Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Zweiter Theil - Sechzehntes Kapitel - Im Dunkeln
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Gesetz und Frau



Sechzehntes Kapitel.

Im Dunkeln.

Mit solch’ einem Manne wie Miserrimus Dexter und mit solch’ einem Vorhaben wie ich es in Aussicht hatte, war mit Halbheiten nichts gethan. Ich mußte mit der vollen Wahrheit herausrücken. Die Mittelstraße konnte mir nur verderblich werden.

»Bis jetzt wissen Sie eigentlich wenig oder nichts von mir, Mr. Dexter,« sagte ich. »Es scheint Ihnen auch unbekannt zu sein daß mein Gatte und ich augenblicklich nicht zusammen leben.«

»Es ist unnöthig, daß Sie Ihres Gatten erwähnen,« sagte er, ohne von seiner Stickerei aufzublicken.

»Es ist unumgänglich nothwendig,« entgegnete ich. »Ich kann mich Ihnen aus keinem anderen Wege erklären.«

Er senkte den Kopf und seufzte resignirt.

»Wollten Sie damit sagen daß Ihr Gatte Sie verlassen habe?« fragte er.

»Er hat mich verlassen und ist in’s Ausland gegangen.«

»Ohne irgend welche Nothwendigkeit?«

»Ohne irgend welche Nothwendigkeit.«

»Hat er den Zeitpunkt seiner Rückkehr bestimmt ?«

»Wenn er bei seinem ersten Beschlusse verharrt wird er niemals zu mir zurückkehren.«

Mit einem Zeichen lebhaften Interesses erhob Mr. Dexter den Kopf.

»Also so ernstlich überworfen?« fragte er. »Also nach gegenseitigem Uebereinkommen friedlich auseinandergegangen?«

Der Ton, in dem er diese Worte sprach, gefiel mir durchaus nicht. Der Blick, mit dem er diese Worte begleitete, legte mir den Gedanken nicht fern, daß ich mit ihm allein sei und daß er hieraus Vortheil ziehen könne. Mehr durch mein Benehmen als durch meine Worte rief ich ihm den Respekt zurück, den er mir schuldete.

»Sie irren sich,« sagte ich. »Es besteht durchaus kein Mißverständniß zwischen uns. Nur mit beiderseitigem bitterem Kummer sind wir auseinandergegangen Mr. Dexter.«

Sein Gesicht zeigte den Ausdruck ironischer Resignation.

»Ich bin ganz Ohr,« sagte er, seine Nadel einfädelnd. »Bitte fahren Sie fort, ich werde Sie nicht wieder unterbrechen.«

Von dieser Aufforderung Gebrauch machend erzählte ich ihm die volle Wahrheit dessen was zwischen mir und meinem Gatten vorgefallen, indem ich jedoch darauf Bedacht nahm, Eustace's Motive stets in das beste Licht zu stellen. Miserrimus Dexter ließ seine Stickerei in den Schooß sinken und lachte stillvergnügt über meine kleine Erzählung, die jeden Nerv von mir auf die Folter spannte.

»Ich sehe darin nichts zu lachen,« sagte ich scharf.

Seine schönen blauen Augen ruhten auf mir mit unschuldigem Staunen.

»Nichts zu lachen?« wiederholte er. »Bei solcher Darlegung menschlicher Thorheit, wie Sie eben die Güte hatten sie zu schildern.«

Sein Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich; die Züge wurden düster und hart.

»Halten Sie ein!« rief er, bevor ich ihm antworten konnte. »Es kann nur einen Beweggrund für Sie geben Mrs. Valeria, der Sie bewog zu handeln wie Sie es thun und dieser eine Beweggrund ist die Liebe.«

»Jawohl,« entgegnete ich. »Ich liebe ihn aus tiefster Seele.«

Mr. Dexter strich seinen wunderschönen Bart und wiederholte nachdenkend meine Worte. Sie lieben ihn aus tiefster Seele? Wissen Sie auch weshalb?«

»Weil ich nicht anders kann.«

Er lachte satyrisch und häkelte weiter.

