wenig, wie sie ihn liebte; aber sie willigte doch ein, dass das junge Paar mit ihr immer unter einem Dach wohnen sollte, denn so konnte sie ja ihre Schwester wenigstens täglich sehen. Der Baron war ein viel zu höflicher Mann, als dass er seiner Braut es hätte abschlagen können, als diese den Wunsch aussprach, sich nicht von ihrer Schwester trennen zu wollen.

Die Hochzeit fand mitten im Sommer statt, und das junge Ehepaar machte nun eine kurze Reise nach Cumberland, dann kehrten sie nach Glenwith Grange zurück und als sie gerade beschlossen hatten, die Reise in die Normandie zu machen, starb Mister Welwyn plötzlich.

Die Reise wurde nicht gemacht. Es kam der Herbst und die Zeit der Jagd, und Franval wollte sich durchaus nicht von Glenwith Grange trennen.

Es kamen Briefe aus Briefe von seinen Schwestern, aber er entschuldigte sich bald mit Diesem, bald mit Jenem und reiste nicht. Im Winter wollte er sein Weibchen nicht allein lassen, im Frühling klagte er über stetes Unwohlsein, im Sommer wurde die Reise unmöglich, weil Rosamunde sich Mutter fühlte und sich in der Tat kleinen Unpässlichkeiten ausgesetzt sah. Und so wurde der Besuch zu den Schwestern stets verzögert —

Die Ehe schien indes eine der glücklichsten werden zu wollen, denn Franval war liebenswürdig, aufmerksam und gütig gegen seine junge Frau; musste er sie dann und wann einmal auf kurze Zeit verlassen, so schien er überaus glücklich zu sein, wenn er die Baronin wiedersah. Auch gegen die Freunde und Bekannte des Hauses war er so zuvorkommend, höflich und gastfrei, so dass er ganz dem guten Rufe zu entsprechen schien, der ihm voranging, bevor er nach Paris gekommen war.

Aber trotzdem Monate in dieser Weise friedlich und ruhig vorübergingen, konnte sich Ida doch nicht zu ihrem Schwager mehr hingezogen fühlen.

Nach einiger Zeit hatte Rosamunde aber doch Gelegenheit, ihren Gemahl über Kleinigkeiten, welche sich die Dienstleute zu Schulden kommen ließen, sehr rau und grob zu sehen. — Sie war etwas erstaunt und unangenehm berührt. —

Der Baron hielt sich zwei Zeitungen. Die eine erschien in Bordeaux, die andere in Havre. Diese Journale öffnete der Baron stets sehr hastig, sobald sie ankamen, durchflog einige Zeilen mit großer Aufmerksamkeit in wenigen Minuten und warf dann die Zeitungen in den Papierkorb.

Seine Frau und deren Schwester waren Anfangs über diese Art des Zeitungslesens erstaunt, aber er lachte, als sie ihn einst darüber fragten und antwortete, dass er nur den kommerziellen Teil flüchtig durchlese.

Diese Journale erschienen wöchentlich. Einmal geschah es nun, dass die Zeitung aus Havre ausblieb. — Dieser Umstand machte den Baron ernstlich böse und er schrieb sofort an das Postamt und an den Zeitungs-Agenten in London.

Seine Frau fand seinen Unmut über eine so alltäglich vorkommende Kleinigkeit so komisch, dass sie darüber scherzte; aber zum ersten Male hörte sie eine sehr unartige Erwiderung von ihrem Gemahl. Sie hatte nur noch wenige Wochen bis zu ihrer Entbindung und erwartete jetzt am allerwenigsten von ihrem Manne eine barsche Behandlung. Die junge Frau zog sich erschrocken zurück.

Als auch am zweiten Tage keine Antwort kam, ritt der Baron zur Stadt, um die Zeitung persönlich zu verlangen. — Nachdem er ungefähr eine Stunde fort war, erschien ein fremder Herr in dem Hause zu Glenwith Grange und wünschte die Baronin zu sehen. Da die Antwort kam, sie sei zu unwohl um Jemand zu empfangen, ließ er ihr sagen, sein Auftrag sei von so großer Wichtigkeit, dass er warten würde, bis sie ihn sprechen könnte.

Rosamunde fragte ihre älteste Schwester um Rat, und Ida ging nun sogleich zu dem Fremden.

Alles, was ich Ihnen jetzt erzählen werde, weiß ich aus dem Munde der Miss Welwyn selbst, sagte der Anleger.

Als sie in das Zimmer trat, wo der Fremde wartete, fühlte sie sich ungemein aufgeregt.

Der Herr verbeugte sich höflich und fragte mit fremdem Accent, ob sie die Baronin Franval sei. Sie teilte ihm mit, dass ihre Schwester, die Baronin, krank sei, aber sie selbst wäre in der Lage, die Geschäfte ihrer Schwester besorgen zu können, da deren Mann nicht zu Hause sei.

Der Fremde entgegnete, dass seine Aufträge durchaus nicht direkt an den Baron gerichtet werden könnten.

Ida fragte erstaunt nach dem Grunde.

Der Fremde entgegnete, dass es ihm lieb sei, zunächst mit ihr über die unangenehmen Angelegenheiten zu sprechen, die ihn hierher geführt hätten, sie könnte dann ihre Schwester darauf vorbereiten.

Ida schien einer Ohnmacht nahe zu sein und der Fremde füllte ein Glas mit Wasser und reichte es ihr. — Nachdem sie wieder aufmerksam aus den Fremden blickte, stellte er sich ihr als einen Beamten der französischen Polizei vor; dann zog er ein Zeitungsblatt hervor und erklärte, es sei die Zeitung aus Havre, welche auf seine Befehle nicht nach Glenwith Grange abgegangen sei. Dann bezeichnete er eine Stelle in der Zeitung und bat Ida, dieselbe zu lesen, danach würde sie wissen, weshalb er hier erschienen sei.

Die Zeilen in der Zeitung trugen die Überschrift »angekommene Schiffe.« und lauteten:

»Die Berenica ist mit einer wertvollen Ladung Häuten eingetroffen Sie bringt als Passagier den Baron Franval nach Schloss Franval in der Normandie.«

Nachdem Miss Welwyn dies gelesen, fühlte sie sich wie von einem Fieberfrost geschüttelt. Der Beamte reichte ihr Wasser und bat sie, sich nun zu setzen und aufmerksam zuhören zu wollen.

Es ist kein Zweifel darüber, begann er, dass es nur einen Baron Franval gibt, aber es trat bei der Nachricht, dass noch ein Franval auftrat, die Frage auf, welcher von den beiden der richtige sei.

Die Person, welche in den letzten Wochen in Havre ankam, wurde von den Damen Franval, als sie zu ihnen kam, als Betrüger erklärt und sie machten sogleich der Polizei Anzeige davon. Die Pariser Polizei sandte mich und einige andere Beamten sofort nach dem Schloss in der Normandie.

Wir verhörten den vermeintlichen Betrüger, der höchst unwillig und böse über den Empfang und über die Folgen desselben war.

Wir hörten von den Bekannten, dass der Angekommene eine große Ähnlichkeit mit dem Baron habe, und dass er mit den Personen und den Verhältnissen im Schloss und der Umgebung sehr bekannt sei.

Wir setzten uns nun mit der Ortspolizei in Verbindung, und es wurden alle verdächtigen Personen in den Büchern dieser Behörde nachgeschlagen, die seit etwa zwanzig Jahren in der Normandie und speziell in der Nähe von Franval gelebt hatten. Da fand sich denn folgende Notiz der Polizei:

»Hector August Monbrun, Sohn eines rechtschaffenen Eigentümers in der Normandie. Sehr gut erzogen, mit feinen Manieren ausgestattet, lebt in Zwiespalt mit seiner Familie. Sein Charakter ist kühn, unternehmend, eigennützig gewissenlos; er ist ein geschickter Mimiker. Wegen Diebstahl und Raubanfall ist er zu zwanzigjähriger Gefängnisstrafe verurteilt Monbrun ist leicht zu Rekognoszieren, da er eine sprechende Ähnlichkeit mit dem Baron Franval hat.«

Der Beamte blickte auf Miss Welwyn, ob sie stark genug sei, ihm weiter zuzuhören. Da sie ihm ein bejahendes Zeichen machte, nahm er sein Notizbuch hervor und sagte: Jener Notiz in den Büchern der Polizei war das Folgende hinzugefügt:

»H. A. Monbrun ist, des Mordes und anderer Verbrechen schuldig, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt Er entfloh jedoch aus dem Gefängnisse zu Toulon. Seit seiner ersten Flucht ließ er sich den Bart und das Haar lang wachsen, damit es der Polizei nicht gelingen sollte, ihn nach der Ähnlichkeit mit dem Baron Franval wieder einzufangen.«

Es standen noch andere Bemerkungen dabei, sagte der Beamte, aber für unsere Untersuchung genügte das schon. War der Angekommene Monbrun, so musste er, wie alle Galeerensträflinge, die beiden Buchstaben T.F. (Travaux Forcés = Zwangsarbeit) auf seiner Schulter eingebrannt haben. Der Baron unterzog sich auch dieser Prüfung, aber seine Schultern waren rein von diesem Brandmal. Als diese Entdeckung gemacht war, wurden die Zeitungen, welche von Havre an einen englischen Agenten gehen, confiscirt, und ich erhielt nun aus telegraphischem Wege von meiner Ortsbehörde in Paris den Befehl, mich hierher zu begeben.

Ida hörte nichts mehr, sie fühlte nur, dass ihr Gesicht mit Wasser besprengt wurde; dann sah sie die Fenster des Zimmers geöffnet, damit sie frische Luft schöpfen konnte. Der Polizeibeamte war noch mit ihr allein.

Der Polizist ordnete an, dass Niemand im Hause erfahre, in welcher Angelegenheit er hier sei, damit der Baron nicht gewarnt werden könne. Er zeigte Ida an, dass er jetzt gehen, aber zwischen acht und neun Uhr wiederkommen werde; sie möge ihre Schwester bis dahin vorbereiten. Er verbeugte sich und ließ die Unglückliche allein.

Das erste Gefühl, welches Ida empfand, war, das entsetzliche Geheimnis ihrer Schwester so lange als nur möglich zu verbergen.

Sie ging zu Rosamunde und rief ihr durch die halb geöffnete Türe zu, weil sie sich fürchtete, der Schwester durch ihr Aussehen etwas zu verraten, dass der Mann von dem Rechtsanwalt ihres Vaters gekommen sei, und dass sie nun für ihn einige Geschäftsbriefe schreiben müsse. Mit diesen Worten ging sie nach ihrem eigenen Zimmer und gab sich dort der schwachen Hoffnung hin, dass die Polizei sich vielleicht geirrt hätte. —

Sie hörte es regnen und fühlte sich erquickter nach der Angst des Tages. Sie gedachte längst vergangner Tage, ihrer süßen Mutter, ihrer geliebten kleinen Schwester, ihres ruhigen Lebens in Grange; — sie weinte heftig, da tönte Hufschlag, — der Baron kam zurück.

Nachdem sie ihre brennenden Augen etwas gekühlt hatte, ging sie schnell zu ihrer Schwester. Der Baron trat fast mit ihr zugleich ins Zimmer. Er schien sehr aufgeregt; sagte, dass er auf die Post gewartet habe, aber die Zeitung sei wieder nicht mitgekommen. Außerdem fühle er Fieberschauer, der Ritt durch den Regen habe ihm gewiss geschadet. — Rosamunde empfahl ängstlich einige Mittel; aber ihr Gemahl erwiderte rau, dass er nichts wünsche und das einzige Heilmittel sei das Bett. Mit dieser Äußerung verließ er die Schwestern.

Rosamunde fing an zu weinen und sagte: »Mein Mann ist jetzt ganz verändert!«

Die Schwestern saßen wohl eine Stunde stumm nebeneinander; endlich ging die Baronin zu sehen, wie es ihrem Manne ginge, kam jedoch mit der Nachricht zurück, dass er schon fest schlafe.

Es schlug neun Uhr. Es näherten sich Tritte der Tür Ida ahnte, dass der Polizeibeamte gekommen sei, und ging zu ihm hinunter.

Der Beamte fragte, ob Rosamunde in Kenntnis gesetzt sei, ob der Baron schon zu Hause, ob er allein in dem Zimmer schliefe u.s.w. Dann verlangte er, in das Schlafzimmer des Barons geführt zu werden.

Ida fühlte sich mehr tot als lebendig, aber der Polizist erklärte, jedes Geräusch und jede Störung könnte hier sehr unangenehme Folgen haben, denn wäre es Monbrun, so müsste man seiner vorsichtig habhaft zu werden suchen; wäre es aber der unbescholtene, echte Baron Franval, so wollte man ihn nicht einmal mit dein bloßen Verdachte belästigen, dass er ein Betrüger sein könnte.

Das waren Gründe, die Ida wieder kräftigten. Es kam ihr nun noch einmal die Hoffnung, der Baron sei schuldfrei.

Beide stiegen die Treppe zu dem Schlafzimmer hinauf. Der Polizist trat ein. Ida blieb an der geöffneten Tür stehen und blickte durch die Spalte. Franval schlief mit dem Rücken der Tür zugekehrt.

Der Beamte stellt sein Licht leise auf ein Tischchen, schlug ebenso leise die Bettdecke zurück, dann nahm er eine Schere von dem Toilettentisch und zerschnitt zuerst die losen Falten und dann die Bänder von dem Nachthemd des Schläfers. Als das Fleisch zu sehen war, nahm er das Licht und besah sich die Schulter. — Miss Welwyn hörte etwas murmeln. — Der Mann an dem Bette sah sich um und — winkte, damit sie näher trete. —

Sie gehorchte mechanisch. Mechanisch blickte sie auf die Stelle, welche der Finger des Beamten ihr zeigte. — Es war der Verbrecher Monbrun, der da schlief. Hell und deutlich las man auf seiner Schulter das Brandmal T.F.

Die Arme vermochte keinen Laut von sich zu geben. Der Schreck hatte sie sprachlos gemacht. Sie sah nur, dass der Polizeibeamte die Bettdecke und die Nachtbekleidung wieder ordnete, dass er die Schere wieder auf den Tisch legte und etwas Riechsalz zu sich steckte. Dann gab er ihr den Arm, führte sie die Treppen hinunter und stärkte sie mit dem flüchtigen Salz. Als sie unten waren, sagt er: »Jetzt nehmen Sie Ihren ganzen Mut zusammen. Sie und Ihre Schwester müssen das Haus augenblicklich verlassen. Wenn Sie hier Niemand haben, zu dem Sie sich begeben können, so fahren Sie nach Harleybrook und mieten sich dort in dein besten Gasthof ein. Ich muss die Nacht hier bleiben, aber morgen gebe ich Ihnen Nachrichten.«

Der Diener wurde gerufen und ihm gesagt, dass er sich bereit halte, wenn nach ihm geklingelt werde. Der Polizeibeamte sorgte für einen Wagen und Ida begab sich nun erst zu ihrer Schwester.

Wie Rosamunde das Furchtbare aufgenommen hat, kann ich Ihnen nicht sagen, fuhr der Angler fort, denn Ida hat nie darüber gesprochen.

Die Damen fuhren mit einem Diener nach dem näher bezeichneten Hotel zu Harleybrook, und bevor noch der Tag anbrach, gebar Rosamunde ein Mädchen. —

Sie wusste nichts von ihrem Mutterglück, nichts von der schrecklichen Gegenwart, sie sang alte Lieder früherer Tage und starb nach drei Tagen in den Armen ihrer Schwester.

Das Kind lebt noch. Es war das, welches Sie heute sahen, und nun werden Sie auch begreifen, weshalb ich Sie hat, mit Ida nicht über dasselbe zu sprechen. Das arme Kind ist blödsinnig seit der Geburt.

Über Monbrun ist noch zu sagen, dass er in der Tat der entflohene Verbrecher war, der durch eine Reihe von Jahren die Polizei von Europa und Amerika beschäftigt hatte.

Mit Hilfe zweier anderer Verbrecher hatte er sich in den Besitz großer Summen gesetzt, und diese hatten ihn sogar zu ihrem Banquier gemacht und das ganze Geld ihm anvertraut. Ohne den gewagten Betrug, sich für den Baron Franval auszugeben, wäre Monbrun bei seiner Rückkehr nach Frankreich gewiss gefangen genommen, so aber war ihm sein Plan gelungen, und wäre der wirkliche Baron nicht in die Heimat zurückgekehrt, so würde er auch bis an seines Lebens Ende für denselben gegolten haben. Neben seiner großen Ähnlichkeit mit dem Baron hatte er auch seine Gewandtheit und Bildung als betrügerische Hilfsmittel. Seine Freunde aus der Verbrecherwelt nannten ihn seiner feinen Manieren wegen »den Prinzen.«

Er hatte seine Jugendzeit nahe bei Schloss Tranval zugebracht und kannte die Umstände genau, die den Baron fort zureisen bestimmt hatten. Auch war er in jener Gegend Amerikas gewesen, wo der Baron lebte und war geschickt genug, über Verhältnisse und Personen aus dem Kreise des Barons zu sprechen, und wo dies gerade einmal nicht ganz richtig befunden wurde, entschuldigte er sich mit der langen Abwesenheit.

Natürlich wurde der wirkliche Baron in alle Familienrechte eingesetzt, nachdem der Verbrecher entlarvt war.

Monbrun sagte aus, er habe Rosamunde aus wahrer Liebe geheiratet — Möglich ist es, dass das junge unschuldige Mädchen aus England seiner Laune gefiel, und dass das ruhige und angenehme Leben in Glenwith Grange seinem gefahrvollen Vagabundieren vorzuziehen war. Was aus ihm an der Seite eines tugendhaften Weibes geworden wäre, ist jetzt schwer zu beurteilen

Als Monbrun am andern Morgen erwachte, erblickte er den Polizeibeamten mit geladener Pistole in der Hand an seinem Bette. Er wusste sofort, dass er verraten sei, behielt aber seine Selbstbeherrschung

Er bat sich nur noch fünf Minuten Bedenkzeit im Bette aus; dann entschied er sich dafür, dem Beamten nach Frankreich zu folgen. Er hoffte dort wieder in die Nähe der Verbrechergenossen zu kommen, deren Geld er ja verwaltete; vielleicht hoffte er auch jetzt schon wieder auf eine nahe Flucht. Er schrieb noch einen Brief voll heuchlerischer Frasen an Rosamunde und folgte dann dem Beamten, der ihn nach Frankreich brachte.

Nach nicht zu langer Zeit suchte er wieder einmal aus dein Gefängnisse zu entfliehen, aber er wurde von dem Wachtposten niedergeschossen und die Kugel traf ihn so unglücklich in den Kopf, dass er auf der Stelle starb.

Jetzt sind es zehn Jahre, dass Rosamunde dort auf dem Friedhof ruht, und dass Miss Welwyn die einzige Bewohnerin von Glenwith Grange wurde. Sie lebt nur noch der Erinnerung früherer, glücklicherer Tage.

In dem alten Hause ist fast kein Gegenstand, der ihr nicht das Andenken an die teuren Verstorbenen zurückrufen würde. Die Bücher, die Noten, die Kupferstiche, Alles erinnert sie an die Personen, die die Gegenstände benützten. Sie hat jetzt nur noch die Fürsorge für das arme Kind und für die Armen dieser Gegend, die sie beschäftigt, denn die Lady von Glenwith Grange ist weit und breit geliebt und verehrt und jeder Arme wird Sie wie einen alten Freund begrüßen, wenn Sie ihm sagen, Sie kennen die gute Lady von Glenwith Grange.



Die Erzählung der Nonne: Gabriels Hochzeit

Einleitung

Meine nächste Beschäftigung nachdem ich den unruhigen Stier gemalt hatte, war einem bedeutend friedlicheren Gegenstande gewidmet.

Ich wurde in ein Kloster berufen, um für dasselbe ein Altarbild für eine Kapelle zu malen. Es war eine heilige Familie auf einem Originalbild von Correggio.

Das Gemälde war dem Kloster von einem reichen katholischen Edelmann geliehen worden. Er hatte dasselbe früher nie aus den Händen gegeben, aus Furcht, dass es copirt werden könnte; auch nannte er es den Edelstein seiner ganzen Sammlung.

Ich musste in dem Sprechzimmer des Klosters und unter fortwährender Aufsicht malen. Das Bild war dazu bestimmt, nachdem es vollendet, über dem Hochaltar der Kloster-Kapelle angebracht zu werden.

Der Eigentümer hatte das Bild nur unter der Bedingung geliehen, dass das Copiren stets überwacht werde. Die Nonnen waren artig genug, mir diese Bedingung mitzuteilen, bevor ich die Arbeit unternahm.

Ich überlegte lange; denn es ärgerte mich, dass man annehmen konnte, ein Maler würde sich erlauben, zwei Kopien, die eine für das Kloster, die andere für sich, anzufertigen; doch auf Zureden meiner Frau willigte ich endlich ein, im Kloster malen zu wollen.

Das Kloster befand sich in einem lieblichen Thale im Westen Englands.

Das Sprecherzimmer war ein großer, gut erleuchteter Raum. Ich wohnte in einem nahe gelegenen Wirtshaus.

Ich fand, dass das Bild nicht schwierig zu copiren sein würde. Dasselbe war technisch ausgezeichnet ausgeführt; da ich aber annehme, dass die alten Maler gerade so gut ihre Fehler besaßen, wie die jüngeren, so muss ich gestehen, dass diese heilige Familie Correggio’s kein höheres Kunstwerk war. Der Gesichtsausdruck der Figuren auf dem Gemälde war ein sehr gewöhnlicher! Der ehrenwerte Correggio nehme es mir in seinem Grabe nicht übel, aber sein Gemälde war ein recht uninteressantes.

Soviel über das Kloster und meine Arbeit in demselben.

Am ersten Tage kam die Mutter Priorin selbst, um die Arbeit zu überwachen. Sie war eine schweigsame, ernste, fanatisch aussehende Frau. Sie schien die Absicht zu hegen, mich recht zu langweilen und zu vernachlässigen. —

Am zweiten Tage kam der Beichtvater der Nonnen zur Aufsicht. Er schien gebildet und recht angenehm zu sein.

Am dritten Tage erschien die Pförtnerin als Wächterin; sie war eine schmutzige, alte, taube Frau, die schweigend strickte.

Am vierten Tage erhielt ich eine Nonne in mittleren Jahren, die Mutter Martha hieß, als Aufseherin. Diese vier Personen lösten sich nun mit militärischer Ordnung ab, bis ich den letzten Pinselstrich vollendet hatte, an Correggio’s heiliger Familie.

Ich fand sie schon stets bereit, wenn ich des Morgens kam und Abends verließ ich sie, wenn sie noch in dem großen Armsessel des Sprechzimmers saßen.

Mutter Martha war die einzige von den vier Personen, mit der ich bekannter wurde; obgleich sie in ihrem Äußern auch nichts Anziehendes hatte; sie war eine einfache, freundliche Person, die stets bereit war zum Plaudern. Sie hatte ihr ganzes Leben im Kloster zugebracht und wie es schien, war sie auch vollkommen zufrieden mit ihrer Lage.

Sie war so gesprächig dass sie nach meiner Frau, meinem Kind, Freunden, meiner Einnahme, meinen Arbeiten, meinen Lieblingsvergnügungen kurz, nach Allem umständlich fragte.

Sie war trotz ihres Alters so unbekannt mit den alltäglichsten Verhältnissen des Lebens, dass ich zu ihr, wie zu meiner kleinen Tochter, die ich zu Hause hatte, sprechen konnte.

Ich will nichts Böses über die armen Nonnen erzählen, im Gegenteil, ich habe Mutter Martha noch von allen den Personen, die ich im Kloster kennen lernte, am liebsten, weil sie die einzige war, die mir meinen Aufenthalt in demselben angenehm zu machen suchte. Sie erzählte mir auch die Geschichte, welche die folgenden Blätter enthalten werden.

Der Umstand, welcher mir zu dieser Geschichte verholfen hat, ist mit wenigen Worten erzählt.

Das Innere eines Kloster war für mich ein ganz neues Gebiet und ich betrachtete dort Alles mit großem Interesse.

Der Fußboden war mit gewöhnlichen Matten belegt, und die Decke weiß getüncht. Das Meublement war einfachster Art.

Ein niedriger Bettschemel mit einem Bücherkasten aus Eichenholz daran, über welchem sich ein Kreuz erhob, kennzeichneten das Zimmer als zu einem Kloster gehörend. Außerdem fanden sich an den Wänden schlechte Kupferstiche, Heilige darstellend, und zwei Weihwasser-Becken aus Alabaster, das eine an der Tür, das andere über dem Kamin. Der einzig merkwürdige Gegenstand in dem Zimmer, war für mich ein altes hölzernes, wurmstichiges Kreuz, welches ziemlich roh gearbeitet war. Es hing zwischen zwei Fenstern.

Das Kreuz war so außergewöhnlich schlecht gearbeitet, dass ich mir dachte, es müsse sich daran ganz etwas Besonderes knüpfen und ich beschloss auch Mutter Martha bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.

Als sie einst eine Pause machte in ihren Fragen an mich, fragte ich:

»Mutter Martha, jenes alte hölzerne Kreuz dort interessiert mich; sagen Sie mir doch, wie das hierher kam?«

»Still! still!« wisperte die Nonne, »die Mutter Priorin nennt das eine Reliquie!«

»Ich bat um Verzeihung dafür, dass ich meine Bezeichnung nicht sorgfältig genug gewählt hatte.«

»Es ist Zwar nicht eine Reliquie im strengsten katholischen Sinne,« sagte die Nonne, »aber im Leben dessen, der dieses Kreuz anfertigte, waren so sonderbare Verhältnisse —!« Mutter Martha schwieg.

»Darf diese Umstände ein Fremder nicht wissen?« fragte ich höflich.

»Mir sind sie niemals als Geheimnisse anvertraut worden,« erwiderte die Nonne, und fuhr fort, »ich könnte Ihnen wohl die ganze Geschichte von dem hölzernen Kreuz erzählen, aber es handelt nur von Katholiken und Sie sind ein Protestant.«

»Deshalb wird mir die Erzählung nicht weniger interessant sein.« antwortete ich.

»Wirklich nicht?« fragte die Nonne naiv.

»Sie sind ein sonderbarer Mann,« setzte sie hinzu. »Ihre Religion muss ganz merkwürdig sein. Was sagen denn Ihre Priester über uns? Sind es sehr gelehrte Männer?«

Ich fühlte, dass ich um die Geschichte kommen würde, wollte ich alle die gestellten Fragen beantworten, darum antwortete ich nur sehr kurz, und sprach dann wieder von dem hölzernen Kreuz.

»Ich kann Ihnen früher nicht die Geschichte erzählen,« sagte die Nonne, »bis ich die Erlaubnis der Priorin habe.« Mit diesen Worten stand sie aus, rief die Mutter Pförtnerin, mich eine Weile bewachen zu wollen, damit ich nicht etwa den kostbaren Correggio kopiere, und kam dann nach wenig Minuten mit vor Freude glänzenden Augen zurück.

»Die Mutter Priorin erlaubt es mir, Ihnen die Geschichte des Wunderkreuzes zu erzählen,« sagte sie. »Sie glaubt, es wird Ihnen als Protestant nicht schädlich sein, Ihre Meinung über uns Katholiken zu verbessern. —«

Ich versprach der Nonne, aufmerksam zu lauschen, und sie begann die Erzählung sogleich.

Die Nonne erzählte in ihrer einfachen Weise und unterbrach sich oft, um mir einige moralische Lehren zukommen zu lassen.

Trotzdem interessierte mich die Geschichte doch ganz besonders und ich teile sie deshalb auch dem Leser mit.



Erstes Kapitel.

Zur Zeit der ersten französischen Revolution, durchwachten die Bewohner einer Hütte, auf der Halbinsel Quiberon in der Bretagne die Nacht. Der Name der Familie war Sarzeau. Francois Sarzeau war ein Fischer. Wie gewöhnlich, war er auch diesen Abend mit seinem Boote auf den Fischfang ausgefahren. Aber bald, nachdem er seine Familie verlassen hatte, sammelten sich dunkle Wolken an dem Horizonte und der Wind erhob sich so gewaltig, dass er sich bereits um neun Uhr zu einem völligen Sturm entwickelt hatte.

Es war nun bereits elf Uhr geworden und der Sturm trieb die Wellen so gewaltig gegen das Ufer, dass die Bewohner der Hütte, jeden Augenblick vor die Tür liefen um zu sehen, ob der Vater und sein jüngster Sohn, den er heute auch mitgenommen hatte, noch nicht zurückkehren würden.

Das Innere der Hütte machte einen seltsamen Eindruck. Neben einem großen schwarzen Kamin kauerten zwei kleine Mädchen. Das jüngere war halb eingeschlafen auf dem Schoße der älteren Schwester. Sie waren die Töchter des Fischers. Neben ihnen nur durch den Kamin getrennt saß ihr ältester Bruder, Namens Gabriel. Sein rechter Arm war bei einem Nationalspiele, Soule genannt, welches dem englischen Fußballspiel ähnlich ist, schwer verwundet worden. Die jungen Männer gingen bei diesem Spiele stets so ernst vor, dass die Spielenden jedes Mal den Platz blutend, oder verstümmelt verließen, oder gar tot fortgeschafft werden mussten.

Auf derselben Bank saß Gabriels verlobte Braut, ein Mädchen von achtzehn Jahren; sie war gekleidet wie alle junge Mädchen ihres Distriktes in ein schwarz und weißes, klösterlich aussehendes Kostüm. Sie war die Tochter eines geringen Pächters, der in einer kleinen Entfernung von der Küste wohnte.

Zwischen Gabriel und seinen Schwestern stand ein Bett und in demselben lag ein sehr alter Greis, der Vater von dem Fischer Franeois Sarzeau.

Sein Gesicht war von Runzeln ganz zusammen geschrumpft und sein langes weißes Haar floss über das grobe Kopfkissen, auf welchem er lag. Seine großen, grauen Augen blickten verdächtig von einer Person auf die andere und gingen von einem Gegenstande in dem Zimmer auf den andern. Wenn der Sturm recht tobte und brauste, murmelte er Etwas vor sich hin und ließ seine Hand auf seine Bettdecke niederfallen und seine Augen richteten sich fest auf das Bild der heiligen Jungfrau Maria, welches in einer Nische über dem Kamin befestigt war. Jedes mal bekreuzigten sich Gabriel und die Mädchen, wenn der alte Mann seinen Blick auf das Gnadenbild gerichtet hielt. Hier an diesem Bilde trafen sich Alter und Jugend mit gleichen Gefühlen.

Der Glaube an die wundertätige Hilfe der Gebenedeiten tröstete den Greis wie die jungen Menschen in der Fischerhütte in jener stürmischen Nacht. Das einzige Möbelstück der kleinen Hütte war ein hölzerner Tisch. Es lag ein Brot darauf, ein Messer und eine Flasche Apfelwein stand daneben.

Alte Netze, Segelwerkzeug und anderes Fischergerät hing an den Wänden und über einer Bretterwand, welche den Raum in zwei Teile trennte. Durch die Decke hing Stroh an einzelnen Stellen herab, und man sah daran, dass sich der Kornboden über dem Zimmer befand.

Diese wenigen Personen bildeten die ganze Familie des Fischers, welche seltsam von den Kienbränden auf dem Herd beleuchtet wurden.

Sie saßen lange schweigend nebeneinander; endlich wisperte die Verlobte Gabriel Etwas ins Ohr.

»Was sagst Du, Perrine?« fragte das Kind an der andern Seite.

»Ich sagte ihm, es sei Zeit einen frischen Verband anzulegen, und ich bat ihn, das gefährliche Spiel nie wieder zu unternehmen,« antwortete die Braut.

Der alte Mann sah sehr aufmerksam auf die Sprechenden. Seine schneidende Stimme mischte sich mit den letzten Tönen des Kindes und er rief: »Ertrunken! Ertrunken! Beide ertrunken, Sohn und Enkel!«

»Still, Großvater!« sagte Gabriel. »Wir dürfen nicht alle Hoffnung verlieren. Gott und die heilige Jungfrau werden sie ja beschützen!« Er bekreuzigte sich samt den andern, nur der alte Mann tat es nicht. Er bewegte nur seine Hand und wiederholte: »Ertrunken! Ertrunken!«

»Hätte ich diese abscheuliche Wunde nicht, so wäre ich mit dem Vater gegangen.

Des armen Knaben Leben wäre gerettet worden, weil er hier geblieben wäre,« sagte Gabriel.

»Still!« rief die heisere Stimme von dem Bette. »Die Wehklage eines sterbenden Mannes tönt lauter denn die See, des Teufels Psalmen-Gesang ist tönender als der Wind. Schweige und horche! Francois ist ertrunken! Pierre ist ertrunken! Höre! Höre!«

Ein schrecklicher Windstoß ließ sich wieder so laut vernehmen, als wollte er das Haus zerschmettern. Das schlummernde Kind war davon erwacht und schüttelte sich vor Furcht. Perrine kniete vor ihrem Geliebten und legte ihm einen frischen Verband an, aber auch sie hielt erschrocken damit an und blickte ängstlich um sich. Gabriel ging an das Fenster, er musste wohl die ganze Furchtbarkeit des ausgebrochenen Sturmes erkennen, denn er sprach still vor sich hin: »Gott sei den Beiden gnädig!«

»Gabriel!« rief der alte Mann.

Doch Gabriel hörte nicht, denn er tröstete das junge Mädchen zu seinen Füßen.

»Sei nicht ängstlich, Geliebte,« sprach er zu ihr und küsste ihre Stirn, »Du bist hier so sicher als wie zu Hause. Hatte ich nicht recht, Dich vor dem Heimgange zu warnen? Du kannst hier in diesem Zimmer — mit den zwei Mädchen schlafen, Perrine, wenn Du müde bist,« sagte er zu seiner Braut.

»Gabriel! Bruder Gabriel, sieh den Großvater an,« rief eines der kleinen Mädchen.

Gabriel lief zu dem Bett.

Der alte Mann saß und seine Augen drückten großen Schreck aus; er hielt seine Hände dem Enkel entgegen. »Die weiße Frau, die weiße Frau!« rief er aus. »Die Totengräber der Ertrunkenen sind an der See!«

Die Kinder stürzten sich entsetzt in Perrines Arme; selbst Gabriel blickte ängstlich um sich.

