Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Zweiter Theil - Vierzehntes Kapitel - Mehr von meiner Halstarrigkeit
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Gesetz und Frau



Vierzehntes Kapitel.

Mehr von meiner Halstarrigkeit.

Als wir hinunterkamen fanden wir Ariel, halb schlafend, halb wachend, auf dem Flur. Ohne mit uns zu sprechen ohne uns anzublicken führte sie uns durch den Garten und schloß die Thüre hinter uns zu.

»Gute Nacht Ariel!« rief ich ihr nach. Ich erhielt keine Antwort als ihren schweren nach dem Hause zurückkehrenden Schritt und einen Augenblick darauf das dröhnende Zuschlagen der Thür.

»Nun,« sagte meine Schwiegermutter, als wir wieder im Wagen saßen, »wie hat Ihnen Miserrimus Dexter gefallen? Toller wie heut habe ich ihn nie gesehen.«

»Es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen,« sagte ich; »aber wahnsinnig habe ich ihn nicht gefunden.«

»Nicht wahnsinnig!« rief Mrs. Macallan.

»O, Valeria! Wie können Sie einen solchen Mann für vernünftig halten?«

»Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Macallan. Ich war gewiß ebenso erschreckt wie Sie aber jetzt da ich mich wieder beruhigt kann ich doch nicht umhin, den Wahnsinn dieses seltsamen Menschen anzuzweifeln. Mir scheint es, als wenn er Gedanken und Gefühle, welche wir als Schwachheiten in uns verschließen würden offen und ungescheut darlegt. Auch uns passirt es in den Kinderjahren, daß wir uns in andere Gestalten hinein versetzt denken, z.B. in märchenhafte Persönlichkeiten von denen wir gelesen oder von denen man uns erzählt. Mr. Dexter hat diese Eigenthümlichkeit beibehalten, wenn aber seine Einbildungskraft sinkt ist er wieder ein vollkommen vernünftiger Mensch. Die Einsamkeit in der er lebt trägt auch gewiß viel dazu bei, seine Sonderbarkeiten zu nähren. Ich hoffe daß dies offene Geständniß mich nicht ernstlich in ihrer guten Meinung von mir zu rücksetzen werde, der Besuch hat lebhaft mein Interesse in Anspruch genommen.«

»Sie wollen ihn doch nicht etwa noch einmal sehen?« fragte Mrs. Macallan.

»Das kommt darauf an, wie ich morgen früh über die Sache denke,« sagte ich. »Für heute habe ich mir allerdings vorgenommen meinen Besuch bei ihm zu wiederholen. Wir begannen ein Gespräch, dessen Fortsetzung meiner Sache von großem Nutzen werden dürfte, jener Sache, welche jetzt das einzige Interesse meines Lebens bildete, die Sie aber leider mißbilligen.«

»Sie wollen ihn doch nicht in Ihr Vertrauen ziehen.«

»Das denke ich allerdings. Es ist ein Wagniß, aber ich muß das Wagniß bestehen. Ich handle vielleicht nicht klug, aber die bloße Klugheit wird mich nicht zum Ziele führen.«

Mrs. Macallan machte keine fernere Erwiderung. Sie nahm aus einer Wagentasche eine Schachtel mit Zündhölzern und eine Eisenbahnlampe.

»Sie zwingen mich, Ihnen mitzutheilen, was Ihr Gatte über Ihren nette Sonderbarkeit sagt,« meinte sie. »Ich habe seinen letzten Brief aus Spanien bei mir. Sie werden selbst hören, ob mein Sohn des hoffnungslosen Opfers werth ist, das Sie ihm bringen wollen. Zünden Sie ein Licht an.«

Ich gehorchte. Nachrichten von meinem Gatten, wie dieselben auch sein mochten, mußten immer eine belebende Wirkung auf mich ausüben.

Als die Lampe brannte, zog Mrs. Macallan ihres Sohnes Brief hervor. Keine Thorheit gleicht im Entfernsten der Thorheit der Liebe. Es kostete mich große Selbstbeherrschung, den Brief nicht zu küssen, den sie in ihrer Hand hielt.

»Da!« sagte meine Schwiegermutter. »Beginnen Sie auf der zweiten Seite, die von Ihnen handelt; dann werden Sie hoffentlich, ehe zu spät ist, zu einer besseren Ueberzeugung kommen.«

Ich nahm den Brief und las folgende Worte:

»Und nun laß mich von Valeria sprechen. Sage mir, wie sie sich befindet, wie sie aussieht, was sie thut. Ich denke fortwährend an sie. An jedem Tage betrauere ich ihren Verlust. O, wenn sie niemals die entsetzliche Wahrheit entdeckt hätte!

