Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose - Dritter Teil - Erstes Kapitel
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In der Dämmerstunde

Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose



Dritter Teil

Erstes Kapitel

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1798 hielt die Postkutsche, welche stets die Tour zwischen Chalons-sur-Marne und Paris machte, vor der Tür der ersten Poststation jenseits Meaux still. Ein alter Mann stieg aus und begab sich in das kleine Wirtshaus in der Nähe der Post, welches einer Witwe Duval gehörte, die in dem Rufe stand, die beste Köchin und die redseligste Frau in der Umgegend zu sein. Der Reisende wurde nicht mit neugierigen Blicken von den ländlichen Müßiggängern betrachtet und ohne besondere Komplimente von der Gastwirtin empfangen, denn er hatte eben kein besonderes Aussehen. Hätten die guten Leute auf der Dorfstraße und besonders Madame Duval gewusst, dass der Reisende eine merkwürdige Persönlichkeit aus der Schreckenszeit, der Chef der geheimen Polizei von Paris unter Robespierre gewesen, er würde ihnen nicht so uninteressant erschienen sein,

Drei bis vier Jahre waren vorübergegangen, seitdem Lomaque aufgehört hatte, sein Polizei-Amt zu verwalten. Seine Gestalt war seit dieser Zeit gebeugter, sein Haar dünner geworden, aber sein Aussehen war doch im Allgemeinen ein gesünderes; auch seine Kleidung, wenngleich nicht elegant, war netter und reinlicher geworden, als die, die er früher zu tragen pflegte.

Er setzte sich nieder im Zimmer des Gasthauses und während die Wirtin Speise und Trank für ihn besorgte, zog er unter verschiedenen Papieren eine Karte hervor, auf welcher stand:

»Wenn die Verwirrungen vorüber sind, vergessen Sie die Personen nicht, die Ihnen ewig dankbar sein werden. Kommen Sie zur ersten Poststation hinter Meaux und fragen Sie dort in dem Wirtshaus nach dem Bürger Maurice, wenn Sie uns wiederzusehen wünschen.«

Frau Duval brachte den Wein und Lomaque fragte sie: »Können Sie mir vielleicht sagen, ob hier in der Nachbarschaft Jemand wohnt, der Maurice heißt?«

»Ob ich das weiß!« rief die Wirtin aus, »Bürger Maurice und seine liebenswürdige Schwester, Bürgerin Maurice, wohnen kaum zehn Minuten von hier entfernt. In einem reizenden Häuschen, in einer reizenden Gegend können Sie das reizende Geschwisterpaar finden,« erklärte die geschwätzige Frau. »Sie sind meine beste Kundschaft,« fuhr sie fort, »ich versehe sie mit Geflügel, Eiern, Brot, Butter, Gemüse, kurz mit Allem, was sie in ihrer kleinen Einsiedelei benötigen Die armen Leute haben ihre liebe Not gehabt! Sie sprachen zwar in der ersten Zeit wenig davon —«

»Ich bitte Sie, liebe Bürgerin, würden Sie wohl so gütig sein, mich gleich dorthin —«

»Warten Sie nur, ich muss doch erst aussprechen,« sagte die Wirtin und fuhr fort: »Vor drei bis vier Jahren, gerade zu der Zeit, als man dem Satan Robespierre den Kopf abgeschlagen hatte, sagte ich zu meinem Mann: sie wird sterben! Ich meinte die Bürgerin Rosa, denn sie waren elend und arm und wir gaben ihnen dann Kredit und borgten ihnen Nahrungsmittel, Brot, Butter, Geflügel, ich meine, den Leuten dort unten in dem kleinen Häuschen.«

»Liebe Frau, wo, wohnen sie denn?«

Das Geschwätz der Wirtin ging so weiter bis Lomaque noch einmal fragte: »Bürgerin, ich bitte, zeigen Sie mir den Weg, wo ich zu der Hütte gelange.«

