Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Erster Theil - Vierzehntes Kapitel - Die Antwort der Frau
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Gesetz und Frau



Vierzehntes Kapitel.

Die Antwort der Frau.

Bis hierher habe ich über mich selbst mit völliger Offenheit geschrieben und, ich glaube auch hinzufügen zu können mit einigem Muthe. Wenn ich jetzt auf den Abschiedsbrief meines Gatten zurückblicke, entsinkt mir jene Offenheit und jener Muth, und ich werde schwach wie ein Kind.

Als ich nach der Lectüre jenes entsetzlichen Schreibens wieder einige Kraft gesammelt hatte, ging ich an die Beantwortung desselben.

Ich hatte das Hotel verlassen und mich der väterlichen Sorge des alten Benjamin anvertraut. Er trat mir ein Zimmer in seiner kleinen Villa ab. Hier verbrachte ich die erste Nacht nach der Trennung von meinem Gatten. Gegen Morgen schliefen meine milden Lebensgeister ein.

Zur Frühstückszeit ließ sich der Major Fitz-David bei mir melden. Er hatte schon am vergangenen Tage mit den Advocaten meines Gatten gesprochen. Diese hatten zugegeben Eustaces Aufenthalt zu kennen; aber sie fügten hinzu, daß es ihnen verboten sei, ihn mir und jedem Andern namhaft zu machen. Was die bereits erwähnten Instructionen betraf, so brauchte ich mich nur an sie zu wenden, um eine Copie derselben übermittelt zu erhalten.

Das waren des Majors Neuigkeiten. Nachdem er sich noch nach meinem Befinden erkundigt, verabschiedete er sich für heute von mir. Dann hatten er und Benjamin noch eine lange Unterredung in dem Garten der Villa.

Ich begab mich in mein Zimmer und schrieb an meinen Onkel Starkweather, indem ich ihm ausführlich das Geschehene mittheilte und eine Abschrift von meines Mannes Brief beilegte.

Nachdem dies geschehen schöpfte ich einen Augenblick frische Luft, würde aber bald müde und ging in mein Zimmer zurück.

Am Nachmittag fühlte ich mich bereits etwas gestärkt. Ich konnte schon an Eustace denken, ohne in Schluchzen auszubrechen und mit Benjamin sprechen, ohne ihn zu erschrecken.

In der Nacht hatte ich schon etwas mehr Schlaf. Am nächsten Morgen war ich bereits stark genug, den Brief meines Gatten zu beantworten. Ich schrieb folgendermaßen:

»Ich bin noch zu schwach und krank, Eustace, um viele Zeilen an Dich zu richten Mein Geist ist aber klar und ruhig. Ich habe mir meine eigene Ansicht über Dich und Deinen Brief gebildet und ich weiß genau, was Du mir zu thun übrig gelassen. Andere Frauen in meiner Lage würden vielleicht denken daß Du alles Recht auf ihr Vertrauen verloren. Ich denke anders. Höre mich ruhig und aufmerksam an.

Du sagst, daß Du mich liebst — und mich deshalb verläßt. Ich verstehe es nicht wie man ein Weib lieben und es verlassen kann. Was mich betrifft so werde ich trotz der harten Dinge, die Du mir gesagt, trotz der Grausamkeit, mit der Du mich behandelt dennoch fortfahren Dich zu lieben, und nie darin willigen Dich aufzugeben. So lange ich lebe, gedenke ich Dein Weib zu sein. Setzt Dich dies in Erstaunen? Mich setzt es in Erstaunen. Wenn ein anderes Weib in dieser Weise an ihren Gatten schriebe, der sie behandelt hätte, wie Du mich behandelt hast, so würde ich in Verlegenheit sein, ihrem Betragen einen Namen zu geben. Auch für mein Benehmen finde ich keinen Ausdruck. Ich sollte Dich hassen und kann nicht anders als Dich lieben. Ich schäme mich vor mir selbst; aber es ist dennoch so. Du brauchst keine Befürchtungen zu hegen daß ich Deinen Aufenthalt erspähen oder Dich überreden möchte, zu mir zurückzukehren Dazu bin ich nicht thöricht genug. Und Du bist zu einem solchen Schritt noch nicht reif. Wenn jener Zustand der Reife eintritt, wirst Du von selbst kommen; und ich werde schwach genug sein, Dir zu vergeben.

