Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Erster Theil - Dreizehntes Kapitel - Die Entscheidung des Mannes
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Gesetz und Frau



Dreizehntes Kapitel.

Die Entscheidung des Mannes.

Meine erste Eingebung war die, Eustace aus die Straße hinaus zu folgen.

Der Major und Benjamin setzten diesem Entschluß lebhaften Widerspruch entgegen. Ihre Berufung auf meinen gesunden Menschenverstand, meine Selbstachtung ging spurlos an mir vorüber.

Als sie mich jedoch baten, aus Mitleid für Eustace noch eine halbe Stunde zu warten ließ ich mich dazu bewegen. Wenn er binnen dieser Frist nicht zurückkehrte, versprachen sie mir, mich zum Hotel zu begleiten.

Was ich während dieser mir aufgedrungenen Zeit litt, können Worte nicht wiedergeben.

Benjamin war der erste, der mich fragte, was zwischen mir und meinem Gatten vorgegangen.

»Sie können ganz offen zu mir sprechen liebes Kind,« sagte er. »Ich weiß alles. Sie werden Sich entsinnen, daß ich gleich anfangs bei dem Namen Macallan stutzte. Jetzt habe ich mir Rechenschaft darüber gegeben.«

Dies hörend, erzählte ich ihnen rückhaltlos, was ich zu Eustace gesprochen und wie er mir geantwortet habe. Zu meiner unaussprechlichen Enttäuschung stellten sich Beide auf die Seite meines Mannes und sagten was er gesagt hatte: »Sie haben nicht den Prozeß gelesen.«

»Ich bedarf des Prozesses nicht,« entgegnete ich. »Ich weiß, daß er unschuldig ist. Weshalb ist seine Unschuld nicht bewiesen? Wenn der Prozeß mir erzählt, daß dies nicht geschehen könne, so verweigere ich es, dem Prozeß zu glauben. Wo ist das Buch, Major? Lassen Sie mich selbst sehen ob die Juristen seinem Weibe nichts zu thun übrig gelassen haben. Liebten sie ihn etwa, wie ich ihn liebe? Geben Sie mir das Buch!«

»Es wird sie nur von Neuem aufregen wenn ich ihr das Buch gebe,« sagte der Major, indem er Benjamin anblickte. »Sind Sie nicht auch meiner Meinung?«

Ich kam Benjamin's Antwort zuvor. »Wenn Sie mir meine Bitte verweigern Major,« sagte ich, »dann werden Sie mich zwingen zum nächsten Buchhändler zu gehen mit dem Auftrage, mir den Band zu verschaffen; denn ich bin fest entschlossen ihn zu lesen.«

Diesmal stand Benjamin ans meiner Seite.

»Schlimmer als es ist, kann es ja nicht werden,« sagte er. »Meine Ansicht ist, daß wir sie ihren eigenen Weg gehen lassen.«

Der Major stand auf und nahm das Buch aus der italienischen Chiffonnière, in die er es verschlossen hatte.

»Meine junge Sängerin erzählte mir, was sie Ihnen von ihrem neulichen Zornesausbruch mitgetheilt,« sagte er, mir den Band einhändigend. »Bis dahin wußte ich nicht, mit welchem Buche sie nach der Vase warf, die dort oben auf dem Repositorium stand. Als ich Sie allein ließ, glaubte ich, daß der Bericht über den Prozeß noch auf seiner gewohnten Stelle saß und es beschlich mich die Neugier, ob Sie wohl aus dem obersten Brett suchen würden. Die zerbrochene Vase vervollständigte einst ein Paar, welches ich von Ihrem Gatten und seiner ersten Frau wenige Wochen vor dem schrecklichen Tode der letzteren zum Geschenk erhielt. Schon als ich Sie die Fragmente jener Vase anblicken sah, empfand ich ein Vorgefühl, als wenn Sie der Entdeckung auf der Spur seien und ich glaube, ich verrieth mich in jenem Augenblick; Sie schienen das bemerkt zu haben.«

»Ich hatte es bemerkt, Major. Auch ich hatte eine schwache Ahnung, ich könne der Entdeckung auf den Fersen sein. Wollen Sie einmal nach der Uhr sehen? Ist dir halbe Stunde noch nicht verflossen?«

Meine Ungeduld hatte mich mißleitet, die Marter jener halben Stunde war noch nicht vollendet.

Langsam und immer langsamer schlichen die Minuten dahin, und keine brachte mir ein Zeichen von meines Gatten Wiederkehr. Wir versuchten die Unterhaltung wieder aufzunehmen; es war vergebens. Ein dunkles Vorgefühl lag auf meiner Seele. Je näher der Zeiger seinem Ziele rückte, desto mehr überkam mich der eisige Gedanke, daß unser Eheleben nun beendet, daß Eustace mir entflohen sei.

Der Major sah, was Benjamin entgangen war, daß meine Kraft unter der Marter des Wartens zu sinken begann.

»Kommen Sie!« sagte er. »Wir wollen nach dem Hotel gehen.«

Es fehlten höchstens noch fünf Minuten an der halben Stunde Ich dankte dem Major mit einem Blick, daß er mir diese erspart. Schweigend bestiegen wir ein Cab und fuhren nach dem Hotel.