»Sie schnurriger kleiner Mann, warum fragten Sie mich denn nicht früher?« sagte die dicke Wirtin »Trinken Sie nur den Wein aus und kommen Sie vor die Tür So, da haben Sie Ihr Geld gewechselt, nun kommen Sie und unterbrechen Sie mich nicht! Sie sind ein alter Mann, können Sie 40 Ellen vor sich sehen? So! Nun sehen Sie, wohin ich zeige! Dort liegt ein Haufen Steine, dann kommt ein kleiner Fußsteig dann kommen Sie zu einer Brücke, aber werden Sie das auch Alles behalten können? Dann kommt eine alte Wassermühle; — ich sage Ihnen, das ist eine prächtige alte Mühle! — Ach, Sie werden schon ungeduldig! Nun, Ihre Frau möchte ich wirklich nicht sein! Also wir sind an der Brücke —« doch Lomaque war schon weit von ihr, er hatte schon den Fußpfad erreicht, die Brücke überschritten und da sah er auch ein altes Häuschen mit weißen Vorhängen an den Fenstern; der Garten vor dem Hause enthielt sorgfältig gepflegte Blumenbeete. »Hier muss es sein,« sagte er sich, »denn ich sehe ihr Walten, bevor ich sie selbst erblicke,« und er klopfte mit seinem Stock an die Tür

Die Tür wurde geöffnet. »Bitte, wohnt hier Bürger Maurice?« — Lomaque sah aus einen dunklen Gang; — bevor er noch ausgesprochen, wurde seine Hand ergriffen, sein Reisegepäck ihm abgenommen und eine frohe Stimme rief: »Willkommen! Willkommen und tausend Mal willkommen!« tönte es noch ein Mal.

»Bürger Maurice ist nicht zu Hause, aber Louis Trudaine ist entzückt, seinen besten und einzigen Freund zu empfangen!«

»Ich erkenne Sie kaum wieder.« sagte Lomaque, »ich finde Sie sehr günstig verändert,« setzte er hinzu, als sie in das Wohnzimmer traten.

»Ja,« antwortete Trudaine, »hier lebe ich friedlich und glücklich und fürchte nicht jeden Abend den kommenden Morgen.« Dann lief er auf den Gang zurück und rief: »Rosa! Rosa! komm herunter, der Freund, nach dem Du Dich so oft gesehnt, ist erschienen!«

Rosa erschien mit schnellen Schritten und sie empfing den alten Mann mit großer Liebe und Freundlichkeit, dass es ihm noch einmal recht warm um das alte Herz wurde. Er dankte ihr herzlich für ihre Freundlichkeit und als er sie näher betrachtete, fand er zwar, dass sie nicht mehr den Zauber ihrer ersten Jugend an sich trüge, aber sie war frisch und fröhlich und hatte jene Traurigkeit gänzlich abgestreift, die sich unausgesetzt in der Zeit ihrer Ehe mit Danville auf ihrem Gesicht und in ihrem Wesen anzeigte.

Dann setzten sich alle Drei nahe an einander und als Trudaine fragte, »bringen Sie Neuigkeiten von Paris mit?« verneinte es Lomaque, »aber von Rouen,« setzte er hinzu, »denn Ihr altes Haus am Seine-Ufer ist zu vermieten.«

Rosa sprang von ihrem Stuhle auf und rief: »O Louis, wenn wir dort wieder leben könnten! Wie mag es denn in meinem Blumengarten aussehen, Bürger Lomaque?«

»Er ist von dem letzten Bewohner gut kultiviert,« antwortete der Gefragte.

»Und mein Laboratorium?«

»Auch zu vermieten! Doch hier ist ein Schema über die Einzelheiten, der Schreiber desselben ist beauftragt, das Haus zu vermieten,« antwortete Lomaque.

Trudaine überflog das Papier.

»Der Preis steht nicht dabei, wir können uns jetzt schon Einiges auszugeben erlauben, nachdem wir hier drei Jahre ökonomisch lebten,« sagte er.

»O welch ein Tag des Glücks wird das für uns sein, wenn wir wieder dorthin könnten!« rief Rosa aus.« »Ach, schreiben Sie doch ja Ihrem Freunde, dass wir das Haus nehmen, bevor uns Jemand zuvorkommt,« setzte sie hinzu.