Aber was thun, um Dich wieder aus die richtige Bahn zu lenken.

Ich habe Tag und Nacht meinen armen Kopf zermartert und bin endlich zu der Ansicht gekommen, daß Du ohne meine Hilfe nimmer zurückfinden werdest.

Und wie kann ich Dir helfen? Die Frage ist leicht beantwortet. Was das Gesetz unterlassen hat, für Dich zu thun, Dein Weib wird es nachholen. Wie ich Dir bereits im Hause des Majors Fitz-David gesagt, wiederhole ich Dir heute: Dein Weib wird das schottische Verdict umstoßen. Dein Brief hat mich nur noch mehr in diesem Entschluß bestärkt. Die einzige Chance, die ich sehen kann, um Dich mir als liebenden Gatten zurückzugewinnen, ist die, das oberflächliche schottische Verdict von »Nicht bewiesen« in einen ehrlichen englischen Wahrspruch von »Nicht schuldig« umzuwandeln.

Erstaune nicht über einen solchen Entschluß Deines jungen Weibes. Die Noth hat mich das Gesetz verstehen gelehrt; das Gesetz und das Weib haben begonnen, einander zu verstehen. Mit kurzen Worten, ich habe einen Blick in Ogilvie's Dictionnaire gethan, und Ogilvie erzählt mir: ein Verdict von »Nicht bewiesen« will nur sagen, daß in der Meinung des Gerichtshofes ein Mangel in der Evidenz obwaltet, den Angeklagten zu überführen. Ein Verdict von »Nicht schuldig« thut die Meinung des Gerichtshofes kund, daß der Angeklagte unschuldig ist.

Eustace, das letztere soll die Ansicht der Welt im Allgemeinen und die des schottischen Gerichtshofes im Besonderen über Dich werden. Dieser einzigen Aufgabe widme ich mein Leben, so lange es mir der Herr noch erhalten möge!

Wer mir helfen wird, wenn ich der Hilfe bedarf, ist mehr, als ich bis jetzt weiß. Ich glaubte einst, wir würden Hand in Hand diesen Kampf bestehen. Diese Hoffnung ist in mir gescheitert. Ein Mann, welcher denkt, wie Du denkst, kann in seiner Hoffnungslosigkeit Niemand helfen. Ich muß also für zwei hoffen, für zwei wirken.

Ich sage Dir noch nichts über meine Pläne, denn ich habe den Prozeß noch nicht gelesen. Für mich ist es vorläufig genug, zu wissen, daß Du unschuldig bist. Wenn aber ein Mann unschuldig ist, dann muß es einen Weg geben, dies zu beweisen. Es kommt also hauptsächlich darauf an, diesen Weg zu finden. Früher oder später wird mir diese Aufgabe mit oder ohne Beistand gelingen.

Du wirst über mein blindes Selbstvertrauen lachen; vielleicht daß Du auch Thränen darüber vergießt. Ich verlange nicht, zu wissen, ob ich lächerlich oder des Mitleids bedürftig erscheine. Ich bin mir nur einer Sache klar bewußt, daß ich Dich zurückgewinnen will, gereinigt vor den Augen der Welt, ohne Fleck auf Character und Namen, und das alles bewerkstelligt durch Dein Weib.

Schreibe mir zuweilen, Eustace, und glaube, mir, daß ich immer und ewig bin

Deine treue Valeria.«

Das war meine Antwort. Es war der ehrenwerthe Ausdruck dessen, was ich wirklich glaubte und fühlte.

Ich las Benjamin den Brief vor.

»Viel zu voreilig, viel zu rasch!« sagte der alte Mann.

»Ich habe noch niemals gehört Valeria, daß eine Frau that, was Sie Sich vorgenommen zu thun. Gott stehe uns bei! Ich wünschte, Ihr Onkel Starkweather wäre hier. Ich bin neugierig, was er dazu sagen würde. Wollen Sie denn den Brief wirklich absenden?«

Zu meines alten Freundes unaussprechlichem Erstaunen sagte ich, daß ich sofort ausgehen und den Brief selbst besorgen würde. Dabei konnte ich gleich die Advocaten meines Mannes besuchen, um von deren Instructionen Kenntniß zu nehmen.