Als ich sie zum letzten male sah, sprach sie davon, den Prozeß lesen zu wollen. Hat sie es gethan? Ich glaube, ich würde vor Scham und Entsetzen todt zu Boden gesunken sein, wenn ich, nachdem sie von der furchtbaren Anklage gegen mich gehört, ihr gegenüber getreten wäre. Ich werde krank, wenn ich daran denke.

Hält sie noch immer jenen hoffnungslosen Plan aufrecht, meine Unschuld vor der Welt beweisen zu wollen, so bitte ich Dich, Mutter, gebrauche Deinen ganzen Einfluß auf sie, Valeria diese unglückliche Idee aufgeben zu lassen. Versäume kein Mittel, das in Deiner Macht steht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Ich sende ihr keinen Gruß. Rufe mich nicht in ihre Erinnerung zurück, sondern hilf ihr, mich zu vergessen. Das Beste, was ich für sie thun kann, ist, mich ans ihrem Gedächtniß zu löschen.«

Ich gab schweigend den Brief meiner Schwiegermutter zurück.

»Wenn Sie das nicht entmuthigt, wird Sie allerdings nichts entmuthigen,« sagte sie. »Lassen Sie uns nun über die Sache schweigen.«

Ich antwortete nicht, sondern weinte hinter meinem Schleier. Meine häuslichen Aussichten wurden immer trauriger; mein unglücklicher Gatte war fast hoffnungslos mißleitet. Das einzige Rettungsmittel für uns beide war das Festhalten an meinem Entschluß. Der Brief meines Gatten hatte mich noch mehr darin bestärkt. Wenigstens hatte er mich nicht vergessen und betrauerte meinen Verlust. Hierin bestand für den Augenblick meine Ermuthigung.

»Wenn Ariel mich morgen abholt,« dachte ich bei mir selbst, »dann fahre ich mit Ariel hinaus.«

Mrs. Macallan setzte mich an Benjamins Thür ab.

Im Augenblick des Scheidens theilte ich ihr mit, daß Mr. Dexter mich morgen von ihrer Wohnung abholen lassen wollte und daß ich deshalb um Erlaubniß bäte zur verabredeten Zeit zu ihr kommen zu dürfen, widrigenfalls ich sie ersuchte, den Wagen zu Mr. Benjamin zu schicken. Ich hatte auf diese meine Willensäußernng mindestens eine starke Mißbilligung erwartet. Diese erfolgte jedoch nicht.

»Wenn Sie darauf bestehen, Mr. Dexter abermals zu besuchen, so soll dies wenigstens nicht von meiner Thüre aus geschehen,« sagte sie. »Aber ich hoffe, Sie werden Sich morgen früh anders besonnen haben.«

Der Morgen kam. Wenige Minuten vor neun ward mir das Eintreffen der Pony-Equipage gemeldet und mir gleichzeitig ein Brief von Mrs. Macallan übergeben.

»Ich habe kein Recht, Ihren Handlungen zu überwachen,« schrieb meine Schwiegermutter. »Ich schicke also den Wagen zu Mr. Benjamin’s Hause und hege die feste Ueberzeugung daß Sie Sich nicht hineinsetzen werden. Ich wünschte, ich könnte Sie umstimmen, Valeria; denn ich bin ihre aufrichtige Freundin. Ich bedaure jetzt mehr denn je, daß ich mich damals nicht hartnäckiger Ihrer unglücklichen Heirath widersetzte. Hätte mein Sohn mir genauere Angaben gemacht, hätte er mir vor allen Dingen Ihren Namen genannt, dann würde ich zu Ihnen geeilt sein« und es wäre mir vielleicht gelungen, Sie zur Feindin meines eigenen Sohnes zu machen. Weshalb quäle ich Sie denn mit eines alten Weibes Mißbilligungen und Vorwürfen? Weil ich mich für verantwortlich halte, wenn Ihnen irgend ein Unglück geschieht. Derselbe Gedanke hat auch diesen Brief in’s Leben gerufen. Gehen Sie nicht zu Mr. Dexter! Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß der Besuch übel ausfallen werde. Schreiben Sie ihm eine Entschuldigung. Ich fühle, daß Sie es bereuen werden, wenn Sie in jenes Hans zurückkehren.«

Wurde jemals ein Weib liebevoller gewarnt als ich? Und dennoch schlug ich die Warnung in den Wind.

Ich war gerührt durch den Brief meiner Schwiegermutter, aber nicht überzeugt. Es schwebte mir ein leuchtender Stern vor, der mich unwiderstehlich nach sich zog, dieser Stern war die Hoffnung, meines Mannes Unschuld beweisen zu können.

Ich schrieb Mrs. Macallan einen dankbaren Brief und begab mich dann hinaus, um die Chaise zu besteigen.


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