Er nickte bejahend, faltete das Papier zusammen und machte eine Notiz in seiner Beamten-Weise.

Trudaine fragte, »ist das wirklich Alles, mithin nur Gutes, was Sie uns mitteilen?«

»Nein,« sagte der alte Mann und wiegte sich auf seinem Stuhle hin und her. »Ich muss Sie jedoch fragen, erinnern Sie sich noch der Zeit, als wir uns zuletzt sahen?«

Rosa wandte sich bei der Erinnerung an die entsetzliche Vergangenheit ab und ihr Bruder sagte zu Lomaque, »wir sprechen so wenig als möglich von jener furchtbaren Zeit. Wir fanden Sie nicht mehr, nachdem Sie uns gerettet, und wir konnten Ihnen bis heute unsern Dank nicht aussprechen,« setzte er hinzu.

»Das ist leicht erklärlich,« entgegnete Lomaque.

»Der plötzliche Übergang der Regierung, die Sie Beide rettete, war mein Verderben. Jeder, der Robespierre gedient hatte, wurde eingezogen, natürlich auch ich. Ich wurde zum Tode verurteilt. Ich hätte zu sterben gewünscht, doch nur für Sie; als ich Sie gerettet wusste, kam auch meine Lust zum Leben wieder. Zehn Tage verbarg ich mich in Paris, dann entfloh ich in die Schweiz. Der Rest meiner Geschichte ist sehr kurz. Mein einziger Verwandter war ein Seidenhändler in Bern, ich bot ihm meine Dienste an und wurde Schreiber bei ihm, und gewann auch bald sein Vertrauen. Nun bin ich auf den Wunsch meines früheren Herrn seit einigen Monaten bei dessen Bruder zu Chalons-sur-Marne; dort habe ich eine Anstellung als Korrespondent Jetzt bin ich nur zu dem Zweck hierhergekommen, Sie Beide einmal wiederzusehen. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, denn sie ist ein ehrlicheres Gewerbe als meine frühere, wo ich täglich Verrat, Arrest, Tod und alle möglichen Unannehmlichkeiten vor mir sah. Kurz, ich fühle mich jetzt viel zufriedener und glücklicher als früher. Jetzt ist meine Geschichte erzählt.«

»Alles?« fragte Trudaine. »O mein guter Freund, ich glaube, Sie haben doch Etwas vergessen!«

Lomaque zögerte.

»Ah, er will erst sprechen, wenn wir allein sein werden,« dachte Trudaine.

»Sie werden jetzt unsere Geschichte hören wollen? Doch, Rosa, was werden wir zu essen haben?« fragte Trudaine.

»Ich verstehe Dich, Bruder, Du willst mich entfernen, bevor Du unsere Schicksale mitteilst — Fürchte Nichts, ich bin stark genug, die Vergangenheit noch ein — mal an mir vorüberziehen zu lassen. Ich bleibe und höre zu,« schloss Rosa.

»Sie wissen,« fing Trudaine an, »wir viel wir in den ersten Tagen, nachdem wir durch Sie vom Tode errettet waren, litten. An dem Abende, als wir Sie zum letzten Male sahen, drang schon das Gerücht bis hinter unsere Kerkerwände, dass ein Wechsel in der Regierung stattfinden werde. Die nächsten Tage machten das Gerücht zur Gewissheit Noch ehe wir uns der Hoffnung auf gänzliche Befreiung überlassen konnten, erfuhren wir, dass Robespierre verurteilt und geköpft sei. Die Verwirrung, die dadurch im Gefängnisse entstand, war über jede Beschreibung. Die bereits Verhörten und die noch Unverhörten wurden zusammen gesteckt; es kamen keine Totenlisten, keine neuen Angeklagten hinzu. Die Gefängniswärter wussten nicht, wonach sie sich richten sollten. Sie vernachlässigten ihre Pflichten. Es war überall eine grenzenlose Unordnung. Einige der Gefangenen litten sogar Hunger. Dann stellte sich wieder heraus, dass Papiere über die Anzahl der Gefangenen verloren gegangen seien, kurz, es war ein vollständig ungeordnetes Treiben. Wir Alle, die wir im Gefängnisse saßen, waren durch den Tyrannen Robespierre festgenommen, wir Alle begrüßten auch die neue Regierung als das Institut unserer Errettung. Wir hatten aus Tallien und die Männer vom neunten Thermidor nicht vergeblich gehofft. Das Verhör meiner Schwester samt dem meinigen dauerte kaum fünf Minuten. Es war so oberflächlich, dass ich es selbst wagte, unsere Namen vor dem Verhörsrichter zu wechseln, ich nannte uns Maurice, es ist dies der Familienname unserer Mutter, und unter diesem Namen haben wir uns auch hier angesiedelt, denn ich fürchtete, dass das über uns bereits ausgesprochene Todesurteil nicht ohne Nachtheil für uns sein könnte. Louis Trudaine und Rosa Danville werden zu den Opfern Robespierre’s gezählt, die während seines schrecklichen Regiments den Tod erlitten.«

