Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Zweiter Theil - Viertes Kapitel - Dritte Frage — Welches war sein Grund?
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Gesetz und Frau



Viertes Kapitel.

Dritte Frage — Welches war sein Grund?

Die erste Frage: Wurde die« Frau vergiftet? war positiv beantwortet worden. Die zweite Frage: Wer vergiftete sie? hatte keine günstige Lösung für meinen Gatten gefunden. — Nun blieb noch die dritte und letzte Frage übrig: Welches war sein Grund?

Die zur Beantwortung herbeigerufenen Zeugen bestanden aus Freunden und Verwandten der Verstorbenen Lady Brydehaven, Wittwe des Contre-Admirals Sir George Brydehaven von dem Kronanwalt Mr. Drew befragt, legte folgende Aussage nieder:

»Die verstorbene Mrs. Macallan war meine Nichte. Sie war das älteste Kind meiner Schwester und lebte nach dem Tode derselben in meinem Hause. Ich widersetzte mich ihrer Heirath aus Gründen, die von anderen Freunden für fantastisch und sentimental gehalten wurden und die öffentlich auszusprechen mir sehr peinlich ist. Nichtsdestoweniger werde ich sie der Wahrheit gemäß berichten.

Der Gefangene befand sich zu der Zeit, von der ich spreche, als Gast in meinem Hause. Auf einem Spazierritt erlitt er einen Unfall, welcher eine ernste Verletzung eines seiner Beine zur Folge hatte. Derselbe Fuß war schon ein mal verletzt worden während er als Soldat in Indien diente. Dieser Umstand machte die zweite Verwundung bedeutend gefährlicher. Er mußte wochenlang in liegender Stellung auf dem Sopha verharren und die Damen im Hause wechselten sich ab, um ihm vorzulesen oder auf andere Weise die Zeit zu verkürzen. Meine Nichte war ebenfalls unter diesen Pflegerinnen. Sie spielte ausgezeichnet Clavier und der Kranke liebte die Musik über Alles.

Die Folgen dieser anfänglich ganz unschuldigen Unterhaltungen endeten unglücklicherweise damit, daß meine Nichte sich leidenschaftlich in Mr. Eustace Macallan verliebte, ohne in diesem ein gleiches Gefühl zu erwecken.

Ich that mein Möglichstes, meine Nichte von ihren Gedanken zurückzubringen so lange es noch Zeit war.

Unglücklicherweise versagte sie mir ihr Vertrauen Sie leugnete auf das Entschiedenste, ein wärmeres Gefühl für Mr. Macallan zu empfinden als freundschaftliches Interesse. Diese Unwahrheit machte es mir unmöglich die Beiden zu trennen ohne daß ich mit dem wirklichen Grunde hervorgetreten wäre, welcher vielleicht einen Scandal heraufbeschworen hätte, der dem Rufe meiner Nichte nur schaden konnte. Mein Gatte lebte noch zu jener Zeit, und das Einzige was ich thun konnte, bestand darin ihn zu bitten daß er mit Mr. Macallan spräche und es ihm zur Ehrensache machte, uns aus dieser fatalen Situation zu befreien ohne meine Nichte in irgend einer Weise zu compromittiren.

Mr. Macallan benahm sich außerordentlich in der Angelegenheit. Obgleich er noch immer nicht gehen konnte, ersann er einen Grund, uns zu verlassen dem man von keiner Seite entgegentreten konnte. Bereits zwei Tage, nachdem mein Gatte mit ihm gesprochen ließ er sich aus dem Hause schaffen.

Das Mittel war gut in der Absicht; aber es kam zu spät und schlug daher gänzlich fehl. Das Unglück war einmal geschehen. Meine Nichte siechte augenscheinlich dahin und weder ärztlicher Beistand noch Luftveränderung vermochten ihr zu helfen Im Laufe der Zeit, nachdem Mr. Macallan seine Gesundheit wieder erlangt, machte ich die Entdeckung daß meine Nichte, mit Hilfe ihres Mädchens, einen heimlichen Briefwechsel mit ihm unterhielt. Seine Briefe waren sehr überlegt und reservirt geschrieben. Dessenungeachtet hielt ich es für meine Pflicht der Correspondence Einhalt zu thun.

Meine Einmischung brachte die Sache zur Crisis. Eines Tages fehlte meine Nichte beim Frühstück. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß das arme Geschöpf zu Mr. Macallan nach London gegangen und von einigen ihn besuchenden Freunden im Schlafzimmer verborgen gefunden worden sei.

Für dieses Unglück war Mr. Macallan in keiner Weise zu tadeln. Indem er draußen Jemand kommen hörte, blieb ihm nur noch Zeit, sie im nächsten Zimmer zu verbergen und das nächste Zimmer war zufällig sein Schlafgemach. Die Sache hatte sich natürlich herumgesprochen und war in der niedrigsten Weise ausgelegt worden Mein Gatte hatte eine abermalige Unterredung mit Mr. Macallan. Letzterer benahm sich wiederum untadelhaft. Er erklärte nämlich öffentlich, daß meine Nichte ihn als sein angetrautes Weib besucht habe. Vierzehn Tage nachher ließ er sich wirklich insgeheim mit ihr trauen und brach so dem Skandal die Spitze ab.

Ich allein hatte mich der Verbindung widersetzt denn ich hielt dieselbe, als was sie sich auch nachher herausgestellt für einen unglücklichen Irrthum.