Der alte Mann wiederholte: »Die weiße Frau! die weiße Frau! Gabriel öffne die Türe und blicke westwärts, dahin, wo der Sand zur Zeit der Ebbe bloß liegt. Du wirst sie sehen, trotz der Finsternis, mächtig wie einen Engel, schwebend wie der Wind über dem Wasser in ihrem langen weißen Gewand! Öffne die Tür, Gabriel! Du wirst sie an der Stelle sehen, wo Dein Vater und Dein Bruder ertranken. Du wirst sie den Sand anhäufen sehen, Du wirst sie graben sehen mit ihren nackten Füßen, die See zwingend, sie auszuwerfen. Öffne die Tür! Oder — sollte ich auch darüber sterben, ich will die Tür selbst öffnen! —«

Gabriel machte ein Zeichen, dass er gehorchen wolle.

Er strengte seine ganze Kraft an, die Tür zu öffnen und sie zu halten, so sehr arbeitete der Wind gegen ihn.

»Siehst Du sie, Enkel? Erzähle mir, was Du siehst!« rief der alte Mann.

»Ich sehe nichts als tiefe rabenschwarze Finsternis,« antwortete Gabriel und ließ die Tür wieder zufallen.

»Ach! Ach!« stöhnte der alte Großvater und fiel in sein Kissen zurück. »Dir Finsternis! Aber heller Glanz den Augen, denen das »Sehen« erlaubt ist. Ertrunken! Ertrunken! Bete für ihre Seelen, Gabriel! Ich sehe die weiße Frau, wo ich mich immer befinde und darf nicht für sie beten. Acht Ach! Sohn und Enkel ertrunken!«

Der junge Mann trat zu Perrine und den Kindern.

»Großvater ist in dieser Nacht sehr krank.« sagte er leise zu ihnen. »Ihr solltet Alle schlafen gehen und mich allein bei ihm wachen lassen.«

Sie standen auf, als er sprach, küssten ihn nacheinander und gingen still nach dem kleinen Schlafzimmer hinter der Bretterwand. Gabriel sah, dass der Großvater still lag, als ob er eben eingeschlafen wäre. Der junge Mann legte ein Stückchen Holz an das Feuer und setzte sich nieder, den Morgen zu erwarten.

Das Heulen des Sturmwindes war schrecklich, aber noch schrecklichere Gedanken beschäftigten ihn nun in seiner Einsamkeit. Er war abergläubisch wie alle seine Landsleute, aber seit dem Tode seiner Mutter glaubte er nun sogar, dass über seine Familie ein besonderer Unstern walte.

Zuerst war die Familie wohlhabender gewesen, aber nach und nach hatte sie ihre kleine Habe durch unvorhergesehene Zufälle eingebüßt.

Es waren Verluste über Verluste gekommen, und die ältesten Freunde von Francois Sarzeau sagten, dass er dadurch im Charakter sehr verändert worden sei. Allem Elende war nun durch den Tod der Beiden die Krone ausgesetzt. Gabriel wusste, dass sie ertrunken sein müssten, wenn er auf den Sturm und des Großvaters Worte hörte. Gerade jetzt musste den jungen Mann ein solches Unglück treffen, jetzt, wo er sich eben mit Perrine verheiraten wollte.

So saß er nun betend und trauernd an seinem Herd, bald galt sein Gebet den Verstorbenen, bald den Schwestern und der Braut.

So hatte er lange schweigend und sinnend dagesessen, als des Großvaters Stimme wieder ertönte.

»Gabriel, hörst Du das Wasser tropfen? Jetzt ist es an dem Fußende meines Bettes.«

»Großvater, ich höre nichts weiter als das Knistern des Feuers und den Sturm draußen.«

»Tropf, tropf, tropf, näher und immer näher kommt es. Nimm das Licht, Gabriel, und blicke auf den Fußboden! Sieh ordentlich hin. Ist es der Regen, der durch das Dach tropft?«

Gabriel ergriff den Kienspahn mit zitternden Händen und kniete zu dem Boden nieder. Es war alles ganz trocken und das Harz aus dem Kien tropfte nieder.

Gabriel kniete vor der heiligen Jungfrau nieder und betete.

»Ist der Boden nass? Ich will es wissen, sage mir, ist er nass?« fragte der Großvater.

Gabriel ging an das Bett und flüsterte ihm zu, dass auch nicht ein Tropfen in die Hütte geregnet sei. Bei diesen Worten sah er, wie merkwürdig sich des Großvaters Gesichtszüge veränderten. Er sah aus, als wollte er sterben, doch es ging schnell vorüber und der alte Mann sprach mit sanfter Stimme:

»Ich höre es noch, bald fällt es schwerer, bald leichter. Das Fallen der geisterhaften Tropfen ist das letzte und sicherste Zeichen von dem Tode Deines Vaters und Bruders. Ich werde jetzt auch abberufen, — dahin, wo mein Sohn und Enkel schon verweilen. Meine Wartezeit des Erdenlebens ist nun vorüber! Lass Perrine und die Kinder nicht hierher kommen, wenn sie erwachen sollten, denn sie sind noch zu jung, um den Tod zu sehen.«

Das Blut Gabriels erstarrte fast, als er seinen Großvater so sprechen hörte. Er hielt des sterbenden Mannes Hand in der seinigen und lauschte auf den heulenden Sturm. Er musste an die Hilflosen denken, die dieser Sturm ins Verderben stürzte. Er gedachte auch der Pflicht, dem Todkranken einen Priester zu rufen und flüsterte ihm leise zu:

»Ich schicke Perrine, hier bei Dir zu wachen, während ich fort bin.«

»Bleibe Gabriel! Bleibe! und sage mir, wohin Du willst?« fragte der Greis.

»Zu dem Priester, Großvater, — Deine Beichte! —«

»Ich werde Dir beichten. In dieser Finsternis und diesem Sturme findet kein Mensch den rechten Weg. Ich sterbe ja schon, Gabriel! und ich würde tot sein, bevor Du zurückkommst. Bleibe bei mir, Gabriel! Um der heiligen Jungfrau willen; denn meine Zeit ist gleich abgelaufen. Ich habe ein furchtbares Geheimnis auf dem Gewissen, und ich muss es noch von mir wälzen, ehe ich sterbe! Lege Dein Ohr an meinen Mund und höre still zu!«

Seine letzten Worte waren bis in das andere Zimmer gedrungen. Perrine kam und blickte sich erschrocken um. Die wachsamen misstrauischen Augen des alten Mannes hatten sie sogleich entdeckt.

»Geh schnell zurück, Perrine! Gabriel, schicke sie zurück und verrammele die Tür, damit sie nicht wieder herein kann.«

»Geh wieder, gute Perrine,« bat Gabriel. »Geh und halte die Kinder von hier zurück. Du wirst ihn böse machen und Du kannst auch nichts helfen.«

Sie folgte und schloss die Tür

Der alte Mann ergriff den Arm Gabriels und sagte: »Schnell lege Dein Ohr an meinen Mund!«

Gabriel hörte, dass Perrine zu den Kindern sagte; »Lasst uns für den Großvater beten!« Und es vereinigten sich nun das Gebet, der Sturm und die beichtende Stimme des Sterbenden.

»Ich gelobte, das Geheimnis nicht zu verraten,« begann der Greis, »aber der Tod verlangt ungestüm das Brechen eines solchen Eides.

»Höre jetzt und verliere kein Wort von dem, was ich Dir sage. Sieh fort über das Zimmer hinweg, denn die Blutflecke haben es für immer gezeichnet! Sieh nicht auf die blutigen Steine! — Still, still, lass mich sprechen. Da Dein Vater jetzt tot ist, kann ich das entsetzliche Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen. Erinnerst Du Dich noch zehn Jahre zurück, Gabriel? Ungefähr sechs Wochen vor dem Tode Deiner Mutter? Ihr Alle wart dort in dem Zimmer eingeschlafen, es war kaum neun Uhr. Dein Vater und ich standen vor der Hütte, und wir blickten in das glänzende Mondlicht. Dein Vater war zu jener Zeit so arm, dass er sein Fischerboot verkaufen musste, und keiner der Nachbarn nahm ihn mit zum Fischen, denn er war nicht beliebt in der Gegend.

»Als wir noch so standen, kam ein junger Mann mit einem Reisesack aus dem Rücken auf uns zu. Er sah aus, wie ein Aristokrat, trotzdem er ärmlich gekleidet war. Er sagte, dass er todmüde sei und nicht mehr die Stadt erreichen könnte, dann bat er uns um Obdach bis zu dem nächsten Morgen. Dein Vater sagte es ihm unter der Bedingung zu, wenn er kein Geräusch machen würde, denn sein Weib sei krank und seine Kinder schliefen.

»Er erhielt eine Schlafstätte vor dem Kamin. —Wir setzten ihm schwarzes Brot vor. Er hatte jedoch besseres in seinem Reisesack — und — und — Gabriel, ich habe Durst! Gabriel, gib mir zu trinken!«

Gabriel reichte dem alten Mann Etwas aus der Flasche von dem Tische. Er trank gierig, seine Augen leuchteten auf, dann fuhr er im Flüsterton zu erzählen fort:

»Während der Reisende die Speisen aus dem Reisesack nahm, fielen ihm einige Kleinigkeiten dabei an die Erde, darunter auch ein Notizbuch. Dein Vater hob es auf und gab es ihm. Der Reisende steckte es in seine Rocktasche. Es war ein Riss in dem Buche und ich sah einige Banknoten durchschimmern. — Dein Vater hatte sie auch gesehen.

— »Er teilte das Essen redlich mit uns, griff dann in das Notizbuch und bezahlte seine Wohnung, dann legte er sich auf die bereitete Lagerstätte vor dem Kamin und schlief ein. Als er eingeschlafen war, sah Dein Vater mich an, ich hatte schon lange nach ihm hingesehen. — Wir waren zu jener Zeit sehr, sehr arm! Die Mutter todkrank, die Kinder schrien nach Brot. Jetzt hatten wir Geld und der Vater bat, ich möchte doch nach Brot gehen. Ich fühlte nicht recht Lust, ihn mit dem Fremden allein zu lassen, und erwiderte, es sei zu spät, um noch aus der Stadt Brot zu holen. Er bat jedoch so flehentlich, ich möchte nur an die verschlossenen Bäckerläden klopfen und von unserem Hunger reden, man würde mir dann wohl Brot geben. Ich ging ungern, — aber ich ging. Ich blieb vor der Hütte stehen und lauschte, dann blickte ich durchs Fenster und sah — o Gott vergib ihm! Vergib mir! Gabriel, schnell gib mir zu trinken! Ich verdurste!«

Die Beterinnen in dem Nebenzimmer waren still geworden. Die Schwestern küssten Perrine und sagten ihr noch einmal gute Nacht.

»Gabriel, bete für uns und lehre Deine Kinder einst beten für unsere armen Seelen,« sagte der Alte. »Ich sah Deinen Vater mit seinem Messer über dem Schlafenden knien. Er nahm das Notizbuch aus seiner Tasche und besah es ein Weilchen, dann blieb er in Gedanken versunken stehen. Ich glaubte, er wollte das Buch zurückgeben; der Fremde bewegte sich im Schlafe. Der Teufel unterstützte Deines Vaters Absicht, denn ich sah nun, dass er sein Messer — nein, nein, ich sah weiter nichts! Ich hatte genug gesehen und ging von dem Fenster fort und schüttelte mich in der lauen Sommernacht vor Frost. Dein Vater stand mit einem Male wieder vor mir in dem gelben hellen Mondschein, ich hatte ihn nicht kommen hören. In seinen Armen hielt er den toten Körper des Mannes, der an seinem Herd eine Ruhestätte gesucht hatte.«

— Gabriel schrie auf.

»Gabriel! Gabriel! was ist geschehen?« fragte eine Stimme aus dem andern Zimmer. »Soll ich kommen und Dir beistehen?«

»Nein, nein!« rief der Greis und übertönte mit seiner heiseren Stimme das Heulen des Windes, das jetzt am lautesten wurde.

»Bleibt drin!« wiederholte der Greis. Dann bat er seinen Enkel, ihn im Bett aufzurichten und fuhr fort:

»Wo blieb ich stehen? — Dein Vater zwang mich, ihm zu schwören, nicht zu verraten, was ich gesehen hatte, er würde mich sonst auch töten, und ich schwor es ihm.

»Wir trugen nun Beide den toten Körper durch die helle Mondnacht und begruben ihn unter dem großen Stein, den das Volk hier herum den Kaufmannstisch nennt. Darunter ist ein Loch und es war kaum groß genug, um den Toten zu verstecken. Dann liefen wir schnell in die Hütte zurück. Wir wagten später nie, uns dem Steine zu nähern. — Wir verbrannten den Reisesack und das Notizbuch. Ich erfuhr nie den Namen des Getöteten. — Dein Vater sagte damals zu Dir und Deiner Mutter, dass er eine Erbschaft gemacht habe. Du erinnerst Dich daran? Der Fluch der bösen Tat kam über uns, er hat Deinen Vater und Deinen Bruder ertränkt und lässt mich hier ohne Absolution sterben. Nimm die Gebeine des Toten unter dem Steine fort, Gabriel, und der Fluch wird von diesem Hause weichen; begrabe die Überreste des Toten, beichte Alles dem Priester und bete für unsere Seelen!«

Perrine hatte in dem Kämmerlein nur die zitternde Stimme des Greises gehört, nicht aber seine Worte. Aber ein unbestimmtes Drängen trieb sie nun hinaus und sie stand jetzt in der Tür zitternd und zögernd.

Der Greis war zugedeckt und Gabriel kniete an seinem Bette und hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt.

Als sie sprach, hörte er sie nicht, noch blickte er nach ihr hin.

Sie ging zu ihm hin und sprach ihm weinend Trost zu; allein sein großer Schmerz war stärker als seine Liebe.

— Gegen Morgen legte sich der Sturm, aber in dem Herzen Gabriels tobte der Schmerz heftig weiter. Sprachlos kniete er noch immer mit seiner Geliebten an dem Bette des Alten, dessen laute Atemzüge man vernahm.

Perrine war zum Ersten male an einem Sterbebett, deshalb fühlte sie sich nun auch so hilflos und verlassen, wie die zwei Kinder an ihrer Seite.

Endlich, als das Tageslicht heller wurde, entschloss sie sich, Hilfe herbei zu holen, sie ging zur Tür und hörte in demselben Augenblick Fußtritte von außen.

Die Tür öffnete sich: es trat ein Mann herein. — Dieser Mann war Francois Sarzeau.—



Zweites Kapitel.

Der Fischer tropfte vom Kopfe bis zu den Füßen, er war ganz durchnässt; sein Gesicht war bleich und ausdruckslos und die Gefahren der Nacht mussten ihm nicht viel Angst verursacht haben.

Er hatte seinen Sohn, den kleinen Pierre, in seinen Armen.

Perrine stieß einen Schrei aus, als sie ihn erblickte.

»Seht uns nur an,« begann der Fischer, und legte seine Bürde vor dem Herd nieder. »Ihr hättet uns nie wiedergesehen, denn wir hielten uns schon selbst für verloren; aber es rettete uns ein Wunder.«

Dann nahm er eine Flasche aus der Tasche und sagte:

»Hätte ich nur ein wenig Branntwein!«

Er stellte die Flasche neben sich und ging dann an das Bett des Vaters.

Perrine sah ihm nach und wunderte sich darüber, wie ernst Gabriel auf seinen Vater blickte. Er zog sich Iangsam von ihm zurück bis an die Wand der Hütte, — aber er sprach kein Wort zu dem Angekommenen.

Francois achtete nicht auf seinen Sohn; er legte seine Hand auf das Deckbett.

»Ist hier Etwas geschehen?« fragte er.

Gabriel vermochte nicht zu antworten;

Perrine sah es und sie sagte: »Der arme Gabriel ist so erschrocken, weil der Großvater stirbt.« —

»Todt!« rief Francois, ohne dass seine Stimme Trauer verriet. »Wie verlebte er denn die Nacht? Phantasierte er, wie Schwerkranke dies zu tun pflegen?«

»Er war sehr bewegt und sprach von Geistererscheinungen und anderen wunderlichen Dingen. Gabriel! Gabriels sieh nur, der Großvater lebt!« rief Perrine.

In diesem Moment richtete sich der Blick des Sterbenden auf Francois; die welken Lippen zitterten, als ob sie sprechen wollten. Francois trat entsetzt von dem Bette fort.

Gabriel sprang schnell herbei, nahm die Flasche von dem Tische und goss die letzten Tropfen in den geöffneten Mund des Sterbenden.

Die Augen des Greises öffneten sich wieder und blieben auf Francois haften, der bei dem Kamin stand. Gabriel wurde von Schreck ergriffen und er flüsterte Perrine schnell zu:

»Geh’ in das andere Zimmer und nimm die Kinder mit. Wir haben vielleicht noch Etwas zu sprechen, was Du nicht hören sollst.«

»Den Großvater friert.« begann Francois, »fasse an das Bett an, wir wollen es näher an das Feuer tragen.«

»Nein, nein! Berühre mich nicht,« rief der Alte. »Gabriel! Lass ihn mir nicht nahe kommen! Ist es sein Geist, oder ist es er selbst?«

Als Gabriel antworten wollte, ging die Tür auf und es kamen die Nachbarsleute herein und fragten neugierig, nicht etwa teilnahmsvoll, denn Francois war ja nicht beliebt, wie er sich mit seinem Sohne Pierre gerettet habe. Der Fischer stellte sich in die Tür seiner Hütte und antwortete kurz auf die verschiedenen Fragen.

Während er beschäftigt war, sagte der Großvater zu Gabriel:

»Mein Enkel, was habe ich Dir diese Nacht erzählt? Sagte ich, Dein Vater sei ertrunken? Ja, ja! Da steht er nun, und ich sagte Dir die Unwahrheit. Ach, ich armer, alter Mann bin so schwach in meinem Kopfe! Ich sagte doch weiter nichts Schreckliches, Gabriel? Ich sprach doch nicht von Verbrechen? Nicht von Blutschuld? Ich weiß nichts von solchen Dingen! Der Kaufmannstisch ist nichts als ein alter, schwerer Stein. Ich war durch den Sturm so erschreckt. Jetzt ist mein Kopf wieder leichter geworden. Lache über den Unsinn, den der Großvater Dir mitteilte, Gabriel! Höre nur, ich lache auch! Mir ist so hell und klar im Kopfe.«

Er hielt plötzlich mit dem Sprechen ein.

Sein Gesicht wurde noch fahler, er röchelte einige Mal, dann wurde er still. Der alte Mann war mit einer Lüge auf den Lippen gestorben.

Gabriel sah, dass sein Vater sich an die Tür der Hütte lehnte; wie lange er schon so da gestanden haben mochte, ob er die letzten Worte des Greises vernommen hatte, wusste er nicht; er sah nur, dass sein Vater ihn mit sonderbaren Blicken ansah, und er schauderte.

»Was sagte Dir der Großvater in dieser Nacht? fragte er den Sohn.

Gabriel antwortete nicht. Sein Geist schien durch die erlebten Schrecken vernichtet zu sein, er schien ohnmächtig werden zu wollen.

»Ist Deine Zunge verwundet wie Dein Arm?« fragte sein Vater mit Bitterkeit. »Ich komme hier zurück, durch ein Wunder von dem Tode errettet, und Du sprichst nicht ein Wort zu mir. Wolltest Du, dass ich statt des alten Mannes gestorben wäre?«

Er durchschritt das Zimmer und blieb wieder mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt stehen und sagte:

»Keiner von uns wird eher den Platz verlassen, bis ich weiß, was Du in dieser Nacht hörtest! Du weißt, dass ich jetzt zu dem Priester gehen muss, um ihm des Großvaters Tod anzuzeigen. Wenn ich diese Pflicht nun nicht erfülle, so wirst Du die Schuld daran tragen. Sprich, Dummkopf! oder Du sollst es in der Stunde Deines Absterbens bereuen! Sprich, was erzählte der Großvater in Geistesabwesenheit?«

»Er sprach von dem Verbrechen eines Andern!« erwiderte Gabriel langsam und ernst. »Diesen Morgen leugnete er, was er in der Nacht gesprochen; aber in der Nacht sprach er die Wahrheit!«

»Die Wahrheit?« wiederholte Francois. »Was, die Wahrheit?«

Er schwieg und seine Augen fielen auf den Toten, und es entstand eine unangenehme Stille in dem Zimmer. Francois betrachtete seinen Sohn wiederholt.

In wenigen Minuten veränderte er seine Stimme und sagte:

»Der Himmel vergib es mir; aber ich könnte in diesem Augenblick mich fast selbst auslachen, dass ich wie ein Narr handelte. Er leugnete seine Aussage? Der arme, alte Mann! Ja, manchmal kommt der Verstand kurz vor dem Tode wieder, ihm ging es auch so. Ich erlebte gerade solche Wunderdinge wie Du, Gabriel, in dieser Nacht. Wo ist Perrine? Warum hast Du sie fortgeschickt? Komm herein, Perrine, fürchte Dich nicht! Früher oder später müssen wir uns Alle mit dem Tode bekannt machen. Gib her die Hand, Gabriel, denken wir nicht mehr an die Vergangenheit! Du willst nicht? Du bist noch ärgerlich darüber, was ich Dir eben sagte? Doch Du wirst anders denken, wenn ich nun zurückkehre.« Mit diesen Worten ging Francois hinaus.

»Wohin gehst Du?« fragte Gabriel seinen Vater.

»Ich gehe zu dem Priester und zeige ihm an, dass eines seiner Pfarrkinder gestorben ist. Das ist meine Pflicht und ich vollziehe sie nun zunächst.«

Gabriel sah, wie sein Vater sich entfernte und wurde sehr traurig und still. Es tauchten Zweifel an der Wahrheit der Aussage des Sterbenden in ihm auf.

Er befand sich in einem bejammernswerten Zustande. Aber es gab ja einen Ausweg, die Wahrheit zu ergründen. Er wollte ihn gleich benutzen, wollte während der Abwesenheit seines Vaters zu dem »Kaufmannstisch« gehen und die bezeichnete Stelle untersuchen. —

Er rief Perrine zu, dass sie den Toten bewachen möge, er würde gleich zurückkehren; ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er davon.

Von der Fischerhütte aus führten zwei Wege zu dem »Kaufmannstisch«, der eine führte durch die Heide, der andere an den Klippen entlang. Der erstere führte aber auch zu dem Dorfe und zur Kirche, und da er seinem Vater nicht begegnen wollte, wählte er den Weg längs der Klippen an der Küste. Gabriel erblickte in einiger Entfernung vor sich plötzlich einen Mann, der der Küste den Rücken zukehrte.

Der Mann war nicht nahe genug, um erkennen zu lassen, ob es Francois Sarzeau sei. Wer es aber auch sein mochte, man sah, er war ungewiss, welchen Weg er nehmen sollte. Ging er weiter, so kam er zu dem »Kaufmannstisch«, ging er rückwärts, so gelangte er zu der Kirche. Endlich entschloss sich der Mann, den Weg zur Kirche einzuschlagen.

Gabriel verließ nun seinen Beobachtungsposten zwischen den Steinen und setzte seinen Weg fort.

War dieser Mann wirklich sein Vater gewesen? — Warum zögerte aber Francois den Weg einzuschlagen, wohin ihn die Pflicht rief? Wollte Sarzeau vielleicht auch den Stein heben und das Andenken an die schreckliche Tat aus dem Wege bringen?

Unter diesen Gedanken erreichte Gabriel den alten Druidenstein, ohne einem Menschen weiter zu begegnen.

Die Sonne ging auf und die mächtigen Sturmwolken von der Nacht segelten noch immer wild an dem Horizont hin. Die Wogen tobten aber nicht mehr, sondern das Wasser glänzte wie ein glatter Spiegel. Alles in der Natur bereitete sich für einen angenehmen Tag vor.

Gabriel schauderte vor dem Gedanken, dass er jetzt eine so entsetzliche Nachforschung anstellen wollte; aber er fühlte auch gleichzeitig, dass es notwendig sei, sich von dem Zweifel zu befreien.

Der »Kaufmannstisch« bestand aus zwei riesigen Steinen, welche auf drei andern Steinen lagen, Zu jener Zeit wussten die Reisenden, welche durch die Bretagne kamen, noch nichts davon, dass diese Steinhaufen Druiden-Denkmäler seien, heute sind dieselben viel besucht, damals beachtete man sie kaum und Unkraut und Brombeeren umrankten dieselben.

Gabriels erster Blick auf den »Kaufmannstisch« belehrte ihn, dass derselbe seit Jahren nicht betreten sei; er bahnte sich jedoch entschlossen einen Pfad durch die dornigen Zweige und kniete nieder, die hohle Stelle unter den Steinen zu untersuchen.

Sein Herz schlug gewaltig und sein Atem stockte; aber er reichte einige Fuß weit mit seinen Armen links und rechts umher.

Er fühlte einen Gegenstand und ergriff ihn mit seinen zitternden Händen und brachte ihn an das helle Tageslicht. — War es vielleicht menschliches Gebein? — Nein, nein, glücklicher Weise erblickte er nur ein Stück 9e 132 trockenes Holz! Er wollte eben seinen Fund von sich schleudern als ihm eine neue Idee durch den Kopf fuhr.

Der hohle Raum unter den Steinen war dunkel, er konnte vielleicht einen darunter verborgenen Gegenstand nicht erkennen. —

Er trug, wie alle Fischer, stets Stahl, Stein und Schwamm bei sich, um sich die Pfeife in Brand zu setzen. Er machte Feuer und zündete das Stück Holz an, welches er eben gefunden hatte. Es brannte wie Papier, so trocken war es.

Gabriel beleuchtete nun jede Ecke in der Höhle, und zwar so lange, bis ihm die Flamme beinahe die Hand versengte, aber er erblickte zu seiner großen Freude nichts Verdächtiges.

Er verließ nun die Stätte, streifte sorglos durch die Heide zur Fischerhütte zurück und sagte freudig zu sich selbst: »Jetzt kann ich Perrine mit gutem Gewissen heiraten, denn ich bin der Sohn eines rechtschaffenen Mannes!«



Drittes Kapitel.

»Jetzt kann ich Perrine mit gutem Gewissen heiraten!«

Nicht überall würde ein Sohn so großes Gewicht darauf gelegt haben, dass er einen braven Vater besitze, als wie hier in der Bretagne.

Das heilige Recht der Gastfreundschaft wurde in dem Distrikte, wo Gabriel und seine Familie lebten, noch mit so patriarchalischer Herzlichkeit ausgeübt, dass selbst die ärmste Familie ihr letztes Stück Brot mit einem Gast teilte, der Schutz und Obdach suchte. Das Eigentum und das Wohl des Gastes wurde bewacht und gefördert wie das eigene.

Wie glücklich musste Gabriel sich nun fühlen, da er die Überzeugung hatte, die Geschichte mit dem fremden Reisenden sei nur die Phantasie eines Sterbenden gewesen. Wie glücklich war er nun, seine Hand mit gutem Gewissen der Verlobten für immer reichen zu können.

Francois war noch nicht wieder zu Hause als Gabriel in die Hütte zurückkehrte.

Perrine und die Andern fanden Gabriel angenehm, verändert, und Pierre, der jüngere Bruder Gabriels, erzählte nun von den Gefahren der Nacht.

Alle lauschten noch auf die Erzählung des Knaben, als Francois zurückkam. Gabriel streckte dem Vater freudig die Hand entgegen. — Dieser schien sehr verändert geworden, seitdem er die Hütte verlassen hatte. — Er nahm die dargebotene Hand nicht und sagte:

»Ich reiche Niemand die Hand, der mich einmal verdächtigte, der Zweifel gegen mich hegte. — Ich würde ihn ebenfalls stets verdächtigen. Du bist ein schlechter Sohn! Du hast Deinen Vater eines Verbrechens beschuldigt, ohne jeden andern Beweis dafür zu haben, als die verworrenen Aussprüche eines sterbenden Greises. Ich werde nie wieder mit Dir sprechen, denn ein ehrlicher Mann und ein Spion taugen nicht für einander! Gehe hin und klage mich an, Du falscher Judas! Ich frage eben sowenig nach Dir, wie nach Deinem Geheimnis! Was tut das Mädchen noch hier? Was soll die Fremde hier? Sie soll nach Hause gehen! Du kannst gleich mit ihr gehen und brauchst nicht wieder zu kommen! Hier wünscht Dich Niemand mehr!«

Der Vater sprach so sonderbar, so eigentümlich und grausam, dass Gabriel fürchtete, er habe ihn doch vielleicht an dem Druidendenkmal bemerkt.

Der arme junge Mann hätte es auch so nicht mehr länger in der Hütte ertragen.

Die schrecklichem wechselvollen Ereignisse, die ihn seit gestern bestürmt hatten, erdrückten ihn fast. —

Als er sah, wie seine Braut, vor Schreck und Überraschung bleich geworden, sich zum Fortgehen rüstete folgte er ihr hastig nach.

In der frischen Luft fand der Arme erst seine Besinnung wieder.

Er suchte seine Braut zu überreden, dass der Tod des Großvaters und die schreckliche Nacht den Vater so sehr verstimmt haben müssten, dass er so rau und unfreundlich sei. Sein furchtbares Geheimnis konnte er ja dem jungen Mädchen nicht mitteilen.

Als er den kleinen Pachthof von Perrine’s Vater von fern erblickte, blieb er stehen und nahm Abschied von der Braut, denn er fühlte, dass er nicht auf die Scherze seines zukünftigen Schwiegervaters eingehen konnte, der ihn stets mit der nahen Hochzeit neckte. Er versprach seiner Braut, bald wiederzukommen und so trennten sich die Liebenden. —

Gabriel gab seinen Schritten keine bestimmte Richtung; er wusste eigentlich nicht, was er nun tun sollte. Er war nun überzeugt, dass der Vater ihn heute Morgen gesehen haben müsse, und fand dessen Unwillen über ihn gerecht. Er war überzeugt, der alte Greis hatte nur unter den Schrecken der Nacht und des Todes so gesprochen. Sein Vater war unschuldig! Und doch! —

Unter diesen Gedanken fand er sich bald wieder seiner Hütte gegenüber.

Er zögerte einzutreten. Da gewahrte er, dass die Tür vorsichtig geöffnet wurde. Sein Bruder Pierre sah heraus und kam auf ihn zugelaufen.

»Komm herein, Gabriel!« rief der Knabe. »Wir mögen nicht mit dem Vater allein sein, wir fürchten uns, denn er hat uns geschlagen, weil wir von Dir gesprochen haben.«

Gabriel trat ein. Sein Vater blickte von dem Kamine auf auf und murmelte: »Spion!« Er machte eine Bewegung mit den Händen, sprach aber kein Wort weiter zu seinem Sohne.

Die Stunden vergingen, es wurde Nachmittag, Abend, die Nacht kam und der Mann sprach keine Silbe zu einem seiner Kinder.

Als es ganz finster war, nahm er sein Netz und ging hinaus, indem er noch die Worte im Zimmer ausstieß:

»Besser allein auf der See, als mit einem Spion im Hause.«

Am Morgen kam er unverändert zurück. So vergingen Tage, Wochen, Monate. Gegen die andern Kinder war er wieder freundlich geworden, nur gegen den ältesten Sohn blieb er nach wie vor stumm. Er aß nicht in seiner Gesellschaft, fuhr nicht mit ihm auf den Fischfang, blieb nie allein mit ihm im Hause, duldete nicht, dass die Kinder zu ihm von ihrem Bruder sprachen und wollte auch nichts über die stürmische Nacht hören, in welcher der alte Mann gestorben war.

Gabriel litt und duldete ruhig weiter. Er trug den Zweifel aufs Neue in sich, ob sein Vater schuldig sei oder nicht. Dann litt er furchtbar unter der Behandlung, die ihm von Seiten des Vaters zu Teil ward.

Der junge Mann war so verändert, dass selbst das Glück der Liebe ihn nicht für seinen Kummer zu entschädigen vermochte.



Viertes Kapitel.

Während Gabriel an Geist und Körper litt, wurde die Bretagne von einem großen öffentlichen Übel heimgesucht, welches den Schmerz des Einzelnen weit überragte.

Die französische Revolution hatte eben ihren Höhepunkt erreicht. Die Männer, welche an der Spitze der Republik standen, hatten mit kühner Hand die alte beglückende Religion auslöschen wollen. Sie hatten die Symbole des Glaubens zerstört oder zerstören lassen. Die Soldaten der Republik waren schon auf dem Weg zu der Bretagne; die Befehlshaber hatten den Auftrag, Alles zu zerstören, was an das Christentum erinnere.

Die rauen Männer führten die Befehle ihrer Vorgesetzten nur zu pünktlich aus. Kirchen wurden zerstört, Altäre umgestürzt und Kapellen entweiht. Überall aber wurden die Kreuze total vernichtet. Die entsetzliche Guillotine tötete sowohl in den Dörfern der Bretagne wie in Paris. Frauen, Kinder und Priester, die im Gebet betroffen wurden, wurden hingerichtet. Die Zügellosigkeit waltete in ihrer furchtbarsten Gestalt überall verheerend, vernichtend, Unglück bringend.

Aber trotzdem, dass rohe Menschenkinder das Christentum mit Füßen traten, sprießte es wie frisches Grün unter diesen grausamen Füßen wieder hervor, die Menschen neu stärkend und kräftigend.

Die Beorderten der Republik waren gekommen, die Bretagne zu einer Abtrünnigen der Kirche zu machen und sie verließen sie — als eine Märtyrin. Die Bretagne blieb der Mutter Kirche treu bis in den Tod.

Während dieser entsetzlichen Zeit blieb Gabriel eines Abends außergewöhnlich lange bei Perrine in dem Häuschen ihres Vaters. Er war jetzt oft bei seiner Braut. Der Aufenthalt bei dem Pächter entschädigte ihn allein für die raue Behandlung, die er in der väterlichen Hütte erlitt.

Gerade als er sich entfernen wollte, winkte ihm der Vater seiner Braut und bedeutete ihn, dass er noch mit ihm zu sprechen habe.

Die Männer setzten sich an den Kamin und der alte Mann sagte zu seiner Tochter:

»Mein Kind, lass uns jetzt allein. Ich habe mit Gabriel zu sprechen. Gehe zu Deiner Mutter in das andere Zimmer!«

Vater Bonan fragte Gabriel, ob er seine Braut noch immer so zärtlich liebe wie früher, da eine seltsame Veränderung in seinem ganzen Wesen sich kundgebe.

Gabriel antwortete treu und offen, dass seine Liebe dieselbe geblieben sei.