Trudaine lächelte bei s einen letzten Worten und blickte aus seine Schwester, die ihre Hände gefaltet auf ihren Knien hielt, ihr Gesicht drückte wieder die Traurigkeit früherer Tage aus.

Louis Trudaine stand auf und gab Rosa ihre Kopfbedeckung, die auf dem Fensterbrett lag, und sagte: »Komm, Rosa, hinaus ins Freie! Es ist eine Sünde, bei dem schönen Frühlingswetter im Zimmer zu bleiben. Wir werden an das Ufer gehen und dort einen Spaziergang machen. Wir werden unserm Freunde nun auch die Außenseite unseres kleinen Landhauses und die Gegend hier ringsum zeigen. Kommt, kommt, meine Freunde! Es ist ein Verrat an Königin Natur, wenn wir noch länger im Zimmer bleiben an diesem köstlichen Morgen!.«

Alle drei begaben sich hinaus. Lomaque sagte zu sich selbst: »Ich gab ihr nur die Lichtseite meiner Neuigkeiten, die Schattenseite will ich ihren Bruder allein sehen lassen. Die Arme könnte darunter leiden.—«

Sie promenierten eine Zeit lang an dem Ufer, da es aber wärmer zu werden anfing, kehrten sie zu dem Häuschen zurück. Rosa war wieder lustig geworden und hörte mit Vergnügen die komischen Bemerkungen an, die Lomaque über seine gegenwärtige Schreiber-Stellung machte.

Nachdem sie Alle noch einige Zeit vor der Tür des Häuschens gesessen hatten, ging Rosa hinauf nach ihrem Stübchen, und die beiden Männer setzten ihren Spaziergang allein weiter fort.

Nach einem Weilchen begann Trudaine: »Ich danke Ihnen, dass Sie nicht in der Gegenwart meiner Schwester Alles sagten, was Sie mir vielleicht allein mitteilen wollen!«

»Sie vermuten also, dass ich auch der Überbringer unangenehmer Nachrichten bin?« sagte Lomaque.

»Ja, ich vermute es, denn ich sah Ihre prüfenden Blicke auf Rosa fallen. Ich vermute sogar, dass diese Nachrichten Danville betreffen,« sagte Trudaine.

»Sie haben Recht,« rief Lomaque überrascht aus, »meine schlechten Nachrichten betreffen Danville.«

»Hat er etwa entdeckt, dass wir der Guillotine entkamen?«

»Nein, im Gegenteil, er und seine Mutter glauben, dass Sie starben.«

»Lomaque, Sie sprechen so bestimmt, woher wissen Sie das so genau?«

»Sie wollen es also wissen? Nun, ich weiß es aus den Handlungen Danville’s genau! — Sie sollen Alles mit wenig Worten hören: Danville ist auf dem Punkte sich wieder zu verheiraten«

Es entstand eine lange Pause. Die beiden Männer sahen sich einander wie ratlos an.