»Seltsam!« sagte er zu sich selbst »Eustaces erste Frau liebte ihn auch. Es giebt Männer, die von allen Frauen geliebt werden, und es giebt auch wieder andere, um die sich keine kümmert. Beide Handlungsweisen entbehren des genügenden Grundes. Der eine Mann ist eben so gut als der Andere, gerade so hübsch, so liebenswürdig, so ehrenwerth und reich. Und dennoch, für Nr. 1 werden sie durch Feuer und Wasser gehen, und nach Nr. 2 drehen sie noch nicht einmal den Kopf. Und weshalb? Sie wissen es selber nicht wie Mrs. Valeria soeben gesagt hat. Giebt es dafür einen vernünftigen Grund? Ich muß einmal darüber nachdenken, wenn ich Zeit und Laune habe.«

Dann blickte er mir wieder voll in’s Antlitz. »Ich bin noch immer im Dunkeln über Ihre Motive,« sagte er. »Ich weiß noch immer nicht weshalb Sie die entsetzliche Tragödie von Gleninch studiren wollen. Theure Mrs. Valeria, bitte nehmen Sie mich bei der Hand und führen Sie mich zum Licht. Sie sind mir doch nicht böse? Klären Sie mich auf, und ich will Ihnen diese Stickerei schenken wenn sie fertig ist. Ich bin nur ein armer Unglücklicher mit etwas seltsamen Ideen; aber ich thue Niemand etwas zu Leide.«

Er kaut wieder zu seiner kindischen Weise zurück, er nahm wieder sein unschuldiges Lachen an, mit den seltsamen Faltenbildungen in den äußeren Augenwinkeln. Ich nahm mir vor, im weiteren Verlaufe meines Besuches, gegen seine geistigen und körperlichen Unvollkommenheiten etwas nachsichtiger zu sein.

»Lassen Sie uns auf Gleninch zurückkommen,« sagte ich.

»Sie stimmen doch dahin mit mir überein daß Eustace an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig ist. Ihre Zeugenaussage bürgt mir dafür.«

Er blickte mir so voll und ernst ins Antlitz, wie er es bisher noch nie gethan.

»Das ist unsere Ansicht,« antwortete ich. »Aber es war nicht die Ansicht des Gerichtshofes. Das Verdict war: Nicht bewiesen. Mit einem Wort der Gerichtshof sah sich nicht veranlaßt meines Mannes Unschuld auszusprechen. Ist dem nicht so?«

Anstatt mir zu antworten steckte er die Stickerei schnell in den Korb zurück und rollte seinen Stuhl dicht neben den Meinen.

»Wer erzählte Ihnen das?« fragte er.

»Ich habe es selbst in einem Buche entdeckt.«

Bis jetzt hatte sein Antlitz nur große Aufmerksamkeit ausgedrückt. Jetzt schien es mir, als wenn seine Züge sich verdunkelten. Ich empfand ein schreckenvolles Unbehagen.

»Damen pflegen sonst kein Vergnügen an trockenen Rechtsfragen zu finden,« sagte er.

»Sie müssen also ein sehr wichtiges Motiv haben Ihre Studien auf diesem Felde zu machen.«

»Allerdings habe ich ein wichtiges Motiv, Mr. Dexter. Mein Gatte hat sich dem schottischen Verdict gefügt. Seine Mutter hat sich ebenfalls dem schottischen Verdict gefügt. Ich aber weigere mich, demselben beizustimmen.«

In dem Augenblick, als ich diese Worte gesprochen schien der Wahnsinn wieder im Ausbrechen zu sein. Er bog sich auf seinem Stuhl heraus, legte mir beide Hände auf die Schultern und seine wilden Augen starrten mich, nur wenige Zoll von meinem Gesicht entfernt an.

»Was wollen Sie damit sagen?« rief er mit gellender Stimme.

Eine tödtliche Furcht ergriff mich. Ich mußte meine volle Selbstbeherrschung anwenden, um in Wort und Blick ruhig zu bleiben.

»Nehmen Sie Ihre Hände fort, Sir,« sagte ich. »Und begeben Sie Sich auf Ihren Platz zurück.«

Er gehorchte mir mechanisch und entschuldigte sich auf dieselbe Weise. Seine Seele war augenscheinlich noch mit den vorhin von mir gesprochenen Worten und deren Deutung beschäftigt.