Die Firma bestand aus zwei Partnern, welche mich gleichzeitig empfingen Der eine war ein sanfter, magerer Mann mit einem sauren Lächeln. Der andere war groß und fett und hatte übellaunig zusammengezogene Augenbrauen. Beide Männer waren mir zuwider; auf ihrer Seite schien dasselbe Gefühl obzuwalten. Sie zeigten mir meines Gatten Instructionen in Bezug auf mich, welche unter anderen ebenso gleichgültigen Sachen die Bestimmung enthielten, daß mir für Lebenszeit die Hälfte seines ganzen Einkommens ausgezahlt werden sollte. Ich verweigerte sofort die Annahme des Geldes.

Die Advocaten schienen höchlich erstaunt über diesen Entschluß. Sie setzten mir ihre Bedenken auseinander. Der Partner mit den übellaunig zusammengezogenen Augenbrauen wünschte meine Gründe zu wissen; der Partner mit dem sauren Lächeln entgegnete ihm darauf, daß ich ein Weib sei und deshalb keine Gründe anzugeben brauche. Ich antwortete: »Haben Sie die Freundlichkeit meinen Brief zu bestellen Gentleman,« und verließ sie.

Es sei fern von mir, mir in diesen Blättern ein Lob zusprechen zu wollen, das ich nicht verdiene; aber ich konnte unmöglich von Eustace etwas annehmen nachdem er mich verlassen. Mein eigenes kleines Vermögen (800 Pfund jährlich) war mir bei meiner Verheirathung sicher gestellt worden. Das war mehr als ich bedurfte. Benjamin hatte mir ein Asyl in seinem Hause geboten, und so konnte ich meine ganzen Einkünfte auf meine Kleidung und die Kosten verwenden, welche die Nachforschungen in Betreff meines Mannes etwa erfordern dürften.

Wenn ich mich stets bemüht habe, meine Fehler und Schwächen in das richtige Licht zu stellen, so muß ich auch hinzufügen daß, so sehr ich meinen armen, unglücklichen Mann auch liebte, ich ihm einen Fehler nur schwer vergeben konnte.

Ich konnte ihm nur schwer vergeben, daß er mir seine erste Ehe geheim gehalten. Ich glaube, daß die Eifersucht auf dem Grunde dieses Gefühls lag. Selbst jetzt, da ich Kenntniß von dem schrecklichen Ende des armen Weibes hatte, konnte ich noch nicht mit Gewißheit behaupten, ob ich nicht auch jetzt von Eifersucht beherrscht sei. Was würde Eustace gesagt haben, wenn er eine Wittwe geheirathet hätte, ohne es zu wissen?

Als ich gegen Abend nach Hause zurückkehrte, schien mich Benjamin schon am Gartenthor er wartet zu haben.

Bereiten Sie Sich aus eine Ueberraschung vor, mein Kind,« sagte er. »Ihr Onkel Dr. Starkweather ist angekommen. Heute Morgen empfing er Ihren Brief, und jetzt ist er mit dem nächsten Zuge schon da.«

In der nächsten Minute war ich von meines Onkels starken Armen umschlossen. Seine hingebende Liebe preßte mir Thränen des Dankes aus, die mir sehr wohlthaten.

»Ich bin gekommen, Dich zurückzunehmen zur alten Heimath,« sagte er. »Ich brauche Dir wohl nicht die Versicherung zu geben wie dringend Deine Tante und ich gewünscht, daß Du uns nie verlassen. Aber was hilft’s. Das Uebel ist geschehen und wir müssen jetzt daran denken es wieder gut zu machen. Ehe ich es vergesse, Deine Tante schickt Dir ihre schönsten Grüße. Sie ist abergläubischer, als sie es je gewesen. Dein schreckliches Eheunglück überrascht sie nicht im mindesten. Sie sagt, das hätte ja nicht anders kommen können, da Du einen Irrthum bei der Unterschrift des Trauactes begangen. Sie ist ein thöricht Weib, aber sie meint es gut. Sie wäre gern mitgekommen wenn ich es ihr erlaubt s hätte; aber sie muß doch nach dem Hause und der Wirthschaft sehen. Du bekommst Dein altes Zimmer wieder, Valeria, mit den weißen Gardinen und den blauen Franzen daran. Ich denke, wir nehmen morgen früh den Zug um 9 Uhr 40.«

Jetzt mit meinem Onkel zurückkehren? Das s war ganz unmöglich.