»Ah,« sagte Louis Trudaine, »ich war wohl auf schlechte Nachrichten gefasst, doch nicht auf diese. Sagen Sie mir, woher wissen Sie das? Ist es denn auch sicher?«

»So sicher und wahr, wie dieses Flüsschen hier an unserer Seite fließt!« entgegnete Lomaque. »Ich wusste über Danville bis in letzt vergangener Woche gar nichts! Ich wusste nur, dass der Regierungswechsel in Paris ihn, sowie Sie und so viele Andere aus dem Gefängnisse befreit hat, dann hörte ich nichts mehr von ihm. Nun hören Sie aber: In voriger Woche stehe ich im Verkaufsgewölbe meines gegenwärtigen Prinzipals, des Bürgers Clairfait und warte auf Papier für die Schreibstube; da kommt ein alter Mann herein und übergibt dem Kommiss ein versiegeltes Päckchen mit den Worten: »Geben Sie dies dem Bürger Clairfait!«

»Auf welchen Namen?« fragt der Kommiss

»Der Name ist Nebensache.« sagt der alte Mann, »ich werde Ihnen den meinigen nennen: Dubois!«

Ich fragte nun den Kommiss: »Lebt denn dieser Alte auch hier in Chalons?«

»Nein,« entgegnet dieser, »er ist in den Diensten einer alten aristokratischen Kundin von uns, bei der alten Danville, die sich jetzt hier zum Besuche aufhält. « —

Ich sagte weiter nichts, denn ich war sehr überrascht. Nach einigen Tagen war ich nun bei meinem Prinzipal zum Mittagessen eingeladen; als ich ins Zimmer trat, war die Tochter des Hauses gerade damit beschäftigt, ein farbiges seidenes Tuch mit einem Wappen zu sticken.

Sie lächelte und sagte, »nun Bürger, Sie dürfen meine Arbeit wohl sehen, denn Sie besitzen ja das Vertrauen meines Vaters. Ich sticke das Wappen hier ein für eine alte adelige Kundin unseres Geschäfts.«

»Das ist freilich eine gewagte Arbeit in dieser demokratischen Zeit,« sagte ich lachend.

»Die alte Dame ist sehr stolz,« sagte das junge Mädchen, »aber sie wagt es doch nicht, ihr Wappen von gewöhnlichen Handarbeiterinnen sticken zu lassen, ohne die Furcht vor großen Unannehmlichkeiten; darum bat sie meinen Vater um die Besorgung im Geheimen.«

»Bitte, wie heißt denn die alte Dame?« fragte ich.

»Danville,« entgegnete das junge Mädchen; »Das prächtige Tuch, welches ich sticke, ist zu der Hochzeit ihres Sohnes bestellt,« setzte sie hinzu.

»Zur Hochzeit!« rief ich, wie vom Donner gerührt, aus.

»Ja,« antwortete sie, »was ist denn so Wunderbares daran? Der arme junge Mann verdient es, wieder glücklich zu werden, denn seine erste Frau fiel unter der Guillotine.«

»Wen heiratet er denn jetzt?« fragte ich.

»Die Tochter des Generals Berthelie, eine Aristokratin,« lautete die Antwort. »Der alte General hat zwar sehr republikanische Manieren, er ist ein lustiger Trinker, lauter Sprecher, kurz ein derber Soldat, der nicht viel aus seine Vorfahren hält, sondern behauptet, wir sind alle gleich, da wir einen gemeinschaftlichen Stammvater haben, nämlich Adam, den ersten Sansculotte der Welt.«

In dieser Weise plauderte die Bürgerin Clairfait weiter, machte aber sonst keine wichtige Bemerkung mehr über die Familie. Ich beschloss in den nächsten Tagen selbst Nachforschungen anzustellen. Das Resultat dieser Forschungen teile ich Ihnen nun mit: »Die Mutter Danvilles, die Braut und deren Vater, halten sich jetzt in Chalons auf und erwarten Danville jeden Tag, der dann alle drei nach Paris begleiten soll, wo selbst der Heiraths-Contract in dem Hause des Generals unterzeichnet werden soll.«

Nach diesen Entdeckungen nahm ich Urlaub und begab mich hierher, um Ihnen dies schleunigst mitzuteilen Auf meinem Wege hierher begegnete mir ein Reisewagen, worauf der Diener Dubois saß; wer im Innern des Wagens war, konnte ich bei den ungeheuren Staubwolken, die der Wagen aufwirbelte, nicht erkennen. Nur so viel empfinde ich jetzt, dass keine Zeit zu verlieren ist, wenn gehandelt werden soll.