Es würde schon traurig genug gewesen sein« wenn Mr. Macallan sie ohne irgend welche Gegenliebe von seiner Seite geheirathet hätte. Um die Sache aber noch schlimmer und hoffnungsloser zu machen, war er zur nämlichen Zeit das Opfer einer unglücklichen Leidenschaft die er zu einer Dame hegte, welche einem an deren Manne verlobt war. Ich weiß sehr wohl, daß er dies aus Mitleid leugnete, ebenso wie er aus Mitleid zu meiner Nichte Liebe affectirte, als er sie heirathete. Seine hoffnungslose Anbetung der vorhin erwähnten Dame wurde von seinen Freunden als unbestrittenes Factum hingestellt; auch muß noch hinzugefügt werden daß ihre Verheirathung der Seinen voranging.

Als er meine Nichte zur Frau nahm, hatte er unwiederbringlich das Weib verloren, das er mit ganzer Seele liebte, stand er ohne Hoffnung, ohne Aussicht auf Lebensglück in der Welt.

Nach meinem Dafürhalten hätte meine Nichte, wenn sie ledig geblieben, von keinem Unglück betroffen werden können, das dem vergleichbar war, welches sie in ihrem Eheleben erlitt. Niemals konnten zwei Menschen zusammengebracht werden die weniger zu einander paßten als meine Nichte und Mr. Macallan.

Die Aussage dieser Zeugin Verursachte große Erregung unter den Zuhörern und Geschworenen. Das Kreuzverhör zwang Lady Brydehaven ihre Ansicht dahin zu modificiren, daß die hoffnungslose Neigung des Gefangenen zu einer andern Dame vielleicht nur ein Gerücht gewesen sein könne. Die Facta in ihrer Erzählung blieben aber unerschüttert und legten deshalb dem meinem Gatten zugeschriebenen Verbrechen den Anschein der Möglichkeit bei, welcher in dem ersten Theil dieser Zeugenaussage nicht zu erzielen war.

Nun wurden zwei andere Damen (intime Freundinnen der Mrs. Macallan) aufgerufen. Diese wichen in einigen Nebensachen von der Ansicht der Lady Brydehaven ab; in allen an deren Hauptpunkten aber stimmten sie der Aussage ihrer Vorgängerin bei und hielten daher den tiefen Eindruck wach, welchen jene unter den Richtern und im Auditorium hervorgebracht hatte.

Das nächste Zeugniß, welches nun geprüft werden sollte, war die stillschweigende Aussage der Briefe und des Tagebuches, welche in Gleninch gesunden worden waren.

Der Lord-Anwalt erklärte, daß die er wähnten Briefe von Freunden des Gefangenen und seiner verstorbenen Frau geschrieben wären und daß verschiedene Stellen in denselben direct auf die Bedingungen hinwiesen unter denen die beiden Gatten ihr eheliches Leben eingegangen und dasselbe geführt. Das Tagebuch hatte als Zeugniß noch größere Wichtigkeit. Es enthielt den täglich niedergeschriebenen Bericht des Gefangenen über häusliche Begebenheiten und theilte gleichzeitig die Gedanken und Gefühle mit, welche ihn bei denselben beschäftigt und bewegt.

Nach dieser Erklärung folgte eine höchst peinliche Scene.

Obgleich ich lange Zeit nach Ablauf jener Begebenheiten erzähle, kann ich dennoch nicht umhin detaillirt zu beschreiben was mein unglücklicher Gatte in jenem verzweiflungsvollen Stadium des Processes sagte und that. Tief erregt durch die Aussage der Lady Brydehaven hatte er große Selbstbeherrschung anwenden müssen um sie nicht in ihrer Rede zu unterbrechen. Als sie jedoch zu Ende war, verlor er plötzlich alle Gewalt über sein Gefühl. In durchdringenden durch den ganzen Saal hallen: den Tönen protestirte er gegen die öffentliche Verletzung seiner und seiner verstorbenen Gattin heiligsten Interessen. »Hängt mich, obgleich ich unschuldig bin,« rief er aus; »aber erspart mir fernere Scenen wie diese letzte es war!« Der Eindruck dieses Gefühlsausbruches auf alle Anwesenden soll ein unbeschreiblicher gewesen sein. Die Aufregung war allgemein; einige Frauen fielen in Ohnmacht; endlich ward die Ruhe durch den Dekan der Fakultät wieder hergestellt dem es gelang, den Gefangenen zu besänftigen und welcher dann, in beredter, rührender Ansprache die Richter um Nachsicht für seinen unglücklichen Clienten bat. Die Rede, das Meisterstück eines Impromptu schloß mit einem gemäßigten aber ernsten Protest gegen die öffentliche Lesung der in Gleninch gefundenen Papiere.

Die drei Richter zogen sich zur Berathung zurück, und die Sitzung wurde über eine halbe Stunde unterbrochen.

Wie es in ähnlichen Fällen in der Regel geschieht theilte sich die Aufregung im Saal der auf der Straße harrenden Menge mit, welche, durch Schreiber oder Aufseher von dem Gange der Verhandlung unterrichtet Partei gegen den Gefangenen nahm. Wenn die Briefe und das Tagebuch vorgelesen werden sagte der brutale Pöbel, dann werden sie ihn an den Galgen bringen.

Bei der Rückkehr der Richter wurde bekannt gemacht daß die Majorität sich für die Lesung der Briefe als wichtige, nicht zu über gehende Zeugnisse, ausgesprochen habe. Dann nahm der Proceß seinen Fortgang. Die Lesung , der Briefe, natürlich im Auszuge, und des Tagebuches begann.


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