Vater Bonan glaubte ihm dies auch, forschte aber weiter. — Endlich erklärte er dem jungen Manne, dass er schon seit einiger Zeit die begründete Furcht hege, auch ein Opfer der religiösen Verfolgung zu werden, denn er habe gehört, dass sein Name mit auf der Liste derjenigen verzeichnet stehe, die dem alten christlichen Glauben treu geblieben seien und deshalb sterben müssten. »Mein Kind fuhr Vater Bonan fort, »würde ohne Stütze bleiben, wenn ich in dieser Zeit urplötzlich von ihr gerissen würde; darum gedenke ich Euch nun schleunigst zu verbinden. — Komme morgen wieder, ich werde dann bereits den Hochzeitstag festsetzen können,« schloss Bonan.

Auf dem Wege zu seiner Behausung drückte Gabriel sein Geheimnis mehr als je. Er ging mit sich zu Rate, ob es nicht besser sei, dem alten Bonan das Ganze zu entdecken, damit dieser nicht zu spät bereuen möge, ihm die Tochter gegeben zu haben. Doch, durfte er seinem Vater dies auch antun? —

Als er die Fischerhütte erreicht hatte, fand er Francois nicht mehr zu Hause. Er hatte seinen Kindern gesagt, dass er erst am nächsten Morgen nach neun Uhr zurückkommen würde.

Gabriel ging des Morgens wieder zu dem Pächterhause und er war nun fest entschlossen, dem Vater Perrine’s nichts zu sagen, weil dieser Zweifel hegen würde für das zukünftige Glück seines Kindes.

Gabriel reichte dem Alten die Hand und harrte ängstlich darauf, welcher Tag für seine Vermählung mit Perrine festgestellt werden würde.

»Es bleibt uns nur eine kurze Frist zur Wahl,« sagte Vater Bonan, »denn ich habe heute erfahren, dass die Zerstörer unserer heiligen Stätten und Symbole dieser Gegend jetzt nahen. Da mein Name den Schrecklichen schon bekannt ist, so werden sie nicht zögern, mich zu töten, darum will ich mein Kind schnell versorgen. Diesen Abend soll des Priesters Segenshand Euch verbinden. Ihr sollt getraut werden nach allen Vorschriften unserer heiligen Religion, bevor die Umsturzmänner unsere friedliche Gegend betreten. Höre jetzt aufmerksam zu, Gabriel, ich will Dir sagen, wo die Trauung stattfinden soll. Doch ich muss vorher noch Etwas berichten. Nicht lange vor der Zeit der Kirchenzerstörung in der Bretagne, wurde ein sehr würdiger und frommer Priester, gewöhnlich Vater Paulus genannt, in einem der nördlichen Distrikte der Bretagne angestellt. Er erwarb sich das Vertrauen und die Verehrung s einer Pfarrkinder in einem so hohen Grade, dass er weit über seinen Kirchensprengel hinaus rühmlich bekannt war. Seitdem jedoch die religiösen Verfolgungen ausgebrochen waren, wurde der Name noch berühmten denn er scheute weder Gefahren noch den Tod und stand den Menschen, die nach den Tröstungen der Kirche Verlangen hegten, mit der größten Uneigennützigkeit bei. Wo Not und Gefahr am ärgsten waren, fand man den unerschrockenen gottesfürchtigen Mann. Da er bisher den Gefahren so glücklich entronnen war, fing das abergläubische Volk an, ihn als ein etwas überirdisches Wesen zu betrachten. Es gab auch wirklich nichts Ehrwürdigeres als den Vater Paulus mit seinem freundlich milden, ruhigen Gesicht, seinem schwarzen Priesterkleid und dem weißen Kruzifix von Elfenbein in seiner Hand.

»Nachdem der Priester eines Morgens noch in einer zertrümmerten Kirche eine Messe gelesen hatte und kaum durch schnelle Flucht dem Tode entgangen war, da die Männer der Republik nach ihm fahndeten, war er verschwunden, seine Freunde forschten weit und breit nach ihm, aber sie hörten nichts mehr von dem frommen Mann.

»Schwere Tage waren über die Bretagne gekommen und der Priester wurde als tot betrauert.

»Eines Tages erblickten Fischer an der nördlichen Küste ein leichtes Fahrzeug; es gab ein Zeichen, dass es landen wolle. Sie kamen dem Schiff zu Hilfe und entdeckten zu ihrer freudigsten Überraschung den Vater Paulus auf dem Verdeck.

»Der Priester war zu seinen Pfarrkindern zurückgekehrt, da er aber nicht auf dem Lande predigen durfte, hatte er ihnen auf dem Schiffe einen neuen Altar aufgerichtet. Vater Paulus und noch ein Priester hatten ihrer Gemeinde auf der See eine neue Kirche erbaut; dort konnten die Kinder getauft, die Ehen gesegnet und die Toten ihre Weihe erhalten. Das heilige Schiff unterhielt sich durch Zeichen mit der frommen Gemeinde auf dem Lande und trieb Segen spendend von Distrikt zu Distrikt.«

An dem Morgen, als Gabriel zu dem Pächterhause ging, hatte das Schiff eben sein Zeichen aufgesteckt — Die Bewohner wussten, dass sie der Abend auf dem Schiffe zu einem Gottesdienste vereinigen werde.

Vater Bonan wünschte deshalb, dass die Trauung nun auch heute auf dem Schiffe stattfinden sollte.

Am Abend setzten sich Vater Bonan, seine Frau, das Brautpaar, alle Geschwister Gabriels und alle Bekannte, mit Ausnahme von Francois Sarzeau, zu dem Schiffe in Bewegung.

Es war seit langer Zeit der schönste Abend.

Der Himmel war blau und die See ruhig wie ein Spiegel, die Leute warteten sehnsüchtig auf das Nahen des Schiffes; man sah es langsam kommen. — Die großen Wellen schienen unten auf dem Sande zu schlafen und ihre kleinen Schwestern schaukelten das Schiff sanft herüber. — Der Mond stand hoch am Himmel, die wunderbare Ruhe beleuchtend, als das Schiff die Anker auswarf.

Auf dem Schiffe riefen leise Glockenklänge die Gläubigen herbei. Die Boote der Gemeinde nahten sich dem Schiffe, die Leute stiegen hinauf.

Die Lampe am Altar vermischte ihren roten Schein mit dem gelben Mondlicht.

Zwei Priester im Ornate erwarteten die kleine Gemeinde. Ein dritter Priester empfing die Ankommenden. Wer ihn auch nicht früher gekannt hatte, musste an seinem unzertrennlichen Begleiter, dem elfenbeinernen Kruzifix, sogleich in ihm den Chef der Christen in der Bretagne erkennen, den guten, unermüdlichen Vater Paulus.

Gabriel hatte sich den viel geliebten Mann gewiss bejahrter vorgestellt und wunderte sich, dass er nur ein wenig älter als er selbst war.

Das milde Gesicht des Priesters war so vertrauenerweckend, dass die kleinen Kinder sich gleich zu ihm begaben und Jung und Alt strömte ihm freudig zu.

Niemand sah es diesem ruhigen, zufriedenen Gesicht an, welch großen Gefahren Vater Paulus schon ausgesetzt gewesen war.

An seiner Stirn hatte er eine kaum geheilte Säbel-wunde. Er hatte diese Wunde vor dem Altar erhalten und man würde ihn getötet haben, wenn ihn nicht einige Bauern aus den Händen der Soldaten der Republik errettet hätten.

Der Gottesdienst begann. Seit der Zeit, wo die ersten christlichen Gemeinden sich in Höhlen und Katakomben verstecken mussten, ihrem Gott zu dienen, seit der Zeit der Heidenverfolgungen gegen die Christen war wohl nie feierlicher und gläubiger gebetet worden, als auf dem Schiffe.

Es war weder Pracht noch Herrlichkeit durch Menschen hier hergebracht, nur die Natur schien in ihrer erhabenen Schönheit den Tempel zu umgeben, wo Gott angebetet. Sein Dach war der weite Himmel, der glänzende Mond und die zahllosen Sterne seine Leuchte. Die heilige Ruhe der Nacht allein bildete die Mauern dieser Stätte.

Alle die hier zusammengekommen waren, gaben sich ruhig und glücklich dieser Andachtsstunde hin; nur Gabriels Herz blieb nicht frei von Unruhe, er blickte bald auf seine Braut, bald auf ihren Vater, dann wieder auf Vater Paulus. Oft seufzte er tief und schwer. Als er niederkniete um mit der Gemeinde zu beten, fühlte er tief und schwer, dass er seine unruhigen Gedanken durch die heilige Beichte hätte mildern können. — Er weinte still vor sich hin, obgleich er sich bemühte den Tränenstrom aufzuhalten, floss er reich und voll über seine bleichen Wangen. Perrine sah ihn ängstlich an, aber es war unmöglich jetzt zu ihm zu sprechen.

Plötzlich fühlte Gabriel wie eine Hand leicht seine Schulter berührte. Er blickte auf, Vater Paulus stand neben ihm. Er bat ihn, ihm zu folgen und führte ihn dann zu einer Kabine des Schiffes und verschloss die Tür sorgfältig.

»Sie haben Etwas auf dem Herzen,« sagte der Priester ruhig. »Ich möchte Sie davon befreien. Wollen Sie mir es mitteilen?«

Als Gabriel die freundlichen Worte vernahm und das einnehmende Gesicht des Priesters beobachtete, schien es, als bewege sich schon die Last von seiner Seele.

Er beichtete dem Priester Wort für Wort, was er an dem Todtenbette des Großvaters vernommen hatte.

Kaum hatte er ausgesprochen, da fragte ihn der Priester nach Namen und Wohnung.

Während Gabriel noch sprach, legte Paulus seine Hände über das Kreuz und schien selbst inbrünstig zu beten.

Als Gabriel den »Kaufmannstisch« beschrieben und von seines Vaters Benehmen nach dem Tode des Großvaters gesprochen hatte, fragte er den Priester, ob er glaube, dass es keine große Sünde sei, dass er doch immer aufs Neue Zweifel an der Rechtschaffenheit seines Vaters hege.

»Blicken Sie mich jetzt an und hören Sie!« sagte der Priester. »Ich kann alle Ihre Zweifel lösen: Ihr Vater ist des Verbrechens wirklich schuldig, aber der Mann, der getötet werden sollte, lebt! Ich kann es beweisen.«

Gabriels Herz schlug laut und eine erstarrende Kälte kam über ihn als er sah, wie Vater Paulus seinen Hals entblößte.

In diesem Augenblick verstummte der Gesang der Gemeinde. Es betete ein Einzelner. — Der Priester löste die Halsbedeckung und zeigte dem jungen Mann eine kaum noch sichtbare Stichwunde. Er wollte sprechen, aber drinnen ertönte das Glöcklein; die heilige Messe hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Priester hob eben das hochwürdige Gut in die Höhe. Die heilige Hostie glänzte über der demütig knienden Gemeinde. Der Priester legte seinen Arm um den Jüngling und beide knieten nieder.

Weiter empfand Gabriel nichts. — Er kam erst wieder zur Besinnung als der Mann, den sein Vater hatte töten wollen, ihm kaltes Wasser ins Gesicht sprengte, um ihn wieder zum Leben zu erwecken.

Drinnen sang die Gemeinde das Agnus Dei: »O Du Lamm Gottes, das Du hinweg nimmst die Sünden der Welt, schenke uns den Frieden.

»Sehen Sie mich an, ohne Furcht, Gabriel!« sagte der Priester. »Ich wünsche nicht Unrecht zu rächen. Ich übertrage die Sünden der Väter nicht auf die Kinder. Hören Sie was ich Ihnen Seltsames mitzuteilen habe. Ich habe hier eine heilige Mission zu erfüllen, in welcher Sie mich unterstützen sollen.«

Gabriel wollte kniend die Hände des Priesters küssen, aber dieser wies ihn zu dem Kreuz und sagte! »Kniet dort nieder, nicht aber vor mir, dem schwachen Sterblichen! Nicht vor mir Eurem Freunde! Ja, Gabriel, ich will Ihr Freund sein, weil ich glaube, dass Gott es so gefügt hat.«

»Der Gottesdienst naht seinem Ende, ich muss schnell sein. Der Verirrte den Sie mir zuführen sollen, muss noch vor dem Grauen des Tages benachrichtigt werden. Jetzt hören Sie:

»Das Geständnis Ihres Großvaters ist wahr, Wort für Wort! Ich nahte mich an jenem Abend Ihrer Hütte und suchte dort ein Nachtlager. Ich bereitete mich in jener Zeit zu meinem Stande vor; nachdem meine Studien vollendet waren, machte ich eine Fußreise durch die Bretagne Als ich Ihren Vater vor seiner Tür erblickte, hatte ich mich vom rechten Wege verirrt und war sehr müde geworden.

»Jetzt nehmen Sie Ihren Mut zusammen, Gabriel, aber ich muss Ihnen Alles sagen. Ich erinnere mich an Nichts was von der Zeit meines Einschlafens geschehen ist, bis ich unter dem Stein, den Sie den Kaufmannstisch nennen, erwachte. Als ich meine Augen öffnete, sah ich den mächtigen Stein über mir und an jeder Seite von mir Männer, die meine Taschen durchsuchten. Da sie nichts Wertvolles fanden, wollten sie mich liegen lassen, wo ich lag. Ich nahm meine Kraft zusammen und bat sie, mich gegen künftigen guten Lohn an einen Ort zu bringen, wo ich geheilt werde könnte. Sie prüften meine Kleider und die Wäsche, die ich trug und sprachen dann heimlich mit einander. Endlich sagte der Eine: Nun, wir werden es wagen! Dann trugen sie mich in ein kleines Boot und brachten mich nach Paimboeuf, wo ich dann auch ärztliche Hilfe fand.

»Ich erfuhr von den Männern, dass sie Schmuggler seien und dass sie ihre geschmuggelten Waren stets unter dem Druiden-Stein verbargen. Sie sagten mir, dass sie mich mit der Schnittwunde ohnmächtig gefunden hätten und dass nur die Kühle der Nacht mich vor dem sicheren Tode bewahrt habe.

»Noch langer Krankheit kam ich nach Paris und trat mein Priesteramt dort an; aber ich hegte den Wunsch, hier in der Bretagne angesiedelt zu werden. Wissen Sie warum, Gabriel?«

Gabriel antwortete zwar nicht, aber er wusste wohl warum.

»Ich wusste sehr wohl, durch wen mein Leben in Gefahr gekommen war, aber ich teilte den Vorfall Niemandem mit, selbst nicht meinen Freunden, denn ich wünschte nicht, dass irdische Justiz den Mann richten sollte, der mich hatte töten wollen. Ich trachtete allein darnach, ihn einst zur Reue und zur Buße zu bewegen, sobald ich Gelegenheit dazu finden würde.

»Mein Wille war jedoch von meiner Pflicht abhängig; es brach diese schwere Zeit auf die Kirche und ihre Gemeinde ein. Ich ging zwar in die Bretagne, doch musste ich zunächst an andern Orten wirken.

»Jetzt bin ich nun hier, Gabriel, mein Werk kann beginnen. Sie müssen mich in die Hütte zu Ihrem Vater führen, sobald der Gottesdienst vorüber sein wird.«

Er hielt Gabriel seine Hand hin, als gerade der Priester seinen Segen sprach. Vater Paulus öffnete die Tür der Kabine. Als sie die Stufen hinabstiegen, begegnet ihnen Vater Bonan. Der alte Mann blickte besorgt auf seinen Schwiegersohn und sagte dem Priester einige Worte ins Ohr. Vater Paulus antwortete in demselben Tone.

»Er hat mich gefragt, ob vielleicht ein Hindernis für die Ehe eingetreten ist. Ich antwortete ihm mit »nein«, denn Sie haben mir ja Ihr Geheimnis als Beichte anvertraut und das Geheimnis bleibt nur unter uns,« sagte der gute Priester. »Vergessen Sie nicht, wohin Sie mich nach der Trauung führen sollen. Doch wo ist Perrine?«

Das junge Mädchen kam. Der Priester legte ihre Hand in die Gabriels und sagte: das Paar möge ihn nur an dem Altar erwarten.

Eine Stunde war seitdem vergangen. Der Gottesdienst war lange vorüber, die Boote waren ans Land zurückgekehrt. Das Schiff ankerte aber noch, denn Pater Paulus war nicht an Bord; es erwartete ihn ein Boot am Strande. Der Priester hatte das Schiff mit Gabriel allein verlassen.

Dieser hatte seine Geschwister unter der Aufsicht seiner jungen Frau gelassen, während er und Paulus schweigend der Fischerhütte zuschritten. Der Priester hielt sein weißes Kreuz gegen die Brust. Sie hatten die Tür der Hütte erreicht.

»Klopfen Sie an und erwarten Sie mich hier!« sagte Paulus.

Die Tür wurde geöffnet. In dem lieblichen Mondschein, wie vor Jahren, stand jetzt Francois Sarzeau vor dem Manne, dessen blutenden Körper er einst über diese Türschwelle fortgetragen hatte.

Er erkannte ihn nicht.

Pater Paulus trat vor und nahm seinen Hut ab.

Francois blickte ihn entsetzt an und trat einige Schritte zurück, dann stand er bewegungslos und sprachlos still. Die ruhige klare Stimme des Priesters sagte: »Ich bringe Euch eine Botschaft des Friedens und der Vergebung von Eurem Gast!« Er zeigte dabei auf die Stelle, wo er verwundet worden war.

Gabriel sah, dass sein Vater am ganzen Körper zitterte. Sein Mund zuckte, als wenn er sprechen wollte, aber der ganze Mann schien erstarrt zu sein.

Gabriel musste sein Gesicht fort-wenden, aber er hörte, dass der Priester sagte: »Wartet, ich komme zurück!« — Paulus trat näher an Francois heran.

Nun trat wieder banges Schweigen ein. Er hörte nur den Namen Gottes ausrufen, dann wurde die Hütte geschlossen und Gabriel wartete allein draußen vor der Tür.

Gabriel näherte sich dem Fenster.

Er sah, dass der Priester das Kruzifix erhoben hielt, aber er wünschte nichts weiter zu hören und zu sehen; was er gehört hatte, trieb ihn weit fort von dem Fenster.

Nach einer Weile näherte er sich wieder der Tür; weil er etwas Schweres hatte zur Erde fallen hören. Er hörte nur das laute Beten des Priesters.

Einige Minuten später hörte er lautes Wehklagen und eine zweite Stimme. Er lauschte noch eine ganze Zeit. Endlich öffnete sich die Tür und Vater Paulus erschien und führte Francois Sarzeau an seiner Hand. Der Fischer erhob seine Augen nicht zu seinem Sohne, er weinte bitterlich und blickte nicht um sich, sondern folgte der Hand die ihn führte blindlings wie ein kleines Kind.

»Gabriel,« sagte der Priester, »Gott hat meine Handlung hier gesegnet! Ich sage dies zu Ihrem Trost. Ihr Vater wünscht, dass ich Ihnen sage, dass er Ihnen wirklich einst auf dem Wege zu dem Kaufmannstische gefolgt ist, und dass er später die Entdeckung machte, dass kein Beweis seines Verbrechens mehr zu finden war. —

»Ferner soll ich Ihnen, auf Ihres Vaters Wunsch, mitteilen, dass er vorher in meiner und nun auch in Ihrer Gegenwart verspricht, dass er, sobald die Verfolgung der Kirche aufhören wird, — und sie wird aufhören! mit seiner ganzen Kraft und mit der größten Bereitwilligkeit, alle die Kreuze an den Wegen wieder aufrichten wird, welche die Rohheit der Soldaten hier umstürzte, und dass er ferner Gutes ausüben will, wo er es nur vermag!

»Ich habe jetzt Alles getan, was in meiner Macht stand, und jetzt sage ich Euch Lebewohl und nehme das angenehme Bewusstsein mit mir, dass ich Vater und Sohn versöhnt habe. Gott segne Euch und stärke Euch zu guten Werken!«

Der Priester nahm ihre Hände und drückte sie warm, dann ging er der Küste zu.

Gabriel wagte nicht zu sprechen, aber er legte seinen Arm um den Hals seines Vaters.

Beide hielten sich umschlungen und blickten dann lange auf die See, wo das Schiff mit dem frommen Manne dahin segelte.

Dann gingen sie zusammen in ihre Hütte.



Fünftes Kapitel.

In Frankreich hörte bald nach den Ereignissen, die im letzten Kapitel erzählt wurden, das Schreckensregiment auf und mit ihm endigte auch die Verfolgung der Christen in der Bretagne.

Unter den verschiedenen Vorschlägen, die von dem Parlamente zur Verbesserung der Verhältnisse in der Bretagne gemacht wurden, befand sich einer, der die Wiederherstellung der Kreuze an den öffentlichen Wegen, Landstraßen u.s.w. Befürwortete. Es war nachgewiesen, dass sich die Zahl der vernichteten Kreuze auf Tausend belief und dass die bloße Anschaffung des Holzes zu denselben, der jetzt so zu Grunde gerichteten Bevölkerung sehr schwer fallen dürfte.

Während die Verhandlung darüber noch schwebte, hatte sich bei der Regierung Jemand gemeldet, die Arbeit der Kreuzherstellung zu übernehmen. —

Als Gabriel mit seinen Geschwistern die Fischerhütte verlassen hatte, um ferner im Hause seines Schwiegervaters zu wohnen, verließ auch Francois Sarzeau seine alte Wohnung, um das Versprechen zu erfüllen, welches er Vater Paulus gegeben hatte. Monate lang hatte er schon an seiner Besserung gearbeitet, ohne zu ermüden, hatte Gutes getan, wo er es nur vermochte und Hilfe geleistet, ohne Lohn dafür zu beanspruchen.

Er wanderte Meilen weit und demütigte sich selbst so, dass er um Holz bettelte zu einem einfachen Kreuz. Niemand hörte ihn klagen oder sich über die Mühseligkeiten beschweren.

Trockenes Brot und Wasser, welches er sich auch erbetteln musste, bildeten seine Nahrung, aber er war damit zufrieden.

Die Nachbarn glaubten, sein Leben würde durch ein Wunder verlängert werden, bis er die ganze Bretagne von einem Ende bis zum anderen durchreist und überall die Kreuze wieder aufgerichtet haben würde. — Dies sollte sich jedoch nicht bestätigen.

An einem kalten Herbstabende hatte man ihn, wie gewöhnlich, bei seiner Arbeit gesehen. Er richtete eins seiner selbst fabrizierten Kreuze auf, wo die Revolution ein solch heiliges Symbol in Splitter geschlagen hatte. Am Morgen danach fand man den Mann tot unter dem Kreuze, das er selbst geschnitzt hatte.

Man begrub ihn an der Stelle, und der Priester, der die Stätte weihte, erlaubte, Gabriel eine Grabschrift auf das Kreuz zu setzen. Zuerst kam der Name des Toten und diesem folgten die Worte: »Betet für die Ruhe seiner Seele. Er starb als ein Büßender und bei dem Ausüben guter Werke.«

Zuweilen hörte Gabriel Etwas über Vater Paulus durch Briefe, die er an die Bewohner des Pächterhauses richtete.

Sein letztes Schreiben war aus Rom und Paulus meldete darin, dass die Dienste, welche er der Kirche in der Bretagne geleistet habe, zu seinen Oberen nach Rom berichtet worden wären, und dass er nun durch sie an die Spitze einer Mission gestellt sei, welche den christlichen Glauben unter den Heiden verbreiten sollte.

Er nahm nun Abschied von seinen Bekannten in dieser Welt, denn es war sicher anzunehmen, dass die Priester, welche dieser Mission beitraten, ihr Leben wagen mussten, um für das Christentum zu ernten. — Er sandte Francois Sarzeau, Gabriel und der ganzen Familie seinen Segen und ein letztes Lebewohl.

Der Brief hatte ein Postskriptum für Perrine, welches diese oft mit Tränen in den Augen las. Es war des Priesters Wunsch, dass, wenn sie einst Kinder haben würde, so möchte sie dieselben beten lehren, dass das Werk unter den Heiden gefördert werden möge.

Des Priesters Bitte ist nie vergessen worden. Als Perrine ihr erstes Kind das erste Gebet lehrte, lallte dieses auf den Knien der Mutter ihr nach: »Gott segne und schütze Vater Paulus!«

Mit diesen Worten schloss die Nonne ihre Erzählung, dann zeigte sie auf das hölzerne Kreuz und sagte zu mir: »Es ist dies eins der Kreuze, welche der reuige Sünder verfertigte. Dasselbe wurde vor einigen Jahren so verwittert gefunden, dass es nicht länger an seinem alten Platze bleiben konnte. Ein Priester aus der Bretagne schenkte es einer unserer Nonnen. Wundern Sie sich nun noch darüber, dass die Mutter Priorin es eine Reliquie nennt?«

»Nein!« antwortete ich. »Im Gegenteil, ich finde, dass die Frau Priorin den besten Namen für das hölzerne Kreuz erfand, den es für dasselbe geben konntet.«



Die Erzählung des Professors von der gelben Maske

Einleitung

Bei meinem letzten Aufenthalte in London empfing ich eines Tages einen kleinen schlecht geschriebenen Brief, der meine Frau und mich überraschte und belustigte.

Sein Inhalt bestand in einzelnen Sätzen, welche verrieten, dass ihn ein Fremder geschrieben habe. Er lautete:

»Professor Tizzi grüßt den Künstler Kerby freundlichst und wünscht, dass der Künstler sein Bild zeichne.

Dasselbe soll graviert und einem umfangreichen Werke »Vital-Prinzipien« oder »die unsichtbare Lebenskraft«, als Titelkupfer dienen, welches der Professor eben für den Druck und somit für die Nachwelt vorbereitet.

Der Professor wird fünf Pfund für die Zeichnung geben; außerdem wird der Künstler die Freude haben, dass das Bild ein Gegenstand der Betrachtung für das Publikum späterer Zeiten sein wird. Der Professor wird es dankbar aus den Händen des Künstlers entgegennehmen, wenn dieser es für die bezeichnete Summe malen will.

Sollte der Künstler Zweifel erheben, dass ihm die Summe auch ausgezahlt werde, so wird ein Freund des Professors, der ehrenwerte Mister Lanfray zu Rockleigh, die Bürgschaft dafür übernehmen.«

Der sonderbare Schluss des Briefes ließ mich vermuten, dass sich irgend einer meiner mutwilligen Freunde einen Scherz mit mir erlaubt habe und ich beschloss schon, die Zeilen ins Feuer zu werfen; aber mit der nächsten Post erhielt ich einen Brief von Mister Lanfray, welcher meine Zweifel löste und mich auch bestimmte, die Bekanntschaft des gelehrten Entdeckers der Lebensessenz zu machen.

Lanfray schrieb, dass Tizzi ein etwas überspannter Italiener sei, der früher eine Professur an der Universität zu Padua gehabt, dass er ihn seit Jahren kenne, dass die Wissenschaft sein Steckenpferd und Eitelkeit seine Leidenschaft seien. Der Professor habe ein Buch über die unsichtbare Kraft des Lebens geschrieben, welches außer ihm wahrscheinlich Niemand lesen werde. Diesem Werke solle das Bild des Autors vorangesetzt werden.

Lanfray gab mir noch den Rat, die Arbeit nicht abzulehnen, denn die Bekanntschaft des sonderbaren Gelehrten würde mir viel des Bemerkenswerten bieten. Er fügte hinzu, dass Tizzi seiner politischen Ansichten wegen Italien verbannt sei und nun seit vielen Jahren in England lebe. Das Geld, welches er von seinem Vater, der Postmeister im nördlichen Italien war, geerbt hatte, sei für Bücher und Experimente ausgegeben, aber für die kleine Summe, welche die Zeichnung kostet, wolle er gern einstehen, schloss Lanfray.

Professor Tizzi lebte in dem nördlichen Teile von London. Sein Häuschen war schmutzig von außen und innen, das sah ich gleich. Ich klingelte zwei Mal an dem zerbrochenen Gitter, dann erschien ein schmutziger Mann, mit gelbem Gesicht und fremdem Accent in der Sprache, der führte mich, nachdem ich ihm meinen Namen und die Angelegenheit die mich her führte, genannt hatte, durch einen kleinen vernachlässigten Garten in das Haus. Bei dem ersten Tritt auf den Hausflur sah ich mich von Büchern umgeben, die eng aneinander gepackt, auf Brettern standen. Auf den Treppen, im Vorzimmer, in den nächsten Zimmern, überall gab es nichts Anderes als Bücher!

»Hier ist der Maler!« rief der alte Diener und zeigte mir an, dass ich in das Sprechzimmer eintreten könnte.

Auch hier sah ich wieder nichts als Bücher, sowohl an den Wänden wie auf dem Fußboden.

An einem Tische, der überreich mit Manuskripten und Büchern bedeckt war, entdeckte ich einen Kopf und eine Hand, die sich abwehrend mir entgegenstreckte. Es schien ein Zeichen zu sein, dass ich nicht sprechen möge.

Ich sah mich im Zimmer um. Auf den mächtigen Bücherschränken standen Gläser mit Spiritus angefüllt, in der Flüssigkeit schwammen seltsame Gegenstände. Von der Decke hing schwarzes Spinnengewebe lang herab. Die Fenster schienen nie gereinigt zu sein, und von dem Fußboden wirbelte der Staub bei meinen Tritten hoch empor.

Nachdem ich dies Alles einige Sekunden schweigend beobachtet hatte fiel die warnende Hand des Professors mit lautem Geräusch auf einen Stoß Manuskripte nieder, dann warf der Vertiefte das Buch, welches keine Unterbrechung gestattet hatte, weit von sich in die andere Ecke und rief: »Ich werde dies mit Beweisen widerlegen!« Dann blickte er noch einen Moment wohlgefällig auf die Staubwolken, welche das Buch aufwirbelte und wandte sich zu mir.

Welch eine mächtige weiße Stirn! Welche glänzenden schwarzen Augen! Wie groß und schön der ganze Kopf, umrahmt von weißen Haaren!

Ich fühlte, dass ich diesen Kopf, so arm ich auch war, gern ohne Bezahlung malen würde. Tizian, Van Dyke, Velasquez und noch andere Größen würden diesen Mann sogar für seine Sitzungen bezahlt haben.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ,« begann der alte Mann mit außerordentlicher Reinheit der englischen Sprache, »aber das absurde Buch hatte mich so gefesselt, dass ich Sie nicht gleich empfangen konnte Mister Kerby.«

»Sie sind also in der Tat geneigt, mein Bild für einen so geringen Preis zu zeichnen?« fragte er und erhob sich dabei.

Ich sah, dass er einen langen schwarzen Sammetrock trug, der wunderbar zu der ganzen Erscheinung passte.

Ich erklärte ihm, dass die gebotene Summe von fünf Pfund die übliche sei für derartige Arbeiten.

»Es scheint mir sehr wenig«, entgegnete der Professor, »aber wenn Sie berühmt werden wollen, so kann ich dazu beitragen.

»Dort liegt mein großes Werk; es ist das Ebenbild meines Geistes und der Spiegel meiner Gelehrsamkeit, aber wenn das Publikum nun auch noch mein Bild an der Spitze des Werkes findet, so kann es meine äußere und innere Bekanntschaft gleichzeitig machen.

»Ihre Zeichnung soll graviert und Ihr Name darunter gesetzt werden; so werden Sie durch ein Werk mit auf die Nachwelt kommen, welches eine ganze Epoche in der menschlichen Wissenschaft bilden wird. —

»Das Vital-Prinzip oder mit anderen Worten, das geheime Etwas, das wir Leben nennen, und das sich über die Menschen, wie über die kleinsten Insekten und die unbedeutendsten Pflanzen ausbreitet, ist bis jetzt ein unerklärliches Rätsel gewesen. Aber ich habe es gelöst! Hier liegt die Auflösung!«

Mit diesen Worten zeigte der interessante alte Mann auf die riesenhaften Manuskript-Berge.

Ich sah, er erwartete eine Äußerung von mir, und ich fragte schüchtern, ob diese Arbeit nicht viel Zeit und Mühe gekostet habe.

»Ich bin jetzt siebzig Jahre,« antwortete der Professor, »und mit zwanzig Jahren habe ich das Werk begonnen. Ich schrieb es in der englischen Sprache, obgleich ich noch drei andere weiß, als einen Beweis meiner Dankbarkeit für die englische Nation, die mir ein Asyl gewährte als mein Vaterland mich vertrieb.

»Sie denken vielleicht, dass dies die ganze Arbeit ist, o nein! Es sind jetzt schon zwölf Bände vollendet und ich finde, dass der Gegenstand meiner Bearbeitung noch nicht halb erschöpft ist. Zwei Bände bestimmte ich dazu, die Theorien der älteren und neueren Philosophen der Welt über die Vital-Prinzipien zu prüfen. — Zwei Bände füllten sich mit den Beweisen, dass jene Theorien falsch waren.«

»Zwei weitere Bände schrieb ich über den Stoff, aus denen die zwei ersten Wesen gebildet waren, die von ihren Nachkommen Adam und Eva genannt werden.

»Zwei Bände schrieb ich — aber «, unterbrach sich der Professor, »da stehe ich nun und spreche anstatt dass ich Ihnen zu meinem Bilde sitze.

»Bitte, nehmen Sie doch, wo Sie wollen, Bücher von dem Fußboden und bereiten Sie sich einen Sitz! Ich habe keine Möbel, weil diese mir nur im Wege sein würden.«

Ich folgte diesem Rate und hatte mir auch bald einen Haufen Bücher zu einem Sitze zusammengetragen.

Als ich damit fertig war, trat der alte Diener mit einer Art Präsentierteller in der Hand, in das Zimmer, auf welchem ich eine Brotrinde ein Stückchen Knoblauch, ein Glas Wasser und Essig und Öl entdeckte.

»Mit Ihrer Erlaubnis, Mister Kerby, werde ich mein Frühstück einnehmen,« sagte der Professor, als das Mahl vor ihm stand.

Dann rieb er das Brot mit dem Knoblauch, bis es glänzte, danach goss er ein klein wenig Öl und Essig darauf und streute Salz und Pfeffer darüber. Und mit einem freudig gierigen Blick schnitt er sich mit dem Messer den ersten Bissen von der gewürzten Brotkruste ab.

»Das ist das beste Frühstück!« sagte er zu mir, »das ist kein kannibalisches Töten von Hühner-Leben, gewöhnlich Ei genannt; keines toten Tieres Fleisch, Blut oder Knochen, gewärmt mit Feuer, gewöhnlich Beefsteak genannt; nicht ein Frühstück, wie es Löwen, Tiger oder Wilde einnehmen, es ist ein einfaches Mahl aus Pflanzenstoffen zur Erquickung eines Philosophen, ein Frühstück, welches einen Preiskämpfer anwidern, aber einen Plato entzückt haben würde.«

Ich zweifelte nicht daran, dass er Recht habe, aber ich war so wenig erbaut von dem Lobe seines Mahles, dass mir fast übel zu Mute wurde, und da meine Hände von den Büchern sehr staubig geworden waren, so bat ich um etwas Waschwasser, bevor ich zeichnen würde. — Ich suchte natürlich nur einen Entschuldigungsgrund, damit ich dem Mahle nicht länger zuzusehen genötigt sei.