Als ich meine Schwester vor drei Jahren aus dem Gefängnisse führte, sagte ich mir: Wir wollen uns nicht rächen an dem Verräter Gott sei seine Bestrafung überlassen, oder der Zeit, die Gott für die Bestrafung jenes bösen Mannes bestimmen wird. — »Mir scheint, diese Zeit ist jetzt erschienen,« sagte Trudaine, nur wünschte ich, dass ich allein handeln könnte, und meine Schwester möchte nichts von dem Allen erfahren.«

»Ich glaube, es wird auch gehen!« antwortete Lomaque. »Wir gehen zunächst nach Paris und nehmen Ihre Schwester mit. Wir reisen morgen früh. Erst Abends pflegt man die Ehe-Contracte zu unterschreiben, wir kommen noch vor der Zeit in Paris an. Überlassen Sie mir die Sorge für Ihre Schwester in Paris. Dann begeben Sie sich in das Haus des Generals und sprechen mit Danville, bevor die Zeugen erscheinen. Die Dienerschaft wird uns von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzen. Sie zeigen sich ihm dann als der von den Toten Auferstandene, warnen ihn, und lassen ihn dann mit seinen Gewissensbissen und seiner Angst zu der wichtigen Handlung schreiten. Sagen Sie ihm nur wenig Worte und dann kehren Sie zu Ihrer Schwester zurück und machen die Reise hierher nach Belieben.«

»Aber bedenken Sie doch diese plötzliche Abreise nach Paris! Meine Schwester wird sicher Verdacht schöpfen!« warf Trudaine ein.

»Überlassen Sie mir das,« sagte Lomque. »Aber Ihr Gesicht sieht jetzt so verzweifelt aus, dass ich Sie bitte, nicht gleich mit mir zurückzukehren; machen Sie noch einen Spaziergang. Ich werde allein zu Ihrer Schwester gehen.«

Trudaine folgte seinem Rate und es verging wohl eine Stunde, ehe er zurückkehrte.

Seine Schwester erwartete ihn schon vor der Tür und sie rief ihm entgegen: »Komm nur Louis, ich habe Dir Etwas mitzuteilen! Denke nur, unser alter Freund Lomaque hat, trotz seiner Müdigkeit, schon den Brief an seinen Bekannten geschrieben und darin gesagt, dass wir unser Häuschen am Seine-Ufer wieder kaufen wollen. Als er mit dem Schreiben fertig war, sagte er zu mir: ich möchte wohl dabei sein, wenn Sie Ihr altes Besitztum wiedersehen! Und ich bat ihn, er möge mit uns kommen. Ja, antwortete er, aber ich bin nicht unabhängig, doch bald werde ich es sein, dann zögerte er. Louis, es fiel mir da erst ein, wie unendlich viel wir dem guten Manne schulden! Und ich bat ihn, er möge doch fortan mit uns in unserm Häuschen dort leben. Ich weiß ja, Du nimmst ihn eben so gern dort auf, wie ich! »Ich kann nicht sogleich meine Stellung aufgeben,« sagte er, »und Sie können ja hier auch nicht so schnell fort und doch sprechen Sie schon, als wären wir bereit, abzureisen.« »O,« entgegnete ich ihm, »das ist bald besorgt, wir geben der Wirtin des Gasthauses drüben die gemieteten Möbelstücke zurück, lassen den Schlüssel und einen Brief für den Eigentümer des Hauses hier und — reisen. Louis, tadelst Du mich?«

Bevor Trudaine antworten konnte, fragte Lomaque von dem offenen Fenster aus:

»Nun, die Antwort?«

»Unser Leben ist Ihr Werk, unsere Zeit gehört Ihnen, bester Freund,« antwortete Trudaine, »folgen Sie uns?«

»Es ist also Alles abgemacht?« fragte Lomaque Trudaine mit einem Blicke des Einverständnisses.

»Alles!« erwiderte dieser entschlossen.


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