»Ich bitte demüthigst um Entschuldigung,« sagte er. »Der Gegenstand regt mich auf, er schreckt mich, und macht mich wahnsinnig. Sie glauben nicht welche Anstrengung es mich kostet ruhig zu bleiben. Aber fürchten Sie Sich nicht vor mir. Ich fühle mich schon elend genug, Sie beleidigt zu haben. Strafen Sie mich dafür. Nehmen Sie einen Stock und schlagen Sie mich. Rufen Sie Ariel, die so stark wie ein Pferd ist und befehlen Sie ihr, mich zu binden. Theuere Mrs. Valeria! Ich will jede Strafe von Ihnen erdulden, wenn Sie mir sagen wollen, in welcher Weise Sie Sich dem schottischen Verdict nicht zu unterwerfen gedenken.«

Er rollte seinen Stuhl zurück.

Bin ich nun weit genug fort?« fragte er. »Flöße ich Ihnen noch Furcht ein? Oder soll ich mich in meinem Stuhl verkriechen?«

»Verlieren Sie kein Wort mehr darüber. Ihre Entschuldigungen genügen mir,« sagte ich. »Wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mich dem schottischen Verdict nicht unterwürfe, so meinte ich damit lediglich nur das, was meine Worte ausdrückten. Das Verdict hat einen Fleck auf dem Character meines Mannes zurückgelassen, einen Fleck, der ihm sein ganzes Leben verbittert. Weil er sich degradirt glaubt, hat er mich verlassen. Es genügt ihm nicht, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin. Nichts wird ihn zu mir zurückbringen als der Beweis seiner Unschuld, die das Publikum noch heute bezweifelt. Er, seine Freunde und seine Vertheidiger sind dabei verzweifelt jenen Unschuldsbeweis zu finden oder jemals finden zu können. Ich aber bin sein Weib. Und keine liebt ihn, wie ich ihn liebe. Ich allein bin nicht verzweifelt, und ich habe mein Leben daran gesetzt, meines Gatten Unschuld aufzudecken. Sie sind sein alter Freund, deshalb bin ich hergekommen, Sie um Ihren Beistand zu bitten.«

Jetzt schien es, als wenn ich ihn erschreckt hätte. Er erbleichte und fuhr sich mit der Hand ruhelos über die Stirn, als wenn er Erinnerungen aus seinem Kopfe entfernen wollte.

»Ist dies einer von meinen Träumen?« fragte er schwach. »Sind Sie eine meiner nächtlichen Visionen?«

Ich bin nur ein hilfloses Weib,« sagte ich, »welches all sein Glück verloren hat und es so gerne wiedergewinnen möchte.«

Er rollte seinen Stuhl wieder dichter zu mir heran. Auf einen Wink von meiner Hand ließ er ihn wieder rückwärts gehen. Wir sahen uns schweigend einige Minuten an. Seine Hände zitterten sein Antlitz wurde blasser und blasser, und die Unterlippe sank schlaff herab. Welche todten und längst begrabenen Erinnerungen mochte ich zu ihrem alten Schrecken wieder erweckt haben?

»Also Ihr Interesse besteht darin das Geheimniß von Mrs. Eustace Macallans Tode aufzuklären ?« fragte er.

»Ja.«

»Und Sie glauben, daß ich Ihnen dabei helfen könne?«

»Das thue ich.«

Er erhob langsam seine rechte Hand und streckte den Zeigefinger gegen mich aus.

»Sie haben Jemand in Verdacht,« sagte er.

Der Ton in welchem er sprach, war langsam und drohend, und warnte mich, auf meiner Hut zu sein. Wenn ich ihm aber, auf der anderen Seite, jetzt mein Vertrauen entzog, konnte ich leicht die Vortheile wieder verlieren, die ich mit so großer Mühe errungen.

»Sie haben Jemand in Verdacht,« wieder holte er.

»Vielleicht,« entgegnete ich.

»Meinen Sie schon eine bestimmte Person?«

»Nein.«

Er stieß einen schwachen langgezogenen Seufzer aus. War er enttäuscht? Oder fühlte er sich erleichtert? Wer konnte es wissen?

»Wollen Sie mich fünf Minuten entschuldigen?« fragte er mit gesenktem Kopf. »Sie wissen bereits, wie jene Erinnerungen mich erschüttern. Ich werde gleich wieder zu Ihrem Dienst sein.«

Mit diesen Worten geleitete er mich zu dem Vorzimmer, ließ mich die Schwelle desselben überschreiten, und schloß dann die Thüre zwischen uns.


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