Der Philosoph sah mich erstaunt an, es schien ihm meine Bitte wahrscheinlich sehr sonderbar, aber er klingelte und befahl seinem Bedienten, mich in das Schlafzimmer zu führen.

Der Anblick dieses Zimmers bot eine neue Überraschung für mich. Das Lager, welches der Philosoph nach der Tagesarbeit aufsuchte, war mit Rollen versehen, aber es war so elend, dass man gewiss sehr wenig dafür erhalten hätte wenn es zum Verkaufe ausgeboten worden wäre.

An der einen Seite desselben hing ein männliches Skelett von der Decke herab. Es machte den Eindruck, als habe sich hier Jemand vor etwa hundert Jahren erhenkt und keine Hand habe seitdem den Selbstmörder berührt. — An der anderen Seite stand ein Tisch mit allen möglichen Präparaten in Spiritus, die dem Muskelsystem anzugehören schienen; außerdem sah man in Gläsern fremdartige Dinge eingeschlossen, sie glichen den Eingeweidewürmern; daneben lag des Professors Haarbürste mit einem letzten Reste von Borsten und Überbleibseln seines weißen Bartes; einzelne Stücke eines Barbier-Apparates, ein zerbrochener Schuhanzieher und ein kleiner Spiegel im Werte von einigen Pfennigen.

Bücher lagen auch hier, wie überall, auf dem Fußboden, und an den Wänden waren anatomische Bilder festgenagelt. Im Zimmer lagen verschiedene zusammengewickelte Handtücher; es sah aus, als wäre dasselbe mit ihnen bombardiert worden, so waren sie zusammen geknäult. Außer anderen sonderbaren Gegenständen enthielt das Schlafzimmer einen großen ungeschorenen ausgestopften Pudel, der auf einem Tische stand und über ein Paar Beinkleider des Professors Wache zu halten schien, denn er hielt seine Vorderpfoten darauf.

Ich erstaunte bei meinem Eintritt in das Zimmer über das Skelett und jetzt wieder über den Hund.

Sind Sie erschrocken?« fragte der alte Diener und, setzte hinzu: »Der Eine ist gerade so gut tot wie der Andere.«

Damit entfernte er sich.

Ich fand nur wenig Wasser und keine Seife.

Als ich das Zimmer verließ, sah ich noch einmal nach dem Pudel und fand auf dem Brett, worauf er befestigt war, das Wort: »Scarammucia«, wahrscheinlich nannte man das Tier früher so, dachte ich, gewiss hat ihn der Professor hier zur Erinnerung an vergangene Tage aufstellen lassen.

Als ich wieder zu dem Philosophen eintrat, hatte er sein Frühstück bereits vollendet und bereitete sich eben auch einen Sitz. Ich zog Papier und Kreide hervor und das Zeichnen begann.

»Es sind schöne anatomische Präparate in meinem Zimmer, nicht wahr, Mister Kerby?« fragte Tizzi. »Diese Gegenstände sind in meinem Werke umständlich besprochen.«

»Sie werden mich sehr unwissend finden,« entgegnete ich, »aber ich muss sagen, am meisten interessierte mich der ausgestopfte Pudel in dem Zimmer, und ich setze voraus, er sei einst Ihr Liebling gewesen.«

»Nein, nein,« antwortete Tizzi, »er war der Liebling einer jungen Dame bevor ich noch geboren wurde.

»Die Lebenskraft in diesem Hunde muss eine sehr starke gewesen sein, er wurde fabelhaft alt und spielte eine sehr wichtige Rolle in einem Romane des wirklichen Lebens, wie Sie Engländer das zu nennen pflegen. Wenn ich hätte den Hund zergliedern können, so würde er an der Spitze meines Werkes »über tierisches Leben« stehen.«

Hier ist eine Geschichte in Aussicht, sagte ich zu mir, wenn ich seine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand richte.

»Ja, ja,« sagte der Professor, »Scarammucia« würde eines der Beispiele gewesen sein, die meine Theorien unterstützen; leider starb er, bevor ich das Licht der Welt erblickte. Seine Herrin übergab ihn, so ausgestopft wie Sie ihn da sahen, meinem Vater und dieser hinterließ ihn wieder mir als Erbstück.«

Er verließ seinen Sitz und sagte: »Mister Kerby ich habe große Lust, Ihnen einige meiner Präparate zu zeigen.«

Allein ich bat ihn schnell, sich jetzt nicht mehr zu bewegen, wenn er wollte, dass sein Bild ähnlich werde.

Er kehrte zu seinem Sitz zurück und ich bat ihn nun, mir die Geschichte des Pudels mitteilen zu wollen.

Diese Aufforderung schien ihm vielleicht von sehr schlechtem Geschmack zu zeugen, und ich merkte wohl, dass er sich ungern von seinem »großen Werke« losriss. Ich werde mir erlauben, die Geschichte, zu der ich nun gelangte, mit meinen eigenen Worten zu erzählen und ich füge gleich hier hinzu, dass ich niemals das Bild, welches ich von dem Professor aufnahm, gedruckt zu sehen bekam.

Professor Tizzi lebt zwar noch, aber ich sehe vergeblich nach der Anzeige seines »großen Werkes« in den Zeitungen nach. Vielleicht fügt er dem Werke noch zwei Bände zu und häuft somit immer mehr die Schulden der Nachwelt für seine Arbeit an.



Erster Teil

Erstes Kapitel

Vor ungefähr hundert Jahren lebte in der alten Stadt Pisa eine berühmte italienische Modewaren-Händlerin, und da sie stets nach den neuesten französischen Mustern arbeitete, so nahm sie auch selbst einen französisch klingenden Namen an und nannte sich »Demoeiselle Grifoni.«

Sie war eine winzig kleine Frau mit einem schadenfrohen Gesicht, einer sehr schnellen Zunge aber sie besaß viel Geschäftstalent.

Sie hatte den Ruf reich zu sein, aber die böse Welt behauptete auch gleichzeitig, dass die Grifoni »Alles« für Geld besorge. —

Die einzige unbestreitbar gute Eigenschaft der Grifoni bestand in den »festen Preisen.« ihrer Verkaufsartikel. Sie ließ sich nicht das Geringste abhandeln, von dem einmal genannten Preise; und damit dokumentierte sie schon gewissermaßen die Festigkeit ihres Charakters. Auf der Höhe ihres Wohlstandes hatte sie jedoch die Unannehmlichkeit, dass ihre geübteste Direktrice und Zuschneiderin sich nicht nur verheiratete sondern, dass sie auch als Rivalin ihrer ehemaligen Herrin auftrat und selbst ein Modewaren-Geschäft etablierte.

Einer andern Modistin würde dieser Umstand viel Sorgen bereitet haben, aber die unbesiegbare Demoeiselle Grifoni griff einfach nur nach Hilfsquellen.

Während die jüngere Modistin prophezeite dass die Grifoni nun ihr Geschäft wohl schließen müsste, da sie sie verlassen, wechselte die ältere Dame häufig Briefe mit einem Pariser Agenten, Niemand ahnte deren Inhalt; aber nach einigen Wochen erhielten die reichen Damen Pisas die gedruckte Anzeige dass die geschickteste Pariser Modistin in das Modewaren-Geschäft der Grifoni eingetreten sei. Dieser Meisterstreich errang den Sieg, und die Damen der Stadt beeilten sich, ihre Bestellungen bei der Modistin zu machen, welche soeben aus der Metropole der Mode aus Paris, angekommen war.

Die Französin hatte eine kleine Gestalt und ein freundliches Gesicht. Ihr Name war Virginia und sie teilte mit, dass ihre Familie sie verlassen habe und dass sie nun ganz allein stehe. —

Als sie kaum angekommen war, hatte die Grifoni sie mit Bändern, Seidenstoffen, Spitzen und Blumen versorgt und ihr die Weisung erteilt, sie möge nicht sparen und Alles so schön als nur immer möglich für das Schaufenster des Geschäftes herstellen.

Virginia versprach, ihr Möglichstes zu leisten und fragte nur, ob unter den Arbeiterinnen vielleicht eine sei, die soviel französisch verstehe um ihr beider Anfertigung der neuen Artikel Hilfe leisten zu können.

»Ja, ja,« rief die Grifoni freudig aus, »ich habe hier eine solche Arbeiterin, sie heißt Brigitte. Sie ist wohl das faulste Geschöpf in ganz Pisa, aber sie ist sehr geschickt; auch war sie in Frankreich, und sie spricht französisch, wie eine Pariserin. Ich schicke sie Ihnen gleich hierher.«

Mademoiselle blieb nicht lange allein mit ihren Stoffen und Mustern, denn es kam eine schlanke schwarzäugige kühn um sich blickende Person in das Zimmer und schritt mit dem Anstand einer Bühnenkönigin weiter vor.

In dem Augenblick, als sie die neue Direktrice erblickte schrie sie laut: »Du hier, Finette!«

»Therese!« rief ihr die Französin entgegen und ließ die Schere auf den Tisch fallen.

»Still! Nenne mich Brigitte,« sagte die Eingetretene.

»Nenne mich hier Virginia,« bat die Andere. Nachdem diese Übereinkunft nur einen Augenblick gedauert hatte betrachteten sich die zwei Frauen einander schweigend. Die dunklen Wangen der Italienerin wurden fast gelb und die Stimme der Französin zitterte als sie wieder begann:

»Wie kamst Du denn hierher? in des Himmels-Namen! Ich glaubte Dich durch Jemand versorgt?«

»Still, Du siehst, ich bin es nicht,« erwiderte Brigitte. »Ich habe Unglück gehabt. Und Du solltest doch die Letzte sein, die sich über so etwas wundern kann!«—

»Du denkst, ich habe keine Unfälle erlebt, seitdem wir uns nicht sahen? Da irrst Du Dich! — Du bist vollständig gerächt!«

Mit diesen Worten wandte sich Virginia kalt ab und nahm die Schere wieder in die Hand.

Brigitte folgte ihr und legte ihren Arm um den Hals der Andern und küsste sie. Dann sagte sie: »Lass uns jetzt Freundinnen sein!«

Die Französin lachte. »Erzähle mir jetzt, wie Du behaupten kannst, ich sei gerächt,« fragte Brigitte.

Virginia untersuchte vorsichtig die Tür, ob auch nicht gehorcht würde; dann strich sie Brigitten das Haar aus dem Gesicht, küsste sie, und sagte: »So, jetzt sind wir Freundinnen!« Dann setzten sich beide zum Arbeiten nieder.

»Freundinnen,« wiederholte Virginia noch einmal mit sonderbarem Lachen. »Und nun an die Arbeit!« setzte sie hinzu und nahm eine ganze Reihe Stecknadeln zwischen die Zähne und fuhr trotzdem fort: »Ich glaube ich bin hierher berufen, um die vorige Zuschneiderin, die sich jetzt selbst etabliert hat, zu ruinieren? Gut, ich werde sie ruinieren!«

»Breite doch einmal den gelben Seidenstoff dort aus, meine Liebe und stecke das Muster an Deiner Seite dort fest, während ich hier das meinige befestige.«

»Welche Absicht hast Du, Brigitte, wirst Du vergessen, das Finette tot ist, und Virginia dafür lebt? — Lass doch das Papier noch einen Zoll übertreten! — So! — Sage mir, Du kannst doch unmöglich hier so leben wollen, welche Pläne hast Du gefasst?«

»So sieh mich einmal an,« antwortete Brigitte stellte sich in die Mitte des Zimmers und nahm eine plastische Haltung an.

»Ach, ich weiß schon,« entgegnete die Andere, »Du wirst zu einem französischen Schnürleibmacher gehen und mehr verdienen?«

»Ging die Göttin Minerva zu einem Schnürleibfabrikanten? Ich dachte immer, sie fuhr auf Wolken und lebte zu einer Zeit, in der die Mieder noch nicht erfunden waren,« entgegnete Brigitte.

»Ich verstehe Dich nicht,« lispelte Virginia durch ihre Stecknadeln.

»Nun, das ist doch nicht schwer zu erraten! Ich gehe zu dem berühmtesten Bildhauer von Pisa und bin sein Modell zu einer Minerva,« antwortet Brigitte.

»Wer ist er?«

»Er heißt Meister Luca Lomi, gehört einer alten Familie an, wurde aber von den Verhältnissen hin und her geworfen und so muss er jetzt für sich und seine Tochter ums liebe Brot arbeiten.«

»Futtere das Kleid aber,« sagte die Direktrice und fragte »Wo finden denn diese Sitzungen statt?«

»Warte eine Minute. Es gibt dort noch andere Bildhauer, die ihn in der Kunst unterstützen. Zunächst sein Bruder, Pater Rocco, ein Priester; dieser bringt seine freien Stunden stets bei ihm zu. Aber er fertigt nur Statuen für Kirchen an, denn er ist ein sehr frommer Mann, Alles, was er für seine Arbeiten einnimmt, widmet er heiligen Zwecken.«

»Ah, bah, den würden wir in Frankreich einen drolligen Priester nennen.« sagte Virginia. »Gib Nadeln her! Verdienst Du von ihm auch etwas? Warte noch! Ich will sie Dir erst alle nennen. Es gibt hier noch einen Edelmann, namens Fabio d’Ascoli, der auch Bildhauer ist, er ist jung, hübsch und reich, das einzige Kind seiner Eltern und besitzt nicht viel mehr Verstand, als ein Narr. Er betreibt indes seine Kunst so eifrig, als wenn er von dem, was er erwirbt, leben müsste. Denke Dir also einen jungen Mann aus einer der ersten Familien Pisas, der darnach strebt, sich als Künstler einen Namen zu erwerben.

»Warte nur, das Beste kommt noch!

»Seine,Eltern sind tot, und da er noch unverheiratet ist, so steht sein ganzes Vermögen zu seiner Verfügung, also ist er ganz dazu geeignet, der Freund einer jungen unabhängigen Dame zu werden.«

»Ich verstehe Dich schon,« sagte Virginia. »Die Göttin Minerva hält ihre Hände bereit, um dem Künstler seine freie unnütze Habe zu entführen.« —

»Bei erster Gelegenheit werde ich mich ihm anbieten,« antwortete Brigitte. »Ich sitze ihm nämlich noch nicht, sondern seinem Meister, Luca Lomi, welcher jetzt gerade an einer Statue der Göttin Minerva arbeitet, will ich sitzen. Das Gesicht der Göttin ist nach der Tochter des Meisters gebildet, aber jetzt verlangt diese Gestalt auch Büste und Arm.

»Magdalena Lomi und ich sind fast von derselben Größe und man sagt mir, dass ihre Figur nicht als Model zu einer Göttin tauge. — Ich habe mich dem Meister durch eine Freundin anbieten lassen, nimmt mich der Alte an, so hoffe ich auch bald auf die Kundschaft des jungen Edelmannes. Meine Zunge und andere Fertigkeiten werden dann das Übrige schon besorgen.«

»Wer ist denn die Freundin, die Dich empfehlen soll? Vielleicht auch eine Künstlerin?«

»Nein, nein, es ist ein sonderbares kleines Geschöpf.«

»Warte ich muss erst sehen, ob Niemand horcht. Es klopft!«

Die Tür öffnet sich und ein ärmlich, aber reinlich gekleidetes junges Mädchen, trat in das Zimmer. Sie war klein und schwächlich, aber ihr Gesicht war sehr regelmäßig und in vollkommener Übereinstimmung mit dem Körper.

Das Haar war dunkelbraun und die Augen hatten jenes Dunkelblau, welches man an den Gemälden Giergiones und Tizians bewundert und welches ein Kennzeichen der italienischen Schönheiten ist. Das Gesichtchen war indes sehr blass. Es fehlte ihm der Ausdruck kräftiger jugendlicher Frische, die eigentliche Krone der Schönheit.

Ihr Blick war trübe als sie eintrat, als sie jedoch die französische Direktrice erblickte wurde es sogar ängstlich und das junge Mädchen wollte sich scheu nach der Tür zurückziehen.

»Bleiben Sie, Nanina,« sagte Brigitte italienisch, »und erschrocken Sie nicht bei dem Anblick der Dame; sie ist unsere neue Direktrice und sie kann Ihnen sehr nützlich werden. Sagen Sie uns jetzt, was Sie wollen! Sie sind schon sechzehn Jahre alt und sind so schüchtern wie ein Kind von zwei Jahren.«

»Ich wollte nur fragen, ob Sie heute etwas Arbeit für mich haben,« fragte das junge Mädchen mit sehr angenehmer Stimme und mit schüchternem Blick auf die neue Geschäftsvorsteherin.

»Nein, heute ist nichts für Sie zu tun,« sagte Brigitte, »gehen Sie heute Modell stehen?« fragte sie weiter.

Die Wangen Nanina’s färbten sich und sie antwortete: Ja! »Vergessen Sie meine Botschaft nicht, meine Liebe und wenn Meister Lomi fragt, wo ich wohne so sagen Sie ihm nur, dass Sie mir meinen Brief von ihm mit Bestellungen überbringen könnten; aber sagen sie ihm gar nicht, wer ich bin und wo ich wohne.«

»Warum verbieten Sie das?« fragte Nanina unschuldig.

»Fragen Sie nicht so dumm und bringen Sie mir morgen eine Nachricht, dann werde ich die Dame hier bitten, dass sie Sie beschäftige. Ich begreife Sie übrigens nicht, Sie können doch hier und in Florenz mit dem Modellstehen viel mehr Geld verdienen.«

»Mir gefällt die Handarbeit besser,« entgegnete das junge Mädchen, verbeugte sich höflich und verließ das Zimmer.

»Das ungeschickte Kind kann einmal hübsch werden,« bemerkte Mademoiselle Virginia, die mit der Anfertigung des Kleides unter ihrer Hand bald fertig zu sein schien. »Wer ist sie denn?«

»Sie ist die Freundin, welche mich bei Lomi empfehlen soll,« erwiderte Brigitte lachend.

»Wer hat Dich denn mit ihr bekannt gemacht?«

»Sie holte sich hier stets Arbeit und fertigte dieselbe in ihrer Wohnung, dem kleinsten und hässlichsten Ort, in einer Straße bei Campo Santa, an. Ich war eines Tages neugierig genug, ihr zu folgen. Als der Vogel im Bauer war, klopfte ich an die Tür. Sie rief ängstlich; Herein! War das ein Loch! Ich kann es noch nicht vergessen! Ich erblickte nur einen Stuhl und eine alte Bratpfanne auf dem Feuer, das war Alles was ich sah. Vor dem Herd lag ein großer, ungeschorener, abscheulicher Pudel und auf einem niedrigen Stuhle saß ein kleines Mädchen und flocht Matten.

Ich sagte, ich interessiere mich für sie und fragte nach ihrem Vater. »Er hat uns seit Jahren verlassen,« sagte das Mädchen. »Und Ihre Mutter?« »Todt!« war die Antwort. Dann stand sie auf, ging zu ihrer kleinen Schwester und spielte mit derem langen blonden Haar. »Das ist gewiss Ihre Schwester. Wie heißt denn die Kleine?« fragte ich. Das Kind blickte von der Flechtarbeit in die Höhe und antwortete: man nennt mich Biondella.

»Warum liegt das hässliche Tier da vor dem Herd?«

»Das ist ja unser lieber Scarammucia,« sagte die Kleine. »Er bewacht das Haus, wenn Nanina nicht zu Hause ist; er tanzt auf seinen Hinterfüßen, springt durch einen Reifen und weiß allerlei Kunststücke. Scarammucia folgte uns eines Tages auf der Straße, es sind nun schon mehrere Jahre her, und seitdem leben wir mit ihm zusammen. Er geht jeden Tag spazieren und sucht sich seine Nahrung, aber Niemand kann ihm nachsagen, dass er ein Dieb ist, er ist nur der geschickteste aller Hunde.« Mit diesen Worten ging das Kind zu dem hässlichen Tiere und liebkoste es. Ich erfuhr denn noch, dass die Nachbarn den Kindern beigestanden haben, als ihr Vater sie verlassen hatte, bis sie soweit waren, sich selbst eine Kleinigkeit zu erwerben. Die Biondella ließ den Hund seine Kunststücke vor mir aufführen, als ich mich ihm aber nähern wollte wies mir das hässliche Geschöpf erzürnt die Zähne und fing zu bellen an.

»Das Mädchen sah so krank aus, als sie hier herein trat. Sieht sie immer so blass aus?«

»Nein, sie ist seit einigen Monaten viel blasser geworden, und ich glaube dass der junge Edelmann einen Eindruck auf sie gemacht hat; denn je länger sie zu ihm geht, je trauriger und kränklicher wird ihr Aussehen.

»Sitzt sie ihm vielleicht?«

»Ja! Er arbeitet jetzt an der Statue einer Nymphe und benutzt den Kopf und das Gesicht Nanina’s als Modell dazu. Sie wollte anfangs durchaus nicht darauf eingehen und machte dem Künstler viele Schwierigkeiten, bevor sie sich dazu hergab.«

»Glaubst Du nicht, dass sie Deine Rivalin werden wird? Die Männer sind oft solche Narren und verlieben sich gerade in Wesen, die man nicht fürchten zu müssen glaubt.«

»Lächerlich! So ein fadenscheiniges Ding, ohne Manieren, ohne Intelligenz, ein Wesen, das kaum den Mund zu öffnen wagt, das weiter nichts besitzt, als einen hübschen Kinderkopf! Die Nanina wird mir nicht gefährlich werden; vielmehr fürchte ich von der Tochter des alten Lomi, ich fürchte mich förmlich, deren Bekanntschaft zu machen. Nanina wird meinen Auftrag ausrichten; ich werde ihr dafür ein altes Kleid schenken, ihr die Hand freundlich drücken und dann sind wir fertig! Da gibt es nichts zu fürchten!«

»Nun, Du verstehst das gewiss besser! Aber ich muss Dir sagen, dass mir stets derartige Wesen durch ihre Unwissenheit und Unschuld am gefährlichsten geworden sind. — Worte einen Augenblick; ich werde das Kleid bald so weit eingerichtet haben, dass die Näherin es übernehmen kann.«

»Klingele, dass die Arbeiterin erscheine ich werde ihr sagen, wie das Kleid weiter gearbeitet werden soll, das heißt, Du wirst es ihr übersetzen, da ich nicht italienisch kann.«

Während Brigitte klingelte, schnitt die französische Geschäftsführerin ein neues Kleid zu und sie lachte als sie sah, wie sich der Seidenstoff unter ihren Händen verringerte.

»Warum lachst Du?« fragte Brigitte »Ich kann mich nicht von dem Gedanken trennen, dass Deine kleine Freundin eine Heuchlerin ist,« entgegnete Virginia.

»Und ich bin überzeugt, dass sie ein Dummkopf ist,« antwortete Brigitte.



Zweites Kapitel

Das Atelier des Meister Luca Lomi bestand aus zwei großen Zimmern, welche durch eine Bretterwand getrennt waren. Eine thorartige Öffnung bildete den Durchgang von dem einen Raum zu dem andern.

Während die Arbeiterinnen der Grifoni moderne Kleider anfertigten, arbeiteten die Bildhauer in Meister Lomi’s Werkstatt in Gips und Marmor. In dem kleinen Raum arbeitete der junge Edelmann, der im Atelier nur Fabio genannt wurde, an einer Büste. Nanina saß als Modell zu dieser Büste vor ihm.

Er hatte nicht den finsteren italienischen Typus, sondern seine Haltung wie sein Aussehen waren frisch, frei und angenehm. Intelligenz glänzte aus seinen Augen und ungezwungen Heiterkeit ließ sich von seinen Lippen lesen. Mit wenigen Worten konnte man ihn als einen talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann bezeichnen.

In dem andern Zimmer arbeitete Meister Luca Lomi an seiner Minerva und sah dabei zuweilen auf die Arbeit seiner Gehilfen, die an andern Bildwerken arbeiteten. Sein Bruder, Pater Rocco, arbeitete in der Nähe der Durchgangs-Öffnung, an der Statue einer Madonna.

Magdalena Lomi hatte eben ihre Sitzung zu dem Gesicht der Minerva beendet und schritt durch das Zimmer, um sich in den kleinen Raum zu begeben.

Die drei Verwandten hatten eine große Familienähnlichkeit, sie waren groß, hübsch, hatten dunkle Augen und schwarzes Haar und ihre Gesichtszüge waren auch sehr übereinstimmend.

Magdalenens Gesicht zeugte von Leidenschaftlichkeit, aber gleichzeitig von Großmut. Ihr Vater verband mit dem leidenschaftlichen Ausdruck noch etwas von versteckter Schlauheit.

Pater Roccos Antlitz zeigte nur Milde und Ruhe. Dem angemessen war auch seine Haltung und seine Bewegung.

Das Gesicht der Tochter Lomi’s ließ vermuten, dass sie in einem Augenblicke bis zur Leidenschaft erzürnt sein konnte, aber in dem andern wieder zu verzeihen verstände.

Auf dem Gesicht ihres Vaters stand: »Ärgere mich und ich werde Dir niemals verzeihen!«

Der Priester sah so aus, als ob er nie erzürnt werden könnte und auch nie dazu kommen würde, Jemand zu erzürnten.

Luca rief seinem Bruder zu: »Sieh nur, Rocco meine Minerva wird Sensation erregen!«

»Ich bin erfreut, das zu hören,« antwortete der Priester trocken.

»Es ist eine ganz neue Art der Kunst,« fuhr Luca fort, »andere Künstler benutzen zu klassischen Gestalten auch stets klassische Gesichter. Ich machte es anders und nahm den Kopf meiner hübschen Tochter als Modell. Sie wird zwar keine ideale Schönheit vorstellen, aber das Gesicht besitzt Individualität. Man wird mir vorwerfen, eigene Wege eingeschlagen zu haben, aber ich wünsche das eben; außerdem finde ich, dass Magdalena einer Minerva gleicht.«

»Die Ähnlichkeit ist wunderbar!« sagte Pater Rocco und trat vor die Minerven-Statue.

»Es ist das Mädchen selbst,« sagte der Vater, »denn es ist kein Haarbreit Unterschied zwischen dem Original und der Minerva.«

»Was wird aber aus dem Körper der Minerva werden?« fragte Rocco.

»Die kleine Nanina hatte mir eben die Adresse einer Frau gebracht, die zu der Minerva sitzen möchte.« entgegnete Luca Lomi.

»Wirst Du das Anerbieten annehmen?«

»Ja, wenn sie die Größe meiner Tochter hat und wenn ihr Körper zu einem Modell tauglich ist. Wer mag sie nur sein? Sie hat Nanina verboten mir weder ihren Namen noch ihre Wohnung zu nennen. Ich halte sie entweder für eine Abenteurerin oder für eine Kunstenthusiasten. Was sagst Du, Rocco?«

»Ich? Nichts! Ich verstehe mich darauf nicht!«

»Wo ist Magdalene?« fragte Lomi

»In Fabio’s Zimmer. Soll ich sie rufen?« fragte Rocco.

»Nein, nein,« entgegnete Lomi schnell.

Dann sah er nach den Gehilfen und ging dann zu dem Priester zurück, diesem zuflüsternd:

»Ich wünschte Magdalene ginge, statt hier in Fabio’s Zimmer, dort drüben in seinen Palast, jenseits des Arno! Rocco, schüttele nicht den Kopf! Ich werde sie zu des reichen Edelmanns Braut zu machen suchen, und Du, heiliger Mann, sollst sie mit dem Ringe und Deinem Segen an ihn für immer fesseln.«

»Ich bin betrübt,« sagte der Priester, »dass Du Dich mit diesen Dingen beschäftigst, Luca, sei vernünftig! Wenn wir allein im Atelier sein werden, will ich mit Dir über den Gegenstand weiter sprechen, jetzt lass mich ruhig arbeiten.«

Luca zuckte mit den Achseln und ging zu seiner Minerva zurück.

Pater Rocco mischte Gips und bereitete sich vor, eifrig zu arbeiten.

Nachdem seine Mischung die gehörige Zähigkeit erreicht haben mochte, durchschritt er den Raum und nahm aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Spiegel, den er versteckt bis zu der Türöffnung trug und ihn dann schnell so befestigte, dass er die Personen im Nebenzimmer beobachten konnte.

Es schien nicht das erste Mal zu sein, dass Pater Rocco dieses Experiment ausführte.

Er knetete aufs Neue in den vor ihm liegenden Gips, hatte aber seine Augen dabei fest auf den Spiegel gerichtet.

Magdalene Lomi stand hinter dem jungen Künstler und beobachtete den Fortschritt seiner Arbeit. Zuweilen nahm sie ihm das Werkzeug aus der Hand und sagte ihm mit ihrem süßesten Lächeln, dass sie als eines Bildhauers Tochter, auch etwas von der Kunst verstehe; dann beugte sie sich zu der Statue, dass sein Haar und das ihrige sich berühren mussten und zeigte ihm Schönheiten oder Fehler an seiner Arbeit.

Pater Rocco senkte den Spiegel um zwei Zoll und nun erblickte er auch Nanina und bemerkte, wie deren Wangen erbleichten und wie krampfhaft sie das Band zerknitterte, welches ihr Kleid zusammenhielt, als Magdalene mit dem jungen Künstler so harmlos umging.

»Sie ist eifersüchtig, ich merke es seit Wochen,« sagte Rocco zu sich.

Er wandte sich nun ab und arbeitete kräftig in seinem Gips. Als er wieder in den Spiegel sah, bemerkte er, dass Magdalene das Werkzeug ergriffen hatte und selbst an dein Haar der Nymphe zu arbeiten begann.

Fabio sah ihr zu, blickte aber dann auf Nanina. Diese sah ihn vorwurfsvoll an, er aber antwortete ihr mit einem Zeichen, welches ihr Gesicht lächeln machte.

Magdalene hatte den Wechsel in dein Gesichtsausdruck des jungen Mädchens bemerkt, und warf ärgerlich das Werkzeug weg und sagte zu dem jungen Bildhauer, der wieder zu arbeiten anfing:

»Signor Fabio, wenn Sie das nächste Mal wieder vergessen wollen, was Sie sich und ihrem Rang schuldig sind, so sagen Sie mir das gefälligst vorher, dann werde ich sogleich Ihr Zimmer verlassen!«

Mit diesen Worten trat sie in das große Zimmer und Pater Rocco hörte, dass sie sagte:

»Ich habe Einfluss auf meinen Vater, dieses Bettelmädchen darf hier nicht mehr länger herkommen!«

»Auch eifersüchtig!« sagte Rocco. »Hier muss Etwas getan werden, sonst endigt die Geschichte schlecht.«

Er sah in seinem Glas, dass Fabio Nanina winkte, sich ihm zu nähern. Sie ging zu ihm, aber er kam ihr schon auf halbem Wege entgegen, ergriff ihre Hand und sagte ihr leise Etwas ins Ohr; dann berührte er ihre Wangen mit seinen Lippen und gab ihr die Mantille über Kopf und Schultern.

Dann trat er zu Rocco ein und sagte: »Ich gebe Nanina heute einen halben Tag frei!«

Magdalene hatte mit ihrem Vater gesprochen, hörte aber sogleich auf, als sie Fabio sah, und mit einem Blick auf Nanina, die zitternd in der Tür stand, verließ sie das Zimmer.

Lomi rief Fabio zu sich und Pater Rocco arbeitete weiter, als er aber Nanina zum Fortgehen bereit sah, fragte er: »Mein Kind, gehst Du nach Hause?«

Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Nimm dies mit, für Deine kleine Schwester,« fuhr Pater Rocco fort, und übergab ihr einige Silbermünzen.

»Ich habe einige Kunden gefunden für die hübschen Flechtarbeiten der Kleinen; Du brauchst sie mir nicht zu schicke, ich werde heute Abend zu Euch kommen, wenn ich meine Pfarrkinder besuche. Du bist ein gutes Mädchen, Nanina, warst immer gut und so lange ich lebe, werde ich Dein Beschützer bleiben.«

Nanina dankte dem Priester mit feuchten Augen; er legte seine Hand auf ihr Haupt, nickte ihr freundlich zu und ging dann zu seiner Beschäftigung zurück.

»Vergessen Sie meine Botschaft an die Dame nicht!« rief Luca Nanina zu, als sie an ihm vorüberging, um das Zimmer zu verlassen.

Nachdem sie fort war, trat Fabio zu dem Priester.

»Morgen wird Ihre Arbeitslust wiederkehren,« sagte Rocco. »Ich hoffe, Sie haben sich nicht über Ihr Modell zu beklagen?«

»Nein,« entgegnete Fabio, »ich beklage mich nicht über sie. Im Gegenteil, sie hat den schönsten Kopf, den ich je sah, und wenn ich noch viel geschickter wäre, würde ich diesen schönen Kopf doch nicht gehörig nachahmen können.«

Mit diesen Worten ging er wieder zu seiner Büste und betrachtete dieselbe ein Weilchen, dann kehrte er in den großen Raum zurück. An der Türöffnung standen drei Stühle, zwei derselben berührte Fabio absichtlich, als er schon vorüber war, kehrte er zurück und fasste auch den dritten Stuhl an der Rückseite an.

Pater Rocco lächelte sarkastisch und sagte: »Signor Fabio, ich hätte Sie nie für abergläubisch gehalten!«

»Meine Amme war es,« entgegnete der junge Mann lachend. »Sie lehrte mich diese albernen Dinge.«

»Abergläubisch!« wiederholte sich Rocco still und ging dann an das Fenster und blickte auf die Straße. Links geht es nach Fabio’s Palast, rechts nach Campo Santa, in dessen Nähe Nanina lebt. Der Priester sah, dass Fabio den Weg rechts wählte.

Nach einer halben Stunde verließen die Gehilfen das Atelier und Rocco war mit seinem Bruder allein.

»Wir wollen jetzt zu der Unterhaltung zurückkehren,« sagte Rocco zu seinem Bruder.

»Ich habe nichts mehr hinzuzufügen,« antwortete Lomi

»So höre aufmerksam zu, was ich Dir sagen werde,« begann der Priester. »Ich verwerfe Deine Absicht, den jungen Mann mit Deiner Tochter zu verbinden, aber noch mehr muss ich diese Absicht verwerfen, weil es nur des Geldes wegen geschehen soll.«

»Du willst mich mit Deinen Phrasen zum Besten haben, aber sie machen keinen besonderen Eindruck auf mich,« entgegnete Lomi. »Magdalene wird durch diese Heirat reich werden, deshalb wünsche ich dieselbe und wir Alle werden Nutzen daraus ziehen.«

»Was sollte mir Wohlstand nützen? Was sind Menschen mit Geld, was ist Geld selbst für einen Mann meines Standes,« sagte der Pater.

»Geld ist für Jeden ein nützliches Etwas,« entgegnete Lomi.

»So? Hast Du schon gehört, dass ich mir je Geld wünschte? Gib mir so viel, dass ich mir das tägliche Brot kaufen, meine Wohnung und die notwendigsten Bedürfnisse bezahlen kann, gib mir noch Einiges für die Armen und ich wünsche darüber hinaus für mich nichts weiter.

»Hast Du mich schon einmal geldbedürftig gesehen? Helfe ich Dir hier nicht unentgeltlich, nur aus Liebe zu der Kunst und aus Liebe für Dich? Habe ich Dich nicht stets nur um einiges Geld für meine Armen gebeten? Was nützt einem Manne Geld, den seine Oberen heute nach Rom oder an das äußerste Ende der Erde schicken dürfen, und welcher auch in jedem Augenblick bereit wäre, ihrem Rufe zu folgen. Was soll einem Manne Geld, der weder Weib noch Kind besitzt und nur die geheiligten Interessen der Kirche zu vertreten hat.«

»Das ist sehr schön und edel, gedacht,« entgegnete Lomi, »aber ich denke anders.«

»Und jetzt erkläre mir doch, weshalb Du dennoch wünschtest, dass Magdalene Fabio heirate, da Du andere Leute, die weniger reich waren als er, und die sich um ihre Hand bewarben, niemals als Magdalenens zukünftige Gatten anerkennen wolltest.«

»Ich sagte Dir das bereits ja vor Monaten!« entgegnete Rocco, »als Fabio zuerst hierher kam.«

»Das war sehr unbestimmt; willst Du es mir heute nicht bestimmter mitteilen?«

»Ja, ich will es! Erstlich gefällt mir der junge Mann; er ist vielleicht etwas launenhaft und unbestimmt, aber er hat keinen Fehler an sich, den er nicht ablegen könnte.

»Außerdem muss ich Dir nun noch sagen, dass Alles, was Fabio von seinen Vorfahren erbte und was er jetzt rechtmäßig sein Eigentum nennen darf — von Betrügereien und Raub an unserer heiligen Mutterkirche ausgeübt, herrührt.«

»Tadele seine Vorfahren dafür, aber nicht ihn!« entgegnete Lomi.

»Ich werde ihn so lange tadeln, bis er diesen Raub zurück erstattet.«

»Woher weißt Du übrigens, dass sein großes Vermögen nur aus dieser Quelle floss?«

»Ich habe sorgfältiger als irgend Jemand die Bürgerkriege Italiens studiert: daher weiß ich es bestimmt, dass die Ahnen Fabio d’Ascolis der Kirche in deren schwachen Tagen viele Schätze abnahmen. So verlor die Kirche Land und Geld, und ich werde Alles daran setzen, dass die heilige Kirche zurück erhalte, was sie verlor.«

»Was antwortet denn Fabio auf diese Forderung, Bruder?«

»Ich habe nie mit ihm über diesen Gegenstand gesprochen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich bis jetzt noch keinen Einfluss auf ihn habe. Hat er ein Weib, so wird dieses für mich handeln.«

»Du denkst an Magdalene, glaubst Du, dass sie das für Dich tun wird?«

»Habe ich sie nicht erzogen? Sie kennt die Pflichten, welche die Kirche verlangt, sehr genau.«

Lomi zögerte, dann sagte er: »Ist die Summe, welche Du der Kirche wieder zuführen willst, bedeutend?«

»Ich werde Dir das später beantworten, Luca,« entgegnete der Priester, »Du weißt jetzt genug, weshalb ich diese Heirat durchaus wünsche, ohne selbstsüchtige Interessen, wie Du sie leider hegst. Von den großen Reichtümern, welche Fabio der Kirche zurückgeben wird, soll auch nicht ein Paoli in meine Tasche wandern. Ich bin ein armer Priester, ich kämpfe nur so eifrig für die Kirche, wie ihr Weltmenschen dies für irdische Güter zu tun pflegt.«

Mit diesen Worten verließ er seinen Bruder und sprach nicht mehr; er ging zu seinem Werktische zurück, zog ein Stück Papier aus dem Tischkasten und schrieb darauf: —

»Komm morgen in das Atelier. Fabio wird hier sein, aber Nanina wird nicht mehr zurückkehren.«

Dann schrieb er die Adresse darauf und übergab den Zettel zusammengefaltet seinem Bruder mit der Bitte, es seiner Tochter abgeben zu wollen. — Das Blatt trug keine Unterschrift.

»Sage mir, Rocco,« fragte Lomi und drehte dabei das Blatt zwischen seinen Fingern, » glaubst Du, dass Magdalene mit Fabio glücklich sein wird?«

»Es ist möglich!« entgegnete Rocco.

»So, nur möglich! Glaubst Du?«

»Ja, wahrscheinlich!« entgegnete Rocco, gab seinem Bruder die Hand und verließ das Atelier.



Drittes Kapitel

Aus dem Atelier begab sich Pater Rocco in seine Wohnung, die dicht bei der Kirche war. Dort angekommen nahm er aus seinem Schranke etwas kleines Silbergeld, prüfte dann eine Liste, auf welcher Namen verzeichnet standen, und steckte dann das Geld, ein kleines Tintenfässchen, Papier und Federn in die Tasche und ging wieder fort.

Er richtete seine Schritte zu dem ärmsten Teil in seiner Nachbarschaft und trat dann in verschiedene elende Hütten, wo ihn die Bewohner ehrfurchtsvoll empfingen. Die Weiber küssten seine Hände mit mehr Ehrfurcht, als wie sie die des größten Herrschers von Europa geküsst haben würden. Der Priester setzte sich an das schmutzige Lager ekelhafter Kranker und spendete sein Geld den Armen, Alten und Dürftigen, begleitet von freundlichen Worten.

Den Kranken verschrieb er Heilmittel und ließ das Geld für dieselben zurück.

Als er die Stätten des Elends verließ, folgten ihm seine dankbaren Pfarrkinder, bis er ihnen freundlich umzukehren riet.

Von dort begab er sich nach Campo Santo und als er zu dem Hause kam, wo Nanina wohnte, stand er gedankenvoll still. Er stieg die Treppen hinan und sah durch die Türspalte, wie die kleine Biondella ihr Abendbrot, bestehend in Brot und Trauben, verzehrte. Scarammucia lag nicht weit davon mit geöffneter Schnauze und erwartete die Bissen Brot, welche die Kleine ihm zuwarf.

Was die ältere Schwester machte, sah der Priester nicht, denn der Hund fing an zu bellen und er durfte nicht länger lauschen.

Nanina ging schnell zu sehen, wer es sei, der zu ihnen wollte, konnte aber nicht sprechen, und Biondella sprang auf und rief:

»Ich danke, Pater Rocco, dass Sie mir soviel Geld geschickt haben! Dort stehen schon die fertigen Decken in der Ecke. Nanina behauptet, Sie dürften sie nicht selbst nach Hause tragen; ich weiß, wo Sie wohnen, darf ich sie Ihnen nicht nach Hause tragen? Sehen Sie nur, Pater Rocco, wie leicht die Decken sind,« sagte das Kind, »ich könnte noch einmal so viel tragen.«

»Kann die Kleine allein so weit gehen?« fragte der Priester. »Ich möchte Dich gern allein sprechen, Nanina, und hätte dazu Gelegenheit, wenn sie fort sein wird.«

»Ja, Pater Rocco,« sagte Nanina mit zitternder Stimme, »das Kind geht oft noch weiter.«

»So gehe denn, mein Kind,« sagte der Priester zu Biondella, »aber komme gleich zurück.«

Das Kind hatte die leichte Bürde auf den Kopf geworfen und ging nun, von Scarammucia begleitet, mit freudeglänzenden Augen fort.

Pater Rocco schloss die Tür und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer, während Nanina auf Biondellas Holzbänkchen Platz nahm.

»Glaubst Du, mein Kind,« fing der Priester an, »dass ich stets Dein Freund gewesen bin und es nur gut mit Dir meine?«

»Mein bester und einziger Freund!« erwiderte Nanina.

»So höre mich an, und wenn ich Dich auch betrüben sollte, so denke, es geschieht zu Deinem Besten. So beantworte mir die Frage, war der Schüler meines Bruders, der Signor Fabio, heute bei Dir?«

Nanina sprang bei dieser Frage erschrocken empor. »Bleibe sitzen, mein Kind, ich tadele Dich nicht, ich bin nur gekommen, Dir zu sagen, was Du in der Zukunft zu tun hast.«

Er ergriff ihre zitternden Hände. —

»Ich frage Dich nicht, was er mit Dir sprach,« fuhr der Priester fort, »weil Du mir das gewiss nicht gern anvertrauen möchtest, aber ich weiß, dass Deine Jugend und Schönheit einen mächtigen Eindruck auf ihn ausgeübt haben. Ich gehe darüber fort und teile Dir nur mit, warum ich gekommen bin. Doch, Nanina, mein Kind, waffne Dich mit Deinem ganzen Mute und versprich mir, dass Du Fabio nicht mehr wiedersehen willst.«

Nanina drehte sich plötzlich zu ihm und fragte: »Nie mehr?«

»Du bist jung und unschuldig,« fuhr Rocco fort, »Hast Du nie an den Unterschied gedacht, der zwischen Dir und Signor Fabio besteht? Sicher sagtest Du Dir schon, dass er zu den Reichen und Mächtigen dieser Erde gehöre, Du aber zu den Geringen und Armen gehörst?«

Naninas Hand fiel auf die Knie des Priesters und ihr Kopf senkte sich darauf und sie weinte bitterlich.

»Dachtest Du schon daran, Nanina?«

»Oft, sehr oft! Ich durch-weinte deshalb manche Nacht, und wenn er über meine geisterbleiche Farbe sprach, so sagte ich ihm, dass ich trauere und weine. —«

»Was sagte er Dir darauf?«

Nanina zögerte.

Der Priester nahm ihren Kopf in seine Hände und sagte: »Vertraue Dich mir an, mein Kind. Betrachte mich als Vater und Freund. Sprich doch! Sprich!«

»Er sagte, ich sei eine gebotene Dame, und was mir fehle, könnte ich noch erlernen, wenn ich geduldig sein würde. Wenn alle adligen Damen Pisas sich an der einen Seite aufstellten, damit er eine von ihnen erwähle, an der anderen aber nur die kleine Nanina, so würde er auf diese zeigen und sprechen »Du sollst mein Weib werden!« Er sagte, Liebe frage nicht nach Rang. Er ist so gut, dass ich stets glaube, das Herz wird mir zerspringen, wenn er so spricht. Meine kleine Schwester liebt ihn auch herzlich und sitzt oft auf seinem Schoße, selbst unser treuer Pudel liebt ihn, so oft er kommt, läuft er ihm freudig entgegen. O Pater Rocco!«

Mit diesen Worten weinte das junge Mädchen, auf die Knie des Priesters mit ihrem Kopfe gestützt weiter.

Rocco lächelte und fragte: »Glaubst Du, dass das Alles wahr ist, was er zu Dir sagt?«

Nanina sah den Priester verwundert an. — Dann sagte sie:

»Eher wollte ich hier auf der Stelle sterben, als eines seiner Worte bezweifeln.«

»Ich hielt das Mädchen für weniger energisch,« sagte Rocco zu sich selbst. —

»Nun, ich zweifle ja auch nicht an der Wahrheit seiner Worte,« fuhr der Priester fort. »Nehmen wir einmal an, Du hättest Dir nun Alles Dasjenige angeeignet, was eine Dame wissen muss, die Fabios Frau werden will; nehmen wir an, er hätte Dich schon geheiratet. Würdest Du und er dann glücklich sein?«

»Er hat zwar weder Vater noch Mutter, die seine Handlungen tadeln könnten, aber er hat Freunde, Nanina, die Deinen Wert nicht zu schätzen wissen, diese würden Deinen Mann mit seiner Wahl necken. Er würde gewiss nicht die Geduld besitzen, diese Neckereien ohne Unwillen anzuhören und würde sich unglücklich fühlen. Du, mein Kind, würdest von den Frauen aus dem Adel verächtlich behandelt werden. Alles dieses würdet ihr zu tragen bekommen. Er hat mit der Welt verkehrt seit seiner Geburt, weil er mitten in Glanz und Reichtum geboren wurde, er muss auch weiter leben mit dieser schnöden Welt! Schade! Ich weiß, Du liebst ihn!«

Sie weinte und sagte: »Ja, ja, über Alles!«

»Du liebst ihn, aber Deine Liebe würde ihn nicht für das entschädigen, was er Deinetwegen aufgeben müsste. Denke, Nanina, an den ersten Tag, an welchem er seine Heirat bereuen würde! — Wir sind ja nicht stets Herr unserer Gefühle. Mein Kind, mein armes, unwissendes Kind, Du kennst diese böse, strenge Welt noch nichts Lass Dich warnen!«

Nanina streckte ihre Hände verzweiflungsvoll nach dem Priester aus.

»O, Pater Rocco, warum sagen Sie mir das Alles!« rief sie aus.

»Weil ich es Dir lieber zu früh, als zu spät sagen wollte. Bringe das Opfer der Entsagung, aus Liebe zu Fabio.«

»Ich würde für sein Wohl sterben!« sagte das Mädchen.

»So bringe ein kleines Opfer und verlasse morgen früh Pisa!«

»Pisa verlassen?« rief Nanina aus.

»Höre auf mich! Man sagt mir, Du wüsstest nicht gut mit dem Nähen beschied. Du sollst es jetzt erlernen. Ich selbst will Dich und Biondella morgen nach Florenz führen.«

»Ich versprach aber Fabio, dass ich um zehn Uhr im Atelier sein wollte, wie kann ich? —«

Sie fühlte, dass sie nicht weiter zu sprechen vermochte.

»Ich will Dich und Deine Schwester selbst nach Florenz bringen,« fuhr der Priester fort, ohne aus das zu achten, was Nanina gesprochen hatte. »Ich werde Dich zu einer Dame bringen, die Dir und Deiner Schwester Mutter sein wird. Sie wird Euch so viel lehren, dass Ihr beide bald unabhängig werdet leben können. Nach drei Monaten wirst Du dann nach Pisa zurückkehren. Drei Monate sind ja keine lange Verbannung.«

»Fabio! Fabio!« rief das weinende Mädchen.

»Es geschieht ja zu seinem Glück,« antwortete der Priester.

»O, was wird er denken, wenn ich so fort gehe. Könnte ich doch nur schreiben, ich wollte Fabio einen Brief senden.«

»Ich werde ihm das Alles erklären,« besänftigte Pater Rocco.

»Ach, ich kann ihn nicht verlassen! Ich kann es nicht!«

»Du sollst auch noch bis morgen um neun Uhr Bedenkzeit haben, Nanina,« sagte der Priester, »dann gib mir ein Zeichen mit Deiner weißen Mantille von Deinem Fenster aus, ich weiß dann dass Du entschlossen bist, Fabio durch Deine Entsagung zu nützen, und Dich selbst vor Kummer zu bewahren.«

Der Priester ging. —

Nicht weit von dem Hause begegneten ihm Biondella und der Hund. Das kleine Mädchen blieb stehen und berichtete, dass sie die Decken abgegeben habe. Der Priester nickte ihr freundlich zu und ging weiter.

Gegen neun Uhr am andern Morgen, war Pater Rocco schon in der Straße, wo die Schwestern wohnten. Aus seinem Wege war ihm ein Hund begegnet, der auf eine elegant gekleidete Dame zu lief und ihr heulend die Zähne zeigte. Die Dame ging indes mutig an dem Tiere vorbei. Pater Rocco betrachtete sie neugierig als sie an ihm vorüber kam. Sie war hübsch; er bewunderte ihren Mut.

»Ich kenne das Tier,« sagte er, »aber wer mag die Dame sein?«

Der Hund war Scarammucia, der von seinem Morgenstreifzuge heimkehrte; die Dame, Brigitta, die sich zu Luca Lomi begab. —

Der Priester blicke urverwandt nach Nanina’s kleinem Fenster, dasselbe war geöffnet, aber weder die eine noch die andere Schwester zeigte sich. Es schlug neun. Noch immer kein Zeichen! — So vergingen noch einige Minuten. Sie zögert lange, sagte der Priester. Als diese Worte ausgesprochen waren, flatterte die weiße Mantilla aus dem Fenster.



Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der Meisterstreich der Modistin Grifoni war zwar gelungen, aber er bewahrte das große Etablissement nicht vor weiteren Unannehmlichkeiten; denn als Virginie acht Tage in dem Geschäft war, wurde sie krank.

Verschiedene Gerüchte gingen über diese Krankheit durch Pisa. Einige behaupteten, die neue Geschäftsführerin habe Gift erhalten; vielleicht von irgend einer Rivalin. — Die Krankheit war so ernster Natur, dass der Doktor die Genesene nach den Bädern von Lucca sandte, sobald es ging.

Glücklicher Weise hatte die Französin drei verschiedene Kleider vor ihrer Krankheit angefertigt, ein gelb seidenes Brokat-Kleid für eine Abendtoilette, einen schwarzen Mantel mit dazu gehöriger Kopfbedeckung vom allerneuesten Schnitt, und drittens, ein phantastisches Überkleid nach dem Schnitt, wie es die Prinzessin bei der Bluthochzeit in Paris getragen haben soll. Diese drei Gegenstände wurden nun in dem Verkaufslokale der Modistin gezeigt und die Damen von Pisa bewunderten und bestellten.

Die Direktrice blieb zwei Monate in Lucca und kehrte neu gestärkt nach Pisa zurück, um ihren Platz bei der Grifoni wieder auszufüllen.

Aber sie fand Manches verändert.

Ihre Freundin Brigitte hatte das Etablissement verlassen, trotzdem die Grifoni sie gern behalten hätte. Niemand konnte sagen, wo Brigitte sich aufhielt.

Monate vergingen. Es kam das neue Jahr, aber man hörte noch immer nichts von dem Flüchtling. Ja, es verging ein ganzes Jahr darüber, aber Brigitte blieb verschwunden. Gleich nachdem kam ein Brief an Virginie, in welchem Brigitte ihre Rückkehr nach Pisa anzeigte und den Wunsch aussprach, ihre Freundin Abends in ihrer Privatwohnung besuchen zu dürfen.

Die Einladung erging und Brigitte erschien auch pünktlich in dem Wohnzimmer ihrer Freundin. Brigitte fragte so leichthin nach dem Befinden ihrer Freundin, als wenn sie dieselbe vor einigen Tagen zum letzten Male gesehen habe.

Virginie lachte herzlich darüber und sagte: »Man nannte Dich stets im Geschäft der Grifoni »die Sorgenfreie!«

»Sage mir nur, wo bist Du gewesen? und warum hast Du nicht geschrieben?«

»Ich hatte Dir nichts Besonderes zu schreiben und dann hoffte ich auch, dass ich Dich hier bald wiedersehen würde,« antwortete Brigitte und lehnte sich behaglich in ihren Stuhl zurück.

»Also gut! Aber sage mir wenigstens, wo Du in dem ganzen Jahre gewesen bist? Warst Du in Italien?«

»Nein, in Paris. Du weißt ich singe, zwar nicht besonders, aber Du entschuldigst, wenn ich Dir sage, dass die Französinnen gar nicht singen können! Ich begegnete einer Freundin und diese stellte mich einem Theater-Direktor vor. Er engagierte mich und ich wurde auf seiner Bühne zwar nicht die Prima Donna, doch erhielt ich die zweiten Partien.

»Da Deine liebenswürdige Landsmännin mir auf der Bühne nicht schaden konnte, so intrigierte sie hinter meinem Rücken, wenn wir unbeschäftigt waren. In kurzer Zeit zankte ich mich nach einander mit dem Theater —Direktor, mit seiner Gattin, mit meiner Freundin, und so siehst Du mich nun wieder hier in Pisa mit wenig Geld im Beutel und ohne Plan für die nächste Zukunft.«

»Warum verließest Du uns?« erwiderte Virginie achselzuckend.

Brigittens Augen verloren den gleichgültigen Ausdruck, sie sah ihre Freundin bedeutungsvoll an und sagte: »Warum? — Jedes mal, wenn ich sehe, ich werde das Spiel verlieren, so gebe ich es vorher auf, um nicht geschlagen zu werden.«

»Ah, Du meinst, es war unmöglich, den jungen reichen Bildhauer zu fischen,« entgegnete Virginie. »Ich bin begierig, zu hören, was aus der ganzen Angelegenheit geworden ist. Du weißt, ich wurde krank und erfuhr bei meiner Rückkehr von Lucca nur, dass der junge Mann die Tochter des Bildhauer Lomi geheiratet habe. Daraus folgerte ich natürlich, dass Du die Partie verloren, Magdalene Lomi dagegen dieselbe gewonnen habe. —«

»Sage mir, ist das Paar glücklich, Virginie?«

»Man spricht wenig darüber. Sie hat alles, was ihr Herz sich wünschen mag: schöne Toiletten, Pferde und Wagen, einen kleinen Neger zum Bedienten und den reizendsten Bologneser als Schoßhündchen. Außerdem ist sie jetzt Mutter geworden. — Das Kind ist noch keine Woche alt.«

»Ich hoffe, es ist kein Knabe?«

»Nein, ein Mädchen.«

»Das freut mich! Das reiche Volk wünscht sich zuerst immer einen Stammhalter. Die werden Beide ärgerlich sein, dass es ein Mädchen ist, und das freut mich außerordentlich!«

»Wie vergnügt Du darüber zu sein scheinst,« sagte Virginie »Deine Augen glänzen ja förmlich.«

»Ja, ich freue mich über Alles, was denen unangenehmes geschieht, denn, ich hasse Beide über jede Schilderung! Doch jetzt sollst Du erfahren was vorging, sage mir nur erst, wie sich die Wöchnerin befindet.«

»Wie sollte ich das wissen?« entgegnete Virginie

»Modistinnen verkehren nicht mit Edelleuten, das weißt Du ja.«

»Richtig! Weißt Du nichts über unseren Dummkopf Nanina?«

»Ich habe weder von ihr gehört noch sie gesehen,« antwortete Virginie. »Es ist möglich, dass sie in Pisa ist. Hier bei uns war sie nicht mehr.«

»Das ließ sich voraussehen! Pater Rocco hat sie gewiss beseitigt, damit sie seiner Nichte nicht im Wege sei.«

»Was,« fragte die Geschäftsleiterin, »liebte Fabio dieses fadenscheinige Mädchen wirklich?«

»Mehr als fünfzig solche Weiber, wie er jetzt eins hat!« entgegnete Brigitte.

»Ich war in dem Atelier, als er die Abreise des Mädchens erfuhr.«

»Fabio erhielt einen Brief, in welchem ihm das Mädchen mitteilte, dass sie Pisa verlassen habe, weil sie nicht wollte, dass er mit seinen Bekannten und Freunden in Disharmonie gerate; denn das würde sicher geschehen, wenn er sie, die Arme, heiraten würde, wie er ihr versprochen habe. Natürlich wollte er durchaus nicht daran glauben, dass dies ihre Ansichten seien und er verdächtigte auch sogleich Pater Rocco, der mit dem jungen Mädchen gleichzeitig Pisa verlassen hatte. Ich sah nie einen Menschen in solcher Verzweiflung wie Fabio. Er schwor, dass er ganz Italien nach dem Mädchen durch forschen wollte und dass er Luca Lomi’s Atelier nie wieder betreten werde.«

»Was das Letzte betrifft, so hielt er sein Wort sehr schlecht,« warf Virginie ein.

»Als ich wieder in das Atelier kam, entdeckte ich zwei Dinge. Erstlich, dass Fabio das arme Mädchen wirklich geliebt hatte und zweitens, dass Magdalene Lomi in ihn verliebt sei. Ich stellte Vergleichungen zwischen mir und Magdalena an und fand, dass meine Figur hübscher sei als die ihrige; sie war groß, aber nicht schön gebaut; aber ihre Augen waren dunkler und glänzender als die meinigen, ihr Haar wie die Einzelheiten ihres Gesichtes waren schöner als die meinigen; denn meine Nase ist kurz, meine Lippen sind zu dick und meine Oberlippe hängt zu weit auf die Unterlippe; kurz, ich besitze Fehler im Gesicht, von denen sie frei ist; und dann hatte sie auch viel mehr Gelegenheit, den jungen Narren für sich zu gewinnen, als ich —«

»Wie?«

»Als er über den Verlust seiner Geliebten in dem Atelier auf und ab rannte, stand Magdalene mit niedergeschlagenen Augen schweigend da. Sie hatte die Nanina sicher gehasst, aber sie zeigte es nicht und das war sehr klug! — Wohin das Mädchen gekommen, ist bis jetzt nicht aufgeklärt.

»Ich suchte zunächst die Gunst des alten Lomi zu gewinnen und erzählte ihm, dass ich von meiner zartesten Kindheit an die Bildhauerkunst geliebt habe, und da ich nun in Erfahrung gebracht, dass ihm ein Modell zu einer Minerva fehle, sei ich gekommen, nur der Ehre, nicht des Geldes wegen, ihm zu sitzen. Ich weiß zwar nicht, ob er mir das glaubte, aber er fand, dass ich zu einer Minerva tauglich sei und nahm mit großer Höflichkeit mein Anerbieten an. Wir trennten uns mit der Verabredung, dass ich ihm im Laufe der Woche zum ersten Male sitzen möge. —«

»Warum wurde so viel Zeit dazwischen gelegt?«

»Ich wollte, dass der junge Verliebte schon wieder im Atelier sei, wenn ich dort beschäftigt sein würde. Was sollte ich denn ohne ihn dort? Das wäre ja ganz zwecklos für mich gewesen.«

»Ja, ja, ich vergaß. Wie lange dauerte es denn, bis er wieder kam?«

»Ich hatte ihm sogar zu viel Zeit gegeben; — als ich meine erste Sitzung hielt, fand ich ihn bereits wieder anwesend, und ich hörte, dass er schon ein Mal im Atelier gewesen sei, seit Nanina verschwunden war. Die erregendsten Männer sind ja immer am leichtesten zu versöhnen.«

»Machte er keine weiteren Anstrengungen das Mädchen aufzusuchen?«

»O ja, aber ohne Erfolg. Vier Tage ernsten Nachdenkens hatten ihn indes geheilt. Luca Lomi hatte ihm einen Versöhnungsbrief geschrieben, und gefragt, was er und seine Tochter Tadelnswertes begangen hätten, selbst in der Voraussetzung, dass Pater Rocco Nanina aus Pisa geführt habe. Magdalene war dem jungen Manne dann auf der Straße begegnet und hatte ihn nicht angesehen. — Kurz, er kehrte ins Atelier zurück, arbeitete still und ernst und schien über den Priester sehr erzürnt zu sein.«

»Ich bin begierig zu hören, wie Rocco sich rechtfertigte.«

»Pater Rocco ist nicht der Mann dazu, mutlos gemacht zu werden; denn an demselben Tage als Fabio ins Atelier zurückkehrte, besuchte der Priester dasselbe auch wieder zum ersten Male. Und er behauptete sogar, dass Nanina wie ein rechtschaffenes, gutes Mädchen gehandelt habe und er würde gewiss nichts über ihr Verschwinden berichten. Ja, er sagte, dass er Niemandem das Recht zugestehe, ihn darüber weiter zu befragen. Bitten, Drohungen, Alles war vergeblich dem Priester das Geheimnis abzuringen wo Nanina sich aufhalte. Du kannst glauben, Virginie Pater Rocco kann der liebenswürdigste und gefälligste Freund, aber auch der gefährlichste Feind sein. — Mich behandelte der Priester stets wie eine Dame, während andere mich wie eine — behandelten.«

»Still, stillt Werde nicht ärgerlich, Brigitte, und erzähle mir, wie Du Dich dem jungen Mann nähertest.«

»Ich schlug den verkehrtesten Weg dazu ein; ich teilte ihm mit, dass ich Nanina kenne, dann sagte ich ihm, dass sie ihn wohl nie geliebt hätte, denn einen Geliebten zu verlassen, sei etwas Unmögliches; wahrscheinlich habe er einen glücklicheren Rivalen gehabt. Er bestritt dies ernstlich und sehr eifrig, aber nachdem ich seinen Stolz verletzt hatte, gewann ich doch einiges Terrain für mich. — Es schien, als wollte er bekannter mit mir werden. —

»Der alte Lomi merkte Etwas und wurde kalt und zurückhaltend gegen mich; zuletzt sogar grob und rau, — Eines Tages hörte ich, dass Fabio und Magdalene über mich sprachen, als sie mich schon aus dem Atelier entfernt glaubten. Ich kann noch jedes ihrer Worte wiederholen und ich fühle noch heute, dass mein Blut heißer fließt, wenn ich an jene Unterredung denke. Erstlich lachten sie über mich und dann —«

»Still, Brigitte, nicht so laut, man könnte Dich hören! Ich kann mir denken was sie sprachen. Sie hatten entdeckt, wer Du bist?«

»Ja, und denke Dir, Alles durch sie, Alles durch Magdalene!

»Dann beschlossen sie, dass mich der Priester öffentlich rügen und zur Tür hinaus werfen sollte, da er stets so freundlich gegen mich war! Sie sagten, dass er erschrocken über mich gewesen sei, als sie ihm mitgeteilt, wer ich eigentlich sei. Dann lachten sie wieder laut auf.

»Das war das Letzte, was ich vernahm.

»Ich kehrte mich, wütend, mit dem Entschluss um, das Atelier nie wieder zu besuchen und — Pater Rocco stand hinter mir.

»Er musste es meinem Gesicht ansehen, dass ich Alles wusste. — Er fragte mich jedoch in seiner alten herzlichen Weise, ob ich Etwas verloren habe, und ob er mir sollte suchen helfen. Ich versuchte ihm zu danken und ging zur Tür. Er öffnete mir dieselbe und verbeugte sich vor mir so tief, als wäre ich eine Gräfin. — Es war Abends als ich das Atelier verließ. Am nächsten Morgen kehrte ich Pisa den Rücken.

»Jetzt weißt Du Alles!«

»Wusstest Du es, dass die Hochzeit zu Stande kam, oder erfuhrst Du es erst jetzt?«

»Ich weiß es bereits seit sechs Monaten. Es kam ein Sänger nach Paris, der in einem Konzert bei der Hochzeitsfeierlichkeit mitgewirkt hatte. Aber lassen wir diesen unangenehmen Gegenstand jetzt fallen; ich gerate stets in Fieber, wenn ich darüber spreche,« sagte Brigitte. »Du bist wohl hier nicht in besonders guten Verhältnissen? Dein Zimmer ist sehr eng und dürftig.«

»Soll ich ein Fenster öffnen?«

»Nein,« entgegnete Brigitte, »komm, lass uns ans Ufer des Arno gehen, es ist schon dunkel, Niemand wird uns erkennen und nach einer halben Stunde werden wir hierher zurückkehren.«

Virginie ging auf den Vorschlag ihrer Freundin ein und beide gingen fort.

Die Sonne war untergegangen und die Nacht kam schnell. Obgleich Brigitte kein Wort mehr von Fabio sprach, so lenkte sie ihre Schritte doch in die Nähe des Palastes Fabio d’Ascolis.

Als sich die beiden Frauen eben dem Eingangsthor näherten, kam von der anderen Seite eine Sänfte; ein Diener, der sie begleitete, ging in den Palast, während die Dame in dem Innern der Sänfte sitzen blieb.

Brigitte schlüpfte mit durch die geöffnete Tür und hörte den Diener das Folgende zu dem Portier sprechen:

»Die Marchese Melani lässt sich erkundigten wie sich die Gräfin d’Ascoli und das Kind heute Abend befinden?«

»Meiner Herrin geht es noch so wie heute Morgen, aber das Kind befindet sich wohl,« antwortete der Portier.

Der Diener ging zu der Sänfte zurück und begab sich dann noch einmal zu dem Portier.

»Die Frau Marchese wünscht zu wissen, ob noch weitere medizinische Hilfsmittel angewendet wurden?«

»Es ist noch ein Doktor aus Florenz berufen,« antwortete der Portier.

Virginie vermisste ihre Freundin plötzlich und sie war nicht wenig erstaunt, als sie sah, dass diese aus dem Palast schlüpfte.

Bei dem Lichte der Laterne sah man, dass Brigitte lächelte.



Zweites Kapitel

Während Marchese Melani sich nach dem Befinden der Wöchnerin erkundigte, saß Fabio in dem Wohnzimmer, welches als ein Lieblingsaufenthalt Magdalenens galt. Dasselbe war mit gelb seidenen Tapeten und mit gelb überzogenen Sesseln ausgestattet. Der junge Mann wartete auf den Ausspruch des Arztes.

Obgleich Magdalene nicht seine erste Geliebte war, und obgleich ihm das Mädchen nur durch Schlauheit zugeführt worden war, so schien die Ehe dennoch eine ziemlich glückliche zu sein.

Seine Frau verstand es, sich in seine Launen zu schicken und bewies ihm stets erst dann sein Unrecht, wenn er wieder ruhiger war. Sie war früher eifersüchtig gewesen, aber jetzt zeigte sich keine Spur dieser Leidenschaft mehr. Sie war nun die Mutter seines Kindes geworden und das Band der Liebe hätte sich von jetzt ab gewiss noch fester um die Gatten geschlungen; aber Magdalene lag nun gefährlich krank, und der junge Mann harrte ängstlich darauf, was der Doktor sagen würde.

Er läutete und es wurde ihm Licht gebracht.

Er fragte den Diener, wie es in dem Krankenzimmer stehe. Der Mann berichtete, dass die Gräfin schliefe; mit diesen Worten legte er einen versiegelten Brief auf den Tisch. Fabio fragte: wann derselbe angekommen sei. Er erhielt die Antwort, dass er bereits seit zwei Tagen auf dem Schreibtische des Ateliers gelegen habe und dass er ihn jetzt noch einmal übergebe.

Der Diener ging.

Fabio erinnerte sich daran, dass der Brief mit der unbekannten Handschrift vor zwei Tagen angekommen sei; da aber seine Gattin damals gerade so sehr leidend gewesen war, so hatte er ihn unbeachtet liegen lassen. Er öffnete den Brief und sah nach der Unterschrift.

Er kam von Nanina.

Er erbleichte: »Ein Brief von ihr! Warum kommt er gerade jetzt?« Er blickte nach der Richtung des Krankenzimmers und zögerte mit dem Lesen. Fabio war ja abergläubisch. — Doch er las:

»Habe ich Unrecht Ihnen zu schreiben?