Die Wirthin begegnete uns auf dem Flur. Eustace war nicht anwesend; aber ein Brief von ihm sollte oben auf dem Tisch liegen. Er war vor fünf Minuten durch einen Boten überbracht worden.

Athemlos rannte ich die Stufen empor; die beiden Gentlemen folgten mir. Das Herz schmerzte mir in der Brust, als ich seine Hand auf der Adresse erkannte. Ich war nicht in Zweifel, wes Inhalts der Brief sein konnte. Es war sein Abschied von mir. Ich saß mit dem Brief im Schooß, unfähig, ihn zu öffnen.

Der alte Benjamin versuchte mich zu trösten; aber der Major ermahnte ihn, jetzt nicht zu sprechen sondern mir noch Zeit zu gönnen.

Mit einem instinctiven Entschluß hielt ich ihm den Brief hin, während er sprach. Selbst ein Augenblick konnte hier entscheidend sein, wenn es galt, Eustace zurückzurufen. Mir Zeit lassen mochte vielleicht gleichbedeutend sein mit dem Versäumniß der Gelegenheit, ihn mir wiederzubringen.

»Lesen Sie mir den Brief vor, Major,« sagte ich.

Fitz-David zerriß die Enveloppe und las das Schreiben erst für sich. Als er damit fertig war, warf er es mit beinahe verächtlicher Geberde auf den Tisch.

»Es giebt nur eine Entschuldigung für ihn,« sagte er. »Der Mann ist wahnsinnig.«

Die Worte erklärten mir alles. Ich wußte nun das Schlimmste und konnte daher den Brief auch lesen. Er lautete folgendermaßen:

»Meine geliebte Valeria!

Diese Zeilen enthalten meine Abschiedsworte an Dich. Ich kehre zu dem einsamen, freund- und freudelosen Leben zurück, das ich führte, ehe ich Deine Bekanntschaft machte. Dir ist übel mitgespielt worden, mein Kind. Dein böses Schicksal hat Dich an einen Mann verheirathet, der angeklagt wurde, seine erste Frau vergiftet zu haben und dessen Unschuld nicht — genügend bewiesen wurde. Kannst Du unter den gegebenen Verhältnissen mit mir weiterleben? Wenn Dir die Wahrheit fern gehalten wurde, war ein Glück noch zu ermöglichen; nun sind wir damit zu Ende. Die einzige Buße, die ich mir auferlegen kann, ist die, daß ich Dich verlasse; die einzige Chance für Dein künftiges Glück ist die, von meinem entehrten Leben losgerissen zu werden. Ich liebe Dich, Valeria, treu, ergeben leidenschaftlich. Aber das Gespenst des vergifteten Weibes steht zwischen uns. ist gleichgültig, ob ich selbst im Gedanken schuldlos gegen meine erste Frau war. In dieser Welt kann meine Unschuld nicht mehr bewiesen werden. Du bist noch jung, liebevoll, hoffnungsreich. Beglücke Andere, Valeria mit den seltenen Eigenschaften Deines Körpers und Deines Geistes. Ich darf mich an deren Genusse nicht mehr erfreuen; das vergiftete Weib steht zwischen uns. Wenn Du jetzt mit mir weiter leben wolltest, würdest Du sie sehen, wie ich sie sehe. Zu dieser Tortur will ich Dich nicht verdammen. Ich verlasse Dich, weil ich Dich liebe. Halte mich nicht für hart und grausam. Warte ein wenig, und die Zeit wird Deine Denkungsart ändern. Nach Jahren wirst Du Dir einst selber sagen: obgleich er mich betrog, war doch eine gewisse Großmuth in seiner Seele. Er war Mann genug, mich ans freiem Willen aufzugeben. Ja, Valeria, aus freiem Willen gebe ich Dich auf. Wenn es möglich ist, unsere Ehe nichtig zu machen laß es geschehen. Suche Deine Freiheit wiederzugewinnen und sei meiner unbedingten Einwilligung gewiß. Meine Advocaten haben die nöthigen Instructionen hierüber in Händen. Dein Onkel braucht sich nur mit ihnen in Verbindung zu setzen, und ich denke, er wird meinem Entschluß Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das einzige Interesse, das ich noch am Leben nehme, ist das Deiner zukünftigen Wohlfahrt, Deines zukünftigen Glückes. Diese beiden Güter kannst Du aber unmöglich länger in Deiner Verbindung mit mir finden. Ich vermag nicht mehr zu schreiben Jeder Versuch, meinen Aufenthaltsort zu erfahren wird ein vergebener sein. Ich kenne meine eigene Schwäche. Mein Herz gehört ganz Dir; ich möchte wieder in Deine Arme eilen, wenn ich zugäbe, daß Du mir noch einmal vor Augen trätest. Zeige diesen Brief Deinem Onkel und allen Freunden, deren Urtheil Dir etwas werth ist. Mir bleibt jetzt weiter nichts übrig, als meinen entehrten Namen zu unterzeichnen, und Jedermann wird die Motive, die meine Hand geleitet, versichert und als gerechtfertigt erkennen. Mein Name rechtfertigt den Brief. Vergieb, vergiß und lebe wohl!

Eustace Macallan«

Mit diesen Worten nahm er Abschied von mir, nachdem wir gerade sechs Tage verheirathet gewesen.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte