Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Zweiter Theil - Zehntes Kapitel - Meine Schwiegermutter setzt mich in Erstaunen
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Gesetz und Frau



Zehntes Kapitel.

Meine Schwiegermutter setzt mich in Erstaunen

Ich setzte mich auf einen Stuhl in respectvoller Entfernung von Mrs. Macallan welche auf dem Sopha Platz genommen hatte. Die alte Dame lächelte und winkte mich an ihre Seite. Als Feindin war sie sicherlich nicht zu mir gekommen. Es kam nun darauf an, zu er fahren in wie fern sie meine Freundin sein wollte.

»Ich habe einen Brief von Ihrem Onkel, dem Prediger, erhalten,« begann sie. »Er forderte mich auf, Sie zu besuchen und ich schätze mich glücklich, seinem Verlangen nachkommen zu können. Unter anderen Umständen würde ich mich schwerlich in Ihre Nähe gewagt haben. Mein Sohn hat so schlecht und unentschuldbar gegen Sie gehandelt daß ich als seine Mutter mich beinahe schäme, Ihnen in’s Auge zu blicken. Ihr Onkel erzählte mir, was Sie nach der harten Prüfung und nachdem Sie mein Sohn verlassen, zu thun beabsichtigten. Der gute Prediger bittet mich, meinen ganzen Einfluß auf Sie anzuwenden damit Sie von Ihren gefaßten Ideen abstehen und in’s Vaterhaus zurückkehren. Ich stimme durchaus nicht mit der Ansicht Ihres Onkels überein. So wild und kühn Ihre Pläne auch sein mögen so außerordentlich wenig Erfolg ich mir von ihnen verspreche, so bewundere ich doch Ihren Muth, Ihre Treue und Ihren unerschütterlichen Glauben an meinen unglücklichen Sohn, nachdem er sich so unverzeihlich gegen Sie benommen. Geben Sie mir einen Kuß, liebes Kind. Sie verdienen die Gattin eines Helden zu sein und haben den schwächsten Mann unter der Sonne geheirathet. Gott vergebe mir, daß ich so von meinem eigenen Sohne spreche.

Diese Beurtheilung meines Gatten selbst von seiner Mutter, konnte ich nicht ertragen. »Ich fühle mich aufrichtig erhoben durch Ihre gute Meinung von mir,« sagte ich. »Aber ich kann nicht mit Ihrer Ansicht übereinstimmen daß Eustace der schwächste Mann unter der Sonne sein solle.«

»Sie machen es wie alle guten Ehefrauen indem Sie den geliebten Mann zum Helden er heben obgleich er es nicht verdient. Ich kenne Eustace besser als Sie. Er besitzt eine Menge guter Eigenschaften. Von dem Augenblick an aber, wo er Ihres Onkels Haus betrat ist sein Betragen nicht zu rechtfertigen. Was glauben Sie, daß er nun jetzt wieder gethan? Er ist einer barmherzigen Brüderschaft beigetreten und mit einem rothen Kreuz auf dem Arm, in den Krieg nach Spanien gezogen anstatt seiner Frau zu Füßen zu fallen und sie zu bitten daß sie ihm vergeben möge.«

Diese Nachrichten erschreckten und betrübten mich. Also nicht allein Trennung von ihm ich mußte ihn jetzt noch in Gefahr wissen.

»Was ich am meisten an meinem Sohn beklage,« fuhr die grausame alte Frau fort »ist, daß er Sie so gänzlich mißverstehen konnte. Weshalb konnte er Sie nicht durchschauen wie ich es schon nach so kurzer Bekanntschaft mit Ihnen thue. Anstatt sich unter falschem Namen Ihrer Liebe zu versichern mußte er Ihnen von vorneherein die volle Wahrheit gestehen. Er hat nicht einen Blutstropfen von mir, sondern ist feig und schwach in allen seinen Handlungen, und leider Gottes dabei auch unvernünftig und eigensinnig. Das ist die reine Wahrheit. Werden Sie mir nicht böse darüber. Ich liebe ihn wie Sie ihn lieben. Ich erkenne seine Verdienste an. Eines der hervorragendsten ist das, ein muthiges und treues Weib geheirathet zu haben, so lieb zu ihm, daß seine eigene Mutter es nicht wagen darf, die Fehler ihres Sohnes aufzudecken Mein gutes Kind, ich liebe Sie dafür, daß Sie mich hassen.«

»Ich hasse Sie durchaus nicht verehrte Frau! Ich sollte nur meinen daß Sie eine Verwechselung machen zwischen einem feinfühlenden und einem schwachen Mann.«

»Lassen Sie uns zu einem andern Thema kommen liebes Kind.«

»Und welches wäre dies, Madame?«

»Wenn Sie mich Madame nennen werde ich es Ihnen nicht sagen. Nennen Sie mich Mutter«

»Und welches wäre dies, Mutter?«

»Daß Sie gesonnen sind, sich selbst in einen Gerichtshof zu verwandeln um die Welt zu zwingen ein anderes Urtheil über Ihren Mann zu sprechen. Sind Sie dies noch Willens?«

»Ich bin es.«

»Sie wissen, wie sehr ich Ihren Muth bewundere,« entgegnete die alte Frau. »Ich kann Sie aber nicht gegen Unmöglichkeiten ankämpfen sehen ich kann nicht zugeben daß Sie Ihren Ruf und Ihr Glück aufs Spiel setzen ohne Ihnen wenigstens eine wohlmeinende Warnung zugerufen zu haben. Geben Sie Ihr Vor haben auf.«

»Ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet für das Interesse, das Sie an mir nehmen; aber, ob Recht ob Unrecht ob leicht oder gefahrvoll, werde ich meinen Plan dennoch verfolgen!«

»O Jugend! O Jugend!« sagte meine Schwiegermutter seufzend. »Und was gedenken Sie nun zunächst zu beginnen?«

In diesem Augenblick schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. Sie konnte mich bei Miserrimus Dexter einführen, sie mußte ihn ja kennen als einen alten Freund ihres Sohnes.

»Ich denke Miserrimus Dexter zu consultiren,« antwortete ich kühn.

Mrs. Macallan rückte mit einem lauten Ausruf des Erstaunens von mir fort.

»Sind Sie von Sinnen?« fragte sie.

»Ich habe Grund anzunehmen daß Mr. Dexter’s Rath mir von Nutzen sein könne.«

»Und ich,« entgegnete Mrs. Macallan, »habe Ursache zu glauben daß Sie ebensogut einen Wahnsinnigen befragen können als Mr. Dexter. Erschrecken Sie nicht Kind, ich will damit nicht gesagt haben daß er Sie in irgend einer Weise verletzen könnte, sondern ich meine nur, daß es keinen ungeeigneteren Menschen giebt einer jungen Dame Rath zu ertheilen als Mr. Dexter.«

Seltsam! Dieselbe Warnung, beinahe in denselben Worten wie der Major sie ausgesprochen. Ich schlug sie aber in den Wind, wie die vorige.

»Sie setzen mich in Erstaunen,« sagte ich. »Mr. Dexters Aussage beim Prozeß erschien mir sehr klar und vernünftig.«

»Gewiß!« antwortete Mrs. Macallan. »Die Stenographen drücken die Aussage zusammen ehe sie sie niederschreiben. Wenn Sie gehört hätten was ich gehört habe, würden Sie ihm entweder sehr gezürnt oder sehr über ihn gelacht haben. Der Anfang war sehr vernünftig, im Verlauf aber zeigte sich sofort der Narr. Er wurde mehrere Male zur Ordnung gerufen und wegen Beleidigung des Gerichtshofes sogar mit persönlicher Haft bedroht. Manchmal schien er völlig im Delirium. Mit einem Wort, er ist der unbefähigste Rathgeber, der je gelebt. Ich denke, nun werden Sie mich nicht mehr bitten, Sie bei ihm einzuführen.«

»Nach dem, was Sie mir soeben gesagt, werde ich noch eine Woche warten, bis zu ( Major Fitz-Davids Diner. Er hat versprochen, mir Mr. Dexter bei dieser Gelegenheit vorzustellen.«

»Das sieht dem Major ähnlich!« rief die alte Dame. »Wenn Sie dem Mann vertrauen, thun Sie mir leid. Er ist so glatt wie ein Aal. Dexter verabscheut ihn, mein Kind. Der Major weiß so gut wie ich, daß Mr. Dexter nicht zu seinem Diner kommen wird. Er brauchte nur diese Ausflucht, um nicht offen heraus nein sagen zu müssen, wie ein ehrlicher Mann es gethan haben würde.«

Das waren schlechte Nachrichten, aber sie drückten mich nicht nieder.

»Im schlimmsten Falle kann ich ihm auch schreiben und ihn um eine Unterredung bitten,« sagte ich.

»Und womöglich selber zu ihm gehen?« fragte Mrs. Macallan.

»Gewiß.«

»Und Sie glauben, daß ich das erlauben werde?«

»Wodurch wollten Sie es verhindern ?«

»Indem ich Sie begleite. Ich kann ebenso eigensinnig sein wie Sie. Können Sie die bereits in Vergessenheit gerathene Sache nicht ruhen lassen, anstatt sie wieder aufzurühren? Sie sind eine thörichte junge Person. Dennoch liebe ich Sie und will Sie nicht allein zu Mr. Dexter gehen lassen. Setzen Sie Ihren Hut auf.«

»Jetzt gleich ?« fragte ich.

»Gewiß! Mein Wagen steht vor der Thür. Je schneller es vorüber ist, desto besser.«

In zehn Minuten waren wir auf dem Wege zu Miserrimus Dexter.


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