»Ich danke Dir von ganzem Herzen Onkel,« sagte ich. »Aber ich kann augenblicklich London nicht verlassen.«

»Du kannst augenblicklich London nicht verlassen?« wiederholte er.

»Was meint sie damit, Mr. Benjamin?«

»Sie ist mir ja auch herzlich willkommen,« entgegnete dieser ausweichend.

»Das ist keine Antwort,« polterte mein Onkel. »Was hält Dich in London zurück?« wandte er sich dann an mich. »Das muß doch einen Grund haben!«

Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen und erzählte ihm offen und frei, welche Ausgabe ich mir gestellt.

»Gott sei ihr gnädig!« rief der würdige Mann als ich geendet. »Das arme Kind hat den Verstand verloren!«

»Ja, ja, ich mißbillige es ebenfalls,« sagte Benjamin in seiner zögernden milden Weise.

»Mißbilligen ist nicht das richtige Wort,« brauste der Vicar auf. »Ich nenne es geradezu Wahnsinn!«

Er stellte sich vor mich hin und blickte mich an wie er es zu thun pflegte, wenn er ein widerspenstiges Kind katechisirte. »Es ist aber wohl nicht Dein Ernst was Du gesprochen?«

»Es thut mir leid, Deine gute Meinung über mich abschwächen zu müssen, Onkel,« entgegnete ich. »Ich habe in vollständigstem Ernst geredet.«

»Du bildest Dir also ein,« polterte der Vicar weiter, »daß Du vollbringen wirst, was den größesten Juristen Schottlands mißlang? Ihre ganze Gemeinschaft konnte die Unschuld jenes Mannes nicht beweisen und Du einzelnes armes Wurm unterfängst Dich, dies thun zu wollen? Auf mein Wort Du bist ein wundervolles Frauenzimmer! Da muß ein einfacher Landgeistlicher schon seine Segel streichen, wenn er solchem weiblichen Advocaten gegenübersteht!«

»Ich werde mit Lesung des Prozesses beginnen Onkel,« entgegnete ich sehr ruhig.

»Hübsche Lectüre für ein junges Weib! Und wenn Du damit zu Ende bist was dann?« Haft Du das auch schon bedacht?«

»Ja, Onkel. Meine erste Sorge wird sein, nachdem ich den Prozeß gelesen meinen Verdacht auf die Person zu lenken die wirklich das Verbrechen begangen. Dann werde ich mir eine Liste der Zeugen entwerfen welche zu Gunsten meines Gatten gesprochen. Ich werde jeden dieser Zeugen besuchen, ihm sagen wer ich bin und was ich beabsichtige. Ich werde alle möglichen Fragen an sie richten welche ernste Juristen für unter ihrer Würde halten könnten zu thun. Die zu erhaltenden Antworten werden meine fernere Handlungsweise bestimmen. Welche Hindernisse sich mir auch entgegenstellen dürften, ich werde nicht vor ihnen zurückschrecken. Das sind vorläufig meine Pläne.«

Der Vicar und Benjamin sahen einander an als wenn sie ihren Sinnen nicht trauten.

»Willst Du mir vielleicht damit sagen,« begann der Erstere, »daß Du Dich auf der Landstraße umhertreiben und allen Menschen zur Last fallen oder deren Mitleid erbetteln wirst? Ein junges Weib, von ihrem Mann verlassen Niemand, es zu beschützen! Ich weiß wirklich nicht ob ich wache oder träume. Und das spricht sie alles so unbefangen hin, als wenn es sich von selbst verstände! Was, um des Himmels willen soll ich mit ihr anfangen?«

»Laß mich mein Experiment versuchen Onkel, so seltsam es Dir auch erscheinen mag,« sagte ich. »Nichts anderes in dieser Welt wird mir Trost gewähren und Gott weiß, wie sehr ich des Trostes bedarf.«

Der Vicar blickte mich mit ironischer Miene an.