»Gut, so werfen Sie das Stück Papier ins Feuer und denken Sie nicht weiter daran. Warum ich Sie verließ? Damit Sie das arme Mädchen nicht heiraten sollten. Mein Herz wollte zwar brechen, doch ich erhielt mich bei der Erinnerung, dass dies zu Ihrem Wohle geschehe. Ich dachte Tag und Nacht daran.

»Oft beschloss ich nach Pisa zurückzukehren und Ihnen zu sagen, dass Nanina nicht herzlos und undankbar sei, dass Sie Mitleid mit ihr haben und sie nicht länger lieben möchten.

»Ich konnte Ihnen das nur mündlich sagen, da ich nicht zu schreiben verstand. Ich lernte es jetzt erst heimlich. Dann schrieb ich meinen ersten Brief an Sie; als er beinahe vollendet war, erfuhr ich, dass Sie geheiratet haben, da verdarb ich das Schreiben mit meinen Tränen und schrieb nicht weiter.

»Ich hatte ja kein Recht, Sie und Ihre Gattin mit einem Briefe zu belästigen, ich durfte nur für Ihr Glück beten. Sind Sie glücklich? Ich nehme es an, denn welche Frau sollte Sie nicht lieben?

»Es wird mir sehr schwer, Ihnen zu sagen, warum ich nun doch schreibe.

Ich hörte, Ihnen sei ein Kind geboren und ich dachte, bei dieser Gelegenheit ist es wohl geeignet, dass ich Ihnen schreibe. Ich wünsche dem Kind Glück und Heil!

»Ich lebe bei guten Leuten und verdiene mir das tägliche Brot. Die Biondella ist nun so gewachsen, dass sie nicht mehr auf Ihren Schoß gehen müsste, um Sie zu küssen; ihre Decken versteht sie jetzt schon viel schöner und feiner zu flechten. Unser alter Hund lebt noch bei uns und hat zwei neue Kunststücke zu erlernt.

»Ich muss schließen. Wenn Sie den Brief bis zu Ende lesen sollten, so entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Er enthält keine Adresse, weil ich finde, es ist besser, wenn ich keine Antwort erhalte. Ich segne Sie und bete für Sie und sage Ihnen ein Lebewohl. Können Sie an mich wie an eine Schwester denken, so tun Sie es zuweilen.«

Fabio seufzte bitterlich, als er den Brief gelesen hatte. Warum muss der Brief gerade jetzt kommen, sagte er. Tränen kamen in seine Augen. Er hob den Brief eben zu seinen Lippen auf, da wurde an die Tür geklopft. Ein Diener trat ein.

»Meine Herrin ist erwacht,« sagte der Mann mit sehr ernstem Gesicht, »und der Herr Doktor —«

Bevor er noch seine Botschaft ausrichten konnte, trat der Arzt auch in das Zimmer.

»Ich wünschte, ich könnte Ihnen bessere Nachrichten bringen,« sagte er zu Fabio.

»Hat sich die Krankheit verschlimmert?« fragte der junge Ehemann und sank in seinen Sessel zurück.

»Sie ist nach dem Schlafe viel schwächer geworden,« antwortete der Doktor. »Ich gebe freilich noch nicht alle Hoffnung auf, aber —«

»Warum sollen Sie sich mit falschen Hoffnungen trösten,« sprach der zweite Arzt, den man aus Florenz berufen hatte und der eben auch ins Zimmer trat, »die Gräfin liegt im Sterben. Kommen Sie zu ihr!«

Bleich und stumm erhob sich Fabio und machte eine bejahende Bewegung. Der Doktor musste ihn führen, so zitterte er am ganzen Körper.

»Hat Ihre Herrin Verwandte in Pisa?« fragte der fremde Doktor den Diener.

»Ihren Vater, den Signor Luca Lomi und ihren Onkel, den Pater Rocco,« entgegnete der Mann. »Sie waren beide heute hier, bevor die Kranke einschlief.«

»Können Sie sie herbeirufen?«

»Ja, Signor Lomi ist in seinem Atelier, Pater Rocco in seiner Wohnung.«

»So schicken Sie gleich nach ihnen! Wo wohnt der Beichtvater der Dame?« setzte der Doktor hinzu.

»Ihr Beichtvater ist Pater Rocco.«

»Gut! So holen Sie sie schnell. Es sind nur noch wenige Minuten, die Ihre Herrin zu leben hat.«

Der Doktor setzte sich dann in den Stuhl, den Fabio so eben verlassen hatte.



Drittes Kapitel

Bevor noch der Diener die Wohnung des Priesters erreicht hatte, ließ sich ein anderer Besuch anmelden, der auch sogleich von Pater Rocco empfangen wurde. Der Angekommene war ein außerordentlich sauber gekleideter Mann mit einer etwas kriechenden Höflichkeit. Er verbeugte sich, als er sich niedersetzte, verbeugte sich als Pater Rocco fragte, wie es ihm gehe und verbeugte sich zum dritten Male, als der Priester fragte, was ihn von Florenz nach Pisa führe.

»Sehr unangenehme Dinge,« antwortete der kleine Mann und räusperte sich erst noch ein Weilchen, »die Kleidermacherin Nanina, welche Sie vor einem Jahre unter die Aufsicht meiner Frau stellten —«

»Was ist mit ihr?« fragte der Priester.

»Sie hat uns leider mit ihrer kleinen Schwester und dem abscheulichen Hund, der Jedermann anbellt, verlassen.«

»Wann gingen sie von Ihnen?«

»Erst gestern und heute bin ich gekommen, dies anzuzeigen, weil Sie uns die Mädchen so angelegentlich empfohlen haben. Meine Frau war sehr gut zu ihnen und ich habe sie wie Fürstinnen behandelt. Ich kaufte die Decken, welche die Kleinere flocht und ertrug geduldig den unangenehmen Hund.«

»Wissen Sie nicht, wo sie sind?«

»Ich erfuhr auf dem Paß-Büreau, dass sie Florenz noch nicht verlassen haben, aber wo sie sich aufhalten, weiß ich nicht.«

»Sie können Sie nicht ohne Ursache verlassen haben! Nanina ist viel zu verständig dazu. Ist kein Grund dafür zu finden?«

Der kleine Mann besann sich und rückte hin und her auf seinem Sitze. Endlich sagte er:

»Sie empfahlen uns das Leben und die Handlungen des jungen Mädchens streng zu bewachen. Wir meldeten Ihnen nun vor einiger Zeit, dass sie heimlich Schreibunterricht nähme.«

»Ja, und ich schrieb Ihnen, dass Sie keine Notiz davon nehmen möchten, sondern Sie sollten sich nur darum bekümmern, was sie mit der erlernten Kunst machen würde, ob sie vielleicht an Jemand schreiben würde; allein in ihren monatlichen Berichten las ich nichts weiter darüber.« —

»Es geschah auch bis vor drei Tagen nichts Verdächtiges. Aber sie verließ an diesem Tage ihr Zimmer, begab sich auf die Post und steckte einen Brief in den Postkasten.« —

»Sie wissen doch genau die Adresse, an die der Brief ging?« fragte der Priester.

»Unglücklicher Weise nicht!« antwortete der Kleine.

Pater Rocco antwortete nicht. Er dachte vielmehr darüber nach, an wen das Mädchen geschrieben haben könnte. An Fabio hätte sie sicher früher geschrieben, — da es nun wahrscheinlich nicht an Fabio war, so besann sich der Priester auf eine andere Person.

»Ich bedauere recht sehr, dass ich die Adresse nicht angeben kann,« sagte der Mann noch ein Mal.

»Es ist zu spät zum Bedauern,« entgegnete Pater Rocco kühl. »Teilen Sie mir gefälligst schnell die Beweggründe und die Umstände mit, unter denen sie Ihr Haus verließ; aber fassen Sie sich recht kurz, denn ich kann in jedem Augenblick zu einer teuren, mir verwandten Kranken gerufen werden.«

»Ich werde die Kürze selbst sein,« begann der Mann.

»Zuerst müssen Sie erfahren, dass ich einen faulen, gewissenlosen Schurken als Lehrling in meinem Geschäft hatte.«

Der Priester blickte erschrocken in die Höhe. —

»Zweitens mögen Sie erfahren, dass dieser niederträchtige Bursche sich in Nanina verliebte.«

Pater Rocco lauschte aufmerksam.

»Allein ich muss dem Mädchen nachsagen, dass sie den Burschen nicht dazu ermutigt hat. Im Gegenteil, Jedes mal, wenn er mit ihr sprach, antwortete sie ihm sehr kurz.«

»Sie war stets ein sehr gutes Mädchen!« entgegnete Pater Rocco. »Doch weiter!«

»Das Schlimmste ist, dass dieser schurkische Bursche meine Papiere durchstöbert hat.« —

»Sie haben doch keine Privatbriefe offen liegen lassen?« fragte der Priester sehr ernst.

»Das soll in Zukunft nicht mehr geschehen, aber bis jetzt waren Briefe darunter.« —

»Hoffentlich keine von mir über Nanina?« fragte Rocco hastig.

»Unglücklicher Weise waren die auch dabei. Entschuldigen Sie mir dies eine Mal meine Unvorsichtigkeit,« sagte der kleine Mann. »In Zukunft, —«

»Solche Unvorsichtigkeit finden gar keine Entschuldigung,« antwortete der Priester ärgerlich.

»Wenn der abscheuliche Bursche nun dem Mädchen die Briefe gezeigt hat? Wie dann?«

»Warum sollte er das?« fragte der kleine Mann harmlos.

»Dummkopf! Sie sagten ja, dass er sich in sie verliebt habe und dass das Mädchen ihn nicht erhört habe.«

»Ja, das sagte ich, weil es so war!«

»Nun, sehen Sie denn nicht ein, dass er das Mädchen vielleicht durch ein solches Mittel für sich gewinnen wolltet Er hat ihr sicher gesagt, dass ich sie durch Sie überwachen lasse. Doch, kommen wir jetzt schnell zur Hauptsache! «

»Woher vermuten Sie, dass das Mädchen den Inhalt meiner Briefe an Sie kennt?«

»Am Abend, als die Drei mein Haus verlassen hatten,« begann der Mann wieder, »fand ich auf dem Tische ihres Zimmers einen Zettel. — Hier ist er!«

Pater Rocco griff hastig danach und las:

»Ich weiß nun, dass ich seit dem Eintritt in Ihr Haus stets überwacht werde. — Ich habe nicht Lust, noch eine Nacht in dem Hause eines Spions zu verbringen. Ich gehe mit meiner Schwester fort. Wir sind Ihnen nichts schuldig und können leben, wo es uns beliebt. Wenn Sie Pater Rocco sehen, so sagen Sie ihm, dass ich ihm sein Misstrauen wohl vergeben, aber nie vergessen werde; da ich ihm volles Vertrauen schenkte, durfte ich dasselbe auch von ihm erwarten! Ich dachte ihn mir stets als meinen väterlichen Freund. Das Vertrauen zu ihm habe ich jetzt für immer verloren.

Nanina.«

Der Priester stand auf und sagte: »Wir müssen diesen Vorfall schnell wieder gut zu machen suchen. Sind Sie bereit, morgen nach Florenz zurück zu reisen?«

Der Mann verneigte sich zustimmend.

»Machen Sie sie ausfindig und sehen Sie nach, ob sie gut untergebracht ist. Sprechen Sie nicht von mir und machen Sie keine Anstrengung, sie in Ihr Haus zurückzubringen.

»Mir zeigen sie dann schnell an, wo und wie das Mädchen lebt. Sie muss sehr gut behandelt werden. Machen Sie ja keine neuen Dummheiten; tun Sie gerade das, was ich Ihnen sage und nichts darüber. Haben Sie mir nun noch Etwas zu sagen?«

»Nein!« entgegnete der Kleine.

»Dann, gute Nacht!« sagte Rocco, und der Mann aus Florenz ging, sich fort und fort verneigend, zur Tür hinaus.

»Das ist ärgerlich!« sagte der Priester zu sich selbst und spazierte in seinem Zimmer auf und ab. »Ich liebe das Kind, ich habe der Kleinen Unrecht getan, ich weiß es! Hätten wir sie nur erst wieder aufgefunden!

»Nanina ist ein sehr gutes, verständiges Mädchen! Wie hübsch ist der Brief geschrieben.« Mit diesem Selbstgespräch näherte sich der Priester dem Fenster und sog die frische Luft hastig ein.

Als er sich wieder seinem Arbeitstische zuwandte, dachte er nur noch an seine Nichte.

»Es ist sonderbar, dass man nicht hört, wie es Magdalenen geht. — Vielleicht hat Luca Nachricht bekommen. Ich werde nach dem Atelier gehen.«

Er näherte sich der Tür Eben trat Fabio’s Diener ein.

»Ich bin gesendet, Sie in den Palast zu holen. Die Doktoren geben jede Hoffnung auf,« sagte der Mann sehr kurz und ernst. —

Pater Rocco wurde geisterhaft bleich und fragte: »Weiß mein Bruder es schon?«

»Nein, ich gehe jetzt ins Atelier,« antwortete der Diener.

»Geht nur nach Hause! Ich werde meinen Bruder selbst benachrichtigen,« sagte Rocco und ging neben dem Diener die Treppen herunter.

»Wie geht es dem Kind?« fragte er.

»Dem Kind geht es gut!« lautete die Antwort.

»Das ist wenigstens ein Trost,« sprach Rocco halb zu sich, halb zu dem Diener gewendet, der sich nun entfernte.

»Die Mutter muss ich jetzt aufgeben,« sagte Rocco zu sich, jetzt muss ich das Kind für meine Pläne erziehen. Des Vaters unrechtmäßig erworbener Reichtum soll nun durch die Hände dieses Kindes der Kirche wieder zugeführt werden.«

Er eilte in das Atelier; unterwegs musste ihm eine neue Idee gekommen sein, denn er stand plötzlich still, lehnte sich auf das Geländer der Brücke, über welche er gekommen war und blickte ein Weilchen in das hell-scheinende Mondlicht. Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er nicht einmal das Nahen von zwei Damen bemerkte.

Die Größere der Beiden sah ihm ins Gesicht und rief:

»Guten Abend, Pater Rocco!«

»Donna Brigitta! rief der Priester aus, dann verneigte er sich vor ihr mit gewohnter Höflichkeit.

»Verzeihen Sie, wenn ich mich jetzt nicht länger dem Vergnügen der Unterhaltung hingebe; uns hat schweres Unheil getroffen und ich gehe jetzt zu meinem Bruder, ihn darauf vorzubereiten,« fügte Rocco hinzu.

»Sie meinen die Krankheit Ihrer Nichte? Ich hörte diesen Abend davon,« entgegnete Brigitte.

»Ich hoffe, es soll sich zum Besten wenden. Ich war so lange nicht in Pisa, ich danke Ihnen, Pater Rocco, für die Freundlichkeit, welche Sie mir früher stets erzeigten!«

Mit diesen Worten hatte Brigitte sich entfernt und ihre Freundin wieder eingeholt. Der Priester hatte bemerkt, dass Virginie horchen wollte, was zwischen ihm und Brigitte gesprochen wurde. Er lauschte deshalb darauf, was die beiden Frauen zu einander sagen würden.

»Virginie,« fing Brigitte an, »wetten wir um ein neues Kleid, dass Fabio d’Ascoli wieder heiraten wird.«

Pater Rocco war wie von Feuer durchglüht, als er diese Worte hörte.

»Was sollte die Fremde, die mir keinen Einfluss auf sich und die Erziehung der Kinder einräumen würde, wohl für die Kirche tun?« fragte sich der fromme Sohn der Kirche.

Er stand still und blickte feierlich zu dem Nachthimmel auf. Die Brücke war leer. Er sah in seinem schwarzen Priesterkleid wie ein fürchterliches Gespenst aus. Dann drehte er sich nach der Richtung, welche eben die beiden Frauen genommen hatten und sagte:

»Donna Brigitta, ich wette um fünfzig neue Kleider, dass Fabio d’Ascoli nie wieder heiraten wird!«

Er hatte das Atelier erreicht, läutete an und sagte dann noch zu sich: »Donna Brigitta, war Ihr erster Fall noch nicht tief genug? Der zweite dürfte unangenehmer für Sie ausfallen!«

Lomi öffnete selbst die Tür und die Brüder gingen in das Atelier.

»Hast Du Nachrichten?« fragte Luca Lomi hastig.

»Mein armer Luca, nimm Deinen Mut zusammen. Die Doktoren haben jede Hoffnung aufgegeben,« entgegnete Rocco.

Luca stieß einen Schrei der Verzweiflung aus! »Magdalena, mein armes, armes Kindl« rief er weinend.

Die Liebe des Mannes concentrirte sich nur auf seine Tochter und seine Bildwerke.

Nachdem sein heftiger Schmerz vorüber war, sah er, dass die Beleuchtung um ihn her eine andere geworden war und er sah den Priester mit der Lampe in der Hand an dem äußersten Ende des Ateliers, als ob er Etwas suche.

»Rocco! Rocco! Warum nahmst Du hier die Lampe fort? Was tust Du dort?«

Es kam keine Antwort. Luca ging ihm nach und fragte: »Was tust Du hier?«

Der Priester hatte jetzt gehört und kam mit der Lampe zurück.

»Rocco! Wie blass Du bist! Was ist denn geschehen?«

»Sprich kein Wert rief der Priester aus und setzte seine Lampe auf den nächsten Tisch.

Luca sah, wie des Priesters Hände zitterten, er hatte seinen Bruder nie so aufgeregt gesehen.

Als Rocco vor wenigen Sekunden den Tod Magdalenens als sicher bevorstehend angezeigt hatte, war seine Stimme ruhig geblieben, was konnte jetzt geschehen sein?

Der Priester sah die ängstlichen Blicke seines Bruders und flüsterte ihm zu:

»Nimm schnell Deinen Hut, lass uns eilen, wir haben keine Sekunde zu verlieren, wenn wir sie noch lebend treffen wollen! Komm, komm, ich werde die Lampe hier auslöschen!«

Mit diesen Worten löschte er das Licht. Sie verließen das Atelier, dicht neben einander gehend. Das Mondlicht schien hell durch das Fenster und erhellte die Stelle, wo der Priester mit der Lampe gestanden hatte. Als sie dort hinkamen, fühlte Luca, dass Rocco heftig zitterte und sah, wie er seinen Kopf fort-wendete.

Zwei Stunden danach waren Fabio d’Ascoli und seine Gattin für dieses Erdenleben getrennt. Die Diener des prächtigen Palastes sprachen leise von den Vorbereitungen zu dem Begräbnisse ihrer Herrin, die nun bald auf dem Friedhof von Campo Santo schlummern sollte.



Dritter Teil

Erstes Kapitel

Nachdem die Gräfin d’Ascoli etwa acht Monate begraben war, beschäftigte sich die lustige Welt Pisas mit zwei Gerüchten, welche die Erwartung, wie die Neugierde spannten. Das eine sprach von einem großartigen Maskenfest, welches im Palast Melani gegeben werden sollte, und zwar zu Ehren der Erbin des Hauses, die ihre Großjährigkeit feiern würde.

Die Freunde des Hauses waren schon im Voraus entzückt von dem Feste, weil der alte Marquis den Ruf hatte, der gastfreundlichste aber auch der sonderbarste Mann in Pisa zu sein. Jedermann war überzeugt, dass, wenn der Ball wirklich gegeben werde, auch das Vorzüglichste an Maskenaufzügen, Tänzen und allgemeinen Vergnügungen geboten werden würde.

Das zweite Gerücht sprach von der Rückkehr des jungen Witwer Fabio d’Ascoli, der nach dem Tode seiner Frau in fremde Länder gereift war und nun geistig gekräftigt zurückkehren sollte. Auf dem Feste der Melani’s sollte er zum ersten Male wieder die große Gesellschaft besuchen, hieß es.

Dies interessierte die Damen Pisas natürlich am meisten. Fabio hatte nun sein dreißigstes Jahr erreicht und man fand es natürlich, dass er sich eine Gattin und seinem Kind eine zweite Mutter suchen werde.

Die Einladungen der Melani’s ergingen gerade, als Fabio in seinen Palast am Arno zurückgekehrt war. Es schien, als wollte der alte Marquis Melani’s dieses Mal in der Tat seinen Ruf als Sonderling befestigen; denn er erfand die außer gewöhnlichsten Kostüme, welche seine intimsten Freunde tragen sollten, dann arrangierte er die groteskesten Tänze, welche von einer Truppe aus Florenz ausgeführt werden sollten.

Er komponierte sogar selbst eine Symphonie zu dem Feste, und noch nicht befriedigt von dem Allem, ließ er noch reizende arkadische Lauben in zwei Zimmern errichten, in welchen die schönsten Mädchen aus Pisa, als Schäferinnen verkleidet, Erfrischungen reichen sollten, und zwar als Schäferinnen aus der Zeit des Virgil. —

Der Marquis hatte angeordnet, dass für jedes Zimmer fünfzehn Schäferinnen erwählt werden möchten. Man würde in Pisa leicht die doppelte Zahl der Schönen haben finden können, wenn Schönheit allein die Wahl geleitet haben würde, aber die Hirtinnen sollten sich auch gleichzeitig eines unbefleckten Rufes erfreuen, einmal weil sie mit dem Silbergeschirr des Grafen in lebhafte Berührung kommen würden und ferner —

Der Intendant des alten Marquis war zwar in Verzweiflung, aber er war doch gezwungen seinem Herrn am Vorabende des Festes mitzuteilen, dass er trotz eifrigsten Forschens doch nur die Zahl Von zweiundzwanzig Schäferinnen zusammen gebracht habe. —

»Unsinn!« schalt der alte Marquis, »ich wünsche dreißig und nicht eine darunter! Was nützt Ihr Kopfschütteln, da die Kleider der Dreißig bereits fertig sind!

Dreißig Tuniques, dreißig Kränze, dreißig Paar Sandalen und seidene Strümpfe, dreißig Hirtenstäbe, alles Dies liegt bereit! Was soll ich mit der Zahl zweiundzwanzig? Sprechen Sie kein Wort! Sie geben mir entweder meine dreißig Hirtinnen oder Sie verlieren Ihre Stellung!« Mit diesen Worten wies der alte Mann nach der Tür

Der Intendant des Hauses Melani wusste sehr genau, dass er nicht weiter widersprechen durfte und ging.

Den ganzen Tag lief der Intendant zu seinen Bekannten umher und bat sie fast flehentlich um die Mitwirkung ihrer Töchter bei dem Feste seines Herrn, und so gelang es ihm nach sehr vielen Bemühungen nun auch, die Zahl der Hirtinnen bis auf neunundzwanzig zu bringen.

Jetzt fehlte nur noch die Dreißigste und fast verzweiflungsvoll ging er eben durch eine Nachbarstraße des Campo Santo dem Palais Melani zu, als er ein junges Mädchen an der Tür eines Hauses stehen sah. Es schien, als warte sie auf Jemand.

»Himmel!« rief der Intendant, »wenn doch dieses Mädchen die Zahl füllen möchte! Sie würde die Hübscheste von den Dreißig sein und ich könnte meine Schritte ruhiger nach Hause lenken. Anfragen kostet ja nichts,« sagte der Mann und richtete sich dann mit den Worten an das junge Mädchen:

»Warten Sie ein wenig!« das Mädchen wollte eben in das Haus treten, »und erschrecken Sie nicht! Ich bin der Intendant des Marquis Melani und in ganz Pisa als rechtschaffener Mann bekannt, wünschen Sie vielleicht leicht, angenehm und auf ehrliche Weise Geld zu verdienen? Denn Sie sehen nicht so aus, als ob Sie zum Erwerben zu reich wären.«

»Ich bin sehr arm und sehr geneigt, etwas zu erwerben,« lautete ernst und bestimmt die Antwort.

»Gut,« sagte der Intendant, »so wird uns Beiden geholfen sein. Doch sagen Sie mir jetzt, wer Sie sind, denn ich habe mich Ihnen bereits genannt.«

»Ich bin eine Arbeiterin und mein Name ist Nanina,« sagte das Mädchen.

»Wohnen Sie in Pisa?«

»Ja, Sir, jetzt, aber ein Jahr war ich in Florenz, um das Nähen zu erlernen.«

»Sie waren ganz allein dort?«

»Nein, mit meiner kleinen Schwester; ich wartete eben auf das Kind, als Sie mich ansprachen.«

»Haben Sie sich früher nie mit etwas Anderem, als mit der Nähnadel beschäftigt?«

»Ja, in den letzten acht Monaten war ich in dem Dienste einer Dame in Florenz und meine Schwester, die erst elf Jahre alt ist, war in der Kinderstube dieser Dame beschäftigt.«

»Warum verließen Sie den Platz?«

»Die Dame ging mit ihrer Familie nach Rom und wir Schwestern konnten ihr nicht beide dahin folgen und trennen wollten wir uns auch nicht, da wir noch stets zusammen lebten, denn wir stehen ganz allein in der Welt. So sind wir nun hier in Pisa!«

»Und sind unbeschäftigt?«

»Wir kamen erst gestern hier an.«

»Da sind Sie wirklich sehr glücklich daran, mich hier gefunden zu haben,« sagte der Intendant. »Ist Jemand in der Stadt, der für Sie gut sagen kann?«

»Die Wirtin dieses Hauses!«

»Wer ist sie?«

»Ihr Name ist Martha Angrisani, Sir.«

»Was, die alte bekannte Krankenwärterin? Das ist die beste Empfehlung, die Sie haben können, mein Kind. Sie pflegte den alten Marquis, aber ich wusste nicht, dass sie hier wohne.«

»Die Frau hat das Haus hier länger als ich denken kann,« sagte Nanina, »denn meine jüngere Schwester und ich wohnten hier lange Zeit, und ich wünschte, dass wir wieder hier wohnen könnten, aber unser ehemaliges Zimmerchen ist vermietet und ein anderes, welches hier leer steht, ist zu teuer für uns.«

»Wie viel kostet es?« fragte der Intendant.

Nanina nannte die Summe und der Mann an ihrer Seite lachte laut auf. »Für das ganze Jahr kostet die Wohnung so viel?« fragte er noch einmal.

Nanina antwortete erstaunt: »Ja!«

»Ich will diese Summe sogleich geben,« sagte der Mann, »dazu sollen Sie noch schöne Kleider und Erfrischungen auf dem Ball des Marquis haben. Wollen Sie kommen?«

Nanina trat stumm einige Schritte zurück.

»Sie müssen ja von dem Balle gehört haben? Denn er wird von den Reichen und Armen in Pisa seit langer Zeit besprochen. Es ist so lange die Rede davon, seitdem die Gräfin d’Ascoli gestorben und ihr Gatte ins Ausland ging, und das sind nun bereits acht Monate her,« sagte der Intendant und verabschiedete sich, um von der Hausherrin Etwas über Nanina zu erfahren.

Nanina stand noch immer gedankenvoll da. Sie hatte nur gehört, dass Magdalene gestorben, der Graf ins Ausland gegangen war, aber nichts von seiner Rückkehr, nichts von dem Feste im Palast Melani.

Als sie noch so dastand, kam Biondella mit ihrem Pudel zurück und der Intendant trat auch wieder mit der Wirtin auf den Flur des Hauses.

»Sehen Sie nur,« sagte die gute Wirtin zu dem Intendanten, »dort kommt die Schwester der Nanina; es ist ein höchst geschicktes, liebes und fleißiges Kind, vielleicht braucht Ihr Herr, seine Exzellenz, einmal Etwas von der Ware der Kleinen; sie flechtet die schönsten Tischdecken in Pisa. — Was hast Du mit dem Hunde gemacht, Kleine?« fragte die Frau.

»Ich konnte ihn nicht an den Fleischbänken vorüber bringen,« sagte Biondella, »er wollte durchaus die Wurst belecken und ich hatte so große Furcht, dass er eine Wurst stehlen würde.«

Der Intendant klopfte Biondellas Wangen:und nannte sie ein hübsches, ehrliches Kind.

»Wenn Se. Exzellenz noch vielleicht einen Cupido brauchte, sollte sie auch mit auf dem Balle sein,« schloss der Mann, nachdem er Nanina’s großes Lob aus dem Munde ihrer alten Bekannten mit angehört hatte.

Er versprach dann, dass sie die Wohnungsmiete erhalten würde und ordnete an, dass sie morgen im Palast erscheinen und ihr Schäferkleid anprobieren sollte.

Der Biondella versprach der gute Mann noch Konfekt und schöne Bäckereien von dem Feste.

Biondella klatschte in die Hände und rief: »O, geh’ zu dem Balle, Nanina! Gehe, ja!«

Nanina stand noch ein Weilchen zögernd, dann fragte sie die alte Frau: »Glauben Sie, dass auch Priester auf dem Balle sein werden?«

»Aber Kind, eher findest Du Türken in einer christlichen Kirche, als Priester auf einem Maskenball,« antwortete die Wirtin.

Nanina antwortete nicht.

Ihre größte Angst bestand darin, dass der Priester sie einst auffinden würde; denn sie hatte sein Misstrauen noch nicht vergessen. —

»Also morgen, im Palast Melani,« sagte der Intendant; nahm seinen Hut und ging.

Er freute sich, dass er nun seinem Herrn die gewünschte Zahl der Schäferinnen würde vorführen können.

Der Intendant fand in dem Palast viele Arbeiter mit den Zurüstungen für die Festlichkeit beschäftigt und es hatten sich auch schon Zuschauer auf der Straße eingefunden, unter denselben befand sich auch eine Dame, deren hübsches Gesicht dem Intendanten gefiel.

Während er sie noch betrachtete, kam ein Pudel herbeigelaufen, beschnüffelte die Dame und fing dann an zu bellen und zu heulen.

Der Intendant nahm seinen Stock und trieb das Tier fort.

»Das abscheuliche Tier!« rief die Dame aus und setzte hinzu: »Nanina muss nach Pisa zurückgekehrt sein!«

»Sie nannten eben den Namen Nanina,« sagte der Intendant, »meinen Sie damit vielleicht eine kleine Handarbeiterin, in der Nähe von Campo Santo?«

»Dieselbe!« entgegnete die Dame überrascht.

»So kann ich Ihnen sagen, dass sie eben nach Pisa zurückgekehrt ist, und dass ich sie eben für die morgen hier stattfindende Festlichkeit engagiert habe.«

Die Dame verneigte sich und ging weiter ohne noch ein Wort zu sagen.

»Das ist eine merkwürdige Person!« sagte der Intendant und trat in den Palast.



Zweites Kapitel.

Der Tod von Magdalene d’Ascoli verursachte eine große Veränderung in dem Leben ihres Vaters und ihres Onkels. Luca Lomi erklärte, es sei ihm unmöglich, noch länger in seinem Atelier zu arbeiten, wo seine Tochter so oft mit ihm verweilt habe. Er hatte in Neapel einige Bestellungen erhalten und war nach dieser Stadt gegangen, um dort zu arbeiten. Die Aufsicht über sein Atelier zu Pisa hatte er ganz seinem Bruder überlassen.

Nachdem der Meister abgereist war, ließ Pater Rocco die Bildsäulen und Büsten in dem Atelier seines Bruders mit Leinwand überziehen, verriegelte alle Türen, schloss alle Fenster und arbeitete nie wieder an dem Orte. wo sonst sein Lieblingsaufenthalt gewesen war.

Seinen Pflichten als Seelsorger kam er nach wie vor gewissenhaft nach. Seine regelmäßigen Visiten nach dem Palast d’Ascoli gingen nur bis zu der Lage des Portiers, dort fragte er nach dem Befinden des Kindes, welches unter der Fürsorge der besten Amme, die man hatte finden können, geblieben war.

Über Nanina hatte der Priester durch seinen Bekannten aus Florenz in Erfahrung gebracht, dass dieselbe bei einer der anständigsten Damen der Stadt beschäftigt sei. Er traf keine Anstalten dazu, sich bei dem jungen Mädchen zu rechtfertigen, sondern beauftragte nur seinen kleinen, höflichen Berichterstatter zu Florenz, ihm es anzuzeigen, sobald Nanina diese Stellung wieder verlassen sollte.

Die Verehrer des Paters behaupteten, dass sich derselbe je älter er werde, je mehr von den irdischen Beschäftigungen zurückziehe. Seine Feinde dagegen sagten, dass der Pater in diesem scheinbar unbeschäftigten Zustande Böses ausgrübele.

Dem Priester waren das Lob wie der Tadel gleichgültig. Er lebte weiter, wie es ihm beliebte.

Als Fabio nach Pisa zurückkehrte, war Rocco einer der Ersten, die ihn bewillkommneten. Diese erste Begegnung mochte jedoch nicht besonders freundlich geendet haben, denn Rocco wiederholte seine Besuche im Palast d’Ascoli nicht.

Er musste wohl einige Worte zu dem Wohle des jungen Mannes ausgesprochen haben, die diesem unbehaglich erschienen waren. — Die Leute wunderten sich ein wenig über den scheinbaren Bruch der beiden Verwandten, aber da die Menge gerade der Maskenball des Marquis Melani stark beschäftigte, so achtete sie nicht lange darauf.

Pater Rocco schien auch nun die Haupttrauer abgelegt zu haben, denn er öffnete das Atelier und ging wie früher seiner Lieblingsbeschäftigung, der Bildhauerkunst, nach.

Die Gehilfen Lomi’s meldeten sich, aber sie wurden nicht angenommen, da Rocco nur allein arbeiten wollte.

Die Leute, welche kamen das Atelier zu besuchen, wurden ebenfalls mit der Bemerkung abgewiesen, dass man ihnen nichts Neues zu zeigen habe.

So verging die Zeit, bis Nanina ihren Aufenthalt zu Florenz verließ. Es wurde dem Pater getreu Bericht darüber erstattet, aber er bemühte sich nicht, das junge Mädchen aufzusuchen; war er zu vertieft in seine Kunst, oder hatte er nicht Lust, sich deren Unwillen auszusetzen, man konnte es nicht genau bestimmen.

Am Morgen vor dem Balltage bedeckte der Pater Künstler seine Statuen aufs Neue, verschloss die Türen des Ateliers fest und begab sich in seine Wohnung. Es kamen einige Freunde zu ihm, aber er verweigerte es, sie zu empfangen, da er unwohl sei. — Hätten sie in sein Studierzimmer dringen können, so würden sie Rocco in der Tat furchtbar bleich und abgespannt gefunden haben.

Als sein Haushälter ihn am Abend des Tages drängte, etwas Speise und Trank zu sich nehmen zu wollen, erhielt er, zum ersten Mal in seiner Dienstzeit, einen recht scharfen Verweis.