»Schon manches Weib vor mir,« fuhr ich fort »hat ernsten Schwierigkeiten gegenüber gestanden und sie um des Mannes Willen besiegt den sie liebte.«

»Was muß ich hören!« sagte mein Onkel, sich langsam von seinem Sitz erhebend. »Willst Du damit sagen daß Du Deinen Mr. Macallan noch immer liebst?«

»Ja,« antwortete ich.

»Den Helden des großen Vergiftungsprozesses?« fuhr mein Onkel fort. »Den Mann der Dich betrog und Dich verlassen? Den liebst Du noch?«

»Noch inniger als sonst.«

»Mr. Benjamin!« sagte der Vicar. »Wenn sie bis morgen ihre fünf Sinne wiederbekommt, dann schicken Sie sie mir morgen früh um 9 mit ihrem Gepäck nach Loxley's Hotel, wo ich abgestiegen bin. Gute Nacht Valeria. Mehr habe ich Dir nicht zu sagen.«

»Giebst Du mir keinen Kuß zum Abschied, Onkel?«

»O ja, so viel Du willst. Ich werde an meinem Geburtstag 65, und ich glaubte immer, einige Menschenkenntniß erworben zu haben; es ist aber nicht wahr. Also nach Loxley’s Hotel, Mr. Benjamin Gute Nacht.«

Benjamin blickte sehr ernst, als er, nachdem er den Doctor hinausbegleitet zu mir zurückkehrte.

»Ich habe nicht von Ihnen verlangt, daß Sie meinem Rathe unbedingt folgen sollten,« begann er; »aber Ihres Onkels Ansicht von der Sache ist doch immer der Ueberlegung werth.«

Ich antwortete nicht; es war nutzlos, noch etwas hinzuzufügen.

»Gute Nacht mein lieber alter Freund,« war alles, was ich erwiderte.

Dann begab ich mich mit Thränen in den Augen in mein Schlafzimmer.

Die Jalousien waren in die Höhe gezogen und das herbstliche Mondlicht schien hell und klar in mein kleines Gemach.

Als ich so hinausblickte, kam die Erinnerung an eine andere Mondnacht mir zurück, an jene Nacht in welcher Eustace und ich vor unserer Verheirathung in dem Pfarrgarten auf- und nieder gingen. Wir sprachen von den Hindernissen die sich schon damals unserer Verbindung entgegensetzten. Ich sah sein liebes treues Antlitz wieder, als er beim Mondlicht mir in’s Auge schaute; ich hörte seine Stimme und die meine. »Vergieb mir,« hatte er gesagt »daß ich Dich geliebt habe mit Leidenschaft und aufrichtigster Ergebung; vergieb mir und laß mich von hinnen gehen.«

Und ich hatte darauf geantwortet: »O Eustace, ich bin nur ein Weib, mach’ mich nicht wahnsinnig! Ich kann nicht ohne Dich leben, ich muß und will Deine Frau werden.« Und nun, nachdem das Ehebaud uns umschlossen waren wir von einander getrennt. Getrennt obgleich wir uns noch ebenso leidenschaftlich liebten als vorher. Und weshalb getrennt? Weil er eines Verbrechens angeklagt war, das er nimmer begangen und weil es dem schottischen Gerichtshofe nicht gelungen seine Unschuld darzuthun.

Da entbrannte ein neuer Eifer in meiner Brust »Nein,« sagte ich zu mir selbst »Weder Verwandte noch Freunde werden mich je zurückhalten für meinen Gatten in den Kampf zu gehen. Die Bestätigung seiner Unschuld ist die Aufgabe meines Lebens, und diese Nacht schon will ich sie beginnen.«

Ich zog die Jalousien herunter und zündete die Kerzen an. In der ruhigen Nacht allein und ohne Hilfe, that ich den ersten Schritt auf dem mühevollen und schrecklichen Wege, der vor mir lag. Von dem Titelblatt bis zum Schluß las ich, ohne eine Pause zu machen ohne ein Wort zu übersehen den gegen meinen Mann angestrengten Vergiftungsprozeß.


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