Etwas später musste er mit einem Briefe nach dem Palast d’Ascoli gehen. Gleich darnach kam Fabio’s Diener mit der Antwort.

»Ah, die Beiden sind wieder befreundet, wie es scheint,« sagte der Haushälter zu sich selbst. Pater Rocco musste sich wohler fühlen, denn er rüstete sich zum Fortgehen und sagte zu dem Haushälter:

»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, so können Sie ihn benachrichtigen, dass ich im Palast d’Ascoli bin.«

Doch der Pater ging noch einmal an seine Tür zurück und versuchte, ob dieselbe auch fest verschlossen sei.

Dann ging er.

Er fand Fabio in seinem Zimmer auf- und abgehend; er schien schlechter Laune zu sein, trotzdem ein schwarzer Domino für den Ball auf dem Tische ausgebreitet lag. Fabio hielt ein zerknittertes Stück Papier in der Hand.

»Ich wollte Ihnen eben schreiben, als ich Ihren Brief erhielt, der mir Ihre Freundschaft aufs Neue anbietet und, — die ich auch annehme,« begann Fabio. »Ich wurde freilich erzürnt darüber, dass Sie mir eine zweite Heirat förmlich verboten, und ich gebrauchte vielleicht Ausdrücke, die ich jetzt bereue, und für die ich um Verzeihung bitte. Es scheint übrigens, dass Sie es nicht allein sind, der sich für meine Wiederverheiratung interessiert, denn nachdem es bekannt wurde, dass ich den Ball bei Melani besuchen wolle, erhielt ich hier diesen infamen anonymen Brief! Hier-lesen Sie ihn selbst!«

Pater Rocco beschattete seine Augen, setzte sich zu der Lampe und las:

»Graf Fabio! In Pisa spricht man davon, dass Sie damit umgehen, sich wieder zu verheiraten. Da Sie die Einladung zu dem Balle im Palast Melani angenommen haben, so bestätigen Sie dies Gerücht. — Denn ein Witwer Ihres Standes begibt sich nicht ohne besondere Absichten unter die lachenden Frauen der Gesellschaft. Ändern Sie Ihren Beschluss und bleiben Sie zu Hause. Ich kenne Sie und kannte Ihre Gattin und ich ermahne Sie feierlichst: »Sie dürfen nie wieder heiraten!«

»Schlagen Sie meinen Rat in den Wind, so werden Sie es bis an das Ende Ihres Lebens zu bereuen haben. Ich habe ernste, sehr ernste Beweggründe zu meiner Warnung.

»Wenn Sie Ihrem Weibe »die Grabesruhe« gönnen, so besuchen Sie diesen Ball nicht!«

»Jetzt frage ich Sie und jeden Anderen, ob das nicht infam ist?« sagte Fabio, als der Priester ihm den Brief zurückgab. »Man versucht es, mich mit meinem armen toten Weibe zu erschrecken. Ich selbst denke kaum an eine zweite Ehe! Wessen Interesse kann es also sein, dass ich den Ball nicht besuche? Was bedeutet diese Phrase von der »Grabesruhe« meines verstorbenen Weibes? Können Sie mir Aufschluss geben, wer diesen niederträchtigen Brief geschrieben hat? Um des Himmelswillen, so sprechen Sie doch wenigstens!«

Der Priester stützte seinen Kopf auf seine Hand und sagte in seiner ruhigsten Tonart:

»Ich kann nicht früher sprechen, bis ich darüber nachgedacht haben werdet Das Geheimnis dieses Briefes ist nicht so schnell ergründet! — Er enthält Dinge, die Jedermann bestürzt machen und in Erstaunen setzen würden.«

»Welche Dinge?« fragte Fabio.

»Ich kann jetzt nicht darauf antworten,« erwiderte der Priester.

»Sie tun so geheimnisvoll, haben Sie mir nichts Bestimmtes darüber zu sagen?« fragte Fabio.

»Ja, ich ersuche Sie ebenfalls, nicht auf den Ball zu gehen. —«

»So! Und weshalb?«

»Wenn ich Ihnen meine Gründe nenne, so werden Sie wieder böse werden.«

»Pater Rocco,« sagte Fabio schnell, »Sie sprechen in Rätseln und sitzen dort im Dunkeln, um mir Ihr Gesicht zu verbergen; warum geschieht das?«

Der Priester blickte in die Höhe und brachte sein Gesicht in die volle Beleuchtung der Lampe.

»Ich rate Ihnen doch, höflicher mit mir zu verfahren,« sagte er zu dem Witwer, »und Ihre Worte mehr zu erwägen!«

»Wir wollen das Gespräch nicht weiter fortsetzen,« sagte Fabio, »ich habe nur noch eine Frage an Sie und dann nichts mehr.«

Der Priester neigte seinen Kopf wieder zu seiner Brust und schien zum Hören bereit, und zwar so, dass jeder Zug seines Gesichts voll beleuchtet war.

»Ich frage Sie, da Sie der Beichtvater und der Vertraute meines verstorbenen Weibes waren, ob diese gegen Sie oder irgend Jemand, einst den Wunsch ausgesprochen hat, dass ich mich in dem Falle, dass ich sie überleben sollte, nicht wieder verheiraten möge. Sprach sie nie zu Ihnen diesen Wunsch aus?«

»Sprach Sie nie zu Ihnen diesen Wunsch aus?« fragte Rocco.

»Weshalb stellen Sie eine Frage, wo ich eine Antwort erwarte?« bemerkte Fabio.

»Weil es mir nicht erlaubt ist, Fragen zu beantworten, die vielleicht ein Beichtgeheimnis berühren.« entgegnete der Priester.

»Wir haben genug gesprochen,« rief Fabio und drehte dem Priester den Rücken; »ich hoffte, Sie würden mir ein Geheimnis aufdecken helfen, statt dessen vergrößern Sie dasselbe. Und ich erkläre hiermit, dass kein Macht der Erde mich von dem Besuche des heutigen Maskenballes abhalten soll!«

»Keine Erden-macht!« wiederholte Rocco langsam und mit seltsamem Lächeln, »abergläubischer Graf Fabio! Fürchten Sie nicht die Macht einer andern Welt, die sich auch leicht bei den Maskenbällen der Sterblichen geltend machen könnte?«

Fabio blickte überrascht in das Gesicht des Priesters. Dieser fuhr fort:

»Sie finden, es ist besser unsere Unterhaltung nicht fortzusetzen. Ich denke, Sie haben Recht, trennen wir uns jetzt, so trennen wir uns noch als Freunde. Sie haben meine Warnung, nicht den Ball zu besuchen; jetzt Thun Sie, was Ihnen beliebt. Gute Nacht!«

Mit diesen Worten ging der Priester fort.



Drittes Kapitel.

Der Ballabend war gekommen, der Domino und die Halbmaske lagen noch immer auf dem Tische in Fabio’s Zimmer; aber der Witwer entschloss sich noch nicht zum Fortgehen, trotzdem die bestimmte Stunde zu dem Anfange des Maskenballes schon lange vorüber war. Er zögerte und zögerte, ohne einen Grund dazu zu haben. Es schien ihm, dass der große, einsame Palast wieder den Zauber auf ihn ausübe, ihn zu fesseln. Das war Fabio seit dem Tode seiner Frau bisher nicht geschehen.

Er verließ sein Zimmer, und begab sich in das Zimmer, wo sein Kindchen in der Wiege ruhig schlummerte. Er setzte sich an das Bettchen und gedachte an vergangene Tage.

Dann ging er wieder in sein Zimmer zurück. Er nahm aber noch immer nicht den Domino um, sondern er öffnete eine Schublade und nahm den Brief Nanina’s daraus hervor und las ihn langsam durch.

Dann sagte er zu sich selbst: »Ich besitze Jugend, Geld, Titel, Alles was die Welt kostbar nennt und doch fühle ich mich so verwaist und traurig, habe Niemand der mich liebt, darum erinnere ich mich auch gern an das arme traute Mädchen, welches diese Zeilen schrieb.«

Alte Erinnerungen stiegen mächtig in ihm auf. Er gedachte an Luca Lomi’s Atelier, an seinen ersten Besuch bei Nanina, dabei saß er und zeichnete gedankenlos mit dem Bleistift verschiedene Figuren vor sich aufs Papier. Die Lampe wurde dunkler, er blickte auf die Uhr und sah, dass es bereits Mitternacht war.

Schnell nahm er Domino und Maske, und in wenigen Minuten war er auf dem Wege zu dem Ball- Lokale.

Als er ankam wurden gerade groteske Tänze aufgeführt, die das laute Gelächter der Gäste hervorriefen; als diese beendet waren, begaben sich die Anwesenden in die arkadischen Lauben, um sich zu neuen Tänzen mit Speise und Trank zu stärken.

Der Marquis hatte in seiner sonderbaren Weise die zwei Räume in ein Departement der schweren, das andere in das Departement der leichten Speisen, eingeteilt.

Die Gesellschaft hatte den Raum, wo es Pasteten und den Magen reell füllende Dinge zu verspeisen gab, so bevorzugt, dass noch zehn Schäferinnen aus dem anderen Raume zur Bedienung der Gäste herbeigeholt werden mussten; unter den fünf Mädchen, welche Limonade, Gefrorenes und mehr dergleichen leichte Kleinigkeiten verabreichten, war auch Nanina geblieben.

Der Intendant hatte sie dort gelassen, weil er sah, wie unangenehm der Lärm auf das junge Mädchen einwirkte.

Als Fabio eintrat hatte der Lärm in dem Departement des Reellen seinen Höhepunkt erreicht.

Die Kavaliere waren so entzückt über die Tracht der Hirtinnen, dass sie die jungen Mädchen in dem klassischen Latein der Virgil’schen Zeit ansprachen.

Sobald er den Gratulationen seiner Freunde über seine glückliche Rückkehr entschlüpfen konnte, suchte Fabio ein ruhiges Plätzchen auf.

Er ging durch den Tanz-Saal und befand sich, an dem äußersten Ende des Gebäudes angelangt, ebenfalls in einer arkadischen Laube, die jedoch, ihrer heiteren Stille wegen, vielmehr ihren Namen verdiente, als ihre geräuschvolle Namensschwester an dem anderen Ende des Festraumes.

Es waren sehr wenig Gäste in dem Zimmer, als Fabio eintrat; nachdem er sich die Dekoration flüchtig betrachtet hatte, setzte er sich auf ein Sofa in der Nähe der Tür und da es sehr heiß war, nahm er seine Maske ab.

Ein Aufschrei ertönte aus der Mitte der fünf Aufwärterinnen. Der junge Mann blickte auf und traute kaum seinen Augen, als er sich Nanina gegenüber befand.

Ihre Wangen waren blass; sie blickte fast entsetzt auf den jungen Edelmann.

Eine der anderen Aufwärterinnen wollte ihr beistehen, denn sie glaubte, Nanina sei plötzlich krank geworden.

Als Fabio näher kam, ließ sie ihr Haupt auf die Brust sinken und sagte:

»Ich glaubte nicht, dass Sie hier in Pisa seien! Ich glaubte nicht, dass Sie hierher zurückkommen würden! Wie falsch muss Ihnen das jetzt erscheinen, was ich Ihnen schrieb.«

»Wenn ich Ihnen doch sagen könnte, wie oft ich Ihren Brief las, wie sorgfältig ich ihn aufbewahrt habe!« antwortete Fabio.

Nanina wandte ihren Kopf fort, um ihre Tränen zu trocknen, dann sagte sie:

»Es wäre besser, wir hätten uns nie wieder gesehen.« Ehe noch Fabio Etwas erwidern konnte, sagte das andere Aufwarte-Mädchen:

»Ums Himmelswillen, sprechen Sie doch hier nicht zusammen, wenn es der Intendant sieht, werden wir Unannehmlichkeiten haben! Sie können sich ja morgen sehen.«

Fabio fühlte die Richtigkeit dieses Vorwurfs. Er riss ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb darauf:

»Ich muss Sie sprechen! Kommen Sie morgen früh zehn Uhr in den d’Ascoli-Garten. Glauben Sie an meine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit so fest, wie ich stets an die Ihrige glaubte.«

Dann wickelte er einen kleinen Schlüssel, den er von den Petschaften an seiner Uhr losmachte, in das Papier und drückte es in Naninas Hand.

Er wollte noch einmal zu dem jungen Mädchen sprechen, aber die andere Aufwärterin bedeutete ihn, zu schweigen und zeigte nach einer Maske, die eben eingetreten war.

Fabio drehte sich um und erblickte eine ganz in gelb gekleidete weibliche Maske.

Die Kopfbedeckung war gelb, die Maske gelb und lange gelbe Fransen hingen von der Maske über den Mund fort; der Domino war ebenfalls gelb; die Ärmel und der untere Rand des Domino waren mit Spitzen aus demselben Stoff versehen. Die ganze Gestalt machte einen unheimlichen Eindruck.

Die pechschwarzen Augen der Frau glänzten durch die Löcher der Maske und die Fransen bewegten sich, durch den Atem bewegt, vor dem Munde hin und her.

Ohne ein Wort zu sprechen stand sie vor dem Tische und schien aufmerksam auf Fabio zu blicken.

Als er die Frau betrachtete, fiel ihm ein, dass die Farbe der Maske dasselbe Gelb zeige, wie das Lieblingsmeublement seiner verstorbenen Frau im Palast d’Ascoli. —

»Die gelbe Maske!« flüsterten die Schäferinnen und traten furchtsam hinter den Tisch dicht an einander, »schon wieder die gelbe Maske!«

»Bewegen Sie sie zum Sprechen!«

»Fragen Sie sie Etwas!«

»Dieser Edelmann wird sie zum Sprechen bringen,« sagten die Mädchen nach einander.

Fabio sah, dass Nanina sich abgewendet hatte und ihr Taschentuch vor die Augen hielt. Sie allein schenkte der Maske keine Aufmerksamkeit.

Die anderen Mädchen baten Fabio wiederholt ängstlich, er möchte doch die Maske ansprechen.

Fabio drehte sich um und behielt die Maske im Auge; sie schien ihn mit dem Feuer ihrer Augen versengen zu wollen und wohin er sich bewegte, folgten ihm diese merkwürdigen Augen.

Er ging aus das gespensterhafte Wesen zu, aber es bewegte sich nicht; er versuchte, es anzusprechen, aber die Stimme versagte ihm. —

Das leise, furchtsame Auftreten der Aufwärter-Mädchen, die Gestalt vor ihm, die Musik, das heitere Lachen der Menge in den anderen Sälen, alles dieses bestimmte ihn, schnell den Raum zu verlassen und sich unter frohe Menschen zu begeben, und er ging schnell in den Saal.

Er wollte hin, wo das Gewühl der Gesellschaft am dichtesten war, doch einer seiner Freunde, der sich eben von einem Kartentisch erhoben hatte und der Fabio noch nicht wiedergesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:

»Willkommen, Graf Fabio, in der Gesellschaft! Aber warum sind Sie so entsetzlich bleich? Ihre Hände sind eiskalt! — Ich hoffe, Ihnen ist doch nicht unwohl?«

»Nein,« entgegnete Fabio, »ich hatte aber eben eine so sonderbare Begegnung mit einer seltsam kostümierten Gestalt, dass mir, ich weiß eigentlich nicht warum, ganz unheimlich zu Mute geworden ist.«

»Sie sahen sicher die gelbe Maske?« fragte der Andere.

»Ja, sahen Sie sie auch?«

»Jedem Gast ist sie bereits aufgefallen. Unser Gastgeber hat nicht die geringste Idee davon, wer sie sein könnte.

»Niemand vermag sie zum Sprechen zu bewegen.

»Wäre ich der Marquis Melani, so würde ich ihr sagen: »Madame, wir sind hier versammelt um froh und heiter zu sein, öffnen Sie Ihren Mund und entzücken Sie uns durch eine andere Toilette!« —

Während dieser Unterhaltung hatten die beiden Herren sich, mit dem Rücken der Tür zugewendet, gesetzt. Andrea d’Arbino sprach noch zu Fabio, als dieser plötzlich zusammen-schauerte, denn er hörte tiefes Atemholen hinter sich, er drehte sich schnell um.

In diesem Augenblick stand die gelbe Maske zwischen den beiden Männern und beugte sich zu ihnen nieder.

Fabio und sein Freund standen auf. Die Augen der gelben Maske schienen bis auf das Herz Fabio’s dringen zu wollen. —

»Gelbe Dame, kennen Sie meinen Freund?« fragte d’Arbino artig.

Es erfolgte keine Antwort. Die brennenden Augen blieben fest auf Fabio gerichtet.

»Gelbe Dame, hören Sie nur die köstliche Musik! Wollen Sie mit mir tanzen?« fragte d’Arbino weiter.

Die Augen ließen von Fabio ab und die unheimliche Gestalt glitt geisterhaft aus dem Zimmer.

»Mein teurer Graf, diese Frau scheint es wirklich auf Sie abgesehen zu haben! Sie sind noch bleicher geworden. —

»Kommen Sie in das Speisezimmer, wir werden Wein trinken, denn Sie bedürfen der Stärkung,« sagte d’Arbino und führte Fabio nach der arkadischen Laube mit den fünfundzwanzig Aufwärterinnen, die nun aber auch ganz leer geworden war, da alle Paare tanzten.

Dieser Raum war nicht in vollständig arkadischer Einfachheit, denn es befand sich über einem der Schenktische ein großer Spiegel. Vor demselben stand einer der Gäste und fächelte sich sorglos mit der Maske Kühlung zu.

»Mein Teurer,« rief d’Arbino dem Herrn zu, »Sie sind der geeignetste Mann dazu, uns den feurigsten Wein empfehlen zu können, den es hier gibt! Graf Fabio, ich stelle Ihnen hier meinen Freund, den Kavalier Finello vor, und ich wünschte, dass Sie mit ihm und seiner Familie bekannter würden. Ich sehe hier in Ihrer Nähe eine ganze Reihe Flaschen! —

»Meine schöne, schwarzäugige Schäferin, geben Sie uns gefälligst die drei größten Gläser, die Sie haben!« bat d’Arbino.

Die Gläser wurden gebracht und Finello füllte sie mit dem edelsten Wein, der zu haben war, und die drei Edelleute setzten sich dem Spiegel gegenüber nieder.

»Nun lasst uns trinkend,« sagte d’Arbino, »Finello, Graf Fabio, den Schönen von Pisa, ein Hoch! —«

Alle drei hoben die Gläser. Als Fabio sein Glas an die Lippen setzen wollte, erblickte er in dem Spiegel die gelbe Maske und er setzte das Glas ab, ohne den Wein gekostet zu haben.

»Was gibt es?« fragte d’Arbino.

»Lieben Sie diesen Wein nicht, Graf?« fragte Finello.

»Die gelbe Maske! Die gelbe Maske ist schon wieder sichtbar!« sagte Fabio halblaut.

Alle drei blickten zur Tür, aber es war nichts von der Gestalt zu entdecken.

»Weiß Jemand, wer die gelbe Maske ist?« fragte Finello. »Man sieht übrigens nur an Gang und Bewegung, dass es eine Frau ist. Sie hat irgend einen geheimen Beweggrund, hier so seltsam gekleidet von Zimmer zu Zimmer zu schleichen,« setzte der Kavalier hinzu.

»Ja,« entgegnete d’Arbino, »die gelbe Maske hat den Grafen d’Ascoli nicht nur um seine heitere Balllaune gebracht, jetzt stört sie ihn sogar sein Glas zu leeren.«

»Es ist das dritte Zimmer, in welches sie mir folgt,» sagte Fabio, »und zum dritten Male richtet sie ihre brennenden Augen so seltsam auf mich. Ich muss gestehen, meine Nerven sind noch nicht wieder gestärkt genug für Abenteuer und Bälle. Ihr Blick macht mich schaudern. Wer kann sie nur sein?»

»Wenn sie ihre Verfolgungen zum vierten Male wiederholt, so bitten Sie sie doch, dass sie sich demaskiere,« sagte Finello.

»Und wenn sie es verweigert?«

»Dann würde ich ihr selbst die Maske abnehmen,» setzte Finello hinzu.

»Man kann das einer Dame nicht antun,« sagte Fabio. »Ich werde mich in der Menge vor ihr zu verstecken suchen. Ich lasse Sie jetzt hier bei dem Wein, meine Herren, und hoffe Sie im Ballsaal wieder zu sehen.«

Fabio nahm seine Maske, begab sich in den Tanzsaal und suchte die dichteste Menschenmenge auf. Fürs Erste gelang ihm sein Plan, er sah die gelbe Maske nicht mehr.—

Endlich wurde ein Tanz arrangiert, wo die Paare sich in langen Reihen einander gegenüber standen. Die Zuschauer standen hinter den Tanzenden an den Wänden entlang.

Als Fabio auf das Präludium des Orchesters lauschte, blickte er die Reihen entlang und sah die gelbe Maske.

Er schritt weiter und suchte sich einen anderen Platz, aber kaum hatte er wieder die Tänzer von Neuem ins Auge gefasst, als er wieder die entsetzliche gelbe Maske erblickte.

Die Verfolgung wurde unerträglich und es bemächtigte sich seiner eine sonderbare Angst. Er kehrte in den Speisesaal zurück.

Die beiden Herren saßen nicht mehr bei dem Wein. Fabio stürzte schnell einige Gläser des feurigen Weines hinunter und beschloss, Finello’s Rat zu folgen, die gelbe Maske zu lüften. —

Er dachte, vielleicht wünscht sie, dass ich ihr zu einem stillen Zimmer folge, vielleicht will sie sich gerade vor mir demaskieren.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging er durch alle Festräume, bis er wieder in die arkadische Laube kam, wo Nanina sich befand.

Die Aufwärterin, welche ihm früher schon den Rat gegeben hatte, mit Nanina hier nicht weiter zu sprechen, kam ihm bis zur Tür entgegen und sagte:

»Kommen Sie nur nicht wieder hier herein, das arme Mädchen wird sonst wieder weinen, denn der Intendant, der sie mit geröteten Augen und totenbleich hier gesehen hat, hat ihr bereits erklärt, dass sie nicht weiter bedienen dürfte und dass sie nach Hause gehen könnte, wenn sie wollte. Sie ist jetzt fort um ihre Kleider zu wechseln.«

Das junge Mädchen sprach nicht weiter, sondern zeigte nur über Fabio’s Schultern.

»Die gelbe Maske!» sagte sie darauf ängstlich und bat: »O Herr, führen Sie sie in den Ballsaal zurück, damit die arme Nanina in ihren alten Kleidern hier durch schlüpfen kann.«

Fabio drehte sich um und sah, dass die unheimliche Gestalt sich wieder zurückzog. Sie ging, von Fabio gefolgt, durch alle Räume, bis zu dem glänzend erleuchteten Korridor. Von demselben gelangte man rechts in die Festräume, links zu der großen Treppe des Palastes. Die gelbe Maske wendete sich langsam nach der linken Seite zu, dann stand sie still, und ließ ihre Augen einen Moment auf Fabio fallen, dennoch blickte sie auf Nanina, welche kam, um sich nach Hause zu begeben.

»Wo komme ich hier hinaus?« rief das junge Mädchen ängstlich, als sie die gelbe Maske erblickte.

»Hier durch!« sagte Fabio und zeigte nach dem Saale. »Man erwartet jetzt wieder einige Überraschungen und Niemand wird Sie beachten.«

Dann ergriff er den Arm Nanina’s und flüsterte ihr zu:

»Vergessen Sie nicht unsere Verabredung für morgen!«

In demselben Augenblick legte sich die Hand der gelben Maske auf ihn und nahm seine Hand aus der Nanina’s.

Er zitterte zwar, hatte aber doch so viel Besinnungskraft behalten, dass er Nanina ein Zeichen geben konnte, dass diese sich schnell entfernen möge.

Das junge Mädchen ging schleunigst fort.

»Wir sind jetzt allein,« begann Fabio zu der unheimlichen Maske, »sagen Sie mir nun, wer Sie sind und warum Sie mich verfolgen! Oder — ich nehme Ihnen die Maske ab und überzeugt mich selbst davon, wer Sie sind!«

Die Frauengestalt trat einige Schritte schweigend zurück. Er folgte ihr. Es war kein Augenblick zu verlieren, denn man hörte schon wieder Tritte nahen.

»Jetzt oder nie!« rief Fabio aus und wollte die Maske heben, aber die Frau stieß seine Hand zurück und nahm mit der anderen Hand ihre Maske selbst ab.

Die Lampen beleuchteten das Gesicht hell und deutlich.

Es war das Gesicht der verstorbenen Gräfin Magdalene d’Ascoli.



Viertes Kapitel.

Signor Andrea d’Arbino suchte seinen Freund Fabio vergeblich durch alle Räume, bis er endlich auch auf den Korridor kam, wo er Fabio allein und in einer tiefen Ohnmacht auf dem Boden liegend fand. d’Arbino wollte die Gäste nicht mit diesem Vorfall bekannt machen und er ging nach dem Vorzimmer, um sich nach einer Hilfe umzusehen. Kavalier Finello ließ sich gerade seinen Mantel umgeben, um sich zu entfernen.

Die beiden Herren trugen Fabio in das Vorzimmer, dessen Fenster sie öffneten. Ein Diener wurde nach Eiswasser ausgeschickt. Diese leichten Hilfsmittel brachten Fabio zu sich selbst zurück. — Er blickte seine Freunde verwirrt an.

»Ich fand Sie ohnmächtig im Korridor,« sagte d’Arbino, »was ist Ihnen begegnet? War die Hitze zu groß?«

Fabio schien seine Gedanken zu sammeln, dann zeigte er auf den Diener. —

Die Herren schickten ihn hinaus.

»Es war nicht die Hitze,« sagte Fabio mit schwerer Stimme, »ich sah — das Gesicht meiner verstorbenen Gattin hinter der gelben Maske!«

»Wirklich!«

»Ja, wirklich! Es war das Gesicht der Toten!«

»Wirklich, Ihrer Gattin?«

»Ja,« fuhr Fabio fort, »ich sah sie nicht, wie sie in den Tagen strahlender Jugend und Schönheit aussah; nicht wie sie auf ihrem Krankenbett aussah, sondern so, wie sie in ihrem Sarg lag!«

»Graf! Graf! Sammeln Sie Ihre Gedanken. Es ist gewiss nur Ihre lebhafte Phantasie, die Ihnen das vorspiegelt?«

»Ersparen Sie mir Weiteres! Ich bin entschlossen, das Geheimnis zu ergründen. Wollen Sie mir dazu behilflich sein? Meine Kraft allein dürfte jetzt kaum dazu ausreichen!«

»Wir werden Ihnen getreu beistehen,« sagten die Herren, die jedoch nicht daran zu glauben schienen, was Fabio ihnen mitgeteilt hatte. Sie hielten es wahrscheinlich nur für eine Fieberphantasie.

»Was wünschen Sie, dass wir jetzt zunächst tun?« fragte Finello.

»Die Gestalt muss durch dieses Zimmer gekommen sein« fragen wir zunächst den Diener, ob er Etwas von ihr gesehen hat.«

Der Diener verneinte es.

Die beiden Herren fragten alle Diener, keiner von ihnen hatte die gelbe Maske gesehen.

Zuletzt wurde der Portier gefragt, und dieser berichtete, dass vor einer halben Stunde eine gelb gekleidete Dame fortgefahren sei.

»Kennen Sie vielleicht den Kutscher?« fragte man ihn.

»O gewiss, er ist ein alter Freund von mir, ein sogenannter Miethskutscher.«

»Und wissen Sie, wo er wohnt?«

»Ja, sehr genau!«

»Gut, so lassen Sie gefälligst einen Andern hier Ihren Posten versehen und führen Sie uns zu dem Manne.«

Der Portier führte die drei Herren durch einige Straßen und zeigte Ihnen endlich das Haus und den Stall, wo der Kutscher eben seine Pferde hinein führte.

d’Arbino reichte dem Manne etwas Geld und fragte:

»Sie fuhren eben eine Dame in gelben Kleidern von dem Balle nach Hause, wohin brachten Sie sie?«

»Ja, Herr, ich war für den ganzen Abend gemietet, ich fuhr sie zu dem Balle und zurück.«

»Wo, wo wohnt sie?«

»An einem sehr sonderbaren Orte,« antwortete der alte Kutscher, »auf dem Kirchhofe von Campo Santo.«

Fabio stand zwischen den Herren; als er dies hörte, stieß er einen Schreckensschrei aus und stützte sich auf seine Freunde.

»Und wohin fuhren Sie jetzt die Dame?« fragte d’Arbino.

»Zu derselben Stätte,« entgegnete der Kutscher.

Fabio ließ seine Freunde los und sank auf seine Knie; es sah aus, als wenn er beten wollten.

»Warum ist er wieder so bewegt?« fragte Finello.

»Du weißt ja, antwortete d’Arbino, »dass er hinter der gelben Maske das Gesicht seiner verstorbenen Frau erblickt hat.« —

»Ja! Aber weiter!«

»Diese ruht auf dem Friedhof von Campo Santo.



Fünftes Kapitel.

Von allen den Personen, welche der Ball des Marquis beschäftigt hatte, war Nanina die erste, welche sich am Morgen danach erhob. Sie hatte nicht schlafen können, so sehr bewegten sie die verschiedenen Erlebnisse, die sie auf dem Balle gehabt hatte. Sie stand auf und schöpfte die frische Morgenluft an ihrem kleinen Fensterchen in langen Zügen ein.

Am meisten beschäftigte sie der Augenblick, in welchem sie Fabio mit der entsetzlichen Maske allein gelassen hatte. Dann nahm sie das mit Bleistift beschriebene Blättchen und überlas wiederholt, was Fabio ihr aufgeschrieben hatte.

Sie überlegte, ob sie wirklich den kleinen Schlüssel zu dem Garten des d’Ascoli-Palais benutzen sollte. — Aber ja! Fabio hatte ihr ja am Schluss gesagt:

»Fassen Sie Vertrauen zu meiner Aufrichtigkeit, wie ich stets Vertrauen zu Ihnen hegte!«

Ja, sie durfte Vertrauen schenken. — Außerdem musste sie ja auch den kleinen Schlüssel zurück geben. —

Als sie noch so in Gedanken auf die Straße hinabblickte, hörte sie, dass an die Tür geklopft wurde.

Der Mann, welcher klopfte, hatte Nanina erblickt und fragte:

»Wohnt die Krankenwärterin Marthe Angrisani hier?«

»Ja,« antwortete Nanina, »ich werde sie gleich rufen. Ist Jemand krank?«

»Ja, rufen Sie sie nur schnellt Sie soll nach dem Palais d’Ascoli kommen, mein Herr, der Graf Fabio, ist krank.«

Nanina flog förmlich zu der Krankenwärterin und rief:

»O, eilt Euch, eilt Euch, Frau Martha! Er ist krank!«

Nanina lief dann zu dem Diener und teilte ihm mit, dass Frau Martha sogleich kommen würde. Dann fragte sie ihn nach der plötzlichen Krankheit seines Herrn, da er ja doch gestern noch auf dem Balle gewesen sei.

»Ich weiß weiter nichts,« erwiderte der Diener, nachdem er etwas überrascht Nanina’s Aufregung bemerkt hatte, »als dass mein Herr Graf bewusstlos von zwei Herren nach Hause begleitet worden ist. Ich hörte, dass er das Gesicht einer Maske gesehen haben soll, welches ihm einen großen Schreck eingeflößt hat; mehr weiß ich nicht! Der Doktor sagt, mein Herr hätte eine Gehirnentzündung und hat uns Allen die größte Vorsicht empfohlen!«

Der Mensch sah noch, dass Nanina bitterlich weinte, als sie in das Haus trat.

Als Marthe zum Fortgehen bereit war, warf sich Nanina an ihre Brust und bat:

»Wenn Sie mich je lieb hatten, Mutter Marthen so lassen Sie mich mitgehen und ihn pflegen helfen.«

Die Wärterin zögerte Anfangs, aber Nanina weinte so heftig, dass die alte Frau sich entschloss, sie mitzunehmen; denn sie gedachte ihrer eigenen Jugend und der Zeit, wo sie einst auch so heiß zu lieben verstand. — Sie kannte Nanina’s heiße und treue Liebe zu Fabio seit langer Zeit. —

Endlich sagte sie:

»Nimm Deine Mantille und komme mit; aber erscheine so alt und hässlich als Du vermagst, sonst wird es Dir der Doktor nicht erlauben, mir hilfreiche Hand zu leisten; hörst Du, Nanina!«

Diese Vorsicht war unnötig, denn der Doktor wünschte gerade, dass Fabio Menschen an seinem Bett sehe, die er gern habe.

Nanina teilte dem Doktor mit, dass sie dem Grafen einst als Modell gedient habe, und so wurde sie gern an das Krankenbett gelassen.

Sechs Wochen vergingen unter der steten Furcht, dass Fabio ein Opfer des Todes sein würde; aber es kam auch endlich der Tag, wo der Graf wieder ruhig schlief und wo die Fieberphantasien aufhörten, aber die gelbe Maske beschäftigte ihn doch noch unaufhörlich.

Es waren keine Phantasieren, sondern der Kranke sprach ganz vernünftig über seine sonderbare Begegnung.

Er sah Nanina an seinem Bett, sie las ihm vor; aber Wochen vergingen so und der Graf behielt den furchtbaren Ernst, den er, seitdem er seiner Besinnung wieder mächtig war, stets zeigte.

Er schien zufrieden damit, dass das junge Mädchen an seinem Bette war, aber er lächelte ihr auch nicht ein einziges Mal dankbar zu. —

Einst saß sie auch neben seinem Bette, als sich die Tür öffnete und Andrea d’Arbino mit dem Doktor eintrat.

Fabio lag gleichgültig da und schien eben einschlafen zu wollen. Er bemerkte die Herren nicht.

»Es ist recht traurig,« fing der Doktor an, »dass sein Körper gesunden während sein Geist kranker zu sein scheint. Er glaubt noch immer an das Gesicht der Toten hinter der Maske.«

»Ach, Doktor, er ist gewiss noch im Fieber, wenn er so spricht!« sagte d’Arbino.

»Im Gegenteil,« entgegnete der Doktor, er ist körperlich völlig hergestellt; aber da er seit seiner Kindheit abergläubisch ist, ist es viel schwerer, ihn von seiner festgefaßten Idee zurück zu bringen.«

»Hört er nur zu, wenn Sie mit ihm über den Gegenstand sprechen, oder antwortet er auch?« fragte d’Arbino.

»Er hat auf Alles, was ich ihm sage, nur dieselbe Antwort, dass er trotz allen Widersprechens, dennoch das Gesicht seiner toten Frau gesehen habe.

»Als Arzt weiß ich doch genau, dass der Mann jetzt fieberfrei ist, und deshalb muss ich ihm das auszureden suchen.«

»Ich wünsche Nichts sehnlicher, als dass das Geheimnis aufgeklärt werde,« sagte d’Arbino, »und ich habe bereits 200 Scudi Belohnung darauf gesetzt für den, der mir in die Geschichte Licht bringt. Ich habe die Diener des Palais Melani examiniert, war bei dem Nachtwächter des Campo Santo, habe Hotelbücher und Polizeilisten durchforscht, nur Etwas über das Frauenzimmer in der gelben Maske zu erfahren, aber ich habe Nichts gefunden, was Aufklärung geben könnte.

»Und somit bin ich nun an dem Ende meiner Bemühungen.«

Der Doktor begriff das und sagte:

»Und doch werden wir den Kranken nicht früher geheilt sehen, bis wir ihm die Überzeugung verschaffen können, dass er sich geirrt habe.« —

Mit diesen Worten fielen des Doktors Augen auf Nanina, die still stand und zuhörte.

»Frau Martha,« fragte der Arzt, »geht Ihre junge Gehilfin auch täglich aus? Wenn sie nicht lange Wege macht zu ihrer Erholung, so werde ich bald an ihr eine zweite Patientin haben.«

»Nanina geht nur von hier aus zu ihrer Schwester,« erwiderte die Krankenwärterin.

»So gehen Sie täglich, bevor Sie hierher kommen, recht weit,« sagte der Doktor zu Nanina, »sonst muss ich Sie von Ihrer Hilfe hier entbinden.«

»Jetzt bin ich für Sie bereit,« fuhr er zu d’Arbino fort, und die Männer gingen.

Nanina hatte kein Wort von der Unterhaltung verloren und sagte zu sich, als das Zimmer leer war:

»O, wenn ich doch Fabio beweisen könnte, dass er sich getäuscht habe.« —

Als das junge Mädchen nach Hause kam, fand sie einen Brief an sich von Meister Lomi.

Er war nach Pisa zurückgekehrt und fragte an, ob sie ihm vielleicht zu einer Büste sitzen wollte, die er für einen reichen Neapolitaner ausführen sollte.

Da ihr das Schreiben zu unbequem und schwierig erschien, so beschloss sie, dem Meister persönlich die verneinende Antwort zu überbringen.

Als sie eben das Atelier betreten wollte, kam ihr die Idee, dass sie vielleicht Pater Rocco dort finden werde, aber es war zu spät zum Umkehren, denn ein Gehilfe öffnete eben die Tür

Ihre erste Frage war nach Pater Rocco, doch sie erfuhr, dass er nicht bei seinem Bruder sei, und so betrat sie ruhig die Werkstätte des Künstlers.

Sie ging zu Meister Lomi und sagte ihm, dass sie Krankenwärterin sei, und dass es ihr dadurch unmöglich werde, zu den Sitzungen zu erscheinen.

Meister Lomi bat so dringend, aber Nanina konnte eben nichts versprechen, weil es ihr in der Tat an Zeit fehlte, bei dem Meister zu erscheinen.

Luca Lomi staubte eben zum ersten Male seine geliebten Statuen und Büsten eigenhändig mit einer Federbürste ab und blieb auch bei der Beschäftigung während er mit Nanina unterhandelte.

Luca Lomi kam jetzt zu seiner Lieblingsstatue, der Minerva, zu welcher ihm seine nun verstorbene Tochter einst gesessen hatte.

Er hatte sie schon einmal abgestaubt, aber es war ihm, als läge noch etwas Staub auf der Stirn der Göttin. — Er nahm seine Federbürste, stieg auf einen Stuhl und wollte den Staub fortblasen. —

Nanina wollte sich eben entfernen. — Mit einem Male hörte sie aber den Meister ausrufen: »Hier ist Gips auf der Stirn der Minerva!«

Er nahm sein Taschenmesser und entfernte den Gips aus den feinen Falten des Haares.

»Es ist Gips über dem Gesicht dieser Figur gewesen.

Jemand hat hiernach eine Maske angefertigt!« rief Lomi.

Der Meister blickte sich scheu um und rief weiter:

»Hier muss ich Aufklärung haben! Ich ließ die Statuen unter Roccos Aufsicht, ich muss ihn gleich fragen, wer diesen Diebstahl hier ausführte!«



Sechstes Kapitel.

Nanina entfernte sich nun und bedauerte zum zwanzigsten Male wenigstens, dass sie nicht kommen könne. Der Meister erwiderte, dass er es ebenfalls bedauere; dann benachrichtigte er den zurückkommenden Gehilfen, dass er sich zu seinem Bruder begebe, wenn Jemand nach ihm fragen sollte.

Als Nanina sich am nächsten Morgen mit starkem Kopfschmerz erhob, gedachte sie der Mahnung des Arztes und beschloss einen Spaziergang zu unternehmen. Sie ging zur Stadt hinaus.

Die Biondella würde auch mit ihr gegangen sein, aber sie hatte gerade eine große Bestellung Flechtarbeit. Der gelehrte Pudel Scarammucia begleitete seine Herrin allein.

Der Pudel tanzte lustig bald neben dem Mädchen, bald eilte er vor ihr her, bald blieb er wieder zurück. —

Sie achtete nicht viel auf den Hund, denn sie beschäftigte sich lebhaft mit dem, was sie gestern von dem Doktor über die gelbe Maske gehört hatte. Endlich fühlte sie sich ermüdet und sah sich nach einem Platze um, wo sie sich ein wenig ausruhen könne.

Sie sah eine Art Wirtshaus mit einem Garten daran in welchem Arbeiter ein Feuerwerk vorzubereiten schienen. Das ganze Lokal stand leer, denn die Bürger Pisas besuchten es gewöhnlich erst Abends als Erholungsort. Nina trat in den Garten und setzte sich auf das schattigste Plätzchen nieder. Mit einem Male vermisste sie den Pudel und sah ihn, ziemlich entfernt von sich, hinter einem hölzernen Gartenhaus mit gespitzten Ohren stehen.

Es saß ein Herr darin mit einer Dame, dies sah Nanina, als sie näher ging, um den Hund an sich zu locken. Sie stand hinter dem Gartenhäuschen und blickte durch ein Astloch und erkannte an dem Kleide die Dame aus dem Geschäfte der Modehändlerin Grifoni, aber sie erkannte nicht allein Brigitte, sondern auch den Mann an ihrer Seite, es war — Pater Rocco.

Die Arbeiter in dem Garten hatten bis jetzt gehämmert und lautes Geräusch gemacht, nun fingen sie zu sägen an und Nanina konnte deutlich hören, dass Brigitte den Namen des Grafen Fabio aussprach.

Nanina nahm des Pudels Schnauze in ihre Hand, damit er nicht bellen sollte und horchte weiter.

Brigitte fragte den Priester: »Haben Sie verstanden, was ich Ihnen sagte?«

»Nein,« entgegnete der Priester leise.

»Ich möchte wissen, weshalb Sie den abergläubischen Grafen Fabio d’Ascoli nicht weiter ängstigen wollen?« fragte sie.

»Erstlich,« antwortete der Mann der Kirche, »habe ich mit meinem ersten Experiment sehr viel erreicht, mehr als ich hoffte.«

»Ist das Alles?« fragte Brigitte.

»Zweitens, glaube ich nun der Kirche zur Genüge gedient zu haben, indem ich ihn von einer zweiten Heirat zurückgeschreckt habe; aber ein Verbrechen auf mich zu nehmen, habe ich nicht Lust. Fabio würde den Verstand verlieren, wenn er noch einmal das Gesicht sehe.«

»Ach,« sagte Brigitte, »ich vermute, dass dies nicht alle Ihre Gründe sind, sondern dass Sie noch mehre haben. Dass Sie mich so plötzlich hierher bestellten, an diesen einsamen Ort, ist doch gewiss wichtig? Außerdem wünschten Sie, dass ich die Wachsmaske mitbringen solltet — Was bedeutet das Alles? Ich bin eine Frau, bin also auch neugierig, teilen Sie mir also mit, um was es sich wieder handelt.«

»Es ist weder etwas Geheimnisvolles noch etwas Wichtiges, was Ihrer wartet,« sagte Rocco kühl, und fuhr dann fort: »Sie wissen doch, dass die Wachsmaske, welche Sie auf dem Balle trugen, von einer Statue meines Bruders abgenommen wurde?«

»Ja! ich weiß das!« »Mein Bruder fand bei seiner Rückkehr noch Spuren von dem Gips auf dem Gesicht der Statue und fragte mich nach der Erklärung dieses Fundes. Meine Erklärung genügte ihm jedoch nicht und er will jetzt weiter forschen. Ich halte es also für notwendig, dass diese Maske zerstört werde und deshalb bat ich Sie, hierher zu kommen, damit ich sie vor meinen eigenen Augen zusammenschmelzen sehe. Jetzt wissen sie Alles? Haben sie die Maske bei sich?«

»Nein,« erwiderte Brigitte.

»Und warum nicht? fragte Rocco.

In demselben Augenblicke fing Scarammucia zu heulen an, denn Nanina hatte in ihrer Überraschung die Schnauze des Hundes losgelassen. Sie rief den Hund wieder leise an sich, legte ihre Wangen an seinen rauen Hals und küsste das Tier; — er wurde wieder ruhig, so lauschte sie weiter.

Wohl hatte sie eine Frage und eine Antwort verloren, aber nun hörte sie das Folgende:

»Wir sind hier allein,« fing Brigitte an, »ich bin eine Frau und Sie sind vielleicht bewaffnet gekommen und doch gebe ich die Maske nur unter Bedingungen zurück.«

»Sie sprachen früher nie von Bedingungen,« sagte Rocco.

»Ja, es ist wahr,« entgegnete Brigitte, »ich ging vorläufig nur mit der Maske meiner toten Feindin auf den Ball um Fabio dafür zu strafen, dass er sich einst über mich lustig gemacht hat. Aber diese Angelegenheit fesselte mich nun länger in dieser Stadt, als ich, vermutete und ich bin nun in Geldverlegenheit gekommen. — Jetzt frage ich Sie, ob Sie mir die Maske für zweihundert Scudi ablaufen wollen?«

»Ich besitze nicht einmal zwanzig Scudi!« entgegnete der Priester.

»Sie müssen mir das Geld anschaffen,« sagte Brigitte, »sonst werde ich mit der Wachs-Maske anderweitig Handel treiben. Diese Summe ist nämlich durch Fabios Freund, für denjenigen bestimmt, der die Person nennt, welche die Maske trug. Ich brauche also nur zu gehen und die Maske zu zeigen, so erhalte ich das Geld. Ihnen wird es natürlich übel ergehen, wenn man erfährt, dass Sie die Maske anfertigten und die Verkleidung ersannen.

»Glauben Sie wirklich, dass ich auf Ihre Aussage verdächtig sein würde?« fragte Rocco achselzuckend.

»Ah, Sie sind zum ersten Male unhöflich gegen mich, Pater Rocco,« sagte Brigitte.

»Ich gehe jetzt, wollen Sie die Maske, so finden Sie sich bis vier Uhr mit dem Gelde in meiner Wohnung ein; um fünf Uhr ist es jedoch schon zu spät, das sage ich Ihnen!«

Nanina hörte Schritte, Brigitte musste sich entfernt haben.

Pater Rocco schien die Angst zu verzehren, er schritt unmutig auf und ab, endlich hörte sie, dass der Priester das Gartenhaus verließ und fast in demselben Augenblick stand er ihr gegenüber.

»Du hast gehorcht,« sagte der Priester strenge, »ich sehe es Deinem Gesicht an, Du weißt Alles!«

Sie antwortete kein Wort und sah ihn fest an, aber sie hätte eine Welt darum gegeben, hätte sie vor ihm entfliehen können.

»Ich habe Dich einst überwachen lassen,« sagte der Priester traurig, »es ist wahr, und jetzt hast Du es mir vergolten. Ist es bloßer Zufall, oder die Rache des Himmels?« fragte sich Rocco gedankenvoll.

»Warum bist Du so schweigsam und erschrocken?« fragte er weiter. »Ich kann Dir kein Leid zufügen, dort sind die Arbeiter und hier Dein Hund und ich wünsche Dir auch kein Leid zuzufügen. Gehe nach Pisa zurück und erzähle, was Du hier hörtest. Ruiniere mich und mache den Mann Deiner Liebe gesund! Tue es nur! Ich war nie Dein Feind und werde es auch nie sein. Ich handelte als ein Werkzeug der heiligen Kirche, mich trifft kein Vorwurf. Gehe jetzt, Kind, und bringe Deine Botschaft nach Pisa! Ich will mich inzwischen auf die Dinge vorbereiten, die da kommen können. Ich verlasse Dich jetzt ohne Groll, trotzdem ich weiß, dass das erste Wort, welches Du in Pisa sprichst, mich moralisch töten und dass große Werk zerstören wird, welches ich mir zur Lebensaufgabe gestellt habe.«

Er sprach so ruhig wie immer und sagte ihr dann auch ein freundliches Lebewohl, bevor er unter den Bäumen verschwand.

Das junge Mädchen sann noch einige Augenblicke über den sonderbaren Mann nach und ging dann, von ihrem treuen Pudel begleitet, der Stadt zu.

Sie kam in dem Palast an und erwartete den Doktor mit brennender Sehnsucht; als er endlich kam, bat sie ihn, ihr zu folgen und erzählte ihm Alles.

»Sie haben ihn gerettet!« rief der Doktor freudig — aus. »Lassen wir die Frau hierher kommen, dass sie die Belohnung erhalte. Verlassen Sie den Palast nicht, bis ich es Ihnen wieder erlaube,« sagte der Doktor freundlich zu Nanina.

»Ich gehe jetzt zu Signor Andrea d’Arbino und sage ihm, dass wir ihm Entdeckungen machen wollen. Lesen Sie nun dem Grafen vor, wie gewöhnlich, bis ich Sie hier wieder her bitten lasse, aber sagen Sie ihm kein Wort von dem Geheimnis. Er muss sorgfältig auf die Entscheidung des Betrugs vorbereitet werden.«

D’Arbino kam und Nanina teilte nun auch ihm mit, was sie wusste

Die Herren beratschlagten beide hinter verschlossenen Türen

Um vier Uhr ließen sie Nanina wieder zu kommen bitten und sie wurde hinter einem Vorhang verborgen.

Um einviertel fünf trat Brigitte in das Zimmer, der Doktor verbeugte sich und d’Arbino reichte ihr einen Stuhl.

»Ich glaube, ich befinde mich den Freunden d’Ascolis gegenüber?« begann Brigitte, »darf ich fragen, ob Sie an mich schrieben, um für den Grafen zu handeln?«

Der Doktor betrachtete das Briefchen und sagte, dass es von ihm komme, dann zeigte er auf das Geld vor sich.

»Sie haben sich schon darauf vorbereitet,« fing Brigitte lächelnd an, »die 200 Scudi auszuzahlen, wenn Sie erfahren, welche Dame auf dem Balle die gelbe Maske trug, die der verstorbenen Gräfin d’Ascoli so ähnlich sah?«

»Wir sind Männer von Ehre und halten unser Wort,« erwiderte d’Arbino.

»Ja,« setzte der Doktor hinzu und schob das Geld von sich, »aber wir müssen auch Beweise haben, dass sie die Person wirklich sind, welche uns Aufklärung verschaffen kann.«

Brigitte blickte gierig nach dem Gelde. —

»Beweise?« rief sie aus. »Hier sind sie!« Mit diesen Worten nahm sie eine kleine Schachtel aus ihrem Kleide und übergab sie den Herren.

Der Doktor öffnete und erblickte die Wachsmaske, er überreichte sie d’Arbino und zog das Geld wieder näher an sich.

»Der Inhalt der Schachtel erklärt allerdings einen großen Teil der Wahrheit,« mit diesen Worten schob der Doktor das Geld artig nach der Seite hin, wo Brigitte saß, deckte aber seine Hand darüber. »Aber ich hörte,« fuhr er fort, »die Dame, welche die Maske trug, soll dieselbe Größe gehabt haben, wie die Gräfin.«

»Genau so groß,« begann Brigitte wieder.

»Sie trug die Lieblingsfarbe der verstorbenen Gräfin, nämlich gelb. Hatte dieselben schwarzem glänzenden Augen und trug unter der gelben Maske, diese farblose Wachsmaske, welche jetzt in Ihren Händen ist.

»Soviel über den ersten Teil des Geheimnisses.

— »Niemand hat bis jetzt entdecken können, wer die Dame ist, welche die Maske trug. —«

»Ich bin entzückt, mein Herr, Ihnen darüber Aufklärung geben zu können. —«

»Ich danke Ihnen, Madame,« erwiderte der Doktor kurz, »wir wissen das bereits!« —

Brigitte errötete und erhob sich.

»Verstehe ich Sie recht?« sagte sie hochmütig. »Sie ziehen Vorteil aus meinen Mitteilungen und verweigern mir vielleicht die Belohnung dafür?«

»Unter keinen Umständen, Madame!« antwortete der Doktor. »Wir halten, was wir versprachen.«

»Gut! Gab ich Ihnen nicht Alles, was ich wusste? Und jetzt, bin ich sogar zu weiteren Enthüllungen bereit,« sagte Brigitte.

»Ja,« entgegnete der Doktor, »aber leider sind dieselben wertlos für uns, da Ihnen bereits Jemand zuvorgekommen ist, der uns mitteilte, wer die Dame war, - die die Maske auf dem Balle trug, und auch, wie sie zu derselben gekommen ist. Natürlich hat diese Person ältere Ansprüche auf die ausgesetzte Belohnung. Nanina, treten Sie hervor! Das Geld gehört Ihnen!«

Nanina trat hinter dem Vorhang hervor. Brigitte betrachtete das junge Mädchen und rief dann aus:

»Dieses Mädchen!« Dann blieb sie atemlos stehen.

»Dieses junge Mädchen hat Ihre und Ihres Mitschuldigen Unterhaltung heute früh, ungesehen, mit angehört,« sagte der Doktor ernst.

D’Arbino hatte Brigittens Gesicht fest beobachtet und war zu ihr getreten, denn er fürchtete nicht mit Unrecht einen Wuthausbruch.

Sie ergriff auch in demselben Augenblick ein schweres Lineal und hätte es unfehlbar auf Nanina geschleudert, wenn d’Arbino nicht ihren Arm festgehalten hätte.

»Mögen Sie mich nur festhalten,« schrie Brigitte mit kreideweißem Gesicht, »ich kann aus eine bessere Gelegenheit warten.«

Mit diesen Worten ging sie zur Tür, kehrte sich aber noch einmal gegen Nanina und rief: »Ich bedauere, dass ich mit dem Lineal nicht schneller war!« Dann eilte sie fort.

»Nun,« sagte der Doktor, als sie fort war, »gedient hat sie uns doch, denn wir haben jetzt nicht nötig, zu ihr zu gehen, um ihr die Maske abzuzwingen. —«

»Sie können jetzt mit Ihrem Gelde nach Hause gehen,« sagte der Doktor zu Nanina gewendet; »ich werde Ihnen einen Diener mitgeben, damit das Frauenzimmer Sie nicht etwa auf der Straße anfalle.«

»Ich lasse das Geld hier,« erwiderte Nanina.

»Warum?« fragte der Doktor erstaunt.

»Sie würde das Geld auch genommen haben,« — sagte Nanina errötend.

»Gut, gut,« entgegnete der Doktor! »Ich werde das Geld und die Maske noch einige Tage aufheben. — Kommen Sie morgen hier her wie gewöhnlich, mein liebes Kind, bis dahin werde ich mir überlegt haben, wie der Graf am Besten aus die Enthüllungen vorzubereiten ist. Wir müssen vorsichtig und langsam verfahren, wenn wir einen guten Erfolg haben wollen.«



Siebentes Kapitel.

Unter den ersten Besuchern des Ascoli-Palastes am Morgen nach diesem Tage, befand sich Meister Lomi. Die Diener fanden ihn sehr aufgeregt und er wollte durchaus den Grafen sprechen. Als ihm dies als eine Unmöglichkeit bezeichnet wurde, verlangte er mit dem Arzt zu sprechen.

»Ich kann Ihnen nicht recht mitteilen, was ich eigentlich will,« sagte der Meister zu dem Doktor »Bitte, sagen Sie mir doch, war gestern eine Arbeiterin Namens Nanina hier?«

»Ja!« entgegnete der Doktor

»Hat sie vielleicht mit Jemand eine Unterredung gehabt?«

»Ja! mit mir.«

»Dann haben Sie etwas Besonderes erfahren? —«

»Ja, Alles!«

»Nun, so kann ich ja zu Ihnen offen reden.« sagte der Meister, und zog mehrere zusammengerollte Stücke Papier aus der Tasche.

»Mein Bruder, ich bedauere es sagen zu müssen —«

»Was hat Ihr Bruder mit der Angelegenheit der gelben Maske zu tun?« fragte der Doktor sehr ernst.

»Wenn sein Anteil an der Geschichte bekannt wird,« fuhr Lomi fort, »so werde ich als Künstler ruiniert sein, vielleicht bin ich es jetzt schon!« setzte er traurig hinzu.

»Hat Ihr Bruder Sie vielleicht beauftragt?« fragte der Doktor; »denn ich verstehe eigentlich nicht, was Sie wollen,« setzte er hinzu.

»Nein, ich komme aus eigenem Antriebe. Meinem Bruder scheint es ganz gleichgültig zu sein, was da kommt. Er hat seinem Vorgesetzten einen vollständigen Bericht über seine Handlungsweise überschickt und er wartet jetzt geduldig auf die Strafe, welche der Erzbischof über ihn verhängen wird.«

»Ich habe eine Kopie dieses Berichtes. Das weltliche Gericht kann ihm nichts anhaben, denn er ist bereits in Sicherheit, aber die Kirche kann es, und dieser allein hat er auch gebeichtet.

»Ich möchte also nicht dem öffentlichen Schimpfe ausgesetzt werden, darum kam ich hier her; es würde nicht nur meiner Familie, sondern auch dem Grafen schaden,« sagte Lomi.

»Ich lasse Ihnen die Kopie von dem Berichte meines Bruders hier; sehen Sie dieselbe durch und legen Sie sie dann dem Grafen vor.«

Der Meister ging zum Fenster und rollte das Papier auf. Der Doktor beugte sich neugierig darüber.

Der Bericht oder die schriftliche Beichte des Priesters fing damit an, das Eigentum des Grafen Fabio d’Ascoli als ein, eigentlich der Kirche zugehöriges Besitztum zu schildern, das dessen Vorfahren sich unrechtmäßiger Weise in den Bürgerkriegen angeeignet hätten. Es wurde dies durch alte Manuskripte, die beigefügt waren, bewiesen.

Die zweite Abteilung sprach von der Pflicht, die jeder treue Sohn der Kirche auszuüben habe, nämlich der Kirche zu den Verlusten, welche diese in ihren schlechten Zeiten erlitten habe, wieder zu verhelfen.

Die dritte Abteilung sprach davon, dass die Heirat zwischen Fabio d’Ascoli und Magdalene Lomi zu Gunsten der Kirche veranstaltet worden war, und zwar sollte zuerst auf Magdalene eingewirkt werden, dass die Kirche die Güter der Ascolis zurück erhielte, und stürbe die Gräfin, so sollten ihre Kinder zum Nutzen der Kirche weiter beeinflusst werden.

Die vierte Abteilung sprach von der Notwendigkeit, eine zweite Ehe des Grafen zu verhindern und von den Ideen, die ihn, den Priester, auf die Erfindung der gelben Maske geführt hätten.

Die Idee, den jungen abergläubischen Grafen mit einer Totenmaske zu erschrecken, sei ihm als das beste Mittel erschienen, diesen von einer zweiten Ehe zurück zu halten.

Erst sei er, — der Priester, zwar selbst davor zurückgebebt, aber er habe das Mittel doch benutzt.

Die fünfte Abteilung sprach von der Anfertigung der Maske nach der Minerva-Statue seines Bruders und von zwei Zusammenkünften mit Brigitte, welche sich bereit erklärte, die Maske zu tragen, da sie eine Privatrache an dem Grafen ausüben wollte.

Diese Person hatte auch den anonymen Brief an Fabio geschrieben.

Der Priester blieb noch immer unentschlossen, ob er den Grafen auf dem Balle mit der Totenmaske erschrecken sollte, bis er erfuhr, dass Nanina, die Fabio einst geliebt hatte, auf dem Balle beschäftigt sein würde.

Die sechste Abteilung sprach von der Unterredung welche Fabio und der Priester am Abend vor dem Balle hatten und ferner davon, dass Brigitte die Wachsmaske aus den Händen des Priesters auf dem Friedhof von Campo Santo empfangen hatte.

Die siebente Abteilung wiederholte noch einmal die Notwendigkeit, die Wiederverheiratung des Grafen zu verhindern, wenn die beraubte Kirche wieder zu ihrem Recht gelangen sollte.

Die achte und letzte Abteilung sprach von dem unglücklichen Erfolge des Priesters und von der Schande, die er möglicher Weise auf seine Priesterehre gebracht habe, und in demüthigster Weise verlangte er nun, dass seine Vorgesetzten in der Kirche über ihn Gericht halten möchten.

Nachdem der Doktor diesen sonderbaren Bericht zu Ende gelesen, sagte er zu Lomi:

»Ich hoffe mit Ihnen, dass die Geschichte nicht in die Öffentlichkeit dringe; aber ich erwarte auch, dass die Kirche ihre Pflicht nicht versäumen und den Schuldigen bestrafen wird. Der Graf soll diese Papiere lesen, sobald er genügend darauf vorbereitet ist.«

Lomi hatte nichts weiter zu sagen, er verbeugte sich und ging.

Der Doktor fügte diese Papiere der Wachsmaske bei, betrachtete noch einmal neugierig die Innenseite des Wachsgebildes und schickte dann nach Nanina.

»Nun, mein gutes Kind, sagte er, als diese eintrat, »jetzt wollen wir mit dem Grafen das erste Experiment machen und ich wünschte, dass Sie dabei zugegen wären.«

Er nahm die Schachtel mit der Maske und begab sich mit Nanina in Fabio’s Zimmer.



Achtes Kapitel.

Ungefähr sechs Monate nach den letzten Ereignissen lebten d’Arbino und sein Freund Finello in einer Villa bei Neapel, in der Nähe der Küste von Castellamare.

Die Freunde verbrachten ihre Zeit teils mit Fischerei, teils mit kleinen Segelpartien. Da sie ein Boot zu ihrer eigenen Verfügung hatten, so schweiften sie oft tagelang auf dem Wasser.

Eines Abends segelten sie in die Nähe von Sorrento. Die Schönheit des Abends fesselte sie wieder wunderbar lange auf dem Wasser. Sie schifften um eine kleine Insel und erblickten eine reizend kleine Villa, umgeben von Orangen- und Olivenbäumen.

Vor der Villa saßen auf dem Sande in der Nähe der Küste mehrere Personen, welche die frische Abendluft einzuatmen schienen. Ein Herr und eine Dame saßen dicht nebeneinander, die Dame hatte eine Gitarre in ihrem Schoß und spielte einen lieblichen Tanz; neben ihr spielte ein kleines Kind in dem Sande und vor ihr tanzte ein junges Mädchen mit einem Hunde nach den Tönen des Instruments.

Das Mädchen lachte hell und laut über die sonderbaren Sprünge des Tieres, dessen Vorderpfoten sie in ihren Händen hielt.

»Fahren wir noch ein wenig näher zur Küste mit dem Boot,« sagte d’Arbino, »dann können wir die Personen erkennen, ohne dass sie uns sehen.«

Finello gehorchte, aber das junge Mädchen, welches mit dem Hunde tanzte, hatte die Schiffer doch erblickt und rief lustig:

»Glückliche Reise, meine Herren!«

Sie lüfteten artig ihre Hüte zum Gegengruß und hörten, dass dieselbe Stimme sprach:

»Spiele, Nanina, ich habe den Tanz noch nicht halb beendet.«

»Ich hörte, dass er wieder gesund sei und sie geheiratet habe und dass er mit ihr, ihrer Schwester und seinem Kind erster Ehe fort sei,« sagte d’Arbino, »aber ich wusste nicht, dass er uns so nahe geblieben ist.

»Es ist noch zu früh, sie in ihrem Glück zu stören, sonst würde ich mein Boot an ihrer Küste landen lassen.«

»Ich erfuhr nie das Ende von der Geschichte mit der gelben Maske,« sagte Finello, »war nicht auch ein Priester darin verwickelt?«

»Ja, aber es weiß Niemand, was aus ihm geworden ist. Er ist nach Rom berufen worden, weiter erfuhr man nichts. Man sagt, er sei als Missionar zu den Wilden geschickt worden und zwar nach einer sehr ungesunden Gegend; doch das ist ein bloßes Gerücht.

»Ich fragte neulich seinen Bruder, den Bildhauer nach ihm, doch dieser schüttelte nur den Kopf und wusste weiter nichts.«

»Und die Frau, welche die gelbe Maske trug, was ist aus ihr geworden?« fragte Finello.

»Sie musste jedes Stück ihrer Habe verkaufen, bevor sie sich aus Pisa entfernen konnte, soviel Schulden hatte sie gemacht.

»Einige ihrer Bekannten, welche bei einer Modehändlerin in Pisa beschäftigt sind, wollten nichts mit ihr zu tun haben, und so verließ sie die Stadt allein und ohne Mittel.«

Das Boot hatte das andere Ufer unter diesen Gesprächen erreicht. Die Freunde blickten zurück zu den Glücklichen und die Töne der Gitarre schwammen sanft zu ihnen herüber, vermischt mit dem Gesang der Spielenden. Das junge Kind und der Hund lagen der Dame jetzt zu Füßen, aber der Herr saß noch immer an ihrer Seite.

Das Boot segelte nun ruhig seine Bahn weiter, die Villa verschwand den Herren aus dem Gesicht und die sanften Töne der Musik erstarben leise und immer leiser.



Die letzten Blätter aus Leah’s Tagebuch.

Am 3. Juni. — Unsere Geschichten sind zu Ende. Es ist ein lieblicher Sommernachmittag. Die große Halle im Pächterhause, die sonst stets so bevölkert war, ist nun leer geworden. Ich sitze allein an meinem kleinen Arbeitstische, mit ängstlicher Besorgnis und zitternden Händen. Unser Manuskript ist versiegelt und abgesendet, ich nenne es unser drittes Kind, es ist nun in die Welt geschickt, um sich sein Heil zu versuchen.

Kurz vor 12 Uhr gestern Abend, dictirte mir mein Mann die letzten Worte der gelben Maske. Ich legte dann die Feder nieder und faltete das Papier gedankenvoll zusammen. Wir waren Beide so still, dass wir das Rauschen der Bäume durch die stille Nacht hörten.

Williams Vorrat von Erzählungen ist noch nicht halb erschöpft; aber wir wollen erst warten, ob das Publikum die Geschichten auch freundlich aufnehmen wird.

Der Doktor zeigte die beiden ersten Erzählungen, als wir sie vollendet hatten, dem Herausgeber einer Zeitung, und dieser soll sich sehr günstig darüber geäußert haben; denn er machte William den Vorschlag, solche Anekdoten durch seine Zeitung veröffentlichen zu lassen, welche sich nicht zur Aufnahme in ein Buch eignen.

Mein Mann verdiente damit so viel Geld, wie wir zu den kleinen Ausgaben im Pächterhause benötigten. Unsere Freunde wollen uns nun gern so lange Kredit gewähren, bis wir das Geld für das Buch erhalten. Das ist ein großes Glück!

Williams Augen sind durch die lange Frist der Ruhe überraschend gestärkt, und er nimmt nur noch den Augenschirm bei starkem Sonnenlicht oder wenn Kerzen brennen.

Mein Mann freut sich kindisch auf den Augenblick, wo ihm erlaubt sein wird, Pinsel und Farben wieder in Bewegung zu setzen.

Mit diesen angenehmen Aussichten ist es fast ein Unrecht, von Traurigkeit sprechen zu wollen. Aber, wenn ich vorhin sagte, dass mein Herz beklommen ist und meine Hand zittert, so ist dies nur von dem Trennungsschmerze.

Ich nehme von dem Buche an dem ich so manche Stunde schrieb, Abschied, wie von einem theueren Freunde. Ich packte das Manuskript diesen Morgen in starkes braunes Papier ein, weil ich fürchtete, es könnte dem lieben Gegenstande auf der langen Reise ein Leid geschehen. Ach! Es sah so billig, so gewöhnlich aus, wie ein anderes Paket, dieses Kind unserer Arbeit.

Gerade als wir zu Mittag gespeist hatten, kam der Doktor mit dem Verleger.

Der Pächter erfuhr, dass das Buch nun nach London gehen sollte und es wurde eine Flasche von ihm herbeigeholt und aus guten Erfolg des Werkes rund um den Tisch getrunken. Nur der Buchhändler trank nicht mit auf den Erfolg.

Er war zwar sehr höflich, aber doch ein wenig gemessen und fast kalt; er teilte mir mit, dass er das Erscheinen des Buches bereits öffentlich angezeigt habe.

»Denken Sie, dass es gedruckt werden wird?« fragte ich.

»Meine liebe Frau,« erwiderte er, »die Sache ist ja abgemacht, das Buch ist so gut wie gedruckt.«

»Es tritt jetzt die Frage auf, wie das Publikum dasselbe aufnehmen wird,« sagte mein Mann und lehnte sich gedankenvoll zurück.

»So ist es! Mister, so ist es!« rief der Buchhändler, »Alles hängt von dem Publikum ab, auf mein Wort!

»Sie sehen wieder so zweifelhaft aus, Mister Kerby,« sagte der Doktor; »es gibt hier keinen Zweifel mehr!«

Damit gab er dem Manuskripte einen leichten Schlag, als der Buchhändler sich mit demselben entfernte.

Die ganze Gesellschaft verließ mich und ich blieb allein in der Halle zurück.

Publikum, o Publikum, Alles hängt von Dir ab! Die Kinder sollen neue Kleider haben von Kopf bis zu den Füßen; ich werde mir eine schwarze seidene Jacke kaufen; William braucht ein dunkles Arbeits-Beinkleid; dann wird die Miete bezahlt, und jeder unserer Freunde im Pächterhause soll ein kleines Geschenk erhalten. Unsere zukünftige schwere Lebensbahn erschließt sich viel leichter, wenn das Publikum die Erzählungen des armen reisenden Portrait-Malers freundlich aufnimmt, die sein treues Weib in der Dämmerstunde niederschrieb.


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